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23. Dezember

House of Orbs [Ira]

 

23 - So schnell macht man Santa eine Freude oder "Oh... das sind ja tolle Nachrichten."

Dienstag, 22. Dezember 2015 - Santas Büro - Nordpol

 

Grinsend trat Rudy ins Gästezimmer und schob die Tür mit dem Fuß wieder zu. Kris musste ziemlich überwältigt und schlaflos gewesen sein, damit er jetzt, um kurz nach 10.00 Uhr, noch immer im Bett lag. Und es war immerhin Dienstag. Deswegen hatte ihm Svenja auch etwas fertig gemacht und das trug er grad auf dem Tablett vor sich.

 

Rudy selbst war schon eine Weile wach gewesen und hatte Svenja beim Backen geholfen. Freilich war sie auch ziemlich überrascht gewesen, eben weil Rudy sonst nie half und weil er auch wirklich helfen konnte. Natürlich hatte er gleich mal erklären müssen, wie es dazu gekommen war. Und das hatte seine Pflegemutter dazu bewogen, dass sie ausnahmsweise auf dem Zimmer essen durften. Sonst bestand sie immer darauf, dass alle am Tisch aßen.

        

Vorsichtig stellte er das Tablett auf den Nachttisch und beugte sich dann zu Kris. Wie bekam er den Älteren am besten wach? Kaltes Wasser war unfair, kitzeln würde nur auf Rudy zurück fallen und er war doch so kitzlig, da würde er sich ins eigene Fleisch schneiden. Küssen viel auch flach. Er war immer noch zu feige vor der Reaktion und er wollte wirklich keine Ohrfeige oder gar ein Knie zwischen den Beinen haben. Das würde sehr schmerzhaft werden.

 

Während er noch am Grübeln war, wurde Kris von selbst wach. Aber das lag auch daran, dass es hier so lecker nach Kaffee roch. Und nach frischen Brötchen. Und süßer Belag. "Kaffee...", quengelte der Blonde wie ein kleines Kind, aber ohne war er einfach nicht ansprechbar und nicht bereit für den Tag. Und das musste er doch sein, denn sie wollten Santas Büro besuchen.

 

Er würde die Artig-Unartig-Liste sehen können und wenn er es geschickt anstellte, konnte er vielleicht schauen, auf welcher er stand. Sicherlich kamen im Büro auch die ganzen Wunschzettel an und der Santa Thron musste dort ja auch stehen.

 

Rudy lachte und nahm sich den Kaffee vom Tablett, reichte ihn weiter. Kris war niedlich, so verschlafen. Nur sagen tat er das lieber nicht. Danach griff er sich seine eigene Tasse und trank einen Schluck. "Svenja war wirklich begeistert. Sie hat heute schon gebacken und ich hab ihr geholfen. Deswegen dürfen wir oben essen. Sonst müsstest du dich erst richtig anziehen und wir müssten unten am Küchentisch essen." Breit grinste Rudy, denn die Decke rutschte, als der Andere sich aufsetzte und gab eine wirklich trainierte Brust frei. Das hätte er jetzt verpasst, wenn sie hätten unten essen müssen. Um nicht beim Starren erwischt zu werden, griff er sich das Tablett und stellte es auf die Matratze. "Dann essen wir und anschließend zeig ich dir den Rest. Bei den Rentieren können wir auch noch vorbei schauen, ich sehe wieder menschlich aus." Sonst hätte er das Tablett auch gar nicht tragen können.

 

"Hey, das freut mich", nuschelte der Hacker um seine Tasse herum, während er an dem heißen Getränk schlürfte. Das war guter Kaffee. Woher Santa seine Lebensmittel wohl bekam? Er konnte ja schlecht einfach so in einen Laden gehen und einkaufen. Und einfach so aus einem Flugzeug abwerfen ging ja auch nicht. Vielleicht nahm auch Mrs. Claus den fliegenden Schlitten und besorgte die Lebensmittel. Aber alle Geheimnisse musste er ja auch nicht wissen und es war eh fraglich, ob sie ihm das sagen würden. Kris hatte eh schon das Gefühl, dass er zu viel wusste und dass es vor allen Dingen Santa gar nicht so recht war. Doch die trüben Gedanken verdarben ihm nicht das Frühstück und schon gar nicht die Vorfreude.

 

Nach dem Essen sprang er aus dem Bett, schnappte sich seine Klamotten und verschwand nur in Shorts ins Bad. Desto schneller er war, desto schneller konnten sie ins Büro. Das belustigt gemurmelte: "Kindskopf", bekam er schon gar nicht mehr mit. Rudy mochte vielleicht nicht aufgeregt sein, doch der kannte das ja auch schon, aber er selbst würde wohl nicht mehr so schnell die Gelegenheit dazu bekommen. Wer wusste schon, ob er das nächste Mal wieder kommen durfte.

