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Zyklus VIII - Eve 01 - 13-15

13 

„Connor - Hunger“, rief Lynn schon vom Zelteingang aus und der große Mole hob grinsend den Kopf. „Wo ist denn der Rest eurer Bande?“, fragte er lachend und legte zwei große Stücke auf zwei Teller. „Danke. Sind alleine und wir helfen dir gleich.“ Sie hatte sich angewöhnt Connor bei der Essensausgabe zu helfen, wenn sie Zeit hatte. Lynn leckte sich über die Lippen und biss gleich ein Stück ab. Natürlich war das ein Fehler. „Heiß! Heiß! Heiß!“, jaulte sie auch gleich und hüpfte auf und ab. Graham lachte leise und betrachtete den großen Mole. Diese Festlandkuppel hatte seine Tochter wirklich verändert. Wie schnell sie Freundschaften schloss und wie selbstverständlich sie mit den Moles und den Männern aus Neo New York umging, faszinierte ihn immer wieder. „Hilf ihm ein bisschen, dann kühlt das Essen inzwischen ab“, schlug er ihr vor und sie nickte, hatte schon zwei Teller in der Hand, als sie Iowa und seine Eltern ebenfalls den Kopf rein stecken sah.

„Hierhin“, rief sie und hob die Teller hoch, damit Iowa sehen konnte, dass sie was für ihn hatte. Das leckere Essen lockte den Jungen auch schnell zu ihr, so dass die Teller schnell die Besitzer wechselten. „Ich helfe Connor bei der Essensausgabe. Das mach ich immer, wenn ich Zeit habe. Sucht euch einen Platz und genießt die Pizza. Die ist superlecker.“ Dann war sie auch schon wieder weg und kümmerte sich darum, dass auf die jetzt leeren Bleche neue Pizzen kamen, die Connor in den Ofen schieben konnte. Allmählich füllte sich das Zelt und die Reihen an den Tischen schlossen sich. „Iss auch erst mal, sonst wird es ganz kalt“, sagte Connor und schob Lynn ein bisschen zu ihren Leuten. Sie gehorchte und setzte sich ebenfalls. Der Rest war schon fa,st fertig mit essen.

„Habt ihr eigentlich auch nach Verwandten suchen lassen?“, fragte Lynn und biss von ihrer Pizza ab. „Ich weiß, dass Dad nach seinem Bruder suchen lässt. Ich habe Onkel Alaster nie kennen gelernt. Ich find das echt spannend vielleicht zu erfahren, wo er jetzt sein könnte.“

Carter nickte. „Ich frage mich, ob meine Eltern noch leben und meine Frau sucht nach einem Bruder und dessen Familie. Große Hoffnungen machen wir uns nicht, aber vielleicht lässt sich ja doch etwas herausfinden.“

„Ich kenne die Leute nicht, aber wäre schon cool“, sagte Iowa und leckte sich die Finger sauber. Das war wirklich gut gewesen und er guckte sich um, ob vielleicht genug da war, dass er noch ein Stück haben könnte.

Lynn lachte und stand auf. Sie hatte auch noch Hunger. „Gib her, ich hol uns noch was.“ Sie lief zu Connor und holte Nachschlag. Seit sie hier in der Kuppel war, hatte sie ständig Hunger. Wahrscheinlich weil sie ständig mit dem Trio unterwegs war. Raufen, weglaufen und toben machte eben hungrig.

Doch nach zwanzig Minuten verließen sie gemeinsam das Zelt. Schnell suchte man die Waschräume auf und richtete sich her, dann war es auch schon soweit sich wieder im Schulhaus einzufinden. Die Sonne senkte sich allmählich dem Horizont zu und so saß Lynn noch etwas vor der Tür, während Graham, Carter und Betty sich drinnen schon Plätze suchten. Auch Iowa blieb noch etwas vor der Tür. So hatte man den besten Überblick, wer alles kam. Ein paar grüßten sie, ein paar sahen sie gar nicht.

„Da!“ Lynn stieß Iowa an und deutete auf die zwei Männer, die auf sie zu kamen. „Da sind Meodin und Erdogan.“ Sie winkte lachend und Meodin zog seinen Fürsten zu den beiden Jugendlichen. „Hallo“, rief sie und ließ sich von Meodin knuddeln. Erdogan beguckte sich den jungen Mann neben Lynn und grinste. Sein Schatz hatte ihm schon erzählt, dass sein Quartett wieder Zuwachs bekommen hatte. „Hallo, ich bin Erdogan.“

„Iowa, angenehm“, stellte der Junge sich vor und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass er etwas nervös war. Doch zum Glück – oder leider – je nachdem aus welcher Sicht man das betrachten wollte, hatten sie nicht viel Zeit. „Sucht euch einen Platz, wir wollen anfangen“, riet der Fürst, legte Iowa noch einmal die Hand auf die Schulter, dann betrat auch er zusammen mit dem Archivar die Schule. Ein paar Nachzügler beeilten sich und auch Lynn und Iowa machten, dass sie rein kamen, ehe sich die Türen schlossen.

Drinnen war es unglaublich voll. Jeder Platz war besetzt und ein Teil der Leute stand. Vorn hatten sich Erdogan und Meodin aufgestellt, Thom, Archiaon und Ewan würden sie unterstützen.

Erdogan hob die Arme, um auf sich aufmerksam zu machen. „Guten Abend. Wer mich noch nicht kennt, ich bin Fürst Erdogan und ich freue mich, dass sie alle gekommen sind. Hoffentlich haben sie sich schon etwas eingelebt. Wenn etwas fehlt, melden sie sich ruhig. Wir werden versuchen es zu besorgen.“

Leises Gemurmel machte sich breit, zustimmend. „Das machen wir auf kleinem Weg, sie sind uns bisher so wohlwollend entgegen gekommen. Dafür danken wir“, erklärte Alice und Erdogan lächelte. „Gern doch“, entgegnete er und blickte in die Runde. „Aber ich möchte sie nicht auf die Folter spannen. Sicherlich sind die meisten nicht hier, um sich darüber zu unterhalten, was in den Kuppeln gebraucht wird, sondern um zu erfahren, von welchen ihrer Angehörigen wir etwas haben erfahren können. Ich schlage vor, dass wir die Namen derer, die wir bisher ausfindig machen konnten, als Laufschrift über den großen Bildschirm schicken. Ebenfalls die zugehörigen Kuppeln, in welche sie umgesiedelt wurden. Allerdings stehen wir mit denen nicht in Kontakt, wir wissen also nicht, ob sie dort noch leben.“ Heikel wurde es mit den Namen derer, die verstorben waren. Erdogan wusste noch nicht, wie er diese vermitteln sollte. Das wollte er nicht öffentlich machen.

Ein Name auf der Verstorbenenliste war besonders heikel. Sein Blick glitt unwillkürlich zu Graham rüber, während die ersten Namen über den Bildschirm flimmerten. Er mochte den Mann und seine Tochter und gerade ihm mitteilen zu müssen, dass sein Bruder nicht mehr lebte, behagte ihm gar nicht. Besonders, als sie festgestellt hatten, wer Alaster Middelton gewesen war. Das hatte einige Aufregung gegeben, als ein paar Alarmfenster auf Meos PC angegangen waren, als er angefangen hatte, nach Grahams Bruder zu suchen.

In ihren Akten hatten sie Alaster Middelton als einen der großen drei geführt und er war noch nicht lange tot. In den Akten hatte auch gestanden, dass er keines natürlichen Todes gestorben war. Das Graham beibringen zu müssen, war nicht gerade leicht. Thom wollte das übernehmen, wenn sie auch noch nicht genau wussten wie und wann.

„Die meisten sind, wie es aussieht nach Washington entkommen“, sagte Iowa und ließ seine Augen weiter über den Bildschirm wandern, ob er nicht doch Familiennamen fand, die er kannte. Immer wieder hörte man jemanden entzückt aufmerken.

„Wahnsinn, wie viele sie gefunden haben“, murmelte Lynn. Sie hatte nicht erwartet, dass die Liste so lang war. Meo verstand wirklich was von seinem Job. Sie wartete gespannt darauf, dass endlich auch etwas über ihren Onkel kam, aber da tat sich nichts. „Vielleicht hab ich ihn übersehen.“ Sie hatte sich ablenken lassen und ab und zu nicht hingesehen.

„Wir können dann bestimmt noch einmal Meodin fragen. Sie werden die Liste ja nicht vernichten, sondern irgendwo zugänglich machen und dann suchen wir noch einmal ganz in Ruhe. Das wird schon“, sagte Iowa und strich ihr kurz über den Arm. „Vielleicht war über ihn auch noch nichts zu finden. Kann doch sein“, mutmaßte er weiter, denn er wollte nicht, dass sie traurig wurde.

