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02. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

2 - Der Osterhase hoppelt dieses Jahr schon früh oder "Das ist ein Cadillac oder?"

Montag, 30. März 2015 - Ostergeschenke - House of Orbs

 

Die kleinen Messingglöckchen über der Tür bimmelten wie wild, als sie geöffnet wurde. Eventuell musste er sich etwas anderes anschaffen. Etwas dezenteres, er musste sich nur mal dazu aufraffen. Schließlich fiel es Rudy nicht zum ersten Mal auf. "Komme gleich", rief er nach vorne, während er den halbleeren Karton vorsichtig ins Regal schob. Die Glaskugeln mussten ja nicht kaputt gehen und bis eben hatte er noch die Regale aufgefüllt. Das Kunden aber auch immer dann kommen mussten, wenn er gerade im kleinen Lager war. War wohl Murphys Gesetz. Aber immer noch besser so, als das er gerade auf der kleinen Leiter stand und Kugeln an die Decke oder in die Fenster hängte. Er musste ja nicht unbedingt von der Leiter fallen. Und Ware verkaufte sich eben besser, wenn man sie in Aktion sah. Auch wenn das bei den Glaskugeln bedeutete, dass sie sich nur drehten oder das Licht sich in ihnen brach.

 

"Wie kann ich Ihnen...", begann der Braunhaarige und trat nach vorne, nur um sich selbst zu unterbrechen. "Hi Kris... was treibt dich hier her? Anstandsbesuch?" Auch wenn der 33-Jährige sich nicht erinnern konnte, dass er erwähnt hatte was er arbeitete und wo sein Laden war. Vielleicht hatte der Andere auch Mrs. Kelso gefragt, schließlich wusste sie was er tat. Sie mochte seine floralen Glaskugeln sehr gern.

 

Kris war überrascht, den Anderen hier zu sehen. Granny hatte nur über die tollen Glaskugeln erzählt und dass sie eine verschenken wollte. Da er sie heute eh besuchen wollte – und Ostern praktisch schon vor der Tür stand und der Osterhase sich schon mal ausgehfein machte - hatte er als guter Enkel, der er eben war, angeboten, eine zu besorgen. Dass Rudy hier arbeitete, hatte seine Granny aber nicht gesagt. "Hallo Rudy. Ich wusste gar nicht, dass du hier arbeitest. Granny hat mich gebeten eine der tollen Glaskugeln zu kaufen, damit sie sie verschenken kann. Und sie sagte nur, wo ich sie her bekomme. Wie geht’s dir?" Der Blonde kam zum Tresen, da mussten sie nicht so schreien und er stand nicht im Weg, falls noch mehr Kunden kamen.

 

"Mir geht’s gut. Frag mich das im Dezember noch mal. Da werde ich dann regelrecht wegen Geschenken überrannt. Bis dahin habe ich noch etwas Schonfrist. Ein paar Monate. Was machen deine Finger? Noch alle heil?", flachste Rudy. Ein Bett sollte eigentlich nicht so schwer im Aufbau sein. Zumindest seines war es nicht gewesen, aber die Kartons hatten keinen Hinweis auf das Bett von Kris gegeben. Aber bestimmt hätte der Andere gefragt, wenn er Hilfe gebraucht hätte.

 

Der Blonde lachte und wackelte mit seinen Finger in Gesichtshöhe. "Noch alles dran. Nicht einmal mit dem Hammer gehauen. Aber das Bett war auch nicht so schwer und unhandlich wie der Schrank. Also... was würdest du empfehlen. Nichts Kitschiges sagt Granny und alles außer Pink. Sie machen sich wohl Osternester gegenseitig und Granny hat einen der jungen Pfleger zugeteilt bekommen. Muss man nicht verstehen. Ist wohl so ein Ding aus dem Altersheim."

 

Als Kris mit dem Geschäft anfing, wurde Rudy ernst. Er mochte seinen Job und nahm ihn ernst. Der Kunde verließ den Laden nur mit der für ihn perfekten Glaskugel. "Mhm...", murmelte der 33-Jährige, während er sich schon auf den Weg durch den Laden machte. Nichts Kitschiges und nichts Pinkes. Für einen Mann. Schätzungsweise um die 30. Das wurde etwas schwieriger, wenn er nicht wusste, welche Interessen der Beschenkte hatte. In der Regel wussten die Kunden, die zu ihm kamen, mehr über die zu beschenkende Person, doch Kris musste er da nicht fragen. Dann doch eher dessen Granny.

Ostermotive?

Nein, die würde ein Mann eher weniger aufhängen. Niedliche Hasen waren was für kleine Mädchen. Mit einem Tier konnte er sich in die Nesseln setzten, wenn derjenige das Tier dann nicht mochte. Blumen brauchte er wohl auch nicht vorschlagen. Ländermotive machten sich immer gut bei Männern und auch Automotive wurden nie verschmäht. Rudy sammelte ein paar zusammen und brachte sie vorsichtig zum Tresen. "Die hier würde ich vorschlagen, ohne mehr über den Beschenkten zu wissen. Ansonsten kann deine Granny auch anrufen und wir reden nochmal darüber."

 

Kris hatte neugierig dem Treiben zugesehen und besah sich jetzt die Auswahl, die auf dem Tresen lag. Es waren alles ausnehmend wunderbare Arbeiten. Detailgetreu und so realistisch, als wären es Fotos. "Die sind großartig. Bestimmt total viel Arbeit, sie zu malen. Oder machen das Maschinen?", wollte Kris wissen, während er eine der Kugel in die Hand nahm, um sie genauer zu betrachten. "Das ist ein Cadillac oder?" So ganz sicher war sich Kris nicht damit, denn mit Autos hatte er nicht wirklich etwas am Hut. Es brachte ihn von A nach B, mehr musste eine rollende Kiste nicht können. Es war vollkommen unnötig, Unsummen für die Blechkisten aus dem Fenster zu werfen.

