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... und dann kam Fritzi - Teil 16-18

16 

„Du hast Zeit, zu entscheiden. Erst einmal bist du ja für ein dreiviertel Jahr sowieso hier.“ Chris legte einen Arm um Niko und küsste ihn aufs Ohr. Er wollte jetzt noch nicht vorschlagen, dass Niko ja hier bei ihm bleiben könnte, auch wenn er sich das wünschte. Im Haus seiner Eltern ließ sich bestimmt auch noch eine Tierarztpraxis unterbringen. Platz war genug da. Und seit der alte Simmons in Rente gegangen war, war auch durchaus Bedarf für einen Tierarzt da.

„Eben – ich bin gerade eine Woche da.“

„Und hast schon ein Haustier. Überleg mal, was du am Ende deines Jahres für einen Zoo haben wirst“, lachte Gitte und amüsierte sich über Nikos entsetztes Gesicht.

„Ich hoffe doch, dass Fritzi ein Einzelhaustier bleibt“, murmelte Niko und leckte sich endlich die klebrigen Finger sauber. „Und vielleicht hat sie mich auch satt, wenn sie größer ist.“ Das wusste man ja heute noch nicht.

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Wie kann man dich denn satt haben? Da gibt es doch ständig etwas Tolles, was man entdecken und erforschen kann.“ Chris wirkte ein wenig abgelenkt, als er sprach, was wohl auch zu seinen nächsten Worten führte. „Samtige Haut, über festen, wohl proportionierten Muskeln, ein Hintern, wie für meine Hände gemacht und erst der...“ weiter kam er nicht, denn Gitte hatte ihm einfach eine Kopfnuss verpasst.

„Chris“, sagte sie streng, aber ihre Augen lachten. Sie konnte ihrem Sohn gar nicht böse sein, so glücklich, wie er augenscheinlich gerade war.

„Diese Vorzüge sollten eigentlich nur für dich sein. Wenn du das einfach so ausplauderst und nicht für dich behalten kannst, dann muss ich dir das leider alles entziehen“, stellte Niko klar, dem das Ganze ein bisschen peinlich war. Doch er war froh, dass Walter und Gitte sich nicht daran störten, dass sie beide extrem verliebt waren und sich nicht immer ganz unter Kontrolle hatten.

Chris hatte den Kopf eingezogen und war sogar rot geworden, denn das hatte er wirklich nicht ausplaudern wollen. „Tschuldigung“, nuschelte er leise. Was sollte er aber auch machen? Er war nun mal verrückt nach diesem Kerl. „Mom, Dad, ihr habt nichts gehört, wenn euch euer Jüngster am Herzen liegt.“ Chris konnte schon wieder grinsen, als seine Eltern laut los lachten.

„Hast du was gesagt?“, fragte Walter und Chris hob den Daumen.

„Perfekte Antwort.“

„Hast du ein Glück, dass dich deine Eltern so sehr lieben und dir zuliebe alles vergessen haben“, erklärte Niko streng. „Ich hätte nicht gezögert“, sagte er, wusste aber auch nicht so richtig, wobei er nicht gezögert hätte. Denn sich von Chris zu trennen oder sonst etwas mit ähnlichem Ausgang wollte er noch nicht einmal im Spaß in Erwägung ziehen.

„Gib's zu, du hättest gern deine klebrige Katze auf ihn gehetzt“, lachte Gitte und räumte das Geschirr ein wenig zusammen. Sie hatte noch Eis zum Nachtisch.

„Bloß nicht!“ Chris machte große Augen und er wirkte sogar ein wenig ängstlich, weil er sich wohl gerade vorstellte, wie sich die Bakterien und Keime des Sabbers in seinen Wunden breit machten und ihn wohl bei lebendigem Leibe auffraßen. „Ich glaub, ich brauch ne Tetanus-Auffrischung, auch wenn ich erst letztes Jahr eine bekommen habe. Sicher ist sicher.“

„Ach, stell dich nicht so an“, wiegelte Niko nur ab. „Meine kleine Motte ist eine ganz saubere Katze. Ein bisschen schleimig und verklebt, aber an sich ganz sauber. Sie hat weder Würmer noch Infektionen. Du wirst das schon überleben.“ Er sah Gitte nach, die eben in die Küche ging, was für Leonard wohl das Signal für Futter war. Er flitzte ihr hinterher und der klebrige Spuckeball, der sich nun langweilte, folgte.

„Sollen wir das Unvermeidliche gleich in Angriff nehmen und das Tierchen baden? Kann ja nicht so schlimm sein, nass ist sie ja schon.“ Chris grinste Niko an und stupste ihn mit der Schulter leicht an. „Du hilft Gitte und ich hole das Verbandszeug für euch.“ Er konnte es auch nicht lassen, darum küsste er seinen Schatz auf die gekrauste Nase.

„Du schneidest dich damit ins eigene Fleisch, mein Lieber. Je lädierter und bandagierter ich bin, umso weniger hast du anschließend noch von mir oder meiner glühenden Haut oder meinem brennenden Leib“, flüsterte Niko seinem Liebling süffisant grinsend zu, als er sich erhob. Als Fritzi das bemerkte, kam sie zu ihm gelaufen.

„Oh“, war alles, was er hinter sich hörte und das ließ ihn grinsen. Chris konnte jetzt wohl auch den Fehler in seiner Planung erkennen. „Warte, Schatz, ich hol mir ein paar feste Handschuhe und dann halte ich die Maus für euch fest. Nicht dass ihr gleich völlig zerkratzt seid.“ Chris lief hinter Niko her und klapste ihm auf den Hintern, denn auf seinen Liebling zu verzichten, kam gar nicht in Frage.

„Lass das lieber Gitte machen und halte dich von der Motte fern. Wenn sie keinen weiteren Grund hat, sich aufzuregen, wird sie mich und Gitte auch nicht kratzen“, zumindest hoffte Niko das und sah auf Fritzi, die nun verklebt und besabbert um ihn herum tanzte und hochgehoben werden wollte. So richtig konnte sich Niko aber auch nicht durchringen – die Klamotten, die er trug waren nur geborgt. „Komm, Süße, ab in die Küche.“ Aber dann griff er sie doch unter dem Bauch und verzog bei dem feuchten Fell das Gesicht.

„Das wird schon wieder. Wir sollten sie nach dem Bad nur von Leonard fern halten, sonst ist sie gleich wieder eingesaut.“ Chris öffnete Niko die Tür zur Küche und grinste, weil Gitte schon das Bad für die kleine Maus vorbereitet hatte. Die Spüle war mit warmen Wasser gefüllt, in das sie ein mildes Katzenshampoo getan hatte. So was hatte sie immer im Haus, weil ihr Hund bisher jede Katze, die er erwischen konnte, voll gesabbert hatte.

„Gitte, kannst du den Verband abmachen? Der ist dreckig und saugt sich jetzt sowieso voll Wasser, wenn sie eintaucht“, fragte Niko und hielt den Spuckeball in Richtung Gitte. Fritzi wusste gar nicht, wie ihr geschah. Warum kuschelte ihr Niko nicht mit ihr und warum fummelte die Frau an ihrer Pfote herum? Fritzi knurrte leise und so setzte Niko sie auf den Tisch, damit er sie streicheln konnte. Er hasste es einmal mehr, nur einen Arm nutzen zu können. „Alles gut, Süße.“

Überzeugt war Fritzi nicht, aber sie konnte auch nicht weg, bis Gitte den Verband gelöst hatte. Erst dann konnte sie ein wenig rückwärts kriechen. Wobei sie ihre Pfote schüttelte, weil es ungewohnt war, keinen Verband zu haben. „Die Wunde sieht doch gut aus“, meinte Chris aus sicherer Entfernung und Niko nickte.

„Gitte, hast du Blauspray hier? Dann können wir die Wunde nach dem Baden offen lassen und sie nur einsprühen.“ Er streichelte und kraulte die kleine Karakal-Dame, weil er spürte, dass sie unsicher wurde. „Maus, dir passiert nichts. Wasser tut nicht weh. Und wenn du eine saubere Fritzi bist, kann ich dich auch wieder knuddeln und beschmusen“, versuchte er ihr das nun unweigerlich folgende schmackhaft zu machen.

