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18. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

18 - Ab 10 Nasen wird es schon schwierig oder "Wir sind dankbar, endlich zu dritt zu sein."

Donnerstag, 26. November 2015 - Thanksgiving - House of Orbs

 

Unsicher blickte die Rothaarige auf die Einladungskarte und dann wieder auf das Gebäude. Und das sollte stimmen? Das war ein Laden für Glaskugeln und wieso sollten sie hier Thanksgiving feiern? Da musste etwas mit der Einladung falsch sein. Fragend wandte sie sich ihren Eltern zu, die etwa fünf Meter hinter ihr händchenhaltend liefen. Die Rothaarige verdrehte ihre Augen. Was mussten sich ihre Eltern auch so aufführen? Es war ja nicht so, als wären sie nicht über 35 Jahre verheiratet. "Sind wir hier richtig, Dad? Ich hab so meine Zweifel." Da erlaubte sich sicherlich jemand einen dummen Spaß mit ihnen.

 

Robin lachte. Manchmal konnte man wirklich nicht glauben, dass seine Tochter schon 32 war, so kindisch, wie sie sich teilweise verhielt. Von ihm hatte sie das zumindest nicht. "Wir sind richtig, Schatz. Wir sind nur zu viele, so dass die Küche und auch der Tisch etwas grösser sein müssen. Es hat alles seine Richtigkeit. Einfach die Tür zum <<House of Orbs>> öffnen."

 

Er war überrascht gewesen, ob der Einladung, die er von Rudy bekommen hatte. Da aber weder er noch seine Frau Familie hatten, um zu feiern, hatten sie zugesagt. Und sein Vater würde eh hier sein, denn wo Granny war, da war auch Albert. Und er mochte die Anderen, die kamen, sie hatten schon an Halloween viel Spaß gehabt. Wieso sollte es jetzt anders sein? Natürlich hatte er Rudy gesagt, dass sie zu dritt kommen würden, immerhin musste der ja einkaufen und alles vorbereiten.

 

Rosalie schien dem Ganzen nicht zu trauen, denn es war Robin, der die Tür selbst öffnete, als sie ankamen. "Sind schon alle da und ich kann abschließen?", wollte der Statiker laut wissen und drehte schließlich den Schlüssel, als aus dem Nebenraum eine positive Bestätigung kam. Sie waren die Letzten, weil sein gediegenes Töchterchen mal wieder so lang zum Anpinseln gebraucht hatte. Aber er sagte das der rothaarigen Furie lieber nicht, denn sonst nahm sie ihm das übel. Und der Haussegen musste ja nicht wirklich schief bei ihnen hängen. Es reichte schon, dass seine Tochter immer noch bei ihnen wohnte. Hotel Mama war wohl zu bequem.

 

Sie liefen durch den Laden und standen im neuen Teil. Hier war Robin auch zum ersten Mal und es gefiel ihm. Er hatte zwar die Zeichnungen gesehen, aber umgesetzt sah es nochmal ganz anders aus. Und er war wirklich begeistert, was Rudy aus dem alten Restaurant gemacht hatte. Hier war alles hell und freundlich, kein Vergleich zu den gedrungenen Räumen davor. Hier fühlte man sich wohl. "Guten Abend allerseits", wünschte Robin und besah sich die Anwesenden. Jeden kannte er, also keine Überraschungen. Jetzt hieß es, seine Frau und seine Tochter den Anderen vorzustellen. Hoffentlich benahm sich Rosalie auch und blamierte ihn nicht, sonst konnte er sich nie wieder in der Runde blicken lassen. Erst einmal Rudy. Wo war das Energiebündel?

 

In dem Moment ging die Schwingtür der Küche und Rudy kam mit zwei Schüsseln heraus. "Hey Robin", strahlte er erfreut. Sie alle waren seiner Einladung nachgekommen, das war schön. Auch Noah und Cora, obwohl sie noch Verwandtschaft an der Westküste hatten, die sie hätten besuchen können. Sie hatten ihm zugesagt und das machte ihn glücklich. In den letzten Jahren hatte er meistens mit Granny zusammen gegessen, denn ihr Neffe hatte nicht immer gekonnt. Und der Weg zu seinen Pflegeeltern war zu weit, vor allem für nur einem Tag. Schnell stellte er die dampfenden Schüsseln auf den Tisch und trat zu der kleinen Familie. "Ich bin Rudy. Freut mich sehr, dass ihr alle hier seid", erklärte er und reichte jedem die Hand. "Setzt euch doch schon mal an den Tisch, wir bringen noch den Rest und dann machen wir die Vorstellungsrunde noch fertig."

 

Es dauerte etwas, bis alle passend saßen. Dass es bei 10 Leuten auch so schwierig sein musste, hatte Rudy nicht erwartet. Eine Weile verging auch noch mal, bis alle vorgestellt und deren Verwandtschaftsverhältnisse erläutert waren. Viel mehr durfte ihre Gruppe aber auch nicht mehr wachsen, sonst konnte man sich die ganzen Informationen nie merken. Aber das Jahr war auch so schon turbulent genug gewesen, da würde es Rudy gar nicht wundern, wenn er noch mehr Bekanntschaften machen würde. Und das, wo er all die Jahre früher, von seinen Bekannten abgesehen, niemanden kennen gelernt hatte. Da hatte erst ein blondes Energiebündel in sein Leben stolpern müssen.

 

Kris erhob sich schließlich, denn er hatte als Hauptkoch die Ehre, den Truthahn anzuschneiden. Rudy hatte auch mitgeholfen, aber an den Vogel hatte er sich nicht getraut. Das war ihm noch zu heikel. "Ich hoffe, es ist für jeden etwas dabei und dass keiner hungrig gehen muss." Das war Rudys größte Sorge. Während sein Nachbar also den Vogel anschnitt, kümmerte er sich um die Getränkewünsche seiner Gäste. Immerhin war er der Gastgeber und er wollte ja, dass sich seine Freunde wohl fühlten.

 

"Hast du schon ein Event gehabt, Rudy?", wollte Robin dann neugierig wissen, schließlich wäre es wirklich schade, wenn sich der Jüngere die ganze Mühe gemacht hätte und niemand das Angebot wahrnahm. Dann wäre ja die ganze Arbeit sinnlos gewesen.

"Ja. Ein Zwillingsgeburtstag vor 16 Tagen. Die 20 Knirpse hatten Spaß. Ich habe kaum vor malen müssen, alle wollten das selbst machen und waren dann natürlich sehr stolz. Auch ihre Mutter war begeistert und hat versprochen, Werbung für mich zu machen. Vielleicht schalte ich auch eine Anzeige oder etwas in der Richtung", erwiderte Rudy. So genau hatte er sich darüber keine Gedanken gemacht. Pläne schienen eh nie so zu funktionieren, wie man sich das erhoffte, da ließ er lieber alles auf sich zu kommen. Bisher hatte es ihm nur Gutes gebracht.

