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09. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

9 - Wo der Mad Hatter und der March Hare zum Tee laden oder "Mein Freund hier hätte wahnsinnig gerne ein Bild mit Ihnen beiden."

Samstag, 4. Juli 2015 - Independence Day - Disney World Orlando

 

Gewissenhaft legte Rudy das benutze Besteck auf den Teller. Er war hier nicht zuhause, da hatte er sich zu benehmen. Der verrückte Kerl einen Stockwerk über ihm hatte ihn doch tatsächlich für das 4. Juli Wochenende nach Disney World Orlando eingeladen. Als Dankeschön für die Benutzung seines Computers. Und Kris hatte es sich nicht ausreden lassen. Deswegen verließen sie auch gerade das Restaurant in der Animal Kingdom Lodge, in der sie vorübergehend wohnten. Sie waren gestern Morgen geflogen und würden Montagmorgen wieder zurück fliegen. Es hatte Kris viel Überredungskunst gekostet und irgendwann war es wirklich lustig gewesen, mit welchen Argumenten der Ältere um die Ecke gekommen war. Rudy hatte ihn eine ganze Weile schmoren lassen, bevor er zugesagt hatte.

 

Für heute stand das Magic Kingdom auf dem Programm, denn sie hatten Extra Feuerwerk zum Independence Day und morgen würden sie das Animal Kingdom besuchen. Für das ganze Disney World war ein Wochenende zu wenig, nur länger konnte er seinen Laden wirklich nicht zu lassen. Es hatte schon Freitag geschlossen gehabt und auch Montag würde Rudy keine Glaskugeln verkaufen. Das durfte nicht zur Gewohnheit werden. Kris war ein schlechter Einfluss!

 

Da das Magic Kingdom allerdings erst um 8 Uhr öffnete, hatten sie noch ein paar Minuten. Das Hotel machte einen netten Eindruck. Sauber und freundlich. Das Restaurant, in dem sie morgen Abend essen wollten, hatten sie schon gesehen und einen Tisch reserviert, nur zur Sicherheit. Laut dem Concierge war das Restaurant immer gut besucht.

 

Eine freundliche Durchsage bat die Herren Kelso und Deer zum Parkplatz, ihr Mietauto würde bereit stehen. Das war schneller als der Bus, der ohnehin heute überfüllt sein würde. 4. Juli, da war der volle Park erst recht voll. Wenn Kris etwas plante, dann richtig und mit allen Schikanen. Mit dem Auto waren sie innerhalb von 15 Minuten am Parkplatz des Magic Kingdom, von dort mussten sie noch eine kurze Strecke laufen. Immer wieder rannten lachende Kinder an ihnen vorbei, die es wohl kaum noch erwarten konnten, in den Park zu kommen. Die Kinder hatten es wohl eilig oder sie hatten Angst, der Park könnte schließen, bevor sie überhaupt drin gewesen waren.

 

Als dann Kris und Rudy beim Eingang ankamen, mussten sie sich mit aller Macht das Lachen verkneifen. Die Kinder, die es kaum erwarten konnten, wurden von Parkmitarbeitern ausgebremst, weil es noch nicht Zeit zum Einlass war. Die Kinder versuchten es mit Schmollen, mit Betteln und mit Schreiattacken, doch nichts half. Es war lediglich lustig für die beiden Männer aus San Francisco, peinlich für die Eltern der Kinder und nervig für die Mitarbeiter.

 

Rudy konnte mit Fug und Recht sagen, dass er sich als Kind nie so verhalten hatte. Einfach weil ihm das die anderen Kinder bei seinen Pflegeeltern ausgetrieben hatten. Es war auch schwer, quengelig zu sein, wenn man dafür jedes Mal ausgeschimpft wurde.

Und auch Kris hatte sich vorbildlich verhalten, denn seine Eltern, wie auch seine Granny, waren zwar liebevoll aber auch streng zu ihm gewesen. Sie waren eben noch anders erzogen worden und nicht so verzogen wie die aktuelle Generation.

Etwas abseits wurde einem kleinen Mädchen gerade allen Ernstes gesagt, sie könne sich alles wünschen, wenn sie jetzt nur aufhören würde zu weinen. Bei dem resoluten: "Ich will ein Pony", hatten die Eltern den Salat. Wie sie da nur wieder rauskamen?

 

 

Das bekamen Kris und Rudy allerdings nicht mehr mit, denn die Mitarbeiter schienen ein Einsehen zu haben. Gerade kamen nämlich die nächsten Massen an Menschen an und da sie weitere Szenen wie eben fürchteten, öffneten sie den Einlass.

Ohne Worte einigten sich die beiden darauf, zu warten, bis der gröbste Ansturm vorbei war. Sie wollten nicht unbedingt unter die Kinder geraten, sie hatten noch einiges vor, dieses Wochenende.

 

Nachdem die meisten Leute im Park verschwunden waren, reihten sich dann auch Rudy und Kris ein. Brav zeigten sie ihre Tickets vor und ließen ihren Rucksack kontrollieren. Doch außer den Geldbeuteln und einer Kamera hatten sie nichts dabei. Dankend nahmen sie noch einen Plan und ein Programmheft des Parks entgegen, einer würde reichen. Eine freie Bank war dann die ihre und so betrachteten sie erst einmal den Plan, um herauszufinden, was sie machen konnten und was sie machen wollten. Sie hatten Zeit bis zum Feuerwerk und zur Parade.

