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22. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

22 - Wie ein Kind im Süßwarenladen oder "Worauf wartest du dann noch? Hopp, hopp"

Montag, 21. Dezember 2015 - Auf großer Erkundungstour - Nordpol

 

Elegant landete Rudy und wandte auffordernd seinen Kopf, betrachtete den dick eingepackten Kris. Der hatte sich in mehrere Lagen gehüllt, auch wenn er das nur hier draußen brauchte, im Haus würde es wie immer schön warm sein. Es dauerte noch einen Moment, doch dann rutschte der Blonde von seinem Rücken. Rudy schüttelte sich, denn als sie gerade über Grönland gewesen waren, hatte es angefangen, heftig zu schneien. Nur gut, dass er nichts sehen musste, um den Weg nach Hause zu finden. War so ein Rentier-Ding.

 

Rudy verwandelte sich zurück und starrte ärgerlich auf seinen Arm und sein Bein, die waren immer noch verwandelt. Nur ein paar Minuten an einem hochmagischen Ort reichten wohl nicht aus. Damit ließ er sich besser nicht im Stall blicken, denn dann würden ihn die anderen Rentiere erst recht ärgern. Sie konnten ihn so schon nicht leiden und das hatte sich in all den Jahren auch nie geändert. Aber zum Glück durfte er so ins Haus.

 

"Komm, Kris, das Haupthaus ist gleich hier drüben und da gibt’s auch Frühstück. Wenn wir Glück haben und sich der Schnee nachher etwas legt, zeig ich dir den Rest. Erlösen wir erst mal Svenja von ihren Sorgen." Rudy grinste schief und stapfte auf das Haus zu. Wie hatte er den Schnee vermisst. San Francisco konnte ja nicht unbedingt mit Schnee dienen. Oder wenn doch, dann nur mit einigen Flöckchen.

Im Küchenfenster brannte auch Licht, also war jemand dort. Bestimmt Svenja, denn die war immer für das Essen zuständig. Santa war bestimmt noch in der Werkstatt und besah sich die Spielzeugproduktion. Dorthin durfte er Kris sicherlich auch mitnehmen.

 

Rudy betrat das Haus zuerst und ließ Kris ein. "Bin zuhause", rief er einfach mal und zog sich die Schuhe aus. Mehr hatte Rudy auch nicht dabei, nur die Sachen, die er am Körper trug. Er hatte sein eigenes Zimmer, seitdem er sich verwandeln konnte und hatte hier genug Sachen, die bis nach Weihnachten reichten. Kris würde dann wohl im Gästezimmer einquartiert werden.

Er hörte das Klappern von Absätzen und lächelte, doch erst einmal zeigte er Kris in Ruhe, wo er seinen Rucksack hinstellen und wo er die restlichen Sachen verstauen konnte. Handschuhe, Schal und Mütze waren schließlich Pflicht gewesen, bei dem Gegenwind während des Flugs. Schließlich hatte der Ältere keinen wärmenden Pelz und in der Höhe, in der er fliegen musste, um dem Radar zu entgehen, wurde es immer so verdammt kalt.

 

"Kind, lass dich umarmen", erklang die Stimme, die Kris aus dem Telefon kannte, und Rudy hatte gerade noch Zeit, sich umzudrehen, da schlangen sich schon Arme um ihn und er wurde an einen vertrauten Körper gezogen.

Er hatte der Weißhaarigen nie abgewöhnen können, ihn Kind zu nennen oder ihn als ihren Sohn zu sehen. Svenja selbst konnte leider seit ihrer frühsten Jugend keine eigenen Kinder bekommen, da hatte sie ihn kurzerhand als ihr Kind erwählt. "Hallo Svenja", erwiderte Rudy und tätschelte ihr den Rücken. Ein paar Jahre würde er sie noch sehen, aber spätestens wenn Santa einen Nachfolger hatte und der eingearbeitet war, würden sich beide zur Ruhe setzten  und dann auch ziemlich schnell sterben. Das war alles so kompliziert und leider nicht das erste Mal, dass Rudy das erleben musste. Aber trübe Gedanken gehörten nicht zu einem Wiedersehen nach einem Jahr.

 

"Hattest du einen guten Flug", wollte die Dame des Hauses wissen und löste ihre Umarmung. Ihre blauen Augen wanderten über Rudolph und sofort bemerkte sie die verwandelte Hand und das Bein. Das erklärte natürlich, warum ihr Junge schon da war, was sie zu etwas anderem brachte. "Hast du immer noch Schmerzen?"

