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12. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

12 - Warum man am Anfang nur unter Aufsicht kochen sollte oder "Ich bin zu blöd zum Kochen!"

Sonntag, 23. August - Kochdesaster - Rudys Apartment

 

Angespannt lehnte sich Rudy zurück in seinen Stuhl. Er hatte die E-Mail wirklich abgeschickt. Es hatte ihn viel Einfallsreichtum gekostet, die Adresse von Granny zu bekommen ohne ihr genau zu sagen, warum er sie wollte und warum er Kris nicht direkt fragen konnte.

Mittlerweile hatte er schon sieben Doppelstunden Kochen erfolgreich hinter sich, deswegen hatte er überlegt, Kris zum Essen einzuladen und eben hatte er die Einladung verschickt. Blieb nur zu hoffen, dass der Ältere am Sonntag zur Mittagszeit nichts vorhatte. Aber es war ja erst Freitagabend. Kris hatte also noch morgen Zeit. Die Zutaten hatte Rudy schon und wenn der Blonde absagte, würde er seine Mashed Potatoes und seine marinierten Chicken Wings eben selbst essen.

 

Das stand jetzt auf dem Programm. Die Chicken Wings marinieren. Laut Lola - seiner Lehrerin im Kochkurs - musste das Fleisch zwei Tage in der Marinade verbringen. Es waren zwar nur anderthalb, aber es sollte trotzdem schmecken. Rudy stand auf und tapste in die Küche, dort hatte er das Rezept schon deponiert. Mengenangaben hatte sie ihnen nicht genannt, alles war Pi mal Daumen. Das würde schon werden. Im Kochkurs hatte es auch geschmeckt.

 

Der erste Versuch war zu bitter. Das lag sicherlich an der Soja- und der Worcestershiresauce. Aber die mussten laut Rezept in die Marinade. Es war aber nichts, was nicht eine großzügige Portion Honig richten konnte. Beim zweiten Probieren war es schon besser. "Schön süß", murmelte Rudy, als er den neuen Probierlöffel ableckte. Ja, so konnte man die Chicken Wings marinieren. Bis Sonntag waren sie dann gut durchgezogen. Blieb nur zu hoffen, dass Kris es auch mochte. Das war ja immer die Herausforderung. Aber der 33-Jährige war zuversichtlich, dass Kris nachsichtig mit ihm sein würde. Das war immerhin das erste Mal, das er alleine kochte. Und da der Ältere sein Leben so auf den Kopf stellte, hatte der das gefälligst auch auszubaden.

 

 

Es kam natürlich, wie es kommen musste. War sowas von klar gewesen. Murphys Gesetzt! Hatte er irgendwen verärgert? Rudy konnte sich nicht erinnern und er stand kurz vorm Weinen. Auch wenn echte Männer nicht zu weinen hatten.

 

Alles hatte so gut angefangen. Kris hatte zugesagt, heute zum Essen vorbei zu kommen. Auf Arbeit war alles etwas ruhiger verlaufen, so dass er auch nicht extra noch Kugel malen musste. Er hatte schlicht noch genug. Auch seine Glitzer Edition fang langsam Absatz, was vor allem Lizzy zu verdanken war. Dreimal war sie schon mit Freundinnen da gewesen, die Kugeln gekauft hatten. Da war wohl nicht selten das Sparschwein geschlachtet worden.

 

Aber das war nicht das Problem. Kris sollte in 5 Minuten kommen und das Essen war hinüber. Mit Lola hatte das so gut geklappt und jetzt klappte gar nichts. Er hatte wie verlangt die Chicken Wings auf einem Grillrost in den Ofen geschoben. Darunter war ein Backblech mit Wasser gewesen, wegen dem Tropfen. So weit, so gut. Er hatte auch immer wieder in der letzten Stunde Marinade aufgetragen, denn Lola hatte gemeint, dann blieben sie schön saftig. Nur scheinbar war sein eigener Ofen heißer als der im Unterricht, denn die Wings waren schwarz geworden. Lag vielleicht auch an der Marinade, mit dem ganzen Honig, der da drin war, würde ihn das nicht wundern.

 

Und die Mashed Potatoes sahen auch nach einem Unfall aus. Vom Geschmack her war es gut gewürzt, aber beim cremig rühren war ihm zu viel Milch hinein geraten und nun sah das eher nach einer zu dicken Suppe aus. Und genau in diesem Moment klingelte es. Das konnte ja nur Kris sein. War wohl besser sie bestellten sich etwas zum Essen.

 

Mit hängenden Schultern schlurfte Rudy in Richtung Apartmenttür. Anders konnte man das schon nicht mehr nennen. Er wollte Kris gar nicht unter die Augen treten, sondern sich in sein Schlafzimmer verkriechen. Aber das wäre nicht Fair dem Älteren gegenüber.

