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Zyklus VIII - Eve 01 - Teil 16-18

16 

Thom schloss seinen Laptop an und schon war er in seiner eigenen Welt. Er klickte sich durch das Programm und kopierte alles, damit er es später bei ihren Kulturen nutzen konnte. Eins zu eins konnten sie es wohl nicht übernehmen, aber alles ließ sich anpassen. Wenn es gar nicht anders ging, mussten sie eben die Aquakulturen umbauen und nach einem Gespräch mit Graham, während der Laptop die Daten kopierte, war sich Thom sicher, dass sie an ihren eigenen Kulturen Grundlegendes verändern mussten.

„Wir haben noch Zeit bis das Boot uns wieder holt. Wir können noch in den Maschinenraum und in die Brücke, wenn du dich dort auch umsehen willst“, schlug Graham vor und Thom nickte. Natürlich wollte er. Er wollte jede Niete und jeden Träger, jede Schweißnaht und jede Lampe untersuchen. Er wollte wissen wie Eve funktionierte.

„Wahnsinn!“ Thom bekam den Mund gar nicht mehr zu, als er die gigantischen Maschinen sah, die jetzt allerdings still standen. „Über wie viele Stockwerke geht das hier?“, wollte er wissen. Er hatte noch nie so gigantische Wellen und Motoren gesehen. „Ich bin verliebt.“

Graham hob eine Braue und sah Thom offen an. „Untreuer Kerl. Vor nicht einmal ein paar Stunden wolltest du mich heiraten und jetzt hast du dein Herz schon anderweitig verschenkt. Ich tat gut daran, dir einen Korb zu geben. Aber deine große Liebe reicht über vier Etagen von der Ölwanne am Boden bis zum letzten Sicherheitsventil. Sollen wir unten anfangen oder oben.“ Er ahnte, dass sie das jetzt alles untersuchen würden. Besser er behielt die Uhr im Auge.

Gespielt schuldbewusst senkte Thom den Blick und klimperte mit den Wimpern. „Schatz, das ist doch etwas völlig anderes. Ich kann zwar in diese hinreißende Schönheit verliebt sein, aber deswegen bin ich dir nicht untreu. Das sind zwei vollkommen verschiedene Dinge. So wie Äpfel und Erdbeeren.“ Thom lachte und sah sich noch einmal um. „Von oben nach unten bitte. Dann müssen wir nicht wieder runter, wenn unser Boot ablegt.“

„Okay du Pflaume, dann mir nach“, blieb Graham in der obstlichen Bildersprache und so stiegen sie bis an Deck zurück. Doch sie traten nicht nach draußen, sondern gingen um die riesigen Motoren herum. „Morgen hat Mitchell Wartung, wenn du willst, schließ dich ihm am. Er wird dir das bestimmt alles erklären können. Ich kann’s dir nur zeigen. Ich weiß zwar wie Fische von innen aussehen und warum, aber warum da jetzt eine Schraube ist und was die macht und was passiert, wenn sie nicht da ist, kann ich vielleicht demonstrieren aber nicht erklären.“ Er war eben Biologe, kein Techniker. Das überließ er denen, die sich damit auskannten.

Thoms Augen leuchteten kurz auf, aber dann schüttelte er doch grinsend den Kopf, denn da gab es noch etwas, was ihn noch mehr reizte. „An sich gerne, aber gegen leckeren Fisch hat die Schönheit hier echt keine Chance. Es wird sich bestimmt noch eine Gelegenheit ergeben mit Mitchell eine Runde zu drehen.“

„Ja, morgen – wie ich sagte“, entgegnete Graham und lachte leise. Er selbst aß die kleinen glänzenden schuppigen Gesellen ja auch gern, aber Thom schien verrückt danach. Warum auch nicht, wenn man selbst nur selten Fisch auf den Tisch bekam. „Komm, wir gehen rüber an das große Becken und fangen ein paar der Tiere. Es dauert sowieso nicht mehr lange, bis das letzte Boot ablegt.“ Graham war es ganz recht wieder zur seiner Tochter zu kommen. Er machte sich Sorgen um sie, seit sie vom Tod ihres Onkels erfahren hatte.

„Fangen?“ Thom riss die Augen auf und wich ein wenig zurück. „Also ich weiß nicht, ob ich dir da wirklich bei helfen kann. Sowas habe ich nämlich noch nie gemacht.“ Er kratzte sich am Kopf und grinste schief. „Aber irgendwann ist wohl immer das erste Mal. Sag mir, was ich tun muss.“

Graham hob eine Braue und grinste. Wie hatten die Neo New Yorker die Fische, die sie gezüchtet hatten, dann geerntet? Doch er nickte in Richtung der Wand. „Da sind Kescher. Wir werden sie heraus fischen und in ein Betäubungsbad geben, damit sie nichts spüren, wenn wir sie töten“, erklärte er also das Vorgehen. „Wir können aber auch lieber nur Tang mitnehmen, wenn du willst.“

„Nee, das schaff ich schon mit dem Kescher.“ Thom wollte Fisch und wenn er die Tiere dafür fangen musste, dann bekam er das schon hin. Er griff sich einen der Kescher und ließ sich von Graham zeigen aus welchem Tank sie die Fische fangen wollten. „Mann, sind das riesige Brocken.“

„Ja, vier sollten reichen.“ Graham nickte und er war auch stolz auf seine Tiere. Sie hatten sich prächtig entwickelt und es war sein Ehrgeiz, die Zucht der Neo New Yorker zu gleicher Pracht zu bringen. Er holte also den ersten Lachs aus dem Tank und setzte ihn in das Betäubungsbad. Auch den zweiten. Dann sah er Thom dabei zu, wie er sich einen aussuchte und danach kescherte.

Mit konzentriertem Blick, die Zungenspitze zwischen den Zähnen eingeklemmt, versuchte Thom den Fisch zu erwischen. Es klappte nicht sofort, aber er war ehrgeizig und schließlich hatte er es geschafft und der Fisch zappelte im Netz. „Hab ihn“, rief er stolz und hievte das schwere Tier aus dem Wasser und gleich in den Betäubungstank. Das Töten wollte er lieber Graham überlassen, denn der hatte damit Erfahrung. „Ich hol noch einen.“

„Mach das“, sagte Graham und kümmerte sich um den ersten Fisch. Er tat, was getan werden musste und als Thom den vierten Fisch brachte, hatte Graham den ersten schon küchenfertig gemacht. „Kannst du noch ein oder zwei Kilo von dem Tang aus Tank achtzehn holen?“

„Ja klar. Einfach so mit der Hand rausholen?“ Thom stellte den Kescher weg und sah kurz zu Graham, der sich gerade den nächsten Fisch aus dem Wasser holte. „Ja, einfach mit den Händen. Behälter, wo du ihn reintun kannst, sind auf dem Tisch an der Wand.“

Nach einer halben Stunde hatten sie alles, was sie brauchten. Sie hatten ihre Beute verstaut und warteten nun darauf, dass das Boot anlegte. Zero hatte dieses Mal die Aufgabe, das Boot zu steuern und brachte Bewohner von Eve, die tagsüber in den Kuppeln gewesen waren, nach Hause. So hielten Thom und Graham mit ein paar der Leute noch einen Plausch, ehe sie an Bord gingen.

