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... und dann kam Fritzi - Teil 19-20

19 

Sie schlichen lautlos zum Haus und postierten sich neben einem der Fenster, hinter dessen Gardine sie eine Bewegung wahrgenommen hatten. Niko nahm das Nachtsichtgerät ab und versuchte drinnen etwas zu erspähen. Leider waren die Vorhänge zu dicht, aber er konnte Stimmen hören.

„Kannst du sie verstehen?“, flüsterte er Hendrik zu, denn drinnen wurde Afrikaans gesprochen. Hendrik nickte nur, hörte aber erst einmal weiter zu. Sein Gesicht verzog sich. „Wir werden einen Rettungsflieger brauchen. Ruf Gitte an, sie soll alles veranlassen. Chris soll im Krankenhaus bleiben, wenn er noch nicht losgefahren ist und…“

„Was ist los“, wollte Niko leise wissen, dem gerade schlecht wurde. Wenn Hendrik solche Anweisungen gab, dann musste wirklich etwas passiert sein.

„Paps ist angeschossen, Elias versucht sein Bestes und versucht ihn zu retten und musste auch noch zwei der Wilderer verbinden, die viel Blut verloren haben und sich nun hier verschanzt haben, um sich zu stärken und zu kurieren. Ich muss da rein. Du telefonierst.“

„Nein, du gehst da auf keinen Fall alleine rein. Da sind zwei Wilderer, aber du hast nur einen Betäubungsschuss. Ich telefoniere kurz und dann werden wir da zusammen rein gehen. Sie rechnen nicht mit uns, darum haben wir die Überraschung auf unserer Seite.“ Niko legte Hendrik eine Hand auf den Arm. „Ich bin gleich wieder da. Wir gehen da zusammen rein.“

„Das sind nicht nur zwei, das sind vier. Zwei sind aber hoffentlich außer Gefecht“, sagte Hendrik und Niko machte große Augen, doch er sagte nichts, sondern ging ein paar Meter um telefonieren zu können. Er hielt sich nicht lange damit auf, sondern gab Gitte nur weiter, was er selber auch eben erst erfahren hatte. Zum Glück hatte er aber nicht Gitte sondern Amy am Telefon, die nicht lange fragte, sondern handelte.

Dann stand er wieder neben Hendrik, die Waffe bereits im Anschlag.

„Die Millers haben sie im Weinkeller eingesperrt, um hier oben ihre Ruhe zu haben. Da sind Paps und Elias reingeplatzt.“, brachte Hendrik Niko auf Stand.

Niko nickte nur, dass er verstanden hatte. „Chris ist da. Er ist etwa eine Stunde nachdem wir losgefahren sind, bei deinen Eltern angekommen. Er wollte sofort los, aber Gitte meinte, dass er mit dem Flugzeug schneller ist, wenn er gebraucht wird. Mit dem Flugzeug ist er in fünfzehn Minuten hier.“ Es war beruhigend zu wissen, dass er schnell hier war, wenn sie ihn brauchten. Und der in spätestens einer halben Stunde mit Rangern hier war, wenn sie sich nicht mehr meldeten.

„Okay“ Hendrik griff die Waffe in seiner Hand fester. „Lauf hinter mir und versuch mich nicht zu betäuben“, versuchte er sich an einem schiefen Scherz, dann ging er langsam um die Hausecke und zur Tür. Er würde versuchen, sie leise zu öffnen. Vielleicht gewannen sie so noch ein paar Sekunden. Er drehte den Knauf und stutzte. Nicht abgeschlossen. Man war sich aber verdammt sicher. Oder man rechnete damit flüchten zu müssen und wollte nicht gefangen sein. Wie dem auch sei. Jetzt kam es ihnen zu gute, dass sie das Haus gut kannten, weil sie schon hier gewesen waren. Hendrik wies Niko lautlos an, das Nachtsichtgerät wieder überzuziehen, denn er hatte den Sicherungskasten gefunden. Im Dunkeln waren sie ganz klar im Vorteil.

„Bin soweit“, flüsterte Niko Hendrik zu, als er sich das Nachtsichtgerät aufgesetzt hatte. In dem Flur, in dem sie standen, war es dunkel, darum war das kein Problem. Hendrik schaltete die Sicherungen aus und in der Küche, in der sich die Entführer mit ihren Geiseln befanden, entstand Unruhe. Darum stürmten sie sofort zur Tür und stießen sie auf. Niko hielt sich hinter Hendrik, wie der es vorgeschlagen hatte und folgte ihm in den Raum. Zwei Männer waren aufgesprungen, aber man konnte sehen, dass sie völlig orientierungslos waren. Hendrik schoss auf den linken Mann, darum übernahm Niko den rechten. Beide Pfeile trafen ihr Ziel und das Mittel sollte innerhalb von Sekunden wirken.

„Was?“, hörte man jemanden aus einer Ecke am Übergang zum Wohnzimmer. Hendrik hatte die Waffe bereits nachgeladen wie auch Niko. Sie folgten der Stimme ins Wohnzimmer, die nach jemanden namens Mahal rief und wohl einer der verletzten Wilderer sein musste. Also machten sich die beiden auf den Weg ins Wohnzimmer. Auf der Couch lag ein Mann, davor auf einer Decke ein weiterer. Ohne lange zu überlegen schossen sie.

„Paps, Elias“, rief Hendrik und sah sich um. Am anderen Ende des Zimmers lag noch jemand auf dem Boden.

„Hendrik, bist du das?“ Ein Mann sprang auf und Hendrik hielt nichts mehr, als er Elias erkannte. „Liebling“, rief er laut und lief zu seinem Mann, um ihn in die Arme zu schließen. „Geht es dir gut? Bist du verletzt?“

Niko ließ sie alleine und ging zurück in den Flur, um das Licht wieder einzuschalten. „Es wird hell“, rief er ins Wohnzimmer, dann legte er die Schalter um. Während er das machte, rief er bei Gitte an, damit Chris herkam, denn sie brauchten hier dringend einen Arzt. Als er in das Wohnzimmer kam, fand er die beiden jungen Männer vor Walter kniend, der einen dicken Verband um den Bauch hatte. Er war durchgeblutet und Elias‘ Hände waren blutig.

