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07. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

7 - Wer hoch hinaus will muss das Fallen üben oder "Und was ist mit dir, Kris? Schon Erfahrung?"

Sonntag, 1. Juni 2015 - Freibad - Bakar Fitness & Recreation Center

 

Die Zeit schien im Moment nur so zu fliegen. Es war nicht mehr normal. Schon wieder war der Juni angebrochen und Kris hätte schwören können, dass sie erst Juni gehabt hatten. Irgendwo saß ein kleines Kind und drückte den Hebel, damit die Erde sich schneller drehte. Anders war das doch nicht mehr zu erklären. Allerdings konnte er auch noch wann anders darüber nachdenken, denn sie wollten eigentlich los.

Es war Montag und sie wollten ins Freibad. Rudy hatte gesagt, er wüsste ein gutes und hatte sich extra frei genommen. Langsam wurde das zur Gewohnheit. Er war wohl kein guter Einfluss für den Jüngeren, allerdings hatte Rudy vorgeschlagen, an einem Montag zu gehen. Kris wäre auch am Sonntag mit ihm schwimmen gegangen.

 

"Badehose, Duschzeug, Handtücher und bequeme Klamotten... alles da. Wofür ich wohl die Klamotten brauche? Rudy wird es mir schon sagen", sprach Kris zu sich selbst. Doch, er hatte alles. Geldbeutel noch und dann konnten sie los. Rasch war das Fehlende gegriffen und Kris warf sich die Tasche über die Schulter. Von ihm aus konnten sie los.

Pfeifend verließ er sein Apartment und nahm die Treppe nach unten. Kopfschüttelnd betrat er Rudy’ Apartment und schloss die offen stehende Tür. Der Jüngere machte sich wohl keine Sorgen um Einbrecher.

 

"Rudy, bist du fertig?", rief er in das Apartment. Mit den Straßenschuhen wollte er nicht unbedingt weiter.

"Komme... Wo ist denn... Ah, gefunden...", rief der Jüngere zurück und ließ Kris schmunzeln. Der Kleine war wirklich erfrischend lustig, mit Rudy wurde es nie langweilig. Musste wohl Schicksal sein, das er den schnuckeligen Kerl kennengelernt hatte. Auch wenn er das besser immer noch nicht laut sagen sollte. Es hatte sich noch keine Gelegenheit ergeben, die Situation auszuloten. Irgendwann würde sich schon der richtige Moment ergeben. Besser nichts überstürzen, das würde nur alles, was sie bisher verband, zerstören.

 

"Ich hab alles, wir können los, Kris", erklärte Rudy, der ebenfalls in den Flur kam. Er hatte erst seinen Mitgliedsausweis suchen müssen. Ohne kamen sie nicht ins Bakar Fitness & Recreation Center. Er selbst war Mitglied, auch wenn er es nicht ganz so regelmäßig in die Fitnessabteilung schaffte. Er war eher im Swimmingpool oder in der Kletterwand zu finden. Es war auch nur Mitgliedern der Zutritt gestattet, doch man durfte zwei Gäste pro Tag mitbringen. 20$ würde Kris noch zahlen müssen, das war immer noch günstiger als direkt eine Mitgliedschaft abzuschließen. Rudy hatte seine jetzt seit 5 Jahren.

 

Zusammen verließen sie das Apartment und fuhren mit dem Lift in die Tiefgarage, da stand Kris Auto. Rudy hatte ebenfalls einen Parkplatz, doch benutzte er ihn nie. Schließlich hatte er auch kein Auto. Normalerweise kam er mit dem Bus zum Mission Bay Areal, denn dort war das Fitness Center. Es war allerdings schon schön, wenn man nicht ständig einen Ellenbogen in die Seite bekam oder einem Fremde auf die Füße trampelten. Der Bus war immer so voll.

 

 

Wenig später parkte Kris im Parkhaus. In dem Komplex befanden sich neben dem Fitness und Recreation Center auch ein großes Conference Center und ein Pub. Das hatte Rudy zumindest schon mitbekommen. So genau hatte er sich auch noch nie umgesehen, dazu war bisher einfach keine Zeit gewesen.

 

Da der 33-Jährige den Weg kannte, führte Rudy sie direkt zum Empfangsbereich. Dort musste er selbst nur seinen Mitgliedsausweis zeigen und Kris sich in eine Gästeliste eintragen. Jetzt würde der Ältere ihm, solange sie hier waren, nicht mehr von der Seite weichen dürfen, das sah das Personal gar nicht gern. Aber eigentlich wollten sie sich auch gar nicht trennen. "Dann gehen wir uns umziehen. Wir können gleich schwimmen gehen oder vorher noch in die Kletterwand, die außen steht. Nur wenn du willst, aber es macht wirklich Spaß." Rudy verstand auch ein Nein, falls es Kris zu gefährlich war oder der Ältere Höhenangst hatte. Das gab man als Mann ja nicht so gerne zu. Allerdings hatte Rudy keine Probleme damit. Jeder hatte vor irgendwas Angst, denn sonst wären ja alle Superhelden. Rudy selbst hatte Angst vor Gewitter. War eine lange Geschichte und er dachte nicht gern daran.

