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Zyklus VIII - Eve 01 - Teil 19-21

19

„Jemand Zuhause?“ Thom klopfte an die Zeltstange von Grahams Zelt und streckte den Kopf hinein. Sie hatten noch eine Stunde Zeit bis zu ihrem Treffen mit Erdogan und den anderen und er hatte gehofft noch einen Kaffee und ein paar leckere Happen abstauben zu können. Alles, was der Techniker bisher von Grahams Essen gekostet hatte, war lecker gewesen, darum kam er auch zufällig immer zur Essenszeit vorbei.

„Nein“, kam es von innen, dann kicherte Lynn und grinste Thom entgegen. „Schon komisch, dass du immer zum Essen auftauchst. Musst du dich beeilen, um immer zufällig in der Nähe zu sein oder hast du ein Radar?“ Sie lachte noch mehr als ihr Vater knurrte, was sie aber nicht davon abhielt, Thom einzuladen, der gekochten Portionsgröße zu urteilen war er sowieso eingeplant.

„Radar“, grinste Thom nicht im Mindesten beleidigt und griff sich Lynn, um sie richtig durchzuknuddeln. Er mochte Grahams Tochter, die seit dem sie zu den fünf Chaoten gehörte, enorm an Selbstbewusstsein zugelegt hatte. „Was gibt es denn Leckeres?“

„Für dich?“, wollte sie wissen und grinste, wurde von Graham aber an ihre Manieren erinnert. Also erhob sie sich, um einen Teller zu holen, „Möhrensuppe“, erklärte sie dabei, was Graham gekocht hatte. Sie aßen heute in ihrem eigenen Zelt, denn Carter wollte mit seiner Familie – zu der mittlerweile auch Lynn zählte – in die Versorgungskuppel auf die Felder. Und damit Lynn den Anschluss nicht verpasste, hatte sie immer den Eingang vom Nachbarzelt im Auge, in dem ebenfalls gerade gegessen wurde.

„Lecker.“ Thom leckte sich über die Lippen und nahm Lynn den Teller ab, als sie damit zum Tisch kam. Egal was Graham kochte, alles war lecker und so hatte Thom schon einiges probiert, was er bisher noch nicht gekannt hatte. Da die Ressourcen auf Eve begrenzt waren, hatten sie dort ganz neue Rezepte entwickelt, um die fehlenden Zutaten auszugleichen. Eine der Frauen aus einem Zelt am Ende ihrer kleinen Siedlung hatte sich bereit erklärt, die Rezepte zu sammeln und in die Datenbank einzuspeisen, damit auch die Neo New Yorker sie kennen lernen und ausprobieren konnten.

„Nächste Woche geht die Schule wieder los“, erklärte Graham seiner Tochter, damit sie das nicht vergaß. Sie verdrehte aber nur die Augen. „Ja, ja“ und aß hastig. Nebenan schien der Aufbruch nahe, die Stimmen wurden lauter.

„Viel Spaß“, rief Graham ihr hinterher, als sie aufsprang, weil Iowa und Carter aus dem Eingang kamen. „Bis heute Abend.“ Sie winkte noch einmal zu Thom und ihrem Vater, dann war sie verschwunden. „Umtriebige junge Dame“, lachte Thom und schob sich noch einen Löffel Suppe in den Mund. „Schule wird ihr bestimmt erst mal schwer fallen.“

„Sie hat Adrian den Floh ins Ohr gesetzt, dass es bestimmt nicht schaden kann, wenn Diego mit ihnen zusammen etwas lernt“, grinste Thom und lachte leise. Diego ahnte noch nichts von seinem Glück, aber Adrian schien sich schon entschieden zu haben und auch Dylan war einverstanden, dass sein kleiner Bruder eine Schule besuchen sollte. Das schadete ihm bestimmt nicht. Er konnte zwar lesen, aber seine Rechtschreibung war beklagenswert, wenn er jemandem eine Nachricht schickte oder Infos weiter reichte.

„Oha. Der arme Junge.“ Graham schüttelte grinsend den Kopf. Aber eigentlich fand er es nicht verkehrt, wenn der junge Mole die Schule besuchte. Vielleicht würden dann nach und nach mehr folgen. Eine gute Ausbildung war nie verkehrt. Und da sich die Moles als Verteidiger und Verbündete der Kuppel immer mehr im Volk etablierten, vor allem auch weil sie dabei geholfen hatten, einen Brunnen mit sauberem Wasser zu graben und zu betreiben, konnte es doch gut sein, dass Moles aus Diegos Generation einmal im Rat ankamen. Da konnte Bildung nur von Vorteil sein. Adrian war das beste Beispiel. Sein Potential war erstaunlich, das hatte Graham auch schon bemerkt.

„Er wird es überleben und vielleicht zivilisieren wir so auch das chaotisches Quintett“, lachte Thom und leerte endlich seinen Teller, ehe die Suppe ganz kalt wurde.

„Hör bloß auf.“ Graham verdrehte die Augen und grinste. „Ich wurde jetzt schon von mehreren darauf angesprochen, ob meine Tochter wirklich zu dieser Terrorzelle gehören würde. Sie wäre doch so ein liebes Mädchen gewesen.“ Graham gab Thom noch etwas von der Suppe und seufzte. „Und weißt du was? Ich habe allen gesagt, dass sie immer noch ein liebes Mädchen ist und die Jungs mit denen sie befreundet ist, nette Jungs sind. Das meine ich vollkommen ernst. Lynn hat sich verändert, seit sie zum chaotisches Quintett gehört und ich finde sehr zu ihrem Vorteil.“

„Sie sind alle nett“, sagte Thom und auch er war davon überzeugt. Er liebte die Moles, er schätze Meodin und die beiden Menschenkinder waren ihm auch sehr ans Herz gewachsen. „Nur wenn sie zusammen sind, wird’s gefährlich.“ Doch bisher war noch niemand nachhaltig zu Schaden gekommen und man konnte sich auf sie verlassen, wenn Hilfe gebraucht wurde, weswegen man ihnen auch hier ihre Wildheit oft durchgehen ließ.

Thom sah auf die Uhr und aß etwas schneller. Sie mussten gleich los, sonst kamen sie zu spät.

„Ganz ehrlich? Ich hätte in meiner Jugend auch gerne so eine Bande gehabt.“ Graham lachte und holte schon einmal seine Jacke, damit sie los konnten. „Ist doch herrlich, mit seinen Freunden rumzuhängen.“ Er nahm Thoms Teller und stellte ihn in die Spüle. „So, dann los, die anderen warten bestimmt schon.“

„Ja, und das macht es nicht besser, wenn ausgerechnet wir zu spät kommen.“ Sie verließen das Zelt, warfen einen kleinen Blick auf das Gemüse, das allmählich anfing zu wachsen und zu gedeihen und machten sich dann mit dem Wagen auf in die Bonder-Einheit. Es war kein gutes Zeichen, dass sie niemanden mehr überholten. Das konnte nur heißen, dass alle schon im Observatorium waren.

