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03. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

3 - Das Dankeschön oder "Wieso? Sind doch der letzte Schrei. Und sehr bequem."

Samstag, 11. April 2015 - Aufbau Abendessen - Kris’ Apartment

 

Fluchend drehte er den Wasserhahn zu, als es schon wieder klingelte. Nicht mal in Ruhe duschen konnte man! Rudy öffnete die Duschkabine und griff sich das warme Handtuch von der Heizung, schlang es sich um die Hüften. Wehe das war nicht wichtig. Es musste mindestens ein Unfall oder ein Brand sein! "Ja, ich komm schon", knurrte er, während er auf seinem Weg das Parkett volltropfte. Das durfte er nachher wieder weg wischen, sonst nahm der Boden ihm das übel. "Wer stört und sucht den Tod ...", zischte Rudy, während er die Tür aufriss. Im nächsten Augenblick konnte er spüren, wie seine Wangen rot wurden. "Kris..." stammelte er peinlich berührt.

 

Eigentlich hatte Kris ja nur seinen Nachbarn holen wollen, weil das Essen schon früher fertig war. Wenn es weiter auf dem Herd stand wurde es nur matschig oder kalt, wenn es zu lange ohne Wärme von unten stand. Deswegen hatte er geklingelt. Konnte ja keiner wissen, dass Rudy gerade am Duschen war. Er konnte einfach nicht anders, als seine Augen über den halbnackten Körper gleiten zu lassen. Besonders der vorwitzige Tropfen Wasser, der sich seinen Weg von der Halskuhle über eine der rosafarbenen Knospen bis zum Saum des Handtuchs bahnte, war interessant. Gerade so konnte er sich daran hindern, sich über die Lippen zu lecken. Das war aber auch ein leckerer Anblick! Ob die Haut so weich war wie sie aussah?

 

Schluckend schüttelte der Blonde den Kopf, um seine Gedanken aus der Gosse zu bekommen. "Das Essen ist eher fertig. Ich wollte nur Bescheid sagen. Konnte ja nicht wissen, dass ich stören", entschuldigte sich Kris und rieb sich peinlich berührt den Nacken. So gut kannten sie sich jetzt ja auch nicht, dass er Rudy einfach mal so fast nackt sehen sollte.

 

Instinktiv griff der 33-Jährige das Handtuch fester. Nicht dass er plötzlich vor Kris nackt dastand, das musste wirklich nicht sein. "Nein, ist schon gut. Ich bin spät dran. Bin eingeschlafen und erst um halb sechs aufgewacht. Komm rein, ich mach mich eben fertig", stimmt er versöhnlich an und wandte sich um. Kris würde schon rein kommen. "Schau dich ruhig um... und rutsch nicht aus, ich hab alles vollgetropft." Damit war der Braunhaarige auch schon wieder im Bad verschwunden. So konnte er wirklich nicht mit hoch.

 

Etwas benommen stand Kris noch einen Moment in der Tür, bevor er endlich folgte. Wer rechnete auch schon mit so einem Empfang an der Tür? Eben. Niemand! Auch wenn er nicht schlecht gewesen war, Rudy sah wirklich gut aus. Nur sagte man das einem anderen Mann besser nicht. Leise schloss er die Tür und tapste in Socken über den Flur, wich geflissentlich den nassen Stellen aus. Kris hatte sich nicht die Mühe gemacht, Schuhe anzuziehen, bevor er heruntergekommen war. Warum auch? Es war warm im Flur und Rudy mochte sicherlich auch keine Schuhe in der eigenen Wohnung, so wenig wie er.

 

Schnell machte er einen Abstecher in die Küche und griff sich ein Handtuch. Er würde schnell den Boden trocken wischen, denn es war ja seine Schuld, dass Rudy tropfend durch die Wohnung gemusst hatte. Da war das das Mindeste. Als der Boden trocken war, brachte er das Handtuch wieder in die Küche und blickte sich neugierig in der Wohnung um. Sicher – vom Schnitt her waren alle Apartments gleich – doch jeder Mensch richtete anders ein. Als seine Granny noch in dem Apartment gewohnt hatte, hatte es dort auch anders ausgesehen. Menschen waren ja alle verschieden. Da war das durchaus normal. Hier herrschten Brauntöne vor, in allen Schattierungen. Sah richtig warm und heimelig aus. Und er mochte es. Afrika schien das heimliche Lieblingsland des Braunhaarigen zu sein. Alles passte zusammen. Kein Kitsch und nicht überladen. Vielleicht sollt er Rudy bei seinem Apartment um Hilfe bitten. Ein sicheres Händchen hatte der ja.

 

Und dann entdeckte er den Arbeitstisch. Vorsichtig trat er näher, denn immerhin wollte er keine Arbeit zerstören. Für eine Kugel brauchte man bestimmt lange und hier lagen vier. Ziemlich viel Glitzer, aber sicherlich war er auch nicht die Zielgruppe. Die war sicherlich 8 bis 12 Jahre alt, stand auf Pink und Justin Bieber. Nichts was er mochte. Nicht mal unter Folter. Sein Kopf ruckte herum, als er tapsende Schritte hörte. "Glitzer hm?", grinste der Blonde. Er wollte Rudy nur etwas necken.

