Du befindest Dich hier: Geschichten > Weihnachten 2014 > 04. Dezember

04. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

4 - Das wirklich überraschende Geschenk oder "Du bist ganz und gar verrückt, Al!"

Sonntag, 26. April 2015 - Grannys Geburtstag - Carlisles Retirement Home

 

Wohlwollend blickte Rudy am dem Haus hinauf. Sah richtig gut aus für eine Seniorenresidenz. Machte einen sauberen und modernen Eindruck von außen. Hier konnte man sich bestimmt im hohen Alter wohl fühlen. Rudy war schon gespannt, wie es innen aussah. Ob sich Mrs. Kelso schon eingelebt hatte? Sie war schon beinahe einen Monat dort. Wie die Zeit doch verrann. Es war schon Ende April, das Jahr damit schon halb rum. Und es schien jedes Jahr schneller zu rennen. Ob das nur daran lag, dass er älter wurde oder die Erde sich tatsächlich schneller drehte konnte Rudy nicht sagen.

 

Er griff sich das Geschenk vom Rücksitz des Cabrios und blickte auffordern zu Kris. Immerhin war der schon hier gewesen und kannte den Weg. Für Rudy war es der erste Besuch bei seiner ehemaligen Nachbarin. Hoffentlich wollte sie ihn überhaupt sehen, immerhin war es ihr Geburtstag. Er würde es aber auch verstehen, wenn Mrs. Kelso ihn genau an diesem Tag nicht sehen wollte. Schließlich feierte man den ja nur mit der Familie und lieben Freunden.

 

Lachend schloss Kris ab und griff sich selbst sein Geschenk. Es war fast niedlich, wie aufgeregt und gleichzeitig nervös der Jüngere war. "Wird schon alles gut gehen. Granny wird sich freuen, wirst schon sehen", versuchte er den Braunhaarigen aufzumuntern und schlug ihm auf die Schulter. Zusammen mit Rudy machte er sich auf den Weg ins Haus. In der hellen Lobby nickte er dem Herrn hinter dem Tresen zu und wandte sich nach Links. Er wusste wie er zu Granny kam. Sie konnten ja später eine Führung machen. Wenig später klopfte er im dritten Stock gegen die Tür, neben der ihr Name stand. Das beschwingte "Herein" ließ ihn grinsen und er öffnete gut gelaunt die Tür.

 

"Hallo Granny. Ich hab Besuch mitgebracht." Der Blonde trat ein und zog Rudy hinter sich her vom Flur durch die Küche bis ins Wohnzimmer. Der ältere Herr, der mit im Raum war, musste wohl der Grund sein, warum Granny ins Heim gezogen war. Der Mann in den weißen Sachen, der wohl so alt wie er war, war dann sicherlich der Beschenkte. Es würde also eine kleine elitäre Runde sein. Sollte Kris recht sein, große Feiern lagen ihm sowieso nicht.

 

"Alles Gute zum Geburtstag, Mrs. Kelso", wünschte Rudy, nachdem er so gezogen worden war und nun ebenfalls in Sichtweite stand. Die Wohnung konnte man sich später auch in Ruhe ansehen. Erst einmal war das Geburtstagskind wichtig. Räume hatten ja nicht die Angewohnheit, davonzulaufen im Gegensatz zu Menschen.

 

"Rudy", rief die alte Dame überrascht und lief auf den Braunhaarigen zu, zog ihn in eine Umarmung. "Was für eine freudige Überraschung. Mit dir habe ich absolut nicht gerechnet." Das hatte sie wirklich nicht und Kris, der gemeine Kerl, hatte nicht einmal etwas gesagt, als sie gestern noch telefoniert hatten. Das war gar nicht nett, seine Granny so zu behandeln. Da musste sie ihm wohl mal die Leviten lesen. Aber nicht heute! Heute war ihr großer Tag. "Du sollst mich doch Granny nennen", tadelte sie nachträglich, als sie ihren Nachbarn wieder los ließ. Über das Thema hatten sie auch schon ein paar Mal gesprochen.

 

"Aber sie sind doch gar nicht meine Granny, Mrs. Kelso. Da kann ich doch nicht einfach…", intervenierte Rudy und wurde von Kris unterbrochen.

"Lass es, Rudy. Granny ist da sehr dickköpfig. Menschen, die ihre Enkelkinder sein könnten, sollen sie Granny nennen. Mach ihr einfach die Freude." Noch kurz lächelte er Rudy an, bevor er sich den beiden Männern zuwandte. "Ich bin Kris Kelso. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen."

"Noah Bailey. Ich bin als Pfleger deiner Granny zugeteilt, auch wenn ich bei ihr wenig zu tun habe. Meistens reden wir oder Essen ihren selbstgemachten Kuchen. Sie ist noch sehr fidel für ihr Alter. Sie müsste gar nicht hier sein", stellte sich der Mann in weiß mit den schwarzen halblangen Haaren vor.