 

"Das… das ist dein Laden?", wollte Rosalie überrascht wissen und blickte sich um. Ziemlich schnell wechselte ihr Blick zu bewundernd und der berechnende Blick, den sie Rudy als nächstes schenkte, ließ ihn erschauern. Wurde er hier gerade zur Beute abgestempelt? Vor ihr musste er sich in Acht nehmen. Sie schienen auch noch im selben Alter zu sein und ganz ehrlich, er wollte nicht nur aus niederen Motiven eine Beziehung oder gar heiraten. Wenn, dann wollte er mal aus Liebe heiraten, aber das konnte er sich wohl abschminken. Bei seinem Angebeteten war er immer noch kein Schritt weiter und Rudy war nicht so selbstbewusst, als dass er sich Kris einfach schnappen und zu Boden knutschen könnte. Am Ende fing er sich noch eine.

Aus den Augenwinkeln beobachtet er Kris und erst ein beleidigtes: "Aua", ließ ihn den Kopf wieder drehen. Gerade schnellte Rosalies Hand zu ihrem Hinterkopf, offenbar hatte sie von Robin eine Kopfnuss bekommen.

 

"Benimm dich, junge Dame", knurrte der Statiker. Er hatte ihren Blick genau gesehen. So gern er sein einziges Kind auch hatte, er würde es nicht zulassen, dass sie einen Freund verletzte.

"Ich kann sicherlich auch ein bisschen Werbung für dich machen. Wenn du mir ein paar deiner Visitenkarten mitgibst, schau ich mal, was sich machen lässt. Du kannst mir auch Flyer mitgeben, wenn du welche hast." Der Jüngere war erst einmal wichtig. Familieninterna konnte man auch zuhause regeln, wenn es keiner mitbekam und man Gefahr lief, in einem schlechten Licht dazustehen.

 

Ja, das war eine gute Idee. Er würde Werbung machen. Freunden half man immer und da Rudy irgendwie zu Granny gehörte und die - wenn er sich das turtelnde Paar so betrachtete - gute Chancen hatte, seine Stiefmutter zu werden, gehörte der junge Mann damit quasi zur Familie.

 

Edward warf sich lieber auch mal in die Schusslinie. Ihm hatte der Blick der Rothaarige gar nicht gefallen. "Klar, ich gebe dir nachher welche mit. Erinnere mich nochmal, Robin. Für die Flyer muss ich meinen Chef erst noch etwas bearbeiten. Bisher haben wir keine." Frech grinste er den Jüngeren an, denn er wusste genau, wie wenig der die Bezeichnung Chef mochte. Rudy erklärte dann nämlich immer, dass sie Freunde waren und zusammenarbeiteten. Dass sie beide gleichberechtigt im Laden waren, auch wenn nur er als Besitzer eingeschrieben wäre. Und Edward wurde nicht enttäuscht.

 

Natürlich spielte Kris ihm so richtig schön in die Hände, denn der legte einen Arm um Rudys Schultern und zog ihn an sich. Mit seiner freien Hand pikste er ihm in die Wange und erklärte breit grinsend: "Hab dich nicht so, Rudy. Wir haben dich alle ganz doll lieb und keiner meint es böse. Wir ärgern dich einfach gern, weil du so niedlich aussiehst, wenn du dich darüber aufregst." Edward nickte selbstgefällig, besonders, als Rudy auch noch rot anlief. Perfekt, das wies die Schnepfe sicherlich in ihre Schranken. So gern Edward Robin auch hatte und seine Frau einen sympathischen Eindruck machte, so wenig mochte er dessen Tochter und er würde den Jüngeren beschützen. Rudy hatte etwas an sich, dass es einem unmöglich machte, ihn nicht zu mögen.

 

Nur gut, dass grad alle Augen auf dem roten Rudy lagen, so bemerkte wenigstens keiner, dass er selbst auch rot geworden war. Was Kris geritten hatte, zu sagen, dass der Jüngere süß war, wusste er auch nicht. Das musste ein Anflug von geistiger Umnachtung sein! Fing Alzheimer schon so früh an? Welcher Mann sagte schon niedlich zu einem anderen? Nur gut, dass sein Nachbar nichts sagte. Es reichte ihm schon, dass Granny ihm einen wissenden Blick und ein Lächeln schenkte. Mütter waren doch alle gleich. Sie bekamen immer das mit, was sie nicht sollten. Blieb nur zu hoffen, dass sie jetzt oder später nichts sagte, denn das wollte er selbst mit Rudy ausmachen. Sobald er den Mut fand und den Jüngeren nach seinen Vorlieben fragte.

 

Jetzt jedoch ging es erst einmal um das Essen, bevor der Truthahn noch kalt wurde, also widmete er sich wieder der Aufgabe, ihn anzuschneiden. "Rudy, gibst du mir deinen Teller?" Abwartend blickte er ihn an. Immerhin war das hier dessen Einladung und damit gebührte ihm das erste Stück.

 

Schnell hatte jeder ein Stück Fleisch auf dem Teller und der Rest des Vogels wanderte auf eine Warmhalteplatte an der Seite. Es gab noch genug, so dass jeder sich nachnehmen konnte. Schließlich deckte sich noch jeder mit Beilagen ein.

 

Gerade als die Ersten mit Essen beginnen wollten, erhob sich Rudy. Nur zu deutlich spürte er die verwirrten Blickte auf sich, doch bei seinen Pflegeeltern war das Brauch gewesen und auch Granny kannte das schon, denn sie lächelte nur. Sie fand das durchaus einen schönen Brauch und sie wäre enttäuscht gewesen, wenn Rudy diesmal darauf verzichtet hätte.

 

"Ich... na ja... ich weiß nicht, ob ihr mit dem Brauch vertraut seid, aber meine Pflegeeltern haben das jedes Thanksgiving gemacht und ich will es eigentlich beibehalten", erklärte Rudy nervös und zuckte mit den Schultern. Seine Freunde mussten das ja nicht machen, aber er wollte das loswerden. Unbedingt sogar.

 

Verwundert blickte Rudy nach links, als er eine Hand spürte, die seine umschloss. Das war Granny, die ihm Mut machen wollte. Ein liebevolles Lächeln erschien auf seinen Lippen, bevor er sich wieder den anderen zuwandte. "Es muss sich niemand verpflichtet fühlen!" Das musste noch mal gesagt werden. Tief atmete er noch einmal durch und machte sich selbst Mut. "Ich bin dankbar, dass ich dieses Jahr so viele neue tolle Freunde kennengelernt habe und dass mein neuer Nachbar mein Leben gehörig auf den Kopf stellt." Granny lachte und erhob sich gleichzeitig, während sich Rudy wieder setzte. "Ich bin dankbar, dass mir das Schicksal Al an meine Seite gestellt hat." Verliebt lächelte sie ihren Freund an und hörte nur zu deutlich das entzückte Seufzen ihres ehemaligen Nachbarn. Die Beiden waren eindeutig mit Blindheit geschlagen, aber das mussten sie selbst unter sich ausmachen.