Viel Erfolg hatte er nicht, denn Fritzi rutschte immer noch weiter rückwärts und mit nur einem Arm konnte Niko sie nicht besonders gut bändigen. Da aber auch Gitte nicht helfen konnte, griff Chris beherzt zu, als Fritzi vom Tisch zu rutschen drohte. Er hielt eine Hand gegen ihren Popo und machte sich auf das Schlimmste gefasst. Doch er war mindestens so überrascht wie die anderen beiden auch, als Fritzi sich nur umdrehte und ihn anguckte. Sie fauchte nicht, sie knurrte nicht, sie schlug nicht und versuchte auch nicht zu beißen, obwohl der verwirrte Chris seine Hand immer noch da hatte, wo sie war.

„Sie scheint völlig verwirrt zu sein, das sollten wir ausnutzen“, schlug Gitte vor und nahm das kleine Kätzchen an sich, ehe sie es sich doch noch überlegte und Chris kratzte. Doch sie starrte den Mann nur an, maunzte leise.

„Niko, was bedeutet das?“, fragte Chris und kratzte sich am Kopf. Er konnte das jetzt nicht einordnen. Hatte Fritzi ihn akzeptiert, oder war sie wirklich nur so verwirrt, dass sie gerade nicht wusste, wie ihr geschah?

Er wurde aber aus seinen Überlegungen gerissen, als der kleine Karakal ins Wasser gesetzt wurde. Es war gut, dass Gitte sie fest hielt, denn trotz ihrer Verletzung, versuchte sie aus dem Becken zu springen. Das eklige Gefühl war völlig neu für sie. Sie mochte das nicht. Das war warm und nass und roch komisch. Sie fing an zu meckern und zu jammern und sah Niko anklagend an, der gleich den Kopf senkte und sich schuldbewusst näherte.

„Süße, dir passiert doch nichts“, redete er auf sie ein und streichelte sie, während Gitte sie vorsichtig einschäumte. Kurz nur sah er zu Chris und schüttelte leicht den Kopf. „Vielleicht hat sie ja eingesehen, dass sie dich nicht mehr loswird.“ Er grinste schief. Das war heute nicht Fritzis Tag, wirklich nicht. Und dann konnte sie heute Nacht noch nicht einmal bei ihm schlafen und sich beruhigen. Arme Maus.

„Wäre auch besser“, Chris meinte es nicht so, wie er es sagte und grinste. Komischerweise störte es ihn bei Fritzi, dass sie ihn nicht mochte. Bei Azrael war ihm das ziemlich egal. Aber die gehörte ja auch nicht Niko. „Vielleicht sollte ich sie aus dem Becken heben, dann bin ich ihr Held“, das war nicht ernst gemeint, denn das bedeutete wahrscheinlich noch mehr Stress für das kleine Tier.

„Dann ist sie gänzlich hinüber und ich hätte mir die ganze OP und die Pflege sparen können“, sagte Niko, grinste aber schief. Das wollte er sich noch nicht einmal vorstellen, dass seine kleine Fritzi nicht mehr da sein könnte.

„Wo sind denn alle?“, kam plötzlich auch noch Walter in die Küche und sah schon von weitem das Drama. Gitte, die nicht mit ihrem Mann gerechnet hatte, war kurz nachlässig und wandte sich um, was Fritzi nutzte, um an Nikos streichelndem Arm hinauf zu kriechen und blutige Spuren zu hinterlassen. Niko fing sie auf, auch wenn sie pitschnass war, sein Shirt wurde nass und durchsichtig. Doch er drückte sie an sich, wagte gar nicht aufzusehen, weil er ahnte, dass das nicht förderlich in der Erziehung war.

„Oh Niko, das tut mir leid“, rief Gitte auch gleich, die sich die Schuld dafür gab, dass der Freund ihres Sohnes schon wieder blutete. Sie nahm das bereit liegende Handtuch und wickelte Fritzi darin ein. „Chris kümmere dich um Niko, ich mach das schon mit Fritzi.“ Sie hätte gar nichts sagen brauchen, denn Chris war schon auf dem Weg zum Medizinschrank, um alles zu holen, was sie brauchten. So langsam hatte er Routine im verarzten seines Schatzes.

„Man könnte glauben, ich habe mich nur in dich verliebt, damit du mich ständig zusammenflickst“, grinste Niko schief und sah an sich runter. Nicht nur, dass er selber lädiert war, auch Chris‘ Klamotten hatten was abbekommen. „Tut mir leid, ich glaube, das Shirt muss in die Wäsche, so lange das Blut noch frisch ist. Am liebsten hätte er die Augen zugekniffen und gehofft, dass ihn keiner mehr sah. Er schämte sich für die ganzen Katastrophen und die Unannehmlichkeiten, die Chris und seine Familie heute wegen ihm gehabt hatte. „Tut mir alles leid“, murmelte er nur noch.

Aber Chris ließ es nicht zu, dass er sich mies fühlte, darum zog er Niko zu sich und küsste ihn sanft. „Nichts muss dir leid tun. Das ist nur ein Shirt. Du bist wichtig und dir soll nichts geschehen“, sagte er lächelnd. „Ich liebe dich und meine Eltern lieben dich auch. Du hast nichts falsch gemacht und das Leben wäre doch ziemlich langweilig ohne die kleinen Katastrophen, die einem passieren. Wäre nur gut, wenn sie nicht jedes Mal blutig enden würden. Sonst muss Walter noch eine Extrafuhre Verbandszeug bestellen.“

„Mach du nur deine Witzchen, Chris. Aber mir ist das peinlich, wie ich heute alles aufgemischt habe. Das ist einfach nicht mein Tag und der von Fritzi auch nicht.“ Er sah rüber zu seiner kleinen Motte, die im weichen Handtuch komplett verschwunden war. Man hörte sie aber meckern.

Doch dann ließ er Chris die Wunden an seinem gesunden Arm verarzten. Wenn das so weiter ging, dann war er wirklich bandagiert wie eine Mumie.

Es brannte ein wenig, als Chris die Kratzer an seinem Arm desinfizierte aber er wurde mit einem Kuss belohnt, als sein Freund fertig war. Erst als alle Wunden versorgt waren, zog Chris Niko wieder zu sich. Sein Shirt war mittlerweile auch schon nass, aber das störte ihn nicht. „Muss dir nicht peinlich sein. Jeder von uns hat so einen Tag. Da muss man einfach durch und den Spott und die Häme der anderen ertragen. Der Tag der Rache wird kommen und du kannst einen von uns aufziehen.“

Niko konnte nur noch den Kopf schütteln und ließ sich gegen die Theke sinken, auf der nun Fritzi auf ihrem Handtuch saß und alle der Reihe nach böse anfunkelte, auch Niko, der das gar nicht gut haben konnte. „Ich guck mir gleich mal deine Wunde an, Maus“, erklärte er ihr, während Werner wieder nach draußen ging. Er ließ ungern Leonard mit dem Grill und dem Fleisch allein.

„Maus, du bist doch jetzt wieder sauber, das muss doch besser sein, als so verklebt“, versuchte Gitte die kleine Katze zu besänftigen. „Wenn Niko nach deinem Pfötchen gesehen hat, dann gibt es auch leckere Milch.“ Viel Erfolg hatte sie nicht, denn Fritzi drehte ihnen allen den Rücken zu.

„Sie ist stinksauer“, murmelte Niko bedröppelt, kam aber wieder näher, denn er wollte sich Fritzis Pfote ansehen. Also kam er mit dem Kopf ganz nahe an sie heran, hoffend dass sie sich an ihn schmiegte. Zumindest reagierte sie schon einmal und sah ihn an. „Okay, Maus, Pfote her“, sagte er und griff vorsichtig das kleine Bein. Er drehte es vorsichtig ein bisschen. Fritzi ließ es geschehen. Es sah so aus, als würde sie zusammen mit Niko die Wunde besehen, als sie den Kopf schief legte.

Chris beobachtete sie genau, bereit jederzeit einzuspringen, wenn Fritzi kratzen wollte. Noch mehr Verletzungen sollte Niko nicht bekommen. Aber seine Angst schien wohl unbegründet, denn Fritzi rieb ihren Kopf an Nikos Wange und maunzte leise. „Hier ist das Blauspray“, sagte Gitte und schob Niko die Dose hin.

„Das sieht schon gut aus.“ Niko war sehr zufrieden und schmuste mit der Nase durch das noch leicht feuchte Fell und strahlte wieder. „Und du riechst wieder gut, nicht nach Hundesabber.“ Und das machte es wirklich angenehmer. Er ließ sich das Spray geben doch mit einer Hand konnte er nicht arbeiten. So machte Gitte die kleine Pfote blau, was Fritzi mit Unglauben betrachtete. Wie sah das denn aus? Sie schüttelte die Pfote, doch das Zeug ließ sich nicht abschütteln.