 

Der strich sich das T-Shirt glatt, während er ins Wohnzimmer trat. "Eine Schande, dass ich so etwas nicht führe und eine echte Marktlücke. Zumindest laut einer 10-Jährigen, die am Donnerstag mit ihrer Tante bei mir war und ich hatte nichts mit Glitzer. Ein Zustand, den ich korrigieren muss, denn die junge Dame hat ihr Kommen für nächste Woche wieder angedroht." Er besah sich eine der Kugeln mit pinkem Glitzerpony, das fast fertig war. "Ist auch nicht schwerer als normale Kugeln. Einfach ein Stück nach dem anderen und dann den Glitzer drauf, bevor die Farbe fest wird. Dann das nächste Stück. Damit der Glitzer wirklich nur dort ist, wo er hin soll. Du kannst dir das Gesicht der Verkäuferin gar nicht vorstellen, als ich den Glitzer gekauft habe." Vielleicht sollte er in Zukunft über das Internet bestellen, dann ersparte er sich diese Blicke.

 

"Du umgeben von Kindern und dann dieser Glitzer. Muss göttlich gewesen sein. Gehen wir hoch? Sonst wird es kalt", schlug der Blonde vor und nickte in Richtung Tür. Das Essen musste wirklich nicht kalt werden. Er hatte sich so eine Mühe gegeben. Als Rudy nickte machten sie sich beide auf den Weg, aus dem Apartment und einen Stock höher. Ein schlurfendes Geräusch ließ Kris nach unten blicken und er musste lachen. "Wo hast du die denn her? Die sehen ja witzig aus."

 

Bei der Frage blickte Rudy selbst an sich hinunter. Er hatte sich vor dem Verlassen des Apartments noch seine Hausschuhe angezogen. Die hatte er letzte Woche gesehen und haben müssen. "Wieso? Sind doch der letzte Schrei. Und sehr bequem." Was war denn an seinen braunen Hausschuhen in Huf-Form auszusetzen? Sahen schließlich aus wie die Hufe eines Rentiers. Gut... er war wohl etwas Alt, um so etwas zu tragen, aber sie waren warm und er musste nicht erst seine Schuhe binden und sie dann wieder öffnen, wenn er bei Kris war. Außerdem fühlte es sich absolut natürlich für ihn an. Und wenn andere Menschen Hausschuhe in Tigerpfoten-Form tragen durften, durfte er diese hier tragen.

 

Kaum dass sich die Apartmenttür öffnete, schnupperte der Braunhaarige. Das roch einfach lecker. So wie es bei Mrs. Kelso auch immer gerochen hatte. Wenn es nur halb so gut schmeckte, dann war alles geritzt. "Riecht lecker", murmelte er und schloss die Tür hinter ihnen. Nach dem Essen würde er fragen, ob er sich die Wohnung ansehen durfte.

Wie bei ihm ging die zweite Tür auf der rechten Seite in die Küche ab und damit blieb ihm ein Blick auf die anderen Zimmer verwehrt. Erst einmal jedoch war das Essen wichtig, bevor es wirklich noch kalt wurde und sich Kris ganz umsonst die Mühe gemacht hatte.

 

"Setz sich, Rudy. Ich hoffe du hast Hunger. Als Vorspeise gibt es einen Salat", erklärte Kris und trat zur Theke, um den Salat auf die Teller zu verteilen. Hoffentlich mochte der Anderen Zitronenhuhn und Cheesecake als Nachtisch. Eine Alternative hatte Kris nämlich nicht. Aber Rudy hatte selbst gesagt, dass er alles aß. "Was möchtest du trinken? Ich hab alkoholische und nichtalkoholische Sachen da."

 

Wie befohlen ließ sich Rudy auf den Stuhl fallen und schnupperte unauffällig. Es roch wirklich lecker. Da lief einem das Wasser im Mund zusammen. Bei ihm selbst roch es nie so lecker, aber Essen war bei Rudy auch mehr ein Zweck denn ein Genuss. Er tat es, weil er es musste. Meistens gab es daher Fertiggerichte oder Lieferservice. Nur gut, das er nicht ansetzte. Bei der Frage hob er abwehrend seine Hände. "Nichts mit Alkohol. Den Vertrag ich nicht. Ein Glas Glühwein am Tag im Winter ist das Höchste der Gefühle. Wirklich. Einfach Mineralwasser. War mir heut schon peinlich genug, als du geklingelt hast. Ganz zum Deppen muss ich mich ja nicht machen.“ Der letzte Satz war mehr genuschelt und nicht für Kris’ Ohren bestimmt. Wer hatte auch ahnen können, dass er von der Arbeit nach Hause kam und auf der Couch einschlief? Das war ihm schließlich davor auch noch nie passiert. Aber für alles gab es eben ein erstes Mal.

