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... und dann kam Fritzi - Teil 10-12

10 

„Fritzi? Sie hat einen Namen?“ Aaron folgte dem jungen Tierarzt, um ihm beim Anlegen der Akte zu helfen. Sie hatten zwar ein System, aber das war nicht unbedingt selbsterklärend.

„Das war Amys Idee. Sie meinte bisher wäre noch kein Tier gestorben, dem sie einen Namen gegeben hat. Ich hoffe, das wirkt auch bei der Kleinen hier, denn sie kann etwas Glück gebrauchen.“ Vorsichtig stellte er den Korb ab und schüttelte erst einmal die Arme aus. Sie waren vollkommen verkrampft. „Wenn Amy das sagt, wird das schon stimmen.“ Aaron hob Fritzi vorsichtig aus ihrem Korb und legte sie auf die Waage. „Sie wiegt nur 300 Gramm, Das ist nicht sehr viel.“

„Und dabei hat sie schon eine Infusion bekommen. Aber sie muss auch was in den Magen bekommen.“ Niko war in Sorge, jetzt wo Fritzi da so alleine auf der großen kalten Schale der Waage lag, wirkte sie noch kleiner. Man wollte sie greifen und an sich drücken um sie zu beschützen. Sie öffnete kaum die Augen, ließ alles mit sich geschehen. Das war einfach nicht normal.

„Ich denke, darum kümmert sich Amy schon. Sie wird gerade dabei sein, ein Fläschchen vorzubereiten.“ Aaron nahm Fritzi vorsichtig hoch und legte sie wieder in den Korb, den er unter die Wärmelampe schob. Er strich ihr einmal vorsichtig über die kleinen Pinsel an den Ohren und lächelte, als sie mit den Ohren zuckte. „Sie ist so süß.“

„Ja, das ist sie wirklich“, murmelte Niko und widerstand der Versuchung, sie auch zu berühren. „Ich werde noch einmal eine Runde im Revier machen, dann muss ich mich mal bei Chris melden, sonst reißt er mir wieder den Kopf ab.“ Er lachte und mit einem letzten Blick auf Fritzi war er aus der Tür. Sicherlich brauchte die Kleine erst einmal Ruhe.

„Ja, mach das, ich bleibe so lange bei ihr, bis du wieder da bist“, rief Aaron ihm nach. Wenn Niko die Runde machte, hatte er selber Zeit und konnte die Krankenakte in Ruhe anlegen. Er holte sich eine Karteikarte und fing an, alles, was er über Fritzi wusste, zu notieren. Viel war es noch nicht, aber das würde sich die nächsten Wochen ändern.

Und so verging die Zeit bis zum Abendessen. Während Niko noch einmal nach der Leopardenmutter mit dem Jungtier gesehen hatte und die drei kleinen Servale durch das Gehege ihrer Mutter tobten, hatte Amy versucht, Fritzi ein bisschen Milch zu füttern. Viel hatte sie nicht genommen, doch wenigstens ein bisschen. Nun schlief sie wieder, während sich die Menschen um den Tisch versammelt hatten, um zu Abend zu essen. Und Niko beeilte sich auffallend.

„Was ist los? Möchtest du nach Fritzi sehen?“, fragte Amy. „Du kannst deinen Teller auch ruhig mit auf die Krankenstation nehmen und dort essen, wenn du dich dann wohler fühlst.“ Das hatten sie alle schon gemacht, wenn sie dort Patienten hatten, denen es nicht gut ging.

„Okay. Danke“ Niko griff sich seinen Teller und lächelte die übrigen am Tisch an. „Ich werde bei mir drüben die Lampe installieren, dann nehme ich sie mit zu mir rüber. Ich muss mich noch etwas einleben und mich zu Hause melden.“ Und schon war er mit seinem Teller und zwei Scheiben Brot aus der Tür. Er richtete sich ein und als er auch die Milch und die Warmhaltetasche neben dem Bett installiert hatte, holte er eilig Fritzi.

Sie schlief immer noch, so stellte sie Niko nur auf dem Nachttischchen ab, über dem schon die Wärmelampe leuchtete und griff sich sein Telefon. Er hatte Chris schon vor über einer Stunde anrufen wollen, aber er kam erst jetzt dazu. Er wählte die Nummer seines Freundes und es hatte bestimmt erst einmal geklingelt, da meldete sich Chris auch schon und fragte, wie es ihm denn ginge.

„Hast du neben dem Telefon auf der Lauer gelegen oder warum bist du so schnell dran?“, wollte Niko überrascht wissen, so dass er erst gar nicht auf die ihm gestellte Frage antwortete. Doch dann erinnerte er sich und berichtete von seinem Tag und wenn er diesen so Revue passieren ließ, hatte er heute schon ganz schön was erlebt. „Und jetzt liegt die kleine Motte hier und schläft, ich werde gleich noch mal versuchen, ihr ein bisschen Futter einzuflößen.“

Chris hatte ihm einfach nur zugehört und man hörte das Lächeln in seinen nächsten Worten. >>Wow, und das alles an deinem ersten Tag. Du machst echt keine halben Sachen<< Chris lachte und schickte Niko einen Kuss durch die Leitung. >>Ich drücke von hier ganz fest die Daumen, damit Fritzi wieder gesund wird. Jetzt haben wir schon fast einen ganzen Tag Trennung überstanden. Jetzt sind es nur noch sechs, bis wir uns wiedersehen<<

„Ja, noch sechs. Gitte hat mich heute schon beschnüffelt und geknuddelt. Aber sie durfte nur einmal. Da habe ich streng drauf geachtet, damit noch genügend Niko für dich übrig bleibt, wenn du da bist.“ Niko lachte und ließ sich auf dem Bett, auf dem er saß und angespannt auf Fritzi starte, nach hinten sinken. Er wollte etwas abschalten und Chris machte es ihm leicht. „Auch wenn ich den ganzen Tag abgelenkt war, jetzt fange ich langsam an dich zu vermissen.“

>>Dann bin ich ja beruhigt. Ich war schon etwas in Sorge, dass sie sich nicht an die Abmachungen hält. Sie weiß, dass sie dich nur einmal täglich kurz knuddeln darf, nur wenn du das erlaubst natürlich, und das eine Übertragung von Knuddlern auf den Folgetag nicht möglich ist<<, erklärte Chris wichtig, musste dann aber lachen, denn er stellte sich seine Mutter vor, wie sie mit Niko verhandelte, um ihn mehr knuddeln zu dürfen. >>Ich habe schon eine SMS von ihr bekommen. Darin stand: Daumen hoch!!<<

Niko lachte. „Ich bin also geprüft, genehmigt und darf weiterhin mit dir spielen, wenn du hier bist? Dann habe ich ja alles richtig gemacht. Ich habe nämlich extra noch geduscht und mich fein gemacht, um den bestmöglichen Eindruck zu hinterlassen“, berichtete er und legte eine Hand über die Augen. Jetzt war er schon ungeduldig, obwohl er wusste, dass sie sich in sechs Tagen sehen würden. Er mochte sich gar nicht vorstellen wie es gewesen wäre, wenn sie sich wirklich erst in einem dreiviertel Jahr hätten wiedersehen können.

>>Ja, wir dürfen weiter zusammen spielen.<< Es war schön mit Niko zu reden, auch wenn  es nur ein schaler Ersatz dafür  war, ihn küssen und berühren zu können >>Ich vermisse dich, Baby. Ich habe sogar schon meine Koffer gepackt. Was ich eigentlich sonst immer erst am Tag vor dem Abflug mache. Soll ich dir etwas mitbringen. Noch habe ich geringfügige Kapazitäten frei.<<

„Hm“, machte Niko. „Denk einfach dran, dich mitzubringen, Babe – das reicht mir völlig.“ Im Moment gab es nichts, was Niko vermisste. Vielleicht in ein paar Wochen, aber nicht im Moment. Im Moment war alles neu und aufregend. Kurz setzte er sich auf, um nach Fritzi zu sehen, die langsam die Augen öffnete und sich umsah. „Warte mal, Schatz, ich leg dich mal eben aufs Bett. Ich will sehen, ob die kleine Motte Hunger hat.“

Chris hörte, wie Niko leise und liebevoll mit dem Kätzchen redete und musste lächeln. Es machte ihm nichts aus, dass Niko sich um Fritzi kümmerte. Er war eben, genau wie er selbst mit Leib und Seele Arzt, der immer für seine Patienten da war. Er lauschte einfach, wie sein Freund, Fritzi etwas Milch einflößte und leise dabei mit ihr redete. Doch schnell hatte die Kleine wieder genug und wollte nichts mehr trinken.

