Du befindest Dich hier: Geschichten > Weihnachten 2014 > 01. Dezember

01. Dezember

House of Orbs [Ira]

Original/ Reale Welt [NC-16] [25 Teile] [abgeschlossen]

Mein Dank geht an fichs hauseigene Beta-Fee Maike. Danke für deine Arbeit.

Widmen tue ich die Geschichte meiner Oma. Wir vermissen dich und werden immer an dich denken.

 

 

1 - Krach und die neue Freundschaft die von oben kam oder "Wenn ich den Hersteller... oh... kann ich helfen?"

Sonntag, 29. März 2015 - Kennenlernen - Rudys Apartmenthaus

 

Mit sicherer Hand wurde die überschüssige Farbe am Glas abgestreift, bevor der grüne Tannenwald langsam Gestalt annahm. Es war nicht typisch weihnachtlich, die Glaskugel konnte auch gut das ganze Jahr hängen. Vor Fenstern oder von Decken, das blieb den Kunden überlassen. Es musste ja nicht immer der Weihnachtsbaum sein, an dem so etwas hing. Und bisher war Rudy nicht verhungert. Die Glaskugeln, mit allen möglichen Motiven, kamen gut in San Francisco an. Es gab zwar viel in dieser Stadt, doch einen Laden mit Glaskugeln hatte es bis vor 6 Jahren nicht gegeben. Nur diese hässlichen Giants Glaskugeln. Rudy hatte Baseball noch nie etwas abgewinnen können. Und würde es wohl auch nicht. Allerdings sollte er das wohl besser nicht zu laut sagen. Wer wusste schon, ob die Amerikaner nicht doch noch zur Lynchjustiz griffen. Rudy wollte das nicht herausfinden. Wirklich nicht, denn er hing an seiner Unversehrtheit. Schließlich wollte er noch viel von der Welt sehen und mit 33 Jahren war er definitiv noch nicht zu alt dafür.

 

Erneut tunkte er den Pinsel in die grüne Farbe. Gerade wollte der Braunhaarige die letzten Bäume malen, da ertönte ein lautes Poltern und Rudy verzog den Pinsel. Damit war die Glaskugel unrettbar verloren. Sicher, er konnte die Farbe entfernen, doch die Spuren würden sich ins Glas gefressen haben. Nur noch gut für den Müll. Mit einem Klirren landeten die Kugel im Mülleimer neben dem Arbeitstisch und der Pinsel im Wasserglas. Da musste ein anderes Motiv her, denn was er einmal verhaute wurde beim zweiten Mal auch nichts. War ja schließlich nicht das erste Mal und würde auch nicht das letzte Mal gewesen sein. So war das eben, wenn man etwas herstellte.

 

Erst jetzt verarbeitete sein Kopf, woher das Poltern gekommen war. Das Apartment über ihm. Mrs. Kelso! Hoffentlich war der alten Dame nichts passiert. Soweit er wusste, hatte sie keine Verwandtschaft. Zumindest erwähnte sie nie jemanden und er hatte auch noch nie eine Menschenseele bei ihr ein- oder ausgehen sehen, welche ein Kind oder gar Enkelkind sein könnte. Allerdings überwachte er seine Nachbarn auch nicht, denn die Glaskugeln brachten sich nicht von alleine unter die Menschen.

 

Rudy ließ alles stehen und liegen und sprang auf. Schnell war er im Flur und in seine Schuhe geschlüpft. Noch den Schlüssel gegriffen und er war schon die Treppe hinauf, da war die Tür hinter ihm noch nicht einmal ins Schloss gefallen. Energisch klopfte er gegen die Tür. "Mrs. Kelso? Hier ist Rudy. Ist alles in Ordnung?", wollte er mit lauter Stimme wissen. Der Altersdurchschnitt in dem Haus betrug 74 Jahre. Allerdings auch nur, weil Rudy selbst erst 33 Jahre alt war, sonst wäre er weitaus höher. Doch Rudy machte das nichts aus, denn so war es nicht so laut in dem Apartmenthaus. Allerdings musste man deswegen bei einigen Nachbarn wirklich laut reden, weil sie ihn sonst nicht verstanden.

 

Erschrocken sprang Rudy zurück, als die Tür fast aus den Angeln gerissen wurde. Der Schrank, der sich da durch die Tür schob, war ganz sicher nicht Mrs. Kelso. Außerdem würde er sich daran erinnern, wenn er den Mann schon einmal im Haus gesehen hätte. Ein Einbrecher? Aber wieso am helllichten Tag und dann so laut? Das konnte es also nicht sein. Bekam Mrs. Kelso neue Möbel? Dann hätte die alte Dame die Nachbarschaft aber informiert. Egal ob mündlich oder über das schwarze Brett beim Eingang. So wurde das hier gehandhabt.

