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Katzenaugen 8 - Fantasma Negro - Teil 4-5

04 

Es ging bereits auf Mitternacht zu, als Alvarez sich noch einmal auf den Weg gemacht hatte. Er hatte das Telefonat mit Julia hinter sich gebracht und war viele Stunden mit Phillip unterwegs gewesen und sie hatten sehr viel Spaß zusammen gehabt. Sie hatten etwas gegessen, haben Mädchen hinterher geguckt und waren ein bisschen tanzen gewesen. Um elf hatte er den Jungen zu Hause abgeliefert und spontan beschlossen, mal zu sehen, ob der Leopard heute Nacht in seinem Park vielleicht Sprechstunde hatte.

Wie es so schön hieß, war die Neugier der Katze Tod. Er hatte zwar nicht vor zu sterben, aber er war neugierig auf Ranus Vater. Phillip hatte ihm erzählt, was er über die Familie wusste, denn er war mit seinen Eltern schon öfter bei ihnen eingeladen gewesen.

Ein wenig in Gedanken lief Alvarez beinahe noch in einen Mann hinein, der ihm entgegenkam. „Entschuldigung“, murmelte er schnell und sah den Mann, der vor ihm stand, an.

„Ist doch nichts passiert“, sagte der große Rothaarige lächelnd und setzte seinen Weg fort. Alvarez sah ihm nach und lächelte. Was für ein freundlicher Mann, das war er aus der Großstadt eigentlich gar nicht gewohnt. So gönnte sich Alvarez noch ein paar Sekunden länger, dem Mann nachzusehen. Doch dann riss er sich wieder los, und wäre fast in die nächsten beiden hinein gelaufen.

Was war denn heute hier los?

Er sprang zur Seite und schüttelte über sich selber den Kopf. Es kam auch nicht oft vor, dass er Männern hinterher starrte. Er wollte schon wieder weitergehen, als ihn etwas aufhorchen ließ. Die beiden Männer unterhielten sich leise, zu leise für menschliche Ohren und das, was er hörte, gefiel ihm gar nicht, denn sie schmiedeten ein Mordkomplott. Als wenn das noch nicht schlimm genug wäre, auch noch gegen den netten Rothaarigen, der ein paar Meter vor ihnen lief.

Um sicher zu gehen, dass er sich nicht verhört hatte, folgte Alvarez den beiden Männern unauffällig. Aufgrund seiner guten Ohren konnte er sich etwas weiter zurück fallen lassen, sodass es nicht auffiel, als er den beiden folgte. Und tatsächlich schien er sich nicht verhört zu haben. Jemand hatte diese beiden Kerle bezahlt, um dafür zu sorgen, dass der rothaarige junge Mann beseitigt wurde.

Was er wohl getan hatte, um das zu verdienen?

Alvarez schüttelte den Kopf, er konnte sich nicht vorstellen, dass der junge Mann mit dem netten Lächeln es verdient hatte zu sterben.

Und er würde es auch nicht, das hatte Alvarez gerade beschlossen. Wer auch immer wollte, dass der Rothaarige starb, würde keinen Erfolg haben. Alvarez lockerte die Schultern und seine Augen glommen kurz katzenhaft auf. Er machte sich bereit, die beiden Männer, in eine dunkle Gasse zu ziehen. Der Panther grinste unheilvoll. Er wollte Informationen und er hatte die Mittel, um sie zu bekommen. Er war nicht Clanchef geworden, weil es ihm von Geburt aus zustand, sondern weil er sich selbst mit List und Mut dazu gemacht hatte.

Alvarez folgte den beiden noch eine Weile, die versuchten, zu dem jungen Mann aufzuschließen. Er hörte immer wieder einen Namen. Ortega – er hätte sich nicht mit Ortega anlegen sollen. Alvarez überlegte kurz, doch er konnte mit diesem Namen nichts anfangen. Er kannte keinen Ortega, aber vielleicht lernte Ortega ihn einmal kennen. Sie näherten sich einem Viertel, in dem viele kleine schmutzige Seitenstraßen von den Hauptstraßen abgingen und im Dunkel der Nacht verschwanden. Was dort geschah, blieb auch da. Das wusste Alvarez.

Als sich eine gute Gelegenheit ergab, schlug er zu. Die beiden wussten gar nicht, wie ihnen geschah, als sie auf einmal in eine dunkle Gasse gezerrt wurden. Sie kamen auch gar nicht dazu, sich von ihrem Schreck zu erholen, denn ein schneller Schlag, raubte ihnen das Bewusstsein. Alvarez tötete sie nicht gleich, denn er brauchte Informationen. Einer der beiden hatte Glück und bekam nur einen leichten Schlag, denn Alvarez hatte keine Lust allzu lange warten zu müssen.

Während einer der beiden Männer neben einer Mülltonne lag, kam der andere, der an der Hauswand lehnte, langsam wieder zu sich. Doch er traute seinen Augen nicht, als er in ein Gesicht blickte, das unmöglich menschlich sein konnte. Gelb-grüne Augen glühten ihn an und spitze Fänge blitzten im fahlen Schein der Laterne der Hauptstraße.

Eine krallenbewährte Hand legte sich um seinen Hals und sein Gegenüber knurrte leise. „Rede“, knurrte das unheimliche Wesen und der Mann blinzelte überfordert. „Warum wolltet ihr den Rothaarigen töten?“, knurrte Alvarez, der langsam die Geduld verlor.