„Wohl nicht deine Farbe, Kurze“, kicherte Chris. „Du stehst wohl mehr auf blutrot.“ Es sah schon süß aus, wie sie da hockte, flauschig weich wie ein frisch aufgeschütteltes Kissen mit blauer Pfote. Darum machte er auch gleich ein Foto mit seinem Handy. So sauber würde er sie wohl so schnell nicht wiedersehen. Nicht seit sie wusste, was ein Bad war und welche Schikanen es für eine kleine Katze bedeutete. So leicht wie heute würden sie Fritzi wohl nie wieder in ein Becken voll Wasser bekommen. Besser sie achteten ab heute darauf, dass Leonard sie nicht wieder beschlabberte.

„Wieder gut?“, wollte Niko wissen und strich mit der Nase durch das weiche Fell und Fritzi schmiegte sich wieder an ihn.

„Noch was essen auf den Schock?“, fragte Gitte und reinigte das Becken, in dem Fritzi gebadet hatte.

„Unbedingt“, lachte Chris. Wenn Fritzi zufrieden war, war Niko das auch und dann war auch Chris zufrieden. „Nehmen wir die Milch mit nach draußen, dann können wir auch noch was essen. Da war doch noch ein bisschen Oryx, wenn ich nicht irre.“ Aber dann fiel ihm ein, wie gerne Walter das auch aß und dass der jetzt schon eine ganze Weile mit dem Grill allein war. „Ich geh schon mal vor, nicht dass alles weg ist“, und war verschwunden.

Niko sah ihm nach und wirkte verdutzt, musste aber laut lachen, als Gitte aufklärte, was wohl gerade für ein Film in Chris‘ Kopf abgelaufen war. Sie folgten nicht gleich, denn Gitte machte schnell die Milch fertig und Niko nutzte es aus, dass Fritzi wieder schmusig wurde. Er nahm sie also auf den Arm und ging mit ihr nach draußen, wo Chris gerade am Grill stand und mit Walter anfing zu schachern.

„Wie die Neandertaler, jeder möchte das größte Stück Fleisch haben“, flüsterte Gitte kichernd in Nikos Ohr und setzte sich auf ihren Platz. Sie breitete ein Tuch auf ihrem Schoß aus und winkte mit dem Fläschchen. „Na komm, Süße, das hat vorhin doch gut geklappt und Niko kann zusehen, dass er auch noch was abbekommt.“ Sie zwinkerte dem Freund ihres Sohnes zu und nahm ihm Fritzi ab.

„Gitte ich bin verletzt und gehandicapt. Wie soll ich mich mit nur einem Arm gegen zwei wilde Neandertaler verteidigen und erfolgreich sein. Kann ich nicht lieber was von Fritzis Milch bekommen?“, grinste er und setzte sich neben die beiden, kam der Katze aber nicht nahe, damit sie bei Gitte blieb und trank. Er mochte alle Sorten Fleisch gern und so würde er nehmen, was die beiden übrig ließen.

Gitte lachte und schüttelte den Kopf. „Also ehrlich. So was wie dich hat so ein Banause wie Chris gar nicht verdient.“ Sie streichelte Fritzi sanft, die angefangen hatte zu trinken. „Ich glaube eher, dass mein Mann bei dem Oryxfleisch den Kürzeren ziehen wird, denn Chris verhandelt für euch beide.“

„Dann wird er mich wohl anschließend mit seiner Keule niederschlagen und mich in seine Neandertaler-Höhle schleifen“, lachte Niko ausgelassen und setzte sich etwas bequemer. Ein paar der Pflaster auf den großen Kratzern zwickten in der Haut. Er musste sie nachher bestimmt entfernen und ein paar Haare einbüßen. Da freute er sich ja jetzt schon drauf. Er sah zu Fritzi, die zufrieden nuckelte und sich keiner Schuld bewusst war.

„Davon gehe ich aus und da wird er dich auch erst morgen früh wieder raus lassen, denn er musste ja schließlich eine ganze Woche auf dich verzichten.“ Gitte zwinkerte Niko zu und lachte laut, als Chris mit einem voll beladenen Teller zu ihnen kam und der von Walter nur halb so voll war. „Sag ich doch, mein Schatz zieht den Kürzeren, denn eigentlich müsste er noch mit mir teilen.“

„Heißt das etwa, ich muss nicht?“, fragte Walter hoffnungsvoll und ließ seine Frau resigniert den Kopf schütteln. Wenn es um Fleisch ging, war sich jeder der Richter-Männer selbst der nächste. „Kannst alles haben, wenn du mir noch etwas von dem Springbock bringst.“

„Na, wenn das alles ist“, sagte Walter und wollte gerade seinen Teller auf den Tisch stellen. Doch er hatte Chris‘ gierigen Blick gesehen und ahnte, was passierte, sobald seine Hand den Tellerrand verließ. Also nahm er ihn wieder an sich und Niko musste lachen, als sein Liebling allen Ernstes etwas in sich zusammen sank. „Babe, ich glaube, das reicht für uns beide. Wir hatten doch vorhin schon eine Portion. Du willst dich nachher noch bewegen, denk dran.“

„Ja, aber...“, fing Chris an, musste dann aber doch grinsen. „Iss ordentlich, Schatz, damit du nachher nicht schlapp machst“, flüsterte er Niko ins Ohr und ließ sich neben ihm auf die Bank fallen. Es war einfach herrlich. Er hatte leckeres Fleisch, leckeren Niko und dann noch seine Eltern und das Land, das er liebte. Irgendetwas musste er in seinem Leben richtig gemacht haben.

„Lass uns was im Kühlschrank deponieren für hinterher“, schlug Niko vor, denn er hatte im Moment keinen Hunger mehr. Er war zufrieden und genoss die Sonne, bis sie unterging. Fritzi lag schon in ihrer Box neben der Bank und schlief. Leonard passte auf sie auf und Gitte hatte ein paar Flaschen Savanna zum Sundowner verteilt. So konnte man das Leben wirklich genießen.

Als die Sonne untergegangen war, wurde es nach und nach merklich kühler, so dass sich Chris fröstelnd über die Arme rieb. So schön es auch war, hier zu sitzen und die Ruhe zu genießen, er wollte mit Niko alleine sein und noch ein paar Stunden mit ihm alleine verbringen. „Lass uns die Kurze schnappen und ins Bett gehen“, sagte er darum und stand schon auf, um die Teller zusammen zu stellen und in die Küche zu bringen. Niko nickte und erhob sich ebenfalls. Der Grill war aus und kalt, die Reste der Salate und das Fleisch im Kühlschrank und eine kleine Portion wollten sie mit auf ihr Zimmer nehmen. Man wusste ja nie, wann einen mitten in der Nacht der Hunger überkam, weil einem die Energie ausging. Niko grinste bei dem Gedanken und bedankte sich bei Chris‘ Eltern, ehe sie zusammen in ihr Zimmer gingen.


17
 

Gähnend lehnte Chris sich in seinem Stuhl zurück und zerknüllte den leeren Kaffeebecher. Mit einem gezielten Wurf landete der dann im Abfalleimer und Chris sah sich in dem Raum um. Die Pausenräume in Krankenhäusern, egal in welchem Land, unterschieden sich kaum. Eine Küchenzeile, eine zerschlissene Couch und ein paar abgewohnte Sessel, ein Kaffeeautomat und ein Tisch mit Stühlen. Das war in Südafrika so wie in Deutschland. Er machte jetzt seit ein paar Wochen Dienst in der Notaufnahme des Johannesburger Krankenhauses und auch der unterschied sich in soweit nicht von denen in Deutschland, was die Länge der Schichten und die Häufigkeit der Nachtdienste betraf.

Alles andere war vollkommen anders.

Er hatte in seinem Leben noch nicht so viele Schuß- und Stichwunden versorgt, wie hier und erst war es für ihn befremdlich gewesen, überall auf bewaffnete Wachen zu treffen, die für die Sicherheit des Personals sorgen sollten. Er hatte an manchen Tagen den Eindruck, dass die Rettungswagen im Minutentakt eintrafen, um die Schwerverletzten in der Notaufnahme abzuladen und gleich wieder zu fahren, um neue Verletzte einzusammeln. Es hatte ihn die ersten Tage richtiggehend schockiert, denn ein Großteil der Verletzten waren noch Kinder, die entweder unschuldig in eine Schießerei geraten waren, oder sie sogar angezettelt hatten, weil sie in einer der Gangs lebten, die sich untereinander bis zum Tod bekämpften.

