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... und dann kam Fritzi - Teil 7-9

07 

Ein wenig müde und steif, vom langen Sitzen, schlurfte Niko durch die Zollkontrolle und war froh, als er durch war und seinen Koffer nicht hatte auspacken müssen. Es war ja nicht so, dass er etwas mit hatte, das er nicht nach Südafrika hätte einführen dürfen, aber den einmal geöffneten Koffer hätte er höchstwahrscheinlich nicht wieder zu bekommen.

Er guckte sich in der Ankunftshalle um, ob er jemanden entdecken konnte, der ihn abholen wollte. Amy wusste nicht, ob sie es selber schaffen würde, aber irgendjemand sollte da sein. Er ging also die lange Reihe von Leuten ab, die Namensschilder hochhielten und suchte eins, das auf ihn passte. Die Augen brannten und die Luft im Flughafen machte es auch nicht besser. Sie war zwar klimatisiert aber trocken. Seine gereizten Augen fanden das nicht so besonders und deswegen war er ständig am Blinzeln und Zwinkern.

Doch so sehr er sich auch anstrengte und die Reihe der Abholer auf und ab ging, er fand niemanden, der nach ihm suchte. Amy hatte es augenscheinlich nicht geschafft. Nun gut. So beschloss Niko, sich erst einmal ein ruhiges Eckchen zu suchen und sich selbst ein wenig zu sortieren. Vielleicht kam sie ja noch.

Er suchte sich also eine Bank, von der er einen guten Überblick hatte und ließ sich darauf fallen. Da musste er sich wohl dran gewöhnen, dass die Uhren in Afrika anders gingen als in Deutschland. Er hoffte nur, dass Amy, oder wer auch immer ihn abholte, auf dem Weg hier hin nichts passiert war. Die Station war ja nicht mal eben um die Ecke.

Ob er anrufen sollte?

Niko war wirklich versucht und schaltete sein Handy wieder ein, was er für den Flug komplett ausgeschaltet hatte, denn sein altmodisches Schätzchen hatte noch keinen Flugmodus. Doch dann steckte er das Telefon wieder ein. Er hatte schon gehört, dass Gott den Europäern die Uhr gegeben hatte und den Afrikanern die Zeit. Er wollte sich nicht gleich mit seiner deutschen Pünktlichkeit unbeliebt machen.

Er hatte das Handy gerade wieder eingesteckt, als er auf einen Mann aufmerksam wurde, der in die Halle gelaufen kam und sich suchend umsah. Er hatte ein Schild in der Hand und Niko beugte sich vor, damit er es entziffern konnte. „Mein Taxi scheint da zu sein“, murmelte er grinsend, als er seinen Namen entziffern konnte. Darum winkte er schon mal und schnappte sich seine Sachen.

Er setzte sich der Einfachheit halber den Rucksack mit seiner ganzen Technik wieder auf, griff sich seine kleine Tasche mit allen wichtigen Papieren und dem Geld und hatte in der anderen Hand seinen großen Koffer. So rollte er auf den Mann zu, der so aussah wie man sich einen typischen weißen Südafrikaner vorstellte.

Er trug feste Schuhe, dann kamen nackte Beine, die aus einer knielangen armee-grünen Leinenhose guckten. Darüber in einer ähnliche Farbe ein kurzärmliges Hemd und auf dem Kopf einen Hut gegen die Sonne. Die Sonnenbrille, die das Bild abgerundet hätte, trug er in der Hand, damit er im Terminal besser sehen konnte. „Ich bin Nikolai“, erklärte er auf Englisch. Es war noch etwas holprig, doch er war sich sicher, dass er in die Sprache schnell wieder rein kam.

„Hallo Nikolai, ich bin Aaron. Amy schickt mich, um dich abzuholen.“ Der Südafrikaner strahlte über das ganze Gesicht und schüttelte Niko die Hand. „Sorry, das ich zu spät bin, aber ich hatte auf dem Weg drei Ochsenkarren vor mir, an denen ich nicht vorbei gekommen bin. Willkommen in Südafrika.“ Er nahm Niko den Koffer ab, damit der nicht so bepackt war und zeigte auf die Tür. „Der Wagen steht direkt vor dem Terminal, wir müssen also nicht weit.“

„Das klingt gut. Ich bin schon total gespannt. Vielleicht kannst du mir etwas über eure Station erzählen. Dann lerne ich sie schon einmal ein bisschen kennen und kann gleich mit einsteigen“, schlug Niko vor und ging neben Aaron her. Sie verließen das Terminal und die Hitze schlug Niko entgegen, so dass er erst einmal stehen bleiben und sich fangen musste. Doch dann hastete er hinter Aaron her, der noch gar nicht gemerkt hatte, dass ihm der Gast abhandengekommen war.

„Klar, gerne.“ Aaron wollte schon anfangen, da merkte er, dass er etwas verloren hatte und drehte sich grinsend um. „Ist wohl wärmer als bei euch und dabei ist es jetzt noch relativ kühl. Hast du einen Hut mit? Den solltest du besser tragen, wenn du raus gehst.“ Er blieb vor einem alten Geländewagen stehen und schloss die hintere Klappe auf. „Schmeiss dein Zeug rein und steig ein. Links, denn wir fahren hier auf der richtigen Seite.“

„Auf der richtigen“, wiederholte Niko grinsend, tat aber wie ihm geheißen. Er packte seinen Koffer in den Wagen, wühlte die kleine Kamera für Schnappschüsse aus dem Rucksack und verstaute den Rest seiner Habseligkeiten ebenfalls im Wagen, ehe er die Tür zuwarf und schnell das erste Foto schoss. Vom Flughafen, vom Auto, was ganz sein Geschmack war, und dann huschte er auf den Beifahrersitz, der Motor wurde schon gestartet. Aaron verlor keine Zeit.

Kaum dass Niko saß, gab sein Wegbegleiter für die nächsten Stunden Gas und der Wagen rollte los. „Was möchtest du denn wissen?“, fragte Aaron und fädelte sich in den fließenden Verkehr ein. „Wenn wir nicht wieder ausgebremst werden, brauchen wir ungefähr vier Stunden zur Station. Erst auf gut ausgebauten Straßen, die nach und nach etwas einfacher werden, aber noch gut befahrbar. Amy und ich leiten den Laden und unsere Angestellten kümmern sich um den Rest. Die meisten von ihnen sind Schwarze. Sie leben in eigenen Hütten auf dem Gelände. Einige sind schon seit Jahren bei uns, andere bleiben nur eine Saison und ziehen dann weiter.“

Niko nickte und hörte zu, auch wenn sein Blick ständig nach draußen ging. Er nahm all die Eindrücke in sich auf. „Was habt ihr im Moment so an Patienten und woher kommen die Tiere, die ihr bekommt. Werden die anschließend wieder ausgewildert?“ Niko wollte einfach alles wissen, so viel wie nur möglich war. Er war wie ein Wissensschwamm, er wollte so viel erfahren, wie er konnte.

„Die Tiere werden meist von Farmern gebracht, oder wir holen sie dort ab. Lass mich mal überlegen, was wir alles da haben. Erdmännchen und Mangusten. Das sind allerdings keine Patienten, die leben auf dem Gelände, stibitzen, was nicht niet- und nagelfest ist und treiben einen oft in den Wahnsinn. Was haben wir denn an Patienten?“ Aaron furchte die Stirn und man sah förmlich, wie er im Geiste abzählte. „Zwei Geparden, ein paar Löwen, in allen Größen, Kleinkatzen wie Ginsterkatze, Wildkatze und Servale, ach ja und seit gestern einen Leopard, den es ziemlich erwischt hat. Er ist in eine Falle geraten. Ich hoffe, wir kriegen das gemeinsam hin, ihn wieder aufzupäppeln. Wäre nämlich sehr schade. Ist ein schönes Tier. Noch recht jung.“ Man sah Aaron an wie sehr er sich um den Neuzugang sorgte. „Soweit möglich, wildern wir sie wieder aus. Allerdings geht das bei einigen nicht.“

Niko wandte sich jetzt doch zu Aaron um. „Ich wusste ja, dass ihr Katzen auffangt und päppelt, aber dass ihr so viele habt, ist beeindruckend. Ich werde mir den Leoparden gleich mal ansehen, wenn wir da sind.“ Er sank etwas tiefer in seinen Sitz und versuchte sich etwas mit den Schenkeln abzufangen, denn langsam tat ihm vom vielen Sitzen der Hintern weh. „Antilopen oder so was behandelt ihr auch, wenn sie gebracht werden oder ist das eher selten?“

„Wir nehmen eigentlich alles, was reinkommt und Hilfe braucht.“ Aaron grinste schief. „Eigentlich waren wir ursprünglich eine reine Auffangstation für Katzen und Katzenartige, aber Amy kann niemanden wegschicken, wenn er ein verletztes Tier hat. Nur die Elefanten und Nashörner vermittelt sie an Stationen weiter, die darauf spezialisiert sind. Unsere Station gleicht eigentlich mehr einem Zoo, mit häufig wechselnden Bewohnern.“

Niko lachte bei der Vorstellung. „Und ihr seid die Zoodirektoren und ich bald der Zoo-Tierarzt. Danke noch mal, dass ihr mir die Chance geben wollt. Ich werde mein Bestes geben und hoffen, dass ich euren Schützlingen gut helfen kann.“ Und das meinte er wirklich ernst. Er gab immer sein Bestes, doch dieses Mal hoffte er, dass es auch reichen würde. Bisher hatte er viel in Zoos gearbeitet oder in der Forschung. Jetzt musste er zeigen, ob er genug gelernt hatte, um hier von Nutzen zu sein.