„Ich glaube, ich werde es schade finden, wenn Eve uns wieder verlässt. Es gibt so viele faszinierende Dinge dort.“ Thom lehnte sich auf der Brücke gegen das Fenster. „Aber wenn wir es hinkriegen, können sie Eve steuern und immer mal wieder vorbeikommen, wenn sie möchten.“

„Und das eine oder andere faszinierende an ihr lässt sich bestimmt auch kopieren“, sagte Graham, doch auch ihm wurde bei dem Gedanken daran das Herz schwer. Doch er hatte seine Entscheidung getroffen. So standen sie eine Weile schweigend. Das Schiff war so gut wie leer. Außer Kisten für die Umsiedler waren nur noch Zero und seine beiden Passagiere an Bord.

Auch am Dock war nicht mehr viel los. Ein paar Moles luden das Schiff aus und verfrachteten die Kisten auf Wagen, doch sie würden heute nicht mehr fahren.

Thom begleitete Graham noch zu seiner Kuppel und sammelte dabei gleich Diego und Dylan ein, die bei Lynn gewesen waren. „Los, ab nach Hause“, lachte der Techniker. Er winkte Graham zum Abschied und scheuchte die jungen Moles vor sich her. Zumindest Diego musste langsam ins Bett, auch wenn er der Meinung war, dass er alt genug war, um so lange aufzubleiben, wie er wollte. Aber sein Bruder als auch Quartiermeister Sid, der von Connor angelernt worden war, weil sich dessen Aufgabenkreis erweitert hatte, ließen sich auf eine Diskussion nicht ein. Unter Protest verschwand der kleine Mole in seinem Nest und Dylan blieb bei ihm.

Thom aber griff sich in der Kantine etwas zu essen und machte sich auf dem Weg zurück in das Labor. Sie wollten auswerten, was Meodin noch über Alaster und die Gottgleichen herausgefunden hatte.

Meodin saß wie erwartet immer noch an seinem Platz, wenn auch wohl nicht mehr lange. Erdogan kam abends immer und holte seinen Schatz ab, damit er auch noch etwas von ihm hatte. „Hallo Meo“, rief Thom schon von der Tür aus, denn es war unweigerlich, dass das Seepferdchen sich erschreckte und da wollte Thom nicht in der Nähe sein, denn er hatte schon öfter mal aus Versehen einen Ellenbogen in die Seite bekommen. Und wie erwartet zuckte Meodin zusammen, hielt sich das Herz und holte tief Luft. „Willst du mich umbringen, Mensch?“, knurrte er und schüttelte sich kurz. Er drückte den Rücken weit durch und streckte sich. „Was willst du denn hier?“, wollte er von dem hinterhältigen Herzattacken-Verbreiter wissen und griff sich das Glas Wasser auf seinem Schreibtisch. Er war wieder so in der Arbeit versumpft, dass er sogar das Trinken vergessen hatte. Wenn Daniel das mitbekam, dann flog er wieder für ein paar Tage aus dem Labor. Nur zu seinem eigenen besten, wie Daniel dann immer behauptete.

„Auch wenn du es nicht glauben wirst, ich bin nicht hergekommen um dich umzubringen, sondern weil ich wissen wollte, was du über Grahams Bruder herausgefunden hast.“ Erst jetzt kam er näher, denn jetzt war die Gefahr attackiert zu werden, gebannt.

„Überzeugt bin ich nicht. Dafür hast du daran, mich jedes  Mal fast zu töten, viel zu viel Spaß. Da! Ich seh dich doch immer noch grinsen“, knurrte Meodin, erhob sich aber. „Marc, ich mach ‘ne Pause!“, rief er dem Techniker zu. Er griff sich sein leeres Glas und wollte in die Kantine. Dort konnte er sich immer noch was aus dem Automaten ziehen, falls Connor nicht da sein sollte. Seit er drei Kuppeln betreute, war der Mole oft unterwegs und die Küche blieb kalt. Es wurde Zeit, dass Sid endlich auch hier für ihn einsprang. „Ich geb ‘ne Cola aus, ich muss wach werden“, sagte das Seepferdchen also und ging los.

„Da bin ich dabei.“ Sie liefen durch die Gänge zur Kantine und Thom fragte Meodin nicht gleich aus. Wenn er etwas gefunden hatte, dann fing das Seepferdchen von alleine an zu erzählen. Sie setzten sich mit ihren Getränken an einen Tisch. Sie waren nicht alleine. Viele gönnten sich nach der Arbeit noch etwas zu essen und zu trinken. Und zur Überraschung aller stand Connor persönlich mal wieder hinter dem Herd, weswegen sich Meodin dann doch noch für ein Stückchen Kuchen erwärmen konnte. Also krümelte er vor sich hin, während er langsam anfing. „Also über diesen Alaster gibt es eine Menge zu lesen. Aber irgendwie nur wenig, was für uns wichtig sein könnte. Vor allem seine ganzen Meetings und solch ein Mist. Wo er herum gereist ist und wen er getroffen hat. Doch da erscheinen auch nur Namen, die uns nicht weiter helfen. Alles, was ich weiß, ist, wo er gewohnt hat und dass das Haus an die Gottgleichen gefallen ist. Er hatte wohl noch so eine Art Haustier, das hat der beste Freund seines Geliebten an sich genommen.“ Meodin kaute zufrieden an seinem Kuchen.

„Hmm...das ist blöd.“ Thom hatte mehr erhofft, aber irgendwie hatte er das erwartet. Wenn dieser Alaster wirklich zu den drei mächtigsten Gottgleichen gehört hatte, dann war es bestimmt nicht so einfach etwas herauszufinden. „Kannst du über die Freunde etwas herausfinden, vieleicht bekommen wir über die mehr über Alaster heraus?“

„Das ließe sich bestimmt machen“, sagte Meodin und leckte sich die Finger sauber, schielte heimlich aber nach der Vitrine, in der noch ein paar kleine Törtchen standen. Doch er wusste, wenn er zu viel Zucker aß, dann scheuchte ihn Erdogan wieder über den Parcours. Und darauf hatte das Seepferdchen wirklich keine Lust.