Und auch der Tod war etwas geworden, das für Chris gegenwärtiger war, als er sich jemals hatte träumen lassen. Sie konnten bei weitem nicht alle Patienten retten. Manchmal kam jede Hilfe zu spät, egal wie sehr sie sich auch bemühten.

Der erste Tote war für Chris ein Schock gewesen, daneben zu stehen und nichts machen zu können. Entsetzter war er über die Routine, die die anderen hatten. Doch sie waren in diesen Job hinein gewachsen und darauf hoffte auch Chris. Er wollte nicht mehr mit jedem Toten mit sterben, er musste die Distanz zum Patienten schaffen können. Doch für ihn war das alles hier auch nach sechs Wochen noch immer befremdlich. Aber sein Team war nett. Sie hatten ihn aufgenommen und aufgefangen, auch wenn sie selber viel zu tun hatten.

Und dann war da noch Niko, den er in jeder Minute, die er nicht bei ihm sein konnte, vermisste. Das war leider viel zu oft, denn sie konnten sich nur sehen, wenn Chris einen oder mehrere freie Tage hatte. Wenn er Dienst hatte, wohnte er hier im Krankenhaus. Es gab extra Zimmer für das Personal. Sie lebten dort wie in einer Wohngemeinschaft und er fühlte sich dort recht wohl.

Wenn er dann allein in seinem Bett lag, dachte er gerne, an die ersten Wochen zurück, die sie zusammen verbracht hatten. Niko war mit ihm zu den Patienten geflogen und hatte sich auf den Farmen, die sie besucht hatten, einen Namen, als hilfsbereiter und sehr fähiger Tierarzt gemacht. Der sich nicht zu schade war mit anzupacken und sich auch mal schmutzig zu machen. Er nutzte die Gelegenheiten auch immer wieder, die Farmer der näheren und weiteren Umgebung über das Anliegen von Amys Station aufzuklären und dass man sich nicht scheuen musste, sie anzurufen, wenn man eine Problemkatze auf dem Grundstück hatte oder sonst irgendwie Hilfe brauchte.

Chris sah auf die Uhr und stöhnte leise. Morgens um drei musste er nicht versuchen seinen Schatz anzurufen. Der schlief und sicher hatte er wieder Fritzi mit im Bett, die in den letzten Wochen ziemlich gewachsen war. Sie konnte wieder ganz gut laufen. Wenn sie durch die Gegend flitzte, merkte man kaum noch, dass sie eine kaputte Pfote hatte. Nur beim Klettern und Springen hatte sie nicht ganz so viel Kraft in der operierten Pfote, die kompensierte sie aber mit den anderen dreien.

Sein Gesicht verzog sich unwillkürlich zu einem Grinsen, als er an das kleine Mistviech dachte, das alle an der Nase herumführte. Wenn Niko und Chris zusammen waren, kam sie zu Chris, ließ sich beschmusen und streicheln. Legte sich zu Chris auf den Schoß und spielte brave Katze. Aber wehe er traf sie alleine, dann wurde er angefaucht und mit Nichtachtung gestraft.

Nur glaubte ihm das keiner, weil alle ja nur mitbekamen, wie sie nett zu ihm war. Die Kurze war richtig ausgekocht, denn sie hatte schnell mitgekriegt, dass es Niko nicht gefiel, wenn sie garstig zu seinem Schatz war. Und wenn sie nett zu ihm war, dann wurde sie noch intensiver beschmust als Belohnung. Sie schien sogar zu spüren, wenn jemand in den Raum kam, denn selbst wenn sie eben noch wild gefaucht und mit der Pfote nach ihm geschlagen hatte, sprang sie ihm im nächsten Augenblick auf den Schoß und schnurrte lautstark. Es war zum Verzweifeln. Und jedes Mal wenn er seinem Schatz erklären wollte, wie Fritzi so drauf war, musste er sich vom Veterinär erklären lassen, dass Fritzi ein Wildtier wäre und solche Wesenszüge gar nicht kennen würde.

Von wegen. Fritzi war die beste Schauspielerin, die er kannte, und das machte es ja so schwer. Er war ja schon versucht gewesen, das ganze mal mit einer Kamera aufzunehmen, aber das kleine Mistvieh bekam das bestimmt spitz und blamierte ihn vor allen. Chris seufzte, musste aber immer noch grinsen. Er konnte es nicht leugnen, der junge Karakal hatte auch sein Herz erobert. Da war es doch egal, dass sie ihn anfauchte.

Und so schlimm konnte ihr Hass auch nicht sein, denn sie kratzte und biss ihn nicht – sie fauchte nur und zeigte ihm die kalte Schulter. Und sie schien Spaß daran zu haben. So ließ er ihr ihren Spaß. Schließlich kam er in der Gruppe in den Genuss, sie streicheln und beschmusen zu dürfen.

Sicherlich schlief sie wieder bei Niko im Bett. Das machte sie immer, wenn Chris nicht da war. Und selbst wenn er da war, tat sie das manchmal und nachts spürte er die Pfoten im Rücken und wie sie versuchte, ihn aus dem Bett zu schieben. Zum Glück war er zu schwer.

Allerdings, wenn sie ausgewachsen war, konnte sie das vielleicht schaffen, denn sie wurde ungefähr so groß wie ein Luchs und hatte dementsprechend auch Kraft. Aber darüber machte er sich Gedanken, wenn er das erste Mal aus dem Bett geschoben wurde. Jetzt hatte er fünf Minuten totgeschlagen, aber daran, dass er Niko vermisste, hatte sich noch nichts geändert. Wenn er ihn schon nicht anrufen konnte, dann schickte er ihm wenigstens eine SMS, dass er ihn liebte. Das weckte seinen Schatz nicht auf, aber Fritzi und schon hob sich seine Laune etwas.

„Chris“, rief jemand in den Pausenraum. Jennifer steckte den Kopf durch die Tür. „Wir haben einen Notfall. Kälter kann der Kaffee eh nicht werden. Lass ihn stehen und komm in die vier.“ Dann war sie wieder weg und Chris blickte auf. Er hatte seine Nachricht getippt und schickte sie ab, ehe er sein Handy wieder in den Spind schloss und Jennifer folgte. Noch drei Stunden, dann war seine Schicht regulär vorbei. Doch das hieß hier nichts. Hier kam oft etwas dazwischen und aus Schichten wurden Doppelschichten. Aber so verging die Zeit schneller, bis Niko wach war.

Und nur noch drei Tage, dann hatte er ein ganzes Wochenende frei. Er würde sich Niko schnappen und zwei Tage nicht mehr loslassen. Aber den Gedanken an seinen Liebling schob er beiseite, als er um die Ecke bog. Der Boden war rot von Blut und sein Team war um einen jungen Mann verteilt und versuchte, sein Leben zu retten. Schnell waren Handschuhe und Schutzbrille übergestreift und er warf sich ins Getümmel. „Bericht“, rief er einem der Rettungssanitäter zu, die den Mann gebracht hatten.

Routiniert erfuhr er, was die Sanitäter hatten in Erfahrung bringen können. Eine Messerstecherei um ein Mädchen vor einer Kneipe am Bahnhof. Die Kleider waren schon vom Oberkörper geschnitten und Chris zählte beim ersten Blick drei Einstiche. Er konnte Glück haben, denn die Stiche waren in Regionen des Oberkörpers erfolgt, wo keine lebenswichtigen Organe saßen, was gar nicht so leicht war. Sie versicherten sich, dass es keine weiteren Wunden gab, eventuell Einschusslöcher oder ähnliches. Dann legten sie los.

Sie versorgten den Mann soweit, dass er in den OP gebracht werden konnte und dort kümmerte sich Chris die nächsten zwei Stunden darum, den Mann wieder zusammen zu flicken. Was schwieriger war, als erst gedacht, denn plötzlich hatte es Komplikationen gegeben, weil einer der Stiche doch die Milz verletzt hatte und der Mann drohte auf dem OP-Tisch innerlich zu verbluten. Aber Chris hatte die Blutung gestoppt und das Organ entfernt und jetzt konnte er die letzte Naht schließen.

