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14. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

14 - Gut, dass sich einiges doch nicht ändert oder "Mädchen sind doof" "Jungs sind kindisch"

Montag, 28. September 2015 - Vorstellungsgespräch - House of Orbs

 

Betrübt blickte Rudy durch den Laden. War es so uncool bemalte Glaskugeln zu verkaufen? Oder hatte er sich die falsche Zielgruppe ausgesucht? Aber Studenten brauchten doch immer einen Nebenjob der mit ihrem Studium nicht kollidierte. Er hatte ja nicht mal vorgeschrieben, ob die 4 Stunden am Morgen oder am Nachmittag erfolgen mussten. Das wollte er mit dem Bewerber oder der Bewerberin abklären.

 

Es hatten zwar Einige angerufen und sich erkundigt, doch nur zwei waren auch im Laden gewesen. Beide hatten Rudys Anforderungen nicht erfüllt. "Wenn sich nächste Woche keiner meldet, muss ich die Anforderungen ändern", murmelte er, während er einige Kugeln neu arrangierte. Er hatte eine Kinderecke eingerichtet, in der die Regale auch nicht so hoch hingen. Megan - das Mädchen, das ihn erst auf die Glitzerkugeln gebracht hatte - war inzwischen oft gesehener Gast. Und immer brachte sie mindestens eine Mitschülerin mit, die sich eine Kugel kaufte. Extra für die Kinder hatte er einen Rabatt. Den gab es aber nur, wenn sie wirklich von Megan kamen. Es lief gar nicht so schlecht. Bisher waren halt immer Erwachsene seine Zielgruppe gewesen, doch man konnte nicht ewig an Altem und Bekanntem festhängen, sonst konnte er das Geschäft gleich schließen oder verkaufen.

 

Die kleinen Messingglöckchen kündigten Besuch an. "Ich bin sofort für Sie da", erklärte Rudy, ohne sich umzudrehen. Es waren nur noch zwei Kugeln, die er ins rechte Licht rücken musste. Er beendete lieber, was er angefangen hatte und das gab dem Kunden auch Zeit, sich schon einmal umzusehen. Die Stimme, die: "Nur keine Eile", antwortete, kam ihm seltsam bekannt vor. Nur woher? Normalerweise kamen Rudy Stimmen seiner Kunden nicht bekannt vor. Meistens sah er sie ein - zweimal und das war es dann. Megan war bisher eine Ausnahme.

 

Als er sich umdrehte, musste Rudy lächeln. Er kannte seinen Besuch. "Edward. Schön Sie zu sehen. Was bringt Sie hier her?", wollte Rudy erfreut wissen und trat zu dem älteren Mann, schüttelte ihm die Hand. Seit Alcatraz hatten sie sich nicht mehr gesehen und Rudy war sich sicher, dass er ihrem Führer nicht erzählt hatte, wo sein Laden war.

 

"Ah Rudy. Sie hätte ich hier nicht erwartet. Wie geht es Ihnen?", erwiderte der die Begrüßung. Edward überlegte angestrengt. Hatte in der Anzeige ein Name gestanden? Nur ein Nachname und Rudy sowie Kris hatte sich in Alcatraz mit ihren Vornamen vorgestellt. Zufälle gab es.

 

"Gut. Soll ich Sie etwas herum führen Edward? Suchen Sie etwas Bestimmtes?" Es war ja gerade nichts los und der Laden nicht so groß. Der Verkaufsraum hier vorne, eine kleines Lager und eine Toilette. Essen musste Rudy immer wenn gerade nichts los war. Aber er mochte den Laden und es war direkt an einer viel besuchten Straße. Also wollte er nicht meckern.

 

"Ich bin eigentlich wegen der Anzeige hier. Auch wenn ich das gewünschte Alter weit überschreite." Ein schiefes Lächeln zierte sein Gesicht. Aber versuchen konnte man es ja mal. "Ich würde trotzdem erst gerne etwas über die Arbeit erfahren." Glaskugeln, das hatte er ja schon im Schaufenster gesehen. Auch der Name <<House of Orbs>> passte gut. Jetzt wollte er mehr erfahren und auch über den Besitzer. Wie kam man auf so einen Idee?

 

 

Der Morgen verging mit Fragen und Antworten. Und einer guten Tasse Tee. "Wie schon gesagt, passe ich nicht in deine Altersgrenze, aber ich kann 30 Jahre Verkaufserfahrung vorweisen. Ich bin flexibel - was den Morgen und Nachmittag angeht. Und ich würde es wirklich gerne mal versuchen." Irgendwann waren sie zum Du übergegangen. Ganz unbemerkt, aber keinen der Beiden störte es.

 

Nachdenklich legte Rudy seinen Kopf schief. Edward war ihm nach wie vor sympathisch. Er schien sich wirklich für die Kugeln zu interessieren. Und 30 Jahre waren nicht zu unterschätzen. Er musste Edward also nicht noch einarbeiten. Mit störrischen Lieferanten musste sich der Ältere auch nicht herumschlagen. Hier gab es nur die Kugeln und die Schachteln für die Verpackung. Die unbemalten Glaskugeln wurden direkt zu Rudy nach Hause geliefert. Schließlich brauchte er sie Kistenweise. Da ging er sicherlich nicht in einen Bastelladen mit der Möglichkeit, dass sie keine oder nicht genügend hatten. Rudy hatte keine Zeit, durch ganz San Francisco zu rennen, nur um sein Arbeitsmaterial zu bekommen.

