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06. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

6 - Ein Picknick im Grünen nach getaner Arbeit oder "Zu Ehren der gefallenen Soldaten"

Montag, 25. Mai 2015 - Memorial Day - San Francisco National Cemetery

 

Etwas mulmig drehte Rudy den laminierten Zettel in der Hand. Es war das erste Mal, dass er so etwas aufhängte. Er war auch erst letzte Woche gemacht worden. Kris hatte ihn darum gebeten und er hatte nicht nein sagen können. Im Dezember hing ein ganz ähnlicher Zettel in der Tür zu seinem Laden. Nur sagte der immer aus, das er auf der ’Great Dickens Christmas Fair’ zu finden war. Dort hatte er seit 5 Jahren einen Stand mit seinen Glaskugeln, also hatte er nicht wirklich geschlossen. Natürlich gehörte ein Kostüm dazu und Rudy freute sich schon wieder darauf. Obwohl es noch gut ein halbes Jahr bis dahin dauerte. Auf dem Zettel heute stand lediglich, dass er aufgrund des Memorial Day geschlossen hatte, auch wenn es ein gesetzlicher Feiertag war, so hatten nicht automatisch alle Geschäfte geschlossen.

 

Kris hatte ihn gefragt, ob er mit ihm zusammen nicht als Freiwilliger Gräber von gefallenen Soldaten ehren wollte. Rudy hatte ohne lang nachzudenken Ja gesagt. Er würde heute schon noch erfahren, warum dass dem Blonden so am Herzen lag. Rudy verließ seinen Laden und schloss hinter sich ab. Hoffentlich nahmen ihm die Kunden das nicht übel. Ein Hupen ließ ihn sich umdrehen. Da wartete Kris mit seinem Cabrio. Irgendwie mussten sie ja zum Friedhof kommen. Einen Moment lächelte der Braunhaarige, bevor er zum Wagen lief, sich auf den Beifahrersitz fallen und den Sicherheitsgurt einrasten ließ.

 

"Also los. Wie läuft das jetzt ab? Müssen wir zu allen Friedhöfen oder haben wir nur einen bestimmten? Und woher weißt du, welches Grab wir ehren müssen, weil es zu einem Gefallenen gehört?", wollte Rudy neugierig wissen. Es war das erste Mal, dass er so etwas machte. Bisher hatte er sich mit dem Memorial Day auch noch nie auseinander gesetzt, denn er konnte dem Krieg nichts abgewinnen. Weder den bereits passierten noch den aktuellen Krisengebieten. Da starben sinnlos viele Menschen, denn meistens änderte sich doch nichts. Einigen wenigen ging es besser, aber dem Rest ging es immer noch gleich wie davor.

 

Kris lachte. So viele neugierige Fragen. Rudy war wirklich eine tolle Persönlichkeit. Vor allem, dass er ihm einfach so zugesagt hatte, obwohl die Frage ziemlich spät gekommen war. Normalerweise machte das seine Granny ja immer, doch die war gerade in Las Vegas, ihr Geburtstagsgeschenk von Albert einlösen. Da sie erst am Samstag hatten fliegen können, waren sie noch nicht wieder zurück. Ihr Flug würde erst am späten Abend gehen, daher hatte sich Kris angeboten, die ehrenamtliche Aufgabe seiner Granny zu übernehmen. Auch weil sein Grampy und sein Onkel auf dem National Cemetery lagen.

Beide waren beim Militär gewesen, nur sein Grampy hatte in Vietnam mitgekämpft. Deshalb war er auch als Veteran dort beigesetzt worden, als er vor ein paar Jahren von ihnen gegangen war.

Sein Onkel war Militärstratege gewesen, bevor ihn ein Herzinfarkt dahingerafft hatte. Deswegen war Kris auch nicht im Militär gewesen. Noch einen Toten hätte Granny nicht verkraftet.

 

"Also… alle Militärangehörigen und deren Familienangehörigen liegen auf demselben Friedhof. Das ist der San Francisco National Cemetery. 30‘000 Menschen liegen dort. Und da das viel zu viel für nur zwei Menschen wäre, sind die Gräber in Quadranten unterteilt. Wir haben nur zwei davon. Das sind 400 Gräber“, erklärte Kris und fädelte sich in den fließenden Verkehr ein. Für später hatte er noch eine Überraschung. "Eigentlich sind es die Quadranten von Granny, aber die fliegt ja erst spät heute Abend aus Las Vegas zurück. Deswegen hat sie mich gebeten, das heute zu machen. Ich konnte verständlicherweise nicht nein sagen." Entschuldigend zuckte er mit den Schultern.

