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17. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

17 - Der Überfall der 20 Raupen oder "So... dann können wir jetzt ja essen. Wer hat Hunger?"

Dienstag, 10. November - Kindergeburtstag - House of Orbs

 

Noch einmal kontrollierte Edward, ob alles bereit war. Die großen Tische waren mit einer Schutzfolie bezogen, damit das Holz nichts abbekam. Unbemalte Kugeln lagen in verschiedenen Größen in Körben bereit, Pinsel und verschiedene Farben standen auf einem extra Tisch, die würden sie erst ganz zum Schluss brauchen. An die Glitzerstreuer wollte er lieber nicht denken, denn er würde derjenige sein, der das hinterher aufsaugen musste. Aber er wollte Rudy auch nicht reinreden, denn schließlich war das sein Laden und er musste schauen, wie das Geld rein kam. Und da bot sich ihr erstes Event doch gut an.

 

Es war ein Kindergeburtstag und gleich würden 20 Kinder den Laden entern. Rudy würde sich um die Kinder kümmern, während er selbst drüben im Laden arbeitete. Der Jüngere wollte sich nicht nur auf die Events verlassen und potentielle Kunden durch eine abgeschlossene Tür verschrecken. Und Edward konnte es verstehen, denn das Geld kam nicht von ungefähr. Er selbst bekam ja Rente und das, was Rudy ihm zahlte. Aber für seinen Chef war es die einzige Einnahmequelle. Und wenn dieser Tag nicht perfekt wurde, würde es verdammt schwer werden, seine Events weiter zu tragen. Positives Feedback war das, was sie wollten und brauchten.

 

Und dann kündigten die Messingglöckchen Besuch an. Er musste sich das Lachen verkneifen, als Rudy aus der Küche geschossen kam und weiter lief. Sicherlich hatte er Kris, der heute die Meute versorgen wollte, noch letzte Anweisungen gegeben. Es würde schon alles gut werden, da hatte er keinerlei Bedenken. Weitaus langsamer folgte der Grauhaarige und verschanzte sich hinter die Theke. 20 9 bis 10-Jährige waren mehr als er vertrug. Außerdem war Rudy derjenige, der hier malen konnte. Edward konnte nicht einmal ein Strichmännchen malen.

 

Aufgeregt schlug sein Herz gegen die Brust, aber um alles abzusagen war es nun definitiv zu spät. Musste er wohl das Beste daraus machen. Er ging vor den beiden Kindern in die Hocke und lächelte freundlich. "Hallo Toby. Freut mich, das du hier bist und alles Gute zum Geburtstag. Das muss deine Zwillingsschwester sein. Ich bin Rudy", erklärte er zu dem Mädchen, das Toby ähnlich sah. Nach kurzer Stille stellte sie sich als Nathalie vor. Auch ihr wünschte er noch alles Gute. Schließlich begrüßte er noch ihre Mutter, die den Wunsch ihrer Kinder nicht hatte abschlagen wollen und deswegen jetzt hier stand.

 

"Gut. Wir gehen jetzt rüber, da ist schon alles vorbereitet. Kugeln, Farben, jede Menge Glitzer und Vorlagen. Wir werden sicherlich für jeden etwas finden. Wir Essen dann nachher alle zusammen Mittag und Kuchen gibt es später auch noch." Bei seinen Worten hatte er alle Kinder angesehen und sich dann wieder aus seiner Hocke erhoben. Schließlich mussten sie alle rüber in den anderen Raum, denn der Laden war mit den 20 Kindern wirklich proppenvoll und sicherlich abschreckend für Kunden.

 

Noch etwas skeptisch folgten ihm die Kinder zum Durchgang, in den neuen Teil. Würde schon schief gehen. Schließlich saßen alle an ihren Plätzen. Es hatte nur etwa Gerangel darum gegeben, wer neben den Geburtstagskindern sitzen durfte, so waren Kinder eben. Daran würde er sich gewöhnen müssen, wenn er häufiger solche Events machen wollte. "So... jeder darf sich jetzt eine Vorlage aussuchen. Gerne können auch zwei dieselbe Vorlage nehmen. Ich male sie euch dann auf. Wer sich sicher genug fühlt darf das auch gerne selbst machen. Wir lassen die Konturen dann bis nach dem Mittagessen trocknen und dann dürft ihr sie ausmalen." Rudy hielt das für einen guten Plan, blieb nur zu hoffen, dass die 20 Kinder das auch so sahen. Eine Meuterei konnte er nicht gebrauchen, denn es gab keinen Alternativplan.

 

Und wie es aussah, würde es auch nicht zu einer Meuterei kommen, denn Toby griff sich beherzt den Korb mit den Kugeln und suchte sich eine Große aus. Er wollte noch einen Roboter haben und diesmal wollte er ihn selber malen, damit seine Klassenkameraden auch richtig neidisch wurden. Danach griff er sich das Skizzenbuch, das auf dem Tisch lag und blätterte es durch. Da waren ganz viele Kindermotive drin, die hatte Rudy bestimmt extra für sie gemacht.

Nur aus den Augenwinkeln bemerkte der 10-Jährige, dass sich auch seine Schwester das Buch an ihrem Tisch griff. Das war gut, denn er mochte Rudy und wollte noch eine Menge Kugeln. Aber das ging nur, wenn der Andere den Laden nicht schließen musste.

 

Fragend blickte er zu Rudy, denn er hatte keine Ahnung, wie man eine Glaskugel bemalte. Rudy war hier der Spezialist und als solcher musste er ihm auch helfen. Ohne Rücksicht auf seine Freunde rief er den Erwachsenen zu sich. Immerhin war er das Geburtstagskind, da hatte er Vorrang. "Und jetzt?", wollte er unsicher wissen, als der Erwachsene neben ihm stand. Musste er jetzt schon direkt mit den Farben loslegen? Oder wurde eine Schablone auf die Kugel geklebt? Toby hatte keine Ahnung und Rudy machte im Laden ja keine Kugel. Die machte der Andere zuhause. Bestimmt hatte er da mehr Ruhe als hier, wo jederzeit ein Kunde kam.

