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... und dann kam Fritzi - Teil 4-6

04 

Noch träge tastete Niko neben sich bis zum Nachttisch, um einen Schluck zu trinken. Seine Kehle war trocken. Doch seine Finger hatten keinen Erfolg, dafür fanden sie etwas viel Spannenderes. Weiche, heiße Haut, verstrubbelte Haare. Langsam öffnete er die Augen und blickte neben sich auf den blonden Schopf. Schlagartig kam die Erinnerung an die vergangenen drei Stunden zurück und jetzt erklärte ihm auch sein Hinterteil, dass er sich sehr gut daran erinnerte, womit er sich die Zeit vertrieben hatte. Niko grinste und rutschte etwas dichter an Chris heran, der sein Gesicht ins Kissen gedrückt hatte und dessen Arm locker über Nikos Brust lag.

„Wie kann man so atmen?“, murmelte er leise und beobachtete Chris, um heraus zu bekommen, ob er noch lebte oder schon erstickt war.

Er beugte sich noch dichter zu Chris und stellte mit Erleichterung fest, dass sein Freund zum Glück noch nicht tot war, denn der Kopf drehte sich zu ihm und ein Auge öffnete sich blinzelnd. „Hallo schöner Mann“, nuschelte Chris und lächelte leicht. Er war noch nicht ganz wach, darum schloss er die Augen wieder und seufzte zufrieden. „Du bist so weit weg“, beschwerte er sich und rutschte näher, damit er Niko wieder an seinem ganzen Körper spüren konnte.

„Ein unverzeihlicher Fehler meinerseits, hübscher Herr. Ich gelobe Besserung und werde Reue zeigen“, murmelte Niko und rückte seinerseits noch etwas dichter an den nackten, appetitlich drapierten Körper neben sich. „Ich dachte als Marathonläufer wäre ich einiges gewohnt, aber du hast mich ordentlich gefordert.“ Seine Hände strichen Chris‘ Rücken nach oben und er grinste auf seinen Freund hinab. „Tolle Party.“

„Ja, das finde ich auch, wo sie doch erst so bescheiden angefangen hat.“ Chris lachte und küsste Niko, wo er doch gerade in Reichweite war. Seine Hand streichelte über den Hintern seines Freundes und die Augen öffneten sich wieder. Zerknirscht sah er in die braunen Augen über sich. „Tut mir leid, aber ich konnte mich einfach nicht zurück halten. Du hast mich so heiß gemacht, dass ich nicht mehr denken konnte.“ Er küsste Niko wieder und grinste. „Die nächsten Male liege ich unten.“

„Die nächsten Male“, sagte Niko nachdenklich und spürte fast sofort, als er es ausgesprochen hatte, dass er Chris unsicher machte. „Es war toll und ich würde dich gern behalten, weil du ein geiler Typ bist, aber … ich“, fing er an zu stammeln. Kurz schloss er die Augen und blickte dann Chris erneut an, als er sich etwas gesammelt hatte. Das Gesicht seines Freunds sprach Bände. „Also ich … meine Wohnung … und die Doktorarbeit … und deswegen …“

Seine Worte machten es nicht besser, das merkte er gleich, denn Chris' Gesicht verschloss sich. Der fühlte sich gerade, als wenn man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen hätte. Da hatte er Nikos Interesse an sich wohl ziemlich falsch interpretiert. Das tat verdammt weh, denn für Chris war das nicht einfach nur unverbindlicher Sex gewesen und dann tschüss. „Verstehe schon. Du musst gar nichts erklären. Mein Problem, wenn ich mehr erwartet habe.“

„Halt!“, sagte Niko etwas lauter, als er spürte, dass Chris sich abwenden und aufstehen wollte. „Du hast mich völlig falsch verstanden. Ich habe eben gesagt, dass du ein absolut geiler Kerl bist. Ich habe dir gestern gesagt, dass ich seit über vier Monaten auf dich lauere. Aber da wir nie geredet haben, weißt du nicht viel über mich. Zum Beispiel, dass heute Abend mein Flug nach Johannesburg geht, weil ich dort für ein Dreivierteljahr Studien an Großkatzen für meine Doktorarbeit machen werde. Meine Wohnung ist bereits gekündigt, meine Möbel sind eingelagert und mein Gepäck für den Flug wartet in einem Hotelzimmer auf mich. Ich habe mich seit Monaten darauf gefreut und gerade jetzt habe ich das erste Mal das Gefühl, dass es nicht richtig ist zu fliegen.“ Er schluckte schwer und ließ sich wieder in die Kissen fallen, starrte dabei unwirsch an die Decke.

„Du fliegst weg? Für fast ein Jahr?“, fragte Chris noch einmal nach, weil er glaubte, sich verhört zu haben. Das durfte doch jetzt nicht wahr sein. Er ließ sich wieder ins Bett fallen und rieb sich über die Augen. Er war vollkommen durcheinander, denn er hatte das jetzt so verstanden, dass Niko eigentlich auch mehr wollte, als nur einmal mit ihm das Bett zu zerwühlen und dann zu verschwinden „Was machen wir denn jetzt?“, fragte er ein wenig überfordert.

Niko neben ihm drehte seinen Kopf so, dass er auf Chris neben sich sehen konnte. „Am besten den heutigen Tag so intensiv nutzen, wie es nur geht, und dann … musst du mich eben besuchen kommen. Südafrika ist schön um diese Jahreszeit“, versuchte er einen blöden Scherz. Doch er kam nicht an, das spürte er, denn er konnte ihn sich selber nicht richtig abnehmen. Südafrika war nicht gerade um die Ecke und die Flüge nicht mal eben aus der Portokasse zu zahlen.

„Da hat sich doch irgendjemand einen schlechten Scherz mit uns erlaubt. Ich habe mir dich seit über vier Monaten verboten, weil ich keinen Bock auf Stress mit Lena hatte und jetzt, wo ich endlich den Mut dazu hatte, dir zu zeigen, dass ich mich schon länger ziemlich in dich verliebt habe, da fährst du weg.“ Chris zog Niko zu sich und vergrub sein Gesicht in dessen Halsbeuge. „Wenn ich den Typ erwische, dem polier ich echt die Fresse.“

Niko lachte leise, auch wenn ihm nicht zum Lachen war. „Ich habe mich auch verliebt, schon vor einer Weile und war gestern eigentlich nur noch mal hier, um ein paar Erinnerungen mit nach Afrika zu nehmen. Es war nicht geplant, dass das hier passiert und uns beiden solche Probleme bereitet“, gestand er seinen Plan, der gründlich ins Wasser gefallen war. Und jetzt, da er wusste, dass Chris sich die ganzen Zeit nur wegen Lenas erhobenen Ansprüchen an dem Tierarzt zurück gehalten hatte, wurde er noch wütender auf die egozentrische junge Frau.

Chris sah wieder hoch und strich Niko sanft über die Wange. Er liebte dessen Dreitagebart, der so herrlich über seine Haut geschabt hatte die letzte Nacht und ihm jede Menge angenehme Schauer über den Rücken gejagt hatte. „Hast du dort Internet und eine Webcam? Ich habe zwar keine Erfahrung mit Telefon- und Internetsex, aber was bleibt uns sonst übrig, denn aufgeben werde ich dich ganz bestimmt nicht.“ Dass Niko ihn liebte, ließ ihn schon wieder etwas hoffnungsvoller in das kommende Jahr sehen, auch wenn es bestimmt nicht einfach wurde. Er kannte sich und wenn er sich verliebte, dann mit Haut und Haar und seinen Freund dann nicht sehen zu können, wurde hart.

„Interessante Vorstellung, mein Schatz, aber ich bin auf einer Farm oberhalb von Johannesburg. Irgendwo im Niemandsland. Vielleicht werden wir dort Strom haben. Amy, die Besitzerin der Auffangstation auf der Farm, hat aber gesagt, dass ich in der Buschklinik auf dem Nachbargrundstück eventuell mal ins Internet kann, wenn das nötig wäre. Sie arbeiten gerade daran, sich selber eine Leitung legen zu lassen.“ Das waren die Informationen die ihm Amy hatte zukommen lassen beim letzten Telefonat, als er selbst auch den Vorschlag gemacht hatte zu skypen. Vor zwei Wochen hatte ihn das fehlende Internet noch nicht gestört, jetzt gerade dachte er doch etwas anders darüber. „Weiß nicht, ob ich im Büro der Buschklinik unbedingt Internet-Sex haben möchte.“ Er grinste Chris frech an.

„Was sagst du?“ Chris schoss hoch und sein Herz machte gerade Purzelbäume. Mit großen Augen sah er auf Niko und wollte gar nicht glauben, was er gerade gehört hatte. Das war doch bestimmt reines Wunschdenken, dass ihm das alles bekannt vorkam. „Die Leiterin der Auffangstation, heißt die Amy Taylor und nebenan ist die Malanga-Klinik und die gehört einem Walter Richter?“, fragte er aufgeregt. Wenn Niko jetzt zu allem ja sagte, dann gab es doch einen klitzekleinen Silberstreif am ziemlich dunklen Horizont.

„Amy heißt Taylor, das weiß ich. Wie die Buschklinik heißt, weiß ich nicht genau. Kann sein dass der Inhaber … aber woher weißt du das?“ Niko richtete sich ebenfalls auf und sah Chris herausfordernd an. Sein Liebling hatte ihm wohl einiges zu erklären. Sollte die Welt wirklich so klein sein, dass sich hier wieder die Kreise schlossen?