 

"Ich bin Albert Montgomery. Und ich fürchte, ich bin der Grund, warum dieses bezaubernde Wesen hier eingezogen ist." Er warf einen ziemlich verliebten Blick zu der einzigen Dame im Raum. Wo die Liebe halt hinfiel. Das konnte man zum Glück noch nicht steuern. Albert konnte schon froh sein, dass seine Gefühle erwidert wurden. Nun musste er sich nur noch bei ihrem Enkel bewähren. Es war heute das erste Mal, dass er auf ihn traf. Da hieß es, sich von seiner besten Seite zu zeigen.

 

Überrascht blickte der Braunhaarige zu Kris. "Du heißt wie deine Granny? Das hast du bisher nie erwähnt. Aber ich gebe zu, ich hab auch nie auf deinen Briefkasten oder deine Klingel geachtet." Normalerweise hatten Enkelkinder doch einen anderen Namen als ihre Großeltern. Dass er sich selbst noch nicht richtig vorgestellt hatte, entging ihm total. Wo er darüber nachdachte… Kris hatte sich nur mit seinem Vornamen vorgestellt. Nachdem es Rudy zuerst getan hatte.

 

Nonchalant zuckte der Blonde mit den Schultern. "Stimmt auch. Ich war 16, da sind meine Eltern gestorben. Granny hat mich adoptiert, da sie meine einzige lebende Verwandte ist. Deswegen der Nachname. Für mich war es aber nie ein Thema, sie Mum zu nennen. Sie war immer Granny für mich. Sie hat es mir auch nie übel genommen. Granny ist eben die Beste", erklärte Kris und hauchte der alten Dame einen Kuss auf die Wange. Familie war wertvoll.

 

Rudy nickte nur verstehend, bevor er sich erinnerte, dass er sich selbst noch vorstellen musste. "Mein Name ist Rudy Deer und ich bin ein ehemaliger Nachbar von... ", doch weiter kam der Braunhaarige gar nicht, denn Kris brach in lautes Lachen aus. Das war nicht fair. Beleidigt blies er seine Backen auf. Der Ältere war einfach nur gemein. Fest schlug er Kris mit seiner Faust auf den Oberarm. Was den Blonden nur noch mehr zum Lachen brachte. Er wusste ja selbst, dass er nicht besonders fest schlug.

 

Die verwirrten Gesichter ließen den 33-Jährigen seufzen. "Er lacht wegen meinen Namen. Und weil ich braune Hausschuhe in Huf-Form habe." Das ließ auch die Anderen schmunzeln, doch sie hielten sich dankbarerweise mit dem Lachen zurück. Und wenigstens beruhigte sich Kris einigermaßen schnell. Er hatte sogar den Anstand sich zu entschuldigen. Wenigstens war er gut erzogen worden.

 

"Gut. Jetzt setzt euch schon alle. Ich hab da Geschenke auszupacken und Kuchen gibt es dann unten im Bistro. Es ist schon alles abgesprochen mit den Angestellten", erklärte Granny und setzte sich selbst auf eine der zwei Zweier-Couches. Noah nahm den einzigen Sessel, so blieb die zweite Zweier-Couch für Kris und Rudy, denn Albert hatte sich bereits neben dem Geburtstagskind niedergelassen.

 

Er war auch der Erste, der sein Geschenk weiter reichte. "Ich hoffe, du magst es. Falls nicht, lässt es sich umtauschen." Die Nervosität war aus seiner Stimme zu hören, lange kannten sie sich eben noch nicht. Und doch hatte es beim ersten Anblick Tsching gemacht, auch wenn Albert immer davon ausgegangen war, dass mit seiner Frau Laurel auch seine Liebe gestorben war. Das Leben hielt jede Menge Überraschungen bereit.

 

Neugierig geworden öffnete Lilian den unscheinbaren Umschlag. Sie erwartete nicht wirklich etwas Großes, immerhin kannten sie sich kaum. Auch wenn sie diesen Umstand nur zu gerne ändern wollte. Nach Luft schnappend hielt sie schließlich einen Gutschein in den Händen und ihr ungläubiger Blick wanderte zwischen dem so normalen Blatt Papier und Albert hin und her. "Du hast… du hast…", stammelte sie vollkommen überrascht.

"Nicht gut?", wollte der Weißhaarige unbehaglich wissen. Er hätte ihr etwas anderes schenken sollen! Das war eine ganz und gar bescheuerte Idee gewesen. Mit einem mädchenhaften Quietschen viel Granny ihrem Sitznachbarn um den Hals. "Du bist ganz und gar verrückt Al! Aber ich liebe es. Das wollte ich schon lange. Danke."

 

Einen Moment brauchte es noch, doch dann hatte Lilian sich wieder gefasst. "Der verrückte aber absolut liebenswerte Kerl hat mir ein Wochenende in Las Vegas geschenkt." Die Eröffnung saß. Überraschte Blicke wanderten zu Albert. Das war kein günstiges Geschenk. Das machte man normalerweise niemandem, der einem nicht wenigstens etwas bedeutete. Es schien Albert wohl doch ziemlich erst zu sein.

 

Kris war der Erste, der sich wieder fing. "Ihr könnte fliegen, Kinder. Aber es gibt keine Spontanhochzeit! Und sollte ich doch spitz kriegen, dass ihr Hals über Kopf geheiratet habt, schleife ich euch an den Ohren zu der besagten Kirche, um die Ehe annullieren zu lassen." Ernst sprach Kris und man bekam das Gefühl, das Kris mit zwei Teenagern sprach, die das erste Mal von zuhause weg waren.