 

"Hi Kris", murmelte Rudy als er die Tür öffnete. Er konnte sehen, wie das lächelnde Gesicht des Älteren sich im Bruchteil einer Sekunde veränderten und einen bestürzten Gesichtsausdruck trug.

 

"Ist wer gestorben, Rudy? Sollen wir unser Essen besser verschieben?" So ganz konnte der Blonde damit nicht umgehen. Da schimmerten sogar ungeweinte Tränen in den Augenwinkeln seines Nachbarn. Ob etwas mit seiner Pflegefamilie war? Unsicher folgte Kris, als die traurige Gestalt im Apartment verschwand. Er war doch so miserable im Trösten!

 

"Ich bin zu blöd zum Kochen!", hörte Kris dann doch, als er in die Küche kam. Ach... das war passiert. Und ein bisschen roch man auch, dass etwas angebrannt war. Sicherlich war es trotzdem genießbar. "Zeig mal her, was ist denn passiert? Und das passiert selbst mir noch, wenn ich mit den Gedanken wo anders bin oder abgelenkt werde. Mach dir deswegen keinen Kopf", versuchte Kris unbeholfen zu trösten und wuschelte Rudy aufmunternd durch die braunen Haare.

 

Vorsorglich strich sich Rudy mal mit dem Ärmel seines dünnen Pullovers über die Augen. Tränen mussten nun wirklich nicht fallen. "Die Chicken Wings sind verbrannt und die Mashed Potatoes ähneln eher einer zu dicken Suppe. Bei Lola im Unterricht hat das so gut geklappt. Ich wollte doch extra für dich kochen. Immerhin hast du das schon zweimal. Und jetzt das. Da müssen wir wohl was bestellen." Die Verzweiflung war deutlich aus seiner Stimme zu hören.

 

Kris musste sich arg das Lächeln verkneifen. Rudy war einfach zu süß, so niedergeschlagen wie er war und gerne hätte er ihn in den Arm genommen, doch er verbat es sich. "Das lässt sich retten. Ziemlich viel sogar, ich kenn da eine Menge Tricks. Nimm du mal die Wings, ich kümmere mich um die Potatoes." Das war jetzt beileibe kein Weltuntergang, auch wenn es für Rudy so wirken musste.

 

Er selbst schob den Topf mit den Mashed Potatoes wieder auf die Herdplatte, schaltete auf kleine Flamme. "Wenn du zu viel Flüssigkeit in etwas hast, einfach auf kleiner Flamme köcheln lassen und rühren. Dann dickt es wieder ein. Wenn jetzt eine Suppe zum Beispiel zu dünn ist, einfach Speisestärke in kaltes Wasser auflösen und dann unterrühren. Im Internet findet man sonst auch zu allen möglichen Kochproblemen eine Lösung." Fleißig rührte er in dem Topf. Anbrennen sollten die Mashed Potatoes ja auch nicht.

 

"Hab die Wings jetzt auf dem Tisch", erklärte Rudy noch immer skeptisch. So im Sonnenlicht betrachtet sahen sie noch schlimmer aus als im Backofen. Da war sicherlich nichts mehr zu retten. Der Geschmack des Verbrannten hatte sich bestimmt auf das Fleisch übertragen.

 

Kris wandte sich halb um, während er noch immer im Topf rührte. Die Wings sahen schon etwas arg dunkel aus, aber auch das war noch zu retten. Sie waren mit viel Fleisch um die Knochen. "Schneid einfach vorsichtig die verbrannten Stellen weg. Normalerweise sollte man die Stelle dann nochmal kurz anbraten, aber das ist bei Fleisch mit Knochen etwas schwierig. Es ist also nichts verloren, also schau wieder etwas fröhlicher. Fürs erste Mal ganz allein kochen ist das doch super. Ich hab schon schlimmeres gesehen."

 

"Wir können gerne auch zusammen kochen, wenn du etwas Neues im Kurs lernst. Ich hab immer Zeit. Du weißt ja... Hacker", grinste der Blonde breit. Er musste sich nicht an Bürozeiten halten. Nicht selten kam es vor, dass ihm seine Kunden lediglich eine Woche nannten und er dann frei entscheiden konnte, wann er es versuchte. Die bösen Buben hielten sich schließlich auch nicht an Termine. Die Systeme mussten 24 Stunden am Tag sicher sein und nicht nur dann, wenn er es zu knacken versuchte.

