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Katzenaugen 8 - Fantasma Negro - Teil 6-8

06 

Connor ging es ähnlich. Er war wütend und gleichzeitig enttäuscht. Kaum jemand hier in New York wusste, dass er schwul war. Es gefiel ihm nicht, denn er schämte sich nicht dafür, aber seine Vorgesetzten hatten ihm nahe gelegt, sich nicht offen dazu zu bekennen, weil es katastrophal für seine Karriere war und auch schlecht für die Staatsanwaltschaft. Zähneknirschend hatte er sich gefügt. Was ihn beschäftigte war, woher dieser Alvarez davon wusste und was er sich davon versprach, Connor wissen zu lassen, dass er von dessen Geheimnis wusste.

Tief in Gedanken lief er durch die Straße zum Parkhaus, wo er seinen Wagen abgestellt hatte.

„War ja klar“, knurrte er, als der Fahrstuhl einmal mehr außer Betrieb war und so machte er sich auf zum Treppenhaus, denn sein Wagen stand in der dritten Etage. Also ging er langsam Stufe für Stufe und versuchte zu verstehen, welche Hintergedanken dieser Alvarez haben konnte. Er war doch eigentlich auf der gleichen Seite, er tat alles für sein Reservat, er schützte die Natur und verabscheute alles, was ihr schadete. So viel wusste er über den Redner, zu dessen Symposium er sich angemeldet hatte.  also konnte der Mann für eine Intension haben, ihn wissen zu lassen, dass er sein Geheimnis kannte?

Er fühlte sich hintergangen.

Alvarez hatte ihm gefallen. Nicht nur, weil er ein wirklich gut aussehender Mann war, sondern weil er Humor hatte, der seinem ziemlich nahe kam. Die faszinierenden Augen hatten nach langer Zeit mal wieder ein Kribbeln durch seinen Körper fließen lassen.

Das alles machte die Sache noch schlimmer für ihn.

„Verdammt“, fluchte er leise und schreckte auf, als er ein Geräusch hörte. Hastig sah er sich um und beschleunigte seinen Schritt. Er trat aus dem Treppenhaus in den offenen Bereich des Parkdecks und beeilte sich, zu seinem Wagen zu kommen. Doch er wurde langsamer, als er sich seinem Wagen näherte.

Stand da nicht jemand?

Als er sich umsah, sah er auch hinter sich einen Mann, der auf ihn zu hielt.

Sein Puls hämmerte.

Wollten diese Männer zu ihm?

Wenn ja, warum?

„Du bist schwer zu töten, Flanagan“, knurrte einer der beiden und hatte die Waffe bereits im Anschlag.

Connor glaubte sich verhört zu haben, aber die Pistole, die auf ihn gerichtet war, belehrte ihn eines Besseren. „Was wollt ihr“, rief er laut und sah sich nach etwas um, das ihm helfen konnte, aber da war nichts. Er war allein und es lag auch nichts in seiner Nähe, was er als Waffe hätte nutzen können.

„Wir wollen gar nicht viel, Flanagan, nur dein Leben“, erklärte der Mann, der hinter ihm gelaufen war und mit der Waffe immer näher kam.

„Wer hat euch geschickt? Wem bin ich so auf die Füße getreten, dass er meinen Tod will?“ Connor versuchte Zeit zu schinden und suchte verzweifelt nach einem Fluchtweg. Unauffällig veränderte er seine Position, aber das brachte ihm nicht viel. Der Typ, der bis eben an seinem Wagen gelehnt hatte, trat Connor in den Weg und grinste gehässig. „Das musst du nicht wissen, Flanagan. Du musst einfach nur sterben, und heute wird sich dieses Monster nicht schützend vor dich werfen.“

„Was? Wovon redest du? Welches Monster?“ Connor besah sich seinen Gegner und schätzte ab, ob er gegen ihn eine Chance hatte. Er sah nicht besonders kräftig aus, aber das war ein Trugschluss, der ihm schon oft geholfen hatte. Darum setzte er auch jetzt auf den Überraschungseffekt, als er sich auf den Mann vor sich stürzte. Doch der schien damit gerechnet zu haben und trat einen Schritt zurück, um Connor besser entgegen treten zu können.

„Lass die Scheiße, du Idiot“, knurrte der Mann und rammte Connor eine Faust in den Magen, so dass der einknickte wie ein Taschenmesser. Aber Connor hatte nicht die Zeit wieder Luft zu holen, da wurde er schon wieder auf die Beine gezogen. „Mach, wir haben nicht ewig Zeit. Du wirst jetzt da drüben runter springen“, knurrte der Mann und deutete auf die offene Wand des Parkhauses.

„Nein, das werde ich bestimmt nicht.“ Connor wehrte sich, so gut er konnte, aber jetzt hielten ihn beide Männer fest und zerrten ihn zu der offenen Wand. „Macht euch doch nicht unglücklich. Ihr werdet für meinen Tod büßen, nicht euer Auftraggeber“, versuchte er an die Vernunft der Männer zu appellieren. Doch das hatte wenig Zweck, denn die beiden lachten nur.

„Versuch‘s gar nicht erst. Wir wissen schon, wie wir uns den dummen Bullen entziehen und glaube mir, wir haben die besseren Anwälte auf unserer Seite.“

„Quatsch nicht so viel, entsorg den Dreck und dann weg hier“, knurrte ihn sein Kumpane an und Connor spürte, wie er fester gepackt wurde. Hoffentlich gab es blaue Flecken, die man den Fingern der Kerle zuordnen konnte, wenn man seine Leiche obduzierte, ging es Connor durch den Kopf. Doch er wehrte sich, so gut er konnte. Immer wieder versuchte er, die Füße gegen den Boden zu stemmen, bis er weiter getreten wurde.

Sie waren nicht leise, aber die Angreifer hatten gut gewählt, denn das Parkhaus lag so, dass keiner sie hören konnte. Unaufhaltsam wurde er weiter gezerrt und als er am Rand stand, bekam er einen Stoß in den Rücken.

„Guten Flug!“, wurde ihm noch zynisch hinterher gerufen, da fiel er auch schon und schrie erschrocken auf.

 

+++

 

Zur gleichen Zeit war in der Gasse darunter ein ziemlich aufgebrachter Panther dabei, ein Rudel Ratten um die Mülltonnen zu jagen. Er hatte drei von ihnen gerade eingekreist und ihnen den Rückweg abgeschnitten, als er den Schrei hörte und nach oben sah.

Da fiel etwas.

Halt!

Da fiel jemand!

Alvarez sah genauer hin und traute seinen Augen nicht, ein Vampir! Da kam ein Vampir direkt auf ihn zu. Die riesigen schwarzen Schwingen zeichneten sich mächtig gegen den Himmel ab. Warum flatterte der Idiot denn nicht? Wenn er hier versuchte zu gleiten, würde er nur abstürzen.

Flattern!

Flattern!

Der Kater wurde nervös. Der Kerl fiel genau auf ihn zu. Er würde auf dem Asphalt zerschmettern. Hastig sah er sich um und sein Blick blieb an dem geöffneten Müllcontainer hängen. Er hatte keine Zeit, einen Plan auszuarbeiten. Er sprang und gab dem fallenden Mann kurz vor dem Boden einen heftigen Stoß mit seinem ganzen Körper, damit er nicht auf den Asphalt aufschlug sondern etwas weicher im Müll landete. Erst jetzt bemerkte Alvarez, wen er dort in den Müll befördert hatte. Er erkannte den angenehmen Geruch zwischen all dem Gestank.

Connor!, schoss es ihm durch den Kopf, als er am Rand des Containers balancierte. Doch er kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn eine der riesigen Schwingen erwischte den Kater und zerrte ihn mit in den Müll.

Er landete auf Connor, der erschrocken aufschrie und stocksteif mit weit aufgerissenen Augen liegen blieb. Es kam ja auch nicht alle Tage vor, dass jemand einen aus dem dritten Stock stieß, man in einem Müllcontainer landete und ein riesiger schwarzer Panther auf einen fiel.

Aber das war nicht das einzige, was Connor schockierte. Wo kamen diese riesigen Flügel her und warum spürte er den Schmerz, wenn sie auf den Rand des Müllcontainers schlugen?