 

Rudy schüttelte nur den Kopf und schlug dem Älteren freundschaftlich gegen die Schulter. "Da ist wirklich nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest. Es ist eine liebe Geste. Sowas würde ich auch machen, wenn ich noch Eltern hätte." Wirklich vermissen tat er sie nicht, denn sie hatten ihn ausgesetzt und waren inzwischen schon lange tot. Seine Pflegeeltern würde er zu Weihnachten wieder sehen. Da wurde dann zusammen gefeiert. "Meinst du, sie haben doch geheiratet?", wollte Rudy scherzhaft wissen. Denn Kris hatte es sich vor dem Abflug nicht nehmen lassen, den beiden noch einmal ins Gewissen zu reden.

 

Kris verstand einen Themenwechsel, wenn er einen hörte. "Das will ich den beiden nicht geraten haben. Sonst schleife ich sie eigenhändig wieder in die Kirche. Und wen wir mit dem Auto fahren müssen. Dann ist es mir grad egal, dass die Fahrt über 10 Stunden dauert. Ich mach sie den ganzen Weg über rund, das kannst du mir glauben ", echauffierte sich der Blonde, doch spätestens als Rudy lachte, musste er es auch. "Ich wäre schon gerne bei der Hochzeit dabei."

 

Dann schwiegen sie erst einmal, denn Kris musste sich auf den Verkehr konzentrieren. Kurz nicht aufgepasst und es passiert was, das musste wirklich nicht sein.

Sicher hielt er eine halbe Stunde später vor dem Friedhof. Damit stand der erste Programmpunkt für heute bevor. "Gut, du nimmst die Schachtel mit den Fähnchen und ich nehme das hier. Dann können wir los", erklärte Kris und griff sich die Kühlbox. Da war alles drin für ihr Picknick nach getaner Arbeit, auch wenn Rudy noch nichts davon wusste. Es sollte eine Überraschung sein. So als Dank, dass der Jüngere ihm mit den Flaggen half.

 

Stumm machten sich die Beiden auf den Weg über den Friedhof, zu den beiden Quadranten, für die sie stellvertretend für Granny zuständig waren. Die genoss hoffentlich ihr Wochenende in Las Vegas, da kam man ja nicht so häufig hin. Aber trotzdem würde er ihre Finger genau untersuchen, wenn er sie wieder sah. Nicht dass die beiden wirklich noch spontan geheiratet hatten.

 

Wenig später standen sie am Anfang ihrer Quadranten. "Auf jedes Grab muss nun ein Fähnchen, zu Ehren der gefallenen Soldaten. Bei der Beisetzung werden kleine Röhrchen mit eingegraben, in welche die Fähnchen kommen. Einsammeln tut sie dann morgen jemand anders. Zusammen sollten wir das in zwei Stunden erledigt haben. Granny hat meistens um die vier Stunden, aber sie macht das auch allein." Zu zweit würden sie zur Mittagszeit fertig sein und dann konnten sie Picknicken. Auf diesem Gelände gab es auch einen Park, den hatte er sich ausgesucht. Blieb nur zu hoffen, dass Rudy auch mochte, was er gekocht hatte.

 

Der Braunhaarige nickte nur verstehend. Das war nicht so schwierig. Ein Fähnchen pro Grab, 400 Fähnchen hatten sie. Wenn alle weg waren, dann waren sie fertig. Rudy verstand immer noch nicht den Sinn dahinter, aber er wollte Kris und vor allem Granny eine Freude machen. Krieg und Gewalt fand der 33-Jährige sinnlos, aber dagegen konnte ein Mann allein nichts tun. Man müsste schon sämtliche Waffen der Welt vernichten, nur gehörte dazu auch Besteck und Küchenmesser und ohne ließ sich so schlecht essen. Ein Steak konnte man noch nicht mit einem Finger schneiden.

 

Gewissenhaft machten sich die beiden an das Schmücken der Gräber. Rudy trug die Schachtel und verteilte die Fähnchen, während Kris die Kühlbox trug und ebenfalls Fähnchen verteilte. Das klappte ganz gut, ohne irgendwelche Probleme. Den anderen Freiwilligen, denen sie begegneten, nickten sie freundlich zu, doch es fiel kein Wort. Das gehörte sich auf einem Friedhof einfach nicht. Immerhin fanden Menschen hier ihre letzte Ruhe. Die hatte man einfach nicht mit Lärm oder sonst etwas zu stören.

 

Bei zwei Gräbern blieben sie länger stehen. Einem Matthew Kelso und einem Charlie Ebbs. Doch Rudy vermied es zu fragen. Das konnte er auch noch, wenn sie fertig und vom Friedhof waren. Vielleicht wollte Kris auch gar nicht mit ihm darüber reden. Bedeuten mussten dem Älteren die beiden Gräber auf jeden Fall etwas, sie waren 10 Minuten an jedem stehen geblieben. Sicherlich waren die auch der Grund für Granny, das hier freiwillig zu machen. Vielleicht Verwandte? Dann musste er sie fragen und nicht ihren Enkel.

