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15. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

15 - Es ist schön wenn es so einfach klappt oder "Da ich allerdings von tragenden Wänden so viel verstehe wie du von Ballett..."

Montag, 12. Oktober 2015 - Kolumbus Day - House of Orbs

 

Nervös tigerte Rudy das Trottoire entlang. Die 15te Runde in den letzten 5 Minuten! Ja, er zählte durchaus mit. Aber in geschlossenen Räumen hatte er es einfach nicht mehr ausgehalten. Würde alles gut gehen? Würde sie ihn mögen? Würde sie seinen Plänen zustimmen? Diese Ungewissheit machte ihn nervös.

 

Er konnte die Augen von Edward auf sich spüren, der im Laden hinter der Theke stand. Es war Feiertag und eigentlich doch nicht. Columbus Day. Er war jedoch nicht in allen Staaten ein gesetzlicher Feiertag und Kalifornien gehörte dazu. Auch wenn es heute trotzdem eine Parade und was wusste er nicht alles noch gab. Man musste sich halt frei nehmen. Rudy hatte trotzdem beschlossen, dass das <<House of Orbs>> heute geöffnet hatte.

 

Es war angenehm, dass der Ältere nun mit ihm Arbeitete, aber gerade im Moment konnte er seine aufmunternden Worte und Beruhigungsversuche nicht gebrauchen. Deswegen drehte er ja auch hier draußen seine Runden und nicht im Laden. Er war zu früh, aber sein Weg war ja auch kurz. Da hatte Mrs. Kings es schon weiter. Rudy würde sich wohl noch gedulden müssen.

 

5 Minuten und weitere 15 Runden später trat eine Frau in einem dunkelblauen Blazer auf ihn zu. So hatte er sie sich vorgestellt. Eine ordentliche Hochsteckfrisur und ein strenger Gesichtsausdruck. "Mr. Deer nehme ich an?", wollte sie wissen und hielt ihm die Hand hin.

"Mrs. Kings. Sehr angenehm Ihre Bekanntschaft zu machen. Und danke, dass sie so kurzfristig Zeit hatten." Rudy hatte erst am Freitag einen Termin ausgemacht und heute war Montag. Doch noch länger Warten hätten seine Chancen geschmälert. Er konnte schon von Glück reden, das sich noch niemand dafür interessiert hatte.

 

Edward wusste als Einziger, dass er einen Termin hatte, aber er wusste auch nicht, worum es ging. Keiner seiner Freunde wusste es und schon gar nicht Kris. Der war ja überhaupt erst verantwortlich für alles. Das sein Leben auf einmal Kopf stand. Ohne den Älteren hätte er bestimmt nicht so einfach zugesagt Glitzerkugeln für kleine Mädchen zu verkaufen und er wäre auch nicht auf den Gedanken gekommen, Edward einzustellen. Und das brachte ihn zu seinem jetzigen Dilemma. Platzprobleme! Erst seitdem der Blonde einen Stockwerk über ihm für Chaos sorgte, hatte Rudy so komische Ideen. Wie, dass er den Laden erweitern musste.

Was ihn zu Mrs. Kings brachte, denn sie war Maklerin in der Firma, die für den leeren Laden neben seinem verantwortlich war.

 

"Dann schauen wir uns das Objekt einmal von innen an", kam sie gleich zur Sache. Zeit war Geld, besonders in ihrer Branche. Sie holte den Schlüssel aus ihrer Ledertasche und schloss die Tür auf. Viel war von außen ja nicht zu sehen, denn die Fenster waren mit Zeitung zugeklebt. Die Renovierungsarbeiten waren noch in vollem Gange. Das helle Paket musste erneut werden und die Wände neu gestrichen. Auch die Elektriker waren noch am Werk und damit sie eben nicht ständig abgelenkt wurden, war abgeklebt.

 

Die Maklerin trat zu einem Baustellenstrahler und schaltete ihn an, damit man wenigstens etwas sah. Danach drehte sie sich zu ihrem Kunden, der das Objekt nur von den Bauplänen kannte, die sie ihm geschickt hatte. Früher war hier einmal ein kleines Restaurant gewesen. Dementsprechend gab es zwei separate Klos und eine Küche, die durch eine Tür im hinteren Teil des Ladens betreten wurde. "Wie Sie den Plänen sicherlich schon entnommen haben, hat die Küche 20m², der Raum hier vorne 80m². Monatsmiete 1500$. Haben Sie sich denn schon Gedanken gemacht, ob das Objekt Ihren Bedürfnissen entspricht?" Fragend blickte sie zu dem jungen Mann. So viele Interessenten hatten sie für das ehemalige Restaurant noch nicht gehabt. Und immer hatte es nicht den Bedürfnissen entsprochen oder es war an der Miete gescheitert.

 

Neugierig sah sich Rudy um. Baupläne kamen ja nie an die Wirklichkeit heran. Es war groß, damit hatte er nicht gerechnet. Die Quadratmeter hatten ihm nichts gesagt. Anhand des Planes hatte er nur grob bestimmen können, wo was hinkam. Doch jetzt sah er schon beinahe Megans & Tobys Corner vor sich, den kleinen Tisch mit den bequemen Sesseln für Besprechungen. Wenn er die Tür abgeschlossen ließ und die Fenster zuklebte, konnte er auch einen oder zwei große Tische hinstellen und Workshops machen. Für Geburtstage oder Firmenevents. In Gedanken verfluchte er Kris, auch wenn er es gar nicht so meinte. Jetzt kam es nur darauf an, ob er die Wand durchbrechen durfte. Das war eigentlich der Plan. Rückgängig machen konnte man es ja immer.