Doch damit konnte sich Alvarez nicht herum ärgern. Er musste erst einmal aus dem Dreck raus kommen. Er fühlte sich eklig und angewidert und konnte es noch nicht einmal genießen, dass er auf Connor lag, denn der wedelte mit seinen vermaledeiten Flügeln ständig so herum, dass der Kater bei seinem Versuch den Container zu verlassen, immer wieder im Müll landete.

Langsam ging ihm dieser Idiot auf die Nerven. Er sammelte reichlich Negativpunkte auf seinem Konto.

Es war nicht wirklich geplant, dass er böse fauchte und Connor so aus seiner Starre löste, aber es passierte. Ängstlich kroch dieser an den Rand des Containers, so weit weg von der Raubkatze, wie es ging. Er stöhnte auf, als er mit dem Rücken an das Metall stieß und ein höllischer Schmerz durch seinen Rücken tobte.

„Was ist hier los?“, stammelte er überfordert und zuckte zusammen, als einer der Flügel, fast wieder den Panther getroffen hätte. Der stand mittlerweile auf dem Rand des Containers und musste immer wieder dem Drang widerstehen sich zu putzen, denn er fühlte sich widerlich.

An einer Pfote klebte ein altes Stück Pizza, das sich zwischen die Zehen gedrückt hatte, auf seinem Hintern klebte Erdbeereis, das aus einem Kübel gelaufen war und sich über den Panther ergossen hatte. Und zu allem Übel hatte er auf dem Kopf den kläglichen Rest aus einer Dose Spaghetti, die dem wütenden Alvarez vor den Augen baumelten. Doch auch wenn er völlig entwürdigt da stand, ließ er es sich nicht nehmen, den Vampir wütend anzufunkeln und seine glühenden Augen aufblitzen zu lassen.

Es war ihm eine gewisse Genugtuung, als der Vampir sich ängstlich gegen das Metall drückte und aussah, als wenn er bald in Ohnmacht fallen würde. „Das gibt es doch gar nicht“, murmelte Connor immer wieder und die Flügel wedelten aufgebracht hin und her. Er stöhnte vor Schmerz auf, als sie dabei immer wieder gegen den Rand krachten und blutige Spuren hinterließen.

Alvarez, der sich eben wütend zurückziehen wollte, um sich zu säubern und noch ein wenig seine Wut an irgendetwas auszulassen, tat der Kerl im Müll allmählich leid. So sprang er aus dem Container auf den Asphalt und wandelte sich dort in sein Ambigua. Es war ihm egal, dass Connor dabei zusah, der schien sowieso schon komplett neben dem Gleis zu sein.

Ohne ein Wort reichte er in den Container, griff sich den zitternden Vampir und hob ihn aus dem Container, stellte ihn vor sich ab. „Connor, lass die Flügel endlich verschwinden, sonst erwischen sie dich noch“, knurrte der Kater und störte sich gerade gar nicht daran, dass er nackt war. Sein Schweif zuckte hinter seinem Rücken immer wieder aufgebracht. Er war nervös. Warum hatte er nicht gerochen, dass Connor ein Vampir war?

Aber der junge Mann wimmerte nur ängstlich und schwankte bedenklich. „Alvarez, bist du das? Wieso habe ich Flügel? Was hat das zu bedeuten?“ Connor war tief erschüttert. Es wunderte ihn noch nicht einmal, dass der Mann, mit dem er vorhin gesprochen hatte, nun nackt vor ihm stand und gerade nicht sehr menschlich aussah.

„Connor, was stellst du für Fragen? Du hast Flügel, du bist ein Vampir. Das musst du doch wissen. So was wächst doch nicht von heute auf morgen“, sagte Alvarez und strich sich immer noch Unrat vom Körper, doch dann stoppte er und sah Connor an. Der wirkte immer noch fassungslos. Konnte es wirklich sein, dass er keinen Schimmer gehabt hatte von dem, was er war? „Du musst die Flügel einziehen, Connor.“

„Nein, warum sagst du so etwas? Ich bin ein Mensch, kein Vampir. Vampire gibt es gar nicht.“ Connor schüttelte immer wieder aufgebracht den Kopf und versuchte sich aus Alvarez' Griff zu befreien. „Ich bin Staatsanwalt und ich habe keine Flügel.“

„Nee, is‘ klar. Du hast keine Flügel“, knurrte Alvarez leise, aber nur für sich und nicht für Connor bestimmt. Er hatte noch nie gehört, dass der Vampir in einem Menschen erst so spät durchbrach und dann gleich so gewaltig. „Sieh mich an, Connor, sieh mir direkt in die Augen, sieh mich an, Connor. Du musst dich beruhigen, damit dein Körper wieder aus dem roten Bereich raus kommt. Und dann stell dir vor, wie es wäre, wenn die Flügel verschwinden. Du musst es dir ganz fest vorstellen. Stell es dir vor“, sagte er immer wieder leise und legte Connor vorsichtig eine Hand über die Augen, damit er sich etwas beruhigte.

Nur war Connor kein wildes Tier und sobald es dunkel, um ihn wurde, verfiel er wieder in Panik und fing wieder an sich zu wehren. Seine Flügel schlugen unkontrolliert durch die Luft und Alvarez musste die Hand wegnehmen, wenn er nicht getroffen werden wollte.

„Was hast du vor?“, fragte Connor ängstlich und versuchte sich aus dem Griff zu befreien.

„Ich will, dass du deine Flügel verschwinden lässt. Denn auch wenn wir hier in einer dunklen Gasse hocken, kann immer mal einer vorbei kommen und etwas sehen, was es eigentlich gar nicht geben sollte. Was glaubst du, was los ist, wenn das bekannt wird“, knurrte der Kater. Er fühlte sich überfordert. „Also bitte: Versuch deine Angst zurückzudrängen und lass die Flügel endlich verschwinden!“ Er trat einen Schritt zurück, vielleicht nahm das Connor etwas seiner Angst.

Connor zitterte am ganzen Körper und er hatte Angst, aber die Worte waren zu ihm durchgedrungen. Sie waren in Gefahr und das gab den Ausschlag. Er atmete tief durch die Nase ein und ließ sie durch den Mund wieder entweichen, so wie er es in einem Entspannungsseminar gelernt hatte. Das wiederholte er ein paar Mal und schloss dabei die Augen. Als er sie wieder öffnete war er zwar nicht entspannt, aber wieder ruhiger und etwas mehr er selbst. „Was soll ich jetzt tun?“

„Stell dir vor, wie die Flügel verschwinden“, sagte Alvarez und versuchte dabei bestimmt zu klingen. Er selbst war kein Vampir und er kannte nur wenige. Viel wusste er also nicht über die Physiologie und die Reaktionen vampirischer Körper. Er wusste, nur dass sie hier bald mal verschwinden sollte und er eine Dusche brauchte – dringend.

Es war schon ein wenig lustig, dass Connor ihn erst verständnislos ansah und wohl wieder ansetzen wollte, etwas zu sagen, aber ein kurzer Fingerzeig auf die wild umher wedelnden Flügel ließ ihn den Kopf senken und die Augen schließen. Erst passierte nicht viel, nur das Schlagen der Flügel wurde weniger und hörte schließlich ganz auf. Connor öffnete ein Auge und seufzte resigniert, weil sie noch da waren.

„Es klappt nicht“, murmelte er leise. Auch Alvarez war mit seinem Latein am Ende. Vielleicht konnte er ja mit einer weiteren Panik-Reaktion etwas erreichen. Er musste riskieren, dass Connor ihn anschließend nie wieder sehen wollte, aber das hier musste sich endlich ändern. Also machte er sich so groß wie er nur konnte und knurrte bedrohlich. Er ließ seine Augen funkeln und kam mit einem gewaltigen Satz und gefletschten Zähnen auf den Vampir zu.

„Zieh die Scheißdinger ein oder ich reiße sie dir ab!“, brüllte er laut und wollte nach den Flügeln greifen.

„Nein!“, schrie Connor und stolperte ängstlich zurück. In seiner Panik trat er auf die Flügelspitzen und schrie schmerzvoll auf. Dabei verlor er den Halt und stürzte rückwärts zu Boden. Er konnte spüren, wie seine Flügel wild schlugen und dann, kurz bevor er auf dem Boden landete, waren sie auf einmal weg. Der Aufprall auf dem harten Beton war schmerzhaft, aber Connor rollte sich auf die Seite und zog die Beine an, damit er so wenig Angriffsfläche wie möglich bot.

