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Zyklus VIII - Eve 01 - Teil 7-9

07 

„Ewan!“ Adrian lief durch die langen Flure. In ein paar Minuten sollten die Ratsmitglieder von Eve 01 im Dock einlaufen und Ewan spickte gerade die Flure mit Soldaten. Wie sah das denn aus?

„Was?“, wollte der Mole wissen und sah seinen Freund fragend an.

„Rüstest du zur Mobilmachung?“, lachte der Arzt, „Ich dachte, das wird nur ein Antrittsbesuch.“

„Hochsicherheitsbereich“, knurrte der Mole ein Stichwort – das musste reichen, um Adrian klar zu machen, dass man hier nicht einfach Fremde herum stöbern lassen konnte, wie sie wollten.

Adrian verdrehte die Augen. Das war so typisch für den anderen Mole. „Ewan, das stimmt zwar, aber die Delegation wird hier nur durchlaufen. Glaubst du nicht, dass ein klein wenig weniger militärischer Präsenz ausreichen würde?“

Nein, lag es dem Mole-Anführer auf der Zunge, doch er wagte nicht, sich so zu geben. Er hatte jetzt die Verantwortung und er war noch in der Probezeit, zumindest nannte Adrian das so, denn er sah seinem Freund gern auf die Finger. Zwar war er der perfekte Stratege aber im Umgang mit seinen Mitmenschen noch in der Lernphase.

„Zieh die Männer aus den Gängen ab. Es reicht, wenn ein paar die Delegation bis zum Zug begleiten“, legte Adrian fest und verschränkte die Arme vor der Brust.

Man sah Ewan an, dass er diese Art von Einmischung in seinen Aufgabenbereich gar nicht schätzte, aber er musste sagen, dass Adrian wie meist einen vernünftigen Vorschlag gemacht hatte. Was aber nicht hieß, dass er diesen gleich annehmen würde. Darum zog er die Augen zu Schlitzen zusammen. „Adrian, wir wissen nichts über die Bewohner von Eve 01, da geh ich kein Risiko ein.“

„Ewan!“, dehnte der Mole den Namen seines Freunds und lehnte sich gegen die Wand in dem langen Flur. „Es sind sieben harmlose Menschen. Du hast sie auf dem Schiff erlebt. Sie sind nicht einmal waffenerprobt. Was glaubst du, können sie gegen sieben deiner Männer ausrichten? Hm?“ er lachte leise, weil er das Mienenspiel seines Freundes genau beobachtete.

Ewan versuchte noch grimmiger zu gucken, aber da Adrian sich davon nicht beeindrucken ließ, nickte er zögerlich. „Okay, machen wir es so wie du vorgeschlagen hast. Ich werde unsere Männer auf das Minimum reduzieren, aber wenn was schief geht, dann reiß ich dir den Kopf eigenhändig ab.“ Bei seinem letzten Satz grinste er allerdings und knuffte seinem Freund gegen die Schulter.

„Ja, machen wir das so. Aber wirf meinen Kopf dann nicht weg, sondern gib ihn mir wieder. Daniel muss ihn dann wieder annähen“, entgegnete Adrian nur und schlug seinem Freund anerkennend auf die Schulter. Er würde es schon noch lernen, ein gesundes Maß für beide Seiten zu finden. Er war ein guter Mole. „Wenn du mir den Kopf abreißen willst, ich bin im Labor bei Bill“, verabschiedete er sich und ging. Ewan ließ seine Männer abtreten und eilte mit einem halben Dutzend in die Docks.

Sie standen bereit, als das Boot einlief und die Schleuse sich öffnete. Seine Soldaten salutierten perfekt, als die Delegation aus dem Boot trat und von Archiaon und Elaios begrüßt wurde. „Willkommen in Neo New York, sehr vereehrte Damen und Herrn.“ Die Senatoren von Atlantis verbeugten sich. „Wenn sie uns bitte folgen würden, die Bahn wartet auf uns, die sie zu Fürst Erdogan bringen wird.“

„Bahn?“, fragte Alice, nachdem sie die Komplimente erwidert hatte. Neugierig sah sie sich um. Sie wusste bereits, dass es sich bei dem Dock – genauso wie bei dem ganzen Komplex, in dem die Neo New Yorker forschten – um Anlagen der Gottgleichen handelte. Doch sie kam nicht umhin, von der Größe beeindruckt zu sein.

„Ja, wir haben eine Bahn entdeckt, die von den Laboren direkt zur Hauptkuppel in der Nähe des Palastes führt. Sie erleichtert uns die Wege erheblich“, begann Archiaon zu erklären, während er neben Ewan und Alice zum Fahrstuhl ging.

„Eine erstaunliche Anlage.“ Alice war wirklich beeindruckt, besonders als Archiaon ihr sagte, über wie viele Stockwerke die Anlage verfügte. „Wirklich ganz erstaunlich.“ Archiaon lachte leise. „Ja, es war ein Glück, dass Erdogan sie erobern konnte. Ohne sie wäre der Widerstand wohl noch nicht so weit.“

„Wie erobert man so was?“, fragte Nick, zog aber den Kopf zwischen die Schultern, als er Ewans Blick streifte. Der große schwarze Krieger war ihm immer noch nicht geheuer, doch Archiaon, der das bemerkt hatte, lachte leise. „Ewan, nicht so abweisend.“ Der Mole knurrte, doch er nickte. Und an Nick gewandt erklärte Archiaon diplomatisch: „Darüber können wir nachher in Ruhe reden, das war keine einfache Aktion.“

„Aber natürlich.“ Alice nickte und riss gleich darauf wieder die Augen auf, als die Schleusentür sich öffnete und sie die Bahn sehen konnte. „Das ist ja unglaublich. Ich wusste gar nicht, dass so etwas überhaupt existiert.“ Sie trat in den großen Raum und drehte sich einmal um sich selbst, damit sie alles sehen konnte.

„Das ist nur ein einfacher Zug, warten sie ab, wenn sie eine der Vakuumbahnen erleben“, lachte Elaios leise, doch dafür war die Strecke zur Hauptkuppel viel zu kurz. Zwar hatten Erdogans Männer bereits zwei Bahnhöfe für Vakuumbahnen in Neo New York gefunden, doch sie hatten sie noch nicht so weit erforscht, dass man sie befahren konnte. „Steigen sie ein, der Fürst erwartet uns“, sagte der Senator und deutete eine Verbeugung an, als er neben der Tür der Bahn stehen blieb.

„Vielen Dank.“ Alice und der Rat betraten die Bahn und setzten sich. Die Ratsmitglieder unterhielten sich leise miteinander und man merkte, dass sie ziemlich beeindruckt von dem waren, was sie bisher gesehen hatten. Sie hatten die letzten fünfzehn Jahre in ihrer kleinen abgeschlossenen Blase gelebt und jetzt wurde ihnen wohl langsam bewusst, wie viel sich in dieser Zeit um sie herum verändert hatte.

Hätte sich Philadelphia auch so entwickelt, wenn sie nicht zerstört worden wäre? Alice sah sich um, ehe sie neben Archiaon Platz nahm. Elaios und Ewan setzten sich zusammen mit ein paar Soldaten zu den anderen Ratsmitgliedern. Der Senator versuchte immer wieder, ein Gespräch in Gang zu bringen, doch die Männer waren viel zu abgelenkt von dem, was sie sahen. So ließ Elaios sie erst einmal die Eindrücke sammeln. Ihm war es nicht anders gegangen, als er das erste Mal von Atlantis hier her gekommen war.

„Verzeiht, aber wir waren so lange isoliert, dass das alles hier viel zu fantastisch für uns ist, als das wir es einfach so hinnehmen könnten.“ Alice lächelte zu Archiaon. Der Senator von Atlantis hatte etwas Beruhigendes an sich, das ihr ein wenig ihrer Nervosität nahm.

„Sicher, kein Problem“, entgegnete Archiaon und lehnte sich etwas zurück, als die Bahn anfuhr. Der Weg war nicht sehr weit und so suchte er schon einmal den Kontakt zum Palast um über ihre Position zu informieren.

„Alles klar. Wir erwarte euch“, erklärte Leander und war dann auch schon wieder aus der Leitung. Der Senator grinste. Er konnte sich vorstellen, wie sein Freund rotierte und wirbelte. Der Palast hatte lange keine solchen Gäste mehr empfangen.

