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05. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

5 - Das ist so typisch Regierung oder "So... ich bin zu jeder Schandtat bereit."

Sonntag, 10. Mai 2015 - Ausflug - Pier 39 und Alcatraz

 

Beschwingt schlug Rudy die Bettdecke beiseite. Heute war ein guter Tag. Es war Sonntag und er hatte wirklich nichts zu tun. Keine Hausarbeit und was noch wichtiger war, er musste mal keine Glaskugeln für den Laden bemalen. Das hatte er in den letzten Tagen schon gemacht, sogar ein zweites Mobile, wie er sich das vorgenommen hatte. Auch Noah war schon vorbeigekommen und hatte eine zweite Kugel mit Auto gekauft. Diesmal mit einem grünen Chevrolet Camaro. Rudy hatte nichts dagegen, so musste er wenigstens nicht fürchten den Laden schließen zu müssen, weil er keine Kunden hatte.

 

Und weil heute eben nichts anstand, konnte er zwei Sehenswürdigkeiten abarbeiten, die er schon lange hatte anschauen wollen. Pier 39 und Alcatraz. Das lag quasi nebeneinander. Es war nur 0.3 Meilen zwischen dem Pier und der Anlegestelle für die Fähre. Und Beide hatten heute geöffnet.

 

Der Braunhaarige sprang aus dem Bett und tigerte ins Wohnzimmer, wo er das Telefon stehen hatte. Schnell war eine Nummer gewählt. Er kannte einen der Angestellten beim Vorort Ticketverkauf. Vielleicht hatte er Glück und der arbeitete heute. Dann konnte er ihm ein Ticket zurücklegen. Wenn nicht, musste er eben auf sein Glück vertrauen und es vor Ort versuchen. Für die Onlinetickets war es definitiv zu spät. "Hallo Thomas. Genau der Mann, den ich sprechen wollte. Hier ist Rudy." Sie hielten einen Moment Smalltalk, bis der 33-Jährige auf sein eigentliches Anliegen kam.

 

"Ich hab heute Zeit und wollte ganz spontan zur Nacht Tour nach Alcatraz. Kann dein gescheiter Computer mir da weiter helfen?" Frech grinste Rudy, auch wenn Thomas das nicht sehen konnte, so konnte er es doch hören.

"Ist reichlich kurzfristig, Rudy", schollt die Stimme aus dem Hörer und der Braunhaarige duckte sich instinktiv. Das wusste Rudy doch selbst, aber er konnte nicht Monate vorher planen. Schließlich wusste er nie, wann mal ein Kunde mit Extrawünschen kam und er dafür Überstunden machen musste. Dann war erst einmal nur das Geklapper von Tasten zu hören. "Du hast echt Dusel, Rudy. Ich hab noch ein paar wenige Karten, die storniert wurden. Soll ich dir eine zurücklegen?" Der 33-Jährige nickte automatisch, bis ihm wieder bewusst wurde, dass sein Gesprächspartner das nicht sehen konnte.

 

"Ja... leg mir doch bitte eine...", begann Rudy und unterbrach sich selbst. Ob Kris vielleicht mit wollte? Immerhin kam er ja aus Los Angeles. Das hatte er an Grannys Geburtstag erzählt. Bestimmt war er noch nicht auf The Rock gewesen. "Kannst du auch zwei reservieren? Ich hab vielleicht jemanden, der mit möchte." Nervös biss Rudy auf seiner Unterlippe herum. Hoffentlich konnte Thomas das. Wieder war nur das Tippen zu hören. "Ich reserviere dir zwei Karten. Ich leg sie auf deinen Namen zurück. Sei einfach eine halbe Stunde vor der Abfahrt da. Damit du die Tickets rechtzeitig in den Händen hältst. Die Schlange ist immer lang."

"Danke, Thomas. Du hast was gut bei mir", bedankte sich der Braunhaarige überschwänglich. Nach einem <<ich werde dich daran erinnern>>, verabschiedeten sich beide und legten auf. Erst einmal musste sich Rudy jetzt anziehen.

