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Katzenaugen 8 - Fantasma Negro - Teil 1-3

Fantasma negro

 

01

 

Alvarez hob fast unmerklich eine Braue, als ein hektischer junger Mann mit einem Handy am Ohr und einem Smartphone in der Hand gerade versuchte, ihm durch Ignorieren seiner Person das Taxi streitig zu machen. Doch nicht mit Alvarez. Nur weil er eigentlich auf einer ruhigen Hazienda im Brasilianischen Regenwald lebte, hieß das noch lange nicht, dass er sich von einem lächerlichen Juppie herum schubsen ließ. Er mochte die Hektik der großen Städte nicht – New York rangierte auf seiner Liste der unangenehmen Städte in der Spitzengruppe – doch es nutzte nichts. Schlussendlich waren Städte auch nichts anderes als ein Dschungel und da stand er, Alvarez, ganz klar an der Spitze der Nahrungskette. Wer das nicht einsah hatte ganz schnell ein Problem.

Er verließ seinen Regenwald nicht gern, doch wenn er ihn schützen wollte, konnte er sich nicht nur auf die Position eines Naturschützers zurückziehen, dann war der Geschäftsmann Alvarez Garcia gefragt. Und so hatte er sich – mehr oder weniger freiwillig – mit einer Horde Sardinen in eine fliegende Büchse sperren lassen und war froh, als er endlich wieder festen Boden unter den Füßen gehabt hatte. Wenn er auch für seinen Geschmack etwas zu hart und steril war.

Aber nun war er hier.

Die Luft brannte in den Lungen und seine sensible Nase brachte ihn fast um. Der Krach machte ihn schier wahnsinnig und an die Hektik musste er sich jedes Mal von neuem gewöhnen. Nein, das war nicht seine Welt und es gab nur zwei Gründe, warum er in einen solchen Betondschungel kam: sein Naturreservat und seine Schwester samt Familie, die er gern wieder sah.

Also knurrte Alvarez einmal dunkel und das Tier in ihm erwachte. Irritiert von dem ungewohnten Laut sah der junge Mann im maßgeschneiderten Anzug sich um. Er sah Alvarez direkt in die gelblich grünen Katzenaugen – und schien instinktiv den schwarzen Jaguar zu erkennen. Ohne ein Wort trat er beiseite und überließ Alvarez das Taxi. Der nickte dankend, warf seinen Rucksack in den Kofferraum und gab die Adresse seiner Schwester an. Alvarez reiste immer mit kleinem Gepäck. Wichtig für ihn waren immer nur ein paar Klamotten, Dokumente und sein Laptop, auf dem er alles hatte was für seine Arbeit wichtig war.

Um die Hazienda kümmerte sich hauptsächlich seine Mutter mit ihren Angestellten. Er selbst hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Naturreservat, was er auf seinen Ländereien gegründet und hatte eintragen lassen, zu schützen und zu nutzen. Er hatte an drei Stellen im Regenwald Forschungslager, ein Labor und startete gerade damit, sanften Ökotourismus in weniger gefährdeten Teilen des Reservats zu etablieren.

Wenn die Menschen begriffen, wofür sie spendeten, saß das Geld lockerer. Alvarez hatte schon frühzeitig einen Verein gegründet. Die Spendenmitglieder sollten nun in den Genuss kommen, eine Woche lang kostenfrei im Dschungel zu leben und zu lernen.

Alvarez setzte auf Mundpropaganda.

Wenn er seinen Job gut machte, brauchte er nicht viel Werbung, um neue Spendenmitglieder zu erreichen. So floss fast das gesamte Geld in den Schutz des Regenwaldes, in die Gehälter der Ranger und Wissenschaftler und in den Kauf weiterer Ländereien. Für ihn standen die Umwelt und die Artenvielfalt an erster Stelle. Ein Tier zu töten widerstrebte ihm immer wieder, auch wenn es sich manchmal nicht vermeiden ließ.

Auch wenn es der schwarze Jaguar in ihm nicht konnte, weil er das frische Fleisch brauchte, so hatte der Mensch Alvarez sich das Ziel gesetzt, seinen ökologischen Fußabdruck so gering wie nur möglich zu halten. Er aß kein Fleisch weil er wusste wie viel Regenwald in seinem Land gerodet wurde, nur um das Futter für diese Tiere anzubauen. Er verzichtete auf Leder, erzeugte seinen Strom ausschließlich regenerativ und kompensierte jede Tonne CO2, die für seine Beförderung oder andere Annehmlichkeiten während seines Aufenthaltes in der Stadt erzeugt wurde, mit einer Aufpflanzung oder Unterstützung an Gruppen und Individuen, die sich innerhalb der Städte dafür einsetzten, dass sie wieder grüner und lebenswerter wurden. Die Idee des urban gardening auf den Dächern der Hochhäuser faszinierte ihn. Das wollte er sich unbedingt ansehen, wenn er schon hier war.

In den nächsten Tagen musste er sich auf ein paar Empfängen blicken lassen – er war nun einmal das Gesicht seines Projektes und das galt es zu zeigen. Und mittlerweile wusste er auch, dass man ihn nicht nur lud, um mehr über sein Projekt zu erfahren sondern auch, weil es das Hobby einiger reicher Damen war, an dem hübschen brasilianischen Dauer-Single zu baggern, was das Zeug hielt. Alvarez mochte das gar nicht, doch wenn es half, sein Projekt nach vorn zu bringen, dann machte er gern gute Miene zum bösen Spiel.

Weil ihn nicht interessierte, was er durch die Fenster des Taxis sah, klappte er den Laptop auf und arbeitete, bis das Taxi vor einem Haus hielt, was Alvarez aus dem Augenwinkel bekannt vorkam, ebenfalls die Leute in der offenen Tür.

Dann musste er grinsen, denn seine Schwester Leticia hatte sich in den letzten Monaten, die er sie nicht gesehen hatte, überhaupt nicht verändert. „Na dann los“, knurrte er leise und klappte den Laptop zu. Er klemmte sich diesen unter den Arm, stieg aus und nahm seinen Rucksack entgegen. Er nickte dem Fahrer zu und bezahlte die Fahrt mit einem großzügigen Trinkgeld.

Seine Schwester schien ihn jetzt entdeckt zu haben, denn sie kam lachend und winkend auf ihn zu. „Alvarez“, rief Leticia und fiel ihm um den Hals, als sie ihn erreicht hatte. „Schön, dass du endlich da bist.“

„Ja, schön dass ich endlich da bin“, sagte er und legte die Arme um seine Schwester, als er sie kurz anhob und sich mit ihr drehte. Selbst mit einem Arm war das für ihn ein leichtes. „Die Computer werden immer schneller, aber die Flugzeuge nicht. Es dauert immer noch ewig, um zu euch zu kommen“, muffelte er gespielt und sah zu Sina und Phillip, die in der offenen Tür hin und her hibbelten und nur darauf warteten, dass ihr Onkel sie bemerkte und sie ihn auch anspringen konnten.

„Hier, halt mal“, lachte er und gab Leticia den Laptop. Er breitete die Arme aus und seine Nichte und sein Neffe liefen jubelnd auf ihn zu und rissen ihn fast um, als sie sich auf ihn warfen.

„Uff“, machte Alvarez und taumelte ein wenig rückwärts, konnte sich aber wieder fangen. „Wieder nicht geschafft“, spottete er gutmütig und wuschelte ihnen durch die Haare, denn seit Jahren versuchten Sina und Phillip ihn bei der Begrüßung umzuwerfen, aber bisher konnte er das verhindern, auch wenn es von Jahr zu Jahr schwieriger wurde. Die Kinder feilten an ihrer Technik und verließen sich nicht mehr nur auf Gewicht und Schwung. So musste auch Alvarez allmählich daran arbeiten, seine Standtechnik zu verbessern. Aber für dieses Mal hatte er noch gewonnen.

„Hör auf, die Kinder zu ärgern, fall endlich mal um“, lachte Andrew und kam seinem Schwager nun ebenfalls entgegen. Nun war die ganze Familie auf dem Rasen im Vorgarten versammelt und begrüßte sich überschwänglich.

„Das macht doch keinen Sinn, sie zu verhätscheln. Jaguare sind trickreiche Jäger und müssen lernen.“

„Ja ja. Ganz der Clanchef“, spottete Leticia und knuffte ihren Bruder gegen den Arm. „Wen sollen sie hier denn jagen?“ Sie meinte das nicht ernst, denn sie und ihr Mann lehrten ihre Kinder das Kämpfen und wenn sie bei der Großmutter in Brasilien waren, streiften sie mit ihnen durch den Dschungel, um ihnen das Jagen beizubringen, genau wie sie und Alvarez es von ihren Eltern gelernt hatten. „Börsenmakler verursachen doch nur Sodbrennen.“

„Ihr habt hier so tolle Ratten. Ich freu mich schon drauf, wieder mit ihnen zu spielen“, lachte Alvarez und Sina rümpfte die Nase.