 

Nachsichtig lächelte Rudy und nahm sich das Buch. Schnell löste er das Roboterbild aus der Zeigehülle und reichte das Buch den anderen Kindern, damit die sich auch noch etwas aussuchen konnten. "Ihr könnt die Bilder aus dem Buch nehmen. Wenn ihr dasselbe Bild wollt, setzt euch doch bitte nebeneinander, dann könnt ihr zusammen die Bilder abmalen", erklärte Rudy. Er würde das vermutlich noch ein paar Mal erklären müssen, denn es schien nicht, dass ihm alle Kinder zuhörten. Daran musste er sich wohl gewöhnen. Danach griff er sich einen der dünnen schwarzen Konturenstifte, er selbst brauchte sie nur äußerst selten. Normalerweise wusste er, was er malen wollte und malte es direkt mit der entsprechenden Farbe. Ab und an benutzte er ihn aber auch, dann brauchte er den schwarzen Rand wirklich.

 

Mit dem Stift malte er auf eine kleine Kugel einen lustigen Clown. "Es ist ganz einfach, Toby. Du malst mit dem Konturenstift die Umrisse des Bildes auf die Kugel. Du musst nur aufpassen, dass sich ein Strich nur ganz kurz korrigieren lässt. Wenn einer falsch sein sollte, direkt laut nach mir rufen, dann kann ich noch etwas retten." Als das Geburtstagskind nickte, wandte er sich wieder den anderen Kindern zu. "Wer sich nicht sicher genug fühlt, beim selbst malen, dem zeichne ich die Konturen gerne vor. Ausmalen dürft ihr dann später selbst und so wie ihr wollt. Da gibt es keine Regeln. Richtig ist, was euch gefällt."

 

Eine Weile war es still, während die Kinder sich für die Kugeln und die Bilder entschieden. Schüchtern wurde er immer wieder nach Hilfe gefragt, hauptsächlich beim Übertragen der Motive. Natürlich half er den Kindern gerne und wurde immer bewundern angesehen, wenn er mit wenigen präzisen Stichen das Bild auf die Kugel brachte. Er hatte auch viel Übung gebraucht, um so gut zu sein. Den Kindern jedenfalls schien es viel Spaß zu machen, so wie sie kicherten und schon planten, welche Farben sie verwenden würden.

 

Als dann alle Kinder mit den Kugeln fertig waren, klatschte Rudy begeistert in die Hände. Bei einigen Kugeln waren die Linien reichlich zittrig und er hatte auch korrigieren müssen, aber die Kinder strahlten vor Stolz und das war das Wichtigste. "So... dann können wir jetzt ja essen. Wer hat Hunger?", wollte er wissen und sofort schossen 20 Kinderhände in die Höhe und jedes Kind rief: “Ich“.

 

Das Öffnen einer Tür und das Lachen eines Mannes ließ sie ihre Köpfe drehen. "Dann komme ich also zur richtigen Zeit", grinste Kris, der mit einem Tablett voller Teller und Besteck kam.

Rudy hatte vorher natürlich die Mum der Geburtstagskinder gefragt und sie hatte gesagt, dass sie mit Pommes und Chicken Nuggets nichts verkehrt machen würden. Das Eis für den Nachtisch stand auch schon im Eisschrank.

Die Küche war einfach der Wahnsinn, aber es war ja auch mal ein Restaurant gewesen und da war das nicht verwunderlich. Es war wirklich genial, was sein Nachbar aus dem Laden gemacht hatte. "Ich bin Kris und ich bin euer Koch für heute. Würdet ihr die Sachen hier schon mal verteilen, während ich das Essen hole?" Lachend verschwand der Blonde wieder in der Küche, während die Kinder den Tisch deckten.

 

Das Geschrei wurde noch einmal groß, als er mit den Schüsseln Pommer und den Platten mit Chicken Nuggets kam. Die Kinder waren also begeistert. Noch Getränke und Ketchup mit auf den Tisch und dann ließen sich auch die vier Erwachsenen am Tisch nieder, denn Edward hatte sich zu ihnen gesellt. Immerhin hatte er ja auch Mittagspause und Kris hatte wirklich genug für alle gemacht. Gerade Kinder konnten bei Pommes und Chicken Nuggets viel essen. das wusste er von Granny, denn in der erste Zeit, nachdem er bei ihr untergekommen war, hatte er kaum essen wollen. Erst als sie ihm dann das typische Kinderessen vorgesetzt hatte, hatte er zugeschlagen und angefangen, mehr zu essen. Es war eben ein schwerer Schlag gewesen, als er seine Eltern verloren hatte.

 

"Danke fürs Kochen, Kris", bedankte sich Rudy bei seinem Freund, der neben ihm am Tisch saß und es sich ebenfalls schmecken ließ. Er selbst hätte nicht gewusst, wie er die Kinder sonst verköstigt hätte, ein Lieferservice wäre teurer als die Einnahmen des Events gekommen. Es schmeckte wirklich lecker und auch nicht so fettig wie bei den Fastfoodläden.

"Nicht dafür, Rudy. Ich mache das gerne und wenn du weitere Events hast, kannst du auf mich zählen. Du weißt ja, dass ich keine festen Arbeitszeiten habe. Ich kann mich auch um den Einkauf kümmern, solange ich das Geld dann von dir wieder bekomme."

Begeistert nickte Rudy. Das würde alles einfacher machen, denn bisher hatte er sich noch nicht wirklich Gedanken deswegen gemacht. Und wo er schon so eine große Küche hatte. Er selbst konnte sich ja nicht aufteilen und in der Küche und bei den Kunden sein. "Sehr gern. Das würde alles einfacher machen und du kochst ja wirklich super lecker. Ich wüsste keinen Grund, das Angebot abzulehnen."

