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Zyklus VIII - Eve 01 - Teil 24-25

24

„Pass bloß auf dich auf. Wenn dir was passiert, komm ich und bring dich eigenhändig um.“ Daniel drückte seinen Bruder fest an sich, als wenn er so verhindern könnte, dass Thom in ein paar Minuten mit Graham in das Boot steigen und losfahren würde. Graham hatte das ganze schon durch, denn die beiden Brüder und er waren richtig gute Freunde geworden in den letzten Wochen. Daniel hatte auch versprochen sich mit um Lynn zu kümmern. Er mochte das Mädchen, genauso wie seine Frau und sein Sohn. Jason liebte Lynn, die er am liebsten immer bei sich gehabt hätte. Sie war wie eine große Schwester und sie war so cool, denn sie war mit den Moles unterwegs. Er nervte seine Mutter nun auch schon seit Tagen, ob er nicht auch die Schule wechseln dürfte. Aber man hatte alles beim alten gelassen, er besuchte weiterhin seine Schule und war am Wochenende gern bei Lynn und den anderen.

„Ich komme zurück – das verspreche ich euch“, sagte Thom und holte tief Luft. Er sah sich um. Um die beiden Schiffe standen jede Menge Moles und Menschen.

„Mach das bitte, kleiner Bruder.“ Daniel ließ Thom los und holte einmal tief Luft. Er wollte nicht so besorgt sein, aber er konnte nicht anders. Das zweite Gespräch mit dem Herrscher von San Diego hatte nicht viel Neues gebracht. Sie hatten versucht Informationen zu bekommen, aber Dexter war ausgewichen, wenn auch sehr unauffällig und geschickt. Doch wenn man schon misstrauisch war, dann wirkte eine Antwort plötzlich ganz anders, dann wertete man nicht gegebene Auskünfte anders und dann wurden auch schwammige Formulierungen plötzlich bedeutungsvoll. Sie hatten die Zustimmung des Herrschers bekommen, im Dock anzulanden. Doch man hatte es ihnen versagt, das Schiff im Dock liegen zu lassen. Auch das hatte einen merkwürdigen Beigeschmack. Auf dem Schiff, mit dem Thom und Graham anlanden würden, war also nur eine Minimalbesetzung vorgesehen, allerdings ausgebildete Soldaten, falls man doch auf die Idee kommen sollte, das Boot zu stürmen und zu entern.

Der Kapitän gab das Zeichen, dass sie an Bord kommen sollten und Lynn ließ sich von Daniel halten, nachdem sie ihren Vater und Thom noch einmal umarmt und verabschiedet hatte. Sie versuchte tapfer zu sein und nicht zu weinen, aber das hielt sie nicht durch. Als Graham sich noch einmal in der Eingangstür umdrehte, liefen ihr die Tränen. Stur wischte sie sie weg, denn sie sah auch durch den Tränenschleier hindurch, wie ihr Vater kurz zögerte. So lächelte sie und winkte. „Leg Blumen auf sein Grab“, sagte sie und Graham nickte. Er hatte es ihr versprochen. Wenn er das Grab besuchte, würde er zwei Blumen niederlegen.

„Sie kommen zurück, Kleine“, sagte Daniel leise und Linda zog sie dichter zu sich, strich ihr über die Schultern und die Arme.

„Wir müssen auslaufen“, erklärte Nathan, einer von Erdogans Männern, der die Position des Kapitäns innehatte. Das zweite Schiff mit den Soldaten lief bereits aus und so machte auch Graham, dass er endlich durch die Luke kam. Er verbot sich, sich noch einmal umzusehen.

„Das Abenteuer geht los.“ Thom überprüfte noch einmal, dass die Luke korrekt geschlossen war, dann nahm er seine Tasche auf. „Treffen wir uns gleich auf der Brücke?“, fragte er Graham. Er wollte seinen Freund ablenken und der Blick aus den Panoramafenstern war dafür sehr gut geeignet.

„Ja, können wir tun“, sagte er und griff sich ebenfalls seine Tasche. Er hatte wirklich nur das nötigste dabei, was sich auf ein paar Klamotten und Hygieneartikel belief. Jetzt gab es kein Zurück mehr, jetzt mussten sie durchziehen, was sie angefangen hatten. Kurz sah er zu Nathan, der das Schiff starten ließ und den Kurs eingab. Sie konnten die Automatik nutzen, während das andere Boot, das von Ewan gesteuert wurde, vor dem Ziel auf Handbetrieb umstellen musste, um außerhalb der Reichweite der Sensoren von San Diego zu bleiben und Thom und Graham bei ihrer Anlandung nicht in Gefahr zu bringen, weil Dexter sich betrogen fühlte.