 

Eine viertel Stunde später - was schnell bei Kris war, da er sich normalerweise Zeit in der Dusche ließ - stand er fertig angezogen wieder im Gästezimmer. "Wir können los", erklärte er aufgeregt, griff sich aber trotzdem das Tablett. Er wusste, was sich gehörte. In der Küche begrüßte er Svenja und versuchte etwas Smalltalk zu halten, immerhin war er hier nur Gast! Doch die konnte sich schon denken was los war und jagte die beiden Männer lachend davon. Einen Moment lang war es Kris peinlich, doch dann lachte er und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

 

Und damit es nicht noch peinlicher wurde, griff sich Rudy wieder die andere Hand und zog den Größeren mit sich mit, durch den Flur zu einer Tür, die der Blonde bisher noch gar nicht beachtet hatte. Aber bisher war sie auch noch nicht wichtig gewesen. Sie war auch nicht speziell gekennzeichnet, sie sah aus wie jede andere Tür auch. Kris erwartete, direkt im Büro zu stehen und wurde enttäuscht. Es war nur ein Flur, dem sie folgten. Sicherlich hatte Mrs. Claus darauf bestanden, dass alles, was mit der Arbeit zu tun hatte, außerhalb des Wohnhauses war. Am Ende traten sie durch eine weitere Tür und der Blonde konnte spüren, wie sein Kinn Bekanntschaft mit dem Boden machte, aber es konnte es nicht ändern. Das war einfach... Unglaublich!

 

Wo sollte er nur zuerst hinschauen? Nach links, wo ständig Briefe erschienen und wie von Geisterhand nach einem unbekannten Prinzip sortiert wurden? Nach rechts, wo auf einem Podest ein wirklich dickes Buch lag? Sicherlich die Artig-Unartig-Liste, auch wenn er sie sich mehr wie eine große Pergamentrolle vorgestellt hatte. Oder doch eher direkt nach vorn, wo der große Thron stand? Das dunkle, fast schwarze Holz mit den Schnitzereien und dem roten Bezug kam ihm vor wie ein Heiligtum. Direkt daneben lag, auf einem kleinen Tisch, die Santa Mütze. So wirklich bekam der Hacker nicht mit, dass Rudy ihm schmunzelnd den Mund wieder zuklappte und sich dann auf den Weg zu den Briefen machte. Eine ganze Weile stand er noch so da und traute sich gar nicht vom Fleck weg.

 

"Ich dachte, du wolltest dir alles genau anschauen", neckte der Braunhaarige dann doch mal nach 20 Minuten. Er wusste ja, dass allein der Anblick schon überwältigend war, auch wenn es für ihn selbst nichts Großartiges war. Er war hier praktisch groß geworden. "Du darfst dich auch ruhig auf den Thron setzten, er ist wirklich bequem. Und frag ruhig, wenn du was wissen willst."

 

Kris nickte nur und schlich langsam zum Thron. So ganz traute er sich immer noch nicht. Was, wenn Santa plötzlich hinter ihm stand und etwas dagegen hatte? "Wie und nach was sortieren sich die Briefe? Wie funktioniert das mit der Artig-Unartig-Liste und wie findet sich der neue Santa?" Das waren alles dringende Fragen und sprudelten deshalb nur so aus ihm heraus. Die wollte er geklärt haben, bevor es nach Weihnachten wieder nach San Francisco ging. Ganz vorsichtig ließ er sich auf dem Stuhl nieder, als er ihn erreicht hatte. Doch... saß sich ganz bequem befand Kris, nachdem er etwas darauf herumgerutscht war. Hier konnte man durchaus länger sitzen.

 

Rudy lachte. Die Neugier war verständlich und zum Glück hatte er auf jede Frage auch eine Antwort parat. "Die Briefe werden nach Alter, Geschlecht und Land sortiert. Den Rest macht Santa, in dem er sie mit der Artig-Unartig-Liste vergleicht. Der erste Santa ist noch durch die ganze Welt gereist und hat die Liste selbst vervollständigt, inzwischen erledigt das auch die Magie. Das Buch irrt sich nie. Es wäre fatal, wenn auch nur ein Kind falsch beschenkt werden würde, das würde eine Kettenreaktion auslösen", erklärte Rudy und trat ebenfalls zu dem Thron. Liebevoll strich er über das Holz. Die unauffälligen Blicke ließen Rudy grinsen. Kris wollte die Santa Mütze aufsetzten und traute sich nicht zu fragen.