 

"Hör mal, Rudy...", begann der Blonde und stellte die Teller auf den Tisch. "Du kannst nichts dafür. Schließlich hab ich dich ja zu früh aufgescheucht. Wenn ich nicht früher geklingelt, sondern gewartet hätte, bis du hoch kommst, wärst du auch nicht in die Verlegenheit gekommen, mir fast nackt die Tür öffnen zu müssen. Und außerdem musst du dich wirklich nicht verstecken. Die Weiber stehen sicherlich Schlange bei dir." Kris zwinkerte dem Anderen zu, damit der verstand, in welcher Hinsicht er das meinte und holte das Mineralwasser aus dem Kühlschrank. Für ihn selbst kam noch eine Packung Apfelsaft dazu, dann konnte er mischen. Selbst bekam man ja immer das richtige Verhältnis zwischen Wasser und Saft hin.

 

Bei den Worten wurde Rudy rot und das bis zu den Ohren. Das spürte er, denn sehen konnte er es ja nicht. Die Sätze ließ er besser unkommentiert, sonst wurde das Ganze noch peinlich. Außerdem war das kein Thema, das er mit einem eigentlich Fremden besprechen wollte oder würde. Denn das war Kris nach wie vor, denn wirklich viel wussten sie vom einander noch nicht. Vielleicht, wenn sie mal länger befreundet waren. So murmelte er ein leises "Danke", welches sowohl für das Mineralwasser, als auch den Salat galt. Sie brauchten ein Thema, über das sie reden konnten und über seine Arbeit, da konnte Rudy immer reden.

"Was hat Mrs. Kelso wegen der Glaskugel gesagt? War es die Richtige?", wollte er neugierig wissen und als Kris saß, griff er seine Gabel.

 

Kris ließ sich ebenfalls auf seinem Stuhl nieder und mischte sich erst einmal eine Apfelschorle. Die Röte war niedlich an Rudy, doch er biss sich auf die Zunge, um nichts Dummes zu sagen. Seinen Nachbarn musste er ja nicht gleich wieder vergraulen. Und weil er einen Themenwechsel erkannte, wenn er ihn hörte, ging er darauf ein. "Lass es dir schmecken", wünschte er erst einmal und trank etwas, denn das hatte er während dem Kochen vernachlässigt. "Granny hat das Geschenk an den Pfleger weitergegeben und dem sind wohl laut ihren Erzählungen beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen. Er hat sich tierisch gefreut. Ich fürchte, du wirst neue Kunden bekommen. Vielleicht solltest du dich auf Hausbesuche einstellen", neckte er grinsend. Er traute seiner Granny durchaus zu, so etwas zu fragen. Für die Bewohner, die nicht so gut laufen konnten.

 

Der Braunhaarige erwiderte den Wunsch und probierte den Salat. Das Dressing war sehr lecker. Da hatte sich Kris wirklich Mühe gegeben, wenn es drei Gänge gab. Ein Hauptgang hätte ihm völlig gereicht. Jetzt war es wohl zu spät, das hätte er direkt bei der Einladung sagen sollen. "Meinst du? Ich hab Mrs. Kelso immer noch nicht besucht. Das muss ich jetzt wirklich machen. Sonst nimm sie mir das noch übel." Und er mochte die alte Dame wirklich gern. Nur weil sie jetzt nicht mehr im Apartmenthaus wohnte, durfte diese flüchtige Bekanntschaft nicht einfach einschlafen.

 

"Wir feiern ihren Geburtstag in zwei Wochen zusammen. Ich nehme dich gerne im Auto mit. Sie wird wohl im Altersheim feiern. Wir haben noch nicht darüber gesprochen. Überleg es dir", bot Kris an und dann aßen sie erst einmal den Salat. Bevor der noch ganz warm und das Hühnchen kalt wurde. Musste wirklich nicht sein, wo er sich so eine Mühe gemacht hatte.

 

Rudy beschloss, nach dem Essen auf das Angebot zurück zu kommen. Es duftete nämlich lecker nach Huhn und er hatte Hunger. Zum Mittag hatte es nur kurz ein Sandwich gegeben. Schnell waren die Teller geleert und er ließ es sich nicht nehmen, seinen in die Spüle zu stellen. Er war hier zwar Gast, aber deswegen musste er sich ja nicht von hinten und vorne bedienen lassen. Das war einfach nicht sein Ding. So hatte man ihn nicht erzogen und damit wollte er jetzt nicht anfangen. Lachend ließ er sich von Kris wieder an seinen Platz scheuchen, als er Anstalten machte, seinen Teller selbst richten zu wollen. Das schien ein absolutes No-Go für seinen Gastgeber zu sein, also ließ er sich brav bedienen.

