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Katzenaugen 7 - Katzen und Drachen - Teil 16-18

16

Stöhnend drehte sich Jason auf den Rücken und holte tief Luft. Sein ganzer Körper schmerzte von den mindestens fünfzehn Wandlungen der letzten beiden Tage. Sein Körper spielte die letzten Wochen vollkommen verrückt. Nicht wie sonst, wenn er das Serum bekommen hatte, war er drei Wochen in seiner Katzenform gefangen. Durch seine Überdosierung hatte er wohl mehr angerichtet, als er gedacht hatte. Sein Körper wandelte sich, wann er wollte. Nichts war vorhersehbar und langsam kam der Puma an seine Grenzen des Ertragbaren. Er hatte abgenommen und er fühlte sich erschöpft. Sein Körper laugte langsam aber sicher aus. Er lag auf dem Bett auf dem Rücken, sein Atem ging röchelnd. Die Haare klebten verschwitzt am Kopf und der Schweiß lief ihm in die Augen. Doch er hatte nicht die Kraft die Hand zu heben um ihn wegzuwischen oder den Kopf zu drehen.

„Cai“, sagte Chao leise in die Gegensprechanlage, „er ist wieder menschlich. Er sieht furchtbar aus. Ich weiß nicht, was ich noch mit ihm machen soll.“

„Leg ihm eine Infusion, der Körper braucht Nährstoffe. Ich bin gleich unten.“

Alles, was er brauchte, hatte Chao griffbereit und so hastete er nur Sekunden später zum Gehege des Pumas. Jason hatte es seit dem Vorfall im Labor nicht mehr verlassen. „Hallo Jason, ich bin es“, rief er von der Tür aus, damit der Puma sich nicht erschreckte, wenn er plötzlich neben ihm stand. „Ich lege dir eine Infusion und dann werde ich dich waschen.“ Chao machte sich Sorgen, denn aus der Nähe sah Jason noch schlimmer aus, als über den Monitor. Seine Körperwerte, die er überwachen konnte, waren auch nicht besser als das, was er sah. Es dauerte keine drei Sekunden, da war Cai auch schon an der Tür. „Jason, ich bin's. Ich komm rein“, warnte er den Puma vor. Doch der hatte schon lange nicht mehr die Kraft, sich gegen Cai zu wehren. Einmal mehr würde er es versuchen – bis Jason endlich nachgab und sein Blut nahm. Langsam kam er näher, Jason so zu sehen, tat ihm weh. Wenn er doch nur wüsste, warum der Puma sich das angetan hatte. Doch in seinen menschlichen Phasen hatte Jason sich nicht dazu geäußert, sondern stur geschwiegen.

Jason versuchte, sich von Cai weg zu drehen, aber er schaffte es nicht. Er war einfach zu schwach dazu. Er öffnete die Augen und sah direkt in die von Cai, die ihn besorgt musterten. „Na, Angst dein wertvolles Exponat zu verlieren?“, krächzte er leise und hustete.

„Idiot“, sagte Cai nur, denn es war nicht das erste Mal, dass der Kater ihn mit solchen Worten empfing. Er würde es nicht zugeben, doch es kränkte ihn und ihm lag eine demütigende Erwiderung auf der Zunge. Doch das brachte nichts, also schwieg er. „Brauchst du Hilfe?“, wandte er sich stattdessen an Chao, ignorierte den Kater.

„Die Infusion läuft. Ich wollte ihm den Schweiß abwaschen. Er fühlt sich bestimmt schon schlecht genug, da muss er sich nicht auch noch dreckig fühlen.“ Chao sah Cai an. Wenn der Vampir das für ihn übernehmen wollte, dann konnte er ihn nicht daran hindern, aber Jason würde das bestimmt nicht gefallen.

„Das schaffst du schon. Wenn du mich nicht brauchst, dann geh ich wieder. Schließlich hat er mich ja verbal sowieso schon wieder rausgeschmissen. Ruf mich, wenn … na du weißt schon, wann du mich rufen musst.“ Er wandte sich um und ging. Seine Lust auf Jason war ihm allmählich vergangen und zwar gründlich. Erst richtete sich der Idiot selbst fast zu Grunde und dann hatte er auch noch die große Klappe. Dem Kerl war doch nicht mehr zu helfen. Am liebsten wäre es Cai, wenn die Wandlungen endlich aufhören würden und Jason langsam wieder auf die Beine kam. Dann konnte Cai sich wieder absetzen. Er war in den Untergrund von Hongkong abgetaucht und hatte dort eine ganze Weile seinen Spaß gehabt. Bis Chao sich gemeldet hatte, Jason würde sich unkontrolliert wandeln.

„Ja, geh nur. Tut mir leid, dass du Luan wegen mir allein lassen musstest“, flüsterte Jason bitter und schloss die Augen wieder. Er wollte nicht sehen, wie Cai wieder ging. Warum konnte er nicht endlich sterben? Er konnte spüren, dass es nicht mehr lange dauern konnte, wenn er sich weiter ständig wandelte. Er wurde immer schwächer und hatte ja nicht einmal mehr die Kraft sich zu bewegen.

Doch leider tat ihm der Vampir nicht den Gefallen. Sein ausgezeichnetes Gehör hatte ihn hören lassen, was der Puma gesagt hatte. So kam er langsam zurück und sah fassungslos auf Jason. Warum brachte er in einem Augenblick wie diesem Luan ins Spiel? Sollten seine Gedanken jetzt nicht ganz wo anders sein? Bei seinem Leben zum Beispiel. Cai legte den Kopf schief. Chao hatte doch schon einmal vermutet, dass es vielleicht mit Luans Ankunft zu tun haben könnte, dass Jason ausgetickt war. Und auch wenn ihm der Puma eigentlich auf die Nerven ging mit seiner Stichelei, so blieb er doch. Vielleicht half es ja, wenn er bemerkte, dass er nicht zurück zu Luan ging. Der wollte ihn sowieso nicht sehen. Da verpasste er nichts. Luan war menschlich und las den ganzen Tag.

Er ließ sich von Chao den Waschlappen geben und wischte vorsichtig den Schweiß von Jasons Gesicht. Er wollte Antworten, aber ihm war klar, dass er die jetzt nicht bekommen würde, weil Jason zu schwach war. „Ich war nicht bei Luan. Schon seit einiger Zeit nicht.“ Warum er das sagte, wusste er selber nicht, aber er wurde mit einem Blick belohnt. Ein ungläubiger, fragender Blick, mit dem Jason zu ihm hoch sah.

„Spar dir also deine Kraft, um wieder auf die Beine zu kommen“, fügte er noch hinzu, weil er gerade das Gefühl hatte, mehr von sich preisgegeben zu haben, als er wirklich gewollt hatte. Warum war es ihm wichtig, dass Jason wusste, wie es um ihn und Luan stand? Es ging den Puma doch überhaupt nichts an. Der Mistkerl hatte ihn in der Hand und Cai ließ es zu. Doch er sah den Kater offen an.

„Warum?“, fragte Jason leise. Cai war doch so aufgeregt gewesen, dass er Luan endlich gefunden hatte und hatte ihn sogar persönlich abgeholt, was er eigentlich nie tat, weil er sich seine Exponate liefern lief, so wie Jason auch. Er hatte ihm sogar all die Jahre ein Gehege neben seinen Räumen reserviert. Warum war er dann nicht jede freie Minute bei dem weißen Nebelparder. Jason hatte ihn gesehen und es war wirklich eine wunderschöne, einzigartige Katze.

„Ist doch egal“, sagte Cai nur. Er hatte Jason schon mehr zugestanden, als er jemals vorgehabt hatte. Dieser Kater wusste mehr über ihn als jeder andere. Das musste reichen. Vorsichtig strich er mit dem Waschlappen über Gesicht und Hals, wusch ihn dann im lauwarmen Wasser aus. „Ich war nicht in der Stimmung.“ Und wieder hatte der Kater etwas bekommen, was Cai eigentlich gar nicht hatte preisgeben wollen.

Noch immer sah Jason ihn an. „Warum?“, fragte er wieder, auch wenn er kaum die Augen aufhalten konnte. Er hatte seit Tagen kaum geschlafen, weil die Wandlungen ihn immer wieder daran gehindert hatten. Aber er wollte wissen, warum der Vampir nicht jede freie Minute bei Luan war. Langsam hob er eine Hand um sie auf Cais zu legen, aber er schaffte es nicht und sie fiel wieder auf das Bett zurück. Cai, der es bemerkt hatte, ergriff sie vorsichtig und holte tief Luft. Mistkerl, dachte er leise, du willst es wirklich hören, oder? Doch er sprach es nicht aus. Sollte er wirklich noch einen Schritt tiefer sinken und Jason noch mehr in die Hände spielen? Doch wenn es seiner Genesung förderlich war, warum nicht. „Weil ich mir Sorgen um dich gemacht habe.“ Dann wusch er über die Arme.