„Ohne mich, nimm Phil mit“, schlug sie vor, als sie Alvarez an der Hand hatte und mit ihm zusammen ins Haus ging. Kam ja gar nicht in die Tüte, dass sie sich hinter dreckigen Mülltonnen herum trieb, um schmutzige Ratten zu jagen.

„Igitt Negro, das ist doch nicht das Richtige zum Jagen.“ Leticia schüttelte sich. Sie hatte nie verstanden, was ihr Bruder daran fand, Ratten zu jagen. „Hast du Hunger?“, fragte sie. „Ich habe einen Auflauf vorbereitet, den ich nur noch in den Ofen schieben muss.“

„Mach dir keine Umstände, ich kann mir auch schnell ein paar Ratten…“, setzte er an und machte dass er lachend den langen Flur entlang lief, während sich seine Schwester wütend schreiend auf ihn werfen wollte. So war es immer zwischen den beiden Geschwistern gewesen und so würde es wohl auch immer sein und Alvarez vermisste es oft, sich mit seiner Zwillingsschwester zu raufen.

„Du Mistvieh“, knurrte sie und hatte sich auch schon gewandelt, denn auf vier Pfoten war sie schneller. Sie setzte zu einem Sprung an und knurrte, weil Alvarez es ihr gleich getan hatte und jetzt als Katze durch das Haus tobte. Er war ein herrliches, kraftvolles Tier. Viel größer und stärker, als sie selbst, aber das hielt sie nicht auf. Dieser freche Kerl hatte sich gerade eine Rauferei erbettelt. Denn niemand – ausnahmslos niemand – durfte es wagen, sich über ihre Kochküste lustig zu machen.

Sie pflügten also durch das Haus, der schwarze Dschungelgeist vorneweg, sie hinterher – und sie hatte Heimvorteil. Alvarez konnte nicht wissen, dass sie im Obergeschoss eines der großen Gästezimmer geteilt hatten, damit ein paar Freunde der Kinder übernachten konnten. Und so gab es einen mörderischen Schlag, als Alvarez durch die Tür des Gästezimmers flitzte, plante das Zimmer zu durchqueren und über den Balkon im Garten und somit in der Freiheit zu entschwinden – doch seit ein paar Wochen war dort eine Wand.

So hockte er benommen vor der Wand und versuchte zu verstehen, was geschehen war, als auch schon Leticia auf ihn sprang und ihn niederrang. Viel zu selten hatte sie dazu Gelegenheit und darum packte sie ihn im Nacken und knurrte. Ihre scharfen Fänge gruben sich in die Haut, aber ohne Blut zu fordern. Sie wusste, dass sie gleich in hohem Bogen von Alvarez geschleudert werden und dann gejagt würde, aber das war es ihr wert, denn jetzt hatte sie die Oberhand und das würde sie ordentlich ausschlachten. So lange wie es ihr nur möglich war.

Alvarez kam wieder zu sich und begriff, in welcher Situation er war. Schlagartig nutzte er seine Kraft, um Leticia von sich zu drücken und dann war sie auch schon eine Flugkatze, doch da stand schon Andrew und fing sie überrascht auf, weil er in seiner menschlichen Gestalt gefolgt war, um zu sehen, ob der massige Jaguar seine Trockenbauwand demoliert hatte und war stolz auf seine Werk.

Nur eine Delle, nichts gerissen.

Doch da waren Leticia und Alvarez auch schon wieder weg.

Andrew schüttelte den Kopf. Immer das gleiche, wenn sich die Geschwister trafen. Seine Frau stritt es immer ab, aber schon Tage, bevor sie sich trafen, fieberte sie dem Treffen entgegen, damit sie sich endlich austoben konnte. Das ging jetzt noch eine ganze Weile, bis die beiden Katzen im Garten lagen und sich gegenseitig putzten. Man ließ sie machen, denn sie wussten alle, wie dringend die Geschwister diese Nähe brauchten, die sie seltener hatten, als ihnen lieb war.

„Ich kümmere mich um das Essen“, erklärte Sina und Philip brachte Alvarez‘ Habseligkeiten in das Zimmer, das ihr Onkel immer bewohnte, wenn er bei ihnen war.

Andrew nickte grinsend. Er selber ging in den Weinkeller, um einen guten Tropfen zu suchen, den sie zum Essen trinken konnten. Die nächsten Tage würden turbulent werden wie immer, denn nicht nur Leticia nutzte die Chance, mit Alvarez zu raufen. Man musste also immer auf der Hut sein, wenn man nicht umgerissen und ungewollt in die Hatz integriert werden wollte. Nicht, dass Andrew nicht gerne mitmachte, aber einer sollte wenigstens den Überblick behalten und größere Katastrophen verhindern und Verbandszeug bereit zu halten.

Es dauerte noch fast eine halbe Stunde, bis die beiden Katzen einträchtig nebeneinander über die Terrasse durch den Flur getrabt kamen, noch ein paar Blätter im Fell, die beim Putzen vielleicht übersehen worden waren. „Zieht euch um, das Essen ist so weit“, schlug Andrew vor und strich seiner Frau über den Kopf, tätschelte den großen schwarzen Jaguar, der leise brummend die Treppe hinauf trabte.

Alvarez fühlte sich besser, definitiv.

Langsam trottete er in sein Zimmer und gleich in das Badezimmer. Er wusste, dass alles für ihn vorbereitet sein würde. Erst in der Dusche wandelte er sich wieder in einen Menschen und ließ sich von dem warmen Wasser berieseln. Er ließ sich aber nicht lange Zeit, denn der köstliche Geruch des Essens zog zu ihm und ließ seinen Magen knurren. Darum dauerte es auch nicht lange, bis er sich in der Küche einfand, wo der Tisch schon gedeckt war.

„Du hast lange gebraucht, Brüderchen. Musstest du noch deine Beule abschminken?“, lachte Leticia, die schon bei ihrer Familie am Tisch saß und blickte ihrem Bruder verschmitzt entgegen. Der knurrte leise, denn er hatte es schon geahnt. Das würde er jetzt ein paar Wochen ertragen müssen, denn es gab nicht viel, womit man Alvarez aufziehen konnte. Wenn also einmal einer etwas gefunden hatte, wurde das auch ausgeschlachtet.

„Wenn du eine liebevolle Schwester wärst, hättest du mich vor dieser vermaledeiten Wand gewarnt“, knurrte er und Sina und ihre Mutter kicherten frech.

„Och, großer Clanführer, das tut mir aber leid, dass du so eine schreckliche Familie hast.“ Leticia kam zu ihm rüber und zog ihn zum Tisch.

„Ja, das sollte es auch“, knurrte er, grinste aber schon wieder. „Aber so ist das eben, seine Familie kann man sich leider nicht aussuchen. Ich bin schon gestraft vom Leben.“ Dann lachte er und setzte sich zu den anderen an den Tisch, denn der Duft kitzelte ihn in der Nase. Und somit war er schon fast wieder versöhnt.

„Hast du heute schon Termine?“, wollte Phillip wissen.

„Nein, heute noch nicht. Warum fragst du?“ Alvarez wusste es ganz genau. Er hatte Phillip nämlich bei seinem letzten Besuch versprochen, einmal mit ihm um die Häuser zu ziehen, weil er mittlerweile alt genug dazu war. Kein Gelage mit Alkohol, sondern einfach ein Abend unter Männern.

„Na, weil da noch was offen ist“, sagte Phillip und blieb absichtlich vage. Er hatte keine Lust, dass Sina sich ihnen anschloss. Sie wollten einen Jungs-Abend machen und dann vielleicht noch ein bisschen raufen und im Park toben. Der Besitzer würde schon riechen, dass sie zu Sinas Familie gehörten.

„Was ist denn noch offen?“, wollte Sina auch gleich wissen, konnte ja nicht sein, dass diese beiden Kater Heimlichkeiten hatten.

„Jungs-Sachen“, sagte Alvarez auch nur, wie Phillip es gehofft hatte und Sina riss die Augen auf. Das ging ja gar nicht.

„Mom“, rief sie darum und sah zu ihrer Mutter. „Die haben Geheimnisse, sag denen, dass sie das nicht dürfen.“ Alvarez musste sich ein Grinsen verkneifen.

„Sina, Schätzchen, Alvarez ist das Familienoberhaupt, er darf Geheimnisse haben.“ Das war nicht das, was Sina hören wollte, aber ihre Mutter ärgerte nicht nur ihren Bruder gerne. Auch ihre eigene Familie waren gern genommene Opfer.