„Weil ich...“, fing Chris aufgeregt an, aber dann lachte er und zog Niko in einen kurzen, intensiven Kuss, bevor er aus dem Bett sprang und ins Wohnzimmer lief. Man hörte, dass er sich etwas griff und dann war er auch schon wieder da und saß wieder auf dem Bett. Auf dem Schoß hatte er ein Fotoalbum, das er jetzt öffnete. und dann sichtlich aufgeregt auf ein Bild deutete. „Das ist Amy Taylor, die Leiterin der Auffangstation, das ist Walter Richter, der Leiter der Buschklinik und dazwischen bin ich. Das war letztes Jahr, als ich Onkel Walter besucht habe.“

Weil es ganz still war, hörte man es rattern, als Nikos Hirn anfing zu arbeiten. Die Leiterin der Station und Chris waren auf einem Foto. Das könnte bedeuten, dass sie sich kannten und meistens kannte man Leute, die in der Nähe wohnten. Und den Leiter der Klinik hatte er Onkel genannt – klang irgendwie verdächtig nach Familie. „Du willst mir also sagen, dass du sie kennst und dass du sie besuchst und willst du mir auch verraten, wann du sie das nächste Mal besuchen wirst?“ Und plötzlich machte alles Sinn und er fing an zu grinsen, legte eine Hand wieder in Chris‘ Nacken und zog ihn so dicht zu sich, dass er dessen Stirn an seiner spürte.

Das Album landete auf dem Bett und Chris drückte Niko so lange nach hinten, bis der wieder auf der Matratze lag und er über ihn gebeugt war. „In einer Woche“, giggelte er und ihm wurde jetzt erst so richtig klar, was das bedeutete. Chris konnte es noch gar nicht richtig glauben.

Niko fuhr zu Amy und Onkel Walter.

Er wusste gar nicht, was er zuerst machen sollte, lachen oder Niko küssen. Er entschied für das Küssen und das sehr ausgiebig und gründlich. Erst spürte er noch etwas Verwirrung in seinem Gespielen, doch dann hatte sich auch Niko relativ schnell wieder erholt. Er zog Chris wieder auf sich und schlang die Arme um ihn, öffnete seine Beine und ließ seinen Freund dazwischen rutschen. Seine Hände strichen den Rücken auf und ab und seine Zunge versuchte den Fremdling zu vertreiben. Jetzt war er mal dran, sich in der fremden Höhle umzusehen und so erkundete er Chris erneut.

Der seufzte nur angetan und ließ sich erobern, aber weil er ja angeboten hatte, das nächste Mal unten zu liegen, ließ er sich zur Seite fallen und zog seinen Schatz auf sich. „Du bist dran, oben zu sein“, wisperte er in den Kuss und schlang seine Beine um Nikos Hüften, damit der spüren konnte, wie bereit Chris schon für eine neue Runde war.

„Ich werde dich nach allen Regeln der Kunst lieben, mein Schöner, aber dann muss ich mal kurz weg. Mein Gepäck kann nur bis 12 im Hotelzimmer bleiben, sonst muss ich einen weiteren Tag bezahlen.“ Suchend sah er sich um, um eine Uhr zu finden. Er hatte das Zeitgefühl völlig verloren. Aber seine Hände liebkosten Chris und sein Becken drängte sich immer wieder gegen den Schritt seines Geliebten. Diese Hitze machte ihn trunken, in seinen Kopf drang die Leere.

„Holen wir deinen Kram hier her. Ich bring dich dann heute Abend zum Flughafen, wenn es so weit ist.“ Chris angelte auf seinem Nachttisch nach der Uhr. Ein kurzer Blick, dann ließ er sie fallen und sie war wieder uninteressant. Sie hatten noch Zeit für ein oder zwei lustvolle Runden, bevor sie Nikos Zeug holen mussten. „Es ist kurz nach neun.“

„Wunderbarer Plan von einem wunderbaren Mann“, raunte Niko dunkel und gab sich ganz seiner Lust hin. Er hatte zu lange auf diesen Mann gewartet und seit letzter Nacht wusste er noch besser, dass dieser Mann alles Warten wert gewesen war. Und so verbrachte er die nächste Stunde damit, Chris all das zu geben, was sich die letzten Monate angestaut hatte, die Sehnsucht und die Begierde, die Lust und die Gier, ehe er sich zufrieden und schwer keuchend von seinem Geliebten gleiten ließ und auf dem Rücken liegen blieb.

Chris neben ihm ging es nicht besser. Er keuchte ebenfalls wie ein alter Köter, aber ihm ging es wunderbar. Er konnte Niko immer noch am ganzen Körper spüren. Seine Hand tastete nach Nikos und er verschlang ihre Finger miteinander.

„Ich liebe dich“, murmelte er leise und drehte sich auf die Seite, damit er seinen Kopf auf die Schulter seines Geliebten legen konnte.

„Ich dich auch und wenn ich irgendwann wieder zu Atem gekommen bin, dann beweise ich dir das vielleicht auch mit einem Kuss. Aber erst einmal werde ich ein bisschen sterben müssen“, lachte er und lächelte Chris zufrieden an. „Aber wir sollten duschen, ehe wir ins Hotel fahren, das wird sonst peinlich.“ Sanft küsste er Chris auf die Haare und seine Hand strich über den verschwitzten Rücken seines Freundes.

„Muss ich dazu aufstehen?“, stöhnte Chris. „Denn das kriege ich bestimmt nicht hin. Du hast mich fix und fertig gemacht. Meine Beine fühlen sich an, als wären sie aus Gummi.“ Von seinem pochenden Hintern mal ganz zu schweigen, aber das ertrug er gerne, wenn er sich hinterher, so ausgepowert und befriedigt fühlte wie jetzt. „Zusammen duschen oder lieber getrennt?“

Niko richtete sich auf und blickte auf Chris‘ gerötetes Gesicht und die immer noch heftig bebende Brust. Nachdenklich strich er mit einem Finger zwischen den Brustmuskeln entlang, tiefer bis zum Nabel, umrundete diesen und strich noch tiefer. „Am liebsten möchte ich dich keine Minute missen. Aber wenn wir zusammen duschen, dann wird das ein Teufelskreis von dreckig werden und sauber machen und dann muss ich das Zimmer im Hotel wirklich noch für eine weitere Nacht bezahlen.“ Seinem Finger folgten nun seine Lippen.

„Dann solltest du das jetzt besser lassen, auch wenn der kleine Chris schon wieder in den Startlöchern steht, was ich gerade nicht fassen kann.“ Mit großen Augen sah Chris an sich runter und auf seine sich doch allen Ernstes schon wieder leicht erhebende Männlichkeit. Darum zog er Niko zu sich hoch und küsste ihn. „Du machst mich zum Sexsüchtigen. Schäm dich.“ Er kniff seinem Schatz in den Hintern und klappste dann darauf. „Los, ab unter die Dusche, ich koche Kaffee und mach die Pizza warm.“

„Und ich werde mich so lange im Bad schämen und dann die Scham von mir waschen. Und seit ich weiß, dass ich dich in einer Woche wiedersehen kann, bin ich gern bereit dich nach Sex mit mir süchtig zu machen – so gehe ich sicher, dass du mich in der Wüste finden und aufspüren wirst, um die Befriedigung zu erlagen, die du von mir gewohnt bist.“ Niko lachte frech und ausgelassen, ehe er sich aus dem Bett rollte und einen Teil seiner Klamotten zusammen suchte. Er konnte im Bad feststellen, ob sie vollständig waren.

„Boah, was hab ich mir da nur ins Bett geholt“, rief Chris ihm hinterher und lachte dann. Niko hatte Recht, sie sahen sich in einer Woche schon wieder, für sechs Wochen, denn so lange wollte er in der Klinik aushelfen, wie jede Semesterferien seit ein paar Jahren. Er schwang seine Beine aus dem Bett und schaffte es sogar aufzustehen, ohne dass seine Gummibeine unter ihm nachgaben. Er schlurfte in die Küche, gähnte immer wieder, während er die Kaffeemaschine bestückte und sichtete die restliche Pizza. Seine Freunde hatten noch genug fürs Frühstück übergelassen. Vor allen Dingen von Nikos Lieblingspizza.

Der war allerdings erst einmal im Badezimmer verschwunden und staunte nicht schlecht. Das war kein Badezimmer, das war eine Badeanstalt. Eine riesige freistehende Dusche mitten im Raum. Keine Wände nur eine Art Himmel aus Edelstahl und in den gleichen Abmessungen im Boden Abläufe. Das Bad war auch nicht wie erwartet gefliest, sondern mit dunklem Parkett ausgelegt. Knöpfe im Boden der Dusche schienen für den Wasserfluß vorgesehen zu sein.

In einem kleinen Nebenraum fand er eine Toilette und an einer anderen Wand zwei große Waschbecken vor einer komplett verspiegelten Wand. Wandnischen beherbergten Hygieneartikel und hinter Schiebetüren aus Glas verbargen sich Handtücher und alles, was man brauchte. Die Wanne war groß und geräumig und mit Sprudeldüsen ausgestattet. Niko wollte gar nicht wissen, was allein das Bad gekostet hatte. Der Rest des Lofts war schließlich ebenfalls nicht gerade vom Sperrmüll.

Doch dann besann er sich wieder. Er wollte alle Zeit, die er hatte, mit Chris verbringen, er sollte also schnell duschen.

Erst einmal sollte er aber erkunden, wie die Dusche zu bedienen war, denn so was hatte er bisher auch noch nicht gesehen. Er blieb also außen stehen und tippte vorsichtig auf eine der Flächen. Das ging ganz gut, denn sie waren am Rand angebracht. Nichts passierte, also probierte er die nächste Fläche und warmes Wasser plätscherte wie Regen auf den Boden.

„Cool“. grinste er und stellte sich drunter. Das war herrlich. Schnell schäumte er sich ein mit dem, was er in einer der Nischen gefunden hatte und betrachtete sich dabei im Spiegel. Dann musste er lachen. Wie narzisstisch musste man veranlagt sein, um sich solch ein Badezimmer zu bauen? Er musste seinen Liebling dringend einmal dahingehend befragen, aber erst wollte er den weichen Regen auf der Haut genießen und er spielte noch etwas mit den Knöpfen. Aus dem Regen wurde ein intensiverer Strahl, der ihm den Nacken massierte und als er auf einen anderen Knopf drückte, quietschte er und hüpfte ins Trockne. Er hatte die Kaltwasserfunktion gefunden.