„Ja, das kann natürlich sein.“ Lynn wollte noch nicht aufgeben, aber es fiel ihr nicht gerade leicht. Dankbar lehnte sie sich ein wenig an Iowa an. Es war schön ihn da zu haben. „Da“, rief sie plötzlich und grinste. „Das muss eure Sippschaft sein.“

„Ja, sieht so aus“, lachte er, denn seine Eltern neben ihm wurden ganz hibbelig. Er grinste und freute sich für sie. Doch er selber konnte seine Neugier auch nicht ganz verbergen.

„Darf ich fragen wie sie an die Daten heran gekommen sind? Sind diese zuverlässig?“, wollte jemand wissen, den Lynn nicht sehen konnte. Die Stimme konnte sie auf die Schnelle auch nicht zuordnen. Erdogan trat vor und erklärte, dass sie die Datenbanken der Gottgleichen ohne deren Wissen anzapfen konnten.

„Seit mehreren Monaten bekommen wir Daten aus ihrer Bibliothek in Alexandria. Sie archivieren alles, so dass wir schon viele für uns nützliche Dinge erfahren haben.“ Erdogan ging nicht weiter darauf ein, wie sie es geschafft hatten an die Daten zu kommen. Das war nicht unbedingt für die Öffentlichkeit bestimmt. „So sind wir auch auf Listen mit Namen gestoßen die mit Philli zusammenhängen.“

„Und was ist mit denen, die da nicht gelistet worden sind?“, wollte die Stimme wieder wissen. Lynn machte einen langen Hals, doch sie konnte nichts sehen.

Erdogan nickte, er hatte mit der Frage schon gerechnet. Man merkte, dass ihm nicht ganz wohl dabei war, doch er sprach offen. „Über einen Teil der Namen konnten wir nichts finden und ein paar sind leider auch verstorben.“

Ein Raunen ging durch die Menge. „Wir wollten es den Angehörigen der Verstorbenen nicht zumuten, es hier und jetzt erfahren zu müssen, wo alle anderen sich freuen, dass sie ihre Verwandten gefunden haben. Wir werden in den nächsten Tagen auf jeden Fall auf diejenigen zukommen, denen wir leider schlechte Nachrichten überbringen müssen.“

Leises Nicken und murmeln. „Können wir auch im Anschluss nach vorn kommen und fragen? Zu wissen, dass meine Mutter vielleicht nicht mehr lebt lässt mich bestimmt nicht schlafen.“ Wieder leises zustimmendes Murmeln und so nickte Meodin. Er hatte Zeit und er konnte die Menschen ja auch irgendwie verstehen, doch die endgültige Entscheidung wollte er Erdogan überlassen.

„Natürlich können sie gleich zu Meodin und mir kommen, wenn sie möchten. Wir werden alle ihre Fragen soweit beantworten, wie wir können.“ Es war zwar nicht so geplant gewesen, aber wenn die Bewohner von Eve es so haben wollten, dann war das auch in Ordnung. „Wie gesagt, nur weil ein Name bisher noch nicht aufgetaucht ist, muss er nicht verstorben sein. Wir forschen immer noch.“

„Ich baue hier drüben zwei Laptops auf. An denen können die Listen der Übergesiedelten noch einmal eingesehen werden und mit speziellen Fragen kommen sie dann einfach zu uns hier rüber“, schlug Thom vor. So hoffte er die Gruppe derer, die Nachfragen hatten, gering halten zu können. Langsam kam Leben in den Raum und kaum hatte Thom die beiden Geräte angeschaltet und die Daten geladen, waren sie auch schon umlagert.

„Hast du Onkel Alaster gesehen oder soll ich mal Meodin fragen?“, wollte Lynn wissen, die es auch nicht mehr auf dem Stuhl hielt.

„Geh ruhig gucken. Ich habe ihn auch noch nicht auf der Liste gesehen.“ Lynn wollte sich gerade erheben, als sie Thom, mit ernstem Gesicht auf sie zukommen sah. Das konnte nur eins bedeuten. „Nein“, flüsterte sie leise und klammerte sich an Iowa fest. Der Techniker fühlte sich sichtlich unwohl, als er seinen neuen Freund ansah. „Es tut mir leid, Graham, aber wir haben deinen Bruder leider auf der Liste der Verstorbenen gefunden.“

Iowa legte einen Arm um Lynn, die sich an ihn lehnte, sich dann aber doch an ihren Vater klammerte. Eine Minute saß Graham nur da, dann nickte er. „Danke“, sagte er mit brüchiger Stimme und strich sich harsch über die Haare. „Und wisst ihr wo?“, wollte er wissen, „und wann? Woran? Haben sie das auch vermerkt?“ Er zog Lynn dicht an sich und legte sein Kinn auf ihren Kopf.

Kurz lag Thoms Blick auf Lynn. Sie tat ihm leid. Auch wenn sie ihren Onkel nie kennen gelernt hatte, so war es doch nie schön so etwas zu erfahren. „Er lebte in San Francisco und es ist erst ein paar Monate her, dass er gestorben ist.“ Vor Lynn wollte er nicht so in die Details gehen. Darum flüsterte er Graham lautlos zu, dass sie sich gleich alleine unterhalten mussten. Der nickte fast unmerklich und schloss die Arme um Lynn noch fester. Er konnte sie im Moment unmöglich allein lassen, auch wenn er wissen wollte, was Thom noch alles berichten konnte. „San Franzisco ist nicht gerade um die Ecke, wie ist er denn dorthin gekommen?“, murmelte er leise vor sich hin. Doch er konnte es sich vorstellen – Alaster hatte seinen Weg gewählt. War das der Grund warum er jetzt tot war?

„So weit, wie wir das herausfinden konnten, hat er dort in einer leitenden Position gearbeitet.“ Thom hielt sich absichtlich vage. Er erzählte auch nicht, wie Grahams Bruder gestorben war, denn das musste Lynn nicht wissen. Sie sollte nicht schlecht von dem einzigen Verwandten denken, den sie noch gehabt hatte.

„Ich wollte ihn doch kennen lernen und ihm so viel erzählen“, schluchzte sie leise und schloss die Augen. Graham strich ihr weiter über die Haare. „Wir können es ihm bestimmt immer noch erzählen. Vielleicht finden wir einen Weg an sein Grab“, sagte er leise und küsste sie aufs Haar.

„Was ist?“, fragte Carter, als er mit Betty zurückkam. Sie hatten noch einmal die Liste eingesehen. Doch als sie Lynn sahen und Graham nicht gleich antwortete, war ihnen klar, was Thom ihm eben erzählt hatte.

„Meine arme Kleine“, sagte Betty auch gleich und zog Lynn in ihre Arme und Carter legte seinem Freund eine Hand auf die Schulter. Betty drückte das schluchzende Mädchen an sich und strich ihr über den Rücken. „Komm mit, Süße. Ich mach dir einen Kakao. Iowa kommt bestimmt auch mit. Du hast doch nichts dagegen Graham, oder?“

„Nein, ist okay. Ich will noch mal mit Thom reden. Ich komme dann bei euch vorbei“, sagte Graham, sah Lynn aber noch einmal in das verweinte Gesicht. „Ist das für dich auch okay, Lynn?“, wollte er allerdings wissen, denn wenn sie ihn jetzt nicht gehen lassen konnte, dann würde er mitgehen.

Lynn nickte, das Gesicht aber immer noch an Bettys Schulter vergraben. „Aber du kommst gleich?“, fragte sie und Graham nickte. „Natürlich, Süße, ich werde gleich nachkommen. Geht schon mal vor.“ Er strich seiner Tochter noch einmal über die Haare, dann nickte er Betty zu, dass sie jetzt gehen konnten. Er stand neben Thom, der bei ihnen geblieben war. Doch erst als Carter und seine Familie mit Lynn die Schule verlassen hatte, sah er sich zu seinem Freund um. „Was wisst ihr denn noch, was Lynn nicht hören muss?“, fragte er also, doch seine Stimme hatte an Kraft verloren.

