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Katzenaugen 8 - Fantasma Negro - Teil 9-11

09 

„Dir geht‘s ja gut“, lachte er leise und kam näher. Entgegen seiner Worte vorhin, stürzte er sich nicht auf die Katze und knuddelte sie, sondern kniete sich vor die Couch und besah sich das schwarze Tier erst einmal genau. Vorsichtig und etwas zögerlich strichen seine Finger durch das weiche Fell und er lächelte versonnen dabei. Mit einer Vorderpfote fing er an, ertastete die Muskeln und Sehnen und strich sie nach. Weiter ging es mit der Schulter und dem Hals. „Du bist wunderschön, weißt du das eigentlich?“

Alvarez, der auf dem Rücken lag und den Kopf etwas über die Sitzfläche nach unten hängen ließ, nickte heftig. Sicher war er der schönste und größte und stärkste Jaguar. Wer sollte das denn sonst sein? Vorsichtig nahm er die andere Pfote und strich mit der Rückseite über Connors Hals. Er grollte dunkel.

„Dachte ich mir, dass du das schon wusstest.“ Connor lächelte und schloss die Augen, als das Fell über seine Haut strich. „Warum kann ich nicht auch eine Katze sein und kein blöder Vampir. Ich will auch wunderschön sein“, maulte er leise, aber seine Augen blitzten schalkhaft dabei. Er stupste Alvarez mit einem Finger auf die Nase und strich ihm dann über den Kopf.

Der Nachteil daran, gerade eine Katze zu sein, war, dass er nicht reden konnte. Also wandelte er sich in sein Ambigua, verharrte aber immer noch in der gleichen Position und grinste, als Connor zuckte und verwirrt auf ihn blickte. „Vampire sind ebenfalls sehr schön. Wenn der Vampir in dir erst einmal anfängt richtig zu ticken, dann wir er anfangen Makel auszumerzen, deine Zellen zu regenerieren, deinen ganzen Körper in Schuss zu bringen. Dann kannst du auch bald so was.“ Er riss sich mit einer Kralle kurz über den Unterarm und sah dabei zu, wie die Wunde wieder verheilte.

Aus dem ersten Impuls heraus wollte Connor nach dem Arm greifen und versuchen die Blutung zu stillen, aber mitten in der Bewegung hielt er inne und sah auf die wenigen Blutstropfen, die aus der Wunde getreten waren. Rot und glänzend liefen sie über Alvarez‘ Arm und Connor konnte seinen Blick gar nicht abwenden. Er leckte sich über die Lippen und zuckte zusammen, als er einen scharfen Schmerz an seiner Zunge spürte. „Was?“, fragte er irritiert und griff sich an den Mund, denn er schmeckte Blut.

Alvarez zog Connor am Nacken vorsichtig näher zu sich, um genauer zu sehen, was passiert war. Er grinste. „Deine Fänge. Dein Körper will Blut und jetzt rüstet er sich dafür es zu bekommen. Deine Sinne werden sich schärfen. Du wirst besser riechen können, besser sehen und hören. Du wirst für die Jagd bereit sein, Connor. Ich weiß nicht, ob sich deine Blutarmut jetzt, wo der Vampir erwacht ist, noch durch Konserven regulieren lässt.“

„Ja, aber“, stotterte Connor sichtlich durcheinander und tastete vorsichtig seine Zähne ab, weil er nicht glauben konnte, dass sie wirklich da waren, aber Alvarez hatte nicht gelogen. Seine Eckzähne waren länger und sehr spitz geworden. Es war wohl nicht mehr zu leugnen, dass etwas mit ihm ganz und gar nicht normal war und er sackte in sich zusammen. „Du meinst, ich brauche Blut? Aber von wem denn? Ich kann doch nicht einfach jemanden beißen.“

„Natürlich kannst du das“, sagte Alvarez und ließ seine Fänge ebenfalls blitzen. Connor sollte sehen, dass er nicht allein anders war. „Du solltest nur ein paar Dinge wissen. Eure Fänge sind ein bisschen wie die Giftzähne von Schlangen. Durch die Hohlkanäle im Inneren sondert ihr unwillkürlich beim Biss ein Hormon ab, das eure Opfer willig macht. Sie werden sich nicht gegen den Biss wehren. Eher im Gegenteil. Die Wirkung auf die Opfer ist unterschiedlich, einige werden total geil und andere merken es kaum.“ Der Kater wippte frech mit den Augenbrauen.

„Auch das noch“, seufzte Connor, ließ sich auf den Hintern plumpsen und lehnte sich an die Sitzfläche der Couch. „Was denn noch alles? Ich muss also damit rechnen, wenn ich zum Beispiel eine Frau beißen würde, dass die mich hinterher anspringt und Sex mit mir will?“ Er sah schon etwas entsetzt aus, denn das wäre für ihn undenkbar.

Alvarez sah Connor nachdenklich an. Wie er fand, hatte der Vampir eine kleine Lektion verdient, schließlich hatte er sich gestern als sein Verlobter verweigert.

Man lehnte einen Heiratsantrag von Alvarez Garcia nicht einfach so ab.

Er grinste, als er erklärte: „Wenn du einmal von einer Person getrunken hast, dann solltest du auch bei dem Opfer bleiben. Schon deswegen ist es nicht ratsam, sie leer zu machen oder gar zu töten. Dein Körper gewöhnt sich an die Zusammensetzung des Blutes.“ Er war entsetzt darüber, wie ernst er bei dieser Flunkerei bleiben konnte.

„Ganz ehrlich, Vampir zu sein, ist doch echt scheiße.“ Connor sprang auf und lief aufgebracht im Zimmer hin und her. Als er an dem kleinen Tischchen vorbeikam, auf dem sein Alkohol stand, blieb er stehen. „Wahrscheinlich kann ich das hier auch nicht mehr trinken. Dabei könnte ich jetzt echt gut einen gebrauchen.“ Allein die Vorstellung sich so abhängig von einer Person zu machen, machte ihn verrückt. Er war immer darauf bedacht gewesen, unabhängig zu bleiben. „Ich will das alles nicht, Alvarez.“

Der Kater setzte sich auf, das ganze Blut im Kopf ließ ihn langsam die Bilder vor den Augen verschwimmen. Dass er nackt war, daran störte er sich nicht, und so schlug er lässig ein Bein über das andere, lehnte sich zurück und sah Connor neugierig an. „Du kannst sehr wohl Alkohol trinken. Jetzt dürfte er sogar noch wirken. Mit zunehmendem Alter wirst du aber keinen Rausch mehr bekommen. Die kleinen Parasiten in deinem Körper bekämpfen alles, was dir – und somit ihnen – schaden könnte.“

„Jetzt hab ich auch noch Parasiten?“ Connor griff sich an den Kopf. So langsam wurde ihm das alles zu viel. Er goss sich etwas von seinem Lieblings-Whisky ein und schüttete ihn runter, auch wenn das Verschwendung war. Noch einmal füllte er nach und ließ sich in einen Sessel fallen. „Was passiert, wenn ich einfach gar nichts mache? Wenn ich kein Blut trinke?“

„Ganz einfach. Höllenqualen. Schmerzen, die dich in den Wahnsinn treiben, denn die Parasiten werden weiter ihre Arbeit machen, ohne Treibstoff zu bekommen. Sie nehmen es also aus deinem Körper, schädigen ihn damit und müssen ihn reparieren. Ein Teufelskreis, der dich aufzehren wird. Wenn du Glück hast, wirst du vorher vor Schmerzen ohnmächtig.“ Alvarez war so schonungslos, weil er gar nicht erst wollte, dass Connor auf diese Idee kam. „Aber an sich sind sie sehr nette Parasiten, wenn du nett zu ihnen bist.“

„Ich will sie aber nicht. Ich will ganz einfach mein Leben leben wie bisher. Meine Arbeit machen, ganz normal Essen und Trinken. Ab und zu Sex, wenn mir danach ist und jemand das auch möchte.“ Connor zog die Beine auf den Sessel und legte die Arme um seine Knie. „Ich will keinen Menschen dazu zwingen, für mich als Blutbank zu fungieren und ich will auch niemanden dazu zwingen, mit mir Sex zu haben, nur weil ich Hormone an ihn weitergegeben habe. Ich kann das einfach nicht. Das verstößt gegen alles, was mir wichtig ist.“

„Connor“, sagte Alvarez leise, „ich verstehe, dass das alles neu für dich ist und du mit vielem erst einmal klar kommen musst. Aber im Moment überspannst du einiges in deinem Kopf. Du musst niemanden zum Sex zwingen. Ich sagte lediglich, es kann passieren, dass deine Opfer etwas geil werden. Was daraus wird, liegt doch an dir. Du kannst es annehmen, wenn der Mann dir gefällt oder lautlos verschwinden. Du kannst trinken und essen, was du willst und wenn du nicht beißen willst, ich habe von Vampiren gehört, die weiter Infusionen nehmen. Das geht auch, aber es würde dir etwas fehlen. Die Parasiten wären zufrieden, aber du nicht. Glaube mir.“ Er strich sich durch die Haare und streckte den Oberkörper. Die letzten Stunden steckten ihm noch in den Knochen.