„Na, lebst du noch?“ Chris hatte das Quietschen gehört und kam jetzt in den Raum. Auf dem Weg zu seinem Schatz nahm er sich ein vorgewärmtes Handtuch und hüllte Niko darin ein und er bekam auch noch einen Kuss, weil er sich ja so erschrocken hatte. Praktischerweise war er schon nackt und konnte gleich duschen, nachdem er das Wasser wieder warm eingestellt hatte. „Diesen Schalter solltest du meiden, außer du magst kaltes Wasser.“

„Und diese wertvolle, für einen Warmduscher wie mich geradezu lebenswichtige Information konntest du nicht vorher mit mir teilen? Gib es doch zu, das war Absicht“, murmelte Niko und trocknete sich ab, während er seinem Liebling dabei zusah, wie er ebenfalls anfing, sich sauber zu machen. Schade eigentlich, er hatte so animalisch gerochen. Und ehe er gleich zusammen mit seinem warmen Handtuch zu Chris unter die Dusche stieg, wandte er sich lieber um, ging aber einen Schritt beiseite, damit er Chris im Spiegel besser beobachten konnte, während er sich selbst abtrocknete und anzog.

Chris spürte, dass er beobachtet wurde und drehte sich darum noch ein paarmal, auch wenn es nicht notwendig war, damit sein Schatz etwas zu gucken hatte. Allein dafür hatte sich die Investition in den Spiegel auf jeden Fall gelohnt. Es war schade, dass sein Freund so schnell fertig war, denn Chris hatte ihn ebenfalls über den Spiegel beobachtet. „Schenkst du schon mal Kaffee ein? Meinen hätte ich gerne mit viel Milch“, rief er Niko hinterher, als der aus dem Raum ging.

„Sicher“ Niko wandte sich noch einmal um, gönnte sich einen letzten Blick, dann schloss er die Tür und sah sich kurz um. Er vermisste sein Shirt, das musste er irgendwo in der Nähe der Couch verloren haben, soweit er sich erinnern konnte. Doch erst einmal verschwand er in der Küche. Dort überredete er den Kaffeevollautomaten ihm zwei Tassen leckeres Gebräu zu bereiten und streckte den Kaffee für Chris mit viel Milch und seinen eigenen mit Wasser und Zucker. Er trank gerade den ersten Schluck, als die Wohnungstür aufging. Verwirrt blickte er über die Theke zur Tür.


05 

Dort stand Lena, immer noch die Schlüsselkarte in der Hand und sah zu ihm rüber. „Was hast du hier zu suchen?“, fauchte sie ihn gleich an und kam näher. Das durfte doch nicht wahr sein, dass der Arsch, der sie gestern vor allen gedemütigt hatte, ihr jetzt auch noch den Morgen versaute. Sie brauchte einen Kaffee und etwas zu essen. Jan, bei dem sie heute übernachtet hatte, hatte natürlich nichts da gehabt und Chris‘ Kühlschrank war immer voll.

„Guten Morgen“, entgegnete Niko ungerührt. „Was ich hier suche? Gute Frage. Ich suche den Grund dafür, dass du ungebeten in diese Wohnung kommst. Ich suche den Grund dafür, dass du keinerlei Benehmen hast und noch nicht einmal einen guten Morgen wünschen kannst, ehe du Leute anmaulst. Aber eigentlich suche ich nur Orangensaft. Hast du einen Tipp?“ Er wandte sich um und fing an, in der Küche zu suchen. Er musste sich ablenken, sonst explodierte er gleich.

„Wie bitte, du unverschämter Arsch“, explodierte Lena und genau in diese Szene stolperte Chris, der aus dem Bad kam. Lena hatte ihn noch nicht bemerkt, aber selbst wenn, hätte das wohl keinen Unterschied gemacht, denn sie war wütend. „Ich kann hierherkommen, wann ich will und du hast es ja wohl nicht besser verdient, nachdem du mich so vor all meinen Freunden blamiert hast.“ Schon hob sie ihre Hand, um Niko zu kratzen, aber da sprang Chris dazwischen und hielt ihren Arm fest.

„So, das reicht jetzt ein für alle mal. Gib mir die Schlüsselkarte und dann verschwinde für immer“, zischte er sie wütend an und schnappte sich besagte Karte aus ihrer Hand. „Du wirst diese Wohnung nie wieder betreten und wage es noch einmal, die Hand gegen meinen Freund zu erheben, dann fliegst du achtkantig raus, du dämliches, unverschämtes, egoistisches Weibsstück.“

„Das kannst du nicht machen. Wir sind eine Familie und was dir gehört, gehört uns allen“, zischte Lena und fixierte sich jetzt ganz auf Christopher, der nur im Handtuch vor ihr stand und die Schlüsselkarte in der Hand hielt. „Glaube nicht, dass du damit durchkommst, du Arsch, du kannst mich hier nicht rauswerfen. Ich habe noch mein Zeug im Zimmer und das kannst du mir nicht einfach vorenthalten. Ich werde jetzt …“, schrie sie und wollte gerade in das Zimmer gehen, dass sie okkupiert und seit dem als ihres bezeichnet hatte, doch weit kam sie nicht.

Während Chris noch zu verstehen versuchte, was seine Stiefschwester da gesagt hatte, war Niko schneller. Er griff die tobende junge Frau an den Schultern und schob sie zur Tür. Als er sie hinaus befördert hatte, wünschte er ihr noch ein 'Nimmer Wiedersehen' und schloss die Tür von innen, ehe er sich schwer atmend dagegen lehnte. Diese Frau war ja gemeingefährlich.

Chris ließ sich neben ihn gegen die Tür fallen und grinste schief. „Sicher ist sicher“, meinte er und ließ den Kopf hängen. Es war ihm peinlich, dass Niko das mitbekommen hatte, aber er bereute es nicht, denn das war schon lange überfällig gewesen. „Das war‘s, dann wohl mit meiner Familie.“

„Tut mir leid.“ Niko zog ihn gegen sich und schlang stumm die Arme um ihn. Das hätte jetzt wirklich nicht sein müssen. Sicher, Lena war unausstehlich und egomanisch – aber musste sie sich wirklich so dermaßen unzivilisiert aufführen? Sie war doch keine sechs Jahre mehr.

Sie standen eine Weile schweigend, als eine Katze plötzlich vor ihnen neben der Theke saß. „Huch“, machte Niko und sah sie an. „Du hast Haustiere, das wusste ich nicht.“

„Haustiere?“, Chris kam grad nicht mit, denn er hatte noch nichts bemerkt und erst jetzt bemerkte er die Katze neben der Theke. „Ach so, das ist Azrael, die Katze meines Cousins und seines Liebsten. Er wohnt nebenan. Wir haben in die Verbindungstür eine Katzenklappe gemacht, damit sie mich besuchen kann, wenn sie möchte. Das tut sie auch, aber nicht weil sie mich mag, sondern um mich hinterhältig anzufallen und in die Wade zu beißen. Sie kann mich nicht leiden“

„Mau“, machte Azrael wie zur Bestätigung und fuhr die Krallen aus.

„Pass bloß auf, sie ist eine ehemalige Straßenkatze und nicht zu unterschätzen.“

„Sie ist eine Katze, kein Kater. Warum heißt sie denn dann Azrael?“, fragte Niko verwirrt und blickte das kleine Tier neugierig an. Für eine Straßenkatze sah sie sehr gut aus, gut im Futter und gepflegt. Er ging in die Hocke und lockte die Katze zu sich.

„Weil mein Mann zwar ein toller Rettungssanitäter ist, aber ein mieser Biologe. Er dachte, sie wäre ein Kater und als ich es endlich aufklären konnte, hatte sie sich an den Namen schon gewöhnt.“ In der Tür zwischen den beiden Wohnungen stand plötzlich Hendrik und beguckte sich seinen halb nackten Cousin und dessen neue Errungenschaft.

„Hallo Henni, was verschafft mir die Ehre?“ Chris sah seinen Cousin lächelnd an und ließ Niko los, der sich neben ihn hockte, um Azrael besser anlocken zu können. „Hast du deine Kampfkatze hier rein gelassen, damit sie mich auf deinen Besuch vorbereitet?“, lachte er und behielt besagte Kampfkatze im Blick, damit er eingreifen konnte, wenn sie sich auf Niko stürzte. „Wenn sie meinen Süßen kaputt macht, dann haben wir ein Tänzchen, mein Lieber. Möchtest du vorher noch einen Kaffee?“

„Du bist ja süß“, sagte Niko ganz entzückt und hatte Azrael schon auf dem Arm, die hingebungsvoll schnurrte und sich das schwarz-weiße Fell streicheln ließ.

„Ich glaube, es liegt an dir, Kleiner, nicht an meiner Katze“, befand Hendrik und kam näher, schloss dabei die Verbindungstür zwischen den Wohnungen wieder hinter sich. „Aber eigentlich wollte ich mal den Stein des Anstoßes sehen, den Grund warum die Furie mich gerade raus geklingelt hat, um mir an den Kopf zu werfen, es wäre doch abartig, dass ich dir einrede, du sollst ihr den Kerl ausspannen. Ich nehme mal an, dass du besagter Kerl bist. Angenehm, ich bin Hendrik. Und außerdem musste ich mir gerade sagen lassen, wie gierig ich wäre. Ob ich es ihr nicht gönnen würde, in der Eigentumswohnung ihrer Familie zu wohnen.“

„Häh? Hat die ein Rad ab?“ Chris packte sich an den Kopf und verdrehte die Augen. „Die ist echt zu dir rüber, nachdem wir sie rausgeworfen haben? Tut mir leid.“ Weil Azrael so friedlich war und schnurrte kam er näher zu Niko und streckte seine Hand aus, um sie zu streicheln, zuckte aber schnell wieder zurück, als er böse angefaucht wurde.