 

Rudy lachte nur. Auf welche Frage sollte er zuerst antworten. "Flug war gut und die Schmerzen halten sich in Grenzen. Das hier ist Kris, mein Nachbar. Kris, das ist Svenja", stellte er dann doch erst mal vor. Er wusste ja, was sich gehörte. Zumindest ansatzweise und ab und an.

"Sehr erfreut, Ma'am", sprach Kris und schüttelte die Hand der Frau.

"Ebenfalls. Und sag ruhig Svenja zu mir. Lasst uns in die Küche gehen, Santa kommt sicherlich auch gleich aus der Werkstatt." Zu dritt gingen sie in die Küche und Svenja schenkte erst einmal Kaffee aus. Sicherlich würden die beiden nach dem Essen erst einmal schlafen gehen oder sie würden zumindest nicht lange wach bleiben, denn immerhin war Rudolph eine weite Strecke geflogen.

 

Sie waren gerade dabei auszuknobeln, wer was zum Frühstück wollte, als schwere Schritte erklangen. Kurz darauf trat Santa in die Küche, in schwarzen geputzten Schuhen, einer roten Hose und einem weisen Pullover. Der obligatorische weise Rauschebart und die weißen Haaren durften auch nicht fehlen, so, wie man sich einen Santa Claus vorstellte. Nur sahen die bestimmt schon länger so aus, als dass es Coca Cola gab. Die schrieben sich ja immer auf die Fahne, Santa Claus erfunden zu haben. Kris schluckte und wusste gar nicht, was er jetzt machen sollte. Wie begrüßte man eine Sagengestalt richtig? Während er noch am Szenarien durchspielen war, war Rudy ganz pragmatisch.

 

Er stand auf und drückte Santa kurz. Er war etwas, was einem richtigen Vater sehr nahe kam. Immerhin war Rudy erst seit 7 Jahren ein Mensch und als Rentier war er schon lang erwachsen. Er hatte sich ohne seine Eltern durchgeschlagen, die ihn wegen seiner roten Nase einfach im Stich gelassen hatten. Nur gut, dass ihn sein erster Santa gefunden hatte, bevor es zu spät gewesen war. "Hallo Santa", murmelte Rudy. Ja, hier fühlte er sich zuhause und willkommen. "Hallo Rudolph", brummte Santa gutmütig und erst jetzt viel sein Blick auf ihren Gast. Seine Frau hatte erwähnt, dass Rudolph jemanden mitbringen würde. Scheinbar hatte es sich wohl so ergeben. Blieb nur zu hoffen, dass der Jungspund das Geheimnis nicht weiter trug. "Santa", brummte er und reichte dem jungen Mann die Hand. Er war nicht gerade Wortgewandt, das sagte Svenja auch immer.

 

"Kris. Sehr erfreut, Sir", murmelte der Blonde leicht eingeschüchtert und schüttelte die Hand. War er hier jetzt willkommen oder nicht? Svenja hatte sich ja gefreut, aber Santa schien das anders zu sehen. So ganz wusste er nicht, was er machen sollte. Sollte er einfach wieder gehen? Andererseits gab es hier kein Flugzeug, das ihn nach San Francisco bringen konnte und er wollte nicht, dass Rudy die Strecke noch mal fliegen musste, immerhin hatte er Schmerzen gehabt und musste sich ausruhen. Also würde er wohl doch hier bleiben und das Beste daraus machen. Sicherlich hatte Santa so kurz vor Weihnachten eine Menge zu tun.

 

Und dann saß der Weißhaarige auch am Tisch, also konnten sie auch erst einmal Essen und dann eventuell anschließend etwas schlafen. Vielleicht hatte er sich bis dahin auch an die Art von Rudolphs Pflegevater gewöhnt. Erst jedoch wurde ausgiebig gefrühstückt und Rudy erklärte, wie es zu dem Ganzen gekommen war. Es war dem alten Herrn anzusehen, dass es ihm nicht gefiel, doch ändern ließ es sich nicht mehr, immerhin konnte hier keiner Zaubern und damit das Gedächtnis manipulieren. Daher musste sich Santa Claus auf das Versprechen verlassen, dass der Blonde gerade gab. Er war gut darin, Geheimnisse für sich zu behalten. Diesmal würde es nicht anders sein. Außerdem... wer würde ihm schon glauben, dass sein Nachbar ein fliegendes Rentier mit einer roten Nase war und dessen Vater Santa Claus. Sie würden ihn für verrückt erklären und in die Klapse stecken.