„Ist Walter ansprechbar?“, fragte er vorsichtig und der Mann schlug kurz die Augen auf. „Ja Niko, bin ich. Befrei die Millers. Sie müssen die Landebahn beleuchten, wenn Chris landen soll“, organisierte er, denn er hatte das Telefonat gehört. Niko nickte. Niemand hatte auch nur ein Auge für die Wilderer. Die waren außer Gefecht, bis sie das Gegenmittel bekamen.

„Mach ich und ich helf ihnen dabei.“ Niko war erleichtert, dass Walter noch bei Bewusstsein war. Eine blutende Bauchwunde war nie gut. Er öffnete die Kellertür und rief nach den Millers. „Die Wilderer sind ausgeschaltet. Sie können hoch kommen“, rief er nach unten. Fast sofort hörte er Schritte und das Farmer-Ehepaar kam die Treppe hoch. „Sind sie verletzt?“ Beide verneinten und Niko atmete auf. „Wir müssen zur Landebahn. Chris ist mit dem Flugzeug hierher unterwegs.“

„Rebecca, bleib bei den Jungs und Walter, ich geh mit Niko raus.“ Ludwig verschwand in einem Abstellraum, hantierte dann am Sicherungskasten und blickte nach draußen. Der Strom funktionierte. Sie mussten jetzt nur prüfen, ob alle Lichter brannten. Dann konnten sie Chris gleich mit dem Wagen zum Haus bringen.

„Was ist eigentlich passiert?“, fragte Niko als sie in den Wagen stiegen und zur Piste fuhren.

„Ich war auf meinem Land unterwegs und habe nach Fallen gesehen, weil ich in letzter Zeit so viele gefunden habe. Nur waren diesmal die Wilderer noch da. Kurz gesagt, sie haben mich überwältigt und mich gezwungen, sie mit nach Hause zu nehmen. Zwei waren verletzt und ich musste Walter anrufen und sagen, dass es einen Unfall gegeben hat und er kommen müsste.“ Man hörte Ludwig an, dass er sehr beschämt darüber war, den Arzt hier her gelockt zu haben, auch wenn er keine Wahl gehabt hatte, denn man hatte seine Frau bedroht. Dass Walter auch noch schwer verletzt wurde, wog dabei in seinen Augen noch schwerer.

„Und wie ist das mit Walter passiert?“, wollte Niko wissen, als Ludwig auf die Piste einbog und sie die Beleuchtung prüften. Doch es sah gut aus. Das musste man von oben sehen können. Also räumten sie schnell die Piste wieder, nicht dass Chris, wenn er kam mit ihnen kollidierte. Bisher hatte Ludwig zu Nikos Frage geschwiegen, doch er war dem Tierarzt eine Antwort schuldig. Er gehörte irgendwie zu Walters Familie. „Er hatte versucht, über das Handy Gitte zu erreichen. Da hat einer der Männer geschossen.“

Niko nickte. „Dieser Mistkerl. Walter ist der einzige, der seinen Männern helfen konnte und der schießt ihn nieder.“ Niko knirschte vor Wut mit den Zähnen. „Das wird er bereuen, denn er wird dafür im Gefängnis landen.“ Hoffentlich kam Chris bald, denn Walter musste wieder gesund werden und dazu musste er nach Johannesburg ins Krankenhaus gebracht werden.

„Die hatte er ja schon versorgt, so gut es ging. Also war er wohl für den Bastard entbehrlich. Ich bin nicht böse drüber, wenn die Mistkerle im Gefängnis verrotten. Die haben von meinem Land einiges an Vieh geholt. Das war mehr als sie und ihre Familien zum Leben gebraucht hätten“, knurrte Ludwig und straffte sich. „Da, Chris“, sagte er und erkannte, dass sie am falschen Ende der Piste warteten. Also fuhren sie nach oben, damit Chris ohne Umschweife zu ihnen in den Wagen steigen konnte.

Niko war aufgeregt. Er hatte sich nach Chris gesehnt, aber ihn jetzt wieder zu sehen, weil sein Vater schwer verletzt war, war nicht das, was er gewollt hatte. Aber trotzdem schlug sein Herz schneller, als Chris aus dem Flugzeug stieg. Er hatte drei Ranger mitgebracht, die sich um die Wilderer kümmern würden.

„Chris“, rief er und lief seinem Freund entgegen, der ihn gleich in eine feste Umarmung zog.

„Bist du okay?“, fragte er gleich, denn er hatte Angst gehabt, dass bei der Befreiungsaktion etwas schief ging.

„Alles gut, aber Walter sieht nicht gut aus. Du musst ihn dir ansehen.“ Niko vermied es Chris zu küssen. Er wusste nicht, wie die Ranger reagieren würden. Sie stiegen zu Ludwig in den Wagen, die Ranger verteilten sich auf der Ladefläche.

„Babe“, sagte Chris kurz angebunden, strich seinem Liebling aber kurz über das Bein. Dabei drückt er ihm eine Telefonnummer in die Hand. „Ruf im Krankenhaus an. Das ist die Nummer von George, der Freund von Dad. Sag ihm, was los ist und dass ich Walter einfliegen werde. Sie sollen einen Wagen oder einen Heli zum Flughafen schicken, um ihn zu holen. Ich werde ihn hier nur stabilisieren können.“ Niko nickte nur und zückte schon wieder das Telefon.

Chris hörte zu, wie Niko telefonierte und bereitete sich darauf vor, gleich seinen Vater zu sehen. Walter war in seinem Leben selten krank gewesen und es machte Chris sehr zu schaffen, dass er jetzt vielleicht sterben konnte. „Nicht böse sein, aber sobald wir da sind werde ich sofort zu meinem Vater gehen und wahrscheinlich keine Zeit für dich haben“, entschuldigte er sich schon mal im Vorfeld bei Niko. „Ich liebe dich“, setzte er noch leise hinterher.

