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20. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

20 - Geht es der Schublade auch wirklich gut? Oder "Gib mir am besten nur die Volunteer-Jobs."

Freitag, 11. Dezember 2015 - Plätzchenorgie - Kris’ Apartment

 

"Komm rein, Rudy", rief Kris in Richtung Apartmenttür, als er es Klopfen hörte. Gerade räumte er die letzte Tüte aus und sie war auch der Grund gewesen, warum seine Tür offen stand. Die Tüte und die anderen drei, die er schon auf seinen Ablagemöglichkeiten in der Küche verteilt hatte, hatten die Zutaten beherbergt. Es war 19 Uhr und Kris wollte Plätzchen backen. Es war schon wieder der 11. Dezember und er hatte immer noch keine. Das ging gar nicht! Kurzerhand hatte er Rudy gefragt, ob er mitmachen wolle und sein Nachbar hatte zugesagt, also konnte es ja nur er sein, der geklopft hatte. Immerhin erwartete er sonst keinen Besuch.

 

Rudy folgte der Aufforderung und trat in das Apartment, schloss die Tür. Seine Hausschuhe machten schlurfende Geräusche auf dem Parkett, als er in die Küche ging. Er war schon gespannt, denn er kannte Plätzchen nicht. Seine Pflegeeltern hatten zur Weihnachtszeit immer Christstollen und eben Glühwein, beides Spezialitäten aus Deutschland. Aber Plätzchen gab es sonst nicht. Vermutlich, weil sein Pflegevater sonst jede freie Minute über einer der Schüsseln hing und noch dicker wurde. Zumindest nahm Rudy das an, denn gefragt hatte er nie.

 

Vom Backen hatte Rudy allerdings noch weniger Ahnung als vom Kochen, auch wenn er das inzwischen gut und gern tat. Selbst wenn er nur für sich kochte, dann machte er einfach mehr und aß den Rest dann wann anders. Wozu gab es sonst Gefrierschränke? "Ich hoffe, ich bin dir eine Hilfe. Gib mir am besten nur die Volunteer-Jobs. Schnibbeln, abwiegen und zusammenrühren sollte ich grad noch so hinbekommen", grinste Rudy schief. Falls es was zum schnibbeln gab. Abwiegen und zusammenrühren sicherlich, denn irgendwie musste der Teig ja zustande kommen. Aus dem Ärmel schütteln ging schließlich nicht, so futuristisch waren sie noch nicht.

 

Kris lachte und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. "Keine Sorge. Die einfachen Dinge sind für dich. Wir machen Sorte nach Sorte und ich hab für alle eine Anleitung. Es kann nichts schief gehen, wenn man sich daran hält. Die liegen da irgendwo auf der Mikrowelle, glaub ich. Schau mal, was du zuerst machen willst und dann suchen wir die Zutaten zusammen."

 

Rudy nickte und nahm sich die Zettel von der Mikrowelle. War es nicht geschickter, die irgendwie zusammenzufassen oder in ein Heft zu kleben? Dann würden sie nicht so rumfliegen. Rudy warf einen Blick auf die Rezepte, doch so wirklich sagten sie ihm nichts. Was waren denn Gingerbread Cookies oder Mint Snowballs? Auch von Peanut Butter Jelly Buttons und Christmas Wreaths hatte er noch nie etwas gehört. Das konnte ja heiter bis wolkig werden! Und das alles wollten sie heute Backen? Da schien die Nacht aber ziemlich kurz zu werden. Schließlich entschied er sich für die Gingerbread Cookies, denn da brauchte der Teig 2 Stunden zum Kühlen. Danach konnten sie den Teig für den Christmas Wreath aufsetzten, der musste eine Stunde gehen. Der Rest schien schneller zu sein und brauchte keine Zeit zum Kühlen oder zum Aufgehen.

 

"Machen wir das hier zuerst. Das braucht am meisten Zeit", erklärte Rudy, sortierte die Rezepte in die passende Reihenfolge und reichte das Erste weiter an Kris. Der musste hier schließlich delegieren.

 

"Ja, das hört sich ganz gut an. So verlieren wir auch nicht so viel Zeit", stimmte Kris zu und räumte erst mal den Tisch frei. Sie würden den Platz brauchen. Danach stellte er die ersten Zutaten auf den Tisch, die sie brauchen würden. Schüssel und Waage dazu und dann durfte Rudy auch schon loslegen. Wenn man sich an Rezepte hielt, konnte nicht viel schief gehen, dessen war sich Kris sicher.

 

Während Rudy schon mal alles für den Teig abmaß und in die Schüssel gab, erhitzte Kris die Butter, den Zucker und das Rübenkraut im Topf. Das musste schließlich etwas abkühlen. Die Gingerbread waren etwas aufwendiger, aber sie schmeckten so lecker. Und niemand sagte, dass sie in Männchen-Form sein mussten. Der Teig ließ sich schließlich auch als Tannenbäume, Rentiere und so weiter ausstechen. Die Ausstecher hatte er auch schon besorgt. Früher hatte er sie von Freunden ausgeliehen, doch der Weg war nun etwas zu weit.

 

Schnell war der Teig dann zusammengerührt und zwischen zwei Schichten Klarsichtfolie ausgerollt. Danach wanderte der Teig auf großen Brettern raus auf die Terrasse. Es war kalt genug, damit das klappte. Das Thermometer zeigte knapp über 3 Grad, das bekam er selbst im Kühlschrank nicht kälter.

 

Auch der Teig für den Christmas Wreath war nicht weiter schwierig. Nur an das Hefe-Milch-Gemisch traue sich Rudy nicht, das überließ er seinem Nachbarn. Schließlich lag der Klumpen in einer eingeölten Schüssel und musste jetzt aufgehen. Fragend wandte er sich zu Kris, denn der hatte nebenbei etwas anderes gemacht. Rudy strahlte, als er die Tassen mit Glühwein sah. Warum hatte er das nicht gleich gerochen? "Danke, Kris. Das ist nett von dir", bedankte sich der Jüngere und nahm seine Tasse entgegen.

 

Bei der einen Tasse würde es auch bleiben, nicht dass er doch noch peinlich wurde. Vorsichtig schlürfte Rudy an der Flüssigkeit. So lecker, wie bei seinen Pflegeeltern. "Sehr lecker", lobte er und nahm noch einen Schluck. "Sind wir bisher gut im Plan?" So genau wusste der Jüngere das nicht, denn er hatte noch nie gebacken. Und wenn das wirklich immer so kompliziert war, dann würde er sich das auch nochmal überlegen. Er hatte sich gerade mit Kochen abgefunden und angefreundet, das reichte im Moment. Wenn er einen leckeren Kuchen oder so was wollte, konnte man das immer noch kaufen gehen. Damit verdienten Andere schließlich ihr Geld.