 

 

Als alle gesättigt und die Tische wieder leer waren, konnte es weiter gehen. Jeder holte sich seine Kugel, während Rudy die Farben, Pinsel und Glitzerstreuer auf den Tischen verteilte. "So... jetzt dürft ihr euch kreativ austoben. Ihr könnt ausmalen wie ihr wollt, auch gegen blaue Sonnen und grüne Kühe wird keiner etwas sagen. Wenn ihr den Glitzer mit verwenden wollt, malt erst die eine Stelle mit der Farbe aus und dann kommt direkt der Glitzer darüber. Aber immer nur Stück für Stück anmalen und den Glitzer verwenden, sonst habt ihr ihn überall und das wollt ihr vielleicht gar nicht." Rudy war zufrieden, dass alle Kinder ihm direkt zuhörten. Es schien wirklich langsam Spaß zu machen, da hatte er am Anfang noch Bedenken gehabt.

 

Es blieb nicht aus, dass die Kinder sich auch gegenseitig anmalten und mit Glitzer bestreuten. Er konnte Lucy jedoch beruhigen, die sich Sorgen wegen der Farben machte. Die ließen sich wieder leicht von der Haut und der Kleidung entfernen. Erst mit einem speziellen Klarlack - der später auf die fertigen Kugeln gesprüht wurde - wurden die Farben fixiert und konnten nicht mehr entfernt werden. Aber so waren Mütter eben, sie machten sich immer Sorgen. Auch seine Pflegeeltern machten sich beide Sorgen, was aber auch daran lag, dass so viel Entfernung zwischen ihnen lag und sie nicht mal eben vorbeikommen konnten, wenn etwas war. Aber es machte ein warmes Gefühl, tief in der Brust, wenn man wusste, dass sich jemand Sorgen um einen machte.

 

Rudy rotierte wie ein Brummkreisel zwischen all den Kindern hin und her. Überall wurde er gebraucht und die Kinder sahen ihn immer so bittend mit ihren großen Augen an, dass er gar nicht nein sagen konnte, aber es machte viel Spaß. Dass würde nicht das letzte Event dieser Art bleiben, denn Lucy versprach schon, dass sie ihn weiter empfehlen würde. Ein Doppelgeburtstag wäre noch nie so harmonisch verlaufen, meistens gab es Geschrei und Streiterei. "Du bist der Held jeder Geburtstagsparty."

Nur ganz kurz wurde Rudy, ob des Kompliments, rot, damit hatte er nicht gerechnet. Komplimente bekam er selten. Aber ihm war schon leichter ums Herz, dass es der Mutter gefiel, denn sie bezahlte schließlich für den Tag.

 

Schließlich waren die Kugeln fertig bemalt und mussten nur kurz trocknen, bevor er den Klarlack drüber sprühen konnte. Die Zeit nutzten sie, um die Geburtstagskuchen zu essen. Die Motivkuchen kamen sehr gut an. Für Nathalie gab es ein Schloss mit rosa Zuckerguss und Toby hatte ein Auto in den Farben grün und blau. Natürlich wurde Kris ausgiebig gelobt, als der sich zu ihnen setzte, so leckeres Essen gab es schließlich selten. Und Lucy kam gleich in die Verlegenheit erklären zu müssen, warum es das nicht immer geben konnte. Mutter zu sein war eben nicht so einfach.

 

Anschließend wurde noch der Klarlack über die Kugel gesprüht. Jetzt konnte nichts mehr passieren und die Kinder konnten sie zuhause stolz vorzeigen und aufhängen. Man sah schon, dass es Kinder gewesen waren, aber gerade das machte die Kugeln auch so liebenswert. Nur Rudy konnte sich das nicht leisten. Kein Erwachsener würde solche Kugeln kaufen, deswegen musste er Toby auch absagen, der fragte, ob er nicht bei ihm anfangen könne, auch wenn das süß bei einem 10-Jährigen war. Er versuchte wohl der Schule zu entkommen. Dabei war die Schulzeit die beste Zeit im Leben, denn man hatte noch nicht so einen Druck auf den Schultern.

 

Brav und gesittet verabschiedeten sich die Kinder schließlich von Rudy und bedankten sich auch für den schönen Tag. Zufriedene Kunden waren gute Kunden und solche, die wieder kamen. Tief durchatmend schloss Rudy die Tür schließlich hinter Lucy ab. Gut, dass der Tag vorbei war. Es war anstrengend gewesen, mit 20 Kindern, aber er bereute keine Minute! Er trat wieder in den Nebenraum, in dem Edward schon am Aufräumen war und sicherlich tat Kris dasselbe schon in der Küche. Er war zwar der Chef des Älteren, doch deswegen hieß es für Rudy nicht automatisch, dass er nicht auch helfen würde. Es war immerhin sein Geschäft.

 

Zu zweit waren sie schnell fertig und halfen dann Kris in der Küche, da war etwas mehr zu tun. "Vielen Dank euch beiden, dass ihr mir geholfen habt. Ohne euch wäre das Ganze zum Scheitern verurteilt gewesen", bedankte sich Rudy überschwänglich. Er wusste ja, was sich gehört.

Edward lachte nur. "Wie du siehst, steht der Laden noch. Ich hab es auch so geschafft. Jederzeit wieder." Und der Älteste der Runde meinte dass genauso, wie er es gesagt hatte.

"Auf mich kannst du auch immer zählen, Rudy", pflichtete Kris bei. Das ließ sich mit seiner Arbeit schon irgendwie vereinbaren.

 

Immerhin hatte er ja auch Mittagspause und Kris hatte wirklich genug für alle gemacht. Gerade Kinder konnten bei Pommes und Chicken Nuggets viel essen. das wusste er von Granny, denn in der erste Zeit, nachdem er bei ihr untergekommen war, hatte er kaum essen wollen. Erst als sie ihm dann das typische Kinderessen vorgesetzt hatte, hatte er zugeschlagen und angefangen, mehr zu essen. Es war eben ein schwerer Schlag gewesen, als er seine Eltern verloren hatte.