Vor allen Dingen war es der erste offizielle Besuch für Erdogan als Fürst. Der hatte sich noch nicht richtig in seine neue Rolle hineingefunden. Aber wer sollte ihm das verdenken. Leander half ihm, wo er nur konnte, und auch Meodin tat, was er konnte, um dem Fürsten Halt zu geben. Ab und zu blieb er sogar über Nacht bei Erdogan im Palast, wenn dieser auch dort bleiben musste. Das Seepferdchen hatte eingesehen, dass zusammen mit Jefferson auch die übrigen Gottgleichen die Kuppel verlassen hatten. Sein Bedürfnis, Erdogan Halt zu geben und bei ihm zu sein, überwog also seine Angst.

Auch mit den Ministern hatte sich Erdogan überraschend schnell arrangiert. Anfangs war er in Sorge gewesen, ob er das Erbe, was sein Vater ihm überlassen hatte, auch antreten konnte. Doch die Männer hatten ihn sehr wohlwollend aufgenommen. Sie arbeiteten gut zusammen, denn sie wussten um die Verdienste des damaligen Prinzen um das Wohl und die Freiheit der Kuppeln.

Erdogan hatte alle seine Berichte dem Rat vorgelegt und auch erklärt, warum er sie zum größten Teil zurück gehalten hatte. Durch die jüngsten Ereignisse hatte das auch jeder verstanden und man war froh, dass sie dadurch nun eine Chance hatten, wieder Kinder zu bekommen. Und wenn man Bill und seinen Männern glauben konnte, dann liefen die Versuche vielversprechend. Die Frauen hatten alle wieder einen stabilen Zyklus. Sie begannen jetzt also mit den Paaren bald mit dem Sex nach Zeitplan. Die Versuche mit der Kontrollgruppe hatten sie abgebrochen, als sie gesehen hatten, dass es der Gruppe Frauen, die das saubere Wasser bekamen, möglich war, ihre Körper zu regenerieren. Im Moment waren die Biologen und ein Teil der Wassertechniker der Hauptkuppel mit Hochdruck daran heraus zu bekommen, wo das Wasser verseucht wurde. Derweil hatten die Moles zwei weitere Brunnen gegraben, um die Kuppel mit sauberem Wasser zu versorgen. Das alles in kürzester Zeit zu stemmen war eine logistische Meisterleistung und sorgte dafür, dass die Menschen die Moles besser akzeptierten.

Ein Lichtsignal riss Archiaon aus seinen Gedanken. „Wir sind da“, erklärte er Alice und lächelte. Er wollte, dass ihre Gäste sich wohl fühlten, darum erklärte er, wie es weitergehen sollte „Wir werden am Ausgang mit Wagen abgeholt, die uns direkt zum Palast bringen. Das wird nur ein paar Minuten dauern. Von der Tiefgarage aus, bringt uns dann der Aufzug zum Konferenzsaal.“

„Das klingt spannend. Wen werden wir treffen?“, wollte sie wissen, als sie sich erhob und zusammen mit ihren Leuten die Bahn wieder verließ. Der Bahnhof, den sie betrat, war nicht weniger beeindruckend als der, in dem sie eingestiegen waren. Nur der Fahrstuhl, auf den sie zugingen, wirkte neuer als das ihn umgebende Gewölbe. Seit diese Bahn regelmäßig genutzt wurde, um schnell vom Palast zum Labor zu kommen und umgekehrt, hatte man ihn eingebaut. Ständig die vielen Treppen hinauf und wieder hinab zu laufen, hatte zu viel Zeit gekostet.

„Fürst Erdogan, seine Mutter Fürstin Eleonore, Meodin und der Rat. Der besteht aus neun Mitgliedern. Ebenfalls dabei sein werden Prinz Bahadur und General Akuma von den Jiang Shi.“ Archiaon geleitete Alice und den Rat zum Fahrstuhl, dessen Türen sich auch gleich hinter ihnen schlossen und sie in die zwanzigste Etage brachte.

„Oh, mehr als wir angenommen hatten“, entgegnete sie etwas nervös. Archiaon sah sie offen an. „Sollen wir die Anzahl verringern. Würden sie sich dann besser fühlen?“, wollte er wissen, doch Alice straffte sich und schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Wenn so viele Leute neugierig auf uns sind, dann ist das doch ein gutes Zeichen, oder?“ Sie lächelte und holte noch einmal tief Luft, als sich die Fahrstuhltüren öffneten und ihnen die beiden Wachen davor zunickten.

„Ja, das denke ich auch.“ Archiaon ließ Alice und dem Rat den Vortritt. Erdogan drehte sich zur Tür, als diese sich öffnete und lächelte. „Willkommen in Neo New York, ich bin Fürst Erdogan“, begrüßte er seine Gäste und kam näher, damit er alle begrüßen konnte. Meodin, Bahadur und Akuma hielten sich im Hintergrund, während sich die Räte der beiden Kuppeln begrüßten. Erst dann stellten auch sie sich vor und traten wieder zurück.

„Ich danke ihnen, dass sie uns helfen unsere Kuppel wieder flott zu machen und auch dafür, dass wir ihre Kuppel besuchen dürfen. So was ist nicht selbstverständlich“, sagte Alice als sie sich zusammen mit den anderen an den großen Tisch setzte. Sie versuchte den riesigen Raum nicht begeistert zu betrachten.

„Es ist uns ein Vergnügen, ihnen zu helfen. Uns wurde auch geholfen, als wir Hilfe gebraucht haben. Ich finde es nur richtig, dies weiterzugeben.“ Erdogan guckte kurz zu Meodin rüber, der sich gerade mit Elaios zum Rat von Eve 01 gesellt hatte und sich unterhielt. „Darf ich ihnen etwas zu Essen und zu Trinken anbieten?“

„Danke, gern. Aber machen sie sich keine Umstände“, entgegnete Alice und betrachtete sich die Männer. Als Bahadur das bemerkte, schlug er vor, dass sich jeder einmal kurz vorstelle und so verging die nächste halbe Stunde damit, dass ein jeder sich erhob und kurz vorstellte, damit seine Gegenüber ihn einordnen konnten. Als das erledigt war und sich jeder jeden einmal intensiv angesehen hatte, ergriff Alice wieder das Wort. „Wir haben ein paar Fragen, eigentlich haben wir sogar sehr viele Fragen“, lachte sie leise und blickte sich wieder um. Jeder sah sie aufmerksam an. „Und wenn ich ehrlich sein soll, weiß ich gar nicht wo ich anfangen soll.“

Erdogan lachte leise und bat Alice gleich dafür um Entschuldigung. „Ich kann sie so gut verstehen. Mir ging es nicht anders, als wir erfuhren, dass es die Atlantiskuppeln gibt. Haben sie also keine Scheu etwas zu fragen. Wir werden versuchen sie zu beantworten, wenn wir können.“

Alice nickte dankend. „Einer unserer Männer hat sich mit einen von euren Männern unterhalten und er berichtete davon, dass sie das Labor und die Schiffe von den Gottgleichen erobert haben? Wie haben sie das geschafft?“ Es interessierte Alice. Genauso wie es sie interessierte, wie es den Jiang Shi gelungen war, die Gottgleichen aus den eigenen Kuppeln zu vertreiben. Sie konnten so viel von den Männern lernen. Sie konnten das nicht ungenutzt verstreichen lassen. Im Stillen musste sie Carter und Graham Recht geben.

Erdogan nickte leicht und lächelte. „Das ist eine relativ lange Geschichte. Ich werde versuchen, das zusammen zu fassen. Sie werden es nicht glauben, aber wir sind auf das Labor nach einem Überfall auf unser eigenes Labor, gestoßen.“ Erdogan goss Alice eine Tasse Kaffee ein. „Die Moles haben den Überfall im Auftrag der Gottgleichen auf uns ausgeübt, von denen wir damals noch nichts wussten. Wir fingen an zu forschen, weil wir der Überzeugung waren, dass die Moles keine natüliche Mutation sein konnten. Dabei stießen wir auf Bonder 482, wie das Labor genannt wird. Also haben wir uns dahin auf den Weg gemacht. Wir haben die Gottgleichen wohl überrascht, oder in einem schwachen Moment erwischt. Auf jeden Fall sind sie geflohen und seit dem gehört das Labor uns.“ Erdogan lehnte sich wieder zurück. „Das war jetzt nur ein grober Abriss“, fügte er noch hinzu, weil er sah, wie Alices Blick zu Ewan ging.

„Die Gottgleichen haben die Moles erschaffen, um sich die Gänge graben zu lassen, die sie für ihre Tunnel und Bahnen brauchten. Um die Moles bei der Stange zu halten, haben sie ein drogenbehaftetes Serum entwickelt. So konnten sie die Moles nach ihrem Willen steuern.“

Alice nickte. Sie sah weiter Ewan an, der ihren Blick offen erwiderte. „Es sind furchtbare Menschen“, sagte sie leise.