 

Unbeholfen zuckte Kris mit den Schultern. "Ich war noch nie klettern. Wenn du es mir zeigst und erklärst probiere ich es. So schwer wird das schon nicht sein", gab sich der Blonde locker. In Wahrheit hatte er schon Angst, dass etwas passieren konnte. Er konnte so viel falsch machen und einen gebrochenen Arm konnte er sich wirklich nicht leisten. Die Arbeit machte sich nicht von allein und er brauchte zwei gesunde Arme dazu. "Ach deswegen die bequeme Kleidung. Warum hast du das nicht gleich gesagt? Hattest du Angst, dass ich nicht mitkomme?" Freundschaftlich stieß er den Jüngeren mit der Schulter an.

 

Ein verlegenes Lächeln huschte über Rudys Gesicht. "Du musst zugeben, dass wir uns nicht wirklich gut kennen, obwohl wir uns schon seit März immer mal wieder sporadisch treffen. Ich kann dich also ganz schwer einschätzen. Tut mir leid. Ich sag das nächste Mal gleich alles was wichtig ist. Versprochen." Er wusste kaum etwas über seinen Nachbarn. Weder das Alter, noch Hobbies oder gar den Beruf des Älteren. Das hatte sich einfach nicht ergeben. Sie hatten immer andere Themen gefunden.

 

"Schon gut. Du hast ja Recht. Wir haben bisher kaum über Persönliches gesprochen, das müssen wir ändern. Nach dem Schwimmen? Da können wir was essen und Frage & Antwort spielen. Ich ne Frage und du ne Frage, das erscheint mir fair", stimmte Kris zu. Etwas mehr von Rudy zu wissen konnte sicher helfen. Aber erst einmal wollten sie Spaß haben. So folgte er brav seinem Nachbarn zu den Umkleideräumen. Das Umziehen war eine schnelle Angelegenheit und die Schuhe, die sie zum Klettern brauchten, konnten sie zusammen mit der Kletterausrüstung leihen. Sich hier einzuschreiben war vielleicht nicht die schlechteste Idee. Bei seinem Job bekam Kris nicht wirklich viel Bewegung.

 

"Hört sich gut an. Dann auf in die Wand", freute sich Rudy. Klettern war einfach toll. Man musste sich ganz auf sich selbst und den Mann, der einen sicherte, verlassen. Und man durfte die Konzentration nicht verlieren, sonst konnte das Übel enden. Und eigentlich wollte Rudy hier raus laufen und sich nicht tragen lassen. Gut gelaunt machten sich die beiden auf den Weg auf das Dach des Gebäudes, denn dort befand sich neben dem Pool auch die Kletterwand.

 

"Hi Rudy, lange nicht mehr gesehen", erklang eine erfreute Stimme. Sie gehörte einem Mann in den 50ern, mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht.

"Hi Leo, wieder zurück aus dem Urlaub? Wie hat Europa deiner besseren Hälfte gefallen?"

Der Angesprochene lachte. "Du kennst doch Charlie. Er würde am liebsten direkt schon wieder nach Paris fliegen. Es hat ihm ziemlich gut gefallen. Wir sind vorgestern erst wieder gelandet. Er wird wohl demnächst bei dir vorbei kommen, um deinen Kugelbestand zu dezimieren. Jetzt haben es ihm Sehenswürdigkeiten aus allen Ländern angetan." Die grünen Augen wanderten zu Kris. "Und wer ist die Sahneschnitte an deiner Seite?"

 

Rudy grinste bei den Worten. Ja so kannte er Leo und Charlie. "Ich hoffe, ihr habt jede Menge Bilder gemacht. Die will ich alle sehen. Ich hab in eurer dreiwöchigen Abwesenheit tatsächlich welche mit Sehenswürdigkeiten gemacht. Schick Charlie einfach vorbei. Und der Mann an meiner Seite ist Kris. Mein neuer Nachbar seit März. Wir wollen Klettern und schwimmen, deswegen sind wir hier."

 

Verstehend nickte Leo. Das war bei der Montur klar, wie er feststellte, als er sich die Schuhe besah. "Gut. Dann kannst du mit Doug loslegen, Rudy. Du kletterst ja nicht zum ersten Mal. Und was ist mit dir, Kris? Schon Erfahrung?" Das Kopfschütteln reichte ihm schon. So erklärte er erst einmal alles und legte dem Blonden den Gurt an. Es wäre fatal, wenn er zu lose saß und Kris etwas passierte. "Gut und jetzt erst einmal Fallübungen. Du musst dem Seil und mir vertrauen. Nur die ersten vier Griffe hoch. Die gelben, das ist die leichteste Strecke. Talkumpuder auf die Hände und ab in die Wand."

 

Schluckend blickte Kris die Wand hinauf. Die Fallübungen behagten ihm gar nicht. Allerdings sah das bei Rudy wirklich leicht aus, wie der da die Wand schon beinahe hinauf rannte. Er war schon ziemlich weit oben und schien sich über das Fallen keine Gedanken zu machen. Und nachdem sich Leo schon seiner annahm, konnte er jetzt nicht mehr kneifen. Außerdem hatte seine Granny ihm immer gepredigt, dass man alles mindestens einmal ausprobieren sollte, bevor man wusste, ob man etwas mochte oder nicht. Und daran hielt sich Kris auch. Immer.