 

"Das kommt darauf an, was für Kugeln es sind. Die farbigen Weihnachtskugeln, die man in jedem Laden kaufen kann, werden mit Maschinen bespritzt. Bei den bemalten Glaskugeln, die hier verkauft werden, ist alles Handarbeit. Deswegen sieht auch keine wie die Andere aus, auch wenn sie dasselbe Motiv haben. Und du hast Recht. Ist ein Cadillac Eldorado", erklärte Rudy und blickte auf die Kugel, die Kris in der Hand hielt. "Auf Kundenwunsch können auch individuelle Kugel hergestellt werden, zum Beispiel anhand eines Fotos. Letztes Jahr hatte ich eine Kundin, die wollte die Gesichter ihrer Enkelkinder auf Kugeln haben." Der Kunde war eben König, so wurde er weiterempfohlen und die bestehenden Kunden kamen wieder. Und davon überlebte ein Laden ja schließlich.

 

Zwei Dinge filterte Kris aus den Sätzen. Das war Rudys Laden und er bemalte die Kugeln selbst. "Wow... ich bin beeindruckt. Da brauchst du bestimmt ein ruhiges Händchen“, murmelte er anerkennend und wurde im nächsten Moment verlegen. "Ich... ich hab dich gestört vorgestern Abend oder? Mit meinem Gepolter. Tut mir leid. Das war wirklich nicht meine Absicht." Vorsichtig legte er die Kugel wieder auf den Tresen, damit sie nicht doch noch aus Versehen zu Bruch ging.

 

Nachsichtig lächelte der Braunhaarige. "Ja, hast du. Aber du wusstest es ja nicht, Kris. Es ist auch nur eine Kugel drauf gegangen, mach dir keine Vorwürfe. Steht ja schließlich nirgends im Haus geschrieben. Was dabei, was deiner Meinung nach passen könnte oder soll ich nochmal durch den Laden", versuchte er wieder auf die Kugeln aufmerksam zu machen. Rudy hatte die Sache schon abgehakt. Glaskugeln waren nicht teuer in der Anschaffung, das trieb ihn schon nicht in den Ruin. Außerdem hatte er dafür Kris kennen gelernt und ihn trieb die Hoffnung, dass sie Freunde werden konnten. Rudy lebte seit 6 Jahren in San Francisco, doch Freunde in seinem Alter hatte er noch keine gefunden. Lag wohl daran, dass er nicht groß ausging und andere Menschen in seinem Alter sich nicht unbedingt mit Glaskugeln befassten.

 

Verlegen fuhr sich der Blonde durch die kurzen Haare, bevor er nickte. "Ich nehme den Cadillac. Hast du auch eine Schachtel, damit Granny sie einpacken kann?" Vorsichtig sammelte er die anderen Kugeln wieder ein und brachte sie zurück an ihre Plätze. Rudy hatte ihm geholfen, da musste er sie nicht wieder zurück bringen. Schließlich hätte er sie gar nicht holen müssen, wenn Kris mehr Informationen gehabt hätte. Als alle wieder an ihrem Platz lagen, trat der Größere wieder zum Tresen.

 

"Danke fürs Zurücklegen. Ich hab jedoch eine bessere Idee, Kris. Mach ein Foto von der Kugel und ich packe sie gleich ein. Dann hat deine Granny nicht die Arbeit", schlug der 33-Jährige vor und zog das Preisetikett von der Kugel – wieder einmal froh, dass er leicht entfernbare Etiketten hatte. Kleberrückstände ließen sich so schwer entfernen. Das Spiel hatte er im ersten Jahr durch gehabt.

 

Während der Blonde sein Handy aus der Hosentasche kramte, nahm Rudy eine der Schachteln hinter sich von einem Regal. Schließlich war er auf alles vorbereitet. Packpapier hinein und als Kris das Foto hatte, auch die Kugel. Sicherheitshalber kam noch eine Lage Packpapier darüber, bevor der Deckel folgte.

Dem Beschenkten zuliebe verzichtete er auf das kitschige Ostergeschenkpapier und nahm stattdessen das Grüne, auf dem in allen möglichen Sprache Frohe Ostern stand. Geübt packte er das Geschenk ein und versah es mit einer weißen unaufdringlichen Schleife. Fertig. "Macht dann 30$", erklärte der Braunhaarige.

 

Nur zu gerne zückte Kris seinen Geldbeutel und bezahlte den geforderten Preis. Er war froh, dass er ein Geschenk gefunden hatte und seine Granny nicht enttäuschen musste. Das würde er sich nie verzeihen können. Wenn er ihr schon etwas abnehmen konnte. Außerdem war sie seine einzige lebende Verwandte, da wollte er sie nicht enttäuschen. Nicht mit so einer Kleinigkeit. "Danke für deine tolle Hilfe, Granny wird sich sicherlich freuen. Dann will ich dich auch nicht weiter von deiner Arbeit abhalten", murmelte der Blonde und griff sich die kleine Schachtel. Die durfte er auf keinen Fall vergessen, sonst war der Weg umsonst gewesen. Auch wenn er es dem Braunhaarigen zutrauen würde, dass der ihm die Schachtel zuhause vorbei brachte.