Jasons Augen wurden riesengroß und er versuchte Cais Blick wieder auf sich zu lenken, der gerade dem Waschlappen folgte, aber er hatte kaum Kraft um nur leicht die Hand des Vampirs zu drücken. „Du wolltest ihn so unbedingt. Nichts war wichtiger. Ich verstehe das nicht.“

„Jason, nicht jetzt. Du kannst kaum atmen, dich nicht bewegen. Komm wieder auf die Beine und ich beantworte dir deine Fragen – aber nicht jetzt.“ Cai fand, dass der Kater für heute schon genug Entgegenkommen von ihm bekommen hatte. Jetzt war Jason dran etwas zu liefern. So strich er mit dem feuchten Lappen über Arme und Oberkörper, ehe er mit einem weichen Handtuch nachging, damit der Kater nicht so viel Wärme verlor.

„Okay, aber ich bin mir nicht sicher, ob das klappen wird. Ich halte nicht mehr viele Wandlungen aus.“ Jason schloss die Augen und atmete angestrengt. Eigentlich sollte er Angst haben, aber da war nichts. Er fühlte gar nichts, außer unsäglicher Erschöpfung und Schmerzen. Er wollte einfach nur, dass es vorbei war, egal wie.

Cai sah besorgt zu Chao, der die Lippen so fest aufeinander drückte, dass nur noch ein schmaler Strich zu sehen war. „Ich werde ihm etwas gegen die Schmerzen geben, vielleicht kommt der Körper dann etwas zur Ruhe.“ Sie bewegten sich hier auf schmalem Grat, sie hatten keinen Schimmer, was bei einer solch hohen Dosis Serum im Blut an Wechselwirkungen auftrat.

„Mach das. Und wenn Jason wieder auf den Beinen ist, wird er mir erklären, was er sich bei der Aktion eigentlich gedacht hat. Info gegen Info, Katerchen.“ Dabei sah Cai Jason fest in die Augen, hoffend, dass die Wandlungen endlich vorbei waren.

Jason versuchte zu lächeln, was aber ziemlich schwach ausfiel. „Du warst ehrlich, dann muss ich wohl auch.“ Jason sollte jetzt wohl reinen Tisch machen, so lange er noch konnte. Wer wusste schon, wie lange er das noch konnte. „Wir hatten eine tolle Zeit. Wir hatten Spaß und ich habe mich bei dir wohl gefühlt. Ich war gerne hier, weil du auch hier warst.“ Jason musste eine Pause machen und wieder zu Atem kommen. Es fiel ihm nicht leicht, seine Gründe zu erklären, aber jetzt hatte er damit angefangen. „Und dann kam der Anruf wegen Luan und du warst so begeistert. Du hattest endlich den Kater, den du immer haben wolltest. Das hat weh getan und ich war wütend, sehr wütend. Und wollte nicht mit dir reden.“

„Was?“, fragte Cai doch etwas verwirrt und hielt inne. „Es war allen Ernstes wegen Luan?“ Er hielt den Lappen in der Hand und blickte auf Jason, der gerade die Augen schloss, weil das Schmerzmittel wohl anfing zu wirken. „Luan hat mit dir nichts zu tun und du nicht mit ihm. Ihr zwei seid völlig verschieden. Ich habe die Zeit mit dir genossen und nicht verstanden, warum du plötzlich abgehauen bist. Ich dachte, du willst deine Ruhe und habe mich deswegen aufgemacht um Luan abzuholen.“

Chao hatte sich etwas zurückgezogen – er fand, dass er das hier eigentlich gar nicht wissen sollte.

„Wir sollten wohl an unserer Kommunikation arbeiten“, versuchte Jason zu scherzen, aber so wirklich gelang es ihm nicht, denn jetzt wo die Schmerzen nachließen, konnte er kaum noch die Augen offen halten. „Tut mir leid. Ich war wohl ein ziemlicher Idiot.“

„Ja, das warst du. Aber jetzt schlaf. Aufziehen kann ich dich auch noch, wenn du wieder auf den Beinen bist“, sagte Cai und grinste schief. Er fühlte sich besser, definitiv. Jetzt wusste er wenigstens, was Jason dazu getrieben hatte und konnte versuchen gegenzusteuern. Ihm fehlten ihre gemeinsamen Stunden. Nicht nur der Sex, aber auch der Sex. Er grinste breiter. „Schlaf und komm wieder auf die Beine, Katerchen.“

„Ich tu, was ich kann, aber vielleicht brauche ich Hilfe.“ Cai hatte ihm mehrmals sein Blut geben wollen, aber Jason hatte abgelehnt, weil er zu stur und zu stolz gewesen war. jetzt wusste er, wie dumm er gewesen war. Und so sah Jason  noch einmal bittend auf Cai und der verstand. Gut, einmal würde er es noch versuchen.

„Jason, du weißt, was mein Blut alles kann. Ich würde es dir gern geben – bist du einverstanden?“ Seine Hand lag auf Jasons Schulter und strich sanft über das Schlüsselbein.

„Turbo-Heilmittel.“ Jason nickte. Wenn Cais Blut ihm half, das hier zu überstehen sollte er die Chance ergreifen. Schließlich hatte er es bisher aus den falschen Gründen abgelehnt. „Wenn du es mir geben möchtest, nehme ich es gerne.“

„Ich würde es nicht anbieten, wenn ich es dir nicht geben würde. So grausam bin ich nicht“, sagte der Vampir und schob sich den Ärmel seines Hemdes nach oben. „Mach den Mund auf“, murmelte Cai und biss sich ins Handgelenk, ehe er die offenen Wunde gegen Jasons Lippen drückte, damit er sich nehmen konnte was er brauchte. „Beiß nach, wenn die Wunde sich geschlossen hat – ich kann das nicht verhindern.“ Er war erleichtert.

Jason musste nur noch schlucken und er stöhnte leise, als das köstliche Blut seine Kehle herunter rann. Bisher hatte er nur gelegentlich Tröpfchen von Cais Blut kosten können, aber das war kein Vergleich zu dem Genuss, den er jetzt hatte. Er sah Cai an, als er schwach seine Fänge durch die Haut trieb, um den Blutfluss nicht zu unterbrechen.

„Trink so viel du willst“, sagte Cai und ging neben Jasons Liege in die Knie, setzte sich bequem, damit der Kater so lange trinken konnte, wie er wollte. Cai war alt genug, sein Körper konnte einen hohen Blutverlust gut kompensieren. So lange Jason durchkam, war ihm jedes Mittel recht. Der Vampir war zufrieden – vielleicht kam jetzt doch wieder einiges ins Lot. Cai schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken.

Jason konnte buchstäblich spüren, wie das alte Vampirblut seine Arbeit aufnahm und ihn von innen heilte. Schon nach ein paar Schlucken, konnte er leichter atmen und seine Erschöpfung ließ nach. Das war mehr als ein Turbo-Heilmittel. Probeweise hob der Kater den Arm und als er kaum noch Schwierigkeiten damit hatte, strich er vorsichtig durch Cais Haare. Anders konnte er ihm gerade nicht zeigen, dass er ihm dankbar war.

Langsam hob Cai wieder den Kopf und blickte auf Jason, er lächelte zufrieden. „Und dann schlaf ein paar Stunden, das Blut wird noch eine Weile brauchen, bis es alle Schäden regeneriert hat. Du kannst hier bleiben, ich kann dich aber auch mit in meine Räume nehmen.“ Er musste langsam zurück ins Büro, denn er wollte noch ein Telefonat führen. Laut einem Informanten interessierte man sich neuerdings für ihn. Leute stellten fragen, die auf Cai zutreffen konnten – er wollte wissen, wer das war und warum sie eventuell nach ihm suchten.

Langsam zog Jason seine Zähne aus Cais Arm und als er merkte, dass die Bisse sich schlossen, zog er sich zurück und leckte sich über die Lippen. „Danke, Cai. Mir geht es schon besser.“ Es war wirklich Wahnsinn, was ein paar Schlucke alten Vampirblutes für eine Wirkung hatten. „Ich würde gerne bei dir schlafen, aber ich möchte dich nicht stören. Du musst doch bestimmt arbeiten.“

„Ich arbeite selten im Bett“, grinste Cai und streckte den Rücken, als er sich auf seinen Knien aufstützte und sich allmählich wieder aufrichtete. „Du kannst dich also in deine Decke rollen und machen, was du willst, ich bin nebenan im Büro und muss noch ein paar Dinge in Erfahrung bringen.“ Er wickelte Jason in seine Decke und hob ihn hoch, während er Chao anwies in der Küche ein bisschen was herrichten zu lassen, sobald Jason wieder wach war.

„Mach ich, Boss.“ Chao hörte man an, dass er erleichtert war. Er hatte sich Sorgen um Jason gemacht und eigentlich damit gerechnet, ihn zu verlieren. Die Werte waren so schlecht gewesen, dass es wahrscheinlich keinen Tag mehr gedauert hätte, bis Jason kollabiert wäre.