„Ich weiß nicht, was du meinst. Was bist du eigentlich?“ Der Mann schien noch nicht ganz wieder bei sich zu sein, denn er registrierte zwar, dass er gefangen war und dem Ding nicht entkommen konnte, doch das Ding an sich ließ ihn kälter als erwartet.

„Ich glaube nicht, dass du in der Position bist, die Fragen zu stellen“, knurrte Alvarez und langsam trieb er eine seiner Krallen in die Haut am Hals, als er immer enger zudrückte. „Also? Wer ist Ortega und warum soll der Typ sterben?“

Erst jetzt schien der Mann zu erkennen, in welcher Gefahr er schwebte. Seine Augen weiteten sich und er fing an zu schwitzen. Egal, was das da ihm gegenüber war, es war tödlich und schlecht gelaunt. Noch konnte er atmen, wenn auch nicht mehr sehr gut und die Finger drückten immer mehr zu. „Was interessiert dich das?“, röchelte er.

„Es interessiert mich eben einfach“, knurrte Alvarez und schob den Kerl weiter gegen die Wand, weitere seiner Nägel gruben sich in die Haut. Er konnte das Blut riechen, das aus den Wunden quoll. „Also rate ich dir, mir zu sagen was ich wissen will, denn sonst könnte es passieren, dass ich meine gute Laune verliere, du kleines Stück Scheiße, und glaube mir, du wünschst dir nicht, dass ich meine gute Laune verliere.“ Alvarez grinste dreckig und seine Fangzähne wurden noch besser sichtbar.

Der Mann drückte sich angstvoll an die Wand, aber der Griff um seinen Hals lockerte sich nicht. Er leckte sich über die Lippen und hinter seiner Stirn arbeitete es. „Er hat seine Nase in Dinge gesteckt, aus denen er sie lieber gelassen hätte. Man macht sich Ortega nicht zum Feind. Er dachte wohl, als Staatsanwalt, würde ihm nichts passieren“, stieß er hastig hervor.

„Red weiter. In was hat er seine Nase gesteckt und wie heißt er“, knurrte der Kater, der langsam ungeduldig wurde. Der Kerl war extrem nervig, warum kam er nicht einfach kurz und präzise mit den Informationen um die Ecke, die Alvarez brauchte? Dann konnte er dem Mann folgen und noch ein bisschen über ihn herausfinden. Stattdessen verschwendete der Bastard hier seine Zeit und somit auch das letzte bisschen gute Laune, was in Alvarez noch schlummerte.

„Connor Flanagan. Aufsteigender Stern der New Yorker Staatsanwaltschaft.“ Jetzt wo der Damm einmal gebrochen war, sprudelten die Worte nur so aus dem Mann heraus. „Er hat sich auf Umweltkriminalität spezialisiert und ein paar große Fische eingebuchtet. Das hat für Aufruhr gesorgt und ein paar Typen aufgeschreckt, die man besser schlafen lässt.“

Alvarez nickte und versuchte sich zu merken, was er gehört hatte. Man hatte dem jungen Mann gar nicht angesehen, dass er solch einen Job hatte und derart erfolgreich war, dass er es geschafft hatte, sich schnell Feinde zu machen. Er selbst wusste nur zu gut, zu was Menschen fähig waren, wenn Geld im Spiel war. Wenn er es recht bedachte, spielte er mit dem jungen Staatsanwalt im gleichen Team. Ein Grund mehr dafür zu sorgen, dass er nicht vor die Hunde ging.

„Du hast Glück, dass du mir meine gute Laune nicht ganz verdorben hast.“ Alvarez grinste böse und zeigte wieder viele Zähne, was den Mann angstvoll die Augen zukneifen ließ, denn sie schnappten kurz vor seinem Gesicht zusammen. „Ihr werdet ihn ab jetzt in Ruhe lassen, denn wenn nicht, werde ich mich noch einmal mit euch beschäftigen und dann werdet ihr sterben. Ich behalte euch im Auge.“ Alvarez drückte seine Krallen noch ein wenig tiefer in den Hals und als der Mann schmerzvoll keuchte, versetzte er ihm noch einen schnellen Schlag und er sackte bewusstlos zusammen.

Alvarez wandelte sich in seine animalische Form. Auf vier Pfoten hatte er eine größere Chance die Spur von Connor wiederzufinden und zu sehen, ob er heil angekommen war, wo immer er auch hin wollte. Und es hatte den Vorteil, dass der schwarze Panther mit den schwarzen Schatten der Stadt verschmelzen konnte. Um die zwei Ganoven machte er sich keine Sorgen. Er vertraute darauf, dass sie reagierten wie die meisten, die ihm einmal in seinem Ambigua begegnet waren. Nicht umsonst ging rings um seine Hazienda das Gerücht des Fantasma Negro, des schwarzen Geistes, herum.

Er rannte durch die dunklen Gassen und immer wieder blieb er stehen und schnupperte. Es dauerte eine Weile, aber dann witterte er den Geruch, den er suchte. Dieser Connor Flanagan war hier vorbei gekommen und es war noch nicht sehr lange her. Er war also noch am Leben, was den Panther zufrieden brummen ließ. Doch weiter konnte er dem Mann nicht folgen, denn Connor bewegte sich nun auf belebten Straßen und Plätzen. Er war zwar ein Meister der Tarnung, doch in hell erleuchteten, dicht bevölkerten Straßen würde es ihm unmöglich sein, kein Aufsehen zu erregen. Egal ob als schwarze Katze oder als nackter Mann, denn seine Klamotten lagen noch in der Gasse.