 

Seufzend steckte er das letzte Fähnchen in die Röhre. Das war die 400. gewesen. Damit hatten sie die 2 Quadranten durch. Granny wäre sicherlich zufrieden mit ihnen. Und das machte Granny jedes Jahr? Es war doch eine weite Strecke, die sie gelaufen waren. Und die mussten sie jetzt wieder zurück, um zum Auto zu kommen. Und schon seit einer Weile hatte er Durst, doch auf dem Friedhof gab es nichts.

 

"So, damit wäre das erledigt. Kommen wir zum spaßigen Teil. Wir müssen da lang", erklärte der Blonde und deutete in die entsprechende Richtung. So würden sie zum öffentlichen Park kommen, da konnten sie auch wieder normal reden. Er hatte sehr wohl bemerkt, dass Rudy Fragen hatte, besonders wegen der zwei Gräber. Darüber konnten sie beim Essen reden.

 

Eine Weile liefen sie erneut stumm nebeneinander her, bis Kris zufrieden an einer Stelle im öffentlichen Teil stehen blieb. Hier waren sie etwas abseits und geschützt vor der Sonne durch die Bäume, die hier standen. Der Blonde stellte die Kühlbox auf den Boden und öffnete sie, entnahm ihr eine Wolldecke. "Wir picknicken jetzt. Das war von Anfang an der Plan. Ich hab für uns gekocht", erklärte Kris und breitete die Decke aus. Der überraschte Gesichtsausdruck des Jüngeren ließ ihn lachen.

 

Ungläubig blickte Rudy zwischen der Decke, Kris und dem Kühlbox hin und her. Das hatte noch keiner für ihn getan. Extra zu kochen und dann ein Picknick zu machen. Weder seine Eltern noch seine Geschwister oder seine Pflegeeltern. Gut... bei denen wäre es auch etwas kalt für ein Picknick gewesen. "Ich... Danke, Kris. Das hat noch keiner für mich getan. Aber ich hab dir nicht deswegen geholfen." Wie auch, schließlich hatte er nichts davon gewusst. Aber Essen war immer gut und vor allem Trinken wäre wunderbar.

 

"Also gut... dann las mal sehen, was du in der Wunderbox hast, du Meisterkoch", wollte der Braunhaarige frech grinsend wissen und ließ sich auf der Decke nieder, als sie lag.

Lachend ließ sich auch Kris nieder und zog die Box zu sich. Erst einmal griff er sich eine der Cola Dosen und reichte sie Rudy. Bestimmt hatte er Durst. "Also... ich hab Brot gemacht und marinierte Sparerips. Die kann man ja auch gut kalt essen. Ich hab ein bisschen Nudelsalat gemacht und grünen Salat dabei. Kleine Frikadellen hab ich auch noch im Angebot und zum Nachtisch kann ich frische Früchte bieten und selbst gemachten Pudding", zählte der Blonde auf, während er die erwähnten Dinge auf der Decke ausbreitete. Nur das Dessert ließ er vorerst in der Kühlbox.

 

"Du hast dir schon wieder viel zu viel Mühe gemacht", murmelte der Braunhaarige und genoss das kühle Nass, das seine Kehle hinunter rann. Das tat gut. Und Hunger hatte er auch, denn zum Frühstück hatte er nichts gegessen. Das tat Rudy meistens nicht. Und bevor sein Magen noch unqualifiziert knurrte, verteilte er lieber die Teller und das Besteck, das ebenfalls in der Kühlbox lag. Wobei ihn kurz wieder der Gedanke streifte, dass er wieder bei der Abschaffung der Waffen war. Nudelsalat ließ sich ohne Gabel auch schlecht essen. "Dann guten Appetit. Sieht lecker aus."

 

Schnell war alles gerecht verteilt und dann herrschte erst einmal gefräßiges Schweigen. Über Tote musste man ja nicht unbedingt während des Essens reden. Das verdarb den Appetit. Und sicherlich würden sie nicht gleich wieder gehen, wenn sie gegessen hatten.

 

Erst als der erste Hunger und der Durst gestillt waren, traute sich Rudy, seine Frage zu stellen. "Die beiden Gräber, bei denen du länger stehen geblieben bist... gehören die zu Familienangehörigen? Du musst nicht darüber reden, wenn es zu weh tut." Rudy verstand, wenn der Blonde nicht darüber reden wollte.