Darum legten sie einen Zahn zu, als sie aus dem Wagen gestiegen waren. Sie liefen durch die Flure und waren aus der Puste, als sie im Observatorium angekommen waren. Natürlich waren alle schon da. „Wir sind nicht zu spät. Noch zwei Minuten“, keuchte Thom, als Erdogan ihn strafend ansah.

„Als Soldaten nicht zu gebrauchen“, knurrte Akuma. Wenn seine Männer auf den letzten Drücker kamen, liefen sie Strafrunden. Vielleicht sollte man das den beiden auch einmal beibringen. Doch er schwieg sich weiter aus und überflog die Daten, die Meodin gerade auf Monitoren und Projektionsflächen rings um den Besprechungstisch verteilte.

„Da wir jetzt vollständig sind, würde ich sagen, wir fangen an. Jeder weiß, um was es geht. Ich werde das also nicht noch einmal wiederholen“, begann Leander, der als einziger noch stand und in die Runde blickte. „Das Ziel heute ist zu klären, in welcher Form und mit welchen Informationen wir den Kontakt zu unserer Zielkuppel für das Boot herstellen wollen, um auszuloten, wie unsere Chancen einer gefahrlosen Anlandung stehen.“

Mit eingezogenen Köpfen schlichen Thom und Graham zu ihren Plätzen. Sie waren sich nicht sicher, ob Erdogan nicht doch auf die Idee kam, sie in Akumas Hände zu geben. Besser sie verhielten sich unauffällig. Denn von dem General durch die Gegend gescheucht zu werden, war nicht erstrebenswert. Der Fürst war ja schon ausdauernd und erbarmungslos. Aber Graham hatte einmal Akuma beim Training beobachtet. Das war beängstigend, was dieser Körper zu leisten im Stande war und sicherlich forderte er das auch von seinen Delinquenten.

„Ich würde vorschlagen, wir stellen uns mit den San Diego Bewohnern auf eine Stufe“, lenkte dann aber doch Archiaon die Aufmerksamkeit auf sich und meinte die beiden Zuspätkommer erleichtert aufatmen zu hören. Er lachte leise, ehe er erklärte, was er meinte, weil ein Teil am Tisch ihn fragend anblickte. „Ich gehe davon aus, dass sie nicht den Vorteil einer Datenquelle wie dem Hauptcomputer der Gottgleichen haben. Sie werden über Neo New York nicht viel wissen. Also tischen wir ihnen auf, wir hätten auch eine unfertige Bondereinheit. Bei allem anderen, was Graham und seinen Bruder angeht bleiben wir bei der Wahrheit. Das macht es den beiden vor Ort am einfachsten. Dann müssen sie sich nicht verstellen.“

Alle am Tisch nickten. Das klang vernünftig. Sie sollten sich so bedeckt wie möglich halten. „Ich denke, das ist der vernünftigste Weg.“ Graham, der sich ja mit Thom auf den Weg machen wollte, fand die Lösung gut. Er hoffte, dass die Einwohner von San Diego nicht so tief bohrten, wenn sie glaubten, dass die Neo New Yorker nichts von Wert besaßen. Doch das war nicht das vorrangige. „Wenn wir es schaffen ihr Vertrauen zu gewinnen, dann wohl am ehesten noch, wenn wir ein ähnliches Schicksal haben, glaube ich“, sagte auch Elaios und Meodin warf Daten und Fakten über die zu kontaktierende Kuppel auf die Bildschirme. Bevölkerung, Bildungsstand, Fakten die die Gottgleichen gesammelt hatten und auch Informationen über die Hierarchie.

„Ja, ähnliche Schicksale verbinden. Das war schon immer so.“ Thom machte sich Notizen von den Daten, die Meodin zusammen getragen hatte. Natürlich konnte er sich die ausdrucken lassen, aber er konnte sich Dinge besser merken, wenn er sie einmal aufgeschrieben hatte. „Wann werden wir Kontakt aufnehmen? Schon bevor wir losfahren, oder erst vom Schiff aus?“

„Definitiv keine Soldaten“, murmelte Akuma und Bahadur grinste. „Sei nicht so streng.“ Doch der Heerführer blickte nur stoisch auf die beiden Männer. „Ich werde sie schleifen“, knurrte er und grinste zufrieden, als Thom und Graham weiß wie die Wand wurden. „Natürlich nehmen wir den Kontakt auf und sichern die Wege, ehe einer unserer Männer sich auf den Weg macht. Und wenn ich mit euch fertig bin, dann wird euch das auch klar sein.“

Hilfesuchend sah Thom zu Erdogan, aber der guckte völlig unbeteiligt zurück. „Akuma hat sich bereit erklärt, die Mission vorzubereiten. Er bestimmt, was getan werden muss.“ Eigentlich war der Fürst ganz froh, denn auch er war der Meinung, dass die Leute in seinem Team fit zu sein hatten und vor allen Dingen über ein Mindestmaß an militärischem Denken verfügen sollten. Sie sollten ja keine Soldaten werden, aber bisher war er kläglich gescheitert, weil keiner auf ihn hören wollte oder ihn einfach ignorierte. Leander fand ja, er war zu weich zu seinen Freunden. Etwas was man über Akuma ganz bestimmt nicht sagen konnte.

„Autsch“, machte Meodin nur und verschwand hinter einem Ausdruck, um sich zu verstecken. Nicht dass noch jemand auf die Idee kam, das wenig fitte Seepferdchen könnte ebenfalls gedrillte Körperertüchtigung ertragen. Es war in solchen Augenblicken immer gut abzutauchen.

„Gut, während Akuma die beiden auf Trab bringt, werden Archiaon und Leander den Kontakt vorbereiten. Meodin, du wirst sie unterstützen. Ich will wissen mit wem wir es zu tun haben werden, wie sie ticken und wie wir sie überzeugen können. Das muss so perfekt laufen, wie es uns nur möglich sein wird.“

„Geht klar“, kam es hinter dem Blatt hervor, das immer noch stoisch hochgehalten wurde, wo das Seepferdchen doch sonst so gerne Erdogan beobachtete. Elaios grinste hinter vorgehaltener Hand. Seine Belustigung offen zu zeigen, traute er sich nicht, denn er wusste, dass es Akuma egal war, dass er ein Senator war, wenn er ihn erst einmal in den Fingern hatte. Und er wusste, dass Meodin es genießen würde, ihn mit sich hinab in die Hölle der Qualen zu reißen.