 

"10 Jahre bevor der aktuelle Santa in Rente geht, macht er sich auf die Suche nach einem Nachfolger. Das geht mal schneller und mal länger. Sobald der neue Santa gefunden ist, zieht er ebenfalls hier her und lernt alles, was wichtig ist. Gleichzeitig werden auch neue Rentiere geboren. Sie müssen sich ja auf Santa prägen und auf ihn hören. Und es dauert fünf Jahre, bis Rentiere erwachsen sind und einen Schlitten ziehen können. Neue Elfen werden jederzeit geboren und sie lernen alles Wichtige von ihren Eltern", erklärte Rudy und griff sich selbst die Mütze. Kurz drehte er sie in den Händen und reichte sie dann weiter. "Zieh ruhig auf", ermutigte er den Älteren. Santa hatte nichts dagegen, denn auch Rudy hatte sie schon aufgehabt. Er war ebenfalls neugierig gewesen.

 

"Santa lässt die möglichen Kandidaten seine Mütze aufsetzten. Wenn es passt, dann leuchtet...", erklärte Rudy und musste sich selbst unterbrechen. Ungläubig starrte er auf Kris, denn der hatte die Mütze aufgesetzt und sie leuchtete tatsächlich. Genau das, was sie bei einem neuen Santa machen sollte! Das bedeutetet... dass Kris der nächste Santa wurde. Damit hatte er so gar nicht gerechnet. Er zwickte sich sogar selbst, nur um sicher zu gehen, dass er nicht träumte. Doch es war wirklich wahr. Santa war schon lange auf der Suche und er brachte den nächsten einfach so mit.

 

Das besorgte: "Rudy? Ist alles in Ordnung mit dir? Du bist so blass", bekam er gar nicht richtig mit, denn er stürzte zum Schreibtisch und betätigte die Gegensprechanlage. Sie war mit jedem Raum verbunden und Santa würde ihn hören, egal wo er gerade war. "Santa... komm so schnell wie möglich in dein Büro, du wirst es sonst nicht glauben."

"Ich tu es ja selbst nicht...", murmelte das Rentier und fuhr sich mit einer Hand durch die kurzen Haare. Wenn ihm das jemand erzählt hätte, er würde es nicht glauben. Aber so... er war live dabei gewesen. Das konnte er sich unmöglich einbilden.

 

Die schweren schnellen Schritte kaum 5 Minuten später kündigen Santa schon an. Kurz darauf wurde die Tür zum Büro auch schon regelrecht aus den Angeln gerissen und sein Pflegevater stand schwer atmend in der Tür. Gut... Rudy hatte auch nicht erklärt worum es ging. Das Büro hätte auch abgebrannt sein können oder mit den Wunschlisten oder der Artig-Unartig-Liste hätte etwas passieren können.

"Was ist so dringend?", wollte Santa wissen und sein Blick klebte auf dem verwandelten Rentier. Nur dort würde er eine Antwort bekommen.

 

 

"Ich...", begann Rudy und warf noch einen Blick auf seinen Nachbarn, "... hab deinen Nachfolger gefunden. Zumindest leuchtet die Mütze." So schnell war er noch nie außerhalb des Fokus gewesen wie jetzt, denn Santa wirbelte herum und dessen Augen weiteten sich.

Damit hatte er so gar nicht mehr gerechnet. Er war schon 14 Jahre drüber. Der Weißhaarige lief zwei Schritte und blieb dann doch wieder stehen. Er glaubte an eine Fata Morgana, doch sie waren nicht in der Wüste! "Zieh sie mal ab", brummte Santa und konnte beobachten, wie das Leuchten aufhörte, als der Blonde seinen Worten nachkam. "Und jetzt wieder auf." Er musste es mit eigenen Augen sehen, sonst konnte er es nicht glauben.

 

Kris wusste so gar nicht, was genau los war. Wovon redeten die beiden? Nachfolger? Wer? ER? Und dann brummte Santa auch noch Anweisungen. Natürlich kam er ihnen umgehend nach, vielleicht bekam er dann endlich eine Antwort. So zog er die Mütze ab und drehte sie in der Hand. Sah aus wie vorhin auch, als sie auf dem Tisch gelegen hatte. Von Leuchten keine Spur. Erlaubten sich die beiden einen Scherz mit ihm? Auf den durchdringenden Blick hin setzte er die Mütze wieder auf. Die Augen verdrehend schielte er nach oben, doch Kris konnte nichts sehen. Das Japsen von Santa ließ ihn aber wissen, dass die Mütze wohl wieder leuchtete. "Gut oder schlecht?", wollte er unsicher wissen.

