Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Britta & Fich > Katzenaugen 7 > Katzenaugen 7 - Katzen und Drachen - Teil 21

Katzenaugen 7 - Katzen und Drachen - Teil 21

21 

Lazar wartete im Auto und schweigend fuhren sie zum Flughafen. Der Naga hatte sich in die Vampirdatenbank vertieft und suchte nach Hinweisen. Er machte sich immer wieder Notizen, zu Namen von alten Vampiren, die ihm auffielen, um später gezielt noch einmal nach ihnen zu suchen. Er unterbrach seine Suche nur, solange bis sie alle Formalitäten am Flughafen erledigt hatten und sie in seinem Jet Platz genommen hatten. Dort machte sich auch Caleb an die Suche. Er hatte die Daten bekommen, die er von Assais Firmen-Server angefordert hatte und überlagerte sie mit einer hoch auflösenden Karte, die er von Asets Satelliten abgefordert hatte. Alle drei Signale, sowohl Asets als auch die von Assai und Tian waren unweit einer kleinen Insel vor Hongkong verloren gegangen. „Ich glaube da sind sie“, sagte er und drehte seinen kleinen Laptop zu Lazar um.

„Eine Insel vor Hongkong. Das wäre für das, was dieser Cai Meng Long betreibt, auf jeden Fall ideal. Ich denke, du hast Recht.“ Lazar, nickte und zoomte die Insel näher ran. „Auf der Oberfläche ist nicht viel zu sehen. Nur wenige Gebäude. Ich nehme an, wenn wir richtig liegen und Aset und die anderen dort sind, dann unter der Erde.“

„Würde erklären, warum die GPS-Signale so abrupt abbrechen. Die Sender sind nicht ohne weiteres zu zerstören.“ Caleb drehte den Monitor wieder zu sich und betrachtete die Insel eindringlich. Er wollte sich jede noch so kleine Kleinigkeit einprägen, um sich nicht überraschen zu lassen. Und um die Zeit zu vertreiben, in der er zum Rumsitzen verdammt war.

„Ja, hab ich dich“, knurrte Lazar, der nach dem Besitzer der Insel geforscht hatte. „Sie gehört ihm, wenn er auch nicht direkt als Besitzer aufgeführt ist. Sie ist im Besitz einer seiner Firmen.“ Er drehte sich zu Caleb und nickte ihm zu. „Ich kontaktiere einen meiner Männer, der Zugriff auf die Satellitendaten der US-Regierung hat. Mal sehen, was auf den Bildern der letzten Wochen zu finden ist.“

„Mach das“, sagte Caleb nachdenklich. Er konnte nicht vermeiden, dass er sich immer wieder fragte, wie es dem Kerl gelang einen Vampir wie Aset festzuhalten. Und Caleb hoffte, dass Aset festgehalten wurde und nichts Schlimmeres passiert war. „Gibt es auch eine Verbindung zwischen ihm und Aset oder hat er Aset nur behalten, weil er Luan gesucht hat?“

„Eine direkte Verbindung zwischen Aset und diesem Cai konnte ich nicht finden. Einige ihrer Firmen haben immer mal wieder Geschäfte miteinander gemacht, aber das war nie etwas Großes und sie sind sich auch nie persönlich begegnet. In der Vampirdatenbank taucht er überhaupt nicht auf, auch nicht in der jüngeren Zeit.“ Lazar hatte keinerlei Hinweise gefunden. „Ich nehme an, dass er vielleicht als tot galt und er das ausgenutzt hat, um sich vor seinesgleichen zu verbergen. So kann er praktisch schon seit Jahrtausenden leben, ohne dass jemand etwas von ihm weiß.“

„Macht ihn gleich noch sympathischer“, knurrte Caleb und lehnte sich zurück. Kurz ging sein Blick nach draußen. Er mochte es eigentlich, auf die von der Sonne beschienenen Wolken zu blicken, doch heute hatte er nicht die Geduld dafür. Er schoss hoch und begann durch das Flugzeug zu laufen, es ging ihm alles nicht schnell genug, doch weil er wusste, dass niemand es beschleunigen konnte, beschwerte er sich nicht.

„Ich habe eine Liste von alten Vampiren gemacht, die als tot gelten. Leider sind das mehr als ich gehofft hatte. In den Clankriegen sind viele von ihnen getötet worden.“ Lazar schob Caleb den Block mit den Namen zu. Es waren fast fünfzig, die er aufgeschrieben hatte und praktisch jeder von ihnen konnte es sein. vielleicht zehn von ihnen konnte er streichen, weil sie definitiv tot waren, aber das machte ihre Liste nicht viel kürzer.