 

"Doch, wir sind ganz gut. Du machst dich gut als Volunteer", grinste Kris frech. Er mochte es, Rudy zu ärgern. Der blies dann nämlich, wie gerade, die Backen auf und schmollte. Richtig niedlich. Im letzten Moment konnte sich der Blonde auf die Lippe beißen, denn beinahe hätte er das laut gesagt. Nicht das sein Nachbar sonst auf Nimmerwiedersehen aus dem Apartment und damit aus seinem Leben verschwand. Das war wirklich das Letzte, was der Hacker wollte.

 

"Dann machst du jetzt den Teig für die Peanut Butter Jelly Buttons. Butter, Erdnussbutter und Zucker abgewogen in den Mixer und cremig rühren. Das ist einfach. Ich arbeite währenddessen am Teig für die Mint Snowballs. Wenn was ist, schrei einfach." Auch wenn Rudy das gar nicht musste, denn er würde schon ein Auge auf ihn haben und rechtzeitig eingreifen, bevor ein Unglück passierte. Er hing an seinem Apartment - viel mehr an Grannys Apartment, denn sie hatte es gekauft - und er wohnte jetzt einfach umsonst hier. Rudy knurrte nur, ob des frechen Nachbarn. Also ob er schreien würde, wenn etwas schief lief. Lesen konnte er schließlich und auch ein Mixer sollte nicht so schwer in der Bedienung sein.

 

Rudy nahm noch einen Schluck von seinem Glühwein und stellte die Tasse zur Seite, damit da kein Unglück passierte. Es hieß zwar >> Scherben bringen Glück <<, aber herausfordern musste er das auch nicht. Danach griff er sich das Rezept und lass sich die Mengenangaben durch. Zucker und Butter waren kein Problem beim Abwiegen, Erdnussbutter war etwas problematischer, denn sie klebte ziemlich am großen Löffel. Nach einem kleinen Kampf war auch das geschafft und alle Zutaten lagen im Becher des Mixers. Deckel drauf, verschlossen und das Gerät angeschaltet, schon konnte es losgehen. Es rumpelte etwas, aber das lag an den Erdnussstückchen in der Erdnussbutter. Und da Kris nicht einsprang, war alles in bester Ordnung.

 

Als alles Cremig war, rührte Rudy die restlichen Dinge in einer zweiten Schlüssel an. Nur gut, dass Kris genügend hatte, auch wenn der schon am Waschen war. Irgendwas ging doch immer aus. Danach wurde der Inhalt beider Schüssel zusammen geschmissen und der Teig war fertig. Mit den Worten: "Hier, das brauchst du jetzt", wurden ihm zwei Backbleche und ein Kochlöffel in die Hand gedrückt. Nach kurzem Nachlesen im Rezept, wusste Rudy auch wieso. Er musste den Teig abteilen, zu Kugeln rollen, sie auf dem Backblech etwas andrücken und mit dem Stiel des Kochlöffels eine Delle machen, denn da sollte nachher die Marmelade rein. Das war ebenfalls leichte Arbeit.

 

Mit einem Schluck Glühwein ging sie auch schnell und leicht von der Hand. 60 Stück ergab der Teig, der keine zwanzig Minuten später auf den beiden Backblechen verteilt war. Die Sorte schien einfach zu sein. Rudy wollte den Kochlöffel schon abwischen - denn da klebte Teig am Stiel - als Kris ihn aufhielt. "Den brauchst du nochmal, Rudy. Der Teig geht beim Backen auf. Nach 6 Minuten musst du den Backofen aufmachen und nochmal nachdrücken. Verbrenn dich nur nicht."

 

"Das schaff ich schon", versicherte er und schon schnappte er sich die Bleche, schob sie vorsichtig in den Backofen, so schwer sollte das nicht sein. Fragend beobachtete er Kris, wie der seinen Teig ebenfalls zu Kugeln formte und, in Ermangelung an genügend Backblechen, auf einem großen Brett ablegte. Das war halt etwas blöd, ging aber auch so. Wer brauchte schon mehr als zwei Backbleche zuhause? "Ich kann noch schnell runter und mein Backblech holen. Hab aber nur eines", erklärte Rudy bedauernd.

Doch Kris schüttelte den Kopf. "Danke, aber das brauchen wir nicht. Das klappt auch so." Rudy zuckte mit den Schultern und warf einen Blick auf die Uhr. Noch zwei Minuten, dann musste er den Teig wieder runter drücken.

 

 

Stolz blickte Rudy auf ihr Werk. Zwei Stunden werkelten sie hier schon in der Küche und sie waren schon ganz schön weit. Die Mint Snowballs lagen mit Kokosflocken bestreut in einer Schüssel und die Peanut Butter Jelly Buttons lagen zum Trocknen auf großen Brettern, damit die Marmelade ganz fest wurde. Kris würde die Plätzchen auch erst morgen in eine Dose packen können, das hatte sie jedoch nicht vom Naschen abgehalten und das Kirschgelee war wirklich lecker.

 

Den Christmas Wreath holte Kris gerade aus dem Backofen. Der sah auch gut aus und vor allem roch er lecker nach Zimt und Orange. Nur zu gerne würde Rudy jetzt schon probieren, doch zum einen würde er sich den Mund verbrennen und zum anderen gab das böses Bauchweh.

Das musste wirklich nicht sein, denn Morgen stand er erneut auf dem Great Dickens Christmas Fair und am Sonntag war dann auch Edward wieder mit dabei. Dem Oldtimer machte es genauso viel Spaß und diesmal würde er auch im Kostüm kommen. Doch im Moment waren erst mal die Gingerbread Cookies wichtig, denn die standen jetzt auf dem Programm und wollten erst einmal ausgestochen werden.

 

"Wo hast du denn die Ausstecher, Kris?", wollte Rudy wissen. Die mussten sie ja haben, wenn sie den Teig nicht in schnöde Ecken schneiden wollten. Denn das konnte ja jeder und das war langweilig.

"Die müssen irgendwo sein. Ich hatte sie heute Morgen schon in der Hand, schau mal da drüben. Im Schrank rechts vom Backofen. Ich meine, da hätte ich sie reingelegt."