„Ich muss rüber, in einer Stunde beginnt die Ratssitzung und vorher will ich noch mit Bill reden wegen der Fruchtbarkeitsversuche“, sagte Erdogan. Er musste sich hier absetzen, auch wenn er wusste, dass der Rest sich noch weiter beraten würde. „Alle Beschlüsse und Szenarien schriftlich an mich.“

Alle nickten und Erdogan nahm Meodin das Blatt weg, um ihn kurz küssen zu können. „Bis später, Liebling“, verabschiedete er sich und war dann auch schon weg, so dass das Seepferdchen ihm nur noch sehnsüchtig hinterher sehen konnte. „Okay, sehen wir zu, dass wir Erdogan nachher was präsentieren können“, brachte Leander alle wieder zum Thema ihres Treffens. Nur Meodin war erst wieder mental bei ihnen, als Erdogans Schritte auf dem Flur verhallt waren.

Während sich also die Senatoren, der fürstliche Berater und der Archivar daran machten, alles zusammenzutragen, was sie fanden und daraus Strategien und mögliche Szenarien zu zimmern, deutete Akuma stumm auf Thom und Graham, eher er ihnen stumm bedeutete, ihm zu folgen. Ewan und Bahadur sahen sich an, grinsten und erhoben sich ebenfalls. Das mussten sie sehen!

„Nix da, ihr bleibt gefälligst hier“, fuhr Thom die beiden gleich an. „Habt ihr nichts Besseres zu tun?“ So weit kam das noch. Es reichte vollkommen, dass er und Graham sich vor Akuma lächerlich machten. Das war schon peinlich genug. „Hast du was gehört?“, fragte Bahadur Ewan grinsend und rieb sich über das Ohr. „Ich habe nur ein wütendes Summen im Ohr.“

„Hier sind manchmal Erdkäfer unterwegs“, sagte Ewan ungerührt. „Diego schleppt sie manchmal mit sich herum. Kann gut sein, dass ihm einer abhanden gekommen ist und jetzt hier herum schwirrt. Die brummen auch immer so komisch und zischen“, erklärte der Mole ungerührt, auch wenn sie wussten, dass das nicht sein konnte. Diego war vielleicht manchmal ein Chaot, aber dass er nichts mit ins Labor zu bringen hatte, wusste er. Aber das blöde Gesicht von Thom war es wert, ein wenig zu flunkern.

„Das wäre natürlich eine Erklärung. Wir sollten vielleicht mal einen Kammerjäger beauftragen.“ Der Prinz drehte sich zu Akuma. „Dann können wir ja los, General, oder? Erst ein paar Runden ums Wäldchen?“

„Ohne uns“, erklärte Thom trotzig. Er hatte keine Lust vorgeführt zu werden und auch Akuma spürte, dass die blöden Witze seinen neuen Schützlingen nicht gerade gut taten. „Ja, lauft ihr ums Wäldchen. Am besten drei Stunden lang. Ich gehe mit den beiden in den Parcours.“ Wichtiger war ihm, dass die beiden Männer in Form kamen, als Ewan und Bahadur zu bespaßen.

„Spielverderber“, knurrte Bahadur leise, aber er hatte verstanden. Akuma wollte sie nicht dabei haben und der Prinz kannte den General gut genug, um ihm da nicht zu widersprechen.

„Ihr beide zieht euch um und wir treffen uns in fünfzehn Minuten im Parcour“, gab Akuma Anweisungen an seine Opfer und bedachte Bahadur und Ewan mit einem finsteren Blick.

„Das sieht nach blauen Flecken aus, wenn er uns das nächste Mal beim Wickel haben wird“, murmelte Ewan, der zwar von seiner Stärke überzeugt war, doch der General war um einiges schneller, weswegen er den Mole immer wieder im Zweikampf die eine oder andere Blessur beibrachte. Selbst der Vampir hatte Tage, an denen er einem mit Serum gepuschten Akuma nicht ausweichen konnte und einstecken musste. Und der Blick eben hatte ihnen klar gemacht, dass ihnen ähnliches in Kürze wieder bevor stand. Besser sie machten, dass sie aus der Reichweite kamen, während Thom Graham mit sich schleifte. „Kannst Klamotten von mir haben. In 15 Minuten schaffen wir es nicht bis zu euch und wieder zurück und noch mal will ich nicht zu spät sein.“

„Kannst du mir mal verraten, wie wir wieder in so einen Schlamassel geraten konnten?“, brummte Graham verstimmt. „Natürlich bin ich kein Soldat. Ich will auch keiner sein. Wenn dann wäre ich höchstens ein Seemann.“ Graham war sauer und das sollten auch ruhig alle merken.

„Ihr habt keine Kondition, keinerlei Disziplin und keine Vorstellung von dem, was auf euch zu kommen kann. Ich werde euch nicht gehen lassen, wenn ihr nicht wenigstens ansatzweise in der Lage seid zu überleben“, erklärte Akuma und verließ den Raum. Er ging davon aus, dass die beiden taten, was er erwartete, wenn sie seinen Segen zur Mission haben wollten.

„Ich glaube, das ist seine Art, sich Sorgen zu machen“, murmelte Thom und sah Graham entschuldigend an.

„Das ist mir auch klar“, muffelte Graham aber nicht mehr ganz so wütend. Er hatte ja insgeheim damit gerechnet, dass so etwas kommen würde, aber er hatte gehofft, darum herum zu kommen. Er mochte keinen Sport und jetzt unter Zwang damit anzufangen, gefiel ihm gar nicht. Aber vielleicht hatte der General wirklich Recht – wenn sie erst einmal ganz auf sich gestellt waren, war es bestimmt von Vorteil, wenn sie weglaufen konnten oder ihnen ihr Instinkt ein Versteck zeigte, ohne dass sie lange suchen mussten. Lynn hätte sicherlich ihre helle Freude daran, ihn jetzt sehen zu können. Er seufzte.

„Komm, ziehen wir uns um. Es war ja entgegenkommend, dass er die beiden anderen rausgeschmissen hat. Da will ich mir nicht noch seinen Zorn zuziehen, weil wir wieder zu spät kommen.“

„Ganz bestimmt nicht. Akuma gegen sich zu haben ist nichts, was man anstreben sollte. Frag mal Bahadur, wie man sich dann fühlt.“ Thom grinste schief und ging los. Graham folgte ihm und versuchte sich nicht vorzustellen, was gleich auf ihn zukommen würde. Das letzte Mal, dass er Sport getrieben hatte, war in seiner Kindheit gewesen und das war schon eine Weile her.