 

Energisch scheuchte er Rudy wieder an den Tisch, als der allen Ernstes selbst anpacken wollte. "Du bist Gast und als solcher lässt du dich gefälligst brav bedienen, sonst geraten wir beide ernsthaft aneinander", drohte der Blonde und stellte seinen Teller selbst in die Spüle. Zwei neue wurden gegriffen und der Ältere drapierte kunstvoll die Zitronenhuhnteilchen mit dem Reis. Noch etwas Sauce darüber und sie konnten Essen. "Ich hoffe, es ist nicht zu sauer", murmelte der Blonde und stellte beide Teller ab. Das hoffte er wirklich, denn sauer machte nicht lustig. Und es sollte doch seinem Nachbarn schmecken. Als Dankeschön für den Schrankaufbau.

 

"Bestimmt nicht. Es riecht schon lecker, da kann es ja nur schmecken", erwiderte Rudy und probierte auch gleich. Nur schwer konnte er sich das genießende Stöhnen verkneifen. "Wirklich... wirklich lecker", lobte der Braunhaarige. So lecker hatte er zuletzt bei Mrs. Kelso gegessen. Vielleicht... aber nur vielleicht, sollte er doch einen Kochkurs besuchen, um selbst kochen zu können. Gesünder als der Fertigfraß war es allemal. Da musste er sich mal schlau machen.

 

Und der Nachtisch erst. Der Cheesecake war wirklich ein Gedicht. "Mein Kompliment an den Küchenchef. Absolut lecker", erklärte Rudy, als er vollgefressen den leeren Teller von sich schob. "Und ich würde gerne das Angebot des Fahrdienstes annehmen. Das Geschenk für Mrs. Kelso hab ich schon in meiner Wohnung. Sag einfach Bescheid, wann du genau fahren willst. Ich nehme an, ihr seid zum Kaffee verabredet?"

 

"Perfekt, das wird Granny freuen. Sie hat auf die 3 Uhr geladen", freute sich der Blonde. Sie hatten ein bisschen gesprochen und die alte Dame hielt viel von ihrem Nachbarn. Da konnte er ihn auch einladen. Ohne das seine Granny was davon wusste, das war ein schönes Geschenk. Und trotzdem musste er ihr noch etwas besorgen. Es würde sich schon etwas finden. Er hatte noch ein paar Tage Zeit.

 

Schnell räumte er die Sachen in die Spüle. Das konnte er auch später noch abwaschen wenn er wieder allein war. "Jetzt gibt es eine exklusive Führung durch meine Wohnung. Darf ich bitten?" Das belustigte Lachen von Rudy hallte durch die Küche, während sich Kris wieder aus seiner spöttischen Verbeugung erhob. Sie waren wohl wirklich auf einer Wellenlänge.




Wiedersehen auf Covendale [chaotizitaet]

03

Josh war verwirrt, erleichtert und müde. Vielleicht nicht unbedingt in der Reihenfolge, aber es waren die wesentlichen, ihn derzeit beherrschenden Gefühle. Und gerade das letztgenannte wurde mit jeder Minute stärker. Es dauerte eben seine Zeit von Sacramento nach Covendale zu kommen und er war noch nie jemand gewesen, der gut in Flugzeugen hatte schlafen können. Dennoch hatte es die Höflichkeit geboten, David Richards spontane Einladung anzunehmen.

Zum Glück hatte sein Auftauchen bei den meisten Gästen nicht einmal ein fragendes Augenbrauenheben hervorgerufen und so konnte er sich, an einem Glas Wasser nippend, am Rand der Veranstaltung aufhalten. Dort war es auch, dass Rachel ihn fand.

„Jetzt weiß ich, von welcher Seite der Familie ich meine Logistik-Gene habe“, sagte er mit einem Lächeln und echter Anerkennung in der Stimme, wusste er doch, was für Arbeit hinter einer solchen Party steckte.

„Danke“, erwiderte seine Tante, die das Kompliment als solches auffasste. „Aber dennoch tut es mir leid, dass ich darüber deine Nachricht nicht gleich abgehört habe.“ Etwas, das sie nachgeholt hatte, während sie Joshs Gepäck in ihre kleine Wohnung im Seitentrakt gebracht hatte.

Josh nickte. „Dann hätte ich vielleicht gewusst, dass ich besser den Hintereingang nehme… auch wenn ich nicht sicher bin, ob mich die Parkeinweiser dort hin gelassen hätten.“

„Vermutlich nicht“, erwiderte Rachel. „Sie hatten eine genaue Liste, welche Wagen nach hinten dürfen und welche nicht. Stell dir vor, der Champagnerlieferant oder der Wagen mit dem Dessert wäre nicht rechtzeitig durchgekommen, weil die Leute wild geparkt hätten.“

„Und da du keine Ahnung hattest, mit welchem Auto ich kommen würde, konntest du mich auch nicht heimlich auf die Liste schmuggeln“, schloss Josh.