 

"Ist gut", erwiderte Rudy und öffnete den betreffenden Schrank, ging in die Hocke. Sonst konnte er ja nicht bis nach hinten und auf die untere Ebene schauen. Eine Auflaufform, Keramikförmchen und Schüsseln, aber keine Ausstecher. Wo konnten die denn sonst sein? Die Küche war jetzt nicht übermäßig groß, so dass man etwas verlegen konnte. "Hier sind sie nicht", erklärte er und richtige sich auf. Ein lauter Rums und ein Schmerzenslaut halten zeitgleich durch die Küche. Sein Kopf war mit etwas Hartem kollidiert.

 

"Scheiße Rudy... tut mir leid", haspelte Kris. Er hatte selbst die Schublade aufgezogen, um dort nach den Ausstechern zu suchen und in genau die war Rudy gerade gekracht. Das musste wehtun! "Das wollte ich nicht", erklärte der Ältere und schloss die Schublade, half seinem Nachbarn hoch. "Tut es sehr weh?", wollte er besorgt wissen und fuhr mit einer Hand durch die dichten Haare. Immerhin musste er sicher gehen, dass Rudy nicht blutet, denn sonst mussten sie ins Hospital.

"Was...?" Verwirrt zog der Blonde seine Hand zurück. Kein Blut, aber er hatte etwas gespürt. Da war etwas gewesen, was nicht normal war.

 

Vorsichtig schob er mit beiden Händen die Haare zur Seite und entdeckte eine Beule und auf der anderen Kopfseite noch eine. Das musste ein ordentlicher Rums gewesen sein. "Entschuldige. Das wollte ich wirklich nicht. Jetzt hast du zwei Beulen. Ich besorg schnell Eis zum kühlen." Zerknirscht wandte sich der Ältere ab und kramte im Eisfach seines Kühlschranks.

 

Beulen? Rudy hatte nie Beulen, wenn er sich den Kopf anschlug. Sein Pflegevater meinte immer, er hätte einen Kopf aus Beton. Verwirrt fuhr er sich selbst durch die Haare und blieb an zwei Erhebungen hängen. Mist! Warum musste das ausgerechnet heute passieren? Das konnte er so gar nicht gebrauchen. Was, wenn Kris nicht die falschen Schlüsse gezogen und es nicht auf die Schublade geschoben hätte? So genau wollte Rudy das lieber nicht wissen. Mit der Wahrheit konnte er schließlich nicht kommen, das würde ihm keiner glauben. Am Ende hielt ihn der Blonde noch für verrückt und wies ihn ins Madhouse ein. Zwangsjacken bekam man alleine so schwer wieder ausgezogen.

 

Nur gut das seine Haare das Ganze verdeckten. Langsam musste er aber tatsächlich aufpassen. Erst die Nase, jetzt die "Beulen"... was kam als nächstes? Bei seinem Glück etwa, das man nicht schön reden konnte. Alibimäßig nahm er den Eisbeutel von Kris entgegen und drückte ihn auf seinen Kopf. Der Ältere sollte sich nicht unnötig Sorgen machen, das ging von allein wieder weg. "Hast du wenigstens die Ausstecher in der Schublade gefunden? Dann sind die Beulen zumindest nicht umsonst." Schief grinste Rudy. Er musste das jetzt einfach mit Humor nehmen, denn sich darüber aufregen und seinem Nachbarn die Schuld geben brachte wirklich nichts.

 

"Ja, ich hab sie gefunden. Ich steche die Gingerbread Cookies aus, kühl du deinen Kopf noch etwas. Nicht das die Beulen noch größer werden." So viel hatten sie ja nicht mehr zu tun. Nur noch die letzte Sorte ausstechen und dann in den Backofen, danach konnten sie immer noch beratschlagen, ob sie die Cookies verzieren wollten oder so ließen. Rudy nickte nur und lehnte sich an die Theke, während er Kris beobachtete. Der stach ganz gekonnt die Formen aus und legte sie auf ein Backblech. Tannenbäume, Schlitten, Socken, Schneemänner, Schneeflocken und Weihnachtsmänner. Wenn der Teig zerstochen war, knete ihn Kris neu und stach weiter Cookies aus, solange, bis es zu wenig für weitere Cookies war. Danach wanderten die Bleche in den Backofen.

 

"Ich würde sagen, wir sind gut. Wir haben alles geschafft, was wir wollten. Wenn sie nachher kalt sind, können wir sie noch verzieren. Ich hab Zuckerguss, bunte Perlen und farbige Zuckerstifte. Da können wir uns austoben und ganz kreativ sein." Ihnen würde schon etwas einfallen, da war sich Kris sicher.



Advent [Laila]

 

20. Dezember

 

Regen hatte Asgard im Griff.

Das Wetter war schlecht und trieb alle dazu an im Inneren des Palastes zu bleiben.

Gelangweilt seufzte Sif und trank noch eine Tasse Tee. Wie öde es doch war.

Sie wollte raus an die Luft, sich bewegen. Oder am besten einen Kampf mich den Männern. Sie war keine typische Frau, die zu Hause blieb.

Leider hatte Hell heute auch keine Zeit.

Da betrat Thor ihre Räume.

„Hallo“, grüßte er und setzte sich.

Sif richtete sich auf.

„Endlich ein lebendes Wesen. Mir ist so öde“, murrte sie auch gleich.

Der Donnergott lachte schallend.

„Das ist wieder typisch für dich oder?“
Die Göttin knurrte und rückte dann etwas näher.

Sie fühlte sich plötzlich so einsam und verlassen, das sie wieder an ihre Gefühle für Thor denken musste. Es war lange her, aber sie hatten ihn begehrt. Leider galt das nicht für den anderen Gott. Und nun war er mit Loki zusammen.

Und so wie es schien auch glücklich mit diesem. Im Grunde gönnte sie es den beiden. Dennoch fühlte sie sich einsam.

Ohne darauf zu achten, kam Sif noch etwas näher und schmiegte sich an Thors Schulter.

Überrascht zuckte der Gott zusammen, wehrte sich aber nicht. Er kannte Sif zu gut und hielt vorsichtshalber erstmal still.

„Ich beneide dich und Loki. Er hat dich. Ihr seid glücklich“, sagte sie leise.

Ihre Stimme war kaum zu verstehen.

Erstaunt wollte Thor sie ansehen, aber Sif war schneller. Sie warf sich in seine Arme und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust.

Der Donnergott zuckte zurück und fühlte sie von sich schieben, aber Sif klammerte sich an ihn.

„Wusstest du, dass ich dich früher geliebt habe?“ säuselte sie.

Überrascht hielt Thor inne. Das alles gefiel ihm ganz und gar nicht.