 

Einige Gebiete konnten sie gleich auslassen, denn für Winnie the Pooh waren sie eindeutig zu alt und auch Toy Story konnte sie nicht mehr hinter dem Ofen hervor locken. Die Disney Prinzessinnen würden sie auch nicht extra suchen, so viel stand fest. Schließlich stand die Route, die sie hoffentlich so abarbeiten konnte. Wer wusste schon, was passieren konnte. Wartezeiten waren nicht vorhersehbar. So liefen die beiden die Main Street hinunter, um zum Adventureland zu kommen. Dort wollten sie ihren Tag anfangen. Mit dem Besuch des Swiss Family Treehouse. Das Baumhaus war imposant von unten betrachtet. Rudy konnte nicht glauben, dass man das 1805 ohne Maschinen hatte bauen können. Sie überquerten die Brücke, vorbei am Wasserrad das fließend Wasser transportiert hatte und die Treppe hinauf. Die Familie hatte alles verwertet, was von dem Schiff übrig geblieben war. Das musste ganz schön schwere Arbeit gewesen sein, die Dinge auf den Baum zu bekommen. Selbst eine kleine Orgel hatte den Weg ins Wohnzimmer gefunden.

 

Geschafft atmete Rudy auf, als sie wieder auf der Erde standen. 116 Stufen hoch und wieder runter, aber die Aussicht vom höchsten Punkt des Baumhauses war einfach toll. Man konnte wahnsinnig weit schauen. Sie hatten heute wirklich gutes Wetter erwischt, keine Wolke war am Himmel. Für den Moment jedoch würden sie der Sonne den Rücken kehren, denn sie wollten in Pirates of the Caribbean und das war eine Indoor Aktivität. Kris hatte ihm Alice in Wonderland mit Johnny Depp gezeigt und seitdem hatte er eine klitzekleine Schwäche für Johnny. Was natürlich auch die Pirates of the Caribbean beinhaltete. Und da Teile der Filme auf dieser Attraktion basierten, stand sie natürlich auf der To-Do Liste.

 

Sie mussten etwas warten, bis sie in eines der freien Boote steigen konnten. Die Attraktion war wohl ziemlich beliebt. Schließlich saßen sie mit vier Kindern und fünf Erwachsenen in einem der Boote. Es war eine langsame Fahrt mit jeder Menge Kulissen. Sie wurden begrüßt von Davy Jones der aus einem Wasserfall zu ihnen sprach. Gleich darauf tote Meerjungfrauen bevor es einen kleinen Wasserfall hinunter ging. Sie wurden Zeuge einer Auktion, das obligatorische Piratenlied erklang unterlegt mit einem Papageien und die Szene im Gefängnis, als sie den Hund mit dem Schlüssel anlocken wollten. Im Souveniershop endete ihre Reise schließlich, bevor sie wieder ins Sonnenlicht treten konnten.

 

Sie hatten jetzt noch Zeit, um einen guten Platz für die Fantasy Parade zu finden, die um 12 anfangen würde. Das war eine der zwei Paraden, die sie heute sehen wollten. Obwohl schon viel los war, fanden sie noch relativ gute Plätze. Sie mussten noch ein bisschen warten, aber dann ging es los. Bunte Themenwagen mit den dazugehörigen Disneyfiguren und Musik aus den Filmen. Die Schöne und das Biest, Dornröschen, Ariel, Peter Pan und Co. zogen farbenfroh durch die Straßen. Immer begleitet von Fußgängern. Die verlorenen Jungs tanzten zum Beispiel vor Peter Pan. Das große Ende bildeten Micky und Minnie in einem Ballonwagen.

 

Als sich die Menge auflöste, machten sich auch Rudy und Kris auf den Weg. Sie hatten Hunger und wollten etwas Essen. Sie entschieden sich für die Tortuga Tavern, da konnten sie dem Piratenfeeling noch etwas nachfühlen. Sie hatten Glück, einen der letzten freien Tische zu ergattern und die Karte war ziemlich überschaubar, aber sie hatten eh Lust auf Burritos. Sie mussten noch etwas warten, denn es war viel los. Dafür schmeckte es lecker, also war die Wartezeit nicht ganz so schlimm, zumal sie eh gut in der Zeit lagen. Acht Sachen standen noch auf dem Plan, bevor sie gehen wollten. Das Feuerwerk inbegriffen.

 

 

Ziemlich nass kamen sie eineinhalb Stunden später aus dem Splash Mountain. Merke... man wurde immer nass in einer Wasserbahn, egal wo im Wagen man saß, aber es hatte Spaß gemacht. Wie alles andere in Disney World war es eine liebevoll gestaltete Bahn mit Musik und Figuren, die sich bewegten. Der Fall den Berg runter, kurz vor dem Ende, war schuld, dass sie Nass geworden waren, aber das würde schnell wieder trocknen, denn es war ja warm. Und sie waren noch einige Zeit draußen, da würde sie Sonne das schnell erledigt haben.

 

Ursprünglich hatten sie geplant zum Fantasyland rüber zu laufen, doch da so viele Menschen unterwegs waren, musste wohl die Wald Disney World Railroad herhalten. Es dauerte zwar länger, aber niemand trat einem auf die Füße. Und so wie das aussah, hatten sie hier noch jede Menge Platz für weitere Abschnitte im Park. Jedes Jahr zum 4. Juli musste die Reise aber nicht sein, dazu waren einfach zu viele Menschen hier. So einen Ausflug machte man wohl am besten unter der Woche, wenn keine Schulferien waren.