Sie brachten die Taschen auf ihre Zimmer und Thom sah sich um. Hier würde er also die nächsten Tage verbringen. Die Erbauer hatten zumindest ein Faible für Luxus besessen, so dass die Fahrt wohl recht angenehm verlaufen würde. „Kommst du?“, rief er in Grahams Zimmer, das neben seinem lag und diesem wie ein Ei dem anderen glich.

„Ja, gleich“, rief Graham, der gerade die Tasche auf einem Sessel nieder gelegt hatte und sich nun suchend umsah. Er wusste schon, dass die Kabinen keine Fenster besaßen, doch es war trotzdem ungewohnt an die Wände zu blicken und keinen Weg nach draußen zu sehen. Doch er würde sich daran gewöhnen, wie er sich in seinem Leben schon an vieles gewöhnt hatte. Er streifte also die Jacke ab und warf sie zu seiner Tasche, ehe er wieder vor die Tür trat.

Als er auf die Brücke kam, sah er schon Thom, der mit der Nase an der Scheibe klebte und einen Oktopus beobachtete, der vor dem großen Boot und dem Licht zu fliehen versuchte und eine Wolke Tinte ans Wasser abgab. „Das nutzt dir gar nichts, falls wir es auf dich abgesehen haben sollten“, lachte der Techniker. „Aber du hast Glück, dass wir etwas anderes vorhaben.“

„Bedrohst du gerade die Fauna des Meeres?“, wollte Graham wissen und stellte sich daneben. Die Aussicht war herrlich. Zwar war er so viele Jahre auf See unterwegs gewesen, doch er kannte das Wasser immer nur von oben – jetzt einmal von der anderen Seite auf die Wasseroberfläche zu blicken fesselte ihn.

„Würde mir doch nie einfallen.“ Thom grinste zu Graham rüber und stupste ihn mit der Schulter an. Er war aufgedreht und hibbelte herum. Wahrscheinlich kam er in der Nacht kaum zum schlafen. Den Tag über konnte er sich damit ablenken, dass er mit Thom noch einmal alles für ihre Mission durchging. Nur sobald er im Bett lag, würde es anfangen in seinem Kopf zu rattern, das wusste er jetzt schon. Er musste nachher einmal mit Connor reden, vielleicht hatte der etwas Beruhigendes in seinem Teesortiment und wenn alles nichts half, würde er mal an die Notfallapotheke gehen. „Klar hast du ihn bedroht, deswegen flüchtet er jetzt auch“, knüpfte Graham an Thoms Worte an, weil er das entstandene Schweigen nicht mochte. Er war sowieso schon angespannt. Er brauchte Ablenkung.

„Ey. Ich habe ihm nur gesagt, dass er Glück hat, dass wir nicht hinter ihm her sind. Das ist doch keine Drohung.“ Thom blies empört die Wangen auf. Was wurde ihm denn hier unterstellt? „Okay, wenn er sich zufällig in das Boot verirren würde, würde ich ihn mir von dir zubereiten lassen, aber das hat er ja nicht.“

„Wie kann ein einzelner Mensch nur so verfressen sein“, murmelte Graham, grinste aber, weil er im Spiegel der Scheibe Thoms Gesicht beobachten konnte, der gerade noch eine Spur empörter wurde. Also rückte Graham mal lieber ein bisschen ab, nicht dass er unvorbereitet von einem spitzen Ellenbogen getroffen wurde.

Aber Thom hatte ein Einsehen und prustete nur laut los. Graham sagte ihm oft, dass er verfressen wäre, machte aber immer, wenn sie zusammen aßen, etwas mehr, damit Thom auch satt wurde. „Was soll ich machen? Ich esse halt gerne. Nur gut, dass das bei mir nicht ansetzt, sonst könnte man mich rollen, seit du immer so lecker für mich kochst.“

Graham grinste schief. „Was soll ich denn machen? Ich kann dich ja schlecht zugucken lassen, wie wir essen. Und da du ja immer so was von zufällig zur Essenszeit in der Tür stehst und ich dafür sorgen muss, dass die Kinder satt werden, dann muss ich eben für dich mit kochen!“ Er lachte leise, denn er tat es gern. Es gefiel ihm, dass Thom schmeckte, was er kochte.