 

 

Nach dem Essens fand ein Ausflug statt. Der Schnee war weniger geworden und so konnten sie die Umgebung erkunden. Rudy zeigte seinem Nachbarn die Plätze, an denen er gern war, wie den zugefrorenen See, auf dem er gern Schlittschuh lief, zumindest seit er es konnte. Davor war er immer einfach über den See geschlittert. Mit vier Hufen war das einfacher gewesen, als mit zwei schmalen Kufen. Aber inzwischen klappte das ganz gut.

 

Weiter ging es zu einem beliebten Platz bei Polarfüchsen. Er war als Rentier schon immer gern hier gewesen und die Füchse wussten, dass von ihm keine Gefahr ausging. Auch wenn Polarfüchse selten älter als vier Jahre wurden, so wussten doch die nachfolgenden Generationen, dass er ihnen nichts Böses wollte, denn kaum hatte er die mitgebrachte Decke ausgebreitet und sie saßen beide darauf, da kamen auch schon die ersten Welpen angestapft. Noch etwas, was sie von anderen Polarfüchsen unterschied. Normalerweise wurden die Welpen 5 Monate nach ihrer Geburt von den Elterntieren verstoßen und waren auf sich allein gestellt, hier jedoch lebten sie zusammen in einem großen unterirdischen Bau. Bestimmt hatte das etwas mit der Nähe zu Santas Haus und der Magie zu tun, die dort herrschte. Anders konnte sich das Rudy zumindest nicht erklären.

 

Sofort begannen die Jungtiere auf ihm herum zu klettern und ihn zu beschnuppern, ihn mit ihren kleinen Zähnchen zu zwicken. Sie waren eben frech und neugierig. Kris jedoch wurde nur misstrauisch beäugt und gemieden, das änderte sich erst, als eine Fähe zu ihnen stieß. "Hallo Leila, meine Schöne. Sind das deine Welpen?", wollte Rudy sanft wissen und strich über das weiche weiße Fell, als sie in Reichweite war. Der zustimmende Laut ließ ihn lächeln.

Noch kurz genoss die Füchsin die seltenen Streicheleinheiten, bevor sie zu dem anderen Menschen lief. Das war ein Fremder und doch roch er etwas nach ihrem Rentier. Fragend wandte sie den Kopf zu Rudy. "Das ist Kris. Er ist ein Freund von mir und er tut euch nichts." Wieder drehte sich der Kopf und vorsichtig schlich sie noch näher. Ganz genau beobachtete Leila jede Bewegung und ein genießender Laut verließ ihre Schnauze, als sie die Hand spürte. Also streicheln konnte der Zweibeiner. Das ließ auch ihre Welpen neugierig näher kommen, die mit dem Toben innegehalten hatten. Was ihrer Mutter gefiel, konnte ja nur gut für sie sein!

 

Die Polarfuchswelpen waren noch etwas zurückhaltender, doch nur wenig später hatten sie Kris integriert und belagerten ihn genauso wie Rudy. Sie blieben so lange, bis die Fähe ihre Welpen in den Bau jagte. Sicherlich zum Essen und dann zum Schlafen. Viel länger hätte Rudy das Ganze auch nicht ausgedehnt, denn Kris hatte kein wärmendes Fell und krank musste er nicht unbedingt werden. "Gehen wir zurück, dann können wir uns noch die Werkstatt anschauen und bestimmt können wir auch einen Glühwein bei Svenja abgreifen. Morgen zeig ich dir dann Santas Büro und vielleicht den Stall mit den Rentieren, wenn die Verwandlung wieder aufgehört hat. Ich muss mir Weihnachten nicht unbedingt mit Hänseleien verderben", murmelte er die letzten Worte mehr für sich selbst bestimmt. Kris würde auch nichts dagegen machen können, denn mit den anderen Rentieren konnte ein Mensch nicht reden. Santa schon, aber der war ja auch eine Ausnahme.