 

Albert war dann auch der Nächste, der sich erhob und sich für seine zweite Liebe bedankte, von der er nie angenommen hatte, sie noch mal zu erleben. Ja, die Beiden waren wie für einander gemacht. Noah und Cora berieten sich kurz, bevor sie schließlich aufstand und ihre Hände auf ihren Bauch legte. "Wir sind dankbar, endlich zu dritt zu sein." Es dauerte einen Moment, bis jeder verstand und dann ging das Gratulieren los. Nachwuchs war immer etwas Schönes, an dem man noch lange Freude hatte.

 

Edward bedankte sich für die neuen Freunde und die Chance, noch mal arbeiten zu dürfen. Das war in seinem Alter ja nicht selbstverständlich und es machte ihm großen Spaß. Aber wenn er sich das so bedachte, machte das Schicksal bestimmt gerade Überstunden, denn ohne das Treffen auf Alcatraz hätte Rudy ihn wohl niemals genommen.

 

Robin war der nächste, der in Namen seiner Familie aufstand. Er bedankte sich aus ganzem Herzen, dass seine Familie gesund war. Man musste auch für kleine Dinge dankbar sein und zum Glück war ihnen bis jetzt noch nichts Schlimmes widerfahren. Das sollte bitte so bleiben und wenn er das mit diesem Brauch gewährleistete konnte, dann würde er das tun.

 

Kris war der Letzte, der sich erhob. So ganz sicher war er immer noch nicht, was er sagen sollte. Vermutlich würde alles seine Gefühle für Rudy entlarven und ihm hing viel an dieser Freundschaft. Vermutlich auch deswegen, weil es wohl nie mehr werden würde. "Ich bin dankbar, dass Rudy in mein Leben getreten ist und mir den Mad Hatter und den March Hare gezeigt hat." Frech grinste er den Jüngeren an, der wusste schon, auf was er anspielte. Er schwieg, obwohl er die neugierigen Blicke durchaus auf sich spüren konnte. Die Meute musste nicht alles wissen. Sie wünschten sich alle einen Guten Appetit und begannen zu essen.

 

Es gab viele Lobbekundungen an die Küche. Es war ja auch alles lecker und besonders der Vogel war schön zart. Cora und auch Anita wollten unbedingt das Geheimnis von Kris wissen, doch der schwieg Eisern. Ein paar Geheimnisse musste Mann auch haben. Zum Nachtisch tischte der Blonde schließlich noch frischen Apple Pie und Pumpkin Pie auf. Es sollte ihnen schließlich niemand nachsagen, dass sie hungrig hatten gehen müssen. Das war immerhin der Super-GAU für jeden Gastgeber. Und auch Rosalie hielt sich dankbarerweise zurück. Ob sie wirklich verstanden hatte oder nur etwas Neues plante, war allerdings nicht abzusehen. Sie würden sehen und ohne sich abzusprechen, beschlossen Edward und Robin, dass sie den Jüngeren nicht aus den Augen lassen und ihn schützen würden. Er war ihnen ein lieb gewordener Freund und das würden sie sich sicherlich nicht kaputt machen lassen.

 

Auch Kris hegte ähnliche Gedanken. Bei ihm gingen sie jedoch weiter und er versprach sich selbst, langsam in den Angriff überzugehen. Er musste herausfinden, woran er war, bevor es zu spät war. Es gab ja nicht nur Rosalie, die ein Auge auf Rudy werfen konnte. Doch sich etwas vornehmen und es dann auch umsetzten waren zwei verschiedene Dinge.




Advent [Laila]

 

18. Dezember

 

Am nächsten Morgen standen sie noch vor Sonnenaufgang auf und mochten sich fertig. Die Reise zu den Elfen dauerte gute vier Stunden, wenn sie gut vorwärts kamen.

Missmutig zerrte Loki an seinen Sachen. Er hatte keine Lust, diese Aufgabe zu erfüllen. Zwar konnte er von den Elfen lernen, aber dennoch widerstrebte es ihm, dort hin zu reiten.

„Wir machen einfach das Beste daraus. Außerdem sind wir zusammen“, meinte Thor.

Er war in ein dickes Fell gehüllt wegen die Kälte.

Seinen Liebsten störte diese nicht.

Loki knurrte nur, schnappte sich den Kristall, denn ihn Thor heute geschenkt hatte und verließ das Zimmer.

 

18. Dezember

 

Guten Morgen mein Liebster,

heute beginnt nun unsere Reise zu den Elfen. Du weist, dass ich dort nicht hin möchte, auch wenn sie im Grunde ein weißes Volk sind.

Ich hätte lieber den Tag mit dir im Palast verbracht, aber wir haben ja keine Wahl.

Du siehst, heute bin ich missmutig.

 

Grund 18:

Deine Nase

Ich habe es gestern wieder gesehen, als wir bei Vater waren. Nachdem er uns den Befehl nannte, hast du sie so süß gekräuselt. Ich habe das schon öfters beobachten dürfen und fand es immer wieder süß.

Manchmal würde ich mir wünschen, die würdest dich öfters im Spiegel betrachten. Oder du könntest das sehen, was ich in dir sehe.

Ich muss dir nicht sagen, dass ich deine Nase passend zu deinem Gesicht finde. An dir ist alles perfekt proportioniert.

Dennoch finde ich es süß.

 

In ewiger Liebe

Loki

 

Da er heute nicht so viel Zeit zum schreiben hatte, fiel der Brief kürzer aus, als sonst.

 

Ihr Ritt verlief ruhig. Niemand kam ihnen entgegen und das Wetter wurde zum Glück auch nicht schlechter. Nur Lokis Laune sank.

Zwar fühlte er sich auf Drengurs Rücken frei, aber dennoch wollte er zurück.

Thor ritt neben ihm und stupste ihn immer mal an.

„Ach Schatz, komm schon. Alles wird gut. Wir bringen das hinter uns und dann geht’s heim. Am besten ein schönes Bad mit dir“, sinnierte der Gott.

Loki warf ihm nur einen Blick zu und nickte.

Am Hofe des Elfenkönigs durften sie ihr Geschenk abgeben und mussten in der großen Halle warten.  Man brachte ihnen heißen Tee und Gebäck.

Mit verschränkten Armen stand Loki am Fenster und sah nach draußen. Neben ihm stand Thor und aß die Kekse. Sie waren wirklich gut. Auch wenn ihr Backwerk besser schmeckte.

Immer wieder versuchte er Loki zu füttern, aber der blockte ab.

Nach gut einer Stunde betrat Aeneas, der Gott die Halle.

Ergeben verbeugten sich die beiden Götter und warteten gespannt auf eine Reaktion.

Der König lächelte.

„Danke für euer Erscheinen. Odins Geschenk erfreut mich. Die Zaubersamen sind sehr praktisch. Ich bedanken mich vielmals. Ich stimme einen neuen Friedensvertrag zu.“

Er schnippte mit den Fingern und ein Diener erschien mit einer Schriftrolle.