Thom senkte den Blick und schluckte. Er wollte Graham nicht noch mehr schlechte Nachrichten überbringen. „Dein Bruder ist getötet worden, besser gesagt, er wurde erschossen. Zusammen mit seinem Geliebten.“ Thom holte tief Luft und knetete seine Hände. „Wir versuchen noch mehr darüber herauszufinden. Allerdings gibt es da noch mehr. Er gehörte zu den Gottgleichen und dort hatte er eine sehr hohe Stellung. Er gehörte der Dreifaltigkeit an. Archiaon hat uns erklärt, was das bedeutet. Es gibt drei Männer, die an der Spitze der Organisation stehen und er war einer von ihnen.“

„Wow“, machte Graham erst einmal und sah sich hastig um, doch niemand hatte ihnen zugehört. Es war wohl jeder mit sich selbst beschäftigt. So zog er Thom aus der Schule und ein Stück weiter. Dort lagen ein paar große Steine, nur erhellt durch das Licht, das aus den Fenstern der Schule drang. Eine Weile saßen sie einfach da. Dann sagte Graham leise: „Ich weiß. Also dass er zu ihnen gehörte, nicht dass er soweit nach oben gestiegen war. Ich hatte gehofft, er würde die Kurve kriegen, aber…“

„Es tut mir wirklich leid, Graham, das musst du mir glauben.“ Thom drückte Grahams Schulter und lächelte. „Es wissen nur sehr wenige davon, wer dein Bruder war und es wird auch niemand erfahren, wenn du das nicht möchtest.“ Er konnte verstehen, wenn sein Freund das lieber für sich behalten wollte. „Es ist deine Entscheidung, ob Meodin weiter suchen soll, oder ob du lieber nichts weiter wissen möchtest.“

„Ich will alles wissen“, sagte Graham und blickte wieder auf, dabei sah er Thom fest an. „Du hast gesagt, er wurde zusammen mit seinem Geliebten getötet. Er kann also nicht so ein schlechter Mensch gewesen sein, als dass ihn nicht doch jemand lieben konnte. Ich will wissen, warum er sterben musste und durch wen.“ Es war nicht so, dass er Rache nehmen wollen würde, doch wenn man den Tod kannte, verriet das viel über das Leben. Manchmal war es das Beste, eine Geschichte vom Ende her aufzurollen.

„Das kann ich verstehen.“ Thom holte tief Luft. Er konnte einige von Grahams Fragen beantworten. „Der Name des Freundes deines Bruders war Gero. Er war ein Sangriel. Sangriels sind Züchtungen der Gottgleichen und man kann sie kaufen. Mehr oder weniger als Lustknaben“ Thom schüttelte schnell den Kopf, als er sah, wie Graham entsetzt die Augen aufriss. „Dein Bruder hat Gero nicht gekauft. Sie haben sich wohl ineinander verliebt, als Gero sein Housesitter war. Leider sind sie wohl genau deswegen gestorben. Gero wollte seinen Käufer verlassen und darum hat er sie erschossen. Das war jetzt nur ein grober Umriss der Ereignisse. Du kannst aber gerne alle Details haben, wenn du möchtest.“

Graham schüttelte den Kopf. Er musste die Informationen sortieren und für sich bewerten. „Danke, erst einmal nicht.“ Eigentlich sollte es ihn doch gar nicht schockieren, dass schon wieder eine Züchtung der Gottgleichen aufgetaucht war. Nach den Moles und den Sharkern sollte er doch schon mit weiteren Züchtungen rechnen, aber trotzdem ließ ihn das nicht kalt. Vor allem weil sein Bruder eines dieser Wesen geliebt hatte. „Nicht heute, aber wenn ich mehr wissen will, komm ich auf euch zu“, sagte er nach einer Weile des Schweigens und starrte hinaus in das Dunkel des Abends.

„Ja sicher. Jederzeit.“ Thom wollte sich gar nicht vorstellen, wie das wäre, mitgeteilt zu bekommen, dass sein Bruder tot war. Er musste aber noch etwas loswerden, was ihm auf der Seele lag. „Graham, es hat sich nichts geändert für mich und auch nicht für Erdogan und die anderen. Du bist nicht dafür verantwortlich, was dein Bruder gewesen ist. Du und Lynn seid hier willkommen.“

„Danke“, lachte Graham leise. Soweit hatte er selbst noch gar nicht gedacht, doch es war gut zu wissen. „Bist du morgen hier in der Kuppel? Dann lass uns morgen reden. Ich muss ein paar Dinge für mich sortieren und vor allem muss ich nach Lynn sehen.“ Er blickte Thom von der Seite an und lächelte zögerlich. „Es ist komisch. Ich habe ihn so lange nicht gesehen, nichts von ihm gehört, kein Kontakt und es hat mich nicht gestört. Und jetzt, wo ich weiß, dass das auch nie anders sein wird, tut es weh.“

„Ich bin morgen hier. Komm einfach zu mir, wenn du reden möchtest. Egal wann. Nachher, heute Nacht, morgen. Das ist vollkommen egal. Du weißt, wie du mich erreichen kannst und wo du mich finden kannst.“ Thom stand auf und rollte mit den Schultern. „Geh zu Lynn. Sie braucht dich jetzt bestimmt.“

Graham nickte und verschwand nach einer kurzen Verabschiedung zu seiner Tochter. Thom sah ihm nach und holte tief Luft. Doch dann betrat er wieder die Schule. Er hatte gar nicht gemerkt, wie sich in dem großen Raum die Massen gelichtet hatten. Viele waren nicht mehr da. Zwei waren noch in ein Gespräch mit dem Fürsten vertieft und drei suchten sich zusammen mit Meodin noch einmal durch die Listen. Thom setzte sich schweigend dazu.

Er saß noch nicht lange, da kam Archiaon und setzte sich zu ihm. „Wie hat er es aufgenommen?“, wollte der Senator wissen. Sie waren ein wenig in Sorge über Grahams Reaktion gewesen. Darum hatte auch Thom es übernommen, die Botschaft zu überbringen, da sie sich am besten kannten. „Besser als ich befürchtet hatte. Er war ziemlich gefasst.“ Doch auch für Thom war das nicht leicht gewesen, oder gerade weil er Graham mochte. Aber er hatte zugesagt, sich darum zu kümmern. „Er sagt, er hat gewusst, dass er sich den Gottgleichen angeschlossen hat“, schob der Techniker noch nach. „Jetzt kümmert er sich erst einmal um Lynn.“ Allerdings war er wie der Rest des Teams noch immer überrascht, dass nur drei Männer die Organisation zu leiten schienen. Im Augenblick versuchten sie mehr über Alaster heraus zu bekommen, denn so hofften sie mehr über die Hierarchien der Gottgleichen erfahren zu können.

„Gut.“ Archiaon nickte. Es war gut, dass Graham sich um seine Tochter kümmerte. So konnten sie den Verlust wahrscheinlich am besten verarbeiten. „Ich werde Meodin die nächsten Tage helfen, mehr über diesen Alaster zu erfahren. Zu zweit geht das Sichten des Materials einfach schneller.“

„Mach das, Marc könnt ihr auch einspannen. Er kann euch Suchalgorithmen erstellen“, sagte Thom, doch er hatte sich noch nicht wieder ganz gefangen. Er sah den beiden nach, die sich noch an ihrem PC informiert hatten und nun ebenfalls die Schule verließen. Sie waren die letzten Bewohner von Eve gewesen. Nun waren nur noch Erdogans Männer hier, die sich alle etwas betreten ansahen.

„Was für ein Tag.“ Erdogan strich sich durch die Haare und setzte sich neben Thom und Archiaon. „Ich hoffe, dass wir nicht noch mal so viele schlechte Nachrichten überbringen müssen.“ Er hatte es sich nicht nehmen lassen, selber mit denjenigen zu sprechen, die einen oder sogar mehrere Verwandte verloren hatten. Und immer wieder hatte er bemerkt, dass die Bewohner von Eve sich die Schuld dafür gaben, dass die Kuppel bestraft worden war. Nicht nur, dass sie geflohen waren, sie hatten den Gottgleichen auch noch Eve gestohlen. Doch sie hätten im Traum nicht gedacht, dass die Rache dieser herzlosen Menschen so hart sein würde.

„Lasst uns Schluss machen für heute, morgen ist auch noch ein Tag“, sagte Archiaon. Thom fuhr schon die Laptops herunter und schaltete die Technik aus. Dann würden sie die Kuppel verlassen. Sie gehörte jetzt den Bewohnern von Eve.

„Komm, Schatz.“ Erdogan legte die Arme von hinten um Meodin und küsste ihn auf die Haare. „Lass uns nah Hause gehen.“ Es war gar nicht so leicht, Meodin von seinem Computer loszueisen, denn erst einmal reagierte sein Seepferdchen gar nicht. Erst als Erdogan ihm leicht in den Hals biss, quietschte Meodin auf, nahm den Mann hinter ihm und die ihn haltenden Arme wahr.

„Oh“, machte er nur und ließ sich halten, so lange bis alles verräumt war. Die Tische konnten sie auch morgen wieder in die richtige Position bringen. Es war ein langer Tag und jeder wollte eigentlich nur noch ins Bett. So gingen sie zu den Wagen. Es war still im Lager der Bewohner von Eve und es war auch still in der kleinen Truppe. Jeder hing seinen Gedanken nach. Die Fahrt verging schweigend und im Lager trennten sich ihre Wege.