„So, viel war es nicht, aber immerhin. Ich werde es in zwei Stunden noch mal versuchen. Wird 'ne lange Nacht.“ Niko verstaute die Flasche mit der Milch wieder im Wärmebehälter. „Weißt du schon, wann du da sein wirst? Hast du den gleichen Flug wie ich oder fliegst du anders?“

>>Nein, ich werde den gleichen Flug nehmen wie du. Man kann zwar nicht gut schlafen im Flugzeug, aber ich finde, dann verschwendet man nicht so viel Zeit, wenn man nachts fliegt. Ich werde also genau wie du morgens in Johannesburg sein.<< Chris fragte Niko nicht, ob er ihn abholen würde, auch wenn er sich das wünschte. Er hatte die Verantwortung für viele Tiere, da konnte er ihn nicht von seiner Arbeit weglocken, nur weil er ihn länger nicht gesehen hatte. Er hielt es bis dahin eine ganze Woche aus, da würden ein paar Stunden mehr auch nicht mehr viel ausmachen. Außerdem freute er sich schon darauf, dass sein Vater ihn mit seinem kleinen Buschflieger abholen wollte. Das war um einiges spannender als die stundenlange holprige Fahrt durch die Steppe.

„Das klingt gut. Mal sehen, ob ich zeitig Feierabend machen kann. Dann komme ich rüber.“

>>Das wäre schön. Ich würde dich nämlich wirklich gerne sehen. Wenn du es nicht schaffst, dann komme ich rüber. Ich hoffe ja, dass ich nicht auch gleich mit einem Notfall einsteigen muss und wir zusammen die Nacht verbringen können. Bei mir oder bei dir, ist mir egal, Hauptsache ich habe dich in meinem Bett<< Chris wusste, dass er sich gerade ein wenig rattig anhörte, aber das störte ihn nicht. Niko sollte ruhig wissen, dass er ihn begehrte und es kaum erwarten konnte, ihn wieder zu lieben.

„Du weißt, wie man einem Mann Komplimente macht, Babe“, lachte Niko und er fühlte sich gut dabei, dass Chris ihn so offen wissen ließ, was er wollte und was ihn erwartete, wenn sie sich wieder sahen. „Wie soll ich denn die nächsten Tage überstehen, ohne dass mir die Hormone aus den Ohren fließen?“

„Ich liebe dich eben und sterbe fast vor Sehnsucht nach dir.“ Chris meinte das vollkommen ernst. Jetzt wo Niko und er sich endlich gefunden hatten, wollte er ihn bei sich haben. „Es tut mir leid, wenn ich es dir damit schwer gemacht habe, aber ich versuche nur, dich auf das einzustimmen, was dich erwartet, wenn ich in Afrika bin. Bis dahin werde ich dich jeden Tag anrufen, oder zumindest eine SMS schicken und dir sagen, was ich alles mit dir vorhabe, sobald ich dich in meinem Bett habe.“

„Das macht es gerade nicht leichter. Du weißt hoffentlich mit dem umzugehen, was du da gerade säst“, sagte Niko und streckte sich auf dem Bett aus. Einen Arm legte er über die Augen, denn ihn überkamen die Erinnerungen an ihre einzige gemeinsame Nacht und den folgenden Tag.

„Ich freue mich darauf, alles zu ernten.“ Chris lachte leise und schickte wieder einmal einen Kuss durch die Leitung. Niko fehlte ihm. Dabei hatte er geglaubt, dass ihm so etwas nie passieren würde, sich nach jemanden zu sehnen, dass es fast schon körperlich weh tat. „Du hast mich voll erwischt, Baby. So etwas hatte ich noch nie.“

„Das hört man gern, aber ich hätte es noch viel lieber, wenn du hier neben mir liegen würdest und es mir zeigen könntest, anstatt mir das nur tausende Kilometer über das Telefon zu schicken.“ Er ärgerte sich immer noch über Lenas Anspruch an ihm und dass sie deswegen so lange auf einander verzichtet hatten. Doch er machte Chris da keinen Vorwurf, wenn er die Furie am Bein gehabt hätte, hätte er wohl auch alles getan, um Ärger aus dem Weg zu gehen. „Ich vermisse dich, Chris.“

>>Bald mein Süßer, bald. Dann werde ich dir zeigen, wie sehr ich dich liebe.<< Chris schloss die Augen und versuchte sich Nikos streichelnde Finger auf seiner Haut vorzustellen. >>Ich glaube, unsere Telefonrechnung für diesen Monat wird astronomisch<<, lachte er. >>Darum sollten wir jetzt aufhören, auch wenn ich nicht möchte, aber du hast da einen kleinen Patienten, der deine volle Aufmerksamkeit braucht.<<

„Ja, da hast du Recht. Mit allem.“ Niko richtete sich wieder auf und sah in den Korb. Er zuckte ein wenig, als Fritzi ihn plötzlich anblinzelte. „Hey Süße, bist du wach“, murmelte er leise und zwang sich, nicht nach dem kleinen Tier zu greifen und es zu streicheln. „Schatz, schlaf gut und träum von mir. Ich liebe dich, aber die kleine Maus braucht mich jetzt.“

>>Ja, kümmre dich um sie. Ich liebe dich auch. Soll ich dir morgen früh eine SMS schicken, ob das mit dem von dir träumen geklappt hat? Die solltest du dann aber besser niemandem zeigen, denn sie könnte ziemlich versaut werden.<< Chris lachte und hauchte noch ein paar Küsse in den Hörer. >>Ich hoffe, du kommst auch ein wenig zum Schlafen. Wir hören uns spätestens morgen Abend, Schatz.<<

„Schick mir, was immer du mir schicken willst. Ich werde es sehnsuchtsvoll erwarten. Und jetzt husch unter die Decke und Licht aus“, lachte er und beendete dann das Gespräch, seine Augen aber fixierten die kleine Katze, die immer noch auf der Seite lag. Der dicke Verband an der kleinen Pfote sah martialisch aus. „Willst du noch was trinken, Mäuschen?“, murmelte Niko, als er wieder die Wärmetasche mit der Flasche zu sich zog.

Er nahm die Flasche raus und hielt sie so vor das Schnäuzchen, dass sich ein Tropfen löste. Er musste lächeln, als die kleine Zunge hervorkam, um den Tropfen abzulecken. „Du kannst noch mehr haben, Mäuschen“, murmelte Niko und hielt die Flasche so, dass Fritzi saugen konnte, wenn sie wollte. Und das tat sie auch, was Nikos Herz Luftsprünge machen ließ. „Das ist gut, Mäuschen. Fein machst du das. Trink alles aus, ich kann noch mehr holen“, murmelte er und stützte sich mit einer Hand auf dem Nachttisch auf, während er die andere mit der Flasche so ruhig wie nur möglich zu halten versuchte. „Kräftig saugen, Fritzi. Du brauchst viel Energie.“

Er sah ihr dabei zu, wie sie nach und nach fast die halbe Flasche leerte und redete dabei leise und sanft mit ihr. Ihr Zustand war immer noch kritisch, aber jetzt, wo sie etwas getrunken hatte, gab es doch Hoffnung. Wenn sich die Wunde jetzt nicht noch entzündete, dann war es durchaus realistisch, dass Fritzi überlebte. Er stellte die Flasche beiseite. Er würde gleich noch einmal gehen und eine neue Mischung ansetzen, die alte wollte er jetzt nicht noch einmal zwei Stunden warm halten. Er rieb ihr etwas den Bauch, damit sie besser verdauen konnte, legte etwas Klopapier in die Kiste, falls Fritzi sich erleichtert wollte und deckte sie dann wieder zu. „Schlaf, kleine Maus. Ich bin gleich wieder da.“ Dann griff er sich die Tasche und die Flasche, um sich auf in die Küche zu machen. Es brannte noch Licht im Haus, er würde also nicht schleichen müssen.

