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13. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

13 - Sie wird ihren Platz schon noch lernen oder "Für die Dame des Hauses"

Montag, 7. September 2015 - Tag der Arbeit - Noahs Haus

 

In seiner Küche sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, nur war Rudy das so was von egal. Er saß vor dem Backofen, um ganz sicher zu gehen, dass nicht wieder etwas anbrannte. Da musste die Küche eben warten.

 

Heute musste es Perfekt werden, sonst würde er sich wirklich blamieren. Sie waren alle zu Noah zum BBQ eingeladen. Er hatte ein Haus zusammen mit seiner Frau und dazu gehörte auch ein Garten. Granny würde kommen und ihr Freund Albert. Die beiden waren in Vegas wirklich zusammen gekommen.

 

Aber er gönnte es Granny. Und da heute Feiertag war - Labor Day - hatte er frei und sie würden alle grillen. Noah hatte wohl einen guten Draht zu Granny und deswegen waren sie auch eingeladen. Und da durfte das Milwaukee Brot keines Falls anbrennen, denn das konnte man nicht wieder retten. Hatte zumindest Lola gesagt. Und er hatte es sich extra zweimal genau erklären lassen, nachdem sie es im Kurs gebacken hatten. Es war wirklich lecker und noch warm genau richtig zu BBQ. Deswegen achtete er darauf, dass das Brot nicht zu lange im Ofen war, denn er hatte keine Zeit, Neues zu machen. In 15 Minuten wollten sie los.

 

Es roch zumindest schon einmal nicht verbrannt, sondern genauso verführerisch wie im Kurs, also musste es richtig sein. Vorsichtig öffnete er den Backofen und besah sich das Brot. Sah schön braun aus und die vorgeschriebene Zeit hatte es auch schon hinter sich gebracht. Rudy stand auf und griff sich die Topflappen. Behutsam holte er das Blech aus dem Ofen und stellte es auf den Tisch. Er schnitt sich ein Eckstück ab und probierte vorsichtig. Heiß und Lecker! So musst es sein, denn das war es auch im Kurs gewesen. Er hatte es wirklich geschafft. So konnten es auch die anderen Essen.

 

Rudy packte die Brote in die Warmhaltebox, so würden sie warm bleiben, bis sie bei Noah waren und das Fleisch gegrillt. Er hätte es auch bei Noah backen können, aber er wollte dem anderen nicht unnötig Umstände machen und so gut kannten sie sich auch nicht. Es war überhaupt schon verwunderlich, dass er ihn eingeladen hatte. Bei Kris konnte er es ja noch verstehen, der war immerhin Grannys Enkel. Gut, beschweren wollte sich Rudy auch nicht und das konnte er auch gar nicht, denn es klingelte. Das konnte nur Kris sein. "Komme", rief er in Richtung Tür und griff sich die Box. Schuhe hatte er schon an und den Geldbeutel in der Hosentasche. Er war fertig zum Gehen.

 

"Hallo Kris", begrüßte er seinen Nachbarn, als er auf den Flur trat. Der Andere nahm ihm die Box ab, so konnte er noch abschließen. Sie standen schon vor dem Lift, als es Rudy wieder einfiel. "Damn", fluchte er und machte kehrt. Kein Wort zu Kris, der nur dumm aus der Wäsche schauend zurück blieb. Schnell schloss Rudy noch einmal auf und verschwand in seinem Apartment. Da hätte er beinahe das Gastgeschenk vergessen.

 

Noah hatte ihm erzählt, dass seine Frau es mit Japan hatte, sie aber wohl nie würden hinfliegen können. Sie verdienten beide nicht übermäßig viel und nur deswegen einen Kredit aufnehmen, dass sah der Pfleger gar nicht ein. Also hatte Rudy ein bisschen im Internet geschaut - es hatte ihm geschlagene 3 Stunden gekostet - bis er 8 typische Sehenswürdigkeiten zusammen hatte und damit hatte er die kleinen Kugeln bemalt, anschließend ein Mobile daraus gemacht. Hoffentlich mochte die Dame des Hauses es auch.

 

Mit rot schattierten Wangen und dem Geschenk winkend kam er wieder aus seinem Apartment und schloss erneut ab. Jetzt hatte er alles und sie konnten los. "Entschuldige, Kris, hab das Geschenk vergessen." Kris konnte nur schmunzeln. So vergesslich war Rudy verdammt niedlich.

"Schon okay. Besser jetzt als auf dem Highway." Sie mussten nach South San Francisco. Gut, das war jetzt nicht die Welt, aber zu spät wollten sie auch nicht kommen.

 

Mit dem Lift fuhren sie in die Garage und nachdem sowohl das Brot als auch Kris Coleslaw sicher verstaut waren, ging es los. Das Wetter war auch auf ihrer Seite, denn keine Wolke hing am Himmel, die Sonne schien und Regen war auch keiner vorhergesagt. Ideale Bedingungen also, um den Labor Day mit einem BBQ zu begehen. Rudy selbst wäre wohl nur zuhause gesessen und hätte sich etwas kommen lassen. Das war eben bevor Kris in sein Leben gestolpert war.

 

 

Rudys Herz klopfte, als sie auf das hübsche Haus zugingen. Der vordere Garten machte schon einmal einen gepflegten Eindruck und auch das weiß gestrichene Gartentor passt gut dazu. Wie Noahs Frau ihn wohl aufnehmen würde? Gut, Kris kannte sie auch noch nicht, aber er war trotzdem nervös.

 

Nur ging wegrennen nicht mehr, denn der Verräter neben ihm nahm eben seinen Finger von der Klingel. Einen langem Moment war er versucht zu knurren, doch er unterließ es. Das würde nur dämliche Fragen aufbringen. Glücklicherweise wurde die Tür auch schnell geöffnet und Noah blickte ihnen entgegen. "Hallo Kris, Hallo Rudy. Ihr seid die Letzten. Kommt und dann direkt durch auf die Terrasse. Ich hoffe, ihr habt keine Angst vor Hunden. Falls doch, leine ich Lady an." Man sah dem Anderen an, dass es ihm peinlich war, nicht früher daran gedacht zu haben.

 

Rudy schluckte. Hunde mochten ihn nicht, das war eine Tatsache. Wie groß war diese Lady und wie weit war die Entfernung, wenn sie angeleint war? Hoffentlich ging das gut.