 

"Die Geschenkproduktion?", wollte Kris aufgeregt wissen und sprang auf, klopfte aus reinem Reflex seine Hose ab. "Worauf wartest du dann noch? Hopp, hopp", drängte er wie ein kleines Kind. Wann sonst konnte man schon mal die Werkstatt von Santa Claus sehen? Elfen würden da ja auch herumlaufen, so hatte er das zumindest verstanden. Er war wirklich aufgeregt und im Moment konnte es ihm nicht schnell genug gehen. Was brauchte Rudy auch so lange zum Aufstehen? Und warum faltete der die Decke so verdammt langsam? Das machte der doch bestimmt mit Absicht! Nur mit großer Willenskraft konnte Kris sich davon abhalten zu knurren. Was würde Rudy dann von ihm halten? Er wollte sich noch in sein Blickfeld wagen können.

 

Schließlich setzten sie sich in Bewegung. Rudy musste sich arg das Grinsen verkneifen, denn der Ältere lief immer ein paar Schritte vor und kam dann wieder zurück, weil es ihm nicht schnell genug ging. Da konnte einem schon der Gedanke kommen, dass der 35-Jährige eigentlich erst 5 war. Nur wenig später betraten sie die Werkstatt, hier war es viel wärmer, weswegen sie ihre Jacken erst einmal aufhängten. Und bevor ihm der Blonde noch irgendwo Verlust gehen konnte, griff ihn Rudy an der Hand. Er wollte Santa nicht erklären müssen, dass er einen Menschen in der Werkstatt verloren hatte und auch Granny würde sicherlich nicht begeistert sein, wenn ihr Enkel verschwand. "Du bleibst genau an meiner Seite und an meiner Hand. Zum einen verläufst du dich sonst und zum anderen kennen die Elfen dich nicht. Ich weiß nicht, was sie machen könnten." Und wirklich herausfinden wollte er das auch nicht.

 

Ungläubig blickte Kris auf die Hand, die seine hielt. Das wollte er schon so lange und hatte sich einfach nicht getraut, etwas zu sagen. Wenn er das gewusst hätte, dann hätte er sich schon viel eher wie ein kleines Kind verhalten, zum Beispiel in Disney World. Aber dazu war es jetzt zu spät und wirklich – nur für einen kurzen Moment – überlegte er sich ernsthaft, sich loszureißen und alles zu erkunden. Doch er wollte Rudy keine Schwierigkeiten machen. Am Ende wurde dem Kleineren noch der Umgang mit ihm verboten, das war ganz und gar keine Option!

 

"Hat jeder Elf eine feste Station oder springen sie ein, wo Not am Elf ist?", wollte der Blonde wissen und besah sich die Halle. Überall standen Elfen an Tischen und fertigten Spielzeug. Holzautos, Spielzeugroboter, Puppen mit Wechselkleidung und noch viele andere Dinge. Einige Elfen waren wohl nur dafür zuständig, fertiges Spielzeug zu bemalen, während andere es verpackten und weihnachtliche Aufkleber mit Namen darauf klebten. Und immer wieder konnte Kris fragende Blicke auf sich spüren, doch kein Elf sprach sie an. Vermutlich hielten sie sich nur zurück, weil Rudy bei ihm war. Ohne den Jüngeren wäre er sicherlich Freiwild.

 

Nachsichtig lächelte der Braunhaarige. Es musste überwältigend sein, wenn man das das erste Mal erlebte. Er selbst hatte die Produktion in all den Jahren wachsen sehen. Der erste Santa selbst hatte damals die Spielzeuge in seiner Hütte hergestellt, bis irgendwann plötzlich die Elfen aufgetaucht waren. Rudy wusste noch genau, wie er sich damals gefühlt hatte. Er hätte so gerne geholfen, doch er war nur ein Rentier gewesen, noch dazu mit einer roten Nase. Mit Hufen konnte man leider kein Spielzeug herstellen. Und doch hatten ihn die Elfen nie gehänselt, sondern ihn immer getröstet und bevorzugt. Mit Futter, mit Streicheleinheiten. Einige wenige waren so alt wie er selbst, die meisten jedoch schon Nachkommen der ersten Elfen. Jocelyn, die gerade zu ihnen trat, war eine der Ersten. Man sah es ihr auch an und viele Jahre hatte sie bestimmt nicht mehr.

 

"Hallo Jocelyn. Es tut gut, dich zu sehen", begrüßte Rudy und ließ die Umarmung der Elfe über sich ergehen, auch wenn sie ihm nur bis zur Hüfte ging. So war das eben.

"Hallo Rudy. Du hast Besuch mitgebracht. Ich führ euch rum", und schon ging es los. Jocelyn ließ nichts aus und erklärte alles, wenn Kris Fragen hatte.