„Ja, so ungefähr“, lachte Aaron, wurde aber gleich wieder ernst. „Warum sollten wir dir keine Chance geben? Du hast die besten Referenzen. Wir können froh sein, dass du zu uns in die Wildnis kommst. Nicht viele machen das freiwillig. Unsere Station ist von engagierten und gut ausgebildeten Freiwilligen abhängig, denn viel Geld kommt bei der Rettung von Wildtieren nicht rum.“

„Ja, das will ich gern glauben“, sagte Niko und sah sich immer wieder um. Sie kamen langsam in eine ländliche Gegend und nur noch selten erblickte er Häuser. Oft führten von der Hauptstraße Wege ab, die die Bezeichnung Feldweg verdient hatten und irgendwo am Horizont verschwanden, ohne dass man wusste, ob sie wirklich irgendwo hin führten. „Aber ich freu mich schon drauf hier zu arbeiten, zumal ich ja schon den Ziehsohn von eurem Nachbarn kennen gelernt habe.“ Er grinste und ging davon aus, dass auch Amy und somit auch Aaron schon Bescheid wussten. So würde er gleich erfahren, ob er mit seiner Neigung aneckte oder nicht.

„Chris? Ja, davon habe ich gehört.“ Aaron grinste zurück und lachte dann. „Gitte hat sich für heute Nachmittag angesagt. Angeblich, weil sie irgendetwas mit Amy besprechen muss und bei der Fütterung unserer Kleinsten helfen will, aber das kauft ihr keiner ab. Sie ist neugierig auf dich. Schließlich kriegt sie nicht oft den Liebsten ihres Sohnes zu sehen. Zum einen, weil Chris soweit ich weiß, die letzten Jahre solo war und dich zum anderen bestimmt auch nicht freiwillig raus gerückt hätte.“

„Oh“, machte Niko jetzt doch etwas ungelenk und wandte sich ab. Das hätte ihm sein Liebling aber wirklich mal sagen können! Da lief er gleich der Mutter seines Freunds über den Weg und war unausgeschlafen, hungrig, müde und roch bestimmt wie ein Raubtierkäfig. „Ich hoffe, ich hinterlasse einen guten Eindruck, damit ich auch weiterhin mit Chris spielen darf.“ Er strich sich die Haare etwas zurecht, doch das machte es nicht besser. Er fühlte sich so wie er aussah: verschwitzt und abgeschlafft.

Aaron beobachtete ihn grinsend immer wieder aus den Augenwinkeln. „Keine Sorge, Gitte ist prima. Bodenständig und hilfsbereit. Eben jemand auf den man immer zählen kann, wenn man Hilfe braucht. Sie wird dir schon nicht verbieten mit Chris zu spielen, solange er glücklich ist. Du kannst dich für die Begegnung stärken. Hinter deinem Sitz steht eine Kühlbox mit Getränken und was zu essen. Nimm dir ruhig was und bring mir ein Sandwich und ein Wasser mit.“

„Oh – guter Plan! Danke.“ Niko war schlagartig wieder ganz bei der Sache und rutschte auf seinem Sitz herum. Da er nicht davon ausging, dass Aaron sie in den nächsten Minuten in einen Graben oder gegen einen Elefanten fuhr, löste er den Gurt und beugte sich über die Lehne und fing an in der Eisbox zu wühlen. Er reichte nach vorn, was er finden konnte und ein paar Minuten später hatte jeder von ihnen ein Sandwich und ein Wasser. „Und wenn du jetzt noch eine Dusche im Kofferraum hast, dann könnte ich ihr sogar fast wie ein Mensch gegenüber treten.“ Er grinste breit und wusste, dass er bestimmt als erstes duschen würde, ehe er sich die Tiere und ihre Krankengeschichten erklären ließ und mit anpackte.

„Nee, im Auto leider nicht, aber ich halte nach einer Wasserstelle mit Elefanten Ausschau, die werden dann zur Dusche umfunktioniert“, nuschelte Aaron grinsend und mit vollem Mund. Er hatte Hunger, denn er war ja jetzt schon seit über vier Stunden unterwegs. „Dein Zimmer auf der Station hat eine eigene Dusche. Die kannst du sofort nutzen. Allerdings solltest du nicht zu viel Wasser verbrauchen. Wir haben zwar einen eigenen Brunnen, aber trotzdem ist es besser damit zu haushalten.“

„Klar, kein Problem. Ich will ja nur sauber werden und keine Schwimmhäute bekommen“, sagte Niko und kaute ebenfalls zufrieden. Hastig spülte er das Wasser seine Kehle herunter. Erst jetzt merkte er, wie durstig er gewesen war. Die ganze Aufregung hatte alles überschattet und langsam fiel sie von ihm und machte anderen Bedürfnissen Platz. „Ist Chris‘Tante, Gitte, öfter bei euch drüben und hilft?“, wollte er wissen, blickte aber immer wieder nach draußen. Ab und an kamen ein paar Antilopen in Blickweite und er machte schnell ein paar Schnappschüsse.

„Ja, sie und Amy sind befreundet. Wenn wir viele Jungtiere haben, hilft sie beim Füttern und der Pflege.“ Aaron knüllte die leere Folie zusammen und gab sie Niko, damit er sie in die im Beifahrer - Fußraum liegende Mülltüte werfen konnte. „Sie hilft auch bei Walter in der Klinik, wenn Not am Mann ist, aber sie hat ein Faible für Katzen, darum ist sie oft auf der Station. Sie nimmt auch schon mal kleine Pflegefälle mit nach Hause, um sie da aufzupäppeln. Walter wird dann zum Hilfstierarzt.“

Niko lachte leise und warf seine Abfälle ebenfalls ordnungsgemäß in den Müllbeutel. „Sowas habe ich mir fast gedacht. Von irgendjemandem muss Chris seine Berufung ja haben. Sein großer Bruder ist ja Biologe. Ich werde mit ihm ein paar Wochen im Krüger-Park auf Löwen-Untersuchungstour gehen. Kam zufällig gestern beim Frühstück raus. Ich werde so viel Neues kennen lernen. Ich bin gerade aufgeregt wie ein kleiner Junge an Weihnachten.“

Niko lachte und sah sich wieder um. Er hatte immer mehr das Gefühl, dass es die beste Idee gewesen war diese Stelle anzunehmen. Selbst seine Furcht vor Chris‘ Tante legte sich allmählich wieder. Das kam wohl erst, wenn er ihr gegenüber stand und sich von seiner tollpatschigen Seite zeigte. Sein Herz raste, doch er fühlte sich herrlich.

„Du kennst auch schon Hendrik?“ Aaron lachte und schüttelte den Kopf. „Das ist auch so ein Katzenverrückter. Chris war praktisch jede Semesterferien hier, seit er studiert, um in der Klinik seines Onkels auszuhelfen und Hendrik war auch so oft, wie er konnte bei uns. Die beiden können anpacken und sind sich für nichts zu fein. Es ist eigentlich angedacht, dass Chris die Klinik eines Tages übernimmt, wenn Walter in Rente gehen will.“

„Ah, das wusste ich nicht, aber ich kenne Chris ja auch noch nicht so lange“, sagte Niko halblaut und dachte nach, was das vielleicht bedeuten könnte. Doch dann sah er Aaron wieder an. „Hendrik kam zufällig rüber und wir kamen etwas ins reden, weil Azrael mich mochte und Chris nicht.“ Er musste immer noch lachen, wenn er an die Katze dachte und wie sie zu Chris stand. „Reagieren eure Katzen auch auf Chris?“

Aaron lachte, zuckte aber mit den Schultern. „Kann ich gar nicht sagen. Unsere Katzen sind verletzt und grundsätzlich schlecht drauf. Sie fauchen und knurren jeden an, der ihnen zu nah kommt.“ Er versuchte sich zu erinnern, wie es bei Chris' letztem Besuch gewesen war. „Eine große Abneigung haben sie auf jeden Fall dem Mann mit dem Blasrohr gegenüber.“

„Wer hätte die nicht“, lachte Niko. Er erinnerte sich an seine ersten Versuche mit dem Gerät und wie lange es gedauert hatte, bis er den Dreh einigermaßen raus hatte und endlich die einen Quadratmeter große Zielscheibe wenigstens am Rand getroffen hatte. Heute war er um einiges besser als damals. „Wer macht das bei euch?“

„Du!“ Aaron kam aus dem Lachen gar nicht  mehr raus und klopfte sich auf den Schenkel. „Was glaubst du, warum wir dich haben wollten? Bisher haben das Amy oder ich gemacht, aber wir wollten auch mal wieder gemocht werden.“ Er konnte den jungen Mann jetzt schon sehr gut leiden. Er schien Humor zu haben und wirklich bereit, sich auf der Station zu engagieren. „Nein, Spaß beiseite. Eigentlich werden wir drei uns das wohl teilen. Wer gerade verfügbar ist, muss halt in den sauren Apfel beißen.“

„Hab ich doch gewusst, dass das einmalige Angebot auch einen Haken haben musste. Von Katzen gehasst zu werden, war nicht gerade mein Lebenstraum. Aber was tut man nicht alles.“ Niko nahm es mit Humor, er war hier um zu helfen und nicht um mit Tieren zu schmusen. Und so verging die Zeit. Er suchte sich gerade noch ein Wasser, als Aaron ihm erklärte, dass der Weg durch das Tor links von ihnen zur Buschklinik von Walter führen würde und dass sie bald auf der Farm wären. Jetzt wurde Niko doch wieder hibbeliger. Es wurde ernst.

