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Zyklus VIII - Eve 01 - Teil 1-3

Terra 3.0 – Zyklus 8 – Eve 01 

01 

Die Sonne war gerade erst aufgegangen, doch Graham kam es so vor, als stünde er schon seit Stunden hinter der Scheibe und starrte auf das weite Meer. Eine Hand am Glas blickte er auf den silbernen Spiegel. Ruhig lag das Wasser. Erschreckend ruhig. Die letzten Tage und Nächte hatte das Meer ihre schwimmende Kuppel auf den Kämmen der Wellen tanzen lassen und in den Wellentälern gerollt. Einmal mehr hatten sie die Sorge gehabt, dass ihre Kuppel das nicht überleben würde. Groß war sie nicht mit ihren zweitausend Hektar überglastem Lebensraum.

Wie lange war das jetzt her, dass sie diesen Prototypen aus der Werft der Gottgleichen entwendet hatten? Wie lange war es jetzt her, dass ihre Gruppe aus überzeugten Naturanhängern alle Ketten zur sogenannten Zivilisation abgebrochen hatte?

„15 Jahre“, flüsterte Graham leise. Er war damals fast noch ein Kind gewesen, gerade achtzehn Jahre. Am eigenen Leib hatte er erfahren – schmerzlich erfahren – was es hieß, wenn die Familie zerbrach. Sein großer Bruder, ein hoffnungsvoller junger Akademiker hatte sich von denen anwerben lassen, die glaubten, mit ihren Planspielen die Welt in eine bessere Zukunft führen zu können. Graham wusste bis heute nicht, ob Alaster so blind oder so verblendet gewesen war, den Gottgleichen nicht nur zu folgen, sondern wie ein Komet in deren Führungsriege aufzusteigen. Was auch immer es gewesen war, er hatte es vorgezogen, seinen Bruder allein in Philadelphia zurück zu lassen und nach San Francisco GX zu gehen.

Graham war als verbitterter junger Mann zurück geblieben, mit nichts als dem Wunsch beseelt, diese Organisation zu zerschlagen und seinem Bruder zu zeigen, dass man Leben weder manipulieren noch einsperren durfte. Die Natur fand immer einen Weg sich zu rächen.

Schnell nach Alasters Verschwinden war der suchende Graham auf eine kleine Gruppe gestoßen, die sich unter der Hand die Green Warriors nannten. Männer und Frauen, die daran glaubten, dass man der Natur besser nicht ins Handwerk pfuschte, wenn man nicht wollte, dass deren Rache eines Tages unaussprechlich wurde.

Wie ein Film lief die Erinnerung vor Grahams innerem Auge ab, wie sie in einer dunklen mondlosen Nacht in die Werft eingedrungen waren. Von James hatten sie erfahren, was die Gottgleichen dort geschaffen hatten. James war Konstrukteur in der Imhotep Ltd. gewesen. Zwei seiner Brüder waren Schiffsbauer. Sie hatten das Werden und Entstehen der Eve 01 begleitet und ihre Truppe immer wieder darüber unterrichtet. Oft hatten sie abends in ihrem Versammlungshaus darüber fantasiert, was sie machen würden, wenn sie die Chance hätten, allem was sie knechtete, den Rücken zu kehren.

Und da war sie - die Chance, das wahr werden zu lassen, wovon sie geträumt hatten.

Es waren nur wenige unter ihnen, die nicht schon hatten rekrutiert werden sollen: Wissenschaftler, Ärzte, Techniker. Sie alle passten in das Beuteschema der Gottgleichen, sie waren in den Augen der Wahnsinnigen die Elite der Menschheit, aus der die Gottgleichen ihren Kader schmiedeten. Graham, der gerade ein Studium zum Biologen begonnen hatte, war schon deswegen interessant gewesen, weil sein Bruder dem Kopf der Organisation angehörte. Doch wie der Rest ihrer Gemeinschaft hatte er den Männern, die ihn hatten befragen wollen, eine Abfuhr erteilt. Er glaubte, an eine bessere Welt, an eine, in der jeder Mensch gleich viel wert war, weil jeder ein nützliches Mitglied ihrer Gemeinschaft war.

Und so hatten sich zweihundert überzeugte Green Warriors auf den Weg zur Werft gemacht, die wenigen Wachen, die das Areal beschützten, ohne Blutvergießen ausgeschaltet und waren an Bord gegangen. James kannte Eve 01 in- und auswendig. Er war ihr Steuermann geworden. Sie waren damals noch nicht aus dem Hafen gewesen, da hatte James gespürt, dass das Boot ihm nicht gehorchte. Die Gottgleichen waren beileibe keine dummen Menschen, eher im Gegenteil. Sie waren intelligent und in ihrem Glauben, mit ihrem Intellekt dem Rest der Menschheit überlegen zu sein, hatten sie sich über sie erhoben. Niemals würden sie etwas so bedeutendes wie Eve 01 ungesichert lassen. So war James und seinen Männern nichts anderes übrig geblieben, als Eve von den Schaltkreisen abzukoppeln, die den Gottgleichen Zugriff auf die Steuerung ermöglicht hatten.

Was dann allerdings zur Folge hatte, dass sie nur noch bedingt auf die Steuerung von Eve 01 zugreifen konnten. Sie hatten nicht sehr leistungsstarke Steuerdüsen, mit denen sie im Notfall die Richtung ein wenig selbst bestimmen konnten. Ansonsten mussten sie ihre Kuppel den Strömungen überlassen, was sie schon in den vergangenen 15 Jahren durch alle Weltmeere getrieben hatte. An sich hatte das niemanden gestört, aber leider war es so auch unmöglich irgendwo anzulanden und das war ihr eigentlicher Plan gewesen. Sie hatten geplant sich ein neues Zuhause zu suchen und die schwimmende Kuppel erst einmal Transportmittel und Übergangslösung. Doch aus der Übergangslösung schien eine Endlösung geworden zu sein. Graham seufzte und strich sich das schwarze Haar zurück. Er sollte es wieder einmal schneiden lassen, auch wenn seine Tochter das ganz anders sah. Sie fand, ihm stand es, die langen Fransen bis zum Kinn zu tragen, er selbst fand es nur hinderlich. Veronica hatte seine Haare auch immer geliebt und er hatte es geliebt, wenn sie mit ihren langen schlanken Fingern hindurch gestrichen war. Doch das tat sie schon lange nicht mehr, sieben Jahre nicht mehr, seit ihrem tragischen Tod in einer der Aquakulturen. Es war ein Unfall gewesen, sie wussten bis heute nicht genau, wie es passiert war. Doch das war egal – Veronica war tot und er und Lynn waren allein.

Es war schade, dass seine Tochter ihre Mutter nur so wenige Jahre um sich gehabt hatte. Dabei war Veronica so glücklich gewesen, als sie endlich schwanger geworden war. Die Ärzte hatten ihr gesagt, dass sie wahrscheinlich nie Kinder bekommen könnte und dann geschah das Wunder. Sie war so glücklich gewesen und dann musste sie ihre geliebte Tochter schon nach fünf Jahren verlassen. Graham lehnte die Stirn an die kühle Kuppel und riss sich von seinen Erinnerungen los. Seine Pause war vorbei und er musste zurück zu den Aquakulturen. Bei den heftigen Wellenbewegungen war einiges durcheinander gekommen und er musste das System gründlich prüfen. Eines der Taue hatte sich gelockert und die unter Glas gehaltenen Seegraspflanzen und der Tang drohten zu tief zu rutschen, und nicht mehr effektiv das Sonnenlicht einfangen zu können. Es nutzte also nichts. Er stieß sich vom Geländer ab und dabei fiel einmal mehr wie so oft in den letzten 15 Jahren sein Blick auf die Aufbauten der Kuppel. Der Wohntrakt erstreckte sich über neun Etagen, doch bildete er keinen Klotz sondern war Lichtdurchflutet. Jede Etage stand auf Stelzen über der anderen, so dass dazwischen das Sonnenlicht eingefangen und genutzt werden konnte. Für Kollektoren für Strom, aber auch für kleine Vorgärten. Jeder noch so kleine Zipfel auf Eve 01 wurde bestmöglich genutzt.

Langsam stieg Graham die Treppen runter zum Mittelschiff, wo die Aquakulturen untergebracht waren. Er ging zu seinem Kollegen Greg, der heute mit ihm zusammen Schicht hatte. „Komm, lass uns nach dem Tau sehen und gleich die anderen überprüfen, wenn wir schon einmal dabei sind. Die halbjährliche Inspektion war sowieso bald fällig.“

„Pause schon um?“ Greg sah sich um, als er die Stimme hinter sich hörte. Er hatte gerade die Wasserqualität der Becken geprüft. Noch immer war das sie umgebende Wasser so verstrahlt, dass es nicht ratsam war, es ungereinigt ins Schiff zu holen, um damit ihre Nahrungsmittel zu wässern. Also mussten sie regelmäßig prüfen, ob die Filter- und Reinigungsanlagen noch funktionierten. Wenn diese einmal ausfielen, dann war die Produktion hin. Schlimmer noch. Dann hatte die Strahlung das Schiffsinnere erreicht. Das mussten sie unter allen Umständen verhindern.

