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Zyklus VIII - Eve 01 - Teil 22-23

22

„Endlich!“ Lynn packte ihre Schulsachen zusammen, als die Schulglocke ertönte. Sie hatte Hunger und wollte nur nach Hause. „Kommst du mit zu uns?“, fragte sie Diego, der neben ihr saß und ebenfalls seine Tasche packte. Seit zwei Wochen war jetzt wieder Schule und Diego hatte genau seit die Schule begonnen hatte, schlechte Laune. Es war ihm egal, dass seine Bücher an den Ecken zerknickten, weil er sie unsanft stopfte. Er war ein Mole. Moles gingen nicht zur Schule. Aber nein, Ewan hatte nicht mit sich reden lassen, egal, was Diego für Argumente vorgetragen hatte. Jetzt hockte er jeden Tag hier und langweilte sich zu Tode.

„Weiß nicht“, muffelte er grantig und schwang sich die Tasche über die Schulter. „Kommt Iowa auch?“ Die beiden Jungs hatten sich angefreundet, trotz des holprigen Starts, den sie gehabt hatten. Nur Iowas Begeisterung für das Lernen war noch nicht auf den jungen Mole übergeschwappt. Da wehrte sich Diego eisern. Zwar war er schon mal neugierig, was alles möglich war, aber er war eben ein Mole und stur. Selbst sein Bruder hatte Diegos Schulbesuch befürwortet und Adrian sowieso. Diegos einziger Lichtblick waren die Pausen in denen er herum toben durfte. Doch dann musste er sich das Fell ausklopfen, ehe er wieder in den Klassenraum durfte. Nicht, dass er persönlich Wert darauf legte, aber wenn er fehlte, dann petzte der Lehrer – sein persönlicher neuer Feind – und dann gab es Ärger mit Ewan, Dylan und Adrian. Nichts, was ein kleiner Mole gern haben wollte.

„Wohin komme ich?“, fragte Iowa und legte seine Arme um Diego und Lynn. Er hatte kurz mit dem Lehrer geredet und nur mit halbem Ohr mitgehört. „Mit zu mir“, lachte Lynn und knufft ihn in die Seite. „Diego ist mies drauf, da will er wohl raufen. Dafür braucht er dich?“, erklärte sie noch frech und machte, dass sie davon kam. Die beiden Jungs sahen sich an. „Ich bin dafür, dass wir Lynn kalt stellen und dann rüber zur Versorgungskuppel gehen“, sagte Diego, doch Iowa sah ihn streng an. „Du versuchst das aber auch jeden Tag, du weißt doch, dass wir dich ohne deine Hausaufgaben nicht gehen lassen dürfen. Glaubst du, ich habe Bock, dass mich Adrian zur Schnecke macht? Vergiss es, das bade selber aus“, grinste Iowa und knuffte den murrenden Mole. „Man kann’s ja mal versuchen – der Versuch an sich ist ja nicht strafbar“, nuschelte er leise und schulterte seine Tasche, die in den letzten beiden Wochen schon ganz schön gelitten hatte.

„Versuch es ruhig weiter. Du wirst allerdings keinen Erfolg haben.“ Er zog Diego am Arm mit sich, weil der sich immer noch etwas wehrte und hoffte sich doch noch absetzen zu können. Damit Iowa es etwas leichter hatte, nahm sich Lynn den anderen Arm und so musste Diego sich ergeben. „Dann will ich auch was zu essen“, muffelte er leise.

„Kriegst du. Heute ist Graham dran mit Kochen. Mom hatte gestern übernommen, weil Graham nicht mehr kriechen konnte. Der General muss die beiden ganz schön quälen“, kicherte Iowa, zog aber den Kopf ein, als er es hinter sich räuspern hörte. Thom – wer auch sonst, wenn Graham kochte! Er hatte ja – wie schon einmal abgeklärt – das interne Radar dafür.

„Möchtest du uns zu unserer nächsten Trainingsrunde begleiten, Junge?“, fragte er fies grinsend und Iowa wedelte gleich abwehrend mit den Händen. „Ich bin doch nicht verrückt. Ich bin bekennender Nichtsportler. In einen Lesezirkel, würd ich sofort eintreten.“ Iowa lachte frech und schob dann Diego Richtung Thom. „Nimm den hier, der liebt es zu rennen und zu raufen.“

„Der junge Mann macht erst mal seine Hausaufgaben, nicht wahr Diego?“, fragte Thom und ging neben den Jugendlichen her. Der Mole muffelte leise. Es hatte ja sowieso keinen Sinn, sich noch aufzuregen. Das hatte die letzten zwei Wochen nichts gebracht und er glaubte nicht, dass sich an dem Zustand noch etwas ändern würde. Klar tobte er gern und raufte, aber er hatte dafür gar keine Zeit mehr. Er konnte nicht mehr mit Meo und Dylan mittags ins Aquarium gehen oder am Nachmittag zum Wäldchen, weil er blöde Sachen lernen musste, von denen er sicher war, dass er die im Leben nicht brauchte. Wen interessierte es denn bitte, wie viele Zinsen er nach sieben Jahren haben würde – er hatte kein Geld, folglich auch keine Zinsen.