„Lass sie“, sagte Niko und drehte sich so, dass Chris nicht mehr dran kam. „Hallo, ich bin Niko und wie du richtig vermutet hast, der Stein des Anstoßes.“ Er musste grinsen, weil Chris was von blödem Katzenvieh brummelte und für Hendrik eine Tasse Kaffee eingoss. „Möchtest du auch Pizza?“

„Hm, Pizza zum Frühstück – mein Leibgericht!“ Hendrik war gleich Feuer und Flamme und beguckte sich noch einmal den jungen Mann mit seiner Katze. Azrael war wie ein Lämmchen, aber mit Chris wurde sie einfach nicht warm. Das war Hass vom ersten Tage an, das würde sich wohl auch nicht mehr ändern. Er ging den beiden nach, die es sich am Tisch bequem machten und griff sich gleich seinen Kaffee, während er die Hand ausstreckte und Azrael auch mal streichelte.

„Ja, sie klingelte Sturm, bügelte mich ab und rauschte von dannen. Erst war ich mir nicht ganz sicher, ob das wirklich passiert war. Aber da ihr ekliges Parfum noch im Hausflur stand, nachdem sie gegangen war…“ Er zuckte die Achseln und machte es sich im Schneidersitz auf seinem Stuhl bequem. „Aber genug von der Furie, alle dreckigen Details auf den Tisch, los! Seit mein Mann Nachtschicht hat, sitze ich auf dem Trocknen. Das ist jetzt eine Woche her!“

„Das hättest du wohl gerne?“, lachte Chris und schüttelte den Kopf. „Aber ein paar Infos kann ich dir geben. Niko ist Tierarzt und Lena hatte ihn sich in den Kopf gesetzt. Gefallen hat er mir auch, sogar sehr, aber auf Lena-Stress hatte ich keine Lust. Sie kam dann auf die Idee mit der Party gestern, damit sie ihre gierigen Finger in ihr Opfer schlagen konnte. Aber das Opfer hat nicht mitgespielt und hat sie abblitzen lassen. Sie ist wütend abgerauscht und weil sie mir vorher schon tierisch auf die Nerven gegangen ist, hab ich mir den Süßen gekrallt und siehe da, es stellte sich raus, dass er gerne bis sehr gerne mit mir spielen wollte. Heute Morgen kam sie an, wollte auf Niko los, da hab ich ihr die Schlüsselkarte weggenommen, ihr gesagt, dass sie sich verpissen soll und Niko hat sie rausgeworfen.“ Er sah zu seinem Süßen rüber und nickte. „Ja, das war es so in Kurzfassung.“

„Ihr habt euch also zusammen gegen die Furie verbündet. Sehr schlau.“ Hendrik nickte und griff sich eines der kalten Pizzastücke, die aufgewärmte stand noch im Ofen. „Dass du allerdings so ein Leckerchen Lena überlässt, lässt mich echt an dir zweifeln, Hissi, ganz ehrlich.“ Er grinste als Niko rot wurde und sich intensiver mit der Katze befasste, die nun auf dem Rücken auf seinem Schoß lag und sich aalte vor Wonne.

„Hissi?“, fragte Niko irritiert und sah Chris an, „bist du das?“

„Leider ja und das war bestimmt nicht meine Idee.“ Chris sah Hendrik böse an, der aber nur grinste. „Ich bin bei Onkel Walter, dem Vater von Hendrik und seiner Zwillingsschwester Hannelore aufgewachsen. Der Onkel, der jetzt die Buschklinik in Südafrika hat. Meine Cousine war dann irgendwann der Meinung, dass ich ja einen passenden Namen zu Henni und Hanni brauchte, wie sie immer gerufen wurden und so wurde aus Chrissi Hissi.“ Während er eine der Peinlichkeiten seines Lebens erzählte, holte Chris die Pizza aus dem Ofen, damit sie endlich anfangen konnten zu frühstücken.

Erst grinste Niko, doch dann erinnerte er sich an den Anfang des Geständnisses. „Du bist bei deinem Onkel aufgewachsen? Lena auch?“, fragte er etwas irritiert. Er konnte sich erinnern, dass er sie am Tisch immer mal von ihren Eltern hatte sprechen hören. Warum hatte Chris dann dort nicht gelebt?

Doch dann entschuldigte er sich hastig, dass ihn das nichts anginge und er wohl gerade etwas indiskret gewesen wäre und machte sich daran etwas zu essen, allerdings nur einhändig, denn wenn er aufhörte zu streicheln, bekundete Azrael ihren Unmut.

„Nix da, du wirst jetzt in die dunkle Seite der Familie Richter eingeweiht.“ Chris schickte Niko einen Luftkuss, denn er traute sich nicht sich vorzubeugen. „Mein Erzeuger ist der Bruder von Onkel Walter. Als ich sieben war, ist meine Mutter gestorben und Herr Richter, konnte mit mir nichts anfangen, da hat Onkel Walter mich aufgenommen. Irgendwann hat Herr Richter dann wieder geheiratet und Lena und ihre Mutter angeschleppt. Sie ist seine Stieftochter.“

Niko nickte nachdenklich. „Das ist schade“, sagte er leise und blickte Chris traurig an. Kein Kind sollte solch eine Erfahrung machen müssen, erst die Mutter zu verlieren und dann auch den Vater, weil er ihn spüren ließ, dass er ihn nicht gebrauchen konnte.

„Man muss dazu sagen, dass Johann, so heißt mein Onkel“, sagte Hendrik, „ein sehr selbstbezogener Mensch ist. Als seine Frau starb, war er so in Trauer, dass er nicht begriffen hatte, dass sein kleiner Junge ebenfalls seine Mutter verloren hatte und Hilfe brauchte. Er hat's nicht begriffen. Ich weiß noch, dass mein Vater ziemlich oft auf ihn eingeredet hat, doch es hat nichts gebracht. So ist Hissi zu uns gekommen und ich hatte endlich einen kleinen Bruder auf den ich immer die Schuld schieben konnte.“ Und wieder verschwand ein Stück Pizza in Hendriks Mund. Derartiges Frühstück mochte er wirklich.

Chris lachte und zeigte seinem Cousin einen Vogel. „Mir ging es gut bei Onkel Walter. Von ihm, meiner Tante und dem Chaotenduo habe ich alle Liebe bekommen, die ich brauchte.“ Jetzt beugte er sich doch vor und küsste Niko, weil der sich um ihn Sorgen machte, auch wenn das gar nicht mehr nötig war. Er nahm dafür in Kauf, dass Azrael ihm einen Hieb verpasste und ein paar blutige Striemen hinterließ. „Du wirst ihn ja kennen lernen und wenn er mitkriegt, dass du zu mir gehörst, wird er dich auch in sein großes Herz schließen.“

„Im Gegensatz zu der Kleinen hier, hm?“ sagte Niko und sah Azrael an, die nun auf seinem Schoß saß und Chris fixierte. Er wollte gerade etwas entgegnen, als das Telefon klingelte. Alle drei sahen sich an. Wer rief denn Samstagmorgen um halb zehn an? Alle drei blickten auf das kleine Gerät auf der Theke und Chris erhob sich. „Ja“, meldet er sich, ohne auf die Nummer geguckt zu haben und bereute es im nächsten Augenblick.

>>Christopher, was hast du dir dabei gedacht, Lena aus der Wohnung zu werfen. Das wirst du sofort rückgängig machen.<<

Irritiert schüttelte Chris den Kopf und sein Gesicht verschoss sich. War ja klar, dass Lena sich bei seinem Vater ausgeheult hatte, aber das war ihm egal. Er tanzte nicht mehr nach deren Pfeife und da konnten sie sich gleich dran gewöhnen.

„Ich wünsche auch einen guten Morgen, Herr Richter“, sagte er unterkühlt. „Und nein, ich werde das nicht rückgängig machen. Ich will Lena hier nicht mehr sehen und ich bringe ihre Sachen, die noch hier sind, morgen bei ihnen vorbei.“ (uih, der Siezt ihn ja wirklich, da ist noch mehr schief gelaufen, oder?)

>>Chris, was soll diese Kinderei denn. Gut, ihr habt euch wegen dem gleichen Mann in die Haare bekommen, aber das ist doch noch lange kein Grund, seine Schwester vor die Tür zu setzen. Wir sind doch eine Familie und was dir gehört, gehört auch der Familie. Das sollte dir doch klar sein.<< Johann redete hastig, er war aufgewühlt.

„Erzählen Sie mir nichts von Familie. Den Geburtstag ihres einzigen Sohnes, haben sie seit zwölf Jahren ignoriert. Ich glaube nicht, dass diese Tatsache ihre Ansicht sehr glaubhaft macht. Sie mögen ja der Meinung sein, dass wir eine Familie sind, aber ich schon lange nicht mehr.“ Chris kam langsam in Fahrt und ließ seinen Vater nicht zu Wort kommen, als dieser versuchte etwas zu sagen.