„Bei dir hört sich das so leicht an, aber das sehe ich noch nicht.“ Connor hob den Kopf und sah Alvarez an. „Im Moment habe ich nur einfach Panik. Das ist alles so unglaublich und ziemlich beängstigend, weil ich nicht weiß, wie es ist jemanden zu beißen, oder Blut zu trinken. Schmeckt mir das überhaupt und was wenn nicht? Und dann muss es auch noch gleich jemand sein, von dem ich immer trinken kann.“ Connor war immer schneller geworden und sein Herzschlag raste.

Geschmeidig erhob sich Alvarez und kniete sich neben den Sessel, in dem Connor sich zusammen kauerte. „Connor, lass es etwas auf dich wirken. Du willst in einer Stunde das erfahren, wofür andere Jahre, vielleicht Jahrzehnte brauchen.“ Er grinste und legte sein Kinn auf die Armlehne des Sessels. „Nimm dir Zeit. Geh zu deiner Therapie und nimm weiter Infusionen. Die Zähne sind nur erschienen, weil du das Blut auf meinem Arm gesehen hast. Richtiger Hunger würde sich noch ganz anders bemerkbar machen. Also lass die Panik nicht zu, entspann dich und ehe du den nächsten Whisky trinkst, iss was. Du bist nämlich ganz frisch in dem Geschäft – du kannst noch rotzbesoffen werden.“

„Das hört sich gerade ziemlich verlockend an.“ Connor sah auf sein Glas und stellte es entgegen seiner Worte auf den Tisch neben sich ab. „Danke, Alvarez“, sagte er leise und strich dem anderen Mann sanft über die Wange. „Danke, dass du hier bist und dir mein Gejammer anhörst.“

„Ich bin eine Katze, ich weiß wie Katzenjammer klingt“, sagte er lapidar und wandelte sich wieder. Ohne Vorwarnung sprang er dem frisch gebackenen Vampir auf den Schoß und machte sich dort richtig breit. Dass einige Körperteile von ihm über den Sessel hinaus hingen und er dort mehr schlecht als bequem lag, war ihm egal.

Leise lachend legte Connor die Arme um den Kater, damit er nicht abstürzte und vergrub seine Nase in dem weichen Fell. „Du bist so ein verrückter Kerl“, murmelte er dabei und atmete tief durch. Der Mann roch einfach fantastisch, egal ob als Mensch oder als Katze. Das war ihm schon länger aufgefallen. „Und was jetzt? Noch ein wenig schmusen?“

Alvarez war es egal, doch die Vorstellung, noch etwas von Connor beschmust zu werden, war verlockend. So entspannte er sich völlig und ließ alles hängen, fühlte sich in Connors Armen fast wie ein zu groß geratenes Plüschtier an. Zwar war er noch nicht dazu gekommen, sein Sandwich zu essen, doch das rannte nicht weg und wenn doch, kam es lediglich bis zum Flur – sicherlich bekam es die Tür nicht allein auf. Und dann konnte er nicht widerstehen – und so hatte Connor die Zunge noch einmal im Gesicht. Und dann sah es aus als würde der Kater grinsen.

„Ihh“, rief sein Opfer auch gleich und wischte sich das Gesicht an seinem Ärmel ab. „Böse Miez“, knurrte Connor und seine Augen blitzten auf. Ohne weiter darüber nachzudenken, leckte er nun Alvarez über die Schnauze und knurrte leise. „So nicht. Ich werde hier nicht der einzige sein, der vollkommen besabbert ist.“

Der Kater knurrte.

Was sollte das denn?

So war das aber nicht gedacht.

Also wand er sich, damit er Connor umgehen konnte und leckte ihm dann über die Wange, wo er ihn erreichen konnte. Anschließend schlug er sich gleich eine Pfote über die Schnauze und sah Connor herausfordernd an.

Das machte Spaß!

„Du willst also spielen?“, fragte Connor mit zusammengekniffenen Augen. Er täuschte vor, dass er die Pfote wegziehen wollte und als der Kater abgelenkt war, leckte er ihm schnell über die Kehle und zwickte ihn leicht mit den Zähnen. Die waren zum Glück nicht mehr lang und spitz, so dass nicht die Gefahr bestand, dass er Alvarez verletzte. Doch der Kater war so überrascht, dass er nun doch aus Connors Armen und auf den Boden rutschte, wo er erst einmal auf dem Rücken liegen blieb.

So ein hinterhältiger Vampir!

Knurrend sah er nach oben und plante seinen nächsten Angriff. Dabei fixierte er Connors Füße.

„Oh nein“, rief der auch gleich, als er mitbekam, worauf die Katze starrte. „Ich warne dich. Wenn du auch nur ansatzweise an meine Füße gehst, dann muss ich dir den Hintern versohlen.“ Vorsorglich zog Connor sie unter sich, um es Alvarez schwerer zu machen. Er war nämlich fürchterlich kitzelig an den Füßen und das schien dem Kater aufgrund des Verhaltens ebenfalls aufzugehen. Man sah die grün-gelben Augen listig blitzen. Er fixierte erst Connor, dann den Sessel, überschlug den Schwerpunkt dieses Gebildes und dann sprang er einfach los und warf den Sessel um.

Erschrocken schrie Connor auf, als er auf einmal auf dem Boden landete und wieder eine große Katze auf sich liegen hatte. Nur waren seine Arme diesmal frei und schlossen sich um Alvarez‘ Hals, damit er nicht gleich weg konnte. „Du bist echt unmöglich“, lachte er und leckte ihm über die Nase. Doch der Kater wurde zu einem pelzigen Aal, er wand sich in der Umarmung und zappelte, strich immer wieder mit seiner Zunge abwehrend über Connors Gesicht, bis der einen Augenblick unaufmerksam war und der Kater sich blitzartig auf ihm drehte.

Und nun lagen sie vor ihm – schutzlos und ohne Socken.

Der Kater knurrte dunkel, ehe er seine Zunge ansetzte.

Connor kreischte und wand sich schon, bevor die Zunge überhaupt seine Zehen erreicht hatte. „Alvarez nicht“, schrie er und versuchte den Kater wegzuschieben, was aber alles andere als einfach war. „Lass das! Nicht!“, schrie er und versuchte seine Beine aus der Reichweite der Zunge zu bekommen. Aber egal, wo er sie auch hin bewegte, die Zunge folgte und kitzelte ihn weiter.

Das war die reine Folter.

Connor bekam schon keine Luft mehr von dem Gekreische. Er bäumte sich auf und plötzlich, war die Zunge weg. Er öffnete die Augen und sah gerade noch völlig ungläubig, wie der schwarze Panther in hohem Bogen durch die Luft flog und gegen die Wand krachte. Mit dem Rücken zuerst traf er die freie Wand hinter der Couch und Unglaube sprach aus den grünen Augen, so lange wie Connor den Kater noch sehen konnte. Denn er rutschte langsam die Wand herunter und verschwand kopfüber hinter der Couch. Da blieb Alvarez ungläubig liegen und musste erst einmal versuchen zu begreifen, was eben passiert war.

„Alvarez“, rief Connor und war auch schon auf den Füßen. Er sprang einfach über die Couch, weil alles andere zu viel Zeit gebraucht hätte. Er konnte es sich zwar nicht erklären, wie das passiert war, aber da der Jaguar sich bestimmt nicht selbst vor die Wand schmiss, musste er das gewesen sein. „Es tut mir leid. Ich weiß gar nicht wie das passiert ist. Bist du verletzt?“

Er ließ sich neben dem Kater auf dem Boden nieder und zog ihn in seine Arme. „Es tut mir leid, das wollte ich nicht“, murmelte er dabei und drückte Alvarez an sich. Der Kater ließ es geschehen, denn er war noch etwas benommen. Das war in seiner kurzen Zeit in New York jetzt schon die zweite Wand, mit der er unfreiwillig Bekanntschaft gemacht hatte. Wenn er nicht aufpasste, hatte er bald ein prächtiges Geweih und ging als Elch durch.

Es dauerte noch ein paar Sekunden, bis die Bilder vor seinen Augen wieder klar wurden, scharf gezeichnete Ränder hatten und Farben enthielten. Dann sah er Connor vorwurfsvoll an.

Der senkte auch gleich beschämt den Blick und vergrub sein Gesicht in dem dichten Fell. „Es tut mir wirklich leid und ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte“, nuschelte er leise und kraulte die große Katze hinter den Ohren. Er hatte Alvarez auf seinen Schoß gezogen und wiegte ihn nun hin und her. „Hast du dir sehr weh getan?“

Der Kater sah ihn ein paar Herzschläge lang nur an, dann sank er zusammen und nickte schwach, ehe er die Augen schloss.

Erschrocken raffte Connor ihn an sich und sah ihn besorgt an. Seine Finger tasteten über den Katzenkörper, aber er konnte keine offensichtliche Verletzung finden. „Es tut mir leid“, murmelte er immer wieder und fasste Alvarez so, dass er mit ihm zusammen aufstehen konnte. Er trug ihn zur Couch und legte ihn vorsichtig dort ab. Wie vorhin schon kniete er sich davor und strich Alvarez über den Kopf und die Seiten. „Bitte, mach wieder die Augen auf“, flüsterte er und küsste ihn auf die Nase.