„Weißt du, wo er bestattet wurde? Graham würde den Ort sicherlich eines Tages einmal sehen wollen“, sagte Thom nachdenklich und Meodin sah wieder zu ihm. „Er wurde von den Gottgleichen beigesetzt und zwar in San Francisco GX. Ich weiß nicht, ob man da einfach so hin kommt … so ohne weiteres…“

Thom sah den Blick und holte eins der Törtchen. Er gab Meodin ein großes Stück ab und ließ sich den Rest selber schmecken. „Ich verstehe es nicht. Sonst archivieren die Gottgleichen alles Mögliche. Warum sind aber über diesen Alaster so wenig Daten zu finden?“

„Du hast mich falsch verstanden“, nuschelte Meodin und kaute zufrieden. „Es gibt Unmengen Informationen über ihn, aber alles belangloser Mist. Wann er wo gewesen ist, wann er welches Labor besucht hat. Wir können damit vielleicht über die Kuppeln rings um San Francisco ein schönes Netz an Laboren erstellen und so weiter. Aber Privates haben sie über ihn so gut wie gar nicht nachgehalten. Ich finde noch einiges über die Hierarchie und auch Namen – aber keine Klarnamen. Auch nicht in der Liste von Bahadur. Keine Übereinstimmungen.“ Meodin schüttelte den Kopf und strich sich durch die Haare. Er spielte jetzt öfter mit dem Gedanken sie schneiden zu lassen, sie nervten ihn.

Allerdings wusste er, dass Erdogan seine Haare so mochte wie sie waren und das hielt ihn immer wieder davon ab.

 „Also du hast Unmengen von Material, aber alles nur Dinge, die mit seinem Job zu tun haben? Entweder mochte Alaster es nicht private Dinge von sich preis zu geben, oder es wird generell von den Ranghöchsten nichts Privates aufgezeichnet.“ Thom war ziemlich erstaunt darüber, denn eigentlich hatten die Gottgleichen doch einen ziemlichen Archivierungswahn. Doch der endete wohl da, wo die Gemeinschaft aufhörte. Damit mussten sie leben und mit dem arbeiten, was sie finden konnten.

„Wir bräuchten jemanden vor Ort“, sagte Meodin nach einer Weile. Jetzt war er auf den Geschmack gekommen und er bekam richtigen Hunger. Also holte er sich eines der Baguettes, schob es noch einmal in die Mikrowelle und kam zurück zum Tisch, eine weitere Flasche Cola in der Hand. „Bahadur sagt, sie haben einen Informanten in der Kuppel der Gottgleichen, relativ rangniedrig. Vielleicht könnten wir dort auch jemanden einschleusen.“

„Einen Spitzel?“ Daran hatte Thom noch gar nicht gedacht. „Wenn wir jemanden dort hin schicken, sollten wir vorher so viel wie möglich über diese Kuppel herausfinden. Vielleicht kann uns da Bahadurs Mann helfen. Wir sollten ihn fragen.“

„Ja, das sollten wir und dann sollten wir überlegen, wen wir schicken können und das sollten wir jetzt nicht …“ Das leise Bing der Mikrowelle lockte Meodin wieder weg, er griff sich fluchend das heiße Baguette und balancierte es zum Tisch zurück. „Das sollten wir in großer Runde besprechen. Ich werde weiter suchen, was ich noch finde, aber ich fürchte leider, dass wir über Alaster als Mensch nicht sehr viel erfahren werden. Leider. Tut mir leid für Graham und Lynn.“

„Ja, mir auch, aber da ist nichts zu machen. Wenn nichts da ist, dann ist auch nichts zu finden.“ Thom hatte sich mehr erhofft. Er betrachtete Graham mittlerweile als Freund und hätte ihm gerne gute Nachrichten überbracht. „So schnell geben wir nicht auf, Meodin. Wir besprechen das in der großen Runde und suchen eine Lösung.“

„Hol ihn dazu“, sagte Meodin nur und lächelte. Dann griff er sich die beiden leeren Flaschen und den Teller und brachte ihn zurück in die Küche. Dann trat er wieder zu Thom. „Ich muss zurück.“

„Mach nicht so lange“, sagte Thom grinsend, „denk dran, Daniel überwacht deinen Chip und er ist skrupellos. Als Arzt fehlt ihm einfach das Forschergen.“

Meodin grinste schief, denn genau diesen Mangel hatte er schon öfter zu spüren bekommen. „Ich denke, Erdogan wird das verhindern und mich vorher aus dem Büro holen.“ Er winkte noch einmal und machte sich auf den Weg. Thom sah ihm nachdenklich hinterher. Ein Gedanke reifte in seinem Kopf, aber das war alles noch nicht spruchreif. Zuerst mussten sie mehr Informationen haben.


17 

„Hat er dir irgendwas gesagt?“, fragte Erdogan als er zum Observatorium lief, ausnahmsweise auch Leander im Schlepptau. Archiaon, der aus einem der anderen Gänge in den Hauptgang trat, sah ihn nur groß an. „Okay, er weiß es auch nicht“, lachte Leander leise und so liefen sie zu viert weiter, denn Elaios war ebenfalls dabei.

„Ich hatte nur eine Nachricht von Thom, er müsste dringend mit uns reden und Meodin hätte auch seine Finger im Spiel.“ Elaios strich sich über den Nacken, er war noch nicht ganz wach.

„Sollten wir Angst bekommen?“, lachte Leander, denn wenn Thom und Meodin zusammen etwas ausheckten, war durchaus Vorsicht geboten. „Ich hoffe nicht, ich bin noch nicht wach genug, um schnell genug weglaufen zu können, falls es notwendig sein sollte.“ Wie zur Untermalung seiner Worte gähnte Elaios. Warum musste die Besprechung auch so früh sein?

„Ich werde dich mit mir reißen“, lachte Archiaon, doch auch er hatte keine Idee, was die beiden von ihnen wollen konnten. „Außerdem hatte ich heute Morgen noch die Anfrage für eine Autorisierung im Laborbereich für Graham. Ich schätze also, er wird auch mit dabei sein“, sagte Ewan, der hinter den vieren gelaufen war, ohne dass sie ihn bemerkt hatten. Und dass er hinter sich die Jiang Shi hören konnte, machte das Treffen nicht gerade weniger mysteriös.