 

"Danke fürs Kochen, Kris", bedankte sich Rudy bei seinem Freund, der neben ihm am Tisch saß und es sich ebenfalls schmecken ließ. Er selbst hätte nicht gewusst, wie er die Kinder sonst verköstigt hätte, ein Lieferservice wäre teurer als die Einnahmen des Events gekommen. Es schmeckte wirklich lecker und auch nicht so fettig wie bei den Fastfoodläden.

"Nicht dafür, Rudy. Ich mache das gerne und wenn du weitere Events hast, kannst du auf mich zählen. Du weißt ja, dass ich keine festen Arbeitszeiten habe. Ich kann mich auch um den Einkauf kümmern, solange ich das Geld dann von dir wieder bekomme."

Begeistert nickte Rudy. Das würde alles einfacher machen, denn bisher hatte er sich noch nicht wirklich Gedanken deswegen gemacht. Und wo er schon so eine große Küche hatte. Er selbst konnte sich ja nicht aufteilen und in der Küche und bei den Kunden sein. "Sehr gern. Das würde alles einfacher machen und du kochst ja wirklich super lecker. Ich wüsste keinen Grund, das Angebot abzulehnen."

 

 

Als alle gesättigt und die Tische wieder leer waren, konnte es weiter gehen. Jeder holte sich seine Kugel, während Rudy die Farben, Pinsel und Glitzerstreuer auf den Tischen verteilte. "So... jetzt dürft ihr euch kreativ austoben. Ihr könnt ausmalen wie ihr wollt, auch gegen blaue Sonnen und grüne Kühe wird keiner etwas sagen. Wenn ihr den Glitzer mit verwenden wollt, malt erst die eine Stelle mit der Farbe aus und dann kommt direkt der Glitzer darüber. Aber immer nur Stück für Stück anmalen und den Glitzer verwenden, sonst habt ihr ihn überall und das wollt ihr vielleicht gar nicht." Rudy war zufrieden, dass alle Kinder ihm direkt zuhörten. Es schien wirklich langsam Spaß zu machen, da hatte er am Anfang noch Bedenken gehabt.

 

Es blieb nicht aus, dass die Kinder sich auch gegenseitig anmalten und mit Glitzer bestreuten. Er konnte Lucy jedoch beruhigen, die sich Sorgen wegen der Farben machte. Die ließen sich wieder leicht von der Haut und der Kleidung entfernen. Erst mit einem speziellen Klarlack - der später auf die fertigen Kugeln gesprüht wurde - wurden die Farben fixiert und konnten nicht mehr entfernt werden. Aber so waren Mütter eben, sie machten sich immer Sorgen. Auch seine Pflegeeltern machten sich beide Sorgen, was aber auch daran lag, dass so viel Entfernung zwischen ihnen lag und sie nicht mal eben vorbeikommen konnten, wenn etwas war. Aber es machte ein warmes Gefühl, tief in der Brust, wenn man wusste, dass sich jemand Sorgen um einen machte.

 

Rudy rotierte wie ein Brummkreisel zwischen all den Kindern hin und her. Überall wurde er gebraucht und die Kinder sahen ihn immer so bittend mit ihren großen Augen an, dass er gar nicht nein sagen konnte, aber es machte viel Spaß. Dass würde nicht das letzte Event dieser Art bleiben, denn Lucy versprach schon, dass sie ihn weiter empfehlen würde. Ein Doppelgeburtstag wäre noch nie so harmonisch verlaufen, meistens gab es Geschrei und Streiterei. "Du bist der Held jeder Geburtstagsparty."

Nur ganz kurz wurde Rudy, ob des Kompliments, rot, damit hatte er nicht gerechnet. Komplimente bekam er selten. Aber ihm war schon leichter ums Herz, dass es der Mutter gefiel, denn sie bezahlte schließlich für den Tag.

 

Schließlich waren die Kugeln fertig bemalt und mussten nur kurz trocknen, bevor er den Klarlack drüber sprühen konnte. Die Zeit nutzten sie, um die Geburtstagskuchen zu essen. Die Motivkuchen kamen sehr gut an. Für Nathalie gab es ein Schloss mit rosa Zuckerguss und Toby hatte ein Auto in den Farben grün und blau. Natürlich wurde Kris ausgiebig gelobt, als der sich zu ihnen setzte, so leckeres Essen gab es schließlich selten. Und Lucy kam gleich in die Verlegenheit erklären zu müssen, warum es das nicht immer geben konnte. Mutter zu sein war eben nicht so einfach.

 

Anschließend wurde noch der Klarlack über die Kugel gesprüht. Jetzt konnte nichts mehr passieren und die Kinder konnten sie zuhause stolz vorzeigen und aufhängen. Man sah schon, dass es Kinder gewesen waren, aber gerade das machte die Kugeln auch so liebenswert. Nur Rudy konnte sich das nicht leisten. Kein Erwachsener würde solche Kugeln kaufen, deswegen musste er Toby auch absagen, der fragte, ob er nicht bei ihm anfangen könne, auch wenn das süß bei einem 10-Jährigen war. Er versuchte wohl der Schule zu entkommen. Dabei war die Schulzeit die beste Zeit im Leben, denn man hatte noch nicht so einen Druck auf den Schultern.

 

Brav und gesittet verabschiedeten sich die Kinder schließlich von Rudy und bedankten sich auch für den schönen Tag. Zufriedene Kunden waren gute Kunden und solche, die wieder kamen. Tief durchatmend schloss Rudy die Tür schließlich hinter Lucy ab. Gut, dass der Tag vorbei war. Es war anstrengend gewesen, mit 20 Kindern, aber er bereute keine Minute! Er trat wieder in den Nebenraum, in dem Edward schon am Aufräumen war und sicherlich tat Kris dasselbe schon in der Küche. Er war zwar der Chef des Älteren, doch deswegen hieß es für Rudy nicht automatisch, dass er nicht auch helfen würde.