 

Rudy lachte. "Du hast mich nicht von der Arbeit abgehalten, denn das gehört dazu, Kunden bei der Auswahl zu helfen. Und es ging außergewöhnlich schnell. Ich habe Kunden, die brauchen Stunden oder kommen auch mehrmals, bis sie sich entschieden haben oder sie über Umwege erfahren, welches Motiv gefragt sein könnte. Grüß mir deine Granny bitte. Wenn sie es erlaubt, würde ich sie gerne mal besuchen kommen. Ich muss ja sicher gehen, dass es ihr gut geht, wo sie ist." Frech grinste der Braunhaarige. Er meinte seine Worte nicht ernst, doch er hatte Mrs. Kelso in den sechs Jahren ins Herz geschlossen und es fehlte ihm einfach, wie bisher nur einen Stock hochgehen zu müssen, um mit ihr einen Schwatz halten zu können.

 

"Sicher. Granny wird sich sicherlich freuen. Hast du Papier und einen Stift? Dann schreib ich dir auf, in welchem Altersheim sie ist." Kris wüsste keinen Grund, warum er dem Anderen diese Information nicht geben sollte. Er machte ihm nicht den Eindruck, ein irrer Axtmörder oder sonst etwas in der Richtung zu sein. Zumal Rudy ja die letzten sechs Jahre bessere Chancen gehabt hätte, wie ihm seine Granny erklärt hatte. Nicht dass er seine Bedenken ihr gegenüber geäußert hätte, aber er hatte von der Hilfe erzählt und sie hatte von seiner Hilfe berichtet und das sie gekocht hatte als Dankeschön. Sie würde es sicherlich mögen, wenn ihr ehemaliger Nachbar ihr einen Besuch abstatten würde.

 

Nickend reichte Rudy Stift und Papier weiter. Das war eine tolle Idee, Mrs. Kelso zu besuchen. Auch wenn er dann wohl schauen musste, wie er mit dem öffentlichen Verkehr zu dem Altersheim kam. Denn er hatte weder ein Auto, noch einen Führerschein und bisher hatte er nichts von beidem vermisst. Einkäufe klappten auch so und wenn doch mal Bedarf an einem Auto bestand gab es Taxis. Dankend nahm er den Zettel entgegen. Ein Blick auf die Adresse sagte ihm, dass es ein gutes Stück war. Zu weit zu Fuß. "Danke, Kris. Ich denke, ich rufe vor meinen Besuch besser an, damit sie dann auch da ist." Der Ältere hatte freundlicherweise auch eine Telefonnummer aufgeschrieben. Nicht dass er wie Bestellt und nicht abgeholt im Altersheim stand. Das brachte keinem etwas.

 

"Ja, das wäre wohl besser. Granny hat erzählt, dass sie ziemlich viele Freizeitangebote haben, damit ihnen nicht langweilig wird. Und sicherlich wird sie auch Zeit mit ihrer neuen Bekanntschaft verbringen wollen", stimmte Kris zu und griff sich das Geschenk erneut. Langsam sollte er wirklich los, wenn er rechtzeitig bei Granny sein wollte. Sie waren schließlich zum Tee verabredet. "Wir sehen uns spätestens übernächsten Samstag. Außer wir laufen uns davor im Flur über den Weg." Zum Abschied hob der Blonde noch seine Hand und machte sich dann auf den Weg. Der Verkehr in San Francisco war immer so eine Sache. Nie ging es schnell oder gar Nerven schonend.

 

 

Lange Zeit an den überraschenden Besuch zu denken hatte Rudy nicht, denn gleich zwei Kundinnen kamen, die etwas für ihre Schwester wollten. Sie sahen nicht wie Schwestern aus, doch der Braunhaarige war keiner, der sich einfach so ein Urteil erlaubte. Stattdessen beriet er professionell und mit viel Geduld. Die brauchte er bei Frauen besonders, denn gerne änderte das weibliche Geschlecht ihre Meinung und das nicht nur einmal. Das hatte er in den letzten Jahren zur Genüge erlebt. Aber beschweren wollte er sich nicht, denn seine Hauptkundschaft waren Frauen, die waren für Kitsch und Deko sehr empfänglich. Weitaus mehr als Männer. Männliche Kundschaft, so wie Kris, kam seltener um etwas zu kaufen, aber das machte Rudy nichts. Er hörte dafür dann immer von den Kundinnen, wie sich die Beschenkten gefreut hatten. Am Hungertuch nagte er deswegen nicht.

 

Etwas später als üblich schloss Rudy sein Apartment auf und balancierte Schachteln mit Fertigfutter. Das Logo eines Inders war auf jede gedruckt. Kurz vor Feierabend war noch ein Mädchen gekommen, das unbedingt etwas für ihre Mum zum Geburtstag gebraucht hatte, der auch noch heute war. Sie hatte nicht früher kommen können, da sie erst zwei Stunden zuvor erfahren hatte, was ihre Mum sich wünschte und sie mit dem Bus hatte kommen müssen, schließlich durfte die Beschenkte ja nicht wissen, was sie bekam. Und Rudy hatte die Kleine einfach nicht wegschicken können. Er konnte keine enttäuschten Kinder sehen.

 

Also hatte er mit Elisabeth - die ihren vollen Namen gar nicht mochte und auf Lizzy bestand - in den Regalen nach dem perfekten Geschenk gesucht. Es war eine Kugel mit Lavendel geworden, bei der es dann doch Tränchen gegeben hatte, weil sie mehr kostete, als Lizzy dabei hatte. Und dabei hatte sie doch extra ihr Sparschwein geplündert!