„Sie haben alle zusammen getrommelt. Es muss also was wichtiges sein.“ Erdogan nickte den beiden Jiang Shi grüßend zu, die ihren Gesichtern nach auch nicht wussten, worum es ging. „Wir werden wohl abwarten müssen.“ Lange dauerte es nicht mehr, denn sie waren schon fast am Observatorium und konnten dort schon leises Stimmengemurmel hören.

„Na mal sehen“, sagte Archiaon und war der erste, der eintrat. Gleich wandten sich drei Köpfe zu ihm um, verstummten verschwörerisch und grüßten dann höflich. „Verdächtig“, knurrte Elaios, der nach seinem Schatz den Raum betrat. Jack war schon wieder an der Kugel, der merkte nichts.

„Was gibt’s“, wollte Akuma wissen und war der erste, der sich setzte. Er wollte das hier schnell hinter sich bringen und sich dann noch etwas auf Eve umsehen. Ihn interessierte die Bewaffnung der Kuppel.

„Danke, dass ihr gekommen seid.“ Thom winkte die anderen auch zu sich und lächelte. „Ich habe vorgeschlagen, dass wir uns treffen, weil ich Graham helfen will, etwas über das Leben seines Bruders zu erfahren. Nur leider ist in den Archiven nicht viel zu holen. Alles, was zu finden war, hat Meodin gefunden. Nur war das ziemlich dürftig. Wir brauchen eure Hilfe und Vorschläge, was wir noch tun können.“

„Bitte?“, fragte Erdogan, der jetzt doch etwas irritiert war. War das alles? Er ging zu Meodin hinüber und küsste ihn kurz. Schließlich war der heute Morgen schon zeitig aus dem Bett geflüchtet, um hier einiges vorzubereiten und dann kam gerade mal die Frage nach ein paar Informationen? Er ließ sich nicht anmerken, was er dachte und setzte sich mit den anderen zusammen an den großen Tisch.

„Thom, ich lass die Katze gleich aus dem Sack“, sagte Meodin dann allerdings, denn er spürte Erdogans Unmut. „Wir brauchen einen Spion bei den Gottgleichen und von euch Ideen, wie wir das anstellen können.“

„Was?“, fragte nun Leander.

Thom sah kurz zu Meodin und holte tief Luft. „Die Idee ist mir gekommen, nachdem ich mit Meo geredet habe und er erwähnt hat, dass die Jiang Shi einen Spion dort haben. Wir hätten jetzt eine wunderbare Gelegenheit dort hin zu fahren, da es nur zu verständlich ist, dass Graham, wenn er von dem Tod seines Bruders hört, dort hin fährt und mehr darüber erfahren möchte, wie er gestorben ist.“

Alle Augen lagen auf Graham und der nickte gleich. „Ich habe mit Thom schon gesprochen, ich würde das machen wollen“, sagte er gleich und der Rest sah sich nun gegenseitig verwirrt an. „So was kommt raus, wenn wir hier nicht die Augen offen halten“, murmelte Leander, sah Ewan aber entschuldigend an, der die Führung der Kuppel hatte. Selbst wenn er davon gewusst hätte, er hätte es nicht verhindern können. Da war sich Leander sicher.

„Wie stellt ihr euch das vor?“, wollte Archiaon wissen.

Thom zog den Kopf zwischen die Schultern und wurde etwas kleiner. Auch wenn Leander es nicht ganz ernst gemeint hatte, so hatte er den leichten Vorwurf doch verstanden. „Graham und ich haben uns überlegt, dass wir zusammen dort hin gehen. Aber genau da liegt unser Problem, denn wir haben keine Ahnung, wie wir dahin kommen sollen.“

„Meint ihr das ernst?“, wollte Leander wissen, dann sah er Meodin an. „Meinen die das ernst?“, wollte er auch von ihm wissen und das Seepferdchen nickte, während es etwas dichter an Erdogan heran rückte. Das was heute Morgen noch genial geklungen hatte, schien jetzt zu einer Schnapsidee zu verkommen.

„Ich würde wirklich gern sehen, wo mein Bruder gelebt hat und sein Grab besuchen“, erklärte Graham mit fester Stimme. Er nahm es den Männern nicht übel, dass sie – gelinde gesagt – schockiert waren.

„Das verstehe ich auch, Graham“, sagte Leander, „aber das Grab besuchen und ein Spion sein wollen – das sind zwei Welten!“

„Ja also...“, Thom ging näher zu Graham und legte ihm den Arm um die Schulter. „Graham ist auch nicht der Spion, sondern ich. Es gibt kein Computersystem in das ich nicht eindringen kann.“ Thom grinste leicht, weil er mit seinen Worten wohl niemanden wirklich überzeugt hatte. „Ey, Leute, wir haben hier doch die besten Lehrmeister sitzen, die ein Spion haben kann, oder?“

Leander drehte sich zu Erdogan um. „Der meint das ernst!“, sagte er und gab sich nicht einmal mehr Mühe nicht entsetzt zu sein. Doch dann wandte er sich wieder Thom zu. „Es kann ja sein, dass du dich in jedes System hacken kannst, was es gibt. Das will ich gar nicht abstreiten. Aber um den Gottgleichen auf die Pelle rücken zu können, brauchst du mehr. Wir brauchen da drüben keinen Hacker, wir haben unseren Zugang zur Bibliothek von Alexandria. Wir bräuchten – wenn wir dort drüben jemanden bräuchten – einen Mann, der es schafft in die Gremien der Gottgleichen vorzudringen. Einer von ihnen zu werden und sie zu unterwandern. Nicht am Bildschirm sondern physisch. Mach dir das bitte klar!“

„Ich weiß, dass das nicht einfach wird und Graham und ich noch einiges an Training vor uns haben, damit wir das durchziehen können, aber wir wollen es wenigstens probieren.“ Thom sah zu Graham und der nickte. Sie hatten sich lange darüber unterhalten und Graham wollte zumindest alles versuchen. „Wir wissen, dass es wohl noch eine ganze Weile dauern wird, bis wir überhaupt loskönnen.“

„Ich glaube nicht, dass ihr wisst, was ihr vor euch habt“, sagte nun Akuma, der sich das eine ganze Weile einfach nur angehört hatte. „Unser Mann in San Francisco GX ist dort seit fast zehn Jahren und er gehört noch immer zum Fußvolk. Es wird nicht damit getan sein, ein paar Monate hin zu gehen und Erfolg zu haben. Entweder brecht ihr hier alle Brücken ab und richtet euch darauf ein, euer Leben dort zu fristen oder ihr lasst es bleiben. Das wird kein Urlaub.“ Er redete eindringlich aber nicht herablassend. E wollte, dass beide, die ihm noch zu überschwänglich wirkten, begriffen, auf was sie sich einließen.