„Du kennst das doch. Kaum hat man Pause, rennt die Zeit.“ Graham lachte und schlug Greg freundschaftlich auf die Schulter. Er arbeitete gerne mit seinem Freund zusammen und da er die Schichtpläne machte,  war das auch eigentlich immer der Fall. Sie arbeiteten in drei Schichten und im Laufe der Jahre hatten sich feste Teams gebildet. „Geh schon mal vor, ich hol das Werkzeug. Aber versuch nicht wieder das Tau alleine hochzuziehen. Du verrenkst dir wieder den Rücken.“

„Hey!“ rief Greg und grinste, doch er wusste, dass er sich daran doch lieber halten würde. Die letzte Heldenaktion hatte er mit einer Woche Dienstausfall quittiert bekommen, denn er hatte sich einen Hexenschuss geholt, der mit Spritzen kuriert werden musste. Und es gab weniges, was Greg mehr hasste als Spritzen. „Nochmal bekommt Christopher nicht die Chance, meinen blütenweißen Hintern zu sehen, nur um da wieder so eine fiese Spritze reinzujagen!“ Das hatte Greg sich vorgenommen, denn ihr Schiffsarzt liebte, es Spritzen zu verteilen, vor allem an Leute, die das gar nicht mochten – so wie Greg. Dass er sein Bruder war, spielte dabei bestimmt keine Rolle.

„Das wollte ich hören“, lachte Graham und ging zum Werkzeugschrank. Wie immer war jedes Werkzeug an seinem Platz, so musste er nur die Kiste greifen und konnte zu seinem Kollegen gehen. Greg hatte natürlich nicht tatenlos warten können. Aber das war in Ordnung, denn er hatte schon mal soweit alles vorbereitet, dass sie die Hebevorrichtung nur noch einhängen mussten Das war schnell erledigt.

„Pass auf deine Finger auf, die werden noch gebraucht“, sagte Greg knurrend, weil Graham sich an der Aufhängung zu schaffen machte. Doch sie hatten Glück. Das Tau rastete in seine Vorrichtung und das Becken war wieder stabilisiert. Also machten sie sich anschließend daran, alle Halterungen der Becken zu prüfen und falls notwendig zu justieren. So vergingen die nächsten zwei Stunden und allmählich kam wieder Leben in die Sektion.

„So, erledigt.“ Graham wischte sich den Schweiß von der Stirn und packte das Werkzeug wieder zusammen. „Für so eine alte Dame ist unsere Eve noch ganz gut in Schuss.“ Graham hing an ihrer Kuppel. Sie hatte ihnen die letzten fünfzehn Jahre Obdach und Nahrung geliefert und eine Heimat.

„Ja, und wir sollten zusehen, dass das noch eine ganze Weile so bleibt, denn sonst haben wir ein Problem.“ Greg rollte sich die Ärmel auf. Auch er war ins Schwitzen gekommen. Am besten ging er gleich duschen und richtete sich her. In einer Stunde hatte er eine Audienz bei seiner Mutter. Alice war die Matriarchin des Schiffes. Sie hatten sich gemeinsam für die Staatsform der Monokratie entschieden, weil auch ihnen klar war, dass der Mehrheitsentscheid nicht immer die beste Lösung war. Was nicht hieß, dass Alice nicht auf die Belange ihrer Mitmenschen Rücksicht nahm, doch ihr Wort war das, was Gewicht hatte, wenn sich kein Mehrheitsentschluss herbeiführen ließ. Greg war ihr jüngster Sohn, noch unverheiratet und eigentlich studierter Jurist. Er war bei schwierigen Fragen oft Beisitzer.

„Jetzt haben wir doch erst mal alles gecheckt und ich finde, bei zwanzig Tauen, nur eines leicht defekt, ist ein guter Schnitt.“ Graham brachte das Werkzeug weg und streckte sich, dass die Wirbel knackten. „Ich geh nach Hause. Lynn wartet auf mich. Ich habe ihr versprochen, heute mit ihr schwimmen zu gehen. Das war schon lange geplant, aber immer kam etwas dazwischen.“

„Du solltest die junge Dame nicht enttäuschen, Graham“, sagte Greg und zwinkerte. „Sonst brennt sie mit Iowa durch. Man boxt sich neuerdings gegen die Schulter. Du weißt ja, was das in dem Alter heißt.“ Greg grinste und machte, dass er weg kam, während Graham langsamer die riesige überglaste Halle verließ. Er traf unterwegs ein paar aus seinem Team und sie hielten ein Pläuschchen. So erfuhr er dass, Phyllis, die im Moment im Steuerhaus saß und das Sonar beobachtete, immer wieder merkwürdige Schatten bemerkt hätte. Doch sie waren nie näher als drei Kilometer gekommen und dann wieder abgedreht. Das ging jetzt schon seit ein paar Tagen so, was sie allmählich merkwürdig fand.

 

„Bin da-ha“, rief er laut, als er die Tür zu seiner und Lynns Wohnung aufschloss. Im Eingang standen schon zwei gepackte Taschen. Wie eine stumme Erinnerung an sein Versprechen. „Dad“, rief seine Tochter und kam lachend auf ihn zugelaufen, so dass er sie einfangen und umarmen konnte. „Du hast Glück, du bist pünktlich“, lachte sie und küsste ihn auf die Wange. Sie war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten und so war es für Graham immer wieder ein wenig schmerzlich, wenn er in ihre leuchtend grünen Augen sah und ihr sanft durch die dicken blonden Locken strich. „Glaubst du denn ich bin lebensmüde, nachdem du mir ein Ultimatum gesetzt hast?“

„Ich war mir nicht sicher, ich traue dir alles zu. Du vergisst über deine Arbeit gern mal was“, sagte sie, schmiegte sich aber fest an ihren Vater. „Nur mich vergisst du nur ganz, ganz selten und dafür hab ich dich lieb.“ Sie hatte nur noch ihn und die erste Zeit allein zu zweit war schwer für sie gewesen. Für sie war immer ihre Mutter der Bezugspunkt gewesen. Nicht dass sie keinen Kontakt oder keine Verbindung zu ihrem Vater gehabt hätte, doch sie hatte die Bindung zu ihrer Mutter mehr gespürt als zu ihrem Vater. Nun hatten sie sich zusammen raufen müssen. Es war für sie als kleines Mädchen nicht leicht gewesen. Es gab heute noch Themen über die sie ungern mit ihrem Vater sprach. Doch das waren nicht viele, denn ihr Verhältnis hatte sich nicht nur verbessert, es hatte sich gefestigt.

„Wie sollte ich meinen Sonnenschein vergessen?“, lachte Graham leise und küsste seine Tochter auf die Stirn. „Lass mich nur eben duschen und was anderes anziehen. Ich habe mich so beeilt nach Hause zu kommen, dass ich das nicht mehr geschafft habe und so verschwitzt möchte ich nicht schwimmen gehen.“ Mit Lynn, die sich an ihn klammerte ging er tiefer in die Wohnung und setzte seine Tochter auf dem Küchentresen ab. „Bin gleich wieder da.“

„Wir gehen doch eh ins Wasser, was willst du da jetzt noch duschen?“, murmelte sie über die Verzögerung, doch sie sah ein, dass das keinen Sinn hatte. Ihr Vater war schließlich schon im Bad verschwunden. So saß sie da und baumelte mit den Beinen, ihr Blick fiel raus auf das Meer. Sie hatte von den Älteren gehört, dass es noch etwas anderes geben sollte, festes trockenes Land, doch Lynn konnte sich das nicht vorstellen. So lange sie denken konnte, hatte sie um sich immer nur das glitzernde Nass gesehen, das so schön und doch tödlich war. Gefangen in ihrer Freiheit sagte Alice immer. Doch Lynn verstand es nicht.

„Fünf Minuten sind rum“, brüllte Lynn nach einer Weile. Sie langweilte sich und musste grinsen, als sie ein entnervtes „Ja, ja“, aus dem Badezimmer hörte. Ein paar Sekunden später öffnete sich die Tür und Graham flitzte in sein Schlafzimmer. „Wir können los“, rief er über die Schulter und stand auch in null Komma nichts neben seiner Tochter.

„Geht doch“, sagte Lynn zufrieden. Sie griff sich die Tasche mit dem Badezeug und gemeinsam verließen sie die Wohnung. Sie gingen einen luftigen Steg entlang, der sie zu einer Treppe führte. Sie stiegen hinab und dann führte sie ihr Weg an der gläsernen Kuppel entlang zum Heck des Schiffes, dort wo ein großer Pool eingebaut worden war. Man hörte und sah, dass dort einiges los war. Schließlich war Wochenende, die Kinder hatten keinen Unterricht und ein Teil der Erwachsenen hatte auch frei.

Sie strahlte, als sie ein paar Freunde von sich entdeckte und Graham grinste. „Geh ruhig zu ihnen, ich suche uns ein Plätzchen, wo wir uns hinlegen können. „Du hast mir doch bestimmt was zum Lesen eingepackt.“ Er zwinkerte seiner Tochter zu, die leicht rot und verlegen wurde. „Kann sein, dass das Buch, das du gerade liest, in deiner Tasche ist“, nuschelte sie und grinste schief.