 

Rudy war der Erste, der in haltloses Gekicher ausbrach. Er wusste, es gehörte sich nicht für einen Mann zu kichern, aber er konnte es nicht lassen. Die Szene war einfach zu absurd gewesen. Besonders da die beiden Angesprochenen auch noch wie ertappte Schulkinder zusammensackten. Hach… musste Liebe schön sein. Aber er gönnte es Granny, das sie ihren sprichwörtlichen zweiten Frühling erlebte. Nach und nach begannen auch die Anderen zu lachen, bis selbst Kris lachte. Das Eis schien jedenfalls gebrochen zu sein.

 

Noah überreichte der Jubilarin einen Gutschein als Einkaufsberater. Wirklich originell war es nicht, schon gar nicht, wo er letzten Monat ein so tolles Geschenk von ihr zu Ostern erhalten hatte. Aber die Dame erzählte auch so wenig über sich, dass er gar nicht wirklich wusste wofür sie sich begeistern konnte. Doch sie schien sich zu freuen und das war die Hauptsache. Zu Weihnachten konnte er ihr dann etwas Besonderes schenken, da wusste er hoffentlich mehr über sie.

 

Der Blonde überreichte sein eckiges Paket. Als guter Enkel wusste er, das Granny eine Buchreihe besonders mochte und da war eben ein neuer Teil erschienen. Also hatte er ihn ihr gekauft. "Oh... danke Kris. Den letzten Band hab ich schon zweimal gelesen. Dann hab ich etwas zu tun, vor dem Schlafen gehen." Liebevoll wurde das Buch auf den Couchtisch gelegt.

 

Danach blieb nur noch Rudy übrig. Unbehaglich drehte er sein Geschenk in den Händen, bevor er es weiter reichte. Hoffentlich hatte er das Richtige für Granny. Es war das erste Mal, dass er so etwas versucht hatte. Rudy konnte es gar nicht schnell genug gehen, mit dem Auspacken. Und dann war es soweit. Sie hatte das Papier entfernt und hob den Deckel an.

 

"Das ist wunderschön, Rudy. Du hast dich einfach selbst übertroffen. Das muss eine Heidenarbeit gewesen sein, so klein wie die Kugeln sind", mutmaßte Lilian und hob vorsichtig ihr Geschenk aus der Schachtel. Sofort begann das Mobile sich zu drehen. Und jeder der kleinen Kugeln zeigte eine andere Blume. Das musste Rudy Stunden gekostet haben sie zu bemalen.

 

"Freut mich, wenn es dir gefällt Granny", erwiderte er und lächelte. Schön dass es ihr gefiel. "Es hat etwas gedauert, aber ich musste keine zweimal machen. Es war ruhig im Haus." Frech grinste Rudy zu Kris rüber. Der verstand den Seitenhieb bestimmt.

 

Und wie der verstand, denn Kris blies beleidigt die Backen auf. "Hey... das war ein einziges Mal und dadurch haben wir uns schließlich kennen gelernt. Und du willst ja wohl kaum behaupten, dass du das bereust oder Rudy?" Es war halt einmal laut geworden bei seinem Einzug. Was mussten die Möbeldesigner es auch immer so kompliziert machen? Da konnte man einen Schrank gar nicht alleine zusammenbauen und dann gab es halt nun mal Lärm.

 

Bevor das Ganze noch eskalieren konnte erklang Noahs Stimme: "Soll das heißen... dass du die gemacht hast? Dann... dann ist die Kugel mit dem Cadillac auch von dir?"

Der 33-Jährige konnte nur nicken. Was sollte er auch groß darauf antworten?

"Du hast ein unglaubliches Talent. Ich muss unbedingt die Adresse deines Ladens haben. Meine Frau ist ganz verrückt nach solchen Kugeln und bisher hat sie immer teuer über das Internet aus Übersee bestellt. Es wäre ein Segen, wenn wir sie direkt abholen können. Cora treibt mich nämlich mit ihrer Ungeduld immer in den Wahnsinn."

 

"Danke... für das Kompliment", stammelte Rudy. Er war es ganz und gar nicht gewöhnt welche zu bekommen. Aber es machte ein warmes Gefühl in der Brust. Es war schön, wenn Menschen seine Arbeit wertschätzen. Meistens kamen die Leute, um die Kugel zu kaufen und sie zu verschenken, da bekam er die Reaktion der Beschenkten nicht mit. "Ich kann dir die Adresse aufschreiben, Noah. Ich bemale auch auf Wunsch. Das Mobile war das Erste, das ich jetzt gemacht habe. Vielleicht sollte ich noch ein weiteres machen und es ins Schaufenster hängen. Ich kann ja dann die Reaktion der Kunden beobachten."