 

Brav rieb er seine Hände mit dem Talkumpuder ein, das in einem kleinen Behälter an seinem Gurt hing. Feuchte Hände würden ihn nur abrutschen lassen und im Moment waren sie wirklich feucht. Angst vor dem ersten Mal eben. Noch einmal tief durchatmen und dann konnte es losgehen. Leo machte einen vertrauenerweckenden Eindruck auf ihn, er würde ihn schon auffangen.

Die Griffe hochkommen war kein Problem. Auf den unteren draufstehen und bei den oberen hochziehen. Eine Bewegung aus dem Augenwinkel ließ Kris den Kopf drehen. Rudy wurde gerade neben ihm heruntergelassen und sah ziemlich fröhlich aus. Das konnte er auch!

 

"Bereit, wenn du es bist, Leo", rief er hinunter.

"Gut, du kannst runterkommen."

Der 35-Jährige nickte und stieß sich von der Wand ab, hing direkt sicher im Seil, Leo verstand seinen Job. Langsam wurde er dann heruntergelassen. "Wie war das, für das erste Mal?", wollte der Blonde wissen, als er wieder auf dem Boden stand. "Sah gut aus. Ich hab beim ersten Mal Angst gehabt und fast 20 Minuten für den Absprung gebraucht. Leo hat ganz schön auf mich einreden müssen", grinste Rudy von der Seite. Das war wirklich ein Drama gewesen. Das war allerdings auch schon zwei Jahre her.

 

Leo nickte bekräftigend. "Das stimmt und es ist selten, dass Menschen direkt springen können. Die meisten haben mehr Angst oder halten sich zumindest mit einer Hand am Seil fest, weil sie der Aufhängung nicht trauen. Noch ein paar Mal und dann kannst du versuchen so hoch zu kommen wie es eben klappt. Vielleicht bist du nachher auch sicher genug, um gegen Rudy ein Wettklettern zu machen." Dazu musste der Jüngere aber noch etwas üben und sicherer werden, doch Leo würde ihm helfen.

 

 

Zwei Stunden später stand es 4 zu 5. Für Kris. Er schien ein Naturtalent zu sein und das letzte Rennen hatte Rudy nur knapp gewonnen, was bedeutete, dass er wieder mehr trainieren musste. Die Zeit musste sich einfach finden lassen.

Dankend verabschiedeten sie sich von Leo und nahmen erst einmal eine Dusche, bevor sie ihre Badehosen anzogen. Sie wollten noch schwimmen und das durften sie in der Kletterkleidung nun mal nicht. Regeln – so lästig sie auch waren – mussten eben eingehalten werden. Lachend blickte er Kris nach, als der wie ein kleines Kind jauchzend in den Pool sprang. Er hatte gar nicht gewusst, dass Kris so kindisch sein konnte. Aber es machte ihn irgendwie sympathisch. Lachend sprang er ebenfalls in den Pool. Etwas schwimmen war jetzt genau richtig, nach dem Klettern. Abkühlung tat gut, besonders an einem heißen Junitag.

 

Auf ein Wettschwimmen wollte er sich allerdings nicht einlassen, auch wenn Kris ihn immer wieder herausforderte. Wettbewerbe mochte Rudy nicht wirklich. Wenn man auf legalem Weg nichts erreichen konnte, dann schummelte man eben oder verschaffte sich einen anderen Vorteil und das mochte Rudy gar nicht. Das hatte er bei seinen Pflegeeltern zur Genüge gehabt. Die anderen Kinder hatten nie mit ihm spielen wollen und ihm immer ihre Streiche untergeschoben. Jetzt war es ihm egal, denn er konnte etwas, was sie nicht konnten. Das Schwimmen wollte er einfach nur genießen, denn das hatte er schon eine Weile nicht mehr tun können. Immer hatte er keine Zeit gehabt und es war keine Freibadsaison gewesen. Da genoss er es jetzt umso mehr.

 

Erst am späten Nachmittag beschlossen die beiden Essen zu gehen. Sie hatten genug Bahnen gezogen und in der Sonne gebrutzelt. Jetzt verlangten ihre Mägen ihr Rech, denn sie knurrten. Keine dreiviertel Stunde später saßen sie trocken und angezogen im Pub, der sich ebenfalls in dem Komplex befand. Sie hatten schon je ein kaltes Wasser mit Eiswürfeln vor sich und die Karten in der Hand und damit auch die Qual der Wahl. Es hörte sich alles lecker an.

 

Schlussendlich entschieden sie sich für Loaded Nachos mit Steak und eine BBQ Chicken Pizza und würden teilen. Das war am einfachsten und Kris hatte damit absolut kein Problem. Er stützte sein Kinn auf seine Hand und blickte neugierig zu Rudy. "Also… was willst du alles wissen? Meine Familienverhältnisse kennst du ja schon. Ich bin 35, ich koche sehr gern und bin neu in San Francisco." Rudy hatte Recht, sie hätten schon längst die weitere Vorstellung hinter sich bringen sollen.