 

Das Telefon landete wieder auf der Station und nach einem Blick auf das Thermometer, das auf dem Fensterbrett stand, machte sich Rudy wieder auf den Weg ins Schlafzimmer. Er konnte locker eine kurze Cargohose tragen, da musste er auch keinen Rucksack mitnehmen. Dazu ein graues T-Shirt, das zur grünen Hose passte. Die kurzen Haare mit Gel verstrubbelt und Rudy war zu jeder Schandtat bereit. "Dann schauen wir doch mal, ob Kris schon wach ist und er mit möchte", murmelte Rudy. Ausweis und Geldbeutel, dann hatte er alles und konnte direkt los, auch wenn Kris schon etwas Besseres zu tun hatte. Er würde nicht böse sein, denn wirklich rechtzeitig war er ja nicht gerade.

 

Wenig später quietschten die Sohlen seiner Schuhe auf den Treppenstufen. Einen Stock höher klingelte er bei Kris. Es war Sonntag, sicherlich war er zuhause. Als sich nach drei Minuten immer noch nichts regte, klingelte der Braunhaarige erneut. Er konnte hartnäckig sein, wenn er es musste. Und dann hörte er endlich Geräusche hinter der Tür, Kris war also zuhause.

 

"Wer stört", wurde ihm entgegen gebrummt, als die Tür ruppig aufgerissen wurde. Rudy, der einen guten Morgen wünschen wollte, blieben die Worte im Hals stecken. Kris trug nur eine tiefsitzende Short. Er konnte sogar die Beckenknochen erkennen. Mein Gott war Kris gut gebaut. Da wurde einem ja ganz anders. Es brauchte einen Moment, bevor er sich von dem Anblick losreißen konnte. Nicht dass Kris noch das Falsche von ihm dachte und nichts mehr mit ihm unternehmen wollte.

 

"Morgen Kris. Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken. Ich dachte nur, du willst vielleicht mit zum Pier 39 und nach Alcatraz kommen...", murmelte der Braunhaarige betreten. Er hatte den Älteren wirklich nicht wecken wollen. Er war nur davon ausgegangen, dass Kris ebenfalls schon wach war. Es war immerhin 9 Uhr morgens. Er selbst schlief nie bis in die Puppen, da verlor man so viel Zeit, die man besser verbringen konnte.

 

Seufzend fuhr sich der Blonde mit einer Hand über das Gesicht. Jetzt konnte er eh nicht mehr schlafen. War er einmal wach, wälzte er sich nur noch im Bett herum, beim Versuch, weiter zu schlafen. Das Gähnen unterdrückend lehnte sich Kris in den Türrahmen. Das war einfach nicht seine Zeit. "Wach bin ich jetzt ja schon. Und ich kenne beides noch nicht. Ich hab den Film <<The Rock>> schon ein paar Mal gesehen, aber das kommt ja nicht an das Original heran. Wie hast du das zeitlich geplant und kommen wir überhaupt nach Alcatraz? Man braucht doch bestimmt Tickets."

 

"Ich dachte, erst zum Pier 39. Rummel, Seelöwen und Mittagessen. Von dort aus können wir zu Pier 33 laufen, dort ist der Steg für die Fähre. Ich hab zwei Karten zu 15:50 Uhr reserviert. Und dann können wir so lange drüben blieben wie wir wollen. Wir machen die Tour mit und dann schauen wir einfach weiter. Nur wenn du wirklich willst. Ich muss das zweite Ticket nicht abholen", versicherte der Braunhaarige. Nicht dass sich Kris am Ende verpflichtet fühlte und sein eigenes Programm für den Sonntag über den Haufen warf.

 

"Ich mach mich eben fertig. Wartest du schnell hier draußen? Ich beeil mich." Kris wartete noch schnell auf ein Nicken und dann schloss er die Tür, machte sich auf ins Schlafzimmer. Es herrschte etwas Chaos in seiner Wohnung, da wollte er Rudy nicht unbedingt hineinlassen. Sonst dachte der Jüngere noch das Schlimmste von ihm. In Rekordzeit – was für diese frühe Uhrzeit wirklich ein Wunder war – schmiegte sich eine schwarze Stoffhose um seine Beine und ein weißes T-Shirt bedeckte seine Brust. Damit konnte er sich doch sehen lassen. Die Haare beließ er so und strubbelte einfach nur durch. Gel mochte er nicht wirklich. Kurz nicht daran gedacht und schon klebte die Hand.