Es wurde nicht besser, als es plötzlich aus der Hosentasche klingelte. Hastig fummelte er das kleine Gerät hervor und sah aufs Display. „Chris!“, rief er und nahm das Gespräch an. Er sackte in sich zusammen, als er sich meldete und gleich gefragt wurde, wo er denn wäre und warum er sich nicht wie verabredet nach der Landung gemeldet hatte. Man merkte, dass Chris versuchte, nicht vorwurfsvoll und besorgt zu klingen, was ihm aber nicht sehr gut gelang.

„Tut mir leid“, gab sich Niko auch gleich geschlagen, denn er hatte Mist gebaut. Chris hatte sich Sorgen gemacht und das war nicht gut, nicht wenn man auf einem fremden Kontinent landete und dort völlig neu war. Er wusste nicht so richtig, was er sagen sollte, denn er hatte Chris wirklich für ein paar Stunden vergessen. Das war doch alles noch neu. Das mit Chris war neu, in Afrika zu sein war neu. Das war alles ein bisschen viel, was gleichzeitig auf das kleine Niko-Gehirn einstürzte und genau das sagte er Chris auch, ohne darauf zu achten, dass Aaron noch neben ihm saß.

>>Ach Schatz, ist schon okay, ich habe mir halt nur Sorgen gemacht, weil ich so gar nichts von dir gehört habe. Ich bin ja nur froh, dass du in Ordnung bist.<< Chris hörte sich wirklich erleichtert an. >>Dass der Flieger pünktlich gelandet ist, konnte ich im Internet sehen. Wenn dich einer abgeholt hat, müsstet ihr doch bald da sein, oder?<<

Auch Niko entspannte sich wieder etwas und lehnte sich im Sitz wieder zurück. Erst jetzt merkte er, dass er stocksteif auf dem Sitz gehockt hatte. „Aaron hat mich abgeholt und eben als du angerufen hast, sind wir an der Einfahrt zur Buschklinik vorbei gekommen. es kann also nicht mehr weit sein. Ich freue mich schon auf die Leute und die Tiere und auf eine Dusche. Nicht dass die Tiere mich nicht nur wegen dem Blasrohr nicht leiden können, sondern auch weil ich ihre empfindlichen Nase quäle.“

Chris lachte und schickte Niko einen Kuss durch die Leitung. >>Nein, dann ist es wirklich nicht mehr weit. Die Klinik und die Station sind ja direkte Nachbarn, auch wenn das in Südafrika nicht das gleiche heißt, wie hier. Und, war Aaron nett zu dir, oder muss ich ihn verhauen, wenn ich in einer Woche zu dir komme?<<

„Aaron war sehr nett, er hat mich eingesammelt und verpflegt, mich unterhalten und mir vieles erklärt. Ich finde, dass du ihn nicht hauen musst“, sagte Niko und sah dabei zu Aaron, der das Gesicht verzog und sich wohl gerade ein internes Memo machte, Chris mal zu verhauen, allein schon deswegen, weil der es in Erwägung gezogen hatte, ihn zu verhauen. „Aber ich glaube, du könntest eine Packung bekommen, so wie ich ihn gerade einschätze.“

>>Pfff! Ach der! Der ist nicht halb so gefährlich, wie er immer tut. Schließlich habe ich ihn oft genug wieder zusammengeflickt<< Man hörte, wie sich Chris auf etwas Weiches fallen ließ und es sich bequem machte. >>Aber erzähl mal, wie gefällt es dir denn? Hast du schon interessante Tiere gesehen? Wie ist das Wetter?<<

„Hm“, machte Niko nachdenklich und sah Aaron an, als müsste er ihn noch einmal abschätzen und für sich abwägen, ob sein neuer Schatz in Gefahr war, wenn er auf Aaron traf. „Das Wetter ist toll. Hell, sonnig, warm – sehr warm. Ein paar Antilopen habe ich schon gesehen. Die anderen haben sich bestimmt versteckt vor der Mittagshitze“, mutmaßte er. „Aber auf der Farm werde ich bestimmt gleich welche sehen.“ Und darauf freute er sich schon.

>>Davon gehe ich aus. Die Station ist eigentlich immer gut belegt. Du wirst also bestimmt keine Langeweile haben.<< Chris seufzte. >>Ich vermisse dich jetzt schon und bin auch noch neidisch, weil ich auch gerne jetzt schon in Afrika wäre. Allein die Vorstellung es warm und sonnig zu haben. Hier ist es kalt und es regnet. Das macht hier echt keinen Spaß zurzeit, besonders nachdem ich heute Morgen schon mit Herrn Richter aneinander gerasselt bin, als ich ihnen Lenas Sachen gebracht habe. Ich bin nachher einfach gegangen, weil ich mir den Mist, den er von sich gegeben hat, nicht mehr anhören wollte.<<

„Das tut mir leid zu hören. Aber jetzt hast du es bestimmt hinter dir, denn ihr habt keine weiteren Berührungspunkte mehr, Schatz. Ich vermisse dich auch, aber ich glaube, ich werde viel Ablenkung haben, bis du da bist.“ Aaron neben ihm räusperte sich und wies darauf hin, dass auch Chris nicht zum Urlaub hier her käme, das solle der Herr Mediziner nicht vergessen, nur weil er jetzt ein neues Lieblingsspielzeug hätte. Niko kicherte, weil Chris leise knurrte.

>>Sag ihm, die Nadel, die ich benutzen werde, um ihn das nächst mal zusammen zu flicken, wird so was von stumpf sein. Betäubung wird es dann leider auch nicht geben<<, knurrte Chris in den Hörer. >>Aber leider hat er Recht, wir werden beide ziemlich eingespannt sein und uns nicht so oft sehen können, wie wir möchten. Aber wir finden da schon eine Lösung. Zur Not verletzt du dich, nur ein bisschen, ich verarzte dich und du musst dann unter meiner Obhut gesund werden.<<

„Noch nicht mal zum Dienst angetreten und schon Pläne um blau zu machen. Was ist das denn für eine Einstellung“, sagte Aaron, doch sie wussten alle drei, dass es so definitiv nicht laufen würde, denn sie waren verantwortungsbewusste Mediziner. „Chris, mach dich aus der Leitung, wir sind da. Niko wird jetzt gebraucht. Er kann sich nach seinem Dienst ja noch mal bei dir melden.“

„Du hast es gehört, Schatz, ich melde mich – dieses Mal wirklich“, versicherte Niko, machte aber schon einen langen Hals um mehr sehen zu können.

>>Okay hab ja schon verstanden, dann bis später. Grüß Amy von mir. Ich liebe dich.<< Chris hatte schon aufgelegt, bevor Niko hatte antworten können. Ein wenig verwundert sah er das Telefon an, wurde aber gleich wieder abgelenkt, als er die ersten Häuser vor sich auftauchen sah. Es waren nicht sehr große, strohgedeckte Hütten, die entlang des Weges standen, auf dem sie gerade fuhren.


08 

„Hier leben unsere Angestellten mit ihren Familien. Weil wir hier weit ab von anderen Dörfern sind, haben wir eine eigene kleine Schule für die Kinder der Angestellten. Wir können ihnen nicht viel zahlen aber wir können ihren Kindern Bildung bieten und das ist für viele ein Anreiz“, erklärte Aaron und man merkte, dass er stolz auf seine Leute war, denn auch ein Großteil der Angestellten hatte dort schreiben, lesen und rechnen gelernt.

„Coole Idee“, sagte Niko anerkennend, verkniff es sich aber, wie ein verrückter Tourist Bilder von den Hütten zu schießen.