„Pah, heimlich… Ich hätte dich mit dicken Druckbuchstaben ganz oben auf die Liste geschrieben und alles noch mal mit Textmarker umrandet.“

„Danke dir.“ Josh konnte nicht umhin, seine Tante kurz zu umarmen.

„Jederzeit. Du weißt, dass du bei mir immer willkommen bist. Auch wenn ich gerade im Verlobungsstress stecke und nicht mal das Vergnügen habe, selbst die Braut zu sein.“

„Wer weiß, wer weiß, ob nicht du die Glückliche bist, die auf Davids Hochzeit einen Mann fürs Leben findet. Du weißt ja, was man über Hochzeiten sagt.“

Rachel schlug ihm spielerisch auf den Arm. „In meinem Alter… Abgesehen davon, habe ich bereits seit Jahren eine zweite Liebe: Covendale.“ Nur ein winziger Hauch von Trauer lag in ihren Augen, als sie auf diese Weise scherzte, gab es doch durchaus Momente, wo sie ihren lange verstorbenen Mann vermisste und sich fragte, wie wohl das Leben gewesen wäre, hätte der Falklandkrieg ihn ihr nicht genommen.

Josh war ihr Blick nicht entgangen, und auch wenn er ihn in der Vergangenheit schon oft gesehen hatte, erhielt er jetzt eine ganz neue Bedeutung für ihn. Doch sein Körper war zu erschöpft, um aktuell mit Tränen auf diese Erkenntnis zu reagieren und so nickte er nur. „Und du hast dir wirklich eine Liebe ausgesucht, die deiner Wert ist.“ Auch er mochte Covendale und immer, wenn er an England dachte, galt diesem Landsitz sein erster Gedanke. Weder das Internat, das er nach der Grundschule besucht hatte, noch die Universität schafften es, diesen Platz einzunehmen. Dazu hatte Covendale einfach zu viel Charme, mit all den Anbauten und Umbauten, die dieses Gemäuer geprägt und ihm sein einzigartiges Aussehen verliehen hatten. Den zweiten Platz in seinen Gedanke, nahm zweifelsohne seine Tante ein, und der dritte… Der dritte tanzte gerade mit einer langbeinigen Brünetten. Und obwohl es zehn Jahre her war, seit sie einander zuletzt gesehen hatten, konnte Josh an Edwards Rücken ablesen, dass dieser nur seine Pflicht erfüllte, jedoch keine Freude an dem Tanz empfand.

Edward… Josh konnte immer noch nicht glauben, dass es ausgerechnet Edward war, dem er an diesem Abend zuerst begegnet war. Sicher, die Festbeleuchtung des Hauses hatte ihn schon von weitem wissen lassen, dass es kein ruhiger Abend in kleiner Runde wäre, in den er hereinplatzte, aber irgendwie hatte er nicht mit Edwards Anwesenheit gerechnet. Und schon gar nicht damit, dass sein Herz diesen merkwürdigen Hüpfer tat. Zwar nur ganz kurz, aber er war da gewesen. Und dann all die Erinnerungen… vielleicht war es ja nur das. Vermutlich sogar.

Ein Gähnen bahnte sich seinen Weg und nach über achtzehn Stunden, die er unterwegs gewesen war, schaffte es Josh nicht ganz, es zu unterdrücken.

„Na komm“, sagte seine Tante. „Du bist seit knapp einer Stunde hier im Ballsaal, und hast damit der Höflichkeit Genüge getan. Und ehe du mir hier noch an der Wand einschläfst… Nicht, dass dich die übrigen Gäste am Ende für eine übriggebliebene Halloween-Dekoration halten.“

„Ha ha, vielen Dank“, konterte Josh, doch er wusste auch ohne Spiegel, dass er nach den letzten Tagen alles andere als blendend aussah. Vermutlich waren seine Augen noch immer rot, dazu Augenringe, die einem Panda Konkurrenz machen konnten, und dazu noch in paar Bartschatten, um das Bild des Grauens abzurunden. Dementsprechend folgte er mehr als nur bereitwillig seiner Tante, nicht jedoch ohne noch einen letzten Blick auf Edward zu werfen. Ein Blick, der seiner Tante keineswegs entging. Und sie fragte sich, wann wohl der richtige Zeitpunkt wäre, ihren Neffen darauf anzusprechen. Zumal das nicht das einzige Thema war, über das sie mit ihm zu sprechen gedachte, kannte sie doch Josh gut genug, um zu wissen, dass er sich die Geschehnisse der vergangenen Tage ebenfalls von der Brust reden musste. Zeitpunkt und Reihenfolge wollten also wohl überlegt sein.