Brav folgte er dem Hausherrn durch die Wohnung, die würde er sicherlich später mal anschauen können.

 

Auf der Terrasse war schon viel los. Erst jedoch stellen sie ihr Essen beiseite. Auf dem Tisch stand schon einiges. Verhungern würden sie heute also nicht. Dann ging es erst mal ans Begrüßen. Granny wurde gedrückt und Alberts Hand geschüttelt. Bei Cora - wie sich Noahs Frau vorgestellt hatte - wurde die Begrüßung dann etwas länger. Schließlich kannte man sich noch nicht. "Für die Dame des Hauses", erklärte Rudy, als er das Geschenk weiter reichte. Cora hätte auch einfach nein zu den Plänen ihres Mannes sagen können.

 

Unsicher begann er auf der Unterlippe zu kauen. Ob sie es mochte? Er hatte sich wirklich Mühe gegeben. Und Blumen waren ihm so einfallslos erschienen. Die konnte jeder kaufen und mitbringen. Wo er schon etwas herstellen konnte, konnte er dies auch verschenken.

 

Rudy beobachtete, wie vorsichtig Cora erst die Schleife und dann das Geschenkpapier entfernte. Die weiße Schachtel jedoch gab immer noch keine Auskunft über den Inhalt. Vielleicht sollte er auch mal an Schachteln mit durchsichtigem Deckel denken. Ob es so etwas gab?

 

Die Überlegung wurde gerade uninteressant, denn eine strahlende junge Frau fiel ihm um den Hals. Das Mobile kam wohl gut an. "Danke, Rudy. Ich wollte schon lange in den Laden, wo man sie kaufen kann. Mir gefällt die Kugel die Noah geschenkt bekommen hat. Aber bisher hab ich es noch nie geschafft vor Ladenschluss dort zu sein. Ich arbeite als Krankenschwester und hab meistens die Tagschicht."

 

Das Lachen aller Anwesenden ließ Cora sich wieder von Rudy lösen. Warum lachten alle? "Was ist?", wollte sie unsicher wissen. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Es war doch alles wahr gewesen. Sie mochte die Kugel, die ihr Mann geschenkt bekommen hatte und sie hatte wirklich zu dem Laden gewollt. Aber ihre Arbeit hatte ihr bisher immer einen Strich durch die Rechnung gemacht.

 

"Wenn du Rudy ganz lieb bittest, Liebes, dann wird er sicherlich auch mal nach Feierabend für dich aufmachen. Oder auch an einem Sonntag", erklärte Granny. Rudy wurde unweigerlich rot. Er war es immer noch nicht gewohnt, für seine Arbeit gelobt zu werden.

 

Die Situation wurde von wütendem Bellen unterbrochen. Der Hund des Hauses hatte ihn wohl gewittert und schien mit seiner Anwesenheit nicht einverstanden zu sein. Einen Moment später stand der kleine Hund auch schon vor ihnen, bellte und knurrte. Und nicht einmal ein scharfes "Aus", von Noah konnte sie zum Verstummen bringen. Bevor sie ihn noch biss, starrte Rudy Lady böse an und knurrte selbst.

 

So schnell konnte keiner kucken, wie sie den Schwanz einklemmte und winselnd zu ihrer Hundehütte eilte. Nicht einmal eine Pfotenspitze lugte noch aus der Öffnung, als sie darin verschwunden war. Zufrieden grinste Rudy. Vor ihr dürfte er heute Ruhe haben.

 

Überdeutlich konnte er die Blicke der Anderen auf sich spüren. Es war schon merkwürdig. Welcher normale Mensch knurrte schon? Aber bisher hatte ihm das noch jeden Hund vom Leib gehalten. "Hunde können mich nicht leiden. Ich weiß auch nicht wieso. War schon immer so. So wissen sie wenigstens wo ihr Platz ist." Wenn sie ihn jetzt baten zu gehen, würde Rudy das vollauf verstehen.

 

"Das macht Sinn", schaltete sich Albert ein und nickte. "Es heißt nicht umsonst, man muss Hunden zeigen, welchen Rang sie innerhalb einer Gemeinschaft haben. Sie im Genick packen und Knurren sind da gute Möglichkeiten. Das hat mein Vater früher auch immer gemacht. Er war Züchter. Bei ihm hat es auch funktioniert." Dankbar nickte Rudy dem Älteren zu. Es war wirklich nett, dass er sich für ihn einsetzte.

 

Granny klatschte in die Hände und scheuchte so alle auf. "Und da das jetzt geklärt ist, würde ich sagen, wir fangen mit dem BBQ an. Bevor das warme Essen noch kalt und das kalte Essen warm wird. Kann ich dir noch etwas helfen, Cora Liebes?" Ihr lag es nicht, sich einfach so bedienen zu lassen. Immerhin war sie gerade in ihren besten Jahren und musste nicht von vorne bis hinten bedient werden. Sie konnte noch selbst mit anpacken, das hatte sie ihr Leben lang getan.

 

Einen Moment war Cora noch verwirrt, bevor sie nickte. "Wir sollten noch die Getränke holen. Die Männer können ja das Fleisch auf den Grill legen."

 

Ohne sich abzusprechen salutierten die vier Männer breit grinsend und machten dann, dass sie aus der Reichweite der Damen kamen. Da musste Noah später noch Abbitte leisten. Aber er wusste, wie er die Dame seines Herzens wieder gnädig stimmen konnte. Lachend fanden sie sich vor dem Grill ein. Kurz bevor Kris und Rudy angekommen waren hatte er schon das Fleisch zum Grill gebracht.

 

Nachdem die Vorlieben jedes Gastes abgeklärt waren, wurde der Grill bestückt. Auch einige Gemüsespieße fanden ihren Weg auf den Rost. Hier musste niemand verhungern. Während das Fleisch brutzelte unterhielten sich die Männer über die kommende Football Saison. Immerhin fand sie quasi vor er Haustür statt. Nach Santa Clara war es nicht so weit, knappe 60 Meilen. Noah wollte zumindest zum Super Bowl, sobald es Karten gab. Die anderen Spiele würde er sich wie jeder andere Amerikaner im Fernseher anschauen. Seine Cora würde es nicht erlauben, wenn er zu jedem Spiel fuhr.