„Ja, das sind sie und genau deswegen bekämpfen wir sie. Die Moles waren unsere ersten Verbündeten und durch sie trafen wir auf Odin. Er war ein abtrünniger Gottgleicher, der uns sehr geholfen hat. Leider wurde er getötet, aber da waren wir schon zu weit, um uns abschrecken zu lassen. Auf Atlantis sind wir auch durch Zufall gestoßen. Meodin wurde von den Gottgleichen entführt und die Atlanter haben ihn gerettet. Man kann sogar sagen, dass wir auf alle unsere Verbündeten durch Zufall gestoßen sind.“ Erdogan trank einen Schluck Kaffee und zwinkerte Alice zu. „Sie sehen also, sie befinden sich in guter Gesellschaft, wenn sie daran Interesse haben.“

Ihr Blick war dem des Fürsten gefolgt, als der Name Meodin gefallen war. Kurz hatten sich der Blick des Mannes und der des Fürsten getroffen und ein Lächeln war aufgeflammt. Nun sah sie Erdogan wieder an. „Ihr kämpft also schon länger gegen sie“, resümierte sie für sich selbst und sah ihren Rat an. „Ich weiß nicht ob wir schon so weit sind, uns ihnen anzuschließen.“

„Das ist keine Entscheidung, die über das Knie gebrochen werden muss“, sagte Archiaon. Er hatte sich ein großes Glas Wasser eingeschränkt und drehte es nun in seinen Händen. „Sie können auch für ein paar weitere Jahre in See stechen und zurückkommen, wenn sie glauben, dass sie sich uns doch anschließen möchten.“

Erdogan nickte zu Archiaons Worten. „Wir werden ihnen helfen und Eve wieder flott machen, egal ob sie unsere Verbündeten werden möchten. Wir erwarten keine Gegenleistung.“ Alice sah den jungen Fürsten forschend an. Das hörte sich einfach zu gut an, um wahr zu sein. „Warum?“, fragte sie. Niemand tat etwas ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Erdogan sah sie einen Moment an, bevor er antwortete. „Sie haben Eve besetzt und nach meinem Verständnis kämpfen wir für die gleiche Sache. Sie passiv und wir aktiv. Wer wäre ich, wenn ich einem Mitstreiter Hilfe verweigern würde?“

„Klingt plausibel“, sagte Ilaz. Wie die meisten vom Rat hatte er sich bisher nur zurück gehalten und zugehört. Doch er wollte den Neo New Yorkern zeigen, dass sie ihnen wohl gesonnen waren. „Ihre Männer hatten auch davon gesprochen, dass die Möglichkeit bestünde, dass die, die nicht wieder mit Eve in See stechen wollen, hier bleiben könnten.“ Er selbst war einer davon. Er hatte das endlose Wasser satt. Er wollte wieder die Hände in die Erde stecken. Nur weil er Arzt war, hieß das ja noch lange nicht, dass er seiner Leidenschaft als Hobbygärtner ewig abschwören musste.

„Ja, diese Möglichkeit besteht. Jeder von Eve, der in Neo New York bleiben möchte, ist herzlich willkommen.“ Erdogan drehte sich so, dass er Ilaz ansehen konnte. „Wir haben einige Versorgungskuppeln, die nicht mehr genutzt werden, davon könnten wir eine herrichten, wenn die, die bleiben möchten unter sich bleiben wollen. Das muss aber nicht sein.“

„Für den Anfang wäre das sicher ideal. Den Kontakt zu Fremden müssen wir erst wieder lernen“, entgegnete Nick, der von der Idee auch nicht ganz abgeneigt war. Alice sah ihn fragend an, doch sie äußerte sich erst einmal nicht. „Und außerdem werden einige von uns sicherlich wissen wollen, was mit ihren Verwandten in Philadelphia geworden ist.“ Ilaz wusste, dass dies für einige der Grund war, warum sie gern bleiben wollten.

„Ja, das kann ich verstehen. Wir werden euch dabei helfen, soweit wir können. Euer Mann dafür ist Meodin. Er ist unser Archivar und liebt es etwas zu suchen.“ Erdogan zeigte auf seinen Schatz, der sich gerade in diesem Moment zu ihm umdrehte und lächelte. Erdogan winkte ihn zu sich und das Seepferdchen kam neugierig näher. Er wartete geduldig, bis die Bewohner von Eve 01 ihn angestarrt hatten, grinste leicht, denn das passierte jedem, der Meodin das erste Mal ins Gesicht sah. Das hatte hier am Tisch jeder durch.

„Wie kann ich helfen“, wollte er wissen und setzte sich ganz unorthodox auf die Armlehne von Erdogans Stuhl. So war er seinem Fürsten nahe. In den letzten Wochen suchte er diese Nähe intensiver, ohne dass er wusste warum. Doch so lange Erdogan bereit war, diese Nähe zu geben, so lange würde Meodin auch nicht davon abkommen.

„Wir suchen Personen und Antworten“, sagte Alice, betrachtete den jungen Mann dabei genauer, lächelte als der nickte. „Da bin ich euer Mann. Ich brauche nur ein paar Einschränkungen, zu welchem Thema ihr was sucht und dann könnte es losgehen.“

Alice blinzelte ein wenig überrascht. Hier schien jeder bereit zu sein, ihnen zu helfen und das als selbstverständlich zu nehmen. „Wir kommen ursprünglich aus Philadelphia und wir würden gerne erfahren, was mit unseren Verwandten geschehen ist. Es sollen ja die meisten Bewohner in andere Kuppeln geflüchtet sein.“

„Wenn ihr eine Liste für mich habt, dann gucke ich mal, was ich tun kann“, entgegnete Meodin und nickte. Er liebte es, Geheimnisse zu lüften und den Fremden zu helfen war ja auch nicht verkehrt. „Wir könnten eine vorläufige Liste zusammenstellen“, sagte Nick und wirkte ein wenig aufgekratzt, was Meodin amüsierte. Doch er hielt sich zurück. Er würde auch wissen wollen, wo seine Freunde waren, wenn er sie lange Zeit nicht gesehen hatte.

„Immer her damit. Mir juckt es schon in den Fingern“, lachte Meodin und Erdogan strich ihm leicht über den Rücken. „Wenn es etwas zu finden gibt, dann wird Meodin es finden. Seit er sich um die reinkommenden Daten und das Archiv kümmert, sind wir viel erfolgreicher.“ Man konnte den Stolz auf sein Seepferdchen deutlich in Erdogans Stimme hören und Archiaon nickte. „Das kann ich nur bestätigen.“

Nun wurde Meodin doch verlegen und er strich sich errötend über den rechten Arm. „Ach, das sagt ihr doch nur so“, murmelte er und kicherte. Doch dann straffte er sich wieder und nickte. „Lasst sie uns einfach zukommen, ich werde sie schon erhalten.“

„Wäre es eigentlich möglich, sich einmal die Kuppel anzusehen, die wir nutzen könnten?“, fragte derweil Ilaz und Erdogan blickte ihn offen an. „Die Kuppel ist noch in Ruhe, ihr werdet dort noch nicht viel sehen. Wir müssen sie erst reaktiveren aber ihr könnt sie gern bereisen. Ihr solltet nur ein paar Stunden einplanen, wir haben keine Bahn dorthin, sondern müssen Autos benutzen.“

„Das macht nichts. Ich würde nur gerne Bilder von der Kuppel machen, so dass wir sie unseren Leuten zeigen können. Mit den Bildern könnte man planen.“ Ilaz war ganz bei der Sache. Er wollte die Chance, die sie bekommen hatten, auf jeden Fall nutzen und Menschen ließen sich von einer Idee eher begeistern, wenn sie Bilder und Informationen genug bekamen.

„Wenn es nur um Bilder geht“, sagte Leander und erhob sich. Er ging zur Stirnwand des Raumes und ließ die Wandverkleidung verschwinden. Ein großer Monitor wurde sichtbar. „Wir haben Kameras in der Kuppel reaktiviert, um von hier den Fortgang der Besiedlung koordinieren zu können. Solltet ihr die Kuppel nutzen wollen, werden wir sie deaktivieren, ihr sollt euch nicht beobachtet fühlen. Aber im Moment sind sie ganz nützlich“, erklärte er und suchte im Menü die Kameras, die die entsprechende Kuppel aufzeigten.