„Verstehe“, sagte Graham und wippte mit den Augenbrauen. Während er die Taschen an sich nahm, schlenderte Lynn etwas unbeteiligt und in erst großen – dann enger werdenden – Bögen auf eine Gruppe zu. Ihre Freundinnen waren alle da und kicherten. Und zwischen ihnen saß auch Iowa, der Junge, der in Mathe vor ihr saß, der den sie so süß fand und der irgendwie immer unbeteiligt wirkte. Nervös kaute sie auf ihrer Lippe und zuckte, als Tigris sie rief.

„Lynn, hier sind wir“, rief sie laut und winkte lachend. Sie waren schon seit einer Stunde hier und sie hatte immer wieder nach ihrer Freundin Ausschau gehalten. Ohne Lynn war ihre Clique nicht komplett. Sie zog Lynn an sich und schielte auffällig unauffällig zu Iowa rüber. Schließlich wusste sie, dass Lynn für den ruhigen Jungen schwärmte und leider war sie da nicht die einzige. Auch Ines, die ein Jahr älter war als sie, hatte sich den Blonden ausgesucht. Er war ja auch eine Augenweide, doch leider war Iowa ein absoluter Einsiedler. Dass er hier war, hatten sie nur Ron zu verdanken. Iowa hatte eine Wette verloren und das war der Preis gewesen, sonst hätte man den großgewachsenen jungen wohl heute wieder in der Bücherei finden können.

„Warum ist er denn hier?“, fragte Lynn ganz aufgeregt und verdrehte sich fast die Augäpfel so sehr versuchte sie, sich nicht nach Iowa umzusehen. „Und was macht die blöde Kuh hier?“

„Sie hat mitgekriegt, dass wir uns hier verabredet haben und sie wusste von der Wette, also hat sie sich einfach an uns gehängt“, knurrte Tigris leise und versuchte sich daran die blöde Kuh mit Blicken zu erdolchen. „Aber das Gute ist, dass sie jetzt schon ein Jahr an Iowa baggert und ihn das überhaupt nicht interessiert. Sie ist nur zu blöd es zu merken.“

„Oder er versendet Signale die nur sie versteht und deswegen bleibt sie dran, kann ja auch sein“, murmelte Lynn und rieb sich über die Nase. Um sich abzulenken, streifte sie sich ihr Shirt ab und sah sich einmal suchend um versuchte dabei Iowa nur mit Blicken zu streifen, nicht zu offensichtlich Interesse zu bekunden. Doch als sie sich umsah, bemerkte sie, dass er nur im Schatten unter einem Sonnensegel saß und las. „Holen wir uns was zu trinken, das wird heute auch nichts anderes als sonst.“ Und sie versuchte nicht enttäuscht zu klingen.

„Nicht aufgeben, Süße. Irgendwann knackst du unseren Bücherwurm.“ Tigris legte einen Arm um ihre Freundin und legte ihr kurz den Kopf auf die Schulter. Lynn war hübsch, witzig und die beste Freundin, die man sich wünschen konnte. „Komm wir holen uns eine Limo und dann beratschlagen wir, was wir machen können.“

„Der hängt nur über seinem Palm. So viel kann ein normaler Mensch doch gar nicht lesen, wie der auf das Ding starrt“, sagte Lynn frustriert. Nur kurz sah sie sich nach ihrem Vater um, doch auch der hatte bei ein paar Kollegen Anschluss gefunden und unterhielt sich um einen Tisch sitzend. Doch sie spürte, dass er immer mal ein Auge auf sie hatte. „Mich so plump wie Ines einfach neben ihn zu setzen – das will ich nicht. Aber der guckt ja noch nicht mal hoch. Hat er heute schon mal hoch geguckt?“

„Nur als Ron vorhin neben ihm gesessen hat. Da haben sie sich unterhalten und er hat sogar gelacht.“ Tigris verdrehte schwärmend die Augen und kicherte dann. Sie fand Iowa zwar auch süß, aber sie ließ Lynn gerne den Vortritt. Sie schlenderten zum Kiosk und holten sich ihren süßen Drink. „Willst du Iowa auch einen mitnehmen?“, fragte Tigris und deutete mit dem Kopf auf den lesenden Jungen und zuckte die Schultern. Einen Versuch war es wert.

„Ich weiß nicht“, sagte Lynn und machte sich ganz klein. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie den Schneid nicht hatte. Einfach zu ihm gehen und ihm etwas zu trinken geben – auf die Idee würde sie nie kommen. Sie sah Tigris an. „Ich werd‘s auf seinen Tisch stellen, einen coolen Spruch sagen und weiter gehen. Dann werde ich ja sehen, was passiert. Stehen bleiben und abblitzen – dafür habe ich keinen Nerv.“ Ihre Finger zitterten leicht, allein bei der Vorstellung. Und warum glotzte Ines so blöd zu ihnen rüber?

„Ja, warum nicht. Wenn er es nicht mitkriegt, ist es auf jeden Fall nicht peinlich für dich.“ Tigris ging noch einmal zurück und holte noch einen Becher. „Los, Süße. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, machte sie ihrer Freundin Mut und stupste sie leicht mit der Schulter an.

„Hey, nicht drängeln. Wenn ich zu früh da bin, weiß ich noch nicht, was ich sagen will und dann wird es auf jeden Fall peinlich. Schon allein weil mich die blöde Kuh schon wieder im Visier hatte.“ Langsam ging ihr Ines aber gewaltig auf die Nerven. Hatte die kein eigenes Leben, wenn sie ständig nur andere Leute beobachtete? So spaßig war das ja nun auch wieder nicht. „Was soll ich denn sagen?“ Sie hatte den Becher mit roter Limonade in der Hand und wusste, wenn ihr nicht bald was einfiel, dann war er warm, schmeckte eklig und Iowa würde glauben, sie wolle ihn vergiften. Langsam kroch Panik in ihr hoch.

„Du machst das schon“, machte Tigris ihr Mut. „Sag ihm doch einfach, dass man viel trinken soll, wenn es so warm ist.“ Sie wusste doch auch nicht, was man dann so sagte und sie war froh, dass sie das auch nicht musste. Aber irgendetwas musste passieren, denn so ging das einfach nicht weiter.

„Hm“, knurrte Lynn und fing kurz den Blick ihres Vaters auf. Doch dann sprach sie sich wieder Mut zu. Es nutzte nichts. Sie hatte die Limonade gekauft und jetzt musste sie auch an den Mann gebracht werden, ehe sie warm und ungenießbar wurde. Sie versuchte nicht auf Ines zu achten, die sie komisch angaffte und sortierte in ihrem Kopf Worte. Doch egal welche sie in welcher Reihenfolge auch reihte, sie machten alle keinen Sinn oder klangen total bescheuert oder … die Zeit war abgelaufen. Sie stand neben Iowas Liegestuhl, knallte den Becher etwas zu laut auf den Tisch daneben, verschüttete noch die Hälfte weil sie so aufgeregt war und stammelte leise. „Wär‘ schade, wenn du verdurstest.“ Dann huschte sie weiter, hoch rot im Gesicht und peinlich berührt den Kopf gesenkt. Jetzt würde sie gern verschwinden. In einem Loch.

So sah sie nicht, wie Iowa den Kopf hob, erst auf den Becher und dann Lynn hinterher sah. „Danke, ich habe wirklich Durst“, sagte er und ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen. Lynn erstarrte mitten in der Bewegung und drehte sich zu ihrem Schwarm um. Der prostete ihr mit dem Becher zu und lächelte immer noch, was Lynns Herz heftig schlagen ließ. Sie hatte Iowa noch nie so lächeln sehen und das haute sie ziemlich um.

„Gern geschehen“, stammelte sie mit rotem Kopf und flüchtete zu Tigris.

„Was willst du denn hier? Da solltest du jetzt sein – bei dem, der dich gerade angequatscht hat. Bist du verrückt? Was hast du gesagt und was hat er gesagt und was hast du dann gesagt, als er was gesagt hatte. Meine Güte, Lynn jetzt rede!“ Man konnte den Eindruck bekommen, dass Tigris fast noch aufgeregter war als sie selbst.

„Er hat sich bedankt und gesagt, dass er Durst hätte.“ Lynn konnte nicht anders sie musste unter ihrem Pony zu Iowa rüber sehen. Der hatte den Kopf zwar wieder gesenkt und las, aber das Lächeln war immer noch auf seinen Lippen. Sie seufzte leise und nahm selber einen Schluck aus ihrem Becher. „Er ist so süß.“

„Und warum hockst du dann hier und nicht bei ihm. Meine Güte, Lynn, so kann das mit dir doch nichts werden! Da setzt man sich hin, sagt so was wie: hab ich gesehen und fängt ein Gespräch an. Aber so kann das doch nichts werden.“ Tigris setzte sich wieder und trank ebenfalls endlich einen Schluck. Sie war genau so aufgeregt gewesen und hatte nichts runter bekommen.