Jason lehnte seinen Kopf an Cais Schulter. „Legst du dich zu mir, bis ich eingeschlafen bin? Du darfst auch etwas von meiner Decke abhaben.“

„Neuerdings so großzügig?“, spottete Cai und lachte leise. Er war einfach froh, dass der Puma wieder auf die Beine kam und dass das, was unsichtbar zwischen ihnen gestanden hatte, endlich ein wenig durchlässig geworden war. Allerdings konnte er immer noch nicht begreifen, dass der Kater allen Ernstes eifersüchtig auf Luan gewesen war. Dabei war Luan mit Jason nicht zu vergleichen – bei Luan war es nur die Katze, die Cai reizte, bei Jason war es auch der Mann. „Oder ist dir bewusst, dass du in deinem Zustand keine Chance gegen mich hättest, hm?“

„Pff.“ Jason schnaubte leise. „Du wirst mich nicht im Deckenkampf schlagen.“ Es klang ein wenig großspurig, denn der Kater konnte gerade mal einen Arm etwas anheben. Was ihn aber nicht daran hinderte, Cai zu widersprechen. Das hatte ihnen vor ein paar Wochen sehr viel Spaß gebracht. Allerdings würde sich Cai heute sehr zurück halten müssen, denn Jason war noch lange nicht wieder auf dem Damm. Es blieb zu hoffen, dass die Wandlungen endlich aufhörten und der Kater endlich beginnen konnte, wieder gesund zu werden.

„Doch, das werde ich, aber nicht heute. Heute schläfst du ein wenig und isst dann was. Und dann sehen wir weiter“, schlug Cai vor und bestieg mit dem Kater den Fahrstuhl.

„Spielverderber“, brummte der Kater, lächelte aber. Es war schön, zu spüren, dass Cai sich um ihn sorgte. Etwas, was er nie gedacht hätte. „Verschieben wir das auf später, wenn ich wieder fit bin, aber dann wirst du die Decke an mich verlieren und ich werde großherzig sein und dir trotzdem einen kleinen Zipfel überlassen. Von der Decke natürlich, weil es ja sonst keine kleinen Zipfel gibt.“ 

Cai lachte und lehnte sich im Fahrstuhl an die Wand. „Mir würde spontan ein kleiner Zipfel einfallen. Klein, aber lecker. Fest und fleischig …“ Cai schüttelte den Kopf. Das sollte er besser lassen. Jason war gerade erst von den Toten auferstanden – das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war ein hormongeladener Vampir. „Solltest du mir allerdings wieder die Decke zerreißen, dann wirst du wieder dafür leiden müssen, Katerchen. Behalte das in Erinnerung.“ Sie stiegen aus dem Fahrstuhl und gingen langsam den Flur zum Schlafzimmer.

„Ach ja, da war ja was.“ Jason lachte leise und küsste Cai sanft auf die Brust, weil er die gerade erreichen konnte. „Ich gehe mal davon aus, dass du eine morsche Decke aussuchen wirst, damit du mich wieder so leiden lassen kannst, bis ich nur noch schreien und stöhnen kann.“

„Natürlich werde ich das tun. Ich bin ein hinterhältiger Vampir, der immer bekommt, was er will, und wenn er dafür ein bisschen an den Voraussetzungen schrauben muss.“ Cai zuckte mit den Schultern und trat mit einem Fuß die Schlafzimmertür hinter sich ins Schloss, ehe er Jason aufs Bett legte. Er warf die verschwitzte Decke beiseite und steckte den Kater unter seine eigene Decke, ehe er sich die Latschen von den Füßen streifte und auf den Enden der Hosenbeine stehend die Hose langsam nach unten zog, währende er sich das Hemd über den Kopf zog. „Baseball?“

„Vampir!“, konterte Jason, lachte aber gleich und kuschelte sich in die Decke. „Und Baseball.“ Er machte Cai Platz und hob die Decke an, dabei ließ er den fast nackten Vampir nicht aus den Augen. „Krauch drunter, nicht dass du dich verkühlst.“

„Du hast Recht.“ Cai beeilte sich unter die Decke zu rutschen und griff sich dabei noch die Fernbedienung. „Das schlimmste, was mir mit meinen fast fünftausend Jahren passieren kann, ist eine Erkältung wegen Unterkühlung. Nicht auszudenken“, lachte er leise und beschloss den Anruf auf später zu verlegen. Wer ihn suchte, sollte ihn noch etwas länger suchen. Er hatte für das hier zu lange gekämpft, als dass er das jetzt nicht genießen wollen würde. So zog er Jason ein wenig auf sich, damit der Kater bequem liegen und fernsehen konnte, bis er einschlief.

„Genau, reicht, wenn einer von uns außer Gefecht ist“, nuschelte Jason und kuschelte sich an Cai. Er war unendlich müde, aber nicht mehr so erschöpft wie noch vor einer halben Stunde. Cais Blut war wirklich unglaublich, denn er hatte nur ein paar Schlucke getrunken. Träge streichelte er über die glatte Brust und seufzte zufrieden.

„Ja und jetzt schlaf endlich, damit du wieder auf die Beine kommst und ich dich dann wieder ins Wasser werfen kann. Das fehlt mir irgendwie“, musste Cai gestehen und grinste. Er drückte sich das Kissen etwas bequemer, zupfte die Decke zurecht, damit Jason nicht fror und zappte dann durch die Kanäle, was nicht gerade erbaulich war. So viele Programme und nur Mist. Vielleicht sollte er sich einen Sender kaufen, damit wenigstens auf einem mal das läuft, was ihm gefiel.

„Ich finde das sehr fragwürdig, dass es dir nur fehlt, mich zu bestrafen.“ Jason hob den Kopf etwas an, so dass er Cai ansehen konnte. Allerdings lächelte er dabei, denn ihm war bewusst, dass der Vampir ihm mehr als einmal gesagt hatte, dass ihm etwas an Jason lag. „Kriege ich einen Gute-Nacht-Kuss?“

Cai sah Jason an und schwieg ein paar Sekunden, ehe er ehrlich sagte: „Es fehlt mir nicht, dich zu bestrafen, es fehlt mir, dich in deiner animalischen Kraft zu erleben und wenn du schwimmst, kämpfen deine Muskeln.“ Er strich Jason die feuchten Haare beiseite und sah ihn nachdenklich an, ehe er ihn langsam etwas dichter zu sich zog. „Du bist seit vielen Jahren der erste, den ich auch als Mensch ertragen kann.“ Dann legte er seine Lippen auf die von Jason.

Der ließ sich küssen und genoss es sichtlich. Cai hatte eine Art zu küssen, die einfach süchtig nach mehr machte. Es dauerte eine Weile bis Jason ihn wieder gehen ließ. „Danke, das bedeutet mir viel.“ Sanft strich er über Cais Wange. „Ich habe dich auch gerne bei mir, aber das kannst du dir wohl denken, sonst wäre ich wohl nicht so wegen Luan ausgetickt.“

„Luan“, sagte Cai leise und schloss die Augen. „Er ist eine wunderschöne Katze, aber ich würde niemals auf die Idee kommen, mit ihm Baseball zu gucken. Hättest du dich nicht einfach umgedreht und wärst gegangen, hättest du uns beiden eine Menge Ärger ersparen können.“ Er sah wieder auf und blickte Jason in die Augen, der ihn immer noch aufmerksam ansah. „Mach nicht noch mal solchen Mist, das hat mich wertvolle Jahre meines unendlichen Lebens gekostet. Vielleicht ist es jetzt nicht mehr unendlich.“

„Es tut mir wirklich leid.“ Jason küsste Cai schnell und lächelte dann frech. „Ich glaube nicht, dass eine kleine Katze wie ich dir dein unendliches Leben kaputt machen kann. Aber ich bin bereit Buße dafür zu tun, dass ich es versucht hab.“

„Um gebührend Buße tun zu können, wirst du noch etwas Schlaf nötig haben. Der Deal war, dass ich bei dir bleibe, bis du eingeschlafen bist – nichts anderes. Du wirst doch nicht wortbrüchig werden, kleine Katze?“ Cai konnte nicht leugnen dass es ihn reizte Jason zu spüren, doch der Kater war noch lange nicht wieder auf dem Damm. Die endlosen Wandlungen hatten mehr kaputt gemacht, als gedacht. Der Kater brauchte Ruhe, auch wenn das nicht leicht war.