 

"Warum nicht? Wir können es gerne versuchen. Ich bin nicht unbedingt auf das ausgeschriebene Alter fixiert. Ich wollte nur verhindern, das 16-Jährige hier aufschlagen, ein, zweimal kommen und dann wieder weg sind und ich mir jemand neues suchen darf. Das wäre den ganzen Krieg mit den Behörden nicht wert", erklärte Rudy hoffentlich plausibel.

 

Erfreut lächelte Edward. Er hatte schon befürchtet, Rudy würde von vornherein nein sagen. Aber so bekam er wenigstens die Chance zu zeigen, was er konnte. Und wenn es halt am Ende doch nicht klappte, dann war das so. Immerhin war das die Entscheidung des Jüngeren.

 

Deswegen passte er auch genau auf, als Rudy ihm die Abläufe erklärte, das Kassensystem, das sich ja auch häufig änderte. Rudy erklärte es ihm freundlich und wenn nötig auch ein zweites Mal. Da kam es gerade wie gerufen, dass eine junge schwangere Frau in den Laden kam und ein Geschenk für ihre Hebamme suchte. Rudy ließ ihn allein beraten und vorführen. Das Bezahlen klappte auch, nur beim Verpacken musste der Jüngere helfend eingreifen. Edward war dankbar, denn das hatte er früher nie machen müssen. Er hatte in einem Herrenkleidergeschäft gearbeitete, da hatte die Ware höchstens in Tüten gemusst. Doch Rudy schien zufrieden zu sein und Verpacken, das konnte man üben.

 

So verging die nächste Stunde mit zwei weiteren Kunden, die Rudy ihn allein machen ließ. Zum Glück wollten beide es nicht als Geschenk verpackt, ihnen reichte die Schachtel. Vor allem das Beraten machte Spaß. Gerade stand Edward hinter der Theke und Rudy war ins kleine Lager verschwunden um etwas zu räumen, als die Messingglöckchen wieder Besuch ankündigten.

 

"Rudy, ich bring dir hier deine Bestellungen", erklang eine männliche Stimme hinter zwei Paketen hervor, die gerade eben durch die Tür getragen wurden. "Oh... Sie sind aber nicht Rudy", stellte der junge Mann verunsichert fest, als er sich etwas zur Seite drehte.

"Ich bin Edward. Rudy ist im Lager", erklärte der Mitachziger freundlich und rief im nächsten Atemzug nach seinem Vielleicht-Chef.

 

Rudy kam auch direkt aus dem Lager. Er hatte die Glöckchen gehört, hatte aber Edward das Ganze überlassen wollen. Wenn er hier wirklich arbeiten wollte, musste er es auch allein können. Gut, dass er Charlie nicht kannte und auch nicht genau wusste, was mit den Paketen zu tun war, war verständlich. Neues Packmaterial musste er eben doch bestellen. Darum würde sich Edward nie kümmern müssen, denn dazu war Rudy Chef. Allerdings würde er erwarten, dass Edward ihm sagte wenn etwas knapp wurde. Sie mussten eben miteinander reden.

 

"Hallo Kleiner", murmelte er warm und nahm eines der Pakete entgegen. Charlie war immer noch jünger als er, auch wenn der Rothaarige grösser war. Der gemurmelte Protest, den Charlie in seinen nicht vorhandenen Bart brummte, ließ Rudy lachen. Es war einfach süß, wie der Rothaarige sich über so etwas aufregen konnte. Zusammen stellten sie die Pakete vor den Durchgang zum Lager und dann musste er die Beiden erst einmal bekannt machen, denn Rudy hatte eigentlich schon vor, Edward zu behalten. Und verpacken konnte man ja lernen.

 

"Edward, Charlie. Charlie, Edward." Dabei deutete er auf den jeweiligen. "Edward arbeitet gerade Probe bei mir, es kann also sein, dass du ihn öfters siehst. Charlie ist ein Freund und Paketbote. Das Einzige, was ich hierher geliefert bekomme, sind die Schachteln, das Geschenkband und Geschenkpapier. Die Kugeln mach ich ja selbst. Wenn er also nichts liefert, kommt er privat vorbei, um Kugeln zu kaufen."

 

Leider hatte Charlie keine Zeit für ein längeres Gespräch, sie mussten ihren Vortrag über Europa mal in der Freizeit nachholen. Aber Arbeit ging vor und noch andere warteten auf ihre Pakete. Er konnte sie ja nicht einfach wegschmeißen. Dann war er seinen Job schneller los als er schauen konnte und Rudy verstand das voll und ganz.

 

 

Zum Mittag organisierte Edward etwas vom nahe gelegenen Chinesen, während Rudy auf den Laden aufpasste. Glücklicherweise störte auch keiner und so konnten sie ihre Ente süßsauer genießen und vor allen Dingen heiß essen. Eine Weile hatten sie auch Pause. Die berühmte Ruhe vor dem Sturm. Die würde schon früh genug wieder aufhören, denn eigentlich war der Montag in der Regel Megans Tag, denn da hörte die Schule früher auf. Und bis die Kleine hier aufschlug, zeigte er Edward sein Arbeitsbuch. Jede Kugel die im Laden ausgestellt wurde, wurde vorher Fotografiert und landete in dem Album. Zum einen, damit Rudy wusste, was er schon gemacht hatte und zum anderen, falls Kunden kamen und etwas gemalt haben wollten. Da konnte sie in den Fotos stöbern, ob etwas Passendes dabei war. Und war das mal nicht der Fall, dann wurde Rudy eben kreativ.