20 

„Ein bisschen tun sie mir schon leid“, sagte Meodin, der den beiden hinterher gesehen hatte, bis auch sie verschwunden waren und blickte zu den Senatoren. „Aber nicht so leid, dass ich ihr Schicksal teilen will. Also fangen wir an“, lenkte das Seepferdchen gleich ab, als er Leanders Blick richtig deutete. Wenn die beiden Couch-Potatoes schon ihr bestes gaben, damit die Mission ein Erfolg wurde, dann musste auch er sein Bestes geben. Also klemmte er sich hinter sein Terminal und suchte das, was Leander und die Senatoren brauchten, um die möglichen Szenarien und ihre Folgen aufzustellen.

Seine Finger flogen über die Tasten und die Bildschirme füllten sich mit den Informationen, die er schon vorbereitet hatte. „So, meine Herren. Das ist das, was wir über San Diego wissen“, leitete Leander die Diskussion ein. Sie hatten einiges vor, darum sollten sie anfangen. „Die Gottgleichen wollten eine Bondereinheit dort bauen, was sie aber nie zu Ende geführt haben.“

„Ebenfalls nicht ganz uninteressant ist die Staatsform. Ähnlich Neo New York regiert eine Familie als Oberhaupt gemeinsam mit einem Rat.“ Archiaon hatte sich erhoben und ging um den Tisch. Er konnte beim Laufen besser denken.

„Szenario eins – nennen wir es mal die beste aller Welten: sie empfangen uns mit offenen Armen und helfen uns weiter“, er sah in die Runde – „ wir wissen alle, dass das nicht passieren wird.“

„Warum?“, wollte Meodin wissen. „Kann doch gut sein.“

„Das liegt nicht in der Natur des Menschen. Alles Fremde macht ihm Angst, ob er sie nun zugeben will oder nicht.“ Leander blickte das Seepferdchen an und beneidete ihn manchmal um seine noch unschuldige Naivität. „Selbst wenn sie den Gottgleichen feindlich gegenüber stehen. Es steht nirgendwo geschrieben, dass sie sich gegen sie aufgelehnt hätten. Sie werden uns maximal empfangen – aber bestimmt nicht unterstützen. Szenario eins ist also nicht realisierbar.“

Elaios und Leander nickten. „Leider ist es wohl wirklich so.“ Der Mensch war nicht von Natur aus hilfsbereit und wenn es um Politik ging erst recht nicht. „Das zweite Szenario wäre das Horror-Szenaio schlecht hin, aber leider wahrscheinlicher, als das erste. Die Bewohner von San Diego verraten unsere Leute an die Gottgleichen, weil sie sich davon einen Vorteil versprechen.“

„Und das wäre sogar verständlich, schließlich waren sie auf die Geldquelle zum Ausbau der Infrastruktur angewiesen“, überlegte Leander und nickte, „wie sichern wir uns also ab, wenn das passieren sollte.“ Dabei sah er in die Runde. „Jetzt könnten wir ein paar von den strategischen Kampfmaschinen gebrauchen“, murmelte Meodin leise und blickte auf, als es an der Tür kicherte. „Reicht auch ein weniger kämpferischer medizinisch ausgebildeter Mole?“, wollte Adrian wissen. Erdogan hatte ihn gebeten die vier Männer zu unterstützen.

„Besser als nichts“, grinste Meodin frech und winkte Adrian zu sich. „Komm, setz dich dazu. Ich fürchte, wir können jede Meinung gebrauchen.“ Adrian war zwar keine der strategischen Kampfmaschinen, aber er hatte genug eigene Kampferfahrung, dass er weiterhelfen konnte. „Also, wie sichern wir uns ab?“, brachte Leander sich wieder in Erinnerung. „Dass beide Sender bekommen, ist schon klar, aber was können wir noch tun, um sie zu schützen.“

„Ich will nicht nur Sender, ich will, dass wir ihre Chips überwachen. Ich will zu jeder Zeit wissen, ob sie noch leben und wie es ihnen geht“, stellte Adrian gleich klar. Er rief sich eine freie Projektionsfläche auf und machte dort seine Notizen. Er hatte für einen krallenbewährten Mole eine überraschend gute Handschrift, die er bei Bill erlernt hatte. „Wenn Thom fertig ist, mit Akuma zu spielen, dann muss er ein paar Dinge in Erfahrung bringen. Ich will wissen, wie wir die Boote von Hand steuern können, ich will ihre maximale Geschwindigkeit und ich will wissen, wie wir sie vor San Diego in Warteposition gehen lassen können. Ihr wisst so gut wie ich, dass die Sender über so große Distanzen nicht verfolgt werden können. Also wird mindestens ein Boot vor der Küste auf Position bleiben, um sie zu bewachen. Ich will auf alles vorbereitet sein.“

„Von wegen, weniger kämpferischer Ersatz“, kicherte Meodin, als Adrian loslegte. Das war typisch für den Mole. Er kam sofort auf den Punkt und es war schwer ihn von etwas abzubringen, wenn er es wirklich wollte, oder wie in diesem Fall für überlebenswichtig hielt. Leander nickte zu Adrians Forderungen. Das deckte sich im Großen und Ganzen mit seinen Vorstellungen.

„Ich hatte Ewan, Daniel und Bill als Lehrmeister. Mach mir das nach und bleib normal dabei“, grinste Adrian das Seepferdchen an. „Und wenn noch so eine freche Bemerkung kommt, werde ich bei einem meiner Lehrmeister ein gutes Wort dafür einlegen, dass du auch mal ‘ne Runde mit Akuma spielen darfst. Dieses Mal ohne Rettungsmoles, wie wär’s?“ Zufrieden setzte sich der Mole und sah die anderen an. „Die Boote müssen wir auf jeden Fall noch einmal unter die Lupe nehmen und eine schnelle Eingreiftruppe vor Ort zu haben, wäre vielleicht zumindest für die ersten Tage auch nicht verkehrt. Sie müssen nur außerhalb der Reichweite von Scannern liegen, falls die San Diego Typen ihr Territorium überwachen.“ Leander machten sich ebenfalls Notizen.