 

Während dem ganzen Gespräch hielt Rudy so viel Abstand zu der Hundehütte wie er konnte. Sein Glück musste er ja nicht herausfordern. Nicht dass ihn Noah und Cora in Zukunft nicht mehr einluden, falls sie das überhaupt wollten. Denn nur weil Noah mit Granny zu tun hatte, musste das nicht gleich bedeuten, dass er sich auch mit ihm und Kris abgeben musste.

 

 

Fast eine Stunde später saßen sie alle am großen Tisch auf der Terrasse. Es duftete wirklich lecker. Die Marinade musste also gut sein. Ob sie selbst gemacht war? Aber das konnte man auch noch nach dem Essen fragen. Alle luden sich den Teller voll und dann herrschte die ersten Bissen erst einmal Schweigen, man wollte ja genießen. Und dann ging das Loben los.

 

Der Coleslaw hätte genau die richtige Süße, die Sour Cream, die es zu den Baked Potatoes gab, war schön cremig und das Fleisch ein Gedicht. Es war schön zart und hatte einen rauchigen Geschmack. Die Maiskolben warm, aber noch nicht verbrannt. Ein Stöhnen ließ die Runde grinsen. Granny hatte in ein Stück des Milwaukee Brotes gebissen. "Das ist so verdammt lecker. Wer hat das gemacht?" Fragend blickte sie in alle Gesichter.

 

Rudy konnte spüren, wie er rot wurde. "Das war dann wohl ich. Wir haben es letzte Woche im Kurs durchgenommen und ich muss Lola ganz schön genervt haben, bis ich mir sicher war, alles zu verstehen." Er musste seiner Lehrerin unbedingt sagen, wie gut das Brot angekommen war. Es war fraglich, ob irgendwas davon übrig bleiben würde. Aber dafür hatte er es ja gebacken, damit es gegessen wurde. Es wäre schade, wenn man die Reste wegschmeißen müsste.

 

"Oh... du lernst kochen, Rudy?" Granny wusste als ehemalige Nachbarin über das nicht kochen Bescheid. Zu Feiertagen hatte sie ihn deshalb gern eingeladen, dafür hatte er ihr auch immer geholfen. Besorgungen oder schwere körperliche Dinge. "Ja, Kris ist schuld. Seit Anfang Juli. Jeden Mittwochabend. Das erste Kochen für Kris war eine mittlere Katastrophe", gab er zu.

Kris jedoch tat das mit einer Handbewegung ab. "Glaub ihm nicht, Granny. Es war nicht so schlecht. Mein erstes Mal war eine Katastrophe. Die Nudeln haben so lange gekocht, bis das Wasser verdampft war. Sie waren nicht zu gebrauchen." Die Lacher hatte er damit auf seiner Seite.

 

"Apropos... hat sich schon jemand bei dir gemeldet?" Seit dem sie die Anzeige aufgegeben hatten, hatten sie noch nicht wieder darüber gesprochen. Rudy nickte. "Eine Handvoll hat sich telefonisch gemeldet, aber vorbei gekommen ist noch keiner." Auf die ganzen fragenden Blicken erklärte er das mit der Aushilfe. Granny war mehr als zufrieden, denn sie hatte schon immer gefunden, dass der Kleine sich mit seiner 44 Stundenschicht im Laden und das zuhause Arbeiten übernahm. Aber da sie ja nicht blutsverwandt waren, hörte Rudy nicht auf sie. Es war gut zu sehen, dass wenigstens ihr Enkel etwas auf ihn einwirken konnte. Wie die Sache mit dem Kochen. Manche mussten zu ihrem Glück eben erst gezwungen werden. Besonders, wenn man es selbst nicht sah.

 

Aber sie selbst war auch keine Ausnahme gewesen. Manches Mal war es auch ihr so ergangen. Mit der Zeit fiel man eben in eine Routine, aus der man nur schwer ausbrechen konnte. Aber es war gut so, wie es im Moment war und Kris würde schon auf seinen Nachbarn Acht geben. Darauf, dass Rudy richtig aß und sich nicht überarbeitete. Wenn der Jüngere eine Aushilfe hatte, würde sie wohl mal im Laden vorbei sehen. Das erste Mal, denn ihre Kugeln hatte sie bei ihm aus dem Wohnzimmer.

 

Es wurde noch ein lustiger Nachmittag und Abend. Sie aßen, sie tranken, redeten und hatten Spaß. Anekdoten wurden ausgetauscht, Witze auf eigene Kosten gemacht. So viel Spaß hatte Rudy noch nie gehabt. Aber bisher hatte er auch nur für seine Kugeln gelebt. Er hatte es nicht anders gekannt, allerdings auch nicht vermisst. So war das wohl, wenn man einfach nur lebte. Man verpasste die besten Dinge im Leben.





Advent [Laila]

 

13. Dezember

 

Tyr und Baldur hatte zu einem Ausritt in die Berge eingeladen. Dort lag bereits Schnee.

Dick eingepackt und mit Proviant beladen machten sich die vier Götter auf den Weg. Weit war es nicht.

Ungezwungen plauderten sie miteinander und ärgerte sich gegenseitig. Schließlich kannten sie sich von Kindesbeinen an. Sie waren alle zusammen aufgewachsen.

Amüsiert hob Loki eine Braue und sah Tyr und Baldur zu, die vor ihnen ritten.

Tyr, der schöne rothaarige Kriegsgott und Baldur, der schöne und sanfte. Im Grunde passten sie nicht zusammen. 

„Da entwickelt sich doch was“, flüsterte Loki, ohne den Blick von beiden zu wenden.

Fragend schaute Thor ihn an und zuckte dann die Schultern.

„Solange sie dir nicht zu nahe kommen, stört es mich nicht.“

Nun musste Loki lachen. Das war typisch sein Liebster. Aber es gefiel ihm. So ein bisschen Eifersucht stand seinen Gott.

Unbeirrt legte Baldur dem Kriegsgott eine Hand auf den Schenkel. Ein warmer Blick streifte ihn ließ ihn erschaudern.

Erst vor ein paar Tagen hatte es zwischen ihnen gefunkt. Sie waren sich näher gekommen. Aber keiner der beiden traute sich so recht den Anfang zu machen.

 

Auf einem verschneiten Bergpass, hielt Tyr schließlich an.

Die Aussicht war grandios.  Von hier hatten sie den Blick über das Tal. In weiter Ferne konnte man den Palast erahnen. Über ihnen befanden sich die anderen acht Welten.

„Wow, dass ist wirklich wunderschön“, sagte Loki.