„Wir fahren jetzt direkt auf das Haupthaus zu. Darum herum befinden sich die Käfige von den Tieren, die so schwer verletzt sind, dass sie viel Pflege brauchen und von den nicht gefährlichen Tieren. Weiter draußen sind die Auswilderungsgehege und die Gehege der Tiere, die wir nicht mehr auswildern können. Sie bleiben bei uns und im Idealfall bekommen wir so Zuchtpaare. Es ist zwar nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber wir nutzen jede Gelegenheit, bedrohte Populationen aufzustocken.“

„Verstehe“, sagte Niko und sah sich weiter neugierig um. Das Haus, auf das sie zu fuhren, war größer als die Hütten, an denen sie vorbei gekommen waren, aber ebenfalls ebenerdig und mit einem Strohdach. Niko liebte diese Bauweise, es sah so ursprünglich aus. Vor der Tür standen zwei Frauen und sahen dem Wagen entgegen. „Sind das Amy und Gitte?“, wollte er wissen und nahm sie intensiver ins Auge.

„Ja, das sind sie. Links das ist Amy und rechts ist Gitte. Mach dir keine Sorgen wegen ihr, sie ist sehr nett. Manchmal ein wenig schräg , aber sehr nett.“ Aaron lachte und winkte den beiden Frauen durch das offene Fenster zu, die fröhlich lachend zurück winkten. Niko war trotzdem nicht wohl zumute. Er wollte unbedingt einen guten Eindruck hinterlassen, darum strich er sich noch einmal durch die Haare und über die Kleidung. Lieber hätte er erst geduscht, aber das klappte wohl nicht.

Also nutzte er noch die Zeit, die er hatte, um sich die beiden Damen seinerseits etwas genauer anzusehen. Amy und Gitte waren sehr unterschiedlich, während Amy noch recht jung und eher zierlich wirkte, war Gitte eine gestandene Frau. Er konnte sich gut vorstellen, dass sie eine liebevolle Mutter war. Doch dann hielt der Wagen unter einem Baum und Aaron stieg aus. Hastig folgte auch Niko und versuchte sich nicht im Gurt zu verheddern.

„Hallo, schön dass ihr da seid“, riefen beide Frauen und kamen immer noch lachend auf sie zu und die erste, die zu ihm kam, war die Stationsleiterin. „Ich bin Amy, ich freue mich, dass du da bist, Niko. Wir sind wirklich froh, dass du uns unterstützen willst“, begrüßte sie ihn und schüttelte ihm die Hand. Währenddessen wurde er von Gitte beäugt, die neben ihrer Freundin stand und den Freund ihres Sohnes musterte. Sie grinste verschmitzt und legte den Kopf ein wenig schief.

„Hallo Niko, ich bin Gitte und ich freue mich auch dich kennen zu lernen. Chris hat mir verboten, dich genauer zu untersuchen. Ich darf dich nur ansehen, und vielleicht kurz drücken, aber mehr nicht. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich das jetzt gerne machen.“

„Das Ansehen?“, fragte Niko etwas verwirrt und drehte sich einmal brav im Kreis, damit er begutachtet werden konnte, bedankte sich aber gleichzeitig für den netten Empfang. Grinsen musste er darüber, dass Chris schon Handlungsanweisungen verteilt hatte, um ihn vor Schlimmerem zu bewahren. Doch er ging davon aus, dass man ihn nicht gleich aufschneiden und leer räumen würde.

Zumindest hoffte er das.

Gitte kicherte und stupste Amy mit dem Ellbogen an. „Ist er nicht süß und sehr ansehnlich? Von Chris hab ich auch nichts anderes erwartet. Er hatte schon immer Geschmack.“, giggelte sie. „Nein, eigentlich meinte ich, dass ich dich drücken möchte. Wenn ich doch schon die Erlaubnis von Chris habe.“

„Hm“, machte Niko etwas beschämt und überlegte kurz. „Ich war jetzt fast vierundzwanzig Stunden nicht duschen. Ich könnte kleben und komisch riechen“, sagte er und sah sich etwas verlegen um, grinste dann aber Gitte schief an. „Wenn du also das Risiko eingehen willst, bitte. Ich könnte auch schnell duschen und dir dein hart erbetenes Drücken etwas angenehmer machen.“

„Wie wäre es mit einem vorher-nacher Vergleichsdrücken?“, lachte sie. Ihr gefiel, dass Niko wohl anscheinend Humor hatte. Aber sie konnte auch verstehen, dass es dem jungen Mann jetzt unangenehm war. „Ich sollte dich wohl duschen lassen. Mach dich frisch und dann komm in die Küche, ich habe Essen vorbereitet. Ihr seid doch bestimmt hungrig. Aaron, zeigst du Niko sein Zimmer?“

„Sicher“, nickte Aaron, während Niko sich noch einmal bedankte. Er nahm sich vor, sich zu beeilen und die drei nicht warten zu lassen, denn er war ja schließlich nicht als Urlauber hier. Er raffte also seine Taschen, während Aaron schon mit seinem Koffer voraus ging. Er steuerte eine kleine Hütte an, während Aaron erklärte. „Wir haben hier zwei Hütten für unsere Freiwilligen. Da du im Moment der einzige bist, hast du das Häuschen ganz für dich allein. In drei Wochen kommen neue, dann wird wohl einer noch das zweite Zimmer bei dir beziehen und die anderen in der zweiten Hütte unterkommen.“

„Okay.“ Niko nickte Aaron zu, um sich zu bedanken und sah sich in seinem Zimmer um. Es war sauber und schlicht, aber zweckmäßig eingerichtet. Er wirbelte erschrocken herum, als er eine Bewegung aus den Augenwinkeln sah und musste grinsen, als ihn ein kleiner Gecko anblinzelte, der an der Wand hing.

„Hallo Kleiner“, lachte er. Noch nicht ganz angekommen und schon ein Haustier. „Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich auch hier wohne. Ich werde dir deine Insekten nicht weg futtern. Ich besorge mir mein Essen in der Küche“, versprach er und beschloss spontan, seine Taschen niemals offen zu lassen. Nicht das er irgendwann noch einen Gecko oder unangenehmeres im Rucksack hatte. Doch dann griff er sich erst einmal seinen Kulturbeutel und verschwand im Bad.

Die Dusche tat richtig gut und er fühlte sich schon viel besser, als er auch noch saubere Sachen an hatte. Gut gelaunt machte er sich auf zum Haupthaus und klopfte an den Türrahmen der offenen Haustür. Er wollte nicht einfach so hineingehen, darum rief er laut „Hallo.“ Sofort guckte aus der Tür am Ende des Flures ein grauer Schopf.

„Wir sind hier, Niko, komm ruhig rein“, rief sie ihm zu und winkte. Dabei grinste sie breit und murmelte leise vor sich hin, während sie sich die Hände rieb. „Jetzt gehört er mir, jetzt gehört er mir.“

„Ich wusste, dass die Sache einen Haken hat“, sagte Niko gespielt entmutigt und ließ den Kopf hängen, breitete aber die Arme aus. „Aber nicht abnutzen, ich bin noch ganz neu.“ Er wandte sich erschrocken um, als er Amy lachen hörte, die gerade dabei war, ein paar Flaschen zu sterilisieren und Milchpulver anzurühren.

„Du hast es gehört, Gitte. Ich bitte auch darum, ihn nicht kaputt zu machen, ich brauche ihn noch.“ Sie drehte sich wieder zu ihren Flaschen, denn die wurden gleich benötigt. Es gab eine Menge Tierbabys auf der Station, die versorgt werden mussten. Amy bereitete die Flaschen vor und ließ sie dann zum Abkühlen auf der Anrichte stehen. „Hatte Chris nicht was von kurz drücken erzählt?“, fragte sie Gitte, die Niko immer noch im Arm hielt. „Deine Krakennummer, die du da gerade abziehst, hat er bestimmt nicht gemeint.“

„Und ich werde Chris leider genau berichten müssen, was hier mit mir passiert. Ich bin ihm gegenüber zur absoluten Ehrlichkeit verpflichtet, auch wenn’s mir leid tut“, spielte Niko mit, wehrte sich aber nicht gegen die Umarmung. Er sah sich derweil etwas in der Küche um. Sie war aus Feldsteinen gebaut, fast ausschließlich. Selbst die Einfassung für Schränke und Einbauten. Lediglich die Fronten waren aus Grob behauenem Holz. Am meisten gefiel ihm aber die offene Feuerstelle und sie sah benutzt aus.

„Was habt ihr denn für Jungtiere hier, die gefüttert werden müssen?“, wollte er wissen.

Amy grinste und deutete auf die ersten beiden Flaschen.

„Zwei kleine Geparden. Die nächsten drei sind für drei kleine Servale. Geschwister, die seit einer Woche bei uns sind. Ihre Mama erholt sich wieder, aber die Rasselbande ist noch zu viel für sie.“ Die Reihe war noch etwas länger, darum deutete sie weiter. „Dann kommt ein wirklich goldiger Mini-Leopard, den alle füttern wollen. Seine Mutter ist auch hier. Sie ist in eine Falle geraten und wir haben Angst, dass sie ihm etwas tut, weil sie durch die Schmerzen ziemlich unberechenbar ist. Das wäre dann dein erster Patient, so als kleines Einstiegsgeschenk.“ Amy schob die Leopardenflasche etwas näher zu Niko.