„Hey“, sagte Alvarez und wandelte sich nun gänzlich zu einem Menschen, um Connor weniger Angst zu machen. Er würde diese Nacht wohl sowieso niemals vergessen und Alvarez‘ Beitrag dazu war nicht gerade der glorreichste. Doch er hatte sich nicht besser zu helfen gewusst. „Hey“, sagte er noch einmal sanft und ging neben Connor auf die Knie, strich ihm vorsichtig über eine Schulter, tiefer über den Arm und wieder hoch. „Alles okay. Deine Flügel sind verschwunden, mehr wollte ich nicht erreichen. Tut mir leid, dass ich dich dafür so erschrecken musste.“

Es dauerte ein paar Herzschläge, bis Connor verstanden hatte, dass ihm wohl keine Gefahr drohte und die Schutzhaltung aufgab. Er rollte sich auf den Rücken und rieb sich über die Augen. „Ich versteh das alles nicht. Was ist mit mir passiert? Es gibt keine Vampire und auch nicht, was du bist.“ Connor sah Alvarez an. „Was bist du überhaupt?“

Alvarez setzte sich neben ihn auf den Asphalt und grinste verschmitzt. „Du weißt zwar nicht, was ich bin, aber du weißt, dass es so was nicht gibt.“ Er schüttelte den Kopf und blickte auf Connor. „Ob es dir gefällt oder nicht: Du bist kein Mensch. Mich wundert es nur, dass du so lange als einer leben konntest ohne dass dein Körper seine Natur hervorgebracht hat. Und wo wir schon dabei sind. Ich bin ein Wertier. Ich bin ein Jaguar. Soll ich mal?“

„Was...“, setzte Connor irritiert an, kam aber nicht weiter, weil plötzlich ein riesiger, schwarzer Panther neben ihm hockte und ihm frech über das Gesicht leckte. „Ihh“, machte er auch gleich und stemmte die Hände gegen die Brust der Raubkatze. „Lass das.“ Da hatte sich Alvarez schon wieder gewandelt, weil er sich als Katze nicht unterhalten konnte und grinste über die fremden Hände auf seiner nackten Brust.

„Fasst sich gut an, oder?“, grinste er frech und sah Connor dann unschuldig an.

„Mit Fell war besser“, grummelte Connor und zog seine Hände weg. Dass das gelogen war, würde er dem frechen Kerl bestimmt nicht verraten, aber das brachte ihn wieder daran zu denken, warum er den Empfang verlassen hatte. Er schlitzte seine Augen. „Woher weißt du, dass ich schwul bin und was versprichst du dir von deinem Wissen? Ich werde mich ganz bestimmt nicht damit erpressen lassen.“

„Hä?“, machte Alvarez ziemlich dümmlich, als er sich erhob und sich dabei noch einmal zu Connor umsah, der noch immer auf dem Asphalt hockte. „Ich wusste nicht, dass du schwul bist. Und ich verspreche mir auch nichts davon, dich zu erpressen. Ich lebe kaum in dieser Stadt. Mir ist relativ egal, was ihre Einwohner machen.“ Der Kater fühlte sich gekränkt, dass Connor ihm ein solches Verhalten unterstellte.

„Und was sollte dann der Mist mit dem Verlobten? Das fragt man einen Mann doch nicht, wenn man nicht davon ausgeht, dass er schwul ist.“ Connor erhob sich vom Boden, was bei ihm leider nicht so elegant von statten ging, wie bei Alvarez, aber dem taten bestimmt auch nicht alle Knochen weh. „Was für ein verrückter Tag“, murmelte er leise dabei.

Alvarez stand immer noch mit dem Rücken zu Connor, sah dabei über seine Schulter zu dem Juristen zurück und das Licht einer Straßenlaterne leuchtete ihn nur unzureichend aus. So glühten seine Augen, als er Connor ansah. „Geh nach Hause, Connor, du bist im Moment nicht in der Verfassung zu verstehen, warum ich das gesagt habe.“

„Was soll das denn jetzt heißen?“ So langsam kam Connor nicht mehr mit und er wurde ärgerlich. Er ging auf Alvarez zu. „Ich wurde drei Stockwerke in die Tiefe gestoßen, musste feststellen, dass ich wohl kein Mensch bin und es noch andere Wesen gibt, die ich immer für reine Fantasie gehalten habe. Was kann denn jetzt wohl noch kommen?“, wollte er wissen und baute sich vor Alvarez auf. Der hob eine Braue und wandte sich nun gänzlich zu Connor um.

„Ich habe einfach Sorge, dass du mir nicht glaubst, wenn ich dir sage, dass es einfach eine Schockreaktion war. Ich habe eine Frau gesehen, der ich am Telefon vorgelogen habe, ich wäre in festen Händen und könnte deswegen ihre Einladung nicht annehmen. Es war Zufall, dass du zu dem Zeitpunkt neben mir gesessen hast, als ich verzweifelt versuchte meine Lüge aufrecht zu erhalten. Ich wusste nicht, ob du schwul bist oder nicht. Aber es ist gut zu wissen, dass du es bist.“ Er lehnte sich mit der Hüfte an den Container, vor dem sie immer noch standen und wollte sehen, wie es in Connors Kopf arbeitete.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich auf Connors Gesicht eine Reaktion zeigte. „Stimmt, das ist schwer zu glauben, aber ich denke, es ist die Wahrheit. Das ist so unglaublich, dass es nur wahr sein kann.“ Connor konnte es sich nicht erklären, warum ihm das einen Stich in seinem Herzen versetzte und er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen. „Und warum ist es von Vorteil für dich, dass ich schwul bin?“

„Connor, nicht heute. Nicht hier“, sagte Alvarez. Das war eindeutig nicht die Umgebung und vor allem war Connor nicht in der Verfassung, als dass Alvarez sich mit seinem Interesse an dem Mann offenbaren sollte. Er selbst wusste ja noch nicht einmal, welcher Art sein Interesse war. Und Connor war gerade sehr labil. „Geh nach Hause, Connor, schlaf dich aus und wenn wir beide nicht mehr nach Mülltonne stinken, setzen wir uns zu einem Kaffee zusammen und reden. Okay?“

Es war Connor anzusehen, dass ihm das nicht gefiel, aber er wollte nicht den Eindruck erwecken, zu betteln. „Ganz wie du meinst“, sagte er darum nur. Er sah an dem Parkhaus hoch. Das würde er heute bestimmt nicht mehr betreten. Bis nach Hause war es zum Glück nicht so weit, dass er es nicht zu Fuß bewältigen konnte. Er sah noch mal auf Alvarez. „Danke, dass du mir das Leben gerettet und mir geholfen hast.“ Er meinte es aufrichtig. Er war wirklich dankbar, auch wenn er nicht wusste, was jetzt werden sollte. „Dann bis die Tage.“ Er lief los und sah nicht noch einmal zurück.

„Bis morgen wäre mir lieber gewesen“, murmelte Alvarez. Er sah Connor nach und hatte kein gutes Gefühl. Doch er musste dem Mann jetzt die Zeit geben nachzudenken.

„Bis die Tage“, rief er ihm lauter nach, ehe er sich wandelte und wieder mit den Schatten verschmolz. Seine Kleider lagen im Wagen, doch so dreckig wie er war, würde er weder in seine Kleider noch in Andrews Wagen schlüpfen.

Er musste also nach Hause laufen.


07 

Connor lief durch die Straßen und fühlte sich unbehaglich. Immer wieder sah er sich um, ob er verfolgt wurde, konnte aber niemanden entdecken. Irgendwann fing er an zu rennen, weil er es einfach nicht mehr aushielt. Es war ihm egal, dass man ihm hinterher sah, denn auch in New York, war es nicht alltäglich, dass ein Mann in einem total verdreckten Smoking durch die Straßen lief. Er war völlig fertig, als er Zuhause ankam, aber er nahm sich nicht die Zeit, wieder zu Atem zu kommen. Noch an der Tür, fing er an sich auszuziehen und lief dabei so schnell er konnte, hoch ins Badezimmer. Er musste unter die Dusche, auch wenn er befürchtete, dass eine Menge heißes Wasser es diesmal nicht richten konnte.