„Und diesen Schwachsinn, dass alles, was mir gehört, auch ihnen gehört, weil wir ja eine Familie sind, kann ich nicht mehr hören. Wir sind keine Familie.“ Er grinste böse, als er die nächsten Sätze sprach. Sehr deutlich, damit sie auch verstanden wurden. „Mir gehört diese Wohnung nicht. Ich habe sie an Onkel Walter zurück überschrieben und zahle Miete. Lena hat also keinerlei Anspruch hier wohnen zu dürfen.“

Am anderen Ende herrschte Stille. Man schien verarbeiten zu müssen, was Chris eben gesagt hatte. >>Wie kannst du es wagen, das Eigentum der Familie einfach zu veräußern? Wer gibt dir das Recht dazu?<< Johanns Stimme zeugte von Entsetzen, er schien wirklich nicht damit gerechnet zu haben, dass sein Sohn ihm ungerührt solch eine Nachricht überbringen würde. >>Du wirst das rückgängig machen. Du wirst unsere Wohnung nicht einfach so meinem Bruder zurück übereignen. Das kann doch …<<

Doch da hatte Chris schon aufgelegt. Hendrik starrte ihn mit offenem Mund an. „Hat der Kerl allen Ernstes gerade wieder die Eigentum-der-Familie-Nummer abgezogen? Dreistes Arschloch.“

„Japp, hat er. Ich hätte kein Recht seine Wohnung zu veräußern und ich soll das gefälligst rückgängig machen ... bla ... bla ... bla.“ Chris ließ sich auf seinen Stuhl fallen und rieb sich über die Augen. „Tut mir leid, Niko, dass du den ganzen Mist mitkriegen musstest.“ Er lehnte sich vorsichtig bei ihm an und knurrte leise, weil Azrael das schon wieder nicht passte. „Hör mal zu, du Bettvorleger, der ist kein Familieneigentum, der gehört nur mir.“

„Ich glaube nicht, dass sie das so sieht“, lachte Niko, beugte sich aber zu seinem Schatz rüber um ihn zu küssen. Dabei hielt er die Katze aber lieber fest, nicht dass Chris noch heimtückisch überfallen wurde.

„Lass den Mann reden, der hat doch keine Ahnung. So einfach kann sich Familie nicht das Eigentum eines Mitglieds aneignen. Vielleicht sollten sie sich erst mal kundig machen. Denk nicht drüber nach, genieß die Pizza. Die ist immer noch lecker.“ Hendrik lächelte Chris an und griff sich wieder seinen Kaffee, der war kalt, aber das war egal.

„Ich weiß, Henni, aber die waren so penetrant, da hab ich mit deinem Vater gesprochen, Ich habe ihm die Wohnung zurück übereignet und zahle ihm Miete und die laufenden Kosten. So haben sie keinen Grund mehr, mir auf den Geist zu gehen.“ Dass das Geld auf einem Konto landete, das zwar auf Walters Namen lief, aber für das Chris alle Vollmachten und Bankkarten hatte, musste Herr Richter doch nicht wissen. Er nahm sich ein Stück Pizza und biss ab, denn zum Essen war er bisher nicht gekommen. „Wir sollten gleich los, dein Gepäck holen, Niko und wann geht überhaupt dein Flieger?“

„Mein Flug geht heute Abend kurz nach acht. Ich sollte also gegen sechs am Flughafen sein. Aber du muss mich nicht bringen, Schatz, ich kann die Bahn nehmen. Frankfurt ist ja nicht gerade um die Ecke.“ Niko nahm sich noch ein Stück Pizza unter Azraels skeptischem Blick.

„Du verreist?“, fragte Hendrik irritiert und Niko nickte. „Ich arbeite an meiner Doktorarbeit über Krankheiten in Großkatzenpopulationen. Dafür fliege ich nach Südafrika.“

„Nach Südafrika?“ Hendrik sah Niko an, weil er noch ein paar Informationen wollte, aber der kaute gerade, so dass Chris aushalf. „Ja, Südafrika und rate mal in welcher Tierauffangstation er das macht?“ Chris grinste breit und Hendrik hatte so eine Ahnung, weil ja vorhin auch die Rede davon war, dass Niko seinen Vater kennen lernen würde. „Ne, echt? Du arbeitest bei Amy? Das ist ja abgefahren. Bist du nicht auch bald da, Chris?“

Der nickte heftig und grinste. „Haben wir vorhin zufällig festgestellt. Voll genial.“ Chris war ganz aus dem Häuschen, was wiederum Niko ein verliebtes Lächeln entlockte, weil sein Freund sich so freute, ihn bald wieder zu sehen. Er war allmählich satt und ließ sich noch einen Kaffee machen, während Hendrik ihn plötzlich fragend anblickte.

„Du heißt nicht zufällig Nikolai Ententeich oder so?“, fragte er und Niko zog die Brauen zusammen.

„Nikolai Entrich“, sagte er und wollte wissen, woher er das wusste.

„Und du bist in drei Monaten im Krüger, um mit einem Wildtierbiologen die dortigen Löwenfamilien zu untersuchen?“

Bei Niko machte es klick – man hörte es deutlich. „Das bist nicht etwa du?“

Und Hendrik nickte nun so heftig wie Chris eben noch.

„Das ist ja geil“, lachte Chris und schlug sich vor Begeisterung auf den Oberschenkel. „Ihr beiden zusammen im Krüger, ich fass es nicht. Dann bist du ja schon mal einen großen Teil deines Dreivierteljahres mit Henni und mir dort unten.“ Chris grinste, aber dann sackte er in sich zusammen und fing an zu jammern. „Mist, ich habe davon nur sechs Wochen und den Rest der Zeit muss ich ohne dich auskommen, weil ich ja mein blödes Praxissemester hier machen muss. Das ist so ungerecht.“

Noch ehe Niko etwas dazu sagen konnte, hatte sich Hendrik schon zu Wort gemeldet. „Und warum redest du nicht mit Walter, ob er was in einer Notaufnahme in Johannesburg arrangieren kann? Er hat immer noch einen Ausbilderschein. Den erneuert er immer. Lass uns heute Abend mit ihm skypen, vielleicht lässt sich da ja was drehen.“ Er lockte Azrael zu sich, denn er wollte wieder rüber. Zum einen wollten die beiden sowieso gleich weg und zum anderen war er heute mit kochen dran. Das hieß, dass er vorher noch über den Markt gehen wollte. Das Wetter lockte ihn vor die Tür.

„Mensch, Henni, wenn du nicht mein Cousin und schon vergeben wärst, könnte ich dich glatt knutschen.“ Aber zumindest zog Chris seinen Cousin in die Arme. „Ich komm noch bei euch vorbei, wenn ich aus Frankfurt zurück bin, dann reden wir mit Walter.“ Er war ziemlich aufgeregt, denn wenn das wirklich klappen sollte, dann konnte er fast die ganze Zeit bei Niko in Südafrika bleiben. „Grüß Elias“, rief er Hendrik noch hinterher und schnappte sich dann Niko, der ja jetzt katzenfrei war und drückte ihn an sich. Der konnte nur lachen – was für eine Familie. Dagegen war seine ja richtig langweilig, aber nicht minder liebenswert.

„Dann hoffe ich mal das Beste. Ich habe mein Telefon dabei, wir können telefonieren und wenn du da bist, können wir uns ja auch sehen. Ach das wird herrlich.“ Niko zog Chris samt Stuhl noch etwas dichter zu sich, um ihn noch einmal ausgiebig zu küssen. Doch dann sollten sie sich sputen, denn sein Gepäck war immer noch im Hotelzimmer. „Aber erst mal ziehst du dir was an, denn deine Vorzüge gehören mir allein und keinem anderen“, knurrte er leise und biss Chris zart in die Lippe.

„Ja, nur dir.“ Chris sah Niko verliebt an, musste aber schon wieder grinsen. „Das mit dem Internetsex nächste Woche dürfte auch kein Problem sein. Dafür wird mein Onkel dir gerne das Büro überlassen. Ich werde das heute Abend auch klären.“ Chris meinte das nicht ernst, aber er war so aufgedreht, dass er Niko ein wenig ärgern musste.

„Bitte? Vergiss das ganz schnell. Ich möchte gern einen guten Eindruck hinterlassen, damit du weiterhin mit mir spielen kannst. Da kommt es bestimmt nicht gut, wenn ich ihm den Schreibtisch versaue. Vergiss das mal ganz schnell.“ Niko schüttelte den Kopf und schob den frechen Kerl von sich. „Zieh dir lieber was an, ich such so lange mein Shirt.“ Er leerte seine Tasse Kaffee und machte sich auf zur Couch. Er konnte sich schwach erinnern, dort das letzte Mal gestern Abend seinen Pullover und das Shirt gesehen zu haben.

Chris kicherte wie eine Hexe und lief ins Schlafzimmer, um sich etwas anzuziehen. Aber vorher musste er den Pumakäfig lüften. „Da haben wir ja ordentlich rumgeschweinert, wenn das hier so riecht“, giggelte er leise und zog sich an. Wie er sich Niko so lange hatte verbieten können, war ihm jetzt unbegreiflich und wieder hergeben tat er ihn auch nicht mehr.

„Kann losgehen“, rief er schon aus dem Schlafzimmer. „Wo müssen wir hin?“

„Ins Ibis am Bahnhof. Von dort aus wäre ich gleich nach Frankfurt gefahren und hätte meine Zeit auf dem Flughafen totgeschlagen“, erklärte Niko und schlüpfte in seine Schuhe. Er sah zu wie Chris noch den PIN Code für die Tür änderte, nur für den Fall der Fälle und dann gingen sie die Treppe nach unten zum Wagen.

 

06 

„Pass auf dich auf, lass dich nicht ärgern, warte auf mich, ich liebe dich“, murmelte Chris und drückte sich so nah er konnte an Niko. Es war ihm vollkommen egal, wer sie sah, wem es vielleicht nicht passte, und wer die Nase rümpfte. Niko war gleich weg und er sah ihn erst in einer Woche wieder. Sie hatten Nikos Koffer geholt, noch ein wenig rumgeschweinert, so dass wieder gelüftet werden musste, waren zum Flughafen gefahren und hatten sich unterhalten, damit sie mehr über den anderen wussten, als bisher. Aber jetzt konnten sie es nicht mehr hinauszögern. Sein Schatz musste durch die Sicherheitsschleuse, denn das Boarding begann gleich. „Liebe dich“, sagte er jetzt wohl schon zum hundertsten Mal und küsste Niko.