„Das ist doch selbstverständlich. Ich werde den Rangern zur Hand gehen, wenn sie mich brauchen“, sagte Niko, denn er wollte nicht dabei stehen, vielleicht noch im Weg stehen. Und so ließ er als ersten Chris aussteigen, ehe er langsamer folgte.

„Wir sind hier“, hörte er Elias rufen, als Chris nach ihnen suchte.

„Halt durch, Walter, halt durch“, murmelte Niko leise und ließ sich kurz auf der Treppe der Veranda nieder. Er spürte noch immer die Anspannung, mehr noch als die Ranger sich über die vier bewusstlosen Wilderer wunderten.

„Seid ihr okay?“, fragte Chris seinen Bruder und Elias, während er sich vor Walter kniete. „Hallo Paps, ich bin da und werde mich um dich kümmern. Wir fliegen dich nach Johannesburg. Das Flugzeug ist draußen und wartet.“ Er lächelte kurz und strich seinem Vater über die Wange, dann sah er sich die Wunde an. „Elias, was hast du ihm bisher gegeben?“

Der junge Rettungssanitäter deutete auf die Medikamente, die er verabreicht hatte und erklärte kurz, wann er das getan hatte und wie oft. Chris nickte. „Okay“, während er den Verband löste und Elias eine Infusion legen ließ. Er besah sich die Wunde. Die Kugel steckte noch. Wie es schien, waren keine Organe verletzt, aber der Blutverlust war nicht unerheblich. Er erklärte seinem Vater die Situation.

„Die Kugel muss raus, aber das kann ich hier nicht machen. Elias legt dir gerade eine Infusion, um den Blutverlust auszugleichen und ich gebe dir noch Schmerzmittel. Dann bringen wir dich zum Flugzeug. In Johannesburg warten sie schon auf uns. George ist informiert und hat alles vorbereiten lassen“ Chris ließ sich nicht anmerken, wie erschüttert er war. Walter versuchte bei Bewusstsein zu bleiben und es kostete ihn viel Kraft. Er nickte und schloss wieder die Augen. „Du machst das schon, Junge, ich vertraue dir.“

„Ja, ich mach das schon“, murmelte Chris leise. „Hoffentlich.“

„Henni, flieg mit“, sagte Elias. „Ich bleibe mit Niko hier. Wir räumen den Abschaum beiseite.“ Er sah zurück in die Küche. Wie die Ranger immer noch um die bewusstlosen Männer herum standen. Niko erhob sich und ging zu den Polizisten, um sie aufzuklären und zusammen mit Ludwig beratschlagten sie, wie sie die Männer am besten abtransportierten. Schließlich waren die Ranger ohne Wagen hier. Der stand bei Gitte drüben. Niko und Elias wollten einen der Ranger mit zurück nehmen, wenn sie aufbrachen. Doch erst wurde Walter zum Wagen und dann in das Flugzeug gebracht.

In Johannesburg wartete ein Helicopter auf sie und brachte sie zum Krankenhaus. Chris überließ Walter seinem Team, um sich selber für die Operation vorzubereiten. Normalerweise sagte man ja, dass man keine nahen Verwandten operieren sollte, aber Chris wollte seinen Vater nicht in fremde Hände geben. Bevor er in dem Vorbereitungsraum verschwand, drückte er Hendrik an sich, der völlig außer sich wirkte. „Er wird es schaffen“, murmelte Chris leise und küsste seinen Cousin auf die Stirn. Hendrik sah ihn nur an und ließ sich halten, ehe er Chris losließ und sich setzte.

„Chris!“ George kam über den Flur gelaufen. Auch er war in Sorge um seinen Freund und hatte sich für das Team einteilen lassen. Walter hatte mit seinem Bruder Piet damals für Ärzte ohne Grenzen oft den Kopf riskiert. Als Piet umgekommen war, hätte es auch Walter fast erwischt. Dass der die Klinik damals wie selbstverständlich mitten im nirgendwo übernommen hatte, anstatt zurück nach Deutschland zu gehen, würde George ihm niemals vergessen.

„George, danke noch mal, dass ich eure Flugbereitschaft nutzen konnte. Mit dem Wagen wäre ich viel zu lange unterwegs…“

„Ach das ist doch selbstverständlich. Wo ist er, wie geht es ihm, ich assistiere.“

„Er ist so weit stabil und wird wohl gerade in den OP gebracht. Danke, dass du assistieren willst. Wir sollten uns dann jetzt fertig machen.“ Chris drückte noch einmal Hendriks Schulter, dann wandte er sich ab. Sein Vater brauchte ihn. Schweigend gingen sie in den Vorbereitungsraum, um sich einzukleiden und dann steril in den OP zu gehen. Kaum dass sich die Tür hinter ihnen schloss, versuchte Chris nur noch Chirurg zu sein, nicht besorgter Sohn. An der Lichtwand hingen Röntgenbilder, damit sie wussten, wo die Kugel steckte und als man alles bis auf das Operationsfeld abgedeckt hatte, kam Routine. Das kannte Chris, das machte er täglich mehrmals.

„Dann wollen wir mal.“ Chris schloss kurz die Augen und atmete tief ein und aus. Als er die Augen wieder öffnete, nahm er das Skalpell und setzte den ersten Schnitt. Bei einer Bauchverletzung war immer mit Verletzungen an inneren Organen und am Darm zu rechnen und Chris hoffte, dass er nichts Schlimmes finden würde. George ging ihm zu Hand, machte, was Chris forderte und als sie den Bauchraum geöffnet hatten, suchten sie die Blutungen. Sie hatten Glück im Unglück, der Darm war nicht verletzt worden, aber die Milz hatte was abbekommen. Sie stoppten die Blutungen, nähten und hofften, dass sie alles erwischt hatten und nichts übersehen hatten, ehe sie den Bauchraum wieder schlossen.