„Ich kann doch nicht einfach zu ihm gehen und mich zu ihm setzen“, zischte Lynn aufgebracht, aber Tigris verdrehte die Augen. „Er hat gelächelt und das ist schon mehr, als er sonst macht. Los, jetzt geh schon.“ Sie schupste Lynn in Iowas Richtung. „Mach schon.“ Lynn sah sich noch einmal zu ihrer Freundin um und setzte sich dann zögerlich in Bewegung. Sie war fast bei Iowa angelangt, als ein Ruck durch die Kuppel ging und eine laute Explosion zu hören war.

Sofort kam Leben in das Bild. Jeder sah auf. Die Menschen sprangen auf und jeder lief als erstes zum Glas, um zu sehen, ob irgendwo aus dem Schiff Rauch aufstieg.

>>Bleibt ruhig aber sucht eure Quartiere auf. Alle Techniker in Bereitschaft<< kam die Ansage durch die Lautsprecher und auch Graham sah sich hektisch um.

„Was ist das?!“, hörte er Leute rufen.

„Da draußen – was ist das!“

Immer lauter wurden die Rufe, doch sein erster Gedanke galt Lynn.

Er sah sie inmitten ihrer Freunde, wo sie sich mit panischem Gesichtsausdruck an einen Jungen klammerte, auf dessen Schoß sie saß. Er lief zu ihr rüber und rief seinen Kollegen zu, dass er sofort nachkam, wenn er seine Tochter in Sicherheit wusste. „Lynn, alles in Ordnung?“, fragte er seine Tochter und zog sie in seine Arme.

„Ja, was ist passiert?“, fragte sie.

„Ich habe keine Ahnung, aber so wie sich alle an den Scheiben versammeln und die Anweisungen missachten, muss da draußen etwas sein. Lass uns ins Apartment gehen, von dort aus können wir besser sehen. Wenn wir gebraucht werden, wird man uns rufen. Hier sind wir vielleicht nur im Weg“, sagte Graham, die beiden Taschen unter dem Arm und Lynn an der Hand. Er spürte, wie die aufkommende Panik auch ihn ergriff, doch er musste Ruhe bewahren und sich informieren, das konnte er am besten von seinem Terminal im Apartment aus.

Er spürte wie Lynn an seiner Hand zögerte und sah sie an. „Was ist los?“ fragte er und sie sah in die Runde. Erst dann nahm Graham die anderen Teenager wahr, die  völlig verängstigt aussahen. „Kommt alle mit. Ihr könnt eure Eltern von unserem Appartement anrufen und erst einmal dort bleiben“, rief er in die Runde und alle packten eilig ihre Sachen.

„Bleibt zusammen, nicht bummeln! Lynn, du gehst vor. Hier ist der Schlüssel, ich pass auf, dass keiner zurück bleibt.“ Graham strich ihr kurz durch die Haare und gab ihr die Schlüsselkarte. Während die Kinder an ihm vorbei liefen, blickte er kurz zur Kuppel und aufs Meer. Noch immer standen viele dort und starrten, zeigten, schrien. Das machte ihn ganz wahnsinnig. „Nicht stehen bleiben, lauft“, sagte er zu zwei Mädchen.

Ihnen kam kaum jemand entgegen, so dass sie schnell in ihrem Appartement angekommen waren. Graham schloss die Tür und ließ sich dagegen sinken. Sein Herz klopfte wie wild und er versuchte sich zu beruhigen. „Immer zwei können gleichzeitig“, rief er ins Wohnzimmer, wo Lynn die Kids hingeführt hatte. Er eilte zu seinem Terminal und schaltete es für Anrufe frei, so dass einer nach dem anderen versuchen konnte, seine Eltern zu erreichen. „In der Küche ist Wasser und kalter Tee, wer Durst hat, kann sich bedienen“, sagte er und beobachtete die Kinder. Sie sahen verängstigt aus und fragten immer wieder, was passiert war. Doch Graham wusste es auch nicht. So trat er ans Fenster.

Was schwamm da im Wasser?

Waren das Menschen? Warum waren sie im Wasser?

„Das sind keine Menschen – was ist das?“, flüsterte er leise und schluckte hart.


02 

Bahadur schreckte hoch, als auf einmal ein Alarm losging. Er hatte es sich auf der Brücke des Bootes gemütlich gemacht, weil er es faszinierend fand die Wasserwesen von hier zu beobachten, wenn sie in das Licht der Außenscheinwerfer gerieten. Hektisch sah er sich um, ob er vielleicht unabsichtlich den Alarm ausgelöst hatte, aber das war eigentlich nicht möglich, weil er nichts außer der Scheibe berührt hatte. „Ich habe nichts berührt“, rief er Archiaon zu, der mit Meodin und den anderen Mitreisenden im Schlepptau auf die Brücke gelaufen kam.

Vor nicht einmal sieben Stunden waren sie aufgebrochen. Bahadur, sein General und ein paar von Erdogans Männern waren auf dem Weg zurück ins Reich der Jiang Shi. Doch sie nahmen einen Umweg über Atlantis Nord 035, weil Meodin sein kleines Patenseepferdchen Gerry besuchen wollte und auch Idya sehr lange nicht gesehen hatte. Außerdem hatte sich das Trio Infernale die letzten Tage sehr zivilisiert verhalten, weswegen auch Diego und Dylan dabei waren. Ebenso ein paar Mediziner, die in Atlantis ein paar Untersuchungen machen wollten und ein paar Techniker, die in einigen der kleineren Kuppeln, die Atlantis Nord 035 umgaben, ein paar Reparaturen durchführen wollten. Atlantis und Neo New York pflegte regen Austausch, weswegen auch immer eines der Boote in Atlantis stationiert war. Das würden die Neo New Yorker für den Heimweg nutzen, wenn die Jiang Shi bereits auf dem weiten Weg nach Osten waren.

Allerdings war es fraglich, ob überhaupt jemand dort ankam, wo er hin wollte, so wie der Alarm tönte und die roten Lampen blinkten.

>>Kurskorrektur eingeleitet<<, erklärte das System.

„Was?“, fragte Meodin verwirrt und Connor neben ihm sah sich ebenfalls suchend um.

„Sind wir irgendwo gegen gefahren? Das dürfte doch eigentlich nicht sein“, knurrte Archiaon.

„Wir fahren noch und es hat auch nicht geruckelt oder so was, bevor der Alarm los ging“, berichtete Bahadur, der versuchte, in der Schwärze des Wassers etwas zu erkennen, „aber so wie es aussieht, schwenken wir nach rechts und wir steigen höher. Ist es schon mal passiert, dass das Boot selbsttätig den Kurs geändert hat?“

„Nein, zumindest bei uns noch nicht“, sagte Archiaon und rief die digitalen räumlichen Karten auf.

„Elaios, komm her“, forderte der Senator und drückte seinen Schatz auf den Stuhl vor dem Raummodel. „Halte die Augen offen, ich sehe zu, dass ich Sonar und Radar einschalten kann. Das haben die Boote, das weiß ich, wir haben es bisher nur nicht genutzt, weil das Boot selbsttätig den Kurs hält.“

„Kann ich helfen?“, fragte Bahadur. Es war schwer für ihn, einfach nur dabei zu stehen, wenn etwas schief lief.

„Behalte die Umgebung im Auge. Vielleicht sehen wir ja noch, was den Kurswechsel ausgelöst hat.“ Archiaon sah nicht auf, sondern sah über die Schaltknöpfe auf dem Steuerstand.

„Ich helfe dir.“ Akuma stellte sich neben Bahadur. Zu zweit konnten sie ein größeres Gebiet abdecken.

„Wartet mal“, sagte Archiaon und drückte einen Knopf. Allmählich schob sich plötzlich die Decke zurück und legte Glas frei. So konnten sie direkt über sich sehen und merkten, wie es allmählich heller wurde. Sie näherten sich also der Oberfläche.

War das schlecht?

Waren sie hier sicher?

„Da ist irgendwas!“, rief plötzlich Elaios ganz aufgeregt und schoss hoch. Er lief durch das Hologramm und deutete auf etwas. „Was ist das, viele kleine … Sharker?“, überlegte er. Aber die trafen sie nicht zum ersten Mal, das Boot hatte deswegen noch nie die Richtung geändert.

„Ja, das sind Sharker.“ Archiaon kam zu Elaios und holte tief Luft. Es war ungewöhnlich, dass die Boote an die Oberfläche fuhren und es machte ihm Sorgen.

„Faszinierend“, murmelte Bahadur. Bisher hatte er nur von den Mischwesen gehört, die die Gottgleichen im Meer geschaffen hatten.

„Faszinierend, aber gefährlich“, murmelte Elaios. Er hatte noch nicht viele Zusammenstöße mit den Wesen gehabt, doch die, die er gehabt hatte, hatten ihm völlig gereicht.