„Ich bin ganz zufrieden damit, dass du mich nicht verhungern lassen willst. Hier kannst du entspannen, denn Connor sorgt für unser leibliches Wohl.“ Er rollte mit den Schultern und lehnte sich mit dem Rücken an die Scheibe. „Sollen wir nachher noch einmal alles durchgehen? Wir haben das zwar schon oft gemacht, aber schaden kann es auf keinen Fall.“

Graham lehnte sich neben Thom und schloss die Augen. „Gib mir heute eine Auszeit. Ich kann nicht mehr. Ich muss erst mal den Kopf frei bekommen und vielleicht bei Connor einen beruhigenden Einschlaftee erbetteln.“ Er sah Thom entschuldigend an, doch er konnte langsam nicht mehr. Seit Tagen taten sie nichts andres, als alles wieder und wieder durchzugehen. Sie waren jetzt drei Stunden in dieser schwimmenden Blechdose unterwegs, ohne Flucht. Graham hatte jetzt schon das Gefühl eines Lagerkollers und sie hatten noch nicht einmal das Hoheitsgebiet von Neo New York verlassen.

„Sicher. Eigentlich habe ich da auch keine Lust drauf, weil es mir schon zu den Ohren raus kommt. Ich muss nur irgendetwas tun, weil ich sonst verrückt werde, wenn ich nichts zu tun habe.“ Ihnen ging es wohl ziemlich gleich. „Wenn du Connor anbettelst, mach ich mit, denn sonst kann ich wohl auch nicht schlafen. Vielleicht hat er ja was für uns zu tun. Ich kann zwar nicht kochen, aber ich kann Gemüse putzen und Zuarbeiten erledigen.“

„Ich glaube ja nicht, dass Connor uns in seine heiligen Hallen lässt. Das war schon kritisch, als er bei uns das Kochzelt beherrscht hat“, lachte Graham. Er schätzte den großen Mole sehr, doch er wollte sich nicht mit ihm anlegen. Er hatte gesehen, wie er den namenlosen fünffachen Schrecken bändigen konnte, dem traute er alles zu. „Aber lass uns doch nachher etwas das Schiff erkunden und in den Fitnessbereich gehen. Die Meditationsübungen von Akuma waren ja nicht ganz verkehrt.“

„Ja, warum nicht. Wenn wir uns auspowern, können wir hoffentlich schlafen.“ Seit sie angefangen hatten mit Akuma zu trainieren, hatten sie richtig Spaß an der Bewegung gefunden und gingen sogar freiwillig trainieren. Thom hatte Muskeln bekommen an den richtigen Stellen, wie er fand und schaute mittlerweile ganz gerne in den Spiegel.

„Na ja, zum Glück sind es bis dahin ja noch ein paar Stunden.“ Er blickte zur Brücke rüber, wo Zero – einer von Ewans Männern – das Kommando hatte. Der Mole hatte die Aufsicht über das Schiff und ein paar weitere Moles wie Connor waren an Bord, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Die Nachhut für eine eventuell notwendige Rettung würde in drei Stunden das Dock verlassen und ihnen folgen, aber außerhalb aller Hoheitsgewässer bleiben, bis sie Unregelmäßigkeiten von Thom und Graham mitbekamen oder die Moles im ersten Schiff Alarm schlugen.

„Okay, ich ziehe mich um und wir treffen uns im Trainingsraum. Erst ein wenig auspowern und danach Entspannungsübungen. Falls wir dann immer noch nicht schlafen können, ich habe ein paar Bücher mitgenommen, die ich schon lange lesen wollte und wozu ich bisher nicht gekommen bin.“ Thom stieß sich von der Scheibe ab und streckte sich. „Dann los.“

Nickend stieß sich auch Graham ab. Er nickte dem Mole zu, der ihnen nach sah, doch dann waren sie auch schon von der Brücke und im Korridor verschwunden. „Diego hat erzählt, dass die Wand der Kabine, die zum Wasser hin liegt, mit einer Art Bildschirm überzogen ist, auf dem man sich was anzeigen lassen kann, falls man Fenster vermisst und Platzangst bekommt. Stimmt das?“        