 

„Thor gehört mir. Und ich will, dass du deine Finger von ihm lässt.“

Die Worte waren so kalt wie Eis.

Auch die Temperatur hatte sich um mehrere Grad abgekühlt, als Loki in ihr Sichtfeld trat.

Seine Miene war unbewegt, als er Sif anstarrte. Keine Regung war darin zu erkennen.

Die schöne Göttin zuckte leicht die Schultern und setzte sich dann gerade hin.

„Als ob ich das nicht wüsste. Er gehört ja dir.“

Herausfordernd sah sie Loki an und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Dieser verschränkte nur die Arme vor der Brust und seine Augen glühten grün.

„Ja, damit hast du Recht. Also lass ihn in Ruhe.“

Er wollte noch mehr sagen, aber Thor erhob sich und trat näher an ihn heran.

„Ich liebe dich und nichts kann das ändern. Auch Sif nicht. Du bist alles, was ich je wollte. Du bist mein Leben. Mein ein und alles.“

Auch wenn ihn die Kälte störte, so zeigte er es nicht, als er sanft noch Lokis Hand griff.

Der Gott funkelte ihn an und zerrte Thor dann regelrecht an sich um ihn zu küssen. Fast sofort wurde es wärmer im Zimmer.

Sif verzog die Lippen, blieb aber sitzen.

 

 

20. Dezember

 

Mein Geliebter,

muss ich zu diesem Tag noch etwas sagen? Ich hätte Sif am liebsten erwürgt. Wie kann diese Frau es wagen, dich an zufassen? Dir solche Dinge zu sagen?

Nenn mich eifersüchtig, denn das bin ich wohl auch. Es macht mich wahnsinnig. Ich wusste schon immer, dass Sif dich mochte, aber nicht so.

Warum hast du sie nicht weg gestoßen? Sie hatte kein recht, dich an zufassen.

Aber nun gut, ich hoffe, es kommt nie wieder vor.

Ich liebe dich und ich werde dich nicht teilen. Mit niemanden.

 

Grund 20:

Toleranz Magie gegenüber

Es mag wohl ein komischer Grund sein, aber so ist es dennoch.

Andere würden meine Magie nicht akzeptieren. Es nicht hinnehmen, was ich alles kann. Ich bin ein Frostriese mit magischen Fähigkeiten. Wir sind selten.

Du hast keine Angst davor. Es fasziniert dich und das liebe ich an dir.

Du hast deine Kraft und ich meine Magie.

 

In ewiger Liebe

Loki




Wiedersehen auf Covendale [chaotizitaet]

16

Nach jenem regelrechten Anfall von Aktivität kam leider die lange Zeit des Wartens. Natürlich bekamen Josh und Edward von den meisten Leuten, die sie angeschrieben hatten, recht schnell eine Antwort. Aber da diese eigentlich immer nur darin bestand, dass sie versprachen, die Augen offen zu halten, änderten sie natürlich nicht augenblicklich etwas an der Situation auf Covendale.

Dass sie nicht die einzigen waren, denen die anhaltende Anspannung zu schaffen machte, zeigte sich eine Morgens, als Erin und David sich ernsthaft beim Frühstück um die Orangenmarmelade stritten.

Josh und Edward warfen sich nur einen kurzen Blick zu, dann war für sie beide klar, dass sie hier einschreiten mussten. Wenn sich die beiden Turteltauben schon an die Gurgel gingen, dann gab es hier bald tatsächlich Mord und Totschlag. Denn für viele der Gäste auf Covendale waren Erin und David der Grund, weshalb sie sich noch halbwegs zivilisiert benahmen. Keiner wollte der Grund sein, dass der künftige Schwiegersohn oder die Schwiegernichte in spe einen schlechten Eindruck von der Familie als solches hatte – Catherine Dempsey einmal ausgenommen.

„Du nimmst David, ich übernehme Erin“, entschied Josh mit Flüsterton. Er kannte zwar Erin noch weniger als David, aber er vermutete, dass Edward als Cousin und Bruderersatz bei David bessere Chancen hatte, dessen innere Verfassung wieder ins Gleichgewicht zu rücken. „Und leihst du mir deinen Wagen?“ Den Mietwagen, den er sich bei seiner Ankunft in England am Flughafen geholt hatte, hatte Josh natürlich längst wieder zurückgegeben.

„Ja, sicher, wieso?“, fragte Edward ebenso leise.

„Weil ich mit Erin einen Ausflug mache. Es tut uns sicher mal gut, hier herauszukommen.“

Edward nickte. Derweil zankten sich die beiden Turteltäubchen immer noch um die Marmelade. Sie hatten nicht einmal die Abmachung zwischen Josh und Edward mitbekommen. Und da in dieser Situation kaum damit zu rechnen war, dass sie auf eine simple Ansprache reagieren würden, nahm ihnen Edward kurzerhand das Streitobjekt weg.

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, gelang es ihm so, sich augenblicklich die Aufmerksamkeit beider zu sichern. „Hey!“, kam es prompt zweistimmig.

Josh nickte Edward zu, dann wandte er sich an Erin. „Hol deinen Mantel, ehe uns noch buchstäblich die Decke auf den Kopf fällt. Wir werden unterwegs was frühstücken.“

Irritiert sahen die beiden Streithähne ihn an. „Und wo wollen wir hin?“

„Abgesehen davon, dass ich heute keine Zeit für irgendwelche Ausflüge habe. Unser Versicherungsfachmann kommt heute“, fügte David hinzu.

„Du sollst ja auch gar nicht deinen Mantel holen“, sagte jetzt Edward zu seinem Cousin. „Du bleibst schön hier. Ehrlich, wenn ihr euch wegen so etwas Banalem wie Marmelade streitet, braucht ihr zumindest für ein paar Stunden etwas Abstand voneinander. Mehr nicht“, versuchte er David auch gleich zu beruhigen. „Es sei denn natürlich, du möchtest, dass Erin statt Josh deine Tante mitnimmt und sie gemeinsam Bettwäsche oder so einkaufen gehen.“

Erins entsetztes Gesicht bei der Vorstellung, den Tag mit Catherine Dempsey verbringen zu sollen, war so eindrucksvoll, dass es für einen kurzen Moment von dem Streit und den darauf folgenden Befehlen – anders konnte man Joshs und Edwards Äußerungen kaum verstehen – ablenkte. Aber ein kurzer Moment genügte vollkommen, dass David und Erin erkannten, wie sinnvoll der Vorschlag war.