„Was treiben die hier oben? Das macht keinen Sinn. Hier oben ist nichts und sie schwimmen nicht einfach nur zum Spaß an die Oberfläche. Der Druckunterschied ist auch für sie nicht zu unterschätzen. Es gibt hier keine Beute, und es gibt hier nichts …“

„Das da würde ich nicht gerade nichts nennen“, murmelte Akuma und starrte durch das Glasdach nach oben. Ein riesiger Schatten lag über dem Wasser.

„Heilige Scheiße, was ist das?“ Elaios guckte nach oben, wie alle im Raum. Da war definitiv etwas sehr großes über ihnen und es kam immer näher, denn das Boot fuhr genau darunter. Sie fuhren jetzt nicht mehr, sondern stiegen nach oben. >>Notsignalquelle erreicht<<, teilte die Schiffsstimme mit und alle fuhren herum.

„Was? Das Ding hat ein Notsignal gesendet und das Boot hat reagiert oder was?“, wollte Akuma wissen und blickte wieder nach oben. Er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache.

>>Archiaon, Bahadur. Meldet euch<<, hörte man plötzlich auch noch Ewans Stimme aus dem Lautsprecher des Funks. >>Im Dock ist die Hölle los, zwei der Boote machten klar zum Auslaufen. Wir werden sie besetzen und sehen, was los ist. Nicht das wir sie ganz verlieren.<<

„Sie reagieren auf ein Notsignal, das etwas über uns aussendet. Unser Boot reagiert auch und steigt an die Oberfläche.“ >>Andocken wird vorbereitet<<, meldete sich wieder das Schiff und man hörte ein Reihe von Geräuschen. Es hörte sich an, wie eine schwere Apparatur, die in Position gebracht wurde und einrastete.

„Was ist denn hier los?“ Archiaon richtete sich auf und sah sich um. „Meo, nimm Diego und Dylan und verschwindet. Ich weiß nicht, was jetzt passieren wird. Ich will nicht, dass – was auch immer auf dem Ding da oben noch existiert – hier rein kommt und euch was tut. Also verschwindet und versteckt euch.“ Dann war er mit den Dreien fertig und er sah seine Männer an. „Ich weiß nicht, was jetzt passieren wird, sind wir auf alles gefasst.“ Nervös strich er sich durch die Haare.

>>Wusstest du, dass diese Boote dreimal so schnell schwimmen können wie wir dachten?<<, hörten sie Ewan aus den Lautsprechern.

Bahadur und Akuma sahen sich an und nickten. „Wir holen unsere Waffen.“ Sie hatten zwar nicht viel im Gepäck, aber es musste reichen, um Eindringlinge eine Weile in Schach zu halten. Sie liefen in ihre Kabinen und Akuma würde das erste Mal nach seinem Unfall wieder das Serum nehmen.

„Wir bewaffnen uns ebenfalls“, erklärte Thom und hieß seine Männer ihm folgen. Sie waren zwar keine Soldaten, doch auch sie hatten gelernt ihr Leben zu verteidigen.

„Elaios, du hältst auf der Brücke die Stellung. Ich werde mit Bahadur und Akuma nachsehen, wo wir gelandet sind, wer uns gerufen hat und was sie von uns wollen.“ Kurz küsste er seinen Schatz, dann war er auch schon unterwegs.

>>Was ist bei euch los?<<, fragte Ewan und er hörte sich angespannt an.

„Das Schiff hat angedockt, an dem, was über uns ist. Alle machen sich kampfbereit, weil keiner weiß, was uns erwartet“, berichtete Elaios. Es gefiel ihm nicht hier zur Untätigkeit verbannt zu sein, aber er verstand, warum Archiaon ihn hier gelassen hatte. Jemand musste den Kontakt zu ihren Leuten halten, sollte wirklich etwas passieren. Also berichtete er Ewan haarklein, was in welcher Reihenfolge passiert war und schaltete alle Kameras, die das Schiff hatte auf seine Monitore.

„Im Wasser sind Sharker. Aber sie können nicht der Grund gewesen sein. Es scheint als hätten sie das Ding über uns – was immer es ist – ebenfalls angegriffen. Sie schwimmen jetzt in weiteren Kreisen, entfernen sich aber nicht.“

>>Wir halten genau auf euch zu, also ist davon auszugehen, dass wir ebenfalls andocken werden. Wir werden uns darauf vorbereiten. Mir macht nur Sorgen, auf was wir dort stoßen werden.<<

Elaios nickte, obwohl Ewan das nicht sehen konnte. Seine Gedanken waren in die gleiche Richtung gegangen. „Wir fahren in Schiffen der Gottgleichen und ich fürchte sie werden nur deshalb auf das Signal reagieren, weil es von Gottgleichen kommt.“

>>Öffnet nicht das Schiff, so lange wir nicht da sind. Wir sind mit zwei Booten ausgelaufen, wir sind vierzig Mann<<, ordnete Ewan an. Erdogan, der seit vier Wochen die Rolle seines Vater übernommen hatte, und Leander, der ihn dabei tatkräftig unterstützte, waren bereits informiert und hatten das Auslaufen der Soldaten angeordnet. Es war beiden unter die Haut gegangen, dass sie nicht an vorderster Front dabei sein konnten. Doch Erdogans Status hatte sich geändert. Er musste das akzeptieren.

Es war ihm unendlich schwer gefallen Meodin alleine auf die Reise gehen zu lassen, aber als Fürst musste er gerade jetzt, so kurz nachdem er die Regentschaft übernommen hatte, bei seinem Volk bleiben.

„Wir werden die Schleuse nicht öffnen, aber wir wissen nicht, ob das automatisch abläuft. Auf jeden Fall sind wir darauf vorbereitet uns zu verteidigen, wenn es sein muss.“ Elaios klang zuversichtlicher als er wirklich war. Das Ding über ihnen war riesig und er ging davon aus, dass dort nicht nur wenige Bewohner lebten. Und dass diese ihnen nicht wohl gesonnen sein dürften, war ihm auch klar. Nur was die Sharker hier wollten, das konnte Elaios noch nicht einordnen. Doch er hielt die Stellung, gab die Informationen weiter, die von Ewan und Archiaon kamen und hatte weiter Sonar und Radar im Auge. Die Sharker umkreisten das Gebilde nur in großen Ringen, sie kamen nicht näher. Was hatte das zu bedeuten?

„Wir sind an der oberen Luke, noch tut sich nichts“, erklärte Archiaon. Gespannt blickte er auf die Knöpfe und Lampen, ob sich etwas tat, was anzeigte, dass die Tür von der anderen Seite oder gar automatisch geöffnet wurde.

>>Gut, hoffen wir, dass es so bleibt. Wir sind wohl in spätestens einer Stunde da.<< Ewan war anzuhören, dass es ihm schwer fiel, so zur Untätigkeit verdammt zu sein, wo seine Leute in Gefahr waren. Und damit meinte er nicht nur die Moles, sondern auch die Neo New Yorker und die Atlanter. Eigentlich auch die Jiang Shi, denn die beiden Soldaten hatten sich seinen Respekt verdient. >>Ich melde mich sofort, wenn sich etwas tut und wenn ich euch sehen kann.<<

„Und wir halten dich über den Status der Luken auf dem laufenden“, entgegnete Elaios und machte plötzlich „huch!“.

„Schatz, ein huch ist gerade nicht das, was ich in unserer Situation hören will – was ist passiert?“, wollte Archiaon von seinem Freund wissen und der murmelte. „Frag mich nicht wie, aber ich glaube die Elektronik des Schiffes hat sich gerade mit Kameras auf dem Schiff gekoppelt. Gib mir die Nummer von dem Monitor, der neben der Luke hängt, dann schicke ich euch Bilder.“ Elaios war einmal mehr fasziniert davon, wie ausgeklügelt diese Technik war. So brillante Köpfe, und sie standen alle im Dienst der falschen Sache.

„Sieben“, kam es sofort von Archiaon. „Was kannst du sehen?“, wollte er wissen.

„Nicht viel. Die Kameras wechseln wohl regelmäßig“, sagte Elaios während er die Bilder zum anderen Monitor rüberschickte. „Mal ist alles ruhig, dann sieht man Menschen durch Korridore laufen. Männer, Frauen und Kinder. Keine Waffen, keine Soldaten bisher.“

„Was?“, fragte Archiaon, doch dann hatte er die Bilder selbst vor Augen. Sie zeigten das, was oberhalb von ihnen passierte. Wie Elaios gesagt hatte, waren nirgendwo Waffen oder Soldaten zu sehen. Hektisch liefen Menschen herum, man sah Wohneinheiten und etwas das aussah, als wäre es eine kleine Kuppel – nur schwimmend. Dort sah man Wasser und Wege und viel Grün, Aufbauten mit Fenstern. „Was ist das?“

>>Egal was es ist, ihr geht erst da hoch, wenn wir da sind!<<, knurrte Ewan, der es manchmal leid war, die Forscher und Wissenschaftler zu bändigen. >>Am besten übernimmt der General die Führung.<<

„Aber...“, wollte Thom widersprechen, doch dann schüttelte er den Kopf und signalisierte sein Einverständnis. Ewan hatte Recht, wenn jemand die Führung übernehmen sollte, dann Soldaten. Akuma nickte und gab allen Zeichen, wo sie sich aufzustellen hatten. „Archiaon, du beobachtest weiter den Monitor.“ Der Senator nickte.