Er sah sich um und als er über eine tiefhängende Feuerleiter auf das Dach konnte, sprang er los. Vielleicht konnte er noch einen Blick auf den Mann werfen, dem er heute wohl das Leben gerettet hatte. Und tatsächlich sah er einen roten Schopf in einiger Entfernung die Straße hinunter laufen und Alvarez beschloss, ihm noch eine Weile zu folgen. So lange wie er parallel zu den Häusern lief, über deren Dächer der Panther laufen konnte. Er blieb erst stehen und sah nach unten, als er Connor ebenfalls halten sah. Der wühlte in seiner Tasche, augenscheinlich nach einem Schlüssel. Alvarez sah sich um. Er war in einer noblen Gegend gelandet und stand vor einer kleinen Stadtvilla. Alvarez schnurrte anerkennend. Da schien einer mit seinen jungen Jahren ja schon einiges richtig gemacht zu haben.

Er blieb noch weiter auf dem Dach und beobachtete, wie der junge Staatsanwalt die Tür aufschloss und verfolgte das Aufleuchten verschiedener Fenster. Zuerst ging Connor in die Küche und öffnete den Kühlschrank und nahm sich eine Flasche Wasser heraus. Alvarez hatte einen guten Blick und besah sich Connor genauer.

Die roten Haare waren kurz geschnitten, aber durch Locken und Wirbel wirkten sie ein wenig verstrubbelt, was ihm ein jungenhaftes Aussehen gab. Er wurde bestimmt von vielen seiner Gegner unterschätzt. Er war ein gut aussehender Mann. Groß, sportlich, wenn auch ein wenig dünn.

Der Panther machte es sich auf dem Dach bequem, so gut das eben ging. Er hatte die Vorderpfoten über den Rand des Daches gelegt und bettete den Kopf darauf, um bequem in die verschiedenen Fenster der Villa sehen zu können. Connor schien dort allein zu leben, aber das war oft der Fall.

Meistens ging nur eines – Karriere oder Privatleben.

Er hatte noch nicht oft erlebt, dass man in beidem gleichzeitig Erfolg haben konnte. Warum sollte es hier anders sein? Er selbst streifte doch auch allein durch die Welt. Alvarez schnurrte leise, er wusste auch nicht warum. Er hatte einfach den Drang zu schnurren, wenn er Connor sah.

Weiter verfolgte er den Weg Connors durch das Haus. Nach der Küche führte ihn dessen Weg augenscheinlich ins Bad. Der Panther schnaubte aufgebracht, weil er durch das Milchglasfenster nicht viel erkennen konnte. Wenn er das, was er sehen konnte, richtig interpretierte, stand Connor unter der Dusche. Alvarez gönnte sich drei lichte Sekunden, in denen er sich fragte, warum er dem Mann gefolgt war, warum es ihn störte, dass er nicht ins Bad sehen konnte, warum er nicht ging. Doch dann waren die lichten Momente wieder vorbei und das Tier in ihm knurrte leise. Er hatte Beute gewittert und kam nicht dran.

Sein Schwanz fegte über den Boden, stoppte aber abrupt, als wieder ein Fenster erleuchtet wurde und ein nur mit einem Handtuch bekleideter Connor sein Schlafzimmer betrat. Eindeutig zu dünn, befand Alvarez, nett anzusehen, aber zu dünn. Connor lief durch das Zimmer und verlor dabei, ganz nebenbei sein einziges Kleidungsstück, was den Panther wieder lauter schnurren ließ. Ja, er war ansehnlich, das musste Alvarez zugeben und wenn man ihn ein bisschen fütterte und trainierte, dann war er ein Bild von einem Mann und eine lohnende Beute.

Der Kater hatte das Gefühl, dass er mal wieder auf der Jagd war. Selten war er Männern nachgestiegen, doch dieser Feuerkopf konnte ihm gut gefallen und sie schienen auch ideell das gleiche Ziel zu haben. Alvarez gönnte sich noch einen letzten Blick, ehe er beschloss, den Heimweg anzutreten und dort noch ein bisschen zu recherchieren. Vielleicht ließ sich eine Begegnung auf Augenhöhe in den nächsten Tagen ja noch provozieren.

Er beeilte sich, wieder zu seinen Klamotten zu kommen und zog sich schnell an. Ein kurzer Check, alles war noch da. Er hatte eh nicht viel mitgenommen. Nur ein wenig Geld und einen Schlüssel. Mehr brauchte er nicht auf seinen Streifzügen. Er beeilte sich wieder zurück zum Haus seiner Schwester zu kommen, denn er wollte mehr über Connor Flanagan erfahren. Er hatte Blut geleckt, ohne dass er wusste warum. War es, weil der Mann Feinde hatte, weil er gut in seinem Job war? War es, weil jemand seinen Tod wollte? Oder war es einfach nur wegen dem netten Lächeln? Alvarez schüttelte über sich selber den Kopf – er wirkte gerade wie Sina, wenn sie über Ranu sprach. Der Kater lachte leise – was für ein Vergleich.