 

Sie wurden unterbrochen als die Tür wieder ging. Mehrere unterschiedliche Schritte kündigten mehrere Besucher an. Es waren Megan, ein Junge, den er nicht kannte und Lizzy, die mit hängendem Kopf eine Schachtel vor sich hertrug, als würde sie ihr Haustier beerdigen. "Hallo Megan, Hallo Lizzy", begrüßte Rudy.

 

Die drei Kinder kannten sich, denn Megan verlangte gleich, dass er sich zuerst um Lizzy kümmern sollte und der Junge nickte bekräftigend. "Was ist denn passiert, Lizzy?" Rudy kam um die Theke und ging vor der Schwarzhaarigen in die Hocke. Sie schien hart gegen ihre Tränen zu kämpfen.

"Wir... haben rum getobt... in der Wohnung und dabei ist die Glaskugel kaputt gegangen. Kannst du sie wieder ganz machen?" Hoffnungsvolle Kinderaugen ruhten auf Rudy. Vorsichtig hob er den Deckel und musste gleich darauf den Kopf schütteln. Die war nicht zu reparieren. Dafür waren es zu viele Teile und man würde die Klebestellen überdeutlich sehen. "Ich mach dir eine neue. Ich hab ein Foto gemacht und kann das für die neue Kugel als Vorlage verwenden. Deine Mum wird gar nichts merken. Versprochen." Rudy konnte wirklich keine Mädchen traurig sehen.

 

Lizzy sah schon gleich viel Glücklicher aus. Ein Problem weniger. Er nahm die Schachtel entgegen und gab sie Edward. Der packte sie auch gleich zur Seite zusammen mit dem Bild, das er aus dem Album holte. Rudy würde es brauchen. "Gut. Und wer ist deine Begleitung Megan? Normalerweise kommst du immer mit Freundinnen. Dein Freund?" Die Reaktion der Kinder war goldig. Mit großen Augen sahen beide zu Rudy und sich dann selbst an bevor sie synchron die Köpfe schüttelten.

"Mädchen sind doof!"

"Jungs sind kindisch!", erklang es gleichzeitig.

Gut, so weit war die heutige Jugend also noch nicht. Beruhigend. Wo sie doch sonst so frühreif waren.

 

"Toby geht in meine Klasse und er hat eine Frage." Daraufhin wurde die Schulter des Jungen geknufft. Scheinbar war er schüchtern. Unsicher spielte der Kleine am Saum seines T-Shirts und erinnerte Rudy damit an seine Kindheit. Er war auch unsicher gewesen, wegen den anderen Kindern bei seinen Pflegeeltern. "Ich beiße nicht. Keine Sorge", ermutigte er den Blonden. "Hast du auch Roboter?" Wirklich süß, der Kleine. Und Rudy hätte es sich denken können. "Nein, hab ich nicht, Toby, aber ich kann dir einen malen, wenn du das möchtest. Du kannst also frei entscheiden, wie er aussehen soll."

 

Das brachte den schüchternen Jungen dazu, seinen Kopf zu heben. "Wirklich? Und kann er Blau und Grün sein? Und kann er fliegen?" Aufgeregt sprudelten die Fragen aus Toby. Selbst Megan und Lizzy schienen überrascht zu sein, dass ihr Klassenkamerad so aufgeregt war.

Rudy lachte und nickte. "Alles was du willst. Wir setzten uns in der Kinderecke auf den Boden und ich male den Roboter." Megan schnappte sich Toby und zog ihn in die entsprechende Ecke.

 

Rudy griff sich die Malutensilien, die unter der Theke lagen. Für den Fall, dass ein Kunde direkt vor Ort ein Design besprechen wollte. Auch den weißen Umschlag, der an der Kasse lehnte, griff er sich. Aufgeregt wurde er schon erwartet, als er zu den Kindern trat.

 

Rudy ließ sich im Schneidersitz nieder, so dass alle drei Kinder einen guten Blick auf den Block hatten. "Erst einmal das Geschäftliche. Hier ist dein Umschlag, Megan. Danke für die Werbung." Artig bedankte Megan sich und steckte den Umschlag in ihre Schultasche. Die fragenden Gesichter ließen ihn lachen. "Das ist Megans Anteil. Weil sie immer mit ihren Freundinnen vorbei kommt oder die mir sagen, dass sie von Megan kommen. Da sind die Kugel etwas günstiger. Das kann ich für euch beide auch gerne einführen. Ich schätze, ich hab bald auch noch Jungs hier, wenn der Roboter gut ankommt."

 

Das konnte durchaus passieren, wenn die Kugel fertig war. Jungs in dem Alter waren ganz versessen auf Roboter. Erst recht, wo doch erst letztes Jahr der neue Transformers Filme in den Kinos gewesen war.

 

Aber er wollte den armen Toby nicht noch länger warten lassen und so widmete er sich ganz dem Jungen. Strich für Strich entstand der Roboter auf dem Papier, wurde radiert und verbessert. Toby schien immer noch etwas Neues einzufallen das sein Roboter unbedingt können musste, auch wenn er am Ende nur auf einer Kugel sein würde. Ab und an musste Rudy die Begeisterung des Jungen etwas bremsen, wenn es zu viele Details wurden, denn die würde man auf der Kugle gar nicht mehr sehen. So groß war er auch nicht.