Und weil Rudy Mädchen wirklich nicht weinen sehen konnte – Mädchen hatten einfach nicht zu weinen, das war so etwas wie ein ehernes Naturgesetz – gewährte er ihr einen Rabatt. Einen großzügigen, doch das würde ihn nicht ruinieren. Viel wichtiger waren ihm die leuchtenden Kinderaugen. Sie wählte noch ein typisches Kindermotiv und eine pinke Schleife. Ihre Mum erwartete das wohl von ihrer Tochter und Rudy würde nicht widersprechen.

 

Und weil er ein wohlerzogener Rudy war, brachte er Lizzy noch zur nächsten Bushaltestelle. Sie wohnte leider in der entgegengesetzten Richtung und das würde einen enormen Umweg für ihn bedeuten. Mit einem Auto wäre das eine ganz andere Sache, doch Lizzy versicherte ihm, dass sie alleine fahren könne, sie wäre ja auch her gekommen. Der 33-Jährige ließ es sich nicht nehmen, mit ihr zu warten bis der Bus kam und sie eingestiegen war. Das gehörte sich so. Heutzutage hörte und las man das Schlimmste, das musste der Kleinen nicht zustoßen. Zumindest solange er es verhindern konnte.




Wiedersehen auf Covendale [chaotizitaet]

02

Schon das Frühstück war eine Katastrophe gewesen. In mehrfacher Hinsicht.

So gern Major Edward Richards auch auf Covendale, dem Landsitz seines Cousins, weilte, und sosehr er auch seine Familie mochte, beides zusammen war etwas zu viel des Guten. Er wusste nicht, woran es lag, aber in dieser Umgebung verhielten sich sowohl seine Tante Catherine als auch seine Eltern so, als wären die letzten einhundert oder gar zweihundert Jahre Weltgeschichte nie geschehen. Abgesehen von der Mode, hätte jeder von ihnen problemlos in Downton Abbey oder einem der Landsitze, die in Jane Austens Romanen beschrieben wurden, zu Hause sein können.

Dementsprechend hatte er es sich bei solchen Familienzusammenkünften zur Angewohnheit gemacht, vor allen anderen aufzustehen, und sich ein leichtes Frühstück direkt aus der Küche zu stibitzen. Er war da nicht wählerisch und das Catering-Personal, das sein Cousin bei solchen Gelegenheiten engagierte, störte es gewöhnlich nicht, wenn er sich etwas Toast oder einen Muffin und eine Tasse Kaffee abseits des Esszimmers organisierte. Doch an diesem Morgen hatte ihn das bereits zu so früher Stunde überaus beschäftigte Personal der Küche verwiesen und ihn wissen lassen, dass er auch die nächsten Tage nicht darauf zu hoffen brauchte, hier eingelassen zu werden. Von Mahlzeiten außerhalb der vorgesehenen Zeiten ganz zu schweigen.

Dergestalt eingeschränkt, war der Major also dazu verdammt, mit seiner Familie mehr Mahlzeiten einzunehmen, als seiner Ansicht nach gut für seinen Gemütszustand war. Auch wenn er die Entscheidung des Personals durchaus verstehen konnte. Es bereitete nun mal wesentlich mehr Arbeit, die Verlobungsfeier des Hausherrn und mutmaßliches gesellschaftliches Ereignis der Saison vorzubereiten als nur mal eben die Familie zu beköstigen. Zumal es dieser Tage ja nicht bloß die Familie Richards war, die mit wenigstens drei Mahlzeiten versorgt werden wollte, sondern auch noch die Familie der Braut. Da konnten sie schon von Glück reden, dass das Esszimmer groß genug war, um allen gleichzeitig Platz zu gewähren und sie nicht in Schichten essen mussten. Obwohl Edward dann vielleicht um die ein oder andere Begegnung der dritten Art mit seiner Familie herumgekommen wäre. Denn die Tatsache, dass David sich endlich verlobte, war für seine Eltern und seine Tante Grund genug, einmal mehr zu versuchen, ihn davon zu überzeugen, sich doch ebenfalls eine Ehefrau zu suchen. Und es war vor allem diese Uneinsichtigkeit seiner Familie gegenüber seiner sexuellen Orientierung – er war schwul und stand dazu –, weshalb er nach Möglichkeit auf Covendale nur das unvermeidliche Dinner mit ihnen teilte.

Lunch war entsprechend nicht viel entspannender, hatten doch die jüngeren Mädchen des Barnes-Clans – die Braut hatte eine jüngere Schwester sowie zwei jüngere Cousinen -  beschlossen, dass wenn schon keine Heirat, so doch zumindest ein Flirt mit ihm nicht ausgeschlossen sei. Ob sie um seine Homosexualität wussten, war ihm nicht bekannt, weshalb er ihnen fairerweise nicht einmal unterstellte, dass sie fälschlich glaubten, ihn bekehren zu können, sondern vielmehr meinte er das Motiv des harmlosen Zeitvertreibs hinter ihren Kommentaren, Lächeln und Augenaufschlägen sehen zu können. Aber in Gegenwart seiner Familie würde er sich auf keinen Fall auf ein solches Spiel einlassen. Dennoch waren die drei jungen Mädchen äußerst hartnäckig und die anwesenden Mütter und Tanten ermunterten sie auch noch, und so sehnte sich Edward nach nichts so sehr wie einer ruhigen Ecke, die nicht gerade sein Schlafzimmer darstellte. Zumal er sich gerade bei der Jüngsten, Megan Barnes, nicht sicher war, ob sie ihm nicht auch dort auflauern würde.