Leise zog er die Tür hinter sich zu, als er das Haus erreicht hatte und in seinem Zimmer verschwand. Er wollte niemanden wecken, denn es war fast Morgen.


05 

Unbehaglich zupfte Alvarez an seinem Kragen herum. Auch wenn sein Hemd und sein Smoking maßgeschneidert waren, hatte er immer nach kurzer Zeit das Gefühl, dass der Kragen immer enger wurde. Er betrat den großen Ballsaal, nachdem er seine Einladung vorgezeigt hatte und sah sich um. Schon jetzt fand er die Geräuschkulisse unerträglich und es waren noch nicht einmal alle Gäste da. Mit einem Blick erfasste er die kleine Bühne mit dem Rednerpult, an dem heute Abend ein paar Sprecher sich zu Wort melden würden. Er selbst war heute noch nicht dabei, doch er wollte hören, was Mitstreiter zu berichten hatten. Er hörte gern zu und knüpfte Kontakte, Netzwerke waren in seiner Branche das A und O. Und er lernte gern von anderen.

Ein Kellner kam mit einem Tablett gefüllter Champagnergläser vorbei und Alvarez nahm sich ein Glas. Nicht weil er Champagner besonders gern trank oder weil er durstig war. So hatte er etwas, um seine Hände zu beschäftigen. Er sah einen Bekannten, den er mit einem Nicken begrüßte. Langsam schlenderte er durch den Raum, um sich einen Überblick zu verschaffen. Er hoffte nur, dass hier nicht eine seiner selbsternannten Freundinnen auftauchte und nachträglich als Nachgang zu seinen telefonischen Absagen noch eine Szene machte. Weswegen sich Alvarez auch immer etwas im Hintergrund zu halten versuchte, doch so leicht war das nicht, wenn man ein Mann wie Alvarez war. Er fiel immer ins Auge, ob er das nun wollte oder nicht.

Er wollte gerade wieder etwas mehr in den Hintergrund treten, als er einen roten Haarschopf aufblitzen sah. Abrupt blieb er stehen und seine Füße trugen ihn ganz von alleine näher an den Mann heran, den er nur von hinten sehen konnte.

Konnte es sein?

Ganz unmöglich war es nicht, wenn der junge Staatsanwalt sich auf Umweltrecht spezialisiert hatte. Ohne, dass er es merkte, bildete sich ein Lächeln der Vorfreude auf Alvarez‘ Gesicht aus. Und so brachte er sich unauffällig in die Nähe des roten Haarschopfes. Der war in ein Gespräch mit einem älteren Ehepaar vertieft, das – im Gegensatz zu den übrigen Anwesenden – nicht in Prunk gekleidet war, sondern eher leger in Leinen. Sie sahen ein bisschen aus wie Weltenbummler und das machte auch Alvarez neugierig. So schob er sich noch etwas näher, ohne darauf zu achten, dass Julia auch im Raum war. Er war so auf den roten Haarschopf fixiert, dass er seine Umgebung völlig außer Acht gelassen hatte.

„Guten Abend, Alvarez“, hörte er eine sichtlich verärgerte weibliche Stimme neben sich sagen. Es kam nicht oft vor, dass man ihn erschrecken konnte, aber jetzt zuckte er zusammen. In einer fließenden Bewegung drehte er sich zu der Stimme um.

„Julia.“ Er hatte sich gut genug im Griff, um sich nicht anmerken zu lassen, wie verärgert er darüber war, auf sie zu treffen. Er traf im Allgemeinen schon nicht gern auf dieses selbst ernannte It-Girl, doch jetzt und hier war es noch etwas störender als gewöhnlich.

Er hatte andere Interessen.

„Schön dich zu sehen“, log er trotzdem mit einem unverbindlichen Lächeln und stoppte in seinem Lauf. Sie musste ja nun wirklich nicht wissen, wo er hin wollte. Am Ende fand sie noch Gefallen an dem roten Schopf und … Alvarez wollte den Gedanken nicht zu Ende bringen. Dabei wusste er noch nicht einmal, warum das so war. Nun, er ahnte etwas, doch das war lächerlich.

„Das soll ich dir glauben?“, wurde er angefaucht. „So wie du mich letztens am Telefon abgefertigt hast.“ Julia schien ihm die Zurückweisung noch nicht verziehen zu haben. Sie war sogar ziemlich sauer, wie er feststellen musste. Allerdings sah Alvarez keinen Grund dafür, aber er tickte vielleicht auch anders und hatte seine Prioritäten wo anders.

Apropos Prioritäten: er sah sich unauffällig um und war erleichtert. So lange das Globetrotter-Paar ihn in Beschlag hatte, stellte sich der Rotschopf als ziemlich ortstreu heraus. Leider hatte er sich immer noch nicht umgewandt, so dass Alvarez immer noch nicht mit Bestimmtheit wusste, ob es Connor war oder nicht.

„Ich habe dich am Telefon nicht abgefertigt, Julia, ich habe lediglich deine Einladung abgelehnt. Aber ich werde das Gefühl nicht los, das diese Umstände für dich das selbe sind.“

Julia schnaubte nur aufgebracht, sagte aber nichts weiter dazu. Egal wie wütend sie war, wusste sie doch, dass ein öffentlicher Streit mit Alvarez ihrem Ruf nicht zuträglich war. Allerdings konnte sie diese Unverschämtheit nicht ganz ruhig hinnehmen „Nun, was will man schon von einem erwarten, der im Urwald haust. Gute Manieren werden dort wohl nicht gebraucht“, zischte sie und drehte sich weg.