„Was das wohin betrifft“, sagte Josh jetzt, „so richte ich mich ganz nach dir, Erin.“

Sie überlegte einen Moment und als ihr bewusst wurde, wie absurd es im Grunde war, sich mit ihrem Verlobten über Orangenmarmelade zu streiten, wusste sie sofort, wohin sie wollte. „Lass uns nach Birmingham fahren. Ich denke, dass ich eine Portion Leanne brauche, um wieder klar zu denken.“

 

Kurz darauf saßen Josh und Erin in Edwards Wagen und waren auf dem Weg nach Birmingham. Um keine peinliche Stille aufkommen zu lassen, fragte Josh: „Deine große Schwester gibt es in Portionen?“ Dabei warf er ihr ein kurzes Grinsen zu, um sicher zu gehen, dass sie ihn nicht irgendwie missverstand.

„Vielleicht… vielleicht ist das ja die geheime Zutat, die sie in die Gerichte gibt, die sie in ihrem Bistro serviert“, meinte Erin mit einem nachdenklichen Lächeln. „Jedenfalls geht es mir jedes Mal gleich viel besser, wenn ich bei ihr war. Und ja, meist essen wir dann auch etwas zusammen, weshalb es durchaus sein könnte…“

„Klingt interessant. Allein schon um dieses magische Essen zu probieren, müssen wir dort hin“, entschied Josh.

„Nun, ich weiß nicht, ob es auch bei dir wirken würde, aber ja… Leanne hat eine innere Ruhe, die mir immer dann hilft, wenn ich kurz vor dem Durchdrehen bin. Du hättest mich mal kurz vor meinem Universitätsabschluss erleben sollen…“ Sie warf Josh ein reumütiges Grinsen zu.

„Es muss toll sein, eine solche Schwester zu haben. Überhaupt Geschwister zu haben“, sagte Josh mit jener Sehnsucht, die nur Einzelkinder an den Tag legen können.

„Es ist toll, ja“, gab Erin zu. „Aber auch nicht immer. Ob man es glaubt oder nicht, es gab auch Zeiten, wo Leanne und ich uns fast täglich gestritten haben. Wobei das Unglaubliche daran Leanne ist, denn die meisten Menschen, die sie treffen, können nicht glauben, dass sie überhaupt fähig ist zu streiten. Aber sie ist nun mal die älteste von drei Schwestern, da ist es fast schon natürlich, dass sie auch mal versucht hat uns Jüngere herumzukommandieren. Was Megan und ich uns wiederum nicht haben gefallen lassen.“

„Aber mit der Zeit ist es besser geworden“, meinte Josh.

„Ja, aber nur in dem Maße, da wir die jeweilige Persönlichkeit des anderen zu akzeptieren gelernt haben. Etwas, das mir bei Megan manchmal immer noch schwer fällt, weshalb es wenn heute eher zwischen ihr und mir zu einem Streit kommt. Aber auch sie wird erwachsen.“

„Klingt trotzdem toll.“

„Tja, Josh, wenn schon nicht eigene Geschwister, wie wäre es dann mit einer Schwägerin, einem Schwiegercousin, zwei Schwiegercousinen und natürlich eine Schwippschwiegercousine?“, fragte Erin nun ihrerseits neckend.

„Schwippschwiegercousine? Gibt es das Wort überhaupt?“

„Keine Ahnung. Spätestens jetzt gibt es es. Und es wäre ein Titel, der mir für mich eigentlich recht gut gefallen würde.“

Hätte Josh nicht schon auch so geahnt, worauf Erin hinaus wollte, wäre es spätestens jetzt sonnenklar gewesen. „Ich glaube nicht“, sagte er mit einem etwas schiefen und leicht wehmütigen Lächeln.

„Ach komm schon, Josh, das kauf ich dir jetzt nicht ab.“ Ein wenig irritiert drehte sich Erin in ihrem Sitz halb um, um Josh besser ansehen zu können. Dann entspannten sich ihre Züge. „Du magst Edward. Das sieht ein Blinder. Aber… etwas hält dich davon ab, diesem Gefühl zu folgen.“

„Vielleicht mag ich Edward. Vielleicht auch nicht“, sagte Josh ausweichend. „Ich will nicht lügen. Ich weiß es einfach nicht. Ich weiß, dass ich gerne Zeit mit ihm verbringe, aber…“ Er schluckte, dann fasste er in Worte, was ihn schon seit Wochen, vielleicht sogar schon seit seiner Ankunft auf Covendale beschäftigte. „Tom ist noch keine zwei Monate tot. Wie kann ich da an einen anderen Mann denken?“

Erin stellte sich vor, wie sie sich fühlen würde, hätte sie David verloren… „Ich sehe das Problem. Leider weiß ich aber nicht genau, wie ich dir da helfen kann“, sagte sie mitfühlend.

Josh zuckte leicht resigniert mit den Schultern. „Hey, keine Sorge, ich erwarte keine Wunder. Auch nicht vom Essen deiner Schwester. Mir soll es schon reichen, wenn es so gut ist, dass ich dafür freiwillig weitere Tage mit Lady Catherine auf Covendale in Kauf nehme.“ Er warf ihr ein weiteres schiefes Grinsen zu.

„Also, das schafft Leannes Essen auf alle Fälle!“ Und so lotste Erin ihn zielsicher zum Nirwa Moon, dem Bistro ihrer Schwester.

 

Leanne Barnes war überrascht, aber dennoch erfreut, ihre Schwester so unverhofft im Nirwa Moon zu sehen. Doch es war der leicht gequälte Ausdruck tief in Joshs Augen, wohl verborgen hinter einem ehrlichen Lächeln, der sie berührte. Zwar hatte sie diesen an der Verlobungsfeier kurz kennengelernt, aber seither nur von ihm in den Telefonaten mit ihrer Familie gehört. Und so war sie jetzt fest entschlossen, herauszufinden, wieso jemand, den sie kaum kannte, in ihr eine Saite zum Klingen brachte. Allerdings war sie an diesem Tag neben einer Aushilfskellnerin alleine im Bistro und so empfahl sie den beiden Hungrigen die Quiche, ehe sie sich daran machte, die eingehenden Bestellungen der anderen Gäste abzuarbeiten. Erst nach dem Mittagsansturm würde es ruhiger werden.