In der Küche saßen Amy und Aaron über einigen Papieren zusammen und sahen auf, als Niko hereinkam. „Wie geht es ihr?“, fragte Amy auch gleich und Niko schwenkte grinsend die halb leere Flasche.

„Sie hat geschlafen und gerade hat sie einiges getrunken. Ich wollte ihr eine neue Flasche machen.“ Amy nickte und schlug sich dann mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Apropos trinken. Im Kühlschrank ist immer Wasser, falls du Durst hast und im Vorratsraum ist noch mehr. Nimm dir, was du brauchst. Nur bitte das Wasser im Kühlschrank immer wieder auffüllen.“

„Danke, aber ich trinke es lieber warm, von kaltem Wasser bekomme ich ab und an Magenkrämpfe, wenn ich zu viel davon trinke. Aber ich würde gern eine Flasche mit rüber nehmen, wenn mich nachts mal der Durst packt“, erklärte er, während er sich daran machte die Flasche auszuspülen. Die wurde morgen zusammen mit den anderen frisch sterilisiert. Er bekam von Amy eine saubere Flasche, während sie sich daran machte die Milch zusammenzumischen. Sie hatte darin schon Übung. Währenddessen suchte sich Niko eine Flasche Wasser.

„Du kannst dir ruhig ein paar Flaschen mit rüber nehmen, dann musst du nicht ständig wieder neues holen“, rief Amy ihm hinterher. „Magst du einen Kräutertee mit uns trinken. Eine alte Frau aus dem Nachbardorf, mischt ihn für uns. Er ist lecker und man kann ihn gut kalt und warm trinken. Wir trinken ihn fast jeden Abend vor dem Schlafengehen, zum Abschalten.“

„Gern“, sagte Niko. Aaron war schneller, er war schon aufgestanden und hatte eine Tasse geholt, ehe Niko angefangen hatte, die Schränke nach Tassen abzusuchen. Es würde noch ein paar Tage dauern, bis er sich hier so auskannte, dass er auch fand, was er suchte. „Danke“, sagte er und setzte sich, als er die dampfende Tasse vor sich stehen hatte.

„Das war ein ganz schön turbulenter Tag und leider musst du dich darauf einstellen, dass es viele solcher Tage gibt.“ Amy sah Niko an und lächelte. Er hatte sich gleich kopfüber in die Arbeit gestürzt, auch wenn er gerade erst angekommen war und sie war froh, dass er die nächsten Monate bei ihnen bleiben würde.

„Das macht nichts. Damit habe ich gerechnet und ich werde lieber gebraucht und bin beschäftigt als den Tag zu verdösen. Ich bin nicht der Typ für Müßiggang“, sagte er und kostete den Tee. Er war bitter aber sehr aromatisch. „Aber erst mal muss meine kleine Patientin die Nacht überstehen. Dann sollte sie das Schlimmste überstanden haben.“ Er wusste, dass er diese Nacht nicht viel schlafen würde. Doch das war okay. Er war Arzt. Er war es aus freien Stücken. Es war seine Entscheidung gewesen, obwohl er wusste, was ihn erwarten konnte.

„Ich werde dich heute Nacht ablösen, damit du wenigstens etwas Schlaf bekommst“, bot Aaron an und winkte ab, als Niko protestieren wollte. „Das machen wir hier immer so und es hat sich bewährt. Außerdem fände Chris es bestimmt nicht toll, wenn er in einer Woche kommt und er dich nicht wach kriegt, weil du Schlaf nachholen musst.“

„Er ist Arzt, er wird Mittelchen haben, um mich wach zu kriegen“, lachte Niko und trank noch einen Schluck. Er merkte erst jetzt, dass er über den Tag verteilt zu wenig getrunken hatte. Er bekam langsam Kopfschmerzen. „Ich werde sowieso nicht schlafen können, wenn die Möglichkeit besteht, dass die Kleine Hilfe braucht und um ihr Leben kämpft. Ich werde noch genug Schlaf bekommen, wenn sie durchgekommen ist.“

„Ich werde trotzdem so gegen zwei Uhr nach euch sehen, dann kannst du immer noch entscheiden, ob ich dich ablösen soll. Um die Zeit mach ich eh eine Runde bei den kritischeren Fällen. Darum verabschiede ich mich jetzt auch, damit ich noch ein wenig Schlaf bekomme.“ Aaron nahm seine Tasse und stand vom Tisch auf. „Gute Nacht, Amy.“

„Gute Nacht.“

„Ich werde auch wieder rüber gehen, Amy. Danke für den Tee und die Flasche.“ Niko war einfach nervös. Er hatte kein gutes Gefühl dabei, Fritzi allein zu lassen, also griff er alles, was er mit in seine Hütte nehmen wollte und verabschiedete sich ebenfalls. Es würde eine lange Nacht werden.


11 

„Guten Morgen, kleine Maus.“ Niko sah in Fritzis Körbchen und lächelte, als der kleine Karakal ihn angähnte. Zwei Tage hatte es wirklich auf der Kippe gestanden, ob sie überleben würde, aber jetzt hatte sie das schlimmste überstanden und war auf dem Weg der Besserung. „Heute endlich kommt Chris, Süße. Dann müssen wir nicht mehr telefonieren und Nachrichten schicken. Ich bin schon ganz aufgeregt, wann ich ihn endlich sehen werde.“

Doch Fritzi schien das weniger zu interessieren. Sie gähnte noch einmal, zeigte die kleinen Zähnchen und guckte dann über den Rand des Korbes, der neben Nikos Kopfkissen auf der Matratze stand. Etwas umständlich schälte sie sich aus der Decke, die sie immer noch bekam und ließ sich über den Rand auf das Kissen plumpsen. Wo sie sich gleich zusammen rollte. Sie begann auch langsam ihre kaputte Pfote wieder zu benutzen, sie lief schon wieder ganz gut, auch wenn sie meistens nur drei Pfoten benutzte, wenn es schneller gehen musste, denn sie hatte angefangen, Niko überall hin zu folgen, wo der Tierarzt hin ging.

Sie lag genau neben Nikos Kopf, so dass er mit seiner Nase durch das weiche Fell streichen konnte. „Ich muss nachher nach den anderen Kleinen sehen, da musst du dann draußen bleiben. Es soll heute nämlich entschieden werden, ob der kleine Leo wieder zu seiner Mama darf. Seine Zähne sind nicht mehr so klein und niedlich wie deine und er soll dich damit doch nicht beißen“, erklärte er Fritzchen dabei, die leise schnurrte.

Überzeugt war sie noch nicht, denn sie hatte, seit sie wieder etwas laufen konnte, gemacht, was sie wollte. Sie hatte das unglaubliche Talent jede Grenze zu überschreiten und dabei extrem niedlich auszusehen. Schnell war klar gewesen, dass sie mit der Pfote bei viel Glück wieder richtig laufen können würde, doch klettern und springen würde sie damit nicht gut können.

Sie würde in menschlicher Obhut bleiben müssen und sie schien schon entschieden zu haben, bei wem sie bleiben wollte. Jetzt war das auch gar kein Problem. Niko nahm sie gerne überall hin mit. Er war vom ersten Augenblick ihrem Charme verfallen gewesen und auch wenn er sich ein wenig dafür schämte, hatte er sich doch ganz tief in seinem Inneren darüber gefreut, sie behalten zu können. Es war nur fraglich, was werden würde, wenn er wieder zurück nach Deutschland musste. Aber soweit war es noch nicht. Vielleicht entschied sich die junge Dame auch noch um, wenn sie älter war. Aber im Moment war sie Niko völlig ergeben.