 

Lilian klatschte begeistern in die Hände. "Eine fabelhafte Idee. Aber das kannst du auch ein andermal überdenken, Rudy. Heute geht es nur um mich. Ich bin die Königin der Welt", brachte Granny arrogant und von sich überzeugt hervor. Die Lacher waren natürlich auf ihrer Seite. So war das auch beabsichtigt gewesen. "So, Gentleman, ich würde vorschlagen, wir machen uns auf den Weg ins Bistro. Ich würde gerne meinen Geburtstagskuchen essen."

 

Dem Vorschlag stimmten die Vier zu und so machte sich die Gruppe auf den Weg hinunter ins Erdgeschoss, durch die Lobby ins Bistro. Ein Tisch war schon liebevoll für eine Geburtstagsparty gedeckt. Mandy hatte Wort gehalten. Auf das Personal im Carlisle konnte man sich eben verlassen. Aber dafür bezahlte man ja auch genug pro Monat.

 

Kaum hatten sich die Feiernden am Tisch niedergelassen, kam auch schon die Bedienung. "Alles Gute, Mrs. Kelso. Mandy hat mich informiert. Was kann ich Ihnen zu trinken bringen?" Es wurde Kaffee und Tee bestellt, was beides auch schnell gebracht wurde. Kurz darauf kam die Bedienung auch schon mit den Kuchentellern. Schokoladenkuchen. In Grannys Fall mit ein paar Kerze als Dekoration. Auf das Singen verzichteten sie, da sie nicht die einzigen Gäste waren. Man musste es sich ja nicht unnötig mit dem Personal verscherzen. Am Ende warf man Granny noch aus der Seniorenresidenz.

 

Es wurde noch ein lustiger Nachmittag. Sie plauderten über schöne und schlechte Geburtstage, über Orten an denen sie schon gewesen waren. Noah gab Tipp zu Las Vegas, weil er eigentlich von dort kam und vor zehn Jahren nach San Francisco gezogen war. Kris konnte es nicht unterlassen nochmal darauf hinzuweisen, dass eine Hochzeit nicht in Frage kam. Falls Granny doch noch mal heiratete, wollte er gefälligst dabei sein.

 

Nach dem Kaffee und Kuchen gab es dann noch eine Führung. Für Rudy, der die Wohnung nicht wirklich gesehen hatte und dann durch die restliche Seniorenresidenz für die beiden Auswärtigen. Beide fanden nur lobende Worte für das Gebäude. Das war ein Ort, an dem man gerne Alt werden wollte. Sie konnten Grannys Entscheidung mehr als verstehen und es war nicht zu übersehen, das Albert nicht ganz Unschuldig an ihrer Entscheidung gewesen sein konnte. Kris und Rudy gönnten es der alten Dame.





Wiedersehen auf Covendale [chaotizitaet]

04

Fast alle seine Erwartungen erfüllten sich. Catherine Dempsey warf ihm tatsächlich entweder eisige Blicke zu oder ignorierte ihn, aber da sich das meist auf wenige Minuten des Tages beschränkte, schaffte es Josh, sich zu benehmen und seiner Tante keine Schande zu machen. Dass er das schaffte, lag überwiegend daran, dass er sich möglichst nicht im Haus aufhielt. Der Park von Covendale war weitläufig genug, um ein nettes, ungestörtes Fleckchen zu finden, selbst wenn die autokratische Dame die Anwandlung überkam, einen kleinen Spaziergang durch den Garten zu unternehmen. Das Dorf war mit dem Fahrrad rasch erreicht und zum Glück gab es in einem Teil des ehemaligen Stallgebäudes genug alte Drahtesel, dass Josh die knapp sieben Kilometer nicht zu Fuß zurücklegen musste. An anderen Tagen wiederum lieh er sich den Wagen seiner Tante und fuhr nach London, um sich in Hinblick auf sein Studium dort zu orientieren. Er wusste, dass der Herbst schneller vor der Tür stand, als man zu Beginn eines Sommers meist glaubte, und wenn er einen der besseren Studentenjobs haben wollte, konnte er nicht warten, bis die Vorlesungen begannen. Denn dann würde er allenfalls noch als Tellerwäscher in der Mensa etwas bekommen.

Doch er hatte Glück. Es war zwar vielleicht nicht gerade der Traumjob unter den Studentenjobs, aber an diesem Tag war es ihm gelungen, eine Teilzeitstelle bei einem der Copy-Shops auf dem Campus zu bekommen. Entsprechend tanzte er um das Auto herum, als er es auf dem angestammten Parkplatz in Covendale abstellte. Er wollte einfach noch nicht ins Haus und sich dort die Laune von Catherine Dempsey vermiesen lassen. Lieber also noch eine Runde um das Auto tanzen!

„Muss ich mir Sorgen machen?“, fragte nach der dritten Runde eine Stimme unweit von ihm amüsiert.

Josh hielt abrupt inne und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Seine Augen weiteten sich, als er erkannte, wer ihn da so überrascht hatte. „Sir!“, brachte er ein wenig verlegen hervor.

„Nicht du auch noch.“ Das Ganze wurde von einem gespielten Stöhnen begleitet.