„Ja, das stimmt. Soll ich dir zeigen, wie es funktioniert? Die Gottgleichen, sind echte Mistkerle, aber sie haben einen Faible für Luxus und haben es ihren Leuten so angenehm wie möglich gemacht.“ Thom folgte Graham in seine Kabine und nahm sich das Steuergerät. „Du kannst unter mehreren Szenarien wählen. Bullaugen, große Fenster, oder die Illusion, dass die komplette Außenwand aus Glas bestehen würde. Ich persönlich bevorzuge die großen Fenster, denn bei einer kompletten Glaswand bin ich immer angespannt, weil ich darauf warte, dass es einen Riss gibt, obwohl das total unmöglich ist.“

„Ah“, machte Graham gedankenverloren, doch er probierte erst einmal alles aus. „Moles“, murmelte er, als er noch eine Einstellung in seiner Liste fand und hatte schlagartig nach der Aktivierung das Gefühl, er würde in einen großen Erdtunnel blicken. Sicherlich war das für die Moles an Bord, damit sie sich auch etwas heimeliger fühlten. Graham aber entschied sich für die Glasfront, wenn es ihn nervös machte, so wie Thom sagte, konnte er das immer noch deaktivieren und so tun, als wäre er in einem Erdtunnel.

Thom trat sofort ein wenig von der angeblichen Glaswand weg, ohne es wirklich zu merken, was Graham grinsen ließ. „Du bist doof“, maulte der Techniker. Was konnte er denn dafür, wenn ihm das Bild eine Gänsehaut bescherte. „Ich zieh mich um. In fünf Minuten im Trainingsraum.“

„Okay, wenn ich dann noch lebe und nicht ertrunken bin“, sagte Graham leise lachend und wühlte schon in seiner Tasche. Viele Kleider hatte er nicht dabei. Er hatte eine Tasche, die auf dem Schiff blieb und aus der er jetzt lebte. Seinen Rucksack für den Landgang hatte er neben das Bett gestellt. Ein kurzer Blick darauf, doch dann begann er sich umzuziehen – Thom war kein geduldiger Mensch.

Sie kamen gleichzeitig aus ihren Kabinen und Thom hob grinsend den Daumen. „Perfektes Timing. Ab in die Tretmühle. Viel Auswahl haben wir nicht, aber um sich auszupowern reicht es auf jeden Fall.“ Sie liefen durch die Gänge und Thom machte dabei auch gleich noch eine kleine Führung durch die wichtigsten Räume des Bootes. Sie steckten auch kurz den Kopf in die Kombüse, doch vor dem Sport hatten sie nicht vor etwas zu essen oder zu trinken. Aber man konnte sich ja schon einmal Appetit holen. Schlussendlich landeten sie im Fitnessbereich. Während sich Graham daran machte, im Laufbereich die Illusion eines Waldes zu erzeugen und durch eine Allee zu joggen, machte sich Thom über das Rudergerät her.

So vergingen die nächsten zwei Stunden.

Thom war nass geschwitzt, als er sich mit einer Flasche Wasser auf eine der Bänke setzte. Er fühlte sich herrlich erledigt. „Mach Schluss für heute, Graham, mir reicht es. Ich brauche eine Dusche und dann etwas zu essen.“

Sein Freund sah sich verwirrt um und schüttelte sich kurz. Er musste sich wirklich erst wieder klar werden, wo er eigentlich war. Das laufen durch die simulierten Bäume hatte ihm als Biologen das Herz blühen lassen. Sie waren so wie er sie aus Büchern und Parks in Philadelphia kannte. Große Mischwälder mit sattem Grün wechselten mit Nadelbeständen.

Er beendete das Programm und setzte sich neben Thom, trank auch einen Schluck – das würden ihre nächsten Tage sein, bis sie vor San Diego anlandeten.

„Akuma kann stolz auf uns sein“, lachte Thom und streckte die Beine aus. Ganz am Anfang war der General fast verzweifelt. Graham und er waren kaum in der Lage hundert Meter am Stück zu laufen, ohne dass ihnen die Puste ausging. Sie hatten sich durchgekämpft und jetzt machte ihnen ein Lauf von einigen Kilometern nichts mehr aus. Es blieb zu hoffen, dass sie niemals darauf angewiesen sein würden, das wirklich auszutesten. Egal was sie auch taten, die Sorge über die Ungewissheit darüber, was sie erwarten würde, ließ beide nicht los.