„Mir sagt keiner was“, sagte der Kater nach einem kurzen Blick auf die Liste und reichte den Block unwirsch zurück an Lazar. Dann schritt er weiter und blickte immer wieder auf den Naga. Wie konnte der nur so ruhig da sitzen? Ihre Blicke trafen sich und als er Lazars fragenden Blick gedeutet hatte, nickte der Leopard. „Wenn du glaubst, dass du es schaffst“ gab er dem Naga die Erlaubnis, sich mental von ihm beruhigen zu lassen, damit er ruhig war, wenn es darauf ankam.

„Ich denke schon“, lachte Lazar leise. Nicht im Mindesten beleidigt, dass Caleb seine geistigen Fähigkeiten anzweifelte. Der Leopard war in heller Aufruhr und genau das konnte ihm bei ihrer Mission zum Verhängnis werden. Vorsichtig verschaffte er sich Zugang zu Calebs Geist, ohne dass dieser etwas davon mitbekam. Er merkte nur, wie seine Angespanntheit nachließ und er nicht mehr den Drang hatte, unruhig durch das Flugzeug zu laufen. Er setzte sich wieder und zog sich erneut seinen Laptop heran, um noch etwas zu suchen und zu gucken. „Danke“, murmelte er nebenher und lehnte sich nach ein paar Minuten zurück, ehe er eindöste. Er schlief ruhig und traumlos, das hatte er schon eine Weile nicht mehr. So tankte sein Körper die Kraft, die er brauchen würde, sobald sie gelandet waren.

„Gern geschehen.“ Lazar legte eine Decke über Caleb und machte sich wieder an seine eigenen Recherchen. Aber wirklich viel bekam er nicht heraus. Er telefonierte mit seinen Leuten, die ihm meldeten, dass sie kurz vor ihm in Hongkong ankommen würden und mit Buster, der ihm seine Erkenntnisse durchgab. Viel war es nicht, aber der Bengale hatte ein Foto von diesem Cai auftreiben können, das Lazar jetzt durch einen Fotoabgleich laufen ließ. Aber da es zu den wenigsten der Namen auf seiner Liste auch Bilder gegeben hatte, weil in dieser Zeit derart genaue Abbildungen noch nicht möglich gewesen waren, war seine Suche spärlich. Von ein paar aus dem frühen Mittelalter fand er Gemälde, die Ähnlichkeit haben könnten. Lazar schnaubte frustriert und schob die Unterlagen beiseite. Cai selbst würde ihm wohl das eine oder andere verraten - egal ob er wollte oder nicht.

Bis zur Landung ruhte auch Lazar sich noch etwas aus, denn es war fraglich, wann sie wieder dazu kamen. Schon lange hatte der Naga in keiner Schlacht mehr gekämpft. In seiner Jugend war er ein Krieger gewesen, der viele Schlachten geschlagen hatte. Aber das war schon tausende von Jahren her, bevor die Naga zu einem Volk der Vermittler geworden waren. Er hatte nicht daran geglaubt, dies noch einmal zu erleben. Das Adrenalin, das durch seine Adern floss in der Vorbereitung eines Kampfes, ließ die Unruhe in ihm wachsen. Sie wussten nicht, was sie erwarten würde. Lebte Cai allein mit seinen geraubten Katzen oder erwartete sie auf der Insel eine Armee. Würden sie sich der Insel nähern können oder wurden sie schon auf dem offenen Wasser angegriffen? Lazar wusste es nicht, doch er hoffte, dass er zusammen mit seinen Männern genügend mentale Fähigkeiten aufbauen konnte, um sie zumindest unbeschadet bis auf die Insel zu bringen.

Die Satellitenfotos waren auch nicht so aufschlussreich, wie er erhofft hatte. Man sah auf manchen Bildern einen Helikopter landen. Fracht wurde ausgeladen, die dann zum Haupthaus gebracht wurden. Allein die Daten der Ankunft sagten Lazar, dass in den Kisten wohl Luan und auch Ranu waren, denn das würde zum zeitlichen Ablauf der Entführungen passen. Von Aset war auf den Bildern allerdings nichts zu erkennen. Sie hatten beschlossen ebenfalls mit einem Helikopter überzusetzen. Ihre mentale Barriere sollte ausreichen, sich zu tarnen. Damit würden sie vielleicht die Radarsysteme nicht überlisten aber vielleicht die, die davor saßen und die Daten auswerteten.