„Elaios, kannst du versuchen die Kameras anzusteuern, das wir gezielt prüfen können, ob wir alle Bereiche dieser Kuppel abdecken können oder ob es Ecken gibt, die uns verborgen bleiben und wo die Waffen und Soldaten lauern könnten. Kannst du Meodin kontaktieren – vielleicht hat der irgendwo die Baupläne von dem Ding.“ Akuma war in seinem Element und das Serum endlich wieder durch seinen Leib strömen zu spüren, war unbeschreiblich. Es gab ihm einen zusätzlichen Kick nach der langen Pause.

„Mach ich.“ Elaios versuchte sofort die Kameras anzusteuern und es klappte auch. „Wir können die Kameras steuern.“ Blöd waren die Gottgleichen nicht, denn die Retter unvorbereitet in den Kampf oder eine gefährliche Situation zu schicken wäre genau das gewesen. „Sagt mir, welche Kameras ich schwenken soll.“ Danach rief er Meodin über die Schiffsanlage, dass er versuchen sollte, mehr über diese Kuppel oder was es auch immer war, heraus zu bekommen. Dazu schickte er die eingehenden Bildsignale weiter, damit Meodin und die Moles in ihrem Quartier sich ein Bild dessen machen konnten, was eigentlich gerade passierte. Ebenfalls ging die Nachricht an Erdogan, damit der auf dem Laufenden war.

„Kannst du prüfen ob du alle Kameras sehen kannst, oder gibt es noch weitere?“, wollte Akuma wissen und betrachtete die Bilder. „Gib mir die Steuerung für die Innenansichten auf das Terminal hier und guck weiter, was du noch auftreiben kannst.“ Thom stand neben dem General und beobachtete ihn nur. Er war gern bereit zu glauben, dass der Kerl auch ohne Waffen tödlich war. Der dachte an alles.

„Ewan – wie lange noch?“, wollte er wissen.

>>Siebenunddreißig Minuten<<, kam es aus dem Lautsprechen.

„Moment“, Elaios Finger flogen über die Tasten. „Ich glaube, wir haben Zugang zu allen Kameras, aber genau kann ich das nicht sagen, weil ich keine Anzeige über die Anzahl der Kameras bekomme. Ich persönlich glaube aber, dass wir alle haben, denn die Gottgleichen würden die Helfer nicht in Gefahr bringen, indem man sie in Bereiche schickt, die nicht eingesehen werden können.“

„Hm“, machte Akuma, doch er war nicht zufrieden. Aber er musste mit dem arbeiten, was er hatte. Also beobachtete er die Menschen oberhalb der Plattform und sah dabei zu, wie sie sich alle versuchten in Sicherheit zu bringen. Das war unlogisch. Verstecken war doch niemals die Lösung. Warum gingen sie nicht in Position? Warum bewaffneten sie sich nicht? Man ließ eine Kuppel doch niemals unbewaffnet, schon gar nicht, wenn sie allein auf dem Wasser herum trieb. Warum also rannten die Menschen durcheinander wie kopflose Hühner, anstatt ihre einzige Heimat zu verteidigen die sie hatten.

„Merkwürdige Leute“, knurrte er, weil er sie einfach nicht verstand.

„Ich konnte bis jetzt keine Waffen oder Soldaten sehen. Aber viele Kinder und Jugendliche. Es sieht fast so aus, als wären sie völlig unbewaffnet.“ Bahadur war das, was er auf den Monitoren sah, genauso unverständlich wie Akuma. „Das ist unlogisch. Nur Narren sind ohne Schutz unterwegs.“

„Vielleicht sind das ja Narren“, knurrte Akuma. Er würde seine Vorsicht noch nicht aufgeben. Allerdings war er hier mit seinem Latein fast am Ende. Gegen Zivilisten konnten sie unmöglich vorgehen. Aber sie mussten erfahren, was passiert war und…

„Hoppla!“, machte Elaios und Archiaon knurrte.

„Schatz, hab ich dir nicht eben gesagt, dass es Wörter gibt, die ich in der aktuellen Situation nicht hören wollte?“

„Da war von huch die Rede gewesen und nicht von hoppla“, sagte Elaios, beeilte sich aber eine der Unterwasserkameras, die das Boot hatte, auf den Monitor der anderen zu schicken. Die Sharker versuchten den Antrieb des Bootes anzugreifen. „Ich schätze mal, das ist der Grund warum die Kuppel die Boote gerufen hat – sie hat Parasiten.“

„Diese elenden Sharker“, knurrte Archiaon. „Warum greifen sie diese Kuppel an? Kannst du zoomen Schatz. Vielleicht können wir dann erkennen, was sie genau da machen?“ Es war unlogisch, den Antrieb zu zerstören, ohne etwas anderes zu wollen.

„Ich versuch‘s.“ Elaios drehte an einigen Knöpfen und versuchte so nah wie möglich ran zu zoomen. „Sie versuchen ein Loch in die Bordwand zu schlagen. Was ist dahinter, dass sie es unbedingt haben wollen?“

Elaios klickte sich von einer Kamera zur nächsten. Auch er wollte nur zu gern wissen, was an der Kuppel für die Sharker von Interesse sein konnte. Plötzlich hatte er ein Bild auf dem Schirm, das er vorher wohl immer übersehen hatte, weil es relativ unscheinbar wirkte. Doch auf den zweiten Blick machte das durchaus Sinn. „Uups“, machte er also und Archiaon stöhnte. Wenn sie hier mit heiler Haut heraus kamen, bekam sein Schatz erst mal eine Lektion in Kommunikation in Krisenzeiten!

„Kein huch, kein hoppla, kein uups! Was ist los?“

Elaios lachte leise und hatte das Bild schon weiter geschalten. „Die Jungs und Mädels auf der schwimmenden Kuppel sind Selbstversorger. Das da sieht aus wie Aquakulturen – die Parasiten haben Hunger. Sie wollen an das Happpi happi!“, schlussfolgerte er. Alles andere ergab für ihn keinen Sinn. Er glaubte nicht, dass sie das Ding versenken wollten. Sie hätten nichts davon.

„Elendes Pack“, knurrte Thom, der seit seinem Zusammentreffen mit den Sharkern, eine starke Aversion gegen diese Spezies hatte. „Wir müssen sie davon abhalten, diese Leute auszuplündern“, erklärte er hitzig. „Unser Boot wird doch Waffen haben, oder? Er war sich nicht sicher, denn sie hatten bisher nie danach gesucht. Die U-Boote waren für sie bisher nur Transportmittel gewesen.“

„Thom, was willst du machen? Waffen abfeuern, die Bordhaut der Kuppel verletzen und dann die Kuppel samt Besatzung versenken?“, fragte Akuma, doch es schwang kein Spott in seiner Stimme. Er verstand die Sorgen des Technikers. Doch da übernahm Archiaon.

„Thom, du übernimmst meinen Posten hier. Ich würde sagen, ein paar von uns bewaffnen sich und gehen raus. Vielleicht reicht es ja, die Sharker so lange abzulenken bis Ewan hier ist. Und Archiaon und ich wissen, wie man den Biestern beikommen kann.“

„Ich bin dabei!“ Für Bahadur war das keine Frage. Er war zwar bisher noch nie draußen im Meer gewesen, aber er war unempfindlich gegenüber der Strahlung und das konnte noch wichtig sein. Keiner wusste wie stark sie dicht unter der Wasseroberfläche war. „Zeigt mir, wie das mit eurem Gel und den Drucktabletten funktioniert.“

Akuma sah ihn von der Seite an. „Haben wir nicht eben Ewan zugesagt, nichts zu unternehmen ehe die Verstärkung da ist?“, fragte er gereizt, weil er sich auch von Bahadur torpediert fühlte. Doch er fasste sich wieder. „Die beiden anderen Boote sind in 20 Minuten hier. Ich bin eher dafür, wir suchen den Kontakt, klären sie auf, sie bereiten sich vor und steigen zusammen mit uns aus, sobald sie da sind. Denn so wie das da aussieht, sind das locker vier Dutzend Sharker. Die Kuppel hat bis jetzt durchgehalten, der Schaden scheint noch gering zu sein, denn die Sharker bekommen Stromstöße, so wie sie weg zucken. Es steigt also keiner ohne meine Erlaubnis aus dem Boot.“

Nur Bahadur und Archiaon nahmen den Befehl unbewegt hin. Thom wollte protestieren, genau wie Elaios, der gerade an der Schleuse ankam. Ein scharfer Blick Akumas ließ sie aber verstummen und den Kopf einziehen. Sie hatten wohl kurzzeitig vergessen, wer hier die Befehlsgewalt hatte. Was aber nicht hieß, dass man nicht unwillig grummeln und leise nörgeln konnte, was ihnen wieder einen scharfen Blick einbrachte. Das war der Grund warum Akuma es vermied, mit Zivilisten zu arbeiten. Sie konnten sich weder an Befehlsketten halten noch an Rangordnungen. Doch nach einem letzten Blick des Generals hatten sich auch die Zivilisten gefügt.

