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Zyklus VIII - Eve 01 - Teil 10-12

10 

So verging die Zeit und als der Tag sich dem Ende neigte und die Sonne über der Kuppel den Horizont streifte, standen die ersten drei Zelte und für drei weitere waren die Plattformen fertig. Zufrieden sahen sich die Arbeiter um. Erdogan und Meodin waren nicht mehr unter ihnen. Als der Fürst zurück beordert worden war, hatte Meodin ihn begleitet, war dann aber wieder im Archiv verschwunden, denn Percy hatte ihm auch die Liste der vermissten Angehörigen aus Philadelphia mitgebracht und Meodin war neugierig, was er herausfinden konnte.

„Lynn, Graham“, rief Thom und machte sich auf den Weg zu ihnen. „Möchtet ihr heute Nacht zurück aufs Schiff? Ihr könnt auch bei mir übernachten, solange bis euer Zelt fertig ist.“ Graham und er hatten heute zusammen gearbeitet und viel Spaß dabei gehabt. Er hätte nichts dagegen, sich nachher noch ein bisschen mit seinem neuen Freund zu unterhalten. Davon hing es ab, ob er seine Wohnung in der Hauptkuppel aufsuchte und seine Gäste bewirtete oder ob er zurück in die Einsatzkuppel fuhr.

Graham sah Lynn an, die trat ein bisschen von einem Fuß auf den anderen. „Ich würde gern abends mit Diego und Dylan zusammen sein. Meodin wird vielleicht auch noch dazu stoßen. Können wir nicht …“ sie druckste herum. Thom verstand, doch er schürzte die Lippen. Die Kuppel, in der die Moles wohnten, war für Zivilisten eigentlich nicht gedacht. Das erklärte er den beiden auch, schob aber nach, dass er das gleich mal mit Ewan klären würde, schließlich hatte der die Befehlsgewalt in der Kuppel. Er huschte also zu dem Mole, der gerade seine Truppen zum Abrücken mobilisierte. Graham und Lynn sahen zu ihnen herüber, während Diego und Dylan sich noch etwas durch den losen Sand rollten, dass die Staubwolken stoben.

„Du magst sie“, stellte Graham fest und lächelte. Er hatte das Trio heute den ganzen Tag beobachtet und festgestellt, dass die drei jungen Männer nicht nur chaotisch, sondern auch sehr diszipliniert und verantwortungsbewusst waren, wenn sie eine Aufgabe hatten. „Wenn du darfst, kannst du noch mit zu ihnen gehen, aber du wirst bei Thom und mir übernachten.“

„Okay!“ Lynn nickte heftig und lachte, als die beiden staubbadenden Moles die Ohren spitzten und lauschten, was Thom mit Ewan besprach. Plötzlich streckten die beiden die Daumen hoch und grinsten. Thom und Ewan hatten sich wohl geeinigt. Diego und Dylan klopften sich intensiv das Fell aus, ehe sie zu Lynn und Graham gelaufen kamen und Thom mit seiner guten Nachricht fast noch überrannt hätten. Das ging ja schon wieder gut los.

„Groß ist mein Zimmer in P-0061 nicht, wir gucken mal, wie wir das gestalten.“ Zur Not wich er zu seinem Bruder aus. Der hatte bestimmt noch ein Eckchen in seinem Bett frei. Vielleicht fanden sie auch noch ein freies Zimmer.

„Das macht doch nix. Solange wir dort noch zwei Liegematten auf dem Boden ausbreiten können, reicht das Lynn und mir vollkommen, wenn es dich nicht stört.“ Graham war wieder einmal vollkommen überrascht, was die Neo New Yorker alles möglich machten, damit ihre Gäste sich willkommen und wohl fühlten. Er sah zu seiner Tochter, die gerade von den beiden Moles geherzt und geknuddelt wurde, so dass sie lachte und kicherte. Sie schien mit dem Arrangement einverstanden zu sein und war mittlerweile so staubig wie die Moles auch.

Während die Arbeiter schon abzogen, blieben nur noch sie fünf zurück. Es wurde still in der Kuppel und Graham sah sich noch einmal um. Er bestieg eine der Plattformen, die noch kein Dach hatten, dies sollte ihr Zelt werden. Hier würden sie die nächsten Wochen und Monate also leben. Mit diesem Blick, dieser Luft, dieser Sonne. Jeden Morgen das gleiche Bild und wenn sie abends ins Bett gingen sah es morgens vor der Tür noch genauso aus, wenn sie aufwachten. Anders als auf Eve. Er war sich noch nicht sicher, wie lange es dauern würde, bis dies für ihn alltäglich wäre.

Thom kam zu ihm und deutete auf die drei jungen Leute, die gerade zum Ausgang liefen. „Spätestens um zehn Uhr bringt ihr sie zu mir“, rief Graham ihnen noch schnell hinterher und lachte, als sich nur drei Arme hoben, die anzeigten, dass sie verstanden hatten. Thom klopfte ihm auf die Schulter. „Sie wird pünktlich da sein. Komm, gehen wir was essen und dann zeig ich dir, wo wir heute Nacht schlafen werden.“ Er griff sich die beiden Liegematten und die Schlafsäcke, die auf der Plattform lagen.

Sie schwangen sich in den Wagen und fuhren hinüber in die Einsatzkuppel. Thom war sich sicher, dass die drei schon nach Hause kommen würden. Schließlich hatten sie noch einen Wagen da und zur Not konnten sie sich auch melden, dann wurden sie abgeholt.

„Das hier ist unser Lager“, sagte Thom, als sie endlich angekommen waren. „Am besten verschwinden wir erst mal in der Kantine, dann sehen wir weiter.“ Ihm hing der Magen in den Kniekehlen. Sie grüßten ein paar Soldaten, die gerade zum Wachwechsel gingen. „Hier in dem Haus werden wir auch schlafen, aber dazu später. Muss mal gucken ob noch ein Zimmer frei ist. Dadurch das die Atlanter und die Jiang Shi noch hier sind, könnte es mau aussehen…. Connor!“ Der große Mole drehte sich zu ihm um und nickte ihm grüßend zu.

„Hallo Thom, was gibt’s?“, fragte er.

„Hallo Connor, das ist Graham. Sag mal, weißt du, ob hier noch ein Zimmer frei ist, in dem wir Graham und seine Tochter ein paar Tage unterbringen können, bis ihr Zelt fertig ist? Sie hat sich mit dem Trio angefreundet und...“ Weiter kam er nicht, denn Connor riss die Augen auf.

„Dann stimmt es also? Sie sind jetzt zu viert? Wir werden euch ein Zimmer frei machen. Besser du bist in der Nähe.“

Graham machte große Augen, als der riesige Mole sein kariertes Handtuch fallen ließ und davon flitzte, ohne dass Thom etwas zu Essen bei ihm hätte einfordern können. Der Techniker sah sich zu seinem Freund um, grinste schief. „Es hat also schon die Runde gemacht.“ Er zuckte die Schultern, dann lachte er. Grahams Gesicht war unbezahlbar.

„Dann ist meine Tochter also schon berüchtigt. Ich weiß nicht, ob ich das gut finde“, murmelte er leise und etwas abwesend, aber dann grinste er ebenfalls. „Sie hat Spaß, das habe ich für sie gewollt. Jetzt darf ich nicht jammern.“ Er straffte sich und griff die Schlafsäcke fester. „Und jetzt was zu essen, ich verhungere.“

„Da Connor gerade ein Heim für euch sucht, würde ich sagen, gucken wir mal, was er so in den Töpfen hat.“ Thom ging weiter durch die Kantine bis zum Herd, auf dem Töpfe und Pfannen standen und leckere Wohlgerüche verbreiteten. „Aber tröste dich, in ein paar Wochen geht bei euch in der Kuppel die Schule wieder los, dann hat sie einen geregelten Tagesablauf. Außer Diego beschließt auch noch einmal die Schulbank zu drücken, dann könnte es schwierig werden… lecker! Würstchen!“ Thom war begeistert. Er war über ein Lager von gebratenen Würstchen und Kartoffelecken gestolpert. Das aß er zu gern, vor allem weil Connor immer kräftig würzte!