 

Der Mann verschwand die Treppe hinunter und ein Fluchen aus dem Apartment riss Rudy ins hier und jetzt. Das hörte sich aber nicht nach der Weißhaarigen an. Da war noch ein Fremder in dem Apartment. Möbelpacker vielleicht. "Mrs. Kelso?", rief er erneut und schon wieder Poltern. Er konnte auch nicht so einfach das Apartment betreten, wenn er keine Einladung bekam. "Dieser dumme Schrank“, murrte eine männliche Stimme und sie kam näher. "Wenn ich den Hersteller... oh... kann ich helfen?"

 

Im ersten Moment schüttelte Rudy seinen Kopf. Den Mann hatte er auch noch nie gesehen. "Mrs. Kelso?", wollte er unsicher wissen. Was sollte er davon halten? Was wurde hier gespielt? "Oh, Granny wohnt nicht mehr hier. Sie wollte von sich aus ins Altersheim. Sie hat da wohl jemand kennen gelernt. Ich bin Kris. Tut mir leid, wenn ich Sie mit meinem Einzug gestört habe."

"Oh...", brachte Rudy ziemlich eloquent heraus. Damit hatte er nicht gerechnet. Mrs. Kelso hatte nicht den Eindruck auf ihn gemacht, allein nicht zu Recht zu kommen. Eigentlich hatten sie den Geburtstag der alten Dame nächsten Monat gemeinsam feiern wollen. Da musste er sie wohl im Altersheim besuchen.

 

"Ich bin Rudy. Ich wohne einen Stock tiefer. Ich hab den Lärm gehört und mir Sorgen um Mrs. Kelso gemacht. Es hätte ja was passiert sein können", erklärte der Braunhaarige und rieb sich verlegen den Nacken. Gerade im Moment kam er sich reichlich dumm vor. Was hätte er schon ausrichten können, wenn es wirklich Einbrecher gewesen wären? Das hätte reichlich ins Auge gehen können. Von den Nachbarn hätte ihm dann auch keiner helfen können. Seine Aktion war wirklich selten dämlich gewesen!

"Ich werde dann mal wieder gehen…"

"Können Sie einen Schrank aufbauen?", sprachen beide zeitgleich. Einen Moment sahen sich die Männer an, bevor sie zugleich zu lachen begannen.

 

"Ja, ich kann einen Schrank aufbauen. Woran hapert es denn?", wollte Rudy wissen. Es war nicht so, als könne er die Glaskugel nicht auch später bemalen. Er hatte noch genug im Laden, nur neue Motive waren immer gefragt. Außerdem würde das Gepolter weiter gehen und da konnte er nicht ruhig arbeiten. Also konnte der 33-Jährige auch genauso gut helfen, dann ging der Einzug schneller und er hatte wieder seine Ruhe. Denn er hatte keinen Ausweich-Ort, an dem er die Kugeln bemalen konnte. Im Laden gab es keinen abgetrennten Raum, der genügend Platz bot und wenn das Licht brannte, meinten die Menschen immer gleich er hatte offen. So war es die ersten zwei Wochen gewesen, als er den Laden neu eröffnet hatte. Seitdem fertigte er die Kugeln zuhause an.

 

"Vermutlich an mir. Der Plan für den Schrank kommt mir ziemlich spanisch vor und mit Sicherheit sind zwei Arme auch zu wenig, um alle Teile zu halten. Der Mann von der Umzugsfirma bringt noch zwei Kisten hoch und dann geht er auch wieder. Etwas Hilfe wäre also sehr willkommen." Es war Kris anzusehen, dass es ihm unangenehm war, zu fragen. Welcher Mann gab schon gerne zu, dass er Hilfe bei handwerklichen Dingen brauchte? Aber Freunde hatte er in dieser Stadt noch nicht, denn er zog ja gerade erst hierher. Bisher hatte er in Los Angeles gewohnt und über 6 Stunden Autofahrt waren doch etwas viel, nur um bei einem Umzug zu helfen. Kris war also heilfroh, dass ihm sein Gepolter Hilfe gebracht hatte.

 

"Also gut, dann wollen wir den störrischen Schrank doch mal aufstellen", murmelte Rudy und krempelte sich seine Ärmel hoch. Jetzt musste Kris nur noch aus der Tür gehen und der Braunhaarige konnte sich an die widerspenstige Zähmung machen. Zu zweit gingen große Schränke wirklich besser. Bei seinem Schlafzimmerschrank hatte ihm damals Nick geholfen und Rudy war wirklich froh um die Hilfe gewesen. Auch wenn er nicht hatte fragen müssen, denn der Ältere hatte es von sich aus angeboten. Den Schrank im Wohnzimmer hatte er selbst geschafft, aber der war auch kleiner.