Alvarez grinste und wandelte sich, denn als Katze konnte er mit einem Vampir leider nicht kommunizieren. „Du hast mir gerade das Ego gebrochen und den Schädel verbeult. Das war nicht nett, Vampirjunge“, erklärte er und einmal mehr war er nicht schämig dabei, dass er nackt war. Es lag eben in der Natur der Wertiere, sich über Exhibitionismus keine Gedanken zu machen.

„Weiß gar nicht, wie ich das gemacht habe“, nuschelte Connor ein wenig undeutlich, weil er sein Gesicht an Alvarez' Schulter vergraben hatte. Der starrte an die Decke und hatte eine Hand in Connors Haar geschoben.

„Du bist ein Vampir, du hast jetzt mehr Kraft, du kannst länger und schneller laufen, besser hören und sehen und riechen. Dein Körper stellt sich langsam um. Also wirf mich bitte nicht noch mal durch die Gegend.“ Dabei zog er Connors Kopf etwas von sich, damit er ihn frech grinsend ansehen konnte.

„Lass meine Füße in Ruhe, dann habe ich auch keinen Grund mehr dazu.“ Connor wirkte immer noch zerknirscht, aber er konnte schon wieder grinsen. „Hast du dir wirklich nichts getan?“, fragte er und ließ sich wieder auf den Hintern fallen. „Ich bin also jetzt stärker und schneller? Wow, das ist ja wenigstens was positives.“

„Ja, die Parasiten waren damals vor tausenden Jahren wohl darauf angewiesen, dass ihre Wirte Blut besorgen konnten. Deswegen schärften sie die Sinne, die Motorik, die Kraft und die Geschwindigkeit. Sie haben die Wirte zu den besten Jägern gemacht, die es gibt. Und davon profitieren die Vampire eben heute noch.“ Alvarez setzte sich auf und angelte mit einem Fuß nach seinen Klamotten. „Das bedeutet aber auch, dass sie in der Zeit mehr arbeiten und das Blut schneller verbrauchen. Wenn du oft diese Fähigkeiten nutzt, musst du auch öfter trinken.“

„Hmm“, machte Connor nur und guckte nicht begeistert, als Alvarez anfing sich wieder anzuziehen. „Erst einmal muss ich jemanden finden, von dem ich trinken kann, dann muss ich mich dazu überwinden überhaupt jemanden zu beißen, was ich mir bis jetzt auch noch nicht vorstellen kann.“ Connor seufzte leise, als Alvarez wieder angezogen war und ließ seinen Kopf nach hinten auf die Sitzfläche fallen. „Wahrscheinlich werde ich verhungert sein, bis ich jemanden finde.“

„Wenn du dir da nicht sicher bist, versuch es weiter mit Infusionen. Ich sage dir allerdings gleich: Sieh zu, dass du dich ab jetzt von menschlichen Ärzten fern hältst. Es gibt spezielle ärztliche Dienste und Krankenhäuser für uns. Einrichtungen, die sich nicht über deine abweichenden Blutwerte wundern werden. Dort lässt sich vielleicht auch eine Bluttherapie machen. Keinen Schimmer, bin kein Vampir.“ Alvarez holte sich endlich sein Sandwich. Die Sonne ging langsam über den Dächern der Stadt auf. Vielleicht sollte er mit Leticia reden, ob Ryan nicht direkt mit Connor reden konnte. Das würde vieles vereinfachen.

„Es gibt wirklich ganze Krankenhäuser? Und keiner weiß etwas davon?“, fragte Connor mit großen Augen. „Wie kann man denn so was in einer Stadt wie New York geheim halten?“ Er folgte Alvarez in die Küche, schüttete erst einmal den kalten Kaffee weg und setzte neuen auf. „Die Menschen haben keinen Schimmer, wer mit ihnen hier lebt, das ist echt unglaublich.“

„Und dabei muss es auch bleiben, wenn du nicht willst, dass Krieg ausbricht. Einige sind vielleicht verständnisvoll und neugierig. Aber die meisten werden Angst haben, Panik bekommen und alles ausrotten wollen, was sie nicht kennen und was ihnen gefährlich sein kann. Sie würden es wohl nicht überleben. Nicht mit solch alten Vampiren, wie sie hier in New York leben. Wir würden knietief durch Blut waten, noch ehe der Tag zu Ende wäre.“ Alvarez sah Connor ungerührt an. Der musste begreifen, dass es besser war für sich zu behalten, was er war und was er jetzt wusste.

„Die Kliniken sind Privatkliniken. Sie behandeln auch Menschen, sie weisen niemanden ab. Aber hauptsächlich sind sie für solche wie uns. Das Personal ist auf unsere Physiologie vorbereitet.“

Connor nickte. Er war jetzt einer von denen und somit würde der Mob auch über ihn herfallen, wenn sie wüssten, was er war. „Ja, es wäre nicht ratsam, wenn das publik würde.“ Er war nachdenklich. Wahrscheinlich hatte er schon Vampire getroffen, es aber nie bemerkt. „Was meinst du mit alten Vampiren? Wie alt können wir denn werden?“

„Also die Zahlen, die ich kenne, gehen über die viertausend hinaus. Es gibt nicht viele Vampire, die so alt werden. Die meisten Vampire leben in Clans und sind hierarchisch geprägt. Das heißt, sie bringen sich um die Ecke, egal ob Familie oder nicht, wenn sie nur einen Vorteil darin sehen. Es werden also nicht viele so derart alt. Aber irgendwann regenerieren sich ihre Körper so schnell, dass sie praktisch unsterblich sind.“ Einer von diesen war Ranus Vater – Aset Khonshu, ein Mann, den man sich nicht zum Feind wünschen sollte.

„Viertausend Jahre?“, fragte Connor ungläubig. Er wartete darauf, dass Alvarez ihm erklärte, dass er ihn nur veräppelt hatte, aber das kam nicht. „Das stimmt wirklich? Und hier in New York leben welche? Kennst du sie?“ Das war doch einfach unglaublich. „Wie alt bist du überhaupt?“, wollte er wissen. „Werden Werwesen auch so alt?“

Alvarez wandte sich um, immer noch nicht dazu gekommen, sein Sandwich endlich zu essen. Also deutete er auf das Brot und biss demonstrativ ab. Er sah ja ein, dass Connor eine Million Fragen hatte, aber warum alle in einer Nacht und warum alle an ihn? „Ich bin hundertachtundsiebzig“, erklärte er aber mit vollem Mund, um nicht unhöflich zu sein.

Connor fiel praktisch die Kinnlade runter, als er da so mitten in der Bewegung erstarrt war, mit der Kaffeekanne in der Hand, die lustig vor sich hin dampfte. „Hundertachtundsiebzig?“, krächzte er, weil er glaubte, sich verhört zu haben, aber Alvarez nickte nur. Er sah sich den Mann an, der an seiner Theke saß. Man würde ihn auf Mitte dreißig schätzen.

„Ja“, sagte Alvarez nur und aß weiter. Er hatte Hunger, das merkte er jetzt. Trotz seiner Mülltonnenerfahrung vor ein paar Stunden. „Sag mir jetzt bitte nicht, dass du mich älter geschätzt hast. Habe ich mich so schlecht gehalten?“

„Du bist blöd“, lachte Connor und seine Erstarrung löste sich und er boxte Alvarez leicht gegen den Arm. „Du weißt ganz genau, dass du fantastisch aussiehst.“ Er schüttete endlich den Kaffee ein und stellte die Kanne wieder auf die Wärmeplatte. „Und ich weiß auch, dass du überall fantastisch aussiehst. Sehr sogar“, brubbelte er leise dabei vor sich hin.

„Hä“, machte Alvarez, der nicht genau wusste, was Connor damit meinte. Er sah den jungen Vampir an und als der so rote Wangen hatte, war es ihm klar. „Das ist bei Wertieren so. Wir wandeln uns sehr oft am Tag, deswegen sind wir auch öfter ohne Klamotten unterwegs. Zumindest in unseren Häusern. Sich jedes Mal anzuziehen ist Zeitverschwendung“, versuchte er sich raus zu reden. „Aber gut zu wissen, dass du so genau hingeguckt und es bewertet hast.“ Dazu zwinkerte er frech und leckte sich die Finger sauber, ehe er nach seiner Kaffeetasse griff.

„Fühl dich hier ganz wie Zuhause. Könnte mich glatt dran gewöhnen, dich hier nackt rumlaufen zu sehen“, murmelte Connor mit unschuldigem Gesichtsausdruck und grinste dann. „Noch ein Sandwich?“ Sein eigenes hatte er auch noch nicht angefangen, darum zog er es zu sich. Das war nämlich lecker, hatte er schließlich selbst gemacht.