 

"Wäre wohl besser, wenn wir zusammen kochen", nuschelte Rudy, der eigentlich abgelenkt war. Er hatte sich nämlich ein scharfes Messer und eine Gabel gegriffen und säbelte gerade an den Chicken Wings. Er durfte nicht zu wenig weg schneiden, hatte aber auch Angst zu viel zu schneiden und dann wurden sie nicht satt. "Ich bin wohl eine Katastrophe auf zwei Beinen wenn es um die Küche geht." Da war nichts, was man schön reden konnten. Na ja... wenigstens war er wohl beim Würzen ganz passable, denn die Mashed Potatoes hatten ja geschmeckt. Sie waren nur zu dünn geworden.

 

 

Und weil sie Hand in Hand arbeiteten hatten sie das Essen auch ziemlich schnell gerettet. Gut, die Chicken Wings sahen etwas gerupft aus, aber es war immer noch genug dran und auch die Mashed Potatoes hatten die Konsistenz, die sie im Kurs gehabt hatten. Dann konnten sie jetzt ja endlich essen. "Ich hoffe, es schmeckt dir auch." Mit dem großen Meister konnte er noch nicht mithalten. Da musste er wohl noch lange üben. Aber Kris hatte ja auch ein paar Jährchen Vorsprung, Rudy war blutiger Anfänger.

 

"Ich bin mir sicher, dass es schmecken wird. Dir auch", erwiderte der Blonde und dann herrschte erst einmal gefräßiges Schweigen. "Mach dich nicht schlechter, als du bist. Ist wirklich beides Lecker. Die Marinade ist der Knaller. Da brauch ich das Rezept von dir. Und jedem ist bestimmt schon mal was angebrannt. Selbst mir am Anfang. Da konnte ich aber nichts retten und musste es wegschmeißen." Kris sah das nicht so eng, war schließlich kein Weltuntergang.

 

"Kochst du jetzt jeden Abend frisch oder machst du auf Vorrat? Weil, du musst ja bis um 18 Uhr Arbeiten und bis du dann zuhause bist. Das ist dann sicherlich auch eine Belastung. Auch wenn selbst gekochtes Essen Fertigfutter immer vorzuziehen ist." Neugierig blickte er den Jüngeren an. Das interessierte ihn wirklich. Sicher, er könnte anbieten mehr zu kochen und Rudy was runter zu bringen, aber der Andere würde das sicherlich nicht annehmen.

 

"Da du es eh ansprichst…", meinte Rudy und wischte sich seine Hände sauber, denn er wollte etwas trinken und die Marinade machte nun mal dreckige Finger. "Ich hatte mir überlegt, den Laden früher zu schließen oder ich stelle einen Verkäufer ein. Mein Budget macht das mit. Die Idee hatte ich schon, als wie in der Academy waren, aber dann ist die Zeit auch wieder so schnell rum gewesen und ich hab nichts in der Richtung gemacht. Ich wollte mit dir darüber reden, was du denkst. Weil, wir unternehmen immer nur etwas, wenn Sonntag ist oder ein Feiertag und deswegen alles geschlossen hat. Früher hat mich das auch nie gestört, erst seitdem du oben eingezogen bist und mein Leben gehörig durcheinander bringst, fällt mir so etwas auf." Rudy konnte spüren, dass er leicht errötete, doch es ließ sich nicht ändern. Wenn er Glück hatte, legte Kris das als peinlich berührt sein aus.

 

Ehrlich überrascht hielt der Blonde mit dem Essen inne, hatte den angebissenen Chicken Wing auf Mundhöhe. Damit hätte er jetzt so gar nicht gerechnet. Wie langweilig musste Rudys Leben dann davor gewesen sein? Nein, das durfte er nicht denken. Bisher hatte Rudy sein Leben einfach so gemocht, war glücklich damit gewesen. Es war auch schwer, aus langer Routine auszubrechen, wenn man keinen Antrieb hatte.

 

"Ich finde das eine sehr gute Idee. Wenn du dich mit dem Gedanken anfreunden kannst, ohne dass es dir schlaflose Nächte bereitet, würde ich etwas ändern. Erst recht, wenn die Geschäfte gut laufen. Du kannst ja erst mal einen Verkäufer suchen und wenn nichts dabei ist, dass dir gefällt kannst du immer noch die Öffnungszeiten anpassen. So würde ich das machen. Und ich helfe dir auch gerne beim Ausformulieren, wenn du das möchtest. Ich will mich auf keinen Fall aufdrängen oder so." Das musste er versichern. Nicht dass sein Nachbar sich übergangen fühlte, denn immerhin führte der seit 6 Jahren den Laden.

 

Ein Strahlen zog über Rudys Gesicht. Kris hielt das für eine sehr gute Idee und er wollte ihm sogar helfen? Er war erleichtert, denn für einen wirklich kurzen Moment hatte er Angst gehabt, Kris könnte lachen. "Danke, Kris. Ich nehme deine Hilfe sehr gern an. Ich hab noch nie jemanden gesucht, hab also keine Ahnung, wie man so eine Anzeige am Vorteilhaftesten formuliert und zu wem sie dann muss. Ich bin froh, dass wir Freunde sind. Auch wenn du eigentlich schuld bist an all den Veränderungen." Rudy meinte das keineswegs Böse und das hörte man auch aus seiner Stimme. Er war ja froh, mal aus dem Alltag raus zu kommen.