Er hatte die ungeteilte Aufmerksamkeit aller im Raum, als er die erste Kamera anwählte. Ein überraschtes Raunen ging durch die Anwesenden, als außer grünen Blättern nichts zu sehen war. „Upps“, Leander kratzte sich am Kopf und schaltete auf eine andere Kamera. „Da werden wir wohl jede Menge Grünzeug jäten müssen, bevor da jemand einziehen kann.“ Er lachte leise. „Aber da unsere Versorgungskuppeln baugleich sind, mal hier ein Beispiel. Dort liegen ein paar unserer Felder. So habt ihr eine Vorstellung der Größe.“ Leander schaltete um und deutete auf das, was man sah. „Es kommt jetzt darauf an, wie viele eurer Leute hier bleiben wollen. Vielleicht wird eine Kuppel nicht reichen. Wir haben aber noch Kapazitäten.“

Alice sah Erdogan fragend an. „Ihr würdet uns auch zwei Kuppeln überlassen?“, fragte sie und man sah ihr an, dass sie damit überhaupt nicht gerechnet hatte. „Warum nicht?“, fragte der Fürst. „Ich weiß nicht, wie viele Menschen auf Eve leben, aber die Kuppeln haben nur begrenzte Kapazitäten und darum werden wir, wenn nötig auch eine zweite Kuppel bewohnbar machen.“

„Danke“, entgegnete Alice und musste sich erst wieder fassen.

„Wir selber nutzen die Kuppeln nicht mehr. Wir haben sie brach gelegt und vom Versorgungssystem abgekoppelt, um Ressourcen zu sparen. Aber wir können sie wieder anklemmen. Wir haben mehr Trinkwasserquellen auftun können als erwartet. Die Bewässerung wäre gesichert. Die Sonne liefert Energie und über den Rest werden wir uns auch noch einig.“ Erdogan gefiel die Vorstellung, dass sein Volk wuchs und neue Ideen mit den Fremden in sein Reich kamen. „Ihr seid willkommen - egal ob nur zwei bleiben oder alle.“

„Danke“, konnte Alice nur noch einmal sagen. Sie ergriff Erdogans Hand und drückte sie fest. „Ich hätte nicht gedacht, dass es noch Menschen wie euch gibt. Ihr helft uns, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Ich kann das immer noch nicht wirklich glauben. Das muss ein Traum sein.“

Erdogan lächelte und strich der Matriarchin über den Handrücken. „Uns wurde geholfen als wir in Not waren, jetzt helfen wir, wenn andere in Not sind. So ist das eben“, sagte er nur und nahm sich auch endlich ein Glas Wasser. Meodin hatte sich abgesetzt und steckte nun bereits mit Nick die Köpfe zusammen, wie sie die Liste am besten aufbauen sollten, damit die Suche effektiv gestaltet werden konnte.

Ilaz hatte sich mit Leander zusammengesetzt und plante den Besuch der Versorgungskuppeln, damit Pläne gemacht werden konnten. Die anderen Mitglieder der Räte hatten sich um Fürstin Eleonore versammelt, deren helles Lachen immer wieder zu hören war. „Ich habe ein gutes Gefühl bei der Sache.“ Erdogan hatte gehofft, dass die Bewohner von Eve mit ihnen harmonieren würden, aber das, was gerade passierte, hatte er selbst nicht erwartet. Er ließ seinen Blick schweifen und trank einen großen Schluck. Dabei gesellte er sich zu seinen Ministern, die sich teilweise ebenfalls unter die Gäste gemischt hatten. „Und? Wie sehen sie die Sache? Stehen sie hinter meinen Worten oder haben sie Bedenken?“, wollte er wissen. Er hatte mit den Männern absolute Offenheit vereinbart und auch, dass jede Meinung gehört wurde.

„Absolut, Hoheit.“ William, eines der Ratsmitglieder, nickte Erdogan lächelnd zu und die anderen Männer murmelten zustimmend. „Wir stehen voll hinter eurem Wort. Ihr Vater wäre sehr stolz.“ Noch immer steckte der Schock über den Tod des alten Fürsten tief in den Knochen der Ratsmitglieder. Besonders, dass es einer von ihnen gewesen war, der ihn getötet hatte. Niemand konnte sich vorstellen, wie Jefferson so lange unerkannt unter ihnen leben konnte. Und Erdogan hatte es vermieden zu erklären, dass sie den Mann schon länger im Auge gehabt hatten.

Erdogan wandte sich wieder zu seinen Gästen um und bot ihnen an, sich gern noch etwas die Stadt anzusehen, sofern Interesse bestand. Er selbst würde die Führung übernehmen. Auch wenn das hieß, dass er Meodin wieder ziehen lassen musste. Doch ob er nun hier war oder auf der Tour, Meodin würde im Archiv verschwinden.

Alle Gäste nahmen die Einladung gerne an und ein paar Minuten später fuhren sie mit Erdogan und Leander in die Tiefgarage, wo schon Wagen auf sie warteten. „Wir fahren am besten einfach los. Wenn sie etwas genauer sehen möchten, halten wir an.“ Erdogan setzte sich hinter das Steuer und Alice nahm neben ihm Platz. „So richtige Sehenswürdigkeiten gibt es bei uns nämlich nicht.“

„Ich würde mir gern einfach die Stadt ansehen. Auf Eve hatten wir lange keine Straßen mehr. Ich hätte gern wieder das Gefühl einer Stadt“, sagte Alice und sah sich bereits etwas um. Sie hatte noch ihre Erinnerungen an Philadelphia und die eine oder andere Hausecke konnte ihr das Gefühl geben, wieder dort zu sein.

08 

„Hallo Leute. Seit ihr soweit?“ Thom grinste breit und rieb sich die Hände. Sie hatten Eve im Großen und Ganzen repariert. Für den restlichen Kleinkram waren Mitchel und er nicht mehr nötig. Darum standen er und ein paar weitere Techniker an der Schleuse bereit, um nach Neo New York gebracht zu werden. Sie wollten sich um die Kuppeln kümmern, die Erdogan für die Besiedlung freigegeben hatte. Die Kuppeln hingen schon wieder an den Strom- und den anderen Versorgungsleitungen und das grüne Dickicht war auch schon beseitigt. Es fehlte nur noch das Feintuning.

Als erstes mussten Behausungen gebaut werden, denn es waren überraschend viele, die sich dazu entschlossen hatten zu bleiben. „Klar, mal gucken, was wir noch retten können in euren Käseglocken“, grinste Mitchel. Auch wenn er es nicht gern zugab, seine Vorbehalte gegen Thom und die Menschen in Neo New York hatten sich gelegt. Nicht nur, weil viele seiner Mitbewohner von ihren Besuchen in den Kuppeln berichtet hatten, sondern vor allem weil er einsehen musste, dass Thom einmalig war. Er konnte von dem Mann noch etwas lernen und nur deswegen verließ er heute Eve 01 um in P-0761 und P-0762 den Bauarbeitern zur Hand zu gehen.

Für die ersten Wochen sollten Zelte errichtet werden. Das ging am schnellsten. Und da das Wetter in den Kuppeln gesteuert werden konnte, ging man nicht davon aus, dass es Nachteile geben würde. Man hatte sich geeinigt, dass P-0761 die Wohnkuppel werden sollte und P-0762 die Versorgungskuppel für Vieh und Feldfrüchte. Ergänzend hatten sie für die nächsten Wochen und Monate auch noch die Aquakulturen von Eve 01, denn auch die würde nicht gleich wieder in See stechen. Als Dank für die Hilfe sollten die Neo New Yorker die Chance haben Eve zu studieren.

„Pff.“ Thom boxte Mitchel gegen den Oberarm und lachte. „Los steigt ein, nicht dass die Käseglocken noch zusammenbrechen, bevor ihr da rein könnt.“ Er lachte noch immer, als er ins Boot ging. „Unser Material ist schon vor Ort. Wir können also gleich loslegen, wenn wir da sind.“

„Sehr gut.“ Sie gingen durch die Flure des Bootes und suchten sich ein Plätzchen. Mit ihnen bestiegen noch drei weitere Techniker das Boot, ihnen folgten drei Dutzend Freiwillige, die sich auf zwei Boote verteilten. Sie waren die Vorhut, die zusammen mit Erdogans Männern alles herrichten wollte. In einer zweiten Welle würden die Botaniker und Gärtner anfangen, die Versorgungskuppel zu bepflanzen. Nach und nach würden sie auch einen Teil der Kleintiere von Eve in P-0762 ansiedeln, doch soweit waren sie noch lange nicht.

„Kommt Graham auch mit oder bleibt er drüben und passt auf die Kulturen auf?“, wollte Thom wissen. Sie hatten sich in seiner Zeit auf Eve angefreundet.