Er holte Teller und schaufelte sich seinen voll. Dabei leckte er sich schon vor lauter Vorfreude über die Lippen. Graham schnupperte noch etwas weiter und blieb an einem Topf hängen, der einfach nur köstlich roch. „Chili con Carne“, rief er begeistert. Das hatte er jetzt seit fünfzehn Jahren nicht mehr gegessen. Er schöpfte sich etwas in eine Schüssel und musste gleich probieren. „Lecker, das ist ja köstlich“, brummte er und schloss vor Genuss die Augen.

„Ey!“ Connor kam gerade zurück in seine Küche und da er sich nicht daran erinnern konnte, den beiden etwas zu essen gegeben zu haben, konnte das nur heißen, das die beiden in seiner Küche gewesen waren und somit gegen die Regeln verstoßen hatten. Dem Neuen konnte Connor das noch durchgehen lasse, Thom hätte es besser wissen müssen. Und er wusste es auch, denn er zog gerade den Kopf ein. „Wir waren dem Hungertod nahe. Wenn du willst, dass jemand das teuflische Quartett im Griff hat, dann mussten wir jetzt leider handeln. Tut mir leid, kommt nicht wieder vor!“

„Dein Essen ist absolut köstlich, Connor. Ich habe noch nie so etwas Leckeres gegessen“, versuchte Graham Connors Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und so Thom etwas Luft zu verschaffen. Völlig aus dem Konzept gebracht blinzelte Connor und lächelte. „Danke, ich geb dir gerne noch was, wenn du möchtest.“ Connor kratzte sich verlegen am Kopf, schoss aber zu Thom rum, als der was sagen wollte. „Du nicht. Du bist nicht neu. Du kennst die Regeln.“

„Ich hab aber noch Hunger. Ich habe den ganzen Tag Zelte aufgebaut!“, hielt Thom dagegen, wurde aber von Connor aufgeklärt, dass er das auch getan hätte und sich trotzdem an Regeln halten würde. Alles andere führe zu Barbarei. Thom senkte den Kopf und grinste, als Graham ihm seinen Teller rüber schob, um ihm zu sagen, dass er sich was davon nehmen konnte.

„Hey“, knurrte Connor wieder, „nicht die Delinquenten füttern!“

Graham lachte und zwinkerte Connor zu. „Ach komm, großer Meisterkoch. Nur heute. Thom ist von dem teuflischen Quartett gefoltert worden. Euer Fürst musste ihn retten. Er war bestimmt davon noch so traumatisiert, dass er die Regeln vollkommen vergessen hat. Wird bestimmt nicht mehr vorkommen.“

Connor legte den Kopf schief, warf sich sein Handtuch wieder über die Schulter und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie haben dich erwischt?“, wollte er wissen und legte abschätzend den Kopf schief. Thom nickte nur. „Na gut, weil du das Opfer Nummer eins bist, bekommst du noch was.“ Connor machte noch mal einen Teller fertig und nickte den Wachen zu, die ihren Dienst beendet hatten und auch etwas zu essen brauchten. Es wurde etwas lauter in der Kantine.

„Danke, Graham. Hol dir auch noch was, bevor er es sich anders überlegt.“ Thom stand auf und ging zur Ausgabe rüber. „Sag mal, hast du schon was wegen dem Zimmer für die beiden erreicht?“, fragte er, als Connor ihm seinen Teller gab.

„Ja“, sagte Connor. „Im zweiten Stock ist noch eines frei. Hab mal das Fenster aufgemacht zum Lüften. Sie können es haben, wenn sie wollen.“ Der Mole ging zurück und bestückte Teller für die Soldaten, dann machte er sich im Hinterraum seiner Küche zu schaffen.

Nickend sah Thom zu seinem Freund. „Wunderbar. Muss keiner auf dem Boden schlafen“, konnte er gerade noch sagen, als drei staubige Gestalten in die Kantine schlidderten.

„Ich hoffe, das Zimmer hat ‘ne Dusche.“ Graham stumpfte wohl langsam ab. Es war für ihn noch nicht einmal merkwürdig, dass seine Tochter aussah, als wenn sie sich im Dreck gewälzt hätte. „Hat sie wohl auch“, murmelte er mehr zu sich selbst, als er sich erinnerte, dass die Moles das vorhin auch gemacht hatten. Eigentlich hätte ihm klar sein müssen, dass Lynn das auch ausprobieren musste.

„Hunger!“, riefen die beiden Moles. Sie vermieden es an die Töpfe zu stürzen. Sie wussten, was ihnen alles abgerissen wurde, wenn sie das noch ein einziges Mal wagen würden. Sie hingen an ihren Schwänzen, auch wenn sie nur kurz waren. „Hi Daddy!“, rief Lynn, winkte ihrem Vater und warf sich grinsend zusammen mit den beiden Moles auf eine der Eckbänke, zog aber den Kopf ein, als plötzlich der riesige Mole mit feurigen Augen vor ihrem Tisch stand. „Ihr seht aus wie die Schweine, staubt meine Bude ein und wollte was zu essen?“, grollte er und Lynn zuckte.

„Ja, genau in der Reihenfolge“, sagte Diego aber nur und blinkerte mit den Augenlidern.

Connor kniff die Augen zusammen und wollte lospoltern, aber dann musste er grinsen, als Dylan sich ein wenig schüttelte und so eine kleine Staubwolke produzierte und dabei was davon murmelte, dass sie ja bisher noch nichts eingestaubt hätten und sie nun was zu essen kriegen könnten, da das ja jetzt erledigt wäre. „Ihr seid echt furchtbar“, seufzte Connor und gab sich geschlagen. „Aber noch mehr Staub und ihr fliegt raus. Also nicht bewegen, ich bring euch was.“

„Wie sieht’s mit atmen aus?“, wollte Diego wissen und wurde von Dylan in den Nacken geschlagen, als Connor dies als einen guten Einwand befand und das Atmen für die drei verbot. „Blödmann, jetzt müssen wir ersticken“, lachte er und schob mit einer Hand den Staub wieder vom Tisch, den er dort hin geschüttelt hatte. Sie würden wohl nachher wiederkommen und das sauber machen, so wie meistens, wenn sie was eingedreckt hatten.

„Meo hat noch Dienst bis mindestens neun“, murmelte Diego, „aber wir können ja so lange ins Wäldchen gehen – ah! Katze, da bist du ja.“ Der kleine Mole strahlte, als sich sein Haustier, vom Kantinenchef ungesehen, unter der Bank verkroch, um nicht gleich wieder rauszufliegen.

„Du hast eine Katze?“, flüsterte Lynn begeistert und beugte sich schon runter, um sich das Tier anzusehen. Sie hatte von Katzen gehört und Bilder gesehen aber auf Eve gab es sie nicht. In ihrem Zimmer hatte sie viele Bilder von ihnen hängen, weil sie gerne selbst eine gehabt hätte. „Bist du süß“, quietschte sie leise.

„Wer is süß!“, wollte Connor, wissen, der drei Teller balancierte und Lynn schoss wieder hoch.

„Äh“, machte sie und Graham und Thom lehnten sich zurück. Sie wollten das Entertainment etwas genießen, als Lynn versuchte die Kurve zu kriegen und versicherte, dass sie von Diego gesprochen hätte. Das löste eine Kettenreaktion aus: Diego wurde verlegen, obwohl er es besser wusste, Dylan prustete und landete auf dem Tisch, staubte dabei noch mal alles ordentlich ein und Lynn senkte den Kopf, weil Connor ihr schlechten Geschmack bescheinigte.

„Aber er ist doch süß. Flauschig und mit glänzenden Knopfaugen“ verteidigte sich Lynn und brachte nun auch Connor zum grinsen. „Dir ist wohl nicht mehr zu helfen“, lachte er und stellte die Teller auf den Tisch. „Nicht schlecht gerettet“, murmelte Thom anerkennend. „Sie ist eine wirklich gute Ergänzung zu den drei Chaoten.“

„So wie du das sagst, ist das kein Kompliment“, knurrte Graham, schielte aber auch nach der getigerten Katze, die brav unter der Bank saß und darauf wartete, dass ihr Herrchen ihr etwas zusteckte. Und so war es auch. Noch ehe Diego selber etwas gegessen hatte, griff er sich eines der Bratenstücke und ließ es unauffällig vom Tisch plumpsen. Graham lachte leise. Das war aber auch ein Gespann!