 

"Können wir vielleicht gleich nach dem Essen? Nur wenn du Zeit hast natürlich. Ich verstehe es, wenn der Mad Hatter heute noch arbeiten muss. Schließlich musst du dein Apartment auch bezahlen." Und Geld wuchs ja immer noch nicht auf den Bäumen. Im Lotto gewinnen war auch immer ein wahres Glücksspiel.

 

Kris lachte. Das war wirklich süß, dass sich Rudy um ihn Sorgen machte. Auch wenn sie völlig unbegründet waren. Er hatte Zeit und falls nicht, dann würde er das schon sagen. Andere würden bestimmt nicht so einfach daran denken und nur fordern. "Klar, können wir gleich nach dem leckeren Essen machen. Am besten direkt am Computer. Ich zeig dir das. Ist doch selbstverständlich. Und dann speichern wir das einfach, nur für den Fall der Fälle. Falls es irgendwann mal so gut läuft, das du einen zweiten Laden aufmachen kannst. Denn selbst du kannst dich nicht teilen", neckte er den Jüngeren. Mit Rudy war eine Freundschaft so herrlich unkompliziert. Auch wenn er immer noch nicht wusste, woran er genau war. Das war zum Haare raufen. Irgendwann fand er das schon raus.

 

Das hörte sich nach einem guten Plan an. Und bevor das Essen noch ganz kalt wurde, aßen sie erst einmal zu ende. Ein bisschen schmeckte man, dass die Wings angebrannt waren, aber es ging noch. Das nächste Mal, wenn er etwas im Backofen machte, würde Rudy einfach davor sitzen bleiben, damit das nicht nochmal passierte. Er würde sich aber trotzdem aufschreiben, was für einer das war und dann Lola fragen, ob er an den Backzeiten und der Temperatur etwas ändern musste. Fragen kostete bekanntlich nichts.

 

 

Mit einem Kaffee ließen sich beide schließlich vor dem Computer nieder. Schnell war er hochgefahren und das Textprogramm geöffnet. "Sag einfach was du dir so vorstellst, welche Anforderungen die Bewerber erfüllen müssen und was du zahlen kannst. Den Feinschliff machen wir nachher", erklärte Kris das weitere Vorgehen.

 

Er wollte jemanden in seinem Alter – so zwischen 20 und höchstens 40. Erfahrung im Verkauf musste vorhanden sein und Begeisterung. Einen lustlosen Verkäufer konnte er nicht gebrauchen. Ob Mann oder Frau, das war ihm egal, nur Zeit für Probearbeit mussten sie haben. Im Schnitt hatte er 6000$ im Monat in der Kasse. Und da er erst mal auf Halbtagsbasis jemanden suchte, konnte er 10 $ pro Stunde zahlen. Ein Student oder schon jemand, der einen Halbtagsjob hatte und noch einen suchte. Unter bestimmten Voraussetzungen könnte es auch ein Rentner sein, der seine Rente aufbessern wollte. Man würde einfach sehen. Fleißig schrieb Kris mit.





Advent [Laila]

 

12. Dezember

 

Ihre kleinen Zettel hatten im Palast die Runde gemacht. Jeder wusste, dass Loki eine Art Liebesbrief oder eher Liebesbriefe für Thor schrieb.

Nicht jedem gefiel diese Art, aber, zumindest die Götter niemand würde es wagen, die beiden darauf anzusprechen.

Immerhin hatten sie Odins Segen.

Dennoch konnte sich nicht jeder daran halten. Vor allem die Wachen nicht. Die anderen Götter hatten es akzeptiert und fanden es auch ganz süß. Am meisten aber die Damen.

 

Loki war gerade auf dem Weg zu Heimdall um mit ihm etwas zu sprechen, als Alanus, einer der Wachen in den Weg trat.

Der Mann starrte ihn einen Moment an und kam dann langsam näher. In seinen Augen lag nur Hass und Abscheu.

Alanus blieb vor direkt Loki stehen und grinste dreckig.

„Na kleine Schwuchtel. Macht es Spaß mit dem zukünftigen König zu vögeln? Es muss doch toll sein, sich so seine Macht zu erhalten oder?“

Eine Hand hatte er an seinen Schwert. Eine deutlich Drohung.

Wütend presste Loki die Lippen zusammen. Wie konnte dieser Mann es wagen?

Sicher, gab es Anfeindungen. Aber so direkt war noch niemand geworden.

Spöttisch hob Loki eine Braue und sah den Mann unverwandt an. Angst hatte er sicher keine.