„Jetzt mecker nicht. Da mussten wir alle durch.“ Thom legte Diego eine Hand auf die Schulter und lächelte. „Ich weiß, dass Toben und Freizeit schöner ist, aber du willst doch später mithelfen, dass es deinem Volk besser geht und dazu brauchst du eben ein bestimmtes Wissen, auch wenn es dir jetzt unsinnig erscheint.“

„Adrian und Ewan waren nie in einer Schule und Ewan ist total stark und Anführer und Adrian ist total schlau. Ich finde ein Mole sollte von Moles Mole-Kram lernen.“ Diego zeigte sich noch immer nicht einsichtig. Zwar war er von allen Schülern sehr nett aufgenommen worden und niemand mied oder schnitt ihn, doch als einziger seiner Art fühlte er sich immer unterrepräsentiert. Thom machte sich eine mentale Notiz. Er musste mit Meodin reden, ob er nicht auch etwas über die Geschichte der Moles in den Archiven finden konnte, was die Schüler dann lernen konnten. Vielleicht machte das Diego es einfacher.

„Da hast du natürlich Recht, aber du musst bedenken, dass es nicht nur noch die Moles gibt, sondern dass ihr in den Menschen Verbündete gefunden habt. Alle sollen die gleichen Chancen bekommen.“ Thom war schon klar, dass er Diego die Schule nicht schmackhaft machen konnte, aber vielleicht setzte doch irgendwann ein Umdenken ein, wenn man es nur oft genug wiederholte.

„Guck mal, Graham, was ich auf dem Weg hierher aufgegabelt habe“, rief er lachend, als sie am Zelt seines Freundes ankamen. „Wo hast du dich denn herum getrieben, um so was aufzugabeln?“, lachte Graham und deckte gerade auf der kleinen Terrasse, die neuerdings seinem Zelt vorgelagert war und von einem Sonnensegel überspannt wurde, den Tisch. Er nahm Lynn in den Arm, wuschelte Iowa und Diego über den Kopf und knuffte Thom, als einer nach dem anderen die Treppe hoch kam.

„In ganz verruchten Ecken“, entgegnete Thom und war mental immer noch dabei, vielleicht etwas Einfluss auf den Lehrplan ausüben zu lassen. Vielleicht taten Diego ein paar Stunden Körperertüchtigung in der Woche gut, wenn er nicht nur still sitzen musste, sondern mit den anderen um die Wette laufen oder springen, gab es vielleicht auch mal Leistungsvergleiche, die zu seinen Gunsten ausgingen. Der Kleine brauchte Erfolge.

Er musste das unbedingt gleich morgen mit Meodin und Erdogan besprechen, damit der Lehrplan umgeändert wurde. Den anderen Kindern würde etwas mehr Sport auch nicht schaden. Aber er wurde von dem köstlichen Geruch abgelenkt, der ihm aus Grahams Töpfen entgegenschlug. „Nudeln mit Lachs“, rief er begeistert und leckte sich über die Lippen. „Los hinsetzen, bevor es kalt wird.“

„Dass ihr nach den Trainingseinheiten schon wieder feste Nahrung zu euch nehmen könnt“, sagte Diego und beäugte das Essen. Seine Augen strahlten, als er die gekochten Kartoffeln entdeckte, denn die Moles mochten immer noch das am liebsten, was unter der Erde wuchs. Zwar probierten sie auch das, was die Menschen gern aßen, doch Diego war ein Kartoffel-Mole mit Leib und Seele und verbrannte sich gleich die Finger, als er nach einer der heißen Knollen greifen wollte.

„Wir müssen essen, wenn wir die Trainingseinheiten überstehen wollen. Akuma ist gnadenlos. Ich glaube, der ist kein Mensch sondern ein Roboter mit Atomantrieb.“ Thom musste aber zugeben, dass das Trainingsprogramm ihm schon nicht mehr so viel Mühe machte. Er hatte eine Menge Fett verloren und Muskelmasse zugelegt, genauso wie Graham. Jetzt machte es ihnen nichts mehr aus, dreimal um das Wäldchen zu joggen. Auch die Übungen zur Meditation und inneren Ruhen kamen ihm entgegen und die meisten der strategischen Einheiten machten sogar Sinn.

