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Zyklus VIII - Eve 01 - Teil 4-6

04 

Alice führte die Fremden in ihr Büro. Das war groß genug, damit es nicht zu eng wurde. Sie versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie nervös sie war. Sie konnte die Männer nicht wirklich einschätzen. Zwar wirkten sie ruhig, aber sie waren auch bewaffnet und zumindest zwei von ihnen waren Soldaten. An ihrem Büro angekommen, bat sie alle hinein und setzte sich hinter ihren Schreibtisch. „Bitte setzen sie sich, meine Herren und dann wäre ich dankbar darüber, wenn sie mich aufklären könnten, wie sie hierher gekommen sind und wo sie herkommen.“

Archiaon, Ewan und Akuma wechselten Blicke. Ewan, der von Erdogan die Position in ihrer Gemeinschaft übernommen hatte, räusperte sich. Er war zwar ein guter Anführer, doch er war kein guter Redner. Er grinste schief, als sein erster Blick auf Akuma fiel, der genauso veranlagt war wie er selbst. Ein guter Kämpfer aber ein schlechter Redner. So sahen beide auf Archiaon, der sich aufgefordert fühlte, ihre unfreiwilligen Gastgeber aufzuklären. Er fasste sich relativ kurz und vermittelte erst einmal nur die Fakten über das, was vor dem Andocken an der schwimmenden Kuppel und kurz danach passiert war, ehe er dazu überging sie nach einander vorzustellen.

Alice holte tief Luft und rieb sich über die Stirn. Sie war immer noch schockiert darüber, dass Eve die Boote gerufen hatte, ohne dass einer von ihnen etwas davon geahnt hatte. „Das ist alles völlig neu für uns. Wir haben seit ungefähr fünfzehn Jahren keinen Kontakt mehr zur Außenwelt gehabt und wir haben ihn auch nicht gesucht. Eve treibt mit den Strömungen über die Weltmeere. Es gibt also mittlerweile einen Widerstand gegen die Gottgleichen. Das läßt mich für die Menschheit hoffen.“

„Ja, den gibt es“, sagte Archiaon, verschwieg aber wohlweislich, dass er einst einer von ihnen gewesen war. Er war sich sicher, dass ihre Gastgeber noch nicht so weit waren, zu begreifen, dass Abtrünnige nicht immer Spione waren, sondern es durchaus ernst meinen konnten. „Wenn unsere Techniker sich eure Kuppel angesehen haben und die Schäden reparieren konnten, werden wir euch wieder verlassen und uns zurück ziehen“, erklärte er gleich, damit die Fremden nicht glaubten, sie würden übernommen werden oder etwas in der Art. Sie suchten die Einsamkeit und sowohl Archiaon als auch seine Begleiter respektierten das. Sie würden nicht nach deren Unterstützung im Kampf fragen, doch sie würden sie annehmen, wenn sie angeboten wurde.

„Ich danke euch.“ Alice neigte leicht den Kopf und ein kurzes Lächeln huschte über ihre Lippen. „Wir sind dankbar über die Hilfe. Unsere Ressourcen, was Material für Reparaturen betrifft sind recht begrenzt.“ Eigentlich war da nichts mehr und sie hätten anfangen müssen, nicht so wichtige Teile ihrer Kuppel zu demontieren um die Reparaturen auszuführen. Sie hatte gerade eine einmalige Gelegenheit und Alice sah sie durchaus. „Wenn es nicht möglich sein sollte, die Schäden zu reparieren, könntet ihr uns abschleppen, so dass wir festmachen können?“

Archiaon sah seine Leute an. Sie zuckten die Schultern. „Wo hättet ihr gedacht, dass wir euch absetzen sollen?“, wollte Archiaon wissen. Denn mit nach Neo New York konnten sie die Fremden nicht nehmen, ohne mit Erdogan gesprochen zu haben. Und fremde Kuppeln anzusteuern, zu denen sie keine Kontakt haben und von denen sie nicht wussten, wie sie ihnen gesinnt waren, war ein Risiko, was er im Augenblick nicht gewillt war einzugehen.

„Wir kommen ursprünglich aus Philadelphia. Wäre es möglich, uns dort hin zu bringen?“, fragte Alice. „Nein, leider nicht. Die Kuppel ist schon seit ein paar Jahren unbewohnbar.“ Es war das erste Mal, dass sich Ewan zu Wort meldete. Die Moles hatten sie auf Geheiß der Gottgleichen zerstört, aber das behielt er für sich. „Wir könnten Fürst Erdogan fragen, ob ihr in Neo New York festmachen könnt“, bot Archiaon an, denn er konnte sehen, wie Alice von der Nachricht erschüttert wurde.

„Was heißt das, die Kuppel sei unbewohnbar?“, hakte sie also nach, denn sie verstand nicht, was das hieß. Allerdings war sie sich der Tragweite dessen, was die Worte unterschwellig sagten, sehr wohl bewusst. Alle Menschen, die sie zurückgelassen hatte, waren … sie wagte nicht den Gedanken zu beenden und sah den Mole fragend an. Er schien mehr zu wissen, schließlich hatte der sich zu Wort gemeldet. „Ist sie ... kaputt?“, wollte sie wissen. Ihre Stimme bebte leicht, doch das spürte man nur, wenn man sie kannte. Graham und Nick betrachteten sie aus dem Augenwinkel.

„Ja, die Hülle hat seit ungefähr zehn Jahren ein Loch. Die Strahlung hat dadurch das Innere der Kuppel verseucht. Sie ist unbewohnbar, selbst wenn das Leck in der Hülle geschlossen werden könnte.“ Ewan hielt seine Stimme neutral. Heute war es ihm unverständlich, dass sie diesen Befehl einfach ausgeführt hatten. Viele der Bewohner waren gestorben, aber zum Glück hatten die meisten sich in andere Kuppeln retten können.

„Wie hat das passieren können?“, wollte Alice wissen. Ihr war es unverständlich wie etwas wie eine Kuppel kaputt gehen konnte. Man hatte immer geglaubt, das Glas sei unzerstörbar gewesen. Es war vielleicht ihr Glück gewesen, sich damals abgesetzt zu haben, deswegen waren sie wohl noch am Leben. Ihr Blick war fest, als sie die Frage stellte, die auch ihr Rat auf den Nägeln brannte: „Und was ist mit den Menschen in der Kuppel passiert?“

„Die meisten Bewohner von Philadelphia konnten sich in andere Kuppeln retten.“ Ewan sah Alice an. „Ich weiß nicht, womit sie die Gottgleichen gegen sich aufgebracht haben, aber sie waren für die Zerstörung verantwortlich.“ Er hielt sich absichtlich neutral, denn es war nicht gerade vertrauensbildend, wenn die Bewohner von Eve jetzt schon wussten, dass die Moles die Sprengladungen angebracht hatten.

„Diese Bastarde“, murmelte Alice leise und entschuldigte sich gleich dafür, die Fassung kurzzeitig verloren zu haben. „Ich würde mich gern kurz mit meinen Leuten beratschlagen. In einer fremden Kuppel festzumachen ist immer ein Risiko. Zumal wir Eve nicht gerade …“ sie ließ den Satz offen. Die Fremden hatten sie zwar gerettet, doch sie kannten sich nicht. Es wäre nicht ratsam zu erklären, dass sie Eve entwendet hatten und auf der Fahndungsliste der Gottgleichen standen. Sie mussten abwägen, ob sie es wagen konnten an Land zu gehen. Nicht nur wegen sich selbst, auch wegen den Neo New Yorkern. Wenn die Gottgleichen in der Lage waren, Philli auszulöschen, dann hatten sie vielleicht auch keine Skrupel Neo New York zu bestrafen, wenn sie die Besatzung von Eve 01 beherbergten. Und eines war ihr klar: ihr Diebstahl war es gewesen, was die Gottgleichen gegen Philadelphia aufgebracht hatte – sie waren schuld, an dem was Jahre später passiert war. Das durfte sich nicht wiederholen.

„Aber sicher doch.“ Archiaon erhob sich und seine Leute taten es ihm gleich. „Ist es ihnen Recht, wenn wir an Deck gehen? Ich kenne zwar das Meer, aber ich habe es bisher selten von oben gesehen und ich finde es faszinierend.“ Er lächelte leicht verlegen, was Alice lächeln ließ. „Gehen sie ruhig, ich habe nichts dagegen. Wir sehen uns dann nachher dort.“

Auch seine Begleiter erhoben sich und folgten Archiaon schweigend aus dem Raum. Als sie sich weit genug entfernt hatten, murmelte Ewan leise. „Mussten die ausgerechnet aus Philli kommen? Das kann noch zu unschönen Verwicklungen führen.“ Doch Archiaon schüttelte den Kopf. „Vorerst werden sie nichts erfahren, Ewan. Nicht von uns und an unsere Aufzeichnungen kommen sie auch nicht heran. Also keine Sorge.“ Auch Archiaon wusste um das Schicksal dieser Kuppel. „Lass uns lieber versuchen, ob wir Erdogan erreichen können.“ Schließlich wollten sie schnell abklären, ob eine Möglichkeit bestand, dass die schwimmende Kuppel vor Neo New York fest machte, um überholt zu werden.