„Das wir nicht so genau wissen, worauf wir uns einlassen, das mag stimmen. Darum haben wir euch ja auch um Hilfe gebeten.“ Graham wollte jetzt auch etwas dazu sagen, denn schließlich war Thom nur wegen ihm auf diese Idee gekommen. „Wir haben gar nicht vor, uns in die Organisation der Gottgleichen einzuschleichen. Mein Bruder wird ein Testament gemacht haben und als sein einziger Verwandter, bin ich natürlich interessiert mehr über ihn zu erfahren. Vielleicht bekommen wir so einen Fuß in ihre Tür. Die Ausarbeitung des Plans ist bisher nur rudimentär.“

„Auf wie lange habt ihr das angelegt?“, wollte Bahadur wissen, denn davon hing ab, wie tief sie die beiden in die Tätigkeit ihres eigenen Mannes einweihen würden. „Lynn hat nur noch dich, Graham, und Thom, du wirst hier gebraucht. Das weißt du.“

„Was nicht heißt, dass wir euch nicht unterstützen werden“, sagte Leander gleich, weil die beiden Männer betreten guckten. „Aber ihr kommt über Nacht mit einer Idee. Gebt uns die Zeit das zu verdauen und dann sollten wir sehen, wie wir euch überhaupt dorthin bekommen.“ Denn das war nicht so leicht. Wenn die Gottgleichen Listen hatten, welche Männer und Frauen damals Eve gestohlen hatten, dann war Graham ein gefundenes Fressen, wenn er kam und das Erbe antreten wollte. Vielleicht kam er dann niemals zurück. Das war wohl Meodins nächste Aufgabe, schließlich hatte das Seepferdchen den ganzen Plan mit ausgeheckt.

Graham und Thom guckten sich an. Dass sie jetzt schon solche Fragen beantworten sollten, damit hatten sie nicht gerechnet. „Ja also...“, fing Thom an und kratzte sich verlegen am Kopf. „Ein paar Wochen hatten wir schon eingeplant. Je nachdem, was sich da so ergibt.“

Erdogan nickte und wisperte kurz mit Leander. Meodin machte spitze Ohren doch er konnte nichts hören. Was aber auch nicht notwendig war, denn der Fürst erklärte laut, wozu Leander eben zugestimmt hatte. „Gut, da wir euch nicht davon abhalten können, werden wir euch bestmöglich darauf vorbereiten. Als erstes will ich alle Fakten, die sich in der Datenbank zum Diebstahl von Eve finden lassen. Ich will wissen, ob Graham auf einer Black List steht und Gefahr läuft, nicht lebend zurück zu kommen. Er gehört jetzt zu uns und keiner meiner Männer läuft ins offene Messer. Dann will ich eine Liste aller in Frage kommenden Kuppeln, in die wir euch bringen könnten. Ich will wissen, welches Gefahrenpotential dort herrscht, wie sie zu den Gottgleichen stehen und wie die Verbindungen sind. Ich will wissen, was mit Lynn passiert und ich will wissen, wer Thom vertreten wird.“ Dann sah er in die Runde. Die Hausaufgaben dürften für die nächsten Tage erst einmal reichen.

„Wird gemacht, Chef. Du bekommst deine Informationen. Das machen Meo und ich. Ich kümmere mich auch um eine Vertretung für mich und arbeite denjenigen ein.“ Thom war mehr als zufrieden, dass Erdogan ihre Idee nicht gleich einfach abgeschmettert hatte. So hatten sie die Chance, es wenigstens zu versuchen. „Graham kümmert sich um eine Versorgung für Lynn und Einzelheiten, die mit seinem Job zu tun haben.“

Erdogan nickte. „Gut. Archiaon, dich würde ich bitten, Daten aus der Kugel zu holen, ohne das Jack dich lyncht. Welche Kuppeln kommen über welchen Weg in Frage. Dann können wir die Datenbanken durchforsten und versuchen, Kontakt aufzunehmen. Auf den Kontakt zum Schläfer der Jiang Shi möchte ich zu dessen eigener Sicherheit komplett verzichten.“ Erdogan sah Bahadur an und der nickte. Das schien auch für den Prinzen der beste Weg zu sein, denn er wollte seinen Mann nicht in Gefahr bringen. „Noch was?“, wollte der Fürst wissen und sah sich um.

„Ich glaube, erst mal nicht. Wir werden sehen, was sich noch ergibt.“ Es gab bestimmt noch Dinge, die sie bedenken mussten, aber das würde sich erst mit der Zeit zeigen, da war sich Thom sicher. „Okay, danke, dass ihr uns wirklich eine Chance gebt. Wir werden unser Bestes geben.“

„Das hoffe ich, denn weniger als euer Bestes wird nicht reichen, um im Löwenkäfig zu überleben und wieder heil heim zu kommen“, sagte Erdogan und damit war die Unterredung geschlossen. Er wollte noch einmal ins Labor, um dort für Bill ein paar Ergebnisse abzuholen, wenn er schon einmal hier war. Der Genetiker war für ein paar Tage in der Hauptkuppel, um dort die Versuche mit dem Wasser auszuwerten und zu prüfen.

„In einer halben Stunde geht ein Boot zu Eve. Wir würden uns also absetzen“, sagte Bahadur, klopfte in alter Manier zum Abschied auf den Tisch und verschwand mit Akuma. Auch er war neugierig auf das Schiff und folgte gern Alices Einladung.

Es dauerte nicht lange und Thom, Meodin und Graham waren alleine im Observatorium. Jack war noch da, aber der nahm von ihnen eh keine Notiz. Darum störte sich keiner an ihm. „Das wäre geschafft.“ Thom hielt den Daumen hoch und grinste. „Eigentlich hätte ich gedacht, dass es schwieriger wird. Jetzt müssen wir aber auch alles dafür tun, dass Erdogan die Sache nicht wieder abbricht.“

Sie saßen am Tisch, griffen sich den mittlerweile sicherlich kalten Kaffee, der bereit gestanden hatte. Doch niemand hatte sich bedient. Meodin drehte die Tasse in seiner Hand und machte sich auf seinem Zettel ein paar Notizen von Stichworten, die Graham ihm zur Entführung von Eve gab.