 

Bei Alvarez dauerte es noch etwas länger, bis er endlich unter einer warmen Dusche stehen konnte. Im Garten seiner Schwester angekommen wandelte er sich und reinigte sich mit dem Gartenschlauch erst einmal grob, damit er nicht den Dreck und den Gestank ins Haus schleppte. Doch anstatt dann ins Bad zu laufen und ins Bett zu gehen, legte er sich auf den Rasen, blickte in den Himmel. „Du wirst nicht mehr da sein, wenn ich dich besuchen will, oder?“, flüsterte er in die Dämmerung.

Nur leider konnten ihm die wenigen Sterne, die noch zu sehen waren, keine Antwort geben. Er seufzte leise und zuckte ein wenig zusammen, als eine Decke über ihm ausgebreitet wurde. „Was machst du denn hier, Alvi“, fragte Leticia und hockte sich neben ihn auf den Rasen. Sie hatte Geräusche im Garten gehört und dann ihren Bruder auf dem Rasen liegen gesehen. „Was ist los, Bruderherz?“, fragte sie leise und streichelte ihm über die Wange und zupfte ihm dann ein Stück Spagetti aus den Haaren. „Waren die Ratten gemein zu dir?“

„Ja“, sagte er freudlos und starrte weiter in den Himmel, „sie haben mit gammligem Essen nach mir geworfen.“ Dann sah er neben sich und grinste schief.

„Armes Kätzchen. Soll ich sie für dich verhauen?“ Leticia setzte sich anders hin, so dass sie den Kopf ihres Bruders auf ihrem Schoß betten konnte. „Was ist passiert?“ Sie hatte Alvarez bisher nur selten in so einer Stimmung erlebt und dann war immer etwas passiert, dass ihn ziemlich erschüttert hatte. „Kann ich dir helfen?“

„Ich weiß es nicht, Kätzchen, ich weiß es nicht“, sagte Alvarez leise. „Ich weiß doch selber noch nicht genau, was eigentlich passiert ist.“ Er strich sich durch die Haare und schloss die Augen. „Ich habe jemanden getroffen, von dem ich nicht weiß, was ich von ihm halten soll.“

„Du hast jemanden getroffen? Auf dem Empfang?“ Leticia wurde neugierig. „Erzähl doch einfach mal drauf los, wenn ich nicht mehr mitkomme, sag ich es dir. Mann oder Frau?“

„Ja, auf dem Empfang“, begann Alvarez also. „Eigentlich habe ich ihn nicht getroffen sondern wieder getroffen.“ Und so begann er zu erzählen. Von seinem Ausflug mit Phillip und seinem anschließenden nächtlichen Trip. Er erzählte von den Gangstern und von dem jungen Mann und von seinem grandiosen Zwischenspiel, als er Connor die Verlobung angeboten hatte.

„Man wollte ihn umbringen? Danke, dass du das verhindert hast. Ich habe von ihm gehört. Er ist einer von den Guten.“ Leticia strich Alvarez durch die Haare. „Er hat dich wohl ziemlich durcheinander gebracht. Er war also nicht begeistert von deinem Spontanantrag.“

„Durcheinandergebracht. Pf!“, machte Alvarez und wollte da erst gar keinen Zweifel aufkommen lassen. Doch so wie seine Schwester ihn anguckte, hatte es keinen Zweck zu leugnen. Sie wusste, wenn er versuchte, jemandem etwas vorzumachen – er wusste nicht, wie sie das machte, doch sie wusste es.

Immer.

„Nein, den Antrag fand er weniger prickelnd und dann ging er. Erst in der Mülltonne habe ich rausbekommen warum. Er dachte wohl, ich wolle ihn mit seiner Homosexualität erpressen. Aus welchem Grund auch immer.“

„Er ist schwul?“ Leticia zupfte leicht an einer der schwarzen Haarsträhnen. „New York ist zwar auch ein Dschungel, aber das Leben läuft hier etwas anders, als in Brasilien. Als Staatsanwalt, kann man das gegen ihn verwenden und ihm damit sehr schaden, genauso wie dem Ansehen der Staatsanwaltschaft.“ Sie grinste, als Alvarez leise knurrte. Er hasste solche Dinge. „Du hast ihm wohl einen gehörigen Schrecken eingejagt.“

„Meine Güte, kann ich doch nicht ahnen, dass man sich gleich so angegriffen fühlt. Ich hatte in dem Moment auch keinen Kopf für lange Gedankengänge. Ich musste mir schnell etwas einfallen lassen, um vor Francis nicht das Gesicht zu verlieren. Es war nicht geplant, dass er gleich empört aufspringt und wegrennt. Meine Güte, das war ein Joke. Der Blödmann, der.“ Alvarez knurrte leise, als er sich daran zurück erinnerte. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit dieser Reaktion.

„Alvi, hörst du wohl auf, so gemeine Dinge zu sagen.“ Leticia versetzte ihrem Bruder einen Klaps auf die Schulter. „Es ist doch nicht seine Schuld, dass du gelogen hast.“ Entgegen ihrer Worte lächelte sie. Dieser Connor hatte Alvarez ziemlich zugesetzt. „Erzähl mir lieber, warum du in einer Mülltonne warst. Connor muss auch da gewesen sein, da ihr da ja geredet habt. Gab es keinen bequemeren und sauberen Ort?“

„Das hab ich dem Kerl zu verdanken. Da bewahre ich ihn vor einem Aufschlag auf dem harten Asphalt, weil der Blödmann nicht in der Lage ist seine Flügel zu benutzen und zum Dank fegt er mich mit seinen wild rudernden Flügeln in die Mülltonne“, knurrte Alvarez, als er sich noch einmal daran erinnerte.

„Flügel?“ Leticia machte große Augen und stupste Alvarez an. „Wieso hat er Flügel? Ich denke, er ist ein Mensch. Zumindest habe ich bisher noch nichts Gegenteiliges gehört.“ Sie dachte nach und schüttelte den Kopf. „Ein Vampir?“ Das waren die einzigen Wesen, die Flügel hatten.

„Ich schätze mal, bis zu dem Augenblick war er auch noch ein Mensch. Und dann muss etwas passiert sein, was den Vampir in ihm geweckt hat, um zu überleben. Ich schätze mal, dass jemand versucht hatte, ihn vom Parkhaus zu werfen und wie er da so fiel und nichts mit den Flügeln machte, die auf seinem Rücken waren, habe ich ihm einen Schubs gegeben, damit er in den Müll fiel und nicht auf den Asphalt. Und dann war er voller Panik, wusste nicht wie er die Flügel wieder los wird… der war völlig durch den Wind.“ Alvarez erinnerte sich nicht gern daran, Connor hatte ihm leidgetan und er hatte ihm noch nicht einmal helfen können.

„Ein Jungvampir und er hatte keine Ahnung davon?“ Von so etwas hatte Leticia noch nie gehört. „Der arme Junge. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie er sich gefühlt hat. Warum hat ihn denn niemand darauf vorbereitet? Das ist doch sehr gefährlich. Stell dir nur mal vor, das wäre woanders passiert und die Menschen hätten das mitbekommen.“

„Hm“, machte Alvarez nur. Er hatte selber noch gar nicht darüber nachgedacht, woran das liegen konnte, dass Connor in seinem Alter noch nichts von seiner eigentlichen Rasse gewusst hatte. Waren seine Eltern nicht in der Lage gewesen ihn darauf vorzubereiten? Nachdenklich streckte sich Alvarez, ehe er sich wieder zusammen rollte.

„Was hast du jetzt vor, Alvi?“ Leticia strich ihm weiter durch die Haare und lächelte. Wenn ihr Bruder nur brummte, beschäftigte ihn etwas, aber er wollte es nicht zugeben. Bisher hatte er sie noch nie enttäuscht und sich richtig entschieden. „Er wird fürchterliche Angst haben.“

„Ich weiß, was du jetzt von mir erwartest, Kätzchen. Ich weiß nur nicht, ob ich derjenige bin, den er jetzt sehen will.“ Alvarez sah seine Schwester an und grinste schief. Sie wussten beide, dass er Connor folgen und versuchen würde ihm zu helfen.