Um dennoch mit ihrer Schwester sprechen zu können, stahl sich Erin einfach in die Küche. Josh hatte ihr nur mit einem Lächeln nachgewunken und das Taschenbuch von James Rollins, das ihm Edward geliehen hatte, aus der Tasche gezogen. Er konnte zwar auch auf Covendale lesen, aber allein eine andere Umgebung machte einen großen Unterschied für seinen eigenen Gemütszustand. Und so erlaubte er es sich, sich von der Geschichte gefangen nehmen zu lassen. Gewiss, er konnte Edwards Bemerkungen bezüglich der inhaltlichen Qualität nachvollziehen, aber das hieß nicht, dass das Buch deswegen nicht spannend geschrieben war.

Als er schließlich aufblickte, um sich einen weiteren Kaffee zu bestellen, musste er erstaunt feststellen, dass es ziemlich ruhig geworden war. Und dass von Erin jede Spur fehlte, wo er sie doch vorhin noch durch die Küchentür hatte sehen können. Er unterdrückte die instinktiv aufkeimende Sorge mit der vernünftigen Annahme, dass sie wohl nur einmal kurz auf die Toilette gegangen war, denn er glaubte nicht, dass sie das Bistro verlassen hatte, ohne ihm Bescheid zu sagen. Schließlich war er auch ihr Taxi zurück nach Covendale. Oder war er am Ende gar so in das Buch vertieft gewesen, dass er gar nicht gehört hatte, wie sie ihm sagte, dass sie wohin auch immer gehen würde?

Da trat Leanne aus der Küche, nun ohne Schürze. Sie kam mit einem Lächeln zu ihm hinüber an den Tisch. „Falls du Erin suchst, so soll ich dir ausrichten, dass sie nur kurz etwas im Kaufhaus ein Stück weiter die Straße hinunter besorgen will. Ich tippe da auf ein Weihnachtsgeschenk für David. Nach unserem Gespräch war sie nämlich ziemlich enttäuscht von sich selbst.“

Josh zog die Augenbrauen hoch. „Dabei hat ihr doch niemand einen Vorwurf gemacht. Und wird auch niemand. Ehrlich, in dem ganzen Schlamassel sind David und sie noch die Vernünftigsten.“

„Och, so ist sie nun mal“, erwiderte Leanne und setzte sich Josh gegenüber. „Sie weiß, dass sie manchmal aufbrausend und rechthaberisch sein kann und wenn sie dann erkennt, dass sie im Unrecht war, tut es ihr auch immer schnell leid. Und es wurmt sie dann, dass sie nicht erst nachgedacht, alle Fakten berücksichtigt hat, ehe sie ihr Urteil gefällt und auf ihrer Position beharrt hat. Auch wenn ich glaube, dass es bei Orangenmarmelade keine Recht oder Unrecht geben kann.“

Josh lachte leise. „Rückblickend war es eigentlich sogar recht lustig, wie ausgerechnet diese beiden sich wie die Kinder darum zankten. Und wer weiß, vielleicht tat es ihnen ja auch gut, ihrer allgemeinen Anspannung auf die Art Luft zu machen.“

„Und dennoch haben du und Edward eingegriffen.“

Josh zuckte mit den Schultern. „Wir wollten beide nicht, dass einer von ihnen im Affekt etwas sagt, das den anderen nachhaltig verletzt.“

Leanne nickte. „Und ich kann dir verraten, dass genau das passiert wäre. Ich kenne David nicht so gut wie Erin, aber von dem, was ich mitbekommen habe, ist er eher nachdenklich und vielleicht auch sogar ein wenig nachtragend. Keine gute Kombination für einen Hitzkopf. Andererseits ergänzen sich die beiden auch sehr gut. Und glaube nicht, dass Erin nicht wüsste, was sie dir und Edward zu verdanken hat. Weshalb sie vermutlich auch für euch Weihnachtsgeschenke kauft.“

„Und vermutlich auch noch gleich für ihre ganze Familie, es sei denn, sie hat deren Geschenke bei einem Online-Versandhaus bestellt. Denn die Einkaufsmöglichkeiten für Geschenke sind in einem Zehn-Kilometer-Radius um Covendale doch recht beschränkt“, versuchte Josh abzulenken, denn er fand kaum, dass das Eingreifen von Edward und ihm beim Frühstück ein Extra-Weihnachtsgeschenk rechtfertigte.

„Möglich. Für ihre zukünftige Tante Catherine wird sie aber auf etwas Lokales zurückgreifen“, meinte Leanne verschwörerisch.

Fragend sah Josh sie an.

„Sie hat von David von deinem Keks-Deal erfahren. Und sie weiß auch, dass sich Mrs. Dempsey seither die Schokoladenkekse verkneift. Sie ist sich ja sogar zu fein, ins Dorf zu fahren und sich dort eigene Kekse zu kaufen. Also schenkt ihr Erin welche.“

Die Vorstellung von Catherine Dempseys Gesicht beim Öffnen dieses Geschenks entlockte Josh ein Lachen.

„Mrs. Dempsey muss dich ja ganz schön auf dem Kieker haben, wenn sie sich die Kekse verkneift. Als ich für die Verlobungsfeier auf Covendale war, hat sie jeden, der es wagte, ebenfalls einen dieser Kekse zu essen, regelrecht mit Blicken erstochen“, meinte Leanne. Zwar hatte sie die herrische Dame nur verhältnismäßig wenig gesehen, aber sie war nun einmal einer jener Menschen, die auf Anhieb einen bleibenden Eindruck hinterließen. „Erin meinte sogar, dass sie seit deinem Auftauchen fast schon nett zu ihr wäre. Und das will was heißen.“

„Nicht wirklich“, erwiderte Josh schulterzuckend. „Im Vergleich zu mir erfüllt Erin alle wichtigen Grundkriterien, um einen ihrer Neffen zu heiraten. Sie ist weiblich, sie hat einen Job, ihre Familie arbeitet nicht für die Richards… Würde sie meine Eltern näher kennen, würde sie mir diese vermutlich als verkappte Hippies auch noch vorhalten.“

„Dennoch kann das nicht leicht für dich sein.“

„Das habe ich auch nicht behauptet“, gab Josh zu. „Besonders, dass sie mich als Dieb bezeichnet hat und nach wie vor so behandelt, werde ich ihr nicht so schnell verzeihen. Es mag zwar in meinem Leben derzeit einiges nicht so toll laufen, aber das habe ich dann doch nicht verdient.“ Inzwischen wusste Josh auch, dass er Petes Verhalten nicht verdient hatte. Aber um Pete wollten sich seine Freunde kümmern und Josh war froh, dass die Band tatsächlich noch immer seine Freunde waren. Um Lady Catherine aber würde er sich wohl selbst kümmern müssen.

„Wenigstens hast du deine Tante und den Major, die zu dir halten. Und nach heute wohl auch David und Erin“, versuchte Leanne ihn aufzuheitern.