 

Er bekam mit, dass ein Ehepaar kam und sie belächelte, aber Edward schien alles im Griff zu haben, zumindest rief er nicht um Hilfe. Nur wurde der Boden langsam unbequem. Ein paar Sessel würden sich sicherlich gut machen, doch dazu war der Laden nicht groß genug. Der Laden nebenan war seit kurzem leer, doch Rudy wusste nicht, was er kostete und ob er einen Durchbruch durch die Wand machen durfte. Bei Gelegenheit konnte er sich ja mal darum kümmern, wenn er wusste, woher er das Geld nehmen sollte, was er dafür brauchen würde.

 

"Perfekt", entschied Toby nach beinahe zwei Stunden. Seine Mama machte sich bestimmt schon Sorgen, wo er denn blieb, aber der Roboter war perfekt, genauso sollte er aussehen. Megan hatte recht gehabt, als sie gesagt hatte, dass Rudy toll war. Die anderen Jungs würden ihn sicherlich beneiden.

 

Leise stöhnend wuchtete sich Rudy vom Boden hoch. Er wurde zu alt dafür! Eine Vergrößerung des Ladens war wohl wirklich angebracht! Er könnte ja auch Workshops anbieten. Knurrend fuhr er sich durch seine Haare. Kris tat ihm nicht gut! Nur der Ältere brachte ihn auf solche Ideen!! Mit dem Versprechen, dass Toby die Kugel in zwei Tagen würde abholen können, zogen die Kinder von dannen.

 

"Du bist eingestellt, Edward. Du warst mir eine große Hilfe. Willkommen im House of Orbs"



Advent [Laila]

 

14. Dezember

 

Draußen war es noch dunkel, als Thor erwachte. Gähnend sah er sich um und kuschelte sich dann wieder an Loki. Dieser schlief friedlich neben ihm.

Die schwarzen Haare schmückten das helle Kissen und brachten Thor zum grinsen.

Wie sehr er diesen Mann doch liebte.

Der Gedanke, dass sein Partner, sein Leben sich so klein machte, behagte ihm immer noch nicht. Wenn Loki es wollte, konnte er über allen stehen. Die Macht dazu hatte er. Auch wenn das kaum jemand wusste. Wahrscheinlich war dies auch besser so.

Als er wieder an die Briefe dachte, machte sein Herz einen Satz.

Noch nie hatte er so etwas schönes bekommen. Etwas, dass ihn so tief berührte. Sicher, es waren Kleinigkeiten, aber sie stammten von Loki. Von dem Mann, denn er liebte.

Niemand sollte sich ihm in den Weg stellen. Sollte Loki etwas passieren, dann würden die Welten untergehen. Dann wäre er nicht mehr friedlich.

Hart presste er sich an den schmalen Leib, der sich leicht wand.

„Schatz? Was ist los?“ fragte Loki verschlafen.

Erschrocken ließ Thor ihn los.

„Nichts. Schlaf weiter. Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken.“

Verwirrt rieb sich Loki über die Augen und sah seinen Liebster an. Er klang wenig überzeugt.

„Das glaube ich dir nicht. Was ist denn? Wir haben uns doch versprochen, keine Geheimnisse voreinander zu haben.“

Der Donnergott schluckte und küsste Loki dann flüchtig.

„Ich habe überlegt, was ich dir zu Weihnachten schenke. Das macht man doch in Midgard so, oder?“

Beide wussten sie, dass Loki diese Lügen nicht glauben würde. Er roch sie sofort.

Eine dunkle Braue wanderte in die Höhe und Thor wurde abschätzend gemustert.

„Ich weiß, dass du lügst.“

Mehr brauchte er nicht sagen.

„Ja, ich weiß. Ich dachte nur daran, was ich tue, wenn dir etwas geschieht. Wenn du nicht mehr da bist. Ich kann ohne dich nicht leben.“

Die Bitterkeit in den Worten schnürte Lokis Herz zusammen.

Hastig stemmte er sich in die Höhe und drückte Thor nieder.

„Liebster, ich bin hier und ich lebe. Ich denke gar nicht daran, dich alleine zu lassen. Denk bitte nicht über so etwas nach. Wir haben die Ewigkeit füreinander. Diese möchte ich nur mit dir verbringen. Ich liebe dich. Ohne dich möchte ich auch nicht leben“, hauchte er.

Die Worte waren zum Schluss so leise, dass Thor sie kaum verstand.

Starke Arme umschlangen Lokis Leib und drückten ihn näher.

„Versprich mir, mich nicht zu verlassen.“

Loki vergrub sein Gesicht an Thors Hals und nickte.

„Ich bin immer Dein.“
Woher diese Angst kam, konnte er nicht erklären. Er wusste nur, dass sie ihn zerfrass.

Da war wieder der Gedanke an den Wächter Alanus. Aber den verdrängte er schnell. Er wollte nicht darüber nachdenken. Nicht jetzt.

„Wenn es um dich geht, bin ich schwach. Aber du bist mein Leben, mein Sein.“

Thor sah zur Seit und blinzelte. Er spürte den tiefen Schmerz der Worte und er verstand sie nicht. Immerhin hatte er alles was er sich je erträumt hatte.

„Wir gehören zusammen. Für immer. Ich verlasse dich nicht.“

Damit zwang er Thor ihn anzusehen.

Ein Lächeln umspielte Lokis Züge, als er sich nach vorn beugte und  seinen Gott küsste.

 

14. Dezember

 

Hallo mein Liebster,

deine Schwäche ist nichts schlimmes. Sie macht dich in meinen Augen nur noch schöner und stärker. Weil sie uns auch zeigt, dass wir zusammen gehören. Es tut gut, auch mal darüber zu reden.