„Black List“, sagte der Biologe nach einer Weile. „Gut möglich, dass ich wirklich auf einer Black List stehe. Was machen wir dann?“

„Dann werden wir unseren Trip canceln müssen, denn Erdogan lässt uns nicht weg, wenn auch nur die kleinste Gefahr für uns besteht.“ Da stimmte Thom seinem Fürsten auch voll und ganz zu. „Wir sollten also hoffen, dass die Leute aus San Francisco nichts über dich wissen, außer dass du Alasters Bruder warst.“

„Ich mach mich gleich an die Arbeit“, sagte Meodin und starrte weiter in seine Tasse. Es ging ihm langsam an die Substanz, dass er Erdogan immer nur noch so selten und kurz sah. Manchmal schlief das Seepferdchen sogar schon, wenn der Fürst in ihr Apartment kam. Es gab Tage, da sahen sie sich gar nicht. Und dass Erdogan jetzt auch schon wieder ohne eine gemeinsame Tasse Kaffee hatte verschwinden müssen, fraß an ihm. Doch dann straffte er sich wieder und blickte auf, lächelte. „Hab ja jetzt Schlagworte. Wäre doch gelacht, wenn wir da nicht was finden würden.“

Thom sah Meodin kurz forschend an, dieser merkwürdige Ausdruck auf dem Gesicht seines Freundes war zu kurz gewesen, um ihn deuten zu können. „Mach das. Ich werde mit Bahadur und Akuma zu Eve rüberfahren und mir von Mitchell die Maschinen zeigen lassen.“ Erst hatte er das Ausfallen lassen wollen, aber Graham hatte ihr gemeinsames Essen kurzerhand auf den Abend verlegt. „Zum Essen bin ich wieder zurück.“

 

18 

Drei Tage waren vergangen, ehe sich die Truppe wieder traf. In der Zeit waren alle fleißig gewesen und hatten zusätzlich zu ihren eigentlichen Aufgaben auch noch nach Informationen gesucht. Während Meodin alles über Eve herunter geladen hatte, was er nur hatte finden können, waren Jack und Archiaon an der Kugel im Observatorium dazu übergegangen, sich an der Westküste Kuppeln auszusuchen, die man vielleicht kontaktieren oder gar bereisen konnte. Sie wussten, dass sie mehr als nur einen großen Schritt vor sich hatten, und genau deswegen waren sie noch sorgfältiger, als sie es sowieso schon waren.

Etwas Positives hatten sie bisher herausfinden können – es war den Gottgleichen augenscheinlich nicht gelungen eine Liste derer zu ermitteln, die mit Eve in See gestochen waren. Einen Teil der Namen hatte man ausfindig machen können, doch in den Quellen war Grahams Name nie aufgetaucht.

So hatten sie sich Erdogan beugen müssen, der darauf bestand, dass die beiden Couch Potatoes, wie er Graham und Thom immer bezeichnete, fit wurden. Er hatte ein straffes Programm ausgearbeitet und überwachte es persönlich. Jeden Morgen holte er die beiden Delinquenten ab und scheuchte sie. Meodin war froh, dass er nicht mitmachen musste, denn er erinnerte sich noch mit Schrecken an seine Trainingsstunden mit Erdogan und wie er sich hatte kaum noch bewegen können. Aber da er ja eine wichtige Aufgabe hatte, konnte er sich gut frei kaufen und es hatte ja auch etwas gebracht.

„Du siehst geschafft aus“, konnte sich Meodin nicht verkneifen, der zum Glück weit, weit weg von Thom saß. Der war immer noch ganz rot im Gesicht, hatte gerade einmal duschen können, ehe er hier her gekommen war. Im Gegensatz zu Erdogan, der frisch und munter wie das blühende Leben neben seinem Seepferdchen Platz nahm und sich einen Kaffee rüberschieben ließ. „Ärger ihn nicht, Schatz, das gehört sich nicht“, tadelte der Fürst gespielt und lächelte, während Meodin schon die Bildschirme anschaltete und Hologramme erscheinen ließ, während auch die letzten eintrudelten. Nach den Jiang Shi waren das noch Ewan und Adrian.

„Ja, hör auf deinen Schatz“, brummte Thom und rieb sich über die schmerzenden Oberschenkel. Er sah ja ein, dass es sein musste, aber manchmal wünschte er sich, dass Erdogan nicht so konsequent wäre. „Okay, du Seegurke, was hast du alles zusammengetragen?“ Meo hatte die Daten von allen zusammengesammelt und wollte sie nun allen präsentieren.

Mittlerweile war das Seepferdchen nicht mehr so aufgeregt, wenn er etwas vortragen oder erklären musste. Er hatte sich schon so oft verheddert und es überlebt, dass er davon ausging, auch dieses Mal zu überleben. Als erstes zog er einen Ausschnitt der Kugel auf und deutete auf ein paar Kuppeln. „Das da ist San Diego, bestehend aus sieben Kuppeln in denen sie leben und wirtschaften“, begann das Seepferdchen und stellte kurz ein paar Fakten zur Kuppel vor. Das Volk dort hatte sich für die Staatsform der Demokratie entschieden, hatte ein Parlament und lebte sehr weltoffen. Er berichtete über Kontakte zu anderen Kuppeln und Adrian fragte: „Warum haben sie so viel über so eine kleine Gemeinschaft niedergeschrieben?“

Meodin nickte und hüpfte zu einem anderen Hologramm. „Das ist einfach zu erklären. Sie haben dort angefangen eine Bonder-Einheit zu bauen, bis ihnen das Geld ausging, weil jemand bestimmtes drüben in Asien die Leute wie Fliegen hat sterben lassen und um dort nicht den Fuß aus der Tür geschoben zu bekommen haben sie sich aus San Diego zurückgezogen und ihr Augenmerk wieder auf die Kuppeln der Jiang Shi gelegt.“

„Also sie waren da, und sind dann wieder weg?“, fragte Thom noch einmal nach, weil er nicht sicher war, ob er das richtig verstanden hatte. „Welche Farbe hat die Kuppel?“ Bevor jemand antworten konnte, hatte Meodin schon die Weltkugel aufgerufen. „Sie ist gelb, also für sie uninteressant. Sie waren wohl nur da, weil sie die Bonder-Einheit dort bauen wollten.“ Wie ein Lehrer deutete er auf die kleine Ansammlung von Kuppeln, ehe er weiter erklärte. „In der Datenbank stand, dass die Gottgleichen die Kuppel mittels Vakuumbahn erschlossen haben und als das Parlament ein Labor errichten wollte, um zu forschen, haben die Gottgleichen sich als Geldgeber zur Verfügung gestellt. Sie haben also die Bahn ausgebaut, ein Dock und auch die Labore waren teilweise fertig gestellt, ehe jemand angefangen hat, in Asien intensiven Ärger zu machen. Da haben sie die Kuppel samt ihrer Gelder wieder verlassen. Ich gehe mal davon aus, dass die Jungs und Mädels in San Diego nicht besonders begeistert waren. Aber da die Kuppel nicht mehr interessant ist, haben sie die Aufzeichnungen dann auch abgebrochen.“