Rudy grinste nur. Älter hatte er Kris ja eingeschätzt. "Über meine Familie haben wir auch schon geredet, du kennst mein Alter und meinen Beruf. Was machst du? Arbeitest du überhaupt oder hast du eine Bank überfallen und lebst von dem Geld?", flappste der Jüngere.

 

Ausgerechnet diese schwere Frage. Kris seufzte tief. "Ich muss dich umbringen, wenn ich es dir sage, Rudy. Spaß… ich bin Informatiker und kann von zuhause aus arbeiten." War der erste Satz noch ernst gesprochen, lachte er bei dem anderen. Es entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, kam ihr aber schon sehr nahe. Er wollte einen Nachbarn auch nicht unbedingt verschrecken oder vor den Kopf stoßen. "Hast du eine Freundin? Nicht dass ich dich in deiner spärlichen Freizeit ihr wegnehme."

 

Bei der unerwarteten Frage wurde Rudy etwas rot, aber er schüttelte den Kopf. Nein, eine Freundin hatte er nicht. Das war eindeutig das falsche Geschlecht für ihn. Aber auch einen Freund hatte er nicht auch wenn Kris in sein Beuteschema passte. Der konnte bestimmt an jedem Finger 10 Weiber haben. "Nein, ich bin in keiner Beziehung. Selbe Frage", wollte er dann wissen und trank etwas. Plötzlich war seine Kehle trocken. Auf das Kopfschütteln des Anderen rutschte ihm ein überraschtes: "Wirklich? Ich hätte gewettet, dass sie dir Scharenweise nachrennen", heraus und sofort schmollte er, als Kris lachte.

 

"Nein, da ist niemand. Aber danke, dass du mir das zutraust. Wir finden auch noch unser Glück, früher oder später. Waren das die dringendsten Fragen? Oder brennt dir noch etwas auf der Seele?" Noch war das Essen ja nicht da und sie hatten noch etwas Zeit.

 

Rudy stellte frustriert fest, dass er kein Schritt weiter war. Kris war Single, aber war er auch schwul? Aber einfach fragen traute er sich nicht. Der Braunhaarige schüttelte den Kopf und so vertrieben sie sich die Zeit bis das Essen kam mit Smalltalk.




Was ist Weihnachten? [Britta & Fich] - Ein Terra3.0-Zyklus

 

01

 

Erschrocken zuckte Janis hoch, als sein Kommunikator, der neben ihm auf dem Tisch lag, piepste. Er war so vertieft in seine Arbeit gewesen, dass er gut daran getan hatte, sich den Wecker zu stellen, damit er das Treffen mit seinen Freunden nicht verpasste.

„Ach Herrje, schon so spät“, murmelte der junge Mann und griff nach dem kleinen Gerät, um Eljas anzurufen. Bei dem Gedanken an seinen Freund erschien ein verliebtes Lächeln auf seinen Lippen. Sie waren noch nicht lange zusammen und alles war noch neu und aufregend. Sein Lächeln verblasste aber sehr schnell, als ihm einfiel, dass er Eljas heute nicht sehen würde, weil der in einer anderen Kuppel beschäftigt war und nicht kommen konnte.

Leise seufzend legte er den Kommunikator weg und machte sich daran, seinen Arbeitsplatz aufzuräumen. Die Jacke, an der er genäht hatte, kam auf die Schneiderpuppe und das Werkzeug wieder in die Kiste. Es war zwar schade, dass Eljas nicht da war, aber er freute sich auf die abendliche Runde. Er traf sich dreimal die Woche mit seinen Freunden.

Es war eine alte Tradition, dass man sich abends zusammensetzte, um sich zu unterhalten. Einige schnitzten, andere strickten oder betätigten sich anderweitig handwerklich. Die alten Traditionen hatten sich auch über die Jahrhunderte in der Isolation hinweg erhalten und so beherrschten noch heute die Menschen im hohen Norden des alten Europa die handwerklichen Fähigkeiten, die schon ihren Urahnen das Leben ermöglicht hatten.

Viel hatte sich verändert, das hatten sie in der Schule gelernt. Niemand konnte sich heute mehr vorstellen, dass riesige Herden von Rentieren tausende Kilometer weit durch das Land gezogen waren. Heute lebten sie unter den Kuppeln. Sie hatten gelernt, mit der Enge zu leben, hatten sich an die Gegebenheiten angepasst. Und so versuchten die Alten die Jungen zumindest mit ein paar wenigen der alten Traditionen an das Erbe ihres Volkes zu erinnern.

Janis war zwar ein brillanter Schneider, doch mit Messern konnte er nicht umgehen – er war mehr für das Stricken geeignet und Eljas ebenfalls. So war ihm der hübsche, junge Mann, der vor ein paar Wochen neu in die Gruppe gekommen war, auch aufgefallen. Eljas hatte ihn etwas zu dem Strickmuster gefragt, an dem er gerade arbeitete und Janis hatte aufgesehen und war von diesen unglaublich blauen Augen, die ihn fragend anblickten, gefangen gewesen.