14

Gähnend griff sich Thom die zwei Becher Kaffee, die Connor ihm reichte. „Danke“, murmelte er und machte sich auf den Weg zu Meodin. Der Techniker hatte in der Nacht lange nicht einschlafen können, obwohl er eigentlich sehr müde gewesen war, weil ihm immer wieder Graham und sein Bruder durch den Kopf gegeistert waren. Darum wollte er zum Seepferdchen und ihn bitten, noch mehr über diesen Alaster herauszufinden. Er wusste, dass auch Meodin die meiste Zeit im Archiv verbrachte, wenn Diego und Dylan bei den Moles waren und Erdogan schon wieder in der Hauptkuppel seinen Aufgaben als Fürst nachkam. Sie hatten alle ein wenig Sorge gehabt, wie es werden würde, wenn Erdogan erst einmal die Position seines Vater übernommen und seinen Hauptwirkungspunkt in die Hauptkuppel verlegt hatte, doch Meodin hatte es überraschend gut aufgenommen.

So fand ihn Thom über die Tastatur gebeugt. Auf einem Zettel schrieb er sich gerade ein paar Sachen ab.

„Morgen, alte Seegurke“, begrüßte Thom seinen Freund und hielt ihm gleich einen Becher Kaffee, als Wiedergutmachung hin, weil Meo sich knurrend zu ihm umdrehte. „Dein Glück“, brummte der Verunglimpfte und nahm gleich einen Schluck. Lachend ließ Thom sich auf den Stuhl neben seinem Freund fallen. „Ach komm, Meo, langsam musst du es doch gewöhnt sein, so genannt zu werden. Was machst du gerade?“

„Seegurkenkram“, knurrte Meodin, der zwar mit der Bezeichnung leben konnte, aber das hieß ja noch lange nicht, dass man das auch jedem ungestraft durchgehen lassen musste. Er sah Thom über seine Tasse hinweg an, doch allein an den Augen konnte man sehen, wie das Seepferdchen grinste.

 „Sehr wichtigen geheimen Seegurkenkram“, fügte er noch hinzu und nahm noch einen Schluck.

„Wow.“ Thom riss gespielt beeindruckt die Augen auf. „Geheimer Seegurkenkram. Ich erstarre in Ehrfurcht.“ Aber dann sackte er in sich zusammen und seufzte. „Dann hast du bestimmt keine Zeit, mir dabei zu helfen etwas mehr über Grahams Bruder herauszufinden, oder?“

Meodin tat, als müsste er das abwägen, wiegte den Kopf gewichtig hin und her, trank noch einen Schluck, verdrehte die Augen in Richtung Decke, als wäre dort die Antwort zu finden. Doch dann gab er sich einen Ruck und nickte. „Sicher, warum nicht. Was willst du wissen?“, sagte er also, die klammen Finger um die warme Tasse gekrampft.

„Alles“, lachte Thom. Ihm war klar gewesen, dass Meodin nicht widerstehen können würde. „Graham hat seit fünfzehn Jahren keinen Kontakt zu seinem Bruder gehabt und ich möchte, dass er so viel wie möglich über dessen Leben weiß.“ Thom wurde wieder ernst. „Außerdem wäre es auch für uns hilfreich, denn Alaster war ein wirklich wichtiger Mann bei den Gottgleichen.“

Nachdenklich nickte Meodin. Das konnte er gut verstehen. „Erzähl mir alles, was du schon weißt. Umso mehr Stichworte ich habe, nach denen ich suchen kann umso besser“, beschloss das Seepferdchen. Er hatte unglaublich schnell gelernt und er hatte sein Archiv mittlerweile sehr gut im Griff. Er leerte also seine Tasse und stellte sie weit hinten auf seinem übervollen Schreibtisch. Sie machte dort Bekanntschaft mit vier weiteren Mitgliedern ihrer Familie. Am besten brachte er die irgendwann mal zu Connor zurück, wenn er nicht wollte, dass der damit anfing Pfand für sein Geschirr zu verlangen.

Thom überlegte, was ihm noch von den Dingen, die sie herausgefunden hatten, im Kopf geblieben war. „Sein Name war Alaster Middelton, er lebte in San Francisco und war einer der Dreifaltigkeit.“ Nach und nach zählte er alles auf, was sie wussten. Es war nicht wirklich viel, aber er ging davon aus, dass Meodin noch mehr finden würde.

Das Seepferdchen machte sich Notizen. Er hatte noch eine etwas ungelenke Handschrift, denn er beherrschte es noch nicht so lange. Er war an der Tastatur um einiges schneller als mit dem Stift, doch er mochte diese alt hergebrachte Methode, denn er wollte irgendwann so eine ausgefallene Handschrift entwickeln wie sie Leander oder Daniel hatten. Es gefiel ihm und das wollte er auch können. Also nutzte er alle sich bietenden Gelegenheiten um zu üben.

„Gut“, sagte er, als Thom den Eindruck erweckte, alles berichtet zu haben, was er in seinem Kopf hatte finden können.

„Kannst du was damit anfangen?“ Thom wäre es lieber gewesen, wenn sie noch mehr Anhaltspunkte gehabt hätten, aber Graham zu fragen brachte leider auch nichts, weil der auch nicht mehr über seinen Bruder sagen konnte. „Wenn du bei irgendwas Hilfe brauchst, melde dich bei mir. Mehr Speicher, schnellere Technik. Eben alles, was so mein Spezialgebiet ist.“

Doch Meodin schüttelte nur den Kopf. Mittlerweile hatten sie einen ganz guten Zyklus gefunden, in dem die Serverkapazitäten aufgestockt wurden. Mittlerweile hatten sie auch einen Teil der Rechenkapazitäten außerhalb des Labors aufgestellt. Erdogan arbeitete an einem gesicherten Rechenzentrum in der Hauptkuppel, dass eines Tages – mit beschränkten Zugriffen – auch an die Datenbanken der Bibliothek angeschlossen werden konnte. Doch soweit waren sie noch lange nicht. Deswegen war Marc ständig im Clinch mit seinen Servern und Zero und zwei weitere Moles halfen ihm dabei.

„Wenn du nicht mehr weißt und Graham nicht mehr weiß, dann muss ich mit dem auskommen, was du mir gegeben hast.“

„Danke, Meo.“ Thom drückte einmal dankend die Schulter seines Freundes und ließ ihn dann machen. Meodin mochte es gar nicht, wenn man ihm bei der Arbeit über die Schulter guckte. Darum ließ er seinen Freund alleine. Er selber hatte auch noch einiges zu tun. Meodin meldete sich, wenn er etwas herausgefunden hatte. Er selbst wollte sich in die beiden Kuppeln der Eve-Bewohner aufmachen. Dort gab es noch ein paar Kleinigkeiten an der Steuerung, die nicht so funktionierten wie gewünscht. Außerdem wollten sie noch die Wetterprogramme der Versorgungskuppel einstellen, um es auf das abzustimmen, was ihre neuen Freunde anbauen wollten. Und erst wenn alles so lief, dass er für ein paar Tage abkömmlich war, wollte er sich endlich Eve ansehen – ihre Raffinessen, ihre Baupläne, vor allem aber die Aquakulturen. Vielleicht konnten sie selbst eine kleinere Eve schaffen um Fische und Algen im offenen Meer züchten zu können.

Zwar hatten sie auch Aquakulturen, aber nur in sehr begrenztem Umfang und es wäre eine wirkliche Bereicherung mehr Fisch züchten zu können. Er fuhr zur Versorgungskuppel, wo schon geschäftiges Treiben herrschte. Die Felder waren abgesteckt und die Biologen hatten Bodenproben entnommen, damit sie die Erde dann optimal aufbereiten konnten, bevor die Aussaat begann. „Und? Wie läuft’s?“, wollte er wissen. Mitchell und seine Männer prüften gerade die Bewässerung der Felder. Die passierte nicht oberirdisch sondern unterirdisch. Perforierte Schläuche lagen in der Wurzelzone, so dass die Pflanzen von unten alles bekamen, was sie brauchten und das Wasser optimal genutzt werden konnte. Außerdem waren die landwirtschaftlichen Geräte so darauf abgestimmt, dass sie nicht tief genug kamen, um das Schlauchsystem zu beschädigen. Doch die Kuppel hatte lange trocken gelegen und nun prüften sie über Flüchtigkeitsfehler ob jede Stelle des Felds noch optimal versorgt wurde.