„Die Boote nehmen wir gleich morgen in Angriff, denn das ist der aufwendigste Posten. Die Mission beginnt erst, wenn die Boote so funktionieren, wie wir sie brauchen“, erklärte Erdogans Berater, während er schrieb. Im Kopf überschlug er schon, wie viele Männer sie brauchten, die in dem Boot als schnelle Eingreiftruppe warteten. „Was meinst du, Adrian, sollen wir Bahadur fragen, ob wir dafür seine Leute nehmen können. Die kennen sich in dieser Angriffstaktik am besten aus.“

„Als erstes würde ich sagen, unser Archivar klemmt sich hinter seine Server und guckt, ob es irgendwo eine Betriebsanleitung für die Boote gibt. Ich glaube nicht, dass jeder Gottgleiche mit der intuitiven Fähigkeit geboren wird, so ein Ding zu führen. Das muss man lernen wie alles andere auch. Meo, mach dich am besten gleich an die Arbeit“, schlug Adrian vor, legte aber keinen befehlenden Ton an den Tag, schließlich war Meodin ein Zivilist, die reagierten da nicht so drauf wie Soldaten. „Und wenn wir davon ausgehen, dass unsere beiden Männer in San Diego in eine Falle laufen, werden sie anschließend alle Zugänge abriegeln. Wir brauchen also Männer, die in Strahlung überleben können.“

„Vampire und Moles … und wir brauchen endlich das Serum, das auch Menschen vertragen, nicht nur die Moles.“

Leander nickte und schrieb sich in Stichpunkten auf, was er als erstes erledigen wollte. Er ging davon aus, dass Bahadur ihnen mit seinen Leuten helfen würde. Es war auf jeden Fall genug Zeit, um die Vampire nach Neo New York zu bringen. „Geht klar“, kam es von Meodin. Seine Finger flogen schon über die Tasten und er suchte sich durch die Dateien um zu finden, was sie brauchten. Bisher hatten sie nach so etwas noch nie gesucht, weil sie es nicht gebraucht hatten. Jetzt sah das allerdings anders aus. Nicht nur dass sie jetzt wussten, dass die Boote viel schneller fahren konnten, als sie es taten, wenn sie von Kuppel zu Kuppel fuhren, auch dass die Technik untereinander kommunizieren konnte, wussten sie jetzt. Doch sie mussten noch mehr wissen, wenn sie nicht wieder überrascht werden wollten. „Ich will vor allem wissen, ob man die Schiffe extern lahm legen kann. Das letzte, was ich will, ist, dass meine Männer ersticken, nur weil ein Gottgleicher auf einen Knopf gedrückt hat“, erklärte Leander und sah sich noch einmal die Daten an, die auf den Bildschirmen und Projektionsflächen herum gesammelt wurden. Über ein Terminal schickte er eine Nachricht an Bahadur, vielleicht war er in der Nähe und konnte für eine Unterredung vorbei sehen.

„Ich tu, was ich kann.“ Meodin war schon vollkommen vertieft und wer ihn kannte, wusste, dass er von seinem Platz weggezerrt werden musste, wenn er etwas Schlaf kriegen sollte. Aber darum musste sich dann Erdogan kümmern. „Ewan und ich sind gleich da“, kam prompt die Antwort. Die zwei waren nicht weit weg. Wie Akuma vorgeschlagen hatte, waren sie zusammen um das Wäldchen gelaufen und bereits auf dem Rückweg. Eine Ablenkung kam ihnen ganz entgegen, denn sie hatten wirklich nicht bei der Läuterung der Couch-Potatoes dabei sein dürfen. So dauerte es keine zehn Minuten und sie standen wieder in der Tür zum Observatorium. „Was gibt es so wichtiges?“, wollte der Prinz wissen und griff sich eine der Wasserflaschen, die noch auf dem Tisch standen, reichte eine an Ewan weiter.

Leander setzte die beiden Neuankömmlinge ins Bild und fragte den Prinzen, ob es möglich war, dass ein paar seiner Vampire an der Mission teilnahmen. Bahadur musste gar nicht lange überlegen. Sie hatten eine Allianz, da war es selbstverständlich sich zu unterstützen. „Von mir aus, geht das klar. Ich werde aber meinen Vater kontaktieren müssen, denn letztendlich ist es seine Entscheidung.“

„Nichts anders habe ich erwartet“, sagte Leander, bedankte sich aber dafür, dass die Jiang Shi ohne lange Umschweife ihren Willen zur Hilfe bekundet hatten. „Wenn ihr vor der Glaskuppel steht und nicht rein kommt, helfen vielleicht ein paar Maulwürfe, die euch einen Tunnel rein graben können“, sagte Ewan und machte klar, dass er seine Männer ebenfalls um Hilfe bitten würde. Ihnen machte die Strahlung nichts aus. Das Serum funktionierte einwandfrei und außerhalb der Kuppel konnte ihnen auch niemand etwas antun.

„Eine perfekte Ergänzung zu meinen Leuten. Ich habe mir schon überlegt, ob wir da nicht eine dauerhafte Truppe draus machen sollten.“ Bahadur hatte das schon länger im Kopf, seit sich die Zusammenarbeit mit den Neo New Yorkern sich so positiv entwickelt hatte. „Menschen, Moles und Vampire. Mein Vater hat, seit wir hier sind, die Produktion des Serums angekurbelt, so dass meine Leute davon was mitbringen können. Wenn dann Vampire vielleicht dauerhaft hier sind, können wir vielleicht Serum hier herstellen.“

„Wir werden euch nicht melken“, sagte Leander, lächelte  aber. „Aber ich danke dir für den Vorschlag. Adrian ist in seiner Freizeit daran die synthetische Zusammensetzung der Blutprobe, die er von dir bekommen hat, aufzuschlüsseln. Vielleicht wird es eines Tages gelingen, das Serum herzustellen, ohne dass ihr jedes Mal zur Ader gelassen werden müsst.“

„Wer wird zur Ader gelassen?“ Plötzlich stand Akuma in der Tür und alle sahen ihn fragend an. Er fühlte sich unbehaglich, denn er konnte die Fragen auf den Gesichtern seiner Gegenüber spüren. „Sie leben noch – könnten morgen ein bisschen Muskelkater haben und haben Hausaufgaben mitbekommen“, knurrte er also.

„Dann ist ja gut. Wir brauchen Thom morgen noch“, lachte Leander. Er war nicht wirklich in Sorge gewesen, denn der General wusste, wie er vorgehen musste. „Leander will uns Vampire nicht zur Ader lassen. Ich habe ihm von unserer Idee mit der Einsatztruppe aus Vampiren, Menschen und Moles erzählt und dass wir versuchen könnten, das Serum für die Menschen hier zu produzieren.“

Akuma nickte verstehend und setzte sich. Eigentlich zuckte Meodin immer, wenn der General ihm zu nahe kam und er nicht von Moles umgeben war, mit denen er nach dem Mann werfen konnte. Doch im Augenblick war er so verbissen an seiner Aufgabe, dass er vergaß Angst zu haben, was selbst Akuma mit einer kurzzeitig gelupften Braue bekundete. Doch dann sah er wieder zu Bahadur. „Lass uns mit Naran sprechen, ob er Freiwillige bekommt. Meine Truppe ist rein menschlich, meine Männer kommen als nicht in Frage. Aber in Takoris Team sind ein paar, die sich um die Unterwanderung von ins Visier genommenen Kuppeln kümmern.“ Die meisten Vampire waren Wissenschaftler, sie erst noch auszubilden war zu riskant. Aber sie brauchten nur eine kleine Gruppe, die den Weg frei machte für die Truppen. Ein Dutzend Männer aus Vampiren und Moles sollten reichen.