„Oh doch, das war eins. Es ist doch bewundernswert, wie schnell sie sich an die Chaoten anpassen konnte.“ Thom meinte das vollkommen ernst, besonders als auch Lynn ein Stück von ihrem Fleisch unter die Bank fallen ließ. „Sie wird sich gut hier einleben.“

„Ich hoffe, dass sie ihre Schule über all dem neuen nicht ganz vernachlässigt. Sie wollte doch immer Ärztin werden“, murmelte Graham und leerte sein Glas Wasser, was Connor an alle verteilt hatte. Er konnte ja verstehen, dass viel Neues auf sie einstürzte, doch sie musste sich wieder fangen und das wesentliche nicht aus den Augen verlieren.

„Gib ihr ein paar Wochen Ferien, wenn alles wieder Alltag ist, dann wird sich das geben. Im Moment ist sie wie ein Tierchen, was man aus einem Käfig gelassen hat. Sie untersucht alles, was sie finden kann. Das ist normal. Eure anderen Kinder werden ähnlich reagieren, wenn sie hier her kommen.“

„Wahrscheinlich hast du recht. Sie kennt nichts anderes als Eve.“ Graham sah noch einmal zu den dreien, die schon wieder kichernd die Köpfe zusammengesteckt hatten. „Komm, zeig mir unser Zimmer, dann kann ich unsere Sachen dort unterbringen.“

Thom nickte nur und erhob sich. Nach einem letzten Blick auf die drei verließen sie die Kantine und machten sich auf in das Zimmer. Als erstes schlossen sie mal das Fenster, denn zum Abend hin hatte es sich abgekühlt. „Es gibt zwar immer nur ein Bett in dem Zimmer, aber ein paar Leute hier im Haus bestätigen, dass man da ganz gut auch zu zweit drinnen liegen kann“, grinste Thom schief und deutete auf das breite Einzelbett. Viel mehr als ein Tisch mit einem Stuhl und einem Schrank wies das Zimmer nicht auf – es war wie alle anderen hier im Haus.

„Das reicht vollkommen. Lynn und ich arrangieren uns schon.“ Graham stellte ihre Taschen ab und legte die Schlafsäcke auf das Bett. Er fand es schön, wieder etwas mit seiner Tochter zusammen unternehmen zu können. Sie wurde langsam erwachsen und nabelte sich von ihm ab. Dass sie jetzt hier zusammen die Kuppel vorbereiteten, brachte sie einander wieder näher.

„Davon geh ich aus. Wenn du duschen willst, da die Tür neben dem Schrank führt in ein kleines Bad. Ich werde ebenfalls duschen und dann noch mal rüber ins Labor fahren. Vielleicht kann ich ja im Dock noch ein bisschen nützlich sein oder im Archiv. Irgendwas ist für einen Techniker immer zu tun.“ Er tippte sich gegen die Stirn und ging zur Tür.

„Danke für alles, Thom. Wir sehen uns morgen.“ Er winkte seinem Freund und ließ sich rücklings aufs Bett fallen. Er war kaputt, denn so viel hatte er schon lange nicht mehr körperlich gearbeitet. Aber er fühlte sich gut und nach einer Dusche wohl noch besser. Darum rappelte er sich auf und schlurfte ins Bad. Heute wurde er bestimmt nicht alt.


11

 

Drei Tage waren vergangen, die Zelte standen und heute zogen die ersten Familien von Eve in die Kuppel. Da wurde jede Hand gebraucht. Während die Boote zwischen Eve und dem Dock pendelten, um die Habseligkeiten der Familien zu transportieren, war ein anderer Trupp dabei, alles auf Wagen zu verladen und in die Kuppel zu bringen. Nur ein kleiner Bautrupp machte sich daran, die nächsten Zelte aufzuschlagen, damit in ein paar Tagen die nächste Welle umziehen konnte.

Um keine Zeit zu verlieren, hatte Connor sogar ein Catering eingerichtet, dass jeweils den Wagen, die durch das Lager fuhren, Carepakete für die Dockarbeiter oder für die Arbeiter in der Kuppel mitgab. Alles war generalstabsmäßig geplant.

Graham und Lynn hatten es übernommen, den Familien alles zu zeigen. Sie waren schließlich schon am längsten hier und Lynn hatte durch ihre Exkursionen mit den Moles und Meodin, fast jede Ecke kennen gelernt. „Lynn, schnapp dir Dylan und Diego und zeig den Kiddys das Aquarium“, rief er seiner Tochter zu, denn die Kinder und Jugendlichen wurden unruhig, weil es für sie langweilig war.

„Guter Plan“, nickte sie und sah sich suchend um. „Jungs, wollt ihr mit ins Aquarium? Meine Freunde ein bisschen herum führen?“, fragte sie und die beiden Moles nickten. Meodin war heute wieder nicht dabei. Er saß immer noch an der Liste. Über einen Teil der gesuchten Personen hatte er schon etwas gefunden, was er den Familien heute Abend geben wollte. Doch es tat ihm um die leid, denen er noch nichts sagen konnte. Deswegen machte er weiter, was auch Erdogan ungern sah, denn Meodin hatte sich wieder in etwas verbissen, ließ sich kaum ablenken, aß kaum, schlief wenig und so machte sich der Fürst Sorgen. Er hatte Diego gebeten, vielleicht ein Auge auf ihn zu haben und das würde der kleine Mole jetzt auch tun.

„Geht schon vor, ich eise die alte Seegurke von seinem Computer los.“ Er flitzte auch gleich los und Dylan lief zu Lynn rüber. „Hey Leute, ich bin Dylan. Dann folgt uns mal.“ Er lief los und stoppte gleich wieder, als keiner ihm folgte, sondern er nur groß angesehen wurde. „Okay Leute, ich bin ein Mole. Wer möchte kann mal anfassen und Fragen stellen.“ Er hielt ergeben seine Arme vor, damit jeder mal drüber streichen durfte und wartete dann eben. Zögerlich kam der erste etwas näher. „Was ist ein Mole“, wollte der Junge wissen und strich sich über den Nasenrücken. Lynn kannte ihn gut, er war erst fünf, aber sehr aufgeweckt. Russ wohnte mit seinen Eltern auf Eve in der gleichen Etage wie Lynn und ihr Vater. Seine Mutter war Gärtnerin und Biologin. Sie war bereits in der Versorgungskuppel, um dort den Grundstock für ihre Ernährung zu legen. Deswegen war Russ mit seiner großen Schwester hier. Nur dass Lynn die gar nicht mochte, denn Ines war es, die sich immer wieder an Iowa heran gemacht hatte, den Iowa, der sie selbst gerade interessiert musterte.

„Hey“, grüßte sie und lächelte. Iowa winkte grinsend zurück und kam zu ihr rüber. „Du bist mit ihm befreundet?“, fragte er. Er hatte von Lynn und den drei anderen Jungs gehört und hatte sich das gar nicht vorstellen können. Aber so wie sie mit Dylan und Diego umgegangen war, musste er seine Meinung wohl revidieren. „Ja, sie sind nett und es wird nie langweilig“, lachte sie.

„Ach so“, sagte Iowa, lächelte, doch es wirkte nicht ehrlich. Dann wandte er sich ab und nickte.

Derweil erklärte Dylan gerade Russ, was ein Mole war und wozu er da war. Der Kleine war gleich ganz begeistert und begrabbelte nun den großen Maulwurf mit Hingabe. Dylan lachte leise und sah den Rest an. „Noch Fragen? Noch mal begrabbeln? Oder können wir dann los?“

Er sah in die Runde, aber da niemand wohl mehr grabbeln wollte, konnten sie wohl los. „Hier lang, Leute“, rief er darum und ging los in Richtung Aquarium. Es war ganz praktisch, das sie noch im Labor waren, da brauchten sie keinen Wagen. Lynn sah Iowa hinterher, dessen Reaktion sie jetzt nicht verstanden hatte. Sie lief zu ihm und stupste ihn an. „Was ist los?“, fragte sie und ging neben ihm her. Sie ließen sich ein paar Schritte zurück fallen, aber nicht so weit, dass es aufgefallen wäre, doch er blickte nur neben sich, lächelte kurz. „Nichts, was soll denn sein? Ist alles noch etwas neu, vielleicht bin ich deswegen heute komisch“, schlug er vor.