Langsam glitt er von Drengurs Rücken und stand im tiefen Schnee. Die Kälte spürte er dabei nicht.

Thor stieg ebenfalls ab und umarmte ihn.

„Ja nicht übel. Aber dein nackter Hinter ist besser als alles andere“, hauchte er.

Sanft biss er Loki in Ohrläppchen und hauchte ihm dann einen Kuss in den Nacken. Da sein Liebster der einzige war, der in dieser Kälte nicht fror und wenig Kleidung trug war dies perfekt.

Tyr grinste und zog Baldur an sich.

„Gefällt es dir hier?“ fragte er leise.

Baldur nickte leicht. Die Landschaft war ihm im Grunde egal. Tyrs wunderschöne grüne Augen fesselten ihn im Augenblick mehr denn je.

Waren sie schon immer so bemerkenswert gewesen?

Kalte Finger streiften Baldurs Wange und brachte ihn zum erbeben. Sein Herz raste und ihm war heiß.

Langsam schloss er die Augen und senkte den Kopf. Er wollte einen Kuss und zwar sofort. Er wollte endlich wissen, wie sich die Lippen auf seinen anfühlten.

Die Berührung jagte Blitze durch seinen Leib. Das Herz in seiner Brust setze kurz aus und jagte dann weiter. Seine Haut unter der Jacke kribbelte, dabei war es nur eine kleine, unschuldigen Berührung.

 

„Wir hätten zu Hause bleiben sollen“, flüsterte Loki.

Er sah den beiden zu und lächelte.

Sie hatten es beide verdient glücklich zu sein.

Thor konnte dem nur zustimmen.

So standen sie schließlich im Schnee. Zwei verliebte Paare. Küssten sich und genossen den Ausblick.

 

13. Dezember

 

Mein Geliebter,

das war heute ein wunderbarer Tag. Ich freue mich wirklich für Tyr und Baldur. Irgendwie hatte ich es ja schon geahnt. Ich hoffe, sie können es genießen und werden eben so glücklich wie wir.

Der Tag dort auf dem Pass war schön. Die Kälte, die frische Luft und du. In dem Punkt lobe ich es mir, dass ich keine dicken Sachen brauche.

 

Grund 13:

Das du ganz offen zu mir stehst.

Ich weiß ja, dass es nicht immer leicht war und wir haben es nicht einfach, aber du hast nie aufgegeben. Vor Odin nicht und vor den anderen auch nicht.

Vielleicht wiederhole ich mich, oder meine Gründe greifen in einander über, aber so ist es nun einmal.

Wir haben keine Hehl daraus gemacht, dass wir uns lieben und zueinander gehören. Ich gönne dies Tyr und Baldur ebenso.

Viele halten mich, den Lügengott für einen Witz, einen Schandfleck, aber du nicht.

Du bist anders, denn du bist MEIN.

 

In ewiger Liebe

Loki

 

Auch wenn er es geahnt hatte, so musste sich Loki dennoch ducken. Thor mochte  es gar nicht, wenn er sich selber schlecht machte und als Schandfleck bezeichnete. Zumal Loki für ihn, das Leben war. Das sagte auch der Quellkristall, denn er seine m Liebsten heute schenkte.




Was ist Weihnachten? [Britta & Fich] - Ein Terra3.0-Zyklus

 

03

 

Vorsichtig, damit ihn die heißen Dampfwolken nicht trafen, hob Janis den Deckel des großen Topfes hoch, der auf seinem Herd stand. Seit dem Sonntagabend, nachdem Eljas wieder zur Arbeit gefahren war, experimentierte Janis damit, wie man Stoff rot färben konnte, aber das Ergebnis war bisher mehr als enttäuschend. Das Leinen nahm nur schwer Farbe an und wenn, dann wurde es nicht rot, sondern eher gräulich oder bräunlich.

Er hatte die Nacht lange wach gelegen und sich dann dazu entschlossen, es mit Malventee zu versuchen. Der hatte eine tolle Farbe und so hatte er einen großen Topf voll gekocht und ihn dann noch etwas einreduziert. Jetzt schwamm das Stück Stoff schon seit einer Stunde in dem Tee und Janis wollte wissen, ob es was geworden war.

Mit einer Zange fischte er in dem Tee herum und erschreckte sich ziemlich, als eine Stimme ihn fragte, was er denn da tun würde. Er hielt sich das Herz mit der einen, die Zange mit dem Stoff in der andren und drehte sich langsam zur Tür um. Dort stand Tjark und sah fragend auf den undefinierbaren Stofffetzen in Janis‘ Hand. Langsam kam er näher.

„Ich hoffe für dich, dass du meine Hose nicht aus diesem … diesem …. Was ist das?“ Tjark schnupperte, sah in den Topf, sah auf den Stoff und wieder in den Topf.

„Malventee“, antwortete Janis ganz automatisch, weil er immer noch zu perplex war. „Hallo Tjark.“ Er ließ das Stück Stoff wieder in den Tee fallen und wandte sich seinem Freund zu. „Was kann ich für dich tun?“

Tjark sah immer noch in den Topf, in dem jetzt das undefinierbare Stück Stoff herum schwamm. Seine Brauen zogen sich weit zum Haaransatz ehe er sich wieder Janis zuwandte. „Du warst es doch, der letzte Woche das Loch in meiner Hose entdeckt hat, als ich mich unter der Bank nach meinem Wollknäuel umgesehen habe. Deswegen bin ich hier. Aber im Moment möchte ich viel lieber wissen, warum du alte Lumpen in Malventee kochst, bevor ich dir einen Auftrag für eine neue Hose erteile.“

„Ich koche das Stück Stoff nicht, ich will es rot färben. Klappt aber nicht.“ Janis hörte sich schon etwas frustriert an. Er hatte es sich leichter vorgestellt, Eljas eine Freude zu machen. Aber dieses verflixte Leinen wollte sich einfach nicht rot färben. Frustriert versetzte er dem Topf einen Stoß, der daraufhin ziemlich wackelte und Tee verschüttete. Erschrocken sprang er eine Schritt zurück, denn das Zeug war heiß und er wollte nichts abbekommen. „Ich hasse das Zeug“, schimpfte er leise, denn seine Laune hob es nicht gerade, dass er jetzt auch noch den Fußboden wischen musste.