Während die Musik und das Stimmengemurmel der Gäste leiser wurden, gingen Tante und Neffe einträchtig durch die Flure bis zu jenem Seitenflügel, in dem sowohl David Richards seine Wohnung hatte als auch Rachels kleines Reich lag. Es waren nur drei, verhältnismäßig kleine Zimmer und ein Bad und es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass es sich bei einem der Räume um jene Kammer handelte, die in früheren Zeiten der Gouvernante als Schlafzimmer gedient hatte. Ein Umstand, der in Catherine Dempseys Augen Rachel Halls Status als ‚Dienstboten‘ nur bestärkt hätte, hätte sie darum gewusst, während Rachel selbst wiederum genau wusste, dass Gouvernanten weder Fleisch noch Fisch diesbezüglich gewesen waren. Ähnlich wie sie weder zur Familie des Hausherrn gehörte, noch dieser genau genommen diente, war doch ihr Arbeitsverhältnis mit der Stiftung zum Erhalt Covendales.

„Ich muss erst noch das Bett beziehen“, sagte Rachel entschuldigend, als sie die Tür zum Gästezimmer öffnete.

„Ich glaube, ich bin so müde, dass ich sogar in einem nicht bezogenen Bett schlafen könnte“, erwiderte Josh mit halbem Scherz, war er doch wirklich sehr müde. Zwar vielleicht noch nicht so müde, dass er glaubte, im Stehen schlafen zu können, aber fast. Außerdem ahnte er, dass seine Tante noch die ein oder andere Frage an ihn hatte und vermutlich nur gewartet hatte, bis sie hier allein waren, ehe sie das ein oder andere Thema – wirklich, es gab ja eigentlich nur zwei – anschnitt. Und doch hatte er die leise Hoffnung, mit seiner Müdigkeit zumindest an diesem Abend noch einmal ungeschoren davon zu kommen, hatte er doch nicht wirklich Lust über Tom oder Edward zu sprechen. Selbst wenn er die Neugier und auch Besorgnis seiner Tante verstand.

„Fast wie in alten Zeiten. Damals, im Sommer vor der Uni, war es dir auch herzlich egal, wie dein Bett aussah, solange du darin schlafen konntest.“

Soviel zu der erhofften Schonfrist. Schien so, als würde sie Edward den Vorzug vor Tom geben. Und in gewisser Weise war es für Josh sogar nachvollziehbar. Tom konnte warten, wohingegen Edward im selben Haus schlafen würde, genau wie vermutlich noch diverse andere Mitglieder von dessen Familie, so dass seine Tante wissen wollte, welche eventuellen Spannungen auftreten konnten. Dennoch konnte Josh nicht anders als zu versuchen noch ein wenig Zeit zu schinden. „Hey, ich war damals noch ein Teenager. Hast du je von einem ordentlichen Teenager gehört?“

Das entlockte Rachel zumindest das erhoffte Lachen. „Deine Mutter war ein sehr ordentlicher Teenager“, konterte sie.

„Aufgeräumtes Zimmer, aufgeräumte Seele… ich kann es mir bildlich vorstellen“, meinte Josh grinsend. „Aber mir entgeht auch nicht, dass du von dir selbst nicht als ordentlichem Teenager gesprochen hast.“

Erneut lachte seine Tante. „Schuldig im Sinne der Anklage. Es gab einfach zu viele interessante Dinge, von denen ich wusste, dass sie mich auch am nächsten Tag noch beschäftigen würden, weshalb es für mich keinen Sinn ergab, sie erst wegzuräumen, nur um sie am nächsten Tag wieder hervorzuholen.“

„Gutes Argument.“

„Und wie war es bei dir? Schlichte Faulheit oder schlicht zu beschäftigt, um damals aufzuräumen?“, hakte sie nach.

„Nun ja, du weißt ja, Uni-Orientierung, die Suche nach einer Studentenbude, dazu passendem Mobiliar, die Möglichkeit eines Nebenjobs, ganz zu schweigen davon, den besten Buchladen und den besten Coffeeshop in Uni-Nähe ausfindig zu machen, das hat mich ganz schön auf Trab gehalten in jenem Sommer.“

„Aha! Und Engel fliegen rückwärts.“ Das war Tante Rachels Standardspruch für alles, das sie nicht wirklich glaubte. „Wenn man dich so reden hört, dann warst du jeden Tag von früh bis spät in London und hast in Covendale nur geschlafen. Und doch meine ich, dich fast schon regelmäßig im Park gesehen zu haben, und Ausflüge ins Dorf waren auch dabei. Denn bis heute fragt mich Mrs. Cox nach dir, weil du in jenem Sommer regelrecht vernarrt in ihre Schokoladenkekse warst.“

„Und bis heute zählen sie zu den besten Schokoladenkeksen, die ich je gegessen habe“, erwiderte Josh und meinte es todernst. Über Dinge wie Schokoladenkekse machte man eben keine Scherze. „Ich hoffe, ihr guter Ruf als Bäckerin hat nicht dazu geführt, dass man inzwischen die Kekse vorbestellen muss.“