Ein paar Augenblicke hatte er nur sprachlos gestarrt.

So hatte es mit ihnen angefangen, denn die nächsten Treffen hatte sie unauffällig immer wieder die Nähe des Anderen gesucht, bis sich Janis eines Abends auf dem Heimweg ein Herz gefasst und Eljas geküsst hatte. Und der hatte sich nicht gewehrt, sondern sich hingebungsvoll küssen lassen.

Grinsens wusch sich Janis die Hände und das Gesicht, ehe er sich etwas Sauberes anzog und aus dem Haus ging. Er wusste nicht, warum er sehnsuchtsvoll zu Himmel blickte. Nur manchmal fragte er sich noch, wie sich das eigentlich anfühlte, wenn sogenannter Schnee fallen und auf der heißen Haut schmelzen würde. Ehe die Kuppeln gebaut worden waren, sollte es hier im Norden oft geschneit haben. Aber es erinnerte sich keiner mehr daran.

Der Weg zum Gemeindezentrum war nicht weit, so dass er schon nach fünf Minuten die Treppen hinauflief. Er rief einen Gruß in die Runde, als er den Raum betrat und suchte sich einen Platz neben seinem Schulfreund Aki, der schon an seiner Holzfigur schnitzte. Auf dem Tisch standen Kannen mit heißem Tee, aber Janis verzog nur das Gesicht, als er schnupperte.

Malventee mochte er überhaupt nicht.

„Habt ihr auch Kaffee?“, fragte er und Aki lachte.

„Steht auf der Anrichte. Extra für dich.“

„Zum Glück“, murmelte Janis leise und lachte dann.

Malventee.

Seit er klein war, hatte man ihm das Zeug immer eingeflößt, wenn er krank war, nur weil seine Oma das hinter dem Haus hatte anbauen können. Man hatte sich in den Kuppeln von Rovaniemi schon seit Jahrhunderten damit abgefunden, dass die Ressourcen die sie hatten, rar waren und man sich damit arrangieren musste, was man hatte.

Mit einem Kaffee in der Hand kam er zurück und setzte sich in seine Ecke auf der Bank und zog seinen Korb mit Wolle und Nadeln zu sich. Er blickte auf die Wolle und einmal mehr fiel ihm auf, dass dieses naturgrau trist war. Vor hunderten von Jahren hatte man mal bunte Stoffe gehabt. Das wusste er von alten Bildern. Aber irgendwann waren die Rohstoffe ausgegangen oder sie waren für wichtigeres gebraucht worden.

Schade.

Er blickte auf.

Ein weiteres Mitglied ihrer Clique betrat den Raum und Janis wollte schon die Hand heben und seinen Freund begrüßen, als er innehielt. Etwas an Jonne war anders als sonst und es brauchte ein paar Augenblicke, bis er realisierte, was es war. Er riss die Augen auf.

Jonne trug eine leuchtend rote Jacke.

Leuchtend rot.

Er hatte von diesen Farben gehört und ein paar der Früchte im Garten hatten diese Farbe. Doch er hatte sie noch niemals auf einem Stoff gesehen oder gar an einem Kleidungsstück. „Jonne?“, fragte er, als der junge Mann sich setzte und auch die übrigen am Tisch blickten irritiert.

„Was ist das?“, wollte Aki wissen und griff nach dem Ärmel der roten Jacke. Das fühlte sich komisch an, nicht wie das, was sie sonst trugen.

„Das ist super, nicht? Hast du schon mal so ein leuchtendes Rot gesehen?“ Jonne strich über den Stoff und grinste. „Ihr wisst doch, wir wohnen schon seit Generationen in unserem Haus. Meinem Bruder Martti wurde es zu eng und er wollte sich ein eigenes Zimmer im Keller ausbauen. Er hat einen bisher als Abstellkammer genutzten Kellerraum ausgeräumt. Dabei hat er auch das alte Regal abgebaut und was glaubt ihr, was er dahinter gefunden hat?“ Jonne sah in die Runde und als keiner etwas sagte, löste er das Rätsel. „Hinter dem Regal war eine Tür und die führte in einen weiteren Lagerraum, von dem niemand etwas wusste und darin haben wir diese Klamotten gefunden.“

“Wie alt sind die?“, wollte Marja wissen, die auch gleich näher kam und die Jacke befühlte. Es fasste sich wirklich seltsam an. Und dieses weiße Fell an der Kapuze und den Ärmel war auch nicht echt. „Ich will auch sowas. Habt ihr noch mehr davon?“, wollte sie mit leuchtenden Augen wissen. „Los, lass mich mal anprobieren. Ich will auch wissen wie mir sowas steht.“

„Ich habe keine Ahnung, wie alt die sind, aber zweihundert Jahre auf jeden Fall, weil das Haus so lange schon von meiner Familie bewohnt wird und das muss schon vorher dort gewesen sein.“ Während er erzählte, wand Jonne sich aus seiner Jacke und reichte sie Marja, die die Jacke gleich anprobierte. „Es gibt mehrere Kisten mit den Jacken und passenden Hosen dazu.“

„Ich will sowas. Sag das deinem Bruder. Er soll mir unbedingt etwas zurück halten, er bekommt auch was dafür, wenn er das will!“ Marja drehte und wendete sich in der Mitte des Raumes, als sie sich drehend in dicken Socken über die Bohlen rutschte. Mit Marja tauschte man immer gern etwas, denn sie konnte die besten Brote backen.