 

Seinen Geldbeutel und das Handy musste er etwas suchen, doch dann fand er beides unter der Zeitung von gestern auf dem Wohnzimmertisch. Wurde wirklich Zeit, dass er hier wieder aufräumte. Mal schauen, wann er heute zurückkam. Er war auf Beides gespannt und Rudy eigentlich gar nicht mehr böse, dass der ihn geweckt hatte. Und genau den wollte er jetzt vom Warten erlösen, denn er öffnete seine Wohnungstür und trat hinaus. "So... ich bin zu jeder Schandtat bereit. Wie kommen wir hin?"

 

Rudy, der brav gewartet hatte, erhob sich von der Treppe, auf der er gesessen hatte. "Ich dachte, wir nehmen den Bus. Ich hab ja keinen Führerschein und dann musst du nicht fahren. Zumal es wohl schwierig sein soll, in der Nähe einen Parkplatz zu finden. Vielleicht willst du ja auch etwas trinken." Und das ging ja nicht, wenn Kris fahren musste. Der Blonde stimmte den Überlegungen zu und so machten sie sich auf den Weg. Einem lustigen Tag entgegen.

 

 

Pünktlich um 15:15 Uhr standen sie in der Schlage am Pier 33. Es schienen viele nach Alcatraz zu wollen. Das Wetter war ja auch gut. Auf Pier 39 war es auch gerammelt voll gewesen, doch sie hatten Spaß gehabt. Die vielen Buden mit Spielen hatten es Kris besonders angetan. Ziemlich lange waren sie an den Dartbuden gestanden. Aber Kris hatte auch was gewonnen und sich für das Plüschvieh einen Schlag auf den Oberarm eingefangen. Was hatte der Ältere sich auch einen Rentier aussuchen müssen? Rudy wollte ihn trotzdem behalten und irgendwo in seiner Wohnung einen Platz dafür finden.

 

Hotdogs und Pizza hatten den Hunger gestillt, bevor sie sich die Seelöwen angesehen hatten. Den ganzen Tag so faul in der Sonne liegen können – das wäre was für die Beiden. Doch leider wuchs das Geld immer noch nicht auf den Bäumen und man musste dafür arbeiten. Doch heute wollten sie sich durch nichts die Laune verderben lassen.

 

Auch nicht durch die lange Schlange vor den Tickethäuschen. Aber es ging schneller voran, als zuerst gedacht. Wenig später stand er einer Dame älteren Baujahres gegenüber und schob seinen Ausweis zu ihr durch. "Es liegen zwei Tickets auf meinen Namen bereit. Ich muss sie noch bezahlen." Die Dame fuhr mit ihrem Drehstuhl zu einer Ablage, die durch den ganzen Raum reichte. Nach etwas Suchen fand sie den passenden Umschlag. Zufrieden bezahlte Rudy den geforderten Preis und überhörte das Protestieren des Älteren. "Es war meine Idee, also zahle ich", erklärte er und zog Kris dann mit sich, denn die Leute hinter ihnen wollten auch noch mit auf die Insel.

 

Nur ungern gab Kris nach, doch der Gesichtsausdruck des Kleineren war so endgültig. "Dafür zahl ich nachher das Abendessen. Ich geh mal davon aus, das wir hier in einer Stunde nicht durch sind. Ich hab nach Alcatraz sicherlich keine Lust mehr zu kochen." Das wiederum gefiel dem Braunhaarigen nicht, doch seufzend ergab er sich. Entweder das oder Kris würde seine Karte selbst zahlen. Aber sicherlich mochte Kris es genauso wenig wie er selbst, bei jemandem in der Kreide zu stehen.

 

Viel Zeit darüber zu streiten hatten sie allerdings nicht mehr, denn einer der Angestellten scheuchte sie zur nächsten Fähre. Die mussten sie nehmen, denn sonst wurde es mit der Tour nichts. Nur gut, dass beide keine Platzangst hatten, so viele Menschen wie auf die Fähre gequetscht wurden. Mit roten Wangen und entschuldigendem Blick sah Rudy auf, der durch die anderen Menschen immer wieder gegen Kris gedrängt wurde. Sicherlich war das dem Älteren nicht recht. Der jedoch sagte nichts, sondern legte nur schützend seine Arme um den Kleineren. Das Menschen aber auch immer so egoistisch sein mussten.