Tjark ging einen Schritt zur Seite, damit er keine nassen Füße bekam und dann vielleicht noch Tapsen in der Küche machte. „Du weißt aber schon, dass Lebensmittel nicht für sowas verschwendet werden dürfen, Janis“, sagte er und zuckte etwas, als der sich wortlos zu ihm umwandte und die Augen verschmälerte. „Wollte es ja nur noch mal gesagt haben, aber warum willst du plötzlich den Stoff rot färben? Hat das was mit den Klamotten zu tun, die neuerdings immer mal wieder auf der Straße auftauchen? Das Zeug, dass Martti gefunden und verkauft hat?“

Janis seufzte und nickte ergeben. „Ja, hat es. Setz dich an den Tisch. Ich wisch das eben auf, dann erzähl ich dir, warum ich das mache.“ Janis holte den Wischer und beseitigte die kleine Pfütze auf dem Boden. Dann holte er Tassen und seine Thermoskanne, in der er immer Kaffee bereit hatte und goss ihnen ein, als er sich zu Tjark gesetzt hatte. „Eljas fand es schade, dass er keine der roten Jacken abbekommen hat und da wollte ich ihm eine nähen, aber dieser Miststoff wird einfach nicht rot.“

Tjark hielt sich an seiner Tasse fest und blickte Janis offen an. „Du hast dir auch die denkbar ungünstigste Kombination ausgesucht, Janis. Leinen rot zu färben ist so gut wie unmöglich. Ich habe das nämlich auch schon mal versucht“, musste er gestehen und grinste schief.

„Du hast das auch versucht?“ Janis riss die Augen auf, denn das hatte er gar nicht gewusst. Er sackte ein wenig in sich zusammen, als ihm klar wurde, dass es nicht klappen würde. „Was mach ich denn jetzt? Ich würde Eljas so gerne eine rote Jacke schenken.“

„Auch wenn ich es nicht gern sage“, begann Tjark und sah wieder auf den Topf auf dem Herd, „einen Farbton wie diesen von den alten Jacken kannst du vergessen. Das waren chemische Farben, die man vor Jahrhunderten hergestellt hat. Wir haben gar nicht mehr die Mittel oder die Technologie. Solch eine Jacke selber zu färben, kannst du vergessen. Dafür musst du nicht noch mehr leckeren Tee verschwenden.“

„Ach Mist“, brummte Janis. Das war nicht das, was er hatte hören wollen. „Hast du auch nur dieses grässliche Graubraun hinbekommen? Es muss doch auch mit unseren Mitteln möglich sein, etwas rot zu färben.“ Er wollte noch nicht aufgeben.

„Nicht das Zeug, was du da in deiner Suppe herumtreiben lässt. Mit Wolle könntest du bessere Ergebnisse erziehen, aber dann musst du ihm die Jacke stricken.“ Tjark lupfte seine Hose etwas höher und zeigte stolz seine roten Socken. Er trug sie nur so, dass niemand sie sah und Fragen stellte. Denn auch er hatte mit Lebensmitteln und Ressourcen unerlaubt herum experimentiert.

„Wah, du Heimlichtuer.“ Mit einem schnellen Griff zog er Tjarks Bein zu sich, was seinen Freund erschrocken aufschreien ließ, denn er wäre fast vom Stuhl gefallen. „Tschuldigung“, murmelte Janis, ließ aber das Bein nicht los. Die Rotfärbung war nicht so intensiv, wie bei den alten Jacken, aber es war eindeutig rot. „Womit hast du das hingekriegt?“, wollte er auch gleich wissen, denn im Kopf disponierte er gerade um.

„ich habe wie du mit Malventee experimentiert“, gestand Tjark und musste lachen. „Bei mir sah es tagelang aus wie in einer Alchimistenküche. Überall brodelte was und blubberte und tropfte.“ Er lachte als er sich daran zurück erinnerte. Seine Frau hatte sich eine Woche lange geweigert, die Küche zu betreten, weil der Geruch penetrant gewesen war. Schlussendlich war er aus der Küche geflogen und hatte sich im Keller eine kleine Experimentierküche eingerichtet. „Mit roter Bete ging es schon besser. Aber ich konnte nicht so viel nehmen, eigentlich war sie schließlich zum Essen gedacht und so hatte ich nur die Schalen zum Experimentieren.“

„Hmm“, machte Janis nachdenklich. „Die Socken hast du mit roter Bete gefärbt?“ Warum war er nicht darauf gekommen? Schließlich hatte er sich an den Knollen schon oft die Finger eingefärbt, wenn er sie zubereitet hatte.

„Ja, ein Paar habe ich mit roter Bete gefärbt. Aber draußen bei den Weiden von meinen Schafen hab ich etwas gefunden, keinen Schimmer wie das Kraut heißt. Aber die Wurzeln davon färben ganz ordentlich. Und das ist das Ergebnis“, sagte er und zog noch einmal seine Hosenbeine hoch.

„Echt?“ Janis war ganz von der Rolle. Das waren ja ganz neue Möglichkeiten. „Hast du noch was von dieser Pflanze, oder kannst du mir zeigen, wo ich sie finde?“, fragte er aufgeregt. „Hast du auch noch Wolle, die ich haben kann? Ich muss nämlich gleich anfangen, wenn ich die Jacke bis zu diesem Weihnachten fertig kriegen will.“

„Aktuell werden die Tiere nicht geschoren. Viel habe ich nicht mehr. Ich muss mal gucken, was ich noch habe“, überlegte Tjark und leerte seine Tasse. Eigentlich hatte er Appetit auf Malventee, aber nicht auf das Zeug, was Janis dort gebraut hatte. „Da ich selber vom Färben wieder abgekommen bin, weil ich keinen Ärger wollte, habe ich von der Pflanze nichts mehr. Aber ich kann dir zeigen, wo das Zeug wächst. Ich fahre morgen raus zu meiner Herde, komm doch mit“, schlug er vor.

„Ja, das mache ich gerne.“ Janis strahlte wie eine kleine Sonne, weil die Welt auf einmal doch gar nicht mehr so düster aussah. „Du musst mir dann aber zeigen, wie ich das machen muss, damit die Wolle auch schön rot wird.“ War vielleicht sogar besser, wenn er Wolle nahm. Eljas fror doch so schnell. Mit einem Lächeln erinnerte er sich an ihr Wochenende, wo sein Freund sich immer wieder an ihn geschmiegt hatte, weil ihm kalt gewesen war. Und wie er sich über die Socken gefreut hatte, die Janis extra für ihn gemacht hatte, damit er nicht so fror.