 

Die Dumbo Attraktionen im New Fairyland ließen sie ziemlich schnell hinter sich. Beide konnten dem Elefant mit den großen Ohren nichts abgewinnen, da war ihnen die Mad Tea Party schon lieber. Damit mussten sie fahren, Kris als Mad Hatter besonders. Gerade als sie sich in die Schlange einreihen wollten, entdeckten sie den March Hare und den Mad Hatter. Breit grinsend schnappte sich Rudy die Hand des Älteren und zog ihn mit sich mit. Davon brauchte er ein Foto. Unbedingt!

 

"Entschuldigung... können wir kurz stören?", wollte Rudy wissen. Es schien so, als wollten die beiden gerade gehen. Und wirklich, beide Disneyfiguren blieben stehen. "Mein Freund hier hätte wahnsinnig gerne ein Bild mit Ihnen beiden."

Die beiden ließen sich nicht anmerken, ob sie die Bitte seltsam fanden oder nicht. Nach einem Moment nickten sie und ließen Rudy damit lächeln. Rudy scheuchte den Blonden zu den beiden Verkleideten und ging ein paar Schritte zurück. Er wollte ja keine abgeschnittenen Füße oder Köpfe. Das käme äußert schlecht auf Fotos. Er scheuchte die drei ein bisschen in Position, bevor er sein Okay gab und abdrückte. Das würde sich sicherlich gut in einem Rahmen auf Kris Schreibtisch machen. Es passte zu seinem Hackernamen.

 

Brav bedankten sie sich und wünschten den beiden Gestalten noch einen schönen 4. Juli. Auf die Betteleien von Kris, der das Bild sehen wollte, ging er erst gar nicht ein. Das sollte eine Überraschung sein und damit war die Kamera für den Moment tabu, er würde aufpassen. Jetzt war erst einmal die Mad Tea Party wichtig, wenn sie den Zeitplan einhalten wollten. Denn das Foto war so gar nicht eingeplant gewesen und die Schlange vor der Attraktion wurde auch nicht gerade kürzer.

 

Sie ergatterten eine pinke Teetasse für sich. Die Farbe sagte ihnen nicht unbedingt zu, aber wählerisch konnten sie wirklich nicht sein. Sie konnten froh sein, die Tasse für sich zu haben, denn sie waren noch nicht mal losgefahren und viele der Kinder drehten schon wie wild am Rad in der Teetasse, damit sie sich drehte. Schlecht musste ihnen ja nicht unbedingt werden, dafür waren sie zu alt. Deswegen konnten sie auch gerade laufen, während die meisten der Kinder ziemlich torkelten. Selber schuld. So schnell würden die nichts essen oder trinken. Die Männer aus San Francisco hingegen konnten es sich im Cheshire Café bequem machen und einen Eiskaffee trinken, genau das richtige, bei der Wärme. Es war jetzt kurz vor 4 Uhr und damit waren sie gut in der Zeit.

"Gute Idee gewesen?", wollte Kris wissen und streckte sich. Rudy würde schon wissen, worum es ging.

Der Jüngere schlürfte erst einmal an seinem Eiskaffee. "Sehr gute Idee. Das ist eine angenehme Art, um den 4. Juli zu feiern. Auf die Idee hätte ich auch früher kommen können. Du bist für ziemlich viele erste Male in meinem Leben verantwortlich. Ich kann noch nicht einordnen, ob das gut oder schlecht ist." Ein unsicheres Lächeln zierte seine Lippen.

 

 

Den Nachmittag bis zum Feuerwerk verbrachten sie mit dem Fahrgeschäft, das sie in Arielles Welt entführte und sie ließen sich Angst in der Haunted Mansion einjagen. Die Mitarbeiter in Disney World schienen ihren Job wirklich gern zu machen, so engagiert wie sie an ihre Arbeit gingen. Man merkte ihnen wirklich an, dass sie liebten, was sie machten. Anders konnte man sich das leckere Essen in der Liberty Tree Tavern auch nicht erklären. Der Patrioten Teller war wirklich lecker. Aber etwas anderes war von Disney World auch nicht zu erwarten, sonst wäre es nicht so beliebt bei Familien.

 

Der vorletzte Programmpunkt beinhaltete das Feuerwerk, das patriotischer nicht hätte sein können. Stars and Strips und die Farben rot, weiß und blau. Aber es waren schöne 15 Minuten. Ein schöneres Feuerwerk hatte Rudy noch nie gesehen. In San Francisco was das längst nicht so spektakulär, denn alles war hell erleuchtet. Hier in Disney World war es dunkler und es wurde auch extra das Licht gelöscht.

 

Das kam einer dreiviertel Stunde später auch der Electrical Parade zu gute. Da zogen Wagen über und über mit kleinen bunten Lämpchen geschmückt die Main Street entlang. Der Festwagen von Tinkerbell führte die ganze Parade an, begleitet von lustiger Musik. Die leuchtenden Pilze fand Rudy am besten, denn vor dem einen saß die Grinsekatze und die verschwand einfach wie im Film, da ihre Lämpchen gelöscht wurden und nur das Grinsen zu sehen war. Höhepunkt war schließlich der Honor America Wagen. Der bestand aus der amerikanischen Flagge und dem typischen Adler.

 

In Erinnerung schwelgend verließen beide Männer den Park. Es war ein schöner Tag gewesen. Was sie wohl morgen im Animal Kingdom erwarten würde? Kris war ebenfalls zum ersten Mal in Disney World, der hatte also auch keine Ahnung. Da mussten sie sich überraschen lassen, doch dazu mussten sie erst eine Nacht schlafen.