„Na komm, Süße. Du gehst mal vor die Tür und machst dein Geschäft und ich verschwinde im Bad“, schlug er vor, als er sich erhob. Es war kurz nach sechs. Halb sieben gab es meistens Frühstück, ehe sie in der Küche den Tag planten.

begeistert war Fritzi nicht, denn sie meckerte leise, als sie hochgehoben wurde. Sie fand es viel schöner mit Niko zu schmusen, als draußen vor die Hütte gesetzt zu werden. Morgens war es nämlich noch recht kühl. Aber alles Meckern half nichts und sie saß auf dem Boden und wurde sich selbst überlassen. Aber nicht für lange. Niko beobachtete sie durch die Fliegentür, denn er war in Sorge. So niedlich die Mangusten und Erdmännchen auf dem Gelände auch waren, ein kleiner verletzter Karakal, der in ihr Revier stolperte, hatte bestimmt nichts zu lachen. Und so wartete er, bis Fritzi fertig war, holte sie zurück in die Hütte und verschwand erst dann im Badezimmer, wo er die Tür offen ließ, um zu hören, wenn etwas passierte. Aber das war selten der Fall. Fritzi stromerte lieber durch die Hütte und räumte um. Schuhe gehörten nicht neben das Bett, sie gehörten ins Bad unter die Dusche, fand sie. Leider merkte Niko das zu spät.

„Mäuschen“, rief er durch die Hütte, als er mit dem pitschnassen Schuh in der Hand, neben dem kleinen Karakal stand, der ihn unschuldig ansah. Wie Fritzi es geschafft hatte, nicht selber nass zu werden, war ihm ein Rätsel. „Du hast aber auch nur Blödsinn im Kopf. Jetzt muss ich andere Schuhe anziehen, bis der hier wieder trocken ist.“

Doch das war Fritzi egal. Sie hatte, was sie wollte, nämlich mehr Platz auf dem weichen Bettvorleger, auf dem die Schuhe herum gestanden hatten. Mit ihrer kaputten Pfote konnte sie nicht zurück auf das Bett springen und der kalte Fußboden war zum Liegen keine Option. Vielleicht lernte Niko ja dadurch, wo er zukünftig seine Schuhe besser nicht hin stellte. Sie rollte sich also zufrieden auf dem Vorleger zusammen und Niko schüttelte den Kopf, als er aus dem Koffer seine Flip Flops wühlte, zusammen mit einer sauberen Unterhose. Er musste demnächst mal die Waschmaschine drüben im Haupthaus okkupieren.

„Komm mit, du kleines Terrortier. Es gibt Frühstück“, lachte Niko, als er angezogen war und hob Fritzi von dem Bettvorleger. Er kraulte sie zwischen den Ohren, bis sie genüsslich die Augen schloss und ging mit ihr rüber zum Haupthaus. Er hörte Amy schon in der Küche werkeln, denn Fritzi mochte es gar nicht aufs Essen zu warten. Da war es besser, die Milch war trinkbereit.

Sie hatte ihre Angestellten sehr gut im Griff.

„Guten Morgen“, wünschte Niko als er in die Küche kam und Fritzi dort auf den Boden setzte. Sie sah sich kurz um, orientierte sich und dann wuselte sie los, so gut sie eben konnte.

„Ist dir zu warm, oder warum das luftige Schuhwerk?“, wollte Aaron wissen, der von seiner ersten Runde zurück war und frisches Brot dabei hatte. Inri, eine der Frauen in den Angestelltenhütten, buk jeden Morgen für sie, was Aaron und Amy dankend annahmen. Es war einfaches Fladenbrot aber sehr lecker.

„Frag das Terrortier“, murmelte Niko und goss sich Kaffee ein.

„Das kleine, süße Tierchen?“, fragte Aaron und deutete auf Fritzi, die um Amy herum scharwenzelte und zeterte, weil die Milchflasche noch immer in deren Hand und nicht in ihrem Schnäuzchen war.

„Ja, genau das“, brummte Niko, musste dabei aber grinsen. „Sie hat meinen Schuh unter die Dusche geschleppt.“

Aaron hob die Augenbrauen und sah auf Fritzi. „Sie hat allen Ernstes deine schweren Schuhe durch die Gegend gezerrt? Sie kommt mit ihrer Verletzung ja besser zurecht, als ich dachte.“ Es klang anerkennend und das war es auch. Fritzi war hart im Nehmen und der sturste Sturkopf den man nur kannte. Es gab nichts, was nicht ging. Sie bekam immer ihren Willen – egal wie. So wie jetzt. Sie stand auf dem Boden und zerrte so lange am Sauger der Flasche bis Amy ihr zu Niko folgte und ihm die Flasche in die Hand drückte. Dabei sah Fritzi ihn unschuldig an, bis er sie hochhob und weiter fütterte.

„Du bist so eine kleine Diva“, seufzte Niko, als Fritzi es sich auf seinem Schoß bequem machte. Seine freie Hand strich dabei aber schon wieder durch das weiche Fell und Amy und Aaron sahen sich nur grinsend an. Amy setzte sich zu ihnen an den Tisch und nahm sich etwas Brot. „Sollen wir den kleinen Leo als erstes machen? Seine Mama wird langsam ungemütlich, weil sie nicht an ihren Sohn rankommt. Aaron hat auf seiner Runde vorhin nach ihr gesehen und sie benutzt ihre Pfote schon wieder zum Laufen.“

„Ja, ich habe sie mir gestern Abend auch noch mal angesehen, als ich noch eine Flasche Wasser geholt habe. Sie hat ihn durch das Gitter geleckt und er hatte seine kleine Pfote durch das Gitter geschoben. Wir sollten sie wieder zusammen lassen und sie dann ein bisschen beobachten, aber ich glaube nicht, dass sie ihm was tun würde. Ich hoffe eher, dass der Milchfluss bei ihr nicht versiegt ist.“ Dabei sah er auf Fritzi, die leise schmatzte.

„Na, ihn mit der Flasche weiter zu füttern wird kein Spaß. Im Gegensatz zu Fritzi mag er es nicht, von uns angefasst zu werden.“ An sich war das sogar sehr gut, wenn er sich nicht an Menschen gewöhnte, aber zum Füttern war es denkbar schlecht. „Ansonsten müssen wir ihr etwas geben, um ihn wieder anzuregen.“

„Warten wir ab, was passiert“, sagte Niko. Sie würden schon Mittel und Wege finden, die beiden wieder zu vereinen und zwar so, dass es Mutter und Kind gut dabei ging. Bei der Servalfamilie hatte das ja auch funktioniert. Die Mutter hatte die Aufzucht der drei Rabauken wieder komplett selbst übernommen und ihr Fell wuchs wieder wunderbar nach. „Satt?“, fragte er Fritzi, die an der leeren Flasche herum nuckelte und gönnte sich selbst auch noch einen Schluck Kaffee.

„Ich würde sagen, sie hat genug“, lachte Aaron, als Fritzi zur Antwort ein lautes Bäuerchen von sich gab. Er gab Niko ein Stück Brot, damit der endlich auch was in den Magen bekam. „Was steht sonst noch so an heute Morgen?“

„Die Hyäne von gestern muss ich mir noch einmal ansehen. Mit einem Auto zu kollidieren, ist auch für solch ein Tier kein Pappenstiel. Die beiden jungen Geparden sollten heute in das größere Gehege umziehen.“ Außerdem hatten sie noch einen Neuzugang, der eher untypisch war, denn in einem der Käfige hockte seit vorgestern ein kleiner Pavian, nicht mehr ganz jung – eher ein Teenager. Der war nur zur Beobachtung hier. Morgen sollte er abgeholt und in eine Pavian - Station gebracht werden, damit er in einer Gruppe aufwachsen konnte.

„Okay, das dürfte alles zu schaffen sein.“ Sie waren mittlerweile ein recht gut eingespieltes Team. „Wäre gut, wenn die Hyäne bald wieder zurück gebracht werden könnte. Die Katzen sind unruhig, wenn sie in der Nähe ist. Ich habe sie zwar schon so weit wie möglich getrennt, aber die Löwen mögen es gar nicht, wenn sie hier ist.“ Amy würde das Tier aber nicht in die Freiheit entlassen, wenn es nicht wieder fit war.