 

"Gut. Nach dir such ich schon seit 14 Jahren", erklärte Santa und hörte sich gleich viel freundlicher an. Er war auch erleichtert, denn er machte den Job jetzt schon wirklich lang genug und wollte sich zur Ruhe setzten. Es hatte auch an seinen Kräften gezerrt, jedes Jahr wieder nach einem Nachfolger zu suchen und ihn doch nicht zu finden. Jetzt wusste er, er hatte seinen Nachfolger und hatte noch 10 Jahre, dann konnte er seinen Lebensabend zusammen mit seiner Frau genießen. "Gratuliere Junge, du bist der nächste Santa Claus", grinste der Weißhaarige. Im nächsten Moment lachte er dröhnend, denn das bedröppelte Gesicht des Blonden war einfach nur lustig. "In 10 Jahren übernimmst du meinen Job. Dann weist du alles und die neuen Rentiere sind ausgewachsen und bereit zu fliegen."

 

Hilflos blickte Kris zu dem Jüngeren. Meinte dessen Pflegevater das ernst? Er und der nächste Santa? Gut... es war wirklich aufregend gewesen, dass es Santa Claus wirklich gab und der die Geschenke verteilte. Aber selbst einer werden? Das würde er doch sicherlich nicht schaffen. Er hatte von gar nichts Ahnung. Weder von den Briefen, noch der Liste und auch nicht von den Geschenken. Geschweige denn, konnte er mit Rentieren reden oder einen fliegenden Schlitten lenken. Ob er das in den Jahren lernen würde? Und was wurde aus seinem aktuellen Job? Hatten sie hier Internet? Und seiner Granny durfte er ja auch nichts sagen. So viele Fragen und Unsicherheiten.

 

"Ich würde sagen, wir trinken einen Glühwein und essen etwas Christstollen und ich versuche, deine dringendsten Fragen zu beantworten." Soviel am Stück hatte Santa auch schon lange nicht mehr gesprochen. Aber in den nächsten Jahren würde das wohl nötig sein, damit er Kris alles beibringen konnte. Dass er seinen Nachfolger auf diese Art und Weise finden würde, hätte er auch nie erwartet.

 

Wenig später saßen sie zu viert in der gemütlichen Küche, denn auch Svenja hatte ein Recht darauf, die Neuigkeiten zu erfahren. Sie hatte dieses Leben schon lange satt. Sie wollte ihre letzten Jahre noch etwas in der Wärme verbringen und der Nordpol war nicht wirklich warm. "Oh... das sind ja tolle Nachrichten. Ich wolle schon lange mal nach Hawaii. Und zumindest kennst du Rudolph schon. Er wird dir sicherlich helfen, wo er kann. Er hilft den Santas ja schon eine Weile. Du kannst deine Freundin dann auch mit hierher bringen." So alleine hier war das auf die Dauer nichts. Niemand mit dem man sprechen konnte.

"Ich hab noch keine Freundin. Aber sollte es mal eine geben, die ich heiraten würde, werde ich sie natürlich mit hier her bringen", versprach der Blonde und lächelte leicht.

 

Rudy verzog sein Gesicht. Die Worte taten so weh. Das hatte er nicht unbedingt hören müssen. Aber für den Moment musste er so tun, als sei alles in Ordnung. Wie immer eben.




Advent [Laila]

 

23. Dezember

 

Morgen stand das Weihnachtsfest, wie es die Menschen nannten vor der Tür.

Früher hieß es Jul. So nannten es die Wikinger. Nun war es eben Weihnachten. Dazu gehörte eine Tanne und Schmuck.

Frigga hatte diese Idee gefallen und sie ließ von zwei Wachen drei Tannen für die Halle und ihr Wohngemach fällen. Den Schmuck hatte die schöne Göttin von der Erde besorgt.

Morgen wollte sie die Bäume mit ihren Kindern schmücken.

 

„Hallo Mutter, hast du einen Moment Zeit?“ erkundigte sich Thor.

Der blonde Gott  lächelte und küsste seine Mutter auf die Wange.

„Aber natürlich Schatz. Komm setz dich zu mir“, sagte sie und deutete auf einen Sessel.

Nur zu gern kam Thor der Aufforderung nach.

Loki war unterwegs mit Tyr um etwas zu erledigen. Eigentlich hatte er mitreiten wollen, aber dann war er doch geblieben. Er hatte etwas auf dem Herzen.

Das sah auch Frigga. Sanft legte sie ihrem Sohn eine Hand auf den Arm.

„Was ist denn passiert?“ fragte sie leise.

„Nichts. Zwischen mir und Loki ist alles wieder in Ordnung. Du weist ja, der Ärger mit Sif. Aber Loki hat es mir vergeben. Es ist ja auch nichts passiert. Er weiß, dass ich ihn liebe. Nein, ich habe eine andere Bitte.“

Zögernd sah er seine Mutter an. Aber Frigga lächelte nur weich.