„Wie geht es der Mutter? Ist die Pfote noch dran? Wie sieht sie aus?“ Niko war gleich in Sorge. Er wusste, was Fallen anrichten konnten. Er hatte das bei Pumas in den Rockys gesehen und gehofft, dass das irgendwann mal ein Ende haben würde. Aber die Krone der Schöpfung verteidigte ihren Platz an der Spitze der Nahrungskette gnadenlos. „Wer hat sie behandelt?“

„Sie hatte Glück im Unglück. Sie steckte nicht lange in der Falle, so dass sie zwar ein paar tiefere Fleischwunden hat, aber es ist nichts gebrochen. Wir haben sie betäubt und aus der Falle geholt.“ Amy stieß sich von der Anrichte ab und ging zum Esstisch, auf dem schon das Essen dampfte und setzte sich. „Komm, lass uns beim Essen weiter reden.“ Sie nickte Niko zu und deutete auf den Stuhl neben sich.

„Wenn nicht gerade ein Tierarzt da ist, behandle ich die Tiere, so gut ich kann. Darum werde ich dir wohl die nächsten Monate ziemlich auf die Pelle rücken und Fragen stellen. Die größten Wunden habe ich genäht, die kleineren gesäubert und ihr ein paar Medikamente verpasst wie Antibiotika, Wurmkur, ein paar Vitamine und ein Parasitenmittel.“

„Kein Problem. Frag, wann immer du etwas wissen willst. Ich bin hier um zu helfen, nicht nur euren Klienten, auch euch.“ Niko nahm dankend das große Glas Wasser entgegen, was Gitte ihm reichte und prostete Aaron zu, der gerade zur Tür herein kam und seinen Hut abnahm. „Wer hat die Falle aufgestellt?“, wollte Niko wissen, denn das interessierte ihn wirklich.

„Wilderer.“ Amy verzog angewidert das Gesicht. „Leider ist denen nur schwer beizukommen. Es werden immer mal welche geschnappt, aber dann schießen neue aus dem Boden wie Pilze.“ Das war etwas, was sie wirklich frustrierte. Es war wohl so ähnlich wie gegen Windmühlen zu kämpfen. „Die Polizei und die Ranger und auch viele Farmer, tun was sie können, aber das Land ist riesig und schwer zu kontrollieren.“

„Das will ich glauben. Ich würde mir die Katze dann gern mal angucken“, sagte er und blickte wieder auf die Flasche, die ihm hingestellt worden war, „nachdem der Junior versorgt worden ist, natürlich.“ Nach und nach wurde ihm klar, dass das hier kein Zuckerschlecken würde, er war hier zum Arbeiten und es gab reichlich zu tun. Doch dann aß er endlich, denn es roch lecker. Er liebte gebratene Kartoffeln und gegrilltes Fleisch.

„Nur keine Eile. Iss erst einmal etwas und komm hier an. Das du den kleinen Leoparden fütterst, ist kein Muss. Ich habe nur gedacht, dass du das vielleicht gerne machen möchtest, denn alle hier reißen sich darum. Ein Leopard ist auch hier etwas Besonderes. Ich auf jeden Fall bin dem kleinen Kerl total verfallen. Er ist so süß.“ Amy drückte Niko die Schulter und lächelte. Sie war angenehm überrascht, dass ihr neuer Tierarzt, sich gleich so rein hängte. Das hatte sie schon anders erlebt. „Danke, dass du dich gleich um die Mutter kümmern willst. Ich mache mir Sorgen um sie. Falls du sie in Narkose legen möchtest, um sie untersuchen zu können, werde ich das für dich machen.“

„Ich weiß es noch nicht. Ich will sie mir erst mal ansehen und gucken wie sie sich verhält. Oft zeigt mir das mehr als ein narkotisiertes Tier.“ Chris griff sich endlich die Gabel und fing an zu essen. Er hatte zwar ein paar Sandwiches gegessen, doch das hier war besser. Grinsend sah er zu Aaron, der das gleiche zu denken schien. Sie grinsten sich wissend an und schlugen zu.

„Ist der Kleine in einem anderen Käfig? Nicht dass sie ihn gar nicht mehr annimmt, auch wenn’s wieder besser geht.“

„Nein nein, so meinte ich das nicht. Guck sie erst einmal an, dann entscheide, was du machen möchtest. Ich möchte nur nicht, dass sie dich gleich in schlechter Erinnerung behält, darum würde ich sie narkotisieren, wenn du es für nötig hältst, um sie zu behandeln.“ Amy sah zu Niko und lächelte. „Sie sind in nebeneinander liegenden Käfigen, so dass sie weiter engen Kontakt haben. Allerdings hat sie sich bisher nicht sehr für ihr Junges interessiert, aber sie mochte es nicht, wenn wir ihn versorgt haben.“

„Gut. Nicht so gut wie ich es gern hätte, aber nicht ganz schlecht“, murmelte Niko und gönnte sich einen Schluck kaltes Wasser. Erstaunlich wie gut einfaches Wasser schmecken konnte, wenn man durstig war. Am liebsten wäre er aufgesprungen und hätte gleich nach der Leopardendame gesehen, doch er aß erst einmal auf. Zum einen war es lecker und er hatte Hunger, zum anderen hatten die beiden Damen in der Küche sich alle Mühe gegeben.

„Gitte, das Fleisch ist köstlich“. Amy lächelte Ihrer Freundin zu und erklärte Niko, was er gerade aß und Gitte nickte lächelnd. „Ja, das Fleisch ist wirklich sehr gut. Walter wird von seinen Patienten oft in Naturalien bezahlt. Letztens hat ein Farmer einen halben Kudu und eine halbe Elenantilope vorbei gebracht, um seine Rechnungen zu bezahlen. Wir haben es eingefroren und ich habe zur Feier des Tages einiges davon mitgebracht. Greift also richtig zu, es ist reichlich da.“

Niko blickte auf und grinste. Hier lief es wirklich anders. Das sollte mal jemand in Deutschland versuchen und seinem behandelndem Arzt eine halbes Schwein auf den Schreibtisch legen. Er würde sogar Eintritt bezahlen, um das mal zu sehen. „Leckere Zahlungsmittel“, sagte er und leerte seinen Teller, ehe er sich zufrieden zurück lehnte und sich noch etwas in der Küche umsah.

„Ja, das Fleisch der Antilopen ist wirklich sehr lecker. Springbock, Gnu, Oryx und was es da noch so alles gibt, schmeckt hervorragend. Chris liebt das Antilopenfleisch auch sehr. Bei uns gibt es fast jeden Tag Barbecue, wenn er da ist.“ Gitte freute sich, dass Niko richtig zugelangt hatte. Sie sah aber auch, dass er sich die Leopardin ansehen wollte. „So los, zu euren Katzen. Ich kümmre mich um die Küche und wenn ihr zurück seid, gibt es noch etwas Eis.“

„Danke“, entgegnete Niko und erhob sich. Er wusch sich noch einmal die Hände und lief eilig zu seiner Hütte, um seine Tasche mit den Instrumenten zu holen. Dann war er wieder bei Amy, die auf ihn gewartet hatte. „Lass uns eine Runde gehen und immer wieder an dem Käfig der Leoparden vorbei. Sie soll mich erst riechen, ehe ich auf sie zu gehe. Können wir den Kleinen holen, ohne dass sie sich aufregt?“ Doch Niko sah Amy beim Reden gar nicht an, sondern sah sich überall neugierig um.

Es gab so viele Käfige mit Tieren. Er kannte sie zwar alle, aber viele auch nur aus Büchern, weil die Zoos, in denen er gearbeitet hatte, diese Tiere nicht in ihrem Repertoire gehabt hatten. „Die Tiere, die hier in den Käfigen sind, sind alle verletzt?“, fragte er und sah sich schon einmal die Leopardin an, an der sie gerade vorbei kamen. Ein kräftiges und gut genährtes Tier, was darauf schließen ließ, dass sie sich und ihr Junges bisher gut versorgt hatte.

„Zum großen Teil ja. Allerdings sind hier auch Tiere, die schon wieder gesund sind, aber auf Grund der Schwere ihre Verletzungen leider nicht mehr ausgewildert werden können, weil sie nicht mehr allein für sich sorgen können.“ Man hörte Amy an, wie sehr sie das bedauerte, aber sie hatte es akzeptiert, weil es nicht zu ändern war.

„Ah, verstehe“, sagte Niko und betrachtete ein paar Mangusten die quietschvergnügt über das Terrain flitzten. Sie schienen nicht verletzt zu sein, sondern hier nur zufällig zu wohnen. Obwohl es wohl nicht ganz zufällig war, denn sie bedienten sich an nicht geleerten Näpfen, die kleinen Diebe. Amy erklärte noch etwas zu den Tieren, an denen sie vorbei kamen, ehe sie sich wieder den Leoparden näherten und dem Jungen, das langsam meckerte, weil es Hunger hatte. Zufrieden registrierte Niko auch, dass die Mutter ebenfalls reagierte.