„Dann wären sie wohl die perfekte Kuppel, um anzulanden.“ Thom sah sich San Diego genauer an, aber das was er wissen wollte, konnte er da nicht erkennen. „Meodin, du hast gesagt, dass sie den Bau abgebrochen haben. Weißt du, ob das Dock überhaupt funktionsfähig ist.“

Das Seepferdchen nickte. „Sie haben als erstes die Transportwege hergestellt, um das Baumaterial heran bringen zu können. Sowohl die Vakuumbahn als auch das Dock funktionieren. Zumindest taten sie das, als die Gottgleichen noch Einträge über die Kuppeln gemacht haben.“

„Interessanter wäre es doch zu wissen, wie sie Fremden gegenüber eingestellt sind“, sagte Ewan. „Nur weil eine Reise dorthin theoretisch möglich ist, heißt das ja noch lange nicht, dass man dort mit offenen Armen empfangen wird.“

„Das ist doch schon mal gut zu wissen, dass wir theoretisch anlanden können.“ Graham meldete sich das erste Mal zu Wort. Ihn beschäftigte das, was Ewan gesagt hatte. „Besteht nicht die Möglichkeit mit ihnen Kontakt aufzunehmen? Wenn ich das richtig verstanden habe, hat Archiaon das damals auch mit euch gemacht?“, murmelte er vor sich hin und sah zu dem Senator. Der nickte. „Stimmt. Als es Meodin so schlecht ging, dass er aus der Kuppel am Meeresgrund wieder nach oben musste, wusste ich mir nicht anders zu helfen, als die Bonder-Einheit zu kontaktieren, in der seine Leute forschten. Wenn wir einen Einwahl-Code hätten, könnten wir es versuchen. Haben wir einen?“ Dabei sah er Meodin an, doch der schüttelte den Kopf. „Ich habe nicht explizit danach gesucht, aber das kann ich noch mal machen.“

„Mach das. Wir sollten rausfinden, ob wir auch willkommen wären.“ Thom war mit der Entwicklung ziemlich zufrieden. San Diego schien die ideale Kuppel zu sein, um ihre Reise zu beginnen. Es gab wohl einen regelmäßigen Pendelverkehr nach San Francisco. Da würden sie vielleicht nicht weiter auffallen.

„Wie lange dauert denn eine Fahrt nach San Diego?“, wollte Graham wissen. Er sah sich das einmal genau an und musste feststellen, dass sie den Kontinent einmal umrunden mussten. Die Verbindung der beiden Ozeane, die es vor vielen Jahrhunderten einmal in Panama gegeben hatte, war – wie er schon in der Schule gelernt hatte – völlig vermint. Die konnten sie nicht nutzen. „Und könnt ihr für so lange ein Boot entbehren?“

„Das Boot wäre nicht das Problem. Wir haben vier und die waren eigentlich noch nie alle gleichzeitig unterwegs.“ Erdogan sah da nicht das Problem. „Wir wissen, dass die Boote schneller sind, als wir gedacht haben, aber wir wissen nicht, wie wir sie dazu bringen können, so schnell zu fahren. Es wäre wohl gut zu versuchen, das rauszufinden.“ „Mach ich“, meldete Thom sich gleich. „Mit der normalen Geschwindigkeit wird die Fahrt wohl ungefähr drei Wochen dauern.“

„Drei Wochen“, sagte Graham leise und Akuma neben ihm flüsterte. „Bekommst du kalte Füße?“ Doch der Biologe sah auf und schüttelte den Kopf. „Nein, keine kalten Füßen. Ich werde nur Lynn darauf vorbereiten müssen und ich hoffe, dass es für sie wirklich okay ist.“ Ein paar am Tisch nickten zustimmend und ließen sich alle Informationen von Meodin erklären, die sie über die Kuppeln San Diegos hatten bekommen können. Es schien ein simples Volk zu sein, nicht sonderlich hervorstechend. Doch das musste nichts heißen. Nur weil die Kuppel für die Gottgleichen uninteressant war, hieß das noch lange nicht, dass sie nicht nett sein konnten.

„Viel ist es ja nicht, was wir bisher zusammentragen konnten, aber Meodin ist gut, er wird es finden, wenn es noch etwas zu finden gibt.“ Thom schaute dem Seepferdchen über die Schulter und grinste dann zu Graham. „Ich bin echt gespannt auf San Diego. Ich habe zwar jetzt schon ein paar Kuppeln kennen gelernt, aber es ist immer aufregend etwas Neues zu sehen.“

Graham nickte nur verbissen, versuchte aber zu lächeln. Noch immer war ihm das gesamte Ausmaß dessen, was sie sich vorgenommen hatten nicht ganz klar und auch wenn sowohl Carter und seine Frau als auch Lynn ihm erklärt hatten, dass sie ihn dabei unterstützen würden, wenn er sich entschieden hatte zu gehen, so war er sich immer noch nicht schlüssig. Er ließ sein Mädchen zurück – wenn ihm etwas passierte, hatte Lynn niemanden mehr. Es war ein Risiko.

„Ich auch“, sagte er nach einer Weile und hoffte, dass niemand es bemerkt hatte. Doch ein Blick zu Akuma genügte um zu wissen, dass diesem Mann nichts entging.

Doch der General sagte nichts. Es war eine schwere Entscheidung, die Graham fällen musste, denn das, was er und Thom vorhatten, war durchaus gefährlich. Thom legte den Kopf schief, und sah seinen Freund nachdenklich an. „Was ist?“, fragte er, denn Graham war so merkwürdig still. Eigentlich sollte er doch aufgeregter sein und nicht so still und nachdenklich. Doch der lächelte nur und schüttelte sacht den Kopf. „Schon okay, für mich ist das alles noch neu. Die Aufregung kommt wohl bei mir ein bisschen später“, versuchte er zu beschwichtigen und lehnte sich in seinem Stuhl etwas zurück, versuchte dabei etwas entspannter zu wirken.