„Ich brauche ein Geschenk für ihn. Sif kann ich nicht fragen. Ich tue mich damit doch immer so schwer. Loki schenkt mir diese Briefe. Aber was tue ich denn für ihn?“

Nun zog Frigga ihn an sich.

„Mein lieber Sohn. Jeder sieht, dass ihr euch liebt. Der Vorfall mit Sif war bedauerlich. Sie mag dich sehr gern und es fällt ihr schwer, dich mit Loki zu sehen. Auch wenn sie es gut verstecken kann. Loki hat Angst dich zu verlieren. Auch wenn ich denke, dass es dazu keinen Grund gibt.“

Sanft strich sie ihm durch die Haare.

„Mach mit ihm einen Ausflug. Reitet für ein paar Tage weg und genießt die Zeit. Ich denke, damit kannst du Loki eine große Freude machen. Du weist, wie bescheiden er ist.“

Damit hatte Frigga recht.

Loki machte sich nichts aus Geschenken. Aus Gold oder Silber. Er brauchte den Luxus nicht. Nur seine Steine und seine Studien in Sachen Magie durften kostspielig sein.

„Danke Mutter. Die Idee mit dem Urlaub hört sich gut an. Das wird ihn sicher freuen. Ich werde ihm aber noch einen Kristall besorgen. Etwas, das er braucht oder was Macht hat“, erwiderte Thor.

Er war dankbar für den Rat seiner Mutter. Auf sie konnte er sich immer verlassen. Sie war die gute Seele. Sie war Frigga, die Mutter aller und er liebte sie.

Sie lächelte nur wissend und ließ Thor gehen.

Die Liebe zu Loki tat ihm gut.

 

Der Lügengott kam gut gelaunt in den Palast zurück. Der Ausflug mit Tyr hatte Spaß gemacht. Sie hatten viel über ihre Partner gesprochen und Loki hatte ein kleines Geschenk erstanden.

Er musste es nicht, aber er tat es gerne.

 

23. Dezember

 

Mein Geliebter,

 

schade das wir den Tag nicht zusammen verbracht haben. Es hätte dir sicher auch Spaß gemacht, die Grenzen zu begutachten.

Ich habe einen wunderschönen Platz an einem kleinen See gefunden, denn ich dir unbedingt zeigen muss. Dir wird es dort sicher auch gefallen.

Morgen bekommst du den letzten Brief. Irgendwie bin ich traurig darüber. Aber ich werde sicher öfters solche Zeilen schreiben.

Grund 23:

Gerechtigkeitssinn

Dir ist immer wichtig, dass alle Lebewesen gleich behandelt werden. Ungerechtigkeit ist für dich eine Sünde und in dem Punkt hast du wohl auch recht.

Wir sind alles lebende Wesen und sollten gleich behandelt werden.

Du könntest nie jemanden bestrafen ohne das dessen Schuld feststeht. In diesem Punkt wärst du ein guter und gerechter Herrscher.

 

In ewiger Liebe

Loki

 

Vehement hatte Thor diese Zeilen bestritten. Er wollte kein König sein. Zumindest nicht ohne Loki an seiner Seite.




Wiedersehen auf Covendale [chaotizitaet]

19

Wieder einmal hieß es warten. Doch dieses Mal war es für Josh und Edward etwas erträglicher da sie wussten, dass endlich etwas geschah. Dass mit etwas Glück der ganze Fall von Singapur aus zurück verfolgt und aufgeklärt werden konnte. Das einzige, was sie ein wenig bedrückte war, dass Edwards Bekannter sie gebeten hatte, niemandem auf Covendale etwas von der Entdeckung in Singapur zu erzählen. Denn schließlich war die Spieluhr in Covendale gestohlen worden und der Dieb weilte mit höchster Wahrscheinlichkeit noch immer unter ihnen. Da wollten sie ihn nicht auf den letzten Metern alarmieren oder ihn gar zur Flucht bewegen. Besonders der Umstand, dass sie David und Tante Rachel nichts sagen konnten, lastete schwer auf den beiden. Außerdem war es Josh unangenehm, sie alle belügen zu müssen, hatte er sich doch nach dem Gespräch mit seinen Eltern zusammen mit Edward eine glaubhafte Geschichte ausdenken müssen, weshalb seine Eltern ihn so dringend hatten sprechen müssen.

„Das glaubt uns doch kein Mensch!“, meinte Josh.