 

"Ich hatte daran gedacht, in dieser Wand dort einen Durchbruch zu meinem Laden zu machen. Nur so breit wie eine normale Tür mit einem Bogen als Erweiterung. Jetzt kommt es darauf an, ob ich das dürfte oder ob die Wand tragend ist", erklärte er und zeigte auf die entsprechende Wand. Er griff sich die Mappe, die er unter den Arm geklemmt hatte und öffnete sie. Darin waren Skizzen, wie er sich die Wand mit dem Durchgang vorstellte, von der Sitzecke. Die Kinderecke hatte auch schon farbig Gestalt angenommen und er hatte grob die Arbeitsecke gezeichnet. Die Kugeln für den Verkauf würde er weiterhin zuhause bemalen. Da hatte er genügend Ruhe und die Kunden klopften nicht noch an die Scheibe, weil sie Licht sahen und dachten, er hätte noch offen.

 

Bethany ließ sich die Zeichnungen geben. Der junge Mann hatte wirklich Talent. Sie konnte sich die Erweiterung gut vorstellen, doch leider kannte sie sich mit den Wänden auch nicht aus, da musste sie erst einmal telefonieren. Einer der Statiker konnte ihr da sicherlich helfen, die kannten sich mit so etwas ja aus. Wenn nicht, dann hatten sie in ihrem Studium wirklich gepennt. Sie fischte das Handy aus ihrer Tasche und suchte die passende Nummer aus dem Speicher. Hoffentlich ging Robin auch ans Telefon. Bei dem Statiker wusste man nie. Es klingelte eine ganze Weile, bis der sich endlich meldete.

 

"Hallo Robin. Hier ist Bethany. Ich brauch mal deinen fachmännischen Rat", kam sie gleich zur Sache. Robin hasste es, wenn man ewig um den heißen Brei herum redete. "Ich bin hier mit einem Interessenten im alten >>The Italien Way<< und er lässt fragen, ob man in einer Wand einen Durchbruch machen kann. Da ich allerdings von tragenden Wänden so viel verstehe wie du von Ballett..." Die Beschwerde am anderen Ende ließ sie grinsen. Immerhin stimmte es, was sie sagte.

Einen Moment herrschte Stille - bestimmt suchte ihr Kollege nach den Plänen. Aus dem Kopf kannte er ja auch nicht alle Objekte und Wände. Ohne Technik kam man heutzutage nicht mehr weit. Sie lächelte beruhigend zu dem jungen Mann. Blieb nur zu hoffen, dass sie ihm eine positive Antwort geben konnte und er das Objekt auch wirklich nahm.

 

"Gut, ich hab die Pläne. Um welche Wand geht es?" Die Maklerin besah sich die Zeichnung noch einmal. Die Maße standen auch schon darauf. "Es ist die Westwand zum Objekt #SB51890. Zwei Meter von links und dann 1 Meter für die Tür. Es wird auch keine eingebaut. Einfach als Durchgang mit einer Rundung oben. Lässt sich das machen, ohne dass alles einstürzt oder eine Leitung beschädigt wird?" Das konnte ja auch ein Problem sein, je nachdem wo die elektrischen Leitungen verliefen. Stromausfall musste nicht sein.

Erneut war es still am anderen Ende. Robin musste das sicherlich durchrechnen und bedenken, nicht das wirklich noch etwas passierte. Das konnte die Firma gar nicht gebrauchen. "Leitungen gehen an der Stelle keine durch. Habt ihr 15 Minuten? Dann bin ich da und kann mir das schnell vor Ort ansehen. Es ist zwar eine tragende Wand, aber je nach Art der Wand müssten wir nicht mal eine Stütze einziehen. Aber da muss ich sie schnell abklopfen. Ich mach mich gleich auf den Weg, Bethany." Und damit war die Verbindung unterbrochen.

 

"Mein Kollege Robin kommt in 15 Minuten. Dann schaut er es sich direkt an. Er sagt, es sei eine tragende Wand, aber keine Leitungen würden hindurchführen. Sollen wir uns solange die Küche und die WCs anschauen? Dann haben Sie alles gesehen", schlug sie vor. Das könnte ungefähr zeitlich passen. Sie musste als Maklerin alles zeigen. Nicht dass sich der Mieter dann beschwerte, er hätte die Katze im Sack gekauft.

Als der junge Mann nickte, führte sie ihn erst zu den WCs. Es gab zwei Räume mit je 2 WCs. "Wir können jeweils ein Waschbecken etwas runtersetzten, für die Kinder. Oder Sie stellen Hocker zur Verfügung, Mr. Deer. Das bleibt ihnen überlassen." Sie konnte sich ja schlecht einmischen. Denn es war nicht sie, welche die Räume mieten wollte.

 

Rudy besah sich die WCs. Sie sahen neu aus und ein bisschen Steril. Aber sicherlich konnte er die weißen Fließen an den Wänden bemalen, wenn er die passende Farbe dafür fand. Dann würde es schon eher zu ihm passen. Beide WCs waren groß genug, dass er auch noch Regale reinstellen konnte. Wenn er vorne noch eine Ecke abtrennte und vielleicht die Theke raus riss, konnte er einen Pausenbereich abtrennen mit abschließbaren Spinden für ihn und Edward. Dann hatten sie wenigstens einen Platz, an dem sie private Dinge und im Winter warme Sachen deponieren konnten.

 

"Wie sieht das mit der Theke aus? Muss die bleiben? Ist die massiv?", wollte er wissen, als sie wieder zurück gingen und von dort in die Küche. "Ähm...", murmelte die Maklerin reichlich hilflos. So lange arbeitete sie noch nicht bei dieser Immobilienfirma und sie kannte das Objekt nur so. "Müssen wir Robin fragen. Ich arbeite erst seit zwei Jahren bei Johnson & Robinson und da war das Restaurant schon vermietet. Robin ist sozusagen Urgestein bei uns und er war bei allen Renovationen immer dabei. Er muss das wissen." Peinlich war es schon, dass sie keine zufriedenstellende Antwort hatte.