„Ja, der Kerl ist heftig“, murmelte Diego, „selbst die Vampire, die vor drei Tagen angekommen sind, scheinen ziemlichen Respekt vor ihm zu haben. Keiner widerspricht, keiner stellt ihn in Frage und Blickkontakt vermeiden sie auch. Sagt zumindest Dylan. Ich kann das ja nicht wissen, ich war ja nicht DA!“ Jetzt griff sich der Mole doch eine der Kartoffeln und warf sie von einer Handfläche in die andere, bis sie kalt genug war.

„Er ist der oberste Feldherr der Jiang Shi und seinen Ruf hat er bestimmt nicht durch Freundlichkeit und Nachgiebigkeit bekommen.“ Graham konnte das Verhalten verstehen, auch wenn er persönlich, gut mit Akuma auskam. Sie waren zwar keine Freunde, aber sie respektierten sich. Am Anfang war es schwer gewesen, aber Graham hatte sich durchgebissen und das hatte dem General imponiert.

„Ich will die Neuen auch mal sehen.“ Diego knabberte zufrieden an seiner Kartoffel, die er immer mit etwas Salz würzte, eine Leidenschaft die er unter den Menschen erst angenommen hatte. Moles würzten ihre Speisen eigentlich nicht. Auch Butter, die Ewans heimliches Laster war, hatte der Mole erst bei Odin kennen gelernt. „Sie hängen wohl ständig mit Ewans Männern zusammen und weil im Lager keine Zimmer mehr frei sind, wohnen sie in der Hauptkuppel.“

„Sie sehen auch nur aus wie Menschen.“ Thom aß auch endlich, denn es roch nicht nur herrlich, es schmeckte auch noch so. Lynn und Iowa waren da schon weiter, ihre Teller waren schon fast leer.

„Bahadur sieht ja auch nicht anders aus, bis auf seine Augen. Sie sind halt nur verdammt stark und schnell.“ Thom nickte nur mit vollem Mund und behielt die Schüssel im Auge, nicht dass die gleich leer war und er nichts mehr abbekam. „Ich hab mal mitgekriegt, wie Akuma und Bahadur zusammen gekämpft haben, als der General das Serum genommen hatte.“ Thom nahm sich noch etwas und konnte nun entspannter erzählen. „Ich sag dir, die waren so schnell, dass man kaum etwas von den Schlägen und Tritten mitbekommen hat.“

„Nehmt ihr das auch, wenn ihr auf eure Mission geht?“, wollte Lynn wissen. Zwar erzählte ihr ihr Vater alles, damit sie sich ein Bild machen konnte, aber von dem Serum war nie die Rede gewesen. Sie wusste von Dylan, dass Adrian bereits eine Probe hatte und damit Versuche machte - aber da ging es um die Inhaltsstoffe, nicht um die Wirkung. Jetzt hatten die Jiang Shi wohl mehr mitgebracht, damit die Menschen aus Neo New York es testen konnten. „Würde ja Sinn machen.“

„Erdogan überlegt noch, ob wir etwas mitnehmen sollen. Ich weiß es also nicht.“ Graham wusste auch nicht, ob er das nehmen wollte. Er war kein Soldat, der seine Kraft und Reflexe im Griff hatte. Er fürchtete sich davor, jemanden unabsichtlich zu verletzen, wenn er das Serum genommen hatte. Es sollte also wirklich nur im Notfall genommen werden.

„Würde es nicht mehr Sinn machen, wenn ihr es vorher einmal kontrolliert nehmt, damit der General oder der Prinz euch einweisen und auf ein paar Schwachpunkte hinweisen können oder das die Ärzte euch dabei beaufsichtigen können? Soweit ich gehört habe, verträgt das nicht jeder gleich gut“, sagte Iowa nachdenklich. Er hatte sich ebenfalls mit der Mission der beiden Männer beschäftigt und machte sich so seine eigenen Gedanken. Er bewunderte Lynn dafür, dass sie ihren Vater einfach so ziehen lassen konnte. Aber er selbst kannte sie auch gut genug, um in ihren Augen zu sehen, dass sie Angst hatte.

Von den anderen ungesehen, legte er seiner Freundin kurz eine Hand auf das Bein und drückte tröstend zu. „Glaub mir, wenn beschlossen wird, dass wir es mitnehmen, wird Akuma uns nicht gehen lassen, ohne dass es an uns getestet wurde.“ Thom sah anerkennend zu Iowa. Der Junge war klug und verstand Zusammenhänge sehr schnell.