„Und ob sie uns so etwas glauben werden“, erklärte Edward zuversichtlich. „Eltern rufen merkwürdigerweise immer ihre Kinder über ungeahnte Distanzen an, damit diese ihnen bei Problemen helfen, die eigentlich nur vor Ort geklärt werden können. Da ist es auch nicht so abwegig, dass deine Eltern dich anrufen, weil das Aquarium, das sie neu als Dekorationsbauteil haben, geborsten ist. Mein Vater hat mich mal angerufen, als ich in Deutschland stationiert war, weil sein Drucker nicht funktionierte. Wohlgemerkt, es war da schon nach Mitternacht. Hier in England. Was für Deutschland heißt, dass es noch eine Stunde später war. Von daher werden sie uns das mit dem Aquarium sofort glauben. Vor allem mein Vater. Und wenn er die Geschichte anzweifelt, werde ich einfach seinen Druckeranruf erwähnen.“

Tatsächlich war es dann aber nicht Edward, der Arthur Richards an die Sache mit dem Drucker erinnerte, sondern dessen eigene Frau – sehr zur Belustigung der beiden Geschichtenerfinder.

Etwas heikler war es da schon, als Tante Rachel erklärte, dass sie diesbezüglich noch ein Wörtchen mit ihrer Schwester und ihrem Schwager wechseln wollte.

„Ach, du weißt doch wie sie sind. Im Grunde brauchten sie nur jemanden, der ihnen half ihre durcheinander stürzenden Gedanken zu ordnen. Denn immerhin waren sie sogar schon so klug gewesen, instinktiv die Fische in einen Eimer mit Wasser zu retten. Danach ging es also nur darum, ihnen zu sagen, dass sie später bei dem Händler, der ihnen das Aquarium verkauft und installiert hat, anrufen sollen, das Ganze dort als Garantiefall melden, und dann der Händler sich um alles weitere kümmert und sie nur die Halle trocken wischen müssen“, versuchte Josh sie von dem geplanten Telefonat abzubringen.

„Dennoch… hier anzurufen und uns so einen Schrecken einzujagen.“

Es half alles nichts, Rachel war fest entschlossen, Marie und Garth allein schon für die Panik, die sie verursacht hatten, die Leviten zu lesen. Das einzige, was Josh in dieser Situation also noch tun konnte, war seiner Tante zuvor zu kommen und seine Eltern über die Ausrede zu informieren, die sie sich ausgedacht hatten.

 

Endlich, einen Tag vor Weihnachten, erhielt Edward dann endlich die ersehnte Mitteilung. <<Kommen heute nach C.. Fall geklärt.>>

Jetzt wurde das Warten fast unerträglich. Heute – das war ein ganzer Tag und sie wussten nicht, wann genau die Polizei eintreffen würde. Josh und Edward waren so aufgekratzt, dass es auch den anderen Bewohnern Covendales auffiel.

„Was ist nur heute mit dir und Josh los?“, fragte David schließlich kurz nach dem Mittagessen. „Oder will ich das lieber nicht wissen, weil ihr zwei für heute Abend heißen Sex im Whirlpool geplant habt?“

„Seit wann hast du einen Whirlpool hier auf Covendale?“, gab Edward neugierig zurück.

„Du weißt genau, was ich meine. Und solange ihr es nicht gerade in Tante Catherines Bett treibt, ist es mir eigentlich auch so ziemlich egal, wo und wann ihr euch austobt.“

„Dein Bett wäre also in Ordnung?“ Edward konnte es sich nicht verkneifen, seinen Cousin ein wenig aufzuziehen. Und tatsächlich erntete er dafür den erwarteten entsetzten Blick. „Nein, nein, keine Sorge, dein Bett ist vor uns sicher. Denn auch wenn der Gedanke verlockend ist, so sind die Dinge zwischen Josh und mir unverändert. Also kein wilder Sex in ungewöhnlichen Lokalitäten geplant.“

„Warum aber bist du dann so unruhig und angespannt, wenn es keine Vorfreude ist?“, wollte David wissen.

„Oh, es ist schon Vorfreude. Worauf darf ich dir aber jetzt noch nicht verraten. Doch ich verspreche dir, dass du es schon sehr bald erfährst. Heute noch.“

Womit auch David ein wenig unruhig zu werden begann. Und als die Polizei dann endlich mit einem Großraumwagen und nicht weniger als drei Streifenwagen auf Covendale eintraf, waren auch Erin und Rachel voll angespannter Nervosität.

„Die Polizei?“, fragte David ungläubig, als ihm Edward erzählte, wer vorgefahren war.

„Es scheint als haben sie den Fall mit der Spieldose gelöst. Sie bitten uns alle im Wohnzimmer zusammen zu kommen.“

„Aber natürlich. Sofort!“ Und David war schon aus seinem Schreibtischstuhl gesprungen.