„Ja, das war der Deal. Aber das war, bevor du mich geküsst hast.“ Jason grinste verschmitzt und räuberte sich noch einen Kuss. Aber er wusste selber, dass es noch zu früh war. Er brauchte Schlaf und danach vielleicht noch etwas von dem köstlichen Blut. „Jetzt werde ich aber schlafen, damit ich bald Buße leisten kann.“

„Ich bitte darum, denn ich bin ein ungeduldiger Vampir. Ich warte nicht gern auf das, was mir zusteht. Also schlaf.“ Er strich Jason über den Rücken und küsste ihn noch einmal sanft. Aber dann ließ er von dem Kater ab und schaltete den Fernseher stumm. Da sowieso nur Mist lief, reichten die Bilder, um ihn zu langweilen. Dann brauchte er nicht noch sinnlose Dialoge. Lieber beobachtete er den Kater und dachte erneut darüber nach, dass jemand ihn suchte – warum wohl?

Er merkte noch nicht einmal, wie seine Finger unablässig Kreise auf Jasons Haut fuhren, selbst als der Kater endlich eingeschlafen war. Es kam öfter mal vor, dass sich jemand nach ihm erkundigte. Mal mehr, mal weniger diskret. Diese Suche war anders. Man schien seinen Namen nicht zu kennen und stocherte wohl im Dunkeln herum. Man hatte ihm selbst auch noch nichts Klares sagen können – wer oder warum man ihn suchte. Es war wie in einem Nebel – man wurde verfolgt und wusste nicht genau, wie dicht war er und wer war er. Doch Cao war das egal. Er war ein uralter Vampir. Wer ihm schaden wollte, der musste früher aufstehen. Versucht haben es viele, überlebt hatte keiner, um von seinen Erfahrungen zu berichten. Er hatte nicht gern, dass man über ihn sprach – keine Zeugen waren die besten Zeugen.

Darum musste er sich wohl darum kümmern. Er grinste schmal. Egal, wer ihn suchte, er würde es bereuen. Er sah auf Jason, der sich mehr oder weniger um ihn gewickelt hatte. Wenn er jetzt aufstand, würde er den Kater wecken und von hier aus konnte er nichts in die Wege leiten. Da musste er wohl warten und wer ihn kannte, wusste wie schwer ihm so etwas fiel. Doch es war wichtig für ihn, dass der Kater wieder zu Kräften kam und dafür brauchte der ausgelaugte Körper Schlaf.

„Na gut, gönn ich mir auch ein paar Stunden“, murmelte Cai und schloss ebenfalls die Augen. Er hatte Zeit und seine Verfolger hatte noch ein paar mehr Tage zu leben. Cai lächelte.

 

+++

Mit einem Knall schloss Cai die Akte, die er vor sich auf dem Schreibtisch liegen hatte. Seine Ahnung hatte ihn also nicht getrogen. Diejenigen, die sich nach ihm erkundigt hatten, suchten ihn, weil er sich Luan geholt hatte. Einer der Männer war sein Cousin. Diesen Tian beachtete er aber nicht weiter. Der konnte ihm nicht gefährlich werden. Seine Begleiter waren da schon andere Kaliber. Zwei alte Vampire. Nicht so alt wie er selbst, aber durchaus gefährlich. Aber was ihn wütend die Fänge blecken ließ, war der Name des einen Vampirs, denn dieser ließ Wut und Hass in ihm hochkochen. Aset Khonshu!

Dieser Bastard, der ihm vor vielen Jahrtausenden den Clan streitig gemacht hatte, dieser Bastard, der ihn zu einem Aussätzigen gemacht hatte, dieser Bastard, dem schon lange sein Hass galt. Und dass ihm das Schicksal jetzt derart in die Hände spielte konnte nur ein Zeichen des Himmels sein. „Aber dafür, dass du so ein gefürchteter Alleswisser bist, tappst du noch ganz schön im Dunkeln, Asi-Baby. Komm in den Tritt, mach es spannend.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und dachte nach.

Dieser Bastard sollte leiden und der Zufall hatte ihm das richtige Druckmittel in die Hand gegeben. Er freute sich auf den Moment, wo der angebliche Vampirlord erkannte, mit wem er sich angelegt hatte und Cai würde es genießen, wenn die Erkenntnis Aset traf.

„Allerdings ist es mir völlig neu, dass Katzen in deiner Umgebung länger als eine Stunde überleben – bist du weich geworden, Asi-Baby?“ Cai blickte auf die Bilder, die ihm einer seiner Informanten übergeben hatte. Die drei Männer stocherten ein bisschen in der halbseidenen Unterwelt Hongkongs herum. Sie glaubten wohl so an ihn heran zu kommen. „Du Idiot kennst noch nicht einmal meinen Namen. Du suchst mich seit Wochen und kennst noch nicht einmal meinen Namen. Wie konnte der Clan eigentlich unter deiner Führung so lange überleben? Du bist doch zu blöd, um aus einem Bus zu winken“, knurrte Cai. Er war gelangweilt – er wollte zurück auf seine Insel. Der Bastard sollte sich beeilen, um ihn zu finden – das wurde langweilig.

Vielleicht sollte er dem Looser einen Wink geben, wo er suchen sollte, damit endlich Schwung in die Sache kam. Cai knurrte. Er war nun mal nicht sehr geduldig und er war heiß darauf, endlich Aset zu zeigen, dass es ein großer Fehler war sich mit ihm anzulegen. So warf er eines seiner kleinen Software-programme an und suchte nach Informationen über Aset. Ihn interessierte in erster Linie die Handy-Nummer. Und siehe da: der Herr hatte die Nummer seines Diensthandys auf den Seiten seiner Firmen veröffentlicht. „Na dann“, murmelte Cai und tippte eine kurze Nachricht: 1 Connaught Road Central, Hongkong – komm, wenn du dich traust.

17 

„Verdammt, ist es denn so schwer die Firma eine Weile ohne mich zu führen?“, knurrte Aset, als sein Diensthandy piepste. Er hatte doch klare Anweisungen gegeben, ihn nur im äußersten Notfall zu kontaktieren. Da rollten ein paar Köpfe, wenn er wieder zurück war. Trotzdem rief er die Nachricht auf und als er erkannte, dass es keiner seiner Angestellten war, der zu ihm Kontakt suchte, knirschte das Handy gefährlich in seiner Hand. „Du elender Wichser, das wirst du bereuen“, knurrte er wütend und war in der nächsten Sekunde verschwunden.

„Hey!“ Assai konnte nur zusammen mit Tian auf den Fleck starren, an dem eben noch Aset gestanden hatte. Doch jetzt war der Kerl verschwunden, ohne ein Wort. Was sollte das denn?

Derweil hatte sich Aset nur zwei Straßen weiter teleportiert. Er wollte – wer immer ihm diese Nachricht geschickt hatte – allein gegenüber treten. Er ahnte, dass es sich um den Bastard handeln musste, der in sein Haus eingedrungen war und Luan entführt hatte. Doch das war etwas Persönliches. Es war SEIN Haus gewesen – das betrat niemand ungestraft ungebeten.

Ganz besonders nicht mit der Absicht ein Mitglied seiner Familie zu entführen. Er sah an dem Gebäude hoch, das in der SMS angegeben war. Ein großes Bürogebäude, aber das war egal, er würde jede Etage nach diesem Mistkerl absuchen und ihn finden. Man legte sich nicht mit Aset Khonshu an und überlebte. Ohne Vorwarnung fegte er in die Lobby, nur mit einem Seitenblick maß er die Liste der hier ansässigen Firmen. Keine davon kam ihm bekannt vor, das war ihm egal. Jemand hatte ein Problem mit ihm, schien ihn sogar zu kennen und versuchte nun seine Familie als Druckmittel zu benutzen – diesen Fehler machte jeder grundsätzlich nur einmal, weil er das nicht überlebte.

„Zeig dich, Bastard“, knurrte Aset und fixierte fies grinsend den Pförtner, der ihm gerade entgegen eilte.

Der Mann hatte keine Chance überhaupt etwas zu sagen, da lag er schon bewusstlos und verschnürt hinter seinem Tresen. „Du hast Glück, das mein Mann es nicht schätzt, wenn ich unnötig töte“, knurrte er und schleifte den Mann mit sich in die Überwachungszentrale des Gebäudes. Er war nicht scharf auf die Aufzeichnungen der Kameras. Er wollte nach Hinweisen auf sich im Computersystem suchen und hatte ziemlich schnell Glück. Die Sicherheitsanlage war neu aber nicht gerade umfangreich. Damit würde er seine Gebäude nicht absichern. Doch ihm kam es entgegen. Schnell waren die Festplatten entsorgt, die Kameras ruhig gestellt und die Listen der Bewohner eingesehen. Doch kein Name kam ihm auch nur ansatzweise bekannt vor. Was also hatte einer dieser Spinner aus diesem Haus mit ihm zu schaffen?

Und es war Asets Laune nicht zuträglich, dass er einfach nicht fündig wurde.

Es musste irgendetwas geben, dass ihn mit diesem Mistkerl in Verbindung brachte. Er musste mehr herausfinden. Der Name Cai Meng Long sagte ihm nichts, was aber nichts hieß. Wenn er ein Werwesen war und schon lange genug lebte, dann hatte er im Laufe seines Lebens bestimmt mehr als einmal seinen Namen gewechselt. „Na dann wollen wir mal rausfinden, wer du bist und warum du dich mit mir anlegen willst“, knurrte er übellaunig und machte sich auf den Weg nach oben.