„Bisher ganz gut. Es gab ein paar Lecks im System, die wir aber alle abdichten konnten. Jetzt scheint alles dicht zu sein “ Mitchel wirkte sichtlich stolz auf das, was sie bisher geleistet hatten. Dadurch dass die Kuppel auch schon früher für die Landwirtschaft genutzt worden war, hatten sie es etwas leichter. So konnten sie eher mit der Aussaat beginnen.

„Das hört sich doch gut an. Ich kümmere mich darum, dass das Wettersystem auch wieder optimal funktioniert, dann können wir alles zusammen laufen lassen.“ Thom hatte zwei seiner Laptops unter dem Arm. Mit denen konnte er sich in das Steuerungssystem der Kuppel einklinken. „Wer kümmert sich um die Fruchtfolgen? Und wer kann mir sagen, in welchen Intervallen die heißen Perioden folgen müssen? Wie viel Regen wird gebraucht, welche Luftfeuchtigkeit. Braucht ihr Frost?“ Thom sah sich suchend um. Er wusste, dass sieben Biologen und Gärtner sich um die Kuppel kümmern wollten. Doch die Kuppel war recht groß, er konnte sie von hier aus kaum zur Gänze einsehen.

Mitchell lachte. Das war so typisch Thom, wie er ihn die letzten Wochen kennen gelernt hatte. Immer unter Strom und immer alles auf den Punkt bringend. „Bau auf, ich rufe alle zusammen und sag ihnen, dass sie ihre Unterlagen mitbringen sollen, damit wir das System programmieren können.“

„Perfekt!“, grinste Thom und hielt einen Daumen hoch. „Nichts anderes habe ich erreichen wollen.“ Er legte seine Tasche mit der Technik auf die Ladefläche eines Wagens, stellte seine Flasche Wasser daneben und dann fing er an die Technik aufzubauen und über Funk mit dem System der Kuppel zu verbinden. Er gab seinen Freigabecode ein und konnte dann endlich auf das System zugreifen, dass komplett auf off stand.

Nach und nach trudelten alle Verantwortlichen ein und versammelten sich um Thom. Erst gab es ein ziemliches Wirrwar, weil alle durcheinander redeten, aber schnell griff Mitchell durch, damit sie weiterkamen. Nacheinander gaben alle ihre Daten an Thom weiter, der die Parameter in das System eingab. „War es das?“, fragte er, als alles eingegeben war und sah in die Runde. Sie gingen noch einmal durch und nickten. Auf den großen Feldern würden sie hauptsächlich Getreide und Kartoffeln anbauen, Gemüse wollten sie in kleineren Gärten in der Wohnkuppel anbauen. So hatten die, die keinen Beruf ausübten, der vor Ort gebraucht wurde, auch eine Aufgabe. Vielleicht fanden sie dann auch den Weg in die Hauptkuppel, um sich dort nützlich zu machen – doch soweit waren sie noch nicht. Erst einmal wollten die Bewohner von Eve ankommen, ehe sie sich integrierten.

„Mitch“, sagte Thom nach einer Weile, als er das Programm verlassen hatte, „ich überlege wie wir etwas Ähnliches wie eure Aquakulturen errichten könnten und Fische und Algen züchten können, auch wenn Eve wieder in See gestochen ist. Sowohl ich als auch unsere Ärzte haben Sorge wie euch ein kompletter Nahrungswechsel bekommen würde.“ Auch der Luftdruck in den Kuppeln musste an den auf Eve angeglichen werden.

„Da wäre Graham wohl für dich der beste Ansprechpartner. Er war auf Eve für die Aquakulturen verantwortlich. Er hat auf jeden Fall die meiste Erfahrung damit.“ Mitchell konnte Thom nur zustimmen, dass sie die notwendigen Umstellungen langsam vornehmen sollten. Die Bewohner von Eve mussten nach und nach an die neuen Bedingungen gewöhnt werden. „Ich werde mich mit ihm beraten, wie wir das am besten bewerkstelligen.“ Vielleicht half das ja auch seinen Freund etwas abzulenken, wenn er etwas zu tun hatte.

„Gut“, Thom nickte. „Ich werde mich mit ihm kurz schließen. Mal sehen, was er mir erzählen kann, aber lauf nicht so weit weg, Mitch, zum analysieren und bauen werde ich dich dann benötigen. Schließlich hast du die ganze Anlage in Schuss gehalten. Du kennst sie besser als jeder andere.“ Doch der Techniker war damit einverstanden sich mit Graham zu treffen. Er wollte sehen, wie es seinem Freund ging, und wie es Lynn ging. Hoffentlich hatte Diego etwas Zeit für sie. Denn er wusste ja selber, dass Meodin heute keine Zeit haben würde zum Toben und Dylan war auch eingespannt.

Wenn er hier fertig war, wollte er sowieso zu ihm gehen und nachsehen, wie es ihm ging. „Ich suche nach einer geeigneten Kuppel und dann können wir loslegen. Zusammen müssten wir das doch hinkriegen. Mit eurem Know How und meinem Können kann das doch gar nicht schief gehen.“ Thom hatte da schon ein paar Ideen im Kopf, aber ob sich die verwirklichen ließen, musste sich erst noch rausstellen.

„Mit Landkuppeln kenne ich mich nicht aus. Aber ich weiß das unsere Kulturen schwächelten, wenn wir länger an einem Ort gewesen waren und kein frisches Wasser alles umströmen konnte.“ Mitchell sah Thom an, doch das konnten sie besprechen, wenn es wirklich so weit war.

„Grüß drüben“, sagte er noch, als er Thom hinterher sah. Der machte sich mit seinem Wagen auf den Weg in die nächste Kuppel und schon von der Schleuse aus sah er reges Treiben um die Zelte herum.

Die Bewohner von Eve richteten sich häuslich ein und jeder gestaltete sein ihm zugewiesenes Stück Land um sein Zelt ganz individuell. Manche legten sich Gärten an. Etwas, das auf Eve nicht möglich gewesen war. Auch Graham hatte angefangen das Land um sein Zelt umzugraben und auch heute war er dort zu finden. „Hallo“, rief er schon von weitem und winkte. „Das wird ja langsam was mit deinem Garten.“

Graham sah sich um und blickte gegen die Sonne der Stimme seines Freunds entgegen. Dabei stützte er sich auf den Spaten und grinste. Er kam hier auf dem Festland endlich einmal wieder richtig ins Schwitzen. Ihm hatte das gefehlt. Zwar war er noch stundenweise auf Eve um die Aquakulturen zu betreuen, doch er gab seinen Posten dort langsam an einen anderen ab, der die Kuppel nicht verlassen wollte und mit ihr zusammen in ein paar Monaten wieder in See stechen würde. „Ja, Lynn liebt Karotten. Diego hat welche mitgebracht und Lynn ist verrückt danach. Jetzt will sie selber auch welche anbauen“, sagte er und lächelte.

„Da sollte die junge Dame dir auch beim umgraben helfen.“ Thom lachte und kam zu Graham. „Willst du noch etwas anbauen? Connor hat die verschiedensten Sämereien. Er gibt dir bestimmt etwas ab. Ich persönlich esse ja gerne Kohlrabi und Erdbeeren.“ Allein bei dem Gedanken an die köstlichen, roten Früchte musste er sich über die Lippen lecken. „Von den Erdbeeren kann dir Connor auf jeden Fall Ableger geben.“

„Erdbeeren“, sagte Graham. „ist lange her, dass ich welche gegessen habe. Carter und seine Frau wollen ein paar Bäume pflanzen. Wir haben beschlossen dass die Zelte nicht so schnell wieder abgebaut werden sollen. Sie sind eine schöne Rückzugsecke. Deswegen richten sich hier viele auch für länger ein.“ Er kannte das noch aus Philadelphia, dass man eng an eng gewohnt hatte und zum Wochenende oder zum Entspannen weiter hinaus in ein kleines Häuschen fuhr, das frei stand und den Blick auf einen kleinen Teich oder Wiese oder Bäume frei gab. Deswegen wollten sie hier viele Bäume anbauen.

„Es wird bestimmt sehr schön hier, wenn ihr fertig seid. Connor wird euch bestimmt gerne weiterhelfen, wenn ihr etwas braucht. Er ist selber ein leidenschaftlicher Gärtner und er liebt es zu fachsimpeln. Nur leider sind in unserer Kuppel fast ausschließlich Soldaten und Wissenschaftler, die mit Gärtnern nicht viel am Hut haben. Sprecht ihn also ruhig an.“ Thom sah Graham an. Er sah ein wenig übernächtigt aus. „Wie geht es dir und Lynn?“, fragte er darum.