Es ist schön, zu sehen das du anders bist. Ich will nicht den starken und stolzen Gott. Sondern dich alleine.

Nun, ich bin selber stolz und stur. Aber meine Gefühle zu dir verstecke ich nicht.

Grund 14:

Deine Tierliebe

 

Ich weiß, dass viele unsere Pferde also Gegenstand sehen. Du aber nicht. Für die meistens sind sie zwar Lebewesen, aber sie müssen funktionieren, ohne das jemand danach fragt.

Ich gehe mit Drengur nicht so um. Und du auch nicht.

Das bewundere ich an dir.

Du könntest nie einem Tier etwas zu leide tun. Egal was es ist.

Erinnerst du dich an den kleinen Tiger, denn wir damals in den Bergen gefunden haben, als wir Kinder waren?

Der kleine wollte dich angreifen. Andere hätten ihn getötet, aber du nicht.

Du hast ihn gerettet.

 

In ewiger Liebe

Loki




Wiedersehen auf Covendale [chaotizitaet]

11

Montag brachte wieder so etwas wie Alltag in das Leben auf Covendale zurück. Sofern man eben bei den vielen Hausgästen davon sprechen konnte.

Nach dem Frühstück gesellte sich überraschend Alicia zu Edward und Josh im Morgenzimmer. „Dein Laptop ist schneller als der, den ich habe“, erwiderte sie grinsend zu Edward, als sie ihn von dem Sekretär, auf welchem er den Rechner platziert hatte, vertrieb.

„Und was, darf ich fragen, hast du vor, dass du einen schnellen Rechner brauchst?“, wollte ihr Cousin wissen.

„Och, nur ein wenig im Netz surfen.“

Edward blickte Alicia einfach nur weiter an. Sie war nicht der Typ Mensch, der zum Zeitvertreib im Netz surfte, wahllos Kätzchenvideos auf Youtube schaute oder dergleichen ähnliches.

„Also schön“, gab sie nach ein paar Sekunden der Stille nach. „Beatrix hat dieser Tage eine E-Mail mit den Details ihres ersten Projekts bei den Ingenieuren ohne Grenzen bekommen. Wie es aussieht, wird sie nach Kambodscha reisen.“

„Das würde die Impfungen erklären, die sie bis Januar machen lassen muss“, meinte Edward gelassen. Andererseits waren die meisten Projekte derartiger Organisationen in Gebieten, wo Malaria und ähnliches nun mal vorkamen, so dass es nicht wirklich überraschend war, dass Impfungen Pflicht waren.

„Ja, aber Kambodscha…“, sagte Alicia, als wäre das allumfassend und für jeden eine verständliche Erklärung.

„Ja?“, fragte Edward abwartend, denn zumindest er verstand nicht, worauf seine Cousine mit dieser Antwort hinaus wollte.

Alicia sackte ein wenig in sich zusammen. „Es ist soweit weg. Es ist mal was anderes. Es ist… ich weiß nicht…“

Es war Josh, der verstand, was sie meinte. „Es ist, als würde sie die Welt kennenlernen, wie sie wirklich ist, und nicht bloß durch die getönten Scheiben einer Kreditkarte im Urlaub?“, bot er als Erklärung an.

Alicia nickte eifrig. „Ja, genau. Weil sie dort lebt, dort arbeitet.“

„Weil sie auch die nicht so schönen Seiten eines Landes sieht“, fügte Josh hinzu, der sich noch lebhaft daran erinnerte, wie sehr sich manchmal das, was er in seinen Sommerferien während der Schulzeit gesehen hatte, von den Hochglanzbildern der Reisekataloge und Bücher über die Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Länder unterschieden hatte. Es hatte sich auch noch mal von dem unterschieden, was er von den Ländern gesehen hatte, durch die die Band getourt war.

„Und jetzt hast du dir überlegt, dass du vielleicht erst noch ein wenig internationale Erfahrung sammeln möchtest, ehe du deine Praxis aufmachst?“, schloss Edward zu ihnen auf.

Alicia nickte erneut. „Ich meine, es kann doch nicht so schwer sein, mit meiner Ausbildung eine Stelle außerhalb von England zu finden.“

Josh überlegte kurz. Gerade die Asienverliebtheit seiner Eltern hatte ihn viel über die fernöstliche Mentalität auch in Bezug auf Gesundheit gelehrt. Und er befürchtete, dass, sollte Alicia hoffen, mit ihrem Abschluss zumindest auf dem gleichen Kontinent wie ihre Schwester eine Anstellung zu finden, sie Gefahr lief, bitter enttäuscht zu werden.

„Bei der Armee gibt es zwar auch Physiotherapeuten, aber zum einen müsstest du dafür erst noch eine Offiziersausbildung durchlaufen und zum anderen glaube ich nicht, dass du die angebotenen Länder als so reizvoll empfändest. Auslandseinsatz heißt da nämlich für gewöhnlich einfaches Feldlazarett…“, überlegte Edward laut, doch offenbar bereit seinen Teil dazu beizutragen, dass die Pläne Alicias Erfolg hatten.