„Auf die Intensiv mit ihm“, gab er Anweisung, nachdem er fertig war und ging in den Vorraum um sich die blutigen Handschuhe und seine OP-Kleidung auszuziehen. Anschließend wusch er sich gründlich, auch wenn er nicht mit dem Patienten in Kontakt gekommen war. Er hatte sich hier sehr schnell angewöhnt, lieber ein paar Gummihandschuhe mehr anzuziehen, denn er wollte nicht das Risiko eingehen, sich an einem der Patienten mit HIV zu infizieren. Das Risiko war groß und schwebte jeden Tag über ihm wie ein Damoklesschwert.

„Hier“, Jennifer drückte Chris einen Becher mit frischem Kaffee in die Hand und grinste. „Gut gemacht.“ Die junge Farbige klapperte mit einer Schachtel Zigaretten. Chris rauchte nicht, doch er ging gern mit vor die Tür, um den Kopf frei zu bekommen. Und so verschwanden sie im Treppenhaus, den Piepser in der Tasche fest mit der Hand umschlossen und den nächsten Einsatz schon erwartend.

Chris lehnte sich an die Hauswand, als sie oben auf dem Dach angekommen waren und schloss die Augen. Er war müde, aber gleichzeitig war er auch völlig aufgekratzt. So fühlte er sich immer, wenn er aus dem OP kam. „Hoffentlich war es das mit den Notfällen heute“ seufzte er und nahm einen Schluck Kaffee. Das tat richtig gut.

„Hast du das Wochenende auch frei?“, fragte er Jennifer, die neben ihm lehnte und ihre Zigarette genoss. Sie blickte auf und schüttelte den Kopf.

„Ich hab erst ab Montag frei, aber das kommt mir entgegen. Da kann ich mich um Ashley kümmern. Diese Woche ist sie bei ihrem Vater, nächste Woche ist sie wieder bei mir.“ Jennifer lebte in Scheidung, weil sie und ihr Mann sich in verschiedene Richtungen weiter entwickelt hatten. Doch es war kein Rosenkrieg und beide versuchten ihrer Tochter die besten Möglichkeiten für die Zukunft zu bereiten. „Wir suchen einen Nachhilfelehrer.“

„Für welches Fach braucht sie noch mal Hilfe?“, fragte Chris. Jennifer hatte ihm erzählt, dass ihre Tochter in einem Fach nicht so gut war, aber er hatte vergessen, in welchem. Er hatte Ashley schon einmal kennen gelernt, als sie ihre Mutter im Krankenhaus abgeholt hatte und Chris hatte sich gut mit ihr verstanden. „Ihr werdet schon einen Nachhilfelehrer finden.“

„Ihre Schwäche ist Literatur und Kunst, der ganze musische Kram, weil sie das überhaupt nicht interessiert. Ashleys Interessen liegen völlig wo anders – sie ist Naturwissenschaftlerin mit Leib und Seele. Aber sie möchte gern zum studieren ins Ausland und hat sich Japan in den Kopf gesetzt. Wir suchen also jemanden, der ihr Englisch aufpoliert, ihr vielleicht ein bisschen japanisch beibringen kann und nebenbei noch dafür sorgt, dass sie mit Literatur nicht mehr auf Kriegsfuß steht.“ Doch Jennifers Bruder unterrichtete an der Universität und so hatte er ein paar seiner Studenten empfohlen, die mit seiner Nichte bestimmt gut auskommen würden. Jennifer sollte ihnen nächste Woche einmal auf den Zahn fühlen.

„Tja, tut mir leid, dabei kann ich euch auch nicht helfen. Das sind auch nicht meine Spezialgebiete.“ Chris grinste schief. Er konnte Ashley nur zu gut verstehen, denn Kunst war für Chris auch ein Buch mit sieben Siegeln. Lesen war da schon eher was für ihn, aber er bevorzugte die etwas leichtere Lektüre, weil er sich beim Lesen entspannen wollte. Die Klassiker waren also nicht so sein Ding. „Meine Mutter hat ein Faible für Kunst und Literatur, aber das nutzt dir gar nichts.“

Jennifer lachte und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. Dann erhob sie sich. „Nein, das wohl eher nicht. Aber mein Bruder Richard hat ein paar seiner Schützlinge angesprochen und die beschnüffle ich mal. Wäre doch gelacht, wenn da nicht jemand dazwischen wäre, der uns weiter helfen kann.“ Um die Kosten machte sie sich keine Gedanken. Ihr Ex-Mann war ein Anwalt in einer gutgehenden Kanzlei. Er kam für alles auf, was Ashley benötigte.

„Ja, da wird bestimmt jemand dabei sein, der ihr helfen kann.“ Chris stand auch auf und streckte sich. „So, jetzt noch eine Stunde, dann habe ich Feierabend und ich kann mein Babe anrufen.“ Es war dann zwar noch recht früh, aber Niko ließ sich gerne von Chris wecken und mit eine paar Versprechungen für ihr gemeinsames Wochenende in den Tag schicken. Jennifer war auch eine der wenigen, die wusste, dass sein Babe ein Mann war. Er ging damit nicht hausieren, weil er nicht wusste, wie man hier darauf reagierte.

„Mach das, wenn man erst einmal Rituale etabliert hat, sollte man davon auch nicht abweichen.“ Jennifer nickte dankend, als Chris ihr die Tür aufhielt und so gingen sie wieder hinab und ließen sich vom geschäftigen Treiben auf der Station gefangen nehmen.

Es wurden dann doch fast 2 Stunden, ehe Chris in seinen Feierabend gehen konnte und so hatte er schon das Telefon am Ohr, als er seinen Spind im Ärztezimmer schloss und in den Wohntrakt ging.

Es klingelte nicht lange und er hörte ein verschlafenes >>Guten Morgen, Babe<<, was Chris gleich verliebt grinsen ließ. Er wusste ganz genau, wie sein Schatz jetzt aussah, wie weich und warm seine Haut war und wie sie schmeckte. „Guten Morgen, Schatz“, grüßte er Niko und stieg in den Aufzug, der ihn zu seinem Zimmer unter dem Dach brachte. „Ich vermisse dich schrecklich.“

>>Ich dich auch und gerade jetzt hätte ich ein paar Ideen, was ich mit dir anstellen würde, wenn du hier wärst … ja Fritzi, du hättest auch Ideen, was du mit Chris machen würdest, ich weiß. Aber ich habe die älteren Rechte. Ich darf als erstes mit ihm alles machen, was ich will, du kannst ihn haben, wenn ich durch bin.<<

Chris lachte laut und schüttelte den Kopf. „Hab ich auch etwas dazu zu sagen, dass du mich an deine Katze verschachern willst?“, kicherte er, denn er wusste genau, dass Niko ihn nicht so schnell wieder aus seinen Armen lassen würde, genau wie umgekehrt. „Du weißt, dass Fritzi mich nicht leiden kann und mich bestimmt ein wenig demoliert, wenn sie die Chance dazu hat?“ Er wurde ja nicht müde, das immer mal wieder zu erwähnen, auch wenn er sich gerade lebhaft vorstellen konnte, wie Niko die Augen verdrehte.

>>Babe, hör auf meine kleine Katze immer schlecht reden zu wollen. Sie hat dich doch gut angenommen, beschmust dich und lässt sich kraulen. Ich weiß gar nicht, was du noch willst.<< Niko gähnte und drehte sich auf den Bauch, streckte sich und stöhnte kurz, als ihm Fritzi auf den nackten Rücken sprang und sich zusammenrollte. >>Süße, das kitzelt, nicht mit dem Schwanz da – Süße, nicht … hey<<

„Schmeiß sie runter, sie hat nicht an Stellen bei dir mit ihrem Schwanz rumzuwedeln, die nur ich berühren darf“, knurrte Chris gespielt. Vergessen war sein eigentlicher Einwand, was für eine gute Schauspielerin Fritzi war. „Das macht die bestimmt extra, weil sie ganz genau weiß, dass mich das ärgert.“

>>Im Moment ärgert es mich<<, lachte Niko, weil er kitzlig war und Fritzi das mittlerweile auch wusste. Sie mochte es, wenn Niko sich dann wie ein Baumstamm im Wasser um seine eigene Achse drehte und sie auf ihm balancieren konnte. >>Los, raus, Dicke. Geh Mangusten jagen.<< Man hörte Fritzi meckern und dann einen dumpfen Aufschlag. Sie war wohl vom Bett gesprungen. >>Schatz, bleibt es dabei, dass du am Wochenende kommst. Weißt du schon wann?<<

„Ich habe Freitag bis um 15 Uhr Dienst. Wenn Paps mich mit dem Flieger holen kann, dann bin ich spätestens gegen halb sechs da.“ Chris war in seinem Zimmer angekommen und setzte sich auf sein Bett. „Mehr konnte ich nicht raushandeln. Eigentlich hätte ich Spätdienst gehabt und wäre dann erst am Samstag hier weg gekommen.“

>>Ich bin ja mit allem zufrieden, was ich bekommen kann<<, sagte Niko und streckte sich noch einmal. Er hatte seine Nachtschichten mit Aaron ebenfalls so getaktet, dass er das Wochenende nicht viel zu tun hatte. So konnte er drüben bei Chris nächtigen, denn mittlerweile wohnte Niko nicht mehr allein in seiner Hütte. Zwei Volontäre aus den USA waren angekommen und unterstützten Amy seit zwei Wochen.