Sein Gegenüber schien jedoch nicht wirklich mit einer Zusage gerechnet zu haben, denn es dauerte einen Moment, bis sich Verstehen auf dessen Gesicht ausbreitete und Kris voran huschte.

 

Rudy ließ sich etwas länger Zeit, denn er zog brav seine Schuhe aus. Zumindest hatte er das so gelernt und außerdem war er hier nicht zuhause. Von seinem Besuch verlangte er das ja schließlich auch immer, außerdem hatte Mrs. Kelso auch immer darauf bestanden. Nur weil jetzt ihr Enkel hier wohnte, würde sich das wohl nicht geändert haben. Er hatte damit gerechnet, dass Kris den Schrank im Wohnzimmer meinte, doch dort fand er ihn nicht. Aber sicherlich war dieses Zimmer auch nicht das Wichtigste, denn darin schlief man schließlich nicht. Außerdem ging in dieser Richtung der Innenhof hinaus, auf dem die Nachbarskinder Basketball spielten und es damit den ganzen Tag laut wurde. Besonders am Wochenende oder wenn Schulferien waren. Das kannte Rudy schon, denn die Apartments waren gleich geschnitten. Also konnte es ja nur das Schlafzimmer sein, in dem der Schrank stand.

 

Oder zumindest der Raum, der mal das Schlafzimmer werden sollte. Denn bis auf die Kartons für das Bett stand nicht viel darin. Nur der Inhalt weiterer Kartons lag verstreut auf dem Boden. Schwedische Möbelkette. Da hatte sich Rudy auch eingerichtet. "Besteht ein System in dem Durcheinander oder muss das noch sortiert werden?" Der ertappte Gesichtsausdruck seines neuen Nachbarn sagte schon alles. Wenigstens hatten sie Platz und der Schrank war nicht das Letzte, was stehen musste, so dass sie sich das Puzzeln sparen konnten. Sonst wäre es wirklich eng geworden. Also ging es erst einmal ans Sortieren.

 

"Alles hört auf mein Kommando", murmelte Kris, während er sich die Anleitung griff. Das gealberte Salutieren des Andere ließ ihn laut lachen. Das könnte ganz lustig werden, denn der Andere schien Humor zu haben. Rudy hatte seine Zeit schon schlechter rumgebracht.

 

 

Zwei Stunden später stand das Ungetüm von einem Schrank. Da drin hätten Rudys Klamotten dreimal Platz, davon war er fest überzeugt. Aber er sprach es besser nicht an, denn er konnte Kris beim besten Willen nicht einschätzen und wusste damit auch nicht, ob der Andere wütend werden könnte. Man musste sich ja nicht gerade den neuen Nachbarn zum Feind machen. Wer wusste schon, wozu man mal dessen Hilfe brauchte.

Etwas erledigt wischte sich der 33-Jährige den Schweiß von der Stirn. "Den Rest schaffst du allein, Kris?" Sie hatten sich auf das Du geeinigt, irgendwann nach der fünften fallen gelassenen Schraube und dem zweiten Mal, dass sich Kris mit dem Hammer auf den Daumen geschlagen hatte. Er schien aber noch zu funktionieren. Zumindest war er noch nicht abgefallen und auch kein Krankenwagen hatte mit Blaulicht und Sirene vor dem Apartmenthaus halten müssen. Das war doch schon mal etwas.

 

"Ja, danke Rudy. Du warst eine wahre Hilfe. Das Bett schaff ich schon allein. Das hat ein breites Kopf- und Fußteil, die ich an die Wand lehnen kann. Und für heute wird es eh nichts mehr werden, da wird es die Luftmatratze noch mal tun müssen. Ich bin fix und alle. Und ich weiß wieder, wieso ich Umzüge nicht mag." Der Blonde fuhr sich durch seine Haare und besah sich den Schrank noch einmal. Alleine hätte er das nicht geschafft. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. "Den Rest kann ich die Woche noch machen, die Couch kommt eh erst Donnerstag. Die hatten sie nicht auf Lager. Lass mich zum Dank übernächstes Wochenende für dich kochen. Bis dahin hab ich alles soweit fertig. Es macht auch wirklich keine Umstände", versicherte Kris schnell. Irgendwie musste er sich schließlich erkenntlich zeigen, wenn Rudy schon seine Zeit für ihn geopfert hatte. War schließlich nicht selbstverständlich, dass man einem eigentlich Fremden half. Auch wenn der Braunhaarige seine Granny kannte. Allerdings hatte diese ihren Nachbarn auch nie erwähnt. Er konnte den Braunhaarigen ja mal beim nächsten Besuch erwähnen. Vielleicht erzählte Granny das Eine oder andere über seinen neuen Nachbarn.