„Gute Arbeit, George. Bringst du ihn auf die Intensiv? Ich werde mit Hendrik reden und Gitte anrufen.“ Chris zog die Handschuhe aus, als der andere Arzt nickte und verließ nach einem letzten Blick auf seinen Vater den OP. Draußen lief Hendrik auf und ab und kam sofort zu Chris, als er auf den Flur trat.

„Wie geht es ihm?“, fragte Hendrik sofort und als Chris lächelte, fiel ihm eine schwere Last von der Seele.

„Er hat Glück gehabt und er wird wieder gesund werden.“

„Danke, Hissi. Danke“, sagte Hendrik und fiel seinem kleinen Bruder erleichtert um den Hals. Langsam sank er wieder auf einen Stuhl. Der Akku war leer. Alles, was er wollte, war seinen Vater zu sehen, sich zu versichern, dass es ihm gut ging und dann nach Hause zu kommen. Irgendwie. „Rufst du Mom an?“

„Mach ich, Henni.“ Chris setzte sich neben seinen Bruder und streckte sich. „Wie geht es Elias? Tut mir leid, aber in der ganzen Hektik vorhin, habe ich nicht viel mitbekommen. Ich war so auf Paps konzentriert.“ Chris war das peinlich, denn Elias war ein Freund und als dieser ihn vielleicht gebraucht hatte, hatte Chris versagt.

„Er ist unverletzt, wenn du das meinst. Der Rest wird sich zeigen, wenn ich ihn wieder in den Arm nehmen kann“, murmelte Hendrik und strich sich über die Augen. „Sag Mom Bescheid.“ Er lächelte, auch wenn es etwas abgespannt und schief aussah. Chris nickte und wählte die Nummer zu Hause. Er war irritiert, als er Amy am Telefon hatte. „Hi Amy, wo ist Mom?“, wollte er wissen.

>>Versuchs mal auf ihrem Handy. Niko und Elias haben sie gegriffen und fahren zu euch. Sie lassen dir Gitte da, damit sie hier nicht verrückt wird und nehmen Henni mit heim, wenn er das will.<<

„Sie kommen hier her? Das ist super, dann kann Mom gleich sehen, dass es Paps gut geht. Danke, Amy, ich werde sie anrufen.“ Chris legte auf und berichtete Henny, während er schon wieder wählte. „Mom, hier ist Chris. Ich habe Paps operiert und es geht ihm soweit gut. Er ist stabil und auf der Intensivstation, dort wird er ständig überwacht, aber ich gehe davon aus, dass es keine Komplikationen geben wird.“

>>Das hast du gut gemacht, Chris. Danke und ist Henni in der Nähe. Sag ihm auch danke – ich … ich …<< Gitte wollte so viel sagen, doch sie kam nicht dazu, weil sich ihr Hals immer wieder zu schnürte.

„Schon gut, Mom, du musst nichts sagen. Das war doch selbstverständlich. Ich würde alles für euch tun, weil ich euch liebe und bei Henny ist es nicht anders.“ Chris sah zu seinem Bruder rüber und der nickte. „Fahrt vorsichtig, wir sind bei Paps.“ Er erklärte seiner Mutter, wo sie waren, dann legte er auf. „Sie sind bald hier.“ Chris stemmte sich hoch und stöhnte leise, weil sein Rücken protestierte. „Ich zieh mich um, kommt bestimmt nicht gut, wenn ich noch die blutigen Sachen anhabe, wenn Mom kommt.“

„Nein, das könnte den falschen Eindruck hinterlassen“, sagte Hendrik und streckte sich ebenfalls. Er ließ den Kopf weit in den Nacken kreisen, denn seine Muskeln schmerzten.

„Komm mit und Dusche. Ich leihe dir ein paar Klamotten. Du hast dann noch eine lange Fahrt vor dir“, sagte Chris und sah seinen Bruder auffordernd an und der überlegte kurz. Doch dann nickte er. Er steckte jetzt seit vielen Stunden in diesen Klamotten. Er war verschwitzt und fühlte sich dreckig.

„Warum nicht.“

„Gute Entscheidung.“


20 

Sie fuhren mit dem Aufzug unter das Dach. „Das Badezimmer ist dort drüben. Hüpf schon mal unter das Wasser. Handtücher liegen im Regal. Ich besorge dir etwas zum anziehen und bring es dir.“ Chris grinste frech und wackelte mit den Augenbrauen.

„Ich glaube, du bist einer der wenigen Menschen, der mir mit einem solch harmlosen Satz einen kalten Schauer über den Rücken jagen kann“, entgegnete Hendrik. Aber er verschwand trotzdem im Bad. Im Moment schienen sie allein in der Wohngemeinschaft zu sein, denn die anderen Zimmer lagen alle leer. Ihm sollte das nur recht sein. So gönnte er sich ein paar Minuten unter der heißen Dusche und versuchte den Kopf frei zu bekommen. Sein Vater war außer Gefahr. Jetzt galt all seine Sorge Elias und dem, was er den Tag über hatte durchmachen müssen. Erst jetzt wurde es Hendrik richtig bewusst: sein Mann war einen ganzen Tag lang mit einer Bande Verrückter eingesperrt gewesen, ständig den Tod vor Augen. Hendrik wurde schummerig.

Er stützte sich mit den Händen an den Fliesen ab und so fand Chris ihn, als er ins Bad kam, um seinem Bruder etwas zum Anziehen zu bringen. „ Alles klar, Henni?“, fragte er besorgt und kam zur Dusche. Er griff Hendrik unter die Arme und zog ihn an sich, egal, ob er dabei selber nass wurde. „Was ist los?“

„Er war die ganze Zeit mit diesen Irren zusammen, ständig in der Angst, auch erschossen zu werden. Und ich habe ihn noch nicht mal ... ich … ich hätte ihn verlieren können und hab es noch nicht einmal realisiert, Chris. Was bin ich für ein Mann?“ Hendrik hob langsam den Kopf. Er hatte kaum noch Kraft.