Zu einer klassischen Agatha Christie-artigen Aufklärung des Falles kam es aber nicht. Denn statt wie in den berühmten Kriminalromanen, beschlossen die Missetäter dieser Vollversammlung fernzubleiben. Einer versuchte über den Garten zu entkommen, wurde aber von den Polizisten, die das Haus in weiser Voraussicht umstellt hatten, festgenommen, während der andere versuchte, sich in seinem Zimmer zu verschanzen. Einzig der Dritte im Bunde erschien im Wohnzimmer, offenbar darauf bauend, seine Freiheit mit einem gut gespielten Bluff zu sichern.

„Dann sind wir vollzählig“, begann Inspektor Heskell, dem die Londoner Kollegen die Präsentation ihrer Arbeit überlassen hatten, nach einem kurzen Telefonat.

„Aber mein Gatte fehlt noch“, warf Doris Barnes ein.

„Und Stephen auch“, meldete sich Madeline Barnes.

„Oh, keine Sorge, um diese beiden Herren kümmern sich meine Kollegen. Doch bevor wir anfangen“, Heskell nickte hier zwei der uniformierten Beamten, die sich ebenfalls im Wohnzimmer aufhielten zu, „wenn ich Sie bitten dürfte, Mr. Barnes, mit diesen Herren mitzugehen?“

Philipp Barnes saß äußerlich ruhig da. „Und verpassen, was Sie uns zu berichten haben?“

„Sir, Sie haben die Wahl. Entweder, Sie gehen freiwillig oder meine Kollegen müssen Ihnen hier und jetzt vor aller Augen Handschellen anlegen.“

„Papa?“ Entsetzt wandte sich Colleen an den Inspektor. „Wieso wollen Sie meinen Vater festnehmen?“

Auch den übrigen Barnes-Damen war inzwischen aufgegangen, auf welche Art sich die Polizei um die beiden fehlenden Herren zu kümmern gedachte. Wild plapperten sie durcheinander, wollten wissen, was hier vor sich ging, und verkündeten, dass da ja wohl ein Irrtum vorliegen musste.

Inspektor Heskell hob begütigend die Hände. „Immer mit der Ruhe, meine Damen. Ich werde Ihnen alles erklären. Doch zunächst muss ich meiner Pflicht nachkommen.“ Er sah dabei zu Philipp Barnes hinüber.

„Ich bin sicher, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt!“, sagte dieser mit fester Stimme, die keine Spur der Unsicherheit oder gar der Beunruhigung erkennen ließ.

„Sollte dies der Fall sein, so kann ich Ihnen versichern, dass die Justiz Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen wird und Sie dann bald wieder frei und mit Ihrer Familie vereint sein werden. Aktuell jedoch…“

Die beiden uniformierten Beamten traten nun auf Mr. Barnes zu. „Philipp Barnes. Sie sind verhaftet. Sie haben das Recht zu schweigen…“ Der Rest der Rechte, die dem Verhafteten vorgelesen wurden, ging in dem neuerlichen Stimmengewirr unter.

Am lautesten dabei war Catherine Dempsey, die aus der Starre des ersten Schocks erwacht war und nun den Inspektor direkt anging. „Diesen Taugenichts“, und sie zeigte auf Joshua, „wollten Sie damals nicht mitnehmen, obwohl jeder sehen konnte, dass er schuldig ist, aber jetzt wagen Sie es diesen aufrichtigen Mann festzunehmen?“, empörte sie sich.

„Ma’am“, erwiderte Inspektor Heskell ruhig, „gegen diesen jungen Mann lag damals nichts vor außer Ihren Theorien. Theorien, die von keinerlei Beweisen unterstützt wurden. Gegen Mr. Barnes hier liegt nun aber ein dringender Tatverdacht vor, der einen Friedensrichter dazu bewogen hat, uns einen Haftbefehl auszustellen. Wenn Sie sich noch ein wenig gedulden, dann werden Sie alles erfahren.“

Mitnichten mit dieser Antwort zufrieden, blieb Mrs. Dempsey dennoch nichts anderes übrig, als zu warten, bis die Uniformierten Philipp Barnes nach draußen geführt hatten und der Inspektor mit seiner Erklärung beginnen konnte.

„Am Abend des 9. Dezember entnahm Mr. Henry Barnes die fragliche Spieldose aus der Vitrine und verbrachte sie an einen zuvor vereinbarten Ort im Park Covendales.“

„Unmöglich!“ „Woher wollen Sie das wissen?“, tönte es dem Inspektor entgegen.

„Wir haben diesbezüglich ein volles Geständnis seines Komplizen“, sagte dieser ruhig. Er wusste, dass die Offenbarungen schwer für die Familie zu verkraften sein würden, aber er war der Wahrheit verpflichtet. „Gegen zwei Uhr in der Nacht erschien Miss Megan Barnes hier in Covendale, um die von ihrem Vater entwendete Spieluhr aus ihrem Versteck zu holen.“

„Nein, nicht mein Baby!“, heulte Doris Barnes auf.