„Iowa, wie lange kennen wir uns jetzt?“, fragte Lynn und sah Iowa an. Sie war ein wenig enttäuscht, dass sie so abgekanzelt wurde. „ Eigentlich schon so lange, wie ich denken kann. Also lüg mich bitte nicht an. Für uns alle ist das hier neu und wir sollten zusammen halten.“

„Ja, da hast du Recht“, lachte er leise und sah sich immer wieder etwas um. Seine Stimme klang trotzdem irgendwie anders. „Nur dass du neue Freunde gefunden hast“, sprach er dann doch aus, was ihn störte. Als kleine Kinder hatten sie durch die Freundschaft ihre Eltern viel Zeit mit einander verbracht, in der Pubertät war es etwas schwieriger geworden und gerade als er geglaubt hatte, es würde wieder in die richtigen Bahnen laufen, weil Lynn nicht jedes Mal rot anlief, wenn sie sich sahen und weil sie auch endlich wieder normal mit ihm reden konnte, da kamen diese Maulwürfe.

„Ach Iowa“, seufzte Lynn und hakte sich bei ihrem Freund ein. Sie dachte da gar nicht drüber nach, weil sie das bei Dylan, Diego und Meodin auch immer machte. Einmal hatte sie sich auch bei Erdogan eingehakt, was ihr ziemlich peinlich gewesen war, als sie es bemerkt hatte. Der Fürst hatte aber nur amüsiert gelacht und ihren Arm festgehalten, als sie sich lösen wollte. Natürlich wurde sie von dem Trio immer noch deswegen aufgezogen.

„Nur weil ich neue Freunde gefunden habe, heißt das doch nicht, dass ich meine alten Freunde nicht mehr haben möchte. Unsere Clique hat sich nur um drei Personen erweitert.“

„Du siehst das so, aber ich sehe das nicht so. Tigris wird nicht hier her kommen. Ihre Eltern weigern sich umzuziehen. Unsere Clique wird zerfallen, nach und nach. Vielleicht nicht heute. Aber sie wird es“ sagte er und man spürte, dass es ihm schwer fiel. Am liebsten hätte er sich jetzt frei gemacht, doch auf der anderen Seite fand er es auch schön, wie es gerade war. Vor allem weil Ines gerade nach ihnen gesehen hatte und ihr Blick nun Bände sprach.

„Da wären wir!“, hörte er Dylan, der bereits durch eine Tür getreten war, durch die Licht in den schummrigen Gang fiel.

Lynn sah Iowa an und ihre Augen waren traurig. „Ich weiß, dass Tigris nicht hierher kommt und glaub mir, dass gefällt mir genauso wenig wie dir.“ Sie blieb stehen und drehte sich zu Iowa um. „Unsere Clique fällt nicht auseinander, sie verändert sich nur. Natürlich wäre mir lieber, wenn alle mit uns hier her kommen würden, aber da haben wir keinen Einfluss drauf.“

„Nein, aber du hast verdammt schnell neue Freunde gefunden und da fragt man sich … ach egal. Komm, soll schön sein da draußen.“ Iowa schüttelte den Kopf und ging. Er war verletzt und er war wütend, dass er es hatte aussprechen müssen. Es tat weh zu sehen, dass jemand, den man vor nicht einmal einer Woche noch so nah gewesen war, unbeschwert neue Freunde suchte. Er fühlte sich ersetzt.

Lynn stand wie erstarrt vor der Tür starrte Iowa hinterher. „Ich will doch keinen von euch ersetzen“, murmelte sie leise und Tränen rollten ihre Wange runter. Sie hatte doch nicht nach neuen Freunden gesucht. Das war nicht fair. Das war einfach nicht fair, ihr deswegen jetzt Vorwürfe zu machen.

„Lynn!“, hörte sie plötzlich hinter sich und hörte Krallen über den Boden kratzen. Wie vom Teufel geritten flitzte Diego auf sie zu. „Du musst mich retten, Lynn. Ein wildes Seepferdchen ist hinter mir her, weil ich aus Versehen den Stecker von seinem PC gezogen habe. Er will mich mit einem Kabel erdrosseln, das darfst du nicht zulassen!“

Schnell wischte sich Lynn die Tränen weg, bevor sie sich umdrehte und ein unechtes Lächeln aufsetzte. „Versteck dich hinter mir, ich werde dich beschützen“, rief sie und konnte auch schon den zeternden Meodin hören, der die Treppe hinauf schnaufte.

„Wo ist diese hinterhältige Grabmaus! Ich weiß, dass er hier lang gekommen ist. Es gibt keinen zweiten Ausgang, er kann mir nicht entkommen!“, knurrte Meodin, der sich geweigert hatte, eine Pause zu machen. Doch Diego kannte ihn schon zu gut. Er hatte es aufgegeben mit einem Sturschädel wie Meodin zu diskutieren. Er griff dann kurzerhand zu pragmatischen Dingen, um ihn aus dem Labor zu locken. „Ich dreh dir deinen Stummelschwanz gegen den Uhrzeigersinn raus, das kannst du wissen, du, du …“, dann stand er vor Lynn, „du beschützt den Verräter?“

„Ich?“, fragte sie auch gleich. „Ich steh hier nur so rum“, lenkte sie von sich ab und winkte unauffällig mit den Händen hinter ihrem Rücken, damit Diego sich versteckte. „Was ist denn passiert?“

„Was passiert ist? Eine hinterhältige, stummelschwänzige Grabmaus, kam in mein Büro gestürmt, wo ich hoch wissenschaftliche Sachen gemacht habe, und hat …“

Weiter kam er nicht, denn Diego schoss aus seiner Nische. „Du dämliche Seegurke hast Tetris gespielt“, rief er und erwischte Meodin, der ihn im schummrigen Licht in seiner Nische wirklich nicht gesehen hatte, dermaßen eiskalt, dass er sein Alibi vergaß und zurück brüllte: „Genau, ich war dabei den Highscore zu knacken und du blöde Grabmaus hast den Stecker gezogen!“

„Ups“, machte Lynn und musste kichern. „Okay, Jungs, wieder Frieden“, bestimmte sie und zog Meodin zu Diego. „Ihr vertragt euch jetzt wieder.“ Sie wusste, dass das noch nicht ausgestanden war, aber jetzt konnte sie keinen Streit ertragen, denn dann brach sie wohl wirklich noch in Tränen aus. Was sie nicht bemerkte, war Iowa, der in der Tür stand und die drei beobachtete, anstatt wie die anderen Kinder von Eve an den Himmel der Kuppel zu starren und die Fische zu beobachten.

„Gehört der da zu dir?“, fragte Meodin, als er Iowa im Gegenlicht stehen sah und versuchte ungesehen die Überraschung der beiden auszunutzen, um den Mole zu erwürgen. Da hatte er endlich eine Form der Entspannung gefunden, die er auch allein im Archiv praktizieren konnte und die Grabmaus boykottierte hin. So nicht!

„Iowa.“ Mit großen Augen sah Lynn auf den blonden Jungen und wurde bleich. Warum hatte der das hier jetzt mitbekommen müssen? Er wurde doch jetzt nur in seiner Meinung bestätigt, dass sie ihre alten Freunde ersetzt hatte. Sie sah den Vorwurf in seinen Augen und taumelte zurück. Tränen schossen ihr in die Augen und sie wirbelte herum. Iowa sollte auf keinen Fall sehen, dass sie weinte. So stieß sie gegen Meodin, der gerade Diego würgen wollte. Doch er brach ab und schloss die Arme um Lynn. „Lynn“, fragte er leise und sah die feuchten Augen. Ebenso wie Diego. Doch der handelte schneller. „Du da. Komm mal her!“, forderte er zu Iowa, denn er konnte durchaus eins und eins zusammen zählen.