Joshs Mundwinkel zuckten verräterisch. Es war einer der wenigen Scherze, die derzeit in Covendale gemacht wurden. Edward Richards war erst im Frühjahr zum Captain befördert worden und nachdem Alicia und Beatrix erfahren hatten, dass er sich mit ihrem Bruder David die Vormundschaft für sie beide teilte, hatten sie begonnen, ihn wie ihren vorgesetzten Offizier anzureden. Einschließlich des wiederkehrenden Sirs. Josh wiederum wusste meist nicht recht, wie er Captain Edward Richards ansprechen sollte, war dieser doch einige Jahre älter als er – sechs um genau zu sein – und strahlte obendrein die Autorität eines Erwachsenen aus, so dass es ihm nicht so ganz passend schien, ihn, wie er es bei David Richards tat, einfach mit dem Vornamen anzusprechen. Außer natürlich wenn er nachts allein in seinem Bett lag und sich einmal mehr eingestand, dass er den Offizier überaus anziehend fand. Was wiederum das Problem in sich barg, dass Josh, sollte er dessen Vornamen benutzen, befürchtete, sich in seiner Schwärmerei zu verraten. Und so war das ‚Sir‘ für ihn eine humorvolle Alternative. „Sir.“

Edward lachte ergeben. „Also schön, wenn du darauf bestehst. Aber im Gegenzug erwarte ich, dass du mir erzählst, was an dem Auto so toll ist, dass man darum herumtanzen muss.“

„An dem Auto? Eigentlich gar nichts“, erklärte Josh grinsend und spürte wie das Hochgefühl, das ihn schon seit der Abfahrt in London begleitete, wieder in ihm hochstieg. „Vielmehr bin ich das Besondere. Denn ich habe heute einen Studentenjob ergattert, bei dem ich nicht die Essensreste und Schweinereien meiner Kommilitonen wegmachen muss.“

„Oh, das ist natürlich tatsächlich ein Grund für eine solche Tanzeinlage. Und was für ein Job ist es, wenn ich fragen darf?“

„Man darf fragen, ja. Es ist ein Job in einem Copyshop. Ich weiß, ist zwar eigentlich auch nichts besonderes, aber ich ziehe es dem endlosen Geschirrband in der Mensaküche vor“, begann Josh zu erzählen. „Ich hatte richtig Glück. Der Shop versucht jedes Jahr Studenten aus allen Semestern zu bekommen, da auf diese Weise am ehesten der Schichtplan mit den verschiedenen Vorlesungsplänen abgedeckt werden kann und ich war der erste Erstsemesterstudent, der nach einem Job gefragt hat. Und nachdem ich unter Beweis gestellt hatte, dass ich den (absichtlich herbeigeführten) Papierstau ohne Schwierigkeiten beheben konnte – das Display am Kopierer führt einen schließlich idiotensicher zum Fehler und erklärt auch, wie man den Fehler beheben kann –, hat mir der Chef die Hand geschüttelt und mich im Team willkommen geheißen.“

„Gut, ich kann verstehen, dass du dich nicht um Berge von Geschirr kümmern willst, aber ein Copyshop? Ich kann mir kaum vorstellen, dass du da sonderlich viel verdienst…“, gab Edward zu bedenken.

„Nun ja, das vielleicht nicht“, gab Josh zu. „Bezahlt wird nach Stunden und es ist der übliche Studentensatz. Wie viele Stunden ich die Woche arbeiten kann, hängt von meinem Vorlesungsplan ab, allerdings sind mir nicht weniger als fünf Stunden zugesichert worden. Aber ich schätze, dass ich durchaus mehr Stunden kriegen kann, wenn ich bereit bin auch so ungeliebte Schichten wie Freitag- und Samstagabend zu übernehmen.“

„Was, kein Studentenleben mit Partys und so geplant?“

„Hey, um ausgehen zu können, braucht man Geld. Und Geld muss verdient werden. Ich kann mich schon glücklich schätzen, dass ich mich nicht um ein Studiendarlehen bemühen muss, weil meine Eltern die Gebühren und Bücher übernehmen und meine Tante für Kost und Logis aufkommt, vorausgesetzt ich wohne im Wohnheim oder einer angemessenen WG, aber um mein Taschengeld muss ich mich selbst kümmern“, verteidigte sich Josh.

„Okay, das macht Sinn“, stimmte Edward zu. „Aber wieso dann ein Copyshop und nicht zum Beispiel Kellner in einem Pub? Der Stundenlohn ist ähnlich und in einem Pub bekämst du zusätzlich noch Trinkgeld.“

„Das vielleicht schon, aber seien wir ehrlich: Wie viel werde ich wohl in einem Copyshop zu tun haben? Ich muss Papier auffüllen, abkassieren, hier und da einen Papierstau beheben oder den Toner wechseln, aber meist muss ich nur ein Auge darauf haben, dass niemand mit seinen Kopien abhaut, ohne zu bezahlen. Und es gibt auch immer mal Phasen wo so gut wie niemand im Laden sein wird. Sprich jede Menge Zeit um Hausaufgaben zu machen oder zu lernen, selbst wenn man mit dem einen oder anderen Kunden noch ein kurzes Schwätzchen hält. Als Kellner wäre ich ständig auf Trab, um Bestellung aufzunehmen, Getränke und Essen zu servieren, abzuräumen, Tische abzuwischen und so weiter. Da liefe das Trinkgeld dann eher unter Kilometergeld.“