Eljas hatte die Socken ständig getragen, außer als er sich im Bett an ihn gekuschelt hatte. Janis grinste kurz und Tjark fragte lieber nicht warum. Er konnte es sich denken. „Komm am besten morgen früh zu mir. Ich breche allerdings ziemlich zeitig auf. Um sieben fahre ich los und wir werden den ganzen Tag in der Kuppel sein. Also entweder kommst du mit einem eigenen Fahrzeug oder du musst so lange bleiben wie es dauert.“

„Ich werde da sein und du guck, was du noch an Wolle da hast. Es sollte für eine Strickjacke reichen.“ Sie so hin zu bekommen, wie die Jacken von Martti durfte nicht schwer sein. Für die weiße Umrandung konnte er Naturwolle nehmen. Die war zwar nicht richtig weiß, aber das sollte nicht so schlimm sein.

„Nur wenn du mir eine neue Hose machst. Die hier ist durchgescheuert und die andere hat Flecken, die nicht mehr raus gehen. Meine Frau wagt sich mit mir nicht mehr zusammen in die Öffentlichkeit. Wenn ich wieder heim komme, und ich habe nicht wenigstens die Zusage, dass ich bald wieder vorzeigbar sein werde, dann muss ich im Stall schlafen. Da habe ich keine Lust drauf“, stellte er klar und überlegte, wo er noch ein paar Wollknäuel haben könnte. Denn eigentlich hatte er alles verkauft, was er produziert hatte und wartete nun auf die nächste Schur seiner Tiere.

Janis musste lachen, denn er konnte sich gut vorstellen, dass Katri ihrem Mann damit gedroht hatte. „Sicher mache ich dir eine Hose. Ich kann doch nicht zulassen, dass deine Frau sich für dich schämen muss. Lass mich gleich mal Maß nehmen, dann kann ich nachher noch anfangen. Vielleicht habe ich sie dann morgen schon fertig und kann sie mitbringen.“

„Hetz nicht“, wehrte Tjark gleich ab und lachte. Er mochte seine alten Hosen und er hatte keine Lust, sich schneller von einer der beiden trennen zu müssen, als ihm lieb war, nur weil seiner Frau die Putzlappen ausgingen. Eine ihrer eigenen Hosen auszusortieren kam gar nicht in Frage, schließlich wären die noch lange nicht so verschlissen wie die von Tjark. Er hatte im direkten Vergleich verloren und nun stand er hier auf dem Stuhl, auf den Janis ihn gejagt hatte und ließ sich vermessen.

Routiniert nahm Janis die Maße und schrieb alles auf einen Zettel, damit er nachher das Schnittmuster machen konnte. Er brauchte nicht lange und Tjark konnte wieder vom Stuhl steigen. „Irgendwelche besonderen Wünsche?“ Sie hatten zwar keine farbigen Stoffe, aber das hieß nicht, dass der Schnitt immer gleich sein musste. Jeder mochte ein wenig Individualität und das ging über den Schnitt sehr gut. Doch Tjark schüttelte den Kopf.

„Mach sie so wie die, die ich beerdigen muss. Dann ist der Verlust vielleicht ein bisschen weniger schmerzlich“, sagte er und ließ sich noch einmal Kaffee nachschenken. Er hatte sich an den Schnitt gewöhnt und für die Arbeit war er praktisch. Auch wenn seine Frau bestimmt etwas Moderneres vorziehen würde. Doch zum Glück war sie nicht hier und hatte die Bedingungen nicht weiter spezifiziert – ihr Pech.

„Ganz wie du möchtest.“ Janis nickte, denn er konnte es verstehen. Wenn man ein Lieblingskleidungsstück hatte, war es nur schwer, dies zu ersetzen. Er kannte das aus eigener Erfahrung.

Sie unterhielten sich noch eine Weile, dann machte Tjark sich wieder auf den Weg. Beschwingt durch die Aussicht, doch noch ein Geschenk für Eljas zu bekommen, machte Janis sich wieder an die Arbeit. Er sichtete die Stoffe in seinem Lager, machte den Schnitt fertig und setzte sich an die Maschine um zu nähen, bis ihm die Augen zu fielen. Erst als alles vor den Augen verschwamm, sah er auf die Uhr und musste sich sputen, ins Bett zu kommen, wenn er morgen früh pünktlich bei Tjark sein wollte.

Sein letzter Gedanken galt Eljas, als er einschlief.

 

+++

 

Schon viertel vor sieben am nächsten Morgen, fuhr Janis vor Tjarks Haus vor. Sein Freund wohnte, genau wie er selbst, in einem der Holzhäuser. Es war ähnlich geschnitten wie seins, nur etwas größer. Er wollte gerade zum Haus gehen, als sein Freund aus einem der Schafställe guckte.

„Morgen Janis, ich bin hier“, rief er Janis zu und winkte. „Geh ruhig ins Haus. Katri hat Frühstück gemacht.“ Dann war sein Schopf wieder verschwunden und man hörte das leise Blöken vereinzelter Tiere. Ein paar waren krank und konnten nicht mit den anderen auf die Weide in einer der Außenkuppeln.

Janis aber ließ sich lieber von Frühstück locken und ging nach einem Klopfen ins Haus, so machte man das eben hier. Die Häuser waren nie abgeschlossen. Katri stellte gerade das frische Brot auf den Tisch und schob eine der kleinen Katzen mit dem Fuß beiseite, ehe sie ihr wieder aus Versehen auf die kleine Pfote trat. Das hatte bestimmt wehgetan, aber Yrjö hatte nichts daraus gelernt. Er war verfressen wie kein Kater vor ihm, doch er mochte lieber gebratene Eier als pelzige Mäuse.

„Guten Morgen, Katri“, begrüßte er die junge Frau und kam in die gemütliche Küche.

„Morgen Janis“, lachte Katri und grinste. „Ich hab dir schon eine Tasse Malventee eingeschenkt“, kicherte sie, denn sie wusste wie alle anderen ganz genau, dass Janis ihn nicht mochte. Wie erwartet verzog sich dessen Gesicht auch gleich zu einer Grimasse und sie musste lachen. „Keine Sorge, wir trinken zum Frühstück lieber Kaffee. Setz dich, dann schenk ich dir welchen ein.“

Janis nickte eifrig und gähnte. Er hatte nicht viel geschlafen, doch er hatte sich nun einmal die rote Jacke für seinen Schatz in den Kopf gesetzt und er hatte nicht mehr viel Zeit.