„Antworte, du elender Hurensohn.“

Alanus trat noch näher und zückte sein Schwert.

„Worauf denn? Darauf, wie du es wagst mich zu beleidigen? Ich bin immer noch Odins Sohn. Was Thor und ich tun, ist immer noch unsere Sache“, gab der Gott zurück.

Kurz streifte er mit den Augen das Schwert. Gegen seine Macht sollte es kein Problem sein.

Der Wächter lachte nur.

„Ich sollte dir deinen Schwanz abschneiden.“

Auch  wenn jeder wusste, wie unberechenbar und gefährlich Loki war, wagte Alanus es mit dem Schwert auf seinen Bauch zu zielen.

Der Gott schnippte mit den Fingern und ließ die Luft erstarren. Sofort kühlte sich die Luft ab, sodass sie weit unter Null lag.

Überrascht schnappte der Wächter nach Luft, als seine Rüstung zu Eis erstarrte.
„Du weist, ich könnte dich töten, wenn ich es wollte. Geh mir aus den Augen. Solltest du mich noch mal behelligen, werde ich Odin von deinen Vorwürfen berichten. Er wird nicht so gnädig sein.“

Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab.

Es würde dauern, bis sich Alanus wieder bewegen konnte.

Hinter der nächsten Ecke, holte Loki tief Luft. Das Erbe der Frostriesen einzusetzen kostete Kraft, auch wenn er es gerne tat. Dennoch hasste er es anderen damit weh zu tun.

Vielleicht hätte er gleich zu Odin oder Thor gehen sollen, aber diese Blöße wollte er sich nicht geben. Kämpfen konnte er noch alleine. Die nächsten paar Schritte waren langsam, aber dann straffte er den Rücken und machte sich auf den Weg zu Heimdall.

 

12. Dezember

 

Mein geliebter Thor,

wir wissen beide, dass unsere Liebe zu einander nicht für jeden verständlich ist. Dennoch wissen wir auch, dass es sich lohnt dafür zu kämpfen.

Wenn ich durch den Palast gehen und die abschätzigen Blicke der anderen sehe, frage ich mich manchmal, ob wir den richtigen Weg gewählt haben. Auch wenn Mutter und Vater hinter uns stehen.

Wenn ich dann aber sein Gesicht sehe oder dein Lachen höre, vergesse ich diese Gedanken und kann unser Glück genießen. Ich hoffe, du denkst ebenso.

 

Grund 12:

Dein weiches Herz.

Oft haben dich die anderen ausgelacht, als wir noch Kinder waren.

Dir fiel es schwer, jemanden oder etwas zu töten. Wenn dein Pferd Schmerzen hatte, so hast du dich um es gekümmert. Du konntest noch nie jemanden leiden sehen.

Du bist immer für alle da und willst es ihnen recht machen und das gefällt mir. Schließlich bin ich hier der Egoist.

Du weist, wie ich das meine.

Du bist der Krieger, der nach der Schlacht zu mir ins Bett kommt und nach Zärtlichkeiten bettelt. Aber auch der niemanden ohne Grund verletzen würde.

 

In ewiger Liebe

 

Thor hatte ihn nach dem Brief seltsam angesehen und gefragt, ob alles in Ordnung sei. Dies hatte Loki nur bestätigt. Selbst Thor würde nichts von dem Vorfall erfahren. In dem Punkt hatte Loki seinen Stolz.





Wiedersehen auf Covendale [chaotizitaet]

10

Edward konnte das Gespräch mit seinem Vater zumindest als Teilerfolg verbuchen. Denn auch wenn seine Tante nach wie vor offen oder versteckt gegen Josh mobil machte, hielt sich sein Vater nun zurück. Und seine Mutter schien sich ihm anzuschließen. Dennoch ging keiner von ihnen soweit, sich die Mühe zu machen, stattdessen Josh kennenzulernen und sich ein eigenes Urteil zu bilden, was Edward ein wenig enttäuscht. Auch hielten sie nicht die Barnes-Sippe davon ab, ihm weiterhin Coleen und Frederica wie Sonderangebote im Supermarkt anzupreisen. Und dummerweise machten die beiden Mädchen auch noch mit.

Unter diesen Umständen war es wohl nachvollziehbar, dass es Edward eine gewisse Genugtuung bereitete, wenn wieder einmal eines der Manöver seiner Tante ins Leere lief.

Wie etwa die Spitze, die sie eines Tages beim Frühstück vermeintlich leise – also so laut, dass auch alle am Tisch es hörten – von sich gab. Oberflächlich ging es um einen Zeitungsartikel, der sich um die Effizienz wohltätiger Organisationen drehte. „Ist es denn ein Wunder, wenn heutzutage viele Spenden gar nicht dort ankommen, wo sie gebraucht werden und für die sie gedacht waren, wenn sich selbst schon im Kleinen Leute von anderen aushalten lassen?“ Der Blick den sie dabei Josh zuwarf, war eindeutig.