„Du bist ein wundervoller Ehemann, ein wundervoller Bruder und Sohn. Ohne dich wären Paps und Elias jetzt nicht in Sicherheit.“ Chris hielt Hendrik fest und angelte mit einer Hand nach einem Handtuch. Er stellte das Wasser aus und hüllte den anderen Mann ein. „Du hast getan, was getan werden musste, weil du beide liebst. Du wusstest genau, wie gefährlich es ist, aber erst jetzt erlaubst du dir, das an dich dran zu lassen.“

Hendrik griff sich das Handtuch und wischte sich fahrig über das Gesicht. Dabei sah er Chris undeutbar an. „Ich habe ihm noch nicht einmal gesagt, dass ich froh bin ihn zu sehen und dass er unverletzt war.“ Es war als hätten Chris‘ Worte ihn gar nicht erreicht. Er hatte nur immer wieder das Bild vor Augen. „Ich bin für solche Situationen nicht geschaffen. Alles was ich will, ist meinen Mann und ihm sagen, dass ich ihn liebe und dass er nie wieder in solchen Mist rein geraten soll.“ Er hatte vorher niemals damit gerechnet, dass Elias etwas passieren könnte – der heutige Tag hatte alles verändert.

„Ach Henni, das kannst du gleich machen, denn er ist ja hierher unterwegs.“ Chris lächelte seinen Bruder schief an und strich ihm über die Wange. „Glaubst du, mir geht es anders? Ich werde mir gleich Niko greifen und nachsehen, ob er in Ordnung ist. Als ich bei den Millers ankam, war ich so auf Paps fixiert, dass ich für nichts weiter einen Blick hatte, nachdem ich registriert hatte, dass von uns sonst keiner verletzt war.“

„Auch wenn’s bescheuert klingt, aber das tröstet mich irgendwie, dass ich nicht der einzige war, der einen Tunnelblick gehabt hat.“ Hendrik trocknete sich ab und zog sich langsam an, während nun Chris versuchte, den Tag von sich zu waschen. „Ich wünschte, sie wären schon hier. Es ist stockdunkel und sie werden fahren wie die Wilden. Hoffentlich passiert ihnen nichts.“ Er hatte nie darüber nachgedacht, dass er Elias verlieren könnte, doch jetzt spürte er den möglichen Verlust in jedem Gedanken und es machte ihn wahnsinnig.

„Sie sind bestimmt bald da und mach dich nicht so verrückt. Weder Elias noch Niko werden so schnell fahren, dass es gefährlich wird. Dafür wird schon allein unsere Mutter sorgen.“ Chris guckte aus der Dusche und grinste schief. So sehr sich Gitte auch um ihren Mann sorgte, würde sie nicht zulassen, dass weitere Familienmitglieder in Gefahr gerieten. Er trocknete sich ab und holte sich etwas zum Anziehen. „Komm, gehen wir wieder zu Paps. Er wird zwar erst mal nicht aufwachen, aber ich möchte ihn nicht gerne so alleine lassen.“

„Guter Plan“, sagte Hendrik und streckte sich einmal. Er zuckte, als ihm Chris noch eine Flasche Wasser in die Hand drückte, die er im Vorbeigehen aus dem Kühlschrank gegriffen hatte, doch dann nahm er dankend an und noch während er die Wohnung verließ, trank er gierig. Sie gingen langsam und schweigend zum Fahrstuhl, der sie zurück auf die Intensivstation brachte. Sie hingen noch immer jeder seinen Gedanken nach, als sie das Zimmer betraten. George stand an Walters Bett und wandte sich um, als er die Tür hörte.

„Chris, Hendrik“, grüßte er und legte die Hand seines Freundes wieder auf das Bett. Nicht, weil es ihm unangenehm war, dabei gesehen worden zu sein, wie er sich um Walter sorgte, sondern weil er zu den beiden Männern kam und sie einfach schweigend an sich drückte. Chris und Hendrik erwiderten die Umarmung. „Wenn ihr jetzt da seid, kann ich mich wieder um meine Arbeit kümmern. Chris, komm doch nachher zu mir, dann besprechen wir, wie es mit Walters Klinik weitergehen soll.“ Chris nickte und George verließ das Zimmer.

„Na eben“, sagte Hendrik und setzte sich vorsichtig auf die Kante von Walters Bett. „An die Klinik habe ich gar nicht gedacht.“ Die Farmer verließen sich auf Walter und seine Besuche. Sie mussten zumindest erst einmal die Farmer informieren und die Besuche absagen, sich anhören, ob jemand dringend Hilfe brauchte. Man sah ihm seine rasenden Gedanken wohl an, denn sein Bruder legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Nicht jetzt, Henni.“ Der nickte nur.

„Aber so schnell wie möglich.“

Sie hatten nicht viele Optionen und Chris favorisierte die, dass er jetzt schon die Buschklinik übernahm. Zumindest so lange, bis Walter wieder arbeiten konnte. Allerdings würde das nicht so schnell passieren. Wahrscheinlich fiel sein Vater für einige Monate aus. Die Versorgung der Farmer musste gewährleistet werden und jemanden von Außerhalb dafür zu bekommen, war sehr schwierig. Als Allgemeinmediziner hatte er die Voraussetzung, die Hausbesuche auf den Farmen zu machen und die Patienten zu behandeln, die zu ihnen in die Klinik kamen. Doch hatte er auch seine Ausbildung zum Unfallchirurgen, die er nicht einfach aufgeben wollte. Vielleicht konnte er sich mit dem Krankenhaus einigen, dass man seine Ausbildung aussetzte, damit er ein paar Monate Walters Platz einnehmen konnte.

„Nicht jetzt, hast du doch eben gesagt“, grinste Hendrik schief, denn er sah zu deutlich, dass Chris jetzt die gleichen Gedanken wälzte.