„Thom, an die Kommunikation. Elaios mach dich auch schon mal fertig zum Ausstieg. Bahadur und ich werden die Luke bewachen, der Rest kann schon mal in die Schleusenkammer.“ Akuma wollte ihnen die Möglichkeit geben sich abzulenken. Er wusste wie lang Minuten sein konnten, wenn man darauf lauerte, dass sie vergingen.

„Ewan. Status!“, forderte er vom Mole.

>>Zehn Minuten<<, war die knappe Antwort. >>Wir sind bereit, sobald die Schiffe angedockt haben.<< Wenigstens einer, der wusste, wie man so eine Angelegenheit handhabte.

„Gut, wir sind ebenfalls bereit. Die Sharker versuchen in die Kuppel zu kommen, anscheinend haben sie es auf die Aquakulturen abgesehen. Wir gehen vielleicht raus.“

>>Wir werden uns ebenfalls bereit machen. Wenn sich die Boote nicht von allein öffnen und niemand ohne unser Wissen eindringen kann, werden wir uns auch als erstes um die Kuppel kümmern. Wenn die Sharker das Ding versenken sind die Verluste nicht akzeptabel.<< Und damit meinte der Mole nicht nur die Menschen, die dort wohnten, sondern vor allem die Kuppel selbst und deren Technologie.

Die nächsten zehn Minuten zogen sich.

 

03 

Graham hatte sich zu den Kindern ans Fenster gestellt und versuchte zu erkennen, was da im Wasser um die Kuppel schwamm. „Bleibt hier, Kinder, ich geh auf die Brücke und versuche rauszubekommen, was passiert ist. Lynn, du kannst mich jederzeit über meinen Kommunikator erreichen.“ Graham hielt ihn hoch und drückte seine Tochter noch einmal an sich, dann machte er sich auf den Weg.

Nur vereinzelt kamen ihm noch Leute entgegen, als er über die Flure und Treppen ging. Die, die sich hatten in die Quartiere zurückziehen wollen, waren bereits dort und die, die neugierig geblieben waren, wo sie waren, standen immer noch an den Rändern der Kuppel und starrten ins Wasser. Graham beeilte sich auf die Brücke zu kommen.

„Ah, Graham“, begrüßte ihn Spencer, der die Brücke beaufsichtigte. Er hatte die Außenkameras auf die Monitore gestaltet. So konnten sie von hier oben besser sehen, was um die Kuppel passierte als von Deck aus.

„Hey Spencer. Was ist da draußen?“ Graham kam zu seinem Freund rüber und sah mit ihm zusammen auf die Monitore. „Was sind das für Viecher?“, fragte er schaudernd, als er die Wesen sehen konnte, die durch das Wasser schwammen und immer wieder versuchten ein Loch in das Schiff zu schlagen. „Die sehen aus wie Menschen mit Haien gemischt.“

„Ja, das tun sie und ich kenne nur eine Sorte Mensch, die so verrückt wäre, etwas Derartiges zu schaffen. Denn ich wage zu bezweifeln, dass so was da allein durch die Strahlung hervorgerufen wurde“, knurrte Spencer und sah weiter auf die Kameras. Die Kuppel schien sie immer wieder abwehren zu können, denn die Stromstöße trieben sie weg. Doch das hielt die anderen nicht auf. Wie ein Uhrwerk kam einer nach dem anderen. Ein Teil taumelte bewusstlos davon, ein anderer Teil war wohl härter im nehmen und kam gleich wieder zurück, versuchte es noch einmal.

„Du meinst, sie haben uns gefunden und haben diese Wesen geschickt um uns zurück zu bringen?“ Allein der Gedanke ließ ihn erschauern. Die Gottgleichen durften sie nicht in die Hände bekommen. Das wäre ihrer aller Tod. Die Gottgleichen ließen Feinde nicht am Leben.

„Ich weiß es nicht, kann es aber nicht ausschließen. Ich weiß aber, dass so was da nicht durch natürliche Mutation entstehen kann.“ Sein Biologenherz wehrte sich dagegen, das zu akzeptieren. „Wir sollten etwas unternehmen, Spencer, hier sitzen und zugucken wie sie das Schiff attackieren wird uns nicht das Überleben sichern.“ Graham stützte sich auf den Tisch, der vor ihm stand und starrte intensiver auf die Monitore. Die Biester wurden einfach nicht müde.

Er blinzelte, starrte erneut. Hatte er gerade gesehen wie ein Fischwesen, das eben noch hatte angreifen wollen, plötzlich leblos im Wasser trieb? Was war passiert?

Graham ging näher an die Scheibe ran. „Guck dir das an, Spencer, da ist doch noch was anderes im Wasser, als diese merkwürdigen Fischwesen.“ Er zog seinen Freund zu sich. „Da sieh doch, schon wieder einer, der auf uns zu geschwommen ist und jetzt leblos im Wasser treibt.“ Graham war ganz aufgeregt, besonders, als von dem leblosen Körper blutrote Schlieren zu erkennen waren.

„Ist das durch das Elektrofeld der Kuppel? Ich weiß, dass Eve zur Selbstverteidigung Strom nutzt, aber das führt nicht zu offenen Wunden und schon gar nicht zu Blutungen“, überlegte Spencer. „Da, schon wieder einer, und da noch einer“, murmelte er und sah auf den Monitor.

„Was ist hier los, Männer?“, wollte Alice wissen, die ebenfalls auf die Brücke gekommen war und musste sich festhalten, als wieder ein heftiges Rucken durch die ganze Kuppel ging. Ihr Blick fiel sofort auf die Monitore.

Bisher war eine Monitorreihe schwarz gewesen, aber die sprangen jetzt an und Alice holte scharf Luft, als sie sehen konnte, was sich tief unten im Schiff tat. Fassungslos, sah sie bewaffnete Männer durch ein Schott kommen. „Was zur Hölle ist hier los“, fragte sie erneut und schreckte unwillkürlich zurück, als sie zwischen den Männern, Wesen sehen konnte, die sie vorher noch nie gesehen hatte. Aber dann wirbelte sie zu Graham und Spencer rum. „Wir werden geentert“, zischte sie. „Wir müssen was unternehmen.“

Sie schlug auf einen Knopf für Notfälle. Sie hatten ihn noch nie benutzen müssen doch jetzt wurde jeder Mann gebraucht! Alice ging voraus. „Spencer, du bleibst hier und klärst uns auf, was passiert. Graham, wir treffen die Männer unten und bewaffnen uns mit den Tasern. Mehr haben wir nicht, hoffen wir, dass es reicht.“ Sie wirkte energischer als sie innerlich eigentlich war. Sie hatte keinen Schimmer, was sie eben gesehen hatte. Sie konnte nur ahnen, was sie erwartete. Doch sie mussten ihre Heimat verteidigen, das war die einzige, die sie hatten.

Auf ihrem Weg zur Waffenkammer, die diesen Ausdruck eigentlich gar nicht verdiente, weil sie außer den Tasern, ein paar Harpunen und Messer, keine wirklichen Verteidigungswaffen enthielt, schlossen sich ihnen weitere Bewohner an. Die meisten gehörten zu den Sicherheitsleuten und der Feuerwehr, weil sie eher auf eine solche Situation vorbereitet waren als die Zivilisten. Alice brachte sie auf den neuesten Stand und verteilte die Waffen. „Wir müssen runter. Sie sind unter den Aquakulturen und bewegen sich höher.“

„Im Treppenhaus haben wir eine gute Chance, da können sie nur einzeln durch und müssen immer nach oben gucken, das kann unser Vorteil sein. Immer gut zielen und drauf“, sagte Nick, der Leiter der Feuerwehr. „Es wird nicht gefragt. Sie sind hier und wir haben sie nicht eingeladen. Also immer drauf halten.“ Sie liefen die Stufen nach unten und über den Vorplatz, ehe sie den Zugang zu den tieferen Ebenen erreicht hatten.

Alice verschwieg ihnen auch nicht, dass da Wesen dabei waren, die sie vorher noch nie gesehen hatte. Nachtschwarz waren sie in den tiefen Gängen sicherlich nicht gut zu sehen. Doch ihre Männer mussten darauf gefasst sein, etwas zu sehen, was sie so vorher noch nicht gesehen hatten. Der Schock sollte sie nicht daran hindern ihre Heimat zu verteidigen.

Sie liefen die Treppe runter und postierten sich an einer Ecke, die ihnen Deckung gab. Spencer hatte ihnen durchgegeben, durch welche Tür sie kommen mussten. Nick, gab allen Zeichen, sich hinter ihm zu halten und abzuwarten. Gespannt starrten alle auf das Schott und Nick griff seinen Taser fester, als die Tür langsam aufglitt. Zwei Gestalten glitten schnell aus der Öffnung, bevor Nick einen Schuss abgeben konnte. Als er den Taser abfeuerte, hielt er einfach auf die geöffnete Tür und hoffte, dass er jemanden traf.

Und er hatte Glück. Ein erstickter Laut zeigte an, dass er wohl wirklich jemanden getroffen hatte.