Graham strich sich durch die Haare und legte kurz den Kopf in den Nacken. Er hatte den Spaten losgelassen, der immer noch in der Erde steckte und trat ein paar Schritte zurück, dass er sich auf die Treppe setzen konnte. „Es muss eben gehen“, sagte er nach einer Weile. „Ich habe versucht es zu verstehen – aber ermordet, das geht in meinen Kopf nicht rein.“

„Ja, das ist schwer zu verstehen.“ Thom setzte sich zu Graham und sah nachdenklich auf den Boden. „Es ist noch gar nicht lange her, dass der Vater von Fürst Erdogan ebenfalls ermordet wurde. Von seinem engsten Berater und ältestem Freund. Er ist ein Gottgleicher und hat uns über all die Jahre ausspioniert und manipuliert. So etwas ist einfach unfassbar.“

„Von seinem engsten Freund? Das muss furchtbar sein“, sagte Graham und sah neben sich. „Du hast gesagt, dass es der Ex von Alasters Freund war, der sie beide ermordet hat. Wisst ihr, ob er dafür bestraft worden ist? Und wo mein Bruder begraben liegt? Ich habe zwar etwas über ihn erfahren wollen, aber abgesehen von ein paar wenigen Dingen war das das einzige, was ich nicht hatte hören wollen. Er war doch mein großer Bruder.“

„Nein, leider wissen wir noch nicht mehr, aber Meodin kümmert sich darum, etwas in Erfahrung zu bringen. Er ist der Beste. Wenn er sich in etwas verbissen hat, gibt er nicht auf. Es kann nur eine Weile dauern, weil es Unmengen von Daten zu durchforsten gibt.“ Thom griff sich den Spaten und versuchte sich darin die Erde umzugraben. Das war ziemlich anstrengend, wie er feststellen musste. „Sobald er was hat, meldet er sich.“

„Lass das mal lieber, Thom, sonst hast du morgen Muskelkater“, grinste Graham schief, erhob sich aber ebenfalls wieder. „Danke dass ihr euch um meine Angelegenheit kümmert. Irgendwie arbeitet das alles in mir. Lynn ist drüben bei Iowa. Ich werde dann mit Carter mal zu Eve übersetzen und nach den Aquakulturen sehen. Vielleicht kann ich dann ein paar Stunden abschalten.“ Im Moment kreiselte alles in seinem Kopf nur rings herum, schneller und schneller. Doch er wusste nicht genug, um es richtig bewerten zu können. Das machte ihn verrückt.

„Darf ich mit?“, fragte Thom spontan, bevor er sich zensieren konnte. „Also, nur wenn es dir nichts ausmacht. Wenn du lieber alleine sein willst, dann ist das auch okay“, ruderte er zurück, um Graham zu ersparen ihm zu sagen, dass er lieber keine Begleitung haben wollte.

„Nein, ist schon okay. Ich will mich ablenken“, sagte Graham, nahm Thom aber den Spaten wieder ab. „Ich will nur vorher das Beet fertig machen, damit wir dann einsäen und angießen können. Das Boot legt um elf ab. Du kannst gern hier bleiben, du störst nicht, wenn du aber noch zu tun hast, können wir uns auch gegen elf im Dock treffen“, schlug er vor und setzte den Spaten erneut an. Die schwere Arbeit sollte ihm helfen den Kopf frei zu bekommen, doch es funktionierte nicht. 

„Ich würde gerne hier bleiben, wenn ich darf. Kann ich dir irgendwie helfen? Dir nur beim arbeiten zuzusehen, möchte ich nicht.“ Thom zog seine Jacke aus und legte sie auf die Veranda. „Du kannst dir die Harke nehmen und das, was ich umgegraben habe, einebnen. Dann ist es einfacher mit dem einsäen.Beschwer dich aber nicht wenn du dir morgen früh nicht mal mehr die Schuhe zubinden kannst, weil die alles weh tut. Ich habe dich gewarnt“, sagte Graham nur und damit war klar, dass er Thom gestattete zu bleiben. So arbeiteten sie eine Weile schweigend nebeneinander bis Graham sagte: „Glaubst du, ich könnte irgendwann einmal sein Grab sehen?“

„Ich will dir nichts versprechen, aber wenn es möglich ist, dann werde ich dir dabei helfen.“ Thom stützte sich auf der Harke ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das war anstrengender, als er sich das vorgestellt hatte. „Wir waren Jahrhundertelang isoliert. Ich weiß nicht, ob es uns gelingen wird, bis nach San Francisco zu kommen.“

„Verstehe“, sagte Graham und versuchte dabei nicht enttäuscht zu klingen. Ohne die Neo New Yorker hätte er noch nicht einmal über den Tod erfahren, hätte nicht erfahren, wo sein Bruder abgeblieben war und nun war er enttäuscht, weil er nicht noch mehr erfuhr. Das war ungerecht. „Lass uns die Reihe fertig machen, dann können wir uns drüben im Küchenzelt was aus dem Kühlschrank suchen. Ich verdurste gleich.“

„Geniale Idee.“ Thom tat jetzt schon alles weh. Wie sollte das erst morgen werden? Er ließ sich aber nichts anmerken und machte seine Reihe zu Ende. „Wenn du was erntest, kriege ich auch ein paar Möhren“, lachte er und stellte die Harke weg. „Wenn ich dazu komme zu ernten? Es gibt da ein paar Maulwürfe – und da zähle ich Lynn dazu – die schon Eigentumssprüche angemeldet haben, noch ehe das erste Grün die Krume durchbrochen hat“, lachte Graham leise. Er hatte Lynn und Diego planen hören, wie viele Möhren sie essen wollten, wenn erst mal welche da waren. Das hatte nach Bauchschmerzen geklungen.

Sie säuberten die Geräte und räumten diese in eine kleine Kiste unter dem Zelt, ehe sie sich waschen gingen. Dann aber lockte das Küchenzelt.


15 

„Ich werde das Beet verminen. Niemand frisst mir meine Möhren und Erdbeeren weg“, knurrte Thom und musste dann grinsen, als Graham ihn mit hochgezogener Augenbraue ansah. „Ich würde mit dir teilen“, sagte er gleich und lachte los, als sich an dem Gesichtsausdruck nichts änderte. „Nur ein paar für mich. Den Rest kannst du behalten.“

„Du bist auch ein Maulwurf, wie meine Tochter“, stellte Graham klar und lachte leise.

Das Küchenzelt war verwaist, als sie es betraten. Es war zwischen den Mahlzeiten und es hatte sich noch niemand eingefunden, der heute für das Essen verantwortlich war. Connor hatte das Kochen in die Hände der Bewohner der Kuppel gegeben. Er sorgte nur dafür, dass ausreichend Vorräte in die Kuppel gebracht wurden. Den Rest überließ man den Gästen jetzt selbst. Graham griff in den Kühlschrank. Dort lagerten sie auf Flaschen gezogenen Tee, so wie sie es auch auf Eve immer gemacht hatten. Es war eines der wenigen Getränke neben Wasser, was sie vor Ort hatten erzeugen können.

Erst guckte Thom ein wenig skeptisch, aber als Graham seine Flasche fast in einem Rutsch leer trank, probierte er auch und war ziemlich überrascht. „Das ist lecker“, stellte er fest und nahm gleich noch einen Schluck. Es war nicht so süß, wie viele der Getränke, die er normalerweise kannte und es löschte hervorragend den Durst.

„Wir mussten auf Eve mit dem leben, was wir hatten. Wir hatten Wasser und wir hatten Pflanzen. Es war das energetisch sinnvollste, daraus Aufgüsse zu machen. Blätter, Blüten, Früchte – wir haben jede Menge Rezepte dafür. Wir geben sie euch gern, wenn Interesse besteht.“ Graham verschloss die leere Flasche wieder und stellte sie in einen Sammelkorb. Sie wurde ausgewaschen, sterilisiert und frisch befüllt. Dafür hatte sich Betty stark gemacht. Sie hatte auch von Connor die Regie in der Küche übernommen.

„Also ich wäre dafür, dass das noch mehr probieren könnten.“ Thom stellte seine leere Flasche ebenfalls in den Korb. „Habt ihr auch noch was gegen Hunger hier? Irgendwie bin ich heute noch nicht dazu gekommen etwas zu essen. Erst war ich bei Meo, dann habe ich die Systeme in eurer Versorgungskuppel eingestellt und danach habe ich schwer gearbeitet.“ Er ging schon mal in Deckung, weil Graham schon wieder empört guckte.

„Na gut. Werde ich mal sehen, ob ich irgendwo noch Lohn für deine schwere Arbeit finden kann.“ Jede Familie hatte ein eigenes Kühlfach und dort hatten sie noch ein paar Reste von gestern Abend. „Gemüseauflauf. Wirf die Dose da drüben in die Mikrowelle. Dann isst es sich besser. So kalt aus dem Kühlschrank kommen die Gewürze gar nicht zur Geltung.“ Er reichte Thom die Vorratsdose und nahm sich selber einen der Äpfel, die Connor ebenfalls da gelassen hatte. Äpfel – die hatten sie auch lange nicht mehr gegessen.