„Ach Julia“, entgegnete Alvarez ruhig, auch wenn er gerade ziemlich wütend war. „Soweit muss man gar nicht gehen, um auf Menschen ohne Manieren zu stoßen. Man möchte meinen, du kämst auch gerade erst aus dem Busch. Aber ich kann mich täuschen.“ Um sich nicht von dieser Frau aus der Fassung bringen zu lassen, beschloss er auf die Terrasse zu gehen. Vielleicht gelang es ihm von dort aus, den Rotschopf aus einer anderen Perspektive zu sehen und seine Mission zu erfüllen – ohne das wieder eine paarungswillige junge Dame ihre Krallen in sein Fleisch zu schlagen versuchte.

Auf dem Balkon war es angenehm und zum Glück nicht so voll, so dass Alvarez einmal tief durchatmen konnte. Er war jetzt noch keine halbe Stunde auf dem Empfang und schon fühlte er sich eingeengt. Er stellte sein Glas auf einen der Tischchen und sah durch die Fensterscheiben in den großen Saal und grinste. Von hier hatte er einen guten Blick auf das, was er gesucht hatte. Der Balkon führte um den halben Raum und so war es ihm ein leichtes gewesen, einmal um den Rotschopf herum zu gehen. Vor einem der großen Fenster, setzte sich Alvarez auf die kleine Umrandung und blickte hinein. Was redeten die drei denn nur die ganze Zeit? Doch es musste spannend sein, denn Connor war alles andere als gelangweilt, und wenn doch, konnte er das sehr gut überspielen.

Alvarez besah sich Connor genau. Heute trug er einen eleganten Smoking und er musste zugeben, dass dieser dem jungen Mann wirklich ausnehmend gut stand. Heute konnte er auch erkennen, dass seine Augen nicht grün waren, wie er angenommen hatte, sondern eher rauchgrau. Eine eher ungewöhnliche Farbe.

„Was hast du noch für Überraschungen?“, murmelte er leise und lächelte. „Es wird mir Spaß machen, das herauszufinden.“ Er lehnte sich etwas zurück gegen einen alten Baum, der direkt hinter der Mauer gewachsen war und den der Eigentümer der Villa hatte stehen lassen. Und so rutschte er etwas in den Schatten, was ihm gut zu pass kam. Er verschmolz mit der Dunkelheit und konnte so sicher gehen, dass man ihn für ein paar Minuten nicht bemerkte.

Dafür bemerkte Alvarez umso mehr.

Zum Beispiel die Angewohnheit von Connor, verschmitzt zu grinsen, wenn ihm etwas gut gefiel. Und das kleine Fingerfood schien ihm wirklich zu gefallen. Und zwar wirklich nur das Fingerfood, und nicht wie Alvarez für ein paar Schrecksekunden befürchtet hatte, die junge Dame im kleinen Schwarzen, die es servierte.

„Brav“, murmelte er leise und leckte sich über die Lippen. Er hatte sich in der Nacht, als er den Anschlag vereitelt hatte, über Connor kundig gemacht. Er hatte einiges über ihn erfahren, was seinen beruflichen Werdegang anging, aber kaum etwas Privates. Eigentlich nur, dass seine Familie aus Maine kam und Connor zum Studium nach New York gekommen war. Es war nicht zu glauben, aber Alvarez war in keinem dieser sogenannten sozialen Netzwerke über ihn gestolpert, und auch in anderen Foren war er nicht an Connor heran gekommen. Es war so, als würde es ihn nur einmal geben und man würde nur hier an ihn heran kommen können, wenn man etwas wissen wollte.

Das machte ihn schon wieder interessant.

„Herausfordernd“, korrigierte Alvarez leise und stöhnte lautlos, als allen Ernstes Julia auf der Terrasse erschien – doch zum Glück mit einem bemitleidenswerten jungen Mann an der Seite. So standen die Karten gut, dass er dieses Mal ungeschoren davon kam. Trotzdem zog er es vor, durch einen Seiteneingang wieder in den Raum zu treten. Schließlich war er nicht nur wegen Connor hier, sondern auch wegen seinem Projekt.

Er sollte sich also wieder unter die Leute mischen, um alte Kontakte zu pflegen und neue zu knüpfen. Noch einmal ging sein Blick zu Connor und er lächelte. Die Aufgabe des Abends war somit klar. Beschwingt betrat er den Raum und hatte auch schon jemanden erspäht, den er kannte. Daniel war ein Umweltschützer im kleineren Stil, aber nicht minder engagiert. Er begrünte Dächer und Fassaden, brachte Menschen in der großen Stadt bei, wie sie helfen konnten, die Stadt lebenswerter zu machen. Dieses urban gardening machte Alvarez immer noch neugierig, denn es war für ihn faszinierend, wie es diese Menschen schafften, auf geringstem Raum ganze Gärten sprießen zu lassen, nicht nur Blumen und Gras sondern auch Nutzpflanzen.