 

"Klar, warum nicht. Ich bin am Wochenende meistens zuhause. Am Samstag aber erst ab 13 Uhr. Davor muss ich arbeiten", erwiderte Rudy und streckte sich, verzog das Gesicht, als die Wirbel knackten. Glücklicherweise waren sie fertig mit dem Aufbauen.

 

Montags ein halber Tag und samstags. Das hatte sich einfach so eingebürgert und die Kunden hatten auch Verständnis dafür. Den Rest der Woche war er von 8 bis 18 Uhr im Laden und immerhin fiel so kein ganzer Tag aus und auch Touristen konnten vor ihrer Weiterreise noch ein Souvenir kaufen. Rudy hatte sich daran gewöhnt, schließlich machte er das schon eine Weile. Nur im Dezember war ganz geschlossen, das ließ er sich nicht nehmen, denn da hatte er andere Dinge zu tun. Aber es waren ja noch ein paar Monate hin, bis wieder Weihnachten war.

 

Das erklärte er auch Kris, als der ihn wegen dem Arbeiten komisch ansah. "Ein ganzer Ruhetag ist auch schlecht, weil es immer Menschen gibt, die nur genau an dem Tag dann vorbei kommen können. Man gewöhnt sich wirklich daran und da ich nie in Urlaub fahre, sondern gelegentlich ein langes Wochenende mache, reicht mir das auch. Ich liebe meine Arbeit. Lediglich Dezember ist eine Ausnahme. Aber das wirst du wohl selbst noch mitbekommen, wenn es soweit ist."

"Das hört man selten", murmelte Kris. "Gut, dann zum Abendessen. Das ist kein Problem. Etwas, was du nicht magst?"

Rudy lachte ob der Frage. "Bin ein Allesesser. Mach einfach das, was du gerne hast. Wenn du nur halb so gut wie Mrs. Kelso kochen kannst, wird es mir schmecken." Die alte Dame hatte ihn aus Dank ein paar Mal bekocht, wenn er ihr bei besonders schweren Dingen geholfen hatte.

 

Kris streckte seine Hand aus und schüttelte die des Braunhaarigen. "Gut... dann komm einfach um 19 Uhr hoch, dann ist das Essen fertig. Ich wünsch dir noch einen schönen Abend." Der Braunhaarige erwiderte den Gruß und war wenig später aus dem Apartment verschwunden. Das war ein interessanter Tag gewesen, auch wenn Rudy das Pensum an Glaskugeln, das er sich vorgenommen hatte, nicht erreicht hatte. Mit seiner Hilfe hatte der 33-Jährige wenigstens sichergestellt, dass schnell wieder Ruhe in das Apartmenthaus einkehren würde. Die alten Herrschaften hier tendierten ganz und gar nicht dazu, laute Musik zu hören oder wilde Partys zu schmeißen. Deswegen zog er das Alter ganz klar den Jungspunden vor. Blieb abzuwarten, wie das mit Kris in der Nachbarschaft nun werden würde. Der Andere machte aber durchaus den Eindruck, als könne man Vernünftig mit ihm reden, wenn es mal soweit sein sollte.

 

Erst einmal jedoch wollte Rudy den Abend ausklingen lassen. Es war doch körperlich anstrengend, den Schrank aufzubauen. Auch wenn sie zu zweit gewesen waren, so war es ein Monstrum von Schrank gewesen. Der Braunhaarige konnte darüber nur den Kopf schütteln. Warum brauchte ein Mann so einen großen Schrank? Bei Frauen verstand er das ja noch. Die hatten immer mehr Klamotten als sie brauchen konnten und fanden trotzdem jedes Mal nichts, was sie anziehen konnten.

 

Rudy betrat seine Wohnung und entschied spontan, ein Bad zu nehmen. Mit etwas Rosmarinöl im Wasser, würde er auch keinen Muskelkater bekommen. Das hatte bisher immer geholfen, war ja schließlich nicht sein erstes Mal Möbel aufbauen. Wenig später lag Rudy im warmen Wasser und ließ so den Sonntag ausklingen.