„Caleb“, vorsichtig weckte der Naga den Kater, denn sie waren im Landeanflug. Es war besser, dabei wach und aufrecht zu sein – man wusste nie, was passieren konnte.

„Bin wach“, murmelte der Kater und rieb sich über die Augen. Er hatte nicht sehr lange geschlafen, aber er fühlte sich ausgeruht, was er wohl Lazar zu verdanken hatte. Er setzte sich in seinem Sitz wieder aufrecht und sah aus dem Fenster. Unter ihnen lag Hongkong. Ein riesiger Moloch aus Hochhäusern. Ähnlich wie New York.

„Meine Männer erwarten uns abseits vom Rollfeld. Wir werden gleich in einen Helikopter umsteigen“, erklärte Lazar und umriss kurz, was sie im schlimmsten Fall erwarten konnte, nämlich dass sie über dem offenen Wasser abstürzten, weil Störsender ihre Elektronik lahm legten. Sie wussten nicht, wie die Insel abgesichert war und Lazar hatte Sichtflüge über die Insel untersagt, damit der Vampir nicht gewarnt wurde und vielleicht neugierig wurde.

Caleb nickte, dass er verstanden hatte. Was sollte er auch anderes tun? Es war der beste Plan, den sie hatten und eine andere Option gab es nicht. Sie mussten auf diese Insel und sie hatten nicht die Zeit, erst einmal ausreichende Erkundigungen einzuziehen.

Sie landeten in Hongkong und ohne große Umschweife bestiegen sie gleich den bereit stehenden Helikopter. Lazars Männer hatten alles vorbereitet. Sie waren recht schweigsam und Caleb wollte sie auch nicht aus ihrer Konzentration reißen. Er konnte sich gut vorstellen, was die Männer versuchten – nämlich das Unmögliche. Nervös setzte er sich neben Lazar und zog die Tür zu. Er setzte den Kopfhörer auf und schon startete der Pilot die große Maschine.

Sie flogen über die dunkle Stadt, denn mittlerweile war die Sonne untergegangen, was ihrem Vorhaben aber zugute kam. Caleb überprüfte immer wieder seine Waffen, die man ihm gegeben hatte. Gegen einen uralten Vampir würden sie nicht helfen, aber es war davon auszugehen, dass es auch menschliche Bewohner gab und dafür waren die Pistolen perfekt.

Der Helikopter aktivierte die Tarnvorrichtung und die Störsender, noch ehe sie das offene Meer erreicht hatten. Sie flogen sehr tief, nur wenige Meter über der Meeresoberfläche. Das war eine Kunst, die selbst bei den Nagas nur wenige beherrschten und die übrigen hatten ihre Sinne nach allen Richtungen offen, um eventuelle Hindernisse zu erspüren und zu beseitigen.

„Insel auf dem Schirm – elf Uhr voraus – Kontakt in sieben Minuten“

Caleb spürte wie sich ihm der Magen zusammen zog. Es gab kein zurück.

Einer von Lazars Männern öffnete die Tür an der Seite des Helicopters, als sie fast am Strand angekommen waren. Ohne zu zögern ließen sich die acht Nagas in das flache Wasser fallen und Caleb sprang ihnen hinterher. Der Helicopter drehte wieder ab und sie liefen zum Strand. Die erste Hürde war genommen, sie waren ohne Zwischenfälle auf der Insel.

„Formation sieben“, forderte Lazar von seinen Männern. Diese nickten und schwärmten aus. „Du bleibst bei mir“, erklärte er Caleb, der den Nagas hinterher sah. Dann schwiegen die Nagas, doch es schien rege telepathische Kommunikation zu geben, denn Lazars Gesicht zuckte immer wieder. Caleb und der Naga liefen über den Strand zu einer Baumgruppe und weiter zum Haus.

Sie nutzen jede Deckung aus und da Caleb nicht an der Kommunikation teilnehmen konnte, gab Lazar ihm einen kurzen Überblick. Vier seiner Männer suchten mit ihren geistigen Kräften nach dem Feind und setzten die außer Gefecht, bei denen es nicht auffiel, damit sich die Anzahl der Gegner minimierte. Sie wunderten sich sowieso, dass hier keine Wachen herum liefen. Der Herr des Hauses schien sich sehr sicher zu sein, dass man ihn nicht überraschen konnte. Das war kein gutes Zeichen. Caleb verbot sich jeden Gedanken an den Mann, der seine Familie als Geiseln hielt. Er musste die Wut und den Zorn unterdrücken. Sie waren schlechte Ratgeber.