„Ich dich auch, mein Schatz. Pass auf dich auf, zieh immer einen sauberen Schlüpfer an, lass dich nicht anquatschen und renn weg, wenn dir einer an Stellen fassen will, wo nur ich hin fassen darf“, raunte er Chris noch ins Ohr, eher er sein Ticket griff und durch die Schleuse ging. Die Zeit rannte und er wollte nicht zu spät kommen. Zwar hätte er dann bei Chris bleiben können, aber dann wäre seine Doktorarbeit in Gefahr gewesen. Das wollte er nicht aufs Spiel setzen. „Ich ruf dich an, wenn ich gelandet bin“, rief er noch über die Schleuse, ehe er anfing, sich durchleuchten zu lassen, die Augen immer noch auf Chris gerichtet.

Chris nickte, ohne Niko aus den Augen zu lassen und schickte noch ein paar Luftküsse, bis er seinen Freund nicht mehr sehen konnte. „Scheiße“, fluchte er leise und ließ den Kopf hängen. Er vermisste Niko jetzt schon. Wie sollte er die nächste Woche aushalten? Er sollte sich wohl die ganze Zeit beschäftigen, so dass er gar nicht zum Nachdenken kam. Und wenn das wirklich mit seinem Praxissemester in Johannesburg klappen sollte, dann hatte er auf jeden Fall noch jede Menge Arbeit, um das alles zu regeln.

Aber jetzt musste er erst einmal zurück nach Hause und so machte er sich auf zum Parkhaus und fädelte sich zurück auf die Autobahn. Der Heimweg zog sich. Er konnte sich nicht erinnern, dass der Hinweg so lang gewesen war. Mit Niko war einfach alles schöner – sogar eine langweilige Autofahrt. Er parkte den Wagen in der Tiefgarage des Hauses in dem er wohnte und gerade, als er seine Tür ins Schloss geworfen hatte, stand Hendrik in der Verbindungstür.

„Hab gekocht. Wenn du die Pizzareste noch mitbringst, haben wir einen Deal“, grinste er und lehnte in der Tür, versuchte mit dem Fuß Azrael davon abzuhalten, in die Wohnung zu flitzen – vergebens.

„Klar, mach ich.“ Chris holte tief Luft. Er musste Hendrik nicht sagen, wie er sich fühlte, dass wusste der auch so. Darum hatte sein Cousin gekocht und wie er schnuppern konnte, eins von Chris‘ Lieblingsgerichten. „Na, du Bettvorleger“, begrüßte er Azrael, die suchend durch den Raum lief. „Er ist weg und kommt auch so schnell nicht wieder.“ Chris wollte sich davon nicht runterziehen lassen, darum packte er die Pizzastücke auf einen Teller und ging zu Hendrik. „Danke“, sagte er nur.

„Gerne. Wir sind vollzählig. Elias und Hanni sind auch schon da, wir wollen dann mit Mom und Dad skypen und vorher werden wir uns ein bisschen in deinem Elend weiden. Wie klingt das?“ Er wippte mit den Augenbrauen, als er auf seinen Cousin blickte und grinste ihn frech an. Der sollte jetzt ja nicht auf die Idee kommen und nach zwei Stunden Abstinenz schon Trübsal blasen. Denn dann war ihm klar, dass Chris spätestens nächsten Freitag nicht mehr zurechnungsfähig war.

„Das klingt wie Zuhause.“ Chris musste einfach lachen und drückte Hendrik kurz an sich. Der wusste immer, wie man ihn aufheitern konnte. „Lass uns das hinter uns bringen mit dem in meinem Elend baden und ich habe Hunger. Wie hast du es übrigens geschafft Hanni aus Ihrer Klinik loszueisen? Ich glaub, die hat doch bestimmt das letzte halbe Jahr keinen freien Tag mehr genommen.“ Sie schlossen die Verbindungstür hinter sich und gingen zur Küchenzeile, wo sich der Rest seiner Familie versammelt hatte.

„Ich habe ihr gesagt, dass unser kleiner Bruder endlich seinen Deckel gefunden hat und ein paar Andeutungen über die Furie gemacht und da war sie neugierig. Und anstatt nach Hause zu fahren nach ihrer Schicht und dort von Fastfood zu leben, ist sie hier um teilzuhaben und bei uns zu übernachten.“

„Ihr redet über mich?“ Hannelore sah Chris erwartungsvoll an und lächelte ihm zu, als sie sich erhob. „Ich dachte, ich wäre hier, damit wir über Hissi reden. Wenn ich gewusst hätte, dass wir nur über mich reden, wäre ich nicht gekommen. Das kenn ich ja alles schon.“

„Aber ich nicht“, Chris zog sein Schwestersinchen, wie er sie immer liebevoll nannte, an sich und küsste sie auf die Wange. „Ich find die Idee gut, weiden wir uns an deinem Elend. Das ist bestimmt viel spannender und aufregender als meins.“ Er nickte Elias grinsend zu. „Und hast du Hennis Durststrecke beendet, oder muss ich mir weiter neugierige, indiskrete Fragen über mein Liebesleben gefallen lassen?“

Sofort hob Elias eine Braue und blickte zu seinem Liebling hinüber. „Ich vernehme, du hast dich beklagt?“, fragte er pikiert und Henni beeilte sich zu erklären, dass Chris ja nur von sich ablenken wollte und Elias da jetzt nicht drauf reinfallen sollte.

„Du wolltest also nichts Indiskretes über deinen kleinen Bruder und seinen neuen Schatz wissen?“, hakte Elias nach und Henni verdrehte die Augen. „Du kennst mich!“

„Eben!“

Nun mussten doch alle lachen, während sie sich wieder um den Tisch versammelten.

„Wo wir dann doch schon mal beim Thema indiskrete Fragen und neues Schatzi sind, sollten wir da auch bleiben“, meldete sich Hannelore zu Wort. „Ich wurde mit dem Versprechen hier hin gelockt, mich in einem Elend baden zu dürfen und Neues über die Furie zu erfahren. Elias gib Chris Wein, das macht ihn redselig und Henni gib ihm eine große Portion Spaghetti Bolognese, das macht in träge. So können wir alles aus ihm herausquetschen, was wir wissen wollen.“

„Was!“ Chris war entsetzt und verschränkte die Arme. Hier wurde eine Straftat geplant und er sollte sehenden Auges in die Falle tappen. Nein, nein. Er musste wachsam sein, wenn er seine kleinen süßen Geheimnisse für sich behalten wollte. „Ich bin freigiebig über die Furie und vielleicht ein bisschen was Oberflächliches über Niko – aber mehr auch nicht. Keine Indiskretheiten“, bot er einen Kompromiss an. Und wenn er nur ein bisschen Wein trank und nur ein bisschen Spaghetti aß, dann wurde er nicht allzu redselig.

„Ja, ja“, wiegelte Hannelore nur ab und stellte Chris ein großes Glas Rotwein vor die Nase. Natürlich wusste sie, dass er den besonders gern trank, darum hatte sie Elias auch gebeten einen Flasche zu öffnen. Es war ja nicht so, dass sie ihre Pappenheimer nicht kannte. Chris musste immer ein wenig überredet werden.

„Fies“, brummte der auch gerade, denn er hatte schon am Etikett erkannt, was ihm vorgesetzt wurde. „Damit kriegst du mich heute nicht.“

„Da war nämlich heute schon einer da, der ihn bestimmt mehrfach gekriegt hat“, konnte sich Hendrik einen zotigen Witz nicht verkneifen, wurde von Elias aber in die Seite geknufft.

„Gerade du als Wildtier-Biologe solltest eigentlich wissen, dass man mit verletzten Tieren so nicht umgeht. Also wie du an deine Titel gekommen bist, ist mir echt ein Rätsel.“ Weil es kein anderer tat, begann er das Essen auf Tellern zu verteilen, denn er hatte Hunger.

„Los, Henni, schmutzige Details!“, forderte Hannelore und prostete dem empörten Chris süffisant zu. Aber der saß immer noch mit verschränkten Armen am Tisch, wenn es ihm auch schwer fiel, denn jetzt stand auch noch ein gefüllter Teller vor ihm und es duftete köstlich.

„Also ehrlich, Mann, wer euch zur Familie hat, braucht keine Feinde mehr“, brummte er, griff sich aber den Wein und schnupperte. Der Wein kam von einem Weingut in Südafrika. Onkel Walter hatte ihn aufgetan und mittlerweile bestellten sie alle dort ihren Wein. „Nur was über die Furie, wie ich schon sagte“, murmelte er und nahm einen Schluck.

„Hey, nichts da!“ Hannelore zog sich ebenfalls ihr Glas heran und nippte. „Seit Jahren hat's dich richtig erwischt, so wie ich aus sicheren Quellen erfahren habe.“ Dabei grinste sie Hendrik an, der die Augen verdrehte. War doch nicht nötig gewesen, das hätte sich sowieso jeder denken können. „Du warst nackt beim Frühstück, dein Schatzi halbnackt. Mir ist egal, warum die Furie rausgeflogen ist, so lange sie draußen bleibt. Ich will wissen, warum dein Schatz nicht auch nackt war.“

„Das Gerede von nackten Männern macht mich ganz hibbelig“, murmelte Elias und fing an zu essen.

„Ich war nicht nackt, schließlich hatte ich ein Handtuch über den wichtigsten Teilen. Ich wollte mich ja auch anziehen, weil wir Nikos Gepäck abholen wollten, aber da kam uns ja die Furie dazwischen.“ Chris musste sich schon wieder schütteln, als er daran dachte. „Heute hat sie der Bezeichnung Furie wirklich alle Ehre gemacht und ich hatte endgültig die Schnauze voll.“

„Er hat sie rausgeschmissen“, ging Hendrik dazwischen, der es kaum noch aushielt, seinem Schatz dabei aber ein bisschen über die Seite streichelte, als er mit seinem Stuhl dichter zu ihm rutschte. Hendrik war so aufgeregt, dass Chris es endlich geschafft hatte, sich gegen Lena zu behaupten, er war so stolz auf seinen Kleinen. „Los Chris, erzähl’s ihr. Wie sie Niko angemacht hat und wie du sie angemacht hast und er sie rausgeschoben hat und wie ihr ihr die Schlüsselkarte…“

„Lass ihn doch erzählen“, schlug Elias vor und aß grinsend weiter, als sein Liebling ihn zur Strafe nicht weiter streichelte.