„Aber Phillip ist alles andere als ein Oberhaupt, der ist nur mein Bruder. Also hat er keine Geheimnisse vor mir zu haben. Mom, du musst ihm verbieten, Geheimnisse vor mir zu haben, weil Brüder niemals Geheimnisse haben dürfen. Ich glaube, dass das irgendwo festgelegt worden ist“, schimpfte sie ohne zu atmen, während Phillip nur die Augen verdrehte, Alvarez sein Grinsen hinter einem Glas Wasser versteckte und Leticia sie nur ansah.

„Sina, Schätzchen. Du kannst mir glauben, dass ich dir da hundertprozentig zustimme, dass Brüder vor ihren Schwestern keine Geheimnisse zu haben haben, aber leider...“ Sie ließ das Ende offen und ihr strafender Blick traf Alvarez, der ein unschuldiges Gesicht machte. Andrew zog den Kopf ein, denn gleich würde ihn der sezierende Blick treffen, denn seine Frau war der Meinung, dass niemand vor ihr Geheimnisse haben durfte.

„Mom, nicht abschweifen“, wurde sie von Sina wieder an das aktuelle Problem erinnert. „Es geht hier gerade um meine Uninformiertheit, nicht um deine.“

„Ja, sie ist die Tochter ihrer Mutter“, murmelte Alvarez und senkte sofort sein Interesse auf seinen Teller, nicht dass noch einer nachfragte, was er damit wohl meinte.

„Sorgt hier bitte endlich mal jemand dafür, dass mein Bruder mit der Wahrheit raus rückt? Es kann doch nicht sein, dass er Heimlichkeiten haben darf. Was, wenn er auf die schiefe Bahn gerät? Was, wenn er zusammen mit Onkel Alvarez Ratten jagt und welche mit heimbringt, um sie als Haustiere zu halten, was, wenn …“

„Phillip untersteh dich, Ratten mitzubringen“, rief Leticia und Sina verdrehte die Augen. Der Zug, ihre Mutter auf ihre Seite zu ziehen, war abgefahren, denn mit der Erwähnung der Ratten, hatte sie sich ein Eigentor geschossen. Hätte sie eigentlich wissen müssen, denn Ratten waren für ihre Mutter ein Reizthema.

„Natürlich nicht, Mom“, versicherte Phillip auch gleich, nicht dass sein Abend mit seinem Onkel noch in Gefahr geriet. Sie hatten ja wirklich viel vor, aber das nun wirklich nicht. In ihrer Familie war Alvarez der einzige, der dieses wirklich fragwürdige Hobby hatte. Er fraß sie ja noch nicht einmal. Er jagte sie nur, spielte mit ihnen und vertrieb sich die Zeit, was keiner von ihnen wirklich verstand.

„Ich würde das Gespräch mal wieder in die Bahn lenken, die auf das Ziel führt, dass ich endlich erfahre, was die für Jungs-Kram machen. Ich bin in Sorge, dass wir sie morgen früh aus dem Knast holen müssen. Dafür müsste vorher noch mein Taschengeld erhöht werden.“

„Was hat dein Taschengeld denn damit zu tun?“ Den Zusammenhang verstand Leticia jetzt nicht und sah ihre Tochter fragend an.

„Ja also...“, fing sie an und verfluchte sich gerade selbst.

„Wahrscheinlich hat sie was mit Ranu vor und ihr ganzes Taschengeld schon ausgegeben“, kam ihr Phillip unfreiwillig zur Hilfe.

„Ranu?“, knurrte Alvarez. „Wer ist das?“

„Ich brauch das Geld nicht für Ranu. Er ist Kavalier und lässt sich nicht von mir aushalten“, erklärte Sina lapidar und überging großzügig die Frage ihres Onkels.

Er hatte Geheimnisse?

Sehr gut – das Spiel konnte man auch zu zweit spielen.

„Allerdings brauche ich ja Geld für die Kaution, wenn ich euch nicht im Knast lassen soll.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah von Alvarez zu Phillip. Andrew war der einzige, der ungestört weiter aß, ehe das Essen noch ganz kalt wurde.

„Aha, ist ja logisch, dass du mehr Taschengeld brauchst, das du von Mom und Dad bekommst, weil sie ja wohl nicht in der Lage wären uns auszulösen.“ Phillip tippte sich an die Stirn und grinste. Hängte aber noch schnell ein: „Nicht, dass das nötig sein wird“, hinten an, weil Sina schon wieder Luft holte.

„Wir werden nicht im Knast landen und keine Ratten mit nach Hause bringen. Das wäre jetzt geklärt. Ich will wissen, wer Ranu ist und warum meine süße kleine, kaum den Kinderschuhen entstiegene Nichte für diesen Kerl Geld braucht.“ Er griff seine Nichte fest ins Auge und legte den Kopf schief. Er hatte irgendwie das Gefühl, dass ihm die Antwort nicht gefallen würde.

„Ich brauche kein Geld für Ranu. Wenn wir was unternehmen, werde ich immer von ihm eingeladen.“ Sina war nicht begeistert davon, jetzt in Alvarez´ Interesse zu stehen, aber sie wusste auch, dass es keinen Sinn hatte ihn zu ignorieren, das ließ er nicht zu. „Wenn Phillip mit dir Jungs-Kram machen kann, dann darf ich ja wohl einen Freund, einen sehr netten, gut erzogenen Freund, wie ich mal feststellen will, haben“, erklärte sie trotzig. „Sag doch auch mal was dazu, Dad. Du magst Ranu doch auch.“

„Sicher mag ich ihn, aber das ändert noch nichts an der Tatsache, dass die beiden Jungs heute Jungs-Kram machen wollen und du nicht erfahren wirst, was das ist“, erklärte er und lehnte sich zufrieden zurück. Er war satt und fühlte sich sehr gut unterhalten.

„Das kann doch alles nicht wahr sein“, murmelte Sina. „Macht doch euren Mist alleine.“ Sie begriff, dass sie verloren hatte, doch das hieß noch lange nicht, dass sie ein guter Verlierer war.

„Werden wir“, erklärte Alvarez, aber man sah seinem Gesicht an, dass er noch nicht zufrieden war. „Kommen wir noch einmal auf meine Frage zurück, wer dieser Ranu ist. Bisher habe ich nicht mehr Informationen als seinen Namen bekommen und dass er dir gegenüber großzügig ist. Das ist nicht viel und ich möchte mehr wissen.“

„Quid pro quo“, erklärte Sina nur. Jetzt hatte sie etwas, um Informationen aus ihrem Onkel heraus zu pressen. „Du hast deine kleinen Heimlichkeiten und ich meine. Ranu ist ein galanter junger Mann, mehr musst du gar nicht wissen. Geh du mit Phillip Jungs-Kram machen, ich geh mit Ranu … hm, Sina-und-Ranu-Kram machen.“ Dann widmete sie sich endlich wieder ihrem Essen, auch wenn es schon kalt war.

Womit sie nicht gerechnet hatte, war Phillip, der überhaupt nicht einsah, dass Sina bekam, was sie wollte. „Ranu ist ein Leopard. Er und seine Zwillingsschwester Rina gehen mit Sina in eine Klasse. Seine Väter sind ziemlich reich. Sein Leopardenvater beansprucht übrigens den Central Park für sich, aber das dürfte kein Problem für uns sein.“

„Ein Leopard?“, fragte Alvarez interessiert, während Phillip unter den Schienbeintritten seiner Schwester unter dem Tisch überrascht aufjaulte. „Und dem gehört also der Central Park?“ Er grinste dreckig. „Das wollen wir doch mal sehen, ob das wunderschöne Fleckchen Erde nicht einen neuen Herrn braucht.“

„Würd ich nicht machen, wenn ich du wäre, Onkel“, sagte Sina, „Caleb ist nicht der Typ Leopard, der sein Revier teilt oder gar abtritt.“

„Da muss ich Sina recht geben, Brüderchen“, mischte sich jetzt Leticia ein. „Caleb ist ein sehr netter Mann, aber so etwas wie ein Leopard aus der Hölle, wenn du ihn als Gegner hast. Er ist groß wie ein Sibirischer Tiger, seine Selbstheilung und seine Kraft gleichen denen seines Gatten, einem mehr als viertausend Jahre alten Vampir, dessen Blut er regelmäßig bekommt. Er wird nichts dagegen haben, mit dir zu raufen, aber du solltest ihn nicht mit der Übernahme seines Reviers herausfordern.“

„Das klingt nach einer Herausforderung“, grinste Alvarez und nahm sich vor, sich diesen Leoparden aus der Hölle einmal genauer anzusehen. Dann konnte er sich immer noch überlegen, ob er ihn herausforderte oder nicht.