Alvarez lachte herzhaft, als er seine Tasse an die Lippen führte. „Vergiss es. Du hast mich gegen die Wand gedeppert. Stell dir mal vor, was ich da alles Wertvolles hätte abbrechen können. Der Süße bleibt schön in der Hose, da wo er sicher ist vor Vampiren, die nicht in der Lage sind, edle Katzen artgerecht zu halten. Katzenwerfen ist nämlich keine artgerechte Haltung. Aber mit einem leckeren Brot könnte ich noch mal drüber nachdenken.“

„Okay“ Connor wirkte sehr zufrieden, als er schnell noch ein Sandwich für Alvarez machte. „Tut mir leid, ich weiß nicht viel über artgerechte Katzenhaltung. Ich hatte noch nie eine. Zumindest weiß ich jetzt, was ich auf jeden Fall vermeiden sollte. Was sollte ich denn noch tunlichst lassen, damit du dich hier wie zu Hause fühlst?“

„Kalte Hände in meiner Hose sind ein no go“, stellte Alvarez gleich klar, lachte dann aber. „Katzen raufen gern, spielen gern und schmusen gern.“ Was er sonst noch auf der Stelle mit dem frisch gebackenen Vampir anstellen würde, verdrängte Alvarez lieber aus seinem Kopf. Connor war kein Mensch mehr. Der Kater wusste nicht, wie schnell die Sinne sich anpassten. Seine Kraft jedenfalls war überraschend schnell gekommen. Und Alvarez legte keinen Wert darauf, dass Connor seine Geilheit riechen konnte.

„Hände also immer anwärmen. Ist vermerkt und gespeichert“, lachte Connor und schob Alvarez den Teller zu. „Dass du gerne raufst und spielst habe ich schon gemerkt und es hat wirklich Spaß gemacht. Geschmust haben wir noch nicht wirklich, aber das wird hoffentlich noch. Artgerechte Katzenhaltung ist echt einfacher, als ich dachte.“

„Ha“, machte Alvarez verächtlich über diese Überheblichkeit. „Du wirst dich noch umgucken, wie schwer es ist, eine Katze wirklich artgerecht zu halten, kleiner Vampir.“ Sein Ego mochte es gar nicht, wenn jemand glaubte, er käme leicht mit Alvarez zurecht, egal ob privat oder beruflich.

„Ach komm, großer Kater.“ Connor strich Alvarez durch die Haare und lächelte. „Ich bin neu in diesem Geschäft. Sei etwas nachsichtig.“ Er setzte sich neben Alvarez und trank einen Schluck Kaffee.

„Du hast mich gegen die Wand gedeppert. Ich glaube, dich nur darauf hinzuweisen, dass das nicht artgerecht war, anstatt dich durch den Park zu jagen, war mehr als nachsichtig. Ich bin die Nachsicht in Person. Niemand ist so nachsichtig wie ich.“ Alvarez schlug sich gegen die Brust und setzte sich endlich auf einen der Stühle in der Küche. Mit den Augen suchte er eine Uhr.

„Das werde ich jetzt wohl noch länger vorgehalten bekommen, oder?“, seufzte Connor und ließ den Kopf hängen. „Ich kann nur wiederholen, dass es mir leid tut und wenn ich könnte, würde ich es wieder gut machen, aber ich weiß nicht wie.“

Alvarez lachte und knurrte: „Connor, eigentlich musst du es gar nicht wieder gut machen. Ich habe nur meine helle Freude daran, mich in deinem schlechten Gewissen zu suhlen und ich werde das wohl noch so lange ausnutzen, wie es funktioniert.“ Dann lehnte er sich etwas weiter zurück für den Fall, dass der Vampir über den Tisch langen und den Kater greifen wollte.

„Du... du...“, knurrte der auch gleich, aber dann lachte Connor laut. „Ist okay, da muss ich wohl durch.“ Alvarez war so vollkommen anders als seine Freunde und Bekannten. Er strotzte nur so vor Selbstbewusstsein. Das hatte Connor zwar auch, aber bei ihm brach es eigentlich nur bei der Arbeit durch. „Wie geht es jetzt eigentlich weiter?“

„Was?“, fragte Alvarez. Er wurde aus diesem Mann einfach nicht schlau. Erst sah er ihn kurz an, doch das brachte auch nicht die Erlösung. Also musste er wohl doch fragen: „Wie geht was weiter?“

„Ich wärme meine Finger an.“ Connor hob seine Tasse, um die er seine Hände gelegt hatte und wackelte mit den Augenbrauen. Es machte ihm einen Heidenspaß zu sehen, dass Alvarez leicht die Gesichtszüge entgleisten und fing an zu prusten. „War ein Scherz“, lachte er und seine Augen blitzten. „Ich meinte damit, wann ich auf diesen Ryan treffen kann, um ihn dann zu löchern. Aus dir hab ich wohl bald alles raus gequetscht, was du über Vampire weißt.“

Alvarez sah auf die Uhr.

Es war kurz nach vier.


10 

Wenn er Leticia jetzt weckte und nach einem Date mit Ryan fragte, dann schlief er ab morgen draußen im Garten auf einem Baum. Besser Alvarez schob das noch ein paar Stunden nach hinten. „ich werde später mal bei meiner Schwester nachhören, wie sie Ryan und Cat einschätzt, ob sie kurzfristig kommen könnten. Dann kannst du sie löchern. Ich muss erst mal wieder …“ Der Kater brach ab und spitzte die Ohren. Die Augen wurden katzenartig.

„Was ist?“, fragte Connor auch gleich alarmiert, verhielt sich aber ansonsten ruhig, um Alvarez nicht zu stören. Er versuchte selber, etwas zu hören oder zu riechen, aber da war nichts, was er wahrnehmen konnte. Darum beobachtete er Alvarez, der aufgestanden war und nun durch den Raum schlich. Er machte das Licht aus und ging dann weiter.

„Ich hätte nicht gedacht, dass die beiden so blöd sind“, knurrte der Kater und hatte sich schon in die Zwischenform gewandelt, die es ihm möglich machte, seine Sinne intensiver zu nutzen. „Die zwei Vögel, die versucht haben, dich umzubringen, wollen es jetzt wohl zu Ende bringen. Mach die Lichter aus und gewöhne dich an die Dunkelheit. Ich sehe bei Tag wie bei Nacht gleich gut. Wir werden einen Vorteil haben, wenn sie eindringen.“

„Die sind hier?“, fragte Connor, löschte aber gleich die Lichter. Sein erster Impuls war, zu Alvarez zu gehen, weil er sich nahe bei ihm sicherer fühlte, aber er blieb an der Küchentheke sitzen, damit er den Jaguar nicht störte. „Was soll ich machen?“, fragte er und fing an zu zittern, ohne dass er es verhindern konnte, denn er hatte Angst. Zu frisch war noch das, was am letzten Abend passiert war.

„Bleib an der Theke sitzen, Connor. Sie sollen dich sehen, wenn sie zur Tür rein kommen. Ich werde sie lautlos entriegeln, damit die Vögel eindringen können, ohne etwas kaputt zu machen. Sie werden nur auf dich fixiert sein und ich greife sie mir von hinten“, murmelte der Kater und war schon im Flur verschwunden, um die Türverriegelung zu öffnen.

„Okay, bitte sei vorsichtig“, flüsterte Connor leise, da er wusste dass Alvarez ihn hören konnte. Es fiel ihm nicht gerade leicht, einfach sitzen zu bleiben und so zu tun, als wüsste er nicht, dass da zwei Mörder über sein Grundstück schlichen. Er klammerte sich an seiner Kaffeetasse fest und versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Und tatsächlich. Erst dachte er, er würde sich das nur einbilden. Doch er sah wirklich besser im Dunkeln. Seine Parasiten schienen wohl wieder seine Angst zu spüren und passten ihn an. So wie vorhin, als die Flügel erschienen waren, damit er nicht auf dem Boden zerschellte. Er spitzte auch die Ohren. Er konnte Alvarez im Flur hören, obwohl er wusste, dass der Kater eigentlich so gut wie lautlos unterwegs war.

Connor schüttelte den Kopf.

Das war verrückt, aber er hatte keine Zeit darüber nachzudenken, denn er hörte Geräusche vor der Tür, leise, aber er konnte sie deutlich hören. Da war jemand und drehte am Türknauf, um sie zu öffnen. Sein Herz fing an zu rasen und er musste sich zwingen, nicht zur Tür zu sehen. Sie sollten ahnungslos bleiben, darum sah er weiterhin auf seine Tasse, lauschte aber weiter auf die Geräusche an der Tür.

Derweil war Alvarez im Schatten des Flures verschwunden. Er lauerte auf dem Geländer der Treppe. Wenn die zwei herein kamen, sahen sie durch die Straßenlaterne, die in das Küchenfenster schien, direkt auf Connor. Der junge Vampir war perfekt ausgeleuchtet, auch wenn sie das gar nicht geplant hatten. So ging Alvarez davon aus, dass die beiden sich gar nicht erst groß umsehen würden, sondern gleich auf Connor zuhalten würden. Er würde sie den Flur durchschreiten lassen, ehe er eingriff.