Und zwischen all den Gästen flatterte Mrs. Hall, Davids persönliche Assistentin, wie ein aufgescheuchtes Huhn herum, regelte hier etwas, rückte dort etwas zurecht und versuchte allgemein den Überblick zu behalten und drohendes Chaos zu verhindern.

„Du weißt schon, dass du ihr hierfür einen nicht zu knappen Bonus schuldest, oder?“, raunte Edward seinem Cousin zu, als er beobachtete, mit welcher Engelsgeduld Rachel Hall es sogar schaffte, die Teewünsche seiner Tante Catherine entgegen zu nehmen – obwohl sie nun wirklich nicht für derartige Belange zuständig war.

David nickte. „Ich bin nur noch am überlegen, ob es schlicht monetär wird, oder in Form eines großzügigeren Geschenks, wie etwa einem Flugticket nach Malaysia, damit sie ihre Schwester dort einmal besuchen kann.“

„Frag sie einfach“, schlug Edward vor. „Dann kannst du nichts falsch machen. Nicht, dass du dich für das Flugticket entscheidest, sie sich dann aber gerade mit ihrer Schwester zerstritten hat oder so…“

„Egal wie, ich werde auch dafür sorgen, dass jeder meiner Hausgäste etwas dazugibt, auch wenn sie es nicht wissen.“

„Guter Plan.“ Edward warf seinem Cousin ein anerkennendes Grinsen zu.

„Auch wenn ich nichts sage, so kriege ich dennoch mit, wenn Tante Catherine sich mal wieder für Lady Catherine de Bourgh hält und versucht Rachel zu einer Haushälterin aus alten Tagen zu degradieren“, gab David zurück.

Der Vergleich mit der herrischen Witwe aus Jane Austens vielleicht berühmtestem Roman war ein alter Familienscherz, aber nach wie vor überaus treffend.

Kurz darauf wurde es im Erdgeschoss des altehrwürdigen Hauses deutlich ruhiger, zogen sich doch nach und nach die weiblichen Gäste auf ihre Zimmer zurück, um sich für die Party am Abend zurechtzumachen. Leider aber war diese Stille für Edward nur von kurzer Dauer, wurde doch auch von ihm ein tadelloses Aussehen erwartet. Schließlich war er der designierte Trauzeuge des Bräutigams, und als solcher durfte er auch schon an diesem Abend eine Rede halten. Und das wiederum hieß nicht bloß Duschen und ein sauberes Hemd anziehen, sondern hübsch brav in die Paradeuniform schlüpfen. Inklusive noch einmal mit der Kleiderbürste alle Stäubchen entfernen. Was tat man nicht alles für die Familie?

„Du weißt, dass du mir auch einen Bonus schuldest?“, sagte Edward in Anlehnung an das Gespräch vom Nachmittag, als er schließlich neben David in der Eingangshalle stand und die schier endlose Reihe der Gäste begrüßte, die für einen Abend nach Covendale geströmt waren.

„Für das hier?“ David grinste und begrüßte dann formvollendet die nächsten Gäste. „Glaub mir, das ist noch nichts im Vergleich zu den Gästen, die erwarten zur Hochzeit eingeladen zu werden. Und dann bist du fein raus. Die arme Erin hingegen… Ganz zu schweigen von meiner Wenigkeit. Ich muss das hier gleich zweimal durchmachen.“

„Die arme Erin liebt dich allerdings…“

„Du liebst mich auch, nur auf andere Weise. Zum Glück.“ David zwinkerte seinem Cousin vielsagend zu.

Edward schüttelte grinsend den Kopf. Ja, er liebte David – wie einen Bruder. Vielleicht, weil er selbst keinen Bruder sondern nur eine ältere Schwester hatte. Und weil David und er mehr oder weniger zusammen aufgewachsen waren, hatte Edwards Vater doch im Dienste ihrer Majestät viel Zeit im Ausland verbracht und Militärcamps waren nicht wirklich der geeignete Ort für Frau und Kinder. Covendale hingegen… „Und dich brauche ich nicht zu bedauern. Du hast dir das schließlich selbst ausgesucht!“

Endlich erklangen aus dem Ballsaal die ersten Töne des angeheuerten Streichquartetts und David und Edward gesellten sich zu den übrigen Gästen im Saal. Edward hielt sich dabei im Hintergrund, während David nach vorne in die Nähe der Musiker ging, wo Erin bereits mit ihren Eltern wartete. Auch Edwards Eltern standen bei der Gruppe, hatte David seine Eltern doch schon früh verloren – die Mutter bei der Geburt seiner Schwestern und den Vater vor zehn Jahren – und so sprangen sein Onkel Arthur und seine Tante Angela ein.

Ein Tremolo der Streicher ersetzte den Tusch oder das Klopfen eines Löffels an einem Glas, um die Aufmerksamkeit der Gäste auf die bevorstehende Ankündigung zu lenken. Als dann auch brav annehmbare Ruhe in dem Saal eingekehrt war, wandte sich David mit einem ehrlichen Lächeln an seine Gäste: „Liebe Freunde, es ist mir eine große Freude euch offiziell zu verkünden, dass Erin Barnes eingewilligt hat, meine Frau zu werden.“ Dabei sah er mit einem so glücklichen Blick auf seine Zukünftige neben sich, dass mehr als nur eine Frau sich wünschte, an Erins Stelle und Empfängerin dieses Blicks zu sein. Nicht, dass sich nicht auch so viele Frauen gewünscht hätten, ihre Stelle einzunehmen. Aber in diesem Moment wünschten sie es sich vermutlich endlich mal aus den richtigen Gründen – Glück und Zuneigung – und nicht aufgrund habgieriger Motive.