Zero, einer der jungen Moles, die zusammen mit Ewan gekommen waren, hatte sich der Vorhut zuordnen lassen. Er hatte extrem gute Sinne, doch er war etwas zu nervös gewesen. So hatte er nicht damit gerechnet, dass er sofort beim kleinsten Fehler das Ziel sein würde. Connor hatte ihn mit einem kräftigen Schubs seiner breiten Schulter gerade noch vor dem schlimmsten bewahren können, doch nun lag der große Mole am Boden und zuckte. Der Strom tobte immer noch in seinem Körper und Ewan knurrte. Doch noch ehe der Anführer der Moles reagieren konnte, war Bahadur zusammen mit seinem General an der Spitze der Truppe.

Fast zu schnell für das menschliche Auge sprangen die beiden Jiang Shi vor und fuhren wie ein Tornado zwischen die Menschen, die es gewagt hatten, auf sie zu schießen. Einer der Angreifer nach dem anderen wurde entwaffnet und ein verirrter Taserschuss ließ ebenfalls einen der Angreifer zu Boden gehen. „Gesichert“, sagte Bahadur knapp, als er und Akuma ein verängstigtes Häuflein Menschen mit ihren Waffen in Schach hielten.

„Was wollt ihr von uns!“, wollte Alice wissen. Sie hatte die Verantwortung für all die Menschen in dieser Kuppel. Sie durfte keine Angst haben, dafür hatte man sie nicht gewählt. „Warum greifen die Wesen unsere Kuppel an und warum dringt ihr unaufgefordert hier ein?“, wollte sie wissen, sah aber dabei zu wie die schwarzen Wesen, dem auf die Füße halfen, den Nick erwischt hatte. Wut sprang aus den schwarzen Augen und sie musste nicht viel Phantasie haben, um sich auszumalen, was das Ding für Schäden anrichten konnte. Mehr noch entsetzte sie aber die Geschwindigkeit, mit der die Männer ihre Leute entwaffnet und zusammengetrieben hatten – was waren das für welche? Woher kamen sie und was wollten sie? Waren das Späher der Gottgleichen die Eve 01 zurückholen sollten?

„Die Wesen, die vom Wasser aus eure Kuppel angegriffen haben, nennen sich Sharker. Sie sind sehr gefährlich, aber unsere Leute kümmern sich darum.“ Akuma sah zu der Frau, die wohl die Anführerin zu sein schien. „Wir wollen eigentlich gar nichts von euch. Euer Schiff hat uns hierher gebracht, weil es ein Notsignal ausgesendet hat. Vier Unterseeboote haben unten an den Schleusen angedockt.“

Am liebsten hätte Alice ein unverständliches ‚Was‘ in den Raum gestellt, doch sie musste Haltung bewahren. Zum Glück war Graham weniger zurückhaltend und sah den Mann, der gesprochen hatte, fragend an. „Unsere Kuppel hat bitte was?“, wollte er wissen und er merkte gleich, dass er mit dem Mann nicht gerade einen geduldigen Erklärer gefunden hatte. Doch da schaltete sich der andere ein, der sie in Schach hielt.

„Wir vermuten, dass es sich wie folgt zugetragen hat. Die Sharker haben es auf eure Aquakulturen abgesehen. Sie wollten also die Außenhaut eures Schiffes öffnen, was die Kuppel dazu veranlasst hat, nach Rettung zu rufen. Ich gehe mal davon aus, dass eure Kuppel einmal den Gottgleichen gehört hat, denn die Boote, die wir nutzen, waren auch einmal in deren Besitz. Deswegen scheint die Technik noch mit einander zu kommunizieren und deswegen sind wir hier.“

Graham und Alice sahen sich an, aber sie schien genauso wenig von einem Notsender zu wissen, wie er. „Sie meinen also, dass sie mit denen da draußen nichts zu schaffen haben und wenn es nach dem Schiff geht, die Kavallerie sein sollen, die uns rettet?“, fasste Graham noch einmal zusammen und Bahadur nickte.

„Wir waren mit unserem Schiff auf dem Weg zu Atlantis Nord 035. Zwei der anderen drei Boote kommen direkt aus den Docks von Neo New York und das dritte aus Atlantis. So wie es aussieht reagieren alle Boote die in Reichweite des Notsignals sind, automatisch.“

„Atlantis?“, fragte Graham ungläubig. Er wollte sich gerade veralbert fühlen, als Archiaon nach vorn trat und sich vorstellte.

„Ich bin Senator von Atlantis. Unser Reich zieht sich rings um den Kontinent und umfasst über fünfhundert Kuppeln auf dem Meeresboden. Wir sind verbündete von Neo New York im Kampf gegen die Gottgleichen. Gleiches gilt für die Moles“ – dabei deutete er auf Ewan und Connor, die um Zero herum standen, der immer noch etwas flatterig wirkte – „und unsere Verbündeten aus dem Osten“ – dabei deutete er auf Bahadur und Akuma. „Wir können also gern noch eine Weile hier herum stehen und uns gegenseitig bedrohen. Ich habe da nichts gegen, kann ja Spaß machen. Oder wir sehen zu, dass wir die Schäden repariert bekommen, die die Sharker bereits angerichtet haben, damit ihr eure Reise fortsetzen könnt und wir verschwinden dann auch wieder.“

Nun war Graham vollkommen verwirrt. Das merkte man an dem „Häh?“, das auf einmal im Raum schwebte und Archiaon lächeln ließ. „Akuma, Bahadur, nehmt bitte die Waffen runter. Ihr habt, glaube ich, eindeutig bewiesen, dass ihr in der Lage seit, Angreifer abzuwehren, aber ich glaube, das wird nicht notwendig sein.“ Er sah Alice eindringlich an und diese nickte. Sie hatte sehr wohl begriffen, dass diese Männer keine Waffen brauchten, sie waren Waffen! Sie würde also ihre Männer nicht sinnlos der Gefahr aussetzen.

Alle entspannten sich ein wenig.

„Die Sharker sind erledigt“, sagte Ewan gerade, der über das Head-Set Kontakt zu denen hatte, die nach draußen gegangen waren. Elaios und Archiaon hatten davon abgesehen, als ihre Männer aus Atlantis angerückt waren. Sie waren sich sicher, dass sie beim Kontakt mit den Bewohnern der Kuppel mehr gebraucht wurden und sie hatten damit nicht falsch gelegen. Akuma war General, kein Diplomat. Der Senator lachte leise bei dem Gedanken.

„Wenn es draußen sauber ist und die Gefahr gebannt, sollen sich die Techniker die Schäden am Schiff ansehen“, sagte er und sah sich dann wieder den Fremden gegenüber.

„Wird gemacht“, Ewan gab die Anweisungen gleich weiter und Archiaon wusste, dass alles so ausgeführt wurde, wie er es befohlen hatte. Er wandte sich wieder an Alice. „Ich schlage vor, wir verlegen unser Gespräch an einen anderen Ort und es wäre auch nicht verkehrt, ihre Leute zu beruhigen. Sie werden ziemlich beunruhigt sein.“

Alice nickte wieder. „Das werde ich tun“, sagte sie, denn sie wusste dass sie den Fremden vertrauen musste. Wenn diese ihnen schaden wollten, konnten sie nichts dagegen tun. Und wenn diese ihnen wirklich helfen wollten, dann sollten sie die Fremden wirklich mehr wie Gäste behandeln als wie Eindringlinge, auch wenn die Art und Weise ihrer Zusammenkunft nicht gerade normal verlaufen war.

„Nick, Spencer. Kümmert euch darum, dass alles wieder ins Lot kommt. Graham, dich möchte ich bitten, unsere Gäste zu unterstützen, was immer notwendig ist und euch möchte ich bitten“, dabei sah sie die Fremden an, „mir zu folgen.“

„Aber gerne doch. Ich schlage vor, dass nicht alle mitgehen. General Akuma, Prinz Bahadur“, Archiaon deutete auf die beiden Jiang Shi, „Ewan, der Anführer der  Moles und Senator Elaios, Thom O’Rayley  und meine Wenigkeit begleiten euch. Der Rest unserer Männer wird sich in die Boote zurückziehen. Wie sieht das denn aus, wenn wir mit einer schwer bewaffneten Hundertschaft durch ihr Schiff laufen.“

„Witzig?“, schlug Zero vor und wurde von Connor geknufft. Der junge Mole zog den Kopf ein und knurrte leise, doch er zog sich wie der Rest der Männer zurück, während die kleine Gruppe – begleitet von ihren unfreiwilligen Gastgebern – Alice folgte. Sie spürten, dass sie neugierig beäugt wurden, nicht nur von denen, die sie begleiteten. Auch von denen, die hinter ihren Fenstern der Apartments auf den großen Platz blickten. Besonders interessant waren die schwarzen Wesen, die aussahen wie Maulwürfe und sich gaben wie Menschen. Auch Alice sah sich immer wieder einmal um, tat aber so als würde sie darauf achten, dass niemand zurück blieb.

„Carter, ruf den Rat zusammen. Wir treffen uns im großen Saal!“, ordnete sie an.