Wiedersehen auf Covendale [chaotizitaet]


01


Tot. Während die Welt sich draußen weiter drehte, schien die Zeit für die Personen in dem sterilen Krankenzimmer stillzustehen. Tom Stevens, Leadsänger der Rockband 2-4, war tot. Ein halbes Jahr hatte er gekämpft, hatte seinen Kollegen und seinen Freunden Hoffnung geschenkt, doch das war nun vorbei. Am Ende waren es nicht die Folgen des Autounfalls gewesen, die ihn dahingerafft hatten, sondern eine Lungenentzündung.

„Josh?“

Der so Angesprochene reagierte nicht, sondern starrte weiter unentwegt auf den Mann, der bis vor wenigen Minuten noch geatmet hatte, jenen Mann, den er die vergangenen fünf Jahre wie keinen anderen geliebt hatte.

„Josh.“ Der etwas hartnäckigere Tonfall wurde von einer sachten Berührung am Arm begleitet und schaffte es ihn aus seiner Starre zu reißen.

Zusammenzuckend blickte der junge Mann zur Seite und sah Pete Halen, den Manager der Band, neben sich stehen. „Pete“, murmelte er, wandte sich dann aber gleich wieder dem von nun nicht mehr arbeitenden Maschinen und leblos herunterhängenden Schläuchen umgebenen Stillleben zu.

„Josh, ich weiß es ist schwer, aber wir müssen reden“, beharrte der Manager und als er keine Reaktion erhielt, ergriff er einfach den jungen Mann beim Arm und führte ihn hinaus auf den Gang. Doch erst als die Tür zu dem Zimmer hinter einer Ecke verschwand, schien Josh wieder ein wenig zu sich zu kommen. Fragend sah er den Manager an, verstand er doch nicht wirklich, wieso dieser ihn von den anderen – und von Tom – weggeführt hatte.

„Hör zu, es fällt mir nicht leicht das zu sagen, aber… Es geht um die Zukunft der Band“, begann Pete. „Tom… er war ein begnadeter Sänger. Und auch wenn niemand ihn je wirklich wird ersetzen können, müssen wir es versuchen, wenn die Band überleben soll.“

Josh nickte langsam. Seit dem Unfall hatten sie alle sich mehr oder weniger mit dem Gedanken beschäftigt, wie es mit der Band weitergehen sollte, falls Tom nicht mehr aufwachte. Doch er verstand nicht so ganz, wieso Pete mit ihm darüber sprach, und vor allem jetzt. Wäre nicht morgen der angemessenere Zeitpunkt? Und wären nicht Cris, Liam und Bill die besseren Ansprechpartner dafür? Schließlich wären sie es, die mit dem neuen Sänger harmonieren mussten.

„Deshalb wäre es besser, wenn die Band einen Neustart ohne zusätzliche Altlasten haben könnte“, fuhr der Manager fort, ohne auf Joshs verwirrten Blick einzugehen. „Und ehrlich gesagt: Du bist so eine Altlast, Josh. Solange du da bist, werden sich die anderen immer an Tom erinnern und unweigerlich jeden neuen Sänger an ihm messen, selbst wenn der andere auf seine Art genauso gut ist, oder genauso viel Potenzial hat. Um es kurz zu machen: Es ist besser, die Band und du gehen getrennte Wege.“

Fassungslosigkeit stand Josh ins Gesicht geschrieben. Kündigte ihm der Manager tatsächlich in diesem Moment? Minuten, nachdem Josh seinen Lebensgefährten hatte seinen letzten Atemzug machen sehen? „Das ist jetzt nicht dein Ernst“, brach es aus ihm heraus.

„Hör zu, Josh, ich mag dich. Wirklich“, beteuerte Pete. „Aber es ist meine Aufgabe, die Band als Ganzes im Auge zu behalten. Allein schon rein vom Wirtschaftlichen betrachtet, können wir uns derzeit keinen Logistikmanager leisten. Und wir werden auch wenigstens für das nächste Jahr keinen brauchen. So lange, schätze ich, wird es dauern, einen neuen Sänger zu finden und mit ihm ein erstes Studioalbum aufzunehmen. Erst danach werden wir uns wieder Gedanken über eine Tournee machen können. Aber wir können es uns nicht leisten, solange einen Logistikmanager zu beschäftigen.“

Rein rational betrachtet leuchtete das auch Josh ein, und er wusste, dass er vermutlich nur deshalb, weil er Toms Lebensgefährte war, nicht sofort nach dem Unfall seinen Job verloren hatte. Rational betrachtet verstand er auch Petes Argument mit den Altlasten, oder Erinnerungen, wie er es ausdrücken würde. Emotional aber sah die Sache ganz anders aus. Ultimativ aber gab es kaum eine Möglichkeit für ihn, Petes Entscheidung umzuwerfen, hatte der Bandmanager bezüglich der Personalfragen, die nicht unmittelbar die Band betrafen, doch das letzte Wort. Vielleicht könnte er mit einem Votum der Band die Kündigung noch abwenden, aber Josh wusste, dass er es nicht über sich bringen würde, die anderen damit zu belasten. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nie. Er nickte langsam und wandte sich wieder dem Krankenzimmer zu, nur um erneut von Pete am Arm zurückgehalten zu werden.