„Vielen Dank eure Hoheit. Vater wird sich sehr darüber freuen. Wir danken“, sagte Thor und verbeugte sich erneut.

Aeneas neigte den Kopf.

„Wir möchten keinen Krieg.“

Der König unterzeichnete im Beisein, der beiden Götter den Friedensvertrag.

„Es ist eine lange Reise. Ihr seid meine Gäste“, sagte Aeneas.

„Wir danken Euch, aber wir reiten zurück“, lehnte Loki ab.

Freundlich nickte der König und wünschte eine gute Heimreise.

Thor steckte den Vertrag ein und man brachte sie wieder zu ihren Pferden.

 

„Na endlich. Ich fühle mich hier einfach nicht wohl“, erklärte Loki.

Er trieb Drengur neben seinen Liebsten und legte ihm die Hand auf den Schenkel.




Wiedersehen auf Covendale[chaotizitaet]

15

„Er hat was?“, klang es Josh vielstimmig aus dem Computer entgegen.

Es war erstaunlich einfach gewesen, eine Skype-Konferenz mit den Bandmitgliedern zu vereinbaren. Statt unterschwelliger Ablehnung hatten sie sich ehrlich gefreut, von Josh zu hören, hatte Pete ihnen doch tatsächlich erzählt, es sei Joshs Wunsch gewesen, der Beerdigung fernzubleiben. Weil er in Ruhe trauern wollte – so Petes Aussage. Und so hatte die Band Joshs angebliche Wünsche respektieren wollen und gewartet, bis dieser sich bei ihnen meldete. Als sie erfuhren, was Pete Josh gegenüber gesagt hatte, und die neusten Entwicklungen hörten, war Unglaube die vorherrschende Reaktion.

„Hagen hat mir geschrieben, dass Pete im Namen der Band das Testament anfechten will“, wiederholte Josh.

„Wir wussten, dass er sich mit Hagen getroffen hat, doch wir dachten es ginge darum zu klären, wie der Vertrag für einen neuen Sänger aussehen sollte“, meinte Cris.

„Von Toms Testament war da nie die Rede“, bestätigte Liam. „Er hat nur gesagt, wir sollten uns keine Gedanken machen, er würde sich um das Rechtliche kümmern und wir sollten all unsere Energie darauf konzentrieren, einen neuen Sänger zu finden.“

„Neulich habe ich ihn auf Toms Nachlass angesprochen“, sagte jetzt Bill. „Ich wollte einfach wissen, ob wir, sollten wir überraschend recht bald einen neuen Sänger finden, diesem die Wohnung zeigen können. Dass wir die Erben entsprechend Toms Anteil an dem Haus auszahlen müssen, ist klar, aber ja… Es ist das Bandhaus, und es wäre irgendwie falsch, wenn der neue Sänger nicht auch dort wohnen würde. Aber es zieht doch niemand irgendwo ein, ohne nicht vorher die Wohnung gesehen zu haben.“

Die anderen nickten. Sie alle kannten die Abmachungen, die bezüglich des gemeinsamen Bandvermögens, worunter auch das Haus mit seinen vier Wohnungen und dem Studio fielen, getroffen worden waren.

„Da hat mir Pete gesagt, er warte darauf, dass du dich wieder meldest. Er wolle dir die Zeit geben, die du brauchst, ehe er dich wegen eines Termins für die Testamentseröffnung und die Auflösung der Wohnung bedrängt.“

„Wir wissen ja inzwischen alle, wie wahr die anderen Aussagen waren, die er uns gegenüber in Bezug auf Josh gemacht hat“, meinte Cris. „Da sollte es uns vielleicht nicht weiter überraschen, dass er auch in dieser Angelegenheit nicht so ehrlich war.“

„Ich sag es ja nur ungern“, meldete sich Josh nun wieder zu Wort, „aber irgendwas stinkt hier ganz gewaltig. Welchen Grund hat Pete, sich so zu verhalten? Toms Testament und das Hinauszögern des Ganzen kann doch eigentlich nichts mehr mit der Pressereaktion zu tun haben, mit der er mich davon überzeugt hat, nicht zur Beerdigung zu gehen. Schließlich ist so eine Testamentseröffnung eine private Angelegenheit und wird wohl kaum auf Twitter breitgetreten.“

„Du hast Recht, das klingt wirklich sehr mysteriös“, stimmte Bill ihm zu. „Ich denke, es wäre vielleicht angebracht, dem Ganzen mal ein wenig auf den Grund zu gehen.“

„Ich rede mit Hagen“, bot Cris sofort an. „Und damit Pete nichts ahnt, nutze ich den gleichen Vorwand wie er – den möglichen Vertrag für einen neuen Sänger.“

„Ich schaue mich mal in der Wohnung um“, kam es nun von Liam. „Ich hab schließlich noch den Schlüssel.“

Josh fielen die Fotos ein, die er an Toms Todestag von der Wohnung gemacht hat. „Willst du, dass ich dir die Bilder schicke, wie die Wohnung aussah, als ich sie das letzte Mal verlassen habe? Nur für den Fall, dass Dinge fehlen und Pete euch glauben machen will, ich hätte sie als Andenken mitgenommen?“

Nun, da der Verdacht einmal offen ausgesprochen war, stimmten alle überein, dass es besser war, auf Nummer sicher zu gehen. „Ja, schick sie mir bitte. Und mach dir keine Sorgen, wir kümmern uns um die Angelegenheit mit dem Testament. Denn wir haben keineswegs die Absicht, Toms letzen Willen anzufechten.“

Viel länger ging das Gespräch nicht, nur dass die drei Josh versprachen, sich nun wieder häufiger bei ihm zu melden und auch Josh versprach, es nicht wieder zu einer so langen Funkstille kommen zu lassen.

„Na siehst du“, meinte Edward mit einem Lächeln, als die Verbindung wieder getrennt war. Er hatte dem Gespräch als moralische Stütze für Josh beigewohnt, sich aber außerhalb des Kamerabildes aufgehalten und still verhalten, um nicht in Versuchung zu geraten, das Gespräch beeinflussen zu wollen. Nebenbei hatte er einmal mehr die Online-Auktionshäuser nach der Spieldose durchsucht, doch je mehr er darüber nachdachte, desto weniger glaubte er, dass der Dieb so dämlich war, sie für jedermann offen sichtbar ins Netz zu stellen. Wenn sie online versteigert würde, dann gewiss über eine private Plattform mit Kontakten zum Schwarzmarkt, wo man nur mit Einladung einen Zugang erhielt.

„Ich bin ehrlich gesagt mehr als erleichtert. Und gleichzeitig schäme ich mich auch ein wenig, Pete so leicht auf dem Leim gegangen zu sein und so wenig Vertrauen in meine Freunde gehabt zu haben“, gestand Josh.