 

Erleichtert atmeten beide auf, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten und nicht ständig einen Ellenbogen irgendwohin gerammt bekamen. Die Fahrt wieder zurück nachher würde nochmal so ein Abenteuer werden. Aber sie hatten jetzt ja erst mal ein paar Stunden, in denen sie Freiheit schnuppern konnten. Oder auch nicht, denn der Ranger, der sie führte, scheuchte sie wie eine Herde Schafe weiter, den Weg entlang. So hatte sich Rudy das aber nicht vorgestellt. Sicherlich würden sie nicht viel sehen können, durch diese vielen Besucher, die am liebsten in alles hineinkriechen wollten, was sie vor die Kamera bekamen. Sonntag war vielleicht doch keine gute Wahl gewesen, doch sie hatten keine andere. Immerhin mussten sie beide Arbeiten – wobei Rudy immer noch nicht wusste, womit sich Kris seine Brötchen verdiente. Irgendwie hatten sie noch nie darüber gesprochen.

 

Doch dann konzentrierte er sich auf das Hier und Jetzt. Besonders da der Ranger zu sprechen begann. >>The Rock ist das berühmteste und war das gefürchtetste Gefängnis, das je gebaut wurde.<< Und wie das immer so war, gab es Leute die einfach immer dazwischen quatschen mussten. In dem Fall eine junge Frau.

<<Stimmt es wirklich, das es nie eine Flucht gegeben hat?<< Rudy verdrehte nur die Augen. Sicher war es wahr, denn sonst hätte es doch irgendwo in einer Zeitung Erwähnung gefunden. Menschen stellten ab und an die dämlichsten Fragen. Als wäre logisches Denken so schwer. >>Ja, das stimmt. Von 1936 bis 63, als das Gefängnis geschlossen, wurde gab es 14 Fluchtversuche. Niemand soll es bis zur Küste geschafft haben. Jedenfalls nicht lebendig>>, lachte der dicke Ranger, als hätte er einen guten Witz gemacht.

 

Ein Schnauben hinter ihnen ließen sowohl Kris als auch Rudy sich umdrehen. Da stand ein Mann – schätzungsweise um die 80 – mit einem grauen feinen Anzug. Ein perfekt getrimmter Bart zierte das ältere Gesicht und der letzte Widerstand in Form von schwarzen Strähnen zog sich durch die grauen Haare. "Es sollte mich wohl nicht wundern, dass die Regierung noch immer alles leugnet. Was ihnen nicht in den Kram passt, wird verschwiegen oder beschönigt."

 

"Wollen Sie damit andeuten, dass Menschen von Alcatraz entkommen sind, ohne dass es bekannt geworden ist?", wollte Kris wissen. Anders konnte er das Schnauben und die Worte nicht interpretieren. Ob der Mann hier Wärter gewesen war? Warum sonst sollte er wissen, dass jemand entkommen war. Vom Alter her könnte es passen. Sie bekamen gar nicht wirklich mit, wie der Ranger mit der Gruppe entschwand. Der alte Mann hatte ihre Aufmerksamkeit. Wann traf man schon mal einen Zeitzeugen?

 

"Es war ein regnerischer, nebliger Maimorgen 61 – noch vor Sonnenaufgang - an dem ich aus Alcatraz geflüchtet bin." Dieser Eröffnung saß, denn die beiden jungen Männer blickten ihn Sprachlos an. Das ließ den Oldtimer lachen. Aber es war ja auch unglaublich, dass jemand aus dem bestbewachten Gefängnis geflohen sein sollte und dabei nicht gestorben war. Aber genau so war es. Und seitdem besuchte er immerhin schon seit 30 Jahren jeden Mai Alcatraz. In Erinnerungen schwelgen, nannte man das wohl.

 

"Wow... ich weiß nicht was ich sagen soll“, murmelte Rudy und fuhr sich durch seine Haare. Nur gut das Haargel immer so schnell trocknete. "Das heißt... Sie gehören zu den 5 Häftlingen deren Verbleib nie aufgeklärt wurde. Das hat Thomas zumindest mal erklärt. Er arbeitet im Buchungsbüro und hat mir die Karten für heute organisiert", murmelte Rudy. Die normale Tour wurde gerade uninteressant. Hier hatten sie jemanden, der hatte das alles erlebt. Einen Zeitzeugen!