 

"Das macht nichts, Mrs. Kings. Man kann nicht alles Wissen. Dann frage ich Ihren Kollegen. Wenn sie nicht raus kann, werde ich schon eine Verwendung dafür finden." Da machte sich Rudy noch keine Sorgen. Lieber folgte er in die Küche. Sah aus wie seine, nur halt etwas grösser und mit doppelter Ausstattung. Falls mal wirklich Events hier stattfanden, konnte man in der Küche dann kochen und alles vorbereiten. Da konnte er auch mal mit Kris zusammen kochen, denn Platz war vorhanden. Sie würden sich nicht auf die Füße treten. "Sieht gut aus. Fehlt nur noch Ihr Kollege." Kaum hatte Rudy seinen Satz beendet, da hörte er auch schon eine gedämpfte männliche Stimme. "Bethany, wo bist du?"

"In der Küche", rief die Maklerin zurück. Das Lachen, das lauter wurde zeigte, dass dessen Besitzer näher kam. "Warum nur hab ich mir das denken können? Ist bei mir zuhause auch nicht anders, wenn ich meine Frau suche", erklärte der ergraute Mann, der die Schwingtür aufstieß.

 

"Robin Collins. Sehr erfreut", stellte er sich in Richtung des Jüngeren vor. Seine Kollegin kannte er ja schon.

"Rudy Deer. Erfreut. Zwei Dinge, die ich wissen muss. Das eine ist Bedingung für die Miete, das andere Zusatz." Er hielt es wie Bethany, gleich mit der Tür ins Haus. Rudy musste ihre Zeit ja nicht unnötig verplempern.

Robin lachte. Der junge Mann gefiel ihm. Direkt, wie er es gerne hatte. "Gut. Dann erst die Wand, die ist ja Bedingung."

 

Zu dritt machten sie sich auf den Weg zur besagten Wand. Robin ließ sich die Zeichnungen zeigen und war beeindruckt. "Du hast Talent. Kann ich dich nicht abwerben? Wir brauchen immer wieder Innenausstatter." Er hielt nicht viel von erzwungener Höflichkeit. Die Absage ließ ihn seufzen. Man hatte es ja mal probieren können. Immer gewinnen ging schließlich nicht.

 

Der Ältere wandte sich der Werkzeugkiste zu, die er schon vor der Wand stehen gelassen hatte. Er begann die Wand abzumessen und abzuklopfen. Robin würde schon wissen, was er da tat. Die kleine Prozession zog noch in seinen Laden und besichtigte die Wand unter den verwirrten Blicken von Edward. Da musste er wohl nachher eine Erklärung liefern.

 

Schließlich standen sie wieder im leeren Restaurant und der Statiker schien zufrieden zu sein. "Also, wir können einen Öffnung machen ohne eine Stütze setzten zu müssen. Deine Regale müssen dann einfach weg und brauchen einen neuen Platz. Und was ist der Zusatz?" Rudy bekam das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht. Seine Pläne würden funktionieren und selbst wenn die Theke bleiben musste, wollte er den Laden! "Die Theke. Ich brauche sie nicht und dachte – dass, wenn sie nicht festgemauert ist - das man sie entfernen könnte."

Robin grinste ebenfalls. Das war ja heute mal ein leichter Job. Wenn es nur immer so sein könnte. "Du hast Glück, Rudy. Der vorige Mieter wollte sie absichtlich nicht festgemauert, für den Fall, dass er sie mal umbaut. Die lässt sich einfach entfernen. Und ich weiß auch schon, wer sie eventuell gebrauchen könnte. Sonst lagern wie sie ein." Der Statiker zückte sein Handy und war schon am Wählen. "Hallo Cho, hier ist Robin. Weißt du, ob das China Restaurant, das du vor zwei Wochen vermietet hast, schon eine neue Theke hat? Wir haben hier eine übrig."

"Ja genau, das in Oakland. Ich schick dir Bilder und wenn es okay ist, könnten man sie direkt in Objekt #SB37045 abholen. Sonst lagern wir ein."

 

Robin legte auf und schoss gleich noch ein paar Bilder, schickte sie an die Maklerin. Das lief ja alles wie geschmiert, so als hätte der junge Mann einen guten Geist, der über ihn wachte. "Gut. Damit bin ich fertig. Sollen wir dich gleich mit zum Büro nehmen? Dann kannst du unterschreiben und Bethany kann einen Termin mit den Handwerkern wegen der Wand ausmachen." Er musste jetzt ja eh wieder hin und auch Rudy musste zur Unterschrift dort hinkommen. Da konnte er ihn ebenso gerade mitnehmen.

Rudy nickte. Während die beiden hier alles zum Gehen fertig machten, ging Rudy wieder rüber. "Edward, ich muss mal eben weg. Ich sollte in spätestens einer Stunde wieder hier sein." Edward war zum ersten Mal allein, aber es musste sein und das würde in Zukunft auch häufiger passieren. Also schon gutes Training.

 

"Bekomme ich dann wenigstens eine Erklärung für alles? ", wollte der Ältere wissen. Nicht dass er sich das nicht zutraute, aber es kam etwas plötzlich, auch wenn er es sich schon ein bisschen denken konnte. Immerhin klopfte man nicht eben mal so eine Wand ab und der Laden nebenan war leer. Und so wie sie wegen der Roboterkugel von kleinen Jungs schon beinahe heimgesucht wurden, war klar, dass etwas passieren musste.