„Und wieder haben wir das eigentliche Thema der Unterhaltung aus den Augen verloren. Kann sich denn hier gar keiner auf das Wesentliche konzentrieren?“, muffelte Sina, doch sie hatte eingesehen, dass sie aus den sturen Katern nichts heraus bekommen würde.

Leticia strich ihrer Tochter über den Kopf und lachte leise. Das war nicht so gelaufen, wie Sina sich das vorgestellt hatte. „Es gibt noch Eis zum Nachtisch“, versuchte sie ihr kleines Kätzchen wieder aufzuheitern. Seit sie mit Ranu befreundet war, aß sie Eis besonders gerne.

„Er wird uns nichts tun, wenn wir durch den Park streifen, da wir ja durch Sina praktisch zur Familie gehören. Kann gut sein, dass wir ihn dort treffen“, gab Phillip Alvarez noch ein paar Informationen.

„Schauen wir mal.“ Alvarez hatte gerade beschlossen, diesen Leoparden einmal ausgiebig zu beschnüffeln, doch das würde er nicht tun, wenn er Phillip im Schlepptau hatte. Er wollte seinen Neffen ganz bestimmt nicht in Gefahr bringen.

„Seit wann habt ihr denn Eis im Haus?“, wollte er lieber wissen, während Phillip und Sina bereits vor dem Gefrierfach standen und die Sorten inspizierten.

„Seit Ranu“, lachte Andrew. „Der liebt Eis und seit dem ist immer welches im Haus.“ Sie hatten kein Problem damit und ab und zu aßen sie es selber gern. „Möchtest du auch etwas?“ Sie waren mit dem Essen fertig und jetzt konnten sie zum gemütlichen Teil übergehen. Leticia kochte Kaffee und drehte sich zu Alvarez um.

„Wann wollt ihr denn los?“

„Am frühen Abend, würde ich sagen. Ich muss erst mal noch ein paar Dinge checken für die nächsten Tage und ein paar Termine organisieren und meinen Anzug bügeln. Ich glaube der nimmt die unzweckmäßige Beförderung in einem engen Rucksack sehr übel.“ Amüsiert sah er dabei zu, wie die Kinder sich mit Eis eindeckten.

„Kümmere du dich um deine Termine, ich übernehme den Anzug.“ Leticia stellte Kaffeetassen und alles, was sie brauchten, auf den Tisch. „Du solltest dir wirklich mal langsam angewöhnen Koffer oder Reisetaschen zu benutzen. Du bist doch kein Vagabund.“

„Ich bin bisher immer ganz gut ohne diesen Kram ausgekommen. So viel brauche ich nicht, als dass ich einen ganzen Koffer mit mir herum schleppen möchte. Außerdem verleitet viel Platz dazu, Dinge mit sich herum zu schleppen, die man eigentlich nicht braucht. Es reicht, wenn ich mit meinem Rucksack reise.“

Leticia schüttelte den Kopf und lachte leise. Alvarez würde sich wohl nie ändern – aber so kannte und so liebte sie ihren Bruder.

Sie goss Kaffee ein und besorgte ihnen, unter Einsatz ihres Lebens, denn ihre Kinder knurrten furchteinflößend, etwas Eis. „Los, schnell essen, sonst sind wir es wieder los“, gab sie Anweisung und fing selber schon an zu löffeln. Das hatten sie schon durch, aber zumindest lief es hier nicht so chaotisch ab wie bei Ranus Familie. Sina hatte davon berichtet und auch erklärt, dass sie daran sehr viel Spaß gehabt hätte und war nun drauf und dran, ähnliches in ihrem Hause zu etablieren. Sie hatten es unterbinden wollen, waren aber nicht weit gekommen.

Diese Eissucht breitete sich aus wie eine Seuche.

Alvarez beeilte sich also lieber, seine Schale zu vernichten, ehe er sich als Abschluss den Kaffee gönnte und unauffällig sein Telefon checkte.

 

02

 

„Du musst das nicht heimlich machen. Wir sind hier in New York, hier hat ständig jeder sein Handy in der Hand.“ Leticia fand es jedes Mal erstaunlich, wie vorsichtig und sparsam ihr Bruder mit der Technik umging, die sie und ihre Familie benutzten, ohne darüber nachzudenken. Alvarez war eben doch mit ganzer Seele Naturschützer und sparte Ressourcen so gut es ihm möglich war.

„Ich hab’s befürchtet“, murmelte er leise, als er zwei Einladungen zum Essen für heute Abend vorfand. Doch er hatte nicht vor, den heutigen Tag schon der Gesellschaft zu widmen. Der Tag gehörte seiner Familie und er würde mit Phillip losziehen. Es reichte, wenn er morgen anfing sein Gesicht für seine Sache zu verkaufen, er musste noch etwas Energie und Ruhe dafür sammeln.

Leticia hob eine Braue, was bedeutete, dass sie wissen wollte, was Alvarez meinte. „Francis will mit mir zu Demonico, ein Tisch im Separee. Und wer hätte das gedacht: Julia weiß auch schon, dass ich wieder in der Stadt bin.“

„Also wir haben es denen nicht verraten, dass du uns besuchen kommst.“ Leticias Gesichtsausdruck machte auch ganz klar, was sie von den beiden hielt. Nämlich gar nichts. Sie wollten bei den Reichen mitmachen und hängten sich darum an Alvarez, weil der ihnen die Türen in diese Gesellschaft öffnen konnte. Für diese Art von Menschen hatte sie nur Verachtung über.

Alvarez knurrte leise, denn nun saß er in einer Zwickmühle. Antwortete er nicht, war das unhöflich, schrieb er zurück oder rief gar an, dann wurde er die Damen nicht wieder los. Er brauchte eine Ausrede und vor allem musste er sicher gehen, dass keine der beiden ihn dabei störte, wenn er mit Phillip unterwegs war oder sich den Central-Park-Leoparden begutachtete.

Leticia kicherte wie eine Hexe, denn es kam nicht oft vor, dass ihr Bruder nicht wusste, was er machen sollte. Eigentlich war er ein Meister in Problemlösungen und dass ausgerechnet zwei junge Damen ihn an seine Grenzen brachten, ließ sie frech grinsen.

„Lach du nur, ist ja dein Junge, dessen Abend mit mir ins Wasser fällt, wenn mir die Weiber auf die Pelle kriechen werden“, knurrte er leise und legte das Handy erst einmal wieder beiseite. Er musste sich noch was einfallen lassen, aber daran feilte er noch. Die beiden waren nicht wichtig, sie konnten ihm keine Türen öffnen, sie wollten von ihm Türen geöffnet bekommen. Es war also egal, ob die beiden morgen noch mit ihm reden wollten oder nicht.

„Untersteh dich“, rief Leticia auch gleich. „Phillip hatte die letzten Wochen kein anderes Thema, seit klar war, dass du uns besuchen kommst. Wenn du ihn jetzt enttäuschst, bringe ich dich eigenhändig um.“ Sie wusste, dass Alvarez das nicht machen würde, aber es war nie verkehrt, ihn zu warnen, was passierte, wenn er das Falsche machte.

„Dann hör gefälligst auf, dich in meinem Elend zu weiden und hilf mir“, lachte Alvarez und strich sich die dunklen Haare aus der Stirn. „Ich brauche auf der Stelle eine Verlobte, damit die Hühner mich zufrieden lassen“, nuschelte er leise und überschlug im Kopf die Frauen in der Stadt, die er kannte und die für eine kleine Scharade in Frage kamen. Resultat gleich Null.

„Nein, besser.“

Er grinste.

„Einen Kerl!“

„Alvarez, du bist unmöglich“, lachte Leticia. „Mach, was immer du für erfolgreicher hältst. Nur leider habe ich für dich weder eine Verlobte noch einen Verlobten im Angebot.“ Sie zog die Nase kraus und ging Freunde und Bekannte durch, aber da war nichts dabei. „Vor allen Dingen wird es unmöglich sein, so auf die Schnelle was aufzutreiben.“

„Vielleicht gibt es online ja was Leckeres“, überlegte er und merkte erst jetzt, dass er mit seiner Schwester allein war. Die anderen drei hatten sich verzogen. Phillip plante wohl schon ihren Trip, Sina hatte Besseres zu tun als ihren Onkel auszuquetschen und Andrew hatte noch einen Termin. Alvarez leerte seine Tasse Kaffee, auch wenn er schon kalt war und überlegte. Vielleicht leistete er sich wirklich einen Gigolo, wenn es gar nicht anders ging. Aber erst einmal musste er die Bombe so platzen lassen.