 

Ziemlich schnell waren sie fertig und halfen Kris in der Küche, da war etwas mehr zu tun. "Vielen Dank euch beiden, dass ihr mir geholfen habt. Ohne euch wäre das Ganze zum Scheitern verurteilt gewesen", bedankte sich Rudy überschwänglich. Er wusste ja, was sich gehört.

Edward lachte nur. "Wie du siehst, steht der Laden noch. Ich hab es auch so geschafft. Jederzeit wieder." Und der Älteste der Runde meinte dass genauso, wie er es gesagt hatte.

"Auf mich kannst du auch immer zählen, Rudy", pflichtete Kris bei. Das ließ sich mit seiner Arbeit schon irgendwie vereinbaren.




Advent [Laila]

 

17. Dezember

 

Der neue Morgen begann mit Unruhe im Palast, aber davon bekamen Loki und Thor nichts mit.

Schnell hatten die Wachen das Problem geklärt. Niemand, auch kein Zwerg oder Elf konnte einfach in den Palast eindringen. Die Wachen hatten den Elf schnell gestellt und zu Odin gebracht.

Wie sich heraus stellte, brachte das Wesen nur eine Nachricht für den Göttervater mit der Bitte um Frieden.

Freundlich nahm Odin diese entgegen bat dem Wesen etwas zu essen an.

 

17. Dezember

 

Guten Morgen mein Liebster,

 

ich  bin heute wieder vor dir wach und kann diese Zeilen an dich schreiben. Es macht mir einfach Spaß. Vor allem wenn du im Bett liegst und noch schläfst. Dieser Anblick erwärmt mein Herz.

Es tut gut und es ist so friedlich. So kann man einfach mal alles vergessen.

Unsere letzte Nacht war unglaublich, aber das muss ich dir ja nicht sagen.

 

Grund 17:

Deine Unsicherheit

Gestern fand ich es toll, dass du die Initiative ergreifst. Du hast einfach die Zutaten genommen und damit einen Teig hergestellt.

Heute sage ich, dass ich deine Unsicherheit liebe.

Vor allem wenn ich daran denke, wie wir uns das erste Mal geküsst haben. Du warst du schön schüchtern und wusstest nicht, was du tun solltest.

Wir hatten beide Angst, aber du warst der Ruhige zu Beginn unserer Beziehung.

 

In ewiger Liebe

Loki

 

Er hatte den Brief gerade fertig, als Thor erwachte und sich streckte.

„Guten Morgen Schatz“, grüßte Loki.

Geschmeidig trat er zum Bett und ließ sich darauf nieder.

Thor gähnte und zog seinen Schatz näher an sich. Sie krochen wieder zusammen unter die Decke und Loki schloss erneut die Augen.  Irgendwann war er wieder eingeschlafen.

Als er wieder erwachte, war Thor nicht mehr da, aber ein Jadestein lag auf dem Kopfkissen.

Der Lügengott knurrte und stand missmutig auf.

„Bist du wach? Ich wollte dich nicht morgen, Liebster.“

Thor trat näher. Er trug nichts als ein Handtuch am Leib.

Loki leckte sich die Lippen und wollte Thor näher ziehen. Aber dieser hielt ihn zurück.

„Odin möchte mit uns sprechen. Also los, raus aus den Federn.“

Nur sehr ungern kam Loki der Aufforderung nach und sprang unter die Dusche.

„Danke für den Jadestein. Er ist wunderschön“, dankte Loki.

Sein Grinsen war breit, als frisch gewaschen aus der Dusche kam und nach seinen Sachen griff. Er hasste es, sich am morgen so zu beeilen. Aber er hatte keine Wahl.

 

„Guten Morgen Kinder. Bitte, ich möchte mit euch reden.“

Odin deutete auf die Sitzgelegenheiten und ließ sich ebenfalls nieder. Sein Blick war klar, als er die beiden ansah.

„Ich möchte, dass ihr morgen zu den Elfen reist und ihnen ein Geschenk im Zeichen des Friedens bringt“, verkündete er sachlich.

Mehr brauchte er auch nicht sagen. Seine Kinder würden ohne Widerspruch gehorchen.

Und so war es auch. Auch wenn es beiden nicht gefiel.

„Natürlich Vater. Wir reiten zu ihnen“, erwiderte Thor.

Damit durften sie wegtreten.

 

„Na klasse. Auch noch zu den Elfen. Aber wir haben ja keine Wahl“, knurrte Loki.

Den Rest des Tages verbrachten sie zusammen mit Tyr und Baldur.




Wiedersehen auf Covendale [chaotizitaet]

14

Vor welch ein Problem ihn die Zusage, vorerst nicht zu verreisen, stellen würde, musste Josh schon zwei Tage später erkennen.

Die Atmosphäre auf Covendale war nach wie vor angespannt und die gegenseitigen Verdächtigungen machten es nicht leichter. Zu allem Überfluss sah es aus, als wäre es Catherine Dempsey gelungen, ihren Bruder und ihre Schwägerin davon zu überzeugen, dass es im Grunde nur er gewesen sein konnte, der die Spieldose gestohlen hatte. Und machte er sich nicht mit seiner Weigerung, seine Finanzen vor ihnen offenzulegen, verdächtigt? Schließlich wussten sie über die Barnes mehr als über Joshua Evans und die Barnes würden zu ihrer Familie gehören. David mochte zwar Rachel Hall als Familienmitglied betrachten, aber seine großzügige Geste, Josh gleichsam mit einzuschließen, stieß nicht bei allen auf die erhoffte Gegenliebe. Zudem – hatten die Barnes nicht bereits ein oder zwei Tage vor der Verlobungsfeier auf Covendale geweilt und die Spieldose war nicht abhanden gekommen? Und was war mit all den Besuchen davor? Nein, es blieb dabei, Joshua Evans war in ihren Augen der Verdächtige Nummer Eins. Dennoch versuchen die meisten Bewohner Covendales so gut es ging ihren alltäglichen Beschäftigungen nachzugehen, aber es war schwer.