„Ich werde meinen Vater bitten, mir die Akten aller Vampire im aktiven Militärdienst zu schicken. Dann können wir uns unsere Favoriten aussuchen und mein Vater kann sie fragen, ob sie Interesse haben hier eine Truppe aufzubauen.“ Bahadur brauchte Männer, auf die er sich verlassen konnte, denn er und Akuma konnten nicht ewig in Neo New York bleiben. Der General wurde für die nächsten Einsätze auf dem eigenen Kontinent gebraucht und der Prinz musste zurück in den Rat. Planmäßig hätten sie schon längst wieder zurück sein müssen.

„Das wäre eine gute Idee. Sag ihnen auch, dass sie nicht gleich bleiben müssen. Erst einmal brauchen wir jemanden, der unseren beiden Spionen den Rücken frei hält. Wenn sie dann noch einmal nach Hause wollen, ist das okay. Sie sollen dann hier her kommen, wenn sie bereit sind zu bleiben.“ Leander hatte vorrangig ihre Mission im Auge, alles andere konnten sie auch noch später besprechen und planen. Sicherlich fand sich auch so schnell keiner, der von nun auf jetzt seine Familie hinter sich lassen wollte.

Bahadur nickte. Gleich nach dieser Besprechung würde er seinen Vater kontaktieren, damit ihr Projekt in Gang kam. „Ich glaube, fürs erste haben wir erst einmal die Marschrichtiung vorgegeben. Akuma arbeitet mit Thom und Graham an der Fitness, Bahadur und ich kümmern uns um die Eingreiftruppe und das Seepferdchen macht halt Seepferdchenkram, wie immer“, fasste Leander zusammen und grinste, als es hinter dem Bildschirm knurrte. „Ich schicke Erdogan den Bericht, damit er im Bilde ist.“

„Geb dir gleich Seepferdchenkram“, knurrte es weiter hinter dem Bildschirm und ab und an linste eines der schwarzen Augen geschlitzt über den Rand. „Werd mich bei deinem Chef beschweren.“

Elaios und Archiaon versuchten nicht zu kichern, lenkten sich deswegen damit ab, die kompletten Notizen in ihre Palms zu übertragen und für Graham und Thom aufzubereiten, während Bahadur mit Ewan und Akuma bereits in Richtung Lager verschwunden war.

„Ich geh mal da hin, wo ich gebraucht werde“, verabschiedete sich auch Adrian und verschwand. Zurück blieben Leander und das Kram machende Seepferdchen.

Erst jetzt lachte Leander und ließ sich neben Meodin auf einen Stuhl fallen. „Du springst aber auch immer wieder darauf an“, zog er das Seepferdchen auf und lachte noch mehr, als es wieder knurrte. „Du bist echt leicht zu ärgern.“

„An deiner Stelle würde ich ab heute mit dem Rücken an der Wand schlafen und das mit offenen Augen. Ich hab den General besiegt, dich schaff ich mit links. Und wenn alles nicht reicht, greif ich zu schmutzigen Tricks und verpetze dich bei Erdo!“ Da kannte das Seepferdchen gar nichts, es hat ein großes Ego und wenn man das ärgerte, dann zog man sich nun einmal unweigerlich den Zorn der Götter zu.

„Uah, das würdest du tun?“, tat Leander erstaunt. Er liebte es, sich mit dem Seepferdchen zu kabbeln. Der schoss immer so herrlich zurück und ließ sich nicht gleich einschüchtern. „Dann mach ich mich wohl besser aus dem Staub.“ Leander wuschelte noch einmal durch die hellen Haare und machte dann, dass er wegkam. Nicht dass er noch einen Schlag abbekam. „Lauf nur, Unwürdiger. Mein Zorn wird dich finden, meine Rache dich schänden, meine …“

„Wen willst du schänden?“, verwirrt steckte Connor den Kopf rein, der gerade auf dem Weg zur Kantine war, und den Krach vernommen hatte.

„Den fürstlichen Berater!“, knurrte das Seepferdchen und sortierte sich die Haare.

„Weiß Erdogan davon, dass du andere Männer schänden willst?“, fragte der große Mole und hielt schnell einen Apfel in Meodins Richtung, nicht dass er der nächste auf Meodins Schändungsliste wurde, so wie das Seepferdchen gerade guckte. „Ich habe frischen Kuchen. Soll ich dir welchen bringen?“

Die schwarzen, stechenden Augen wurden so schmal, dass man von den Iriden nichts mehr sah. Hastig griff er den Apfel und knurrte. „Ich lass ihn dran teilhaben und für den frechen Spruch bekomme ich zwei Stück Kuchen und Milch.“

„Kuchen?“ Diego guckte um die Ecke. Er suchte seinen Bruder, weil sie in die Kuppel der Eve-Bewohner wollten, um bei den Feldarbeiten zu helfen.

 

21 

Connor verdrehte die Augen und murmelte leise etwas davon, dass er es eigentlich hätte wissen müssen, dass Diego gerochen hatte, dass es etwas Leckeres gab. „Du kriegst aber nur ein Stück. Möchtest du auch Milch?“

„Und warum bekomme ich nur ein Stück und Meo darf zwei verlangen, ohne dafür geköpft zu werden?“, wollte der kleine Mole gleich wissen und kam näher, wackelte dabei aufgebracht mit seinem Stummelschwänzchen.

„Weil ich mich von der Schändung durch ein rachsüchtiges Seepferdchen frei kaufen wollte. Und bevor du fragst: Ich erkläre dir nicht, was Schändung ist. Frag den Archivar, ich mach die Milch warm.“ Und weg war der große Mole, während Diego vergessen hatte, warum er eigentlich im Labor war und nun dichter zu Meodin kam.

„Mensch, Diego. Leander war frech zu mir, darum muss ich ihn bestrafen, das meinte ich mit schänden.“ Jetzt musste Meodin grinsen. „Hat uns immerhin Kuchen und Milch eingebracht“, kicherte er und leckte sich schon mal über die Lippen. Er wusste zwar nicht, welchen Kuchen er kriegte, aber wenn Connor ihn gemacht hatte, war er lecker.

„Ja, das schon. Aber dir mehr als mir und das ist mal total ungerecht. Schließlich bin ich noch im Wachstum und müsste eigentlich den zweiten Kuchen bekommen. Nicht du. Du machst ja nicht mal Sport und sitzt nur am Schreibtisch. Da wirst du bestimmt fett!“ Diego nickte bestätigend zu seinen Worten und verschränkte die Arme.

Meodin blies die Backen auf und zeigte Diego einen Vogel. „Wenn du mehr Kuchen möchtest, dann sieh zu, dass du Connor dazu bringst. Ich habe mir mein zweites Stück hart erarbeitet.“ So weit kam es noch, dass er seinen Kuchen freiwillig aufgab. Schließlich klappte es nur selten Connor etwas abzuringen.