„Du machst das schon.“ Leticia tätschelte ihm die Hand und stand auf, um das Geschirr wegzuräumen. „Aber ich würde eher nichts aus dem Internet nehmen. Es gibt da einen hervorragenden Begleitservice, wie ich gehört habe. Die rote Orchidee. Vielleicht solltest du es da versuchen.“

„Leticia!“, sagte Alvarez gespielt entsetzt. „Woher kennst du solcherart Etablissements. Hast du mir etwas zu sagen?“, forschte er und kam wieder etwas näher, drehte sein Handy um, als er sah, dass schon wieder ein Anruf einging – ein Hoch auf die Lautlos-Schaltung. „Kannst du mir jemanden empfehlen?“

„Spinner! Natürlich kann ich dir niemanden empfehlen. Ich bin wirklich sehr glücklich verheiratet.“ Leticia boxte ihrem Bruder gegen den Arm. „Dieser Begleitservice gehört einem Tian Fa Porter. Er ist ein Nebelparder und der Patenonkel von Ranu.“ Leticia wusste, dass ihre Antwort Alvarez nur noch neugieriger machen würde. „Es sollen ausnahmslos sehr attraktive Männer für ihn arbeiten.“

„Der Onkel von dem Knaben, mit dem mein kleiner Augenstern ausgeht, hat einen Hostessen-Service? Ich weiß nicht, ob ich das gut heißen kann“, erklärte er nachdenklich und war sich sicher, dass er dieser Agentur einmal auf den Zahn fühlen würde. Und wenn er dann gleich noch einen Professionellen fand, der seinen Job machte und keine weiteren Verbindlichkeiten erwartete, dann konnte er doch nur gewinnen.

„Jetzt sei doch nicht so spießig. Unser Kätzchen ist dort vollkommen sicher. Tian und sein Partner Assai lieben ihre Patenkinder und würden sie nie irgendwelchen Gefahren aussetzen. Das schließt auch die Freunde ihrer Patenkinder ein.“ Leticia lehnte sich an Alvarez und küsste ihn liebevoll auf die Wange. Auch wenn sie ihm jetzt vorhielt spießig zu sein, war es schön zu wissen, dass er sich um Sina sorgte.

„Ja, ja“, wiegelte er nur ab und grinste. Doch er würde sich trotzdem umsehen. „Aber irgendwie habe ich jetzt Lust, Francis zu schocken, möchtest du zuhören?“, fragte er und nahm sein Handy wieder in die Hand. Er rief sich die Anrufliste auf und lachte leise, als seine Schwester heftig nickte. Er wählte also Francis‘ Nummer und wunderte sich nicht, als es bereits nach dem ersten Klingeln eine Antwort gab.

>>Alvarez Honey<<, flötete es aus dem Lautsprecher und Leticia machte ein Gesicht, als wenn sie sich gleich übergeben musste. Ihr war jeder Kerl lieber, als dieses sogenannte It-Girl. Das, was sie jetzt hörte, sollte wohl ein verführerisches Lachen sein. >>Ich habe uns den Tisch für sieben Uhr reserviert. Hol mich also so gegen sechs Uhr dreißig ab.<<

„Hallo Francis“, entgegnete Alvarez mit einer Stimme, die niemanden kalt ließ. Dabei verdrehte er so merkwürdig die Augen, dass seine Schwester sich die Hand vor den Mund halten musste, um nicht laut zu prusten. „Eigentlich wollte ich dir nur Bescheid sagen, dass ich deine Einladung leider ausschlagen muss. Mein Schatz mag es gar nicht, wenn ich mit anderen ausgehe.“

>>Was? Wie?<<, wurde am anderen Ende gestammelt. Man merkte dass Francis vollkommen geschockt war. >>Ja, aber das kann doch gar nicht sein, das wüsste ich doch. Du willst mich doch auf den Arme nehmen.<<

„Warum sollte ich, Francis? Du bist zwar ein nettes Mädchen aber nicht so wichtig, als das ich mich mit fingierten Beziehungen bei dir interessant machen müsste. Ich glaube aus dem Alter sind wir raus.“ Seine Stimme war betont gelassen, doch er genoss es. Er konnte die Schnappatmung in seinem Geiste vor sich sehen.

>>Was soll das denn jetzt?<<, wurde er spitz gefragt. Die Verblüffung schien nicht lange angehalten zu haben und schlug jetzt in Verärgerung um. >>Ich wollte dich nur begrüßen, wie man es unter Freunden macht und es ist nicht nett, mich so anzugehen. Dann treffen wir uns eben nicht.<< Ihr Ego war ordentlich angekratzt, das konnte man daran hören, dass sie schnippisch wurde.

„Kein Grund mich jetzt so anzufahren“, sagte Alvarez ruhig. „Alles, was ich wollte, war dir zu sagen, dass mein Freund es nicht gern sieht, wenn ich ohne ihn ausgehe. Ich hätte dir das auch in einer SMS schicken können, ich dachte aber, ein Anruf wäre persönlicher.“

>>Weißt du, Alvarez...<<, wurde gezischt, aber Francis beherrschte sich, denn es brachte nichts. An Alvarez perlte alles ab, was sie ihm an den Kopf werfen wollte. >>Danke für den Anruf. Einen schönen Abend noch.<< Das leise Klicken, zeigt an, dass sie aufgelegt hatte und Leticia prustete los.

„Was für eine überhebliche Zicke.“

„Japp – schlimm nur, dass ich das gleiche noch mal vor mir habe, wenn ich sicher gehen will, dass ich die meine Ruhe habe.“ Doch das schob er noch etwas vor sich her. Vielleicht erledigte das auch Francis, denn Julia und Francis bezeichneten sich als Freundinnen, was auch immer das in diesen Kreisen bedeutete, denn sie gönnten sich nicht die Butter auf dem Brot.

„Armer Alvi.“ Leticia strich ihrem Bruder durch die dunklen Haare und machte dann, dass sie außer Reichweite kam, denn Alvarez konnte seinen Spitznamen aus der Kinderzeit gar nicht leiden. „Ich möchte aber unbedingt auch dabei sein, wenn du sie anrufst.“

„Vergiss es, du hast ja nicht mal Respekt vor mir“, knurrte er gutmütig und erhob sich. Er verspürte Durst und suchte im Kühlschrank eine Flasche Wasser und aus dem Schrank zwei Gläser. „Ich muss mir heute Abend erst einmal einen Kerl suchen, damit ich dann nicht plötzlich als Lügner da stehe. Muss ja auch nicht sein. Ich bin nämlich keiner, ich bin nur ein Wahrheitsverbieger.“

„Und das in großem Stil. Ich würde dir ja Andrew leihen, aber das nimmt euch keiner ab.“ Leticia lachte amüsiert. „Es wird sowieso schon für ziemliche Verwirrung sorgen, dass du auf einmal einen Freund haben sollst.“ Sie setzte sich wieder an den Tisch und ließ sich ein Glas Wasser geben.

„Aber anders werde ich die Weiber doch nicht los und damit ich nicht gleich am ersten Abend auffliege, muss ich zusehen, dass ich was Leckeres an die Hand bekomme.“ Er trank einen Schluck und reichte seiner Schwester auch ein Glas Wasser.

„Dabei bin ich nur hier, um auf ein paar Abendveranstaltungen zu sprechen. Aber in dieser Stadt kommt man wohl nicht ohne gesellschaftliche Verpflichtungen davon.“ Er würde sich daran wohl nie gewöhnen.

„Nein, da hast du wohl Recht.“ Leticia sah es ähnlich wie ihr Bruder, nur dass sie sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt hatte und es einfach hinnahm. Es war schlecht für die Geschäfte sich zu rar zu machen. „Soll ich für dich einen Kontakt zu Tian herstellen?“

„Wenn dir das möglich ist, warum nicht. Ich würde gern mal hin gehen, um auf alles vorbereitet zu sein.“ Er malte sich gerade aus, welche Wellen es schlagen würde, wenn er auf den nächsten Empfängen mit einem Mann an seiner Seite auftauchte. Doch es war ihm egal, was man von ihm dachte, wichtig war nur das, wofür er stand – sein Projekt.

„Aber natürlich für meinen großen Bruder mach ich das doch gerne. Ich rufe ihn nachher an.“ Leticia sah sich zur Küchenuhr um. Es war noch nicht sehr spät. „Dann gib mir mal deinen Anzug, damit dein Schatz sich nicht für dich schämen muss.“

„Für mich muss sich niemand schämen – zur Not gehe ich nackt“, erklärte er trocken und zuckte zusammen, als er ein „Aber ich nicht“, hinter sich hörte. Er hatte Phillip gar nicht kommen hören. So sah er sich grinsend zu seinem Neffen.

„Phil, komm. Sei ein Mann – wir hängen die Penis…“

„Alvarez!“, zischte Leticia, die bestimmt nicht wollte, dass ihr Sohn und ihr Bruder ihre Zipfel in den Wind hängten und anschließend von der Polizei nach Hause gebracht wurden.