Josh aber hatte eine bessere Idee. „Wie wäre es, wenn du es nicht als Arbeitssuche angingst, sondern dich um ein Praktikum in dem entsprechenden Land bewirbst? Es macht sich sicher gut, wenn du in deinem späteren Portfolio auch alternative Massagen und Therapien anbieten kannst, besonders wenn du nachweisen kannst, dass du sie im Herkunftsland erlernt hast. Ayurveda etwa ist in Indien etwas ganz anderes, als man hier darunter versteht. Oft kratzt das, was einem hier diesbezüglich präsentiert wird, nur an der Oberfläche. In Sri Lanka muss man sogar fünf Jahre studieren und ein Staatsexamen ablegen, ehe man sich Arzt der Ayurvedischen Medizin nennen darf.“

„Oh je“, sagte Edward halblaut, der Alicias leuchtende Augen sah. „Da hast du ja was Schönes angerichtet. So wie sie schaut, wird sie wohl die nächsten zwanzig Jahre durch Asien reisen und überall fünf Jahre studieren, ehe sie sich wieder bereit für eine eigene Physiotherapiepraxis fühlt.“

„Och, so weit wird es wohl nicht kommen“, versuchte Josh ihn zu beruhigen. „Schließlich kostet so ein Studium ja auch einiges.“

„Ich will ja nicht angeben, aber David könnte es sich leisten, seiner kleinen Schwester diesen Wunsch zu erfüllen.“

„Das vielleicht, aber er hat sie genau wie davor ihr Vater zu einem selbstständigen Menschen erzogen. Und solche Menschen liegen ihrer Familie nicht gerne auf der Tasche“, erklärte Josh lächelnd.

Alicia, die trotz ihrer Träumerei, dem Gespräch gefolgt war, konnte Josh nur zustimmen. „Selbst wenn ich all das lernen wollte, was Asien auf dem Gebiet zu bieten hat, würde ich mir wenigstens einen Großteil des Studiums selbst verdienen wollen. Vermutlich als genervte Englischlehrerin oder so, aber ja, Josh hat da schon ganz recht.“

„Außerdem, wer sagt, dass es dir in Asien gefällt“, meinte Josh nun zu Alicia gewandt.

Das war nun wiederum ein Einwand, der ihr weniger gefiel.

„Es ist nun mal eine ganz andere Kultur“, versuchte er sie zu beschwichtigen. „Deshalb ja die Idee, dass du es erst einmal mit einem Praktikum versuchst. Das ist ein begrenzter, überschaubarer Zeitraum. Du würdest trotzdem genug von Land und Leuten erfahren, um zu wissen, ob du mit der dortigen Mentalität auch bei einem längeren Aufenthalt wie bei einem Studium zurecht kämest, und du würdest einen ersten Einblick in die dortige Kunst der Physiotherapie erhalten.“

Das sah auch Alicia ein, allerdings waren die ersten Suchergebnisse im Internet eher frustrierend. Viele der Angebote richteten sich an Studenten und waren keine bezahlten Praktika sondern von der Art, wo die Studenten eine Art Praktikumspaket mit Unterkunft und Organisation buchte. Doch nun, da sie einmal die Idee eines Praktikums hatte, um sich auf diese Art weiterzubilden, wollte sie auch nicht wieder einfach schnöde nach einer Stelle im Ausland suchen, selbst wenn diese nur befristet wäre. Denn, so ihre Argumentation: „Dann bin ich die ganze Zeit nur in einem Krankenhaus mit westlicher Orientierung am Arbeiten, aber wirklich etwas lernen werde ich da dann eher nicht. Oder zumindest nicht das, was ich mir erhoffe. Abgesehen davon, dass die meisten Stellenausschreibungen vermutlich auch einige Jahre Berufserfahrung verlangen werden.“

Josh, der sich nun ein wenig schuldig fühlte, war das mit dem Praktikum ja eigentlich seine Idee, meinte nun: „Ich kann nichts versprechen, aber wenn du möchtest, kann ich meine Eltern anschreiben. Vielleicht haben sie ja Bedarf für eine Praktikantin in ihrem Hotel in Malaysia. Oder wissen jemanden unter ihren vielen Kontakten im gesamten südasiatischen Bereich, der als möglicher Arbeitgeber in dieser Richtung in Frage käme.“

„Das würdest du tun?“ Alicia konnte ihr Glück kaum glauben.

Josh nickte. „Aber wie gesagt: Ich kann nichts versprechen.“

 

Als sie beim Abendessen ihrem Bruder freudestrahlend von der Idee erzählte, war dieser, wie zu erwarten gewesen war, zunächst ein wenig skeptisch, ließ seine kleine Schwester aber im gleichen Atemzug wissen, dass er sie bei all ihren Plänen voll und ganz unterstützen würde. Vorausgesetzt natürlich, dass er dabei gegen kein Gesetz verstieß. Der Zusatz war insofern wichtig, als die Zwillinge beizeiten einen recht eigenen Humor hatten und zumindest spielerisch dazu neigten, manche Äußerungen wörtlich zu nehmen.

„Na, das nenne ich ein starkes Stück“, zischte Catherine Dempsey ihrem Bruder, der neben ihr saß, zu. „Selbst keinen Job halten, geschweige denn einen neuen finden können, aber sich dann groß aufspielen, und anderen, ehrlichen Leuten eine Stelle verschaffen wollen.“ Dass sie dabei in ihrem Ärger nicht wirklich leise war, mochte Zufall sein, konnte aber auch in voller Absicht geschehen sein, war dies doch genau die Art von Spitze, die sie gerne gegen den Eindringling, als den sie Josh nach wie vor empfand, ausstreute.

In diese Kerbe passte auch das Exemplar der Oxford Mail, das am nächsten Morgen neben Joshs Frühstücksteller lag – natürlich mit der aufgeschlagenen Seite der Stellenangebote. Catherine Dempsey war sogar so frei gewesen, ein paar Stellen, die ihr passend erschienen, einzukreisen.