 

"Das hast du richtig bemerkt. Matthew Kelso war mein Grampy und Charlie Ebbs mein Großonkel. Grampy ist 73 im Vietnam Krieg gefallen. Er fand es wichtig, seinem Land zu dienen. Ich hab ihn leider nicht mehr kennen gelernt. Meine Eltern und Granny haben mir von ihm erzählt, Bilder und Videos gezeigt. Charlie Ebbs war Grannys Bruder. Er war zwar auch beim Militär, ist aber nie ausgerückt. Er war Militärstratege und hat Einsätze geplant. Er hat seinen Schreibtisch nie verlassen. Herzinfarkt. Deswegen bin ich nie zum Militär. Das hätte Granny nie verkraftet. Aber beide Gräber sind der Grund, warum sie freiwillig die Fähnchen verteilt", erklärte Kris und lächelte nachsichtig. Es war verständlich, dass Rudy neugierig war und er war ihm nicht böse. Das brachte keine schlechten Erinnerungen mit sich.

 

"Wenn es etwas gibt, was ich dir nicht sagen will, dann sag ich dir das schon. Mach dir keine Sorgen, Rudy. Ich hab bisher immer nur bei den Gräbern vorbei geschaut, wenn ich Granny besucht hab. Das werde ich jetzt wohl öfter machen, wo ich schon hier wohne. Liegen deine Eltern auch in San Francisco auf einem Friedhof? Du hast vorhin erwähnt, dass du keine Eltern mehr hast. Zumindest hab ich das so verstanden. Korrigier mich, wenn es nicht stimmt." Hoffentlich verletzte er Rudy jetzt nicht mit seiner Frage. Sie schienen es im Moment mit unangenehmen Themen zu haben.

 

Schief lächelte Rudy. Er hatte damit angefangen, da musste er jetzt auch antworten. Es wäre nicht fair, wenn er sich darum drückte und so schlimm war das Thema jetzt auch nicht. Er war schon lange darüber hinweg. "Sie haben mich ausgesetzt, da war ich erst 5 Jahre alt. Pflegeeltern haben sich dann meiner angenommen. Weihnachten besuche ich sie immer. Es hat schon Tradition, dass wir zusammen feiern, auch weil wir uns das ganze Jahr nicht sehen. Aber der Weg wäre etwas zu weit, nur für ein Wochenende. Den Samstag vor Heiligabend flieg ich wieder", antwortete der Braunhaarige.

 

"Das mit deinen Eltern tut mir leid, Rudy. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das so ist. Aber ich bin froh, dass du trotzdem so ein gutes Verhältnis zu deinen Pflegeeltern hast. Sie haben einen guten Job gemacht, wenn ich das so sagen darf." Frech grinste der Blonde. Er wollte die Stimmung etwas heben, weg von den dunklen Themen. Die passten nicht zu diesem schönen sonnigen Tag. Da war gute Stimmung einfach besser. Nur über was reden?

 

Den Themenwechsel übernahm Rudy dann selbst. "Die Freibadsaison fängt heute an. Wir könnten mal zusammen schwimmen gehen."

 

Kris nickte. Das war eine tolle Idee. Schwimmen machte Spaß und war gut für die Gesundheit. "Klar, ich gehe gerne schwimmen. Heute noch zu gehen wäre zu spät. Das Beste wird sein, wir gehen schon direkt am Morgen und Essen etwas im Freibad. Ich kann uns auch ein paar Sandwiches machen", bot der Blonde an. Er sah da keine Probleme und günstiger war es erst recht. Sie würden schon einen geeigneten Termin finden. Kris musste selbst ja nicht auf die Arbeit achten, die konnte er jederzeit machen. Das war das Gute daran, wenn man freischaffend war und gut bezahlt wurde.




Wiedersehen auf Covendale [chaotizitaet]

06

Macht der Gewohnheit, war Edward am nächsten Morgen einer der Ersten, die zum Frühstück erschien. Doch wenn er gehofft hatte, dadurch jedweder Konversation am frühen Morgen zu entkommen, so wurde er enttäuscht. Immerhin war es nur sein Cousin David, der bereits am Esszimmertisch mit einer Tasse Tee saß, und nicht einer der weiblichen Gäste. Dieser würde nämlich dann bestimmt den unwiderstehlichen Drang verspüren, mit ihm den vergangenen Abend bis ins letzte Detail noch einmal durchzugehen und dabei zigmal zu sagen, wie schön doch alles gewesen sei und was für ein tolles Paar Erin und David doch abgaben. Dass David Erin toll fand und den vergangenen Abend für gelungen hielt verstand sich von selbst, und bedurfte daher zwischen ihnen beiden keiner weiteren Worte.

„Guten Morgen“, sagte Edward zu David und setzte sich zu ihm. „Was hat dich denn so früh aus dem Bett getrieben?“ In der Tat sah sein Cousin noch reichlich übernächtigt aus, was aber kein Wunder war, hatte er doch als Gastgeber aufbleiben müssen, bis die letzten jener Gäste, die lediglich für den vergangenen Abend eingeladen gewesen waren, gegangen waren.