 

Wenig später übergab Kris den Autoschlüssel einem der Lodge Angestellten. Heute würden sie nichts mehr machen, außer schlafen zu gehen. Nach und nach suchten sie das Bad auf und machten sich fertig für die Nacht, die zweite, in einem gemeinsamen Zimmer. Daran gewöhnt hatte sich Rudy immer noch nicht. Gestern hatte es ihn lange wach gehalten. Bei seinen Pflegeeltern hatte er ein eigenes Zimmer gehabt, deswegen kannte er das nicht.

 

Wie schon erwartet, hielt ihn der Atem von Kris noch eine Weile wach. "Schläfst du schon, Kris?", wollte der 33-Jährige nach einer gefühlten Ewigkeit leise wissen. Nur Stille antwortete ihm. Leise erhob sich Rudy und tapste zum zweiten Bett. "Danke für den sehr schönen Tag", murmelte er sanft und beugte sich hinunter, hauchte einen kaum spürbaren Kuss auf Kris Lippen. Rudy traute sich das nur, weil der Ältere schon schlief. Danach war Einschlafen für ihn ganz einfach.



Advent [Laila]

 

9. Dezember

 

Der Nachmittag im Kreise der Familie war schön gewesen. Sie hatten gelacht, geredet, getrunken und ihren Spaß zusammen gehabt. Eine Seltenheit.

Vielleicht war es gerade deswegen etwas besonderes gewesen.

So friedlich war es selten.

Der nächste Tag begann mit einer Kampfübung an der auch Thor und Loki teilnahmen.

Einmal in der Woche galt für alle ein spezielles Training. Einfach um in Bewegung zu bleiben.

Es konnte jeder Zeit Krieg geben.

Die ersten Übungen waren ohne magische Waffen. Einfach nur Mann gegen Mann.

Ull, der Gott des Winters stand in Kampfhaltung vor Thor und lockte den andere Gott mit seinen Blicken.

Ull war ein staatlicher Mann. Stark und stolz.

Thor gab Loki noch einen kurzen Kuss, dann stürzte er sich auf seinen Gegner.

Mann gegen Mann, Stolz gegen Stolz.

Keiner der beiden wollte im Ringkampf nachgeben. Sie beiden waren mächtig und stark. Da gab es kein Zurück.

Sie teilten Schläge aus und steckten sie ein. Ein ehrenhafter Kampf, da jede Form der Magie verboten war.

Weder Thor noch Ull wollten nachgeben, dennoch gelang Ull der Sieg.

Der Gott des Winters parierte einen Schlag besser und schickte Thor damit zu Boden.

Stöhnend blieb der Donnergott liegen. Sein Schädel dröhnte.

Sofort war Loki an seiner Seite.

„Alles OK?“ fragte er besorgt.

Aber Thor nickte nur. So leicht gab er nicht auf.

 

Auch Loki musste sich später in seinem Kampf gegen Baldur geschlagen geben. Dafür gewann er den Kampf mit den Waffen. Im Umgang mit seinem Speer war er doch der Beste.

 

9. Dezember

 

Hallo mein Liebster,

nun schreibe ich diese Briefe schon 9 Tage und ich hoffe, du hast immer noch Freude daran. Denn mir macht es Spaß, diese Zeilen für dich zu verfassen.

Leider kommt mein Brief heute erst nach dem Training.

Du hast dich tapfer geschlagen. Das war ein guter Kampf. Ich weiß, dass du nicht glücklich bist, verloren zu haben. Aber Schatz, es ist nicht schlimmes.

Beim nächsten Mal besiegt du Ull.

Und vergiss eins nicht: ich liebe dich trotzdem.

 

Grund 9:

Deine Haare.

Es mir vorhin auch wieder aufgefallen. Auch wenn du sie zusammen hattest. Deine blonden Haare flattern im Wind. Ja, ich weiß, dass klingt kitschig und das ist es sicher auch. Dennoch mag ich den Anblick.

Deine wilde blonde Mähne. Sie gibt dir etwas rohes. Macht dich zu einem perfekten Krieger. Der du in meinen Augen auch bist. Ich kann dir gar nicht sagen, wie schön es ist, mit den Fingern hindurch zu fahren. Oder der Anblick, du auf einem Pferd und wehender Mähne.

 

In ewiger Liebe

Loki




Wiedersehen auf Covendale [chaotizitaet]

07

Josh war noch immer müde, als er am nächsten Morgen aufwachte. Oder das, was er für den Morgen hielt. Mit der Zeitdifferenz zwischen Kalifornien und England war er sich da nicht ganz sicher. Gewiss hatte die Müdigkeit von der Reise geholfen, seinen Körper gleich ein wenig an die englische Zeit zu gewöhnen, aber ansonsten…

Während sein Geist darum kämpfte, den Dämmerzustand des Aufwachens hinter sich zu lassen, kamen Schlag auf Schlag all die Dinge wieder, die er in seiner Erschöpfung hatte vergessen können. Tom. Pete. Edward. Und plötzlich fragte er sich, ob es nicht eine viel bessere Idee wäre, den Tag zu ignorieren und sich einfach im Bett zu verschanzen. Auch wenn er intellektuell genau wusste, dass das nicht klappte. Zum einen, weil sein Körper nicht ewig schlafen konnte, zum anderen weil die Welt da draußen ihn nicht lassen würde. Und ultimativ, weil er sich selbst nicht diesen Weg würde beschreiten lassen.