Es dauerte auch nicht lange und die Haustür öffnete sich lautlos. Zwei Gestalten schlichen in das Haus und in ihren Händen hielten sie Pistolen. Jetzt wollten sie wohl auf Nummer sicher gehen und es nicht mehr wie einen Unfall aussehen lassen. Sie liefen durch den Flur und wie Alvarez erwartet hatte, waren sie völlig auf Connor fixiert und bemerkten ihn gar nicht. So ließ er sich lautlos hinter ihnen auf den Boden gleiten und folgte ihnen, er setzte zum Sprung an, als die beiden sich wohl darüber freuten, dass der Staatsanwalt sie noch gar nicht bemerkt hatte. Mit Schwung griff er beide im Nacken und riss sie zurück. „Connor, beiseite. Falls sie unkontrolliert feuern“, rief er und brachte die beiden Kerle zu Boden.

In einer fließenden Bewegung ließ sich Connor vom Hocker gleiten und brachte sich hinter der Theke in Sicherheit. Er wusste zwar nicht, ob das Material Kugeln aufhalten konnte, aber so war er erst einmal aus der Schusslinie. So hatte er sich aber die Sicht genommen und konnte sich nur an den Geräuschen orientieren. Er hörte Gerangel und wütendes Knurren und dann war auf einmal alles ruhig. Connor blieb hinter der Theke und bewegte sich nicht, denn er hatte keine Ahnung, ob die Gefahr vorbei war.

„Hatte ich euch beiden Schmalhirnen nicht gesagt, was ich mit euch anstelle, wenn ich euch noch einmal in der Nähe des Staatsanwaltes sehe? Und anstatt mich ernst zu nehmen, habt ihr nichts Besseres zu schaffen, als hier einzudringen? Zu doof zum Leben, würde ich sagen“, knurrte Alvarez, er hielt beide Männer auf dem Boden und hatte ihnen die Arme auf den Rücken gedreht, so dass jede Bewegung, die sie veranstalten wollten, ihnen selbst Schmerz zufügte.

Als er Alvarez‘ Stimme hörte, atmete Connor auf und lugte um die Ecke. Der Panther hatte die Situation im Griff, aber er konnte die Männer ja nicht ständig so festhalten. Darum kam er hinter der Theke vor und lief zu einem der Küchenschränke, wo er seine Werkzeugkiste stehen hatte. Da drin hatte er Panzertape, das konnten sie nehmen, um die Männer zu fesseln. Mit dem Tape lief er in den Flur und kniete sich neben die Männer. „Bist du verletzt?“, fragte er Alvarez und machte sich gleich daran die Männer zu fesseln.

„Da müssen die beiden schon früher aufstehen“, spottete Alvarez nur gegen die beiden am Boden liegenden und setzte sich dann auf. „Was sollen wir mit den beiden machen?“ er würde die Entscheidung Connor überlassen, denn es war sein Leben, um das es ging. Wenn er die entsorgt wissen wollte, so ließ sich das arrangieren und wenn er die Polizei rufen und die Mühlen der Justiz mahlen lassen wollte, so war Alvarez auch damit einverstanden.

„Wir sollten die Polizei rufen.“ Connor war Staatsanwalt und für ihn war es selbstverständlich, die beiden der Justiz zu übergeben. Ihm war klar, dass die beiden von jemandem beauftragt worden waren und den wollte er haben. Er fesselte noch die Füße der beiden Männer und stand dann auf. Er hielt Alvarez eine Hand hin, um ihm aufzuhelfen und zog ihn dann in eine Umarmung, als er vor ihm stand. „Danke“, sagte er schlicht und drängte sich immer noch zitternd an den anderen Mann.

Alvarez aber nickte nur und machte sich schnell frei. Er wollte nicht, dass es noch Gerüchte über Connor gab, die ihm Steine in den Weg legen würden. „Komm mit“, sagte er leise und ging mit ihm zurück in die Küche, während die beiden Männer auf dem Boden anfingen sich zu beschweren. Obdachlos wären sie, auf der Suche nach einem Platz für die Nacht wären sie, unrechtmäßig angefallen hätte man sie. Alvarez ignorierte sie. Es war unter seiner Würde, mit so was zu diskutieren. Die Schusswaffen, die noch im Flur lagen, sprachen Bände.

„Ruf die Polizei an, ich habe ein Auge auf sie.“ Als sie außer Sichtweite waren, zog er Connor wieder zu sich, der ihn eben sehr verstört angesehen hatte.

Connor ließ sich in die Umarmung sinken und seufzte leise. Es hatte ihm einen Stich versetzt, als Alvarez ihn einfach weggeschoben hatte, aber jetzt begriff er langsam.

„Danke“, murmelte er schon wieder und ließ sich halten. „Da hast du dir ja was aufgehalst mit mir, tut mir leid.“

Alvarez lachte nur leise und strich mit der Nase durch die rotblonden Haare. „Nutzt ja nichts. Konnte dich ja schlecht allein lassen. Das wäre doch nie was geworden. Und jetzt ruf die Cops. Ich will das Pack aus dem Haus haben. Mal sehen, ob sie dicht halten oder Ortega ans Messer liefern. Musst dem Jungen ja ordentlich auf die Füße getreten sein, wenn er dir solche Idioten auf den Hals schickt.“

„Ortega hat sie geschickt?“ Connors Gesicht verhärtete sich. „Hätte ich mir eigentlich denken können, ich habe ihm gehörig die Suppe versalzen und dafür gesorgt, dass er einige seiner Fabriken schließen musste.“ Flink streifte er Alvarez' Lippen mit seinen und atmete tief durch. „Ich werde sie dazu bringen, ihren Auftraggeber preis zu geben und dann kauf ich mir Ortega.“

Alvarez hob eine Braue und sah dem jungen Vampir hinterher. Der hatte garantiert nicht gemerkt, was er getan hatte und so ließ er es erst einmal auf sich beruhen. Der Mann schien so unter Strom, dass er gerade nicht Herr seiner Sinne war. „Ruf an und dann sehen wir weiter.“ Er griff sich seine Tasse Kaffee, auch wenn der Kaffee schon kalt war.

Connor hatte schon das Telefon in der Hand und wählte, als er sich wieder zu Alvarez umdrehte. Sachlich und knapp erklärte er der Polizei, was in seinem Haus passiert war, beorderte sie zu seinem Haus und legte wieder auf. Jetzt war er wieder der Staatsanwalt, der an einem Fall dran war. Alle Unsicherheit und Angst war verschwunden. Er wirkte kühl und geschäftsmäßig. „Dann werde ich noch mal Kaffee aufsetzen. Wir kommen ja nie dazu ihn auch zu trinken.“

„Dann koch doch was, was auch kalt schmeckt“, schlug Alvarez vor und setzte sich wieder. Doch er hatte die beiden Männer im Auge. Er hatte immer mal ein Ohr auf sie, denn sie schienen gerade zu versuchen, sich eine Geschichte zusammen zu lügen. Immer wieder redete der eine auf den anderen ein, dass er ihm doch endlich glauben sollte, doch Alvarez hatte noch nicht raus bekommen, was. Da kam der Gangster damit um die Ecke, denn er redete immer wieder auf seinen Kumpanen ein zu glauben, dass er Flügel an dem stürzenden Anwalt gesehen hätte oder wie er sich erklären könnte, dass der Bastard den Sturz ohne einen einzigen Kratzer überlebt hätte.

Alvarez knurrte.

Das war nicht gut.

Die Männer hatten mehr gesehen, als ihm lieb war. Er musste unbedingt verhindern, dass Gerüchte aufkamen, die Connor schaden konnten, egal wie abwegig sie waren. Alvarez sah zu Connor rüber, der seinen Vorschlag beherzigte und Wasser für Tee aufgesetzt hatte. Ein fruchtiger Geruch zog durch die Küche, als die Teedose geöffnet wurde. Doch er hatte schon eine Idee, am besten ließ er Connor so lange im Ungewissen. Er war neu in dem Geschäft und hier war ein gesundes Maß an Spott und Lächerlichkeit gefragt.

Das bekam er allein am besten hin.

Es dauerte keine fünf Minuten, da sahen sie das Licht eines Polizeiwagens vor der Tür. Es hatte wohl Vorteile, wenn man ein Staatsanwalt war. „Deine Jungs sind da“, sagte Alvarez und nickte zur Tür. Er schaltete das Licht im Flur wieder an, damit niemand über den dort verschnürten Unrat stolperte. Die Waffen der Einbrecher lagen immer noch weit genug weg, als dass die beiden sie hätten erreichen können. Aber weder Alvarez noch Connor hatten sie angefasst.

Connor nickte Alvarez zu und öffnete die Tür. „Kommen sie rein, meine Herren. Ich will das hier möglichst schnell über die Bühne kriegen und diesen Abschaum aus dem Haus haben“, begrüßte er die Polizisten in Uniform und nickte den zivilen Beamten zu. „Guten Morgen Inspector Green und Detective Cooper, kommen sie rein.“ Connor trat zur Seite, damit die Polizisten eintreten konnten und deutete in die Küche, dort konnten sie sich unterhalten ohne zu stören.