Janis betrachtete immer noch die Jacke. Der Schnitt war einfach und dafür gemacht, so vielen Größen wie nur möglich zu passen. Passend wurde sie über den Gürtel. Einfach aber funktional. Er hatte derartiges auch schon genäht.

„Martti will das Zeug verkaufen, hat er gesagt. Frag ihn am besten selbst, was er dafür haben will.“ Jonne beobachtete grinsend die junge Frau, die immer noch durch den Raum hüpfte. Wenn auch andere so begeistert waren, dann machte sein Bruder ein gutes Geschäft mit seinem Fund.

„Der Schnitt gefällt mir nicht, aber die Farbe ist einfach klasse.“ Janis war hin und her gerissen, ob er eine Jacke haben wollte, oder nicht.

„Also wenn du sie dir nicht so umnähen kannst, wie sie dir gefällt, ja wer denn dann?“, wollte Marja wissen, zog die Jacke aber wieder aus. Das Gemeindehaus war gut geheizt und die übrigen Gruppen, sie sich um ihre Tische versammelt hatten, beobachteten sie schon amüsiert. Janis griff noch einmal danach, ehe Jonne seine Jacke wieder an sich nahm. Doch er fand dass der Stoff einfach unangenehm war. Die Farbe allein war einfach nicht ausreichend, um seine wenigen Ersparnisse einfach dafür auszugeben. Er strich noch einmal darüber und gab die Jacke an Jonne zurück.

„Habt ihr da nur die Klamotten gefunden, oder noch etwas anderes?“ Ihn interessierte alles, was mit ihrer Vergangenheit zu tun hatte und er war schon neugierig, was Jonnes Bruder noch gefunden hatte.

„Na, da fragt du was. Kann ich dir jetzt auch nicht sagen. Er kam mit den Kisten wieder raus, in denen die roten Klamotten waren. Es waren auch noch welche mit roten und weißen und grünen Klamotten. An was hast du denn gedacht?“ Jonne legte seine Jacke neben sich und griff sich dann endlich die große Tasse Tee. Dabei sah er auf das Holzbesteck, dass Aki schnitzte.

Der hatte das echt drauf.

„Nichts Bestimmtes. Ich war nur neugierig, was da in eurem Keller geschlummert hat. Kann ich mir das mal ansehen? Ist doch spannend, dass das da schon so lange liegt und keiner etwas davon wusste.“ Janis nahm sein Strickzeug, denn er wollte die Socken, die er gerade strickte, endlich fertig bekommen. „Kann ich mal vorbeikommen und mir das ansehen?“

„Vorbei kommen kannst du sicherlich. Martti lässt dich da bestimmt mal rein gucken.“ Jonne griff ebenfalls unter seinen Sitz und holte eine Kiste heraus. Er schnitzte Miniaturen und arbeitete gerade an einem kleinen Schiff. Er holte sich immer wieder Tipps von Aki, der mit dem Schnitzwerkzeug wirklich ein Virtuose war. Er hatte auch schon eigene Werkzeuge entworfen, um filigraner arbeiten zu können.

„Ich will auch gucken“, erklärte Sisko, die die ganze Zeit in der Ecke gesessen hatte und an ihrer Decke strickte. Sie war Historikerin und hatte mehr Interesse an alten Büchern als an roten Klamotten.

„Ich auch“, rief Marja und alle lachten.

„War ja klar, dass du mit willst, so verrückt wie du nach der roten Jacke warst.“ Irgendwie war klar, dass sie sich alle zusammen ansehen würden, was Martti gefunden hatte. „Sollen wir gleich morgen Abend kommen, damit Marja nur eine schlaflose Nacht hat?“, lachte Janis und ging in Deckung, damit seine Freundin ihn nicht knuffen konnte. Sie hatte spitze Nadeln und davon viele. Es war besser sie auf seiner Seite zu haben.

„Komm Eljas auch?“, wollte Sisko wissen. Wie Eljas war sie erst seit kurzem in der Handarbeitsgruppe. Sie waren beide gute Läufer gewesen, doch sie hatten ihr Training übertrieben und sich die Knie kaputt gemacht, weswegen ihr Arzt sie auf Laufentzug gesetzt hat. „Oder trainiert der heimlich?“

„Er würde bestimmt gerne mitkommen, aber er ist nicht da. Er ist unterwegs und kommt auch die nächsten Tage nicht zurück. Er reist durch die Kuppeln und macht Inventur in den Verwaltungen.“ Janis machte ein unglückliches Gesicht, denn er vermisste seinen Schatz. Noch war ihre Liebe frisch und aufregend und gerade jetzt auf Eljas zu verzichten, fiel ihm schwer.