Er kam gut mit ihnen aus, aber Chris und seine Wiedersehensfeier wollte er ihnen doch lieber nicht zumuten, weil sie doch immer etwas lauter ausfiel. Allein schon bei dem Gedanken, an die Geräusche, die Chris machte, wenn sie sich liebten, kribbelte es in seinem Bauch. >>Wir werden die Zeit, die wir haben, sehr gut nutzen müssen. Weil ich dich leider nicht so oft sehen kann, wie ich es gerne hätte<<, hörte er Chris sagen und musste grinsen.

„Ich auch. Ich werde also schon einmal den Kühlschrank bestücken lassen und Fritzi bei Gitte in Obhut geben. Sonst ist das arme Tier noch völlig verstört.“ Niko schälte sich nun doch aus seiner Decke, denn er musste Fritzi die Tür aufmachen, die schon wieder ins Zimmer gelaufen kam und vor Langweile nicht wusste, was sie tun sollte. Niko verstaute seine Sachen jetzt immer, sodass sie auch nichts mehr wegschleppen oder zerbeißen konnte. „Los raus!“, schickte er sie vor die Tür und grinste schief, als er – nackt wie er war – johlend von Amy begrüßt wurde, die gerade an seiner Hütte vorbei kam.

>>Was ist da los?<<, fragte Chris auch gleich, der das Johlen ebenfalls gehört hatte. >>Was hat das Gejohle zu bedeut...<< Chris stoppte mitten im Wort und er knurrte leise. Weil es wohl nur eine Sache gab, die Amy so johlen ließ. >>Sie soll gefälligst die Augen zu machen. Die hat sich deine Vorzüge nicht anzugucken.<<

„Bin schon wieder drinnen, Schatz, ich musste Fritzi vor die Tür lassen und sie kann noch nicht alleine aufschließen“, versuchte er sich zu verteidigen und lachte leise. „Ich bin mir sicher sie hat gar nicht richtig hin geguckt. Am besten gehe ich gleich mal ihre Blicke von mir waschen, damit sie sich gar nicht erst festsetzen können.“

>>Ja, besser ist das. Nicht, dass ich da noch was finde, wenn ich da bin.<< Man hörte Chris lachen und es knarzte leise, was vermuten ließ, dass Chris sich hingelegt hatte. >>Schatz, so gern ich noch mit dir sprechen würde, aber ich bin hundemüde. Ich habe die letzten Stunden einen armen Kerl zusammen geflickt, der einige unschöne Begegnungen mit einem Messer hatte.<<

„Schlaf dich aus, du hast deine Pflichten für heute schon getan, ich muss meine erst erledigen … na Maus, alles erledigt? Untersteh dich und latsch mit den dreckigen Pfoten ins Bett. Du fliegst gleich raus.“ Er schob Fritzi mit den Fuß Richtung Bad, was sie gar nicht schätzte, während er seinem Liebling noch ein paar Vorschläge über die Gestaltung seiner nun folgenden Träume unterbreitete.

>>Ich werde versuchen alles zu beherzigen, Babe. Wenn ich wieder wach bin, schreib ich dir ob es funktioniert hat.<< Chris schickte noch ein paar Küsse und Versprechen für das Wochenende über die Leitung, dann legte er auf und Niko seufzte leise.

„Los, Dicke, ab ins Bad, Pfoten sauber machen.“ Überzeugt war Fritzi nicht, aber sie hatte gelernt, dass sie ihren Niedlichkeitsbonus verloren hatte. Niko war nicht mehr so nachsichtig mit ihr und sie hatte schon im Flur schlafen müssen, als sie einmal wieder versucht hatte, ihren Kopf durchzusetzen. So ließ sie es passieren, ließ sich die Pfoten sauber machen und verschwand wieder im Bett, während Niko im Bad schnell alles erledigte, was wichtig war, und sie dann zusammen ins Haupthaus zum Frühstück gingen.


 

18 

Dort lief sie sofort zu ihrem Napf, der schon gefüllt war, denn noch immer schätzte der kleine Karakal es nicht, wenn er auf sein Essen warten musste. Aber auf halbem Weg blieb sie abrupt stehen und fauchte, denn am Tisch saß jemand Fremdes, der ihrer Meinung nach dort nichts zu suchen hatte. Auch Niko blieb überrascht mitten in der Küche stehen. Allerdings fauchte er nicht, sondern lächelte erfreut. „Henni, das ist ja eine Überraschung.“

„Wir sind gestern angekommen und da mein Mann sich gleich in der Klinik von Paps hat integrieren lassen, dachte ich, ich mach mich auch mal wieder nützlich.“ Hendrik erhob sich, hatte aber die meckernde fauchende Katze im Auge. „Fritzi, nehme ich an“, lachte er und umarmte Niko freudig, während Fritzi nun doch näher kam. Was bildete der Fremde sich ein? Reichte es nicht, dass sie den lästigen Chris auf Abstand halten musste? Nun kam der nächste?

„Maus, nicht – er ist ein Freund. Er darf das. Sei nett zu ihm.“

Fritzi sah Niko mit schief gelegtem Kopf an und schien nicht überzeugt. „Typ eifersüchtige Zicke, was?“ Henni hatte schon Bilder von Fritzi gesehen, als sie noch klein gewesen war und seine Eltern hatten ihm über Skype immer wieder von der jungen Karakaldame erzählt. „Ich nehm ihn dir nicht weg, Süße, das ist Chris‘ Job. Aber das heißt nicht, dass ich ihn nicht knuddeln will. Wo ich doch gerade von Amy einen Bericht über seine Vorzüge bekommen habe“, lachte Henni und ließ Niko nicht gleich wieder los, gerade weil es Fritzi offensichtlich nicht passte.

Allerdings hatte er damit gleich zwei gegen sich aufgebracht. Fritzi kam auf ihn zu und nahm schon mal Maß, während Niko gerade mit rotem Kopf von seiner Chefin wissen wollte, warum sie solche Dinge mit Henni besprechen würde. „Das kann doch nicht wahr sein. Jetzt muss ich schon zwei töten, weil sie von Dingen wissen, die nur Chris wissen darf. Das wird bald eine echt leere Station hier sein, wenn Plappermaul Amy so weiter macht. Fass, Fritzi! Los, du darfst!“

Die schien nur darauf gewartet zu haben, denn sie stürzte los und vergrub ihre Krallen und Zähne in Hendriks Bein. Allerdings jaulte der nicht vor Schmerz auf, wie alle erwartet hatten, sondern kicherte frech. „Mäuschen, ich bin doch nicht blöd und komme ohne Beinschoner hierher, wo ich weiß, dass hier ein beißender Karakal rumläuft“, lachte er und beobachte Fritzi ungerührt dabei, wie sie an seiner Wade hing und knurrte.

„Wildtierbiologe, hinterhältiger“, knurrte Niko und ließ sich seinen Kaffee geben, als Henni ihn losgelassen hatte und nun mit der wütenden Fritzi spielte, die es gar nicht schätzte, so ausgetrickst worden zu sein. Niko war klar, dass das Rache bedeutete. Die Kleine war leider extrem nachtragend.

„Und warum musstest du gleich dem erstbesten erzählen, was du heute Morgen aus Versehen gesehen hast?“, wollte er von Amy wissen, die hinter ihrer Tasse hockte und kicherte.