 

"Edward Frye. Und Sie haben Recht. Ich gehöre zu den Fünf. Auch wenn ich inzwischen keine Angst mehr haben muss, dass mich die Regierung wieder wegsperrt, so ziehe ich es doch vor, unerkannt zu bleiben. Aber ich konnte mich einfach nicht zurückhalten. Der Unsinn den die Ranger immer erzählen...", rechtfertigte sich der Älteste der Gruppe und zuckte mit den Schultern. "Falls Sie beide nichts anders vorhaben, führe ich Sie gerne rum. Meine Führung wird sicherlich amüsanter als die übliche sein."

 

Einen Moment sahen sich Kris und Rudy an, bevor sie nickten. Das war bestimmt interessanter als ihre ursprüngliche Planung. Sie folgten Edward nur zu gern.





Wiedersehen auf Covendale [chaotizitaet]

05

Die Begegnungen im Park häuften sich, und auch wenn Edward Josh nicht immer begleitete, so wechselten sie doch immer ein paar Worte, was nicht selten Joshs Highlight des jeweiligen Tages war. Allerdings gab er sich größte Mühe den anderen seine wachsende Schwärmerei – denn das war es wohl, als was man es bezeichnen konnte – nicht merken zu lassen. Er wollte sich schließlich nicht zum Narren machen. Und selbst wenn nichts je aus dieser Schwärmerei wurde, so gab es dem Sommer doch einen zusätzlichen Reiz, den Josh gewiss nicht erwartet hatte, als er nach der Abschlussfeier zu Tante Rachel ins Auto gestiegen war.

An diesem Tag war Josh zu seinem Lieblingsplatz unterwegs: Einer römischen Ruine, die allerdings erst im neunzehnten Jahrhundert im Park errichtet worden war. Gelegentlich verirrten sich ein paar Besucher dorthin, aber meist war er ungestört und auch wenn die Ruine nicht wirklich antik war, umgab sie eine gewisse Aura der Zeitlosigkeit, die Josh sehr mochte, um dort seinem Hobby nachzugehen: Tai-Chi.

Er passierte die Zwillinge, die auf dem Rasen Badminton spielten. Er winkte ihnen und beide luden ihn ein, mitzuspielen, aber er schüttelte nur den Kopf. „Ich würde mit dem Schläger höchstens Schmetterlinge treffen“, rief er ihnen zu, was ein Kichern zur Antwort hatte.

„Schmetterlinge?“, fragte Edward, der soeben aus einem Wäldchen getreten war, mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Ich kann kein Badminton spielen, hab da immer kläglich in der Schule versagt. Tennis ist noch schlimmer. Also würde ich nach einer Weile anfangen, den Schläger für andere Dinge zu missbrauchen. Wie etwa als Schmetterlingsnetz. Nur so zum Spaß, nicht um die Schmetterlinge ernsthaft zu jagen.“

Edward lachte. Dann warf er wieder einen Blick zu den Zwillingen hinüber, die aber hinter der Hecke, die sie mittlerweile passiert hatten, kaum noch zu sehen waren. „Du weißt, dass Beatrix für dich schwärmt?“ Da sie sein Mündel war, bemühte sich Edward ein klein wenig mehr Zeit mit ihr zu verbringen, damit sie ihm vertraute, ähnlich wie es David mit Alicia tat. Das war keineswegs um die Zwillinge zu trennen oder so, aber die Cousins waren überein gekommen, dass jedes der Mädchen eine Vertrauensperson haben sollte, die sie nicht zwangsläufig auch mit ihrer Zwillingsschwester teilte.

„Und Alicia ebenfalls“, sagte Josh nickend.

„Die Qual der Wahl?“, sondierte Edward vorsichtig.

„Keine Wahl, denn für mich kommt keine von beiden in Betracht“, erwiderte Josh ohne Zögern.