„Wir werden den Kontakt zur Kuppel suchen müssen. Wir sollten das nicht übers Knie brechen“, entgegnete nun Leander, um das Gespräch noch einmal in Gang zu bringen. „Wir sollten uns vorher klar sein, was wir ihnen erzählen wollen und worüber wir sie lieber im Unklaren lassen. Wir kennen sie nicht, sie kennen uns nicht.“

„Ich wäre dafür, dass wir so weit wie möglich bei der Wahrheit bleiben. Dass Graham erfahren hat, dass sein Bruder gestorben ist und er jetzt einen Weg sucht, mehr zu erfahren“, meldete sich Erdogan zu Wort. „Wenn wir jetzt ein Konstrukt aufbauen, besteht immer die Gefahr, dass ihr euch in Widersprüche verwickelt und das wäre ziemlich gefährlich.“

„Ich hatte nicht vor sie zu belügen, Erdogan“, erklärte Leander und blickte seinen Freund offen an. „Aber ich würde ihnen nicht alles auf die Nase binden, was wir wissen. Es sollte reichen, wenn wir ihnen erklären, woher wir kommen, wer sie aufsuchen wird und wie wir den Kontakt herstellen konnten. Das vage zu halten wird schon schwer genug.“ Leander war immer leiser geworden, denn er überlegte schon.

„Genau so hatte ich mir das auch gedacht.“ Erdogan grinste kurz in Leanders Richtung. Sie tickten wirklich beide ziemlich gleich und waren ein eingespieltes Team. „Wir werden etwas ausarbeiten, was nicht zu viel preis gibt.“

„Ja, das sollten wir. Ich möchte denen nicht erklären müssen, dass wir in einer Bondereinheit sitzen und schon gar nicht, wie wir daran gekommen sind und warum. Zwar hatten die Leute in San Diego auch sicherlich ihre Erfahrungen mit denen gemacht, aber das heißt ja noch lange nicht, das sie den Gottgleichen gegenüber genauso negativ gegenüber stehen wie wir“, sagte Leander und blickte nun zu Meodin und Thom und Graham. „Wenn wir uns in zwei Tagen wieder treffen, um zu sehen, was Meodin noch gefunden hat, dann will ich eine Idee. Aber die Aufgabe geht an alle. Wer auch immer eine gute Idee hat, presche nach vorn.“ Dabei sah er die beiden Senatoren an und grinste schief.

Elaios blähte gespielt pikiert die Wangen auf, nickte aber. Für ihn und Archiaon war es selbstverständlich sich Gedanken zu machen und dabei zu helfen, dass es für Thom und Graham sicherer wurde. Das Unterfangen war auch so schon sehr risikoreich und unsicher genug. Erdogan erhob sich und nickte zufrieden. „Also dann in zwei Tagen zum abschließenden Brainstorming. Ich denke wir werden etwas Brauchbares zusammenbasteln.“

Einheitliches Nicken ging um den Tisch als sich der Fürst und sein Berater auch schon zurückzogen, gefolgt von Meodin, der Erdogan wenigstens noch zur Bahn begleiten wollte, ehe sie sich wieder für Stunden nicht sahen. „Denkt an euer Nachmittagstraining“, sagte Bahadur zu Thom und Graham, als auch er zusammen mit seinem Heerführer den Raum verließ. Auch er wollte nachdenken und das konnte er bei einem kleinen Kampf immer noch am besten. Er war sich sicher, dass er Ewan und Akuma dafür erwärmen konnte.

„Trainingshalle?“, sagte er darum nur zu den beiden anderen Kämpfern und beide nickten. Der Prinz und Ewan lieferten sich gerne Kämpfe. Ewan war zwar nicht so stark wie Bahadur, aber er hatte ein paar fiese Tricks drauf, die den Prinzen mehr als einmal in Bedrängnis gebracht hatten. Sehr zu Akumas Belustigung, denn er hatte seinen Spaß daran gefunden, den Prinzen hinterher damit aufzuziehen, dass er gegen einen Mole verloren hatte – er, der große Vampir. Mehr als einmal hatte Bahadur ihm daraufhin die Entspannungsübungen streichen wollen, es selber aber auch nicht lange ausgehalten. So konnte er den Spott nur wie ein Mann ertragen und sich anschließend an seinem Heerführer rächen.

Sichtlich guter Laune machten sich die drei Männer auf den Weg und sahen noch Meodin, der sich bei Erdogan eingehakt hatte, um die Ecke biegen. Das Seepferdchen wirkte sichtlich zufrieden, dass er Erdogan ein paar Minuten für sich hatte und räuberte sich einen Kuss. Leander war bereits diskret vorgegangen, wenn er Glück hatte, griff ihn an der Labortür Allan für ein paar Sekunden, ehe sich auch ihre Wege für die nächsten Stunden wieder trennten. Ihm fehlte das Leben in ihrer Kuppel, doch er war in erster Linie Erdogans Freund und Leibwache. Dahinter stand alles zurück. Es war nicht leicht, doch die Situation würde sicherlich auch nicht für immer sein. Er grinste, als er Diego und Dylan herum flitzen sah, sie suchten bestimmt das Seepferdchen.

Er pfiff einmal kurz und die Köpfe der beiden Moles ruckten in seine Richtung. „Leander hast du... ah da ist er ja“, rief Diego und lief gleich los, weil er Meodin entdeckt hatte. „Alte Seegurke, sag mal, gehst du gleich wieder arbeiten, oder kommst du mit ins Wäldchen?“, rief er schon von weitem. Seit ihrer Begegnung dort mit Akuma, achteten sie darauf, dass der General weit weg war, wenn sie dort toben wollten. „Alles sauber, Ewan bespaßt die Jiang Shi“, erklärte Diego, weil Meodin gerade wieder etwas blass um die Nase wurde. Sie hatten alle vier ordentlich Ärger bekommen, denn Daniel war ihnen auf die Schliche gekommen, während es Adrian dann übernommen hatte, die Delinquenten zu bestrafen. Diego war es als spürte er heute noch das feste Kneifen in den kleinen Stummelschwanz und griff sich instinktiv da hin.

„Geh ein wenig toben. Du sitzt schon wieder viel zu lange jeden Tag vor dem Bildschirm.“ Erdogan zog Meodin an sich und sah ihm fest in die Augen. Seit er viel in der Hauptkuppel war, hatte er die Arbeitswut seines Schatzes nicht mehr so gut im Griff und er war immer in Sorge, dass das Seepferdchen sich überarbeitete. So war er den Moles dafür dankbar, wenn sie Meodin wegschleiften und ablenkten, damit Meodin das Leben nicht ganz vernachlässigte. „Na gut“, entgegnete das Seepferdchen, ließ sich aber noch einmal küssen, bis es Diego zu lange dauerte und er Meodin wegzerrte, während Leander und Erdogan die Bahn bestiegen um in die Hauptkuppel zurück zu kehren.