Er nahm die Treppe. Das gab ihm die Möglichkeit in regelmäßigen Abständen hübsche, formschöne Löcher in die dünnen Wände zu schlagen und es gab viele Etagen. Doch dann wurde es Aset zu bunt, das dauerte ihm zu lange und er teleportierte sich in die oberste Etage des Treppenhauses.

„Rate, wer zum Essen kommt“, knurrte er und öffnete die Tür, doch er spürte bereits, dass die Räume verlassen waren.

Aset hatte sich das fast schon gedacht. Denn ein Feigling wie dieser Mistkerl, würde sich ihm nicht im offenen Kampf stellen. Das hatte man ja schon an der feigen Entführung gesehen. Aber hier konnte er etwas über den Kerl herausfinden, was ihm helfen würde. Also schloss er die Tür hinter sich, nachdem er das Büro des Mannes betreten hatte und sah sich um. Klassisch schlicht, nichts Emotionales. Viel Glas und Edelstahl, ein paar Bücher aber die schienen nur Dekoration zu sein.

„Ich habe gerade keinen eigenen PC dabei, ich bin mal so frei.“ Aset setzte sich und schaltete den PC an. Ein kleines Gerät, was er dank seiner minimalen Größe immer in der Brieftasche mit sich herum tragen konnte, ermöglichte es ihm, den Passwortschutz zu überwinden. „Mal sehen, was du für einer bist.“

Seine Finger flogen über die Tasten und schnell hatte er herausgefunden, dass sein Gegenspieler ziemlich reich und einflussreich war. Er hatte große Firmen, die über den ganzen Globus verteilt waren. Allerdings hatte er noch mit keiner davon Geschäfte betrieben, zumindest nicht direkt, sondern einige seiner kleineren Subunternehmen. „Was verbindet uns?“, zischte Aset, weil das, was er bisher herausgefunden hatte, ihn nicht weiterbrachte. Er lehnte sich zurück und blickte auf den Hafen und erinnerte sich an Calebs Worte: sei nicht immer so egozentrisch. Er stutzte. War er die Sache falsch angegangen – war der Kerl vielleicht gar nicht hinter ihm her, sondern ging es vielleicht tatsächlich direkt um Luan? Wenn er gewollt hatte, dass Luan immer in seiner Katzenform gefangen war, war der Kerl vielleicht scharf auf Katzen. Aber das half Aset auch nicht weiter.

„Verdammt“, fluchte er laut und war kurz versucht, den PC zu Kleinholz zu verarbeiten, aber er beherrschte sich. Nur darin konnte er etwas finden, was ihn zu diesem Kerl brachte. „Also, auf ein Neues. Suchen wir nach Katzen. Mal sehen, ob das ergiebiger ist.“

Eine halbe Stunde später wusste Aset, dass Luan nicht die einzige vermisste, seltene Katze war. Es schien als würde die jemand sammeln. Und wenn man Dinge sammelte, dann musste man diese auch irgendwo lagern. Aber das konnte unmöglich vor aller Augen sein, vielleicht verborgen. Was lag da näher als ein Island. Mal sehen, ob der Kerl solchen Besitz auf sich vereinte.

„Bingo! Habe ich es doch gewusst, du Bastard!“ Aset schlug mit der Faust laut auf den Tisch, denn Herr Meng Long besaß eine Insel. Sanmen Island. Nah genug am Festland, dass man schnell dort hin gelangen konnte, aber auch weit genug entfernt, dass man nicht unbedingt mitbekam, was dort passierte. Geradezu perfekt, um etwas vor der Öffentlichkeit zu verstecken.

„Ich gehe davon aus, du wolltest, dass ich das finde und du erwartest mich dort.“ Aset erhob sich und legte den Kopf schief. „Ich würde dir gern eine Nachricht da lassen, aber du hast leider weder Zettel noch Stift liegen lassen. Aber vielleicht verstehst du das hier ja.“ Und dann tobte er für wenige Sekunden durch das Büro und nichts sah mehr aus, wie es gewesen war, als Aset die Tür hinter sich wieder schloss.

So als wenn nichts gewesen wäre. Er hatte ein neues Ziel. Er war Luan ein wenig näher gekommen. Er wusste jetzt, wo er hin musste und er wollte keine Zeit verlieren. Er hatte sich Bilder von der Insel angesehen und jetzt hatte er Anhaltspunkte und wusste, wo er sich hin teleportieren musste. „Ich komme“, grinste er böse und war verschwunden.

Er kam am Strand an und sah sich kurz um. Er schoss herum, als er einen Stich spürte und einen Knall hörte.

„Du hast lange gebraucht, Khonshu.“ Cai stand auf einem der Felsen. Er hatte auf seinen Gast gewartet und irgendwie hatte er das Gefühl gehabt, dass der Kerl dort erscheinen würde. Er hatte also die Waffe gegriffen, die seit Jahren auf ihren Einsatz wartete. Nun würde er sehen, ob sie hielt, was Chao versprach.

„Du Mistkerl“, knurrte Aset und wollte losrennen, aber seine Beine gehorchten ihm nicht. Er konnte sie nicht bewegen und ihm wurde schwindelig. „Was...?“, fragte er und fing an zu schwanken, dann knickten seine Beine ein. Das letzte, was er sehen konnte, bevor es schwarz um ihn wurde, war das Gesicht seines Gegners, das ihm irgendwie bekannt vorkam.

„Asi-Baby, das war echt zu einfach“, murmelte Cai und wirkte irgendwie verstimmt. Vielleicht hätte er den Vampir doch noch etwas bei Bewusstsein halten sollen. Doch ihm war das zu gefährlich gewesen. Asets Ruf eilte ihm voraus und ihn in der Nähe seiner edlen Exponate zu wissen, hatte Cai so handeln lassen. Er warf sich den Vampir also nachlässig über die Schulter und trug ihn in ein eilig vorbereitetes Gehege, wo er den Vampirfürsten an ein Bett fesselte und ihm eine Infusion legte. Das Mittel hatte Chao entwickelt. Es unterdrückte Vampirkräfte – eine herrliche Erfindung.

Bisher hatte er es nur an jüngeren Vampiren ausprobieren können, aber dadurch hatten sie wichtige Erkenntnisse gewinnen können, welche Konzentration es haben musste, um einen viertausend Jahre alten Vampir seiner Kräfte zu berauben. „So, mein Guter, dann wollen wir einmal sehen, wie lange du brauchst um wieder wach zu werden.“

Cai rückte sich einen Sessel etwas bequemer und setzte sich. Er hatte sich etwas zu lesen mitgebracht und auch etwas Zeit. Er hatte so lange darauf gewartet, diesem Kerl noch einmal zu begegnen, jetzt wollte er jede Minute davon genießen. Jason war auf der Insel unterwegs, der dürfte ein paar Stunden beschäftigt sein. Denn der Puma musste erst einmal nicht mitbekommen, was hier vor sich ging.

Er hatte erst eine Seite gelesen, als sich die Gestalt auf dem Bett regte. Irritiert hob Cai eine Augenbraue. Es waren noch keine zehn Minuten vergangen, seit er Aset betäubt hatte. „Na, dann brauchen wir wohl eine etwas höhere Dröhnung“, murmelte er und stellte das Mittel zur Unterdrückung der Kräfte anders ein. Aset war stärker, als er vermutet hatte, doch sei es drum. Er würde das hier nicht überleben – da war es egal, wie alt und stark der Bastard war. „Ich krieg dich schon klein, aber erst werde ich dich noch ein bisschen ärgern und mich an deinem Schmerz ergötzen“, legte Cai fest und setzte sich wieder, um eine weitere Seite zu lesen.

Aset hatte das Gefühl in einem Schwarzen Meer zu schwimmen. Er konnte seine Augen nicht öffnen und sich nicht bewegen. Was war passiert? Er konnte sich nur daran erinnern, dass er auf dieser Insel angekommen war und dann nichts mehr. Was war schief gelaufen. Ihm war klar, dass man ihn betäubt hatte, aber wie war das möglich? Sein Körper hätte es sofort neutralisieren müssen.

Da hörte er wieder die Stimme. „Tja, Aset, lange nicht gesehen und doch wieder erkannt, du Thronräuber.“ Cai spürte, dass der Vampir sich langsam an die Oberfläche des Bewusstseins arbeitete. Das konnte er zulassen, denn der Körper des Mannes dürfte soweit geschwächt sein, dass er nicht einmal in der Lage sein dürfte, die Fesseln zu lösen, geschweige denn sich von dem Tropf zu befreien.