„Essen ist fertig, Mäuschen“, rief Amy auch gleich und schloss den Käfig auf. Sie zuckte kurz, als die Leopardin laut brüllte und zum Gitter kam, ließ sich aber nicht stören und nahm das meckernde Junge hoch, damit es seine Flasche bekommen konnte. Das Tier lief auf drei Beinen, da die linke Vorderpfote verletzt war, aber das hinderte sie nicht daran, böse zu fauchen, weil sich jemand ihrem Jungen näherte. „Niko, guck sie dir bitte an. Ich würde das Kleine gerne wieder zu ihr lassen, wenn du der Meinung bist, dass wir es wagen können. Sie waren jetzt noch nicht so lange getrennt und ich will nicht riskieren, dass sie sich entfremden.“

Der Tierarzt nickte und besah sich die Katze genauer. Sie stand so günstig, dass er sich nur hin hocken musste. Sie war auf Amy und das Jungtier fixiert. Durch den Verband konnte er aber nicht viel sehen, außer dass er von der Katze ziemlich angefressen worden war und leicht durchblutete. „Füttere den Kleinen in ihrer Nähe. Wenn er satt ist und sie sich wieder beruhigt hat, sedieren wir sie. Ich werde wohl noch mal an die Wunde müssen, kann gut sein, dass noch Dreck in der Wunde ist. Ich will spülen und desinfizieren. Bekommt sie Medikamente?“

„Sicher, du bist der Boss, in allen medizinischen Fragen.“ Amy wollte, dass Niko sich nicht zurück hielt, nur weil sie die Leiterin der Station war. Er war der Tierarzt und darum ordnete sie sich ohne Probleme ihm unter, was alles Medizinische betraf. „Zur Zeit bekommt sie nichts, Ich habe ihr, als wir sie aus der Falle befreit haben, ein Antibiotikum mit Depotwirkung verabreicht, dass drei Tage anhält, ansonsten nur ein paar Vitamine und die Wurmkur. Aktuell bekommt sie nur ein Mineralienpulver auf ihr Fleisch, das ist alles.“

Niko nickte. Damit war er erst einmal zufrieden. „Füttere du den Kurzen, sie fixiert sich gerade auf dich. Ich hol die Milch“, sagte er und ging zur Tasche, die neben der Käfigtür stand. Er reichte sie nach innen, wurde ebenfalls noch einmal angefaucht von der Katze und zog sich zurück. „Ich sehe mich etwas um. Wenn du glaubst, dass sie ruhig ist, sediere sie und hol mich. Ich werde erst mal die drei Serval-Rabauken füttern, die meckern nämlich auch schon.“

„George und ich helfen dir. Alleine sind die drei nicht zu bewältigen“, rief Aaron und wedelte mit den Flaschen, die er aus der Tasche genommen hatte. „Die drei sehen so unschuldig aus, aber das sind kleine Terrortiere, die jede Unachtsamkeit ausnutzen.“ Aaron stellte einen der schwarzen Mitarbeiter und Niko einander vor und ging dann vor zum Käfig der Servale. „Die anderen Kleinen werden auch schon versorgt.“

„Sehr gut.“ Niko nickte, hier arbeitete jeder Hand in Hand, ein eingespieltes Team. Er ließ sich also einen von den kleinen Servalen in die Hand drücken und versuchte das kleine Tier so zu halten, dass er ihn mit einer Hand bändigen konnte. Jetzt machte es sich bezahlt, dass er oft in der Kleintierabteilung seiner Kolleginnen an der Uni ausgeholfen hatte und wusste, wie man kleine quirlige Tiere bändigte. „Um mich auszutricksen musst du früher aufstehen, junge Dame.“

Diese Ansage konnte die junge Katze natürlich nicht so einfach hinnehmen, darum wurde Niko auch gleich angefaucht. Das änderte aber nichts daran, dass sie nicht entkommen konnte und so fing sie lieber gierig an zu saugen, als ihr der Sauger vor das Schnäuzchen gehalten wurde. Die Kleine war so niedlich und noch so jung, dass ihre Ohren sich noch nicht aufgerichtet hatten. Er sah zu Aaron und George, die die beiden anderen Servale auch fütterten und sie dabei liebevoll beschmusten. „Man kann ihnen einfach nicht widerstehen“, grinste Aaron schief.

„Die drei können hoffentlich bald wieder zu ihrer Mutter, wenn du das Okay gibst. Sie hat sich recht gut erholt.“

„Klar“, sagte er und ging mit der kleinen Katze auf dem Arm an das Gehege der Mutter, die unablässig am Zaun entlang strich. Sie hatte noch ein paar kahle Stellen dort, wo man sie hatte rasieren müssen um zu nähen, doch die Wunden waren gut geschlossen, sie lief ohne Probleme und lauschte genau auf die Rufe der Kleinen, die meckerten, wenn der Sauger plötzlich entzogen wurde. „Ich würde sie zurücksetzen. Sie schafft das.“

„Habt ihr das gehört, ihr Mäuse? Es geht nach dem Essen zurück zu Mama.“ Aaron nickte Niko zu. „Das machen wir gleich, wenn alle satt sind. Dann sind sie träge und müde und Mama, bekommt nicht gleich die volle Packung.“ Aaron zog Nikos Entscheidung nicht in Zweifel. Er war der Arzt. „Gib die Kleine rüber, dann kannst du zur Leopardin gehen, Wir kriegen das schon hin.“


09 

Niko lachte. Das ging hier ja wie am Fließband. Während George das erste Kätzchen zu seiner Mutter in das Gehege setzte, nahm er Niko die junge Dame ab und der ging wieder zurück. Amy hatte die Katze gerade sediert und holte eben einen Lappen und kaltes Wasser, damit das Tier keinen Hitzeschlag bekam. „Gib ihr noch ein paar Minuten, dann sollten wir rein können.“ Angespannt beobachtete sie die Katze, die am Gitter im Schatten lag und flach atmete.

Sie warteten ein paar Minuten, stupsten die Raubkatze mit einem Stock an und als sie keine Reaktion zeigte, konnten sie zu ihr in den Käfig. „Ein wirklich schönes Tier“, murmelte Niko, der gleich den Verband aufschnitt, um zu sehen, wie die Wunden verheilten.

„Das sieht doch schon ganz gut aus“, meinte er, als er sich die Pfote von allen Seiten angesehen hatte. „Keine Infektion, und nur eine der Nähte blutet etwas an einer kleinen Stelle, aber das ist nicht schlimm. Wir lassen die Verbände jetzt ab. Die blutende Stelle bekommt noch ein Blauspray, wie der Rest der Wunden. Ich gehe davon aus, dass die Blutung bis morgen weg ist. Das hast du wirklich sehr gut gemacht.“

Wenn er die Katze schon einmal schlafend vor sich hatte, machte er noch einen kurzen Allgemeincheck und nahm ihr Blut ab. So konnte er sehen, ob noch eine Entzündung im Körper war und er noch mehr Antibiotikum geben musste. Er strich der Katze noch einmal über die Flanke, ehe er ihr das Gegenmittel spritzte und den Käfig wieder verschloss.

„Das wird schon wieder. Wichtiger ist, dass sie den Kontakt zum Kurzen nicht verliert“, murmelte Niko, als er neben den Gitter stand und auf die Katze blickte. Aber so lange sie noch solche Schmerzen hatte, so lange hatte er Angst um die kleine Katze, die sich allerdings gerade ziemlich langweilte. „Er braucht doch jemanden zum spielen“, murmelte er leise.

Er konnte nicht widerstehen und strich, dem kleinen Kater über das Köpfchen, obwohl sie ihn so wenig wie möglich an menschliche Zuwendung gewöhnen wollten. Er war doch noch so klein und bestimmt sehr einsam ohne seine Mutter. Amy nickte, aber dann schüttelte sie den Kopf. „Allerdings ist gerade niemand außer den Servalen im richtigen Alter und die Dreierbande will ich ihm nicht antun. Die Geparden sind schon zu groß, das würde nicht gut klappen.“

„Schade, Maus“, sagte er leise und sah noch einmal auf die Katze die sich langsam regte. „Komm schnell wieder auf die Beine, Dicke, damit er wieder zu dir kann.“ Er nahm seine Instrumente, die er später reinigen und sterilisieren wollte, ehe sie zurück in die Tasche kamen. „Wer ist der nächste?“, grinste er.