Sie waren sich beide einander noch nicht so sicher, waren beide noch nicht gefestigt in ihrer Beziehung. Und so war jeder Tag ohne den anderen nur schwer zu ertragen. Man wollte sich so viel sagen, so viel gemeinsam schweigen, sich sehen, sich berühren. Aber die nächsten Wochen war Eljas fast nur unterwegs. Heute war er in der Kuppel 014 und kam erst Freitagabend wieder, nur um dann Montagmorgen gleich wieder in Kuppel 052 aufzubrechen.

Janis seufzte leise und trank seinen Kaffee Aki strich ihm einmal tröstend über den Arm. Er hatte sich für Janis gefreut, dass er endlich jemanden gefunden hatte. „Nur noch vier Tage, dann ist er doch wieder für ein Wochenende da“, flüsterte er seinem Freund zu.

„Ja, ja“, maulte Janis nur leise, musste aber schon wieder grinsen. Trübsal blasen nutzte nichts, darum nahm er sein Strickzeug wieder auf. Schließlich waren die Socken für Eljas und sollten Freitag fertig sein, damit sein Freund nicht mehr über kalte Füße klagen musste, wenn er bei ihm war.

Während Eljas ein hochmodernes Niedrigenergiehaus bewohnte, das immer wohl temperiert war, hatte sich Janis bewusst für etwas Traditionelles entschieden. Das Holzhaus war genau das, was er wollte. Doch es konnte in der kälteren Jahreszeit ziemlich fußkalt sein. Was ihm selber nichts ausmachte, er war es gewohnt und hatte einen Berg gestrickter Wollsocken. Doch Eljas musste sich daran erst gewöhnen. Und wenn ein paar dicke Socken dafür sorgten, dass er noch lieber bei Janis blieb, umso besser.

„Warum grinst du so dümmlich“, wollte Sisko forschend wissen.

„Nix, nix“, wiegelte Janis lachend ab und grinste seine Strickkameradin breit an. Er wollte seine Gedanken an Eljas mit niemandem teilen. Die gehörten ganz allein ihm. „Wann sollen wir denn morgen zu Jonne?“, lenkte er von sich ab und sah in die Runde, weil doch beide Mädels nach den roten Jacken sehen wollten.

„Ablenken, hm?“, knurrte Sisko gutmütig und breitete ihre Decke auf dem großen Tisch aus, um zu sehen wie weit sie war und wie sich das Muster entwickelte. Dabei griff sie nach ihrem Tee und trank einen großen Schluck.

„Genau, der lenkt von sich ab. Aber mir soll es recht sein. Jonne du musst bei deinem Bruder schon mal vorfühlen. Wenn er verkaufen will, gib mir den Preis durch, damit ich das richtige dabei habe.“ Marja war schon ganz hibbelig, hatte schon wieder den Ärmel der Jacke beim Wickel.

„Wenn du ihm so ein Angebot machst, dann weiß ich jetzt schon, was er haben möchte. Er liebt dein Brot und deine Kuchen und Plätzchen. Bring reichlich davon mit, dann wird er dir gerne eine der Jacken überlassen.“ Es war allgemein bekannt, was für eine gute Bäckerin Marja war und die Leute bestellten oft für Feiern bei ihr. Martti machte da keine Ausnahme und man sah ihm und seiner Figur die Leidenschaft für Süßes durchaus an.

„ich biete ihm auch gern ein Monatsabo“, lachte Marja, sie hatte ein paar Leute, die jeden zweiten Tag ein frisches Brot von ihr geliefert bekamen. Es hielt sich zwar ein paar Tage aber frisch war es eben immer noch am leckersten. „Na, Janis, noch ein Tässchen Malventee. Tuukka hat eben eine neue Kanne angesetzt. Ich hol mir noch eine Tasse.“

„Igitt! Bloß nicht. Ich bleibe bei Kaffee.“ Janis verzog so angewidert das Gesicht, dass alle lachen mussten. Alle wussten, wie sehr er den Tee verabscheute, den alle anderen sehr gerne tranken und natürlich wurde er immer damit aufgezogen.

Demonstrativ füllte er noch einmal seine Tasse mit dem dunklen Gebräu und seufzte genießend nach einem Schluck. Dann saßen sie alle wieder um den Tisch und gingen ihrer Beschäftigung nach. Sie unterhielten sich ein wenig, tratschten ein bisschen mit den anderen Gruppen und dann war es auch schon wieder Zeit, sich zu verabschieden. Janis war mit der ersten Socke schon ziemlich weit, aber der Schaft war ihm noch nicht lang genug. Schließlich sollte sein Schatz auch wirklich nicht frieren. Aber er verstaute alles in seiner Kiste, die er wieder unter die Bank schob, ehe er sich erhob.

Gut gelaunt lief Janis nach Hause. Denn es gab da noch etwas, was er noch vorhatte und das war der krönende Abschluss seines Tages. Mit einem Glas Saft setzte Janis sich auf die Couch und holte seinen Kommunikator heraus. Die Nummer war schnell gewählt und kaum das die Verbindung aufgebaut war, erschien das Bild seines lächelnden Schatzes. „Hallo Süßer“, begrüßte er Eljas und lächelte. Jetzt ging es ihm wieder gut.