„Du hast Sina erklärt, dass sie euch nicht aus dem Gefängnis auslösen muss, also halt dich daran und verdirb mir nicht meinen süßen, unschuldigen Sohn.“ Wie erwartet hörte sie auch gleich ein genervtes „Mom“, weil ihr süßer, unschuldiger Sohn es sehr peinlich fand, so betitelt zu werden.

„Ich weiß nicht, was du willst, Schwesterchen. Ich glaube, dass es sehr gesund ist, den Zipfel mal ordentlich lüften zu lassen. Ich trage also zu seiner Gesundheit bei und ich glaube nicht, dass es einer wagen würde, uns in den Knast zu werfen. Dafür sind wir zwei einfach zu schön.“

„Ich will trotzdem lieber was machen, wo wir was anhaben. Die Schwänze können wir ja anschließend im Garten in den Wind hängen“, schlug Phillip vor und grinste dreckig.

„Sehr guter Vorschlag Schätzchen. Du bist schon so viel weiser als dein Onkel, der sich Familienoberhaupt schimpft.“ Leticia strich Phillip durch die Haare und lachte, als es neben ihr knurrte. „Alvi, ich mache euch auch ein gemütliches Plätzchen im Garten zurecht, fürs Schwänzchen lüften.“

„Aber da sieht und bewundert ihn doch gar keiner.“ Alvarez wollte jetzt ein bisschen schmollen und hielt sich an seinem Glas fest. Da hatte er so was Einmaliges und durfte es keinem zeigen. Das war aber nicht in Ordnung.

„Wenn Phil nicht will, ich geh mit dir in den Park zum Schwänzchen lüften“, mischte sich jetzt auch noch Sina ein und das Chaos war perfekt, während Alvarez stolz grinste, sie an sich zog und lächelte.

„Nichts da, junge Dame. Schwänzchen lüften ist für dich tabu. Egal wessen Schwänzchen es ist.“ Sie fasste ihre Tochter streng ins Auge, die es sich auf Alvarez' Schoß bequem gemacht hatte. „Kann hier mal aufgehört werden, von Schwänzchen zu reden? Denn das ist die vollkommen falsche Bezeichnung. Wir sind doch keine Babys mehr“, muffelte Phillip.

„Aber wenn sie so klein sind, sind es nun einmal Schwänzchen. Alles andere würde zu überhöhten Erwartungen führen“, erklärte Leticia lachend, brachte sich aber außer Reichweite ihres Bruders, während Sina, die gerade Alvarez‘ Glas angesetzt hatte, prustend Wasser über ihren Onkel spukte.

„Du... du...“, knurrte Alvarez, der glaubte sich verhört zu haben. Innerhalb eines Wimpernschlages wandelte er sich in seine Katzenform und jagte seiner Schwester hinterher, die schon auf vier Pfoten das Weite suchte. Sina saß pitschnass auf dem Boden, weil sie sich das Wasser über den Kopf geschüttet hatte und versuchte zu begreifen, dass ihr Onkel sie gerade von seinem Schoß geschmissen hatte. „So nicht“, knurrte sie leise und schon rannte ein dritter Jaguar, gierig auf Rache durch das Haus.

Und weil Phillip es leid war, immer nur zuzugucken, war alsbald ein pelziges Quartett im großen Garten hinter dem Haus unterwegs. Alvarez aber hatte das Ziel schon vor Augen, als er Leticia nachsetzte. Die elegante schlanke Katze flitzte wie ein Kaninchen über das Gras, schlug Haken, bis die Grasbatzen nur so flogen. Mehr als einmal spürte sie die zuschnappenden Zähne an ihrem Schwanz, konnte ihn aber immer gerade so aus Alvarez‘ Maul ziehen.

Doch dann warf er sich mit einem gewaltigen Sprung auf sie.

Leticia versuchte noch auszuweichen, aber Alvarez riss sie um, so dass sie ineinander verkeilt über den Boden rollten. Der schwarze Panther konnte sich aber nicht lange über seine Beute freuen, denn Sina warf sich ins Getümmel und stürzte sich auf ihren Onkel. Schließlich hatte er sie von seinem Schoß geschmissen. Sie hatte zwar nicht annähernd so viel Kraft wie Alvarez, aber den Überraschungsmoment auf ihrer Seite.

Und sie kannte seine Schwachstelle.

Weil der schwarze Jaguar auf der Seite gelandet war und Leticia sich gerade wieder aufrappelte, nutzte Sina die Chance und fing an, Alvarez den Bauch zu lecken. Dort war der Kater fürchterlich kitzlig und es machte ihn fast kampfunfähig, wenn man die richtige Stelle fand.

Natürlich wusste seine Nichte ganz genau, wo sie ihre Attacke ansetzen musste und Alvarez, zuckte immer wieder zusammen, knurrte und versuchte zu entkommen, aber das ließ Leticia nicht zu, die ihrer Tochter zu Hilfe kam und ihren Bruder festhielt. Phillip war ihm auch keine Hilfe, denn der versuchte den zuckenden Schwanz zu fangen, damit er darauf herumkauen konnte.

Da lag er nun, der große Clanführer und konnte sich gegen ein paar Katzen nicht wehren. Er fauchte und knurrte, versuchte sich zu drehen und zu wenden, doch durch das Kitzeln waren seine Muskeln verkrampft, er hatte nicht mehr seine ganze Kraft und so war es ihm tatsächlich nicht möglich, sich gegen die drei zu wehren und gleichzeitig immer wieder seinen Schwanz vor Phillip in Sicherheit zu bringen.

Hilfe kam von unerwarteter Seite.

 

03

 

Andrew war nach Hause gekommen und hatte seine Familie auf dem Rasen liegend wiedergefunden. Ein paar Minuten hatte er zugesehen, wie der starke Jaguar gequält wurde, aber dann fand er, dass es genug war. Er lief zu den Katzen und pflückte erst seine Frau, dann seine Tochter von seinem Schwager. „Lasst ihn leben“, lachte er und hielt die beiden Katzen fest. Nur Phillip lag friedlich im Gras und hatte endlich, was er wollte. Er kaute auf dem schwarzen Schwanz herum, der nur noch schlaff im Gras lag und war sehr zufrieden mit sich und der Welt. Er rollte sich auf den Rücken, spielte mit der Spitze und kaute auf der Länge. Doch selbst als Alvarez frei war, konnte er sich noch nicht gleich erheben und so hatte Phillip sein Spielzeug noch ein bisschen.

Platt lag der Panther auf dem Rasen und atmete schwer.

Sina war gar nicht begeistert, um ihre Rache gebracht worden zu sein, und knurrte, aber ihr Vater besänftigte sie mit einem Kuss auf die Stirn. „Los, ins Haus mit euch“, scheuchte er die Frauen. Sein Schwager lag immer noch platt auf dem Rücken, darum nahm Andrew den Panther hoch und trug ihn ins Haus. „Ich bring dich besser gleich in die Dusche, du bist völlig dreckig.“ Sprach's und stieg mit dem schwarzen Jaguar auf dem Arm nach oben. Erst dort wandelte sich Alvarez und bedankte sich grinsend. „Die sind ja gemeingefährlich“, knurrte er gutmütig. Er hatte Muskelkater. Er sollte wirklich anfangen sich gegen solche Angriffe abzuhärten. Wenn eines Tages einer seiner Feinde dahinter kam, konnte er schneller ein Problem haben, als ihm lieb war, und dann nutzte ihm all seine Kraft nichts – er war schutzlos.

„Ja, zeig ihnen einen Schwachpunkt und du bist verloren.“ Andrew klopfte Alvarez grinsend auf die Schulter. „Du hättest es wissen müssen, sie ist ja deine Schwester.“ Er ließ seinen Schwager alleine und scheuchte auch noch Phillip ins Haus, der immer noch auf dem Rasen lag.

Alvarez wusch sich und erholte sich schnell wieder, doch er musste wirklich etwas tun. So ging das nicht weiter. Im Spiegel sah er auf seine Brust und lachte leise. Er hatte wieder gegen die beiden Mädels verloren. Das durfte er gar keinem erzählen – das würden die zwei schon erledigen. Mit noch feuchten Haaren und einem Handtuch um die Hüften trat er auf den Flur, wo gerade Leticia entlang schlich und lachte. „Na, ist er gut gelüftet?“

„Natürlich und frisch gewaschen. Willste mal sehen?“ Er grinste dreckig, als Leticia gleich die Hände hob und heftig den Kopf schüttelte.

„Ne, lass mal, ich habe erst mal genug von Schwänzchen.“ Sie lachte und stopfte den Handtuchzipfel wieder fest, den Alvarez gelöst hatte. „Zieh dich an und komm runter, ich mache Tee.“

„Kostverächter“, murmelte Alvarez gut gelaunt und steckte das entgegnete „Heb dir das für deinen Traummann aus dem Katalog auf“ kommentarlos weg. Der Panther zog sich etwas Legeres über und kam dann wieder in die Küche, wo bereits die Kinder um einen Kuchen saßen und mit vollen Backen kauten.