„Lass uns duschen gehen und dann will ich einen Tee und die beste Aussicht, die man hier unten genießen kann“, sagte Graham, schlug sich aufs Knie und erhob sich langsam.


25

„Wie lange noch?“ Graham sah neugierig aus dem Fenster, auch wenn er wusste, dass er noch nichts sehen konnte. Sie waren noch ein paar Kilometer von der Küste entfernt. Er war nervös, genauso wie Thom, der neben ihm stand und immer von einem Bein auf das andere trat. „Wir sind langsamer geworden. Ich würde sagen ungefähr fünfzehn Minuten noch, bis wir San Diego erreichen.“

„Eigentlich müssten Dexters Leute uns langsam mal anfunken“, sagte Zero, der immer wieder die Kommunikationswege prüfte und das Sonar im Auge behielt. Er wollte rechtzeitig ausweichen können, sollte man auf die Idee kommen, sie lieber sprengen zu wollen als willkommen zu heißen. Den Kontakt zum zweiten U-Boot hatten sie die ganze Zeit über vermieden, niemand sollte auf das Schiff aufmerksam werden, sollte er das Wasser abhören können. Sie mussten also einfach darauf vertrauen, dass Akuma, Ewan und ihre Männer dort waren, wo sie sein sollten und in der besten aller Welten würden sie nicht gebraucht.

„Die melden sich schon.“ Kaum hatte Thom das gesagt, hörten sie auch schon das vereinbarte Signal, das anzeigte, dass das zweite Boot in der Nähe und bereit war. Sie hatten extra ein Geräusch genommen, das auch zufällig entstehen konnte, so dass nichts auf das zweite Boot hindeutete. „Wurde auch Zeit“, knurrte Zero und entspannte sich ein wenig. Jetzt hatten sie Rückendeckung, falls es notwendig sein sollte.

Angespannt saß Zero auf seinem Stuhl, sie hatten zwar den Code zum Andocken in San Diego, aber er würde sofort auf Handsteuerung umstellen, wenn er merkte, dass hier manipuliert worden war. Deswegen störten Thom und Graham ihn auch nicht, sondern gingen wieder zum Panoramafenster.

>>Hier San Diego – hier San Diego. Wir rufen das Unterseeboot vor der Küste. Unterseeboot bitte melden<<, kam es plötzlich über die offenen Kanäle und Sid, einer von Leanders Männern sprang zur Konsole.

„Hier ist das Boot aus Neo New York. Sprechen sie“, meldete sich Sid.

>> Sie sind auf dem richtigen Kurs. Bleiben sie so. Sie halten genau auf unser Dock zu. Sie sind noch gut zehn Kilometer entfernt.<< Gab die Stimme aus San Diego Anweisungen. War nur zu hoffen, dass das Dock richtig funktionierte und sich rechtzeitig öffnete. Zero wurde immer angespannter und knabberte an seiner Unterlippe.

„Verstanden, San Diego. Wir behalten Kurs und Tempo bei.“ Sid sah sich zu den anderen um. Sie verstanden sich ohne Worte – jetzt gab es kein Zurück mehr. Nur noch vorwärts.

Graham stand an der Scheibe, blickte nach draußen, die klammen Hände zu leichten Fäusten geballt.

Es war schwer, sich einfach auf die Technik zu verlassen, ihr Boot funktionierte perfekt, das wussten sie, aber die Anlage in San Diego war seit Jahren oder sogar noch nie im Einsatz gewesen. Thom sah zu Graham, sagte aber nichts. Sie beide wollten die angespannte Atmosphäre nicht noch weiter anheizen. „Lass uns noch einmal unser Gepäck überprüfen“, bat Thom. Er musste etwas tun und wenn er wusste, dass seine Ausrüstung in Ordnung war, war er etwas beruhigter.

Graham blickte neben sich und ihre Blicke trafen sich. Er nickte kaum merklich, sagte aber nichts. Doch er löste sich von der Scheibe und ging rüber zur Tür, neben der schon ihre Rucksäcke standen. Nur nebenbei fiel ihr Blick auf zwei Bildschirme an Sids Terminal. Der hatte eben ihre Linsenkameras aktiviert und so sah der Soldat, was die beiden Männer sahen, so lange sie die Kontaktlinsen trugen.