Chris streckte seinem Bruder die Zunge raus und grinste schief. „Ich weiß.“ Um sich davon abzulenken, sah er auf die Monitore, an denen Walter angeschlossen war und dokumentierte die Werte. Er hatte die Mappe gerade wieder geschlossen, als die Tür aufging und seine Mutter mit Elias und Niko ins Zimmer kam.

„Ihr seid ja geflogen“, sagte er und kam auf die drei zu. Er zog seine Mutter fest in die Arme, sein Blick aber suchte Niko, der ihn sanft anlächelte und ihm zu nickte. Hendrik hingegen griff sich gleich seinen Mann und vergrub sein Gesicht in dessen Hhalsbeuge, während er Elias dicht an sich zog. „Ich hätte dich verlieren können“, nuschelte er ganz leise, „das war mir bis eben noch gar nicht richtig bewusst.“

„Ach, Schatz.“ Elias drückte seinen Mann an sich und hielt ihn. „Ich hätte dich genauso verlieren können, als du mich und Paps mit Niko gerettet hast. Wir sind also quitt.“ Er nahm Hendriks Gesicht zwischen seine Hände und küsste seinen Mann lächelnd. „Ich habe dir noch gar nicht gesagt, wie froh ich bin, dass du gekommen bist.“

„Das war doch selbstverständlich. Ihr habt euch nicht gemeldet, da war es doch klar, dass wir euch suchen kommen“, wiegelte Hendrik ab und sah Elias lächelnd an. Der löste sich und schob seinen Mann zu seiner Mutter hinüber, die ihn gleich fest in die Arme schloss. „Chris hat ganze Arbeit geleistet, Paps geht’s wieder gut“, sagte er und schloss sie in die Arme. Er war froh, dass alle wohlbehalten in diesem Zimmer waren, sie mussten nur irgendwann Hanni beibringen, was passiert war.

„Das hast du gut gemacht“, flüsterte Niko derweil seinem Freund ins Ohr, als er ihn an sich zog. Auch ihm steckte der Tag in den Knochen. Doch das stetige Piepsen von Walters Monitoren wirkte beruhigend.

Chris lehnte sich bei Niko an und atmete einmal tief durch. Jetzt, als Niko bei ihm war, fiel die Anspannung der letzten Stunden von ihm ab. Er sah hoch und lächelte. „Geht es dir gut? Bist du verletzt worden“, fragte er und küsste seinen Liebling sanft. „Vorhin, habe ich mich gar nicht um dich gekümmert, tut mir leid.“

„Macht doch nichts, du hast es mir doch vorher gesagt und außerdem war das doch selbstverständlich. Ich hatte mein Gewehr, mir ist nichts passiert.“ Er strich Chris langsam über den Rücken und sah wieder auf Walter, der noch immer in seinem Bett lag und schlief. Gitte setzte sich neben ihren Mann auf das Bett und griff seine Hand. Niko ließ seinen Kopf auf Chris‘ Schulter liegen und betrachtete die beiden schweigend.

„Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe“, murmelte Chris und lächelte zu seiner Mutter. Ihre Augen waren gerötet, aber sie weinte nicht.

„Ich gehe zu George, um zu besprechen, wie es mit der Klinik weitergehen soll. Kommst du mit?“, fragte er Niko, denn er hätte seinen Freund gerne dabei, denn was sie beschlossen, betraf auch ihn.

„Sicher“, er griff kurz Chris‘ Hand. Der Rest kam ohne sie aus in der nächsten Stunde und Chris brauchte ihn jetzt einfach. Sie traten auf den Flur und Niko sah sich neugierig um. Hier herrschte jede Menge Trubel. Hier war Chris also die ganze Woche. Durch das bewaffnete Personal auf den Fluren wurde ihm klar, dass sein Freund jeden Tag sein Leben aufs Spiel setzte. Doch er sagte nichts.

Sie liefen durch die Flure, zu Georges Büro. Mary, seine Sekretärin, nickte ihnen zu. „Gehen Sie ruhig rein, er erwartet sie“, sagte sie und deutete mit dem Kopf auf die offenen Tür zu ihrer rechten. Chris klopfte leicht gegen den Türrahmen, um auf sich aufmerksam zu machen. „Hast du kurz Zeit für uns, George?“, fragte er und sah in den Raum. Der Arzt blickte hinter einem Stapel Papier auf und schob sich die Brille, die er zum Lesen auf die Stirn geschoben hatte, wieder vor die Augen.

„Sicher, Chris. Kommt rein.“ Er erhob sich und sah neugierig auf den jungen Mann, den Chris bei sich hatte. Er war kein Bruder, das wusste er, doch wer war er? Niko, der den Blick ebenfalls bemerkte, beeilte sich, sich vorzustellen als Tierarzt der Auffangstation neben der Buschklinik. Er wusste nämlich nicht, wie viel Chris über sie beide teilen wollte und wie viel nicht. Sie schlossen die Tür und kamen näher.

George lächelte Niko an, als sie sich die Hände schüttelten. „Ah, sie sind also derjenige, den Chris immer vermisst, wenn er hier ist.“ Er deutete auf die kleine Sitzgruppe in seinem Büro. „Setzen wir uns dort hin, da ist es gemütlicher.“ Chris brummte gutmütig, denn der Klinikchef zog ihn immer damit auf.

„Ja, das ist er. Der Mann, den ich liebe.“ Sie setzten sich und Chris zog Niko neben sich. In jeder anderen Situation hätte Niko seinen Liebling jetzt auch aufgezogen und ihn ein bisschen getrietzt, nur um sich später gebührend dafür entschuldigen zu können. Doch im Moment griff er nur die Hand seines Freunds und war gespannt, was der Arzt von ihnen wollte.

„Chris, ich schätze du kannst dir denken, warum ich dich sprechen wollte?“, fragte George und nahm sich selbst vom Wasser, was auf dem Tisch stand.