„Weil der erstbeste, auf den ich getroffen bin, es zu schätzen wusste, zu erfahren, was ich gesehen habe.“ Amy grinste frech. „Aaron hätte damit ja nichts anfangen können, darum hätte ich ihm auch nicht davon erzählt.“ Jetzt lachte Amy laut, denn Nikos Gesicht war einfach zum Lachen. „Tschuldigung, aber wenn Henni hier schon umsonst mithilft, dann muss ich ihm doch wenigstens etwas bieten, als Dank.“

„Du verschacherst deinen Tierarzt an einen lustgetriebenen Biologen? Ich werde wohl nachher mal drüben anrufen müssen und bei Elias nachfragen, wie Henni mit solchem Wissen eigentlich umgeht“, konnte er sich dann doch nicht verkneifen, denn Chris hatte ihm berichtet, wie sein erster Skype mit der Familie abgelaufen war, nachdem er seinen niegelnagelneuen Liebling in den Flieger nach Johannesburg gesetzt hatte. Henni hatte gut zu tun gehabt, sich aus seiner eigenen Fallgrube wieder zu befreien. Es war Niko also ein Vergnügen, dafür zu sorgen, dass der Biologe sich eine weitere grub und wieder rein fiel. Er nahm Fritzi auf den Arm, die gerade frustriert neben ihm saß, weil sie Henni nicht beißen konnte. Selbst das Futter war vergessen, so frustriert war sie.

Er kraulte sie, damit sie sich wieder beruhigte und setzte sich an den Tisch. Dabei sah er mit Genugtuung, dass Henni leicht entsetzt guckte. „Chris, das alte Plappermaul, war ja klar, dass er dir davon erzählen musste. Aber du kannst gar nicht petzen, denn Elias ist mit Walter unterwegs. Ein Farmer hatte einen Unfall und sie sind hingefahren.“

„Ach, weißt du Henni, wenn ich hier eines gelernt habe, dann das Gott uns Europäern die Uhr und den Afrikanern die Zeit gegeben hat. Ich habe gelernt, zu warten und heute Abend – kurz vorm Zubettgehen – wird er für solche Informationen noch viel empfänglicher sein als jetzt.“ Er hatte Fritzi auf dem Schoß und die beäugte immer noch verstimmt Henni. Doch dann fand sie, dass sie den lieber ignorieren und etwas fressen gehen wollte.

„Da wirst du leider Recht haben“, Henni machte ein leidendes Gesicht, denn Elias diskutierte solche Sachen gerne aus und das, wenn Henni sehr viel lieber andere wesentlich entspannendere Dinge tun würde. „Ich hab schon vergessen, was Amy mir erzählt hat“, bot er an, weil er den Abend und die Nacht mit seinem Mann anders geplant hatte.

„Und ich werde noch einmal gründlich darüber nachdenken, ob ich dir glaube“, sagte Niko mit erhobenem Haupt, grinste dann aber. Henni war wie Chris, für Sex mit dem richtigen Mann tat er fast alles. „Mehr Sorgen würde ich mir über deinen denkbar schlechten Einstieg bei Fritzi machen. Sie so zu verarschen, war keine gute Idee. Es ist immer ratsamer sich einmal von ihr anfallen zu lassen, dann hat man es hinter sich. Nun wirst du in ständiger Angst leben müssen.“

„Was wäre das Leben ohne ein wenig Nervenkitzel. Ich glaube, ihr macht es auch mehr Spaß mich unvorbereitet zu erwischen.“ Henni lachte und sah zu Fritzi, die über ihrem Napf hing und sich das Frühstück schmecken ließ. „Sie hat sich wirklich prächtig entwickelt und ihre verletzte Pfote merkt man kaum.“

„Nein, sie kompensiert das ganz gut mit den drei anderen. Aber es war ziemlich früh klar, dass sie sich nicht auswildern lassen wollte. Auch wenn das vielleicht sogar funktioniert hätte.“ Niko versuchte zu verbergen, dass er seiner kleinen Dame für ihre Entscheidung sehr dankbar war. Gleich würde er sie sowieso wieder für ein paar Stunden nicht sehen. Sie stromerte gern zu der kleinen Hütte bei den Angestellten, wo die Kinder der Angestellten von einem Privatlehrer unterrichtet wurden. Die Kinder hatten ihre helle Freude mit dem Karakal und Rick, der Lehrer, seine liebe Not.

Sie hatte nur Blödsinn im Kopf und hatte Rick schon öfter etwas von seinem Unterrichtsmaterial gemopst und war dann damit im Maul vor ihm weggelaufen. Sehr zur Freude der Kinder, die Fritzi immer anfeuerten. „Ja, sie scheint sich hier sehr wohl zu fühlen. Kann ich dich gleich auf deiner Runde begleiten? Wenn ich schon von meinem Mann alleine gelassen wurde, möchte ich mich auch gerne nützlich machen.“ Henni ließ sich noch eine Tasse Kaffee geben und nickte Amy dankend zu. „Ich freue mich jedes Jahr darauf, hier sein zu dürfen. Am liebsten würde ich für immer hier bleiben, so wie Chris.“

„Wie sieht das denn Elias?“, wollte Niko wissen, denn ihm war klar, dass zu solch einer Entscheidung bei einem Paar immer zwei gehören. „Aber du kannst mich gern begleiten, ich will raus zu den Außengehegen und mal sehen, wann die beiden jungen Löwen wieder ausgewildert werden können. Da kann man jemanden wie dich gerade gut gebrauchen. Oder hast du anderes mit ihm vor, Amy?“ Niko griff endlich zu. Er hatte Hunger und das Brot von Inri duftete verführerisch.

„Er gehört dir“, erklärte Amy großzügig und stand auf. „Ich mach mich dann mal in die Spur. Ich will mit Aaron nach den Hyänen sehen.“ Sie winkte den beiden Männern zu, nahm sich noch einen Apfel und verließ die Küche. Niko und Henni winkten zurück und Henni seufzte leise. Er hatte mit Elias schon besprochen, ob er sich vorstellen könnte, hier mit ihm zu leben. „Elias ist sich noch nicht sicher, ob er immer hier bleiben möchte. Es gefällt ihm hier, aber seine Arbeit und sein Leben in Deutschland auch. Ich arbeite also noch daran.“

„Ihr werdet eine Lösung finden, die euch beide zufrieden macht und mit der Zeit wird sich das vielleicht auch ändern. Ihr trennt euch ja nicht morgen – ihr habt noch euer ganzes Leben vor euch.“ Er leerte seine Tasse und blickte sich um. Fritzi machte sich gerade auf den Weg, um Rick und die Kinder zu besuchen. „Na komm, sehen wir erst mal nach unseren Patienten. Mal sehen, wie meine Dienste liegen, vielleicht schaff ich's heute Abend mal wieder rüber zu kommen.“

„Ja, versuch das. Elias wird sich freuen, dich mal endlich persönlich kennen zu lernen. Schade, dass Chris nicht auch hier ist, aber der kommt ja am Wochenende.“ Henni freute sich darauf, seinen kleinen Bruder endlich wieder zu sehen. Er hatte sich daran gewöhnt, ihn neben sich wohnen zu haben, mal eben rüber zu gehen, wenn er reden wollte oder einen Rat brauchte. Und auch wenn er weg war, war er immer nur für ein war Wochen, maximal ein viertel Jahr auf Expedition gewesen. Aber ein dreiviertel Jahr war schon was anderes.

Die beiden jungen Männer machten sich in die Spur und so verging der Tag schneller, als sie gedacht hatten. Doch als sie gegen sieben wieder im Haupthaus waren, empfing sie Amy mit einem verschlossenen Gesicht. „Gitte hat angerufen. Walter und Elias sind immer noch nicht zurück. Sie sind seit sechs Stunden überfällig. Sie gehen nicht ans Handy, nicht an den Funk und die Farmer, wo sie hin wollten, kann sie auch nicht erreichen.“

Hendrik wurde blass, denn das bedeutete nichts Gutes. Walter meldete sich sonst relativ regelmäßig bei Gitte, damit sie wusste, dass alles in Ordnung war und wenn er viel zu tun hatte, so antwortete er wenigstens, wenn sie sich meldete. „Seit sechs Stunden sind sie überfällig? Da stimmt etwas nicht. Ich fahre sofort rüber, und werde sie suchen.“

„Ich komme mit“, hatte Niko schon gesagt ohne nachzudenken. Es war für ihn selbstverständlich sich an der Suche nach den beiden zu beteiligen. „Erst mal rüber zu Gitte, ich brauche mehr Infos“, sagte Chris und ging schon zu seinem Wagen. Er musste ihn auftanken, wenn er sich auf die Suche machen wollte. Amy hatte schon Wasser und zwei Notfalltaschen mit den nötigsten medizinischen Ausrüstungsgegenständen bereitgestellt und drückte sie ihnen in die Hand.