„Nehmen sie den Kerl auch gleich mit“, schrie der eine der beiden Männer am Boden, als die Polizisten ihn auf die Füße zerrten. „Der Kerl hat Flügel. Er ist vom Parkhaus gefallen und hatte keine Schramme.“

„Halts Maul, du Idiot“, zischte sein Kumpane, der befürchtete, dass der Blödmann gerade ihr eigenes Grab schaufelte, doch der ließ sich nicht stoppen. „Ich hab’s doch gesehen. Riesige schwarze Flügel und der andere Typ ist eine Katze!“

Alvarez hob die Braue und sah den Mann an, während Connor mit den Zivilpolizisten in der Küche saß.

„Ich würde bei den Spinnern mal einen Drogentest machen, Officer. Und ihr beiden hofft mal, dass der Drogentest positiv ist, denn sonst wäre für euch ein Platz in der Psychiatrie angemessen. Angst vor dem Knast, dass du gleich einen auf bekloppt machst?“

Connor saß in seiner Küche und hoffte, dass niemand bemerkt hatte, wie er blass geworden war. Er hatte es deutlich gespürt, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht gewichen war. Zum Glück hatte er sich schnell wieder im Griff. „Schafft die Spinner hier raus. Seine Märchen werden ihn nicht vor dem Gefängnis bewahren“, versuchte er Alvarez' Worte zu untermauern und sah den Jaguar dankbar an. „Jetzt werdet ihr wegen zwei Mordversuchen angeklagt.“

„Die müsst ihr erst mal beweisen“, knurrte einer der beiden Männer und sein Kumpane versuchte immer noch glaubhaft zu versichern, dass man sie gar nicht wegen Mordversuchen anklagen könnte, weil es sich bei den beiden Männern nicht um Menschen handeln würde.

„Und so was rennt hier frei rum. Bringen für Geld Menschen um, aber will mir sagen, ich wäre kein Mensch. Wenn ich so dürfte, wie ich wollte …“ Einer der Officer sah ihn interessiert an, wollte wohl wissen, was er dann mit den beiden vor hätte, doch Alvarez winkte nur ab.

Er sollte nicht übertreiben.

Connor schnaubte geringschätzig, sagte aber nichts dazu, dass sie erst einmal die Mordversuche beweisen mussten. Sie hatten mehr als genug Beweise dafür. Er sah den Inspector an. „Nehmen sie sie in Verwahrung, ich kümmere mich nachher selbst um die Anklage. Wir konnten sie überwältigen, weil wir durch Zufall mitbekommen haben, dass sie durch den Garten geschlichen sind und darauf vorbereitet waren.“

Inspector Green nickte nur und sagte nichts weiter. Sein Kollege erklärte nur, dass sie schon einmal alles vorbereiten und die beiden befragen würden. Vielleicht ergab sich ja noch etwas, was ihnen weiter half. Man sah ihnen an, dass man damit gerechnet hatte, das der Tag kommen würde, an dem der junge Staatsanwalt sich mit einem angelegt hatte, der zu groß für ihn war. Der Tag war wohl gekommen. „Passen sie auf sich auf, Flanagan“, sagten sie, als sie zu ihrem Wagen gingen. Die Officers mit den Verdächtigen waren schon weg.

„Das werde ich. Ich komme im Laufe des Tages vorbei, damit sie meine Aussage aufnehmen können.“ Connor schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Das Geschäftsmäßige fiel von ihm ab und er sackte ein wenig in sich zusammen. „Sie haben uns gesehen“, sagte er leise und sah Alvarez an. „Was machen wir denn jetzt?“

Der Kater deutete nur auf seine Tasse mit Tee und trank endlich mal wieder einen Schluck. Er war jetzt schon eine ganze Weile nicht dazu gekommen. Mit der Tasse an den Lippen klopfte er auf den Barhocker neben sich. „Mach dir keinen Kopf. Nutze aus, dass Menschen glauben, sie wüssten alles. Zieh es ins Lächerliche. Du musst die, die solches Zeug erzählen, unglaubwürdig vor den anderen machen. Und sei nur nicht nervös. Wenn Zweifel aufkommen, dann könnte es passieren, dass ein paar Wahnsinnige nachforschen.“

„Ich muss da wohl auf deine Erfahrung vertrauen, du machst das ja schon ein wenig länger als ich.“ Connor kam zu Alvarez und setzte sich neben ihn. So ganz beruhigt war er noch nicht, aber machen konnte er gar nichts. „Ich dachte, gestern wäre schon ein verrückter Tag gewesen, aber der heute war noch verrückter.“ Er stützte seinen Kopf mit den Händen und schloss die Augen. Jetzt, wo das Adrenalin in seinem Körper weniger wurde, fühlte er sich ziemlich erschlagen.

„Geh ins Bett und schlaf. Die zwei sind erst mal versorgt und ehe Ortega neue schicken kann, solltest du etwas Energie sammeln.“ Alvarez leerte seine Tasse und blickte Connor an. Er konnte gut verstehen, dass der Mann etwas neben sich stand. Er hatte in einer Nacht durchgemacht, wozu normale Vampire über dreißig Jahre Zeit hatten. Er musste unbedingt mehr über dieses Phänomen heraus bekommen und ob Connor dadurch anders als andere Vampire war.

„Du möchtest auch endlich nach Hause, das kann ich verstehen.“ Connor war jetzt in einer Zwickmühle. Er war müde, aber er wollte nicht, dass Alvarez ging. In sein Bett einladen konnte er ihn ja schlecht, darum musste er ihn wohl gehen lassen. „Warte, ich schreib dir meine Handynummer auf, dann kannst du mich anrufen, wenn du weißt, wann ich diesen Ryan treffen kann.“

Connor stand auf und suchte in einer der Küchenschubladen nach einem Stift und Papier. Schnell hatte er seine Nummer aufgeschrieben und schob den Zettel Alvarez hin. Der nahm ihn entgegen und blickte kurz darauf. Doch er kannte sich, Zettel verlor er relativ schnell, weil er so was in die Hosentasche stopfte und dann beim heraus kramen anderer Dinge nicht merkte, wenn das Papier zu Boden ging. Das wollte er unbedingt vermeiden, also tippte er die Nummer gleich in sein Telefon und schickte eine Test-SMS: melde mich wenn ich mehr weiß.

Connor lächelte, als er die Nachricht las und speicherte die Nummer gleich ein. „Danke für alles. Ohne dich wäre ich wohl bereits in der Pathologie.“ Er zog den Jaguar in eine Umarmung und ließ ihn nicht gleich wieder los. „Wenn du auf der nächsten Veranstaltung wieder einen Verlobten brauchst, würde ich gerne die Stelle annehmen.“

„Francis würde kochen vor Wut. Ich musste mir schon anhören, dass man sich bei mir ja über nichts mehr wundern dürfte, da ich aus dem Busch käme. Wenn ich mit dir hätte glänzen können, wäre mir diese Schmach erspart geblieben. Aber jetzt schlaf dich aus, wir reden, wenn du wieder fit bist.“ Er lächelte Connor an und war versucht die lächelnden Lippen mit den seinen zu streifen. Doch er konnte sich bremsen, ehe er sich löste und zur Tür ging.

„Schlaf auch gut“, rief Connor ihm noch hinterher, als die Tür sich schloss. Er lauschte, bis er Alvarez' Schritte nicht mehr hören konnte, erst dann stand er auf, löschte das Licht und ging langsam nach oben. Er war zwar müde, aber ob er schlafen konnte, war er sich nicht sicher. Auf jeden Fall würde ein schwarzer Panther durch seinen Kopf geistern, da war er sich sicher.


11 

Aber erst einmal geisterte der schwarze Panther durch die Stadt in Richtung des Hauses seiner Schwester. Auch er wälzte ein paar schwere Gedanken und wollte eigentlich nur noch ins Bett. Doch ihm wurde schlagartig klar, dass er das vergessen konnte, als er Licht in der Küche sah, sobald er die Tür aufschloss.

Wer konnte das denn sein?

War Phillip auf der Suche nach was zu Essen?

Doch als er näher kam, sah er, was los war. Seine Schwester saß über einer großen Tasse Kaffee und redete mit einer Frau die Alvarez noch nicht kannte.

„Alvarez, da bist du ja wieder“, rief seine Leticia auch gleich, als sie ihn bemerkte und kam zu ihm gelaufen. Sie drückte ihn herzlich und küsste ihn auf die Wange. „Ich habe Cat heute früh eine Nachricht geschickt und sie und Ryan waren schon wach. Darum sind sie vorbeigekommen.“ Sie führte ihn zum Tisch. „Alvarez, das ist meine Freundin Cathleen. Cathleen, das ist mein Bruder Alvarez“, stellte sie die beiden einander vor und drückte ihn auf einen Stuhl.

„Freut mich, dich endlich auch einmal kennen zu lernen. Leticia hat mir schon viel über ihre Familie und dich erzählt.“ Cathleen lächelte und reichte Alvarez die Hand.

Der Kater ergriff die Hand und setzte sich. Dabei sah er auf die junge Frau. Das war also Ranus Mutter. Dann aber sah er auf den jungen Mann und roch sofort, dass dies ein Vampir war. „Angenehm, ich habe auch von dir schon einiges gehört und auch von deinem Mann. Ich glaube, es ist meine Schuld, dass meine Schwester euch so früh auf die Pelle gerückt ist“, sagte er und machte sich mit Ryan ebenfalls bekannt.