„Die Klinik. Einer muss sie übernehmen.“ Chris goss Niko und sich auch etwas ein. „Ich würde das gerne machen. Allerdings möchte ich meine Ausbildung hier auch zu Ende machen. Nur wie das funktionieren soll, weiß ich noch nicht. Hast du da eine Idee?“

„Die habe ich tatsächlich, Chris, denn sonst hätte ich dich nicht hier her gebeten“, sagte George. Es gefiel ihm, dass Chris mitdachte. Doch er hätte auch nichts anderes von ihm erwartet. „Ich schlage dir vor, dass ich mit den Ärzten hier rede. Ein paar deiner Prüfungen können wir vorziehen, denn du hast das Zeug dazu. Du leistest im OP hervorragende Arbeit. Und so lange wie du dich hier um deine Scheine kümmerst, werde ich die Klinik übernehmen. Schließlich hat Walter sie damals selbstlos übernommen, als mein Bruder gestorben ist. Jetzt ist es an mir einzuspringen.“

Man sah Chris an, dass er damit nicht gerechnet hatte, aber dann fing er an zu lächeln, denn das war eine gute Lösung. „Das wäre perfekt. Danke, dass du das übernehmen willst. Walters Patienten brauchen dringend einen Arzt und wenn du die Klinik erst einmal übernimmst, dann weiß ich sie in guten Händen.“

„Ach, das mache ich gern. Ich habe es viel zu lange allein Walter überlassen, dass Erbe meines Bruders hochzuhalten. Ich habe es mir zu einfach gemacht. Deswegen springe ich jetzt ein. Ich werde morgen meinen Jahresurlaub einreichen – sechs Wochen können wir also erst einmal überbrücken. Die Zeit musst du aber nutzen, um deine Ausbildung so weit wie möglich voran zu treiben. Denn wenn Walter entlassen wird, was nicht nächste Woche sein wird, sondern deutlich später, wird er noch nicht arbeiten können und dann wirst du einspringen müssen.“ Eigentlich hatte Chris erst vor, nach Walters Ausscheiden der leitende Arzt in der Buschklinik zu werden, doch nun mussten sie alles etwas beschleunigen. „Und Niko du wirst mit dem Betäubungsgewehr auf Walter schießen, wenn er auf Krankenbesuch will oder in der Praxis herum schleicht.“

Chris lachte und küsste Niko schnell auf die Wange. „Das kann er, aber eigentlich wollte ich Paps so etwas nicht antun.“ Ihm fiel ein Stein vom Herzen, dass erst einmal für alles gesorgt war. „Ich werde einen Plan für die Prüfungen aufstellen, so dass wir alles gut in den sechs Wochen schaffen. Und wenn meine Prüfer da so mitmachen, sollte es keine Probleme geben.“

„Sprich am besten mit Steve. Er ist einer der Ausbilder für die regulären Medizinstudenten. Er wird wissen, wie sich der Zeitplan am besten aufsetzen lässt. Wenn du willst, reden wir zusammen, aber ich glaube nicht, dass er sich quer stellen wird.“ George machte sich da wenig Sorgen. Es war das wichtigste, dass Walter wieder auf die Beine kam. Alles andere ließ sich arrangieren.

„Das mache ich. Ich denke nicht, dass du mitkommen musst.“ Chris kannte Steve und er glaubte nicht, dass der sich quer stellen würde. „Danke, George, mein Vater kann wirklich froh sein, einen Freund wie dich zu haben.“

„Ich habe zu danken für das, was er jeden Tag in der Klinik tut. Jetzt muss ich auch mal meinen Teil dazu beitragen.“ George erhob sich und reichte den beiden Männern die Hand. „Gitte kann mit oben schlafen, wenn sie will. Ich bin mir nicht sicher, ob sie die ganze Nacht bei Walter bleiben darf. Die Regeln hier sind streng und daran haben sich alle zu halten. Und du machst dann auch Schluss und machst dich lang. Wir sehen nach Walter und melden uns bei euch, wenn sich etwas ändert. Morgen früh könnt ihr dann wieder zu ihm. Bleibt ihr alle hier?“

„Das weiß ich noch nicht. Ich werde Hendrik und Elias fragen und sage dir Bescheid. Gitte kann mein Bett haben. Meine Zimmernachbarn, werden nichts dagegen haben.“ Chris sah Niko an. „Bleibst du hier?“, fragte er. Er wollte eigentlich nicht, dass sein Liebling schon wieder die lange Strecke fuhr. An Niko war der Tag nämlich auch nicht spurlos vorbei gegangen. Doch der zuckte etwas hilflos die Schultern. „Gibt es denn in der Nähe ein Hotel, wo wir unterkommen können? Wir können ja schlecht zu fünft in deinem Zimmer nächtigen. Da reicht der Platz doch gar nicht.“ Sicher, auch er wollte nicht schon wieder den langen Weg zurück fahren, schon gar nicht bei Nacht. Doch wenn es nicht anders ging, würde er fahren.

„Ihr braucht kein Hotel. Ich habe hier im Krankenhaus eine kleine Wohnung, falls ich hier übernachten muss. Dort könnt ihr vier schlafen. Es ist nicht das Ritz, aber allemal bequemer als eine Fahrt von mindestens vier Stunden zurück.“ George holte die Schlüssel aus der Schreibtischschublade und gab sie Chris. „Im Wandschrank sind Decken und Bettzeug für die Schlafcouch.“

„Danke, George“ Chris drückte dem Mann die Hand und schloss seine Finger um den Schlüssel. Allmählich spürte auch er den langen Tag in den Knochen und die Vorstellung sich ausstrecken zu können und sich an Niko zu kuscheln, vor allem ohne dass dessen Haustier ihn aus dem Bett schieben wollen würde, war verlockend. „Handy und Pieper sind an. Wenn was ist, einfach durch rufen.“