Advent [Laila]

 

22. Dezember

 

Heute war der vierte Advent, wie es in Midgard hieß. Wieder ein Sonntag und man konnte die vierte Kerze anzünden.

Leider begann der Tag nicht so wie gewünscht.

Odin hatte eine Botschaft des Elfenkönigs Aeneas erhalten als dieser mit einer kleinen Delegation am Hofe erschien.

Sofort machten sich Gerüchte breit.

Aeneas war ein hochgewachsener, schöner Mann.

Er saß mit zwei Wachen in der großen Halle. Odin hatte ein Mahl bereiten lassen, so dass sein Gast ein Frühstück bekam. Noch hatte der König keine Gründe für seinen Besuch genannt. Immerhin waren ja erst Loki und Thor bei ihm gewesen.


„Was will der hier?“ maulte Loki.

Er mochte die Elfen nicht. Vielleicht lag es daran, dass er ein Frostriese war, oder das er genug magische Fähigkeiten besaß. Diese Wesen waren ihm nicht gut gewogen.
Wenn es ging, machte er einen großen Bogen um die Elfen.

Leider war dies heute nicht möglich. Odin hatte ihn und Thor in die große Halle bestellt. Also mussten sie erscheinen.

In feinen Gewändern traten sie ein und grüßten den König.

Der Elfenkönig lächelte freundlich und nickte zum Gruß.

„Es freut mich euch beide wieder zu sehen. Die Heimreise verlief damit also gut. Odin kann stolz auf seine Söhne sein“, sagte der Mann.

Wieder lächelte er. Auch wenn es nicht ganz echt wirkte.

„Danke. Die Heimreise lief in der Tat der gut.“

Auch Thor war freundlich.

Loki nickte nur und setzte sich. Im war das nicht recht. Er fühlte sich in der Nähe des Königs nicht wohl.

„Ihr seid in unseren Hallen willkommen, werter Aeneas. Aber gestattet die Frage, was führt euch zu uns?“ fragte Odin.

Er mochte keine ungebeten Gäste.

„Ich wollte mir einmal die Stadt ansehen. Aber ich bin nur auf der Durchreise. Verzeiht mein plötzliches Erscheinen. Ich weiß, es ist nicht passend“, erklärte der König.

Odin neigte leicht den Kopf und zupfte an seinem Bart.

„Ihr seid unser Gast.“

Dankend nahm der Elfenkönig dies an.

Er hatte in der Tat keine bösen Absichten. Er war nur neugierig gewesen und ein Überraschungsbesuch war immer eine gute Art, die anderen kennen zu lernen.

Später ließ er sich von Thor und Odin den Palast zeigen.

Loki hatte sich zu Hell abgeseilt, da er nicht in der Gegenwart von Aeneas sein wollte.

 

Der König blieb über Nacht. Die Diener hatten ihm ein Zimmer gerichtet und nach einer reichhaltigen Mahlzeit war es Zeit schlafen zu gehen.

„So schlimm ist er gar nicht. Er war wirklich nett“, meinte Thor, als er mit Loki im Bett lag.

Der Lügengott schnaubte nur.

„Mag ja sein. Aber ich mag ihn nicht. In ihm steckt so viel Magie und das stößt mich ab.“

Er mochte nicht über diesen Mann reden. Viel lieber kuschelte er sich an Thor und ließ sich von seinem Gott durch die schwarze Mähne kraulen.

 

22. Dezember

 

Hallo mein Liebster,

als der Elfenkönig hier war hatte ich genug Zeit zum Schreiben. Da verbringe ich doch viel lieber meine Zeit mit Hell. Obwohl dies ihr gegenüber gemein klingt.

Sie ist eine tolle Schwester und ich bin gern in Wallhalla.

Ich habe heute viele Krieger getroffen. Es wäre auch ein Abenteuer für dich gewesen.

 

Grund 22:

Deine Freundlich

Nun vielleicht greift sie in andere Punkte über. Aber heute mit Aeneas war es das beste Beispiel. Auch wenn du ihn nicht magst, so warst du freundlich zu ihm. Du hast nicht diese Abscheu wie ich. Aber dennoch.

Du bist immer freundlich. Egal um wenn es dabei geht. Auch wenn es man es nicht denkt, so versteckst du deine wahren Gedanken auch hinter der Maske der Freundlichkeit. Ich will damit aber nicht sagen, dass du nicht freundlich wärst. Denn das bist du.