Tatsächlich war er erst wenige Minuten wach, saß aber immerhin schon aufrecht im Bett, als es an der Tür klopfte. Es war seine Tante Rachel.

„Gut geschlafen?“, fragte sie.

„Besser als die Nächte davor“, erwiderte Josh ehrlich, denn er war sich nicht sicher, ob er wirklich gut geschlafen hatte oder einfach nur erschöpft gewesen war.

Seine Tante musterte ihn, dann öffnete sie seinen Koffer, der noch unangetastet neben der Tür stand, und suchte ihm ein paar frische Kleider heraus. „Komm, zieh dich an. Das Frühstück hast du zwar verpasst, aber ich bin mir sicher, dass wir in der Küche etwas für dich finden. Und ich könnte noch eine Tasse Tee vertragen.“

Ja, Josh hatte Recht gehabt: Sich im Bett verkriechen war nicht wirklich eine Option für ihn.

 

Der heiße Tee wirkte beruhigend und belebend zugleich. Vielleicht lag es ja an seinen englischen Wurzeln, dass er so auf Tee ansprach, auch wenn er ihn merkwürdigerweise außerhalb Englands kaum trank und eigentlich auch nie vermisste. Derweil entlockte seine Tante ihm Stück für Stück, was in Sacramento vorgefallen war. „Oh Josh! Und dir dann auch noch zu verbieten, zu der Beerdigung zu gehen… Am liebsten würde ich ihm jetzt sofort die Meinung sagen!“

Josh brachte ein schwaches Lächeln ob Tante Rachels Empörung zustande. „Ich weiß auch nicht recht, was ich davon halten soll. Aber selbst wenn er jetzt seine Meinung ändern würde, ich würde nicht hingehen. Einfach, weil ich wüsste, dass er es nicht wirklich will. Und auch, weil ich mir nicht sicher wäre, ob es nicht eine Falle wäre. Ehrlich, der Pete, den ich da im Krankenhaus kennengelernt habe, ist niemand, dem ich traue. Ich weiß nur nicht, inwieweit Liam, Cris und Bill da mit drin stecken. Oder ob er sie mit ein paar geschickten Argumenten davon abgebracht hat, sich über meine Abwesenheit Gedanken zu machen.“

„Schöne Freunde, wenn sie es nicht einmal für nötig halten, dich wenigstens mit einer kurzen Nachricht zu kontaktieren.“

„Und was, wenn Pete ihnen gesagt hat, ich hätte ihn gebeten, ihnen auszurichten, dass ich nach Toms Tod erst einmal meine Ruhe haben möchte? Dass ich Abstand brauche und mich melden würde, wenn ich soweit wäre?“

Das ließ Rachel innehalten. Eine derartige Argumentation würde tatsächlich in das Gesamtbild dessen passen, was Josh ihr von dem Bandmanager zeichnete.

„Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass Pete mich nie wirklich an Toms Seite akzeptiert hat. Einfach, weil mit mir keine Schlagzeilen in den entsprechenden Medien zu generieren war. Zu einem gewissen Grad kann ich es verstehen, denn es ist seine Aufgabe als Manager dafür zu sorgen, dass die Band Erfolg hat, und Pressestimmen können ihren Teil dazu beitragen.“

„Aber von dem, was du mir über die Jahre erzählt hast, waren 2-4 doch ziemlich erfolgreich“, protestierte Rachel.

„Das schon, aber das ist wie mit Geld – in den Augen mancher kann man davon nicht genug haben. Für Pete war es eben der Erfolg. Und natürlich das Geld, das die Band dann verdienen würde. Ich glaube, erst wenn 2-4 so berühmt wie Metallica gewesen wäre, hätte er sich zufrieden gegeben.“

„Denkst du, dass die Band ohne Tom überleben wird?“, wollte Rachel jetzt wissen.

Josh nickte. „Es wird zwar nicht leicht werden, aber die drei lieben Musik genauso sehr wie Tom es tat. Das Songschreiben war immer Teamarbeit, es ist also nicht so als wäre mit ihm auch alles kreative Potenzial gestorben.“

Es tat einerseits gut, über Tom und die Band zu sprechen, andererseits tat es aber auch weh, denn jedes Wort erinnerte ihn daran, was war und nie wieder sein würde.

„Und wie sieht es bei dir aus? Was wirst du jetzt tun?“, fragte seine Tante weiter.

Josh zuckte hilflos mit den Schultern. „Genau um das herauszufinden, bin ich hergekommen…“

Während Rachel und Josh Ideen für seine Zukunft diskutierten, entfernten sich leise Schritte von der Küchentür. Niemand hatte bemerkt, dass Catherine Dempsey die ganze Unterhaltung belauscht hatte und zu einem ganz eigenen Schluss gekommen war.

 

Nach dem Gespräch mit Tante Rachel fühlte sich Josh zwar ausgelaugt, aber nicht müde, weshalb eine Rückkehr ins Bett keinen Sinn machte. Außerdem wäre es besser, er fuhr fort seinen Körper schnellstmöglich an die hiesige Zeit zu gewöhnen. Daher beschloss er, einen ausgedehnten Spaziergang durch den Park zu machen. Es war zwar November, aber die Sonne schien und mit einer Jacke würde ihm schon warm genug sein. Kein Grund also, nicht alte, vertraute Orte zu besuchen.