Iowa hatte die Arme verschränkt und blickte stumm auf die drei.

„Hey, ich rede mit dir. Komm mal her“, sagte Diego, doch der Junge bewegte sich immer noch nicht. Doch der Mole war nicht für seine Geduld bekannt. Blitzartig war er bei Iowa, griff ihn sich und schob ihn vor sich her, noch ehe der zetern, schimpfen und sich quer stellen konnte. „Cafeteria“, beschloss Diego und Meodin nickte, schob Lynn ebenso vor sich her wie Diego den Jungen.

„Meo nicht. Ich will nicht“, schniefte Lynn und versuchte unauffällig die Nässe von ihren Wangen zu entfernen. Was aber nicht viel brachte, denn die Tränen liefen noch immer. Sie versuchte sich dagegen zu wehren, geschoben zu werden, aber gegen Meodin kam sie nicht an. „Bitte, lass mich gehen“, verlegte sie sich aufs betteln. Doch auch da traf sie nicht den richtigen Nerv. „Der junge Mann bringt dich zum Weinen. Was ich nicht gut finde. Wir werden jetzt bei einem Milchshake herausfinden warum und das bereinigen. Wenn er hier lebt, dann habe ich keine Lust, dass du jeden Tag weinen musst. Weißt du, wie dreckig du bei einem Staubbad im Gesicht wirst, wenn du da Nässe hast? Voll eklig. Ich war mal kurz nach dem Duschen zum Staubbad“, verfiel Meodin plötzlich in einen Plauderton.

„Meo nicht.“ Lynn hörte auf sich zu wehren, weil sie wusste, dass es nichts brachte. Iowa hatte das wohl noch nicht begriffen, denn wenn sie die Geräusche hinter sich richtig deutete, wehrte er sich gegen Diegos Griff. „Tut ihm nicht weh. Er ist ein Freund“, flüsterte sie leise. Sie wollte nicht, dass Iowa sie hörte.

„Na, umso besser. Dann sollte er doch froh sein, wenn wir ihn zu einem Milchshake einladen“, sagte Diego. Versuchte aber den Jungen nicht zu verletzen. Sie hatten die Cafeteria endlich erreicht und suchten sich einen Tisch in einer Ecke. „Meo, hol was zu trinken“, sagte Diego und ausnahmsweise folgte das Seepferdchen ohne zu meutern. Iowa saß nun Lynn gegenüber, und sein Blick war nicht gerade wohlwollender geworden. „Was soll ich hier?“, wollte er wissen und blickte den Mole fragend an.

„Ihr zwei habt ein Problem und ich möchte nicht, dass jemand Probleme hat“, sagte Diego offen, denn so war es auch. Lynn war ihm wichtig und so wie es schien, war ihr dieser Junge wichtig.

„Wir haben kein Problem, oder Lynn?“, sagte Iowa.

Lynn hatte die ganze Zeit auf den Tisch gestarrt, aber nun ruckte ihr Kopf hoch und sie sah ihren Freund an. Ihre Augen waren gerötet und noch immer liefen die Tränen. „Stimmt, wir haben kein Problem. Du hast eins mit mir. Dir gefällt es nicht, dass ich neue Freunde gefunden habe und wirfst mir vor, dass ich dich und die anderen einfach so ersetzen will“, schluchzte sie. Jetzt war ihr alles egal. Iowa würde nie wieder mit ihr reden, da war sie sich sicher.

Erst einmal herrschte Stille am Tisch, selbst Meodin, der nur die Hälfte mitbekommen hatte, weil er gerade mit den Getränken wieder kam, setzte sich nur stumm und verteilte die Gläser. Alle sahen Iowa an, der mit sich zu ringen schien. Doch nun war Lynn ehrlich gewesen, da wollte er es auch sein. „Wie oft hast du in den letzten Tagen an uns gedacht und dich mal gemeldet, vielleicht erzählt, wies drüben so ist, was du gemacht hast.“ Denn das war nicht ein einziges Mal passiert.

Meodin öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Diego schüttelte den Kopf. Das mussten die beiden alleine klären. „Ich habe sehr oft an euch gedacht, auch wenn du das nicht glauben wirst oder willst.“ Lynn ließ den Kopf wieder hängen sie wollte Iowas vorwurfsvollen Blick nicht sehen. „Ich konnte mich nicht melden. Ich habe Thom gefragt, aber er meinte, dass im Moment die Kommunikation auf dienstliche Gespräche beschränkt ist.“ Sie wollte sich nicht rechtfertigen, aber die Vorwürfe hatten sie verletzt.

„Oh“, sagte Iowa nur. Er kam sich jetzt extrem blöd vor und holte tief Luft. „Das wusste ich nicht. Ich hatte meinen Dad gefragt, der hat davon nichts gesagt. Es tut mir wirklich leid“, murmelte Iowa. „Ich kann nicht zurück nehmen, was ich gesagt habe, aber wir haben auf dich gewartet. Du und dein Vater ihr wart die einzigen, die nicht zurück an Bord gekommen sind. Die anderen sagen, weil ihr bei Freunden untergekommen seid. Noch keinen Tag weg und schon neue Freunde bei denen man übernachtet.“ Er brach ab.

„Iowa.“ Lynn biss sich auf die Lippen. „Ich habe an euch gedacht und wenn es gegangen wäre, hätte ich mich auch gemeldet, aber irgendwie hast du doch recht.“ Es fiel ihr schwer das zuzugeben, was sie jetzt sagen wollte. „Mein Vater ist wohl wegen mir nicht zu Eve zurück gefahren. Ich bin auf Diego getroffen und hatte Spaß. Er wollte wohl nur, dass ich glücklich bin.“

Iowa nickte und trank einen Schluck. Er war angespannt. Er wusste nicht genau, ob er jetzt alles kaputt machte oder nicht. Er mochte Lynn und sie gehen lassen zu müssen würde ihm schwer fallen. „Also sind wir noch Freunde und du möchtest noch Zeit mit mir verbringen?“, wollte er wissen und Diego sah zwischen den beiden immer hin und her. Doch dann blieb sein Blick an dem Jungen hängen. „Wir nehmen sie dir nicht weg. Komm doch einfach mit uns mit. Wir waren als Trio gefürchtet, als Quartett verbreiten wir Angst und Schrecken. Für eine Fünfergruppe fällt mir zwar noch kein Name ein, aber wir könnten die Kuppel in Trümmer legen.“ Er grinste frech.

„Ja, genau“, rief Lynn auch gleich begeistert. Sie griff Iowas Hand und strahlte ihn an. „Natürlich sind wir noch Freunde, ich hatte doch nie vor euch zu ersetzen. Überleg es dir, ob du mit Diego, Meodin, Dylan und mir rumhängen willst. Ich würde mich auf jeden Fall darüber freuen.“

Etwas überfahren sah der Junge sich um, blickte auf Diego und Meodin. Was er bis jetzt von den beiden erlebt hatte, war wirklich nicht langweilig gewesen. „Ich werde dann weniger Zeit haben Bücher zu lesen“, grinste er schief und Meodin verdrehte die Augen. „Bücher! Pha!“, machte er nur. „Wenn du was wissen willst, frag mich, ich bin Archivar!“

Skeptisch hob Iowa eine Braue. Er wusste, dass er seine Bildung nicht vernachlässigen würde, aber ab und an mit den Typen abzuhängen war bestimmt nicht verkehrt.