„Du“, kam es kurz und entsprechend grummelig von David.

„Ich?“, fragte Edward erstaunt.

„Ja. Weil du die dämliche Angewohnheit hast, immer so gottverdammt früh aufzustehen. Weshalb, will man mit dir allein reden, man ebenfalls so früh aufstehen muss“, erklärte David.

Edward konnte sich nur mit Mühe ein Lachen verkneifen, aber Davids fast schon leidender Gesichtsausdruck sagte ihm, dass sein Cousin es aktuell kaum verkraften würde, wenn man über ihn lachte. „Darf ich dann davon ausgehen, dass du vorhast, nach unserem Gespräch wieder ins Bett zu gehen?“, fragte er.

„Nur, wenn bis dahin niemand anderes aufgestanden ist und ich es schaffe ungesehen wieder in mein Schlafzimmer zurückzukehren.“

„Wieso klingt das nur so, als bezweifeltest du deine Erfolgsaussichten?“, neckte Edward ihn.

„Weil Erin leider Gottes ebenfalls ein Morgenmensch ist. Was normalerweise kein Problem ist… Aber heute wird es auch für uns die einzige Gelegenheit sein, ein paar Minuten alleine zu sein. Doris hat nämlich gestern bereits verlauten lassen, dass sie gleich heute mit der Hochzeitsplanung beginnen möchte.“ David seufzte gottergeben.

„Wir haben es gerade mal Mitte November und deine künftige Schwiegermutter will jetzt schon die Hochzeit planen, die erst für den April terminiert ist?“

„Laut ihr gibt es tausend Kleinigkeiten, die geklärt sein müssen, und natürlich die Alternativen, sollte das Wetter irgendwelche für den Garten und Park geplanten Programmpunkte durchkreuzen“, erklärte David mit jener märtyrergleichen Ergebenheit, wie sie nur verlobte Männer an den Tag legen können, die genau wissen, dass ihre Aufgabe bei den Planungen darin bestand, etwaige Allergien vor der Wahl der Hochzeitstorte bekanntzugeben, keine Smokinganprobe zu versäumen und ansonsten nur zustimmend zu nicken und pünktlich samt Ring bei der Trauung zu erscheinen.

„Nun, wir sind in England, da ist das Wetter bekanntermaßen von äußerster Wichtigkeit“, lästerte Edward.

„Ja, ja, warte nur ab, bis du heiratest.“

Nun lachte Edward doch. „Das ist ja gerade das Schöne: Sollte ich je heiraten, wird es eine Veranstaltung, die von zwei von Natur aus überaus praktisch veranlagten Männern geplant wird. Denn kein Mann, auch wenn er noch so schwul ist, wird freiwillig stundenlang Blumenarrangements für die Tische diskutieren.“

„Und du musst dir auch keine Gedanken über einen Smoking oder ähnliches machen, sondern wirst einfach deine Paradeuniform anziehen“, ergänzte David ein klein wenig sauertöpfisch.

„Genau. Und die Uniform wiederum sorgt dafür, dass bereits das Farbschema feststeht, aus dem mein Zukünftiger die Farbakzente für seinen Smoking wählen kann, schließlich soll es ja zusammen passen. Also kein Pink oder Giftgrün für die Aufschläge und den Kummerbund.“

„Apropos Zukünftiger… Schon was in Aussicht?“ Die Art, wie David das sagte, ließ Edward sich fragen, ob sein Cousin einfach nur die Sticheleien bezüglich seiner Hochzeit bereits in diesem frühen Stadium über hatte, oder ob die Frage genau jene war, die zu stellen er die ganze Zeit beabsichtigt hatte.

„Fragst du nur, weil du sicher gehen willst, dass ich dir nicht bei einer potenziellen Doppelhochzeit die Schau stehle? Und das, obwohl du natürlich liebend gerne den schönsten Tag deines Lebens mit mir teilst? Auch wenn Erin da vielleicht anderer Meinung ist…“, versuchte Edward David ein wenig nach dessen Motiven auszuhorchen.

„Hm, ich weiß nicht… vermutlich ließe sich Erin sogar von einer Doppelhochzeit überzeugen, wenn es garantierte, dass Tante Catherine dann nicht daran teilnimmt.“

Hier grinste Edward. Er hatte genug Begegnungen zwischen seiner Tante und Davids Verlobter miterlebt, um zu wissen, dass Erin allein schon durch ihren Humor Catherine Dempsey meilenweit überlegen war, dass Tante Catherine sich dessen sehr wohl bewusst war, und dass es ihr natürlich mitnichten gefiel.