„Meines Wissens nicht. Und selbst wenn, wird sie bestimmt extra welche für dich backen, wenn du sie darum bittest“, sagte Rachel lächelnd. Dann aber wurde sie ernst. Sie hatten genug um den heißen Brei herumgeredet. „Was war da in jenem Sommer zwischen dir und Edward? Das Verhalten von euch beiden vorhin, sowohl in der Halle als auch bei dir später im Ballsaal, hat darauf hingedeutet, dass es mehr als nur eine Bekanntschaft im gleichen Haus war.“

Josh seufzte und nickte dann. „Ehrlich gesagt bin ich bis heute erstaunt, dass damals nur die Zwillinge etwas bemerkten. Aber nun ja, andererseits kann ich wohl für dich und deinen Boss so etwas wie mildernde Umstände gelten lassen…“

 

-Zehn Jahre zuvor-

 

Die gedeckten Farben, die seine Tante bei seiner Abschlussfeier trug, waren der erste Hinweis, dass der Sommer auf Covendale nicht so lustig werden würden, wie Josh gedacht hatte, als er ihr zu Ostern seinen Plan unterbreitet hatte. Dennoch lächelte sie stolz und applaudierte, als er sein Zeugnis überreicht bekam, woraus er schloss, dass es wiederum nicht allzu schlimm sein konnte. Zumal sie ihm wirklich schlimme Nachrichten vermutlich schon vorab per Telefon mitgeteilt hätte.

Da sie, wie viele andere, noch mehrere Stunden Autofahrt vor sich hatten, löste sich die Abschlussklasse recht bald nach der Feier auf und nach einer letzten Runde Verabschiedungen von Freunden, mit denen man Kontakt halten wollte und doch über die Jahre aus dem Blick verlieren würde, fand sich Josh in dem kleinen Vauxhall seiner Tante wieder. Nun, da die Feier vorbei und sie alleine waren, sagte sie ohne Umschweife: „Charles Richards ist vorige Woche gestorben. Die Beerdigung war gestern.“

Josh schluckte. Zwar hatte er insgeheim fast schon mit so etwas gerechnet, doch es so direkt zu hören war noch mal etwas anderes. Der Kontrast war einfach erschreckend. Er, achtzehn, war gerade von seinen Lehrern aus der Schule ins Leben entlassen worden. Und der Arbeitgeber seiner Tante, höchstens zehn Jahre älter als diese selbst, war nahezu zeitgleich gestorben. Es führte ihm auf unangenehme Weise die Wahrheit vor Augen, dass auch wenn er sich wie jeder Jungerwachsene gerade für so gut wie unsterblich hielt, der Tod irgendwo dort draußen auf einen lauerte und nur darauf wartete, den Spielverderber zu geben. Denn sicher hatte auch Charles Richards nicht damit gerechnet, dass er so früh das Zeitliche segnen würde. Nicht, wo sein Sohn gerade mit dem Studium fertig war und seine Töchter noch mitten in der Pubertät steckten.

Mit einem Mal erkannte Josh, wie viel Glück er doch eigentlich hatte. „Danke dir.“

Seine Tante sah ihn irritiert an. Mit so einer Antwort auf ihre Eröffnung hatte sie nicht gerechnet.

Josh, der erkannte, wo das Problem lag, versuchte zu erklären, was in seinem Kopf vor sich ging. „Dass du heute für mich da warst. Und auch die letzten Jahre. Und doch hab ich mich zu einem gewissen Grad bis gerade eben selbst bedauert. Weil meine Eltern es nicht geschafft haben, herzukommen. Natürlich wusste ich die ganze Zeit, vermutlich all die Jahre, dass neben den Schulgebühren für mich und die Flugtickets für den Sommer einfach die Tickets für sie nicht mehr im Budget drin sind. Aber da war auch dieses kleine Stimmchen, das gesagt hat, wenn sie wollten, hätten sie es schaffen können. Irgendwie. Allein schon, weil ich ja diesen Sommer kein Ticket brauche. Auch wenn die Vernunft da entgegnet hat, dass der Ausfall des Kühlhauses ja nicht geplant oder gar vorhersehbar gewesen war. Dass sie, wenn die Sache mit dem Kühlhaus nicht gewesen wäre, vermutlich gekommen wären.“

Rachel nickte. „Du kannst froh sein, dass deine Eltern verhältnismäßig technophob sind, sonst hätte ich die ganze Veranstaltung auf Video aufnehmen müssen und sie hätten dich damit bis ans Lebensende bloßgestellt.“

„Och, ich denke, das hätte ich überlebt. Sind ja schließlich keine Babyvideos in der Badewanne“, erwiderte Josh cool.

„Ach ja, und was war als dich deine ganzen Klassenkameradinnen zum Abschied geküsst haben?“

„Hey, du weißt, dass das alles nur ein Scherz war. Das hatten sie lange geplant und mir sogar angekündigt. Sie meinten, ich solle wenigstens wissen, worauf ich verzichte.“ Tatsächlich hatte Josh das Ganze mit Humor gesehen.