„Glaub´s ruhig. Meo ist wirklich der Archivar. Er ist gerade dabei unsere Verwandten zu finden.“ Lynn lachte, weil Iowa immer noch skeptisch guckte. „Dylan arbeitet im Labor und Diego hilft überall mit, wo er gebraucht wird. Du wirst also noch genug Zeit für deine geliebten Bücher haben. Vielleicht kriegst du die beiden lesefaulen Moles auch mal dazu.“

Iowa kam gar nicht dazu etwas zu entgegnen, das Seepferdchen war schneller. „Die können doch gar nicht lesen!!“, erklärte Meodin und hob eine der fein geschwungenen Brauen, konnte aber gar nicht so schnell gucken, wie ihm etwas gegen das Schienbein getreten hatte. „Aua!“, knurrte er und funkelte Diego an. „Blöde Grabmaus.“

„Selber schuld, dämliche Seegurke“, knurrte Diego zurück und Iowa musste kichern. Die zwei hatten doch eindeutig einen Schaden. „Wie bist du eigentlich auf die drei gestoßen?“, fragte er neugierig. „Diego hat mich aufgegabelt“, lachte Lynn und erkläre gleich weiter als Iowa die Augen aufriss. „Nein, er war auf dem Boot, das uns her gebracht hat und er hat mich rumgeführt.“

„Japp. Ich kenn nämlich die Boote total gut!“ Diego schlug sich gegen die Brust. Es staubte noch ein bisschen und so wedelte er vorsichtig die kleine Staubwolke von seinem Milchshake weg. Nicht dass es gleich zwischen den Zähnen knirschte. Meodin wiedersprach ihm lieber nicht, knurrte nur leise, weil ihm immer noch das Schienbein wehtat. Er zuckte, als sich sein Kommunikator meldete. Schnell nahm er das Gespräch an. Dylan suchte die verlorenen Kinder. Er wollte zur Kuppel aufbrechen.

„Los, trinkt aus, wir müssen los zur Kuppel. Dylan wartet auf uns.“ Er stürzte seinen Shake hinunter und klopfte dann ungeduldig mit dem Finger auf die Tischplatte, als die anderen nicht gleich Folge leisteten. Er griff nach Diegos Shake und bekam natürlich was auf die Finger. Natürlich ging das Gezeter gleich wieder los und Lynn verdrehte die Augen. „Einfach ignorieren, die hören schon wieder auf.“

„Ich bin mir da noch nicht sicher“, murmelte Iowa erleichtert, dass sich alles wieder eingerenkt hatte. Doch er nahm lieber sein Glas an sich und leerte es selber. Man wusste ja nie, was passierte, wenn man nicht schnell genug war. Doch nach fünf Minuten waren alle bereit zum Aufbruch. Während Meodin sich wieder in sein Archiv absetzte, machten die anderen drei, dass sie den Anschluss bekamen. Sonst mussten sie nämlich zur Kuppel laufen.


12 

Schnaufend kamen sie bei den Wagen an und kicherten, als Dylan ein strenges Gesicht machte. Sie setzten sich in einen Wagen und als Ines mit verkniffenem Gesicht zu ihnen rüber sah, beugte Lynn sich ein wenig näher zu Iowa und unterhielt sich mit ihm. Sie war so froh, dass zwischen ihnen wieder alles in Ordnung war, dass sie einfach spontan ihre Arme um ihn legte und ihn drückte. Noch vor ein paar Tagen hätte sie das niemals gewagt. Doch jetzt war alles anders – völlig anders und sie war froh darüber.

„Ich bin total aufgeregt. Im Gegensatz zu dir kenn ich die Kuppel und die Zelte nur von der Kamera aus. Wie ist es dort?“, wollte Iowa wissen. Doch seine Augen waren außerhalb des Wagens. Er sog alles in sich auf, was er erblicken konnte. Die Kuppel, das Lager, an dem sie vorbei fuhren, die Verbindungstunnel. Einfach alles.

„Es ist total cool. Wir haben schon in unserem Zelt geschlafen.“ Lynns Augen glänzten, als sie davon erzählte. Sie hatte es überall rascheln und trappeln gehört und war kaum zum schlafen gekommen. Diego hatte ihr dann erzählt, dass kleine Tiere in den Kuppeln lebten. Mäuse, Igel und noch ein paar andere Kleintiere, die aber nicht gefährlich waren. Er hatte ihr versprochen, ihr das mal an einem Abend zu zeigen. Da konnte Iowa bestimmt mit kommen. Und so war es im Nachhinein auch eine gute Idee gewesen, die Zelte auf Stelzen zu stellen.

„Na ich bin mal gespannt. Es sieht erst mal total interessant aus“, meinte Iowa und sah sich wieder um. Er musste sich an diesen radikalen Schnitt erst gewöhnen. Vorher war der Ozean alles gewesen, was er gesehen hatte und jetzt sollte er ihn so schnell nicht mehr sehen, denn die Kuppel war zu weit von der Küste entfernt. Allmählich war er aufgeregt. Einen Teil seiner Sachen hatte er in Kisten gepackt und in die Kuppel bringen lassen. Jetzt war er gespannt, wo er das verstauen würde. Es war ein Abenteuer.

„Und weißt du, was am tollsten ist? Euer Zelt liegt genau neben unserem.“ Dass sie da ein wenig dran gedreht hatte, verschwieg sie aber lieber. Sie hatte immer mal wieder fallen lassen, dass es doch schön wäre, wenn Grahams Freund Carter, doch in seiner Nähe leben würde. Dann könnten sie abends zusammensitzen. Graham hatte das irgendwie als gute Idee empfunden und so wohnten sie am Ende der Reihe mit Blick auf die Wiesen.

„Das klingt gut“, sagte Iowa und sah Lynn grinsend an, mehr noch als er Ines‘ wütenden Blick sah. Doch so wie es aussah, schien sie sich einen Kommentar zu verkneifen. Besser so. „Hast du eigentlich eine Idee, wann die Schule für uns anfangen wird? Ich glaube nicht, dass man uns lange das Lotterleben durchgehen lassen wird. Die Erwachsenen werden sich um die Versorgungskuppel kümmern. Da wird man uns auch wieder in geregelte Bahnen schicken.“

„Ich weiß nicht, aber ich habe es läuten gehört, dass wir wohl noch zwei Wochen Schonfrist haben sollen, damit wir uns eingewöhnen können.“ Lynn hoffte, dass es wirklich so war, denn sie wollte Iowa doch alles zeigen. „Ich frage Meo, der ist Fürst Erdogans Freund und kann das für uns rauskriegen.“

„Kaum eine Woche da und schon hast du Kontakte nach ganz oben“, sagte Iowa und fragte sich, ob das noch die gleiche Lynn war wie vor einer Woche. Die schüchterne, die strebsame. Jetzt flitzte sie mit den schrägsten Typen durch die Gegend, die Iowa je gesehen hatte. „Wer wird überhaupt unseren Unterricht übernehmen? Immer noch Jason oder bleibt er auf dem Schiff? Und wo werden wir unterrichtet werden?“ Man merkte Iowa die Sorge an, dass seine Bildung zu kurz kam.

Lynn kicherte und stieß Iowa mit der Schulter an. „Ich habe mich sogar einmal bei Fürst Erdogan eingehakt, ohne dass ich das gemerkt habe. Das war mir vielleicht peinlich, kann ich dir sagen, aber der Fürst hat nur gelacht. Das Trio wird dir das bestimmt brühwarm erzählen, darum mach ich das lieber selber.“ Sie kicherte und deutete mit der Hand auf das einzige feste Gebäude in ihrer Kuppel. Es war nicht besonders groß, darum war es nicht als Wohnhaus ausgebaut worden. „Das wird unsere Schule.“

Iowa blickte aus dem Fenster. Er hatte gar nicht gemerkt, dass sie schon ihre Kuppel erreicht hatten. Hier herrschte hektisches Treiben und er suchte mit den Augen seine Eltern. Um alle Zelte herrschte stetiges Treiben, ein paar Zelte waren größer, ein paar waren kleiner – aber sie sahen alle ziemlich ähnlich aus. „Cool, hätte es mir schlimmer vorgestellt“, musste er zugeben, denn er hatte sich keinerlei Vorstellung davon machen können, wie eine Landkuppel aussehen sollte. Kaum dass der Wagen stand, stiegen sie aus und Iowa ließ sich ziehen, Lynn wusste schließlich besser, wo ihre Zelte standen.