Aber nicht jetzt.

Jetzt musste er sich selbst erst einmal klar darüber werden, was er tun sollte. Connor war verstört und sensibel. Er durfte sich also keine flapsigen Sprüche mehr leisten.

Und dafür musste er planen.

„Lass ihn nur nicht alleine.“ Leticia war zufrieden. Das lief auf jeden Fall in die richtige Richtung. „Was weißt du über Vampire? Nicht viel, oder?“ Sie knabberte an ihrer Unterlippe. Ein untrügliches Zeichen, dass sie nachdachte. „Ich leider auch nicht. Wir sollten uns einen greifen und ausquetschen.“

„Wo holt man sich denn mal eben einen Vampir her?“, murmelte Alvarez. „Ist ja nicht so, als würden die im Supermarkt im Regal stehen und nur darauf warten, dass man sie sich holt.“ Er selbst hatte mit Vampiren nicht viel zu tun. Weswegen er auch keinen kannte, dem er so weit vertraute, dass er ein derart heikles Thema besprechen konnte.

Leticia lachte und küsste Alvarez auf die Stirn, nachdem sie die mit einem Zipfel ihres Nachthemdes sauber gewischt hatte. „Ich kenne ein paar Vampire, die man fragen könnte. Der Mann, meiner Freundin Cat zum Beispiel ist ein Vampir. Sie ist die Schwester von Caleb, dem Vater von Rina und Ranu. Er ist wirklich sehr nett.“

„Noch eine Katze mit einem Vampir“, sagte Alvarez, nickte aber. Er hatte noch nicht sehr oft gehört, dass Katzen und Vampire sich fanden und sich verliebten. Und nun schlug er selbst in diese Kerbe?

War er dabei sich zu verlieben?

In einen Kerl?

In einen Vampir?

Er wollte es nicht zugeben, doch ganz tief drinnen wusste er es bereits. Der Kerl war sein Schicksal. „Vielleicht sollten wir mit ihm reden, ehe ich bei Connor noch mehr Porzellan zerschlage.“

„Du bist der wunderbarste Bruder, den man nur haben kann.“ Leticia strahlte. „Viele Katzen sind mit Vampiren zusammen, aber ich kenne nur ein Heteropaar. Alle anderen Vampire haben sich mit einem Kater zusammengetan.“ Übermütig zupfte sie an Alvarez´ Haaren. „Ich rufe Cat und Ryan nachher an, ob sie Lust und Zeit haben, vorbei zu kommen.“

„Ich werde das Gefühl nicht los, dass du gerade sichtlich Spaß an der ganzen Sache hast, kann das sein?“ Alvarez überschlug im Kopf, welche Konsequenzen es haben konnte, wenn er sich auf jemanden einließ. Es war für ihn klar, dass er zurück ging nach Brasilien. Eigentlich hatte eine Bindung keine Zukunft. Doch vielleicht kam es gar nicht so weit, weil Connor ihn wirklich nicht wollte. Doch er schüttelte den Kopf, er machte sich Gedanken über ungelegte Eier.

„Du kennst mich wirklich gut.“ Leticia versuchte schuldbewusst zu schauen, was das Funkeln in ihren Augen aber zunichtemachte. „Ich liebe dich, Alvarez und ich will, dass du glücklich bist. Du bist schon viel zu lange allein. Connor, ist seit ewigen Zeiten der erste, der dich aus der Fassung gebracht hat. Ich möchte nur, dass du es nicht von vornherein ablehnst.“ Sie strich ihm noch einmal über die Wange. „Und jetzt ab unter die Dusche und dann ins Bett. Du musst von einem Vampir träumen.“

„Lass das“, sagte Alvarez nur, doch er erhob sich. „Ich werde realistisch an diese ganze Sache heran gehen. Aber nicht jetzt. Ich muss wirklich erst einmal versuchen, den Mist und den Gestank loszuwerden.“ Am liebsten würde er vor sich selbst davon laufen und er war sich sicher, dass er jetzt noch eine halbe Stunde einweichen musste, um den Dreck wegzuwaschen.

Leticia war nicht enttäuscht, dass Alvarez nicht so enthusiastisch war wie sie. Das kannte sie schon. Der schwarze Panther brauchte Zeit und sie hatte ihm einiges zum Nachdenken gegeben. Der Samen war also gepflanzt. Er musste nur noch wachsen. Sie ließ sich von ihrem Bruder hochziehen und folgte ihm ins Haus. „Wir sehen uns nachher zum Frühstück.“

„Ja, wahrscheinlich“, murmelte er und lief vor ihr her ins Haus und direkt in sein Zimmer und ins Bad, um so wenig Dreck wie nur möglich zu verlieren. Entgegen der Worte seiner Schwester versuchte er nicht zu grübeln, sondern den Kopf leer zu bekommen. Es brachte nichts, Gedanken von links auf rechts und wieder auf links zu drehen. Er musste neu anfangen zu überdenken. Das tat er, als er endlich in die Laken gekrochen war.

Er war müde, aber gleichzeitig zu aufgedreht zum Schlafen und die schweren Gedanken, die er wälzte, machten es auch nicht leichter. Immer wieder, drehte er sich von einer Seite, auf die andere, aber egal, wie er lag, er kam weder in den Schlaf, noch kam er zu einem Ergebnis, was Connor betraf. Dazu kam das immer drängender werdende Gefühl, dass der junge Staatsanwalt nicht mehr da war, wenn er ihn im Laufe des nächsten Tages aufsuchen würde.

„Ach verdammt“, knurrte er nach einer Weile, und setzte sich auf. „Wehe, du liegst jetzt friedlich in deinem Bett und schläfst“, murmelte er und stand auf, um sich etwas anzuziehen. Er wusste ja nun, wo er den jungen Mann suchen musste, schließlich hatte er ihn in dessen Villa schon ein wenig bespitzt. Leise schlich er die Treppe hinunter und legte seiner Schwester einen Zettel hin. Sie sollte sich nicht sorgen, wenn er nicht zum Frühstück kam.

Dann war er aus dem Haus und durch den Garten auf der Straße.

Schnell hatte Alvarez sich orientiert und trabte los. Connor wohnte gar nicht so weit weg. Nur ungefähr fünfzehn Blocks. Das war kein Problem für einen gut trainierten, ausdauernden Jaguar, auch wenn er in seiner menschlichen Gestalt laufen musste. Es war erstaunlich, wie viele Menschen um diese Zeit noch auf den Beinen waren, aber es hieß ja nicht umsonst, dass eine Stadt wie New York niemals schlief. Blieb zu hoffen, dass Connor auch nicht schlief, denn Alvarez hatte nicht vor, den Staatsanwalt aus dem Schlaf zu reißen.

Er würde mit ihm reden, wenn der das wollte, aber er würde ihn nicht wecken, wenn er wider Erwarten schlief. Zwar konnte sich der Jaguar das nicht vorstellen, dass es Connor ungerührt ließ, was mit ihm passierte. Aber Alvarez würde auch warten, bis der junge Mann wach war.

Wenn es nötig würde.

Er schien richtig gelegen zu haben mit der Vermutung, dass das Geschehene auch an Connor nicht spurlos vorüber gegangen war, denn er konnte schon aus einiger Entfernung sehen, dass in der Villa Licht brannte. Jetzt war nur die Frage, ob Connor überhaupt mit ihm sprechen wollte. Alvarez lief die letzten Meter bis zum Tor. Es war nicht sehr hoch, darum war es kein Problem für ihn darüber zu springen. Er wollte erst einmal die Lage sondieren, wo Connor sich aufhielt. Also suchte er sich einen der hohen Bäume im kleinen Garten, der zum Haus gehörte und erklomm die alte Erle mühelos. Auf einem Ast sitzend hatte er einen guten Blick sowohl in einen Teil der Räume der oberen Etage als auch schräg von oben in die Räume darunter. Er suchte den Mann, lauschte, doch die Stadt dämpfte alles, was Connor verraten hätte.