„Da gibt‘s doch nichts mehr zu erzählen, Henni hat das doch schon schön zusammengefasst“, lachte Chris. Auf einmal hatte er Hunger, darum fing er an zu essen. Behielt dabei aber Hendrik im Blick, der unzufrieden die Backen aufblies. „Och komm Hissi, du hast sie gebändigt, da musst du doch mit deiner Heldentat angeben. Er hat ja sogar Johann abgebügelt.“

„Unser Kleiner wird erwachsen, ich bin so stolz auf ihn“, seufzte Hannelore und tat als würde sie sich mit der Serviette über die Augen tupfen. Ein piepsen ließ sie aufblicken.

„Wah, Mist. Wir sind zu spät. Los Teller und Gläser greifen und rüber auf die Couch, Paps kommt über skype auf den großen Bildschirm im Wohnzimmer.“ Hendrik raffte sein Zeug und flitzte rüber, begrüßte dabei schon seine Eltern. „Sorry, Leute, wir haben auf Chris gewartet, der seinen Schatz zu euch geschickt hat und eben wollte er erzählen, wie er Johann in die Hölle geschickt hat“, brachte er seine Eltern gleich auf Stand, während er sich in eine Ecke der Couch setzte und weiter aß.

„Hallo Sohnemann“, lachte Walter und schüttelte den Kopf. „Turbulent wie immer bei euch. Warum schickt uns Chris seinen Schatz und vor allem, seit wann hat er einen?“ Walter setzte sich schon mal bequem hin, zog seine Frau neben sich und sie begrüßten den Rest ihrer Familie. Man sah die Neugier praktisch in ihren Augen und auf einmal machte es Chris nichts aus von Niko zu erzählen. „Niko, ist für die nächsten neun Monate bei Amy in der Auffangstation. Er ist Tierarzt und ich hab ihn erst seit gestern. War nicht so prickelnd, dass er gleich wieder weg musste.“

„Aber lieb, dass du ihn uns schickst. Dann können wir ihn gleich mal beschnüffeln, so lange du noch nicht dabei bist. Wir wissen bestimmt besser, ob er für dich geeignet ist, oder nicht“, sagte Gitte und lockte Leonard, den Rodesian Ridgeback mit auf die Couch. „Am besten klopfen wir ihn gleich mal auf Herz und Nieren ab, machen einen DNA-Test und röntgen ihn. Dann wissen wir mehr.“

„Ey.“ Chris konnte den Happen Nudeln gar nicht so schnell runter schlucken, wie er wollte. Also kaute er schneller und sah seine Tante böse dabei an. „Wenn ihr ihn mir verschreckt, dann red ich nicht mehr mit euch. Er musste schon Lena und Henni und meinen Erzeuger über sich ergehen lassen“, rief er, als er endlich geschluckt hatte. „Aber dann solltet ihr ihn nicht mehr schocken können. Das könnt ihr nicht toppen.“ Wieder mit der Welt zufrieden aß er weiter. Die Nudeln waren aber auch zu lecker.

„Lena und Johann? Was war denn los?“, fragte Walter nun doch ernst im Gesicht. Es war nie ein gutes Zeichen, wenn diese Familie sich auf Chris einschoss. Walter hatte seinem Bruder bis heute nicht verziehen, wie egoistisch er sich nach Bettinas Tod in seinem Schmerz vergraben und seinen kleinen Jungen sich selbst überlassen hatte. Schmerz in allen Ehren, aber das hätte niemals passieren dürfen. Und dass er es noch nicht einmal versucht hatte, sich an Chris wieder anzunähern, nachdem der sich in seiner Verzweiflung zu ihnen geflüchtet hatte, trug er ihm heute noch nach.

Weil Chris gerade wieder den Mund voll hatte, übernahm es Hendrik von den Vorfällen der letzten Tage zu berichten, damit auch Elias und Hannelore wussten, was alles passiert war. Von der Party, davon das Niko Lena hatte abblitzen lassen, wie sich Hissi den Süßen geschnappt hatte und Lena sich so daneben benommen hatte, dass sie endgültig raus geflogen war.

Auf den allgemeinen Wunsch einer einzelnen Dame, beschrieb er Niko noch etwas, geriet dabei allerdings so ins Schwärmen, dass Elias ihn schon wieder knuffen musste. „Ja... äh...also“, stotterte Hendrik etwas aus dem Konzept gebracht. „Und dann hat Johann noch angerufen, aber das soll Chris dir erzählen.“ Er musste jetzt erst einmal seinem Schatz versichern, dass er für ihn der tollste Mann der Welt war und so wie Elias gerade guckte, die Gabel sauber leckte und auf Hendrik anlegte, konnte das eine Weile dauern.

„Na ja“, begann Chris und stellte den Teller weg. Als er daran zurück dachte, wie das gelaufen war, stieg wieder Nervosität in ihm auf. Er wunderte sich noch immer, wie es ihm gelungen war, das so cool durchzuziehen. Aber das lag wohl daran, dass er nicht allein gewesen war und er die beiden anderen hinter sich gewusst hatte.

„Wie Henni schon erzählt hat, kam Lena morgens zurück in die Wohnung und hat gleich erst mal Niko angemacht, auf den sie noch schlecht zu sprechen war, weil er sie gestern Abend hatte abblitzen lassen. Natürlich ist mein Schatz auch nicht auf den Kopf gefallen und er hat sie gleich ordentlich abgebügelt.“ Er berichtete von ihrer Aktion an Hendriks Tür und „Dann muss sie wohl bei ihrem Stiefvater angerufen haben. Jedenfalls hatte ich ihn dann plötzlich am Telefon und er fing wieder mit dieser Familienscheiße an. Wir wären Familie und was mir gehört, gehört allen und was glaubst du, wie der ausgetickt ist, als ich ihm erzählt habe, dass die Wohnung wieder dir gehört.“ Hass sprach aus seinen Worten und er klammerte sich am Weinglas fest. Sein Atem ging schwer.

Walter schwieg ein paar Sekunden, aber dann lächelte er. „Ich bin wirklich stolz auf dich, mein Sohn. Das war schon lange überfällig. Ich glaube zwar nicht, dass Lena und Johann auch nur irgendetwas daraus lernen, aber du hast es vollkommen richtig gemacht. Diese Menschen brauchen Grenzen.“ Er drückte von den Kindern ungesehen Gittes Hand. Die hatte ja immer noch auf eine Versöhnung gehofft, aber das konnte sie jetzt wohl begraben.

„Danke“, sagte Chris etwas beschämt, doch er freute sich, dass er das Gefühl bekam, etwas absolut richtig gemacht zu haben.

„Ihr Gesicht war geil, als sie bei mir abgezogen ist“, sagte Hendrik. Er hatte Elias wieder milde gestimmt und nahm sich vor, heute vielleicht nicht mehr ganz so oft zu erwähnen, dass Chris einen verdammt leckeren Fang gemacht hatte. Schließlich war er jetzt eine Woche ohne Sex gewesen und wenn er nicht aufpasste, dann hockte er auch weiterhin auf dem Trocknen.

„Boah, diese Furie soll mir mal vors Messer kommen“, knurrte Hannelore. Jeder wusste, dass sie dann nichts anderes machen würde, als Lena bestmöglich zu behandeln, aber es sagte keiner. Sollte sie ruhig denken, dass sie nicht durchschaut worden war. Chris drückte sie an sich und lächelte. „Könnt ihr euch ein wenig um Niko kümmern, bis ich zu euch komme?“, fragte er. Er wollte, dass seine Tante und sein Onkel, sich mit dem Mann, den er liebte, gut verstanden. „Mir ist es wirklich ernst mit ihm. So hat es mich bisher nie erwischt. Er ist einfach toll und ich könnte mir da was Dauerhaftes vorstellen.“

„Sicher, das ist doch selbstverständlich“, sagte Gitte gleich und war ganz aufgeregt. Sie würde wohl gleich morgen, wenn Niko da war, einen kurzen Besuch bei Aaron und Amy machen und sich Niko einmal genau ansehen.

„Und sag Amy, dass sie ihn nicht kaputt machen soll. Der wird nämlich noch gebraucht und wo wir gerade so nett plaudern, eigentlich wollte der liebe Chris ja noch was anderes mit dir besprechen, Paps“, sagte Hendrik, der seinen leeren Teller auf den Couchtisch stellte und es sich nun bequemer machte. Er lehnte sich bei Elias an und lehnte seinen Kopf an dessen Schulter. So war es richtig bequem.

„Ach ja.“ Chris wurde wieder nervös, denn von der Antwort seines Onkels hing viel ab. „Ich muss doch nächstes Semester mein Praxissemester machen. Eigentlich ja bei Hanni und Elias in der Klinik. Aber kannst du da nicht was drehen, dass ich das bei dir oder irgendwo anders in eurer Nähe machen kann?“

Walter blickte neugierig auf Chris und musste grinsen. „Hat bestimmt nichts damit zu tun, dass dein Schatz hier unten sein wird. Denn du bist ja ein Profi und würdest deswegen niemals dein Studium aufs Spiel setzen“, zog er ihn auf, erklärte aber gleich dass das nur ein Scherz gewesen war, als er sah, dass Chris etwas blass um die Nase wurde. „Theoretisch kannst du das Semester bei mir machen. Aber du machst eine Ausbildung zum Notfallchirurg, da wäre eine Notaufnahme schon die erste Wahl.“

„Und du kennst niemanden in Johannesburg, oder so?“, fragte Henni.

„Notaufnahmen in Johannesburg sind gefährlich“, sagte Hannelore gleich und wirkte besorgt. Dafür bekam sie von Chris einen Kuss auf die Wange, auch wenn ihr Einwand für ihn nicht hilfreich war, so zeigte es ihm doch, dass sie sich Sorgen um ihn machte.