Sie waren dem Haus schon verdächtig nahe – und niemand versuchte sie aufzuhalten. Ging das mit rechten Dingen zu oder waren sie schon aufgeflogen?

 

+++„Ene Mene Meck und du bist weg“, murmelte Cai und tippte auf seinen Überwachungsbildschirm, auf dem sich kleine Punkte bewegten, die eigentlich dort gar nicht hingehörten. Sie bedeuteten nämlich, dass jemand auf der Insel war, der dazu keine Erlaubnis hatte. Cai hatte eigentlich noch ein paar Akten durcharbeiten wollen, als der Alarm losgegangen war. Die Sensoren, die über die ganze Insel verteilt waren, waren ausgelöst worden und nun beobachtete er die neun Menschen, die über die Insel schlichen. Nein, das war falsch. Acht Menschen und ein Leopard. Cai stupste wieder mit dem Finger gegen den Bildschirm. „Willkommen auf meiner Insel, Schönheit.“

Lächelnd lehnte er sich zurück und sah auf die Bilder seiner Überwachungskameras. Asets Gatte hatte sich mit ein paar Menschen auf den Weg gemacht, um seinen Gatten zu retten. Eigentlich fast beneidenswert, dass ein Bastard wie Aset eine solche Katze besaß, die auch noch ihr Leben für ihn geben würde. Und was hatte er? Nichts – nur einen störrischen, launischen Puma, der zu nichts mehr zu gebrauchen war, seit sie die unfreiwilligen Gäste hatten.

Doch bald hatte er einen Neuzugang – ein Leopard so groß wie ein ausgewachsener Tiger.

„Ich sollte der Schönheit ein Körbchen herrichten.“

Mal sehen, wo noch ein Eckchen frei war. So langsam wurde es wirklich eng auf dieser Etage, bei den vielen Neuzugängen der letzten Zeit. Er sollte wohl wirklich eine weitere Ebene ausbauen lassen. „Aber erst einmal ein lauschiges Plätzchen für das Kätzchen, denn es soll schnurren vor lauter Genuss und nicht knurren vor Verdruss“, reimte er gut gelaunt und lachte leise. Der Leopard war eindeutig ein neues Juwel für seine Sammlung. Er wunderte sich nur darüber, dass er von Byron noch keinen Vollzug signalisiert bekommen hatte für die Zwillingsschwester der Flugkatze. Vielleicht sollte er einmal nach Ranu sehen, doch das verwarf Cai, kaum dass er den Flur mit den Gehegen beteten hatte. Der launische Puma hockte bei dem jungen Leoparden und spielte mit ihm. Cai zwang sich, nicht hinzu sehen – mit Jason war er durch und der Kater mit ihm. Sie waren im Streit auseinander gegangen und dieses Mal wollte Cai der Katze nicht wieder klein bei geben – dieses Mal nicht.

Stur geradeaus blickend ging er an dem Gehege vorbei, aber aus den Augenwinkeln sah er die funkelnden Augen des Puma, die jede seiner Bewegungen verfolgten. Jason hatte Cai nach ihrem Streit nicht mehr getroffen und es versetzte ihm einen Stich, dass der ihn vollkommen ignorierte. Eigentlich hatte er sich fest vorgenommen, auf Cai zuzugehen, aber das hatte wohl keinen Sinn mehr. Er war nur noch eines unter vielen Exponaten. Ihre Verbindung, die sie einmal gehabt hatten, war zerrissen. Zumindest glaubte er das. Wie sollte er auch wissen, dass das Gegenteil der Fall war? Nur weil Jason noch immer den Status hatte, den Cai ihm gewährt hatte, ignorierte der Vampir den Kater. Bei jedem anderen wäre es ihm egal – aber nicht bei Jason. Und so waren seine Schritte kaum merklich langsamer, als er an dem Gehege vorbei ging. Er wusste nicht einmal, was er hätte sagen sollen und das einzige Gehege, was noch frei war, lag ausgerechnet dem von Ranu gegenüber, so dass Jason gut beobachten konnte, was Cai tat.