Während er über die Wiese in Richtung der Hecken, die den Garten vom Rest des Parks trennten, stapfte, konnte er nicht umhin zu bemerken, wie anders der Park doch aussah als im Sommer. Die Bäume zeigten bereits deutlich kahle Stellen und auch wenn der Rasen nicht zuletzt wegen der gestrigen Feier peinlichst sauber geharkt war, verhieß ein Blick in die Ferne doch buntes Laub auf dem Boden, das beim Gehen herrlich rascheln würde.

Die frische Luft tat ihm gut und als er den Bach erreichte, bedauerte er, dass es nicht länger warm genug war, um dort zu verweilen und zu lesen. Er hatte ja sogar ein Buch dabei.

Die Erkenntnis ließ ihn spontan in ein Lachen ausbrechen.

„Ich hoffe, du lachst nicht über mich“, tönte es da von der Seite und Josh brauchte sich nicht einmal umzusehen, um zu wissen, wer ihn da aufgestöbert hatte.

„Nur, wenn du auch ein Buch mit hast, obwohl es zu kalt ist, um hier draußen zu lesen“, erklärte Josh mit einem Lächeln.

Edward schüttelte den Kopf. „Nein, habe ich nicht. Aber darf ich davon ausgehen, dass du eines dabei hast?“

Ohne zu zögern, zog Josh Dan Browns ‚Inferno‘ aus der Jackentasche. „Das habe ich auf dem Stopover in Los Angeles gekauft und es einfach in London beim Verlassen des letzten Flugzeuges in die Jackentasche gesteckt. Wo es eben immer noch steckte, als ich vorhin die Jacke holte.“

„Ist es gut?“, wollte Edward wissen und nickte in Richtung des Buches, während er sich Josh anschloss, der es ob der kühlen Temperaturen vorzog in Bewegung zu bleiben, auch wenn es sich jetzt dabei eher um ein gemächliches Schlendern handelte.

„Es ist Dan Brown“, erwiderte Josh, als sei damit alles gesagt.

„Das heißt nur, dass der Stil lesbar ist“, konterte Edward mit einem Grinsen.

„Dann werde ich dir nichts weiter über dieses Buch verraten“, entschied Josh. „Lesbarer Stil heißt nämlich, dass du es vermutlich selbst noch lesen wirst, und da will ich dich mit meiner Meinung nicht voreilig beeinflussen.“

„Na ja, ich mache mir halt nur Gedanken, ob er nicht besser dran wäre, einen neuen Hauptcharakter zu verwenden. ‚Das verlorene Symbol‘ war um so viel schwächer als die ersten beiden Bücher über Robert Langdon und schon ‚Sakrileg‘ war nicht so packend wie ‚Illuminati‘“, erklärte Edward. „Damals war es noch nett, dass man Robert Langdon wiedergesehen hat, aber jetzt… ich weiß nicht.“

„Und von mir wirst du es auch nicht erfahren“, blieb Josh seiner Entscheidung treu. „Aber ich bin bei dir, wenn es um ‚Das Verlorene Symbol‘ geht. Natürlich war die historische Symbolik-Schnitzeljagd faszinierend, aber nun ja… das war es irgendwie auch.“

Edward nickte vehement. Das war es, was er gemeint hatte. „Ich frage mich die ganze Zeit, ob das Buch nicht noch viel spannender gewesen wäre, wenn es ein anderer Held gewesen wäre, ein andere Ausgangspunkt als Symbologie. Ich bin diesbezüglich ja absoluter Fan von ‚Meteor‘.“

Josh brauchte einen Moment, ehe er wieder wusste, welcher der Bände das war. „Einen künstlichen Meteor zu schaffen ist ja auch verdammt cool“, stimmte er zu.

„Nicht nur das, zu der Zeit experimentiert er noch mit den Hauptcharakteren. In dem Fall ist es mehr ein Team. Sprich, man kriegt gleich drei liebenswerte Charaktere angetragen: Die taffe Nachrichtenanalystin, den bodenständigen Meeresbiologen und dann den verschrobenen Astrophysiker. Und alle verfügen sie über einen kompatiblen Humor.“

„Vielleicht war das ja der Grund, weshalb sich Brown mehr und mehr zu den Symbolen hingezogen gefühlt hat.“

„Wie meinst du das?“, hakte Edward nach.

„Na, schau dir doch an, was für Charaktere das sind. Die Analystin lebt im Hier und Jetzt. Ihr Element sind die Dinge, die auf der Erde passieren. Ihr Element ist die Erde. Dann den Biologen. Aber nicht irgendein Biologe. Nein, ein Meeresbiologe. Ruhig, stetig, aber doch überaus flexibel im Denken. Er ist Wasser. Dann der Astrophysiker. Etwas zerfahren, aber dennoch nicht zu unterschätzen mit dem, was er machen kann. Wie Luft – sein Element.“

Überrascht sah Edward Josh an. So hatte er das noch nie betrachtet. „Und Feuer?“

„Der Chef der Analytikerin. Die treibende Kraft hinter dem Meteor. Der sogar diesen Slush-Antrieb für diese verbrannte Kruste wie beim Eintritt in die Atmosphäre für den vermeintlichen Meteor benutzt. Wenn das mal nicht Feuer ist.“

„So gesehen… Was meinst du, ob Brown unterbewusst die Figuren so gestaltet hat, nachdem er ja direkt davor ‚Illuminati‘ geschrieben hatte? Schließlich geht es da bei den Brandzeichen und den Hinrichtungen auch um die vier Elemente.“ Edward erwärmte sich zusehends für diese Art der Buchdiskussion und –analyse.