„Bedaure dich da enttäuschen zu müssen. Tante Catherine würde auf gar keinen Fall meiner Hochzeit fern bleiben. Zum einen, um mir zu beweisen, dass sie mindestens so aufgeschlossen ist wie die Queen, die ja zumindest offiziell der gleichgeschlechtlichen Ehe zugestimmt hat. Zum anderen, um jedem anwesenden Gast ihre garantiert schlechte Meinung über meinen Partner, das geschmacklose Spektakel und meinen mangelnden Respekt gegenüber der Familie mitzuteilen“, erklärte Edward grinsend.

„Wieso nur würde ich dir glatt zutrauen, zu einer solchen Hochzeit von dir es auch noch zu schaffen, dass tatsächlich jemand aus der königlichen Familie daran teilnimmt, nur um Tante Catherine noch mehr in die Bredouille zu bringen?“

„Vielleicht, weil du mich eben sehr gut kennst, oh du mein Cousin, der du mir so lieb und teuer wie ein Bruder bist?“, mutmaßte Edward großzügig.

„So gut scheine ich dich dann aber doch wiederum nicht zu kennen. Denn sonst wüsste ich, wieso du dich an Rachels Neffen erinnerst, ich aber nicht.“

Darauf hatten also Davids Fragen bezüglich einer potenziellen Hochzeit von ihm abgezielt. Edward lächelte versonnen. „Du erinnerst dich nicht, weil niemand wusste, was damals zwischen mir und Josh war. Außer A-Hörnchen und B-Hörnchen, aber die haben Stillschweigen bewahrt.“

„Alicia und Beatrix waren eingeweiht und ich nicht?“ Jetzt sah David tatsächlich etwas verletzt aus.

„Die beiden sind zufällig über uns in einer Situation gestolpert, als Lügen zwecklos war.“ Edward rollte mit den Augen, als er im Gesicht seines Cousins las, was dieser gerade dachte.

„Nur zu deiner Information, wir waren beide vollständig bekleidet. Wir waren schließlich an einem semi-öffentlichen Ort. Dementsprechend haben deine Schwestern Josh und mich nur bei einem Kuss erwischt.“

„Sorry“, murmelte David, dem offensichtlich peinlich war, dass er so schnell die falschen Schlüsse gezogen hatte.

„Es war vor etwas mehr als zehn Jahren. Der Sommer, in dem Onkel Charles gestorben ist. Du warst so beschäftigt, dich in deiner neuen Rolle zurecht zu finden, dass vermutlich eine ganze Motorradgang den Park hätte verwüsten können und du hättest es erst mitbekommen, wenn dir der Kurator den Schadensbericht vorgelegt hätte.“

Nachdenklich blickte David auf den Tisch. „Ich erinnere mich vage, dass Josh damals auch hier war, aber wirklich nur sehr vage.“

„Na ja, Tante Catherine war damals auch da, und sie war so charmant wie eh und je, was bei allen, die sich nicht in einem Arbeitszimmer verschanzen konnten, den unwiderstehlichen Drang hervorrief, sich möglichst wenig im Haus aufzuhalten. Das galt auch für Josh. Entsprechend war er entweder in London, um sich um Dinge bezüglich seines Studiums an der Greenwich University zu kümmern, oder im Dorf, oder eben im Park.“

„Und der Park war jener semi-öffentliche Ort, wo euch Alicia und Beatrix überrascht haben?“

Edward nickte. „Wir hätten ahnen müssen, dass so etwas früher oder später passieren würde. Schließlich war den beiden relativ langweilig, und nachdem Josh ihnen auf nette Weise einen Korb gegeben hatte…“

„Und sie dich vermutlich häufiger in seiner Gesellschaft gesehen haben…“

Abermals nickte Edward.

„Das war vor zehn Jahren. Was wurde aus euch beiden?“ David wollte nun die ganze Geschichte wissen.

„Nichts“, erwiderte Edward schlicht. „Auf mich wartete Afghanistan. Nicht gerade ein gemütlicher Ort. Und da wäre es nicht fair gewesen, Josh all den Sorgen auszusetzen, die damit einher gehen. Auf ihn wiederum wartete das Uni-Leben. Wer wusste schon zu sagen, ob er sich nicht dort in jemanden vergucken würde? Und auf eine E-Mail, in der er mit mir Schluss macht, hatte ich auch keine Lust. Also blieb es bei dem einen Sommer.“

„So, wie ihr euch aber gestern in der Halle angesehen habt, war das dann ein verdammt intensiver Sommer…“ Irgendwie wollte David nicht so recht glauben, dass die beiden sich zehn Jahre nicht gesehen hatten und dann einander Blicke zuwarfen, für die Hollywood-Schauspieler morden würden, so oscarreif waren sie in ihrer Intensität.