„Es wäre besser, wenn es ein glatter Schnitt für die Band ist“, sagte dieser.

Ein glatter Schnitt? Josh konnte es nicht glauben. Erwartete Pete wirklich von ihm, dass er sich davon schlich, sich nicht von seinen Freunden – und die übrigen Bandmitglieder waren seine Freunde – verabschiedete? Von Tom ganz zu schweigen?

„Komm, ich begleite dich nach Hause.“ Pete ließ auch hier keine weiteren Widerworte seitens Josh zu, sondern bugsierte diesen gen Ausgang.

Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte sich Josh vermutlich spätestens jetzt gewehrt, doch in diesem Moment war er wie betäubt. Und auch wenn er später mit sich deswegen hadern würde, blieb ihm zumindest der schwache Trost, an Toms Totenbett keine Szene gemacht zu haben. Er schaffte es sogar an der Tür zur Wohnung, die er sich mit Tom geteilt hatte, Pete dafür zu danken, dass dieser ihn nach Hause gefahren hatte.

Der Manager hüstelte verlegen. „Ähm… Josh… sei mir nicht böse, aber… offiziell gehört die Wohnung der Band und, nun ja, bis Toms Nachlass geklärt ist wäre es besser, wenn du dich nicht allein darin aufhältst. Ich weiß, dass du ein ehrlicher Mensch bist, aber ich möchte nicht, dass dir später Dritte vorwerfen, du hättest die Zeit direkt nach Toms Tod genutzt, um heimlich etwas von seinen Sachen beiseite zu schaffen.“

Die Starre setzte wieder bei Josh ein. Lähmender Unglaube. Dachte Pete tatsächlich, dass irgendwelche Leute ihm das irgendwann vorwerfen würden? Noch dazu, wo die wenigsten außerhalb des unmittelbaren Umfelds der Band wussten, was ihn und Tom verband? Schließlich hatten sie sich immer sehr diskret verhalten. Und wer kannte schon den Logistikmanager einer Band? Außerdem, wo sollte er hin, wenn Pete ihn nicht allein in die Wohnung ließ? Er konnte sich nicht vorstellen, dass der Manager die nächsten Tage würde hierbleiben wollen, nur damit Josh in der Wohnung sein konnte. Und Josh würde dies auch nicht wollen. Nicht wegen der Umstände, die es Pete bereiten würde, sondern mehr, weil er sich zunehmend nicht sicher war, wie viel von der Gegenwart des Managers er nach diesem Tag noch würde ertragen können. Denn langsam wich der Unglaube einer schleichenden, aber unaufhaltsamen Wut. „Schlägst du vor, dass ich bis zur Testamentseröffnung in einem Hotel bleiben soll?“, fragte er daher rundheraus.

„Wenn du das möchtest.“

Die Art, wie Pete dies sagte, sorgte bei Josh dafür, dass dieser gedanklich im Namen Petes schon mal ein Dankschreiben an Gott dafür aufsetzte, dass Josh kein zur Gewalt neigender Mensch war. Andernfalls hätte der Manager vermutlich Bekanntschaft mit Joshs Faust gemacht. „Ich möchte nicht, aber du lässt mir ja kaum eine andere Wahl“, entgegnete er entsprechend kühl und verletzt.

Der Manager hatte immerhin den Anstand ein wenig verlegen dreinzublicken. „Es ist schließlich auch zu deinem Schutz“, setzte er halbherzig an, aber sie beide wussten, wie wenig letztlich dieses Argument zog.

„Und was erwartest du jetzt von mir? Dass ich mit einem Post-it-Block durch die Wohnung gehe und die Dinge, die mir gehören, entsprechend markiere? Und das ganze am besten noch mit dem Kaufbeleg beweise?“ Josh hatte das sarkastisch gemeint, zog er doch diese unterschwellige Zurschaustellung der Wut offenem Gezeter vor, doch ein Blick auf die Miene des Managers zeigte ihm, dass dieser tatsächlich so etwas in der Art von Josh erwartete.