„Graham lässt sich so einen Spaß doch nicht entgehen und Lynn auch nicht. Das ist ein fabelhaftes Abenteuer für sie. Sie darf an Land. Dazu noch in einem Zelt schlafen.“ Mitchel lachte. Er hatte mitbekommen wie Lynn ihren Vater bearbeitet hatte, um mit zu dürfen. Und die junge Dame hatte sich ordentlich ins Zeug gelegt. Sie schien auch ganz genau zu wissen, welche Knöpfe sie bei dem Biologen drücken musste, denn sie hatte ihm die Urbarmachung der Versorgungskuppel schmackhaft gemacht, bis Graham so versessen darauf war, neu zu säen und zu pflanzen, dass er auch nicht mehr nein sagen konnte. Für ein paar Wochen hatte man die Schule auf Eve 01 ausgesetzt, um es jedem Bewohner zu ermöglichen an Land zu gehen, auch wenn es vielleicht nur ein Tagesausflug war um die Neugier zu befriedigen.

„Das hab ich mir fast gedacht. Sie ist sehr energisch“, lachte Thom, der Lynn ebenfalls schon erlebt hatte.

„Ja, so kann man das auch nennen.“ Mitchel prustete los, denn ihm lagen da ein paar andere Bezeichnungen auf der Zunge, die er aber nicht mehr kundtun konnte, da Graham und Lynn gerade das Boot betraten. „Wahnsinn“, murmelte das Mädchen und sah sich mit großen Augen um. Sofort schlüpfte Diego an ihre Seite, der den Transport begleiten durfte. Im Moment konnte er Meodin nicht zur Hand gehen, Dylan war schon mit ein paar Moles in den Kuppeln für die Neuen und Connor war auch nicht auf seinem Feld. Diego hatte sich gelangweilt und so war er kurzerhand Steward geworden. „Soll ich dir ein bisschen was zeigen?“, bot er Lynn also an, sie waren etwa im gleichen Alter. Irgendwie verband das doch sicherlich.

Lynn wirbelte herum, als sie die Stimme neben sich hörte. „Oh, hallo“, jappste sie und Diego grinste breit. Er freute sich jedes Mal, wenn er es schaffte jemanden zu erschrecken. „Ich bin Diego und zeige dir das Boot, wenn du Lust hast.“ Er deutete eine Verbeugung an und Lynn kicherte. „Hallo Diego, ich bin Lynn und ich fände es toll, wenn du mir alles zeigst.“ Sie besah sich den Mole etwas eindringlicher. Sie hatte die Wesen damals nur von weitem gesehen und freute sich, einem so nah zu sein. Sie war fasziniert von dem Wesen.

„Na dann, mir nach“, erklärte Diego und ging langsam los. Weil auf der Brücke im Moment noch am wenigsten los war, begann sie dort ihre kleine Führung, er erklärte kurz, was hier passierte, versicherte aber, das sie während der Fahrt noch einmal her kommen konnten, wenn die großen Fenster offen und nicht wie beim Andocken durch Sicherungsplatten verdeckt waren. Und so huschten sie weiter durch den immer noch vollen Flur. Können die sich nicht ein bisschen verteilen? Das Schiff hat so viele Kabinen!“, knurrte er leise.

Lynn kicherte und hakte sich bei Diego ein, damit sie ihn in dem Gedränge nicht verlor. „Ist das weich“, murmelte sie leise, als ihre Finger nach Halt suchend durch die Haare am Arm fuhren. Sie bemerkte es noch nicht einmal, wie ihre Finger anfingen gegen den Strich zu streicheln, damit sie es besser spüren konnte. Zwar war das Fell wie bei Maulwürfen nur sehr kurz, aber man spürte die einzelnen Haare trotzdem.

„Ja“, sagte Diego stolz und kicherte. „Mach ruhig weiter“, sagte er und blickte auf seinen Arm, wo Lynn fasziniert das Fell streichelte. „Ich zeig dir derweil den Rest.“ So kamen sie in die Krankenstation und die Kombüse, wo er ihnen jeweils eine Cola organisierte, dann ging es weiter.

„Tut mir leid, Diego“, murmelte Lynn und zog an ihrem Strohhalm, damit sie Diego nicht ansehen musste. Es war ihr ziemlich peinlich, wie sie sich benommen hatte. „Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Tchuldigung.“

Da der junge Mole nicht gleich begriff, was sie meinte, sah er sie nur fragend an. „Was?“, wollte er wissen, ehe er verstand. „Wegen dem Fell? Schwamm drüber. Das ist normal. Das machen einige. So wie viele Meo anstarren, wegen seiner schwarzen Augen, fassen Menschen, die Moles noch nicht kennen, gern das Fell an. Adrian hat auch erzählt, wie die Frau des Clanchefs der Jiang Shi ganz fasziniert war und immer wieder drüber streichen wollte. Also mach dir keinen Kopf. Ich beiße, wenn es zu viel wird“, kicherte er und leerte seine Flasche. Endlich startete das Schiff und er nickte Richtung Brücke. „Komm mal mit.“

Lynn kicherte und hakte sich wieder bei Diego ein. „Na dann“, kicherte sie und strich wieder über die weichen Haare. Sie liefen lachend durch den Gang, aber als sie die Brücke erreichten stoppte sie abrupt. „Wahnsinn“, murmelte sie zum wiederholten Male, seit sie auf dem Boot war. Die Sicherheitsplatten waren geöffnet und die Scheinwerfer an. Sie ließ Diegos Arm los und ging zu einem der Fenster. „Das hier ist so anders, als an der Oberfläche.“

„Japp“, machte Diego und trat langsam zu ihr. Er nickte Thom zu, der die Steuerung übernommen hatte. Neben ihm standen Mitchel und Graham, der seine Tochter dabei beobachtete, wie sie fasziniert an den großen Scheiben stand und nach draußen blickte. Er lächelte. Es schien doch die richtige Entscheidung gewesen zu sein. Auch ihr Umgang mit dem Mole, so ganz ohne Scheu, ließ ihn zufrieden nicken.

„Das ist krass nicht?“ Diego stieß Lynn mit der Schulter an. „Am Anfang hab ich mich hier unten ziemlich unwohl gefühlt. Moles haben es nicht so mit Wasser.“ Er kratzte sich am Kopf und grinste. „Ich sag Meodin, dass er Erdogan fragen soll, ob du ins Aquarium mit kannst. Das ist megacool. Eine Kuppel komplett unter Wasser.“

„Aquarium?“, fragte Lynn etwas irritiert. Sie wusste, was das war, ein Becken voll Wasser, in dem Fische schwammen. Der Mole verwirrte sie.

„Wir nennen das nur so, eigentlich ist es eher ein umgekehrtes Aquarium“, grinste Diego, „aber das wirst du dann sehen. Ist ein bisschen wie Atlantis, nur viel weiter an der Oberfläche. Atlantis war auch cool, aber das ganze Wasser über mir, das war voll schräg!“ Diego war in seinem Element, er plapperte und plapperte und blickte weiter aus dem Fenster. Er konnte selber davon auch nicht genug bekommen.

„Graham, wenn deine Tochter zu dir kommt und fragt, ob sie mit Diego, Dylan und Meodin spielen darf, ist die einzige für dich mögliche Antwort ein entschiedenes nein und nichts anderes.“ Thom sprach leise und eindringlich, er packte Graham sogar an den Oberarmen. „Die drei sind unser Trio Infernale. Wir lieben sie, aber alle gehen in Deckung, wenn sie zusammen unterwegs sind.“

Graham zog die Brauen tiefer und blickte auf den jungen Mole. „Das kann ich mir nicht vorstellen. Diego ist so nett und Meodin habe ich zwar nur über den Bildschirm kennen gelernt, aber auch er war sehr nett. Ich glaube nicht, dass ich Lynn den Umgang mit ihnen verbieten sollte. Ich bin doch froh, wenn sie eure Leute besser kennen lernt.“

„Sie sind nett, sogar sehr nett, alle drei. Aber sobald sie zusammen sind mutieren sie zu wandelnden Katastrophen.“ Thom sah seinen Freund eindringlich an. „Es ist da so ein Gerücht im Umlauf, dass die drei so netten und adretten Jungs ein kleines Versteckspielchen mit General Akuma gemacht haben sollen. Du kennst den General, er ist der perfekte Soldat. Lautlos und tödlich. Sie haben ihn geschafft. Er hat nie etwas gesagt, aber er war eine Woche mies drauf und hat sich recht vorsichtig bewegt. Was kein Wunder war, denn er soll in einer Fallgrube gelandet sein.“

„Was?“, fragte Graham und machte jetzt doch große Augen. Er hatte den General bei ihrer ersten Begegnung erlebt. Der Kerl war eine wandelnde Waffe, so perfekt schien er gedrillt. Und es sollte den drei netten Jungs geglückt sein, ihn zur Strecke zu bringen? Nachdenklich sah er Diego an, der das in der Spiegelung der Scheibe bemerkte und sich fragend umblickte. Doch da wandte sich Graham lächelnd ab. Er konnte das einfach nicht glauben. „Aber Lynn scheint ihn zu mögen“, nuschelte er leise und man spürte, wie die Zwickmühle um ihn herum zu schnappte.