„Pete wusste genau, wie er die Situation ausnutzen und euch gegeneinander ausspielen konnte“, erwiderte Edward, der nicht wollte, dass Josh sich Selbstvorwürfen hingab.

„Vielleicht…“, gab dieser zu. Dennoch war er auf sein Verhalten nicht wirklich stolz.

„Sieh es positiv: Sowohl du als auch die Band sind rechtzeitig genug aufgewacht, ehe Pete euch ernsthaft Schaden zufügen konnte.“

„Da hast du wohl Recht. Andererseits… Weißt du, was merkwürdig ist?“, fragte Josh.

„Hm?“

„Nachdem wir einmal die Diskrepanz in Petes Aussagen erkannt haben, waren wir alle wie die Hyänen bereit, Pete gleich das Schlimmste zu unterstellen. Und irgendwie… erinnert dich das nicht an jemanden?“

„Wie meinst du das?“, fragte Edward.

„Nun ja, irgendwie kann ich nicht umhin, unser Verhalten mit dem deiner Tante zu vergleichen. Wir haben keine Beweise und trotzdem hat keiner widersprochen, als Liam vorgeschlagen hat, einmal in der Wohnung vorbeizuschauen. Und wir wissen alle, dass er dort nicht hingehen wird, um die Plastikpflanzen zu gießen.“

„Ihr mögt Pete vielleicht verdächtigen, etwas aus der Wohnung gestohlen zu haben. Aber ihr habt aufgrund seiner widersprüchlichen Aussagen eine Verdachtsgrundlage. Und ihr wollt erst Beweise sammeln und möglichst alle Fakten kennen, ehe ihr Pete damit konfrontiert. Das ist der entscheidende Unterschied zu Tante Catherine. Sie hat keine Beweise, keine Grundlage, sie hat von Anfang an ein paar Fakten, die noch dazu aus dem Zusammenhang gerissen waren, genommen, um ihre eigene Meinung in Bezug auf dich zu formen und seither mit dieser Meinung hinter den Berg gehalten. Niemandem gegenüber. Sie fragt nicht nach, sie beschuldigt einfach“, stellte Edward richtig.

„Dennoch denke ich, dass ich deine Tante jetzt ein klein wenig besser verstehen, beziehungsweise ihr Verhalten besser nachvollziehen kann. Nicht viel, wohlgemerkt“, fügte Josh hinzu, „aber immerhin ein wenig. Hat man einmal eine Meinung von jemandem gefasst, dann ist es schwer, sie zu ändern. Und ist diese Meinung negativ – dann traut man demjenigen alles Schlechte zu. Egal, worauf diese Meinung fußt.“

„Und Pete hat von sich aus auch alles getan, damit deine Meinung negativ wird.“

Josh nickte. Dann holte er sein Smartphone hervor, um die Bilder von Toms und seiner alten Wohnung zu übertragen. Als er die vertraute Umgebung auf dem Bildschirm sah, musste er schlucken. Egal welche Stürme gerade um ihn herum tobten, in Momenten wie diesen vermisste er Tom mehr denn je. Er schloss gepeinigt die Augen, versuchte sich zur Ordnung zu rufen. Tom war tot und sein Leben musste weitergehen. Und doch…

Eine Hand legte sich auf seine Schulter und drückte sie verständnisvoll. Es war in Ordnung, um Tom zu trauern. Er musste nicht immer Stärke zeigen.

Einen Moment lang herrschte Schweigen zwischen ihnen beiden.

Schließlich öffnete Josh die Augen wieder. „Danke.“

„Nicht dafür“, erwiderte Edward. „Und jetzt lass mal sehen, wie Rockstars so leben.“

Wie erhofft, entlockte der flapsige Kommentar Josh ein leises Lachen. „Nicht anders als andere Menschen auch. Wir hatten sogar einen Kühlschrank in dem wir Milch und Schinken aufbewahrt haben.“ Doch er zeigte Edward bereitwillig die Bilder, die er aufgenommen hatte.

Nachdem die E-Mail an Liam abgesetzt war, fragte Edward: „Was meinst du, sollen wir, wenn wir die Auktionsportale nach der Spieldose durchsuchen, auch nach Dingen schauen, von denen du denkst, sie wären für Fans von Interesse und Pete könnte sie daher aus der Wohnung entwendet haben?“

Josh nickte. „Aber ich sage dir jetzt schon, wenn da auch nur ein Teil auftaucht, dann wird Pete Halen sich wünschen, er hätte nie Sunbury, Ohio verlassen!“

Edward wusste zwar nichts über Sunbury, Ohio, aber so wie Josh diesen Namen aussprach, wäre es keine leichte Strafe für den Manager. „Ich bin mir sicher, dass dann die zuständigen Richter Strafvorschläge von euch akzeptieren – einschließlich ewigen Exils in dieser sicherlich entzückenden Stadt“, meinte er grinsend.

 

***

 

So nervenaufreibend die Sache mit Pete auch gewesen war und so sehr sie eigentlich jeden Tag auf Neuigkeiten diesbezüglich von der Band wartete, so war es doch eine Erleichterung die Dinge auf der anderen Seite des großen Teichs in guten Händen zu wissen. Das änderte allerdings nichts an der Anspannung, die nach dem Diebstahl nach wie vor auf Covendale herrschte. Die Atmosphäre war so vergiftet, dass Megan es sogar vorzog, vorerst zu Hause zu bleiben und nicht zu ihrer Familie auf dem Landsitz zu stoßen, obgleich die Vorlesungen bis nach Weihnachten ausgesetzt waren. Sogar Edward bedauerte ihre Entscheidung, denn selbst wenn er sich dann ihrer Flirtversuche hätte erwehren müssen – sie war diesbezüglich die Hartnäckigste unter den Barnes-Mädchen – so wäre es zumindest eine Ablenkung gewesen.

So aber fühlte er sich mehr und mehr wie ein Gefangener auf Covendale. Und die Polizei nur mit Online-Recherche zu unterstützen erschien ihm bei weitem nicht genug. Es musste doch noch mehr geben, was sie tun konnten.

Sogar seine Tante wurde langsam ungeduldig. Nicht, dass sie von Natur aus nicht schon zur Ungeduld geneigt hätte, aber nachdem ihre täglichen Anrufe bei der Polizei – die Tatsache, dass Inspektor Heskell sich geweigert hatte, Josh zu verhaften, hinderte sie nicht daran, jeden Morgen noch vor dem Frühstück bei ihm anzurufen und sich nach dem Stand der Ermittlungen zu erkundigen – ein ums andere Mal keine wirklichen Neuigkeiten zu Tage förderten, wurde ihre Laune mit jedem Tag explosiver. Selbst ihr Bruder Arthur ging ihr nun weitestgehend aus dem Weg. Nicht, dass das etwas an dessen Einstellung geändert hätte, aber es sorgte dafür, dass die Gruppe noch weiter zersplitterte.