„Du und ich wissen das. Ebenso deine Eltern. Aber ein potenzieller zukünftiger Freund? Wenn er dich in einem Video sieht, wo es so ausschaut als seist du der Schulcasanova schlechthin gewesen?“

Jetzt verzog Josh dann doch das Gesicht. Offenbar bargen Videos jedweder Art für Eltern das Potenzial ihre Sprösslinge damit zu blamieren. „Okay, ich bin dankbar, dass meine Eltern der Technik gewöhnlich fünf bis zehn Jahre hinterherhinken. Aber was ich eigentlich meinte ist: Ich bin dankbar und glücklich, dass ich meine Eltern noch habe. Sie mögen zwar am anderen Ende der Welt weilen, aber ich habe sie noch. Beatrix und Alicia haben ihre Mutter nie kennengelernt. Und jetzt haben sie auch noch ihren Vater verloren.“ Josh hatte die Richards-Zwillinge ein paar Mal gesehen, wenn er für die letzten Ferientage im Sommer bei seiner Tante untergekommen war, weil nur mit dieser Terminflexibilität günstige Flugtickets zu ergattern waren und Flüge nach, beziehungsweise von Südostasien waren auch so schon teuer genug.

„Sie scheinen es mit Fassung zu tragen“, erklärte Rachel. „Vielleicht weil er für sie immer ein wenig unerreichbar war. Für David ist es wesentlich schwerer. Nicht, dass es für Alicia und Beatrix nicht auch schwer wäre“, fügte sie fast schon hastig hinzu, „aber augenblicklich ist ihre größte Sorge, dass sie zu ihrer Tante Catherine abgeschoben werden.“

Josh zog überrascht die Augenbrauen hoch. Er war dieser formidablen Dame zwar nie begegnet, hatte aber eine Menge über sie gehört. Und nicht alles war positiv gewesen. Eher das Gegenteil. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mr. Richards ihr die Vormundschaft in seinem Testament übertragen hat“, sagte er daher.

„Hat er auch nicht“, erwiderte seine Tante. „Er hat, als David einundzwanzig geworden ist, das Testament dahingehend geändert, dass dieser die Vormundschaft für Alicia bekommt und Edward die für Beatrix. Davor waren sein Bruder, Edwards Vater, und dessen Frau für die Vormundschaft vorgesehen.“ Rachel wusste dies sehr genau, hatte sie doch neben dem Notar das jeweilige Testament bezeugt.

„Er hat die Vormundschaft für die Zwillinge aufgeteilt?“ Auch das überraschte Josh.

„Nun ja, er wusste von seiner Nichte Stephanie, wie schwierig Mädchen in der Pubertät sein können, und sollte ihm etwas zustoßen, würde es David nicht nur doppelt so hart treffen insofern als es Zwillinge sind, sondern auch, weil seine Schwestern ebenfalls trauern würden. Allerdings jede auf ihre Art. Furchtbar kompliziert. Zumindest hat Charles es so beschrieben. Stephanie hat ihm schon gereicht und da war er nur der Onkel, sie nur ein einzelnes Mädchen und es gab keinen Trauerfall. Jedenfalls war er der Ansicht, dass sein Sohn im Fall der Fälle Unterstützung brauchen würde. Und bei Edward wusste er, dass dieser zur Not genau das tun würde, was David nicht fertigbrächte – Humor vor den Ernst stellen, wo es angebracht ist, aber gegebenenfalls auch mit Befehlsstimme die Mädchen herumkommandieren, damit sie gewisse Grenzen nicht überschreiten. Und als Offizier gehört letzteres mit zum Job. Nicht immer und nur dort, wo es notwendig ist, aber ja… Vor allem aber wusste Charles, dass Edward nichts tun oder für Beatrix entscheiden würde, was nicht zuvor mit David abgestimmt worden ist und dessen volle Zustimmung hat.“

Josh dachte eine Weile darüber nach und fand, dass es so gesehen ein recht kluger Schachzug gewesen war. „Aber wenn das alles doch geklärt ist, wieso befürchten die Zwillinge dann, zu ihrer Tante Catherine abgeschoben zu werden?“

„Weil Catherine Dempsey derzeit auf Covendale weilt und kaum eine Stunde eines jeden Tages verstreichen lässt, wo sie nicht wahlweise auf David oder auf Edward einzuwirken versucht, um sie davon zu überzeugen, dass die Mädchen bei ihr doch viel besser aufgehoben seien.“ Tante Rachel starrte grimmig auf die Straße vor ihr. Sie mochte die arrogante Witwe nicht, die sie stets von oben herab behandelte.

„Na wunderbar…“, murmelte Josh. Nicht nur, dass er würde aufpassen müssen, nicht jemanden mit einem unbedachten Wort auf die Zehenspitzen zu treten, obendrein würde er wohl auch noch von Catherine Dempsey als ein Eindringling angesehen werden. Und seiner Tante Rachel zuliebe, würde er auch kaum Widerworte geben können. Fast bereute er schon seine Entscheidung, nicht nach Sri Lanka geflogen zu sein.