„Ich will so was auch“, sagte Diego, immer noch leicht angesäuert. Gerade jetzt wo in der Bonder-Einheit so viel Neues passierte, konnte er nicht dabei sein. Und es abends von Dylan erzählt zu bekommen, war nicht das gleiche, wie es selbst gesehen zu haben. Er konnte sich mit seiner Situation immer noch nicht abfinden. Ihm fehlten seine Besuche bei Meodin und im Aquarium.

Man konnte ihm seine Gedanken regelrecht ansehen, darum bekam Lynn Mitleid mit ihm und stupste ihn an. „Komm, machen wir schnell die Hausaufgaben, dann können wir noch was unternehmen. Du kannst dir auch was aussuchen.“ Es war noch nicht so spät, so dass sie noch ein paar Stunden hatten, wenn sie Diego ein wenig bei den Hausaufgaben halfen. Diego, der sich gerade die nächste Kartoffel gegriffen hatte, blickte auf. „Echt?“, fragte er hoffnungsvoll und die schwarzen Knopfaugen leuchteten. Thom musste unweigerlich grinsen. Sie brauchten wirklich eine andere Regelung für den jungen Mole, er war frustriert und das machte es nicht leichter – für keine Seite.

Lynn und Iowa nickten und schoben ihre leeren Teller weg. Diego war froh, denn allein saß er immer ewig, weil das alles neu für ihn war und er vieles noch nicht verstanden hatte.

„Na dann komm. Je eher wir anfangen, desto schneller sind wir fertig.“ Die drei Jugendlichen griffen ihre Taschen und zogen sich ins Zelt zurück. Graham und Thom sahen ihnen hinterher und Thom seufzte.


23 

„Da bleibt der Abwasch wohl an uns hängen, oder besser an mir. Schließlich hast du gekocht.“

„Tja, Arbeitsteilung“, lachte Graham und schob die Teller zusammen, ehe er sich erhob und zu dem kleinen Spültisch ging, der auch auf der Terrasse stand. Hier konnte er vorspülen und das Waser gleich auf seinen Garten laufen lassen, ehe sie mit dem Geschirr im Küchenzelt verschwanden, das einzige, das bereits über einen Zulauf zur neu errichteten Kläranlage hatte. „Ich komm mit rüber, ich will noch ein paar Getränke aus dem Kühlschrank holen, damit die Kinder auch ausreichend trinken.“

„Japp, dann fällt das Lernen leichter, wenn sie genug trinken.“ Thom stellte das vorgespülte Geschirr in eine Schüssel und gemeinsam gingen sie zum Küchenzelt. „Sag mal, Graham, wie denkst du eigentlich über dieses Serum? Ich weiß nämlich nicht, ob ich das nehmen will.“ Thom war da zwiegespalten. Einerseits sah er die Vorteile, aber auch dass es zu ziemlich heftigen Nebenwirkungen kommen konnte, wenn man es nicht vertrug.

„Wenn mein Missionsleiter sagt, er hält es für besser, wenn ich es nehme, dann werde ich das tun. Ich will an Alasters Grab und ich werde alles tun, was dazu nötig ist. Aber ich verstehe es, wenn du es nicht nehmen willst“, sagte Graham und hielt Thom die Zeltplane beiseite, damit sie das Küchenzelt betreten konnten. Sie waren allein, ungewöhnlich um diese Zeit. „Es ist dein Körper und dein gutes Recht, aber ich werde mich auf Verträglichkeit testen lassen.“

„Testen lassen werde ich mich auch und wenn ich es vertrage, werde ich es mitnehmen. Ich habe in den letzten Monaten schon zu viel erlebt, um auf so eine Rückversicherung zu verzichten.“ Thom grinste schief und zuckte mit den Achseln. „Ich habe nur Angst, dass ich mehr Schaden anrichte, wenn ich auf einmal so viel Kraft habe, als dass ich nützlich bin.“

„Wenn es um unser Leben geht, solltest du Schaden anrichten können“, sagte Graham und stapelte das flink gespülte Geschirr wieder in die Schüssel, griff sich die Flaschen aus dem Kühlschrank und blickte Thom auffordernd an. Sie hatten nicht ewig Zeit. Heute sollte der erste Kontakt nach San Diego erfolgen, da wollten sie dabei sein, sollten die Leute aus der Kuppel die Gesichter deren kennen lernen wollen, die sie besuchen wollten.

„Komme schon“, lachte Thom und knuffte Graham gegen den Arm. „Na super, ich soll alles kaputt machen. Dabei bin ich doch eher der, der alles repariert, was andere kaputt gemacht haben. Das wird es wohl sein, was mir Kopfschmerzen macht.“

Graham lachte leise und schüttelte den Kopf. Er blickte zu seinem Zelt rüber und sah dort die drei Jugendlichen, wie sie sich in die Bücher vertieften. Selbst Diego zeigte sich nicht mehr ganz so unwillig und ließ sich etwas erklären, was Iowa gerade auf einem kleinen Bildschirm aufgerufen hatte. Und das würde er dann ein paar Monate lang nicht sehen, würde nicht da sein, wenn Lynn ihre ersten Ferien hier in der Kuppel hatte, war bestimmt auch nicht da, wenn Eve wieder in See stach. Einmal mehr fragte er sich, ob der Versuch, das Grab seines Bruders zu finden, es wert war und nickte. Ja, das war es.