„Warte, ich lege den Süßen nur wieder in sein warmes Nest, dicht bei seiner Mama, dann können wir uns die anderen Unglücksraben ansehen.“ Amy legte den Kleinen in seine Box, die zum Käfig seiner Mutter hin offen war und dirigierte Niko zu den anderen Patienten. Sie waren alle nicht sehr schwer verletzt und auf dem Weg der Besserung. „Das hier ist Rudi, unser Warzenschwein. Wir haben schon mehrmals versucht ihn aus zu wildern, aber er findet immer wieder zu uns zurück. Wie er das macht, wissen wir nicht, aber wir haben beschlossen, dass er hier bleiben kann, wenn er möchte.“

„Na ja, so habt ihr wenigstens ein Hausschwein für die Küchenabfälle“, lachte Niko und betrachtete sich den Eber etwas genauer. Er hatte ein paar Macken, schien aber ansonsten ganz fidel zu sein. Er stromerte durch ein Gehege und wühlte sich etwas durchs Erdreich. Und so gingen sie weiter zu den Wildhunden. Es waren drei Geschwister, die langsam wieder lernen mussten, mit Platz umzugehen. Ein Farmer hatte sie wie Hunde an der Kette gehalten, bis seine Frau die Tiere hier her gebracht hatte.

Sie mussten langsam wieder daran gewöhnt werden, Beute zu schlagen und sich wie richtige Wildhunde zu benehmen. Ob es letztendlich gelingen würde, war leider noch nicht abzusehen. Die Zeit bei dem Farmer hatte viel Schaden angerichtet.

„Das sind Huey, Duey und Luey.“ Amy warf den dreien Fleischbrocken zu, damit sie näher an den Zaum kamen und Niko sie sich ansehen konnte. „Topfit, aber noch nicht fit genug für die Wildnis.“

„Wer kommt eigentlich auf die fragwürdige Idee, solche Tiere wie Hofhunde zu halten? Mal davon abgesehen, dass auch normale Hunde nicht an die Kette gehören“, murmelte Niko und beobachtete die Tiere. Sie waren ganz proper, aber für Wildhunde viel zu zutraulich am Zaun. Das würde noch viel Arbeit werden, um die drei wieder in die Freiheit zu entlassen. „Aber gesundheitlich scheinen sie gut auf dem Posten zu sein.“

„Ja, soweit wir das sagen können, sind sie gesund, nur etwas gestört.“ Amy sah das genauso wie Niko und der Farmer hatte sich auch einiges von ihr anhören müssen. Ihm war gar nicht bewusst gewesen, was er da angerichtet hatte, aber das machte es auch nicht besser.

Sie gingen noch bei den Löwen vorbei, die sich aber in den hinteren Teil ihres Geheges zurückgezogen hatten, weil sie dort im Schatten liegen konnten. Es waren zwei junge Männchen, die in den nächsten Tagen in ein größeres Gehege kommen sollten, damit sie demnächst wieder in die Freiheit entlassen werden konnten.

Langsam kamen sie wieder auf den Hof und wollten gerade den Jeep besteigen, um die entfernter gelegenen Gehege zu besuchen, als George ganz aufgeregt über den Hof lief und hektisch nach Amy rief. Alarmiert liefen sie und Niko vom Parkplatz zurück zum Haus. „Was ist los?“, wollte Niko wissen, denn der hektische George macht ihn nervös.

„Ein Paul Green hat angerufen. Er hat ein Karakal-Junges in einer Falle gefunden. Von der Mutter war nichts zu sehen. Er hat das Junge aus der Falle befreit, aber die Pfote hat wohl ganz schön was abbekommen und das Tier ist nicht in sehr guter Verfassung.“ George ließ Amy und Niko ins Haus und zeigte auf das Telefon „Er fragt, ob wir es bei ihm auf der Farm abholen können, denn er kann gerade nicht zu uns kommen.“

„Ich hole meine Tasche“, rief Niko gleich. Wenn nötig operierte er das kleine Tier gleich vor Ort. Es noch stundenlang zu transportieren machte es bestimmt nicht besser. Ganz angespannt umklammerte er den Henkel seiner Tasche und lief zu dem Wagen, in dem Amy schon am Steuer saß. Sie hatte das Telefon George überlassen, der ihre Ankunft ankündigen sollte.

„Zur Farm von Paul Green brauchen wir ungefähr anderthalb Stunden. Ich hoffe, das Kleine hält so lange durch.“ Amy hatte die Lippen fest aufeinander gepresst, denn leider war es schon oft so gewesen, dass sie es bei den langen Strecken, die sie fahren mussten, nicht mehr rechtzeitig geschafft hatten. Wenn das Junge schon länger in der Falle festgehangen hatte, war es wahrscheinlich völlig ausgetrocknet. „Hinten im Wagen ist eine Notfall-Apotheke. Wir haben immer möglichst viel an Ausrüstung dabei, weil wir oft nicht wissen, was uns erwartet.“

„Okay“ Niko knallte die Tür zu und Amy gab Gas. Eine Staubwolke breitete sich hinter ihnen aus, die stetig zu versuchen schien sie zu überholen. Doch Amy war schneller.

Sie hatten die Fahrt fast schweigend hinter sich gebracht und dem entsprechend angespannt waren sie, als sie endlich vor dem Haus parkten. Der Motor war noch nicht aus, da war Niko schon aus dem Wagen und hatte seine Tasche gegriffen.

Amy holte noch die Ausrüstung aus dem Kofferraum und folgte dann einfach Niko. Sie fand ihn in der Küche, wo er sich schon über einen Korb beugte, der auf dem Küchentisch stand. „Amy, schön, dass ihr da seid. Dem Kleinen geht es nicht gut“, wurde sie von Alice, der Farmerin begrüßt. „Ich habe versucht, ihm wieder etwas Wasser einzuflößen. Ein wenig hat es getrunken, aber es ist sehr schwach.“ Alice hatte Erfahrung mit kranken und verletzten Tieren. Die meisten behandelte sie selber und bekam sie auch fast immer durch. Nur bei den schwer Verletzten rief sie in der Station an.

„Das sieht gar nicht gut aus, das muss ich nähen.“ Niko hatte sich die Pfote schon besehen. Die Falle war zum Glück für die kleine Pfote fast zu groß gewesen. Doch weil der Karakal noch sehr jung war, hatte er sich trotzdem schwer verletzt. Ein Teil der Pfote hing ungesund. „Ich kann sie aber nicht in Narkose legen, das steht sie nicht durch.“ Er musste lokal betäuben und jemand musste dafür sorgen, dass das Tier still hielt. Das war riskant und er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Doch bekanntlich starb die Hoffnung zuletzt.

Amy war sofort bei ihm und hielt die kleine Katze fest. Es war für sie selbstverständlich, Niko zu helfen und nach seinen Anweisungen zu arbeiten. „Soll ich ihr, während du nähst, eine Infusion legen?“ Amy war unsicher. Der Karakal war noch so jung. Er sollte noch nicht von seiner Mutter getrennt sein. Selbst wenn er nicht so schwer verletzt wäre.

„Ja, mach das“, sagte Niko und hatte das Betäubungsmittel schon gespritzt. Jetzt mussten sie etwas warten und hoffen, dass es den kleinen geschundenen Körper nicht überforderte, wenn plötzlich so viel Fremdes in ihn strömte. Angespannt tippte Niko mit einem Spatel vorsichtig gegen das kleine Bein und als der Karakal nicht zuckte, näherte er sich der Wunde. Auch dort zeigte das Tier bei Berührung keine Reaktion. Selbst gegen das Festhalten wehrte es sich kaum noch, kein gutes Zeichen.

„Alice, kannst du sie bitte halten?“, bat Amy die Farmersfrau, die auch gleich das Kätzchen übernahm. Vorsichtig legte Amy die Infusion mit einer Kochsalzlösung, um dem kleinen Körper wieder Flüssigkeit zuzuführen. „Infusion läuft“, sagte sie zu Niko, der sich schon alles für die kleine Operation bereit gelegt hatte. „Soll ich dir assistieren?“ Sie wartete erst gar nicht die Antwort ab, sondern zog sich schon Handschuhe an und sterilisierte ihr Hände dann.

„Ja, leuchte mir bitte das Operationsfeld aus.“ Und dann begann Niko sich der Wunde zu nähern. Er musste den gebrochenen Knochen stabilisieren, eine Sehne war abgerissen. Er begann damit die Wunde zu reinigen, verschaffte sich einen Überblick. Dann legte er los. Er hatte noch nie eine solch kleine Katze operiert und wie das kleine Tier in Alices Hand hing, ohne sich zu wehren stach ihm ins Herz.

Alice sah Niko und Amy zu, wie sie versuchten, die Pfote und das Leben der jungen Katze zu retten. Immer wieder hielt sie die Luft an, wenn es schwierig wurde. Es war ein Glück, dass der neue Tierarzt heute angekommen war und sich um den kleinen Patienten kümmern konnte. Ohne Niko hätte es keine Chance gehabt. Ganz leise sprach sie mit dem Kätzchen und erklärte ihm, was gerade gemacht wurde und dass sie in allerbesten Händen war.

Über zwei Stunden dauerte es, bis Niko die letzte Naht fertig hatte und die Wunde besprühte, ehe er einen Verband darum wickelte. Er ging nicht davon aus, dass die kleine Katze im Moment die Kraft hatte, daran zu knabbern oder viel herum zu laufen. „Geschafft“, murmelte er leise und ließ Alice die Katze zurück in den Korb legen, damit sie sich erholen konnte, während Amy noch immer die Infusion hielt, die langsam aber stetig in den schmalen Körper tropfte.