Alvarez wollte mehr darüber erfahren und so landete er schnell mit Daniel an einem der Tische, tief in ein Gespräch vertieft bei einem Glas Wein. Er diskutierte mit Daniel die Möglichkeit, das, was hier in New York funktionierte, auch auf die Slums in den großen Städten Brasiliens zu adaptieren, als ein bekannter Geruch in seine Nase stieg. Er sah hoch und genau in Connors Augen, der gerade an ihm vorbeiging. Lächelnd nickte er ihm zu. Etwas blitzte in den grauen Augen auf und Connor blieb stehen.

„Wir haben uns schon einmal getroffen“, sagte er und lächelte verlegen. „Ich weiß nur leider nicht mehr wann und wo.“

Daniel blickte auf und sah zwischen Alvarez und Connor hin und her. „Oh, Herr Staatsanwalt“, sagte er, denn auch er kannte den engagierten Juristen, der für die gleiche Sache kämpfte wie er auch. Doch er merkte schnell, dass er nicht gemeint gewesen war und ließ die beiden Männer kurz allein, um sich einen Teller mit kleinen Köstlichkeiten von dem soeben eröffneten Buffet zu holen. Alvarez aber lächelte tiefgründig und nickte. Er konnte ja nicht sagen, wobei sie einander begegnet waren, doch er wollte auch nicht die Chance verstreichen lassen, den dünnen Faden, der sie verband, zu durchtrennen. „Ja, ich glaube auch“, sagte er also.

„Sie wissen es also auch nicht mehr? Dann muss ich mich ja nicht schämen, dass ich es vergessen habe. Dann holen wir das jetzt offiziell nach “, lachte Connor leise und streckte die Hand aus. „Connor Flanagan.“

Alvarez lächelte und griff die gereichte Hand – ein fester guter Händedruck, wie er fand. „Mein Name ist Alvarez Garcia. Ich bin für ein paar Tage in der Stadt.“

Connor zog seine Hand wieder zurück und seine Augen blitzten schalkhaft. „Zumindest ihr Name sagt mir etwas. Sie sind übermorgen der Gastredner bei der Veranstaltung der Holcomb Stiftung, richtig? Ich werde auch dort sein, weil ich mir ihren Vortrag anhören wollte.“

„Das hört man doch gern“, sagte Alvarez und grinste frech. Er hatte also schon einen Fan ohne es zu wissen. „Aber sie sind wirklich überraschend gut informiert. Was bringt sie dazu, sich meinen Vortrag anhören zu wollen? Berufliches oder privates Interesse?“ Alvarez wollte ein seichtes Gespräch beginnen, um Connor noch etwas an sich zu binden. Vielleicht war der junge Mann dann bereit, etwas mehr von sich selbst preis zu geben.

„Beides.“ Connor deutete auf einen freien Stuhl am Tisch. „Darf ich mich setzen, dann müssen sie nicht ständig zu mir hoch sehen.“

„Ich bitte darum“, entgegnete Alvarez sofort. „Möchten sie etwas trinken?“ Er selbst hatte noch sein Glas Wein, er wollte nicht gleich ein weiteres bestellen, das machte keinen guten Eindruck. „Erzählen sie mir mehr. Was interessiert sie?“

„Danke, ein Wasser bitte.“ Connor setzte sich und schlug die Beine übereinander. „Ich komme aus einer Familie, die sich schon immer für die Umwelt eingesetzt hat. Sie gehören wohl zu den ersten Umweltaktivisten, als es diese Bezeichnung noch gar nicht gab. Ich habe mein grünes Bewusstsein also praktisch mit der Muttermilch eingesogen.“

„Nicht schlecht, hätte ich gar nicht gedacht. Daniel nannte sie Staatsanwalt. Ist das richtig? Sind sie Jurist?“, fragte Alvarez das, was er schon wusste, er eigentlich aber theoretisch noch nicht wissen konnte. Er gab ein paar Zeichen in Richtung der Bar und bestellte für sich und Connor ein Wasser. Dann gönnte er sich noch ein paar Blicke auf den jungen Juristen, der war eben auch ein interessanter Mann.

„Ja, das ist richtig. Ich arbeite für die New Yorker Staatsanwaltschaft. Ich habe mich auf Umweltrecht spezialisiert. Bei meiner Kindheit wohl nicht verwunderlich.“ Connor grinste und sein Blick wurde weich und leicht träumerisch. „Ich weiß gar nicht mehr, wie viele meiner Ferien ich bei irgendwelchen Demonstrationen verbracht habe. Es war eine herrliche Zeit.“

„Oh, ein kleiner Rebell“, lachte Alvarez und grinste Connor an, damit er verstand und sich nicht ausgelacht fühlte. „Da zeigt sich einmal mehr, dass man Menschen immer nur bis vor den Kopf sehen kann. Ich hätte sie wohl in eine völlig andere Schublade geschoben“, gestand er und sein eigenes Interesse an Connor wuchs noch weiter. Der Kerl hatte eine Menge Geheimnisse, die Alvarez eines nach dem anderen lüften wollte.

„Wo hätten sie mich denn reingesteckt?“, fragte Connor neugierig. Er sah an sich hinab. „Erfolgreicher Yuppi?“, sinnierte er. Das dachten die meisten von ihm und normalerweise korrigierte er das nicht, aber bei Alvarez wollte er nicht, dass er das dachte, darum hatte er ihm von seiner Kindheit erzählt.