Freitag war dieses Weihnachten.

So viel hatte Sisko herausgefunden.

Und das wollten sie auch feiern. Man schenkte sich Kleinigkeiten als Zeichen der Wertschätzung und so war er schwer damit beschäftigt, für Freunde ein paar Kleinigkeiten zu zaubern, die ihnen Freude bereiteten. Er grinste als er etwas an seinen Beinen spürte.

„Na, du Schnurrer“, lachte er leise und hob den kleinen, getigerten Kater hoch, der sich an seinem Bein gerieben hatte. „Ich würde dir ja gerne was geben, aber ich trau mich nicht. Dein Frauchen mag es nicht, wenn ich dich verwöhne“, flüsterte er dem kleinen Tier ins Ohr und kraulte ihn zur Entschädigung. Er mochte Katzen sehr gern, aber bisher hatte er sich nicht dazu durchringen können, sich selber eine anzuschaffen.

„Mach dich raus in den Stall und fang Mäuse, so wie sich das für eine Katze gehört. Deine Schwestern haben das begriffen“, knurrte Katri gutmütig, denn auch wenn der kleine Kater seinen Job nicht machte, so würde sie sich trotzdem nicht von ihm trennen. Denn im Gegensatz seinen Geschwistern war er der einzige, der sich anfassen und beschmusen ließ und das mochte sie nun einmal auch sehr gern.

„Hat Tjark gestern bei dir eigentlich eine Hose bestellt oder hat er es zufällig wieder vergessen, weil seine ja noch gut sind?“ Sie setzte sich und sah sich um, als sie die Tür hörte. Tjark kam aus dem Stall und verschwand im Badezimmer.

„Nein, er hat es nicht vergessen. Er hat eine neue Hose bestellt und die wird auch bald fertig sein. Hab schon damit angefangen.“ Janis setzte Yrjö wieder auf den Boden, aber nicht ohne ihm heimlich eine Stückchen Schinken zu geben, das der Kater schnell verschlang. Nicht dass ihm das einer noch wegnahm.

„Schade“, brummte Katri. „Dann muss er ja doch nicht im Schafstall schlafen.“ Sie lachte, als ihr Mann im Badezimmer brummte und knurrte, weil er ihre Worte gehört hatte.

„Dabei hatte ich ihm schon eine schöne Decke gestrickt, mit kleinen Schafen drauf. Die hätte toll im Stroh ausgesehen.“

„Die würde auch auf der Couch gut aussehen, Lämmchen“, murmelte Tjark, der gerade nur in Unterhose durch die Küche flitzte, um sich ein paar frische Kleider anzuziehen. Mit den Stallklamotten durfte er nicht an den Tisch. Er konnte sie wieder anziehen, wenn er in die Weidekuppel fuhr. Aber am Tisch waren sie tabu.

Im Stall hatte er das Sagen – im Haus Katri.

So waren die Regeln.

Janis musste lachen, denn die beiden kabbelten sich den ganzen Tag und jeder versuchte, das letzte Wort zu haben, aber sie liebten sich sehr. Das sah man schon allein daran, wie Katri ihrem Mann hinterher guckte. „Ja, das würde sie wohl“, lachte sie leise. „Dafür habe ich sie ja eigentlich gemacht, aber das muss er ja nicht wissen“, flüsterte sie und zwinkerte Janis zu.

„Und da wird sie auch weniger dreckig“, erklärte Janis diplomatisch, „wäre doch auch schade drum.“ Sie saßen beisammen und unterhielten sich noch ein wenig. Sie waren alle aufgeregt, am Freitag dieses Weihnachten zu begehen und so drehte sich wieder alles um dieses alte Fest.

Sie hatten sogar einen Baum. Allerdings hatten sie ihn nicht geschlagen, sondern ausgegraben, damit sie ihn später wieder einpflanzen konnten, denn ihn nur für dieses Fest zu fällen, war einen zu große Verschwendung. „Sisko und Marja und ich haben Baumschmuck gebastelt. Strohsterne, kleine Figuren und auch Plätzchen gebacken, die man in den Baum hängen kann. Jonne hat Kerzen beigesteuert und Halterungen dafür gemacht. Das sieht bestimmt toll aus, wenn er geschmückt ist“, erzählte Katri und sie wirkte ziemlich aufgeregt.

„Ich muss noch ein paar Geschenke fertig machen – ich hoffe dass die Zeit noch reicht. Vor allem für die Jacke für Eljas. Ich werde wohl die nächsten vier Tage nicht schlafen, um einigermaßen fertig zu werden.“ Janis war klar, was das bedeutete, doch seinen Schatz dann zu sehen, wie er sich über die rote Jacke freute, dürfte alle Entbehrungen der nächsten Tage aufwiegen. Er griff zu und stärkte sich, denn er hatte auch heute einen langen Tag vor sich. Er wollte den ganzen Tag in der Kuppel bleiben, weswegen er sein Strickzeug und ein paar Kleinigkeiten zum Nähen dabei hatte. Vielleicht bekam er heute schon ein paar kleine Präsente fertig.

„Apropos Geschenke.“ Janis sah Tjark an. „Hast du nachgesehen, ob du noch genug Wolle hast?“ Davon hing ja alles ab. Wenn Tjark nicht mehr genug Wolle hatte, musste er seine Reste an dicker Wolle zusammensuchen und vielleicht noch ein paar Freunde fragen, ob die noch welche hatten.

Tjark nickte, während er unter dem Tisch mit einem Fuß gegen Yrjö kämpfte. Er blickte auf. „Ich habe noch eine Kiste, aber die ist nicht so schön. Sie ist ziemlich ungleichmäßig gefärbt, weswegen ich sie nicht verkauft habe. Aber wenn du sie färben willst, ist das vielleicht egal. Kannst sie mitnehmen, wenn wir zurückkommen oder hier lassen. Wir machen die Experimente am besten in meinem Keller und nicht wieder in deiner Küche.“

„Ich gehe davon aus, sie sah aus wie meine, als du deine Färbephase hattest?“, fragte Katri und schenkte noch einmal Kaffee nach.

„Nicht ganz so schlimm, denn Janis hat gestern erst damit angefangen und außer Malventee noch nicht großartig was ausprobiert.“ Tjark musste grinsen, als er daran zurückdachte, wie Janis da mit diesem Stoffstück stand und nicht sehr zufrieden wirkte.