Edwards Blick wanderte von dem glücklichen Paar weiter zu den stolzen Eltern und er brauchte nicht von den Lippen lesen zu können, um zu wissen, was Doris Barnes soeben zu seiner Mutter sagte: „Sind sie nicht ein schönes Paar?“ Woraufhin seine Mutter pflichtschuldigt nickte. Aber wirklich, auch wenn die Barnes vielleicht nicht das waren, was die Senior-Generation der Richards sich für ihr Familienoberhaupt erhofft hatten, so waren Erin und David, als sie nun einen Walzer aufs Parkett legten, ein wirklich hübsches Paar. Edward hatte, seit er Erin vor fast einem Jahr das erste Mal vorgestellt worden war, sie als Mensch schätzen gelernt. Sie hatte einen erfrischenden Humor, der nicht zur Bösartigkeit neigte, einen Lebenshunger ohne dabei frivol zu sein, auch wenn sie vielleicht bisweilen etwas vorschnell über Menschen urteilte. Aber nun, kein Mensch war vollkommen. Und die positiven Eigenschaften waren es, worin sie David, der selbst eher dazu neigte, alles ernst zu betrachten, stets zu analysieren und damit seine Umgebung teilweise in den Wahnsinn zu treiben, hervorragend ergänzte. Doch, David hätte durchaus eine schlechtere Wahl treffen können als Erin Barnes.

Andere Paare strömten nun auf die Tanzfläche, und ehe sich Edward versah, stand Megan Barnes neben ihm. „Nun, da wir so gut wie offiziell zur selben Familie gehören, wäre es wirklich unhöflich, wenn du nicht mit mir tanzen würdest“, sagte sie mit einem schelmischen Lächeln.

Edward verdrehte gespielt die Augen, wusste aber, dass durchaus ein Körnchen Wahrheit in Megans Aufforderung zum Tanz lag. Es wäre wirklich unhöflich, wenn er nicht zumindest mit den weiblichen Familienmitgliedern tanzte. Und derer war es derzeit eine recht beachtliche Anzahl. Nicht weniger als elf Cousinen, Cousinen in spe, Tanten, Tanten in spe, Mütter… gut, er hatte nur eine Mutter, aber da er kaum darum herumkommen würde, mit Erins Mutter zu tanzen, würde er auch mit Erins Tante tanzen müssen, was wiederum hieß, dass seine Tante Catherine ebenfalls einen Tanz erwartete, und dann konnte er auch seine Mutter nicht ohne einen Tanz sitzen lassen. Besser also, er brachte es hinter sich… „Darf ich bitten?“, sagte er deshalb zu Megan, und führte sie dann auf die Tanzfläche.

Eine Stunde später bereute er seinen Entschluss, mit allen weiblichen Verwandten und Verwandten in spe zu tanzen. Gerade hatte er seine Tante Catherine zu einem Slowfox aufgefordert – er wusste, dass dies ihr Lieblingstanz war und es schadete nie, auf solche Vorlieben Rücksicht zu nehmen – und fand sich prompt in einem Kreuzverhör wieder. Während sich die Paare auf dem Parkett zu dem bekannten Slow-Slow-Quick-Quick der Musik bewegten, sagte sie: „Ich habe gesehen, wie du mit den Barnes-Mädchen getanzt hast.“

Edward enthielt sich eines jeden Kommentars, hatten doch auch gut hundert weitere Gäste ihn mit den Mädchen tanzen sehen. Außerdem hatte er im Anschluss auch mit Davids Schwestern getanzt, sowie mit der Mutter der Braut.

Allerdings war ein Kommentar seinerseits auch gänzlich überflüssig, fuhr seine Tante doch bereits fort: „Es ist schön zu sehen, dass du augenscheinlich zur Besinnung gekommen bist.“

Zur Besinnung? Edward ahnte, worauf seine Tante hinaus wollte, doch auf der Tanzfläche konnte er ihr schlecht widersprechen, ohne eine Szene heraufzubeschwören. Also sagte er wiederum nichts.

„Nicht, dass ich es sonderlich begrüßen würde, wenn wir noch eine von ihnen in unsere Familie aufnehmen müssten, aber in deinem Fall…“

Oh ja, wenn es darum ging, das schwarze Schaf wieder auf den rechten Pfad zurückzuführen, würde Tante Catherine sogar eine Barnes als seine Braut akzeptieren. „Tante Catherine, interpretiere bitte nicht zu viel in einen Tanz hinein“, sagte Edward jetzt, der erkannte, dass Schweigen hier keine Option mehr war und er den Ideen seiner Tante besser einen Riegel vorschob, ehe sie unter den übrigen Gästen das Gerücht seiner baldigen Verlobung ausstreute. „Was, wenn auch andere dies täten? Und am Ende glaubten, ich wolle mich mit dir verloben?“

Wie gut, dass Fächer aus der Mode gekommen waren, andernfalls hätte Tante Catherine den ihren nun dazu eingesetzt, Edward damit tüchtig auf den Arm zu schlagen – blauer Fleck inklusive. So beschränkte sie sich auf einen eisigen Blick. „Mach dich nicht lächerlich!“