Alvarez schmunzelte, er sagte ihm lieber nicht, wo er ihn gern rein gesteckt hätte. Dann war der Hübsche nämlich schneller weg, als der schwarze Jaguar gucken konnte. Also legte er nur den Kopf schief. „Nein, als Juppie wären sie bei mir nicht durchgegangen. Aber eben auch nicht als Anwalt und Öko-Rebell. Vielleicht eher als ein gediegener Banker, dessen Bank den Umweltsektor für sich entdeckt hat.“

„Banker, also“, lachte Connor leise und nahm einen Schluck von seinem Wasser, das gerade gebracht worden war. „Besser nicht, Zahlen sind nicht unbedingt meine Welt.“ Er fühlte sich wohl in der Gegenwart des anderen Mannes, darum setzte er sich entspannter hin. „Aber nun möchte ich auch etwas über sie erfahren. Außer ihrem Namen und ihrer Rolle als Gastredner weiß ich bisher noch nichts über sie.“

Nickend lehnte sich auch Alvarez zurück und griff zu seinem Weinglas. „Ich glaube, über mich gibt es nichts Spannendes zu berichten. Ich lebe auf einer Hazienda im brasilianischen Regenwald, ich habe Ländereien aufgekauft, um die darauf befindlichen Urwälder und die dort lebenden Arten zu schützen, zu studieren und das Wissen um sie zu nutzen. In die Stadt komme ich eigentlich nur, um für uns zu werben, denn leider ist Marketing auch im Umweltbereich heutzutage alles.“

Connor hatte ihm zugehört und dabei seinen Kopf auf die Hand gestützt. „Ich finde das sehr spannend. Den Urwald zu schützen ist etwas, was ich sehr bewundere. Wie schwierig das ist, weiß ich leider nur zu gut. Denn es sind oft die, denen ich versuche das Handwerk zu legen, die für dessen Zerstörung verantwortlich sind und ihnen ist jedes Mittel recht, wenn es nur Profit gibt.“ Seine Mundwinkel zogen sich unwillkürlich angewidert runter, wenn er daran dachte, wie skrupellos sogenannte Geschäftsmänner die Umwelt ausbeuteten und zerstörten. Das hielt aber nicht lange an und er lächelte wieder. „Ihre Hazienda, liegt sie mitten im Urwald?“, wollte er neugierig wissen.

„Ja, das tut sie. Irgendwo müssen meine Eltern und die Angestellten ja wohnen. Wir haben zwar drei Forschungscamps und ein Labor auf unseren Ländereien, aber dort leben wirklich nur die, die dort auch arbeiten. Die Ranger oder die Angestellten für die Felder und die Häuser leben alle auf der Hazienda. Ich selber pendle sehr viel zwischen den Welten“, gab Alvarez bereitwillig Auskunft. Vielleicht konnte er das Schnuckelchen ja mal in seinen Wald locken und ihm dort wie der böse Wolf dem kleinen Rotkäppchen auflauern. Er grinste in seinem Geiste über diesen albernen Vergleich.

„Das stelle ich mir herrlich vor, so mitten im Urwald zu leben. Hier muss man schon einige Zeit fahren, um Natur zu haben. Ich bin eigentlich ein Landkind und es fehlt mir, aus der Haustür zu kommen und etwas anderes zu sehen, als Häuser. Ich lebe jetzt schon seit ungefähr fünfzehn Jahren in New York und habe mich immer noch nicht daran gewöhnt. Sie sind wirklich zu beneiden.“

„Ja, das bin ich wohl und ich weiß um den Luxus, den ich mein eigen nenne. Aber wir beginnen jetzt langsam mit sanftem Tourismus in den weniger sensiblen Gebieten des Reservats. Bei Interesse lässt sich da bestimmt was arrangieren“, sagte Alvarez und hatte im Kopf den Film abgespult, der ihm im Dschungel vorschwebte und da kamen reichlich wenig Klamotten drinnen vor, aber eine Menge Hitze und Feuer.

„Wirklich? Das wäre toll. Ich kenne bisher nur die nordamerikanischen Wälder.“ Connor wirkte ein wenig erstaunt über die Einladung. „Ich würde auch mit einem Protestschild herumlaufen und auf einem der Baumriesen campieren, wenn das hilfreich für sie wäre.“ Connor lachte, denn das war nicht ernst gemeint. „Ich habe das schon mal gemacht. Da war ich sechzehn und ein paar Sequoias sollten für eine Straße gefällt werden. Wir haben die Bagger drei Wochen aufgehalten und erreicht, dass die Trasse verlegt wird. Damals habe ich den Entschluss gefasst Jura zu studieren.“

Alvarez hob anerkennend die Brauen. „Sie sind ja wirklich ein richtiger Rebell. Solch eine Vergangenheit habe ich leider nicht vorzuweisen.“ Wie auch, als Jaguar konnte man seine Gegner ganz anders zum Schweigen bringen, wenn es sein musste. Und die Gerüchte über einen schwarzen Geist in den Wäldern seines Reservates nährte er nur zu gern.