„Ich sehe schon, du hast das alles ganz genau geplant.“ Ein wenig Anerkennung schwang in Edwards Stimme mit. „Ich nehme an, deine Unterkunft hast du auch schon in trockenen Tüchern?“

Josh nickte. „Eines der angegliederten Studentenwohnheime. Kleines Zimmer mit eigenem Bad.“ Er grinste glücklich. „Nach all den Jahren im Internat wird es herrlich sein, sein eigenes Badezimmer zu haben. Überhaupt, sein eigenes Zimmer zu haben… Tür zu und Ruhe.“

„Einer der Vorteile am Offiziersdasein… je höher du kommst, desto mehr Privatsphäre wird dir gewährt. Doch desto weniger Zeit hast du, sie zu genießen, besonders im Einsatz.“ Edward sah für einen Moment ein wenig bedrückt aus, schob aber rasch was auch immer das für ein Gedanke war, der diese Regung hervorgerufen hatte, beiseite. „Auf jeden Fall gratuliere ich zu dem Zimmer. Die sind gewöhnlich nicht so leicht zu ergattern.“

„Och…“

„Beziehungen?“, fragte Edward schmunzelnd.

Josh schüttelte den Kopf. „Nein. Aber die Zusage wegen der Kostenübernahme von Tante Rachel bekam ich bereits letztes Weihnachten. Also habe ich mich entsprechend frühzeitig auf eine der Listen setzen lassen.“

„Na, das nenne ich mal Weitblick!“

„Gehört alles zum Job. Nun ja, zum zukünftigen Job“, sagte Josh mit einem leicht stolzen Grinsen. „Was wäre ich schließlich für ein angehender Logistiker, wenn ich nicht mal die Logistik meines Unianfangs auf die Reihe bekäme.“

„Interessante Berufswahl“, kommentierte Edward und Josh konnte förmlich sehen, wie dieser in seinem Geist Logistik mit Panzerverschiffung und Truppenbewegungen in Verbindung brachte. Ob sie bei der Armee wohl einen Logistiker bräuchten?

Er rief sich zur Ordnung. Noch hatte er keinen Abschluss, noch hatte er ja nicht mal mit dem Studium angefangen, und wer sagte ihm, dass er, selbst wenn die Armee ihn nach der Uni einstellen würde, dann mit Edward würde zusammenarbeiten können? Vermutlich würde er dann bloß irgendwelche Schreibtischoffiziere zu sehen bekommen, aber keinen schneidigen Captain Richards. Stattdessen beschloss er also Edward zu erklären, wie es zu seiner Berufswahl gekommen war. „Ich kenne vermutlich jeden internationalen Flughafen zwischen hier und Sydney, egal in welche Richtung wir uns drehen, Afrika mal ausgenommen. Ich bin in Hongkong geboren, habe in Indien laufen gelernt, in Thailand den Kindergarten besucht und erst zur Grundschule englischen Boden betreten. Die Sommerferien habe ich immer mit Reisen verbracht. Und seit meine Eltern sich in Südostasien selbstständig gemacht haben, habe ich immer wieder erlebt, wie man vor Ort und auch von überall her aus der Welt Dinge organisiert. Inklusive meiner eigenen Flüge. Ehrlich, manchmal kam ich mir selbst wie ein Packstück vor.“ Josh war stolz darauf, dass es ihm gelang, die Bitterkeit, die er gerade beim letzten Satz verspürte, fast gänzlich aus seiner Stimme herauszuhalten. „Aber das wirklich Faszinierende war, wenn alles funktionierte. Wenn alles reibungslos lief, alles pünktlich und heil ankam. Und das Gefühl der Befriedigung, wenn alles geklappt hat und man dafür verantwortlich war, dass eben alles klappte, das ist toll. Selbst wenn es nur darum geht, etwas so Simples zu machen, wie dafür zu sorgen, dass ein Bild von der lokalen Werkstatt des Malers unbeschadet ins Hotel geschafft wird.“ Besagtes Bild war die Dekoration der Eingangshalle gewesen und größer als Josh damals. Und auch wenn die Wegstrecke nur ein paar wenige Kilometer betragen hatte, war ein Lastwagen nicht verfügbar gewesen, ebenso wenig ein Eselkarren… Als er Edward erzählte, wie er als Dreizehnjähriger damals mit zwei Skateboards und ein paar Holzlatten ein Transportgefährt zusammengezimmert und dann mit Hilfe der Kinder aus der Nachbarschaft den Transport bewältigt hatte, staunte dieser nicht schlecht. „Och, im Grunde war es ganz einfach. Schließlich wollte jeder einmal das Bild auf den Skateboards schieben. Und so waren es letztlich für jeden nur ein paar hundert Meter“, sagte Josh bescheiden, auch wenn er damals stolz wie Oskar gewesen war, als sie endlich im Hotel seiner Eltern angekommen waren.