„Ma’am, Ihre Tochter hat bereits ihre Mittäterschaft gestanden. Ihre Aufgabe bestand es darin, das fragliche Objekt abzuholen und am darauf folgenden Tag als Expresssendung an ihren Cousin nach Singapur zu schicken.“

„Womit bewiesen wäre, dass Sie keine Ahnung von Ihrer Arbeit haben“, sagte Colleen nun hitzig, die immer noch nicht glauben wollte, dass man ihren Vater wie einen gemeinen Verbrecher abgeführt hatte. „Wir haben keinen Cousin in Singapur.“

Madeline Barnes war bei den Worten des Inspektors merkwürdig still und blass geworden. Der Inspektor sah sie fragend an, doch sie brachte nur ein schwaches Nicken zustande.

Er fuhr fort: „Sie haben einen Cousin in Singapur. Nur wussten Sie offenbar bis heute nichts von ihm. Es handelt sich um den unehelichen Sohn von Stephen Barnes, einen gewissen Simon Ng. Dieser wiederum hatte die entsprechenden Schwarzmarktkontakte, um die ihm zugesandte Ware zeitnah an entsprechende Interessenten zu verkaufen.“

„Aber was hat das alles mit meinem Vater zu tun?“, beharrte Colleen.

„Er war derjenige, der für die so akquirierte Ware die notwendigen Kaufbelege fälschte, die dem Unternehmen den Anschein der Legalität geben sollten. Denn wie die Ermittlungen Interpols, nachdem mit Simon Ng das Glied am anderen Ende der Warenkette ausfindig gemacht worden war, ergaben, haben die Barnes-Brüder bereits seit über zehn Jahren auf diese Weise Antiquitäten von und nach Südostasien verkauft.“

„Zehn Jahre? Unmöglich! Das hätten wir doch mitbekommen müssen“, schaltete sich wieder Doris Barnes ein.

„Ma’am, Sie wussten nicht einmal, dass Ihr Mann für das Verschwinden der Spieluhr hier auf Covendale verantwortlich war. Und die Tatsache, dass er versuchte, durch den Park zu fliehen, als Ihnen allen mitgeteilt wurde, dass Sie sich hier versammeln sollen, spricht nicht gerade für seine Unschuld.“ Dem Inspektor tat in diesem Moment vor allem die junge Frau leid, die neben dem Hausherren saß, und diesem ein ums andere Mal unter Tränen beteuerte, dass sie von alledem nichts gewusst hatte. Dieser wusste aber offenbar nicht, wie er damit umgehen sollte, und konzentrierte sich stattdessen lieber auf den Polizeiinspektor.

„Wie ist es der Polizei denn gelungen, die Spieldose in Singapur aufzufinden?“ Doch in dem Moment, da David die Frage aussprach, wanderten seine Augen fast schon anklagend in die Richtung seines Cousins und Josh Evans‘.

„Wie auch bei der Aufdeckung des Antiquitätenschmuggelrings lag der Anfang unseres Erfolgs am Ende der Kette. Bekannte des Paares, welche die Spieluhr von einem Kontakt Ngs gekauft hatten, erkannten die Spieldose und informierten die zuständigen Behörden.“

Es war Rachel, die das Puzzle für die Anwesenden zusammenfügte. „Du hast Garth und Marie von der Spieluhr erzählt. Deshalb haben sie angerufen. Und nicht wegen irgendeines Aquariums!“

Josh und Edward konnten nur nicken.

„Infam!“, ließ sich Catherine Dempsey vernehmen. „Eine infame Lüge. Es waren Josh Evans und seine diebischen Eltern. Sie haben die Spieldose bei jenen Bekannten platziert, um es dann den Barnes in die Schuhe zu schieben.“

„Tante Catherine!“, platzte es nun aus Edward heraus. „Die einzige, die hier infame Lügen von sich gibt, bist du! Woher hätten Josh und seine Eltern wissen sollen, dass Stephen Barnes einen unehelichen Sohn in Singapur hat? Wo nicht einmal die eigene Familie davon wusste? Und was ist mit dem Geständnis von Megan Barnes? Haben die Evans sie vielleicht bestochen, damit sie sich und ihre eigene Familie belastet?“

Selbst Catherine Dempsey musste einsehen, dass das Geständnis Megans in keinster Weise mit ihren Evans-Theorien zu vereinbaren war. Aber wie hatte sie sich nur so täuschen können? Die ehrlichen, gut situierten Barnes… und dann dieser dahergelaufene Habenichts… Und dass offenbar ausgerechnet jener mit seinen Eltern den Fall gelöst hatte… Catherine Dempseys Welt stand vollkommen auf dem Kopf.