„Ich versuche ihn zu kontaktieren.“ Ewan rief das Schiff und ließ eine Verbindung mit Erdogan herstellen. Er berichtete ihm, was seit ihrem letzten Kontakt geschehen war. „Sie kommen aus Philli?“, fragte Erdogan und seiner Stimme war leichte Besorgnis anzuhören. „Dorthin können sie nicht. Wenn sie möchten, können sie vor unserer Kuppel ankern. Du hast freie Hand bei den Verhandlungen.“

„Danke“, sagte Ewan, „wir melden uns wieder, sobald wir mehr wissen. Vielleicht entscheiden sie sich auch dagegen, doch wir wollten vorbereitet sein, wenn sie um Hilfe bitten.“ Der Mole beendete das Gespräch und kratzte sich über den Nacken, während er neben Akuma an die Reling trat. Sie spürten die Blicke aus den Fenstern der Wohneinheiten auf sich, doch keiner wandte sich um. Neben ihm stand auf der anderen Seite Thom, der gerade den Kontakt zu seinen Männern suchte. Er wollte wissen, wie schwer die Kuppel beschädigt war und verzog das Gesicht. „Sicher, dass wir das hier nicht wieder hin kriegen?“

>>Wir können das hier nur provisorisch flicken. Aber das hält nicht mehr als ein oder zwei Wochen. Da muss richtig was gemacht werden<<, erklärten die Taucher und Thom holte tief Luft.

Das war nicht unbedingt das, was er hatte hören wollen. „Macht, was ihr könnt, damit die Kuppel nicht absäuft, um den Rest kümmere ich mich.“ Er drehte sich zu Archiaon und Ewan. „Also, wir werden das gute Ding abschleppen müssen. Die provisorischen Reparaturen halten nicht lange und ich hätte sie gerne in unserer Nähe, für die endgültige Reparatur.“

„Haben die Sharker die Probleme gemacht oder liegt es daran, dass die Kuppel schon lange in Gebrauch ist?“, fragte Archiaon, er war neugierig. Er hatte noch nicht gehört, dass es schwimmende Kuppeln gab, nicht einmal als er noch einer von denen gewesen war. Das hier musste etwas ganz Besonderes sein und sie in der Nähe zu haben für ein paar Tage und einen intensiveren Blick darauf werfen zu dürfen, darum war er bestimmt nicht böse.

„Ich glaube beides. Die Sharker wussten wohl genau, wo sie hin schlagen mussten und die Kuppel ist seit Jahren dem Salzwasser ausgesetzt. Das macht ohne richtige Pflege kein Gegenstand lange mit. Unsere Boote müssen wir auch gut im Auge behalten.“ Thom starrte auf das Wasser vor sich. Da unten waren gerade seine Männer und er war erst wieder ruhig, wenn alle wieder an Bord waren.

„Wir werden ihnen anbieten mit nach Neo new York zu kommen. Dort können wir die Kuppel überholen. Wenn sie also nicht bleiben, sondern weiter wollen, ist sie wenigstens wieder fit für die nächsten Jahre.“ Ewan kratzte sich wieder im Nacken. Er fühlte sich für die Schwimmkuppel verantwortlich, denn er hatte mitgewirkt, ihre Heimatkuppel zu zerstören.

„Ja, so werden wir das machen. Wir werden ihnen … da kommen sie schon.“ Archiaon hatte die Bewegung in den Augenwinkeln wahrgenommen und wandte sich Alice und ihrem Rat wieder zu. „Wenig gute Nachrichten von unseren Tauchern“, eröffnete er gleich, um alle Fakten auf den Tisch zu legen. Thom übernahm die kurze Erklärung, was er von seinen Männern erfahren konnte und Alice sah seine Mitstreiter an.

„Unser Fürst heißt euch aber willkommen. Wir können euch in die Bucht schleppen und die Kuppel dort reparieren. Ihr könnt bleiben oder anschließend wieder in See stechen.“

Man sah deutlich, dass Alice nicht damit gerechnet hatte. „Wir danken euch, dass ihr uns helfen wollt, aber...“, sie brach ab und wechselte einen kurzen Blick mit ihrem Rat. Sie nickte leicht und atmete tief durch. „Philli wurde wahrscheinlich wegen uns bestraft. Wir haben uns Eve ungefragt ausgeborgt, wenn man das jetzt mal so salopp umschreiben möchte.“ Sie verzog das Gesicht ein wenig und grinste schief. „Wir bringen euch in Gefahr, wenn ihr uns helft. Wir stehen wohl auf ihrer Fahndungsliste ganz oben.“

„Nee“, machte Thom nur und grinste schief, doch da keiner ihn bremste, sprach er auch weiter: „Ihr seid maximal Rang drei oder tiefer. Die Pole Position haben wir. Wir haben ihnen ihr Labor abgenommen und General Akumas und Prinz Bahadurs Volk hat fast einhundert Kuppeln von denen zurück erobert. Ich glaube da wiegt eure Kuppel, so hübsch und praktisch sie sein mag, nicht ganz so schwer.“

„Wie ihr seht, ihr seid in guter Gesellschaft“, konnte sich auch Bahadur mit einer angedeuteten Verbeugung und einem Grinsen auf den Lippen nicht verkneifen.

„Ihr habt was...?“, stotterte Alice und sie riss ihre Augen auf. „Ihr kämpft gegen die Gottgleichen und habt Erfolg?“ Sie konnte das gar nicht fassen. Sie selber hatten es vorgezogen sich außerhalb der Reichweite der Gottgleichen zu begeben. Sie wollten nicht kämpfen, sondern nur einfach ihr Leben ohne Einmischung leben.

„Ja, ab und an haben wir auch Erfolg“, sagte Archiaon und nickte. „Unsere eigenen Kuppeln konnten wir von ihnen befreien. Jetzt versuchen wir sie zu studieren, um ihnen gezielt das Handwerk legen zu können. Wenn eure Ablehnung unseres Angebotes also nur darauf beruht, dass ihr Sorge habt, uns in Gefahr zu bringen, dann könnt ihr eure Meinung gern revidieren. Wir haben das Okay von Fürst Erdogan, euch vor Neo New York zu schleppen und die Kuppel auf Herz und Nieren zu prüfen und wieder seetauglich zu machen.“ Er lächelte. Die Verwirrung in den Augen der Männer amüsierte ihn.

„Und wir müssen euch wirklich abschleppen, denn meine Männer können sie hier nicht reparieren. Die Sharker waren erfolgreicher als befürchtet“, erklärte Thom.

Alice war wirklich sprachlos. Sie wechselte einen Blick mit ihrem Rat und nickte. „Wenn euer Fürst uns Unterschlupf und Hilfe anbietet, nehmen wir sie gern an. In den letzten fünfzehn Jahren ist wohl sehr viel passiert, von dem wir nichts wissen. Wir haben weder von dem Volk aus Atlantis etwas gewusst, noch von dem von Prinz Bahadur.“

„Vor ein paar Monaten war das bei uns auch nicht anders gewesen“, sagte Thom. „Auch wir mussten unser Lehrgeld zahlen. Doch ihr eigenes Handeln hat uns dazu getrieben, sie zu jagen. Aber darüber sollten wir mit unserem Fürsten reden.“ Thom sah sich um. „Wir sollten mal versuchen heraus zu bekommen, wie wir die Kuppel ans Ufer bekommen. Ich habe noch keinen Schimmer.“

„Und ich melde uns bei Erdogan an“, sagte Archiaon.

„Wir werden die Schiffe besetzen, sollten aber den Kontakt nach oben halten und die Kameras nicht aus dem Auge lassen. Nicht dass wir mit den Booten der Kuppel mehr schaden als nutzen.“ Akuma sah sich um.

Thom nickte. „Es hängen vier Boote unter der Kuppel. Wenn wir es hinkriegen dass sie völlig synchron laufen, können wir die Kuppel langsam bewegen und so nach Hause schleppen.“ Die Motoren der U-Boote waren stark genug dafür, da war er sich sicher. Es war auf jeden Fall einen Versuch wert.

„Okay. Wir müssen es versuchen. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht. Ich hoffe nur, dass die Verbindungen halten.“ Akuma wechselte einen Blick mit Ewan und sah dann Alice an. „Am besten finden sich ein paar ihrer Männer in der Kommandozentrale ein. Wir prüfen als erstes, ob wir Funkkontakt herstellen können. Ein paar ihrer Männer postieren sich an den Verbindungstellen zu den Luken. Dort wird das Material am meisten beansprucht werden. Sobald irgendetwas sich verbiegt oder gar reißt, muss das Kommando lauten: alle Maschinen stopp.“ Er wartete die Antwort nicht ab, sondern wandte sich um und ging, sowohl Ewan als auch Bahadur folgten ihm.

„Bitte zeigen sie mir den Weg zur Brücke. Anscheinend bin ich gerade zum Verbindungsoffizier ernannt worden“, lachte Thom und verbeugte sich leicht vor Alice. „Sieht so aus“, erwiderte sie schmunzelnd und brachte Thom zur Kommandozentrale. „Graham kannst du unserem Gast alles zeigen, ich werde unsere Leute über die neuesten Ereignisse informieren, damit keine Panik entsteht.“

„Natürlich, Alice. Und Nick soll mit einem Teil der Männer nach unten gehen zu den Verbindungen. Wir machen einen Kommunikationscheck.“ Graham nickte und wandte sich dann an Thom. „Folgen sie mir.“

„Lassen wir das steife Sie, das macht mich immer ganz nervös. Ich bin Thom“, erklärte der Techniker und folgte dem Mann, der sich schon umgewandt hatte, um zurück zu den Aufbauten zu gehen. Graham sah sich noch einmal über die Schulter um, lächelte. „Graham“, erklärte er, dann stiegen sie gemeinsam durch die Aufbauten nach oben.


05 

Thom sah sich fasziniert um. Er würde die nächsten Nächte wohl nicht schlafen, sondern mit der Untersuchung dieser einmaligen Konstruktion zubringen.