Aset drehte sein Gesicht in die Richtung, aus der die Stimme kam und versuchte die Augen zu öffnen. Was meinte er damit, dass sie sich lange nicht gesehen hatten? Unauffällig versuchte er Arme und Beine zu bewegen, aber da war nichts zu machen. „Wer...“, krächzte er. „Wer bist du?“

Cai lachte leise. „Das klingt ja gerade so, als wäre es ein Hobby von dir, Fürsten zu stürzen und Throne zu rauben, dass dir dieser Hinweis nicht genügt, um mich eindeutig zu identifizieren.“ So leicht wollte Cai es dem Kerl nicht machen. Der sollte seinen Kopf anstrengen. Interessiert beobachtete Cai die vergeblichen Versuche sich zu bewegen.

Aset hielt inne in seinem Versuch sich zu befreien und runzelte die Stirn. Was redete der Kerl da? Er hatte nur einen Fürsten gestürzt. Seinen Vorgänger als Anführer der Vampire. Das war Jahrtausende her. Er hatte Mutu herausgefordert und gewonnen. Der Kerl war tot, ganz bestimmt. Niemand überlebte alleine außerhalb des Clans. Oder doch? Aset blinzelte, damit er besser sehen konnte. War es wirklich möglich? Der Mann dort oben auf dem Felsen war ihm bekannt vorgekommen. Aber es konnte doch nicht sein, trotzdem sprach er es aus. „Mutu.“

Gespielt begeistert erhob sich Cai und verbeugte sich tief. „Ganz der ihre“, spottete er lachend und setzte sich wieder. „Überrascht mich zu sehen, junger Fürst? Du weißt doch, man sieht sich immer zweimal im Leben.“ Er grinste und lehnte sich wieder in seinem Sessel zurück, griff nach dem Wasser, was neben ihm auf einem kleinen Tisch stand. „Mutu – ganz genau.“ Er hatte diesen Namen lange nicht mehr gehört, und doch klang er vertraut in seinen Ohren.

„Wie hast du überlebt?“, fragte Aset und gab seine Zurückhaltung auf. Der Mann der so lässig in seinem Sessel saß, war gefährlich. Er war fast tausend Jahre älter als er selber. Er zerrte an seinen Fesseln, aber er konnte sich nicht befreien. „Was hast du mit mir gemacht“, zischte er wütend und blitzte den anderen Vampir an. „Mach mich los! Sofort!“

„Aset, ich habe dich für intelligenter gehalten“, sagte Cai und amüsierte sich sehr über das Gebaren des Vampirs. „Zum einen sollte dir klar sein, dass du dich in einer Situation befindest, in der es nicht an dir ist, Forderungen zu stellen und zum anderen ist es unhöflich jemanden zu fragen wie er überlebt hat.“ Cai erhob sich und ging durch den Raum. Er hatte kein Fenster, nur die Glasfassade zum Flur, die man abdunkeln konnte. „Ich habe überlebt, das muss dir als Antwort reichen.“ Bewusst überging er die Frage danach, was er Aset gegeben hatte – das ging den Kerl nichts an. Wenn er nicht selber drauf kam, würde Cai ihn nicht mit der Nase darauf stoßen.

Aset zerrte wütend an seinen Fesseln. Er musste sich los machen, aber er fühlte sich schwach, was ihn noch wütender machte. Mutu musste ihm etwas gegeben haben, was seine Kräfte schwächte. Er hatte schon immer mit Tinkturen, Elixieren und Kräutern und anderen Mittelchen gearbeitet. „Mach mich los und stell dich mir, du feiges Arschloch. Aber wahrscheinlich hast du Angst, dass ich dich wieder besiege, so wie damals. Ich habe den Thron nicht geraubt, ich habe ihn mir verdient.“

„Verdient hast du ihn also. Verdient, indem du meine Palastwache auf deine Seite gezogen hast, verdient, indem du im Verborgenen gegen mich intrigiert hast und erst gegen mich angetreten bist, als du genügend Leute gekauft hattest. Ja, das klingt, als hättest du dir den Thron ehrenhaft verdient.“ Cai ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Ihm war klar, dass Aset versuchen würde, ihn wütend zu machen, damit er etwas Unüberlegtes tat. Doch er war alt genug, um zu wissen, dass Hitzköpfigkeit nicht weiter half.

„Und ob ich gewinne oder nicht spielt nicht die Rolle. Ich habe dich da, wo ich dich haben wollte, und ich bin noch lange nicht fertig mit dir, Aset – ich kenne jetzt deinen Schwachpunkt.“

„Wenn du dich dafür rächen willst, dass ich dir den Thron geraubt habe, dann töte mich ruhig. Es ändert aber nichts daran, dass ich dich besiegt habe.“ Aset gab sich kühl und überheblich, aber innerlich machte sich Angst in ihm breit. Sein größter Schwachpunkt war seine Familie und jetzt wurde ihm klar, warum Luan entführt worden war und das alle in Gefahr waren. Das musste er verhindern, wenn er auch noch nicht wusste, wie.

„Ach, weißt du, Aset, in den letzten Jahrtausenden ist deine Aktion ziemlich in den Hintergrund geraten. Es gibt Dinge, die sind wichtiger als die Rache an dir, kleiner Fürst. Ich habe die Vollkommenheit entdeckt. Die Vollkommenheit und die Seltenheit. Du bist mir mittlerweile ziemlich egal – aber nicht, was du um dich geschart hast.“ Cai lächelte und deutete auf eine Wand an der sich ein Bildschirm eingeschaltet hatte. Es zeigte Luan in seiner Katzenform. „Ist er nicht vollkommen?“

„Du bist so ein Heuchler.“ Aset funkelte seinen Gegner wütend an, denn mehr konnte er nicht machen. Allein schon das Zerren an den Fesseln hatte ihn erschöpft. Etwas, das er nur aus der Zeit kannte, als ihn die Nagas in einen Menschen verwandelt hatten. Mutu unterdrückte seine Kräfte wohl mit dem Tropf, den er ihm gelegt hatte. Das würde zu dem Mistkerl passen. „Du magst dir einreden wollen, dass du Luan entführt hast, weil er eine seltene und wunderschöne Katze ist, aber in Wirklichkeit ist er hier, weil er mir etwas bedeutet.“

Cai lachte laut auf über die Ironie, dass es genauso nicht war. Er sah Aset amüsiert an und lehnte sich gelassen neben dem Monitor an die Wand, die Arme locker vor der Brust verstränkt. „Weißt du, was lustig ist, Aset? Es ging mir anfangs gar nicht um dich. Es ging wirklich nur um Luan. Luan war die erste vollkommene Katze, die mir je begegnet ist, und als er mir entkam, wollte ich ihn wieder haben. Es hat lange gedauert, bis wir ihn wieder aufgespürt haben. Mein Jäger brachte ihn mir und eine Woche später streichst du durch mein Revier – das nenne ich mal zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.“ Er ließ die Bilder durchlaufen, die seine anderen Exemplare zeigten, damit Aset begriff, dass er nicht so wichtig war, wie er gern glaubte.

Aset sah kurz auf den Bildschirm, aber dann fixierte er wieder den anderen Vampir. „Und, was hast du jetzt mit mir vor? Willst du mich genauso hier einsperren wie deine Sammlung?“ Er lachte geringschätzig auf. „Mir meine Kräfte zu rauben, funktioniert nicht ewig, das weißt du so gut wie ich. Mein Körper wird irgendwann eine Möglichkeit finden, dein Mittel zu neutralisieren.“

„Ach, weißt du, Aset, du langweilst mich. Ständig erzählst du mir Sachen, die ich schon weiß.“ Cai wandte sich ab und ging ein paar Schritte. Die Abfolge der Bilder hatte gestoppt und so sah Cai Aset direkt in die Augen. „Ich sammle nur perfekte Exponate. So was wie dich kann ich nicht gebrauchen. Du bist weder vollkommen noch sehenswert. Aber wenn du schon so höflich fragst, was ich vorhabe: ich werde dich brechen. Stück für Stück – ahnst du wie?“ Cai grinste leicht.

Aset versuchte sich nichts anmerken zu lassen und behielt seine geringschätzige Miene bei. In seinem Innern sah es allerdings anders aus. Mutu war ein hinterhältiges, verschlagenes Miststück und er bluffte nicht. Er wusste von den außergewöhnlichen Katzen in seiner Familie, das hatte er vorhin schon gesagt. „Das wagst du nicht. Wenn du auch nur einen von ihnen anrührst, dann werde ich dich jagen und du wirst leiden, wie noch nie in deinem Leben.“

„Woher willst du schon wissen, wie ich in meinem Leben gelitten habe, du Bastard“, knurrte Cai, hatte sich aber gleich wieder unter Kontrolle. „Aber nur damit du weißt, was wir in den nächsten Tagen für Neuzugänge bekommen werden.“ Er ließ die Bilder weiter laufen und Ranu erschien auf dem Monitor, in seiner Katzengestalt und mit den kleinen Flügeln. „Herrlich – oder? Die erste Katze, die ich kenne, die Flügel hat. Er wird ein Glanzstück in meiner Ausstellung sein.“

Aset erstarrte, als er seinen Jungen auf dem Bild sehen konnte. „Ranu“, murmelte er leise und er konnte für Sekunden nicht mehr seine neutrale Miene aufrecht erhalten, aber dann brüllte er wütend. „Nein, du wirst ihn nicht anfassen.“ Aset bäumte sich gegen seine Fesseln auf und seine Augen glühten förmlich vor Hass. Er musste sich befreien und seine Familie retten.