Er musste also darauf warten, dass der Mann sich in einem der Zimmer zeigte, die er von seiner Position aus einsehen konnte. Im Schlafzimmer war er nicht, auch wenn das beleuchtet war. Alvarez wollte schon die anderen Zimmer näher unter die Lupe nehmen, als er eine Bewegung im Schlafzimmer wahrnahm. Eine Tür hatte sich geöffnet und Connor kam mit einer Reisetasche in der Hand wohl aus seinem Ankleidezimmer, wenn er das richtig erkennen konnte. Na da verschwendete aber jemand keine Zeit. Besser Alvarez handelte. Also machte er kurzen Prozess und sprang vom Baum auf den kleinen Balkon vor dem Schlafzimmer.

Er stellte sich vor das Glas und klopfte.

Es bereitete ihm ein klein wenig Genugtuung, dass Connor erschrocken zusammenfuhr und ein paar Schritte rückwärts stolperte. Schließlich hatte er Alvarez eine schlaflose Nacht bereitet. „Mach auf Connor. Ich bin es, Alvarez“, rief er durch das Glas, weil Connor ihn wohl nicht gleich erkannt hatte. Nur zögerlich kam der junge Mann näher zur Balkontür und versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen.

„Wie kommst du hier her und woher weißt du, wo ich wohne?“, fragte er misstrauisch, öffnete aber nicht. Alvarez knurrte leise, der Kerl war aber auch so was von anstrengend.

„Ich gebe dir einfach ein paar Stichworte und du machst eine für dich schlüssige Geschichte daraus“, sagte er und legte den Kopf schief. Connor schien ihn jetzt erkannt zu haben und öffnete trotzdem nicht.

Sturer Hund.

„Jaguar, gute Nase, Duftspur folgen, Mülltonne.“

„Sehr witzig“, knurrte nun auch Connor, öffnete aber die Tür. Er hatte für sich beschlossen, dass der andere Mann wohl nicht gekommen war, um ihn zu töten, das hätte er in der dunklen Gasse einfacher haben können. „Komm rein.“

„Sehr freundlich“, erklärte Alvarez, beeilte sich aber in das Zimmer zu treten, ehe Connor es sich wieder anders überlegte. Er versuchte zu ignorieren, dass es Connors Schlafzimmer war und sah lieber auffällig unauffällig auf die Reisetasche. „Urlaubspläne?“, wollte er wissen.

„Weder Urlaub noch Pläne. Wohl eher eine Kurzschlussreaktion.“ Connor setzte sich auf das Bett und rieb sich über die Augen. „Vielleicht zerfalle ich ja zu Staub im Sonnenlicht und ich sollte lieber den Rest meines Lebens im Keller verbringen. Aber lebe ich überhaupt noch, oder bin ich schon tot?“, murmelte er vor sich hin. In seinem Kopf schien es genauso durcheinander zu gehen, wie bei Alvarez, nur dass Connor gar nicht erst versucht hatte zu schlafen.

„Das ist Blödsinn, Connor. Du wirst nicht zu Staub zerfallen. Was in den Büchern und den Filmen gezeigt wird, ist Schwachsinn. Also tob weiter durch dein Haus und leg dich in die Sonne. Du bist noch am Leben, also genieße es auch.“ Alvarez lehnte mit dem Rücken an der Wand neben der Balkontür und beobachtete Connor eindringlich. Er wirkte verstört, nur verständlich.

„Welches Leben, Alvarez? Du meinst, ich sollte einfach so weitermachen wie bisher?“ Connor ließ sich nach hinten fallen und seine Stimme klang bitter. „Auch wenn ich nicht zu einem Leben in der Nacht verdammt bin, ändert es nichts daran, dass ich kein Mensch bin. Anscheinend gibt es außer den Menschen noch mindestens zwei weitere Spezies auf der Erde und ich glaube nicht, dass alles, was man über Vampire weiß, erfunden ist. Oder brauche ich kein Blut, um zu überleben?“

„Connor“, sagte Alvarez. Er hatte sich keine Vorstellung davon gemacht, wie dieses Gespräch verlaufen würde und nun wusste er nicht so richtig, wie er Connor helfen sollte. Er konnte jetzt nur nach seinem Bauchgefühl gehen und hoffen, dass er nichts Falsches tat. „Du bist über dreißig Jahre alt und hast noch nie Blut zu dir genommen? Wie hast du so lange überlebt?“

„Ich weiß doch auch ni...“ Connor schoss hoch und sah Alvarez mit großen Augen an. „Die Bluttransfusionen“, rief er und sprang vom Bett auf. „Als ich das erste Jahr im College war, wurde ich krank. Man hat festgestellt, dass mein Körper nicht genug Blut produziert. Seit dem bekomme ich regelmäßig Transfusionen, ein bis zweimal die Woche.“

„Bingo“, grinste der Kater und lachte leise. So kamen sie der Sache schon näher. „Der Vampir war also erwacht. Aber weil er regelmäßig bekommen hat, was er braucht, ist er nicht weiter durchgebrochen. Und erst als du dem Tode nahe warst, hat er sich gezeigt um dich zu retten. Jetzt bist du er.“

„Langsam, langsam.“ Connor griff sich an den Kopf. „Du willst damit sagen, ich war gar nicht krank, sondern brauchte Blut, weil ich ein Vampir bin.“ Er holte tief Luft und ließ sich wieder auf das Bett fallen. „Du scheinst einiges über Vampire zu wissen. Worauf muss ich mich noch einstellen?“


08 

„Stopp, Connor, stopp!“, sagte Alvarez und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wie kann es sein, dass deine Eltern dich nie aufgeklärt haben, dich das Trinken nicht gelehrt haben und auch nicht das Fliegen? Warum weißt du nichts über deine Art?“ Das irritierte den Kater sichtlich. Es war ihm vorhin in der Gasse noch nicht so bewusst geworden – aber jetzt.

„Weil sie es nicht wissen konnten.“ Connor setzte sich wieder auf. „Ich war erst ein paar Tage alt, wie sie mir erzählt haben, da hat man mich in einem Müllcontainer gefunden. Mehr tot als lebendig.“ Connor grinste schief, als ihm die Parallele zu Alvarez auffiel. „Man brachte mich in ein Krankenhaus, wo ich wohl auch ein paar Wochen bleiben musste. Es stand einige Zeit auf der Kippe, ob ich überleben würde. Die Sozialbehörde hat eine Pflegefamilie für mich gesucht, als ich entlassen werden konnte und das waren meine Eltern. Sie haben mich bei sich aufgenommen und mich kurz darauf adoptiert. Es ist nichts über meine Erzeuger bekannt. Alle Versuche etwas herauszufinden verliefen im Sand.“

„Nicht gerade die feine englische Art“, murmelte Alvarez, „passt aber zu dem Ruf, den ein paar der Vampire haben.“ Wahrscheinlich war der kleine Junge jemanden in seiner Karriere im Weg gewesen. Aber so ging man mit einem Kind nicht um, niemand hatte es verdient einfach weggeworfen zu werden, schon gar kein Kind. Alvarez‘ Gesicht verschloss sich für ein paar Augenblicke, dann sah er wieder auf. „Du hast Glück gehabt und du hast es verdient. Du bist ein guter Kerl.“

Connor sah Alvarez an und sein Blick machte klar, dass er nicht wusste, was er von den Worten halten sollte, aber dann schüttelte er den Kopf. „Ja, ich habe Glück gehabt. Ich hatte eine schöne Kindheit. Ungewöhnlich, verrückt aber sehr glücklich und ich wurde geliebt.“ Kurz huschte ein Lächeln über sein Gesicht, wurde aber gleich wieder ernst. „Vampire scheinen nicht die netten und liebevollen Typen zu sein, wie ich deinen Worten entnehmen kann.“

„Es gibt Ausnahmen. Nicht alle Vampire sind Bastarde. Es gibt welche, die sind ziemlich nett und cool. Aber die meisten sind ziemliche Arschlöcher, die in der Hierarchie ihres Clans fest verwurzelt sind und alles für ihren Aufstieg tun.“ Das hatte Connor wohl am eigenen Leibe erfahren. „Also lass dich nicht runter ziehen und leb weiter dein Leben. Du hast es verdient.“