„Pah!“, machte der kleine Mole, „hart erarbeitet. Du hast es dir erpresst. Das ist doch keine Arbeit. Bei Arbeit muss man schwitzen!“ Und dann grinste er gehässig und machte auf dem Absatz kehrt. „Und du unsportliche Seegurke bist niemals vor mir am Kuchen!“ Meodin konnte nur noch die Augen aufreißen, als die Staubwolke verschwunden war.

„Elende kleine Grabratte. Fass meinen Kuchen an und du stirbst“, schrie er, während er seinem Freund hinterher hetzte. Er mochte unsportlich sein, aber rennen konnte er und so gab er alles, um Diego einzuholen. Egal, wenn er sich morgen nicht bewegen konnte, weil ihm die Beine weh taten. Da musste er nicht laufen und konnte den ganzen Tag sitzen. Er erblickte Diego auch, als er gerade um die Ecke zur Cafeteria bog und mit einem gezielten Hechtsprung warf er den überrascht quiekenden Mole zu Boden – mitten rein in die Cafeteria – zum Amüsement der Gäste und zum Ärger von Connor, der das gar nicht leiden konnte. So sah Meodin, der gerade den quietschenden Mole zu Boden rang nur noch, wie Teller und Gläser gerade wieder weggeräumt wurden. „Nein!“

Er versuchte auf die Beine zu kommen, was aber gar nicht so einfach war. „Bei mir kriegt niemand was, wenn er sich nicht benehmen kann und in meine Cafeteria fliegt“, erklärte der Mole streng, als Meodin auf allen vieren auf ihn zugeschliddert kam. „Egal, ob ich dann auf deine Liste komme.“

„Aber das war alles wegen Diego!“, erklärte das Seepferdchen, als es sich an der Theke endlich aufgerichtet hatte und dabei zusah, wie Milch und Kuchen in der Kühlkammer landeten. „Was? Wegen mir?“

„Ja, klar wegen dir! Wer wollte mir den Kuchen wegfressen!“

„Aber er steht mir zu – ich bin klein und noch im Wachstum!“

„Mir egal – ich habe mir den Kuchen verdient!“

„Erpresst!“

Und so ging das noch eine ganze Weile zwischen den beiden hin und her, ohne dass sie merkten, dass sie es damit nur schlimmer machten.

Schließlich wurden sie von Connor aus der Cafeteria geschoben, was sie noch nicht einmal wirklich bemerkten, so sehr waren sie damit beschäftigt, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. „Kommt wieder, wenn ihr euch benehmen könnt, dann kann jeder von euch ein Stück Kuchen und Milch haben, aber vorher nicht und auch nicht mehr.“

„Was?“ Meodin glaubte sich verhört zu haben. Hatte er wirklich gerade wegen der kleinen Grabratte sein zweites Stück Kuchen eingebüßt? Mit geschlitzten Augen guckte er auf Diego, der ebenfalls leise knurrte. „Na toll. Weil du so verfressen bist, habe ich jetzt nur noch ein Stück Kuchen.“

„Noch ein bisschen und es gibt gar nichts mehr.“ So langsam hatte Connor die Faxen dicke und die beiden Aufrührer bekamen beide einen Schlag an den Hinterkopf. Das sollte ja eigentlich beim denken helfen.

„Menno“, knurrte Meodin leise, schien aber langsam zu begreifen. „Du hast mich aber mit Essen hier her gelockt und das hätte ich jetzt gern!“, erklärte er und sah Connor offen an. Der konnte doch nicht ernst machen und die versprochenen Leckerchen wegschließen.

„Benimm dich und du kriegst was. Das gilt auch für dich, Diego, noch mehr Gemaule und der Kuchen ist gestrichen“, erklärte der große Mole streng und fasste beide fest ins Auge. „In meiner Cafeteria herrscht Ordnung und kein Chaos.“

„Ja, aber…“ wollte Diego noch mal dagegenhalten, dass er es ja gewesen war, der zu Boden gerissen worden war – gegen seinen Willen, doch Meodin stieß ihm in die Seite. „Halt die Klappe, sonst ist es egal, wer was gemacht hat. Dann gehen wir ohne Milch und Kuchen nach Hause“, zischte er und machte einen langen Hals um Connor herum. „Wir machen nix mehr! Gibt’s jetzt Kuchen?“

„Hinsetzen“, brummte der Koch und stapfte los zum Kühlraum. Die Milch dürfte noch warm sein und wenn nicht, hatten die zwei Spinner eben Pech gehabt. Strafe musste sein. Dass es etwas nutzte, glaubte er allerdings nicht. Die zwei waren Chaoten und würden es immer bleiben. Das war in den Genen, da war nichts mehr zu retten. Vielleicht wurde es besser, wenn Diego in die Schule ging. Auf den Aufschrei warteten im Lager schon einige, wenn Ewan den jungen Mole darüber informieren musste. Noch hatte er nicht die richtige Gelegenheit gefunden, sagte der Anführer immer. Aber sie wussten es besser: er hatte Angst. Connor grinste bei dem Gedanken dass es doch etwas gab – neben Adrians Spritzen – was Ewan Angst machte.

Die beiden Delinquenten nahmen Platz und nahmen brav ihre Teller und Gläser entgegen, fingen stumm an zu essen, ehe Connor es sich doch noch einmal anders überlegte.

Dabei maßen sie sich allerdings mit wütenden Blicken, aber sie sagten kein Wort, weil Connor mit strenger Miene neben ihrem Tisch stand. „Lecker“, sagte das Seepferdchen allerdings, weil es wusste, was sich gehörte. Das war auch nicht gelogen. Connor hatte Blaubeerkuchen gebacken, den mochte Meodin besonders gerne.

Doch als jemand anderes im Raum noch etwas bestellen wollte, wandte der Küchenchef sich ab und überließ die beiden Delinquenten sich selbst. Die maßen sich immer noch mit Blicken, doch dann mussten sie beide anfangen zu grinsen. Irgendwie endete Futterneid bei ihnen immer im Chaos. Um den Kuchen auch bis zum Ende genießen zu können, hielten sie lieber die Klappe und brachten sogar ihr Geschirr weg, als sie fertig waren. Schließlich wollten sie irgendwann noch einmal hier was zu essen bekommen.