 

Das nächste Mal begegneten sie einander zwei Tage später im Park. Es war ein herrlich sonniger Tag und Catherine Dempsey in Höchstform. Noch im Garten konnte man sie in Davids Büro zetern hören, als Josh mit Keksen und Buch bewaffnet eine ruhige Stelle an dem kleinen Bach, der den Park durchfloss, ansteuerte.

„Ich verlange sofort, dass du mit dem Unsinn aufhörst!“, keifte Mrs. Dempsey. „Ich bin schließlich kein Dienstbote, dass ich Frühstück für alle mache. Zumal du wohl erwartest, dass ich dann auch noch deine Haushälterin und ihren Gast ebenfalls beköstige.“ Es ging um die Ankündigung des Hausherren beim Frühstück, dass sie künftig reihum den Frühstücksdienst zu übernehmen hätten, da nun die Beerdigungsgäste – mit Ausnahme von Catherine Dempsey – abgereist seien und nun auch keine Notwendigkeit mehr bestehe, Vollzeit Küchenpersonal vom Cateringdienst zu beziehen. Mittag- und Abendessen würden sie über die Küche des Cafés beziehen, das sich um das leibliche Wohl der Touristen, die Covendale besuchten, kümmerte.

Die ruhige Antwort des Hausherrn war außerhalb seines Arbeitszimmers nicht zu hören, aber Josh konnte sich vorstellen, was er sagte: „Liebste Tante Catherine, es schmerzt mich unsäglich, dich in deiner Ignoranz korrigieren zu müssen, aber Mrs. Hall ist nicht meine Haushälterin. Vielmehr ist sie meine heimliche Geliebte und ihr Gast Josh mein unehelicher Sohn, der dereinst Covendale erben wird“, füllte er mit einer gehörigen Prise Phantasie den Dialog aus, während er grinsend über den Rasen schritt.

„Interessante Theorie“, erklang es da von der Seite und Edward gesellte sich zu Josh. „Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass David bereits mit sieben Jahren zeugungsfähig war.“

„Tja, wer weiß… vielleicht ist er ja diesbezüglich ein Wunderkind“, erwiderte Josh lachend. „Jeder weiß, dass er seine Tante nur darauf hinweisen wird, dass Tante Rachel nicht seine Haushälterin ist sondern genau genommen seine persönliche Assistentin mit einem Vertrag bei der Stiftung. Dass sie für ihre Wohnung Miete, wenn auch nur eine geringe, zahlt und sich an den Haushaltskosten beteiligt und somit es eigentlich meine Tante ist, die mich beköstigt, wohingegen Mrs. Dempsey vermutlich keinen Penny zu den laufenden Kosten beiträgt.“

„Natürlich nicht. Sie ist Davids Gast“, erwiderte Edward neutral.

„Ein ungeladener Gast, so wie ich das sehe. Sicher, zur Beerdigung waren sie alle eingeladen. Mit Übernachtung und allem. Aber Lady Catherine hat es nur Davids guten Manieren zu verdanken, dass sie auch darüber hinaus bleiben durfte, nachdem bereits alle anderen abgereist sind.“

„Pass nur auf, dass sie nicht hört, dass du sie so nennst“, warnte ihn Edward, den es nicht überraschte, dass Josh von dem Spitznamen wusste, den alle jüngeren Familienmitglieder für ihre Tante gebrauchten.

„Die Zwillinge und ich haben diesbezüglich die Theorie, dass sie es gar nicht mal schlimm fände, wenn sie um ihren Spitznamen wüsste, sondern im Gegenzug vielleicht sogar gutheißen würde. Vorausgesetzt natürlich wir machten es nicht offensichtlich, dass wir sie damit auf den Arm nehmen wollen. Glaubt man Beatrix und Alicia, würde sie es zwar abtun, aber insgeheim zu sich sagen, dass wir endlich erkannt hätten, welcher Respekt und die damit einhergehende Anrede ihr gebührt.“

„Da hättet ihr gar nicht mal so unrecht. Meine Eltern haben mir erzählt, dass sie, seit sie sechzehn war, kaum ein Buch so intensiv studiert hat, wie den Debretts. Ganz offenkundig, um herauszufinden, welche unverheirateten Adeligen mit passendem Alter es zu dem Zeitpunkt gab, um dann Pläne zu schmieden, wie sie den einen oder anderen als künftigen Gatten gewinnen könnte.“

Josh blickte ein wenig nachdenklich drein. „Wie kam es dann, dass sie ihren Willen nicht gekriegt hat? Ich meine, sie ist eine sehr zielstrebige Person, die mit Sicherheit auch charmant sein kann, wenn sie will. Und ihre Eltern werden doch gewiss über reichlich Verbindungen verfügt haben, so dass sie den richtigen Leuten vorgestellt werden konnte, die dann wiederum wen kannten und so.“