„Danke, dass du mich für kein Arschloch hältst.“ Connor grinste schief. „Aber mein Leben einfach so weiterleben wie bisher, kann ich nicht. Was heißt es ein Vampir zu sein? Wie oft werde ich Blut brauchen? Wie viel? Muss ich dafür töten? Stecke ich jemanden damit an? Wie viele Vampire gibt es überhaupt? Reichen weiterhin die Bluttransfusionen?“ Man sah ihm an, dass er vollkommen ratlos war. „Lieber sterbe ich selber, als jemanden zu töten, um zu überleben.“

„Das ist Blödsinn. Man muss nicht töten, um zu trinken, ganz im Gegenteil. Es soll wohl Vorteile haben, wenn der Spender am Leben ist.“ Alvarez grinste dreckig, doch dann kam er näher zu Connor. „Wie viel Blut du brauchen wirst, das hängt davon ab, wie viel dein Körper reparieren muss. Manchen reicht einmal in der Woche, andere brauchen vier Konserven die Nacht, weil sie verletzt worden sind. Das ist nicht so spezifisch zu erklären. Keinen Schimmer wie viele Flattermänner es gibt. Schon vergessen? Ich bin eine Katze, kein Vampir.“

„Eine ziemlich große, schwarze Katze.“ Connor war noch immer durcheinander, auch wenn er nun wusste, dass er nicht töten musste. „Ziemlich furchteinflößend, muss ich schon sagen, aber herrlich weiches Fell.“ Er erinnerte sich an den kurzen Augenblick, als er den Panther berührt hatte und leider auch zu gut daran, wie herrlich sich die nackte Haut unter seinen Fingern angefühlt hatte, als Alvarez wieder menschlich gewesen war. Er sah den Mann, der vor ihm stand, an. Er sah gut aus, sogar richtig heiß, aber Connor verbot sich jetzt an so etwas zu denken. „Kannst du mir noch mehr erzählen?“

„Keine Ahnung. Frag mich doch einfach was, und ich versuche es dir zu erklären.“ Er hatte keinen Schimmer, was Connor interessieren könnte oder was er jetzt auf die Schnelle noch wusste. Leider wollte Leticia erst nach dem Frühstück mit Ryan und Cat reden. Jetzt musste Alvarez auf das zurückgreifen, was er noch wusste. „Also frag mich“, versuchte er Connor zu ermuntern.

„Das könnte länger dauern.“ Connor rieb sich über das Gesicht. „Lass uns runter gehen. Da kannst du dich auch setzen, obwohl mach es dir ruhig hier auf meinem Bett bequem, wenn du möchtest.“ Connor sah sich um. Platz hatten sie hier zu zweit auf jeden Fall genug und sie konnten sich lang machen, wenn sie wollten. „Möchtest du etwas trinken? Kaffee, Wein oder was Härteres? Ich brauche auf jeden Fall was.“

„Lass uns runter gehen und einen Kaffee trinken“, schlug Alvarez vor. Den jungen Mann verlockend neben sich auf dem Bett zu haben, in einer solch verletzlichen Situation, war keine gute Idee. Seit er Connor kannte, traute er sich selbst manchmal nicht über den Weg. „Und dann kannst du mich ja immer noch mit Fragen bombardieren.“

„Dann komm.“ Connor erhob sich und lief vor, runter in die Küche. „Was möchtest du? Kaffee, Espresso, Cappuccino oder einen Latte Macchiato? Such dir was aus.“ Connor schaltete die Maschine an und öffnete den Kühlschrank. Er brauchte unbedingt etwas in den Magen. Das war bei ihm schon immer so gewesen, wenn er Stress hatte, brauchte er was zu essen. „Auch ein Sandwich?“

„Ja, warum nicht. Aber keinen Käse. Ich habe vorhin noch eine ganze Weile gebraucht, bis ich das alles zwischen den Zehen wieder raus geduscht hatte.“ So schnell hatte er nicht wieder Lust auf Käse oder Pizza oder Spaghetti. Die Mülltonnenerfahrung war noch zu frisch. „Aber ein großer Pott schwarzer Kaffee wäre für einen schwarzen Jaguar genau das richtige.“ Er folgte Connor durch das Haus und in die Küche. Er kannte sich schon etwas aus im Haus, weil er lange durch die Fenster gesehen und die Struktur des Hauses studiert hatte.

Es war das erste Mal seit Stunden, dass Connor lachen konnte. Entschuldigend sah er Alvarez an, der mit verschränkten Armen vor ihm stand. „Tut mir leid. War wohl meine Schuld, dass du im Müll gelandet bist. Schwarzer Kaffee und ein Sandwich ohne Käse kommen sofort.“ Connor brühte den Kaffee und holte aus dem Kühlschrank alles, was er gerne aß.

„Das, das und das lass bei mir bitte weg“, sagte Alvarez, als er auf Schinken, Salami und Bratenaufschnitt zeigte. „Die Katze in mir verlangt zwar nach Fleisch, aber als Mensch bin ich Vegetarier“, erklärte er und zog Tomaten und Gurken zu sich heran. Da die meisten nicht auf einen Vegetarier vorbereitet waren, kam er auch mit Tomaten und Gurken auf einen Sandwich super klar.

„Okay.“ Connor guckte ein wenig ungläubig, denn damit hatte er nicht gerechnet. „Warum bist du Vegetarier?“, fragte er und machte sich schon daran die Gurke und die Tomaten in Scheiben zu schneiden. „Wenn wir uns vor zehn Jahren getroffen hätten, wäre meine Auswahl für dich größer gewesen. Da hatte ich meine vegetarische Phase. Ist mir nicht sehr gut bekommen. Ich bin ziemlich abgemagert, obwohl ich eigentlich gut und auch kalorienreich gegessen habe. Darum habe ich es wieder aufgegeben.“

„Du bist ein Vampir. Du brauchst die Inhaltsstoffe des Blutes, die sich auch in Muskelfleisch nachweisen lassen. Du wirst niemals ein gesunder Vegetarier sein können, wenn du nicht trinkst“, sagte Connor und wollte sich noch nicht einmal vorstellen, wie das aussah, wenn an Connor noch weniger dran war. „Magerer solltest du allerdings nicht werden“, murmelte er leise und sah Connor dabei zu, wie er sich um Kaffee und Brote kümmerte. Das Licht in der Küche war nur dämmrig, das machte Alvarez nichts aus.

„Tja, jetzt ergibt das Sinn. Meinen Ärzten war es ein Rätsel.“ Connor sah sich zu Alvarez um und reichte ihm den Teller mit den Sandwiches. „Bin ich dir zu dünn?“, fragte er mit einem schelmischen Funkeln in den Augen. „Ich bin seit meiner Pubertät so. Meinst du, das liegt daran, dass ich kein Blut getrunken habe? Wie schmeckt das Zeug überhaupt. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass das lecker ist.“

Die Frage nach seiner Figur hatte Alvarez dezent überhört und nahm dafür den weiteren Gesprächsfaden wieder auf, ehe er sich selber noch in eine Falle balbierte, die er gerade nicht gebrauchen konnte. „Ich habe lange kein Blut mehr getrunken und es schmeckt … na ja, wie soll man das beschreiben? Meistens passiert das bei Katzen nur im Rausch der Leidenschaft, da ist Blut sowieso noch ganz anders angereichert als normal.“ Irgendwie rutschte er gerade doch in die Themenecke, die er hatte vermeiden wollen.

„Im Rausch der Leidenschaft, so so.“ Connor grinste und versuchte es dadurch zu verbergen, dass er den Kaffee in Tassen goss. „Aber deinen Worten kann ich entnehmen, dass es wohl nicht eklig schmeckt.“ Er drehte sich um und grinste nun offen. „Wäre ja auch irgendwie sinnfrei, wenn das, was ich zum Leben brauche, nicht lecker wäre.“

„Na ja, lecker.“ Alvarez verzog das Gesicht. Es war eben immer eine Frage der Einstellung. „Bei einem Teil der Opfer wirkt euer Cocktail eben anregend, weswegen auch beim Trinken das Blut noch um einiges anregender wird. Aber das ist eigentlich unwichtig. Hast du andere Fragen? Das Blut kann ja nicht alles sein, was dich interessiert.“ Alvarez setzte sich auf einen der Hocker an der Theke und trank einen Schluck Kaffee. Es war kurz vor Morgengrauen – der perfekte Zeitpunkt für einen Kaffee.