Sie wollten gerade den Raum verlassen, da pfiff Connor nach ihnen und warf ihnen beiden etwas zu, als sie sich umdrehten. „Kein Wort und jetzt raus hier.“ Meodin winkte dem Koch grinsend zu, denn jeder hatte noch ein Stück Kuchen bekommen. Das konnte er später essen. Er zerrte Diego hinter sich her und kicherte. „Cool, der war nämlich lecker.“

„Ja, war er und deswegen war er den Kampf allemal wert, ich würd‘s wieder tun“, erklärte Diego grinsend. Doch dann trennten sich ihre Wege wieder, denn Diego wollte endlich seinen Bruder finden und Meodin hatte auch noch eine Aufgabe zu erledigen. Wenn er nichts fand, dann mussten sie auf gut Glück mit den Booten experimentieren und das war sicherlich keine gute Idee.

So ging er mit seinem Stück Kuchen zurück ins Observatorium, wo Jack schon wieder an der Kugel zu Gange war. Ein kurzer Gruß, dann hockte Meodin wieder hinter seinem System und checkte, was die Suchroutinen in seiner Abwesenheit aufgetan hatten.

Es war eine ganze Menge, aber da er die Suchkriterien nur grob vorgegeben hatte, war vieles dabei, was er gleich entsorgen konnte. Also machte er sich an die Arbeit zu sortieren. Beiseite zu legen, was er sich noch genauer ansehen wollte und das wegzuschmeißen, was völlig unbrauchbar war.

„Hoppla“, murmelte er irgendwann, als er sich durch eine Datei klickte. „Ich glaub, das isses“, murmelte das Seepferdchen leise und grinste dann zufrieden. Es schien als hätte er Thom gerade Arbeit verschafft. Er klickte noch ein paar Seiten weiter, alles befasste sich mit den Tauchbooten. Mit dem Aufbau, der Elektronik, der Steuerung und der Lenkung. „Ich bin der beste!“

„Das habe ich gewusst“, kam es belustigt aus Richtung der Tür und Meodin ruckte herum. „Erdo“. rief er strahlend und sprang auf, damit er sich in die geöffneten Arme des Fürsten werfen konnte. „Du warst anscheinend erfolgreich“, konnte Erdogan gerade noch sagen, bevor seine Lippen stürmisch verschlossen wurden. Er konnte spüren, wie intensiv sein Seepferdchen ihn vermisst hatte und war froh darüber. Er hatte Sorge gehabt, dass – wenn sie sich so wenig sahen – Meodins Interesse an ihm abebben würde. Doch so war es nicht. Er lächelte, als er sich löste. „Connor hat Blaubeerkuchen gemacht?“

Meodin grinste und zeigte auf das gerettete Stück, schob es Erdogan rüber, ehe er sich wieder dicht an ihn lehnte und leise schnurrte.

„Hab die Anleitung gefunden, aber noch nicht gelesen, weiß nicht, ob das drinnen steht was wir suchen, also werde ich noch etwas weiter suchen – aber nicht jetzt. Jetzt …“ er ließ seinen Satz offen, störte sich nicht an Jack hinter der Kugel und kletterte seinem Fürsten auf den Schoß.

Er wurde gleich von starken Armen umschlossen und Erdogan lächelte. „Nein, jetzt nicht. Jetzt werde ich es einfach genießen, dass ich für heute Schluss habe und du auch gerade ein wenig Zeit hast.“ Sanft nippten seine Lippen über das geliebte Gesicht. „Ich bleibe heute Nacht bei dir.“

„Das ist schön“, nuschelte Meodin, doch er wollte jetzt nicht reden. Er wollte spüren, dass Erdogan bei ihm war, dass sie einander hatten und Meodin nicht allein war, wie so oft in den letzten Monaten. Er vermisste seinen Prinzen oft, doch er sagte es ihm nicht, denn er wusste, dass es Erdogan schwer genug fiel, den Spagat zwischen den Kuppeln zu wagen. Es wäre einfacher, wenn Meodin zu ihm in die Hauptkuppel gehen würde, doch das brachte er noch immer nicht über sich, auch wenn seine Entführung schon Monate her war und sie sicher waren, dass es nicht noch einmal jemand wagen würde, Meodin anzugreifen.

So versanken sie für ein paar Minuten in ihrer eigenen Welt und versicherten sich der Anwesenheit des anderen. Erst dann wurden die Küsse sanfter und Erdogan seufzte zufrieden. Das hatte er jetzt gebraucht. „Ich fahre gleich nach Hause und werde duschen. Danach werde ich Sal bespaßen und auf dich warten. Mach also nicht mehr so lange.“

„Ich habe meine Hausaufgaben für heute gemacht. Ich komme mit“, beschloss das Seepferdchen spontan. Das passierte auch nicht so oft, dass er seine Arbeit einfach zurück ließ. Doch er hatte etwas gefunden, womit man anfangen konnte zu experimentieren. Mit einer Hand auf dem Terminal versendet er das Dokument an die Üblichen und meldete sich vom System ab. „Dann können wir zusammen Sal bespaßen und vielleicht auch zusammen duschen“, kicherte er frech und legte seine Arme noch einmal um Erdogans Nacken.

„Das ist natürlich noch besser.“ Erdogan verschränkte seine Arme unter Meodins Hintern und stand auf. So konnte sein Schatz entweder die Beine um ihn legen und sich tragen lassen, oder sich hinstellen. „Wenn du schon gleich mit kommst, wäre ich dafür vor dem Duschen noch ein wenig zu schwimmen.“ Das hatten sie auch schon lange nicht mehr zusammen gemacht. Wenn er sich schon ein paar Stunden Freizeit erschlichen hatte, dann sollten sie auch perfekt genutzt werden. Schließlich verzichtete Leander gerade auf seine Freizeit und wenn er erfuhr, dass sie diese nicht stilecht genutzt hatten, dann???.

„Baden, Sal!“, lachte Meodin und grinste zufrieden, als der Birdell sich wieder in Erdogans Rüstung zurückzog. Wasser war immer noch nicht sein Element. Meodin stellte die Füße auf den Boden. Er wollte nicht, dass ihnen die Männer wissend hinterher sahen. „Aber den Kuchen nehmen wir mit, den habe ich hart erarbeitet und einen Mole zu Boden geworfen.“

Erdogan sah Meodin mit hochgezogener Augenbraue an und lachte dann laut. „Das musst du mir unbedingt erzählen, wenn wir den Kuchen essen.“ Er legte einen Arm um Meodin und schlenderte mit ihm zum Ausgang. Das war auch etwas, was er genoss. Einmal nicht von Termin zu Termin hetzen, sondern sich Zeit lassen können. Deswegen nahmen sie auch nicht den Wagen zurück ins Lager sondern gingen zu Fuß. Die Sonne stand noch am Himmel und sie genossen beide den Luxus, sich die Zeit nehmen zu können, wie sie wollten. Wer sie sah, wunderte sich, doch sagte nichts. Ohne sich ablenken zu lassen, verschwanden sie in ihren Räumen – die Tür gönnte ihnen die Privatsphäre, die sie jetzt brauchten, bis zum nächsten Morgen.