„Das ist doch nicht mehr zum Aushalten“, knurrte Edward, als er sich mit Josh wie üblich im Morgenzimmer wieder fand. „Bald kommt es noch soweit, dass keine zwei Personen sich im gleichen Raum aufhalten können, ohne dass man das Gefühl hat, eine Explosion stünde kurz bevor.“

„Muss ich mir Sorgen machen?“, fragte Josh scherzhaft. „Immerhin sind wir hier zu zweit.“

„Du weißt, was ich meine. David und Erin können auch Zeit miteinander verbringen, ohne sich gleich an die Gurgel zu gehen. Aber… sieh dich um: Wann hast du das letzte Mal einen Blick auf die Girlande auf dem Kaminsims geworfen und so etwas wie Weihnachtsgefühle verspürt?“

Josh wusste, worauf Edward hinaus wollte. Denn Weihnachtsstimmung wollte derzeit in Covendale nun wirklich nicht aufkommen. „Also gut, dann lass uns Pläne schmieden. Denn ich gebe dir Recht, wir sollten uns nicht dergestalt von der Situation gefangen nehmen lassen.“ Und er zog aus dem Sekretär einen Bogen des Familienbriefpapiers hervor, bereit für Edward ebenso eine Stütze zu sein, wie dieser es für ihn bei der Band gewesen war.

Joshs eher ruhige Art überraschte Edward.

„Was? Du hast gesagt, es sei nicht zum aushalten, also sollten wir etwas ändern. Und um sicher zu gehen, dass wir nichts vergessen, hat es sich seit je her bewährt, Ideen, Gedanken und Probleme aufzuschreiben.“

„Du meinst, dass wir das ganze eher wie einen militärischen Einsatz betrachten sollten und das hier wie eine Lagebesprechung behandeln?“ Edwards Augen bekamen einen klaren Blick und seine Miene beruhigte sich.

„Ich kenne mich zwar nicht mit militärischen Einsätzen aus, aber eine Band von A nach B mit allem Equipment zu verfrachten, dürfte da nicht allzu verschieden von sein“, meinte Josh, der die Situation eher mit dem Blick eines Logistikers betrachtet hatte. „Und die Unterschiede, die bestehen, könnten uns hier vielleicht sogar notwendige andere Blickwinkel bescheren.“

„Du bist ein Genie!“, sagte Edward und voll Übermut konnte er kaum anders als Josh spontan auf die Lippen zu küssen. Es war zwar nur ein kurzer Kuss, der dem Moment entsprang, aber da war er. Und da er zu kurz gewesen war, als dass Josh Zeit gehabt hätte, Edward wegzustoßen oder den Kuss zu erwidern, war es schwer zu sagen, ob dessen Erröten dem Kuss oder dem Genie-Lob zuzuschreiben war. In jedem Fall aber zog Josh es vor, sich auf das aktuelle Problem zu konzentrieren.

„Also gut, dann lass uns mal aufschreiben, was wir aktuell an der Situation nicht gut finden und dann überlegen, was wir tun können, um daran etwas zu ändern.“

Edward, ebenfalls die Implikationen seines spontanen Kusses ignorierend, legte auch sogleich los: „Der Informationsfluss von der Polizei in unsere Richtung. Ich finde, der ist etwas dürftig. Aber das mag daran liegen, dass Tante Catherine sich hier zur Mittelsperson gemacht hat.“

„Ja, nur wenn wir jetzt auch noch bei Inspektor Heskell anrufen, kommt es irgendwann noch so, dass er, wenn er unsere Nummern auf dem Display sieht, gar nicht mehr abhebt“, wandte Josh ein.

„Da magst du Recht haben“, gab Edward zu und blickte nachdenklich drein. Dann hellte sich sein Gesicht auf. „Ich hab‘s!“

Fragend sah Josh ihn an.

„Da es sich hierbei um einen Kunstraub im weiteren Sinne handelt, wird Heskell es an die Metropolitan Police gemeldet haben. Dort gibt es eine Sonderabteilung, die sich mit Diebstählen von Antiquitäten und Kunstobjekten befasst.“

Josh nickte.

„Und rein zufällig kenne ich dort jemanden!“, erklärte Edward triumphierend.

„Nicht schlecht!“, meinte Josh. „Aber denkst du nicht auch, dass Heskell uns informiert hätte, wenn diese Abteilung etwas zu Tage gefördert hätte? Und sei es nur irgendeine verfolgenswerte Spur, die er gegenüber deiner Tante erwähnt, um ihr zu zeigen, dass sie es nicht unfähigen Idioten zu tun hat? Denn ohne Informationen, wird deine Tante ihm längst zu verstehen gegeben haben, dass es genau das ist, wofür sie ihn hält.“

„Es geht nicht darum, Heskells Arbeit in Frage zu stellen. Es geht darum, neben Tante Catherine noch einen zweiten Kontakt zur Polizei herzustellen“, erwiderte Edward. „Und da ist es naheliegend, wenn ich einen alten Kameraden anrufe, der halt zufällig in der Abteilung arbeitet, die damit betraut würde. Und sei es nur, um herauszukriegen, mit welcher Dringlichkeit sie den Fall behandeln. Schließlich wird die Spieldose nicht der einzige Fall bei ihnen sein.“

„Und wenn dieser ehemalige Kamerad dann rein zufällig deinen Anruf so interpretiert, dass er ja mal schauen kann, ob er die Spieldose auf der Prioritätenliste nicht ein wenig nach oben schieben kann, wärest du ihm natürlich auch nicht böse.“ Josh grinste.

Edward nickte. „So ungefähr habe ich mir das vorgestellt. Und wo wir schon bei alten Kameraden sind. Mir fällt grad ein, dass es in der Untereinheit, die ich als Captain kommandiert habe, mal einen gewissen George Bryce gab, den wir wegen Medikamentenmissbrauchs entlassen mussten. Der hat sich nach seiner Entlassung als Privatdetektiv selbstständig gemacht. Ich bin mir sicher, dass er ein paar Kontakte hat, die die Polizei nicht so ohne weiteres befragen kann, die uns aber vielleicht weiterhelfen könnten.“

„Und du glaubst, dass er dir helfen wird?“, fragte Josh ein wenig zweifelnd. „Als sein Vorgesetzter wirst du doch sicher an seiner Entlassung beteiligt gewesen sein.“

„Das schon. Aber ich war auch derjenige, der sich dafür eingesetzt hat, dass die Strafe nur dem Minimum entsprach. Im schlimmsten Fall hätte ihm sonst bis zu zwei Jahren Haft plus eine saftige Strafzahlung gedroht“, erwiderte Edward.

Zwei Jahre oder nur das Minimum, das war schon ein nicht zu verachtender Unterschied. „Das war großzügig von dir“, meinte Josh.