 

In ewiger Liebe

Loki



Wiedersehen auf Covendale [chaotizitaet]

18

„Bist du dir sicher, dass du den Turm dorthin ziehen möchtest?“, fragte Colleen Josh lächelnd.

Dieser grinste ein wenig schief. „Natürlich bin ich mir nicht sicher. Ebenso wenig wie es mein Berater ist. Und trotzdem setze ich ihn dort hin.“

Wie erwartet hatten sich einige der anderen Gäste um sie versammelt, darunter auch Philipp Barnes, der mit sichtlichem Stolz zusah, wie seine Tochter die beiden Männer im Schach besiegte. Allein schon das Verhältnis der geschlagenen Figuren sprach Bände. Zwar gab Josh sein Bestes und hatte seinerseits auch eine ganze Reihe von Colleens Figuren vom Brett verbannt, aber es war deutlich zu sehen, wer bei diesem Spiel wohl aller Voraussicht nach gewinnen würde.

Soeben zog Colleen ihren Läufer und sagte: „Gardez!“

Josh sah wohl, dass seine Dame in Bedrängnis war, wusste aber nicht, wie er sie retten sollte. Bestenfalls wenn er den Bauern schlug und hoffte, dass Colleen andere Pläne verfolgte als jetzt unbedingt seine Dame aus dem Spiel zu nehmen… Einen Versuch schien es wert.

Im selben Moment, da er die Dame geführt hatte, wusste er, dass er einen Fehler begangen hatte, stand doch auf einmal sein König ungeschützt da.

Da vibrierte sein Handy in der Tasche. Da er eigentlich keinen Anruf erwartete, konnte es nur etwas wichtiges sein, weshalb er es nicht riskieren wollte, diesen zu ignorieren. Fast schon instinktiv griff er danach und als er auf dem Display las, wer ihn da zu dieser Stunde anrief, weiteten sich seine Augen. Hastig nahm er den Anruf an. „Ja? Ist was passiert?“

Es waren seine Eltern. Und ein kurzes Überschlagen der Zeitzone hatte ihm verraten, dass es gerade erst vier Uhr in der Früh in Malaysia war. Viel zu früh für seine Eltern, um eigentlich schon auf zu sein und mit ihm telefonieren zu wollen. Es musste also etwas passiert sein. Schreckensbilder von Verletzungen oder Naturkatastrophen zuckten durch seinen Geist. Unwillkürlich betete Josh, dass es seinen Eltern körperlich gut ging.

„Josh? Kannst du sprechen, bist du allein?“ Es war seine Mutter. Da sie jedoch zwar aufgeregt aber nicht panisch klang, beruhigte sich Joshs Herzschlag ein wenig.

„Ma? Geht es dir gut? Und Pa? Ist bei euch alles in Ordnung?“, stieß Josh hervor.

„Aber ja, wieso sollte es uns nicht gut gehen?“, kam es vom anderen Ende der Welt ein wenig verwirrt.

„Weil ihr sonst nie um diese Uhrzeit anruft. Da dachte ich…“ Doch die Erleichterung nahm Joshs Worten den vorwurfsvollen Klang.

„Nein, nein. Uns geht es wirklich gut. Aber dennoch haben wir dir etwas Wichtiges mitzuteilen. Allerdings wäre es besser, wenn wir da ungestört reden könnten…“

Nun wandelte sich die ursprüngliche Panik in Neugier um. Mit einem kurzen Blick auf das Spielbrett, kippte Josh die Figur seines Königs um und signalisierte so Colleens Sieg. „Seid ihr zu Hause? Wenn ja, dann kann ich ins Morgenzimmer gehen und meinen Rechner starten. Dann können wir über Skype reden“, schlug er vor.

„Ja, sind wir. Bis gleich“, und seine Mutter legte auf.

Als Josh das Telefon sinken ließ, blickten ihn die anderen erwartungsvoll an. „Irgendwas ist in Malaysia vorgefallen. Aber es scheint ihnen gut zu gehen. Auch wenn ich das erst glaube, wenn ich sie sehe.“ Er wandte sich Colleen zu. „Tut mir leid um das Spiel, aber du hättest eh gewonnen. Wenn du möchtest, können wir ja an einem anderen Abend eine Rückspielpartie haben.“

Sie nickte verständnisvoll. Sie hatten schließlich erreicht, was sie wollten – sie war bis zu dem Telefonanruf der Mittelpunkt der Gruppe gewesen.

„Soll ich dich begleiten?“, fragte Edward.