„Ach, das macht nichts. Die Kleinen haben uns sowieso früh geweckt. Ich habe sie kurzerhand bei ihren Onkeln abgegeben und wir sind her gekommen. Das klang alles so spannend, was Leti erzählt hat“, schwatzte Cathleen und Alvarez sah seine Schwester fragend an. Was hatte die denn schon alles berichtet?

„Na ja, ich musste die beiden hier her locken, und da hab ich ihnen erzählt, dass du auf einen Vampir getroffen bist, der nicht wusste, was er ist. Eben das, was du mir auch erzählt hast.“ Leticia hatte Alvarez eine Tasse Kaffee ein geschüttet und setzte sich zu den anderen. „Geht es ihm gut?“

„J-Ja“, sagte Alvarez gedehnt und sah seine Schwester noch einmal eindringlich an. Doch dann nickte er. „Er war ganz schön neben der Spur.“ Während er redete, suchte er sein Handy. Schnell war eine Nachricht an Connor geschickt mit der Frage, ob er schon schliefe oder Lust hätte zu reden. Er hinterließ noch die Adresse seiner Schwester, dann widmete er sich wieder den dreien am Tisch. „Ich habe ihm erklärt, was ich über Vampire wusste.“

„Und er wusste vorher wirklich nichts?“, fragte Ryan noch einmal. Er konnte sich das immer noch nicht vorstellen. Alvarez aber nickte und erzählte von ihrer Müll-Eskapade. Im Nachhinein konnte er darüber lachen – jetzt war er wieder sauber und Connor wieder umgänglich.

Er wollte gerade noch ein wenig erzählen, als sein Handy anzeigte, dass Connor wohl noch wach war und sich gleich auf den Weg machte. „Er kommt gleich hier her, dann kann er euch selber alles erzählen. Er war völlig ahnungslos und dafür muss ich sagen, hat er es ziemlich gut weg gesteckt. Es ist ja nicht gerade alltäglich, dass man auf einmal Flügel hat.“

„Das will ich glauben.“ Ryan nickte nachdenklich. „Konnte er sie bewegen?“

„Er hat damit herum geflattert, als er in der Mülltonne hockte und mir damit immer wieder eine mitgegeben. Aber als er gestürzt ist, ging wohl alles zu schnell. Da konnte er sie nicht willkürlich bewegen.“ Das war zumindest der Eindruck, den Alvarez gehabt hatte. Sie konnten Connor ja fragen, wenn er hier war.

„Wie hat er es geschafft, sie wieder verschwinden zu lassen?“, wollte Ryan wissen und Alvarez seufzte. „Ich hab ihm Angst gemacht, weil ich mir nicht mehr zu helfen wusste. Er ist nach hinten gefallen und dann waren sie auf einmal weg.“

Ryan nickte. „Hast du sonst noch Veränderungen an ihm bemerkt? Was ist mit seinen Zähnen, seiner Kraft und den Sinnen?“

„Seine spitzen Fänge habe ich gesehen. Was aber daran lag, dass ich mich verletzt hatte und etwas Blut geflossen war. Es war wohl unwillkürlich. Aber Kraft hat er auf jeden Fall. Er hat mich gegen die Wand gedeppert, dass ich Sterne gesehen habe.“ Er rieb sich den Kopf und zog seinen Kaffee dichter.

„Vor die Wand gedeppert?“, fragte Leticia und machte große Augen. „Warum das denn?“

Aber Alvarez sah gar nicht ein, ihr das zu erzählen, darum sah er sie nur kurz an.

„Ich habe noch nie von einem Fall gehört, dass sich erst so spät vampirische Merkmale gezeigt haben und dann aber wohl alle mehr oder weniger auf einmal.“ Ryan rieb sich über das Kinn und schien zu überlegen. „Ich werde nachher unsere Datenbanken durchforsten, ob das schon einmal vorgekommen ist. Ich werde auch Aset und Assai fragen. Sie leben schon so lange, dass sie etwas darüber wissen könnten.“

„Es wäre aber gut, wenn ihr das ein bisschen unter der Decke halten könntet. Er ist Staatsanwalt und steht im Licht der Öffentlichkeit. Einer der Attentäter hatte die Flügel gesehen, als Connor fiel und hatte versucht dem Polizisten zu erklären, dass er kein Mörder wäre. Er hätte ja nicht versucht, einen Menschen zu töten. Ich habe es versucht ins Lächerliche zu ziehen. Ich hoffe, dass er bei den Polizisten als Spinner abgetan wird.“ Alvarez knurrte leise.

„Und Connor hat, seit er jung war Bluttransfusionen bekommen. Was wiederum bedeutet, dass der Vampir nicht erwachen musste, um zu jagen. Er bekam, was er brauchte.“

„Ja, das kann gut sein.“ Ryan nickte. „Nichts, was ich herausfinden werde, wird an die Öffentlichkeit kommen. Vampire zeichnen alles auf, schon seit Jahrtausenden. Erst waren es Schriftrollen, dann Bücher. Mittlerweile ist alles digital gespeichert, aber nicht jeder hat Zugriff darauf. Als Asets Schwager, habe ich Zugang. Es wird also nichts an die Öffentlichkeit kommen.“

„Das ist gut. Das wird ihn beruhigen.“ Alvarez nickte. Er wirkte erleichtert und das war er auch. „Das wird ihm helfen.“

„Attentäter?“, fragte nun aber Cathleen dazwischen, denn dies war ihr zwar aufgefallen in Alvarez‘ Erzählung, aber niemand hatte es weiter erläutert. Der schwarze Jaguar blickte zu ihr und rekapitulierte. Dann nickte er und berichtete von ihrer ersten Begegnung, von den beiden Kerlen und von der Festnahme.

„Wow, was für eine Geschichte.“ Leticia mochte sich gar nicht vorstellen, wie es Connor gerade gehen musste, als die Türklingel anschlug und sie zusammenzuckte. „Das wird er sein“, rief sie und sprang auch gleich auf, um Connor hereinzulassen.

„Guten Morgen“, wurde er lächelnd begrüßt. „Komm rein, ich bin Leticia, Alvarez‘ Schwester. Schön dich kennen zu lernen.“ Connor kam gar nicht dazu viel zu antworten, er konnte nur einen Gruß murmeln, da wurde er auch schon Richtung Küche geführt. Er blickte in all die fremden Gesichter und entspannte sich etwas, als er Alvarez an eine Tasse geklammert sah. Diesen Anblick kannte er schon und er lächelte.

„Setz dich“, lud Alvarez ein und stellte die anderen beiden am Tisch vor. Ryan spürte schnell, dass er nun im Mittelpunkt von Connors Interesse lag.

„Guten Morgen“, murmelte Connor ein wenig befangen und besah sich Ryan, wie er dachte unbemerkt. Er konnte nichts erkennen, was darauf hindeutete, dass der andere Mann ein Vampir war. Bis dieser lächelte und spitze Fänge aufblitzten. Unwillkürlich zuckte Connor ein wenig zurück und wurde verlegen. „Tut mir leid, ich bin das noch nicht so gewohnt“, entschuldigte er sich gleich. „Ich weiß noch nicht sehr lange, dass es Vampire und Werwesen wirklich gibt und ich wohl auch ein Vampir bin.“

„Schon okay, du musst dich für nichts entschuldigen. Leticia und Alvarez haben schon ein ganz kleines bisschen über dich erzählt, und dass du wohl die eine oder andere Frage haben könntest.“ Ryan hatte die Fänge wieder eingezogen, lächelte aber immer noch. Kurz sah er Alvarez an, der neben Connor saß und sich an seiner Tasse festhielt.

„Ja, die hab ich wohl, auch wenn ich gerade nicht weiß, wo ich anfangen soll.“ Connor fuhr sich verlegen durch die Haare und grinste schief. „Mein ganzes Leben lang war ich ein ganz normaler Mensch. Weder besonders stark, noch besonders schnell oder etwas in der Art und jetzt hat sich das innerhalb ein paar weniger Stunden verändert. Ich höre besser, ich bin stärker, wie Alvarez leider schon erfahren musste und ich habe auf einmal Flügel. Wie kann das sein, dass das alles so plötzlich kommt und wieso hat sich das bisher nie gezeigt?“

Alvarez verdrehte die Augen leicht und senkte den Kopf. Er hatte es Connor doch gesagt. Hatte der ihm nicht zugehört? Doch er schwieg. Connor hatte eine harte Zeit hinter sich, sollte er so oft das gleiche fragen, wie er wollte.

„Du warst in Gefahr und die Parasiten sind nun einmal darauf bedacht, dass der Wirt nicht stirbt. Sie haben das getan, was sie tun mussten, damit du überlebst und sie somit auch.“ Ryan griff sich nun ebenfalls seine Tasse. Er war ein bisschen nervös, noch nie hatte er so viel Verantwortung gehabt. Vielleicht sollte er jemanden wie Assai zu Rate ziehen?