Edward winkte ab. „Haft ist etwas für Leute, die uneinsichtig sind. Die brauchen diese Zeit um wieder zu Verstand zu kommen. Bryce wusste, dass er Scheiße gebaut hat und hat bereitwillig alle Hilfe angenommen, die die Armee zu bieten hatte, um wieder sauber zu werden. Außerdem wird der Makel des Entlassungsgrunds ihn auf ewig verfolgen. Weshalb er sich ja auch selbstständig gemacht hat. Es ist eben schwer, mit dieser Art der Entlassung im zivilen Leben einen guten Job zu finden.“

„Also gut, damit hätten wir also geklärt, wie wir zumindest gefühlt aktiver bei der Suche nach der Spieldose helfen können“, meinte Josh. „Kommen wir nun zu der Situation hier auf Covendale.“

„Die größte Hürde ist das gegenseitige Misstrauen“, meinte Edward.

„Aber nicht jeder misstraut jedem“, entgegnete Josh. „Es gibt verschiedene Fraktionen, und unter den Fraktionen wiederum gibt es Kontaktpunkte. Nimm etwa deine Eltern. Sie misstrauen mir, genau wie es deine Tante Catherine tut. Aber keiner dieser drei misstraut dir oder David oder den Zwillingen. Die Barnes misstrauen einander auch nicht, wissen aber weder Rachel, noch mich, noch Mrs. Dempsey einzuordnen. Aber auch sie misstrauen dir, David oder den Zwillingen nicht. Ich kenne keinen gut genug, um jemandem zu misstrauen, würde aber, müsste ich mich für jemanden entscheiden, am ehesten den Barnes misstrauen. Einfach, weil ich sie am wenigsten kenne. Gleichzeitig aber mag ich Erin. Ich weiß, dass es meiner Tante da genauso geht. Die Zwillinge…“ Hier überlegte Josh für einen Moment. „Ich würde sagen, dass sie ein wenig ihrer Tante Catherine misstrauen, nicht, weil sie denken, diese habe die Spieldose gestohlen, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen, sondern weil sie ihr zutrauen, sie zu entwenden, um es mir anzulasten. Und sie bringen auch den älteren Barnes ein gewisses Misstrauen entgegen. Andererseits sind sie wiederum mit Rica sehr gut befreundet und haben Erin schon als Schwester akzeptiert. David… keine Ahnung, wem er misstraut. Vielleicht sogar mir. Und du?“

„Mir geht es ähnlich wie dir. Müsste ich mich entscheiden, wären es die Barnes. Weil ich sie eben nicht so gut kenne. Aber ich stimme dir zu, was Erin betrifft. Und ich vertraue dem Urteil der Zwillinge, weshalb ich auch Frederica ausschließen würde“, gab Edward zu.

„Was wir offenbar beide nicht beurteilen können, ist, inwieweit deine Eltern den Barnes-Eltern misstrauisch gegenüberstehen. Aber wie dem auch sei, wenn wir es schafften, eine Situation herbeizuführen, in der alle Parteien miteinander Kontakt haben, ohne dass das Misstrauen im Mittelpunkt steht…“

„Vielleicht sollten wir Colleens Idee mit dem Weihnachtsstück wieder aufgreifen. Dass die jüngere Generation der älteren zeigt, dass wir uns von dieser Sache nicht gefangen nehmen lassen“, schlug Edward vor. „Vielleicht färbt das ab.“

„Einen Versuch ist es wert“, gab Josh zu. „Aber was machen wir mit Lady Catherine und deinen Eltern? Nimm es mir nicht übel, aber aktuell sind sie diejenigen, die die Atmosphäre hier am meisten verpesten.“

„Ich weiß. Ich habe neulich erst mit meinem Vater versucht zu reden. Aber er sagt, solange du ihm nicht beweist, dass du es nicht nötig hast, die Spieldose zu stehlen, sei es sein Recht, von dir zu glauben, was er will. Ich kann einfach nicht verstehen, wieso er so stur ist. Er will ja auch immer noch nicht wirklich wahrhaben, dass ich nie eine Frau heiraten werde.“ Man hörte Edward deutlich an, wie weh es ihm tat, in derartiger Opposition zu seinem Vater zu stehen. Doch er hatte seine Entscheidung getroffen. Familienfrieden unter Verlust der Selbstachtung würde es nicht geben. „Das einzige was mir einfällt, ist noch mal mit David zu reden. Denn letztlich ist Covendale sein Haus.“

„Und was, wenn ich mit ihm rede? Also mit deinem Vater?“, schlug Josh vor.

„Und was erhoffst du dir davon?“

„Nur eine Erweiterung seines Horizonts. Denn was denkst du, wie er darauf reagiert, wenn ich ihm vorschlage, dass ich ihm meine Finanzen offenlege, wenn er das gleiche mir gegenüber mit seinen tut?“

„Das würdest du nicht wagen!“, stieß Edward entgeistert hervor, doch je länger er darüber nachdachte, desto mehr gefiel ihm der Vorschlag.

„Eben weil es niemand wagen würde, wäre es den Versuch wert. Ich vermute, dass er sich aufplustern wird und sagen wird, dass er eine Ehrenmann sei und ein Richards und so weiter… Alles Argumente, die mich davon überzeugen sollen, dass er nicht pleite ist, ohne dass ich auch nur einen Kontoauszug zu sehen bekomme. Und wenn ich ihm dann entgegenhalte, dass all diese Argumente auch für mich gelten… Bei deiner Tante weiß ich, dass Hopfen und Malz verloren ist. Der könnte ich ein Konto mit mehreren Millionen als Guthaben vorlegen und sie würde es als Fälschung oder ähnliches deklarieren. Aber dein Vater hat sich schließlich, wie du mir erzählt hast, in der Sache mit den Barnes-Mädchen zumindest ansatzweise für Argumente zugänglich gezeigt.“

„Wenn dir das gelingt, dann wäre Tante Catherine so ziemlich isoliert mit ihrer Meinung. Und wenn David ihr dann noch zu verstehen gibt, dass sie mit ihrer Meinung nicht willkommen ist… Dass sie nur dann in den gemeinsamen Räumlichkeiten erwünscht ist, wenn sie ihre Meinung für sich behält… Doch, das könnte tatsächlich klappen!“ Ein leicht diabolisches Lächeln legte sich dabei auf Edwards Lippen. Die ganze Situation hatte ihm nur zu deutlich gezeigt, wie sehr sie sich alle doch im Grunde von Catherine Dempsey hatten tyrannisieren lassen. Zeit, dem einen Riegel vorzuschieben.

 

***

 

Es wäre wohl zu viel verlangt gewesen, zu erwarten, dass Joshs Versuche, bei Arthur Richards Boden gut zu machen, gleich von Erfolg gekrönt waren. Denn natürlich war Edwards Vater mehr als brüskiert, als Josh ihm seinen Vorschlag unterbreitete. Aber wie es so häufig bei Arthur Richards war, sorgte selbst dieser Anstoß dafür, dass er über die Situation nachdachte. Das bedeutete zwar nicht, dass er seine Meinung änderte oder sich gar bei Josh entschuldigte, aber immerhin stellte er sich nicht mehr offen hinter seine Schwester, wenn diese einmal mehr mit ihrer Art gegen Josh giftete.