 

"Versprochen. Sobald ich wieder da bin machen wir zu und ich erklär dir alles. Ich zähle nämlich auf deinen Rat und deine Tat." Rudy lachte und sah richtig losgelöst aus. Es änderte sich so viel.



Advent [Laila]

 

15. Dezember

 

Nach den Regeln in Midgard war heute der 3. Advent.

Es konnte nun die 3te Kerze angezündet werden.

Wie auch schon vorher hatte Frigga zum Kaffee geladen. Sie wollte auch heute ihre Kinder um sich haben.

Es war einfach ein schönes Gefühl.

Jeder Mutter fiel es schwer ihre Kinder ziehen zu lassen. Obwohl Loki und Thor den Palast nicht verlassen würden.

Wenn es soweit war, würden sie wahrscheinlich zusammen regieren.

 

Wie immer gab es gutes Essen und es wurde viel gelacht. Auch Tyr, Sif, Hell, Brigg und Baldur waren wieder anwesend.

Tyr hatte sich neben Baldur gesetzt, damit sie verstohlene Berührungen tauschen konnten.

Dennoch blieb es nicht verborgen.

 

„Ihr scheint euch sehr zu mögen“, stellte Frigga fest.

Es waren nur ein paar Worte. Keine Frage, aber dennoch herrschte plötzlich Stille in der großen Halle.

Loki griff nach Thors Hand und drückte sie.

Die beiden taten ihm Leid. Obwohl Frigga sicher nichts böses sagen würde.

„Wehrte Frigga. Ja wir sind gute Freunde“, murmelte Tyr.

Die schöne Göttin lächelte freundlich und warf ihrem Mann einen Blick zu.

„Bitte Kinder, seid ehrlich. Ich gönnen euch euer Glück. Genau wie meinen zwei Kindern.“

Ihr Blick wanderte kurz zu Loki und Thor, die betreten zu Boden sahen.

Odin schnaubte und murmelte dann etwas vor sich hin. Mehr Beachtung schenkte er ihnen aber nicht.

„Woher weist du von uns? Wir wissen erst ja selber erst seit ein paar Tagen. Es ist alles noch so neu für uns“, erklärte Baldur schüchtern.

Eine feine Röte überzog sein hübsches Gesicht bei diesen Worten. Er vermied es tunlichst Frigga anzusehen.

Die Mutter aller lachte glockenhell auf.

„Mir bleibt nichts verborgen. Bitte schämt euch nicht dafür. Jeder hat sein Glück verdient.“

Tyr schluckte und nickte dann.

„Vielen Dank. Ich will mit ihm zusammen und glücklich sein.“

„Dann soll es so sein“, sagte sie.

Mit einem Wink deutete sie dem Diener Met zu bringen.
Sei wollte anstoßen und wieder Schwung in die Runde bringen.

 

Tyr und Baldur sahen sich und grinsten. Die Erleichterung war spürbar.

Langsam beugte sich Baldur vor und raubte sich einen kleinen, scheuen Kuss.

 

Sif seufzte dramatisch und stützte das Kinn in ihre Handfläche.

„Vielleicht sollten wir lesbisch werden“, murrte sie.

Hel hob den Blick und schüttelte den Kopf.

„Nie im Leben.“

So zog sich der Nachmittag dahin.

 

15. Dezember

 

Hallo meine Liebster,

die Mitte des Monats haben wir schon erreicht und bald ist auch das Weihnachtsfest, welches die Menschen so lieben. Dann hören leider auch meine Briefe auf. Aber ich denke, ich werde ab und an auch einen schreiben.

Schon alleine, weil du dich darüber freust.

Genau wie ich deine Edelsteine liebe. Dennoch musst du das nicht tun.

Grund 15:

Deine Liebe zu den Menschen

Ja, vielleicht bin ich da etwas eifersüchtig, aber ich weiß, dass du an ihnen hängst. Du magst dieses Volk, obwohl sie uns so fremd sind. Sie führen Krieg und sind immer neidisch.

Frigga und Odin verbringen die Tage mit allen Göttern. Ob nun verwandt oder nicht. Die Menschen können das nicht.

Dennoch magst du sie. Du achtest sie. Ich beneide dich für deinen Glauben an sie.

Aber es zeigt auch deine Stärke. Man sollte jedes Lebewesen gut behandeln.

 

In  ewiger Liebe

Loki




Wiedersehen auf Covendale [chaotizitaet]

12

Nachdem Colleen mit ihrem Theaterstück die Gedanken aller in Richtung Weihnachten gelotst hatte, verbrachten Josh und Edward die darauffolgende Woche mit Erin und den Zwillingen damit, die Weihnachtsdekorationen aus den Abstellräumen im Dachgeschoss hervorzukramen. In der Vergangenheit hatte es in der Vorweihnachtszeit immer wieder Publikumsveranstaltungen auf Covendale gegeben, weshalb es eine Menge Dekorationen waren, die da zusammen kamen, schließlich hatte für diese Gelegenheiten der Landsitz wirklich schön geschmückt sein sollen.

Natürlich machte es noch mehr Arbeit all die Girlanden, Schleifen und Lichter anzubringen, aber verglichen mit dem eher trostlosen Wetter, machte es gleich noch mehr Spaß. Sie ertappten sich sogar, wie sie hin und wieder bereits die ersten Weihnachtslieder dabei vor sich hin summten. Und irgendwie war es ansteckend, konnte man doch nun auch von Rica aus dem Musikzimmer immer mal wieder Teile von bekannten Oratorien und beliebten Chorälen hören.