„Wahnsinn“, murmelte er leise und sah sich immer wieder staunend um. „Ihr lebt jetzt seit fünfzehn Jahren hier? Dafür ist sie wirklich gut in Schuss. Funktioniert noch alles?“, fragte er neugierig und schloss zu Graham auf. „Habt ihr Konstruktionspläne und darf ich mir die einmal ansehen?“

„Theoretisch würden wir euch die Pläne gern geben, aber wir haben keine. Wir haben Eve 01 damals gekapert und sind auf See hinaus. Die Pläne lagen in der Werft. Aber ein paar der Männer an Bord haben Eve mit gebaut. Sie können euch bestimmt ein paar Fragen beantworten wenn sicherlich auch nicht alle“, begann Graham und hatte die Tür zur Brücke erreicht. Noch immer flackerten die Bildschirme und auf einem konnten sie sehen, wie Akuma und seine Leute ebenso wie die Moles zurück in die Schiffe stiegen. „Eve ist nicht mehr die jüngste, doch die wichtigsten Systeme funktionieren noch.“

„Da kümmern wir uns drum, wenn wir Zuhause sind. Vielleicht finden wir die Konstruktionspläne ja in unserer Datenbank. Das wäre natürlich toll. Wir werden die alte Dame auf jeden Fall wieder so weit in Schuss bringen, wie es geht.“ Thom ging zur Kommunikationsanlage und verschaffte sich einen Überblick. „Akuma, kannst du mich hören“, versuchte er es, nachdem er sich mit der Anlage vertraut gemacht hatte. Er drückte auf einen Knopf und wechselte den Kanal, dann versuchte er es noch einmal und hatte Erfolg.

>>Kann dich hören, laut und deutlich<<, entgegnete der General, ohne auch nur ein einziges Mal aufzusehen oder eine der Kameras zu suchen. Doch das hatte Thom von dem Mann auch nicht erwartet. Er funktionierte wie ein Uhrwerk, erschreckend präzise und tödlich. Er wollte nicht auf der gegnerischen Seite stehen, wenn es gegen Akuma ging, ganz sicherlich nicht. Seit der Kerl wieder auf dem Damm war und von beiden Ärzten das Go hatte, wieder 100% zu geben, legte der Mann los, dass man glaubte, keinen Menschen vor sich zu haben. Doch dann riss Thom sich los, als Graham neben ihn trat, um seine eigenen Leute im Bauch der Kuppel zu kontaktieren.

„Okay, Verbindung haben wir.“ Die erste Hürde hatten sie genommen. Gerade trafen Grahams Leute bei den Schleusen ein. Es konnte also eigentlich losgehen. „Gut, von hier aus ist alles klar. Startet die Motoren und dann langsam vorwärts. Lasst uns die alte Dame in Schwung bringen.“

>>Okay<<, war die Antwort aus den Schiffen. Thom stellte sich die Kameras so ein, dass er die vier Männer sehen konnte, die die vier Boote steuerten. Sie hatten die automatische Steuerung deaktiviert. Sie experimentierten seit ein paar Monaten damit die Schiffe frei zu steuern, jetzt kam es darauf an, dass sie funktionierten.

„Ewan übernimmt die Führung“, forderte Thom und der Mole nickte, ebenso die anderen drei, dass sie verstanden hatten. Ewan gab die Richtung vor und gab dann das Zeichen, mit Viertel Kraft loszufahren.

Durch die Kuppel ging ein Ruck und es knarzte und knackte leise, als die Boote unter ihr sich in Bewegung setzten, aber da keiner der Männer an den Schleusen irgendetwas Ungewöhnliches meldete, störte sich niemand daran.

„Alles läuft nach Plan“, gab Thom an seine Leute weiter. „Nehmt langsam Fahrt auf.“

Ewan nickte  und gab seine Kommandos. In gleichmäßigen Stufen wurde die Geschwindigkeit erhöht und Thom blickte fasziniert von den Monitoren zu den Fenstern. Er hatte von hier einen herrlichen Blick über die ganze Kuppel und dann weiter auf das Meer vor ihr, auf die kleinen Wellen, die weg trieben und irgendwo hinter dem Schiff verschwanden. Eine nach der anderen. Die Sonne ließ das Wasser glitzern. „Unglaublich“, murmelte er leise, ehe er sich wieder losriss und sich seiner Arbeit widmete.

„Ja, der Blick ist toll. Die ersten Jahre konnte ich mich gar nicht satt sehen. Wir sind zwar in einer Kuppel, aber trotzdem hat man das Gefühl nicht eingesperrt zu sein.“ Graham stellte sich neben Thom und lächelte. „Ich hoffe, ihr kriegt sie wieder flott.“

Thom blickte neben sich, grinste schelmisch. „Die Technik, die ich nicht repariert bekomme, die muss erst noch erfunden werden.“ Dann lachte er leise, weil er aus Versehen die Sprachleitung offen gelassen hatte und die Jungs in den Schiffen ihn hören konnten.

>>Gib nicht so an<<, knurrte Ewan gutmütig. Doch auch er hatte die Fähigkeiten des Menschen schon schätzen gelernt.

„Dann haben wir ja die richtigen Leute zu Hilfe gerufen.“ Graham war noch immer erstaunt darüber, dass das Schiff das von ganz allein gemacht hatte. „Gibt es noch mehr Verbündete, außer denen, die wir kennen gelernt haben?“, fragte er neugierig. „Wie kommt es, dass ihr euch von ihnen befreit habt?“

„Ihr habt alle unsere Verbündeten kennen gelernt, die Moles, die Atlanter und die Jiang Shi. Da wir selber die Gottgleichen erst vor etwa einem Jahr überhaupt entdeckt haben, sind wir mit unserer Allianz noch nicht so weit, wie wir vielleicht gern würden. Aber wir haben unser Wissen gebündelt und sind ihnen auf die Schliche gekommen. Allerdings waren die Verluste dabei nicht unerheblich. Nicht nur, dass sie unseren früheren Fürsten getötet haben, als wir ihnen auf die Spur gekommen waren, sie haben über viele Jahrzehnte unsere Kuppel als Labor benutzt und unser Trinkwasser mit Substanzen versetzt, die unsere Frauen unfruchtbar gemacht haben. Es kamen kaum noch Kinder zur Welt und die Typen haben uns wie Laborratten dabei zugesehen, wie wir mit dieser Situation umgehen.“ Thom verstummte nach seinem Monolog. Es sich selbst wieder so vor Augen zu führen ließ Wut aufsteigen. Er biss die Zähne zusammen und starrte auf die Monitore.

„Ich kann deine Wut verstehen. Wir alle hier auf dem Schiff sind hier, weil wir es nicht mehr ertragen konnten, in ihrer Welt zu leben. Blauäugig wie wir waren, haben wir diese Kuppel gekapert und sind losgefahren.“ Graham wusste, dass sie bisher großes Glück gehabt hatten. Die Kuppel hätte auch die falschen Leute rufen können.

„Immer noch besser als nichts zu tun, oder?“ Thom sah neben sich und lächelte. Der Mann war ihm irgendwie auf Anhieb sympathisch. Er strahlte eine angenehme Ruhe aus. „Wie habt ihr eigentlich so lange überlebt. Ihr habt Aquakulturen, das haben wir gesehen. Seid ihr wirklich Selbstversorger? Reicht das für alle hier an Bord?“

„Ja, wir versorgen uns komplett selbst. Neben den Aquakulturen haben wir noch Gewächshäuser.“ Man hörte den Stolz aus Grahams Stimme. „Es gibt natürlich Einschränkungen in unserem Speiseplan, aber wir haben uns damit arrangiert über die Jahre. Uns geht es gut. Wenn du magst, kann ich dir später alles zeigen.“

„Ja, das würde mich interessieren. Eve ist fantastisch. Etwas wie sie habe ich noch nie gesehen. Ich habe zwar begriffen, dass die Gottgleichen helle Köpfe sind, die sich der falschen Sache verschrieben haben, denn sie haben Dinge geschaffen, die Ihresgleichen suchen, doch Eve scheint einmalig zu sein. Zumindest bisher. Warte mal…“ Thom hatte eine Idee und schaltete sich wieder in Akumas Boot.

„Akuma, kannst du mir Meo geben?“

Der General nickte nur stoisch. >>Kamera sieben<<

Thom gehorchte und hatte schlagartig das Seepferdchen auf dem Schirm, das ihn fragend anblickte.

„Hast du schon was gefunden – über diese schwimmende Kuppel?“

„Bis jetzt noch nicht viel. Nur einen Vermerk, dass beschlossen wurde, sie zu bauen, aber ich bleibe dran.“ Meo grinste und sah an Thom vorbei auf Graham. „Hallo, ich bin Meodin“, stellte er sich vor und war gar nicht erstaunt, dass erst einmal keine Erwiderung kam, weil er mit großen Augen angesehen wurde. Das kannte er schon. „Graham, freut mich dich kennen zu lernen“, beeilte sich Graham zu sagen, als er mitbekam, dass die ungewöhnlichen schwarzen Augen ihn ansahen und Meodin auf eine Antwort wartete. Das war peinlich und er wurde ein wenig rot.

„Macht nichts, so reagiert jeder, der mich das erste Mal sieht. Ich bin ein Seepferdchen“, sagte Meodin und verwirrte Graham noch mehr, der kam aber nicht dazu zu fragen, denn ein junger Mole schob sich vor die Linse der Kamera. „Stimmt nicht, ‘ne Seegurke!“, erklärte Diego und konnte gar nicht so schnell gucken, wie er ein Kissen im Genick hatte. „Blöde Grabmaus“, knurrte die Seegurke und Dylan schob die beiden knurrend aus dem Bild. „Ich sorge dafür, dass sie weiter arbeiten“, sagte er nur und Thom lachte. Die drei konnten irgendwie nicht aus ihrer Haut.