„Danke.“ Thom strahlte und packte die Dose gleich in die Mikrowelle. Er leckte sich immer wieder über die Lippen, während er sein Essen dabei beobachtete, wie es sich drehte. Er mochte es gar nicht zu warten, wenn er Hunger hatte. „Nu mach“, murmelte er leise und trat von einem Bein auf das andere. „Geduld, auch du bekommst die Welt nicht aus ihren Angeln gehoben. Also warte so lange, wie es dauert.“ Graham hatte an einem der Tische Platz genommen. Thom konnte noch in Ruhe essen, aber dann sollten sie sich beeilen, um ins Dock zu kommen, sonst fuhr das Boot Richtung Eve ohne sie und sie mussten schwimmen.

Das erlösende >>Pling<< ließ Graham schmunzeln.

Unter Gejammer, weil er natürlich nicht warten konnte, brachte Thom seine Dose zum Tisch und pustete auf seine Finger. „Heiß“, sagte er überflüssigerweise und man sah ihm an, dass er am liebsten gleich probieren würde, aber auch Thom war lernfähig. Einige verbrannte Zungen und Gaumen hatten ihm Geduld eingetrichtert. Vielleicht war es aber auch Daniel gewesen, der es schon früh leid gewesen war, seinen Bruder mit Eisspray oder anderen Hilfsmittelchen zu verarzten.

„Habt ihr eigentlich auch Aquakulturen? Ich habe bei euch im Essen bisher weder Tang noch Fisch noch Muscheln gesehen“, fragte Graham, um Thom noch etwas von seinem dampfenden Essen  abzulenken.

„Wir haben welche, aber nur in sehr kleinem Umfang. Wir haben Probleme mit der Wasserqualität und Krankheiten. Fisch ist bei uns also eher Mangelware.“ Thom pustete auf seine Gabel, damit der Auflauf kühler wurde. Er wollte jetzt was essen. „Da hoffe ich ja auf euch, denn ich mag Fisch richtig gerne.“

„Sicher. Das wird kein Problem sein. Ich habe 15 Jahre lang gelernt, wie man Aquakulturen pflegt und worauf man achten muss. Ich habe zwar noch nicht mit statischen Systemen gearbeitet, sondern nur mit regelmäßig durchflossenen, aber wir werden das schon in den Griff bekommen.“ Graham nickte begeistert. Das klang doch sehr nach einer Aufgabe für ihn. „Mitchell wird uns auch helfen können, was die Mechanik und die Konstruktion der Becken angeht. Wo sind eure Kulturen denn?“ Er war interessiert.

„Auch in einer der Versorgungskuppeln, nah am Meer.“ Thom nuschelte ein wenig, weil er sich den Happen endlich in den Mund gesteckt hatte. „Lecker“, erklärte er zwischendurch, kam aber gleich wieder zu den Aquakulturen zurück. „Wir sichern die Umwälzung mit Pumpen. Das Wasser wird dabei gefiltert und zu einem gewissen Prozentsatz durch frisches ersetzt. Aber es gibt zu oft Ausfälle, darum haben wir die Probleme.“

Graham nickte und verinnerlichte das gesagte erst einmal nur. Er wollte sich ein eigenes Bild machen, ehe er sich dazu äußerte. Doch seine Augen blitzten, er hatte Blut geleckt. „Ich trink noch was, willst du auch? Mal ‘ne andere Geschmacksrichtung?“ Er hatte sich schon erhoben und den Kopf im Kühlschrank, guckte aber noch einmal abwarten an der Tür vorbei zu seinem Freund, der kauend am Tisch saß und leise seufzte.

„Gerne“, rief Thom und aß weiter. „Wer hat das gekocht? Das ist köstlich. Ich würde die Person sofort heiraten, wenn sie noch mehr so leckere Sachen kochen kann.“ Thom meinte das natürlich nicht ernst, aber Grahams Gesicht war allemal sehenswert.

„Blödmann“, grinste er schief, spielte dann aber doch mit. „Will meine Gattin jetzt noch was zu trinken, oder nicht“, sagte er, griff sich aber ohne auf die Antwort zu warten zwei Flaschen und brachte sie mit zum Tisch zurück. Eine war relativ klar und die andere bräunlich.

„Du warst das?“ Thom grinste. „Wie kommst du denn da drauf, dass ich die Ehefrau bin? Ich wäre mir da an deiner Stelle nicht so sicher.“ Er griff sich die Flasche mit der klaren Flüssigkeit. Er probierte und nickte begeistert. „Auch lecker. Kann ich deinen auch probieren?“

„Sicher“, entgegnete Graham und setzte sich wieder, weil Thom noch nicht fertig war mit essen. Da er Thom nicht heiraten wollte, war es für ihn müßig zu diskutieren, wer die Frau bei ihnen wäre, er ließ es also darauf zu antworten, sondern erklärte: „Ich konnte die Nacht nicht schlafen und wollte Lynn nicht wecken. Doch draußen habe ich mich gelangweilt und ging deswegen in die Küche. So ergab eines das andere. Auf Eve habe ich für mich und meine Tochter auch gekocht.“ Er nahm seine Flasche von Thom wieder entgegen und trank einen tiefen Schluck. „Is diesmal aus süßen Blüten gemacht. Das vorhin waren Blätter.“

„Ich kann das gar nicht. Ich hatte immer irgendjemanden, der für mich gekocht hat und seit ich mit Erdogan zusammen arbeite, komme ich in den Genuss von Connors leckerem Essen.“ Thom aß den letzten Happen und rieb sich über den Bauch. „Auch wenn wir wohl nicht heiraten werden, kannst du gerne wieder für mich kochen.“

„Gern“, lachte Graham leise und schüttelte den Kopf. Doch dann erinnerte er sich daran, dass auch sein Bruder mit einem Mann zusammen gelebt hatte, dass er einem Mann sein Herz und seinen Körper geschenkt hatte. War es für ihn selbst völlig abwegig? Doch dann schüttelte er den Kopf, als müsse er sich sortieren, dann erhob er sich und ging mit der leeren Dose zur Spüle. „Wir sollten uns etwas beeilen. Die Flaschen können wir mitnehmen. In einer halben Stunde legt das Boot ab.“

„Oh, dann sollten wir uns beeilen.“ Thom nahm die Flaschen und kam zur Spüle. Er trocknete die Dose ab und stellte sie wieder in das Regal. „Mit dem Wagen schaffen wir es noch rechtzeitig. Außerdem kann ich Bescheid geben, dass sie mit dem Ablegen auf uns warten sollen.“

„Das wäre nicht schlecht!“ Gemeinsam verließen sie das Küchenzelt, griffen in Grahams Zelt das, was er brauchte und steckten nebenan den Kopf rein, wo Iowa und Lynn gerade über den Büchern saßen – ein Kompromiss zwischen ihnen, damit sie am Nachmittag mit dem Trio toben konnten, ohne ein schlechtes Gewissen wegen ihrer Bildung zu haben. „Ich bin drüben, Maus, ich komme mit dem letzten Boot rüber. Bin sicherlich nicht vor zehn wieder hier. Betty, danke dass du auf sie aufpasst.“ Graham lächelte und strich seiner Tochter liebevoll durch die Haare.

„Mach ich doch gerne.“ Betty lächelte liebevoll zu den beiden Jugendlichen. Wenn es nach ihr ginge, konnte Lynn ruhig öfter bei ihnen sein. So sehr sie ihren Sohn auch liebte, sie hatte sich immer auch noch eine Tochter gewünscht, was aber nie geklappt hatte. Und seit Iowa und Lynn, den Tag miteinander verbrachten, versorgte sie die Tochter ihres Freundes gerne mit.

Lynn lächelte ihren Vater an und zog ihn für eine Umarmung zu sich. „Bis später. Mach mich wach, wenn du da bist.“ Seit der Nachricht vom Tod ihres Onkels wollte sie immer wissen, wo ihr Vater sich aufhielt.

„Ich werde meistens bei Thom sein. Du kannst seinen Kommunikator anwählen, wenn etwas sein sollte oder du Sehnsucht hast“, lächelte er und strich ihr noch einmal über den Kopf, dann machten die beiden, das sie los kamen. Thom fuhr, er kannte sich besser aus und so passierten sie die Schleuse, durchfuhren ein paar verbindende Tunnel und kamen gerade noch pünktlich am Dock an. „Es wird Zeit“, knurrte Dylan, er war heute der Shuttle-Lotse.