Sie winkte heftig ihrem Vater, der mit Carter zusammen stand und sich unterhielt. „Das sind unsere Zelte. Rechts wir und links daneben ihr. Duschen und Toiletten, sind dort und da drüben ist das Küchenzelt“, erklärte sie Iowa und fuchtelte in der Luft herum, so dass sie ihrem Freund beinahe noch getroffen hätte. Doch der konnte gerade noch ausweichen und lächelte seinen Eltern zu. Und dort auf der Treppe sah er auch seine beiden Kisten und seine Tasche. Sein Zeug war also schon da. „Alles klar“, sagte er nur, damit Lynn wusste, dass er zugehört hatte. Dann aber lief er los und als erstes die Treppe hinauf, um einen Blick in das Zelt zu werfen – er war so neugierig. Es war überraschend geräumig, die großen Gaze-Fenster ließen viel Luft hinein, konnten aber auch mit Planen verschlossen werden. In einer Ecke stad ein Gestell mit einem Eimer Wasser daneben ein Regal. In einer anderen Ecke waren 2 Innenzelte, sicherlich die Schlafstellten. Dazu ein Tisch mit Stühlen und eine Art Couch, nur kleiner.

Hier ließ es sich aushalten. „Habt ihr euch schon ein Schlafzelt ausgesucht?“, rief er zu seinen Eltern rüber. „Nein mein Schatz. Du hast noch freie Wahl.“ Seine Mutter kam ins Zelt und fuhr ihrem Jungen durch die Haare. „Was sagst du?“, fragte sie und lächelte. „Kannst du dir vorstellen hier zu leben?“

Iowa nickte. „Ja“, sagte er und sah sich noch einmal um. „Und Eve ist ja nicht aus der Welt. Aber ich glaube, dass das hier lustig werden kann. Ich glaube, dass Lynn und die drei Chaoten dafür sorgen werden.“ Er zog seine Tasche zu sich und ließ sich mit seiner Mutter zusammen auf die Couch fallen. Die war überraschend bequem, auch wenn sie nicht so ausgesehen hatte. Sie würden hier auf vieles verzichten aber auch viel gewinnen, da war er sich sicher.

„Das Trio?“ fragte Betty und Iowa lachte. „Lynn hat neue Freunde gefunden. Man nennt sie hier das Trio Infernale. Sie sind nett und haben gefragt, ob ich mich ihnen anschließen will.“ Iowa grinste, als seine Mutter ihn fragend ansah. „Wirklich, Mom, sie sind nett.“

„Graham hat noch ein paar andere Sachen über die drei erzählt“, sagte Betty. „Auch dass sie zusammen mit den Moles Staubbäder nimmt und sich raufend am Boden rollt. Ich weiß nicht, ob das der richtige Umgang für dich ist.“ Doch sie lachte, weil sie das nicht ernst meinte. Aber die Bilder, die Graham mit seinen Erzählungen in ihrem Kopf gezeichnet hatte, waren sehr amüsant gewesen. Sie war sich sicher, dass es eine gute Idee war, zusammen mit den Kindern hier zu bleiben. Zumindest für eine gewisse Zeit.

„Sie nimmt Staubbäder?“, fragte Iowa lachend und schüttelte den Kopf. Irgendwie passte das zu dem teuflischen Quartett, wie sie sich wohl nannten. „Wie sind denn die Duschen hier?“ Betty schlug ihm gegen den Arm und seufzte. „Da ist er hin, der liebe, nette Junge, der du mal warst.“ Sie schniefte leise und blickte ihren Sohn traurig an, der sich aber theatralisch in Pose setzte. „Mom, ich gehöre jetzt zu den fünf noch ohne Namen. Da musst du nicht traurig sein.“

„Du bist auch mit dabei? Wir haben noch keine Waschmaschine, Schatz. Wenn du dich im Dreck wälzt, dann bitte nackt, das macht es mir leichter“, erklärte Betty und lachte über das feuerrote Gesicht ihres Jungen. Doch der kam nicht mehr dazu, sich zu entrüsten, den Carter steckte den Kopf rein. „Ich geh mit Graham und ein paar anderen rüber zur Schule. Wir wollen sie herrichten. Heute Abend wollen uns die Neo New Yorker berichten, was sie über unsere Angehörigen aus Philli rausgefunden haben.“ Er griff sich schnell etwas zu trinken, dann war er auch schon wieder weg, während Lynn den Kopf zur Tür rein steckte.

„Sollen wir mit? Dylan und Diego werden da sein und später kommen auch Meo und Fürst Erdogan. Dann kannst du ihn kennen lernen. Meo wird dich ihm vorstellen wollen. Der weiß nämlich ganz gerne, mit wem sein Liebling sich rumtreibt.“ Sie wackelte mit den Augenbrauen und lachte. Jetzt konnte er nicht mehr sagen, dass nur sie gleich am ersten Tag wichtige Leute kennen gelernt hätte.

„Warum nicht. Und nein, Mama. Ich werde mich nicht nackig machen, damit die Kleider nicht dreckig werden. Wir finden schon einen Weg sie wieder sauber zu kriegen“, knurrte Iowa leise, als seine Mutter ihm mit der Schulter gegen den Oberarm stupste. „Dann eben nicht“, sagte sie nur und grinste, als Lynn rot um die Nase wurde.

Betty war das ganz lieb. So konnte sie hier alles einräumen, wie sie das brauchten und sich dann zusammen mit den anderen über den morgigen Einsatzplan in der Versorgungskuppel beratschlagen. Sie fingen bei null an. Das wollte gut überlegt sein. Sie konnten nicht nur von den Almosen der Neo New Yorker leben.

„Wir sind dann weg.“ Lynn und Iowa hoben die Hand und machten sich auf den Weg zum Schulgebäude. Sie war gespannt, wie weit die Einrichtung schon vorangekommen war. Zwar war noch ein wenig Zeit, bis die Schule begann, aber den Schülern sollte es an nichts fehlen. „Wenn du nachher auf den Fürsten triffst, dann brauchst du keinen Schiss haben. Er ist cool“, erklärte sie Iowa und kicherte, als sie sich an ihre erste Begegnung erinnerte. „Er hat sogar beim Aufbau unserer Zelte geholfen.“

Der Junge verzog etwas das Gesicht, weil er sich das nicht vorstellen konnte, doch er nickte. „Lassen wir uns überraschen“, sagte er und beobachtete mit Überraschung die Techniker, die ständig in und aus dem Gebäude kommend herum wuselten. Das machte ihn nun doch neugierig und er wurde etwas schneller. Als er den Kopf zur Tür rein steckte, staunte er nicht schlecht. Er wusste nicht, was er in dem heruntergekommenen Haus erwartet hatte, doch von innen war es kein Vergleich mit seiner äußeren Schale. Alles war hell und freundlich gestrichen, Tische und Stühle bildeten Reihen, die aber gerade von ein paar Leuten aufgelöst wurden, um mehr Zuhörern Platz zu bieten. Am besten gefiel ihm aber der große Touchscreen, sicher die Tafel.

„Das ist ja cool.“ Lynns Augen leuchteten, als sie das Equipment sah. So was hatte es auf Eve nicht gegeben. Sie war schon immer gerne zur Schule gegangen und hier machte ihr das bestimmt noch mehr Spaß. „Guck mal da“, rief sie aufgeregt und zog Iowa am Ärmel zu Thom, der gerade ein paar Laptops auspackte. „Sind die für die Schüler?“, fragte sie und linste dem Techniker über die Schulter.

„Ja, das sind sie. Sie werden mit dem Touchscreen da vorn gekoppelt, so dass der Lehrer eure Ansicht an die Tafel werfen kann um etwas zu korrigieren oder zu erklären. Wir haben das aus dem Repertoire unserer Schule. Wir haben nur noch sehr wenige Schüler und viele Räume werden gar nicht genutzt. Deswegen bringen wir die Ausstattung nach und nach hier er.“ Es war die Entscheidung der Fürstin gewesen, den Kindern der Gäste alle Möglichkeiten zu bieten sich zu bilden und Erdogan hatte dem gleich zugestimmt.

„Cool.“ Lynn kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus. „Hast du das gehört Iowa? Die sind wirklich für uns.“ Aufgeregt zupfte sie an dem Ärmel ihres Freundes und versuchte sich an Thom vorbei zu schummeln, damit sie die Laptops näher untersuchen konnte.