>>Janis, schön dass du dich noch meldest<<, sagte Eljas eilig, denn er hatte nicht damit gerechnet, dass sein Freund anrufen würde. Sie waren noch nicht sehr lange zusammen und Eljas war noch unsicher. Und so war jeder Schritt, den Janis in seine Richtung machte, ein Glücksmoment für ihn. Eilig richtete er sich wieder etwas auf, denn er war auf der Couch in seinem kleinen Hotelzimmer eingeschlafen.

„Ich habe dich heute ziemlich vermisst und da musste ich dich doch anrufen. Ich will einfach nur deine Stimme hören und dich sehen, damit ich nachher gut schlafen kann.“ Janis lehnte sich bequem zurück und legte den Kommunikator so, dass er seinen Schatz gut sehen konnte. „Du hast heute in unserer Strickrunde gefehlt.“

>>Ich wäre auch lieber zum Stricken gekommen und hätte eine Tasse Malventee getrunken, als hier in dieser Öde zu sitzen und die Vorräte zu bewerten. Ich glaube ich habe den falschen Job<<, murmelte Eljas und kuschelte sich in die Ecke der Couch. >>Außerdem bin ich gar nicht so richtig bei der Sache und muss viele Arbeiten doppelt machen, weil ich ständig an dich denken muss<<, nuschelte Eljas, denn es war ihm peinlich das zugeben zu müssen. Er hatte immer gelacht, wenn seine Freunde vor lauter Liebe blind oder schusselig wurden. Doch jetzt war er nicht besser.

Janis fehlte ihm.

Er wollte bei ihm sein, malte sich aus wie es sein könnte.

Und das sollte noch vier Tage so weiter gehen?

Janis konnte gar nicht anders als breit zu lächeln, als er die Worte hörte. „Dass du mich vermisst, höre ich wirklich gerne und du kannst mir glauben, dass es mir nicht anders geht. Ich denke den ganzen Tag nur an dich und ich habe sogar gestern eine Jacke falsch zusammen genäht. Das ist mir auch schon seit Jahren nicht mehr passiert. Da siehst du mal, was du mit mir anstellst.“

Eljas kicherte albern in sich hinein und hatte doch tatsächlich ein paar leichte Schatten unter den Augen. >>Dann stell dir lieber nicht vor, was ich mit dir anstellen könnte, wenn ich bei dir wäre. Sonst bist du in einer Woche arbeitslos<<, sagte er frech und meinte das doch nicht so wie er es sagte. Er konnte so dick auftragen, weil sie nicht bei einander waren. Wenn sie bei einander waren, war er schüchtern und zurückhaltend. Über intensive Küsse waren sie in ihrer ersten Woche noch nicht hinaus gekommen.

„Eljas“, hauchte Janis und bekam rote Wangen. Ihm ging es ja nicht anders als seinem Freund. Immer wieder malte er sich aus, wie es sein würde, wenn sie weiter gingen. Eljas lockte ihn unwahrscheinlich. „Ich befürchte, es ist schon passiert. Wahrscheinlich werde ich schon arbeitslos sein, wenn du wieder hier bist.“

>>Oh, Janis. Das ist aber gar nicht gut<<, sagte Eljas schnell, kicherte aber. >>Dann müssen wir dir einen anderen Beruf suchen, den du auch ausführen kannst, wenn du abgelenkt bist. Das wird gar nicht so leicht… oder ich höre auf dich abzulenken. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie das gehen soll.<< Er gähnte unterdrückt.

„Nein!!“ Janis zuckte hoch und sah Eljas entsetzt an. „Hör bloß nicht auf damit. Ich war schon lange nicht mehr so wunderbar durcheinander. Schon seit Jahren nicht mehr. Nimm mir das nicht weg. Ich werde schon nicht arbeitslos werden.“ Janis schickte einen Kuss in Eljas‘ Richtung. „Du solltest schlafen gehen, du siehst müde aus.“

>>Ja, ich bin müde. Und morgen sollte ich wach sein, wie zählen die Schafe in der nördlichen Weidekuppel. Das wird was werden<<, murmelte er und streckte sich ein wenig. >>Vielleicht komme ich ja morgen Abend noch einmal dazu, dich abzulenken, Schatz. Aber jetzt muss ich schlafen und schon mal Schafe zählen üben. Guten Nacht.<< Er schickte einen Kuss durch die Leitung und lächelte.

„Ja, versuche das bitte, aber wenn du zu müde bist, dann geh lieber schlafen. Schick mir dann nur eine kurze Nachricht, damit ich nicht auf dich warte.“ Janis schickte auch einen Kuss durch die Leitung und lächelte. „Warum ist nur noch nicht Wochenende?“ Aber er wollte Eljas nicht noch länger wach halten, darum wünschte er ihm eine gute Nacht und trennte die Verbindung. Auch er war müde und hatte morgen viel vor, nicht nur die Auftragsarbeiten, auch sein Besuch bei Jonne und Martti würde nicht nur ein paar Minuten dauern. Aber es war besser, wenn er abgelenkt war, dann verging die Zeit schneller und ehe er sich versah war Freitagabend.

Janis streckte sich und verschwand im Bad, ehe er endlich ins Bett kroch.