Bereits die Anspielungen am vergangenen Abend hatten Josh verärgert, doch er hatte nichts gesagt, um die eigentlich gute Stimmung nicht zu verderben. Jetzt aber…

„Also, wenn sie wirklich glaubt, ich würde das hier ernst nehmen, dann ist sie aber mit dem falschen Holzbein aufgestanden!“ Er warf empört die Zeitung auf den Tisch.

Edward, der soeben das Frühstückszimmer betreten hatte, nahm das Druckerzeugnis und überflog die markierten Stellenangebote. Es waren ausnahmslos eher schlecht bezahlte Jobs, wenngleich man sie immerhin im weitesten Sinne der Logistikbranche zuordnen konnte: Fahrer für Restaurants mit Lieferdiensten, Paketzusteller und dergleichen mehr. „So wie ich es sehe, bieten sich dir zwei Möglichkeiten: Tante Catherine den Krieg zu erklären oder es mit Humor zu nehmen“, meinte er, ebenfalls wenig angetan von der neusten Attacke seiner Tante.

Irgendwie schien es bei den Worten ‚Krieg‘ und ‚Humor‘ bei Josh Klick zu machen. „Vielleicht sollte ich ihr mit Humor den Krieg erklären…“ Dabei hatten seine Augen ein überraschend gefährliches Funkeln, das Edward froh sein ließ, nicht Joshs Gegner in diesem Krieg zu sein.

„Darf man es wagen zu fragen, was du vorhast?“

„Oh, man darf fragen. Man darf sogar helfen. Aber nur wenn du möchtest…“, erwiderte Josh, der nun mit einer inneren Ruhe, die fast schon gespenstisch war, sich daran machte, sein Toast mit Orangenmarmelade zu bestreichen.

„Und… was hast du vor?“, bohrte Edward nach.

„Korrigier mich, wenn ich falsch liege, aber meines Wissens nach arbeitet deine Tante nicht, sondern lebt viel mehr von dem Erbe, das ihr nach dem Tod ihres Gatten zugefallen ist.“ 

Edward nickte.

„Man könnte also sagen, dass sie – rein theoretisch betrachtet – ebenfalls arbeitslos ist“, führte Josh weiter aus. 

Wieder konnte Edward nur nicken.

„Und das einzige, worin sie eine gewisse Erfahrung vorweisen kann, ist darin das Leben anderer Leute zu managen.“

„Nenn es ruhig beim Namen: Sie herumzukommandieren“, stellte Edward klar.

„Danke sehr. Sie ist also gut darin, herrisch aufzutreten und Befehle zu erteilen. Für welchen Beruf qualifiziert sie das folglich?“

„Bitte sag jetzt nicht als General.“ Es schwang bei diesem Satz sogar ein Hauch von Panik in Edwards Stimme mit.

Josh lachte. „Oh nein. Ich weiß, dass Generäle noch über viel mehr Qualifikationen und Qualitäten verfügen müssen, als sie deine Tante hat. Nein, ich dachte da mehr an eine -Anstellung als Domina! Stell dir nur vor, wie es wäre, wenn morgen neben ihrem Platz am Frühstückstisch eine fingierte Zeitung mit bekanntem Logo läge, aufgeschlagen und präpariert mit entsprechenden Stellenanzeigen…“

Die Vorstellung, wie seine Tante auf Anzeigen des Kalibers ‚Domina gesucht‘ reagieren würde, verschlug Edward für den Moment die Sprache. Dafür fand sie Erin, die gemeinsam mit David die ganze Zeit am anderen Ende des Tisches gesessen hatte: „Josh, wenn du das machst, bekommst du ein extragroßes Weihnachtsgeschenk von mir.“

Diese Aussage wiederum sorgte dafür, dass sich ihr Verlobter an seinem Tee verschluckte und das eigene Zeitungsexemplar prustend durchweichte.

„Das…“, japste er. „Das…“

„Das wäre brillant?“, fragte ihn Erin mit unschuldigem Augenaufschlag.

Josh und Edward lachten nur.

 

***

 

Um am nächsten Wochenende nicht wieder von Megan im Rennen um Edwards Gunst ausgestochen zu werden, hatte Colleen die freien Stunden, da sie nicht für ihren Vater arbeitete, in dieser Woche genutzt, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Dass es zudem an den meisten Tagen geregnet hatte und somit Spaziergänge durch den Park nicht wirklich möglich gewesen waren, hatte ihr übriges dazu beigetragen, dass sie am Freitag, pünktlich zu Megans Ankunft, freudestrahlend mit einem dicken Stapel Papier in das Wohnzimmer kam.

„Ich habe mir gedacht, dass, wenn wir schon einmal alle da sind, wir für Weihnachten auch ein kleines Theaterstück einstudieren könnten“, verkündete sie.

Wie erwartet fand diese Idee sowohl Anklang als auch Ablehnung. Die ältere Generation protestierte fast ausnahmslos, dass sie zu alt für derartige Kinderspiele seien, aber durchaus gewillt wären als Publikum zu dienen. Die Ausnahme bildete Doris Barnes, die eigentlich gerne bei dem Theaterstück mitgemacht hätte, aber nicht die einzige ihrer Generation sein und sich somit in den Vordergrund spielen wollte, weshalb sie sich zurück hielt. Doch Colleen kannte ihre Tante. Sie drückte ihr einen Teil des Stapels in die Hand. „Was wäre ein gutes Theaterstück ohne eine Souffleuse?“, fragte sie mit einem Lächeln.