„Wer weiß? Vielleicht könnte es dir nicht einmal Dan Brown selbst beantworten.“ Josh zuckte mit den Schultern. „Das einzige, was mich ein klein wenig an den Romanen stört, ist dass er berechenbar wird, was den Bösewicht betrifft. Bei ‚Inferno‘ weiß ich es noch nicht, weil ich das Buch noch nicht zu Ende gelesen habe, aber waren bei den ersten Büchern die Offenbarung des Schurken, der in ‚Illuminati‘ so treffend als Janus bezeichnet wird, noch wirklich überraschend, hat man bei ‚Das Verlorene Symbol‘ schon von Anfang and darauf geachtet und kam früh auf die richtige Fährte.“

„Vielleicht war das mit einer der Gründe, weshalb ich das Buch als bislang schwächstes aus der Langdon-Reihe empfunden habe“, mutmaßte Edward. „Bei ‚Meteor‘ und ‚Illuminati‘ war man ja noch regelrecht geschockt, als der Zweigesichtige offenbart wurde. Wobei ich bei ‚Illuminati‘ den Film besser als das Buch fand.“

„Ungewöhnlich“, erwiderte Josh. „Meist ist das Buch bei Verfilmungen besser, zumindest, wenn es vor dem Film entstand.“

„Ja, aber bei ‚Illuminati‘ haben sie ein paar der superheldenähnlichen und somit eher unlogischen Szenen weggelassen. C.E.R.N. etwa mit Max Kohler. Der Mann hatte ein Motiv, ja, aber ansonsten war er für die Handlung, wie der Film bewiesen hat, nicht wirklich notwendig. Das Buch wiederum benötigte C.E.R.N., weil Langdon dort lernt, wie selbst ein kleiner Fallschirm den Auftrieb eines Menschen verändert, was dann dazu führt, dass er der Ansicht ist, er könnte sich mit einer Persenning aus dem gleich darauf explodierenden Hubschrauber retten. Und natürlich überlebt er im Buch“, echauffierte sich Edward ein wenig.

„Natürlich überlebt er“, kicherte Josh. „Sonst könnte er nicht in mittlerweile drei weiteren Bänden die Hauptrolle übernehmen.“

„Klar“, und Edward verdrehte kurz die Augen. „Aber Langdon schafft es, sich nicht nur an der Persenning als improvisiertem Fallschirm festzuhalten, nein, er lenkt das Ding auch noch sicher über die Dächer von Rom. Und in einem Manöver, dass dem Piloten vom Hudson River glatt als Inspiration gedient habe könnte, landet Langdon im Tiber, ohne sich auch nur einen Knochen zu brechen.“

„Hm…“

„Ich bin selbst während meiner Ausbildung ein paar Mal mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug abgesprungen. Und ich wage zu behaupten, dass ich berufsbedingt sportlicher bin, als ein Harvard-Professor, der gerade mal ein bekennender Hobbyschwimmer ist. Aber ich denke nicht, dass ich mit der Persenning unverletzt im Tiber landen würde.“

„Du meinst also, dass es realistischer gewesen wäre, wenn Langdon sich beide Beine gebrochen hätte oder so? Nur, dann hätte er nicht so schnell zum Vatikan zurückeilen können, um die Inthronisation von Janus zu verhindern.“

„Schon klar. Aber gib es zu, es wäre faszinierend zu sehen, wie sich Professor Langdon als Held im Rollstuhl machen würde.“

„Pah, den Superhelden im Rollstuhl gibt es schon. Er heißt Professor X“, erklärte Josh.

„Nur, dass Professor X keinen Symbolen nachjagen muss. Der liest einfach die Gedanken des Bösewichts und weiß, wer Janus ist und wie die Symbolfährte lautet.“

„Wer weiß, wer weiß. Schließlich hat schon Professor Jones postuliert, dass noch nie in der Geschichte ein X irgendwo, irgendwann etwas Bedeutsames markiert hat. Und wer weiß, ob das nicht bloß für die Symbole, sondern auch für Professor X gilt.“

Jetzt lachte Edward. „Bei dem Mist, den du da postulierst, sollte ich wohl froh sein, dass Brown seinem Professor Langdon treu bleibt.“

„Vielleicht“, meinte Josh, musste aber auch Grinsen. Dann jedoch wurde er ernst und nachdenklich. „Schon merkwürdig – neben dem tätowierten Schurken ist mir von ‚Das verlorene Symbol‘ am meisten im Gedächtnis haften geblieben, dass die Seele eines Menschen ein Gewicht hat. Ich frage mich, wie viel Toms Seele wohl gewogen hat…“

Es dauerte einen Moment, ehe Edward Joshs Gedankensprüngen hatte folgen können und die wenigen Fakten, die er über Joshs Leben seit jenem Sommer wusste, mit der Aussage in Einklang bringen konnte. „Tom Stevens? Der Sänger von 2-4, der Band, für die du gearbeitet hast?“, fragte er, um sich zu vergewissern. Doch in dem Moment, da er Josh anblickte, wünschte er, er hätte die Frage nicht gestellt.