„Das ist unser Trio Infernale. Meodin, Dylan und Diego. Halt dich von ihnen fern, wenn du ein ruhiges Leben willst. Wo sie auftauchen herrschen Chaos und Trubel.“ Thom lachte und schlug Graham freundschaftlich auf die Schulter. „Meodin ist unser Archivar und wenn es etwas über Eve zu finden gibt, dann wird er es finden.“

Graham nickte und blickte auf den nun schwarzen Monitor. „Ah, okay“, entgegnete er zeitverzögert. Doch dann hakte er doch nach. „Was meint er damit, er sei ein Seepferdchen?“ Er als Biologe wusste genau wie Seepferdchen aussahen. Doch Meodin sah nicht aus wie ein Seepferdchen, er sah aus wie ein normaler Mensch. Von den unglaublichen Augen einmal abgesehen. Nebenbei kontrollierte er die Monitore aus Eves unteren Decks, doch dann sah er wieder zu Thom.

„Meodin ist eine Kreuzung aus Mensch und Seepferdchen. Er hat Schwimmhäute zwischen den Fingern, eine große Rückenflosse und teilweise eine schuppige Haut“, erklärte Thom. „Er ist eine Züchtung, genauso wie die Moles, die Maulwurf-DNA in sich haben.“

„Was?“ Graham wirkte entsetzt. „Warum tut jemand so was? Warum mischt man die Gene verschiedener Spezies.“ Gerade er als Biologe wusste, was dazu nötig war. Er schüttelte den Kopf und sah Thom fragend an.

Der seufzte. „Die Moles wurden von den Gottgleichen erschaffen, um Tunnel zu graben. Meodin allerdings ist eine Züchtung unserer Genetiker.“ Thom lehnte sich so gegen die Tischkante, dass er die Monitore im Blick behalten konnte und gleichzeitig Graham ansehen. „Ich will nicht beschönigen, was wir getan haben, aber wir waren verzweifelt. Es wurden kaum noch Kinder geboren und die wenigen, die noch auf die Welt kamen, waren männlich. Wir wollten unser Volk retten.“

„Die Moles sind von den Gottgleichen und Meodin ist von euch? Was …“ Graham schüttelte den Kopf. Das war ihm zu viel. Er konnte vielleicht verstehen, dass man verzweifelt war, wenn einem die Frauen ausgingen und man langsam ausstarb. Aber ging man dann wirklich soweit? Er starrte auf den schwarzen Monitor, gerade so als könnte er die drei dort noch immer sehen.

„Graham, ich sagte schon, dass ich nicht beschönigen will, was wir getan haben. Aber ich bereue nicht, dass Diego, Meodin und Dylan auf dieser Welt sind. Sie sind Freunde, sehr gute Freunde und da ist es mir in erster Linie egal, woher sie kommen.“ Thom hatte schon geahnt, dass die Reaktion auf die Enthüllung so ähnlich ausfallen würde.

Graham hob abwehrend die Hände. „Thom, ich möchte euch nicht verurteilen. Ich verstehe, dass ihr verzweifelt wart. Es ist nur so, dass einer der Gründe, warum wir Philadelphia verlassen haben, waren solche Experimente, wie die Gottgleichen sie mit den Moles gemacht haben.“ Graham strich sich durch die Haare und lächelte schief. „Ich muss erst mehr über alles wissen, bevor ich mir ein Urteil bilde.“

Der nächste, dachte Thom nur, doch er nickte. Irgendwie schien jeder mit Meodin ein Problem zu haben. Doch halt, nein. Das stimmte so nicht ganz. Mit Meodin hatten auch Akuma und Bahadur von Anfang an kein Problem gehabt sondern mit der Art und Weise, wie Meodin das Licht dieser Welt erblickt hatte. Doch Thom war das egal. Wäre das nicht passiert, wäre Meodin nicht Meodin. „Bildet euch euer Urteil“, sagte Thom trotzdem mit einem Lächeln.

„Du scheinst ihn zu mögen, genau wie die beiden Moles. Ihr seid Freunde“, stellte Graham fest und erinnerte sich an das kurze Gespräch zwischen Thom und Meodin. Sie hatten sehr vertraut gewirkt und beide hatten gelächelt. „Hast du Lust mir mehr zu erzählen? Viel können wir jetzt eh nicht machen.“

„Sicher. Warum nicht. Aber ich bin nicht der große Redner, also frag mich am besten, was du wissen willst. Das macht es für mich einfacher“, entgegnete Thom und wirkte erleichtert. Der Kampf mit Akuma war um einiges härter, wie Leander berichtet hatte. Er sah wieder neben sich, schickte Meodin aber noch den Namen der Kuppel. Das machte das Suchen vielleicht einfacher.

„War klar.“ Graham grinste. „Was ich nicht verstehe ist, dass Meodin ein Mann ist. Wie soll er dabei helfen euch bei dem Nicht-Aussterben zu helfen? Wenn ihr Frauen erschaffen hättet, das würde ich ja noch verstehen.“

„Dass aus ihm ein Mann geworden ist, ist doch ganz einfach“, grinste Thom. „Er sagte selbst, er sei ein Seepferdchen. Das liegt daran, dass man in seine DNA die der Seepferdchen eingekreuzt hat. Er hat wie ein Seepferdchen eine Bauchtasche, denn bei diesen Fischen nimmt der männliche Körper die Eier zur Brutpflege auf. Meodin hat diese Tasche auch. Befruchtete Eier aus der Gen-Bank sollten eingesetzt und dann dort ausgetragen werden.“

Kurz sah man Graham seine Verblüffung an. „Stimmt, bei den Seepferdchen brüten die Männchen die Eier aus“, murmelte er schließlich und schüttelte den Kopf. „Das ist schon irgendwie genial. Eure Frauen sind unfruchtbar, da würde ich es wohl auch mit einem Mann versuchen. Also wenn ich... du weißt schon was... was ich nie tun würde...“ Graham kam irgendwie ins stammeln und seufzte. „Guck nicht so.“

Thom lachte leise. „Du würdest es also auch mit einem Mann versuchen“, lachte er und schüttelte den Kopf. Er wusste, was Graham hatte sagen wollen, doch so wie er es gesagt hatte, klang das ja fast wie ein Angebot. Doch er beobachtet lieber nicht wie Graham sich in seiner Qual wand, sondern beobachtete lieber Ewan und seine Anweisungen an die anderen drei Boote.

Graham brauchte ein paar Minuten, bis sein Gesicht nicht mehr rot leuchtete. Das war ihm auch schon lange nicht mehr passiert. „Ich merke schon, bei dir muss ich aufpassen, was ich sage“, seufzte er schließlich und verdrehte die Augen.

„Du solltest immer darauf achten was du sagst“, lachte Thom leise, zwinkerte seinem Gegenüber aber zu. Sein Blick schweifte wieder über den Bug des Schiffes auf das offene Meer. Er konnte am Horizont schwach etwas ausmachen. „Ewan, wie weit noch?“, wollte er also wissen und der Mole sah auf seine Anzeigen. >>Noch gut zwei Stunden<< entgegnete Ewan und blickte kurz in die Kamera. >>Mit dem alten Mädchen im Schlepptau kommen wir nicht ansatzweise an die Geschwindigkeiten, die die Boote leisten können. Also Geduld.<<

„Ich sag doch gar nix“, lachte Thom. „Ich will nur heil ankommen, wann ist mir egal. Ich denke, das ist auch im Sinne der Bewohner der alten Dame. Meld dich, wenn was Ungewöhnliches ist, okay“ Eigentlich musste er das nicht sagen, denn Ewan würde sich sofort melden, wenn etwas wäre. „Sag mal, Graham, habt ihr hier irgendwo Ferngläser. Da hinten, das könnte die Küste sein. Ich will mir das mal genauer angucken.“

„Ja, sicher. Warte mal.“ Der junge Mann wandte sich um und ging zu einem Schrank, der alles enthielt, was hier auf der Brücke gebraucht wurde. Unter anderem auch ein paar Ferngläser. Sie waren veraltet, doch sie taten ihren Dienst. Also behielt er eines und reichte das zweite an Thom weiter. Der griff es sich sofort und hielt es sich vor die Augen. Schnell hatte er raus wo er drehen musste, um etwas schärfer zu sehen und tatsächlich: „Neo New York.“

Es war ein komisches Gefühl die Kuppel von außen zu sehen. Graham stand neben Thom und sah ebenfalls auf die Küste. „Dort seid ihr Zuhause? Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wieder an Land zu sein. Wir haben die Küste immer nur von weitem gesehen.“

„Ich habe sie noch nie von weitem gesehen – immer nur von innen“, murmelte Thom und saugte den Anblick in sich auf. Schade, dass er keinerlei Aufzeichnungsgeräte bei sich hatte. „Bis vor kurzem war das unser Horizont. Und dann entdeckten wir die Moles tief unter unseren Füßen, entdeckten die Atlanter vor unserer Küste und fanden die Jiang Shi weit weit über das Meer hinaus.“ Erst jetzt bekamen Entfernungen für Thom eine Bedeutung, wurden vorstellbar.