Es war irgendwie komisch den Bildschirm noch einmal auf dem Bildschirm zu sehen und Graham, schüttelte leicht den Kopf. Das war wirklich verwirrend. „Viel ist ja nicht, dass wir überprüfen können.“ Sie hatten wirklich nur jeder einen Rucksack mit Kleidung und notwendigen Hygieneartikeln. Sie hatten ihr Gepäck bewusst klein gehalten. Jeder hatte noch eine Tasche mit technischen Geräten, denn es wäre zu auffällig, wenn sie das weggelassen hätten. Jeder hatte eine Kamera oder einen Musikplayer, den er auf eine Reise mitnehmen würde. Doch weil man davon ausging, dass irgendjemand die Geräte checken würde, sobald er die Chance dazu hätte, waren diese auch nicht präpariert. Die Linsen und die implantierten Chips waren ihre einzigen Kontakte zur Außenwelt.

Graham öffnete seinen Rucksack, strich noch einmal über die oberste Schicht Kleidung und schloss dann den Rucksack wieder. Er hatte für nichts mehr Ruhe.

Thom ging es nicht besser. Er hatte auch nicht den Nerv, alles auszupacken und dann wieder zu verstauen. Er überprüfte nur die Außentaschen des Rucksackes, die nur harmlose persönliche Dinge enthielten, wie etwas zu lesen und zu schreiben. „Scheint alles zu sein, wie es sein sollte“, murmelte er leise.

„Hm, scheint so“, murmelte Graham zurück und stellte den Rucksack wieder bei Seite. „Wie lange noch?“, wollte er leise von Sid wissen, weil er Zero nicht stören wollte. Der Mole klebte förmlich mit seinem Blick an den Messgeräten.

„Ich glaube, wir nähern uns der Einfahrt im Fels, da ist das Loch“, murmelte der Mole.

„Was? Wo?“ Thom schoss zu Sid herum. er hatte gerade nicht aus dem Fenster gesehen. Er lief zum Fenster und tatsächlich konnten sie schemenhaft die Einfahrt zum Dock erkennen. Er schluckte und ballte nervös die Hände. Wenn sich die großen Schleusen, die das Dock abschotteten, nicht öffneten, hatten sie ein großes Problem. „Geh bloß auf“, murmelte er leise.

„Sieht eigentlich aus wie bei euch“, murmelte Graham, doch auch er biss so fest die Zähne auf einander, dass der Kiefer anfing zu schmerzen. Doch er merkte das noch nicht einmal. Er starrte nur wie Thom auf die Tore und merkte erst, dass er die Luft angehalten hatte, als er sie erleichtert ausstieß. „Da bildet sich ein Spalt, er wird breiter. Sie gehen auf.“

„Geht doch“, brummte Thom, aber man hörte deutlich seine Erleichterung. Ein Zusammenstoß gab es ja zum Glück jetzt nicht mehr. Er konnte also eine mögliche Katastrophe von seiner Liste streichen. Leider war die Liste immer noch ziemlich lang. Thom wollte aber nicht daran denken, was alles falsch laufen konnte und so wandte er sich etwas ab, damit niemand an seinem Gesicht seine Gedanken ablesen konnte.

Lautlos glitt das Boot durch die Tore. Sid schaltete auf die hintere Außenkamera und ihnen wurde mulmig, als sich die Tore wieder schlossen. Zwar taten das ihre eignen Tore auch, doch sie hatten nie darüber nachgedacht, dass man sich dahinter gefangen fühlen konnte. Doch hier in dem fremden Dock kam Beklemmung auf.

„Jetzt gibt es kein Zurück mehr.“ Thom sah zu Graham rüber. „Holen wir unsere Sachen, damit es keine Verzögerungen gibt.“ Sie wussten, dass außer ihnen niemand das Boot verlassen durfte. Darauf hatte Dexter bestanden. Nur Thom und Graham dürften San Diego betreten. Das Boot aus Neo New York musste das Dock gleich wieder verlassen. Blieb zu hoffen, dass man sich an den Deal hielt und das Schiff wirklich unbeschadet wieder in die offene See zurückkam. Wenn nicht, würden Ewan und Akuma versuchen, das Dock mit Gewalt zu stürmen. Das zweite Schiff war mittlerweile auch bewaffnet, das konnte unschön enden. Aber soweit wollten sie nicht denken – sie sollten positiv denken, damit sie den Menschen in San Diego positiv entgegen treten konnten.