„Ich sagte nicht, dass ich nicht hin und wieder an ihn gedacht hätte. Oder, dass ich nicht von Zeit zu Zeit versucht hätte, herauszufinden, was er gerade so treibt.“

„Du hast ihn gestalkt?“, fragte David irritiert.

„Immer schön langsam hier. Hätte ich ihn gestalkt, hätte ich doch wohl gewusst, dass er auf dem Weg nach England ist und wäre gestern bei sein Erscheinen nicht so überrascht gewesen. Das, was ich getan habe, war ihn hin und wieder, so etwa alle zwei bis drei Jahre einmal, zu googlen. Das kann man wohl kaum stalken nennen.“ Dabei sah er seinen Cousin eindringlich an, als wollte er ihm ins Gedächtnis rufen, dass dieser selbst vor noch nicht allzu langer Zeit ganz andere Züge an den Tag gelegt hatte, wenn es darum ging, eine Person von Interesse über das Internet zu verfolgen.

Und tatsächlich hatte David den Anstand ein wenig verlegen drein zu blicken. „Okay, ich gebe zu, das ist wirklich harmlos.“

„Nun ja, ein Gutes hatte dein Online-Stalking letztes Frühjahr immerhin auch“, meinte Edward beschwichtigend.

„Das war kein Stalking“, protestierte David prompt.

„Ach ja? Jede Kleinstadtzeitung aus Wiltshire online zu verfolgen, ob eine gewisse Jungjournalistin einen Artikel veröffentlich hat, ist kein Stalking?“

„Man nennt es Interesse an einer Nachbargrafschaft“, versuchte David sich herauszureden.

„Klar auch… Aber wie schon gesagt, es hatte auch was Gutes. Denn sonst wärst du nicht auf die Collegeberichte gestoßen, in denen ein gewisser Greg Fletcher erwähnt wurde.“

Beide schauderten kurz bei dem Gedanken an ihren Kameraden aus Kindheitstagen, der dann jedoch auf die schiefe Bahn geraten war und sich heute wahlweise als Drogendealer, Betrüger oder ähnliches durchs Leben schlug.

„Du hast dich ehrlich damit zufrieden gegeben, ihn alle Jubeljahre durch eine Suchmaschine aufzustöbern?“, kehrte David zum ursprünglichen Thema zurück.

„Vielleicht war da gelegentlich auch die Hoffnung dabei, an jenen Sommer anzuknüpfen. Aber irgendwie war es nie der rechte Zeitpunkt. Die letzten Jahre etwa war er bei einer amerikanischen Rockband als Logistikmanager beschäftigt. Da trennte uns gleich ein ganzer Ozean. Und davor… war entweder ich nicht im Land oder er. Auslandssemester, Aufenthalte bei seinen Eltern in Asien… Falkland, Deutschland, noch mal der Mittlere Osten bei mir…“ Edward zuckte mit den Achseln.

„Und jetzt?“, hakte David nach.

„Sagen wir so: Er interessiert mich eindeutig mehr, als jede Frau, die Tante Catherine mir gestern als Tanzpartnerin zugeführt hat“, versuchte er sich herauszureden.

„Kunststück!“, erwiderte sein Cousin wegwerfend. „Er hat das passende Geschlecht und du weißt obendrein, dass er am gleichen Ufer wie du paddelt.“

„Nur, weil man weiß, dass jemand ebenfalls schwul ist, heißt das nicht, dass man sich automatisch zu ihm hingezogen fühlt. Elton John ist auch schwul und ich finde ihn nicht attraktiv.“

„Aber du findest Joshua Evans attraktiv“, stellte David fest.

Edward nickte, wenngleich ein wenig widerstrebend, missfiel es ihm doch selbst seinem geliebten Cousin gegenüber so viel von sich preiszugeben. „Geschmäcker ändern sich nun mal nicht so sehr. Aber bevor du wieder voreilige Schlüsse ziehst: Noch weiß ich ja nicht einmal, weshalb er hier auf Covendale ist. Und eines kann ich dir versichern: Ich bin nicht der Grund dafür. Denn er wusste weder, dass du dich gestern offiziell verloben würdest, noch dass ich anlässlich der Party da sein würde.“

„Du weißt, dass es Familienmitglieder gibt, die Josh nie als deinen Partner akzeptieren würden?“, fragte David, der mit seinen Gedanken trotz allem schon wieder weit voraus war.

„Wie schon gesagt, ich weiß nichts über Joshs aktuelle Motive. Und so weiß ich auch nicht, ob Josh überhaupt daran interessiert wäre, herauszufinden, ob die Chemie zwischen uns noch stimmt“, versuchte Edward seinen Cousin und dessen davon galoppierende Gedanken wieder einzufangen.