„Ich werde mal …“ weiter kam Niko nickt, sein Handy klingelte und machte ihm klar, das wohl Chris gerade seinen Fuß auf afrikanischen Boden gestellt hatte. Ganz hektisch wühlte er in seiner Hosentasche, was Fritzi ein bisschen herum schüttelte und meckern ließ und dann meldete er sich. „Schatz, bist du gelandet?“ was für eine blöde Frage, fiel es Niko ein, nachdem er sie ausgesprochen hatte.

>>Ja, bin ich<<, lachte Chris. >>Endlich! Ich dachte, die Woche geht gar nicht rum. Nicht mehr lange und wir können uns endlich sehen.<< Chris streckte sich gründlich und seufzte leise, als seine Knochen knackten. >>Walter holt mich ab und ich werde mich melden, wenn wir in der Klinik sind.<<

„Mach das, aber fahrt vorsichtig. Die Straßen hier sind echt heftig“, sagte Niko und Amy grinste.

„Wenn Walter ihn holt, dann holt er ihn mit dem Kleinflugzeug. Dann brauchen sie die Straßen nicht“, sagte sie und Niko stutzte.

„Ihr fliegt hier her?“, fragte er in das Taschentelefon, während er Fritzi streichelte, die das herrlich fand. So könnte sie den ganzen Tag verbringen. Ein bisschen dösen, ein bisschen fressen und viel schmusen.

>>Ja, wir fliegen. Ich bin also bald da. Wenn man hier als Landarzt unterwegs ist, dann ist es einfach schneller, wenn man fliegt. Landepisten gibt es praktisch an jeder Farm und man spart sehr viel kostbare Zeit.<< Chris lachte und man hörte aus seiner Stimme die Vorfreude darauf, dass er Niko schon bald wieder sehen konnte.

„Ja, das macht Sinn. Melde dich einfach, wenn du da bist oder komm rüber. Ich habe noch ein bisschen hier zu tun. Kannst dich vielleicht gleich mit nützlich machen“, lachte Niko und merkte gar nicht, wie die anderen beiden ihn grinsend beobachteten. Man sah ihm seine Vorfreude wohl an der Nasenspitze an. Nur Fritzi langweilte sich. Nichts zu fressen, niemand der sie streichelte. So fing sie an, Nikos Shirt anzuknabbern.

>>Ja, wenn alles gut geht und nichts Wichtiges anliegt, komm ich auf jeden Fall vorbei. Bis gleich, Schatz.<< Chris schickte noch einen Kuss, dann hatte er aufgelegt. Er hatte nämlich Walter entdeckt, der auf ihn zu kam und lief zu ihm.

„Das ist aber was Besonderes, dass du pünktlich bist und ich nicht warten muss“, begrüßte er seinen Onkel lachend, um ihn zu ärgern, denn bisher war das nur einmal passiert.

„Du läufst gleich nach Hause, wenn du es nicht zu würdigen weißt, was ich hier für dich tue“, knurrte Walter gutmütig und zog seinen Jüngsten an seine Brust. „Deine Mom hat dich ganz schön vermisst. Nur deswegen durfte ich das Flugzeug nehmen. Sonst hättest du mit dem Bus zu uns fahren müssen“, lachte er, wissend dass das alles nicht stimmte, außer der Tatsache, dass sie ihren Jüngsten wirklich vermisst hatten – und zwar beide.

„Ich habe Mom auch sehr vermisst.“ Chris ließ sich umarmen und drückte Walter nicht weniger fest, als er selber gedrückt wurde. „Ich habe alles hier vermisst und besonders Niko.“ Er lachte seinen Vater an und nahm seine Tasche. „Darum möchte ich jetzt auch schnell nach Hause, damit ich überprüfen kann, ob Mom ihn nicht kaputt geknuddelt hat.“

„Oh, ehm“, machte Walter gespielt ertappt und sah auf den Boden, während er neben seinem Jungen her ging. „Ich glaube, ich sollte dich vorsichtig drauf vorbereiten.“ Er sah kurz ernst zu Chris rüber, der kurz die Luft anhielt. „Ich glaube, sie hat beim Knuddeln aus Versehen wichtige Teile abgebrochen und verbummelt. Ich konnte sie nicht wieder annähen. Tut mir leid.“

„Och, nee“, spielte Chris mit und sah seinen Vater bestürzt an. „Das glaub ich doch jetzt nicht. Da lässt man sie einmal Schatzi begutachten und gleich macht sie es kaputt.“ Doch dann konnte er nicht mehr und musste lachen. „Niko hat mir schon erzählt, dass er ihr gesagt hat, sie dürfte knuddeln, ihn aber nicht abnutzen, da er doch noch neu wäre. Ich hätte gerne ihr Gesicht dabei gesehen.“

„Es muss gut gewesen sein, zumindest hat Aaron das gesagt“, plauderte Walter etwas aus dem Nähkästchen, während sie rüber zu einem Rollfeld-Taxi gingen, das sie zu dem Platz brachte, an dem die kleinen privaten Maschinen standen. Er war abseits der großen Verkehrsmaschinen, damit sie den regulären Flugverkehr nicht behinderten. „Gitte hat euch das Gästehaus herrichten lassen. Da seid ihr ungestört.“

„Ihr seid die Besten.“ Chris strahlte, denn allein die Vorstellung, dass er Niko bald wieder in die Arme schließen konnte, ließ seinen Puls hochschnellen. „Er ist total begeistert von seiner Arbeit auf der Station. Er hat mir von Fritzi erzählt und wie er lange um ihr Überleben gekämpft hat. Das hier ist genau sein Ding.“ Was das nun heißen sollte, wenn Chris später mal die Buschklinik übernahm, darüber wollte er noch nicht nachdenken, dazu war das mit ihnen einfach noch zu neu, aber er behielt es im Hinterkopf. Vielleicht fesselte Nikos Katzenvernarrtheit ihn ja auch an diesen Kontinent. Konnte doch alles möglich sein.

„Ja, Fritzi“, sagte Walter. Er hatte schon von der kleinen Karakal-Dame gehört. Gitte war vor zwei Tagen noch einmal auf der Station gewesen, weil sie einen großen Topf Wildgulasch gekocht hatte und einen Teil davon an die Betreiber und die Angestellten verteilen wollte. Da war auch sie in den Genuss der kleinen Herzensbrecherin gekommen. „Und sie ist wohl völlig vernarrt in deinen Schatz. Ihr werdet wohl um seine Gunst kämpfen müssen.“

„Ja, davon hab ich auch schon gehört. Hennis kleiner Wadenbeißer ist auch völlig verrückt nach ihm gewesen.“ Chris kicherte. „Ich darf Azrael ja noch nicht einmal ansehen, da werde ich schon angefaucht und bei Niko hat sie sich auf dem Schoß geaalt und wollte gar nicht wieder runter.“ Chris sah das nicht so problematisch. Egal wie süß Fritzi war. Er hatte da doch ein paar Argumente und Attribute, die für ihn sprachen und ihm einen Vorteil vor Fritzi sicherten.

„Er hat eben seinen Beruf gefunden“ Walter dirigierte den Fahrer zu seinem kleinen Buschflieger, der neben zwei anderen kleinen Propellermaschinen stand. „Da wären wir“, murmelte er und stieg aus, als das Taxi gehalten hatte. Schnell war Chris‘ Gepäck im Bauch das Maschine verstaut und dann stiegen sie ein. Er würde das Fliegen nie überdrüssig werden – er liebte es und tat es viel zu selten. Das stellte er immer wieder fest, wenn er sich wieder hinter das Steuer setzte.

„So jetzt direkt und ohne Umwege nach Hause.“ Chris setzte sich die Kopfhörer auf und schnallte sich an. Ihm ging es wie seinem Vater. Er liebte das Fliegen und kam leider nur dazu, wenn er hier war. Er hatte schon vor ein paar Jahren seinen Flugschein gemacht. Das war für ihn eine Voraussetzung dazu, die Klinik einmal zu übernehmen.