„Es ist kaum vorstellbar, dass ihr erst seit so kurzer Zeit all diese anderen Völker kennen gelernt habt. Wir haben in den Jahren auf See eigentlich fast jede Küste gesehen. Allerdings wenn wir Kuppeln entdeckt haben, war es immer aufregend. Wir wussten nicht, ob man uns von dort sehen konnte und wenn ja, würden sie uns angreifen, oder waren sie uns wohlgesonnen. Allerdings ist nie etwas passiert. Keiner hat je zu uns Kontakt aufgenommen.“ Graham ließ das Fernglas sinken. „Was wird uns in eurer Kuppel erwarten?“

„Das wird sich zeigen, aber ich glaube nicht, dass man euch angreifen wird. Weder die Moles noch die Einwohner von Neo New York. Wir haben die Zusage unseres Fürsten, dass ihr auch an Land gehen könnt. Wer mag, kann bleiben, wer mag, kann anschließend mit Eve wieder in See stechen.“ Thom starrte weiter durch das Fernglas, löste nur selten den Blick um die Monitore im Auge zu behalten. „Wir haben viele stillgelegte Versorgungskuppeln. Da lässt sich sicherlich die eine oder andere reaktivieren und Platz für euch finden. Also macht euch da keine Sorgen, wir machen uns auch keine.“ Thom war sich ganz sicher, dass Erdogan ihre Gäste nicht daran hindern würde, sich in die Gemeinschaft zu integrieren.

„Einige von uns werden wahrscheinlich gerne an Land bleiben.“ Graham wusste, dass es immer wieder Diskussionen gegeben hatte, weil einige Bewohner von Eve die ewige Reise beenden wollten. „Das ist alles noch so unwirklich für mich. Seit Jahren waren wir vollkommen isoliert. Einige werden Probleme damit haben.“

„Ihr müsst nicht an Land gehen, wenn ihr das nicht wollt. Wer will, kann gern auf Eve bleiben. Wir werden sie großteils erst einmal von außen reparieren und wenn wir das Schiff betreten müssen, um drinnen Reparaturen durchzuführen, werden wir versuchen sie so wenig wie möglich zu stören. Ich sage es gern noch einmal“, Thom sah jetzt doch auf und blickte Graham offen an, „ihr wurdet weder erobert, noch gekapert. Ihr könnt machen, was ihr wollt. Mach deinen Leuten das klar, denn niemand soll sich übergangen fühlen.“ Das war Thom wichtig, denn er konnte sich gut vorstellen, dass gerade ein Großteil der Menschen hier an Bord ziemlich verwirrt war.

„Ich weiß das, Thom. Aber genauso wie ich haben die meisten Bewohner von Eve Kinder, die sie beschützen wollen. Normalerweise hören sie auf Alice und ich vertraue darauf, dass sie es jetzt auch tun werden.“ Graham legte das Fernglas weg. „Ich wollte nur zu bedenken geben, dass wir ein wenig eigenbrötlerisch geworden sind und nicht alle euch auf Anhieb vertrauen werden.“

„Das müsst ihr auch nicht“, sagte Thom und blickte wieder nach vorn. Nach einer ganzen Weile flüsterte er leise: „Kinder.“ Er lachte leise. „Mein Bruder ist bei uns in der Kuppel einer der wenigen Glücklichen, dessen Frau ein gesundes Kind geboren hat. Der Kleine ist ein Sonnenschein. Doch er ist eines der wenigen Kinder, die wir noch haben. Aber jetzt wird es vielleicht besser. Wir haben die Quelle gefunden, warum unsere Frauen keine Kinder mehr bekamen.“ Und hier hatten sie so viele gesehen – auf solch kleinem Raum.

„Meine Tochter Lynn ist dreizehn. Sie ist mein ganzes Glück. Die Ärzte hatten gesagt, dass meine Frau Veronica wahrscheinlich keine Kinder bekommen konnte und dann war sie auf einmal schwanger und wir waren so glücklich. Ich kann mir also vorstellen, wie es euch gegangen sein muss. Ich hoffe, dass ihr Erfolg haben werdet.“ Graham dachte an Lynn und musste lächeln. Seine Kleine war so tapfer gewesen, als das ganze Chaos begonnen hatte.

Thom sah ihn an und lächelte. „Wir werden sehen“, sagte er und sah sich wieder um.

 

06 

Allmählich verging die Zeit und vor ihnen wuchs die große Hauptkuppel von Neo New York. Er zuckte, als er plötzlich Ewans Stimme vernahm.

>>Das wird jetzt wie folgt ablaufen: In ein paar Minuten haben wir unsere Endposition erreicht. Näher können wir Eve nicht schleppen, ohne sie irgendwo auf Grund zu setzen oder sonst irgendwo hängen zu bleiben. Die Boote werden abkoppeln und ins Dock fahren. Wenn ein paar von den Bewohnern schon mal mit wollen, müssen sie die Boote besteigen. Sie werden die einzige Möglichkeit sein, die Kuppel zu verlassen.<<

Dann war wieder Ruhe und Thom staunte nicht schlecht, dass der wortkarge Mole sich zu einem solch epischen Monolog hatte hinreißen lassen. Er grinste in sich hinein.

Graham hatte zugehört und zuckte plötzlich hoch. „Wir müssen unsere Position halten und Anker werfen. Wir brauchen Carter, der kennt sich mit diesen Dingen aus. Ich bin Biologe und arbeite in den Aquakulturen.“ Er griff zum Telefon und rief den Mechaniker an. „Carter wir brauchen dich auf der Brücke, wir müssen ankern.“

>>Komme<<, war die knappe Antwort, dann war die Leitung wieder still.

„Okay. Ihr macht das hier oben schon. Ich werde mich dann man langsam zu meinen Leuten begeben und zurück in meine Kuppel schiffern. Ich muss dort zusehen, dass ich meine Jungs zusammentrommle und Material besorge, damit wie Eve wieder aufhübschen können. Kommt ihr hier jetzt alleine klar?“ Er sah Graham offen an. Wenn der ihm sagte, dass der Techniker noch gebraucht würde, dann würde er noch bleiben – keine Frage.

„Sicher, Thom, Danke für deine Hilfe. Ich würde mich freuen, wenn du wiederkommst und ich würde mir gerne in den nächsten Tagen eure Kuppel ansehen, wenn es möglich ist.“ Graham hielt Thom lächelnd die Hand hin. „Ich bin froh, dass ihr unseren Notruf gehört habt.“

„Eher unsere Schiffe. Die sind völlig frei gedreht und ließen sich von uns nicht mehr steuern. Eve hat eine unglaubliche Anziehungskraft.“ Er zwinkerte und nahm Grahams Hand. Dann wandte Thom sich um. „Ewan, nehmt mich an Bord, ehe ihr abkoppelt“, forderte er und Ewan gab seine Zustimmung. Also nickte Thom noch Graham zu, „bis blad, Graham“ ehe er die Brücke verließ und in den Bauch des Schiffes zurückging.

„Okay, Carter, ankern, damit wir unsere Position halten können.“ Graham selber ging zum Fenster und versuchte etwas zu sehen, wie die vier Schiffe ablegten. Man spürte einen leichten Ruck, als die U-Boote sich lösten und unter der Wasseroberfläche konnte er die Boote schemenhaft erkennen, wie sie in Richtung Neo New York fuhren.

„Was hältst du von der ganzen Sache?“, wollte Carter wissen. Er hatte nicht alles mitbekommen, doch das was er bisher mitbekommen hatte, ließ ihn schwanken. Sicher, die Fremden hatten sie vor den Wasserwesen gerettet. Doch sie waren mit vorgehaltener Waffe in ihre Kuppel gedrungen. Sie konnten das immer wieder tun, das war ihm klar. Doch trotz des holprigen Starts hatten die Fremden ihre Hilfe angeboten, Asyl und Ersatzteile. Carter war sich noch nicht schlüssig, ob man ihnen trauen konnte oder nicht. Niemand gab in Zeiten wie diesen etwas ohne Gegenleistung.

„Sie wirkten sehr aufrichtig. Ich denke schon, dass sie uns wirklich helfen wollen. Mit dem Mechaniker Thom habe ich mich unterhalten und sie kämpfen gegen die Gottgleichen. Die haben ihnen ziemlich übel mitgespielt.“ Graham konnte sich nicht vorstellen, dass Thom ihn belogen hatte. „Allerdings kann es nie schaden vorsichtig zu sein, bis wir mehr wissen.“

„Ja, glaube ich auch. Lass uns zu unseren Leuten gehen und dann will ich noch einmal mit dem Rat sprechen. Wir müssen entscheiden, wie wir uns ihnen gegenüber verhalten werden.“ Carter strich sich durch die Haare und streckte sich dann ausgiebig. Er fühlte sich schon wieder um einiges besser als noch vor zwei Stunden, als keiner gewusst hatte, was eigentlich los war. „Ich hätte auch gern gewusst, was uns da eigentlich angegriffen hat. So was hatte ich bisher noch nicht gesehen.“

„Sie heißen Sharker. Es sind von den Gottgleichen geschaffene Mischwesen aus Menschen und Hai.“ Carter sah Graham mit großen Augen an. „Mischwesen?“, fragte er ungläubig und es schüttelte ihn. „Was wollten sie von uns?“ Wieder konnte Graham ihm sagen, was Thom ihm kurz zuvor berichtet hatte. „Unsere Aquakulturen waren wohl ihr Ziel.“

„Unsere Kulturen? Woher wussten die denn davon?“ Das machte für Carter keinen Sinn. Nach einem letzten Blick auf die Anzeigen, die normal arbeiteten, wandte er sich zum Gehen, sah Graham auffordernd an. „Lass uns nach den Kindern sehen. Iowa sagte mir, er wäre in deinem Apartment.