Edward und Josh hatten sich wie üblich nach dem Frühstück in das Morgenzimmer zurückgezogen, doch nun war Edward nicht mehr der einzige, der seinen Laptop dort aufgebaut hatte. Fest entschlossen, seine Unschuld zu beweisen, hatte Josh begonnen, die Polizei, genau wie diese es vorgeschlagen hatte, bei der Online-Suche zu unterstützen und Edward hatte sich ihm ohne zu zögern angeschlossen.

Nebenbei rief Josh auch seine E-Mails ab und als er die neuste Nachricht in seinem Posteingang sah, konnte er ein lautes Fluchen nicht unterdrücken. Einerseits war es die Nachricht, auf die er schon seit ein paar Wochen wartete, andererseits enthielt sie einen Punkt, der ihn in seiner derzeitigen Gemütsverfassung nur noch mehr aufbrachte. Und so musste er seiner Frustration einfach ihren Lauf lassen, auch wenn das sonst nicht seine Art war.

„Was ist?“, fragte Edward entsprechend überrascht und blickte zu ihm hinüber.

Die Frage wurde gleich darauf von nicht weniger als drei weiteren Personen wiederholt, hatte Joshs Fluchen doch auch alle, die gerade in der Nähe waren, auf den Plan gerufen. Rachel fragte besorgt „Ist jemand verletzt?“, während Catherine Dempsey ihrem Bruder in einem dennoch deutlich vernehmbaren Ton zuflüsterte: „Offenbar hat jemand soeben entdeckt, dass die Polizei eine gewisse Online-Auktion gestoppt hat.“

Entgeistert starrte Edward seine Tante an, vermochte aber seinen Ohren nicht zu trauen, als sein Vater auf diesen Vorwurf hin kein Wort des Widerspruchs verlauten ließ. Er war so überrascht, dass er seinerseits zu keinem Einwand fähig war, doch das traf so nicht auf Rachel Hall zu. Nachdem sie gesehen hatte, dass alle zumindest körperlich unversehrt waren, entlud sich nun ihre aufgestaute Anspannung an den Seniormitgliedern der Richards-Familie. „Wie bitte? Sie haben ja Nerven! Von Anfang an haben Sie versucht den Verdacht auf Josh zu lenken, haben versucht ihn bei der Polizei anzuschwärzen und Davids eigene Bemühungen behindert und tun auch jetzt keinen Handschlag, um der Polizei bei der Suche nach der Spieldose zu helfen. Stattdessen versprühen Sie weiter Ihr Gift als sei es die alleingültige Wahrheit und Sie mit Ihren Theorien der Heilsbringer in Person, während Sie nicht viel besser sind als ein mittelmäßiger Radikaler, der seine Propaganda unter dem Volk ausstreut. Einem äußert leichtgläubigen Volk, wie es scheint.“ Hier blickte sie Arthur Richards direkt ins Gesicht, doch dieser schaffte es nicht, den Blick zu erwidern. „So langsam glaube ich fast, dass Sie es waren, die die Spieldose geklaut hat. Überlegen wir doch einfach mal, wer mehr zur Aufklärung der Sache beigetragen hat, Josh oder Sie? Wie viel haben Sie überhaupt dazu beigetragen? Soweit ich es sehen kann, haben Sie nur alles Erdenkliche getan, um die Ermittlungen zu behindern!“

Rachels feurige Worte weckten auch Edward aus seiner Starre. „Vater? Vielleicht wäre es besser, du und Tante Catherine gingen in den Salon. Sollte Joshs Ausbruch etwas mit dem Diebstahl zu tun haben, werde ich David davon in Kenntnis setzen. Es sei denn natürlich, du vertraust deinem eigenen Sohn nicht mehr und befürchtest, er könnte sich auf die Seite des ‚Feindes‘ schlagen.“

Es brach Edward fast das Herz zu sehen, dass sein Vater mit sich selbst in Zwiespalt zu liegen schien, und dass da ein Zögern war. Doch schließlich obsiegte bei Arthur Richards die Vernunft. Ein Blick auf Rachel Hall, der er ansah, dass sie ihren Neffen wie eine Löwin ihr Junges verteidigen würde, ließ ihn wissen, dass, sollte seine Schwester noch länger im Morgenzimmer sein, es nicht bei Worten bleiben würde.

„Rachel, es tut mir leid“, sagte Edward, als es nur noch sie drei in dem kleinen Zimmer waren.

„Oh, Edward, es ist nicht an Ihnen sich zu entschuldigen. Sie haben nicht diese hässlichen Dinge gesagt, sondern Ihre Tante. Und Sie haben auch nicht den Eindruck erweckt, als würden Sie die Ansichten von Catherine Dempsey teilen. Das war Ihr Vater.“ Nun, da die Konfrontation fürs Erste vorüber war und das Adrenalin langsam abflaute, lag Trauer in ihrer Stimme. „Gerade von Ihrem Vater hätte ich etwas mehr Objektivität erwartet.“

„Ich auch“, gestand Edward. „Die Ansichten meiner Tante weichen eigentlich nicht allzu sehr von ihren üblichen Ansichten ab, auch wenn es jetzt umso offenkundiger ist, wie unangemessen und unerträglich diese sind, wenn sie sich wie im Moment ständig nur gegen eine Person richten. Sie hatten durchaus recht, meine Tante mit einem Radikalen zu vergleichen.“

„Und doch duldet Ihre Familie ein solches Verhalten. Ich verstehe Familienzusammenhalt, das tue ich durchaus. Aber das übersteigt allmählich alles, was man ein gesundes Maß nennen könnte. Und wenn das so weiter geht – ich weiß nicht, ob ich dann noch länger für die Familie arbeiten kann.“

Edward erschrak bei diesen Worten fast noch mehr, als bei der Erkenntnis, dass sein Vater offenbar Tante Catherine und ihren wilden Theorien Glauben schenkte. Rachel Hall arbeitete seit etwa dreißig Jahren für die Stiftung und hatte in all den Jahren die Eigenheiten der verschiedenen Familienmitglieder mit einer gleichbleibenden Ruhe und Geduld ertragen, dass es ihm schwer fiel sich ein Covendale ohne sie vorzustellen. Aber er konnte auch verstehen, dass seine Familie mit ihrem derzeitigen Verhalten wirklich alles unternahm, um diese treue Seele zu vertreiben. Und er wusste nur zu gut, welch schwerer Schlag es für Covendale wäre, wenn Rachel sie tatsächlich verließ. Gewiss, kein Mensch war unersetzlich, aber jeder Ersatz in dieser Situation wäre minderwertig.