„Brüll hier nicht so rum, Bastard. Du bist hier doch nicht zu Hause. Aber wenn du lange genug wartest, hast du vielleicht bald all deine Lieben wieder um dich“, sagte Cai und setzte sich wieder. „Oder sollte ich besser sagen: um MICH haben.“ Dann lachte er leise und lehnte sich zurück.

„Das wird nicht passieren, weil ich das nicht zulassen werde.“ Aset kämpfte verbissen weiter, auch wenn er nichts gegen die Fesseln ausrichten konnte. Er musste Mutu aufhalten und seine Familie retten und dazu brauchte er Zeit. „Du wirst keinen von ihnen hier her bringen und einsperren. Ich werde das verhindern, hörst du, du Bastard.“

Jetzt war Cai wirklich amüsiert und er konnte sein Amüsement auch nicht verbergen. „Du machst mich neugierig, Aset. Wie willst du verhindern, dass mein Jäger mir die fliegende Katze bringt. Indem du mich anspuckst und ich dann beschämt mein Leben aushauche? Oder willst du mich beleidigen, bis ich vor Gram über deinen Hass vergehe? Komm schon, sag’s mir. Vielleicht bin ich ja beeindruckt und hole meinen Jäger zurück?“ Er wackelte mit den Augenbrauen, dann lachte er.

Aset ballte die Fäuste und hörte auf, sich gegen die Fesseln zu wehren. Leider hatte der Mistkerl Recht. Solange er an dieses Bett gefesselt war, konnte er rein gar nichts tun, weil er hilflos wie ein Baby war, etwas, was für ihn kaum zu ertragen war. „Verhöhne mich ruhig, wenn du daran Spaß hast, aber es ändert nichts daran, dass ich dich töten werde, wenn ich die Chance dazu habe. Jetzt bist du im Vorteil, aber wer weiß, wie lange noch. Ich bin nicht an der Spitze der Nahrungskette, weil ich zögerlich oder zimperlich bin.“

„Du bist also die Spitze der Nahrungskette. Das finde ich lustig. Im Moment siehst du allerdings eher aus wie das goldene Ende der Nahrungskette, mein Lieber. Aber nun gut. Da hat ja jeder eine andere Betrachtungsweise.“ Cai stutzte, als ein unaufdringliches Signal ertönte. Er sah kurz auf, dann zu Aset. Dann ging er hinüber zum Bett und ließ den Tropf etwas schneller laufen. „Schlaf ein bisschen, wenn du wieder wach wirst, wird dein Kleiner hier herum tollen. Und ich gucke mal, wer mich da stören kommt.“

18

 

„Was soll das heißen Assai, dass du nicht weißt, wo er ist?“ Caleb ließ sich auf einen Stuhl fallen, weil seine Beine auf einmal ziemlich wackelig waren.

>>Er hat eine SMS bekommen und war verschwunden. Wir vermuten, dass er eine Nachricht über den Entführer bekommen hat, aber das wissen wir nicht genau. Wir konnten das GPS Signal seines Handys bis zu einer, vor der Küste liegenden Insel verfolgen. Dort riss der Kontakt ab.<<

„Wann war das?“, wollte der Kater wissen und sah sich hektisch im Haus um.

>>Ist jetzt zwei Stunden her<<, entgegnete Assai, >>und er ist noch nicht zurück. Ich werde ihm jetzt also folgen und … Tian, halt die Klappe. Ich nehme dich da bestimmt nicht mit rüber, du … jetzt halt doch mal die Klappe, verdammt!<<

Doch der Kater neben ihm diskutierte weiter, das konnte Caleb hören. Normalerweise hätte sich jetzt ein Lächeln auf Calebs Gesicht geschmuggelt, aber nicht heute. Der Kater war zu geschockt und er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. „Finde sie bitte, Assai, aber sei vorsichtig“, sagte er leise. Etwas, oder jemand, der Aset festhalten konnte, musste sehr mächtig sein. Doch er kam nicht dazu, diese Gedanken noch auszusprechen, denn plötzlich ging das Alarmsystem los. Caleb sah sich um.

Jemand war auf dem Grundstück – jemand, der hier nicht hin gehörte. Er warf das Handy auf die Couch und rannte los. Er rief die Namen, aller die noch im Haus waren. Panik brach auf den Fluren aus.

„Alle ins Wohnzimmer – alle!“, befahl der Kater so laut er konnte.

Buster und Rick kamen ins Wohnzimmer gelaufen, Rina zwischen ihnen, so dass sie sie besser beschützen konnten. „Was ist los, Paps?“, wollte der Bengale wissen und platzierte Rina auf der Couch. Caleb atmete tief durch und war beruhigt, dass zwei seiner Kinder bei ihm waren.

„Jemand muss auf dem Gelände sein. Wo ist Ranu?“

Buster sah ihn groß an. „Ist er nicht bei dir? Er war bei uns und wollte dich etwas fragen. Er ist vor fünf Minuten oder so, losgegangen.“

„Was?“ Caleb wurde blass, sah sich hektisch um. Eben kamen Ryan und Cathleen mit den Kleinen. Auch Cathleen sah nicht gut aus, sie drückte Ryan die kleinen Leoparden in den Arm und kam direkt zu Caleb.

„Irgendetwas stimmt nicht, ich spüre das“, sagte sie mit erstickter Stimme.

„Nein“, sagte Caleb und lief los. „Ich werde nicht zulassen, dass jemand eines unserer Kinder an sich bringt!“ Wie eine Furie tobte Caleb los, kaum dass er sich gewandelt hatte. Raus in den Garten und Witterung aufnehmen war alles eins. Und wieder hatte er die eklige chemische Spur in der Nase – wie letzte Woche, als Luan verschwunden war. Doch Caleb weigerte sich das zu glauben. Er brüllte und suchte weiter.

Es durfte nicht sein, dass dieser Mistkerl es schon wieder geschafft hatte, auf das Gelände zu kommen. Sie hatten es mit den besten und neuesten Sicherheitseinrichtungen bestückt und er war doch eingedrungen. Caleb folgte der Spur bis zur Mauer und brüllte wieder laut, denn hier endete der verhasste Geruch und verschwand über die Mauer.

Er hatte ein Déjà-vu und dabei hatten sie doch alles in ihrer Macht stehende getan, um es zu verhindern. Er wandelte sich und rief immer wieder nach Ranu, während er durch den Garten rannte. Dabei wusste er es doch besser. Doch er weigerte sich, es zu glauben. Ranu musste irgendwo hier sein. Sicherlich versteckte sich der Schlawiner nur.

Irgendwo hier musste er sein.

Irgendwo hier.

Irgendwo.

Buster lief zu ihm.

„Paps.“ Buster zog Caleb in seine Arme und nachdem er kurz versucht hatte, sich frei zu machen, ließ der sich umarmen und halten. „Er kann nicht weg sein. Nicht auch noch Ranu. Er ist doch noch ein Kind“, rief Caleb verzweifelt und klammerte sich an Buster. Der Bengale drückte ihn fest an sich und schloss die Augen. Wie hatte das nur passieren können?

„Ich muss sie suchen“, sagte Caleb plötzlich und versteifte sich, als wäre ein Blitz in ihn gefahren. „Ich werde mich sofort nach Hongkong auf machen. Assai hat mir gesagt, wo er Aset vermutet. Ich werde dort anfangen zu suchen.“ Unwirsch machte er sich frei.

„Warte! Was meinst du damit, wo Assai ihn vermutet? Weiß er nicht, wo Dad ist? Ist er auch verschwunden?“ Buster wurde blass. Das durfte doch nicht wahr sein. „Ich werde mit kommen. Ich lass dich da nicht alleine hin.“

„Nein!“ Caleb schüttelte den Kopf, ließ sich aber von seiner Schwester den Morgenmantel umhängen. „Buster, du wirst hier bleiben und die übrigen beschützen. Ich muss sehen, wo Aset abgeblieben ist und ob er in Ordnung ist. Dort werde ich hoffentlich auf Ranu und Luan treffen und kann alle mit nach Hause bringen.“

Es war Buster anzusehen, dass es ihm nicht gefiel zurück gelassen zu werden, aber schließlich nickte er. „Ich werde hier bleiben, aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe, alle zu beschützen.“ Es fiel ihm nicht leicht, das zuzugeben, aber seine Stärke kam nicht annähernd an Calebs ran und selbst der hatte nicht verhindern können, dass Ranu entführt wurde.