So war es vielleicht nicht verwunderlich, dass David sie alle am darauffolgenden Freitagabend nach dem Abendessen mit einer Ankündigung überraschte. „Da wir dieses Jahr so viele sind, die miteinander Weihnachten feiern, habe ich mir überlegt, dass es spannend wäre, einen Julklapp zu veranstalten. Somit würden wir alle wenigstens ein Geschenk bekommen, müssten uns aber auch gleichzeitig keine Gedanken darüber machen, was wir allen anderen schenken sollen, so dass am Ende im Wohnzimmer vor lauter Geschenken kein Platz mehr für den Weihnachtsbaum ist.“

Wie so oft im Leben, erhielt auch David auf diesen Vorschlag hin eher geteilte Reaktionen. Während viele der Jüngeren es für einen formidablen Spaß hielten und natürlich hofften, jemanden ‚Gutes‘ zu ziehen und selbst auch von jemandem ‚Guten‘ gezogen zu werden – wer wollte schon ein paar Skisocken mit langweiligem Argyle-Muster bekommen? –, sahen andere mehr den praktischen Nutzen. Wieder andere erinnerten sich noch zu gut an derlei Aktionen aus Schultagen, wo man wahlweise immer den Lehrer oder seinen persönlichen Intimfeind zog und nicht nur für diese Person ein Geschenk finden musste – was an sich schon an Folter grenzte –, sondern im Gegenzug auch noch von jemandem, der einen so überhaupt nicht kannte, ein entsprechend wenig passendes Geschenk bekam, über das man sich auch noch pflichtschuldig freuen musste. Aber letztlich überwog auch hier die Erkenntnis, dass man so nicht gezwungen war für fast zwanzig Personen, die man größtenteils eher weniger gut kannte, Geschenke zu finden. Und nicht zuletzt bestand so die Chance, dass man darum herum kam, Catherine Dempsey ein Geschenk machen zu müssen, da es so würde nämlich nur einen von ihnen treffen.

Die autoritäre Dame hatte es in den vergangenen Wochen wirklich verstanden, die meisten anderen gegen sich einzunehmen. Dass ihr noch niemand offen die Stirn geboten hatte, lag schlicht daran, dass sie nun mal zur Familie gehörte und gerade die Richards an ihr Benehmen gewöhnt waren. Dennoch merkte man sogar ihrem Bruder und ihrer Schwägerin an, dass sie beizeiten kurz davor waren, die Geduld mit ihr zu verlieren. So auch jetzt.

Als offenkundig wurde, dass David gedachte, auch Rachel und Josh in den Julklapp mit einzubeziehen, schaffte sie es wieder einmal nicht, ihre Zunge im Zaum zu halten. Dabei hätte sie doch eigentlich schon nach der Aktion mit den Stellenanzeigen, wo niemand sie gegen ‚die Dreistigkeit dieses dahergelaufenen Taugenichts‘ in Schutz genommen hatte, wissen müssen, dass das der falsche Weg war, wenn sie Josh ernsthaft loswerden wollte. Aber alte Angewohnheiten legte man eben nicht so schnell ab und Catherine Dempsey war es nun mal gewohnt, ihre Meinung stets frei heraus zu sagen – und diese Meinung als die allgemein gültige anerkannt zu sehen.

„Hätte ich mir ja denken können. Schließlich weiß ich, dass niemand aus meiner Familie auf eine so niveaulose Idee wie die eines Julklapps käme. Aber wieso sollte es uns auch überraschen zu sehen, dass manche Leute alles nur Erdenkliche tun, um zu Weihnachten mit wenigstens einem Geschenk da zu stehen. Einschließlich natürlich jemand anderen mit dieser Idee vor die Leute treten zu lassen.“

„Ich weiß nicht, wovon du redest, Tante Catherine, aber…“, begann David, nur um von der Dame sogleich unterbrochen zu werden.

„Ach, nun tu doch nicht so. Natürlich weißt du, wovon ich rede. Und dein Mitleid ehrt dich. Aber seien wir doch ehrlich, es ist offensichtlich, dass Joshua Evans jedes Mittel recht ist, um auch nur an ein Weihnachtsgeschenk zu kommen. Wer sonst sollte ihm auch etwas schenken? Schließlich gibt es ja nicht einmal ein Erbe für ihn von seinem verstorbenen Liebhaber. Aber was erwartet man auch von einem Rocksänger. Weiß doch schließlich jeder, dass die all ihr Geld für Drogen ausgeben.“ Der geringschätzige Blick, mit dem sie Josh bei diesen Worten strafte, ließ alle Anwesenden instinktiv den Atem anhalten.

Alle Farbe war aus Joshs Gesicht gewichen. Wie konnte diese Giftnatter es wagen, so abfällig über Tom zu reden? Sie kannte den Mann nicht einmal und maßte sich ein derartiges Urteil an? Und was war mit dem Respekt vor Verstorbenen? In ihm kochte eiskalte Wut. Er wusste, wenn er ihr jetzt direkt antworten würde, dann würden sie einen Rettungswagen brauchen. Oder einen Tatortreiniger. Je nachdem. Doch zugleich konnte er nicht zurückstecken. Eine Idee zuckte durch sein Gehirn und er beschloss, dieser augenblicklich zu folgen.