Zum Glück lenkte Beatrix ihre Tante ab, indem sie heftig protestierte: „Nicht alle Organisationen sind so, Tante Catherine. Sicher, es gibt immer schwarze Schafe mit zu aufgeblähter Verwaltung und Korruption in diversen Ländern, aber es gibt auch Organisationen, die das halten, was sie versprechen. Oder glaubst du ernsthaft, ich würde mich sonst den Ingenieuren ohne Grenzen anschließen?“

Allen der Familie Richards war anzusehen, dass sie wussten, wie schwer sich Catherine Dempsey immer noch tat, die Karrierewahl ihrer Nichte zu akzeptieren. Ein Ingenieursstudium, das passte so gar nicht zu Catherines Vorstellung der Bildung einer Tochter aus gutem Hause. Und selbstredend waren die Richards das, was man ein gutes Haus nennen konnte. Immerhin konnte man eine Tätigkeit für Ingenieure ohne Grenzen als gemeinnützige Arbeit verstehen, und Wohltätigkeitsarbeit war definitiv akzeptabel. Da verdrängte sie lieber die Tatsache, dass ihre Nichte bald in Afrika oder sonst wo Windräder und Brunnen bauen würde. Und so ließ sie das Thema fallen und vertiefte sich stattdessen lieber wieder in die Zeitung.

Dennoch wollte Josh den Vorwurf, den Catherine Dempsey in seine Richtung geäußert hatte, nicht auf sich sitzen lassen. Deshalb suchte er nach dem Frühstück David Richards in dessen Büro auf.

„Hättest du kurz Zeit?“, fragte er.

Bereits am dritten Abend seines Aufenthalts auf Covendale hatte ihm David das Du angeboten, erschien es ihm doch merkwürdig, in seiner Generation einzig von Josh gesiezt zu werden.

David nickte. „Was gibt es, Josh?“

„Ich wollte fragen, ob es vielleicht irgendwo eine Keksdose oder so gibt, die als Haushaltskasse dient, damit ich meinen Anteil dorthinein tun kann.“

Irritiert sah David Josh an. Doch dann dämmerte es ihm. „Ist es wegen Tante Catherine? Dann…“

Josh schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Wobei, ja, vermutlich schon. Aber ich weiß, dass Tante Rachel jeden Monat einen gewissen Betrag in die Haushaltskasse beisteuert. Vermutlich hat sie dir schon angeboten, den Betrag zu erhöhen, solange ich auf Covendale weile, weil rein theoretisch ja ich ihr Gast und nicht deiner bin.“

David nickte. Rachel hatte das tatsächlich versucht. „Aber natürlich habe ich abgelehnt.“

„So etwas habe ich mir schon gedacht. Allerdings möchte ich mir auch nicht vorhalten lassen, dass ich mich von jemandem aushalten lasse. Familie ist eine Sache, aber so…“

„Und Freunde?“, hielt ihm David entgegen.

„Freunde bringen gewöhnlich irgendwelche Geschenke mit oder revanchieren sich auf andere Weise.“

„Darf ich das also so verstehen, dass es dir demzufolge mehr um eine Geste geht, die meine liebte Tante zum Verstummen bringen würde?“, fragte David mit einem verhaltenen Grinsen.

Josh erwiderte das Grinsen und nickte.

„Dann…“ David überlegte kurz. „Wie wäre es dann, wenn du künftig für den Schokoladenkeksvorrat zuständig bist? Du musst auch nicht selbst backen, Mrs. Cox‘ Kekse haben bislang allen hier gemundet.“

Joshs Grinsen wurde breiter. Jeden Tag eine Packung der Kekse zu kaufen erschien ihm ein fairer Deal.

Als er Edward davon erzählte, musste dieser herzhaft lachen. „Vielleicht sollte ich dann meinem Cousin anbieten, für den täglichen Toastbrotkonsum aufzukommen. Und wer weiß, vielleicht macht das Beispiel dann Schule, so dass zum Schluss nur noch die liebe Tante Catherine als einzige dasteht, die sich von anderen aushalten lässt.“

„So verlockend die Idee ist, so möchte ich doch nicht, dass es deswegen am Ende böses Blut in der Familie gibt. Denn immerhin ist sie Familie, sie ist ein von David eingeladener Gast. Und ich nicht“, erklärte Josh. „Was aber nicht heißt, dass ich ihr die Möglichkeit geben möchte, sich mir zu Recht überlegen zu fühlen.“