„Ich telefoniere herum, vielleicht hat sie jemand gesehen und sie wurden aufgehalten.“

„Danke, Niko.“ Henni drückte Niko kurz an sich. Er war froh, dass er nicht alleine war, denn er war einfach zu geschockt, dass sein Mann und sein Vater verschwunden waren. „Dann lass uns losfahren. Gitte ist doch bestimmt vollkommen fertig.“ Niko nickte Amy dankend zu, die auch noch versprach später nach zu kommen, damit sie Gitte beistehen konnte. Die Farmen abtelefonieren konnten sie auch gemeinsam von der Klinik aus.

Niko bat George noch, sich um Fritzi zu kümmern, dann waren sie auch schon vom Hof gefahren und eilten etwas schneller als normal zum Haus der Familie Richter. Sie sprachen beide nicht viel, hingen ihren Gedanken nach und versuchten zu ergründen, was passiert sein konnte, ohne das Leib und Leben in Gefahr war. Sie gingen beide davon aus, dass einer von beiden sich gemeldet hätte, wenn sie einen Unfall gehabt hätten. Das schlossen sie also erst einmal aus.

Gitte kam ihnen entgegen, als sie bei ihr ankamen und Hendrik schloss seine Mutter in die Arme. „Wir werden sie finden, Mom. Niko hilft uns suchen.“ Gitte ließ sich halten und drückte dankbar Nikos Hand. „Ich habe Chris eine Nachricht hinterlassen, aber er hat sich bisher nicht gemeldet. Er ist im OP und wird noch eine Weile operieren müssen.“

„Er wird kommen, sobald es ihm möglich ist. Haltet ihn auf dem Laufenden. Amy wird auch gleich kommen.“ Niko sah Hendrik hinterher, der hinüber zu seinem Bungalow hastete und ein paar Kisten holte. „Nachtsichtgeräte, GPS-Empfänger, Betäubungsgewehre. Da draußen gibt es wilde Tiere.“

Gitte stellte eine Kühlbox in den Wagen, da man nie wusste, wie lange sie unterwegs sein würden. „Mom, ich brauch noch die Ortung für Paps‘ GPS-Tracker im Wagen. Vielleicht hilft uns das weiter.“

„Ja, sicher.“ Gitte schrieb alles, was ihr Sohn brauchte auf einen Zettel und Niko überlegte. „Gitte, kann ich mal kurz an euren Medikamentenschrank? Wir haben Betäubungsmittel für Tiere dabei, aber es kann sein, dass wir was schnell Wirkendes für Menschen brauchen.“ Es war ihm nicht gerade angenehm, diese Möglichkeit anzusprechen, aber sie mussten hier damit rechnen, dass Elias und Walter entführt worden waren oder irgendwo festgehalten wurden.

Gitte machte große Augen und wusste im ersten Augenblick nicht, was sie sagen sollte. Doch sie nickte. „Komm mit, der Schrank ist verschlossen. Ich muss es dir raus geben“, sagte sie und ging mit Niko in die Praxis, während Hendrik sich an den PC setzte und sich einloggte. Er wollte die Ortung von Walters Wagen vornehmen und stutzte. Dann versuchte er es mit dem Handy, vielleicht hatte Walter den Wagen ja stehen lassen. Doch er kam zu dem gleichen Resultat. Elias‘ Handy ortete er auf ihrem Grundstück. Der hatte sein Telefon also nicht dabei. Wozu auch.

Als Niko mit dem Mittel wiederkam, sagte Hendrik „Wagen und Handy sind immer noch drüben bei den Millers. Das war doch die erste Adresse, die sie heute Morgen hatten anfahren wollen.“

„Und das ist die Farm, die seit fast vier Wochen Probleme mit Fallenstellern hat. Ständig hat Nathan neue Fallen gefunden und einkassiert. Vielleicht …“ Gitte schluckte. Die Geschichte, die sich in ihrem Kopf entspann, gefiel ihr gar nicht.

„Niko, zieh das Mittel gleich auf die Pfeile auf. Das will ich nicht im Dunkeln machen müssen.“

Niko nickte nur und machte sich gleich daran die Pfeile zu präparieren. Nachdem, was Gitte gesagt hatte, war er sich ziemlich sicher, dass Elias und Walters Verschwinden etwas mit den Wilderern zu tun hatte und das machte ihr Vorhaben ziemlich gefährlich. Er füllte sechs Pfeile mit dem Betäubungsmittel für Menschen und verstaute sie so, dass sie griffbereit waren.

„Ich habe alle Infos, die ich brauche, Mom, ich werde sie jetzt holen. Mach dir keine Sorgen. Halt Chris auf dem Laufenden“, sagte Hendrik, als er seine Mutter noch einmal umarmte, ehe sie in den Wagen stiegen und die Farm ansteuerten. Es dunkelte langsam, das konnte ihnen in die Hände spielen, denn so konnten sie sich an die Farm an schleichen, ohne gesehen zu werden.

Niko hatte sich Hendriks Ausrüstung angesehen und sie waren dank dieser perfekt für so ein Unterfangen ausgerüstet. Sie hatten Nachtsichtgeräte und auch Betäubungsgewehre, die fast geräuschlos arbeiteten. Besseres Equipment hätten sie gar nicht finden können. Sie konnten zum Glück beide damit umgehen und Niko war nicht nur ein guter Schütze mit dem Blasrohr, sondern auch mit dem Gewehr. „Wie lange dauert es, bis wir da sind?“

„Zwei Stunden. Die letzten Meter werden wir laufen. Ich will mit dem lauten Motor nicht vorzeitig auf uns aufmerksam machen.“ Hendrik war angespannt und drückte aufs Gaspedal. Sie konnten nur beten, dass ihnen heute nichts vor den Wagen lief. Denn die Dämmerung und vor allem die Nacht waren prädestiniert dafür, mit Wild zu kollidieren, vor allem wenn sie nachher ohne Licht fahren mussten, um nicht aufzufallen. Aber da konnten die Nachtsichtgeräte helfen.

„Gut.“ Niko wusste jetzt alles, was er wissen musste und sie verfielen wieder in Schweigen. Niko strich sich unwillkürlich über den linken Oberarm, wo er jetzt eine dünne Narbe hatte, wo Chris seine Verletzung genäht hatte. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wenn sein Freund verschwunden wäre. Er wäre wahrscheinlich nicht so ruhig wie Henni. Aber wahrscheinlich war das nur äußerlich, denn er liebte seinen Mann sehr und machte sich Sorgen, ob es ihm gut ging.

Immer wieder wollte Niko etwas sagen. Doch egal was ihm einfiel, er fand es nicht passend. Und so schwiegen sie weiter. Mittlerweile war es finsterste Nacht geworden und sie hatten die Fenster offen, die Nachtsichtgeräte angelegt und die Beleuchtung des Wagens aus geschalten.

Sie kamen ihrem Ziel näher, als sie die beleuchteten Fenster der Farm sahen. Es brannte Licht, doch die Vorhänge waren vorgezogen oder die Jalousien herab gelassen. Das taten die Millers nicht. Rebecca hasste es, das wusste auch Niko, denn er war vor drei Wochen mit hier gewesen wegen zwei kranker Schafe und hatte sich mit ihr etwas unterhalten.

„Da stimmt etwas nicht“, murmelte Niko und seine Anspannung stieg. „Lass uns den Wagen hier abstellen und zu Fuß weitergehen.“ Er wartete bis Hendrik den Wagen zum Stehen gebracht hatte und stieg dann aus. Er verteilte die Westen, in die sie ihre Ausrüstung verstauen konnten und nahm sich eins der Gewehre.

Hendrik griff sich noch den Rucksack, in dem die medizinische Ausrüstung steckte. Dann schlossen sie den Wagen ab und liefen los. Die Grillen zirpten. Sonst lag die Landschaft still. Doch sie wussten es besser. Ein Raubtier hörte man nicht, wenn es das nicht wollte. So sicherten sie sich ständig ab, während sie auf das Haus zu liefen. Nikos Herz schlug ihm bis zum Hals. Er konnte gar nichts dagegen tun. Hoffentlich hatte er eine ruhige Hand, wenn es darauf ankam. Und hoffentlich war alles nur falscher Alarm.