Sich David zuwendend sagte er vernehmlich: „Auch wenn es vielleicht unüblich für einen Julklapp ist, wenn niemand etwas dagegen hat, würde ich gerne derjenige sein, der für Mrs. Dempsey ein Geschenk zu besorgen hat. Ich habe nämlich schon etwas Passendes im Sinn. Etwas Nostalgisches, das bestimmt Erinnerungen an ihren verstorbenen Gatten weckt. Eine DVD von ‚The Wolf of Wallstreet‘. Ich würde sogar noch ein Tütchen Puderzucker dazu packen. Damit auch das weiße Pulver nicht fehlt.“

Nun war es an Catherine, die Gesichtsfarbe zu wechseln. „Wie können Sie es wagen!“, keifte sie. „Wie können Sie unterstellen, mein Mann hätte etwas mit Drogen zu tun gehabt?“

„Wieso? Weiß doch schließlich jeder, dass Börsenmakler und Koks zusammengehören“, erwiderte Josh unschuldig.

„Mein Mann hat nie…“

„Und Tom Stevens auch nicht!“, fuhr er ihr dazwischen. „Die Band 2-4 ist bekannt für guten, sauberen Rock. Sauber auch, was Drogen betrifft!“

„Also…“, wollte sich Catherine Dempsey ereifern, doch dieses Mal war es ihr Bruder, der sie zum Schweigen brachte. Er legte ihr die Hand auf den Arm und schüttelte nur den Kopf. „Kein Wort mehr“, sagte er leise. „Wenn du die Toten nicht respektierst, darfst auch nicht erwarten, dass andere es tun. Und mit jedem weiteren Wort würdest du dich nur noch mehr hineinreiten.“

Letzten Endes beschloss Catherine Dempsey dann, sich lieber nicht die Blöße eines Geschenks, das alle außer ihr humorvoll finden würden, zu geben und nahm gar nicht am Julklapp teil. Sie wusste auch so, dass ihr Bruder und ihre Schwägerin, ebenso wie ihre Neffen und Nichten ihr ein obligatorisches Geschenk machen würden, so dass sie nicht auf jenes aus dem Julklapp angewiesen war. Im Gegensatz zu anderen, wie sie meinte. Das gab ihr zumindest ein wenig das Gefühl, diesem Joshua Evans überlegen zu sein.

 

***

 

Edward stellte fest, dass es manchmal gar nicht so leicht war, wenn man tatsächlich das bekam, was man sich wünschte. Er hatte sich gewünscht, Joshs Namen aus dem Beutel mit den Julklapp-Teilnehmer zu ziehen, um diesem ohne großes Aufheben ein Geschenk an Weihnachten machen zu können. Und tatsächlich war das Glück ihm hold gewesen und er hatte Josh zugelost bekommen. Doch nun stand er vor dem Dilemma, was er diesem schenken sollte.

Es sollte etwas Persönliches sein, etwas, das mehr ausdrückte als es ein Wollschal oder ein Taschenbuch taten. Gleichzeitig durfte es aber auch nicht den Geldrahmen, den David für das Julklapp-Geschenk festgesetzt hatte, sprengen. So ein Rahmen war zwar vielleicht vom Finanziellen her nicht notwendig, waren doch sowohl die Barnes als auch die Richards diesbezüglich gut situiert. Aber ohne Rahmen wuchsen die Erwartungen schnell ins Unermessliche, und wenn dann das erhoffte Goldcollier nicht geschenkt wurde, war die Enttäuschung vorprogrammiert.

Die Gedanken über ein mögliches Geschenk brachten Edward auch dazu, über sein Motiv, Josh etwas schenken zu wollen, nachzudenken.

Seit dieser so unverhofft in der Eingangshalle von Covendale aufgetaucht war, hatte Edward sich nahezu unwiderstehlich zu ihm hingezogen gefühlt. Was zunächst vielleicht Erinnerungen an jenem Sommer entsprungen war, hatte sich im Laufe der darauf folgenden Wochen gewandelt. Es war mehr als ein Wiedererwachen alter Gefühle. Schließlich war er nicht mehr derselbe wie vor zehn Jahren. Nicht zuletzt seine Erfahrungen im Mittleren Osten hatten einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen. Nicht, dass er die Einsätze bedauerte, aber es war nun mal eine ganz andere Welt.

Doch auch Josh war nicht mehr derselbe. Die letzten zehn Jahre waren verständlicherweise auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen. Als sie sich damals kennengelernt hatten, hatte dieser noch jenen unbekümmerten Blick auf die Welt gehabt, wie ihn alle Jungerwachsenen nun mal hatten. Diese Zuversicht, dass das Leben nun erst wirklich begann, die Welt ihnen offenstand und die Zukunft nur Gutes bringen würde. Jetzt stand Josh fest mit beiden Beinen im Leben. Ein Leben, das er nach wie vor liebte, auch wenn die letzten Wochen und vermutlich Monate selbiges ziemlich erschüttert hatten. Und das war es vermutlich auch, was Edward so zu Josh hinzog: Diese unveränderte Liebe zum Leben.

Gleichzeitig aber waren es diese Erschütterungen, die Edward davon abhielten, offen um Josh zu werben. Der Mann hatte gerade seinen Lebensgefährten verloren, mit dem er viele Jahre geteilt hatte, nur um dann von seinem bisherigen Umfeld verraten zu werden. Da brauchte er jetzt Unterstützung, Freunde, und nicht das Gefühl bedrängt zu werden. Doch je mehr Zeit er mit Josh verbrachte, desto schwerer fiel es Edward, sich beim Lesen auf dem Sofa nicht wie selbstverständlich an diesen zu lehnen oder umgekehrt Josh einzuladen, sich bei ihm anzulehnen.

Dabei war für vermutlich jeden auf Covendale ersichtlich, dass sie sich nun mal zueinander hingezogen fühlten.

Das Klingeln seines Handys riss Edward aus seinen Gedanken. Der Blick auf das Display zauberte ein Lächeln auf seine Lippen. „Ben, hey, wie geht’s?“, grüßte er den Anrufer.