„Das mit diesen Parasiten...“, fing Connor an, stoppte und sah kurz zu Alvarez. „Kann ich jemanden damit anstecken und ihn auch zum Vampir machen?“, fragte er und wirkte sichtlich verlegen. „Und was kommen sonst noch für Veränderungen auf mich zu? Alvarez hat mir was von Selbstheilung und langem Leben erzählt. Was bedeutet es noch, ein Vampir zu sein?“

„Oha“, machte Ryan nur. Der Mann wollte in einer Minute die Welt erklärt haben. Und Ryan war sich nicht sicher, ob er das konnte. Also sortierte er, was Connor alles gefragt hatte und beschloss, erst einmal das zu beantworten, was faktisch klar war, ehe er in die Philosophie abdriftete.

„Nein, du kannst niemanden anstecken. Nicht durch das Beißen und auch sonst nicht. Ich kenne eigentlich nur ein Werwesen, das mittlerweile ebenfalls die Parasiten in sich trägt und von ihnen gepimpt wird und das ist Cathleens Bruder Caleb. Aber das liegt an der unglaublichen Menge alten Blutes, dass er zu sich genommen hat und nicht weil er gebissen worden ist.“ Ryan sah zu seiner Frau und die nickte ihm zu, er war auf dem richtigen Weg. „Ansonsten wirst du zu einem perfekten Jäger, das ist der Sinn hinter uns Vampiren.“

„Ein perfekter Jäger“, murmelte Connor und man sah ihm an, dass er daran zu knabbern hatte. „Die Vorstellung Menschen zu jagen, um an ihr Blut zu kommen, macht mir die Vampirsache nicht leichter. Ich habe mein Leben lang gegen Menschen gekämpft, die andere verletzen, darum bin ich auch zur Staatsanwaltschaft gegangen und nun soll ich Menschen verletzen, um zu überleben, oder habe ich noch andere Möglichkeiten?“

„Falsche Wortwahl, Schatz“, murmelte Cathleen und strich ihrem Mann über das Bein. Sie spürte die Anspannung im Raum und wusste doch nicht, was sie dagegen unternehmen konnte.

„Hast du mir in den vergangenen Stunden auch nur ein einziges Mal zugehört?“, murmelte Alvarez und erhob sich. Er kam sich gerade ziemlich veralbert vor, denn Connor stellte genau die gleichen Fragen erneut, gerade so als würde er dem, was ihm Alvarez gesagt hatte, nicht glauben. Er musste mal vor die Tür und den Kopf frei bekommen. Und er achtete nicht darauf, dass ihm alle vier fragend nachsahen.

„Infusionen funktionieren auch“, sagte Ryan eilig, damit er Connor von Alvarez‘ Verhalten ablenken konnte. „Außerdem ist das kein jagen, du wirst nicht hinter ihnen herlaufen müssen. Es werden sich Gelegenheiten ergeben. Es gibt sogar Clubs, wo man auf Werwesen trifft, die es mögen, gebissen zu werden, die ihr Blut gern teilen. Aber nimm dir Zeit, um alles zu verstehen. Du kannst nicht in einer Nacht lernen, was andere in hundert Jahren erlernen. Das geht nicht.“

Connor sah Alvarez hinterher und sprang auf. „Entschuldige mich bitte, Ryan. Ich hoffe, es dauert nicht lange, aber ich muss jetzt erst einmal bei einem schwarzen Kater Abbitte leisten, den ich wohl unwissentlich gekränkt habe.“ Er wartete die Antwort gar nicht erst ab, sondern lief zur Tür, durch die der Panther verschwunden war. Er konnte Alvarez nicht sehen, darum rief er leise nach ihm. Wenn er wollte, würde der ihn schon hören.

Ein leises Knurren war die Antwort, das Connor über sich hörte. Als er aufblickte, sah er den schwarzen Panther auf dem Geländer des Obergeschosses hocken. Er sah ihn undeutbar an, bewegte sich aber nicht. Er verschmolz langsam mit den Schatten, nur die Augen leuchteten.

„Es tut mir leid, Alvarez“, sagte Connor leise. Er war sich zwar sicher, dass man ihn trotzdem im Haus hören konnte, aber das war ihm egal. Alvarez war sein Anker in den letzten Stunden gewesen und gerade ihn gekränkt zu haben, war schrecklich für ihn. „Ich habe dir zugehört und ich habe dir auch geglaubt, aber das ist alles so unfassbar, dass ich es noch einmal bestätigt haben musste.“ Er sah zu dem schwarzen Panther hoch und streckte die Hand nach ihm aus, aber das Geländer war zu hoch, so dass er ihn nicht berühren konnte.

Noch immer saß der Kater schwer erkennbar auf dem Geländer, doch er spürte, dass sein gekränktes Ego gerade Connor ziemlich in die Ecke drängte. Also kletterte er langsam nach unten und strich dem Mann um die Beine, doch er wandelte sich nicht, blieb einfach sitzen und bot an, sich knuddeln zu lassen. Schließlich hatte Connor das vorhin immer gewollt.

Mit einem erleichterten Lächeln auf den Lippen, kniete sich Connor neben Alvarez und legte die Arme um ihn. Er vergrub die Nase in dem weichen Fell hinter einem Ohr und atmete tief ein. Das könnte er stundenlang machen, denn der Mann roch einfach fantastisch. „Danke“, murmelte er leise und hob sein Gesicht so weit, dass er Alvarez sanft auf die Schnauze küssen konnte. Der Kater schnurrte leise und schloss die Augen, knurrte aber, als er seine Schwester um die Ecke spitzen sah. „Wollte nur sehen, ob alles in Ordnung ist, oder ob ich lenkend eingreifen muss“, erklärte sie und zog sich wieder zurück. Alvarez senkte den Kopf und wandelte sich wieder, griff seine Kleider, die am Boden lagen. „Komm, du hast noch so viele Fragen.“

„Warte.“ Connor legte eine Hand auf Alvarez' Arm. Er zog den anderen Mann in eine Umarmung. „Ohne dich wäre ich wohl schon vollkommen durchgedreht. Danke, dass du dich um mich gekümmert und mich ertragen hast.“

Alvarez grinste, als er sich wieder in seine Klamotten schälte. „Ich hab’s gern gemacht“, sagte er und strich Connor noch einmal über die Wange, ehe er ihn mit sich zurück in die Küche zog, bevor er noch auf dumme Gedanken kam. „So, wo waren wir?“, lenkte er also gleich ab, damit keiner auf die Idee kam zu fragen. Seine Schwester sah er warnend an.

Connor zog Alvarez wieder auf den Stuhl neben sich und es war reiner Zufall, dass er nach dem Zurechtrücken ein wenig näher bei ihm saß. „Du hast gesagt, dass es auch mit Transfusionen gehen würde“, griff Connor den Faden von vorhin wieder auf. „Ginge das für immer, oder nur eine begrenzte Zeit und wo würde ich das Blut herbekommen? Alvarez meinte, ich sollte mich von menschlichen Ärzten fern halten.“ Er grinste kurz zu dem Kater, denn er hatte durchaus behalten, was Alvarez ihm erklärt hatte. „Ihr habt eigene Kliniken, kann ich das dort bekommen?“

„Dafür sind die Kliniken da. Wir haben unsere Parallelwelt geschaffen, die so sehr mit der menschlichen vernetzt ist, dass ihre Existenz nicht auffällt. Das ist unsere Versicherung zum Überleben. Ich kann dir ein paar Adressen hier in der Stadt geben, die können dir vielleicht auch die ganzen medizinischen Hintergründe erklären und verraten, ob du ewig mit Konserven leben kannst.“

„Die Frage ist, ob er es will. Ich meine, so ein Biss, das heiße Blut, die Lust und die ….“

„Cat“, murmelte Ryan mit schattierten Wangen und sah seine Frau grinsend an, die nun ebenfalls rot schattiert den Kopf senkte.

„Die Überwindung ist das schwerste, der zweite Schluck wird schon leichter.“ Ryan war sich sicher, dass auch der junge Vampir noch auf den Geschmack kommen würde, wenn die Stimmung passte.

Connor konnte nicht leugnen, dass Cathleens Worte in ihm etwas ausgelöst hatten, das er sich nicht erklären konnte. Bilder geisterten durch seinen Kopf. Bilder von Alvarez, der stöhnend den Kopf zur Seite legte, damit Connor freien Zugang zu seinem Hals hatte. Er spürte, wie seine Fänge sich verlängerten und senkte verlegen den Kopf. „Dazu müsste ich erst einmal jemanden finden, der bereit ist mich den Rest seines Lebens von sich trinken zu lassen. Bis dahin sollte ich dann wohl bei den Konserven bleiben“, murmelte er leise.

„Hä?“, machte Ryan jetzt doch etwas dümmlich. Hatte er sich verhört? Und warum guckte der schwarze Jaguar jetzt so gequält in seine Tasse? „Jemanden für den Rest seines Lebens? Was redest du denn dann?“

„Ja, aber...“ Connor sah auf und weil Ryan ihn so verständnislos ansah, sah er zu Alvarez rüber, der den Kopf zwischen die Schultern gezogen hatte und seinen Kaffee hypnotisierte. Bei dem Anblick machte es bei ihm klick und ihm wurde klar, dass der Kater ihn angeschwindelt hatte.