„Genau das gleiche könnte ich dir entgegnen“, sagte Edward, bewusst einen leichten Tonfall wählend, damit seine Tante nicht wie ein wutschnaubendes Rhinozeros vom Parkett stürmte. „Du weißt sehr wohl, dass ich nicht an Frauen, sondern an Männern interessiert bin.“

„Edward, das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Und es wäre ja nicht so, als würdest du deine Ehefrau mit einer anderen Frau betrügen.“

„Ich werde aber auch nicht mit einer Lüge von Ehe leben.“

„Das sagst du jetzt“, erwiderte Catherine begütigend. „Aber jeder weiß, dass eine Verlobung selten allein daher kommt. Es ist fast wie einer dieser pandemischen Virusstämme… hochgradig ansteckend.“

„Dann ist es ja mein Glück, dass meine Königin mir sowohl im Beruf als auch im Privatleben erlaubt, sollte ich mich an diesem Virus anstecken, einen Mann zu heiraten. Denn das ist die einzige Art Ehe, die ich je einzugehen gedenke.“ Edward konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er seiner Tante suggerierte, dass die Königin diesbezüglich offener war, als sie selbst.

Tatsächlich verschlug es ihr die Sprache und sie zog es vor, den Rest des Tanzes schweigend zu verbringen. Dennoch konnte Edward an ihrer Miene ablesen, dass das Thema für sie längst noch nicht beendet war.

Wie recht er mit dieser Vermutung haben sollte, zeigte sich nach dem Abendessen. Offenbar hatte sie die Zeit, da die meisten Gäste sich an dem Angebot des Büffets im Esszimmer gütlich taten und dann mit ihren Tellern auf die angrenzenden Salons verteilten, genutzt, um von einem Grüppchen zum nächsten zu wandern, Smalltalk zu halten und herauszufinden, welche der anwesenden Damen Single war. Jedenfalls führte sie, als die Musik wieder einsetzte, mit größtem diplomatischem Geschick Edward eine dieser Damen nach der anderen zu. Und größtes diplomatisches Geschick bei Catherine Dempsey hieß, dass Edward keine andere Wahl hatte, als mit ihnen zu tanzen, wollte er nicht doch noch einen mittelschweren Eklat heraufbeschwören, dessen Folgen er nur durch ein weiterer Einsatz im Mittleren Osten würde entkommen können. Und offen gestanden zog es ihn dort gerade wenig hin, war er doch erst letzten Monat von einem halbjährigen Aufenthalt in Afghanistan zurückgekehrt.

Schließlich aber schaffte er es, sich zwischen zwei Tänzen fast schon fluchtartig aus dem Ballsaal zu verabschieden, um in der nahezu verwaisten Eingangshalle ein wenig durchzuatmen. Nicht, dass sein Verschwinden nicht schon allzu bald bemerkt werden würde, aber in der momentanen Situation war er für jeden Augenblick der Ruhe dankbar.

Die Haustür stand offen, um etwas frische Luft hineinzulassen, während zusätzliches Personal des Catering-Services damit beschäftigt war, in den Salons wieder für Ordnung zu sorgen. Auch einige der Gäste nutzten die Halle für eine Auszeit vom Tanzen. Und dennoch war es hier deutlich ruhiger als im Ballsaal.

Viel zu früh hörte Edward hinter sich Schritte und überlegte gerade, ob er es wagen konnte, sich einfach auf sein Zimmer davon zu stehlen – seine Rede hatte er bereits gehalten – um auf diese Weise Tante Catherines weiteren Ränkespielen zu entgehen, als jemand die Halle durch die Eingangstür betrat. Bei dessen Anblick blieb Edward schlagartig wie angewurzelt stehen. „Josh!“

„Edward?“ Der andere Mann blickte ihn fassungslos an.

Sekundenlang sahen sie einander an, unfähig ob des unverhofften Wiedersehens etwas zu sagen. Doch diese Sekunden genügten, um die Umstehenden und jene, die gekommen waren, um Edward wieder in den Ballsaal zu holen, neugierig werden zu lassen. Wer war dieser Fremde, der mit dem Koffer in der Hand in der Eingangshalle stand und woher kannte Major Edward Richards ihn? Wie üblich war es dessen Tante Catherine, die diese Frage laut stellte. „Edward, kennst du diesen Mann?“ Der Ton ließ erkennen, dass seine Tante das Schlimmste vermutete – womit sie nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt war – und keine andere Antwort als eine abwertende oder verneinende akzeptieren würde.

In diesem Moment kam Rachel Hall aus dem Ballsaal, um zu sehen, wo denn der Gastgeber blieb, war David doch seiner Tante in die Halle gefolgt. Als sie den jungen Mann am Eingang erblickte, weiteten sich ihre Augen vor Überraschung. „Joshua!“ Und sie bahnte sich den Weg durch die Menge, um ihren Neffen in die Arme zu schließen.

„Tante Rachel!“ Erleichtert ließ dieser seinen Koffer stehen und umschlang seine Tante.

Catherine Dempsey, neben Edward stehend, verzog ein wenig säuerlich die Miene. Der Neffe der persönlichen Assistentin ihres Neffen David war nun wirklich nicht des Geweses würdig, das so langsam um ihn gemacht wurde, versammelten sich doch immer mehr der Gäste in der Halle. Kurzentschlossen sah sie sich um, erblickte eines ihrer potenziellen Opfer und zog die arme junge Frau zu Edward hinüber.