„Tja, da magst du Recht haben. Aber meine Großeltern waren keine Partymenschen. So hatten sie zwar Verbindungen, aber diese waren im Fall meines Großvaters überwiegend geschäftlicher Natur und zu einem Geschäftsessen konnte er kaum plötzlich seine Tochter mitbringen, die nicht einmal ansatzweise etwas in dieser Richtung studierte, wo er hätte sagen können, er wolle ihr schon früh zu einem guten Start verhelfen. Und die Verbindungen meiner Großmutter waren in verschiedenen Gartenclubs beheimatet. Tante Catherine wird wohl versucht haben, bei dem einen oder anderen Treffen dort dabei zu sein, aber du siehst ja selbst, wie viel Interesse sie für den Park und den Garten hier aufbringt. Auf die Dauer wird sie es nicht ausgehalten haben, stundenlang einer Diskussion über Rosen, Tulpen und Veilchen zuzuhören.“

Hier konnte Josh nur nicken. Es war allgemein bekannt, dass Mrs. Dempsey nur deshalb im Garten den Tee einnahm, weil sie fand, es gehöre sich so. Und weil sie dabei von den zahlenden Besuchern aus sicherer Entfernung als Quasihausherrin mit dem notwendigen Stil bewundert werden konnte.

„Also hat sie am Ende das Nächstbeste gemacht“, fuhr Edward fort. „Sie hat einen reichen Börsenmakler geheiratet und alles daran gesetzt, dass er einen Nebenjob als Gastdozent an einem renommierten College erhält, in der Hoffnung, dass neben weiteren gesellschaftlichen Projekten, die sie zweifelsohne im Kopf hatte, über die Zeit sein Verdienst um das Finanzwesen die Queen dazu bewegen würden, ihn wenigstens zum Ritter zu schlagen. Dummerweise hat James Dempsey mit seinem frühen Ableben all ihre Pläne durchkreuzt.“

„Arme Lady Catherine.“ Es schwang tatsächlich ein wenig Bedauern in Joshs Stimme mit und wäre da nicht der Gebrauch des Spitznamens gewesen, hätte Edward ihm das Bedauern fast geglaubt. Aber ehrlich gesagt sorgte Catherine Dempsey mit ihrem Verhalten dafür, dass echtes Bedauern kaum nahrhaften Boden fand, um sich dort festzusetzen.

Sie hatten mittlerweile den Bach erreicht und als Josh sich an einer sonnigen Stelle ins Gras setzte, ließ sich Edward wie selbstverständlich neben ihm nieder. Als er es dann auch noch Josh gleichtat und ein Taschenbuch hervorzog, konnte Josh nicht anders als zu lachen.

„Was ist das für ein Format?“, fragte er neugierig, war Edwards Buch doch recht schlicht aufgemacht, dafür aber endlich mal tatsächlich ein Taschenbuch insofern, als man es wirklich in die Hosentasche stecken konnte.

„Keine Ahnung, wie man das Format nennt“, gab Edward zu. „Es ist von einem deutschen Verlag, der in diesem Format und mit sehr einfacher Aufmachung eine Universalbibliothek betreibt, wozu auch eine fremdsprachige Sektion gehört. Die Auswahl ist vielleicht nicht so riesig, aber die Bücher sind schön klein und auch günstig, so dass es nicht schlimm ist, wenn sie bei einer Feldübung in den Dreck fallen oder Knicke bekommen.“

Unwillkürlich musste Josh an die prunkvolle Bibliothek Covendales denken. „Ich kann mir vorstellen, dass dein Cousin deinen Sinn fürs Praktische zu schätzen weiß, bleiben so doch die Bücher seiner Bibliothek vom Schlamm verschont.“

„David würde mich killen, wenn ich auch nur einen seiner kostbaren Bände weiter als einhundert Meter von dem angestammten Regal entführte. Natürlich ganz brüderlich und so.“

„Ist schließlich auch eine beachtliche Sammlung, die er da hat. Tante Rachel erzählte mir, dass sie für manche Bände sogar Anfragen von renommierten Universitäten bekommen, wo Doktoranden um Einblick in die Bücher für ihre Arbeiten bitten. Da käme es gar nicht gut, wenn diese plötzlich fehlten, weil du sie zum Armee-Camping mitgenommen hast.“

„Armee-Camping?“ Edward schüttelte lachend den Kopf. „Zum einen das und zum anderen stell dir vor, wie es wäre, wenn Hauptsaison für die Besucher ist und die Führung die Bibliothek erreicht, aber die Regale überall Lücken aufweisen… Es gibt Leute, die besuchen Landsitze nur wegen der Bibliotheken, da kann ich nicht Teile der Sammlung entführen.“

Josh nickte. „Keks?“, fragte er und bot Edward einen von den Schokoladenkeksen an, die er am Vortag im Dorf gekauft hatte.

„Sind die von Mrs. Cox?“

Josh nickte abermals.

„Dann in jedem Fall. Mrs. Cox macht die besten Schokoladenkekse in der ganzen Grafschaft, wenn nicht im ganzen Königreich.“

Nun, Edward würde diesbezüglich keine Widerworte von Josh hören. Abgesehen davon, dass dieser gerade selbst damit beschäftigt war, seinen Keks zu essen und man bekanntlich mit vollem Mund nicht sprach. Darüber hinaus war er zudem damit beschäftigt, sich darüber Gedanken zu machen, ob es etwas zu bedeuten hatte, dass Edward sich in seiner Gegenwart offenkundig wohl genug fühlte, sitzen zu bleiben und tatsächlich in seinem Buch zu lesen.