Josh zwang sich, tief durchzuatmen ehe er weiter sprach. „Ich werde jetzt hineingehen, einen Koffer mit meinen Sachen packen – du kannst mir von mir aus sogar dabei zusehen, um sicherzustellen, dass ich nichts stehle…“ An dieser Stelle setzte Pete noch zu einem lauwarmen Protest an, dass er ja Josh vertraue, aber dieser ließ ihn nicht wirklich zu Wort kommen. „Und dann will ich dich bis zu Toms Beerdigung nicht mehr sehen.“

Pete räusperte sich. „Was Toms Beerdigung betrifft… Du weißt, dass die Presse da sein wird.“

Josh nickte leicht, hatte allerdings keine Idee, wieso Pete das jetzt ansprach.

„Nun ja, und du bist nicht gerade das, was die Welt in Sachen ‚trauernde Witwe‘ erwartet… Es wird so schon eine Menge Spekulationen hinsichtlich der Zukunft der Band geben, und da wäre das Letzte, was die Band gebrauchen kann, irgendwelche negativen Schlagzeilen. Wir mögen in einem freien Land leben und die Musikbranche mag vielleicht liberaler sein als andere, aber es wird immer Leute geben, die es auf wenig schmeichelhafte Weise werden ausschlachten wollen, dass Tom schwul war. Von daher wäre es vielleicht besser, wenn du nicht bei der Beerdigung zugegen wärst.“

„Das… das…“ Das schlug dem Fass den Boden aus! Josh war regelrecht sprachlos. Er hatte gedacht, nichts was Pete noch zu ihm an diesem Tag sagen könnte, ihn noch stärker verletzen könnte, als das, was bislang gesagt worden war, doch das hier… Pete hatte ihn schon aus dem Krankenhaus weggeführt, nun wollte er ihm auch noch verwehren, sich ordentlich von Tom an dessen Grab zu verabschieden?

„Josh, ich weiß, es ist schwer für dich, aber denke bitte an die Band. Tom würde nicht wollen, dass es wegen ihm zu einem Skandal kommt. Noch dazu an seiner Beerdigung….“ Oh ja, Pete schreckte nicht einmal vor diesem Schachzug zurück.

Josh aber hatte genug gehört. Er schloss die Wohnungstür auf, trat hinein und schlug die Tür gleich darauf Pete vor der Nase zu. Sollte dieser doch denken, was er wollte, sollte er doch hinterher Joshs Taschen durchwühlen, aber wenn Josh in diesem Moment auch nur noch einen Augenblick länger in der Gegenwart des Managers geblieben wäre, hätte er für nichts mehr garantieren können.

Alles in ihm schrie danach, sich mit dem Rücken gegen die Tür zu lehnen, hinunter zu sinken und zusammen zu brechen. Doch dafür wollte er allein sein. Wirklich allein. Und das war er nicht – nicht, solange Pete noch draußen vor der Tür stand. Tatsächlich begann dieser schon an der Tür zu klopfen. „Josh! Josh, mach auf!“

Doch dieser ignorierte ihn. Stattdessen riss er sich zusammen und begann seine Reisekoffer zu packen. Kleidung, sein Laptop, seine Lieblingsbücher und ein paar Fotos. In einem Anfall von Trotz ging er sogar so weit, die Bilder aus den Rahmen zu nehmen, damit Pete auch hier nichts gegen ihn in der Hand hätte. Nur beim Wohnungsschlüssel zögerte er. Er wusste, dass Liam auch einen Schlüssel zu der Wohnung hatte, so dass es dem Testamentsvollstrecker möglich wäre, die Wohnung zu betreten, falls dieser es für nötig hielt und aus irgendwelchen Gründen Josh nicht dabei haben wollte. Und so beschloss er, diesen als Andenken mitzunehmen. Zur Not konnten die Schlösser ja immer noch ausgetauscht und sein Schlüssel somit wertlos gemacht werden. In einem Anfall von Nostalgie zückte Josh dann auch noch sein Handy und begann von allen Räumen, in der Mitte stehend, Fotos in alle vier Richtungen zu machen. Somit würde er zumindest auch eine visuelle Erinnerung an den Ort haben, an dem Tom und er so viele glückliche Stunden verbracht hatten.

Schließlich verließ er die Wohnung, würdigte Pete keines weiteren Blickes und rief sich ein Taxi, um sich zu einem Best Western Hotel fahren zu lassen.

 

Die nächsten vierundzwanzig Stunden existierte die Welt für Josh nicht, vom Zimmerservice abgesehen. Sogar das Zimmermädchen schreckte er mit dem strategisch platzierten ‚Bitte nicht stören‘-Schild ab. Dann versiegten langsam die Tränen. Er war heiser und hatte schlimmere Kopfschmerzen als nach dem Abschlusskonzert der Australientournee. Und das wollte was heißen. Selbst die zwei Kopfschmerztabletten, die er sich über die Rezeption besorgte, schafften es nicht, den Schmerz zu mehr als einem dumpfen Pochen zu reduzieren. Aber es reichte aus, um ihm zu erlauben, wieder halbwegs klar zu denken und so etwas wie Pläne zu schmieden.