„Mach ich.“ George nickte Niko zu, der sich auch bedankte und die beiden jungen Männer verließen das Büro. Zurück in Walters Zimmer, brachten Sie Gitte, Elias und Hendrik auf Stand, die ziemlich erleichtert wirkten, dass sie nicht noch durch die Nacht fahren mussten. Gitte umarmte Chris, Hendrik und Elias und strich ihnen über die Wange. „Geht schlafen, für euch war es ein langer, anstrengender Tag. Ich bleibe hier, bis George mich ins Bett schickt. Wir sehen uns morgen früh.“

„Aber geh wirklich ein paar Stunden ins Bett“, sagte Hendrik eindringlich, als er seine Mutter anlächelte. Ein letzter Blick zurück auf Walter und die stetig piepsenden Geräte, dann waren die vier auf dem Weg zu Georges Apartment. „Ich wusste gar nicht, dass Walter die Klinik von Georges Bruder weiter führt“, sagte Niko irgendwann, als er alles noch einmal durchdacht hatte. Er lehnte neben dem Fahrstuhl an der Tür, als sie auf den kleinen beweglichen Raum warteten, der sie nach oben bringen sollte, denn das Apartment lag auf der gleichen Etage wie Chris‘ WG.

„Piet und mein Vater waren gute Freunde. Sie haben sich im Studium kennengelernt. Schon damals hatte Piet den Plan eine Buschklinik zu eröffnen, weil er die medizinische Versorgung der Landbevölkerung verbessern wollte. Er hat neben dem Studium gearbeitet und das Geld gespart.“ Sie stiegen in den Lift und Chris wartete bis die Türen sich schlossen, bevor er weitererzählte. „Paps hat ihm dann geholfen, die Klinik aufzubauen und dabei hat er sich in Südafrika verliebt, genauso wie Mum. Darum war es für beide auch selbstverständlich, die Klinik zu übernehmen, als Piet gestorben ist. Sie haben es auch nie bereut, auch wenn es harte Arbeit ist.“

Sie verließen den Fahrstuhl und suchten die Zimmernummer, die zu dem Schlüssel passte. „Chris, du musst aber dazu sagen, dass Paps und Piet beide für Ärzte ohne Grenzen gearbeitet haben und Piet nicht einfach so starb, sondern bei einem Angriff der Rebellen auf ein Flüchtlingscamp im Sudan umgekommen ist und Paps das Leben gerettet hat. Dass hat Paps noch intensiver an den Wunsch gekettet, Piets Werk hier fortführen zu wollen.“ Niko sah Hendrik an und nickte verstehend. Einen Freund zu verlieren war immer hart. Aber ihn gewaltsam zu verlieren, war bestimmt noch härter.

„Brauch ich ja jetzt nicht mehr, hast du ja schon gemacht“, scherzte Chris schief grinsend und schloss die Tür auf. Er ließ die drei vorgehen und lehnte sich von innen gegen die Tür, als sie geschlossen war. Jetzt merkte er, wie müde er eigentlich war und rieb sich über die schmerzenden Augen. „Bett bauen, an Niko kuscheln und dann schlafen“, legte er die Reihenfolge der nächsten Minuten fest und öffnete die Augen wieder. Vor ihm stand sein Schatz und sah ihn fragend an. Darum zog er Niko in eine Umarmung. „Alles okay, Süßer. War nur alles etwas viel heute.“

„Lass uns zwischen Bett bauen und an Niko kuscheln, doch ein Niko duschen dazwischen schieben, das macht es bestimmt angenehmer für alle“, sagte Niko. Dann küsste er seinen Freund kurz und hielt ihn umarmt.

„Geh duschen, nimm Elias mit. Ich bau mit Chris was zum Schlafen.“ Hendrik strich seinem Mann durch die Haare und nahm ihm den Rucksack ab, in dem wahllos ein paar Hygieneartikel und frische Kleider gestopft worden waren. Zum Glück hatten sie fast alle die gleiche Größe und Figur. Und Chris hatte in seinem Zimmer für morgen sicherlich auch noch etwas, was er verleihen konnte.

„Hört, hört! Mein Mann schickt mich mit einem anderen Mann in die Dusche. Was soll ich denn davon halten?“, lachte Elias und winkte Niko zu sich. „Komm, wenn wir schon so einen Freifahrtschein haben, sollten wir den auch nutzen.“ Aber entgegen seiner Worte, zog er Hendrik an sich und zwinkerte Niko zu. „Geh schon mal vor, ich komme gleich nach.“

„Du hättest noch nicht mal Spaß mit mir, ich bin auch ein bisschen platt“, entgegnete Niko und wühlte kurz im Rucksack, ehe er schnell im Bad verschwand. Er nahm sich auch nicht viel Zeit, sondern wusch sich hastig und putzte sich die Zähne. Er war schon fertig, als Elias endlich ins Bad kam. „Ah“, machte er als er die Couch und die Kissen und Laken sah. „Bett, Mann, perfekt.“ Dann ließ er sich fallen.

„Ja, absolut perfekt, wenn meine Rückenschmerzen aufhören“, presste Chris zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, denn seine Wirbelsäule protestierte heftig, als er sich auf dem Bett ausstreckte. Es dauerte ein paar Sekunden, dann entspannte er sich und drehte sich zu Niko. „Komm her, Babe. Ich will jetzt kuscheln und vielleicht noch einen oder zwei Küsse, wenn du dafür nicht zu müde bist. Dann verschieben wir die auf morgen.“

„Einen oder zwei schaff ich noch“, nuschelte Niko leise und kuschelte sich dichter. Er wollte endlich zur Ruhe kommen und er wollte wissen, dass alles gut wird. Seine Hand lag auf Chris Brust und er hatte Hendrik und Elias schon aus seinen Gedanken verdrängt. Ein Kuss, dann noch einer, doch dann schlief er ein.

Er hatte seine Entscheidung getroffen.

Er wollte sein, wo Chris war. Das war ihm in ihrer gemeinsamen Zeit in den letzten Wochen klar geworden. Sein Lebensmittelpunkt hatte sich verlagert.