„Wie der Herr wünscht“, sagte Walter nur und startete die Motoren, ehe er Kontakt mit dem Tower aufnahm, um ein Startfenster zu bekommen. Sie rollten auf Position und starteten durch, als die Freigabe kam. Chris jauchzte wie ein kleines Kind, als sie in den Himmel stiegen. Zwar war er eben erst stundenlang geflogen, schneller und viel höher. Und doch war das hier um Längen toller.

Wie immer, guckte er aus dem Fenster auf den Boden und freute sich, wenn er Tiere sehen konnte. Walter sah immer wieder schmunzelnd zu ihm rüber. Er freute sich darauf wieder mit Chris zusammen zu arbeiten. Er hatte einen Draht für die Menschen hier. Er hatte sogar Afrikaans gelernt, damit er sich mit der Landbevölkerung besser verständigen konnte. Er besuchte seit Jahren Kurse, und mittlerweile beherrschte er Afrikaans und Englisch fast perfekt.

So verging die Zeit und sie waren bereits im Landeanflug. Sie hatten sich über Funk bei Gitte angemeldet, die meistens dann mit dem Wagen zur Landepiste kam, damit sie nicht bis zum Haus laufen und das Gepäck tragen mussten. „Gitte kommt uns holen“, sagte Walter, als er den Funkkontakt wieder unterbrochen hatte und gerade zur Landung ansetzte. Da meldete sich Gitte noch einmal.

>>Walter, hast du deine Tasche im Flugzeug? Drüben bei Amy hat sich jemand verletzt und muss genäht werden. Wenn du deine Tasche dabei hast. Starte gleich durch.<<

„Ich hab meine mit, Mom, wir fliegen direkt zu Amy “, übernahm Chris die Antwort, damit sein Vater sich auf das Fliegen konzentrieren konnte. „Weißt du etwas Näheres? Wo ist der Verletzte? Welche Verletzungen hat er?“ Chris wechselte ohne Übergang vom begeisterten Tourist zum Dienst habenden Arzt.

>>Am Haupthaus. George wird euch von der Piste abholen. Jemand ist mit dem Arm in die Ladetür vom Transporter gekommen, als jemand anderes sie hatte zuwerfen wollen. Durch den Schwung wurde der Oberarm gequetscht und ist aufgeplatzt. Die Wunde sollte genäht werden<<, berichtete Gitte, während sie über das Telefon bei Amy Bescheid gab, dass die Ärzte einfliegen würden.

„Okay, Mom, wir werden wohl so in fünf Minuten landen.“ Wenn Amy sich nicht selbst um die Wunde kümmerte, musste sie schon ziemlich groß sein. Die Leiterin der Station war nicht zimperlich und rief die Ärzte nur, wenn sie sich die Wundversorgung selber nicht zutraute. Darum war es wohl gut, dass sie gerade in der Nähe gewesen waren.

Walter lenkte um und nach ein paar Minuten sahen sie die Landebahn, die zu Amys Station gehörte. Routiniert brachte er sie auf den Boden und parkte die Maschine am Ende der Piste, falls jemand anderes die Piste ebenfalls nutzen wollte oder musste. George stand schon mit dem Jeep neben der Maschine und begrüßte die Ärzte. Schnell suchte Chris seine Arzttasche aus seinem Koffer und stieg zusammen mit den beiden in den Wagen. „Wen hat's denn eigentlich erwischt?“, wollte Walter wissen, der sich wunderte, dass Niko die Naht nicht setzte. Auch wenn er Veterinär war, so war er doch ausgebildeter Mediziner.

George sah kurz im Rückspiegel zu Chris, der hinter ihm saß. „Niko“, sagte er und zog gleich den Kopf ein, als Chris hoch zuckte.

„Was? Niko ist verletzt?“, rief Chris auch gleich und wurde blass. „Wie schwer ist die Verletzung? Weißt du, ob der Knochen verletzt ist?“ Unbewusst krampfte sich seine Hand um den Henkel seiner Tasche und sein Herz fing an zu rasen. Niko durfte nichts passieren.


12 

„Eine Platzwunde, die genäht werden muss. Was mit dem Knochen ist, kann ich nicht sagen. Bin ja nur Laie“, erklärte George und beeilte sich, den Wagen direkt vor dem Haupthaus zu parken. Chris wartete nicht, bis der Wagen wirklich stand. Er riss die Tür auf und sprang raus. Zusammen mit seiner Tasche hastete er zum Haus, wo gerade Aaron aus der Tür trat. „Chris, grüß dich.“

„Wo ist er?“, rief Chris anstelle einer Begrüßung und lief an Aaron vorbei, der ihm nur nachrief, dass Niko in der Küche wäre. Chris stürzte in die Küche und hatte nur Augen für seinen Freund, der mit einem Verband am Oberarm, der sich schon rot gefärbt hatte, am Tisch saß. Er bemerkte Amy gar nicht, die neben Niko saß. Völlig auf den Tierarzt fixiert stürzte Chris zu ihm und hockte sich gleich neben den Stuhl, um sich die Wunde ansehen zu können. „Was machst du denn, Schatz?“, murmelte er dabei und seine Stimme zitterte leicht. „Dass du dich verletzen sollst, war doch nur ein Scherz.“

„Tut mir leid, Babe. Ich dachte, das wäre der schnellste Weg, dich hier her zu locken.“ Niko grinste schief. Er hatte sich etwas Ähnliches fast gedacht, genauso wie Aaron und Amy, die es Chris deswegen gern nachsahen, dass sie so beiseite gestellt worden waren. Niko sah seinen Freund offen an und versuchte den Schmerz zu ignorieren.

„Ach, Maus. Ich hab dich doch genauso vermisst.“ Ganz vorsichtig hauchte Chris Niko einen Kuss auf die Lippen, dann straffte er sich wieder. Vor ihm saß ein Patient, der versorgt werden musste. „Dann lass mich mal sehen, was du da angerichtet hast.“ Er öffnete seine Tasche, holte alles, was er brauchte raus, und zog sich Handschuhe an. Der Verband war schnell aufgeschnitten und er sog kurz die Luft ein. Das war nicht gerade eine Verletzung, die mit drei Stichen genäht werden konnte. Es war ein langer Riss, ziemlich tief und er war durch die Quetschungen im umliegenden Gewebe angeschwollen und blutunterlaufen.

„Glanzleistung, da hat sich aber einer Mühe gegeben“, sagte Walter, als auch er in der Küche stand und die Anwesenden begrüßte. „Legt Niko am besten auf den Tisch, dann kann Chris besser arbeiten“, schlug Walter vor. Er war da ziemlich pragmatisch. Und er war auch der einzige, der beobachtete, wie ein kleiner Karakal mit einem dicken Verband um einer Vorderpfote auf Chris zulief. Und Fritzi sah nicht so aus, als würde sie ihn freudestrahlend begrüßen wollen. Darum stellte er sich dem kleinen Tier in den Weg, als es sich wütend auf seinen Jüngsten stürzen wollte, um ihn zu beißen. Irgendwie war das zwischen Chris und Katzen keine Liebe.

„Amy, kümmre dich bitte um Fritzi, ich glaube es wäre nicht gut, wenn sie Chris jetzt erschreckt“, rief er der Stationsleiterin zu und griff sich schon Handschuhe und danach eines der sterilen Tücher, um es auf dem Tisch auszubreiten. Derweil injizierte Chris schon ein lokales Betäubungsmittel, damit es wirken konnte, während der OP Saal vorbereitet wurde.

„Ich kann's versuchen“, murmelte Amy, als sie auf Fritzi zuging. Doch die Kleine war mit ihren drei Pfoten schneller, als man glauben mochte, und so verschwand sie unter dem Tisch. „Ich nehme sie, bei mir bleibt sie sitzen“, sagte Niko und Chris holte gleich Luft, um zu protestieren. Eilig küsste ihn Niko entschuldigend. „Sie wird dich nicht stören, versprochen“, sagte er und lockte Fritzi zu sich, ehe er sich auf den Tisch setzte und sich langsam hinlegte, Fritzi dabei auf der Seite des gesunden Armes neben sich sitzend.