„Ja, das tut sie, genauso wie wir und ich finde es schön, dass sie so schnell Anschluss findet. Sie ist wirklich ein nettes Kind.“ Thom schlug Graham auf die Schulter. „Ich gratuliere dir, denn du bist derjenige, der demnächst das teuflische Quartett entstehen lässt.“ Thom griff sich an die Stirn und seufzte schwer. „Gott steh uns bei, sie vermehren sich.“

„Hey!“ Graham fand das ganze gar nicht lustig, und so wie er Thoms Blick deutete, der auch nicht. Aber er wollte Lynn den Umgang einfach nicht verbieten. Der junge Mole war doch so nett. Er würde das ein bisschen im Auge behalten und sich vielleicht noch ein bisschen umhören. So schlimm konnten die drei doch gar nicht sein. „Teuflisches Quartett. Pf. Vielleicht hat sie ja einen positiven Einfluss auf die drei? Kann doch sein – schließlich ist sie meine Tochter!“ wieder wanderte sein Blick zu den beiden, die sich am Glas die Nasen breit drückten und sich gegenseitig auf etwas aufmerksam machten.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Thom konnte nicht mehr ernst gucken und prustete los. „Graham alles okay. Die drei sind wirklich wandelnde Katastrophen, aber niemand kann ihnen böse sein, weil wir sie alle gern haben. Sollen sie ruhig ihr teuflisches Quartett bilden. Lynn wird auf jeden Fall sehr viel Spaß mit ihnen haben und die drei Jungs werden auf sie aufpassen.“

Graham ließ den Kopf hängen, grinste aber schief und auch Mitchel kicherte leise. Er konnte sich gut vorstellen, dass Lynn sich anstiften ließ. Sie war zwar verantwortungsbewusst, aber sie war auch neugierig und suchte immer das Neue. Sie testete gern Grenzen aus, vor allem im wissenschaftlichen Sinne. „Lassen wir uns einfach überraschen“, sagte Graham nach einer Weile. Sie konnten es dann sowieso nicht mehr ändern. Er zuckte hoch, als er Diego sagen hörte: „Komm, ich zeig dir noch was!“

Er nahm Lynn einfach bei der Hand, damit sie nicht verloren ging und lief los. Als sie an Graham vorbeikamen, blieb Lynn stehen und kicherte, als Diego ins trudeln kam, weil er nicht damit gerechnet hatte. „Diego und ich gucken uns das Boot an. Das ist doch okay, oder?“, fragte sie. Sie war es gewohnt ihrem Vater zu sagen, wohin sie ging und mit wem. „Ja sicher, Süße. Viel Spaß.“ Graham lächelte. Lynns Augen strahlten und sie schien es zu genießen mit Diego unterwegs zu sein. Da wollte er ihr nicht den Spaß verderben.

„Da in dem versteckten Wandregal sind Atemgeräte, nur falls die beiden auf die Idee kommen, den Stöpsel zu ziehen und uns zu versenken“, grinste Thom. Doch er glaubte nicht, dass die beiden allein Blödsinn machen würden. Dafür war Lynn zu anständig und Diego viel zu aufgekratzt. Die beiden flitzten lieber durch das Schiff, vorbei an Connors Lager, wo sie sich jeder einen Apfel stibitzten. Dann kämpften sie sich dort hin vor, wo der Ausstieg war. Sie waren bereits im Stollen zum Dock. „Dann sind wir die ersten beim Aussteigen“, sagte Diego und biss herzhaft zu.

„Hm“, machte Lynn nur, weil sie gerade den Mund voll hatte. „Wie lange fahren wir denn?“, fragte sie, als sie runtergeschluckt hatte. Sie lehnte sich an die Wand und biss noch einmal ab. Äpfel hatte sie bisher nur selten gegessen, weil es nur ganz wenige kleine Bäume auf Eve gab. Diego grinste. „Nicht mehr lange. Wir fahren ungefähr eine dreiviertel Stunde, davon ist aber schon eine halbe Stunde um.Wir sind also in ein paar Minuten im Dock“, sagte Diego und aktivierte den kleinen Monitor neben dem Ausstieg. So sahen sie, was sich direkt vor dem Schiff abspielte, die Fliesen am Boden des Beckens und wie das Boot langsam auftauchte. Durch die Schemen des Wassers sah er Leute am Beckenrand. „Das sind bestimmt meine Freunde!“ Er zeigte auf zwei, die verdächtig nach Dylan und Meodin aussahen.

„Wo?“ Lynn reckte sich, damit sie auch etwas sehen konnte und legte den Kopf schief. „Der mit den blonden Haaren ist Meodin, oder?“, fragte sie. Diego hatte ihr von dem Seepferdchen und seinem Bruder erzählt und jetzt war sie richtig gespannt auf die beiden und auch auf das Aquarium.

„Genau. Und der der so aussieht wie ich, nur größer, das ist Dylan. Du wirst sie mögen, sie sind klasse!“ Diego war ganz hibbelig, dabei hatten sie sich eigentlich erst heute Morgen gesehen. Nur dann war Meodin im Archiv verschwunden und Dylan mit den anderen Moles zum arbeiten – doch jetzt waren sie wieder da, um ihn einzusammeln. „Vielleicht haben sie ja Zeit. Dann gehen wir gleich ins Aquarium, wenn wir schon mal hier sind.“ Er trat von einem Fuß auf den anderen, kratzte sich mit den Krallen über das kurze Fell an den Armen.

„Aber Meodin muss doch erst mal fragen.“ Lynn ließ sich durch Diegos Unruhe anstecken und hibbelte von einem Bein auf das andere. Sie konnte es kaum erwarten, bis die Türen sich öffneten. „Ach, das wird kein Problem sein. Meo wickelt unseren Fürsten locker um den Finger. Der hat ihm glaube ich, noch nie was abgeschlagen.“ Diego grinste. „Mach dir da mal keine Gedanken.“

„Das wird so cool“, murmelte Lynn und hibbelte nun zusammen mit Diego herum. Das Boot war bereits aufgetaucht, sie konnten die Leute am Beckenrand jetzt deutlich sehen und die Andockklammern rasteten in ihre Position. „Los!“ Diego riss die Tür auf und war schon draußen, ehe es jemand verhindern konnte. Lynn hatte er kurzerhand hinter sich her gezogen, das ging am schnellsten.


09 

Diego sprintete auf Dylan und Meodin und warf sich seinem Bruder in die Arme. Dabei wurde Lynn durch den Schwung, den sie hatten, direkt auf Meodin geschleudert. „Vorsicht, ich kann nicht bremsen“, konnte sie noch quietschen, da landete sie auch schon an einer fremden Brust. „Uah“, rief das Seepferdchen überrascht und legte reflexartig seine Arme um Lynn, bevor er nach hinten umkippte und mit ihr zusammen auf dem Boden landete.

Es sah schon witzig aus, wie Meodin, mit den Beinen ruderte und Lynn platt auf ihm lag und gar nicht wusste, was los war.

„Teuflisches Quartett. Ich habe es dir gleich gesagt“, lachte Thom, der mit Graham gerade aus dem Schott kam und die Katastrophe auf dem Boden sah.

„Lynn? Alles klar?“, rief Graham gleich, doch da wurde sie von einem großen Mole schon wieder auf die Füße gestellt und Meodin ebenfalls auf die selbigen geholfen. „Ja, ja. Daddy. Alles klar. Wir gehen kurz ins Aquarium. Dann bringen mich die Moles zu euch!“, rief sie noch, dann waren die vier lachend auf dem Weg.

Graham hob eine Braue, als er sah, wie die Soldaten den vieren freiwillig Platz machten, auch wenn sie die Hände voll hatten mit schweren Lasten.

Thom grinste, aber so, dass Graham es nicht sehen konnte. Der sollte sich nicht wirklich Sorgen um seine Tochter machen. „Keine Sorge, im Aquarium kann ihr nichts passieren. Die Jungs passen auf sie auf, da kannst du sicher sein. Aber wenn du Bedenken hast, können wir kurz mit ins Aquarium gehen. Das ist wirklich ein toller Ausblick, den man von dort hat.“

Graham wandte sich um. Er beobachtete kurz das Geschehen im Dock, was ihn zwar interessierte, doch er war etwas unruhig. Wie es schien brachen sie nicht gleich zur Kuppel auf. Es musste erst noch die Fracht auf die Wagen verladen werden, ehe es losgehen konnte. So nickte er also. „Warum nicht“, sagte er also und versuchte sich zu entspannen. Die Rederei vom teuflischen Quartett ließ ihn nicht los.