Josh zögerte. Einerseits hatte ihm Edwards Beistand bei dem Gespräch mit der Band schon sehr geholfen, andererseits hatte seine Mutter gefragt, ob er allein war. Dann nickte er. Er vertraute Edward. Und vermutlich würde er ihm sowieso erzählen, was seine Eltern zu berichten hatten.

Rasch war der Rechner hochgefahren und eine Skypeverbindung zu seinen Eltern hergestellt.

„Hi Ma, hallo Pa, gut euch zu sehen.“ Joshs Augen glitten am Bild, das die Webcam ihm bot, auf und ab, um sich zu vergewissern, dass seine Eltern tatsächlich unversehrt waren.

„Tut mir leid, dass wir dir so einen Schrecken eingejagt haben, aber, du wirst nicht glauben, was wir heute Abend bei den Perks gesehen haben.“

„Nun ja, eigentlich gestern Abend“, mischte sich Garth Evans ein.

„Ja, schon… aber weil wir noch nicht geschlafen haben, ist für mich gestern Abend gefühlt noch heute Abend“, erwiderte seine Frau.

„Ihr wart also bei den Perks…“, versuchte Josh das Gespräch wieder auf die richtige Bahn zu führen, kannte er doch seine Eltern gut genug, um zu wissen, dass sie es auch problemlos schafften, eine halbe Stunde über die subjektive Wahrnehmung von Tageszeiten zu diskutieren.

„Ja, in Singapur. Deswegen sind wir ja erst jetzt heimgekommen. Eigentlich wollten wir ja über Nacht bleiben, aber als wir das gesehen haben, hat dein Vater so getan, als hätte er eine Nachricht vom Hotel bekommen, die uns zwingt sofort zurückzukehren“, sagte seine Mutter und Josh musste an sich halten, nicht die Geduld zu verlieren. Denn nicht nur, dass seine Eltern ihn erst mit einem Anruf zu für sie nachtschlafender Zeit erschreckten, nun schaffte es seine Mutter ihm alles zu erzählen, nur nicht vermutlich das, weshalb sie angerufen hatten. Seine Mutter hätte diesbezüglich Quizshowproduzentin werden können – sie ließ immer das Wichtigste weg. Aber so war sie eben. Da es war einfacher zu warten, bis sein Vater die Geduld verlor und das Heft in die Hand nahm.

Und genau das geschah in diesem Moment. „Junge, du hast uns doch neulich von dieser Spieluhr erzählt, die in Covendale verschwunden ist. Wir haben dir zwar gesagt, dass wir bei uns hier kurz vor dem Dschungel kaum eine Chance sehen, so etwas zu finden, aber nun ja… Vermutlich hätten wir es beide auch gleich wieder vergessen, da wir uns aus solchem Kram eher wenig machen. Aber du hast uns auch erzählt, dass auf dem Deckel eine Rafflesie abgebildet ist. Und das wiederum konnten wir uns merken, ist doch eines unserer Spa-Programme der Rafflesie gewidmet.“

Joshs Mutter nickte. „Genau“, riss sie das Gespräch wieder an sich. „Als wir nun für Weihnachtseinkäufe nach Singapur gefahren sind, haben wir auch unsere alten Freunde, die Perks, besucht. Die wiederum allerlei antiken Krimskrams mögen und sammeln. Ehrlich, sie haben so viel, dass ein einzelnes Stück kaum mehr auffällt. Aber als ich auf die Toilette musste, habe ich mir doch die eine Vitrine im Flur angeschaut, und da war sie! Diese Rafflesie, von der du uns erzählt hast.“

„Marie hat sie mir dann gezeigt. Die Perks haben sich zwar gewundert, dass wir mit einem Mal Interesse für ihre Sammlung zeigten, haben aber die Erklärung mit unserem neuen Wellness-Programm anstandslos akzeptiert“, versicherte Garth jetzt seinem Sohn.

„Wir wussten, dass wir dir Bescheid sagen müssen. Aber das konnten wir schließlich nicht machen, solange wir bei den Perks waren. Zumal wir ja eigentlich bei ihnen über Nacht bleiben sollten. Also hat dein Vater diesen Anruf vorgetäuscht und wir sind dann direkt nach Hause gefahren. Aber du kennst ja die Straßenverhältnisse… Dementsprechend sind wir erst jetzt heimgekommen. Und haben dann sofort dich angerufen.“

Als die Evans die Spieldose erwähnten, hatten Edward und Josh unwillkürlich den Atem angehalten und sich über den Bildschirm hinweg – Edward war wie bei dem Gespräch mit der Band außerhalb des Erfassungsbereichs von Joshs Kamera geblieben – bedeutungsvoll angesehen. Sollte das etwa der erhoffte Durchbruch sein? Und mit jedem Wort, das Marie und Garth weiter sprachen, verdichtete sich diese Theorie. Aber wie kam die Spieluhr nach Singapur?