Begeistert sah Chris nicht aus, dass ein mit Viren behaftetes Tier, so nahe an dem Operationsbereich saß, aber ein Blick aus schokoladenbraunen Augen ließ ihn schweigen und nicken. „Ich hoffe, sie weiß das auch“, murmelte er, achtete aber nicht weiter auf Fritzi, sondern begann die Wunde zu untersuchen.

Er kam zu dem gleichen Schluss wie Walter: Da hatte jemand aber ganze Arbeit geleistet. Darum machte er sich besser dran, den Schaden zu reparieren. Erst prüfte er die Reaktion auf einen Stich mit der Nadel, aber die Betäubung schien zu wirken. Also deckte er die Wunde mit einem Tuch ab, dass nur noch das Operationsfeld frei war und begann die Wunde fachgerecht zu säubern und zu schließen.

„Da borgt man denen sein neues Schatzi und die machen den einfach kaputt. Ich fasse es nicht“, murmelte er dabei leise vor sich hin und ließ Niko grinsen.

„Schatz, brubbel nicht. Amy hat keine Schuld. Ich wollte noch schnell was aus dem Transporter nehmen, als sie die Tür schon zugeworfen hatte. Also schimpf über mich.“ Er sah zu Amy, die lächelte leicht.

„Ja, ja, du willst ja nur hierbleiben dürfen. Mit dir rede ich nachher“, brummte Chris, warf Niko aber ein kleines Lächeln und einen Luftkuss zu. So hatte er sich ihr Wiedersehen auch nicht vorgestellt. Zwar war auch bei ihm ein liegender Niko vorgekommen, aber nicht blutig auf einem Küchentisch.

„Klar will ich hier bleiben dürfen“, entgegnete Niko und versuchte nicht auf das Operationsfeld zu blicken. Die Vorstellung, dass diese Blutung zu seinem Körper gehörte, machte es schwer zu ertragen. Vor allem, weil er wusste, dass der Schmerz zurückkam, wenn das Mittel wieder aufhörte zu wirken. So schwieg er wieder, weil er Chris nicht ablenken wollte. Wenn er schon eine Narbe behalten sollte, dann eine schöne.

Es dauerte noch eine Weile, bis Chris sich aufrichtete und erleichtert seufzte. Die Wunde war vernäht. Das Schlimmste war geschafft. Vorsichtig legte er einen Verband an und zog sich die blutigen Handschuhe aus. „Fertig, Baby. Bleib noch liegen, ich entsorge das Material.“ Er stopfte die blutigen Tücher und alles, was er benutzt hatte, in eine dafür vorgesehene Tüte, damit sie in der Klinik wieder gereinigt werden konnten und die Handschuhe und sonstige Materialien in eine weitere Tüte zur Entsorgung. Erst dann beugte er sich zu seinem Freund und küsste ihn. „Wie fühlst du dich?“

„Als hätte mich ein erstklassiger Chirurg gerade zusammengeflickt“, sagte Niko und hob seinen unverletzten Arm, um Chris liebevoll durch die Haare zu streichen, was Fritzi als Aufforderung ansah, nicht mehr still sitzen zu müssen. „Tut mir leid, dass ich dir solch einen Schrecken eingejagt habe.“

„Schon okay, Baby. Ich hab dich wieder zusammen geflickt, also Schwamm drüber.“ Er wollte sich gerade wieder vorbeugen, um Niko noch einmal zu küssen, als er zurückzuckte weil er einen Schmerz an der Wange fühlte. “Was?“, murmelte er verwirrt und sah auf das Blut, das an seinen Fingern klebte, nachdem er damit über sein Gesicht gefahren war. Sein Blick fiel auf den kleinen Karakal, der auf Nikos Brust hockte und böse fauchte.

„Fritzi, was soll das denn!“, sagte Niko gleich erschrocken und schoss hoch, zog die kleine Katze dabei fest an sich, damit sie nicht noch einmal auf Chris losgehen konnte. Sein Schatz schien wirklich eine Aura zu haben, die Katzen kratzbürstig machte. Niko knurrte leise, weil er Chris nicht helfen konnte. Einen Arm konnte er gerade nicht bewegen und den anderen brauchte er, um Fritzi festzuhalten. „Tut mir leid, Schatz.“ Ihr Wiedersehen entwickelte sich gerade nicht wie geplant.

„Wieso tut es dir leid? Du kannst doch nichts dafür, aber mit dem kleinen Bettvorleger, sollte ich wohl mal grundsätzlich was klären.“ Chris fasste den kleinen Karakal in den Blick, der sich auch gleich wieder aufgefordert fühlte zu fauchen. „Hör mal zu, du kleine Kratzbürste. Auch wenn ihr Katzen alle glaubt, dass Niko euch gehört, ist das ganz und gar nicht so. Er gehört mir. Wenn ich nicht da bin, kannst du ihn beanspruchen, aber auch nur dann.“

Viel Hoffnung hatte er allerdings nicht, dass er verstanden wurde. Und im nächsten Augenblick war ihm klar, dass er Recht hatte. Fritzi meckerte in seine Richtung und drückte sich ganz fest gegen Niko, um zu verhindern, dass sich der Fremde zwischen sie drängen konnte.

„Mäuschen, du hast Chris gehört“, sagte Niko und versuchte sich aufzusetzen. Der Blick fiel auf seinen Oberarm, als er die Beine über die Tischkante schwang und endlich sitzen konnte, Fritzi immer noch fest im Arm.

„Tja, ich glaube auf dem Ohr ist sie taub.“ Chris grinste schief, denn das würde noch ziemlich hakelig werden. Eigentlich hatte er keine Lust darauf, jedes Mal gekratzt und gebissen zu werden, wenn er sich Niko näherte. Besonders weil er vorhatte, das möglichst oft zu tun. Er konnte ja verstehen, dass sein Schatz für die kleine Kratzbürste wichtig war, aber dass er dafür auf Niko verzichten sollte, kam gar nicht in Frage. Sie mussten also eine Lösung finden.

„Ich mach uns auf den Schreck erst einmal einen Kaffee, Walter bleibst du noch?“ Amy begann dafür zu sorgen, dass die Küche wieder wie eine Küche aussah und nicht wie ein OP-Saal. Sie grinste, als sie sah, wie Chris sich etwas von Niko fern hielt, während Fritzi die kleine Brust schwellen ließ und den Fremden nicht aus den Augen ließ.

„Ist sie eigentlich ständig bei dir?“ fragte Chris und pirschte sich von der rechten Seite etwas näher an Niko heran. Er wollte wissen, ob Fritzi es akzeptierte, wenn er näher kam, sie aber weiterhin bei Niko bleiben konnte. Vorsichtig ließ er sich rechts neben seinem Schatz auf der Tischkante nieder. Ganz zufrieden war Fritzi nicht, aber sie knurrte nur leise.

„Maus, nein“, sagte Niko und streichelte sie intensiv. Eigentlich half das immer ganz gut, aber wohl nicht, wenn Chris in der Nähe war.

„Ich fliege rüber, danke, Amy. Chris, soll ich dein Gepäck mitnehmen oder dich auch gleich. Oder kann dich dann jemand rüber bringen?“

Man sah Chris an, dass er nicht wusste, was er machen sollte. Er wollte bei Niko bleiben, aber der war verletzt und dass Niko in diesem geschwächten Zustand zum Streitobjekt von ihm und Fritzi wurde, wollte er nicht, denn der sollte sich lieber ausruhen und entspannen.

„Ich kann ihn rüberbringen“, bot Aaron an und Chris sah Niko an.

„Wenn dir das nicht zu viel wird, würde ich gerne noch bei dir bleiben.“

„Klar, gern sogar“, sagte Niko etwas schneller als notwendig gewesen wäre und merkte erst jetzt, dass er kurz die Luft angehalten hatte. Die anderen im Raum versuchten es zu übersehen und dachten sich grinsend ihren Teil.

„Komm nicht ganz so spät, Gitte will Grillen“, sagte Walter als er sich verabschiedete und Amy Tassen mit dampfendem Kaffee verteilte.

„Nimm doch Niko mit. Er braucht etwas Ruhe und einen freien Tag“, schlug sie vor, während Aaron grinste.