Edward blickte ihn überrascht an. „Zu jung, oder weil du nicht zwischen ihnen wählen willst, weil es die andere verletzen würde? Oder fürchtest du gar Davids oder meine Rache?“

Josh lachte leise. „Wenn ich an einer von ihnen interessiert wäre, würde mich die Tatsache, dass es da noch eine Zwillingsschwester gibt, nicht davon abhalten. Ich kenne beide gut genug, um zu wissen, dass sie verschiedene Personen mit je einer eigenen Persönlichkeit sind. Sicher, es täte mir für die andere leid, aber ich würde darauf vertrauen, dass sie schließlich erkennen würde, dass es keine boshafte Entscheidung gewesen wäre. Was eine mögliche Rache von dir oder David betrifft, so würde ich die nur dann erwarten, wenn ich die Schwester der Wahl in irgendeiner Weise nicht gut behandeln würde. Ansonsten würdet ihr euch vermutlich zurückhalten. Denn ihr wüsstet genau, dass die beiden euch sonst was erzählen würden, würdet ihr euch in ihr aufkeimendes Liebesleben einmischen. Und was das Alter betrifft… es wären nur drei Jahre, also nein. Der Grund, weshalb keine von beiden für mich in Betracht kommt, ist schlicht, dass sie das falsche Geschlecht haben.“

Edward starte ihn an als sei dies die letzte Antwort, die er erwartet hatte.

Josh zuckte mit den Schultern. Seit er erkannt hatte, dass er auf Jungs stand, hatte er für sich beschlossen, nie einen Hehl daraus zu machen. Sicher, es hatte im Internat zu einigen unschönen Szenen geführt, wo sich Klassenkameraden, die das Zimmer mit ihm teilten, unwohl gefühlt hatten, oder Spinner der Ansicht gewesen waren, seine sexuelle Orientierung sei unnatürlich und müsste aus ihm heraus geprügelt werden. Doch Josh, auch wenn er mit Badminton und Tennis nichts anfangen konnte, war nicht unsportlich und konnte sowohl einstecken als auch austeilen. Und wenn eines am Internat von den Lehrern absolut nicht gerne gesehen wurde, dann waren es Prügeleien. Also hatten sie ein Forum eingerichtet, wo jede der Parteien, von den Klassenkameraden über die Spinner bis hin zu Josh, ihren Standpunkt vortragen konnte – mit dem Verständnis, dass die von den Lehrern danach festgelegte Lösung für alle bindend wäre. Josh hatte damals gewusst, dass es schlimmstenfalls für ihn auf einen Schulwechsel hinauslaufen würde, aber er war zuversichtlich gewesen, dass es nicht soweit kommen würde. Sein Hauptargument war damals der Prozess gewesen, den Angehörige der Streitkräfte Britanniens vor dem Europäischen Gerichtshof geführt und gewonnen hatten. Und das erwähnte er jetzt auch Edward gegenüber. „Hey, sogar dein Arbeitgeber erlaubt das öffentliche Bekenntnis zur Homosexualität, wieso sollte ich dann nicht auch hier so ehrlich sein. Zugegeben, der Europäische Gerichtshof musste die Streitkräfte erst dazu zwingen, aber sie waren ein guter Verlierer und haben sofort alle Regularien, wonach Homosexuelle ihres Postens zu verweisen und aus den Streitkräften auszuschließen sind, aufgehoben.“

„Ich weiß“, erwiderte Edward. „Inzwischen dürfen sogar alle Angehörigen der Streitkräfte, wenn sie es wünschen, auf den LGBT-Paraden in ihrer Uniform mitmarschieren.“

Etwas an der Art, wie Edward das sagte, ließ Josh aufhorchen. Er sah Edward fragend an.

„Was?“, wollte dieser abwehrend wissen.

„Sie wissen es nicht, oder?“ Und Joshs Blick ging unwillkürlich in Richtung des Hauses.

Einen Moment herrschte Stille zwischen ihnen beiden, in der Edward mit sich zu kämpfen schien. Schließlich sagte er: „Nein, und dabei soll es vorerst bleiben.“

Ehrlichkeit wurde mit Ehrlichkeit vergolten. „Okay. Aber… wieso nicht?“

„Die Streitkräfte haben erst vor vier Jahren ihre Einstellung geändert. Ich kann also noch nicht wirklich abschätzen, inwiefern es meine Karriere nicht doch beeinträchtigen würde. Der einfache Soldat – kein Problem. Der Offizier? Keine Ahnung. Und ich würde gerne sicher sein… Denn mein Beruf bedeutet mir nun mal auch sehr viel.“

„Und deine Familie?“

„Wird solange warten müssen.“

Josh nickte. Die Gesellschaft war zwar schon weit gekommen, aber das hieß nicht, dass alles immer einfach war.