„Einschneidend für mich waren all die jungen Jaguare, die jämmerlich verhungern mussten, weil Holzfäller oder illegale Farmer ihre Mütter schossen. Das war für mich der Auslöser. Wir haben viele Jaguar-Junge wieder aufgepäppelt und ausgewildert und wenn man nicht wollte, dass sie wieder geschossen wurden, musste sie eben Lebensraum bekommen der sicher war.“

„Na ja, das rebellische in mir liegt gerade ziemlich auf Eis. Es fehlt mir ehrlich gesagt.“ Connor seufzte aber dann schüttelte er den Kopf und lächelte. „Genug von mir. Sie retten Jaguare? Katzen sind tolle Tiere, besonders die Großkatzen. Sie sind so elegant und voller Kraft. Lautlos und tödlich. Einfach herrlich.“ Die grauen Augen leuchteten. „Retten sie auch andere Tiere?“

„Äh“, machte Alvarez jetzt doch etwas überrascht. Er hätte Connor nicht als Katzenmenschen eingeschätzt, doch das konnte nur von Vorteil sein. „Wir helfen jedem, der Hilfe braucht. Sei es nun ein Jaguar, ein Indio oder ein Baumfrosch. In einem unserer Forschungscamps haben sie gerade drei junge Ozelots in Pflege, die das ganze Camp aufmischen und meine Mutter päppelt gerade einen Tapir auf“, berichtete Alvarez gerade und holte aus davon zu erzählen, dass man in seinen Wäldern viele Jaguare beobachten könne und wenn er seine Familie dafür vor Connors Auge jagen müsste, da erblickte er Francis, die gerade zielstrebig auf ihn zu kam. Die Francis, der er den Bären aufgebunden hätte, er stecke in einer Beziehung.

Er irritierte Connor ein wenig damit, dass er mitten im Satz stoppte, denn der konnte sich das nicht erklären. „Alvarez?“, fragte er und sah sich um, konnte aber nichts entdecken. Darum legte er seine Hand auf die des anderen Mannes. „Was ist?“

„Ich brauch unbedingt auf der Stelle was Verlobtes, Interesse?“, murmelte Alvarez ohne darüber nachzudenken, denn Francis schien ihn bereits erblickt zu haben, denn sie kam zielstrebig auf ihn zu und er konnte nur hoffen, dass die Frau jetzt nichts Falsches sagte. Aber so wie Connor guckte, hatte er das wohl gerade selber geschafft.

„Bitte?“, Connor zog seine Hand weg und sah Alvarez aus geschlitzten Augen an. „Nein, kein Interesse, aber danke der Nachfrage“, sagte er abweisend und stand auf. Er wusste nicht wieso, aber er fühlte sich, als wenn ihm jemand Eiswasser über den Kopf geschüttet hätte. Das Gespräch hatte ihm gefallen und bis gerade war ihm Alvarez sehr sympathisch gewesen. „Ich bin nicht für jeden zu haben. Einen schönen Abend noch, Mr. Garcia.“ Mit diesen Worten drehte er sich weg und ging.

Alvarez versuchte zu verstehen, was passiert war. Dazu rief er sich seine eigenen Worte noch einmal in Erinnerung und hätte sich am liebsten vor den Kopf geschlagen. Er konnte es Connor noch nicht einmal verübeln, dass er wütend war. Er wollte gerade aufspringen und ihm nachlaufen, ihm diesen blöden Scherz gern erklären und dann zusammen mit ihm darüber lachen und dort anknüpfen, wo sie eben unterbrochen worden waren. Doch Alvarez kam nicht dazu, Francis trat ihm in den Weg und funkelte ihn an.

„War er das?“, zischte sie ihn an und sah dem sich entfernenden Mann hinterher. Ihr Mund hatte sich geringschätzig verzogen.

„Wer ist er?“ Francis war ein ganz anderes Kaliber als Julia, die nicht negativ in der Gesellschaft auffallen wollte. Francis war das vollkommen egal. Ihre Familie hatte Geld, sie hatte es nicht nötig, von allen gemocht zu werden, sie war darauf einfach nicht angewiesen. Ihr wäre es nur wichtig gewesen, sich mit einem Mann wie Alvarez an ihrer Seite zu schmücken.

Allerdings war auch Alvarez niemand, der sich derart behandeln ließ. „Was geht es dich an“, wollte er also wissen und leerte sein Weinglas. Im Kopf disponierte er um. Er würde Connor ein paar Augenblicke geben und ihm dann folgen. Er wusste, wo der Mann wohnte und vielleicht konnten sie dann noch einmal reden.

„Du bist so ein Arsch, Alvarez. Das wirst du noch bereuen.“ Niemand kanzelte sie so ab und kam damit durch. Ihre Familie war einflussreich. Das würde dieser dahergelaufene Hinterwäldler auch noch zu spüren bekommen. Und das zweite Mal an diesem Abend wurde Alvarez einfach stehen gelassen. Und das konnte sein Ego wirklich nur sehr schwer verkraften. Doch im Gegensatz zu Connor war Francis es nicht wert, ihr nachzulaufen und etwas klar zu stellen. Auch wenn sie glaubte, sie hätte die Mittel ihn an die Wand zu stellen, so würde sie noch merken, dass sie in verschiedenen Welten lebten und arbeiteten und das bezog sich auch auf ihren Bekanntenkreis. Die, die auf Francis hörten, waren nicht die, die in Alvarez‘ Projekte investierten. Aber trotzdem hatte er für heute die Nase gestrichen voll.

Er brauchte jetzt Ratten – reichlich Ratten!

Also machte er sich auf den Weg.