Mrs. Cox war ebenfalls von der Abmachung angetan, denn jetzt, da langsam die Vorweihnachtszeit nahte, erinnerten sich viele Leute daran, dass man Kekse ja auch selbst backen konnte und wie viel Spaß es machte, diese zu verzieren, so dass für sie momentan das Geschäft eher ein wenig schleppend lief. Sicher, das würde sich auch wieder ändern, wenn den Leuten fünf Tage vor Weihnachten oder noch später einfiel, dass sie ja für diesen oder jenen noch eine Kleinigkeit brauchten und Mrs. Cox‘ Kekse da ein willkommenes Geschenk waren, aber noch war es nicht so weit. Außerdem fühlte sie sich geschmeichelt, dass Josh auch nach all den Jahren noch so für ihre Kekse schwärmte und nicht müde wurde, ihr zu erzählen, wie er seinen Bekannten und Freunden in den Staaten immer damit den Mund wässrig hatte.

„Einige von ihnen haben es dann als Herausforderung betrachtet und mir immer, wenn sie eine neue Sorte Schokoladenkekse oder einen neuen Bäcker gefunden haben, ein paar Kekse zum Probieren mitgebracht. Ich kam mir dann jedes Mal ein wenig wie Johnny Depp in dem Film ‚Chocolat‘ vor, wenn ich ihre erwartungsvollen Blicke sah und sie dann doch enttäuschen musste. ‚Wirklich sehr lecker… aber nicht so gut wie die von Mrs. Cox.‘“, stellte er die Szene für sie nach. „Einige haben mich beschuldigt, dass ich doch nach all den Jahren gar nicht mehr wissen könnte, wie sie geschmeckt haben, aber zum einen vergisst man Ihre Kekse nicht so schnell und zum anderen hat mich Tante Rachel zu meinem Geburtstag immer mit einer geschmacklichen Erinnerungsauffrischung versorgt.“

Weder Edward noch Josh fanden je heraus, wer Catherine Dempsey verriet, dass seit jenem Morgen Josh die Schokoladenkekse kaufte, die jeden Tag auf Covendale neben anderen Knabbereien zum Tee gereicht wurden. Fakt aber war, dass sie seitdem keinen einzigen Schokoladenkeks mehr anrührte. Dabei wussten alle, wie sehr sie Schokoladenkekse liebte.

 

***

 

Das nächste Wochenende brachte Megan zurück nach Covendale, sehr zur Überraschung ihrer Familie. Alle hatten angenommen, dass angesichts der Tatsache, dass alle anderen nicht da waren, die Jüngste der Familie die Gelegenheit für eine ungestörte Party ungehörten Ausmaßes nutzen würde. Doch Megan lachte nur.

„Was nutzt die schönste Party, wenn der süßeste Typ nicht da ist?“ Dabei blinzelte sie Edward verschwörerisch zu. Dieser schüttelte nur leicht resigniert den Kopf. Er hatte schon erwartet, dass sie nun ebenfalls wieder in den Flirt-Reigen mit einsteigen würde.

„Abgesehen davon hat mir Papa im vergangenen Sommer sehr anschaulich beigebracht, wie wertvoll manche Stücke bei uns zu Hause sind. Da habe ich dann nicht wirklich Lust, dass irgendein Bob und Dick die als Bieruntersetzer verwenden.“

Bei diesen Worten nickte Henry Barnes seiner Tochter anerkennend zu. Nach einem reichlich stürmischen Semester, hatte er seine Jüngste im Sommer unter seine Fittiche genommen und beide waren überrascht gewesen, wie talentiert Megan für das Antiquitätengeschäft war. Sie hatte es lachend damit erklärt: „Ich habe den extravaganten Geschmack meiner Mutter und das Auge für Qualität meines Vaters geerbt.“ Und so weit von der Wahrheit war es nicht einmal entfernt. Megan war unter den Barnes-Mädchen die ungekrönte Shopping-Königin, hatte aber im Laufe der Jahre gelernt, dass ein schönes Teil von guter Qualität am Ende den Kauf eher lohnte als drei billige Sachen, die das erste Waschen nicht überlebten. Jedenfalls stand jetzt schon fest, dass sie nach ihrem Abschluss mit in das Familiengeschäft einsteigen würde, zumal sie die einzige war, die sich für die Antiquitäten interessierte.

„Andererseits“, sagte sie nun und reckte sich stöhnend, „war die Woche an der Uni wirklich anstrengend, so dass eine Party vielleicht gar keine so üble Idee gewesen wäre. Tanzen, bis die Muskeln nach dem vielen Sitzen auf den unbequemen Stühlen wieder locker sind... Schade, Erin, dass ihr nicht dieses Wochenende wieder Verlobung feiern könnt“, sagte sie zu ihrer Schwester und grinste.