„So wie er dich auf der Tanzfläche mit Blicken verfolgt hat, denke ich, dass deine Chancen nicht allzu schlecht stehen.“

„Will ich wissen, wieso du Zeit hattest, Josh zu beobachten, wo du doch eigentlich gestern Abend nur Augen und Ohren für Erin hättest haben sollen?“

David grinste. „Erin war auch neugierig. Wir haben euch also gemeinsam beobachtet.“

„Du und wie viele Familienmitglieder noch?“, fragte Edward mit einem Anklang von Verdammnis.

„Keine Ahnung“, gestand David. „Ich war schließlich damit beschäftigt wahlweise dich oder Josh zu beobachten.“

„Na grandios!“

„Und, was gedenkst du nun zu tun? Und vor allem, wie willst du die Familie von deiner Wahl, sollte Josh deine Wahl werden, überzeugen?“, stichelte David weiter.

„Gar nichts und gar nicht?“, konterte Edward. „Ich hoffe natürlich, dass Josh länger als nur eine Nacht bleibt, werde ihn aber gewiss nicht bedrängen oder gar zu etwas zwingen. Und darf ich dich daran erinnern, dass du die Familie auch nicht gerade von deiner Wahl überzeugt sondern sie vielmehr vor vollendete Tatsachen gestellt hast?“

„Aber wenn du gar nichts zu tun gedenkst, wie willst du dann in die Situation kommen, wo du die Familie vor vollendete Tatsachen stellen kannst?“

„Auf jedem Fall werde ich nicht deinem Beispiel folgen, mich wie ein aufgeblasener Pinkel benehmen, alle vor den Kopf stoßen, dann über ein halbes Jahr um den heißen Brei herumreden, den Antrag trotzdem vergeigen, Online-Stalker werden…“

„Ja, ja, ja“, unterbrach ihn David. „Zähl du nur all die Fehler meiner eigenen Romanze mit Erin auf. Fakt ist aber, dass es für mich am Ende das berühmte Happy End gegeben und sie Ja gesagt hat.“

„Und das trotz der Ablehnung, die unsere Familie ihr entgegen gebracht hat. Wobei ich mal vermute, dass nicht einmal die Tochter eines Herzogs Tante Catherine als Braut recht gewesen wäre.“

„Insbesondere nicht, wenn es sich dabei um eine der Töchter des Herzogs von York gehandelt hätte, königliches Blut hin oder her“, erwiderte David grinsend. „Zu viele Auftritte in der Boulevard-Presse für ihren Geschmack. Aber deine Eltern haben Erin erstaunlich schnell akzeptiert.“

„Das lag mehr an Tante Catherines Opposition. Sie mögen sie bis zu einem gewissen Grad in ihrer Meinung respektieren und einige ihrer Ansichten teilen, aber wenn Tante Catherine in ihrer Ablehnung zu Lady Catherine mutiert, dann wird Papa hellhörig. Dann hat nämlich, was auch immer Tante Catherines Ablehnung hervorgerufen hat, es geschafft, ihr unter die Haut zu gehen. Ich weiß nicht, ob er einfach nach all den Jahren noch immer versucht herauszufinden, wie genau seine Schwester tickt, oder ob es noch auf geschwisterlicher Rivalität aus Kindertagen beruht und er nach geheimen Waffen in diesem Kampf sucht, auf jeden Fall ist er bei so etwas immer neugierig“, erklärte Edward. „Und nachdem er Erin kennengelernt hat, wusste er sofort, dass ihr Humor jene versteckte Waffe ist. Dass sie ansonsten allenfalls das Pech hat, in ihrer Familiengeschichte auf nicht gar so viele Jahrhunderte zurückblicken zu können wie wir, wurde da eher zweitrangig. Ihre Familie ist anständig, es gibt keine Skandale und die finanzielle Situation ist auch keine, wo man sagen könnte, sie versuche verzweifelt sich über dein Vermögen die Zukunft zu sichern.“

„Da hast du leider Mutter Barnes erstes Auftreten nicht mitbekommen. Diese Gartenparty… Ich kenne zum Glück nicht die ganze Litanei ihrer Argumente, aber sie schafft es, dass das Haus, das sie bewohnen, in den Augen ihrer Zuhörer schlimmer erscheint als eine Ruine. Dabei ist es ein wirklich nettes Haus. Zugegeben, wenn Frederica auch noch bei ihnen wohnt wird es vielleicht ein wenig eng, was die Badezimmerzeiten betrifft, aber das ist auch alles.“

„Da möchte man fast wissen, wie sie es schafft, Covendale kleinzureden, wenn sie dereinst auf die Jagd nach einem noch größeren Fisch als Ehemann für ihre Enkeltochter geht.“

„Gott bewahre!“, stöhnte David. „Aber zum Glück ist bis dahin noch viel Zeit.“