Kurz sah Connor Alvarez fragend an, zuckte dann aber mit den Schultern. Das Thema war wohl nichts, worüber Alvarez gern redete. Er nahm sich seinen Teller und seine Tasse und setzte sich neben den Kater. „Wie sieht das aus, haben Vampire besondere Fähigkeiten? Dass sie Flügel haben, weiß ich schon, was ich schon absonderlich genug finde. Wieso sind sie nicht immer da und wo sind sie, wenn man sie nicht sieht? Sie können sich doch nicht einfach so in Luft auflösen.“

„Falscher Adressat für deine Frage. Schon vergessen? Katze? Ohne Flügel?“ Er deutete auf seinen Rücken, während er in sein Sandwich biss und grinste. „Ich weiß nicht so viel über euch. Vielleicht sollte ich die Freunde meiner Schwester mal mit dir bekannt machen. Ich glaube, dass Ryan als Vampir deine Fragen besser beantworten kann. Ich weiß nur, dass man sie erscheinen und verschwinden lassen kann, so wie man es gerade braucht, dass das aber etwas Übung braucht.“

„Was ich schon herausgefunden habe.“ Connor nahm es Alvarez nicht übel, dass er ihn zu Tode erschreckt hatte, denn es hatte ja geholfen. „Apropos Katze. Kannst du dich jederzeit wandeln, wann du willst? Tut das weh, oder was ist das für ein Gefühl?“, wollte er neugierig wissen. „Und was ist das, wenn du halb Katze und halb Mensch bist. Das war wirklich furchteinflößend.“

„Es ist auch dafür gedacht, Furcht zu erregen. Es ist das Ambigua, so nennt sich unsere Zwischenform. Sie vereint das Mächtigste von beiden Formen. Wenn junge Katzen geboren werden, sind sie fast ein Jahr lang nur Katzen. Erst dann beginnen sie sich zu wandeln und das müssen sie lernen. Anfangs passiert das noch unwillkürlich, aber man lernt das schnell. Das wird bei dir nicht anders sein mit deinen Flügeln, mit deinen Sinnen. Es tut nicht weh, es passiert einfach.“

„Hmm“, machte Connor nur und sah Alvarez an. „Das musst du mir irgendwann noch mal zeigen. Gestern war ich irgendwie abgelenkt.“ Erst jetzt fiel ihm wieder ein, was Alvarez vorhin gesagt hatte. „Habe ich das grad richtig verstanden, dass du einen Vampir kennst, der meine Fragen beantworten kann?“

„Ich kenne Cat und Ryan nicht so gut wie meine Schwester. Es sind ihre Freunde, ich habe sie nur sehr selten gesehen“, erklärte der Jaguar noch, dann wandelte er sich komplett und sprang aus seinem Berg Klamotten auf die Theke, damit man ihn im Licht der Strahler besser begutachten konnte. So sah man auch die Flecken in seinem Fell und Alvarez drehte sich, damit man ihn besser begutachten konnte.

Erschrocken jappste Connor. Es kam ja nicht jeden Tag vor, dass ein schwarzer Panther auf der Esstheke hockte. Er hatte sich aber ziemlich schnell wieder im Griff. „Wehe, du leckst mir wieder über das Gesicht“, knurrte er, aber seine Augen leuchteten. Das glänzende Fell lud praktisch dazu ein, mit den Fingern hindurch zu fahren. „Darf ich dich anfassen?“, fragte er darum.

Alvarez legte nachdenklich den Kopf schief. Er durfte Connor nicht ablecken, aber der wollte ihn anfassen? Da ging aber einer von beiden ziemlich leer aus. Er reichte ihm erst mal nur eine Pfote und würde nur mehr bieten, wenn er auch etwas dafür bekam. Das sagte sein Blick ganz deutlich.

Erst war Connor ein wenig irritiert. Er strich über die Pfote und wunderte sich, warum sie weggezogen wurde, als er mit den Fingern höher streichen wollte. Er sah Alvarez an und es machte Klick, als der immer wieder die Zunge raus hängen ließ. „Och nee, nicht abschlecken. Geht nicht auch was anderes? Du darfst dir auch was aussuchen, aber nicht das.“

Doch der Kater schüttelte den Kopf. Gerade weil sich der Vampir derart sträubte, machte es Alvarez nur noch mehr Spaß. Er konnte sich gerade nicht viel vorstellen, was ihm im Augenblick mehr Freude bereiten würde. Er ließ seine Zunge wieder heraus hängen, seine Fänge blitzten dabei und er wedelte mit seiner Pfote, um Connor zu locken.

Connor verzog die Augen zu Schlitzen. „Das macht dir Spaß, was? Du weißt ganz genau, dass ich dir durch das Fell streichen möchte. Na gut, aber nur ein mal und kurz, kein Nachschlecken, oder so was“, bestimmte er und schloss schon mal die Augen. Er wollte das hinter sich bringen. „Aber eins sag ich dir, wenn ich es kann und das Zeug mir schmeckt, dann werde ich dich beißen und mich an deinem Blut laben, für diese Schmach.“ Er öffnete noch mal ein Auge und grinste, denn er hatte das nicht ernst gemeint. „Dafür will ich dich aber richtig knuddeln, ausgiebig, überall.“

Der Kater schnurrte laut und legte Connor eine Pfote auf die Brust, ehe er ihn einfach umwarf und sich auf ihn schmiss. Auf seiner Brust liegend leckte er zufrieden über Connors Gesicht. Der war auf den Boden gepinnt durch das Gewicht des Jaguars und konnte nicht weglaufen. Und so kam die Zunge – wieder und wieder und wieder.

„Ihh, lass das“, schrie Connor immer wieder und versuchte die Katze von sich zu stoßen, aber er konnte seine Arme nicht benutzen. Er zappelte und strampelte, drehte sein Gesicht hin und her, aber die Zunge fand immer wieder ihr Ziel. Er hatte schon ein ganz nasses Gesicht, als er sich nicht mehr zu helfen wusste und einfach die Katzenzunge mit seinen Zähnen einfing, als sie wieder über seinen Mund leckte.

Alvarez zuckte sofort zusammen und stoppte. Wie kam Connor denn jetzt auf die Idee? Er sah Connor direkt in die Augen, bewegte sich aber nicht. Kurz hatte er den Drang an seiner Zunge zu ziehen und Connor sein Blut schmecken zu lassen, doch er war unsicher wie der labile Vampir darauf reagieren würde. Und er konnte sich auch nicht wandeln, das hätte Connor bestimmt falsch verstanden. Er knurrte also leise und warnend.

„Hörscht du auf, dann lasch ich los?“, nuschelte Connor durch die Zähne. „Dasch war scho fiesch.“ Er war schon richtig aus der Puste vom Zappeln und Schreien.

Der Kater nickte, wenn auch missmutig. Er hörte nicht auf zu grollen. Connor durfte ruhig wissen, dass er sich gerade erfolgreich einen heimtückischen Überfall ergattert hatte, wenn er nicht mehr damit rechnete.

Keiner machte das mit Fantasma Negro.

Wie versprochen, ließ Connor die Zunge los und atmete tief durch. „Nicht grollen, da kriegt man ja Angst.“ Er wunderte sich etwas, dass er die trotz seiner Worte nicht hatte, obwohl die spitzen Fänge nur wenige Zentimeter über seinem Gesicht schwebten. „Los runter von mir und ab auf die Couch, ich hab mir meine Belohnung redlich verdient. Ich geh mir nur kurz das Gesicht waschen, dann wirst du nach allen Regeln der Kunst geknuddelt und ich will deine Zwischenform noch mal sehen.“

Man sah dem Kater die Panik an und dass er einen Ausweg aus seiner persönlichen Hölle suchte. Knuddeln war so ziemlich das schlimmste, was man dem Clanchef antun konnte. Er hockte auf dem Boden, sah Connor hinterher. Doch dann straffte sich der Kater. Er hatte es Connor versprochen – da musste er jetzt durch. Er lief also rüber ins dunkle Wohnzimmer und sprang auf die Couch, arrangierte sich die Kissen und rollte sich zwischen den Kissen auf dem Rücken hin und her.

So fand ihn Connor, als er ein paar Minuten später ins Wohnzimmer kam.