„Ich habe einen Freund in einer Klinik in Johannesburg. Sie liegt in einer besseren Gegend, obwohl das da nicht wirklich viel heißt. Ich kann ihn fragen, ob du dort arbeiten kannst. Die Notaufnahmen in den Kliniken hier brauchen immer Leute, die sich engagieren. Nur muss dir klar sein, dass das kein Zuckerschlecken wird. Die Bedingungen hier sind mit Deutschland nicht zu vergleichen. Es ist ein Knochenjob und leider, wie Hanni schon sagte, nicht ungefährlich.“

„Ich weiß, aber könntest du das für mich trotzdem mal antesten? Wenn sie nicht abgeneigt sind, würde ich meine Zeit bei euch nutzen, um mich dort mal vorzustellen“, überlegte Chris, auch wenn er jetzt ein schlechtes Gewissen bekam, weil die Notaufnahme von dem Krankenhaus, für das Hanni arbeitete, ihn schon eingeplant hatte. Er fühlte sich gerade egoistisch, das was ein Arzt eigentlich nicht sein durfte. Sein hehres Ziel war das Wohl der Patienten, nicht die Zeit zu maximieren, die er mit seinem Schatz auf dem gleichen Kontinent verbringen konnte.

„Ja klar, ich rufe George gleich morgen früh an. Ich melde mich dann bei dir, wenn ich näheres weiß.“ Walter war sich sicher, dass die Klinik Chris mit Kusshand nehmen würde, denn gut ausgebildete, engagierte Ärzte wurden dort immer gebraucht. Ihm gefiel die Vorstellung, Chris länger bei sich zu haben. Sie hatten sich die letzten Jahre viel zu wenig gesehen.

„Danke, Paps.“ Chris atmete tief durch. Er war zwiegespalten, aber wenn er ehrlich war, wollte er bei Niko in Südafrika bleiben. Bisher hatte er immer seinen Beruf vor sein Privatleben gestellt, aber da war ihm auch noch nicht der Mann fürs Leben begegnet.

„Und bis er nächste Woche fliegt, muss Hissi noch ein paar Auffrischungskurse belegen“, stellte Hanni klar und griff sich auch wieder ihr Weinglas, prostete ihren Eltern zu, die sich ebenfalls eine Flasche geöffnet hatten. Das war Tradition bei ihnen, wenn sie telefonierten – sie tranken gemeinsam ein gutes Glas Wein.

„Was für Auffrischungskurse?“, wollte Chris gleich wissen und sah Hannelore skeptisch an.

„Na zum Beispiel: wie geh ich mit einem neuen Schatzi um? Davon hast du keine Ahnung, Süßer. Neue Schatzis lässt man unter keinen Umständen auch nicht für drei Sekunden mit dem Mistvieh allein in einem Raum. Durchgefallen, Hissi. Auffrischungskurs nötig.“

„Häh? Welches Mistvieh? Meinst du Lena? Das waren widere Umstände und wird auch nicht mehr passieren. Schon vergessen? Schlüsselkarte weg? Sie kommt nicht mehr rein.“ Chris wusste gerade wirklich nicht, was Hannelore meinte, aber dann hellte sich sein Gesicht auf. „Ach, du meinst Henni.“ Er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und grinste, aber dann sackte er in sich zusammen. „Das kann ich leider nicht mehr verhindern. Der hat sich mein Schatzi schon gekrallt. Löwenzählung oder so was in der Richtung im Krüger.“

„Hey, ich bin kein Mistvieh, ich bin ein geachteter…“

„Du hast dir Hissis Schatz gekrallt? Wann hattest du vor mir das zu sagen?“ Elias hatte die Augenbraue wieder verdächtig hoch gezogen, als er seinen schmusigen Liebling etwas von sich schob, um ihn noch strafender ansehen zu können.

„Hey, hier geht es nicht um mich. Hier geht es um Lena und dass deine Entscheidung die Schlüsselkarte einzuziehen, etwas zu spät kam. Da war dein Schatz der Gefahr schon ausgeliefert. Ich bin völlig unschuldig“, erklärte Hendrik mit Nachdruck und versuchte anschließend seinem Liebling zu erklären, dass er vorher nicht gewusst hatte, dass der Doktorand, der ihn begleiten würde, mit seinem kleinen Bruder in die Kiste springen würde. „Die Bewerbung war ohne Foto und er war schon ausgesucht, ehe er zu Hissi unter die Decke gekrabbelt war. Wirklich Schatz!“

„Ah ja? Das soll ich dir bei deiner Schwärmerei über den neuen Freund deines Bruders, die ich mir heute Abend schon anhören musste, noch glauben? Da werden wir noch einmal ausführlich drüber reden.“ Jetzt hatte Elias die Augenbrauen zusammengezogen und wirkte etwas knurrig. Das war er aber nicht, denn er vertraute seinem Mann und dass er ihm treu war. Was aber nicht hieß, dass man Hendrik das nicht glauben lassen konnte. Umso mehr gab er sich nachher Mühe, Elias davon zu überzeugen, dass es nur einen gab, den er liebte.

„Schatz, das lag nur daran, dass ich so perplex war, dass Hissi überhaupt mal einen abbekommt. Da war ich verwirrt. Und dass ein so hübscher Mann …“

„Ä-k“, imitierte Hannelore lachend eine Tröte, „falscher Ansatz, versuch's noch mal.“

„Blöde Kuh, ich verfüttre dich an meine Löwen“, knurrte Hendrik und rollte sich in seiner Ecke zusammen, während Elias ihm lachend über die Haare strich.

„Bei euch ist mal wieder Stimmung, hm?“, sagte Gitte und wirkte ein bisschen melancholisch. Sie liebte ihr Fleckchen Erde, doch sie vermisste ihre Kinder - alle drei. Sie hätte sie gern öfter bei sich als nur einmal im Jahr.

„Ja, wie immer“, lachte Chris, der jetzt nach diesem Gespräch schon wieder zuversichtlicher in die Zukunft blickte. Dass seine Familie so hinter ihm stand und ihn unterstützte, machte ihn einfach nur glücklich. „Ich glaube, Henni sollte diesen Schatzi-Auffrischungskurs machen. Der scheint es nötiger zu haben als ich. Ich habe jedenfalls nicht von den Vorzügen anderer Männer geschwärmt.“ Er zog Hannelore näher und flüsterte ihr ins Ohr. „Aber er hat mit allem Recht, Niko ist hübsch, gut gebaut, sehr ausdauernd, feurig, liebevoll, Azrael liebt ihn und vor allen Dingen hat meine Chaoten-Familie ihn nicht verschreckt.“

„Woher weiß Hendrik, dass dein Schatz ausdauernd ist“, grätschte Elias schon wieder von der Seite rein und grinste zufrieden, als sein Mann sich gleich erhob und klar stellte, dass er so was niemals gesagt hätte, weil er das gar nicht wissen könnte und Chris gerade versuchen würde, ihn noch schlechter da stehen zu lassen, als er sowieso schon stand.

„Los, Azrael, du darfst ihn kratzen“, knurrte er leise und es wurde nicht besser, als Elias halblaut überlegte, dass er als Schatzi es gut finden würde, wenn sein Mann wüsste, wie man mit einem Schatzi umging, auch wenn er nicht mehr der neuste war.

„Wir lassen euch dann mal mit euren Schatzi-Problemen allein. Oh nein, falsch. Es hat ja nur einer Schatzi- Probleme, die er sich, wie ich finde, selbst eingehandelt hat“, lachte Walter, denn er konnte es auch nicht lassen, seine Kinder zu ärgern. „Wir alten Leute müssen jetzt ins Bett. Chris, ich rufe dich an, wenn ich was weiß, Hannelore arbeite nicht so viel und melde dich die Woche mal. Deine Mutter will mit dir bestimmt über Niko tratschen.“ Er jaulte auf, als ihn ein spitzer Finger in die Seite traf und seine Frau schnaubte, aber gleichzeitig zu Hannelore nickte. „Hendrik, du solltest auf jeden Fall nicht so spät ins Bett gehen, du hast einiges gut zu machen und Elias mach es ihm nicht so leicht.“ Als jeder bedacht war, winkten Walter und Gitte noch einmal, verteilten Luftküsse und dann war der Bildschirm schwarz.

„Pf, Eltern“, schnaubte Hendrik und sah seinen frech grinsenden Schatz an. Dann lockte er lieber Azrael zu sich. Das hatte zwei Vorteile. Er hatte etwas zum kraulen, ohne dass er sich Elias gleich geschlagen geben musste und Chris wurde wieder etwas kleinlauter, als die Katze anfing wieder nach ihm zu tatzen. „Du darfst ihn beißen, Süße. Der hat sich das verdient.“ Er zog sich sein Weinglas wieder heran und leerte es.

„Ich? Womit bitte hab ich das verdient? Du hast doch hier Dinge erzählt, die besser nicht ausgesprochen worden wären.“ Das ließ Chris ja nicht auf sich sitzen, auch wenn Azrael keinen Grund brauchte, um ihn zu beißen. „Seid mir nicht böse, Leute, aber ich muss ins Bett. War eine kurze Nacht und ein langer, anstrengender Tag. Danke für das Essen und den Wein.“

„Immer wieder gern. Kannst ja Azrael mitnehmen, damit du nicht so alleine bist.“ Hendrik erhob sich ebenfalls und geleitete seinen Cousin noch bis zur Verbindungstür, nachdem er sich vom Rest der Familie verabschiedet hatte. Der Gedanken an das leere Bett machte ihn etwas schwermütig, seit er wusste, wie es sich anfühlen konnte, dort nicht allein aufwachen zu müssen. Ein Blick auf die Uhr machte ihm klar, dass Niko noch lange nicht gelandet war. Besser schlief er jetzt schnell ein, träumte feucht und schmutzig und war wach und ausgeruht, wenn sein Liebling sich meldete.