„Japp, die Kinder sind bei mir. Ich dachte mir, dass sie ruhiger sind, wenn sie alle zusammen sind. Lynn sollte mir Bescheid sagen, wenn sich Unruhe zeigt, aber bisher hat sie sich nicht gemeldet.“ Gemeinsam gingen sie zu Grahams Quartier und mussten grinsen, als die Kinder vor dem Computer saßen und Spiele spielten. „Das ist doch unglaublich. Sobald sie Spiele haben, kann die Welt untergehen und sie würden das nicht mitkriegen.“

„Besser so als anders herum“, lachte Carter. Er ließ seinen Blick schweifen und fand seinen Jungen am Fenster. Er war nicht so verrückt nach Spielen. Doch er las gern und beobachtete sein Umfeld. Er wirkte immer ziemlich abwesend, doch Carter wusste, dass das nicht der Fall war. Gerade saß er da und beobachtete die spielenden Jugendlichen. Sein Kopf wandte sich zur Tür, als er Graham hörte und entdeckte neben Lynns Vater seinen eigenen. „Dad.“

„Hallo, Junge.“ Carter lächelte seinen Sohn an und ging ein wenig zur Seite, als Lynn sich in die Arme ihres Vaters warf. „Alles wieder in Ordnung, meine Süße. Wir ankern, damit Eve repariert werden kann.“ Er drückte seine Tochter an sich und küsste sie auf die Schläfe. „Carter und ich müssen gleich wieder weg, da wir uns mit dem Rat treffen wollen.“

„Was ist passiert?“, wollte Lynn wissen. Sie hatte sich ganz gut ablenken können, doch jetzt fiel ihr Blick wieder auf Iowa und sie wurde kurz rot, löste sich wieder und blickte ihren Vater offen an. „Uns haben ein paar Wesen angegriffen und Eve dabei beschädigt. Eve hat ein Notsignal gesendet und ein paar Schiffe aus den umliegenden Kuppeln haben darauf reagiert. Die Fremden haben uns vor ihre Küste geschleppt, um die Kuppel zu reparieren und wir werden jetzt mit Alice beratschlagen, was wir tun werden.“ Graham war schon immer ehrlich zu Lynn gewesen, denn er erwartete das auch von ihr.

Er war nicht überrascht, dass auch Iowa zu ihnen kam. Der Junge war sehr an dem interessiert, was auf der Kuppel passierte. Graham nickte ihm zu und lächelte. Er mochte Iowa und seine ernsthafte Art. Er war nicht draufgängerisch und angeberisch wie viele andere Jungs seines Alters. „Es kann sein, dass sich unser Leben ziemlich verändern wird.“

„Ändern in wie fern“, wollte der Junge wissen und nahm sich noch etwas Tee, der auf der Anrichte zur Küche stand.

„Die Neo New Yorker, die vorhin hier gewesen sind und uns vor die Küste geschleppt haben, haben uns angeboten zu bleiben, wenn wir das wollen. Sie lassen uns nach der Reparatur aber auch wieder unbehelligt in See stechen, sofern wir wieder hinaus aufs Meer wollen. Wir sollten mit Alice beraten.“ Graham strich sich durch die Haare und legte seine Arme um Lynn, die sich an ihn schmiegte. Er selbst wusste auch noch nicht, was er wollte. Doch er würde das nicht allein entscheiden. Lynns Stimme zählte so viel wie seine.

„Wir können an Land bleiben?“, fragte Lynn. Sie konnte sich das gar nicht vorstellen. Sie war auf Eve geboren worden, genauso wie Iowa. Sie wirkte ein wenig verunsichert und Graham drückte sie an sich. „Noch ist nichts entschieden kleine Maus. Erst einmal werden die Reparaturen ausgeführt. Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen.“

„Wie soll das gehen?“, fragte Iowa. Zwar hatte er von den Kuppeln an Land nicht nur gehört, sie hatten sie auch manchmal am Horizont gesehen. Aber er hatte sich nie versucht vorzustellen wie das war, immer am gleichen Ort zu sein. Ihm war klar, dass sich dann einiges grundlegend ändern musste und auch er – wie Lynn – war sich nicht sicher, ob er das wollte. Nicht dass er Veränderungen nicht offen gegenüber stand. Aber hier waren sie unter sich – dort waren sie mit vielen Fremden vereint. Konnte das gut gehen?

„Ich weiß es auch noch nicht, Iowa. Ich habe vorhin mit dem Techniker der Neo New Yorker geredet. Er meinte, dass sie viele leer stehende Versorgungskuppeln hätten. Es wäre eine Möglichkeit diese für uns herzurichten. Wir können aber auch auf Eve bleiben und weiterziehen, wenn wir wollen.“ Graham strich sich über die Haare und lächelte schief. „Wir sollten noch nicht spekulieren. Warten wir es ab, was die Verhandlungen ergeben.“

„Na gut.“ Iowa nickte und wandte sich wieder ab. „Ist die angespannte Situation aufgehoben? Wenn ja würde ich in unser Apartment gehen, Dad. Ich will die Kuppel an Land noch etwas beobachten und ich glaube von weiter oben geht das besser.“ Neugier blitzte in den hellen Augen und er wurde ein bisschen unruhig. Carter musste schmunzeln. Sein Junge war im Forscher-Modus.

„Wir sind wieder alleine und Eve ist gesichert. Du kannst also ruhig in euer Apartment gehen.“ Von Iowa ungesehen stupste er Lynn an. Sie schwärmte für den Jungen, da sollte sie vielleicht die jetzige Chance ergreifen und mit ihm gehen. Er glaubte nicht, dass Iowa ablehnen würde, wenn Lynn sich mit ihm die Kuppel ansehen wollte.

Lynn suchte schnell den Blick ihrer Freundin, doch die tat unbeteiligt und spielte weiter mit ein paar Mädchen aus ihrer Altersstufe. So war Lynn auf sich allein gestellt und ehe zu viel Zeit verstrich und ihre Frage dann aus der Luft gegriffen klang, fragte sie: „Kann ich mitkommen? Ich würde mir das auch ganz gern mal angucken, wenn doch die Chance besteht, dass wir dort mal wohnen werden.“ Überrascht darüber, wie viele Worte sie mit Sinn und ohne Knoten in der Zunge reihen konnte, grinste sie schief.

Man sah Iowa an, dass er überrascht war, aber er lächelte. „Klar, warum nicht. Wenn unsere Väter damit einverstanden sind.“ Er wechselte einen schnellen Blick mit seinem Vater und Graham, die beide nickten. „Dann ist ja alles klar, nimm dir ein Fernglas mit, dann kannst du mehr erkennen.“ Lynn strahlte und flitzte auch gleich los, um das Fernglas zu holen.

Graham sah den beiden nach, als sie davon liefen und grinste. Doch dann erinnerte auch er sich, dass sie den Rat befragen wollten, nachdem die Kuppel kurz inspiziert worden war. „Ich schaue noch mal nach den Kulturen und du kannst den Rest informieren. Wir müssen beraten. Die Neo New Yorker werden das auch tun. Wir sollten vorbereitet sein, wenn sie uns kontaktieren.“

Aber zuerst scheuchte er die Jugendlichen nach Hause. Sie konnten jetzt wieder gefahrlos zu ihren Familien zurück. Er schloss hinter ihnen die Tür und machte sich auf den Weg zu den Aquakulturen. Was würde ihn dort erwarten? Nicht auszudenken, wenn die Kulturen soweit beschädigt waren, dass die Fische starben. Das System war sehr empfindlich. Doch er hörte keinen Alarm, als er die Treppen hinab stieg. Sein Blick lag auf einer offenen Luke, die sie vorher nie wahrgenommen hatten. Dort unten waren die U-Boote angedockt gewesen. „Was hast du noch für Geheimnisse, Eve. Ich dachte, wir wären Freunde. Und wenn schon keine Freunde, dann doch wenigstens Verbündete. Du kannst uns doch nicht so offen ausliefern.“ Doch er schloss die Luke nur, damit keiner hinein fiel und ging weiter zu den Kulturen.

Auf den ersten Blick, wirkte alles so wie es sollte, nur an einem Becken war eine Pumpe ausgefallen. Was nicht wirklich schlimm war, wenn der Ausfall nicht zu lange dauerte. Er bekam sie wieder in Gang, so dass das Wasser wieder gefiltert wurde. Trotz der Vorkommnisse hatten die Aquakulturen keinen Schaden genommen. Weder die Pflanzen, noch die Fische. Das war gut. Er sah noch einmal auf die Schalttafeln und prüfte die Parameter der Becken. „Glück gehabt“, murmelte er und blickte auf, als auf einem der kleine Monitore am Kontrollpult Nicks Gesicht erschien. >>Alice ruft in den Gemeindesaal. In einer viertel Stunde.<< Dann war der Bildschirm wieder schwarz. So korrigierte Graham in einem der Seetang-Becken noch den pH-Wert, dann stieg er wieder nach oben.

Er ließ sich Zeit und war doch mit einer der ersten, die sich im Gemeindesaal einfanden. Graham suchte sich einen Platz bei den großen Fenstern. Er winkte Carter, als der den Raum betrat. „Komm setz dich zu mir“, rief er ihm zu und deutete neben sich. Er war gespannt, was die Bewohner von Eve zu ihrer jetzigen Situation sagten.

„Hier!“ er reichte Graham einen großen Becher Eistee. „Schließlich bist du seit einer ganzen Weile nicht dazu gekommen.“ Er selber hatte sich auch einen Becher voll mitgebracht, denn er hatte irgendwie das Gefühl, dass diese Sitzung länger dauern konnte. Zusammen beobachteten sie, wie sich nach und nach der größte Raum in Eves Aufbauten füllte. Auch Alice und der Rat hatten schon an der Stirnseite Platz genommen. Ihre Augen waren auf ihre Gemeinschaft gerichtet.