Josh nickte. „Ich weiß nicht, ob ich es ohne sie so lange auf Covendale ausgehalten hätte. Andererseits war meine Tante ja der Grund, weshalb ich überhaupt erst nach Covendale gefahren bin.“

„Und Edward der Grund, dass du geblieben bist?“, hakte Leanne nach, witterte sie doch hier die Chance, herauszubekommen, was sie an Josh so anzog, ohne ihn einem allzu offensichtlichen Kreuzverhör zu unterziehen. Auch wenn ihr jetzt schon klar war, dass dieser löbliche Vorsatz früher oder später ihrer Neugier geopfert werden würde.

Josh seufzte und sah demonstrativ auf sein Buch. Er hatte wenig Lust, auch noch mit Leanne über Edward zu reden. Und über das, was andere Leute zwischen ihnen zu sehen meinten. Da hatte ihm schon das kurze Gespräch im Auto mit Erin genügt. Als Leanne aber geduldig auf eine Antwort wartend sitzen blieb, blieb ihm kaum etwas anderes übrig, als ihr dennoch zu antworten. „Leanne, ich weiß nicht, was Erin dir über mich und Edward erzählt hat. Ja, ich mag seine Gegenwart. Aber… Tom ist erst letzten Monat gestorben. Da nimmt selbst so etwas wichtiges, wie dass auch mein übriges Leben in Scherben liegt, maximal den zweiten Rang ein.“

Leanne nickte verstehend. Das also war es, was sie so bei Josh ansprach. Erin hatte zwar etwas in dieser Richtung angedeutet, aber auch gestanden, dass sie selbst mit dem Thema Trauer schlecht umgehen konnte, und sich daher lieber auf Joshs andere Schicksalsschläge wie den Verlust von Arbeit und Wohnung konzentrierte. Für Leanne hingegen war alter Bekannter.

„Tut es das wirklich? Den zweiten Rang einnehmen?“, fragte sie leise.

Josh nickte nachdrücklich. Etwas zu nachdrücklich vielleicht.

„Josh, ich leugne nicht, dass Toms Verlust von großer Bedeutung ist. Aber…“, sie zögerte kurz, fuhr dann jedoch fort, „frage dich ehrlich, ob deine Gedanken wirklich in der Vergangenheit weilen, oder ob du nicht unbewusst doch deine Zukunft planst. Gibt es da keine Moment, wo du dir nicht ausmalst, wie es wäre, wenn? Wenn du einen guten Job fändest? Und wo wäre dieser Job? Hier in England, oder in einem anderen Land? Und eine Wohnung? Würdest du dort alleine wohnen? Oder gibt es da jene schemenhafte Gestalt, die dir sagt, dass es mehr als eine Wohnung ist, dass es ein Zuhause ist? Und du dich nur nicht traust, in jene Ecke zu blicken, wo der Schemen in einem gemütlichen Sessel sitzt, weil du dann die Wahrheit erkennen müsstest?“

Mit jeder Frage, die Leanne ihm stellte, weiteten sich Joshs Augen ein wenig mehr. Woher… „Woher weißt du das?“

„Mein Schemen ist verschwunden“, sagte sie leise und ihre Augen füllten sich mit Traurigkeit. „Meine Gedanken… sie gehen die gleichen Wege. Sie haben mich zum Nirwa Moon geführt. Aber die Wohnung… jene Ecke… sie ist leer.“

„Das tut mir leid“, sagte Josh ebenso leise. Er erkannte, dass Leanne schon eine Weile trauern musste, denn er wusste von Erin, dass ihre Schwester das Bistro bereits seit zwei Jahren betrieb. Aber vielleicht war es ja so richtig. Vielleicht sollte es so sein. Andauernd. Ohne Schemen. Da riss ihn Leanne aus den immer düsterer werdenden Gedanken.

„Es freut mich aufrichtig für dich, dass es in deiner Zukunftswohnung diesen Schemen gibt. Es ist kein schönes Gefühl, wenn er nicht da ist. Bei mir… ich hoffe, dass eines Tages ein neuer Schemen einzieht. Und ich vielleicht auch den Mut aufbringe, mich ihm zuzuwenden, ihn zu erkennen. Vertreibe deinen Schemen nicht.“

„Aber das ist doch falsch“, widersprach Josh ein wenig aufgebracht. „Wie kann ich Tom so verraten?“

Leanne lächelte. „Ist es falsch? Was ist bei Trauer richtig und was falsch? Josh, es gibt diesbezüglich keine Regeln. Jeder Mensch trauert anders. Wir leben weder in einer viktorianischen Zeit, wo genau vorgeschrieben war, wie lange und auf welche Art in Bezug auf die Gesellschaft man zu trauern hatte, noch entspricht das Leben all den Büchern, die psychologisch die Trauer zu analysieren versuchen und sie in unbedingte Phasen pressen wollen.“

Das entlockte Josh sogar ein Lächeln. Er hatte in der Flughafenbuchhandlung in L.A. tatsächlich derartige Esoterik- und Selbsthilfebücher gesehen und sich gefragt, ob ihm wohl eines dieser Bücher von Nutzen sein konnte. Dann aber hatte er beschlossen, dass wohl kaum einer dieser Autoren Tom gekannt hatte und ihn somit eh nicht verstehen würde.

„Wenn es nach diesen Büchern gehen würde, dann müsste ich Carls Verlust schon längst überwunden haben. Und selbst in der viktorianischen Zeit hätte man von mir erwartet, darüber hinweg zu sein. Falls ich überhaupt um ihn hätte offiziell trauern dürfen. Schließlich waren wir noch nicht einmal verlobt. Heute aber darf ich immer noch um ihn trauern.“

„Was ist passiert?“, wollte Josh wissen. Er vermied zwar gewöhnlich derart persönliche Fragen, fand aber, dass er in diesem Rahmen durchaus berechtigt war, die ganze Geschichte zu hören und nicht bloß die Weisheiten, die Leanne daraus gewonnen hatte.

„Carl Benson war ein Kommilitone meiner Schwester Erin. Er war, als sie mit dem Studium anfing, zwar fast schon mit seinem fertig, aber sie verstanden sich auf Anhieb gut. Sie haben zusammen für den Blog ihres Fachbereichs geschrieben. Das heißt, Erin hat geschrieben und Carl hat die Bilder dafür gemacht. Sein Schwerpunkt lag nämlich im Fotojournalismus. Er hat mir später einmal gestanden, dass er eine Rechtschreibschwäche hat und daher lieber die Bilder die Geschichten erzählen lässt.“

Josh konnte förmlich sehen, wie jener Carl Benson vor Leannes innerem Auge wieder zum Leben erwachte.