„Ranu kommt gleich“, nuschelte Sina mit vollem Mund und Phillip riss die Augen auf.

„Los, nehmt euch schnell was, bevor die Raupe kommt.“ Sprach‘s und nahm sich noch ein großes Stück. Er hatte mehr als einmal mitbekommen, wie viel der Leopard verdrücken konnte. Und da er selber noch im Wachstum war, musste man sich sichern, was ging.

„Ah, sehr gut. Da kann ich dem jungen Mann gleich mal auf den Zahn fühlen“, freute sich Alvarez, dass er so schnell seine Rache bekommen sollte für die Schmach, die man ihm eben beigebracht hatte. „Wir werden erst mal sehen, ob der Leopard hier noch einmal ein- und ausgeht oder ob er sich nicht zukünftig besser von meinem kleinen Augenstern fern halten wird.“ Er griff zufrieden seine Tasse und überließ den Kuchen den Kindern.

„Untersteh dich“, knurrte Sina auch gleich und funkelte Alvarez an. „Lass bloß Ranu in Ruhe. Er ist toll, nett, witzig, höflich und ich werde ihn nicht aufgeben, egal, was du sagst.“ Sie sah zu ihrer Mutter und ihrem Vater. „Sagt doch auch mal was, ihr mögt ihn doch.“

„Clanchef“, sagte Andrew nur und deutete auf den schwarzen Panther, der zu Verdeutlichung auch noch die gelb-grünen Katzenaugen blitzen ließ und sich noch etwas größer machte. Andrew grinste, denn er mochte es, wenn seinen Kindern die Bäume nicht in den Himmel wuchsen und Alvarez war immer gern dabei, die Kinder wieder zu erden.

„Genau, Clanchef“, sagte Alvarez auch noch überflüssigerweise und trank von seinem Tee, ehe er kalt wurde.

„Das ist doch...“, grummelte Sina. Dagegen kam sie nicht an. Am besten schickte sie Ranu noch eine SMS, dass er hier unter Beobachtung stand. Aus Frust nahm sie sich noch ein Stück Kuchen. Sie war schon gestraft mit ihrer Familie.

„Ich liebe es, der große, böse, mächtige, schwarze Clanchef zu sein“, lachte Alvarez und lehnte sich zurück. Sein Blick fiel auf die Uhr. Vielleicht sollte er sich mit Phillip langsam in die Spur machen. Sie wollten erst etwas essen gehen und dann beraten, wie sie sich den Abend vertrieben. Aber erst wollte er noch diesen Ranu sehen. Sicherlich warf er ihn nicht raus, aber die sprichwörtliche Neugier der Katze trieb ihn.

Und wie der Zufall es so wollte, klingelte es gerade an der Tür und Sina sprang hektisch auf. Jetzt konnte sie Ranu keine Nachricht mehr schicken, musste sie ihn eben kurz an der Tür briefen.

„Wie macht der das bloß, dass der immer hier auftaucht, wenn Essen auf dem Tisch steht?“, muffelte Phillip, der sich schon wieder verhungern sah. Er griff sich also noch ein Stück, auch wenn sein Vater nur noch den Kopf schüttelte. Er hatte einen ganzen Kuchen gekauft, groß wie ein Wagenrad, er selbst hatte gerade mal ein Stück erobern können, seine Frau und sein Schwager hatten gar nicht zugegriffen und trotzdem stand nur noch ein Viertel des Kuchens auf dem Tisch. Er war sich sicher, dass er keine Kinder hatte, sondern Lebensmittelinhalatoren.

Von wem hatten die das nur?

Von ihm jedenfalls nicht.

„Wart, ich komm mit, Kätzchen“, konnte sich Alvarez nicht verkneifen. „Der Clanchef wird den Besuch empfangen.“

„Nicht notwendig, Onkel Alvarez“, rief Sina und zog Ranu ins Haus. Der war etwas verwirrt, dass er gar keinen Kuss bekam, sondern ihm stattdessen zugezischt wurde, dass er sich ja zu benehmen hatte. Er hatte auch keine Zeit nachzufragen, denn ein ihm fremder Mann, betrat den Flur und musterte ihn streng. „Clanchef“, flüsterte Sina und Ranu verstand endlich, was los war. „Guten Tag“, grüßte er höflich und senkte seinen Kopf kurz respektvoll. „Ich bin Ranu Khonshu, freut mich, sie kennen zu lernen.“ Caleb wäre bestimmt stolz auf ihn gewesen, wenn er das mitgekriegt hätte. Warum nur war es dem Leoparden nie vergönnt, dabei zu sein, wenn seine Kinder sich einmal mustergültig zu benehmen wussten. Das Leben war ungerecht.

„Guten Tag, ich bin Alvarez Garcia, Sinas Onkel“, erklärte sich Alvarez und betrachtete den jungen Leoparden, schnupperte unbemerkt. „Ich freue mich, dich kennen zu lernen.“

Der Junge roch nach Vampir – eindeutig.

„Ah, Sina hat mir von ihnen erzählt, sie leben in Brasilien, richtig?“ Ranu entspannte sich ein wenig. Er war noch nicht rausgeflogen. „Sind sie zu Besuch hier?“ Er griff sich Sinas Hand und verschränkte ihre Finger, dabei lächelte er sie an und stutzte. „Gibt es Kuchen? Ist noch was da? Ich sterbe vor Hunger.“

Sina rollte die Augen, grinste aber. Phillip war da weniger zurückhaltend. „Meine Güte, Ranu. Wie machst du das? Du kommst immer, wenn Essen auf dem Tisch steht und wir noch gar nicht die Chance hatten, uns satt zu essen, ehe du alles inhalierst. Campierst du vor unserem Haus?“

Ranu wurde rot und wusste nicht, was er sagen sollte, doch Sina war da weniger schämig. „Phil, Klappe. Kann keiner was dafür, dass du so langsam bist. Außerdem war der Kuchen für den Besuch, nicht für dich.“

Alvarez folgte stumm und schnupperte weiter. Eindeutig Vampir.

Irritiert sah Ranu sich zu ihm um, weil er das nicht einordnen konnte, aber da wurde er schon wieder davon abgelenkt, dass Phillip versuchte, den Kuchen in Sicherheit zu bringen. „Ey“, rief er in den Raum, begrüßte noch schnell Sinas Eltern und griff sich die Tortenplatte an der anderen Seite. „Wer inhaliert hier den Kuchen? Ich ja mal nicht, außerdem war der für den Besuch und das bin ich. Gib also her“, knurrte er und zerrte an dem Teller. Bei Futter kannte er keine Verwandten und schon gar nicht so verfressene Freundinnenbrüder.

Leticia lachte leise und machte noch einen Tee, schließlich musste der Kuchen, wenn er einmal erbeutet war, auch runter gespült werden. Alvarez kam zu ihr und sah ihr erst eine Weile zu, ehe er fragte. „Ranu riecht nach Vampir, weißt du warum?“, wollte er wissen. Er war zwar nicht in Sorge, weil er sich sicher war, dass Leticia ihre Tochter niemals in Gefahr bringen würde, doch es interessierte ihn.

„Einer seiner Väter ist ein Leopard der andere ein Vampir. Sie sind eigentlich die Kinder von Calebs Schwester und er und Aset haben sie aufgenommen und groß gezogen“, erklärte ihm Leticia. „Und ja, bevor du fragst, sein Vampirvater ist Aset Khonshu.“

Wenn Alvarez schockiert war, so konnte er das gut verbergen. Er sah auf den Jungen und wie der immer noch mit Phillip um den Kuchen schacherte. „Aset – der Aset. Und der zieht junge Katzen auf? Er scheint völlig normal und sehr glücklich zu sein.“ Alvarez war verwundert und es schmeckte ihm gar nicht, dass sein Clan eine Verbindung zu diesem Kerl hatte. Doch er schwieg

„Ja, das ist er auch. Ich mag ihn. Warte einen Moment.“ Sie brachte die Tasse Tee zum Tisch und verpasste Phillip eine leichte Kopfnuss, der erschrocken die Kuchenplatte los ließ. Ranu triumphierte und legte gleich seinen Arm um die Platte, damit sie ihm nicht wieder weggenommen werden konnte.

„Danke Mrs. T.“, nuschelte er mit vollem Mund und schaufelte weiter Kuchen und behielt dabei Phillip im Auge.