Das was ihm stärksten auffiel, war die Stille, die ihn umgab. Ein Stille, die umso schwerer wog, als er, seit er das Krankenhaus verlassen hatte, auch keine Nachricht auf seinem Handy erhalten hatte. Keine Kurzmitteilung, keine Nachricht auf der Mailbox, keine Frage seitens der Band, wo er denn steckte. Nach Petes Verrat – denn als solchen betrachtete er das Vorgehen des Managers inzwischen – machte ihm das mit am meisten zu schaffen, hatte er Liam, Bill und Cris doch bislang immer für seine Freunde gehalten. Und eigentlich tat er es nach wie vor. Weshalb er für den Moment gewillt war, ihre Stille der eigenen Trauer zuzuschreiben, auch wenn er sich insgeheim fragte, was Pete ihnen vielleicht erzählte. Doch er musste einfach darauf vertrauen, dass die anderen Bandmitglieder ihn besser kannten und nicht auf mögliche Lügen des Managers hereinfielen. Es sei denn Petes Vorgehen war mit den übrigen Bandmitgliedern abgestimmt gewesen. Und dieser winzige Zweifel war es, der Josh daran hinderte, seinerseits die Bandmitglieder zu kontaktieren.

Dennoch gab es ein paar Entscheidungen, die er jetzt zu fällen hatte. Zum einen, ob er sich an Petes Weisung bezüglich der Beerdigung halten wollte. Zum anderen, was er jetzt mit seinem Leben machen wollte. Realistisch betrachtet war er ohne Arbeit und ohne feste Bleibe. Zwar verfügte er über einige finanzielle Rücklagen, mit denen er sich zur Not bis zu einem Jahr über Wasser halten konnte, aber Hotelzimmer waren keine dauerhafte Lösung. Zumal sie ihn unweigerlich an all die Zimmer erinnern würden, die sich Tom und er heimlich auf den Tourneen geteilt hatten.

Josh spürte, wie erneut Tränen in ihm hochdrängten. Doch da er nicht wirklich daran interessiert war, den Kopfschmerzen neue Munition zu liefern, kämpfte er sie nieder. Und in diesem Moment wusste er, Pete hin oder her, dass er Abstand gewinnen musste. Er musste raus hier. Raus aus Sacramento. Auch wenn er damit den Anschein erwecken würde, dass er auf Petes Wünsche einging, womöglich gar den Eindruck hinterließ, dass er sich von dem Manager nach dessen Belieben herumkommandieren ließ. Aber er konnte nicht hier bleiben. Kurzentschlossen rief er bei der Rezeption an und ließ sich einen Flug nach Los Angeles reservieren. Von dort aus würde er schon einen Flug nach wohin auch immer bekommen. Schließlich war er nicht ohne Familie auf der Welt. Seine Eltern lebten derzeit in Malaysia und dann war da auch noch seine Tante in England. Und beide Länder waren in Anbetracht der momentanen Situation angenehm weit weg.

 

Der Flug nach L.A. war angenehm kurz, so dass Josh nicht allzu viel Zeit hatte, ins Grübeln zu geraten, doch lang genug, dass er sich in Bezug auf die Weiterreise entscheiden konnte. Und so sehr er seine Eltern mochte, wusste er doch, dass er bei ihnen nicht die Ruhe finden würde, die er brauchte. Was insofern ein wenig widersprüchlich war, als seine Eltern ein Wellness-Hotel mit besonderem Schwerpunkt auf Meditation und inneren Seelenfrieden führten. Aber seine Tante war während Joshs rebellischer Teenagerzeit für ihn so etwas der Fels in der Brandung gewesen, der sichere Hafen. Sie war auch dann für ihn da gewesen, als er mit der typischen Egozentrik eines Heranwachsenden geglaubt hatte, er wäre seinen Eltern egal, weil diese ihre Zukunft außerhalb Englands sahen.

In L.A. angekommen hatte er sogar das Glück, dass nur wenig später ein Flug nach London über Boston ging und noch ein Platz frei waren. Kurzentschlossen buchte er diesen. Seine Tante würde er aber erst von Boston aus über seine Ankunft informieren, belehrte ihn doch ein kurzer Blick auf die Uhr, dass es aktuell in England tiefste Nacht war und seine Tante ihm da einen Anruf wohl nur schwer nachsehen würde.

Doch als er in Boston ihre Nummer wählte, ging lediglich die Mailbox an.