Der Teilerfolg zeigte Josh, dass auch er mehr in dieser Situation tun konnte, als er bislang getan hatte.

„Was, wenn die Spieldose gar nicht mehr in England ist?“, fragte er daher am nächsten Tag Edward, als sie einmal mehr im Morgenzimmer saßen.

„Nun ja, ich denke mal, dass das Dezernat für Antiquitäten- und Kunstraub auch mit Interpol zusammenarbeitet“, meinte Edward. „Und wir schauen ja im Internet auch eigentlich internationale Plattformen durch.“

„Schon klar, aber genügt es dir in diesem Fall der London Metropoliten Police und Interpol zu vertrauen und darauf, dass sie uns auch schön alles zeitnah berichten?“, hakte Josh nach.

Edward zuckt mit den Achseln. „Nicht wirklich, aber ich kenne niemanden bei Interpol, den ich diesbezüglich fragen könnte. Bei der Met hingegen bin ich eigentlich recht zuversichtlich, dass mein Kontakt mich da nicht im Dunkeln lässt.“

„Und doch hast du noch gestern George Bryce angerufen, um auch ihn auf die Sache anzusetzen.“

„Worauf genau willst du hinaus?“, fragte Edward nun direkt, dem Joshs Ratespielchen ein wenig auf die Nerven ging – vermutlich weil in dieser Situation die Nerven eh schon überstrapaziert waren.

„Edward, wenn die Spieldose nicht mehr in England ist, dann sollten wir vielleicht auch etwas internationaler denken. Du und ich, wir sind beide in der Welt herumgekommen. Es kann doch nicht sein, dass wir niemanden außerhalb Englands kennen, den wir ansprechen können. Ich dachte da etwa an die Leute, mit denen ich organisatorisch bei all den Tourneen der Band zu tun hatte. Natürlich weiß ich, dass ein Hotelconcierge nicht unbedingt Antiquitätenhehler kennt, aber solche Leute kennen in der Regel immer wen, der wen kennt, der wiederum wen kennt, den er aber tagsüber auf der Straße nicht grüßen kann. Und nicht nur das.“ Josh redete sich jetzt richtig in Fahrt. „Da sind auch noch die Zollagenten, mit denen ich zu tun hatte. Zwar anderes Gut, das es abzuwickeln galt, aber die kennen sich auch alle untereinander. Und da kann bestimmt der eine oder andere einen Tipp geben. Und auch die Speditionen… Die Spieldose ist zwar kaum groß genug für eine Spedition, aber auch da haben die Fahrer wiederum mit Sicherheit Kontakte zu den Kurierdienstfahrern… Und vielleicht haben wir ja sogar Glück und jemand hat ein Päckchen mit einer auffälligen Spieldose ausgeliefert. Okay, das ist zwar vielleicht etwas hochgegriffen, aber ich denke, du verstehst, worauf ich hinaus will.“

Tatsächlich konnte Josh sehen, dass Edward ihn nur zu gut verstand. „Du meinst, dass wir beide eigentlich über ein weltweites Netzwerk verfügen, es bislang aber versäumt haben, dieses mit einzubeziehen?“

Josh nickte. „Wir wissen zwar, dass das ganze bedauerlicherweise seinen Anfang hier hat und, sofern es nicht einen Außenstehenden mit einem nachgemachten Schlüssel gibt, der nachts hier eingedrungen ist und die Spieldose gestohlen hat, es einer von uns gewesen sein muss, aber das heißt nicht, dass auch hier die Lösung zu dem Fall liegt.“

„Ich kann mir zwar jetzt schon Davids Gemurre vorstellen, wenn er erfährt, dass wir etwas, das eigentlich eine Familienangelegenheit ist, so in die Welt hinaustragen, aber ehrlich gesagt teile ich deine Ansicht, dass wir nichts gewinnen, wenn wir uns auf Covendale beschränken.“ Edward verzog ein wenig das Gesicht, wenn er an die Reaktion seines Cousins dachte, aber sie waren sich einig. Was deutlich wurde, als Edward nun seinerseits mögliche internationale Kontakte überdachte. „Ich bezweifle zwar, dass sich auf einem Basar in Afghanistan eine solche Spieldose verkaufen lässt, aber auch aus dem Land sind Kunstgegenstände zur Finanzierung einzelner Splittergruppierungen verschwunden und ich bin mir ziemlich sicher, dass unsere Leute da drüben nicht ganz ahnungslos über die Wege sind, die diese Waren nehmen. Ich werde da mal nachhaken. Und wo ich schon dabei bin, schau ich mal nach, wer von meinen Bekannten in der Armee sich gerade dienstlich wo in der Welt herumtreibt. Denn je mehr Länder wir abdecken, desto größer unsere Erfolgschancen.“

Josh nickte zustimmend. „Und selbst wenn deine Freunde nicht gerade im Ausland stationiert sind, so haben einige doch gewiss über die Feiertage Urlaub… den sie dann womöglich im Ausland verbringen und vielleicht nichts dagegen hätten, als kleinen Nervenkitzel der harmloseren Art sich die Auslagen der Antiquitätengeschäfte und Pfandhäuser oder so anzusehen.“

„Nicht zu vergessen meine liebe Schwester!“ Edward schüttelte fassungslos den Kopf. „Ich kann einfach nicht glauben, dass wir an sie noch gar nicht gedacht haben. Ich meine, klar, meine Eltern werden ihr sicher erzählt haben, was hier auf Covendale alles passiert ist, aber ich bin mir sicher, dass keiner von beiden auf die Idee gekommen ist, sie zu fragen, ob sie nicht in Südafrika mal ein wenig die Augen offenhalten kann. Okay, Südafrika ist nicht gerade klein und so, aber vielleicht haben wir Glück.“

„Das Gleiche kann ich mir in Bezug auf meine Eltern vorwerfen!“, meinte Josh jetzt. „Es ist eh überfällig, dass ich mal wieder mit ihnen spreche. Und ja, ich bin mir sicher, dass Tante Rachel ihnen in groben Zügen geschrieben hat, was hier los ist, aber sie wird auch nicht auf die Idee gekommen sein, sie zu bitten, ihr Südostasiennetzwerk dafür zu nutzen.“

„Na dann, lass uns mal in die Tasten hauen. All das, was wir gerade hier aufgezählt haben bedeutet eine Menge E-Mails, die es zu schreiben gilt“, sagte Edward enthusiastisch.

Und es waren tatsächlich eine Menge E-Mails, denn je mehr sie verschickten, desto mehr Leute fielen ihnen ein, die sie noch bitten konnten, nach der Spieldose Ausschau zu halten.

Als es Abend wurde, taten ihnen alle Finger weh, aber zum ersten Mal seit dem Vorfall hatten sie ein Gefühl der Befriedigung, endlich genug in dieser Sache zu tun.