„Du musst Kraft haben, um auf Sina aufzupassen, Ranu. Phil hingegen will mit seinem Onkel auf die Piste, der kann gut auf ihn aufpassen, wenn Phil schwächelt“, erklärte sie ihr Tun und erntete von ihrem Jungen ein entsetztes „Mom!“, während Alvarez leise lachte. Ja, auch wenn er nicht gern in einer Stadt war, das hier hatte ihm ganz eindeutig gefehlt. Zeit mit seiner Familie zu verbringen war die Strapazen wert, die eine Stadt mit sich brachte.

„Echt, sie machen einen mit Phillip drauf? Cool.“ Ranu machte große Augen. „Keiner von meinen Onkeln macht so was mit mir.“ Ihm war anzusehen, wie doof er das fand, was ihn aber nicht daran hinderte Phillip anzuknurren, der näher kam. „Ich sollte mal Assai erklären, dass ein guter Patenonkel so etwas macht.“

Alvarez lachte. Der junge Leopard war so erfrischend natürlich, dass man ihn einfach ins Herz schließen musste.

„Die sagen mir aber nicht, was sie vorhaben und das wiederum ist gar nicht cool“, muffelte jetzt Sina, die keine Lust hatte, dass sich ihr Freund eventuell den beiden noch anschloss und am Ende des Tages auch noch das Schwänzchen in den Wind hängte. „Außerdem bist du total peinlich, Phil. Der Kuchen war für Gäste und du …“

„Ranu ist kein Gast mehr, so oft wie der hier ist, hat er den Gast-Status schon lange verloren.“ Phillip hatte nicht vor, die Kuchenschlacht zu verlieren. Er bewaffnete sich jetzt mit einer Gabel.

Sofort ging Ranu in Verteidigungsposition, ohne dabei mit dem Essen aufzuhören.

„Komm doch, komm doch“, lockte er Phillip noch zusätzlich und tänzelte leicht. Seine Trainingsstunden mit Luan und Caleb sollten sich auch auszahlen. Schließlich hatte ihm hinterher immer alles wehgetan. Aber gegen Phillip sollte er doch in der Lage sein, sich zu verteidigen und gleichzeitig die Beute so gut es ging zu dezimieren.

„Ich möchte es einmal erleben, dass Kuchen gesittet am Tisch gegessen wird und nicht in wilder Hast reingestopft“, murmelte Andrew und schüttelte den Kopf. Ranu hingegen hatte keine Zeit, sich darum zu kümmern. Er kaute und mümmelte, war leider zu weit weg von seinem Tee um nachspülen zu können und war nun auch noch gezwungen, mit schnellen Bewegungen der spitzen Gabel auszuweichen.

Immer wieder zischte sie an seinem Kopf vorbei und verpasste nur um Haaresbreite seine Ohren. Sina hielt sich die Augen zu, um nicht mit ansehen zu müssen, wie ihr hübscher Freund verstümmelt wurde. Alvarez dagegen schaute sich alles sehr genau an und er musste zugeben, dass, so wie der junge Leopard leichtfüßig und anscheinend völlig unbeeindruckt davon, dass er fast aufgespießt wurde, herum tänzelte, seinen Respekt verdiente. Er musste durch eine harte Schule gegangen sein, damit das so mühelos aussah. Es war zu vermuten, dass sein Leoparden-Vater, der den Central Park für sich beanspruchte, die Ausbildung seines Jungen selbst übernahm. Das war eine gute Schule. Das machte Alvarez noch neugieriger auf den Leoparden.

Es war klar, wo er die Nacht verbringen würde.

„Bleib stehen und lass dich treffen, verdammt“, knurrte derweil Phillip, der nun zwei Gabeln hatte und versuchte, den Kuchendieb endlich einmal zu treffen. Es frustrierte ihn nämlich ungemein, dass dieses laufende schwarze Loch, ungerührt weiter futterte. „Nö“, nuschelte Ranu mit vollem Mund und stopfte sich noch das letzte Stückchen Kuchen dazu. Hastig schluckte er runter, stellte dabei den Teller auf den Tisch und setzte zu einem Sprung über den Tisch an, während er sich wandelte und durch die Terrassentür in den Garten verschwand.

„Mistkerl!“, brüllte Phillip, doch die letzte Silbe war nur noch ein Knurren, denn er warf die Gabeln dem flüchtenden Leoparden hinterher und wandelte sich ebenfalls, um im Garten zu verschwinden und den Leoparden endlich seine Rache spüren zu lassen.

„Geht das hier immer so ab?“, wollte Alvarez wissen, der langsam den beiden folgte, das konnte noch interessant werden. Vielleicht konnte er Rückschlüsse auf die Techniken seines Vaters ziehen, wen er Ranus Kampf studierte.

„Meistens, ja“, lachte Leticia. Seit Ranu sie regelmäßig besuchte, waren solche Verfolgungen und Raufereien eigentlich an der Tagesordnung. Sie hatte auch gar nichts dagegen, denn bis auf ein, zweimal war es bisher unblutig verlaufen, und wenn doch einmal Blut geflossen war, war es ein Versehen ohne ernsthafte Verletzungen gewesen. Aber das Beste daran war, dass Phillip Bewegung bekam und lernte zu kämpfen, was er bisher nur mit Murren gemacht hatte. Aber da er fast so futterneidisch war wie Ranu, hatten sich da zwei gesucht und gefunden und konnten sich nun gegenseitig anstacheln.

„Boah, ey, ich hab’s langsam satt mit dem Kerl“, knurrte Sina, die ebenfalls zur Terrassentür ging. „Ständig sucht Phillip Streit mit Ranu. Er kommt hier her, weil er mein Freund ist und wir etwas unternehmen wollen und dann quetscht sich Phil wieder dazwischen“, murmelte sie.

„Ach, Kätzchen.“ Leticia nahm ihre Tochter in den Arm und küsste sie auf die Wange. „Sieh zu, dass dein Bruder eine nette Freundin findet, dann erledigt sich das Problem ganz von alleine, denn dann ist er anderweitig beschäftigt und du hast Ranu wieder ganz für dich alleine.“ Sina sah ihre Mutter aus geschlitzten Augen an.

„Na toll, immer ich. Ich kenne niemanden, der sich so eine wandelnde Katastrophe ans Bein binden will“, grummelte sie und ließ den Kopf hängen, als ein Knäuel aus gefleckten Katzen an der Terrassentür vorbei rollte.

„Den werd ich noch nicht einmal los, wenn ich noch Geld drauf lege“, knurrte sie und sah zu, wie die beiden über das Kräuterbeet rollten, als Ranu wieder auf die Pfoten kam und Fersengeld gab, weil Phillip noch auf dem Rücken in der Minze herum kullerte.

„Der riecht dann den ganzen Abend wie ein Minz-Dragee, da kann ich ihn wenigstens nicht verlieren“, murmelte nun Alvarez und lachte leise. Die beiden jungen Katzen waren wirklich anders.

„Zumindest riecht er besser, als vor zwei Wochen, wo sie sich im Komposthaufen gerauft haben.“ Sina hatte es erst mal aufgegeben, den heutigen Tag mit Ranu zusammen zu verbringen, denn wenn Phillip endlich beschäftigt war, musste ihr Freund auch schon wieder nach Hause. „Das nächste Mal treffen wir uns bei ihm. Rina hat einen Freund.“

„Mit dem er auch gern rauft, wenn es sich anbietet. Zumindest hat er letztens erzählt, dass er den frechen Schneeleoparden in den Pool befördert hätte“, entgegnete Leticia und merkte noch ehe sie den Satz beendet hatte, dass das nicht das gewesen war, was Sina hatte hören wollen.

„Was wäre es dir wert, wenn ich die beiden jetzt trenne und Phillip aus dem Haus schleppe?“, grinste Alvarez und ließ die gelb-grünen Katzenaugen blitzen.

„Du wärst mein absoluter Lieblingsonkel.“ Sina sprang auf Alvarez zu, hängte sich an seinen Hals und küsste ihn auf die Wange. „Lass ihn nur heile. Er wird nämlich begeistert sein, mit dir raufen zu können und sich auf dich stürzen.“

Alvarez hob eine Braue, so war das nämlich nicht geplant. Aber gut, warum nicht. Raufte er eben noch ein bisschen, dann war  auch nicht mehr so aufgedreht, wenn sie unterwegs waren. „Okay, meine Liebe. Aber dann gibst du Ruhe und bohrst nicht weiter, was ich mit deinem Bruder unternehmen werde.“ Und dann flitzte ein schwarzer Jaguar durch die Küche zur Terrasse.

„Jungs“, seufzte Leticia gespielt und lachte dann, als sie zweistimmiges, aufgebrachtes Fauchen hörte. „Er hat sie gefunden.“ Nach der ganzen Rauferei hatten die drei bestimmt wieder Hunger und Durst, darum machte sie sich daran, Eistee und Sandwiches vorzubereiten.