„Lunch? Klingt gut. Wo?“

„Was? Du bist in Oxford und meldest dich erst jetzt?“

„Bis gleich!“

 

Eine Stunde später saß er seinem alten Kameraden in einem gemütlichen Pub im Studentenviertel Oxfords gegenüber. „Und, wie viele Semester noch bis wir dich Dr. Watson nennen dürfen?“, neckte er diesen.

„Wenn du jetzt auch noch einen Spruch in Richtung Sherlock oder dergleichen loslässt, lass ich dich hier mit der Zeche sitzen“, konterte dieser.

„Wir haben ja noch nicht einmal bestellt“, brüskierte sich Edward, doch er lächelte dabei. Und das mit den Bestellungen war schnell durch eine diensteifrige Kellnerin korrigiert. „Aber ehrlich, du siehst gut aus.“

„Danke. Und ehe du fragst, nein, ich sehne mich nicht nach dem Adrenalin, von dem wir dort gelebt haben.“ Wie Edward hatte auch Ben Watson Zeit in Afghanistan im Dienste Ihrer Majestät verbracht.

„Hey, keine Sorge, ich hatte nicht vor zu versuchen, dich wieder anzuwerben“, beruhigte ihn Edward sogleich. „Ich bezog das mehr auf den Remembrance Day. Sei mir nicht böse, aber ehrlich, du sahst an dem Tag alles andere als gut aus.“

„Haha. Als ob du wesentlich besser ausgesehen hast.“ Doch Bens Lachen klang ein wenig hohl.

„Ich war immerhin erst zehn Tag zurück. Und die Tatsache, dass ich es mir selbst nicht erlaubt habe, dem Tag fernzubleiben war meinem Schlaf nicht gerade zuträglich“, erklärte Edward.

„Und inzwischen?“

„Schlafe ich wieder durch, mein guter Doktor.“

Ben schwieg für einen Moment, dann sagte er: „Remembrance Day ist immer schwer für mich. Fast noch schwerer als Jamies Todestag. Einfach, weil ich dann all die sehe, die es geschafft haben und mein Bruder ist nicht darunter. Sie mögen mit ihrem Leben hadern, weil sie im Rollstuhl sitzen oder Narben haben, die sie auf immer an jene Kugel erinnern, die sie erwischt hat. Jamie hat das nicht.“

Edward nickte. Er wusste, wie viel Glück er selbst gehabt hatte. Sowohl vor zehn Jahren als auch in diesem Jahr. Sicher, es war nie ungefährlich gewesen, aber die Verluste für die britische Armee hatten sich jeweils in sehr überschaubaren Grenzen gehalten. Nicht so in den Jahren dazwischen. Ben und sein älterer Bruder waren vor fünf Jahren drüben gewesen und nur einer von ihnen war zurückgekehrt. James Watson war im gleichen Offiziersjahrgang wie Edward gewesen, doch erst nach dessen Tod waren Ben und er die Freunde geworden, die sie heute waren.

„Das ist vielleicht auch mit ein Grund dafür, dass ich Kinderarzt werden möchte. Kinder, wenigstens hier, kennen keinen Krieg. Krieg ist woanders. Wenn sich hier ein Kind das Bein bricht, dann weil es beim Klettern in einem Baum herunterfällt. Und nicht weil es sich vor einer Granate in Sicherheit bringen muss und beim Sprung hinter eine schützende Mauer verkehrt aufkommt.“

„Und wie sieht es mit eigenen Kindern aus? Bist du immer noch mit Denise zusammen?“

Das zauberte Ben ein ehrliches Lächeln auf die Lippen und er nickte. „Sobald ich meinen Doktortitel habe, wollen wir heiraten. Kinder stehen auch auf dem Plan. Und bei dir? Abzüglich der Kinder natürlich.“

„Oh, ginge es nach meiner Tante Catherine, gäbe es auch Kinder. Und ich wäre natürlich mit deren Mutter verheiratet“, erwiderte Edward, unbewusst der Wahrheit ein wenig ausweichend.

„Immer noch die Alte, wie ich sehe.“

Die Kellnerin brachte das Essen und gewährte Edward einen kleinen Aufschub, was Bens Fragen über sein eigenes Liebesleben betraf. Doch wirklich nur einen kleinen, dauerte es doch nicht lange, ehe der Kamerad nachfragte.

„Und was verschweigst du mir? Denn so wie du von deiner Tante gesprochen hast, scheint sie derzeit etwas aktiver vorzugehen als gewöhnlich.“

„Wieso nur müssen Ärzte auch immer verdeckte Ermittler sein?“, knurrte Edward ein wenig.

„Weil uns die Patienten entweder zu viel oder zu wenig erzählen? Und du sonst einfach nur ‚nichts‘ geantwortet hättest, statt sofort deine Tante Catherine zu erwähnen?“

„Jetzt verstehe ich auch endlich, wieso Sherlock einen Arzt als Begleiter bekommen hätte. Ein Straßenfeger wäre zwar amüsant gewesen, aber der Aufklärung der Fälle vielleicht nicht so zuträglich.“

„Ich seh schon, du willst unbedingt nachher die Rechnung begleichen“, meinte Ben mit einem Augenzwinkern. „Und jetzt hör auf, um den heißen Brei herumzureden. Das ist ein Befehl, Major.“

Edward musste wider Willen lachen. „Aber das Salutieren darf ich unterlassen, ja?“

Doch Ben antwortete darauf nicht, sondern sah seinen Freund nur abwartend an.