„Ja“, brachte Josh gepresst hervor, während es hinter seinen Augen wieder verräterisch brannte. Und ehe er es sich noch anders überlegen konnte, erzählte er Edward die Geschichte der letzten Tage, Wochen, sechs Monate. Denn er wusste, dass er es sein wollte, der Edward erzählte, wieso er auf Covendale war. David würde es vermutlich von Tante Rachel erfahren, und das war für Josh auch in Ordnung so. Schließlich hatte David als Besitzer Covendales ein Recht darauf zu erfahren, warum er so unangemeldet aufgetaucht war und dann auch nicht gleich wieder abreisen würde. Bei Edward aber… vielleicht um der alten Zeiten willen. Oder weil er Edward nach wie vor vertraute, sich bei ihm sicher fühlte. Und Ehrlichkeit war eine Art der Gegenleistung dafür.  

„Wow!“, sagte Edward leise, als Josh geendet hatte. „Also, wenn dein Leben je von Dan Brown in einem Buch verarbeitet wird, weiß ich jetzt schon, wer den Zweigesichtigen spielen darf.“ Irgendwie konnte er nicht umhin, gewisse Parallelen zu ihrem vorherigen Gesprächsthema zu sehen.

Erleichtert, dass auf diese Weise eine Möglichkeit gefunden war, wie er über die Geschehnisse sprechen konnte, ohne gleich wieder in Tränen ausbrechen zu müssen, antwortete Josh in ähnlichem Ton. „Du vergisst aber, dass bei Brown der Zweigesichtige stets auch der Ursprung des Übels ist und ehrlich, so wenig ich Pete auch mag, er hat Tom nicht getötet. Der Unfall war tragisch, aber es war genau das: ein Unfall. Der Fahrer des Wagens war ein Sechzehnjähriger, der in einer Kurve bei regennasser Fahrbahn die Kontrolle über den Wagen verloren hat, just als Tom die Straße überqueren wollte“, erzählte er. „Man kann noch nicht einmal dem Fahrer seine Jugend oder mangelnde Fahrerfahrung vorhalten. Die ganze Straße war von einer nahen Baustelle verschmutzt, mit dem Regen dazu war es wie Schmierseife. Die Überwachungskamera der Kreuzung hat an dem Tag nicht weniger als vier Pirouetten auf der Straße gefilmt.“

„Das ist wirklich Pech“, meine Edward, schockiert von einer solchen Verkettung tragischer Umstände. „Und ehrlich, ich bin froh, dass Dan Brown da seine Finger nicht mit im Spiel hatte, sonst hätte in seiner Version nämlich Pete dann zumindest die Lungenentzündungserreger eingeschleust.“

„Daran mag ich gar nicht denken. Und ehrlich, Pete ist zwar ein Arschloch, aber das Schicksal eines Zweigesichtigen hat er nicht verdient. Denn keiner von ihnen überlebt Dan Browns Bücher. Mir würde es reichen, wenn er einfach beruflich und gesellschaftlich ruiniert würde.“

Edward konnte nicht anders als leise zu lachen. „Wie schön, dass deine Rachegedanken realistischer sind als darauf zu vertrauen, dass ein Megaplume sich unter ihm öffnet und ihn dann durch den gigantischen, ozeanischen Abfluss zieht.“

Das brachte sie bald zurück zu ihrer ursprünglichen Diskussion über Sinn und Unsinn in den Büchern von Dan Brown, wobei beide froh waren, das ernste Thema von Toms Tod hinter sich zu lassen. Josh, weil er für jede Ablenkung dankbar war, und Edward, weil er nie so recht wusste, wie er mit der Trauer anderer umgehen sollte. Denn auch wenn er in seinem Beruf vielleicht dem Tod häufiger begegnete als andere, hieß das nicht, dass er sich je daran gewöhnen würde. Zumal Trauer sich stets anders äußerte, und doch immer Feingefühl geboten war.

Von Dan Brown war es nur ein kleiner Schritt zu anderen Schatzsuchern in der modernen Literatur und als sie schließlich wieder das Haus betraten, waren sie beide in eine angeregte Diskussion über James Rollins vertieft. Beide waren sich einig, dass Rollins beizeiten reichlich übertrieb, aber wenigstens war seine Recherche nachvollziehbarer als die von Dan Brown. „Zumindest was seine Sigma Force Bücher betrifft“, erklärte Josh, der diese Bücher liebte. „Denn immerhin führt er da am Ende auf, in welchen Büchern und bei welchen Autoren der Leser weitere Informationen zu dem Thema finden kann.“

„Okay, aber bei anderen Büchern, wie etwa ‚Sub-Terra‘ schreibt er zwar immer noch packend, aber letztlich doch reichlich an den Haaren herbei gezogenes Zeug“, erwiderte Edward.

„Hm… kann ich nicht wirklich beurteilen“, gab Josh zu. „Denn das erste Buch, was ich von ihm gelesen habe, war ein Sigma Force Band und seither hab ich eigentlich nur die gelesen.“

„Wenn du willst, kann ich ‚Sub-Terra‘ dir leihen. Ich meine, dass es unter den Büchern war, die ich hier zurückgelassen habe. David dürfte es zwar in seine Privatbibliothek geräumt haben, aber es müsste in jedem Fall da sein“, bot Edward an.

„Klingt gut. Und im Gegenzug leihe ich dir dann ‚Inferno‘ aus, wenn ich es fertig gelesen habe.“

Sie waren so ins Gespräch vertieft, dass sie gar nicht die anderen Bewohner des Hauses bemerkten, die ihnen aus den verschiedenen Räumen, die sie auf dem Weg zu besagter Privatbibliothek passierten, zuwarfen. Darunter war auch der höchst missmutige Blick von Catherine Dempsey. Ihre Miene wandelte sich in einen Ausdruck der Entschlossenheit. Ganz eindeutig, es war Zeit für sie, zu handeln.