„Über Erin habe ich ihn dann kennengelernt. Und mich fast auf den ersten Blick in ihn verliebt. Er war so voller Lebenshunger. Es war ansteckend. Ich habe mich nie so lebendig gefühlt wie in seiner Gegenwart. Wir haben so viele Pläne geschmiedet. Auf einmal erschien mir Wiltshire furchtbar klein, obwohl ich es immer noch liebe. Ich bin selbst kein sonderlich mutiger Mensch. Aber mit Carl an meiner Seite hätte ich mich der Welt gestellt und sie kennengelernt.“

„Es gehört doch aber auch Mut dazu, ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Und das hast du mit dem Bistro doch eindeutig getan“, warf Josh ein.

Leanne nickte. „Aber auch das hätte ich wohl ohne Carl nie gewagt. Obwohl wenn er zu dem Zeitpunkt bereits tot war.“ Sie atmete einmal tief durch, dann nahm sie den Faden ihrer Erzählung wieder auf. „Sein größter Traum war es, irgendwann einmal für das Weltpressefoto nominiert zu werden. Für diesen Traum hat er letztlich alles gegeben. Er hat nach dem Studium gejobbt, um sich das Geld zu verdienen, damit er, wenn etwas auf der Welt passierte, dorthin reisen konnte, um als Fotojournalist vor Ort zu sein, den Menschen zu Hause zu zeigen, was in der Welt vor sich ging, während sie sich Sorgen machten, ob die Mäuse die Tulpenzwiebeln im Garten gefressen hatten. Vor drei Jahren ist er dann im arabischen Frühling nach Libyen gereist. Doch statt Weltpressefoto landete sein eigenes Foto auf jener Wand im Gerichtsaal von Benghazi, an der der verschwundenen und getöteten Journalisten gedacht wurde.“ Tränen quollen leise aus ihren Augen, doch sie wischte sie energisch mit den Handballen weg. „Heute ist er nicht mehr als eine Randnotiz in der Weltgeschichte. Noch nicht einmal die heimische Presse berichtete über ihn, weil nur zwei Tage später Tim Hetherington ebenfalls in Libyen starb. Und als Weltpressefotogewinner war sein Tod natürlich die wichtigere Meldung. Nicht, dass ich es der Presse verüble. So ist das Leben nun einmal. Und der Tod eines berühmten Journalisten führt den Daheimgebliebenen deutlicher vor Augen, was diese Menschen riskieren, damit wir wissen, wie es da draußen wirklich ist, als es Menschen aus der eigenen Grafschaft, die doch keiner kennt, tun.“

„Was wurde aus Carls Bildern?“, fragte Josh jetzt. „Denn ich nehme zumindest an, dass er ein recht gutes Auge für geeignete Objekte hatte und auch ein entsprechendes Talent, wenn er der Ansicht war, es bis zum Weltpressefoto bringen zu können.“

Jetzt lächelte Leanne wieder. „Oh, ein paar von ihnen kannst du an den Wänden hier bewundern. Es ist sogar eines aus Libyen dabei.“

Aufmerksam sah sich Josh im Gastraum des Bistros um. Alle gerahmten Fotografien hatten das gleiche Motiv: Den Mond.

„Der Mond war eines der Dinge, die uns verband. Wir beide zogen ihn der Sonne vor. Und bis heute mag ich den Mond lieber.“

Josh konnte nicht widerstehen, aufzustehen und sich ein paar der Bilder aus der Nähe anzusehen. Es war faszinierend. Auf allen war der gleiche Himmelskörper zu sehen und doch wirkte er jedes Mal anders. Und das lag nicht immer an weiteren Elementen auf den Bildern, wie etwa ein paar Halme Strandhafer, die in den hellen Mond hineinragten.

„Ich kenne zwar die Qualität seiner anderen Fotos nicht, aber er hatte definitiv ein Talent für Mondaufnahmen“, sagte Josh ehrlich zu Leanne, die ihm bei seinem Rundgang gefolgt war.

„Ein Bild wird allerdings immer fehlen… Ehe er nach Libyen reiste, haben wir über die Zukunft gesprochen und waren überein gekommen, dass wenn nach seiner Rückkehr unsere Gefühle noch die gleichen wären, wir über eine Heirat nachdenken wollten.“ Sie lachte leise. „Eigentlich absurd. In dem Moment, da wir so hypothetisch darüber sprachen, machten wir uns ja bereits Gedanken. Und Carl wusste auch schon genau, wohin er mich auf der Hochzeitsreise entführen wollte: nach Bali. Er hatte im Internet ein kleines Hotel oder eine Pension, in welche Kategorie es tatsächlich fällt, weiß ich nicht, gefunden, die Nirwa Homestay heißt.“

„Und selbstverständlich wollte er dort auch ein Foto vom Mond für eure Sammlung machen“, schloss Josh und verstand nun, wie dieser eigenwillige Name des Bistros zustande gekommen war.

Leanne nickte. „Manchmal denke ich, dass ich noch immer um Carl trauere, weil ich mich nicht von ihm verabschieden konnte. Wir hatten am Tag davor noch telefoniert. Und dann, urplötzlich… Vermutlich weil wir beide nicht begriffen, dass es wirklich jeden Tag vorbei sein konnte. Und weil es mich dann so unvorbereitet traf…“ Sie brach ab und blickte gedankenverloren auf eines der Fotos. Josh nahm an, dass es jene Aufnahme des Mondes war, die Carl Benson in Libyen gemacht hatte.

Während sie so nebeneinander standen und die Fotos betrachteten, wurden Josh langsam die Unterschiede zwischen ihm und Leanne und ihrer beider Trauer bewusst. Doch es dauerte noch bis in den späten Abend, als er längst wieder mit Erin nach Covendale zurückgekehrt war, ehe er die ganze Tragweite begriff. Dass er ein halbes Jahr Zeit gehabt hatte, sich von Tom zu verabschieden. Dass sein Herz im Grunde seit jenem Tag, an dem der Unfall geschehen war, getrauert hatte, auch wenn er insgeheim immer gehofft hatte, dass Tom es doch noch schaffen würde. Dass das Ende zuletzt nicht mehr so unvermittelt gewesen war, sondern in Wirklichkeit nur den Abschluss darstellte. Und dass er Tom vielleicht gar nicht verriet, wenn er sich zumindest erlaubte, herauszufinden, wohin das mit ihm und Edward führte.