„Kannst dich ja beherrschen, musst ja nicht alles kaputt machen“, lachte Graham und machte einen Ausfallschritt, um dem Ellenbogen in seiner Rippe auszuweichen.

„Blödmann“, grummelte Thom, aber musste doch grinsen. Sie gaben den Kindern die Flaschen und machten sich auf den Weg. Er war nicht weniger aufgeregt, als Graham, auch wenn er keine Tochter zurücklassen musste, so würde ihm doch Daniel fehlen und seine Freunde. „Ich bin echt auf die Leute aus San Diego gespannt.“

„Ich auch. Ich habe alle sieben Szenarien gelesen, die die Senatoren ausgearbeitet haben und ich hoffe immer noch darauf, dass die Jungs und Mädels da drüben einfach nur nett sind. Sie müssen uns ja noch nicht einmal helfen. Es würde schon reichen, wenn sie uns rein lassen und uns ungestört weiter ziehen lassen.“ Graham saß neben Thom im Wagen. Da sie noch Zeit hatten, fuhren sie durch ein paar Kuppeln.

„Ja, das hoffe ich auch. Ich wüsste auch nicht, was sie davon hätten, wenn sie sich uns in den Weg stellen. Was natürlich nichts heißen soll. Menschen sind schon merkwürdige Wesen. Wenn sie für sich einen Vorteil sehen, verraten sie alles.“ Thom lenkte den Wagen durch einen Tunnel und hupte, als er einen Bekannten entdeckte, der ebenfalls mit dem Wagen unterwegs war. Laster hatte Stecklinge aus ihrer Gärtnerei geholt, die in der Versorgungskuppel der Neuen angebaut werden sollten.

„Ich habe versucht, mir kein Bild von ihnen zu machen, aber das ließ sich gar nicht vermeiden – ich hoffe ich bin nachher nicht enttäuscht.“ Graham legte sich in seinem Sitz etwas zurück. Hier im Tunnel war nicht so viel zu sehen. Er mochte die verbindenden Röhren lieber, die verglast oberirdisch liefen. Zwar konnte man da auch nur auf die tote Erde hinter dem Glas blicken, doch man sah wenigstens die Sonne.

„Wir müssen uns wohl überraschen lassen. In ungefähr einer Stunde wissen wir mehr.“ Sie kamen aus dem Tunnel und fuhren gleich in den nächsten, der sie zur Bondereinheit brachte. Thom hatte Graham erzählt wie sie darauf gestoßen waren und wie sich alles seit dem verändert hatte. Heute konnten sie bis zum Labor fahren und mussten nicht mehr kilometerweit die Ausrüstung schleppen. Aber vielleicht wären sie heute fitter, wenn sie die Wege immer noch zu Fuß bewältigen müssten. Thom grinste bei dem Gedanken, dachte aber gar nicht daran den Wagen jetzt stehen zu lassen, sondern fuhr bis vor die Tür, wo schon zwei andere Wagen standen. Schnell hatten sie das Portal hinter sich gelassen und schlugen gleich den Weg zum Observatorium ein. Sie waren neuerdings lieber zu früh als zu spät.

Keiner von ihnen hatte Lust auf Strafrunden, die Akuma gerne mal verteilte, wenn ihm danach war. Sie waren nicht die letzten, wie sie erleichtert feststellten und setzten sich schnell. Erdogan fehlte noch. Der Fürst war ständig unter Zeitdruck. Immer wieder dauerten Termine länger als geplant und dann musste er hetzen. Meodin stromerte schon nervös um den Tisch und blickte immer wieder zur Uhr über der Tür. Vor einer Stunde hatten die Senatoren – in Abstimmung und in Erdogans Namen eine schriftliche Ankündigung der Kontaktaufnahme an die Kuppel von San Diego geschickt und eine positive Antwort erhalten, man freue sich auf die Kontaktaufnahme sagten die wenigen Worte, die zurück gekommen waren. Seit dem waren sie aufgeregt und angespannt.

Besonders Meodin, der unbedingt Erdogan erzählen wollte, dass sie eine Antwort erhalten hatten, denn das wusste der Fürst noch gar nicht, weil Meodin es ihm hatte sagen wollen. „Wo bleibt er denn“, murmelte das Seepferdchen und lief zur Tür, um in den Korridor zu sehen. Er winkte wie verrückt, als er Erdogan um die Ecke kommen sah und hüpfte aufgeregt auf und ab.