„Du bist wie Meo“, lachte Thom leise und ließ sie gewähren, während er ein anderes Gerät an den Leitungsast anschloss, den seine Kollegen unter dem Fußboden verlegt hatten. Mitchel und seine Männer sorgten gerade dafür, dass die Schule mit dem Netzwerk der Hauptkuppel verbunden wurde, damit auf die Daten der Bibliothek zugegriffen werden konnte. Das konnten dann auch die Erwachsenen nutzen, wenn sie etwas suchten oder etwas wissen wollten. Ebenfalls setzten sie als erstes für die Schule das Kommunikationssystem zur Hauptkuppel instant.

„Hmm“, machte Lynn nur. Sie hatte gar nicht richtig zugehört, denn sie hatte sich ganz darin vertieft, die Funktion des Laptops zu ergründen. Aber lange hatte sie dazu keine Zeit, denn ein schwerer Arm legte sich über ihre Schultern und Diegos Gesicht schob sich in ihr Gesichtsfeld. „Was machst du?“, fragte er neugierig.

„Sachen?“, entgegnete Lynn grinsend und konnte gerade noch ausweichen, als Diego schon die Hand hob, um ihr über die Haare zu rubbeln, bis es heiß wurde. Sie hatte gesehen wie er das mit seinem Bruder gemacht hatte und beschlossen, diese Erfahrung selbst niemals machen zu wollen.

„Sag mal, du Grabmaus“, lachte sie und brachte sich hinter Iowa in Sicherheit, denn Diego ahndete diesen Spitznamen meist sofort, wenn er einen zu fassen bekam. „Kommst du eigentlich auch zum Unterricht? Oder gehst du wo anders zur Schule?“ Schließlich war der Mole nicht viel älter als sie und sollte auch noch zur Schule gehen.

„Ich? Schule? Brauch ich nicht“, erklärte Diego und versuchte an Lynn heran zu kommen, ohne dabei den Jungen zu verletzen. Schließlich hatten sie gerade erst einen Friedenspakt geschlossen, da konnte er nicht gleich Kolateralschaden machen. Auch Iowa versuchte, sich aus der Schusslinie zu bringen, aber Lynn ließ das nicht zu. Also schloss er die Augen und versuchte zu verdrängen, was der Mole für scharfe Krallen hatte.

„Wie du gehst nicht zur Schule?“ Lynn war so perplex, dass sie einen Augenblick nicht aufpasste und Diego sie greifen konnte. Gleich rubbelten seine Knöchel über ihre Haare und sie quietschte. „Lass das, das tut weh“, jammerte sie und versuchte ihn zu kitzeln. Was anderes konnte sie gerade nicht machen.

„Brauch so was nicht. Was ich als Mole können muss, habe ich von Ewan, Adrian und meinem Bruder gelernt. Und Adrian ist immerhin Arzt und Wissenschaftler und Ewan nicht nur Krieger sondern auch Chef in unserer Kuppel. Auch alles ohne Schule“, erklärte Diego und ließ Lynn wieder los. „Stundenlang still sitzen, wie doof ist das denn? Nee, nee – nicht mit mir. Da schlaf ich ja ein!“

Thom lachte leise. „Du hast es doch nie versucht.“

„Na und? Ich weiß das trotzdem.“

„Ja ja“, Thom winkte lachend ab und kümmerte sich wieder um die Technik. Lynn rieb sich grummelnd den Kopf, aber dann grinste sie. „Wenn du ja alles schon kannst, dann hilf mit für uns die Schule einzurichten, denn wir sind ja keine Moles, die nicht zur Schule gehen müssen“, kicherte sie und hielt ihm einen Laptop hin.

„Pf, ich bin kein Techniker. Das kann Thom besser“, sagte Diego nur. Er hatte es mal versucht und der Strom, der dabei aus Versehen durch seinen Körper geflossen war, war zwar klein gewesen, hatte aber trotzdem ordentlich gezwiebelt. Seit dem wusste er, dass er kein Strom-Mole war und hielt sich daran. „Ich helfe lieber beim umräumen, das kann ich besser.“ Er drehte sich um, um den Männern dabei zu helfen, aus den Tischen und Stühlen so viele Sitzgelegenheiten wie nur möglich zu schaffen. Denn zur Unterredung wollten auch noch ein paar Leute von Eve rüber kommen.

„Gute Idee.“ Lynn lachte und zog Iowa hinter Diego her. „Lassen wir Thom das machen, damit die Technik auch funktioniert. Helfen wir dabei die Stühle und Tische zu verteilen.“ Lynn war voller Tatendrang. Sie konnte es kaum erwarten, dass die Schule endlich los ging, weil sie all die tollen Sachen, die ihnen zur Verfügung gestellt wurden, ausprobieren wollte. Aber erst einmal verteilten sie die Tische an den Wänden entlang, so dass man auch darauf sitzen konnte, erst dann wurden auch die Stühle in Reihen davor verteilt und ganz vorn legten sie noch Sitzkissen aus, bis so gut wie kein Platz mehr ungenutzt war. Als sie fertig waren, war Thom schon längst verschwunden und die Technik in unauffälligen Schränken an der Seite verschwunden, damit sie heute Abend nicht im Weg war.

Zwei Stunden hatten sie gebraucht und so rief Carter zum Aufbruch. Sie wollten noch duschen und etwas essen, ehe sie sich zusammen mit allen anderen einfanden, um herauszufinden, wessen Verwandte noch am Leben waren.

„Danke fürs Helfen, Kinder. Geht nach Hause und esst etwas.“ Carter klopfte den dreien auf die Schulter und schob sie dann aus der Tür. „Ihr könnt nachher wieder kommen, wenn ihr Lust habt. Ist vielleicht auch für euch interessant, ob Meodin auch Verwandte von euch gefunden hat.“

Graham, der neben seine Tochter getreten war, nickte ebenfalls. Er würde sich auf jeden Fall hier einfinden. Es bestand ja immer noch die Möglichkeit, dass er etwas von Alaster hörte. Vielleicht hatte er die Kurve noch bekommen, sich besonnen und war zurückgekehrt? Die Hoffnung hatte Graham niemals aufgegeben, auch wenn er nie mit jemandem darüber sprach. „Na komm, Süße.“ Er legte den Arm um Lynn und ging, Iowa folgte mit seinem Vater und Diego sah sich suchend um, wo sein Bruder und die anderen Moles abgeblieben waren. Sie wären nicht abgehauen ohne ihn zu fragen.

„Nun komm schon, alte Rübe“, rief da auch schon Dylan und winkte, damit sein Bruder ihn bemerkte. „Bis später“, rief er Lynn hinterher und trabte dann zu seinem Bruder. Sie wollten ein Staubbad nehmen und auch noch etwas essen, bevor die Versammlung begann. Außerdem musste er Katze noch füttern und Meodin aus dem Archiv zerren, wenn der Fürst nicht schneller war, was er in den letzten Tagen leider immer mal wieder gewesen war, weil er Schützenhilfe von Leander gehabt hatte.

„Wie wär’s mit Pizza? Thoms Leute haben vorhin einen ganzen Berg mitgebracht. Die werden in der Küche schon eine nach der anderen in den Ofen geschoben. Wir könnten welche abgreifen und dann duschen gehen“, schlug Graham vor, das ging vielleicht am schnellsten und außerdem waren die ja schon fertig.

„Ja! Pizza!“, jubelte Lynn und hüpfte hoch. Sie liebte Pizza und die von Connor waren die besten. Das Essen des Kochs war lecker und es gab immer reichliche Portionen, was alle zu schätzen wussten, denn alle arbeiteten hart, damit die Kuppel schnell bewohnbar wurde. „Komm, Iowa, lass uns vorlaufen. Ich habe Hunger.“

Der lachte leise und ließ sich an der Hand fassen. Lynn hatte sich wirklich verändert. Noch vor ein paar Tagen wäre sie jetzt rot angelaufen, hätte die Hand zurückgezogen und beschämt zu Boden geblickt. Doch die Lynn, die er jetzt an der Hand hatte, gefiel ihm noch etwas besser. So liefen sie in das Küchenzelt, in das die Techniker jede Menge Kochanlagen gestellt hatten. Mikrowellen, Herde, Druckkochtöpfe und Platten. Hier konnten eine Menge Leute gleichzeitig kochen, wenn sie das wollten. Aber hier konnte auch Connor an sieben Herden gleichzeitig werkeln.

 


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