Caleb sah ihn an und musste zugeben, dass dies die Wahrheit war. Wenn er jetzt ging, dann waren die übrigen schutzlos. Aber er konnte auch nicht hier sitzen und nichts tun. Es zerriss ihn innerlich, doch er konnte nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Das überstieg seine Fähigkeiten. Er brauchte Hilfe, doch wer war so mächtig, dass er … „Lazar“, murmelte er leise und blickte Buster an. „Ich muss telefonieren. Sofort!“

Er hastete los und rannte zurück ins Wohnzimmer, Buster und Cathleen hinter sich. „Du willst Lazar hier her holen?“, fragte Buster, denn er wusste nicht, ob er das richtig verstanden hatte. „Dann werde ich mitkommen und Rick auch.“ Doch Caleb reagierte nicht darauf. Er war in Gedanken schon dabei, die Vorkommnisse zu sortieren, damit er Lazar schnell und effektiv informieren konnte.

Kaum im Haus lief er in seine eigenen Räume und griff sein Handy in dem Lazars Nummer gespeichert war. Mit zitternden Fingern wählte er die Schnellwahltaste sieben und wartete. Sein Herz schlug ihm im Hals, sein Puls hämmerte in den Ohren – alles glitt ihm aus den Fingern und er wusste nicht, wie er es aufhalten konnte.

Er lief ruhelos durch den Raum, während er dem Rufzeichen lauschte. Es dauerte eine Weile, bis Lazar sich meldete. >>Hallo Caleb<<, grüßte der Naga ihn. >>Was kann ich für dich tun?<< Ihm war klar, dass etwas passiert sein musste, denn sonst würde der Leopard sich nicht bei ihm melden.

„Hallo Lazar, ich weiß, dass du viel um die Ohren hast. Aber könntest du meine Familie beschützen, so lange ich meinen Mann und meinen Sohn suche? Ich muss sie suchen, ich weiß in etwa, wo sie sind, aber ich kann auch die anderen nicht im Stich lassen, das…“ der Kater redete ohne Punkt und Komma. Seine Stimme überschlug sich immer wieder.

>>Ich mache mich sofort auf den Weg. Was ist passiert? <<, sagte Lazar nur in einer der Pausen, wo Caleb Luft holen musste und erhob sich aus seinem Schreibtischstuhl. So panisch wie der Leopard klang, war es bestimmt besser, alles stehen und liegen zu lassen. Er fing schon an, alles Notwendige zusammen zu packen, was er dringend brauchte. Ansonsten reiste er mit kleinem Gepäck. Mit einem Fingerzeig machte er seinem Sekretär klar, dass er den Learjet brauchte und zwar umgehend, dann war er schon aus dem Büro, während er das Handy weiter am Ohr hatte.

„Irgendjemand hat Luan von unserem Grundstück entführt. Wir haben niemanden sehen können und Aset sagt, das können nur sehr alte Vampire oder Nagas oder so und dann ist er hinterher, zusammen mit Assai. Und eben rief Assai an, er hätte Aset verloren und dann war Ranu weg und …“

>>Ein Naga?<< Lazar stoppte abrupt auf seinem Weg und runzelte die Stirn. Ihre Gemeinschaft war klein und für die meisten würde er die Hand ins Feuer legen, weil sie sich der Neutralität verschrieben hatten, aber eben nicht für alle. War es möglich, dass einer seiner Rasse Luan und Ranu entführt hatte? Er lief wieder los, denn jetzt musste er so schnell wie möglich zu Caleb. Vieleicht konnte er noch Spuren entdecken. >>Erzähl mir, was du sonst noch weißt.<<

Caleb war überfordert. Er nahm dankend das Glas Wasser an, was Cathleen ihm brachte und setzte sich auf die Couch, die neben dem Terrarium mit seinen Spinnen stand. „Ich weiß doch auch nichts weiter“, erklärte der Leopard, doch dann fing er an, von Anfang an zu berichten, jedes kleine Detail, an das er sich erinnerte. Sie mussten kurz unterbrechen, als Lazars Maschine startete, doch dann meldete sich der Naga sofort wieder über das Bordtelefon.

„Und dann habe ich dich angerufen, weil ich nicht weiter wusste“, endete Caleb und drehte das leere Glas in seiner Hand.

>>Ich bin in vier Stunden spätestens da. Kann mich jemand vom Flughafen abholen?<< Lazar grübelte schon darüber nach, was das alles zu bedeuten hatte. Warum hatte Caleb ihn nicht eher angerufen? Für solche Notfälle hatte er ihm doch seine Nummer gegeben. Aber er sprach das nicht laut aus, weil der Leopard auch so schon vollkommen fertig war. >>Versuche Assai zu kontaktieren, ob es schon etwas Neues gibt<<

„Alles klar, mach ich“, sagte Caleb, als er sich verabschiedete und auflegte. Ihm glühte das Ohr, doch er fühlte sich jetzt etwas besser, aber noch lange nicht ausgeglichen. Sein Mann war verschollen, sein Junge verschwunden, ein Freund entführt. Er wusste noch immer nicht, wo er anfangen sollte, doch er tat, was Lazar ihm geraten hatte: er wählte Assais Nummer.

„Geh ran! Geh ran!“, fluchte er leise, aber Assai meldete sich auch beim dritten Versuch nicht, genauso wenig wie Tian. Das war gar nicht gut. Das war gar nicht gut, denn das konnte nur bedeuten, dass die beiden auch in Schwierigkeiten steckten und dass Tian seinen Dickkopf durchgesetzt hatte. „Verfluchte Scheiße“, knurrte er und machte seinem Frust Luft.

„Caleb?“ Cathleen steckte fragend den Kopf durch die Tür. Nervös war sie auf dem Flur herum getigert, während die Männer im verschlossenen Wohnzimmer auf die Kinder acht gaben. Sie hatten alles abgeriegelt. Niemand kam mehr durch die Türen.

Caleb sah auf und blickte seine Schwester an. „Lazar kommt, ich werde ihn vom Flughafen abholen. Ich überlege, ob ich euch so lange in den Safe-Room schicke, den Aset für seine Angestellten errichtet hatte, wenn er austickte.“ Offen sah er seine Schwester an. „Und Assai kann ich auch nicht erreichen – sieht so aus, als wären sie Aset gefolgt.“

„Oh nein.“ Cathleen kam zu ihm gelaufen und umarmte ihn. „Wir machen, was immer du für richtig hältst.“ Sie zitterte am ganzen Leib, aber sie versuchte stark zu sein. Schon allein, damit sie die Kinder nicht zu sehr ängstigte. „Du meinst, dass sie und Aset gefangen wurden?“ Allein die Vorstellung ließ sie blass werden. Wer schaffte es, die zwei mächtigsten Vampire festzuhalten?

„Was anderes kann ich mir nicht vorstellen, Cate“, sagte Caleb, das Glas immer noch nervös in der Hand drehend. „Aset hatte eine Nachricht bekommen - wohl von Luans Entführer. Ohne was zu sagen, hat er sich abgesetzt. Als er nicht wiederkam, haben Assai und Tian sein Handy getrackt und zu einer Insel verfolgt, zu der sie ebenfalls übersetzen wollten. Also Assai wollte und Tian hat sich wohl nicht zurück halten können. Jedenfalls erreiche ich jetzt keinen der drei mehr.“ Nun war seine Schwester auch wieder auf Stand. „Wenn ich Tian in die Finger bekomme werde ich ihn dafür …“

„Ich werde dir dabei helfen ihn zu jagen und ihm das Fell über die Ohren zu ziehen.“ Cathleen nahm Calebs Hand und drückte sie fest. Sie war nicht mehr die kleine, verschüchterte Katze, die ihre Kinder hergegeben hatte, damit sie überleben konnten. Sie war stark und selbstbewusst geworden. Sie hatte gelernt zu kämpfen und war bereit sich allem und jedem zu stellen, wenn es sein musste. „Komm, wir gehen zu den anderen.“

„Ja, bringen wir sie auf Stand“, sagte Caleb. Doch in Gedanken war er bei denen, die nicht hier waren. Bei seinem Mann, seinem Sohn und seinen Freunden. Hoffend, dass ihnen nichts zugestoßen war, außer dass man sie von hier weggeschleppt hatte. Niemand hatte sich gemeldet, niemand Lösegeld gefordert. Warum also hatte sich jemand Luan geholt? Peter vermutete immer mehr, dass es sich bei dem Entführer um den Mann handelte, der Luan schon einmal hatte in seiner Katzenform belassen wollen. Und Caleb glaubte das auch – man hatte Luan gezielt geholt. Aber warum waren Aset und Assai und Tian verschwunden? Und warum hatte man nach Luan auch noch Ranu geholt? Das machte doch alles keinen Sinn!