„Ich weiß nicht warum, aber ich habe gerade das Gefühl, der Fürst ist auf dem Weg“, grinste Archiaon, der seinen Freund an der Tür beobachtete. Manchmal hatte sich das Seepferdchen wirklich nicht verändert und wirkte immer noch so kindlich naiv wie kurz nach seiner Befreiung aus dem Tank. „Da bist du ja endlich. Leander kommt nicht?“ Meodin blickte hinter Erdogan den Flur runter, schmiegte sich dann aber an ihn.

„Er kommt später, so schnell er kann.“ Erdogan blieb auf dem Korridor stehen und küsste Meodin auf die Stirn und lächelte. Immer wenn er Meodin nah bei sich hatte, hatte er das Gefühl, dass eine Last von seiner Schulter genommen wurde. Die Hektik des Tages fiel von ihm ab und er wurde ruhig. „Ich liebe dich“, murmelte er leise und schloss die Augen. „Das ist schön“, entgegnete Meodin wie immer und ließ sich halten. Niemand im Raum trieb sie zur Eile, denn sie wussten, dass der Fürst diese Augenblicke brauchte um sich zu sammeln.

Dann betrat er mit einem knappen Gruß den Raum und setzte sich.  Meodin berichtete gleich von der positiven Antwort und warf sie auf den Bildschirm. „Also rufen wir sie an?“, fragte Archiaon, der noch einmal auf seine Szenarien blickte und hoffte, dass sie in irgendeiner Form die Reaktionen der Fremden voraussehen können würden.

„Rufen wir sie an.“ Erdogan nickte Archiaon zu und erhob sich. Als Fürst von Neo New York war es seine Aufgabe den ersten richtigen Kontakt herzustellen. Er wählte die Nummer von San Diego und meldete sich. „Hier spricht Fürst Erdogan von Neo New York. Ich rufe San Diego“, sagte er und sah zu Meodin, der neben ihm stand. Jetzt würde sich entscheiden, ob ihre Mission gestartet werden konnte. Sie hatten sich bewusst dazu entschieden, dass erst einmal nicht so viele Leute vor der Kamera erscheinen sollten. Sie wollten nicht zu viel von sich preisgeben, wenn sie noch nicht wussten, was sie erwarten würde. So saßen die Atlanter und die Jiang Shi am Tisch, wo sie nicht zu sehen waren, auch Ewan hielt sich erst einmal bedeckt.

„Neo New York ich höre sie, laut und deutlich“, erklärte eine Stimme, noch ehe sich das Bild aufbaute. Ein Mann mittleren Alters blickte Erdogan entgegen. „Ich bin Dexter, Herrscher von San Diego.“

„Ich grüße Sie, Dexter und ich bedanke mich, dass sie einem Gespräch zugestimmt haben.“ Erdogan neigte leicht den Kopf und lächelte. „Wir waren uns nicht sicher, ob sie Kontakt zu uns wünschen und ich freue mich, dass es geklappt hat.“

„Nun, ich bin neugierig“, erklärte Dexter ohne Umschweife. Er beäugte neugierig den jungen Mann neben dem Fürsten. Augen wie diese hatte er noch nie gesehen. Doch als er merkte, dass der Fremde es merkte, sah er wieder den Fürsten an. „Was hat sie bewogen, den Kontakt zu uns zu suchen?“, wollte er also wissen um sich abzulenken.

„Ein Bewohner unserer Kuppel hat erfahren, dass sein einziger Bruder, der in San Francisco gelebt hat, gestorben ist. Wir haben keinerlei Kontakt mit San Francisco und auch keine Möglichkeit die Kuppel dort direkt zu erreichen.“ Erdogan hielt sich an das, was sie besprochen hatten und gab nicht zu viel preis.

Dexter nickte und blickte neben sich. Doch dann sah er wieder auf Erdogan. „Wenn ihr keinen Kontakt nach San Francisco habt, woher wisst ihr dann vom Tod des Bruders?“, wollte er wissen, weil ihm das komisch vorkam, genauso wie seinem Berater, der sich aber im Hintergrund hielt.