„Kann ich nicht den Souffleur übernehmen?“, mischte sich da David ein, der als einziger von der jüngeren Generation nicht wirklich angetan von der Idee war, Theater zu spielen.

Doch Colleen schüttelte energisch den Kopf. „Wir haben auch so schon im Verhältnis zu wenige männliche Schauspieler. Wir brauchen dich einfach als König!“, sagte sie entschieden.

„Ach komm schon“, sagte Erin und grinste David schelmisch an. „König David, das klingt doch gar nicht mal so schlecht.“

„Noch wissen wir ja nicht einmal, was deine Cousine sich als Stück ausgedacht hat. Am Ende bin ich ein schrecklicher König und werde zum Schluss hingerichtet oder so“, erwiderte dieser wenig überzeugt.

„Es ist Weihnachten“, protestierte Colleen. „Da spielt man keine blutrünstigen Theaterstücke.“

„Wieso nur habe ich das Gefühl, dass wir nicht ‚Stirb Langsam‘ spielen werden?“, fragte Josh leise Edward.

„Du hast doch Colleen gehört: Kein Blut. Kein Yippieyayee Schweinebacke“, gab dieser zurück.

„Wir spielen ein Märchen“, wurden sie nun von Colleen aufgeklärt. „Und zwar Aschenputtel.“ Doch statt an dieser Stelle eine dramatische Pause zu machen, fuhr sie nahtlos fort: „Hier sind eure Rollen!“, und verteilte die übrigen Papierstapel.

„Was???“, kam es empört von diversen weiblichen Anwesenden.

„Ich soll die Stiefschwester spielen?“, ereiferten sich Megan und Rica.

„Wieso ist Alicia die gute Fee und ich nur ein Freund des Prinzen?“, wollte Beatrix wissen.

„Was meinst du“, wandte sich Erin wieder zu ihrem Verlobten, „ob in dieser Version die Stiefmutter den König heiraten darf?“ Das war nämlich die Rolle, die Colleen ihr zugedacht hatte.

„Und welche Rolle spielst du selbst?“, wollte Megan nun von der Autorin des Stücks wissen und riss dieser deren Stapel aus der Hand. „Klar, die Cinderella! Nur über meine Leiche!“

„Hey, kein Blut“, rief Josh mit unterdrücktem Lachen. „Das ist schließlich ein Weihnachtsstück.“ Ihm selbst war das gleiche Los wie Beatrix beschieden worden: Freund des Prinzen – der natürlich von Edward verkörpert werden würde.

Leider hörte ihn außer Edward niemand, waren doch die fünf Mädchen kurz davor ihre Diskussion in eine Massenprügelei ausarten zu lassen.

Als Edward dann sah, wie Beatrix‘ Hand in Richtung von Colleens Haaren schoss, beschloss er, dass es an der Zeit war, einzuschreiten. Mit einer Körperspannung, die seine Bereitschaft zum Nahkampf signalisierte, dränge er sich zwischen die Streithähne. „Aufhören!“, donnerte er mit einer Stimme, wie sie sonst nur Rekruten in ihrer dritten Woche zu hören bekamen – dann, wenn sie die Regeln eigentlich schon beherrschen sollten, aber immer noch dagegen verstießen. „Sind wir denn hier im Hühnerstall? Vielleicht sollten wir das mit dem Theaterstück lieber sein lassen, denn das hier propagiert nun wirklich nicht das, wofür Weihnachten steht.“

Ein keckes ‚Geschenke‘, das Josh bereits als Kommentar auf der Zunge lag, schluckte er lieber hastig herunter und beschloss stattdessen, Edward zu helfen. Der Logistiker in ihm hatte schnell eine mögliche Lösung für das Rollenproblem erkannt.

„Wie wäre es mit folgender Version: Megan, Colleen und Frederica spielen alle drei das Aschenputtel. Jede von ihnen darf an einem der drei Ballabende als Cinderella mit dem Prinzen tanzen und an den beiden anderen Abenden die Rolle einer Stiefschwester übernehmen. Und am Ende entscheidet kein Glasschuh, sondern der Prinz, wer die wahre Cinderella ist.“

Die Idee schien den drei Barnes-Mädchen zu gefallen und so nickten sie zustimmend.

Dann wandte sich Josh den Zwillingen zu, die nachwievor missmutig dreinblickten. „Ich übernehme den Part der Guten Fee und ihr spielt beide die Freunde des Prinzen. Mit irgendwem müssen die Stiefschwestern ja tanzen und ich glaube nicht, dass ihr um Edwards Gunst, und sei es nur auf der Theaterbühne, buhlen wollt. Auf diese Weise aber habt ihr beide gleichwertige Rollen.“ Ihm entging dabei nicht die Ironie, dass das englische Wort für Fee zugleich ein altes Schimpfwort für Schwule war. Aber immerhin erreichte er den erhofften Frieden zwischen den Zwillingen, als auch sie seinen Vorschlag akzeptierten.

Als alle sich dem Studium ihrer Rollen zuwandten, beugte sich Edward zu Josh hinüber: „Ich hoffe, dir ist schon klar, dass am Ende des Stücks der Prinz mit der guten Fee durchbrennt?“

Josh grinste, konnte aber ein leichtes Herzklopfen bei diesen Worten nicht ganz unterdrücken. „Wenn der König die böse Stiefmutter heiratet, wieso nicht auch das? Ist dann zwar nicht mehr ganz das Stück, das Colleen im Sinn gehabt haben dürfte, aber lustig wird es allemal.“