„Wenn er Ruhe haben soll, muss Walter jetzt Chris mitnehmen.“

Alle grinsten und Chris und Niko wurden doch glatt ein wenig verlegen, weil sie sich ertappt fühlten.

„Ja, sicher. Gitte wird sich freuen, wenn du mitkommst.“ Walter wirkte zufrieden, denn so hätte er seiner Frau erklären müssen, dass sie ihren Jungen heute nicht mehr sah. „So gegen sechs wäre perfekt.“ Walter tippte sich an die Hutkrempe und machte sich auf den Weg zum Flugzeug.

„Aber ihr habt dann immer noch das Katzenproblem. Lass Fritzi am besten hier, sonst kommt Chris gar nicht zur Ruhe und sie regt sich auch nur auf“, schlug Aaron vor und blickte wieder auf Fritzi, die Nikos Unaufmerksamkeit nutzte und hinter seinem Rücken zu Chris schlich. Aaron konnte durch sein beherztes Eingreifen gerade noch das Schlimmste verhindern, indem er Fritzi hoch hob, die schlagartig in seiner Hand hing wie ein Schluck Wasser und jämmerlich guckte.

„Nix da, junge Dame. Erst einen hinterhältigen Angriff planen und dann, wenn er vereitelt wird, einen auf krank und elend machen“, lachte Aaron und schüttelte den Kopf. Fritzi war aber auch eine Marke. „Chris, stell die Füße auf den Stuhl, dann kommt sie nicht an dich ran, ich setz sie auf den Boden.“ Das sie dort lange bleiben musste, davon ging er nicht aus, denn Niko hatte ein viel zu weiches Herz, wenn es um den kleinen Karakal ging. „Niko, du solltest sie wirklich hier lassen. Sie muss lernen, dass du nicht immer verfügbar bist.“

Niko, der sich verliebt gegen Chris gelehnt hatte, senkte verschämt die Lider, sah aber auf den kleinen Karakal, der nun mitten in der Küche lag und sich nicht regte. Sie machte sich ganz klein, sah nicht auf, schloss nur die Augen und rollte sich ganz eng zusammen. „Sieh sie dir doch an, Aaron. Wenn ich sie hier lasse, dann …“ Niko fehlten die Worte.

„...wird sie das nicht umbringen, denn Amy und ich werden uns liebevoll um sie kümmern“, beendete Aaron seinen Satz. „Du aber kannst ein paar ungestörte Stunden mit deinem Schatz verbringen. Die ganze letzte Woche hast du praktisch die Stunden gezählt, bis du Chris wiedersehen konntest, also sei einmal egoistisch.“

„Das will ich ja auch, aber sieh sie dir doch an!“ Niko, der seinen operierten Arm nicht benutzen konnte, schob sich umständlich vom Tisch. „Der Boden ist kalt, Maus, komm her“, murmelte er, sah aber ertappt wieder zu Chris. Er fühlte sich gerade furchtbar zerrissen. Er wollte jede Sekunde mit Chris verbringen – aber Fritzi so zu sehen, zerriss ihm das Herz.

„Dann nimm sie halt mit. Aber ich wäre dafür, dass sie nachts in ein Gatter kommt, meinetwegen auch bei uns im Zimmer. Ich habe keine Lust auf nächtliche Überfälle“, gab sich Chris geschlagen. Er stieg ebenfalls vom Tisch und setzte sich auf den Stuhl. Solange Niko Fritzi festhielt, war er wohl sicher.

„Tut mir leid, Schatz“, murmelte Niko und er klang so wie er sich fühlte. Er konnte eben auch nicht aus seiner Haut. Er hatte tagelang um das Leben der kleinen Katze gekämpft, Fritzi war keines der Wildtiere, sie war seine Fritzi. Es war schwer sie einfach allein zurück zu lassen, wissend dass sie ihn bestimmt vermisste.

Am liebsten würde er den Tag noch mal beginnen und dann alles richtig machen. Doch was war das richtige?

„Schon okay, Schatz. Für heute reicht es mir, wenn ich dich bei mir habe, dich ab und zu küssen kann, ohne angegriffen zu werden und dich später in meinem Bett habe“, das letzte flüsterte Chris Niko nur leise ins Ohr, aber Aaron und Amy konnten sich denken, was er gesagt hatte. Viel würde abends im Bett eh nicht passieren, aber Chris wollte Niko ein wenig verwöhnen, um ihn von seiner Verletzung abzulenken.

„Ich werde mir einen Transportkäfig für sie ausborgen. Ich werde versuchen, sie davon abzuhalten, dich zu attackieren. Und du kleines Terrortier sorgst bitte dafür, dass ich vor Chris nicht wie ein Lügner da stehe. Es gehört sich nicht, Chris zu kratzen.“ Er grinste, als Aaron hüstelte. „Und auch nicht Aaron.“ Dann hüstelte Amy und räusperte sich auffällig und so wurde auch sie vom Kratzen kategorisch ausgeschlossen.

Aber irgendwie hatten sie alle den Eindruck, dass Fritzi ihnen gar nicht zuhörte, denn sie lag zufrieden schnurrend, mit geschlossenen Augen in Nikos Arm. „Na, das wird ja noch was werden“, murmelte Chris. Niko war völlig vernarrt in die Kleine und die konnte ihn problemlos um die kleine Pfote wickeln.

„Ich werde an mir arbeiten, Schatz, wirklich.“ Niko konnte schon wieder lachen, während Amy nur den Kopf schüttelte.

„An sich ist er ein guter Tierarzt, aber bei dem kleinen Terrortier setzt das Hirn aus“, nuschelte sie vor sich hin, als sie sich Kaffee nachgoss und den Rest an die verteilte, die ebenfalls noch einen Schluck vertragen konnten.

„Er ist halt ein Katzenmensch“, versuchte Chris seinen Schatz zu verteidigen. Ihm war das Versprechen erst einmal genug. Er konnte sich vorstellen, wie schwierig das für Niko war. Ob sie eine Übereinkunft mit Fritzi treffen konnten, würde eh erst die Zeit zeigen. „Sag Bescheid, wenn der Arm anfängt zu schmerzen, dann gebe ich dir Schmerzmittel.“

„Ich will es erst mal ohne versuchen“, sagte Niko und schob sich wieder an Chris. Er wollte ihn küssen, ihn berühren, ihn schmecken und spüren. Er wollte eine Menge schmutziger Dinge machen, die er mit seinem kaputten Arm nun leider nicht machen konnte.

„Ich mach noch mal eine Runde“, sagte Aaron, der ohne weiteres Nikos Job übernahm. Der musste sich erst einmal ausruhen. „Dann fahre ich euch rüber.“

„Danke, Aaron. Das nächste Mal, wenn du verletzt bist, habe ich wohl doch spitze, saubere Nadeln und Betäubung“, lachte Chris ihm hinterher. Er legte einen Arm um Niko und zog ihn vorsichtig an sich. „Meine Eltern haben einen Gästebungalow für uns hergerichtet. Damit wir ein wenig ungestört sein können, wenn wir wollen.“

„Und ob ich das will“, sagte Niko und ließ sich noch einmal hingebungsvoll küssen, hielt Fritzi aber wohlweislich lieber weg von Chris. Er traute seiner jungen Dame einfach nicht über den Weg, schon allein weil sie sich grundsätzlich nichts sagen ließ. „Geht doch noch ein bisschen rüber in dein Zimmer“, schlug Amy vor, die auch schon auf dem Sprung war, um George bei der Fütterung in den Außengehegen zu helfen. Sie lächelte den beiden noch einmal zu. „Mach morgen blau.“

„Danke, Amy, du bist die Beste“, strahlte Chris und warf Amy eine Kusshand zu. „Ich werde mich revanchieren. Wenn du und Aaron mal frei haben möchtet, werde ich euch vertreten, oder ich lade euch zu einem leckeren Barbecue ein, mit allen Schikanen. Sucht euch was aus.“

„Ich lass mir was einfallen“, sagte sie noch, als die Tür sich schon langsam schloss. Dann waren sie allein in der Küche.