Rachels Aussage führte Edward auch deutlicher als alles andere vor Augen, dass es, ungeachtet der momentanen Situation, mit seiner Familie so nicht weitergehen konnte. Zu lange hatten sie um des Familienfriedens willen Tante Catherines Art toleriert und ihr nur dann widersprochen, wenn es gar nicht anders ging. Und selbst dann war dies auf eine Art geschehen, die mit Kompromissen behaftet war, um ihr stets das Gefühl zu geben, dass man sie und ihre Meinung trotz allem respektierte. Aber was war das für ein Respekt, wenn er nicht erwidert wurde? Und wo blieb da der Respekt vor sich selbst und den eigenen Ansichten? Edward erkannte, dass zumindest er sich nicht länger würde selbst respektieren können, wenn er in dieser Angelegenheit den in der Familie üblichen Weg einschlug. Und wenn er sich nicht mehr selbst respektieren konnte, wie konnte er dann andere Menschen respektieren oder erwarten, dass diese ihn respektierten? Nein! Wenn es hart auf hart kam, würde er, so sehr es ihn auch schmerzen würde, sich offen gegen seine Tante und seine Eltern stellen.

Doch zunächst galt es erst einmal Rachel davon abzuhalten, im Affekt David ihre Kündigung auf den Schreibtisch zu knallen. „Rachel, bitte handeln Sie nicht überstürzt“, sagte er daher. „Ich bin auf Ihrer Seite, das was sich hier derzeit abspielt, ist wirklich nicht mehr zumutbar. Aber ich denke, so schlimm die Situation im Moment auch ist, so ist es vielleicht genau das, was die Familie braucht, um über sich hinaus zu wachsen, schlechte Angewohnheiten zu überwinden und hinterher eine bessere Familie Richards zu sein. Sie haben mit dieser Familie schon so vieles durchgemacht – den Tod meiner Tante nach der Geburt der Zwillinge, den Tod von Onkel Charles… Und glauben Sie mir, ohne Sie wäre David die Übernahme der Stiftungsleitung längst nicht so gut gelungen. Geben Sie der Familie eine Chance, Ihnen zu beweisen, dass wir Ihrer Wert sind.“

Er konnte sehen, dass sie sich von seinem Worten zwar geschmeichelt fühlte, aber noch nicht ganz überzeugt war. „Außerdem, überlegen Sie doch, dass Sie, wenn Sie bleiben, in einer viel besseren Position sind, um Tante Catherines Attacken sofort Paroli zu bieten und Josh zu schützen. Wir beide wissen, dass Josh nie stehlen würde. Aber wir wissen auch, wozu Tante Catherine fähig ist. Im Moment traue ich ihr sogar zu, dass sollte die Spieldose weiterhin verschwunden bleiben, sie Beweise fingiert… etwa indem sie eine zweite Spieldose oder ähnliche Antiquität in Joshs Zimmer platziert und dann es auch sie ist, die das Verschwinden bemerkt und bei David anzeigt.“

„Das würde sie nicht wagen!“, entfuhr es Rachel.

„Noch nicht. Aber wenn in ein oder zwei Wochen die Situation unverändert ist und es ihr auch nicht gelingt, Josh aus Covendale zu vertreiben…“

„Ich verstehe immer noch nicht, wieso sie so auf Josh fixiert ist.“

Edward lächelte reumütig. „Weil Joshs Anwesenheit bedeutet, dass sie nicht länger leugnen kann, dass ich schwul bin. Nicht nur, weil uns eine gemeinsame Vergangenheit verbindet und auch nicht nur, weil wir aktuell gerne Zeit miteinander verbringen. Nein, es könnte auch jeder andere Homosexuelle sein, der hier auf Covendale weilt, der Tante Catherine zwingen würde, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Das mag auch mit ein Grund sein, weshalb mein Vater für ihr Gift empfänglich scheint. Auch er will meine sexuelle Orientierung nicht wahr haben.“

Darüber konnte Rachel nur den Kopf schütteln. Aber sie konnte nicht leugnen, dass seine Argumente durchaus Hand und Fuß hatten und zu dem Charakter der beiden angesprochenen Richards passten. „Also gut, ich werde bleiben. Vorerst. Auch weil es David gegenüber nicht fair wäre, ihn so kurz vor Weihnachten bei einem vollen Haus im Stich zu lassen. Aber sollte sich die Einstellung gewisser Familienmitglieder bis Davids Hochzeit nicht spürbar geändert haben, dann garantiere ich für nichts.“

Edward atmete bei diesen Worten auf. Er hatte schon befürchtet, nur bis Weihnachten Zeit zu haben, seine Familie von ihren Irrwegen abzubringen, was einem Ding der Unmöglichkeit gleich kam. Selbst das Frühjahr schien in Anbetracht der Persönlichkeiten, mit denen er es zu tun haben würde, noch allzu bald, aber es bot immerhin eine Chance. „Ich danke Ihnen. Und ich verspreche, dass ich gleich heute noch mit David reden werde. Er ist das Familienoberhaupt. Und auch wenn es ihn in gewisser Weise ehrt, dass er der älteren Generation einen solchen Respekt entgegenbringt, kann es so nicht weitergehen.“

Rachel nickte. Es war besser, wenn ihr Arbeitgeber von einem Familienmitglied die bittere Wahrheit erfuhr.