Das Boot fuhr langsam in das Becken des Docks und tauchte auf. Graham und Thom nahmen ihre Rucksäcke und Taschen und gingen zur Tür. Sie nickten Sid und Zero zu und atmeten noch einmal tief durch, als die Türen sich öffneten. Sie mussten blinzeln, als das helle Licht des Docks ihre Augen traf. „Willkommen in San Diego“, begrüßte sie eine Stimme, dessen Gesicht sie noch nicht erkennen konnten. Die Beleuchtung in ihrem Dock war nicht so eingestellt. Thom hob kurz die Hand um seine Augen abzuschirmen und sich der Stimme zuzuwenden, als er endlich Dexter am Fuße der Treppe erkannte. „Ich danke euch, Dexter“, entgegnete er und blickte kurz hinter sich aber Graham folgte ihm auf dem Fuß. Die Tür des Schiffes schloss sich bereits wieder - wie verabredet.

Dexter kam auf sie zu, während das Boot langsam wieder tiefer sank. Graham sah sich um. Das Dock unterschied sich nicht viel von dem in Neo New York. Anscheinend bauten die Gottgleichen mit vorgefertigten Modulen, was es kostengünstiger machte. Dexter reichte ihnen die Hand, als er bei ihnen angekommen war. Er lächelte offen und auch die beiden Männer, die ihn begleiteten strahlten freundliche Gastlichkeit aus. Graham wusste das nicht einzuordnen, wollte auf der Hut sein, doch er wollte ihre Gastgeber auch nicht vor den Kopf stoßen. „Danke, dass sie ihre Kuppel für uns geöffnet haben, das ist ja auch nicht selbstverständlich.“ Er sah sich etwas verschämt um, doch bis auf die drei Männer war das Dock leer, keine Soldaten, keine Verstärkung, kein Grund zum Misstrauen.

„Eine isolierte Kuppel hat kaum Möglichkeiten sich zu entwickeln. Jetzt war die ideale Gelegenheit dazu sich zu öffnen.“ Dexter lächelte und bedeutete Thom und Graham ihm zu folgen. Sie kamen am Becken vorbei und sahen, wie die großen Tore sich wieder schlossen. Jetzt dauerte es nur noch einen kurzen Augenblick und das Boot hatte San Diego wieder verlassen. Auch wenn man es den beiden nicht ansah, sie waren erleichtert, dass das Boot und die Freunde wieder im freien Gewässer waren. Graham sah sich weiter interessiert um, damit Sid so viel wie nur möglich über die Anlage aufnehmen und Erdogan zuspielen konnte. Ewans Schiff erhielt die Bilder automatisch, darum musste sich keiner kümmern.

„Sie ermöglichen es mir, das Grab meines Bruders zu besuchen. Ich kann ihnen nicht genug danken“, sagte Graham leise und spürte die Blicke auf sich. Dexter schien ihn zu mustern, doch der Mann, der neben Dexter lief, schien Mitleid zu haben. Sein Blick, mit dem er Graham bedachte, fühlte sich sanft auf der Haut an. Schwer zu  beschreiben.

„Wir helfen gerne, wenn wir können.“ Wieder dieses sanfte Lächeln, dass Graham eine leichte Gänsehaut über den Rücken zog. „Bitte folgen sie uns.“ Dexter ging vor durch einen langen Gang – ähnlich dem in Bonder – und ging auf einen Bürokomplex zu. Zumindest vermutete Thom das, wenn die Baupläne ähnlich waren.

Dexter öffnete eine Tür und wartete neben der Tür bis seine Begleiter mit Thom und Graham ebenfalls eingetreten waren und schloss die Tür. „Darum freue ich mich auch, dass ich es ermöglichen kann, dass sie einen alten Freund wiedertreffen.“ Der Fürst von San Diego, deutete auf einen Sessel, der mit dem Rücken zu ihnen stand und sich langsam drehte. „Thom, ich hätte nicht gedacht, dass wir uns noch einmal wiedersehen“, sagte der Mann im Sessel und Thom wurde blass. Das konnte nicht sein, aber die Stimme hätte er immer wieder erkannt. Dass er sich nicht getäuscht hatte, zeigte sich, als er erkennen konnte, wen er da vor sich hatte.

„Jefferson!“

 

 

Ende Zyklus VIII

 

Danke fürs Lesen ....