„Dann los.“ Thom und Graham folgten einfach den vier jungen Leuten, die den ganzen Weg rumalberten, lachten, sich gegenseitig jagten und sichtlich Spaß hatten. Lynn war mitten drin. Man hatte das Gefühl, dass sie schon lange mit den Jungs befreundet war, so wie sie mit ihr umgingen und Graham war sich sicher, dass Lynn wohl nicht wieder mit Eve in See stechen würde. Sie würde sich hier ihr Leben suchen.

„Hier lang“, sagte Diego und griff Lynn an der Hand, als sie abbiegen mussten. Sie verschwand aus Grahams Blickfeld und riss den Mann aus seinen Gedanken. „Ich glaube, ich bin das Reisen leid. Ich will Wurzeln schlagen und dazu brauche ich Sand unter den Füßen.“

„Du weißt, dass ihr hier bleiben könnt, wenn ihr wollt.“ Thom und Graham bogen ebenfalls um die Ecke und erklommen die lange Treppe, die hoch ins Aquarium führte. Über ihnen hörten sie Lachen und laute Stimmen und dann war es aufh einmal still. „Wahnsinn“, konnte Graham hören und musste grinsen. „Scheint ihr zu gefallen. Sie ist selten so sprachlos.“

„Komm mit, dann verstehst du warum“, sagte Thom nur und ging weiter. Er wusste wie der Ausblick in den Ozean auf die wirkte, die das das erste Mal sahen. Nicht einmal General Akuma hatte sich dieser Wirkung entziehen können. Es dauerte keine Minute, da waren auch sie im Aquarium. Thom sagte nichts, er trat einfach tiefer hinein und blieb dann stehen. Fragend sah er sich zu seinem Freund um.

„Wahnsinn.“ Graham stand mit großen Augen in der Tür und drehte sich um sich selbst. Das war einfach nur fantastisch.

„Man merkt, dass ihr miteinander verwandt seid“, lachte Thom, denn Lynn drehte sich genauso wie ihr Vater. „Das ist einfach unglaublich. So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen.“

Thom lächelte. „Genieß es, wir haben noch etwas Zeit, ehe der Konvoi aufbricht“, sagte er und setze sich auf eine der kleinen Mauern, die vor den Ruinen der alten Häuser standen. Auch er war gern hier und beobachtete die Fische, die über die Kuppel hinweg zogen, die Sonnenstrahlen, die schimmernd durch das Wasser bis zu ihm drangen und die Moles und das Seepferdchen, die sich zusammen mit Lynn, die sie kurzerhand überrumpelt hatten, durch das Gras rollten.

„Kinder“, lachte Thom, als Graham sich zu ihm setzte und das Knäuel in einiger Entfernung an ihnen vorbei rollte. „Deine Tochter hat jetzt drei Beschützer, auf die sie sich immer verlassen kann. Meodin, Diego und Dylan sind die besten Freunde, die sie hier finden kann.“

„Und gefährlich, hm?“ Graham grinste und sah sich weiter um. Der Ort hatte seinen ganz eigenen Charme und er war gerade dabei ihm zu erliegen. Er war versucht zu fragen, ob man hier nicht einziehen konnte, doch noch ehe er seine Frage stellen konnte, war ihm selber klar, dass dieses Kleinod für alle da war – nicht für einen allein.

Nach einer Weile sagte Thom: „Ich muss los, der Konvoi bricht gleich auf. Wer mit will, schließt sich mir an!“ Und es dauerte keine Sekunde, da guckte ein Kopf nach dem anderen aus dem hohen Gras am Rand der Kuppel.

Grinsend schüttelte Thom den Kopf. „Du glaubst nicht, wie oft ich das da schon gesehen habe.“ Er zeigte auf die Köpfe im Gras. „Nur heute sind es vier und alle grinsen gleich frech.“ Er winkte mit einem Arm und verdrehte die Augen, als die Köpfe einer nach dem anderen wieder verschwanden. „Du von rechts, ich von links“, wies er Graham an und schlich auch schon los.

Graham verstand nicht gleich, doch als er sah, was Thom tat, tat er es ihm gleich. Geduckt schlich er sich fast lautlos an das hohe Gras heran, lauschte immer wieder, nicht dass die Delinquenten zum Gegenschlag ausholten. Er hatte immer noch die Warnung im Kopf, dass die drei selbst General Akuma zum Verhängnis geworden waren. Doch noch ehe er richtig begriff, was los war, hatte sich Thom schon im hohen Bogen ins Gras geworfen und so wie es klang, hatte er einen erlegt. Diego quietschte erschrocken und die anderen drei stoben in die entgegengesetzte Richtung davon – direkt auf Graham zu, während Diego den dreien wegen Hochverrat die Pest an den Hals wünschte.

„Was lässt du dich auch immer fangen, blöde Grabratte“, rief Meodin über die Schulter und passte einen Moment nicht auf, da warf sich Graham ihm entgegen und brachte ihn zu Fall. „Aua“, schrie das Seepferdchen, als er schon wieder auf dem Hintern landete und Diego tönte laut, dass die blöde Seegurke ja mal nicht so angeben sollte, schließlich wäre er auch gefangen. „Die anderen beiden auch“, hörten sie eine lachende Stimme. Und Meodins Kopf ruckte rum. Da stand Erdogan und hatte sich Lynn und Dylan jeweils unter einen Arm geklemmt. „Was ist das hier? Chaotenvermehrung?“, fragte er lachend und zeigte auf Lynn.

„Ja, und das ganz ohne das Zutun unserer Genetiker, das macht mir Angst“, erklärte Thom, der sich den strampelnden Mole über die Schulter geworfen hatte und aus dem hüfthohen Gras wieder auftauchte. Meodin hingegen strampelte auch, zappelte und befreite sich, als er seinen Fürsten sah. „Erdo!“, rief er und war schon neben seinem Freund, während Graham noch im Gras kniete und dem flinken jungen Mann hinterher guckte. Doch da lagen Meodins Lippen schon auf denen von Erdogan, er hatte ihn vermisst – schmerzlich.

„Könnte man uns erst mal frei lassen, ehe das hier nicht mehr jugendfrei wird?“, murmelte Dylan und versuchte sich zu befreien.

„Lass sie frei“, murmelte Meodin in den Kuss und Erdogan ließ seine Gefangenen frei, die auch gleich das Weite suchten. „Darf ich vorstellen, Fürst Erdogan, der irgendwie immer da ist, wenn man ihn braucht.“ Thom ließ Diego runter, der sich gleich zu seinem Bruder und der neuen Freundin flüchtete und sich an sie klammerte. Er brauchte jetzt Trost. Schließlich hatte man ihn einmal mehr gestellt und überwältigt. So konnte er doch nie ein großer berühmter Kriegsmole werden, wenn das so weiter ging!

Meodin drückte sich immer noch gegen seinen Fürsten, während Graham sich ehrfürchtig näherte. „Guten Tag, Hoheit, danke, dass sie uns einen Platz in ihrem Reich anbieten.“

„Lassen wir die Förmlichkeiten. Ich bin Erdogan. So wie ich das sehe, werden wir wohl öfter aufeinander treffen.“ Erdogan streckte Graham die Hand hin und grinste, als auch Lynn langsam und schüchtern näher kam. Es war unverkennbar, dass sie und Graham verwandt waren. „Ihr seid willkommen.“

„Danke“, sagten beide und Lynn war dicht neben ihren Vater getreten. „Nicht dafür. Wir sind immer froh, wenn wir helfen können. Wir haben doch das gleiche Ziel und Fremde in Not können wir ja schlecht hängen lassen.“ Erdogan lächelte und hatte den Arm um Meodin geschlungen. Er hatte sich für ein paar Stunden frei genommen, Leander kümmerte sich in der Zwischenzeit um alles, was anfiel. Er konnte seinem Freund nicht dankbar genug dafür sein. Das Aquarium und die Stunden mit Meodin hier hatte er vermisst.

„Ich weiß nicht, ob du das nicht noch bereuen wirst“, murmelte Thom. „Aus dem Trio Infernale ist ein teuflisches Quartett geworden.“ Er kam nicht dazu, noch etwas zu sagen, denn da stürzte sich das Trio schreiend auf ihn und weil das nach Spaß aussah, schmiss Lynn sich auch noch mitten rein. Sie saß auf Thoms Armen, während die Moles seine Beine festhielten und Meodin die Finger kitzelnd über die Seiten flitzen ließ. „Willkommen in meiner Welt“, meinte Erdogan trocken und besah sich das Schauspiel, damit er im Notfall eingreifen konnte, denn Thom wand sich wie ein Wurm und kreischte wie ein Mädchen. Er war doch so kitzelig.