Er fragte sich, was Cai dort wohl machte, denn das Gehege war leer. Es dauerte eine Weile, bis ihn die Erkenntnis wie ein Blitz durchzuckte. Cai guckte nach, ob das Gehege für ein neues Exponat bereit war. Das machte er immer. Er sah zu Ranu, der im Gras lag und wandelte sich wieder in einen Menschen. „Bin gleich wieder da“, erklärte er dem Jungen und strich ihm über den Kopf. Er hatte das ungute Gefühl, dass ihm die Antwort nicht gefallen würde, wenn er Cai fragte, wer dort einziehen sollte, aber er musste es wissen. Darum ging er zu dem Gehege gegenüber und stellte sich in die Tür. „Wer soll hier rein?“, fragte er.

Cai hatte den Kater kommen hören und so wandte er sich auch nicht um, als er weiter die Wände abschritt und die Zimmer inspizierte. Er aktivierte die Fußbodenheizung für den Schlafplatz und die Lüftung. „Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig, Jason. Du hast deinen Willen bekommen.“ Dann nahm Jason seine Sprechgarnitur und wandte sich an den Chef der Wache, die die Eindringlinge ebenfalls im Visier hatten. „Holt sie her. Die Menschen in die Verwahrung, die Katze in den Quarantäne-Trakt.“

Cais Worte waren wie ein Schlag ins Gesicht und Jason hatte kurz das Gefühl, dass ihm jemand die Luft abdrückte. Deutlicher hätte der Vampir ihm nicht zeigen können, dass er ihn nicht mehr um sich haben wollte. Mehr noch, dass er ihn verachtete. Wie erstarrt stand der Puma da. „Ja, du bist mir wohl keine Rechenschaft schuldig. Seinem Eigentum gegenüber muss man keine Rechenschaft ablegen“, sagte er leise, denn nichts anderes war er mehr. Ein Spielzeug, das nur dazu da war, ein Teil einer Sammlung zu sein.

Irritiert über diese Worte sah sich Cai nun doch um und ignorierte, dass der Puma nackt in der Tür stand. „Du hast es wirklich raus, einem die Worte im Munde umzudrehen, Jason. Wirklich – ganz großes Talent. Ich kann sagen, was ich will, es wird immer das falsche sein, weil du nur hörst, was du hören willst. Fühl dich als Eigentum, wenn’s dir dabei bessergeht, aber ich habe keine Zeit. Ich muss mich um ein paar Eindringlinge kümmern. Dann komme ich gern vorbei und du kannst weiter machen.“ Cai knurrte, denn entgegen seinem Willen hatte der verdammte Kater es ein weiteres Mal geschafft.

„Ich kann also gehen, wann immer ich will? Ich kann diese Insel verlassen?“, fragte Jason. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah den Vampir herausfordernd an, denn langsam wurde er ärgerlich. „Denn das glaube ich nämlich nicht, aber darum geht es hier gar nicht.“ Jason seufzte und sah zu Ranu, der angespannt und zitternd in seinem Gehege saß und sie beobachtete. „Er hat Angst, Cai. Er weiß nicht, wo er ist, warum er hier ist, was mit seiner Familie ist. Er ist erst fünfzehn. Ich habe versucht ihn zu beruhigen und ihm zu versichern, dass ihm hier nichts geschehen wird, aber er hat trotzdem eine Höllenangst.“ 

„Die Höllenangst wird sich gleich geben. Sein Papa ist gerade draußen. Ich richte das Gehege für den Leoparden her“, entgegnete Cai lapidar, doch dann sah er Jason fest in die Augen, denn der Kater hatte den Bogen jetzt wirklich überspannt. „Und was dich angeht, Jason, geh. Ich habe keine Lust mehr auf deine ständigen Sticheleien und deine miese Laune. Du hast mir klar gemacht, warum ich meine Exponate eigentlich nur als Katzen in meiner Nähe dulde. Ich sage Chao Bescheid, er wird dafür sorgen, dass du freies Geleit bekommst.“ Dann wandte sich der Vampir ab – er war wütend, wie er es nicht in Worte fassen konnte.

Jason stand wie vom Donner gerührt da und sah Cai hinterher. Er konnte nicht glauben, was er gerade gehört hatte. Cai wollte ihn nicht mehr auf der Insel haben? „Cai...nein...“, rief er leise und streckte seine Hand nach dem Vampir aus. Er wollte doch gar nicht weg. Aber er kam nicht mehr dazu, das zu rufen, denn um sie herum brach die Hölle los. Eine Explosion sprengte die Tür zu diesem Gang weg und das ganze Gebäude erzitterte.