„Denn hätten wir dich von den Perks aus angerufen, wären sie ja sofort misstrauisch geworden“, schloss Joshs Vater.

„Denkt ihr denn, dass die Perks wussten, dass es sich bei der Spieluhr um gestohlene Ware handelte? Und seid ihr überhaupt sicher, dass es sich um unsere Spieluhr handelt?“, vergewisserte sich Josh.

„Das habe ich deine Mutter auch gefragt“, erwiderte Garth und nickte. „Aber sie war sich sicher. Dennoch habe ich auf meinem Handy das Bild aufgerufen, das du uns geschickt hattest. Ich hatte es damals von unserem Rechner abfotografiert, für den Fall halt, dass ich irgendwo bin und etwas in der Richtung sehe und grad daran denke.“

Josh konnte ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken. Das war so typisch für seinen eher technophoben Vater: Statt das Bild über die Schnittstelle auf das Handy zu übertragen oder sich als MMS zu schicken, fotografierte er einfach den Bildschirm. Aber immerhin hatte sein Vater mittlerweile ein Mobiltelefon mit Kamerafunktion.

„Und es war eindeutig die Spieldose von dir!“, bestätigte Garth jetzt.

„Und die Perks? Was ist mit denen? Glaubt ihr, dass die wissentlich gestohlene Antiquitäten kaufen würden?“, wiederholte Josh seine erste Frage.

„Das ist es ja eben“, mischte sich nun wieder seine Mutter ein. „Sie sind wirklich liebe, nette Leute. Aber wir kennen sie nicht so gut, als dass wir über ihre finanzielle Situation genau Bescheid wüssten. Und, nun ja, ich denke mir, dass so ein gestohlenes Stück etwas günstiger verkauft wird, als es bei einem ordentlichen Antiquitätenhändler der Fall wäre, der einem dann auch noch Echtheitszertifikate und Kaufbelege und so etwas vorlegen kann. Und so groß wie ihre Sammlung ist…“

„Und selbst wenn sie nicht wussten, dass die Spieluhr in England gestohlen wurde, manchmal reagieren Menschen sehr merkwürdig, wenn es um Dinge geht, von denen sie glauben, sie gehörten ihnen. Denn wenn die Polizei eingeschaltet wird, dann wird diese die Spieldose beschlagnahmen. Und wer weiß, ob die Perks nicht genau deswegen versucht wären, die Polizei daraus zu halten. Oder gar soweit gingen, die Spieldose irgendwo zu verstecken“, mutmaßte sein Vater.

Ungesehen von ihnen nickte Edward. Er kannte solches Verhalten nur zu gut. Gerade bei seinem ersten Afghanistan-Einsatz hatte er erlebt, wie manche Menschen der Ansicht waren, nur weil sie etwas gefunden hätten, gehörte es ihnen. Dass aber gerade Kunstschätze oder historische Gegenstände, die gefunden wurden, im Zweifel dem Land, in dem sie gefunden wurden, gehörten, wollten da viele nicht wahr haben und versuchten daher ihre Funde außer Landes zu schmuggeln. Was leider viel zu oft gelang.

„Verstehe“, erwiderte Josh. „Pa, wir werden hier unsere Kontakte bei der Polizei informieren. Kannst du derweil versuchen, Interpol in Singapur zu kontaktieren? Oder zumindest die Abteilung für Kunst- und Antiquitätenraub der örtlichen Polizei? Wir werden versuchen, dass die Leute aus London hier sofort eine entsprechende Nachricht an ihre Kollegen dort vor Ort schicken…“

Erleichtert sah Josh, wie Edward bereits sein Handy gezückt hatte und die Nummer seines Bekannten bei der Met aufrief.

„Keine Ahnung, ob ich das schaffe, Josh. Behörden sind da ein wenig eigen und für die bin ich nur irgend so ein Hotelbesitzer aus dem malaysischen Nirgendwo. Aber ich werde es versuchen.“

„Dennoch, ich danke dir, Pa. Und auch dir Ma, für dein wachsames Auge!“