„Jungs!“, rief er nach einer Weile, weil das Quartett keine Gnade kannte. „Er wird noch gebraucht. Wenn ihr nicht wollt, dass Graham und seine Tochter obdachlos sind, dann würde ich sagen, lasst ihr unseren Cheftechniker laufen. Freier Abzug, ohne Behelligung durch euch und vor allem keine weiteren Attacken, nur weil er euch zur Ordnung ruft.“ Erdogan war pragmatisch. Es war immer das Beste, die Jungs zu erpressen, so ging man sicher, dass man bekam, was man wollte, denn die drei waren käuflich. Und der Preis war das Wohl ihrer Freunde.

Meodin war der erste, der Gnade zeigte und von Thom abließ. Nach und nach wurde Thom losgelassen und Erdogan hielt seinem Freund eine Hand hin, um ihm aufzuhelfen. „Du lernst es auch nicht. Reiz sie nicht und du musst nicht leiden. Ich glaube fast, dass du es brauchst, dich mit ihnen zu kabbeln.“ Thom sah Erdogan nur mit blitzenden Augen von unten an, denn er hatte seine Arme auf seine Oberschenkel gestützt. „Blödsinn“, jappste er atemlos, musste aber grinsen. Irgendwie hatte Erdogan ja Recht. Es war einfach zu verlockend, die richtigen Knöpfe zu drücken.

„Wollten wir nicht aufbrechen?“, fragte nun Dylan, der geschäftig Richtung Tür ging, als wäre nie etwas gewesen. Thom knurrte leise, fluchte Verwünschungen der übelsten Sorte, denn er musste sich erst einmal wieder auf die Beine Kämpfen. Graham half ihm reumütig, denn es war nicht nur seine Tochter, die dem Ganzen beigewohnt hatte, er selbst war es auch gewesen, der den Freund nicht gerettet hatte – aus Angst selber in die Fänge des Quartetts zu geraten. „Ich verstehe jetzt, was du meinst“, grinste er schief.

„Dann ist meine Mission erfüllt.“ Thom jappste noch immer, aber es schien nichts an ihm kaputt gegangen zu sein, so dass die restlichen drei des Quartetts hinter Dylan herliefen. Wobei sich Meodin noch einen schnellen Kuss holte und Erdogan an der Hand mitschleifte. „Beachte meine Hinweise und alles wird gut.“

„Ich hoffe es auch“, sagte Graham und sah den jetzt fünf jungen Menschen hinterher. „Euer Fürst ist ziemlich cool“, musste er gestehen, als er mit Thom zusammen ebenfalls das Aquarium wieder verließ. Doch er war sich sicher, dass er hier nicht das letzte Mal gewesen war.

Thom führte seinen Freund in ihre Kuppel, wo die Wagen bereit standen. Grahams Leute verteilten sich gerade auf die Wagen, sie kamen also gerade noch rechtzeitig. In einem separaten Wagen hockte Dylan am Steuer und wirkte wie verwandelt. Er wirkte jetzt viel erwachsener und trotzdem er den Mole eben noch wie verrückt hatte toben sehen, hatte er jetzt keine Angst, ihm das Leben seiner Tochter anzuvertrauen. Er hatte ein gutes Gefühl bei ihren neuen Freunden.

Er winkte Lynn zu, die stolz bei Meodin und Erdogan im Wagen saß. „Ich bin wirklich auf die Kuppel gespannt. Wir können uns ein eigenes Zuhause bauen. Es so gestalten wie wir es möchten. Das ist fantastisch.“ Seine Augen leuchteten. Das war etwas, was er schon immer gewollt hatte. Eve hatten sie komplett übernommen und keinen großen Spielraum für Individualität gehabt. Auch die Ressourcen waren beschränkt gewesen.

„So viel wird noch nicht zu sehen sein“, sagte Thom, als er in einen der Wagen stieg, die Leute begrüßte und dann ging es los. Sie fuhren durch Tunnel und durch Kuppeln. Sie waren über eine Stunde unterwegs, um die etwas abgelegenen Kuppeln zu erreichen. Der Konvoi sortierte sich um den Platz, an dem die ersten Zelte errichtet werden sollten.

„Also hier sollen wir leben?“ Graham stieg aus und sah sich um. Viel war wirklich noch nicht zu sehen. Das Gras und die anderen Pflanzen waren geschnitten worden und in der Mitte der Kuppel stand ein Berg an Ausrüstung, der darauf wartete aufgebaut zu werden. „Also dann mal los.“ Er rieb sich die Hände und winkte seine Leute zu sich und Thom, damit sie die Aufgaben verteilen konnten. Mitchel und seine Männer kamen ebenfalls aus einem der hinteren Wagen, sie beeilten sich aber nicht zu ihnen zu stoßen, sondern beäugten erst einmal von weitem den Berg an Ausrüstung. Wenn etwas fehlte, dann wollten sie es gleich feststellen und heran schaffen lassen, ehe die Arbeiten ins Stocken gerieten.

„Percy, du hast die Liste derer, die hier in den nächsten Tagen ein Plätzchen brauchen. Lasst uns sehen, wie viele Familien wir unterbringen müssen und wie wir das Material dafür aufteilen.“

Percy zeigte an, dass er verstanden hatte und kam mit der Liste zu Graham. „Wir brauchen 12 Zelte für zwei Personen und noch einmal sieben für bis zu vier Personen.“ Der Platz, wo die Zelte aufgebaut werden sollten, war schon gut vorbereitet. „Lass uns die Zelte und die Ausrüstung, die wir pro Zelt benötigen gleich dort hin legen, wo sie aufgebaut werden sollen. Dann sehen wir am ehesten, wo was fehlt.“

„Guter Plan“ Mitch und seine Männer machten sich daran den Berg aufzuteilen. Diego und Dylan machten sich gleich daran, den Männern zu helfen, ebenso die übrigen Moles, die das Baukommando begleiteten. Meodin machte sich zusammen mit Erdogan daran, die Plätze für die Zelte auszumessen und Pflöcke einzuschlagen, in welchen Quadraten die Böden für die großen Zelte ausgelegt werden mussten. Um die Bewohner und die Habseligkeiten vor Nässe und Schmutz zu schützen, bekamen die Zelte einen dicken Boden, der auf Pfählen stand. Die Unterbauten würden die meiste Zeit in Anspruch nehmen.

Aber bei so vielen Helfern, mussten sie das ohne Probleme schaffen. Die Moles kümmerten sich um die schweren Arbeiten, wie den Aufbau der Plattformen, da sie die meiste Kraft und im Bauen die größte Erfahrung hatten. Am Anfang waren die Bewohner von Eve noch ein wenig gehemmt im Umgang mit den Moles, aber das verging schnell. Was zu mehr Irritation führte war Erdogan, der selbstverständlich mitarbeitete, sich nicht scheute, sich dreckig zu machen und sich sogar von den Moles rumscheuchen ließ, wenn er ihnen im Weg stand, oder sie ihn losschickten, etwas zu holen, was sie brauchten.

„Ich dachte, er wäre der Fürst“, murmelte Graham etwas verwirrt, als er zusah, wie Erdogan und Meodin zusammen vertrieben wurden, weil man sie fast mit einem der Balken überrollt hätte. Die beiden zogen sich zurück und machten sich an der nächsten Plattform nützlich, ohne Widerrede.

„Ist er auch“, sagte Thom, der gerade die Nivellierung der Plattformen vornahm, damit sie auch gerade standen und nicht die Äpfel vom Tisch rollten oder jemand von der Bank rutschte. „Aber noch nicht lange. Er war schon immer mehr ein Arbeitstier als ein Fürst und wenn er sich hier mal wieder den Kopf frei schuften kann, nutzt er solche Chancen, bis sein Vize ihn wieder einbestellt.“ Sie kannten das schon. Wenn Erdogan die Zeit vergaß, dann meldete sich Leander, der immer so lange die Stellung hielt, wie der Fürst sich zu erden versuchte.

„So stellt man sich einen Fürsten gar nicht vor.“ Graham meinte das nicht abwertend, dass hörte man an seiner Stimme.

„Ist wohl auch nicht üblich, aber Erdogan hat da seinen eigenen Kopf.“ Thom war mit dieser Plattform fertig und machte sie frei für Lynns Gruppe, die die Zelte aufbauten. Das hatte Lynn zusammen mit Diego und Dylan übernommen. Erst wurde das Gerüst auf gestellt, dass die schweren Stoffe tragen musste, dann wurde mit vereinten Kräften die Zeltplane darüber gestülpt und mit der Plattform verbunden. Ein paar der Zelte standen tiefer, ein paar höher, denn einige Familien wollten unter dem Haus gern ihre Kaninchen unterbringen.