„Gut, dann machen wir das hier in deinem Keller, dann muss ich die Wolle nicht hin und her schleppen.“ Janis bekam gerade Panik. Sie mussten die Wolle färben, dann musste sie trocknen und anschließend verstrickt werden. Um das alles bis Freitag zu schaffen, musste er wohl gänzlich auf Schlaf verzichten.

„Ich schlage vor, wir machen heute noch den ersten Färbeversuch mit ein paar alten Resten die wir noch haben. Wenn es morgen nach dem Trocknen gut aussieht, färben wir alle Knäule ein und wenn nicht, müssen wir noch mal ran.“ Auch Tjark hatte wieder Blut geleckt und Katri erinnerte noch einmal eindringlich daran, dass sie das wirklich nur im Keller machten. Nicht wie damals als Tjark euphorisch von seinem Erfolg durch das Haus geflitzt war, um Katri das Ergebnis zu zeigen und die Schuhe überall das Färbemittel im Haus verteilt hatten.

„Nur im Keller und wir freuen uns auch alle nur im Keller, okay?“, sagte sie eindringlich und Janis verstand nicht, warum Tjark den Kopf senkte.

„Farbspuren im ganzen Haus“, nuschelte er leise und Janis musste grinsen. Da hatte aber jemand Schiss davor, doch noch im Stall schlafen zu müssen. Aber dann wurde er bleich. „Dann hab ich die Wolle doch erst am Donnerstag. Wie soll ich die Jacke denn dann bis Freitag fertig bekommen? Können wir nicht heute Abend Probefärben und das normale färben machen? Dann habe ich einen Tag gewonnen.“

Tjark überlegte. „Wir können das machen. Ist allerdings ein Risiko, denn die endgültige Farbe sieht man erst, wenn die Wolle durchgetrocknet ist.“ Ihm war es unterm Strich egal, denn Janis musste zufrieden sein, nicht er.

„Kommt halt nicht so spät und Janis kann ja hier schlafen. Dann hat er immer alles im Auge sobald er zufrieden ist, färbt er die ganze Wolle.“ Katri war da nicht so, sie hatten oft mal Gäste über Nacht und sie mochte das gern.

„Du bist die Beste“, strahlte Janis und umarmte Katri überschwänglich. „Wenn ich nicht schon so verliebt in Eljas wäre, würde ich glatt versuchen dich Tjark abspenstig zu machen“, lachte er. Dass er das nicht ernst meinte, wussten sie alle, denn Janis hatte es einmal mit einer Frau probiert, aber es hatte ihm nur gezeigt, dass ihn nur ein Mann glücklich machen konnte. Und diesen hatte er endlich gefunden und den wollte er auch behalten. Und wenn ihm dabei eine rote Jacke noch etwas besser helfen konnte, dann wollte er alles tun, um diese rote Jacke bis Freitagabend zu bekommen.

„Hey“, machte Tjark gutmütig und grinste. „Verwöhn meine Frau nicht so, sonst muss ich mich zukünftig noch mehr ins Zeug lesen, um sie bei mir zu halten.“ Er schob sich das letzte Stück Brot in den Mund und kaute zufrieden. Er war satt und sie konnten aufbrechen, denn Katri hatte ihnen einen Picknickkorb für den Tag gepackt.

So machten sie sich auch kurze Zeit später auf den Weg zur Weidekuppel, mit einem kurzen Abstecher zu Janis‘ Haus, weil er noch Sachen für die Übernachtung brauchte. Er war noch nie vorher in einer der Weidekuppeln gewesen und er war gespannt darauf, wo sein Freund den größten Teil seiner Zeit verbrachte. Sie wurden in einem rollierenden System genutzt, damit das Gras Zeit hatte, sich zu erholen, bevor die Tiere wieder dort hingebracht wurden. Es war immer ein Ereignis, wenn die Tiere transportiert wurden und dann wurde jede Hand gebraucht. Sie hatten spezielle Wagen dafür doch die Tiere sahen es nie ein, freiwillig da rein zu gehen. Aber heuten war das egal, heute musste niemand umziehen – heute wollten sie nur nach dem Rechten sehen und eventuell ein paar der aktuell ungenutzten Kuppeln inspizieren. Sie fuhren also in dem kleinen solarbetriebenen Wagen durch die Tunnel. Ein Teil war oberirdisch, so dass man auf die trostlose Öde außerhalb der Kuppeln blicken konnte. Ein Teil lief unterirdisch, das sah man dann außer Beton nicht viel.

Janis versuchte sich die Landschaft vorzustellen, wie sie früher ausgesehen haben mochte. Viele Bäume und zu dieser Jahreszeit jede Menge Schnee. Er kannte ihn nur von alten Bildern und auch aus den Büchern, die sie in Marttis Keller gefunden hatten. Zu gerne würde er wissen, wie sich das anfühlte, darin zu laufen und sich damit zu bewerfen, wie in den Büchern. Das hatte sicher Spaß gemacht. Aber es nutzte nichts, das war lange schon vorbei. Darum sah er auch wieder nach vorne, denn sie hatten die Kuppelschleuse erreicht und er war gespannt, was ihn erwartete.

„Schon mal mit Tieren zu tun gehabt?“, wollte Tjark wissen, damit er selber wusste, auf was er sich einstellen sollte. Hier draußen lebten auch seine Hunde. Er hatte Herden-Schutzhunde, die zusammen mit den Schafen aufwuchsen und die die Schafe als ihr Rudel sahen und es gegen jeden Eindringling verteidigten. Er hatte aber auch Hütehunde, die auf Tjark fixiert waren und jedes seiner Worte umsetzten.

„Yrjö“, erklärte Janis und grinste schief. Er hatte noch nie ein eigenes Tier besessen und es bisher auch nicht vermisst. Aber immer wenn er auf den kleinen Kater traf, stellte er sich vor, wie es wäre, etwas pelziges, schnurrendes und anschmiegsames im Haus zu haben.

„O-kay“, erklärte Tjark gedehnt und nickte. „Wenn die Hunde auf uns zu kommen, nicht weglaufen – die tun nichts, sie werden nur etwas überdreht sein.“ Da er die nächsten beiden Tage nicht hier sein würde, kamen die Hütehunde heute Abend wieder mit in den Stall. Nur die Schutzhunde blieben immer bei der Herde.