„Edward, mein Lieber, darf ich dich mit Sibyll Maynard bekannt machen?“ Ein gespitztes Ohr in Richtung Ballsaal und sie fuhr fort: „Sie hat mir vorhin anvertraut, dass Foxtrott ihr absoluter Lieblingstanz ist.“

Doch Edward sah immer noch unverwandt zu Neffe und Tante, die sich begrüßten. Daran änderte auch der überaus spitze Ellenbogen Tante Catherines in seiner Seite nichts. Nun ja, fast nichts… „Tante Catherine, wenn du mich bitte kurz entschuldigen würdest.“ Und er ging auf die beiden zu.

David sah, wie seine Tante Edward einen giftigen Blick hinterherwarf, aber er hatte auch gesehen, auf welch gebannte Art Edward wiederum den Neuankömmling angesehen hatte, und sah seine Neugier geweckt. Zudem war er ja der Gastgeber und als solcher war es schließlich seine Pflicht, den vielleicht nicht ganz so fremden Fremden zu begrüßen. Also schlenderte er ebenfalls zu der kleinen Gruppe hinüber – sehr zum Verdruss seiner Tante – und erlebte überrascht, dass sein sonst eigentlich recht wortgewandter Cousin offenbar seine Zunge verschluckt hatte.

Somit war es Rachel, die die Vorstellung übernahm. „David, erinnern Sie sich an meinen Neffen Joshua Evans? Er war während seiner Schulzeit ein paar Mal hierzu Besuch und vor etwa zehn Jahren hat er einen ganzen Sommer hier verbracht…“, fügte sie hinzu, um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen.

Natürlich wusste David, dass seine Assistentin einen Neffen hatte, und dunkel erinnerte er sich auch an den angesprochenen Sommer, aber die Erinnerung war wirklich zu vage als dass er den Mann, der nun vor ihm stand, erkannt hätte. Was ihn umso neugieriger machte, wieso Edward sich offenbar an diesen erinnerte, nickte sein Cousin doch bei Rachels Worten zustimmend. Und so überspielte er sein schwächelndes Gedächtnis und streckte dem Mann mit einem Lächeln die Hand entgegen. „Willkommen auf Covendale. Sind Sie zufällig in der Gegend?“

Der so Angesprochene sah überrascht seine Tante an. „Ähm… Aber ich verstehe nicht… Tante Rachel, ich hatte dir doch eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen und meinen Besuch angekündigt…“ 

Nun wandten sich alle Blicke Rachel zu. „Oh je“, sagte diese und lief verlegen ein wenig rot an. Entschuldigend wandte sie sich erst an ihren Neffen, dann an ihren Arbeitgeber. „Es war so hektisch heute, ständig ging das Telefon, laufend war dieses oder jenes noch zu klären, da habe ich mein eigenes Handy gar nicht gehört.“

„Nun, ich fürchte, dass dann die Schuld bei mir liegt“, sagte David mit einem leichten Schmunzeln. „Denn schließlich war es meine Verlobung, die Sie so auf Trapp gehalten hat, Rachel. Aber wo Sie nun schon mal da sind, Joshua, wie wäre es, wenn Sie blieben und mitfeierten?“, lud er den neuen Gast ein.

„Du kannst natürlich bei mir im Gästezimmer übernachten“, warf Rachel prompt ein, wollte sie doch eine Möglichkeit haben, mit ihrem Neffen in Ruhe zu reden, vorzugsweise nachdem sie die Gelegenheit gehabt hatte, ihre Mailbox abzuhören.

Joshua zögerte noch einen Moment, dann nickte er. Der leise Seitenblick, den er dabei in Edwards Richtung war, entging weder Rachel noch David und letzterer klopfte sich gedanklich auf die Schulter für seinen Einfall mit der spontanen Einladung, hoffte er doch, dass das Verhalten seines Cousins ihm ein wenig mehr über diesen Neuankömmling verraten würde.

Rachel übernahm es, sich um Joshs Gepäck zu kümmern, während dieser mit David in den Ballsaal ging, um dort pflichtbewusst der ihm unbekannten Verlobten seines Gastgebers zu gratulieren. Auch Edward folgte ihnen in den Ballsaal, wurde aber gleich an der Tür von seiner Tante abgefangen, die ihm eindringlich erklärte, er hätte sich in der Halle überaus unhöflich verhalten, dass die gute Sibyll aber gewiss bereit wäre, ihm zu verzeihen, wenn er jetzt sofort mit ihr tanzte. Und angesichts der Betonung, die sie dem Wort ‚sofort‘ verlieh blieb ihm kaum etwas anderes übrig. Dies führte letztlich dazu, dass dank seiner Tante der Gruß in der Halle – so man ihn als solchen bezeichnen wollte – die einzigen Worte sein sollten, die Josh und er an diesem Abend wechselten. Denn als er es endlich schaffte, sich aller Tanzwilligen zu entledigen – er war geringfügig durch Erinnerungen an einen zehn Jahre zurückliegenden Sommer abgelenkt und unaufmerksame Tanzpartner waren selbst in schicker Ausgehuniform nicht wirklich gefragt – hatte sich Joshua bereits wieder verabschiedet. Müdigkeit, wie David ihm erzählt, als Edward nach Rachel und deren Neffen fragte. Edward wusste nicht, ob er die übrigen Gäste dafür verfluchen sollte, dass sie ihn um die Gelegenheit gebracht hatten, mit Josh zu reden, oder ob er es vorzog dankbar dafür zu sein, somit eine Nacht gewonnen zu haben, um sich auf ihre nächste Begegnung vorzubereiten. Und er hatte vor, früh genug aufzustehen, um Josh noch einmal zu begegnen, sollte dieser tatsächlich nur zufällig in der Gegend und somit auf der Durchreise gewesen sein.