Erst jetzt fiel ihnen auf, dass Josh sich während der Konfrontation und dem darauf folgenden Gespräch beängstigend still verhalten hatte, was so gänzlich im Widerspruch mit seinem Ausbruch kurz zuvor stand, bedachte man doch, dass es eben jener Ausbruch gewesen war, der die Protagonisten der Konfrontation erst auf den Plan gerufen hatte. Ein Blick hinüber zu diesem, offenbarte, dass Josh ganz in seinen eigenen Gedanken gefangen auf den Bildschirm des Laptops starrte. Was auch immer den Ausbruch hervorgerufen hatte, musste von größter Bedeutung sein.

„Josh?“, sprach Edward ihn an, doch dieser reagierte nicht.

Besorgt durchschritt Rachel das Zimmer und berührte ihren Neffen sacht an der Schulter.

Josh zuckte zusammen und sah seine Tante verwirrt an.

„Was ist los? Du warst ja meilenweit weg“, sagte sie ruhig.

„Und das, wo du vorhin noch lautstark geflucht hast“, fügte Edward hinzu.

Josh schüttelte kurz den Kopf als wollte er die restlichen Spinnweben aus seinem Geist vertreiben, doch ein etwas verlorener Ausdruck blieb immer noch in seinen Augen zurück. „Toms Testament… Er hat mich nicht vergessen. Aber die Band will es anfechten. Und ich kann hier nicht weg.“

„Was?“ Empörung und auch Verwirrung schwang sowohl in Edwards als auch in Rachels Stimme mit, doch es war Rachel, die sich zuerst fasste.

„Bist du dir sicher?“, fragte sie ihren Neffen. „Du hast mir doch erzählt, dass alle Bandmitglieder ähnliche Testamente haben. Dass sie gegenseitig die Testamente bezeugt haben. Sie wussten also, dass Tom dir die Rechte und Einnahmen an den beiden Songs vermacht hat.“

Josh nickte. Er hatte seiner Tante davon erzählt, als sie gefragt hatte, wie es für  ihn nun weitergehen würde, und ob er finanzielle Unterstützung brauchte. „Deswegen kann ich es ja auch nicht verstehen. Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, wann Hagen sich bei mir wegen der Testamentseröffnung meldet. Aber nun wünschte ich, er hätte es nicht getan. Ich wünschte wirklich, ich könnte in den nächsten Flieger steigen und die Sache vor Ort klären.“

Edward war inzwischen hinter Josh getreten und warf über dessen Schulter hinweg einen Blick auf den Bildschirm. Er überflog den Text der E-Mail und auf den ersten Blick schien es tatsächlich so, wie Josh sagte. Doch dann fiel ihm ein entscheidendes Detail auf. „Josh, da steht, dass Pete Halen das Testament anfechten will und nicht die Band.“

„Aber Pete ist der Bandmanager. Also läuft das auf das gleiche hinaus.“

Dem konnte Edward nicht ganz zustimmen. „Erinnerst du dich unser erstes Gespräch im Park, über Dan Brown?“

Josh nickte, verstand aber nicht sofort, worauf Edward hinaus wollte.

„Wir waren uns einig, dass Pete alle Voraussetzungen für einen Janus hat. Was, wenn er der Band irgendwas ganz Krummes erzählt? Oder das Testament anficht, ohne es mit der Band abgesprochen zu haben? Und einfach ausnutzt, dass du derzeit am anderen Ende der Welt bist und eben nicht sofort alles vor Ort klären kannst?“

Inzwischen hatte auch Rachel einen Blick auf die Nachricht geworfen. „Josh, und wenn du mit dem Anwalt redest? Immerhin hat er dich sofort informiert, weshalb es zu der Verzögerung mit der Testamentseröffnung kommt. Stattdessen hätte er dich ja auch einfach weiter warten lassen können und erst wenn die ganzen Formalitäten der Anfechtung abgewickelt sind, informieren können.“

„Ich bin eher dafür, dass du mit der Band spricht“, meinte Edward. „Denn je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr kann ich nicht glauben, dass dieser Manager mit dem Einverständnis der Band handelt.“

„Hm… vielleicht hast du Recht und Pete… aber wieso kriegt die Band davon nichts mit?“, fragte Josh, der immer noch reichlich niedergeschmettert war.

„Frag sie“, erwiderte Edward nur.

„Und wie? Wenn ich jetzt in ein Flugzeug steige, dann setzt Catherine Dempsey doch alles daran, es als indirektes Schuldeingeständnis auszulegen. Und ohne meine Anwesenheit, wer weiß, ob es ihr dann nicht gelingt, bei der Polizei jemanden zu finden, der ihren Anschuldigungen glaubt. Und am Ende kann ich dann zwar in Sacramento alles klären, aber wenn ich hierher zurückkomme, steige ich in London aus dem Flugzeug, nur um gleich verhaftet zu werden.“ Das war zwar etwas übertrieben, aber er hatte insofern Recht, als er mit seiner ständigen Anwesenheit in Covendale zumindest Mrs. Demspeys Intrigen ein wenig eindämmte. Einfach, weil er mit seiner Anwesenheit dafür sorgte, dass zumindest Edward und David nicht zulassen würden, dass sie ihr Gift außerhalb der Familie verbreitete und so einen Gast Covendales in den Dreck zog.

„Wer sagt denn, dass du extra nach Sacramento fliegen musst, um mit der Band zu sprechen?“, meinte Edward nur. „Wir leben in einem modernen Zeitalter. Dir stehen alle Mittel der Telekommunikation zur Verfügung. Und erzähle mir jetzt nicht, dass du keine Telefonnummern von den einzelnen Mitgliedern hast, oder keine E-Mail-Adressen oder Skype-Kontaktnamen.“

Joshs Blick klärte sich bei diesen Worten und er schüttelte über sich selbst den Kopf. Wie hatte er nur das Offensichtliche übersehen können? Er atmete einmal tief durch, dann richtete er sich auf. „Danke!“, sagte er und blickte seine Tante und Edward an. „Ich habe tatsächlich den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen.“