 

Natürlich machte sich Josh insgeheim nach diesem Gespräch ein wenig Hoffnung, dass Edward vielleicht zumindest ein klitzeklein wenig seine Gefühle erwidern könnte, aber es war eine Hoffnung, die er für sich behielt. Und vielleicht oder gar vermutlich wäre nichts daraus geworden, wären da nicht die Zwillinge gewesen.

Nachdem er Edward gegenüber ausgesprochen hatte, dass er sich sehr wohl bewusst war, dass beide auf ihn standen, kam er zu dem Schluss, dass es ihnen gegenüber nicht fair war, wenn sie nicht einmal wussten, dass sie schon rein biologisch keine Chance bei ihm hatten. Also schenkte er ihnen bei nächster Gelegenheit reinen Wein ein. Beide nahmen es erstaunlich gut auf, ließen es sich danach aber nicht nehmen, ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufzuziehen, wen er denn wohl attraktiver fände: ihren Bruder David oder doch eher Cousin Edward.

Josh lachte dann nur und schüttelte den Kopf, doch er war sich auch bewusst, dass allein die Tatsache, dass er gerne und häufig Zeit mit Edward verbrachte, Alicia und Beatrix nur allzu bald auf die richtige Fährte locken würde. Und tatsächlich ließen es sich die beiden ein paar Tage nach Joshs Offenbarung nicht nehmen, als Edward und er sich einmal mehr zufällig im Garten begegneten und dann in Richtung Bach gingen, lauthals von ihren Sonnenliegen aus zu singen: „Ei, ei, ei, was seh ich da? Ein verliebtes Ehepaar!“

Josh lachte nur und rief ihnen zu: „Und wer von uns ist dann die Braut, die nach Hause muss?“

„Edward natürlich!“, erklärte Beatrix prompt. „Wenn die Königin ruft, packt er seine Sachen und zieht in ein Zelt am anderen Ende der Welt.“

Josh sah Edward an. „Na, wie fühlt man sich so als Braut?“ Er grinste ihn an.

„Kann ich dir erst sagen, wenn ich den dazugehörigen Kuss bekommen habe“, erwiderte dieser im Scherz.

Josh aber, mit einem kurzen Blick über die Schulter um zu sehen, ob die Hecke sie schon brav vor den Zwillingen verbarg, blieb stehen, hielt Edward am Arm fest, so dass dieser sich zu ihm umdrehte, und murmelte: „Daran soll es nicht scheitern.“ Und ehe ihn der Mut verließ, presste er Edward sanft seine Lippen auf den Mund.

„Heißt das, dass ich jetzt nach Hause muss?“, fragte Edward ebenso leise.

„Nur, wenn du dich wie die Braut fühlst“, erwiderte Josh, froh, dass Edward ihn ob des überfallartigen Kusses nicht weggestoßen hatte.

„Nicht wirklich… Vielleicht aber sollte nun ich dich küssen, damit du herausfinden kannst, ob du dich wie die Braut fühlst…“ Und ohne lange zu warten, ließ Edward seinen Worten Taten folgen.

Als sich ihre Lippen wieder voneinander lösten, sah Josh Edward an und meinte dann: „Nope, keine Braut…“

„Heißt das, dass wir solange weiterprobieren müssen, bis einer von uns es weiß?“

„Das wäre eine Möglichkeit. Oder aber wir nutzen die Tatsache, dass keiner von uns die biologischen Kriterien einer Braut erfüllt, dazu, dass es nicht mit dem einen Kuss aus dem Kinderreim enden muss“, schlug Josh vor.

„Hm… verlockend.“ Und erneut fanden ihre Lippen einander.

 

-Gegenwart-

 

„Ich kann trotzdem immer noch nicht glauben, dass ich damals nichts gemerkt habe“, sagte Tante Rachel, als Josh mit seiner Erzählung endete.

„Mr. Richards Tod war recht plötzlich gewesen und so warst du eigentlich den ganzen Tag, jeden Tag, mit der Regelung des Nachlasses beschäftigt, oder damit David in alles einzuweisen. Eine Menge Arbeit. Daneben musste das Tagesgeschäft weitergehen… Wir haben uns eigentlich nur zu den Mahlzeiten gesehen“, entschuldigte Josh seine Tante. „Und wenn wir im Haus waren, waren Edward und ich ständig auf der Hut, denn Edward war ja noch nicht soweit, seiner Familie diesbezüglich die Wahrheit zu sagen. Und da Lady Catherine im Haus stets nicht fern war…“

„Du sollst sie nicht so nennen“, schalt Rachel ihren Neffen, doch das leise Lächeln auf ihren Lippen nahm den Worten den Nachdruck.