„Danke.“ Graham nahm den Becher an und nahm auch gleich einen Schluck. „Was glaubst du, wird es eine hitzige Diskussion werden?“, fragte er seinen Freund leise. „Ich denke schon, denn viele von uns werden auf keinen Fall an Land gehen wollen und auch unsere Isolation nicht aufgeben wollen.“

„Ich würde es gern ausprobieren, es mir ansehen. Ich will mal andere Leute sehen, erleben wie sie leben. Hast du diese schwarzen Wesen gesehen? Diese Moles? Sie sind faszinierend. Und das Seepferdchen mit den schwarzen Augen. Es gibt so viel, was wir nicht kennen und wenn ich die Chance habe, würde ich es kennen lernen wollen. Dann können wir immer noch Eve besteigen und uns wieder aus dem Staub machen. Aber ich finde, wir sollten die Chance nutzen.“ Graham blickte wieder aus dem Fenster zur großen Kuppel. Er konnte einen Teil der Versorgungskuppeln erkennen, kleiner als die Hauptkuppel lagen sie um sie geschart.

„Nein, ich habe diese Wesen nicht gesehen, aber ich würde auch gern mal wieder das Land betreten. Ich möchte wissen, was sich in den letzten fünfzehn Jahren geändert hat.“ Carter sah es ähnlich wie sein Freund und Iowa wäre bestimmt auch begeistert, sich mehr Wissen aneignen zu können und ein anderes Leben kennen zu lernen.

„Warten wir es ab. Ich will mir erst mal anhören, was Alice zu sagen hat und dann können wir unsere Argumente immer noch in die Waagschale werfen.“ Sie wollten nicht gleich nach vorn preschen sondern erst einmal die Grundstimmung sondieren. Er wusste, dass es noch mehr an Bord gab, die so dachten wie sie. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sie sehenden Auges diese Chance verstreichen ließen.

Das Murmeln im Raum wurde leiser, als Alice sich erhob. Sie hielt sich nicht lange mit Vorreden auf und berichtete, was sich in den letzten Stunden zugetragen hatte. Ein Raunen ging durch den Raum und so hob die Anführerin der Bewohner von Eve kurz die Arme und bat um Ruhe. „Ich weiß, dass ist eine vollkommen neue Situation, aber wir müssen eine Entscheidung treffen.“

„Wer sagt, dass wir denen trauen können?!“, rief einer.

„Genau! Sie kamen mit Waffen!“, rief ein anderer.

„Und wer sagt denn, dass die nicht die Viecher geschickt haben, die unsere Kuppel angegriffen haben!“, rief ein dritter.

Graham sah sich verwirrt um. Er verstand nicht, warum die Männer so feindselig waren.

„Ich sehe das nicht ganz so“, entgegneter ein anderer und die drei sahen ihn fragend an. „Sind wir in unserer eigenen Welt so verbittet, dass wir allem und jedem misstrauen? Wenn sie Eve hätten wiederhaben wollen, dann hätten sie uns da drüben auf hoher See über die Klinge springen lassen. Zumindest hätte ich das so gemacht.“

Graham lachte leise. Jason hatte Recht.

Natürlich nahmen seine Vorredner das nicht einfach so hin und wollten dagegen halten, aber sie wurden unterbrochen. „Leute, wenn ihr unterwegs wärt und euer Boot auf einmal hier andocken würde, würdet ihr auch nicht unbewaffnet an Bord kommen. Sie haben keinem von uns etwas getan und sie haben uns hierher geschleppt. Das hätten sie nicht tun müssen.“ Zustimmendes Gemurmel wurde laut, wenn auch erst einmal verhalten.

„Wer sagt denn, dass sie uns nicht in einer der kleinen Kuppeln da hinten wegsperren und sich Eve doch noch unter den Nagel reißen.“ Mitchel und seine Kollegen aus dem Maschinenraum ließen sich nicht beirren. Aber auch Jason wurde nicht müde. Denn er war Lehrer, er wollte etwas sehen, seinen Forscherdrang befriedigen.

„Mitch, du musst nicht an Land gehen. Du kannst auf der Kuppel bleiben. Aber ich werde die Chance nutzen, die sich mir bietet. Ich will heraus bekommen, wo meine Großeltern heute leben und ob sie noch leben.“

Alice hob die Arme, weil sie mit ihrer Diskussion so nicht weiterkamen. „Leute, so kommen wir nicht weiter. Ich weiß, dass es keine leichte Entscheidung ist, aber übertriebenes Misstrauen ist hier nicht angebracht. Keiner wird zu etwas gezwungen. Eve wird repariert und kann wieder in See stechen. Wer hier bleiben möchte, der muss nicht an Land gehen.“

Mitchel knurrte leise. Er war nicht davon angetan, dass Fremde seine Eve reparieren wollten. Graham begann langsam zu verstehen. Er beugte sich in Mitchels Richtung. „Thom wird dich dabei haben wollen. Du kennst Eve besser als jeder andere und kannst ihm helfen und gleich auf die Finger gucken“, bot er also an. Er hoffte, dass Thom das verstehen würde.

„Du glaubst wohl, dass ich das tun werde. Eve ist mein Baby, da lass ich doch nicht jeden dran rumschrauben“, brummte der Mechaniker und verschränkte die Arme vor der Brust. „Werden wir ja sehen, ob dieser Thom wirklich was drauf hat.“

„Find's raus“, lachte Graham. Zumindest Mitchel schien sich wohl wieder beruhigt zu haben. Und mit ihm seine Kollegen. In kleinen Gruppen entwickelten sich Gespräche und so erhob sich Graham. „Die Neo New Yorker haben gesagt, sie werden uns kontaktieren und wir sollen ihnen sagen, ob wir an Land gehen wollen oder nicht. Es würde eine Art Shuttleverkehr mit deren Booten eingerichtet werden. Wir könnten uns vielleicht etwas umsehen. Nach und nach. Ich würde jedenfalls ganz gern mit an Land. Ich melde mich auf jeden Fall schon mal an. Gern auch mit als erster, wenn sich keiner traut.“

Wieder wurde Murmeln laut, aber die Stimmung hatte sich gewandelt. Immer mehr Bewohner von Eve waren davon angetan, wieder etwas von ihren Familien zu erfahren. Darum wurden immer mehr Fragen über ihre Retter gestellt. Graham freute sich, dass seine Leute versuchen wollten, mehr über die Neo New Yorker zu erfahren. Aber sie konnten die Fragen selber nur zu einem geringen Bruchteil beantworten. „Alle anderen Fragen müssen wir den Jungs da drüben stellen“, sagte Graham. „Alice, wir sollten versuchen, sie zu erreichen. Vielleicht können wir über Eves Kommunikationswege die Boote der Neo New Yorker erreichen. Sonst müssen wir warten, bis sie sich melden.“ Auch Graham wurde jetzt ungeduldig. Er wollte an Land.

„Ja, das sollten wir wohl machen. Kümmerst du dich darum, Graham? Du hattest den größten Kontakt mit einem von ihnen.“ Graham nickte. „Sicher, ich werde gleich versuchen Kontakt aufzunehmen.“ Er war zufrieden mit der Besprechung, jetzt musste er nur noch mit Lynn abklären, dass er an Land wollte. Er war sich noch nicht sicher, ob er sie beim ersten Landgang gleich dabei haben wollte. Sicherlich war sie auch neugierig. Er kannte sie viel zu gut. Doch er war zu sehr Vater, als dass er nicht erst die Sicherheit seines einzigen Kindes geklärt wissen wollte.

„Ich begleite dich“, sagte Carter. Er wusste, dass sein Junge noch damit beschäftigt sein dürfte, sich die Kuppel da drüben genau anzusehen. So konnte er auch Graham helfen. Schließlich war er selbst auch neugierig auf die Fremden.

„Gerne“, Graham grinste seinem Freund zu, denn er wusste ganz genau, dass es Carter ebenfalls in den Fingern juckte. Da er keine Lust mehr hatte zu warten, gab er Alice ein Zeichen, dass sie die Versammlung verließen. Das konnte jetzt noch eine ganze Weile gehen, bis alle zufrieden waren und sich der Saal leerte. Darauf hatten sie keine Lust. Bevor feststand, wer alles an Land gehen würde, müssten sie erst einmal sicherstellen, dass sie auch an Land kamen. So gingen die beiden zurück auf die Brücke und blickten auf die Monitore, die wieder die üblichen Bilder aus dem Schiff zeigte. Der Bildschirm, auf dem Thom seine Leute beobachtet hatte, war schwarz. Die direkte Verbindung zu den Schiffen war also nicht mehr gegeben. Jetzt war guter Rat teuer.

Graham war ein wenig ratlos. Er war Biologe und kein Techniker. „Was nun? Auf alle Knöpfe drücken und hoffen, dass wir den richtigen erwischt haben? Komm sag schon, du hast mehr Ahnung von Eves Technik als ich, Carter.“ Der besah sich das Pult, doch er war eigentlich ebenso sprachlos wie sein Freund. Sie hatten die Anlage nie benutzt um Kontakte außerhalb von Eve herzustellen. Sie wussten nicht einmal, wo sie die Neo New Yorker erreichen konnten. In den Booten? In der Kuppel? Er rief das Menü auf und begann sich durch den Inhalt zu lesen. Vielleicht fand sich ja ein Hinweis.

„Was hat dieser Thom denn gemacht?“, fragte Carter und versuchte erst einmal mehr zu erfahren. „Er hat Zahlen eingetippt, aber leider habe ich nicht darauf geachtet, welche.“ Graham sah auf den Ziffernblock, aber er konnte nicht sagen, welche Zahl Thom eingetippt hatte. „Gibt es vielleicht irgendwo eine Liste, wo Kennziffern stehen, die irgendwelchen Orten zugeordnet sind?“

Carter schüttelte nachdenklich den Kopf. „Er wird die Boote über Direktverbindung kontaktiert haben. Das funktioniert jetzt nicht“, murmelte er und wühlte sich weiter durch das Menü. Er erschrak sich fast zu Tode, als plötzlich der schwarze Bildschirm aufflackerte und er jemanden erkannte, der sie rief. Er hielt sich das Herz und holte dreimal tief Luft, während Graham erleichtert war, als er Thom erkannte.