Edward seufzte. „Also schön. David, mein Cousin, hat sich verlobt. Die Feier fand am Samstag nach dem Remembrance Day statt. Und du kannst dir ja vorstellen, dass meine Tante da der Ansicht war, dass ich unter all den weiblichen Gästen mir doch bitte auch eine Braut auswählen könnte. Schließlich sind ja Hochzeiten ansteckend und so…“

Ben nickte. Er erinnerte sich, dass Edward ihm von der Verlobungsfeier erzählt hat. „Aber die Feier ist nun schon ein paar Wochen her. Wieso tangiert dich das jetzt noch so?“

„Die Familie der Braut ist nach der Feier, bis auf wenige Ausnahmen, auf Covendale geblieben. Und wird dort auch bis einschließlich Weihnachten bleiben. Sprich, da wären immer noch nicht weniger als vier unverheiratete junge Damen, die alle mehr oder weniger ständig anwesend sind und sich Tante Catherines Meinung nach prima als meine Braut eignen würden.“ Und er erzählte Ben von ein paar der Aktionen der drei jüngeren Barnes-Mädchen, die sich – dessen war sich Edward inzwischen sicher – nicht nur mit Billigung sondern auch offener Ermunterung durch seine Tante ereignet hatten.

„Sie scheint ja fast schon verzweifelt zu sein“, kommentierte Ben amüsiert die Geschehnisse. „Und das alles nur, weil David sich verlobt hat?“

Wie durch ein Wunder hatte Edward in all den Erzählungen Josh mit keiner Silbe erwähnt. Nun aber konnte er nicht verhindern, dass er ein klein wenig rot wurde. Alter schützte eben vor Erröten nicht.

„Darf ich daraus schließen, dass es in deinem Leben jemanden gibt, der deine Tante Catherine zu so verzweifelten Maßnahmen treibt?“, fragte Ben schonungslos.

„Hm… ja… vielleicht. Oder auch nicht.“

„Sehr eloquent.“

„Es ist halt kompliziert.“ Da er aber erkannte, dass er mit ein paar ausweichenden Antworten aus der Sache nicht herauskam, erzählte Edward Ben schließlich doch alles von Josh.

„Sehe ich das also richtig: Du hättest nichts dagegen, herauszufinden, ob eine ernste Beziehung zwischen euch möglich ist, die weit über das hinausgeht, was ihr damals als Sommerflirt hattet, aber du traust dich nicht, weil er derzeit noch um seinen kürzlich verstorbenen Lebensgefährten trauert.“

Edward nickte. „Ich will ihn nicht bedrängen. Und schon gar nicht, dass er sich am Ende so unter Druck gesetzt fühlt, dass ich ihn wieder zehn Jahre nicht sehe. Oder so ähnlich.“

„Und deswegen suchst du einerseits ständig seine Nähe und versuchst andererseits auf Distanz zu bleiben? Weißt du wie verwirrend das ist, allein schon, wenn man dir nur zuhört? Wie muss sich dann Josh erst fühlen?“

„Willst du damit sagen, dass ich mit meinem Verhalten am Ende noch dazu beitrage, dass Josh sich noch schlechter fühlt, als es eh schon der Fall ist, wo ich doch eigentlich genau das versuche zu vermeiden?“

„Vielleicht nicht bewusst“, versuchte Ben zu erklären, wie er die Situation sah. „Von dem, was du erzählt hast, scheint sich Josh in deiner Gegenwart wohl zu fühlen. Aber wenn er auch nur ein wenig Einfühlungsvermögen besitzt, dann wird er deinen inneren Konflikt spüren. Und da er derzeit in einer Situation ist, wo die meisten Menschen sowieso zum Grübeln neigen, dann wird er sich fragen, ob er an deinem Konflikt schuld ist.“

„Das ist doch…“

„Blöd?“, vervollständigte Ben und zuckte mit den Achseln. „So sind wir Menschen aber nun mal. Ich verstehe auch deine Beweggründe. Deswegen sage ich ja auch nicht, dass du jetzt zurück nach Covendale fahren und ihm deine unsterbliche Liebe gestehen sollst. Aber ich denke, es wäre schon mal ein guter Anfang, wenn du dir einfach erlaubtest, seine Gegenwart zu genießen. Lass ihn ruhig wissen, dass du dich gerne mit ihm unterhältst, oder auch einfach nur gerne mit ihm auf dem gleichen Sofa sitzt und liest. Zuck nicht zurück, wenn ihr euch zufällig berührt und sowas halt. Lass ihn einfach entscheiden, statt für ihn mit zu entscheiden.“

Das löste zwar Edwards Probleme nicht vollständig, war aber vielleicht der beste Rat, den er in dieser Situation erhalten konnte.

Auf dem Weg zurück zu seinem Auto löste er aber ein anderes seiner Probleme: Das Julklapp-Geschenk für Josh. Er kam er einem Kuriositätenladen vorbei, wo etwas im Schaufenster seine Aufmerksamkeit erregte, von dem er glaubte, es könnte Josh gefallen: Eine Weltkarte, wo man die Länder, die man bereits besucht hatte, wie bei einem Rubbel-Los freikratzen konnte, um so seine ganz eigene Welt darzustellen. Bei einem Weltenbummler wie Josh, mit seiner bewegten Kindheit und Jugend, aber auch die Tourneen mit der Band, wo er diese begleitet hatte, kamen da bestimmt einige Länder zusammen. Und sie alle auf diese Art zu sehen, war definitiv spannender als die altmodische Methode der Stecknadeln in herkömmlichen Weltkarten. Außerdem würde es Josh zeigen, dass was auch immer die Zukunft für sie beide barg, Edward nicht Joshs bisheriges Leben vergessen sehen wollte.

Dergestalt mit sich selbst so sehr im Reinen, wie er es schon seit Langem nicht mehr gewesen war, machte er sich schließlich auf den Heimweg, ohne zu ahnen, auf welche Sturmfront er zufuhr.