Erdogan hatte mit der Frage gerechnet, wenn er auch gehofft hatte, dass sie nicht gestellt wurde. Er ließ sich nichts anmerken, als er Dexter eine dicke Lüge auftischte. „Wir haben eine halbfertige Bondereinheit, die von ihren Erbauern kürzlich verlassen wurde. In ihr haben wir Unterlagen gefunden, dass einer ihrer Anführer gestorben war. Alaster Middelton. Er ist der Bruder meines Freundes.“

Auch wenn Dexter es versuchte, er konnte nicht ganz vermeiden, dass man ihm die Überraschung ansah. „Auch eure Bonder-Einheit ist nicht fertig gestellt worden?“, hakte er nach und als der junge Fürst nickte, nickte auch er selbst. „Uns eint ein ähnliches Schicksal. Auch wir haben eine Bonder-Einheit, doch sie wurde niemals fertig gestellt und in Betrieb genommen. Wir können sie nur soweit nutzen, wie sie damals ausgebaut worden war. Und ihr Freund ist also der Bruder eines der Anführer. Interessant. Mein Beileid zu diesem Verlust“, schob er noch hinterher, denn das gehörte sich so.

Erdogan neigte dankend den Kopf. „Ich werde es meinem Freund ausrichten. Unsere Einheit war fast fertig und wir haben nie erfahren, warum sie aufgegeben wurde. Eines Tages packten sie alles zusammen und waren weg, ohne eine Erklärung.“

Dexter nickte wieder. „So war es bei uns auch. Wir haben gewartet, ob sie zurückkehren würden, aber sie kamen nicht. Also haben wir die Einheit für uns genutzt. Aber zurück zum Grund des Kontaktes. Ihr Freund möchte also durch unsere Kuppel nach San Francisco? Und warum geht er nicht direkt nach San Francisco? Der Umweg über San Diego ist ja nicht gerade gering.“

„Ja, so haben wir das vor. Es gibt keine Tunnelbahnverbindung von uns nach San Francisco. Wir werden deshalb ein Unterseeboot nehmen und ihre Kuppel hat ein Dock, an dem wir anlanden können. San Francisco leider nicht.“

„Aha“, entgegnete Dexter. „Ich bitte sie mir die Möglichkeit einzuräumen, dies mit meinem Rat zu besprechen. Wir öffnen unsere Kuppel für Fremde, das kann ich nicht allein entscheiden. Mit wie vielen Männern müssen wir rechnen, wenn wir ihnen die Erlaubnis geben, bei uns an Lad zu gehen?“

Erdogan nickte. „Aber natürlich, ich würde es nicht anders machen. Wenn ihr zustimmt, dass wir in eurer Kuppel anlanden dürfen, würden zwei Personen zu euch kommen.“ Der Fürst war mit dem Gespräch recht zufrieden. Dexter war vorsichtig, was aber nur verständlich war.

Sie verabschiedeten sich und dann war der Bildschirm schwarz, als auch Erdogan die Verbindung trennte. Er sah sich zu seinen Leuten um, die ihn stumm anblickten. Mittlerweile war auch Leander unter ihnen. „Klang doch ganz vielversprechend“, sagte Archiaon und griff nach dem Wasser, das in einer Karaffe auf dem Tisch stand. „Er hat mir zu wenig Fragen gestellt“, sagte Ewan und Akuma knurrte zustimmend.

„Was meinst du?“, wollte Elaios wissen.

„Ich kann’s nicht genau sagen – nichts Bestimmtes. Ich an seiner Stelle hätte einfach nicht so reagiert, das ist alles.“ Ewan fühlte sich unbehaglich, weil jeder ihn nun erwartungsvoll anblickte, doch er war eben nicht der große Redner.

„Du bist Krieger und kein Diplomat – vielleicht deswegen“, überlegte Archiaon.

„Ja, das mag sein.“ Ewan kratzte sich am Kinn. Er wurde das schlechte Gefühl nicht los. „Auf Ewans Gefühl konnte man sich bisher eigentlich immer verlassen. Wenn er das Gefühl hatte, das etwas faul ist, war es auch meistens so. Wir werden also besonders vorsichtig sein. Schaden kann es auf jeden Fall nicht.“ Erdogan nahm den Einwand des Moles ziemlich ernst. Seine Instinkte hatten sie schon oft vor Schaden bewahrt.

„Ja. Das sollten wir auch machen“, mischte sich nun auch Thom ein, schließlich ging es hier auch um seinen Kopf und den würde er nicht nur gern auf den Schultern behalten, er würde ihn auch gern wieder im Aquarium in die Sonne halten.