„Wieso? Es sind immer noch zwei Minuten bis zur Abfahrt.“ Thom lachte und schlug Dylan gegen die Schulter. „Los rein mit dir, wir haben noch was vor.“ Thom schob den grummelnden Mole vor sich her und Graham schüttelte lachend den Kopf. Noch immer war er erstaunt darüber, wie locker die Männer aus Erdogans Team miteinander umgingen.

„Das nächste Mal kannst du schwimmen“, knurrte Diego (oder doch Dylan?), „vielleicht leihen dir Elaios und Archiaon ihre Delphine.“ Dylan ließ die Türen verriegeln und als alle sich einen Platz gesucht hatten, startete er das Boot. Er würde nur so lange andocken, bis die Passagiere von Bord waren und die Dinge, die von Eve in die neue Kuppel der Gäste gebracht werden mussten, an Bord waren. Dann konnte er zurück fahren. Schließlich wurde er auch noch gebraucht.

Thom hatte sich neben Graham gesetzt, weil er sich verboten hatte, nervös durch die Gegend zu laufen. Aber ganz konnte er seine Vorfreude nicht verbergen, denn seine Beine wippten nervös auf und ab. „Ich bin schon so gespannt auf Eve. Schließlich habe ich sie nur kurz an dem Tag von dem Überfall gesehen“, erklärte er verlegen, weil Graham irritiert auf seine Beine guckte. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, nie festes Land unter meinen Füßen zu haben.“

Graham lachte leise. „Das ist eine Frage der Gewöhnung. Das gleiche war es für uns, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Man mag es nicht glauben, aber es gab wirklich einen Unterschied, obwohl Eve so groß ist und sehr stabil im Wasser liegt.“ Er blickte nach vorn, durch das große Fenster vor dem Lynn und Diego gestanden und sich die Nasen platt gedrückt hatten. Kaum zu glauben, dass das erst so wenige Tage her war. Mittlerweile hatte er das Gefühl, sie würden schon ewig in der Kuppel auf dem Land leben.

Thom nickte, denn das konnte er gut nachvollziehen. „Eve ist riesig, aber im Vergleich zu unserer Kuppel doch wieder klein. Wir haben genug Platz und Ressourcen, um noch mehr Bewohner zu ernähren, weil wir ja seit Jahrzehnten immer weniger geworden sind. Aber das hat ja jetzt ein Ende.“

„Das muss ich mir sowieso noch einmal von eurem Genetiker erklären lassen, mit dieser Substanz im Wasser“, sagte Graham. Zwar fand auch er wie alle anderen dieses menschenverachtende Experiment widerlich, doch der Wirkmechanismus interessierte ihn als Biologen nun doch. Er hatte hier schon eine Menge Möglichkeiten gesehen, sein Wissen und seine Kapazitäten einzubringen und er freute sich schon darauf.

Er sah sich kurz um, als das Boot an Eve andockte. Das war aber schnell gegangen.

„Dann geh am besten gleich zu Bill. Er wird dir gerne etwas da drüber erzählen. Er hat die Substanzen entdeckt und überwacht die Experimente.“ Thom hatte sich nicht weiter damit beschäftigt, weil es nicht in seinem Aufgabenbereich lag. Allerdings erkundigte er sich regelmäßig, da er neugierig war. Er verließ mit Graham das Boot und betrat Eve. „Wo gehen wir zuerst hin?“

„Das kommt darauf an, was du sehen willst. Wir können einen Rundgang machen, wir können aber auch im Herzen beginnen. Denn unten sind sowohl der Maschinenraum als auch die Aquakulturen“, ließ Graham seinem Freund die Wahl und zog ihn mit sich beiseite, denn nun startete geschäftiges Treiben. Kisten für die Bevölkerung, die auf Eve bleiben wollte, wurden ausgeladen, Kisten für die Umsiedler wurden eingeladen. Das ging Hand in Hand, so dass weder Graham noch Thom auf die Idee kamen helfend einzugreifen. Sie hätten den Ablauf nur verzögert.

„Du wolltest doch hier was erledigen, also richte ich mich da ganz nach dir. Ich finde hier alles interessant.“ Thom lachte und lief die Treppe hoch, die ihn an Deck brachte. Wie schon das letzte Mal sah er durch die Kuppel auf Neo New York und war ganz fasziniert von dem Anblick, der sich ihm bot. Graham war ihm grinsend gefolgt, ließ ihn eine Weile gucken, dann klopfte er ihm grinsend auf die Schulter. „So, genug geguckt. Jetzt geht’s den gleichen Weg wieder zurück.“ Denn sowohl die Maschinenräume als auch die Aquakulturen lagen ein paar Ebenen tiefer. „Lass uns erst mal nach den Kulturen sehen. Hast du dein Spielzeug dabei? Dann können wir es anschließen und die Software kopieren, damit wir die Parameter haben mit denen wir hier unsere Anlagen betreiben. Dann können wir bei euren gucken, was anders läuft und warum.“ Und dann kniete er auch schon neben einem der Betten in dem silberne Leiber ihre Bahnen zogen, und steckte die Hand in das Wasser um die Temperatur zu prüfen.

„Natürlich habe ich mein Baby dabei.“ Thom klopfte auf seine Tasche und grinste. Wie kam Graham nur auf die Idee, dass ein Techniker und Technikfreak wie er, ohne seinen Laptop unterwegs war. Er sah in den Tank und seine Augen leuchteten. „Wow, das sind ja viele und sie sehen total gesund und kräftig aus. So ganz anders als unsere.“

Graham nickte. Er war stolz auf seine Fische, auch auf seinen Tang und die Muscheln. „Ich werde mir das Ansehen und gucken woran es liegt. Vielleicht ist es wirklich das fließende Wasser im Meer. Wir hatten in Philli auch statische Aufzuchtbecken, doch das war nicht das gleiche.“ Graham ging um die Tanks herum, blickte auch auf die Monitore, die Bilder aus dem Inneren des Tanks zeigten.

„Ich habe ja auch schon überlegt, eine kleine Eve nur für Aquakulturen zu bauen und sie hier in der Bucht herum schippern zu lassen“, murmelte Thom, der Graham folgte.

Graham sah ihn grinsend an. „Da mag einer aber wirklich gerne Fisch. Ich glaube, ich muss nachher eine Auswahl unserer Fische und Meeresfrüchte mit nach Neo New York nehmen. Aus rein wissenschaftlichen Gründen. Sie müssen auf ihre Verzehrbarkeit geprüft werden. Die hier sind noch zu klein, aber zwei Tanks weiter haben wir die großen Lachse. So vier bis fünf Kilo schwer.“ Er wackelte mit den Augenbrauen. „Morgen Mittag bei mir und Lynn?“

„Ehrlich? Lachs?“, fragte Thom und legte den Kopf schief. Sie hatten mehrfach versucht Lachse zu züchten, doch meistens waren die Tiere eingegangen, ohne dass sie gewusst hatten warum. Sie hatten immer nur ein paar Tiere retten können, mit denen sie dann wieder versucht hatten eine Zucht aufzubauen. „Meistens züchten wir Barsche, die sind nicht so anfällig.“ Thom sah in den Tank nebenan, in dem Tang in einer künstlichen Strömung langsam hin und her trieb. „Das kann man auch essen?“, wollte er verblüfft wissen, „oder ist das Futter für die Fische?“ Er hatte seinen Laptop samt Tasche beiseite gelegt und stieg nun hinter Graham her, der auf schmalen Stegen zwischen den großen Tanks unterwegs war. Das war faszinierend.

„Ja, das kann man auch essen. Man kann einen leckeren Salat daraus machen. Wir nehmen davon auch was mit und ein paar Muscheln. Dann laden wir Carter und seine Familie ebenfalls ein. Würde Erdogan sich über einen Fisch oder Muscheln freuen?“ Graham überschlug im Kopf, wie viele Fische er mitnehmen sollte. Die Tanks waren voll, da machte es nichts, wenn sie ein paar Fische herausnahmen. Er wollte Erdogan etwas von dem zurückgeben, was ihnen so freizügig gegeben worden war.

„Sicher. Ich weiß nur nicht, wie sein Seepferdchen auf Fische auf seinem Teller reagiert.“ Thom sah nachdenklich aus, denn Meodin hatte noch nie Fisch probiert, vor allem seit er wusste, dass er selbst auch ein bisschen Fisch war. Doch er selbst aß sie gern und das grüne Zeug wollte er auch probieren. „Können wir mitnehmen, wenn wir zurück fahren. Lass uns erst mal das tun, weswegen wir hier sind.“ Er ging zurück und griff sich seinen Laptop, wartete aber bis Graham auch wieder bei ihm war und ihm den Zugang zum System zeigte.