„Ich verspreche sie nur dann so zu nennen, wenn keine Gefahr besteht, dass sie es mithören könnte.“

Damit musste sich Rachel wohl oder übel zufrieden geben.

„Die Zwillinge waren die einzigen, die genauso viel freie Zeit wie Edward und ich hatten und genauso viel Anlass, dem Haus fernzubleiben. Eines Tages sind sie uns aus Langeweile gefolgt und haben uns beim Küssen erwischt. Aber sie haben eingesehen, dass es Edwards Entscheidung sein sollte, wann er seinen Eltern und seiner Tante reinen Wein einschenkt und so haben sie nichts verraten.“

„Er hat ihnen tatsächlich erst vor zwei Jahren, als er zum Major befördert worden ist, von seiner sexuellen Orientierung erzählt“, ließ Rachel Josh wissen.

„Und wie haben sie es aufgenommen?“

„In etwa so konservativ, wie man es sich nur vorstellen kann. Zumindest was die ältere Generation betrifft. David hat wohl schon so etwas geahnt, aber die anderen… Du hast ja vorhin selbst gesehen, wie eifrig Mrs. Dempsey ihm eine Tanzpartnerin nach der anderen zugeführt hat.“

Darüber konnte Josh nur den Kopf schütteln. „Er hatte all die Jahre Zeit, sich dafür zu entscheiden eine solche Scheinehe einzugehen, die seine Familie glücklich gemacht hätte, aber er hat es vorgezogen, ihnen die Wahrheit zu sagen. Wieso glaubt sie dann jetzt, dass ein paar Tänze daran etwas ändern werden?“

„Es darf nicht sein, was nicht sein kann? Und in der Welt von Catherine Dempsey kann es nun mal keinen schwulen Offizier als Neffen geben…“

„Ihr Pech“, erwiderte Josh mit einem Achselzucken. Wenn Edward sich nach so langer Zeit dazu durchgerungen hatte, seiner Familie gegenüber offen mit seiner Sexualität umzugehen, dann hatte Lady Catherine nicht die geringste Chance.

„Habt ihr euch nach jenem Sommer je wiedergesehen?“, wollte Rachel jetzt wissen.

„Nein.“ Josh schüttelte den Kopf. „Gewiss, gerade im ersten Jahr an der Uni habe ich insgeheim gehofft, dass wir uns im nächsten Sommer wieder begegnen würden, aber es sollte nicht sein. Auch hatten wir keine diesbezüglichen Pläne gemacht. Auf ihn wartete für den Herbst ein Einsatzbefehl für Afghanistan. Fernbeziehungen sind immer so eine Sache und wenn dann einer der beiden auch noch in einem Kriegsgebiet mit all den damit einhergehenden Gefahren ist, ist das für beide nur belastend. Das wollte er nicht. Und auch wenn ich diese Ansicht vielleicht nur teilweise geteilt habe, wusste ich auch, dass auf mich ab dem Herbst mit der Uni ein ganz neues Leben warten würde. Dazu London… wer wusste schon zu sagen, ob mir nicht im ersten Monat dort ein Mann begegnen würde, zu dem ich mich genauso hingezogen fühlen würde wie zu Edward. Oder vielleicht sogar mehr… Und dann per E-Mail mit ihm Schluss zu machen, während um ihn herum Granaten einschlagen oder so, wäre auch nicht das gewesen, was ich gewollt hätte. Nein, es war eine beiderseitige Entscheidung, keine gemeinsamen Zukunftspläne zu schmieden. Und der Zufall wollte, dass wir uns nach jenem Sommer nicht mehr begegnet sind.“

„Bis heute“, schloss Rachel.

„Bis heute“, bekräftigte er.

„Und jetzt?“

„Jetzt will ich erst einmal schlafen“, erklärte Josh mit Nachdruck und schob weiteren Fragen fürs Erste einen Riegel vor. Zu seiner Erleichterung akzeptierte Rachel dies auch. Für den Moment.