„Das war einfach fantastisch, Niko, was du da geleistet hast.“ Spontan drückte Amy Niko an sich. So ein Arzt wie Niko war für ihre Station Gold wert. „Setzt euch, ihr habt doch bestimmt Hunger und Durst. Alice wischte den Tisch sauber und lief dann durch die Küche. Sie holte Getränke und Essen aus dem Kühlschrank, damit Amy und Niko sich stärken konnten. Doch Niko war gar nicht richtig bei der Sache. Er stand immer noch neben dem Korb, blickte auf die kleine Katze und hielt nun anstelle von Amy die Infusion. „Es war dann fantastisch, wenn sie durch kommt und wieder laufen und klettern kann“, murmelte er leise und strich mit einem Finger ganz vorsichtig über den kleinen Kopf. „Stirb mir bloß nicht weg, Kleines.“

„Das, auf was du hoffst, ist ein kleines Wunder. Das sie noch lebt und sie eine Chance hat gesund zu werden, dass ist die fantastische Leistung, die du vollbracht hast.“ Amy klopfte Niko auf die Schulter und drückte ihm ein Glas kalten Eistee in die Hand. „Fritzi wird bald durch das Haus tollen, lass es dir gesagt sein. Die kleinen Katzen sind zäh und wir werden alles dafür tun, dass sie überlebt.“

„Fritzi?“ irritiert blickte Niko auf. „Hast du ihr gerade einen Namen gegeben? Das macht man nicht, ehe man nicht weiß, dass sie durchkommen“, murmelte er und hoffte, dass das kein schlechtes Omen war. „Aber nun heißt du Fritzi und jetzt werde gefälligst auch gesund. Du hast jetzt einen Namen, also darfst du nicht sterben“, klärte er das kleine Tier auf und trank hastig einen großen Schluck.

„Das war volle Absicht. Bisher ist noch kein Tier gestorben, dem ich einen Namen gegeben habe.“ Amy strich Fritzi über das Köpfchen. „So und jetzt sieh zu, dass ich nicht als Lügnerin dastehe.“ Sie nahm Niko die Infusion ab. „Geh etwas essen und ruh dich aus, du hast schließlich Schwerstarbeit geleistet.“

„Danke“, sagte er und meinte beide Frauen. „Können wir den Korb erst einmal mitnehmen, damit wir sie in die Station bekommen? Wir können ihn dann wieder bringen.“ Niko nahm das Sandwich entgegen, das Alice geschmiert hatte und biss herzhaft zu. Sie nickte nur. „Sicher, ich kann ihn auch wieder mitnehmen, wenn ich mal wieder bei euch drüben bin. Deswegen müsst ihr nicht extra fahren. Oder gebt ihn bei Walter ab, ich bin dort auch öfter.“

„Danke, Alice. Dann bring ich ihn später zu Walter.“ Amy nickte der Farmerin zu und aß selber einen Happen. Jetzt merkte sie, dass das Mittagessen doch schon eine ganze Weile her war. „Ich würde zu gern wissen, was mit der Mutter ist. Normalerweise lassen sie ihre Jungen nicht alleine in einer Falle zurück. Ich hoffe mal, ihr ist nicht auch etwas passiert.“

„Wir haben die Gegend abgesucht, auch mit dem Hund. Er hat nichts gefunden, nur die Kleine“, entgegnete Alice und sah wieder in den Korb. „Hoffentlich kommt sie wieder auf die Beine. Mein Mann war anschließend noch auf dem Gelände unterwegs und hat noch zwei Fallen gefunden und einkassiert. Zum Glück waren sie leer.“

„Bitte sag Paul von mir danke.“ Amy wusste nur zu gut, dass es nicht selbstverständlich war, dass die Farmer sich um Wildtiere kümmerten. Besonders nicht um solche, die ihrem Vieh gefährlich werden konnten. Karakale waren zwar zu klein, um Rinder und Schafe zu töten, aber Hühner und anderes Geflügel wurden von den Katzen nicht verschmäht, wenn sie ihrer habhaft wurden.

„Meinst du, wir können sie nach Hause bringen, oder sollen wir noch etwas warten?“, fragte sie Niko. Der blickte immer noch in den Korb und versuchte zu widerstehen, das kleine Tier sanft zu streicheln. Nicht dass es sich erschreckte oder sich gar bedroht fühlte. „Wir müssen vorsichtig fahren und ich werde versuchen den Korb zu balancieren, damit so wenig wie möglich Erschütterungen übertragen werden. Je schneller sie zur Ruhe kommen kann, umso besser.“

Amy nickte. „Dann lass uns fahren. Unsere Krankenstation ist gut ausgerüstet, da können wir sie besser versorgen.“ Sie verabschiedeten sich von Alice, die darum bat, dass man ihr Bescheid gab, wenn es Fritzi besser ging und legte noch ein Tuch über das Kätzchen, damit es nicht frieren musste. Sie winkte dem Wagen hinterher, bis der nicht mehr zu sehen war.

Niko schwieg, doch er hielt die ganze Zeit den Korb in den Händen, balancierte ihn, auch wenn die Arme schwer wurden. Doch er wagte nicht den Korb auf den Knien abzustellen, denn dann übertrugen seine Beine die Erschütterungen des unwegsamen Pfads auf den Korb und das kleine Tier. Er weigerte sich zwar noch, es beim Namen zu nennen, doch nach und nach erwischte er sich dabei, wie er von dem kleinen Karakal nicht mehr als Tier dachte, sondern als Fritzi. Er hatte angefangen sich mit ihr zu identifizieren – unprofessionell aber leider nicht mehr zu ändern. „Herzensbrecher, du“, murmelte er leise.

Er hörte Amy neben sich kichern. „Du bist ja jetzt schon vollkommen verliebt in die Kleine. Was das nur geben wird, wenn sie das erste Mal die Augen aufmacht und dich mit großen, blauen Kulleraugen ansieht“, lachte sie, verkniff es sich aber in den Korb zu sehen, denn die Strecke bedurfte gerade ihrer ganzen Aufmerksamkeit, denn es gab da einige fiese und tiefe Löcher, die sie aber recht gut umfahren konnte.

„Gar nicht wahr, ich bin ein Profi, so was passiert mir nicht“, erklärte Niko, musste dabei aber selber grinsen. Amy hatte schon Recht. Er ahnte, auf was das hinaus lief und er konnte nur hoffen, dass Fritzi durchkam, sonst würde er wohl selbst auch ziemlich darunter leiden – egal wie unprofessionell das war. „Aber ich werde sie heute Nacht trotzdem bei mir behalten, um besser und schneller reagieren zu können.“

„Aber natürlich, Herr Tierarzt, weswegen solltest du sie denn sonst auch mit auf dein Zimmer nehmen.“ Amy lachte noch immer, aber sie hätte es genauso gemacht. Kleine Kätzchen waren eben kleine Herzensbrecher. „Ich werde euch dann mit Futter, Essen und allem anderen versorgen, was ihr so benötigt.“

„Musst du nicht, das schaffe ich schon. Und wenn was mit den anderen Patienten ist, kannst du mich auch rufen. Ich bin hier um euch zu helfen. Im Moment schläft sie.“ Ab und an blickte Niko sich um, er versuchte sich an die Gegend zu erinnern, falls er sich hier irgendwann einmal allein bewegen musste. Und so dauerte es schlussendlich nicht mehr lange, bis sie wieder vor dem Haupthaus der Station unter dem Baum parkten.

„Niko, jetzt mach dir nicht so viel Stress. Du musst nicht alles alleine machen. Wir sind hier wie eine Familie. “ Amy nahm Niko den Korb ab, damit er aussteigen konnte. „Kümmere du dich um Fritzi. Sie ist diejenige, der es am schlechtesten geht. Alle anderen sind soweit stabil. Das schaffen Aaron und ich schon.“

Niko wollte widersprechen, doch dann nickte er nur stumm. Sie waren bisher gut ohne ihn ausgekommen. Die Männer und Frauen hier wussten, was sie taten. Er konnte ihnen vertrauen.

„Und?“ Aaron, der gerade aus dem Büro kam, änderte seine Richtung und kam auf sie zu, als er Niko mit dem Korb sah.

„Die Pfote war ziemlich kaputt, ich habe sie geflickt so gut es ging. Aber sie ist schwach.“

„Sie ist doch höchstens ein paar Wochen alt. Bring sie doch erst einmal auf die Krankenstation, dort ist alles da, um eine Krankenakte anzulegen und sie zu wiegen. Dort haben wir auch eine Infrarotlampe, unter die wir sie legen können.“

Niko nickte und ging gleich weiter. „Wir haben auch noch eine kleine Infrarotlampe, nimm die mit rüber, wenn du Fritzi heute Nacht mit zu dir nimmst“, sagte Amy, als hätte sie Nikos Gedanken gelesen. Der grinste nur, sah sich aber nicht noch einmal um.