Diese aber kannte ihre kleine Schwester gut genug, um nicht weiter darauf einzugehen. Dafür mischte sich nun Alicia ein. „Wenn du wirklich so verspannt bist, könnte ich dich massieren“, bot sie an. „Ich suche immer neue, willige Opfer, an denen ich üben kann.“

Fragend blickte Megan in die Runde. Sie kannte die neue Familie ihrer Schwester noch nicht gut genug, um zu wissen, ob das Angebot ernst gemeint und annehmenswert war.

Es war David, die ihr antwortete. „Alicia hat einen Abschluss in Physiotherapie. Sie will noch ein paar zusätzliche Seminare besuchen und dann eine eigene Praxis aufmachen. Sie weiß also, was sie tut.“

„In dem Fall…“ Und wie ein geölter Blitz schoss Megan aus dem Wohnzimmer.

Der Rest der Richards-Familie sah ihr mit hochgezogenen Augenbrauen hinterher, während Colleen nur mit den Schultern zuckte. „So ist sie nun mal.“

Keine zehn Minuten später war Megan zurück – angetan mit einem reichlich knappen Bikini und einem Pareo um die Hüften. „Tadaa!“, präsentierte sie sich strahlend und scheuchte Frederica vom Sofa um sich dann darauf zu legen – natürlich nachdem sie den Pareo abgelegt hatte. Den Kopf zu den anderen drehend, sagte sie zu Alicia: „Ich bin bereit.“

Die meisten der Anwesenden hielten die Luft an. Ein solcher Auftritt… Doch diejenige, von der vor allem die Richards den ersten Ausbruch ob des Stoffmangels an Megans Körper erwartet hatten, schwieg nur. Catherine Dempsey hatte sofort erkannt, was das Barnes-Mädchen mit ihrem Aufzug bezweckte, aber da sie im Grunde damit genau das tat, was Mrs. Dempsey wollte – nämlich ihrem Neffen aufzuzeigen, wie viel passender doch eine Frau als Partnerin war und was ihm ohne eine solche Frau alles entging – konnte sie schlecht etwas dagegen sagen. Egal wie geschmacklos sie die Herangehensweise fand.

„Ähm, ich dachte eigentlich mehr an später, im Kräuterraum, wo ich meine Liege und alles habe“, brachte Alicia ein wenig stotternd hervor.

Gleichzeitig rief Colleen halb erstaunt, halb entsetzt – wobei sie bei Megan eigentlich nichts mehr überraschen sollte: „Du hast allen Ernstes einen Bikini eingepackt? Es ist November!“

Nun drehte sich Megan wieder um, wohl wissend, wie gut ihre weiblichen Reize dabei zur Geltung kamen. Zu Alicia gewandt meinte sie: „Wozu warten? Ich bin jetzt schon verspannt.“ Colleen entgegnete sie nur mit entwaffnender Ehrlichkeit: „Hey, du hattest die ganze Woche Zeit, mit Major Richards zu flirten, da muss ich doch irgendwie Boden gut machen. Und gib es zu, du bist bloß neidisch, weil du nicht daran gedacht hast, eine solche Geheimwaffe einzupacken.“ Und sie schenkte dem erwähnten Major ihr strahlendstes Lächeln. „Nun, was halten Sie von meiner Geheimwaffe?“

Im Hintergrund hatte Josh Schwierigkeiten, sich vor Lachen nicht zu verschlucken, war er doch auch so schon einem Hustenanfall nahe. Edward warf ihm kurz einen giftigen Blick über die Schulter zu und wandte sich dann dem kecken Mädchen zu. „Eine sehr gute Art Ihre Aufgeschlossenheit und Solidarität gegenüber der LGBT-Bewegung zu zeigen. Ich und alle anderen Schwulen Englands danken Ihnen dafür.“

Damit hatte er tatsächlich das letzte Wort, hatte es doch Megan glatt die Sprache verschlagen. Und es dauerte bei den Anwesenden mehr als ein paar Sekunden, ehe sie erkannten, dass Edwards Kommentar auf das Muster des Bikinis gemünzt war. Der Badezweiteiler war nämlich in allen Regenbogenfarben gestreift. Genau wie eines der schwul-lesbischen Banner.

Allerdings hinderte das Megan nicht daran, an diesem Wochenende bei jeder sich bietenden Gelegenheit in diesem Aufzug durch Covendale zu gehen, angeblich jeweils auf dem Weg zum oder vom ehemaligen Kräuterraum, tatsächlich aber um möglichst oft Edward über den Weg zu laufen. Und als ihre Cousinen entdeckten, dass Megan nicht nur den einen Bikini sondern derer gleich fünf eingepackt hatte, schlossen sie sich diesem Trend an. Immerhin konnte sich Alicia nun nicht mehr über den Mangel an Massageopfern beklagen – schließlich musste die Tarnung ja gewahrt werden.