Akuma blickte auf den schwarzen Bildschirm, auch er hatte wie Ewan ein ungutes Gefühl. Auch für ihn hatte der Mann die falschen Fragen gestellt. Die wussten mehr als sie sagten. „Je nach deren Entscheidung, ob sie uns die Anlandung gestatten oder nicht, sollten wir uns absichern. Die Nachhut wird mit einem zweiten Schiff folgen. Ich möchte nicht, dass wir auffliegen, nur weil die im Dock das Schiff filzen wollen. Außerdem müssen wir mehr über die Leistungsfähigkeit ihrer Scanner wissen. Wie weit vor der Küste muss das Boot in Warteposition gehen.“

Alle nickten und jeder wusste, was er zu tun hatte. Sie waren mittlerweile ein gut eingespieltes Team, wo jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten mitarbeitete. „Ich werde noch einmal in ein paar Tagen das Gespräch suchen und dann werden wir versuchen herauszufinden, was uns erwartet.“ Erdogan sah Archiaon, Elaios, Ewan und Akuma an. „Ihr werdet dabei sein und wir werden das Gespräch später analysieren.“

„Zeichne es auf“, riet Leander und blickte auf die Uhr. Da er für die Kontaktaufnahme mehr Zeit eingeplant hatte, als sie nun eigentlich gebraucht hatten, würde er die Chance nutzen und noch im Labor vorbei sehen. Sie mussten heute nicht noch einmal zurück in den Palast und das wollte er ausnutzen. „Vielleicht fallen uns hinterher noch Dinge auf, die wir im ersten Moment nicht wahrnehmen.“

„Ja, das sollten wir.“ Erdogan ärgerte sich darüber, dass er nicht selber daran gedacht hatte. Seit dem er der Fürst war, hatten seine Soldateninstinkte nachgelassen und das gefiel ihm gar nicht. Er musste das unbedingt ändern und einen Kompromiss finden. Er war zu sehr und zu gerne Soldat, um das einfach so aufgeben zu können. Aber er hatte das Erbe seines Vaters angetretten und konnte dies unmöglich aufgeben. Er war nun einmal der Fürst, aus der Nummer kam er nicht raus. Doch er konnte die Möglichkeiten, die sich ihm jetzt boten nutzen, um ihre Kuppel neu zu führen. Die Allianz mit den Moles und den Atlantern und den Jiang Shi war ein Anfang. Doch er wollte einmal dort ankommen, wo es nicht mehr nötig war die Bonder-Einheit zu nutzen, weil die Bedrohung eliminiert war.

„Wir kriegen raus, was mit denen los ist.“ Sie waren keine Anfänger mehr. „Gut, dann werden wir in ein paar Tagen erneut den Kontakt suchen und versuchen mehr zu erfahren.“ Erdogan wusste, dass er sich auf seine Leute verlassen konnte. Wenn es etwas zu finden gab, dann wurde es gefunden.

„Gut, dann würde ich sagen, widmen wir uns wieder dem Alltagsgeschäft.“

Leises Murmeln und Nicken. Ein paar erhoben sich und waren dabei das Observatorium zu verlassen. Jack stand schon in der Tür und hatte nur darauf gewartet, denn er hatte für die Zeit des Kontaktes das Observatorium verlassen müssen. Nun konnte er wieder an seine Kugel.

„Musst du noch einmal rüber?“, wollte Meodin wissen, der seinem Prinzen wieder etwas näher auf die Pelle rückte. Davon hing ab, wie er seinen weiteren Tag gestaltete.

„Nein, muss ich nicht.“ Erdogan zog Meodin in seine Arme. „Leander hat irgendetwas mit Allan vor, was ihn schon den ganzen Tag sehr debil grinsen lässt. Darum habe ich beschlossen, heute nur noch ein wenig Büroarbeiten zu erledigen, die ich auch ohne Probleme von dir aus erledigen kann.“ Er wackelte mit den Augenbrauen und grinste. „Interesse, das ich bleibe?“

Das Seepferdchen tat, als müsste es über diese Frage jetzt ernsthaft nachdenken. „Ich habe noch so viel zu tun, und dann muss ich auch noch ein paar Dinge zusammensuchen und ….“ Doch dann kicherte er und drückte sich wieder an seinen Prinzen. „Weil du es bist, werde ich heute mal ausnahmsweise früher Schluss machen. Hab ja auch von zu Hause Zugriff auf die Datenbanken. Wenn du mich also nicht mehr bespaßen willst, dann weiß ich mich trotzdem zu beschäftigen.“

„Das habe ich hören wollen.“ Erdogan räuberte sich einen Kuss und nahm Meodin an die Hand. Sie ließen Jack mit seiner Kugel alleine und schlenderten zu den Wagen. Heute hatten sie keine Lust zu laufen, denn sie hatten sich heute noch gar nicht gesehen, so dass sie möglichst schnell für sich sein wollten. Sal nutzte die verbundenen Hände, um mal wieder auf Meodin herum turnen zu können. Er kam – wie Erdogan – in der letzten Zeit kaum noch dazu, Zeit mit Meodin zu verbringen, denn er konnte den Prinzen nicht allein lassen und bei Meodin bleiben.

So verschwanden sie ohne Umwege in ihrem Apartment.