„Thom, kannst du Gedanken lesen?“, lachte Graham und das Gesicht, das der Techniker der Neo New Yorker machte, ließ ihn kichern. Genauso wie das „häh“, das folgte „Wir haben gerade versucht herauszufinden, wie wir zu euch Kontakt aufnehmen können und du warst auf einmal in der Leitung“, erklärte Graham. „Das muss Gedankenübertragung gewesen sein.“

„Ach so, äh … nee“, machte Thom und wirkte eben auch nicht gerade intelligent. „Ich habe mir vorhin, als ich da war, die Nummer gemerkt, die euer Terminal da hat. Ich habe es angewählt und siehe da, es funktioniert. Es war ein Versuch. Wenn es nicht funktioniert hätte, wären wir mit einem der Schiffe rübergekommen. Ist ja nicht so als hätten wir nicht Mittel und Wege.“

„Ja, das stimmt wohl. Gut, dass du es ausprobiert hast, wir hatten nämlich keinen Plan, wie wir euch kontaktieren können.“ Graham grinste. „Aber wo du schon mal dran bist, erklär uns, wie wir euch kontaktieren können. Das ist einfacher, als ein Boot anzuwerfen.“

Thom nickte, jetzt war er wieder in seinem Element. Schnell hatte er erklärt, wo der Kontakt hergestellt werden konnte und die Nummer des Terminals durchgegeben, das die Bewohner von Eve anwählen konnten. Es war eines im Labor, weswegen Thom auch gleich aufklärte, dass dort nachts kein Kontakt zu bekommen war, weil nachts das Labor geschlossen war. „Aber weswegen ich mich melde: wir haben von unserem Fürsten die Zusage, eure Kuppel reparieren zu können. Wir würden anfangen, wenn ihr bereit seid.“ Nach einem Besuch wollte Thom noch nicht fragen, es sollte nicht aussehen, als wollte man die Fremden drängen.

„Das ist prima. Mitchel, unser Techniker ist dafür dein Ansprechpartner. Er kennt Eve in der Beziehung am besten. Ich würde sagen, komm morgen vorbei, dann könnt ihr besprechen, was gemacht werden muss.“ Graham war sich sicher, dass die beiden Männer sich gut verstehen würden, wenn sie erst einmal erkannt hatten, was sie zusammen erreichen konnten.

„Okay – wie intensiv wird das Terminal kontrolliert, an dem ihr jetzt seid? Oder kann ich euch noch über andere Terminals auf dem Schiff erreichen, wenn auf der Brücke keiner ist? Ich weiß nämlich noch nicht, wann es morgen früh losgehen wird.“ Thom sah sich um, weil hinter ihm schon wieder Hektik aufkam. Es war die Freigabe für die Besiedlung einer der alten Versorgungskuppeln gekommen. Ein Teil der Moles wollte sich als Wiedergutmachung daran beteiligen.

„Warte mal eben, ich probier was aus.“ Graham ging zur internen Kommunikationsanlage und stellte sie so ein, dass er eine Benachrichtigung bekam, wenn sich jemand meldete. „So, wenn ihr Kontakt sucht, bekomm ich das mit und komm in die Kommandozentrale“, erklärte er Thom. Das war die einfachste Lösung.

„Gut, wäre das geklärt“, sagte Thom. „Und was gibt es bei euch Neues? Habt ihr schon zusammen gesessen und beraten, ob ihr an Land wollt oder nicht? Davon hängt es ab, wie wir uns hier organisieren.“ Neben dem alltäglichen Leben mussten sie auch die Fremden eintakten. Die Medien hatten sich schon darum gekümmert, die Menschen in Neo New York zu informieren. Die schwimmende Kuppel direkt vor der Küste war schließlich nicht zu übersehen.

„Ja, wir hatten eben noch eine Versammlung. Einige von uns würden gerne an Land gehen. Sollen wir euch eine Liste schicken, damit ihr alles vorbereiten könnt?“ Graham wusste nicht, wie die Neo New Yorker das handhaben wollten. „Wie viele von uns könnt ihr denn in euren Schiffen hin und her bringen?“

Thom blickte in die Kamera und kratzte sich am Kopf. Er war Techniker, kein Logistiker. Doch da trat Archiaon grüßend neben ihn und nach ihm Elaios. „Eine Liste würde uns helfen und wir können mit einem Boot vielleicht dreißig Leute gleichzeitig transportieren.“ Dass es auch daran lag, dass sie nicht mehr Fremde gleichzeitig in ihrem Hochsicherheitslabor haben wollten, sagte er nicht. Die Fremden sollten nicht glauben, dass ihnen misstraut wurde. So war es nicht. Doch Ewan war der Sicherheitschef und es war seine Vorgabe gewesen.

„Allerdings würde es gut sein, wenn erst einmal nur eine Handvoll von euch kommt und sich mit dem Fürsten trifft, um alles weitere zu regeln.“

„Okay, wir machen die Liste fertig. Vielleicht wäre es ganz gut, wenn mit dem ersten Boot erst einmal nur Alice und der Teil des Rates rüberkommt, der eure Kuppel kennen lernen möchte.“ Graham wäre auch gern dabei, aber das sagte er nicht. Es wirkte doch ein wenig aufdringlich. „Kommst du auch mit dem ersten Boot rüber?“

Thom schob sich wieder etwas dichter zur Kamera und nickte. „Ja, wir werden mit dem Boot kommen, das die ersten von euch holen wird. Wir bleiben auf der Kuppel, um sie zu reparieren und ihr fahrt rüber“, erklärte er und nickte sich selber zu. Er hatte einen Trupp von zwanzig Männern zusammengestellt. Techniker, Mechaniker und Elektroniker. Wäre doch gelacht, wenn sie das alte Mädchen nicht wieder seetüchtig bekommen würden.

„Gut, dann werden wir hier Räume für euch vorbereiten lassen. Wie viele werdet ihr sein?“ Sie hatten nicht viele freie Apartments, aber wenn alle etwas zusammenrückten, würde das schon gehen. „Wenn ihr morgen hier seid, wird alles bereit sein.“

„Ich werde mit zwanzig Leuten kommen. Aber macht euch keine Umstände“, erklärte Thom gleich abwehrend. „Wir werden abends das Schiff wieder verlassen. Wir haben alle eigene Apartments und ihr benötigt eure Ressourcen selber.“ Er war sich sicher, dass es keine gute Idee war, mit so vielen Leuten dort über Nacht zu bleiben. Sicherlich waren ihnen nicht alle Bewohner wohlgesonnen, man musste sie nicht noch durch unnötige Anwesenheit provozieren.

„Okay, ganz wie ihr möchtet, aber wir werden trotzdem Schlafplätze vorbereiten, falls doch jemand hier übernachten möchte.“ Graham grinste, weil Thom die Augen verdrehte. „Find dich einfach damit ab, dass wir es euch so angenehm wie möglich hier machen wollen.“

Thom zuckte die Schultern. War wohl nicht zu ändern. Er würde seinen Leuten den Vorschlag machen, doch er kannte die Antworten eigentlich schon. „Gut, wir sprechen uns dann morgen. Wenn was ist, meldet euch.“ Er verabschiedete sich und dann war der Bildschirm wieder schwarz. Carter strich sich durch die Haare und blickte über das Deck nach Neo New York. „Lass uns sehen, ob der Rat noch tagt, dann können wir sie gleich aufklären.“

„Ja, das würde alles etwas beschleunigen.“ Carter erhob sich und bog den Rücken durch. „Schätze, wir werden heute Nacht nicht viel zum schlafen kommen. Wir haben noch jede Menge zu tun. Wir sollten Lynn und Iowa Bescheid geben, dass sie nicht auf uns warten sollen. Deine Tochter kann gerne bei uns im Gästezimmer übernachten, wenn sie möchte.“

Graham grinste, doch er nickte. Er war sich noch nicht sicher, ob seine Kleine das annehmen würde. Sicherlich würde sie eine ganze Weile darüber grübeln müssen. Entweder blieb sie bei Iowa und bekam kein Auge zu oder sie ging in ihr eigenes Apartment und bekam dort keine Auge zu, weil sie sich darüber ärgerte nicht geblieben zu sein. So oder so – Lynn würde auch nicht mehr Schlaf bekommen als ihr Vater. „Ich schick ihr 'ne Nachricht“, sagte er und zog seinen Kommunikator aus der Tasche, während sie zurück in den großen Saal gingen.

Sie konnten schon vor der Tür das Stimmengemurmel hören, also war die Versammlung noch nicht beendet. Sie öffneten die Tür, aber es bekam fast keiner mit, dass sie zurück gekommen waren. Darum gingen sie gleich weiter zu Alice und dem Rat, um ihnen Bericht zu erstatten. Dabei fassten sie sich kurz und gaben nur wieder, was mit Thom abgesprochen worden war.

Alice nickte. „Ja, ich halte es auch für das Beste, wenn erst einmal eine kleine Delegation von uns an Land geht und sich mit dem Fürsten trifft. Ich möchte, dass mich sechs Mitglieder des Rates begleiten.“ Dabei sah sich offen in die Runde, wer diesen Platz einnehmen würde. Ihr Sohn Nick nickte gleich. Er wollte auf jeden Fall dabei sein.

Die Ratsmitglieder sahen sich an und einige von ihnen wirkten nicht gerade begeistert. Aber nach und nach hoben sich fünf weitere Hände und Alice nickte allen dankend zu. „Dann ist die Delegation vollständig. Wenn das Boot morgen kommt, werden wir nach Neo New York fahren.“