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Mad life Teil 1 bis 5

~ Welcome to my sick sad reality ~
 
Kapitel 1: Einzug in die Vorhölle
 
Gelangweilt starrt er aus dem Autofenster, beobachtet die einzelnen Bäume wie sie an dem alten, grauen Golf vorbeirauschen und ihre Schatten auf die Landstraße werfen. Es ist um die Mittagszeit und die Sonne steht hoch am wolkenfreien Himmel. Stöhnend reibt er sich mit dem Handrücken über die Stirn und flucht leise vor sich hin. Wozu gibt es den Sommer? Es ist schwül, zudem kochend heiß und man hat das Gefühl bei der kleinsten Anstrengung in Ohnmacht zu fallen. Der Juni neigt sich bereits seinem Ende zu und in den letzten Wochen sind die Temperaturen auf 37°C angestiegen.

>Na wenigstens hat dieses Auto eine Klimaanlage.< denkt er genervt und trinkt den letzten Rest seiner Cola aus, bevor er die Dose auf den hinteren Sitzen des Autos verschwinden lässt. Gähnend lehnt er sich gegen den schwarzen Ledersitz und zieht seinen Rucksack auf seinen Schoß, welchen er zwischen seinen Füßen platziert hatte. Seine pechschwarzen, schulterlangen Haare hat er hinten mit einem Gummiband zusammengebunden, wodurch nur noch einzelne Strähnen seines kinnlangen Ponys von den Seiten in sein Gesicht fallen. Er trägt eine ausgefranste, schwarze Hose und ein ärmelloses schwarzes Shirt, dazu schon recht ausgelatschte Turnschuhe. An seinem linken Ohrläppchen hängen 3 silberne Ringe, welche durch das Sonnenlicht leicht aufblitzen. Um seine Handgelenke sind mehrere Lederbänder geschlungen und bilden einen starken Kontrast zu seiner blassen Haut. Sein dunkelblaues Augenpaar wandert über den Inhalt seines Rucksackes, ehe er zufrieden dreinblickend eine zerkratzte CD-Hülle hervor holt. Wenn er eh noch gute 2 Stunden Autofahrt vor sich hat, dann will er wenigstens anständige Musik hören.

Die braunhaarige Frau neben ihm wirft dem Jungen einen skeptischen Blick zu, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Fahrbahn zuwendet. Im Radio werden gerade die neuesten Verkehrsnachrichten angesagt, als ein lautes Knistern ertönt. Der schwarzhaarige Junge ist gerade dabei seine CD in den Player zu schieben als er sich einen mahnenden Blick der jüngeren Frau einfängt.

"Wage es ja nicht mir mit dieser abscheulichen Musik die Ohren zu ruinieren Ricki." meint sie mit tadelndem Blick und schmunzelt sacht, als sich auf dem Gesicht des Jungen ein unzufriedener Schmollmund ausbreitet.

Missmutig lässt er die CD in der Hülle verschwinden und fummelt in einer Seitentasche seines Rucksackes nach seiner Zigarettenpackung. Wenige Sekunden später holt er gesuchtes Objekt heraus und zieht aus seiner Hosentasche ein abgenutztes Feuerzeug hervor. Murrend entzündet er die Zigarette und nimmt einen tiefen Zug von dieser. Noch ein paar Minuten länger und er wäre an Nikotinverlust krepiert.

"Ich muss mir meine Ohren ja auch mit deinem Chartgejaule ruinieren." gibt er patzig zurück und pustet den Rauch aus dem offenen Autofenster. Die junge Frau neben ihm seufzt resigniert und streicht sich einige vorwitzige Haarsträhnen aus dem Gesicht. Jetzt fahren sie bereits knapp 2 Stunden und es war jetzt das erste Mal, dass ihr Sorgenkind etwas gesagt hat.

"Ob es dir passt oder nicht, aber wir müssen die nächsten Stunden noch miteinander auskommen." Sagt sie beiläufig und biegt links ab. Das es so stressig sein kann einen 17 Jahre alten Jungen zu seiner neuen Familie zu bringen hat sie nicht gedacht. Der Schwarzhaarige wirft ihr einen verärgerten Blick zu und lässt seinen Blick wieder aus dem Fenster wandern.

"Nur zur Information Meli. Wir dürfen hier gute 80 km/h fahren." Meint er plötzlich und ein breites Grinsen macht sich auf seinem Gesicht breit, als er die leicht geröteten Wangen der braunhaarigen Frau sieht. Diese beißt sich frustriert auf die Unterlippe und versucht diesen nervenden Plagegeist neben sich zu ignorieren.

"Mach du erst einmal selbst deinen Führerschein, dann sprechen wir weiter." Entgegnet sie säuerlich und tritt leicht aufs Gaspedal. Wäre er nicht der Sohn ihrer ehemals besten Freundin, würde sie diese Tortur garantiert nicht mitmachen. Ein leichter, trauriger Glanz bildet sich in ihren Augen als sie daran zurückdenkt, als plötzlich die Polizei vor ihrer Tür stand und meinte, dass ihre Mitbewohnerin bei einem Autounfall tödlich verletzt worden war.

Susanne war seit der 3. Klasse ihre beste Freundin gewesen und der Verlust schmerzt höllisch. Das letzte, was sie für ihre verstorbene Freundin und Mitbewohnerin machen kann, ist ihren Sohn zu seinem Vater zu bringen. Die Tatsache, dass dieser bis vor 3 Wochen noch nicht die geringste Ahnung hatte, dass sein 18 Jahre zurückliegender Seitensprung ein Kind hervorgebracht hat, erschwert die Situation zusätzlich.

Susanne hat sich ihr ganzes Leben lang allein um ihren Sohn gekümmert, hat ihm immer erzählt, dass sein Vater sie damals wegen einer anderen Frau hat sitzen lassen. Dementsprechend reagierte Ricki auch ziemlich abgeneigt, als er erfahren hat, dass er nach dem Tod seiner Mutter zu seinem Vater ziehen muss.

>Hoffentlich macht er es ihm nicht so schwer.< denkt die junge Frau seufzend und beschleunigt das Tempo, als sie auf die Autobahn fährt.

*~*~*~*~*

"Jetzt reiß dich bitte mal etwas am Riemen und steig endlich aus." Herrscht sie Ricki an, welcher schmollend und mit eisigem Blick auf dem Beifahrersitz hockt und nicht die geringsten Anstalten macht, diesen zu verlassen. Genervt fährt die braunhaarige Frau sich durch die Haare und atmet einmal tief durch.

Mit Geschrei stößt sie bei dem Jungen sowieso nur auf taube Ohren. Kapitulierend lehnt sie sich gegen den alten Golf und betrachtet das große Haus, vor welchem sie gehalten hat. Arm scheint diese Familie auf jeden Fall nicht zu sein. Ein großer Garten umgibt das weiße Haus, welches zudem eine riesige Terrasse hat. Rings um das Grundstück herum ist eine gut 1 Meter hohe Hecke gepflanzt und vor der Garage stehen zwei Autos, welche im Gegensatz zu ihrem mausgrauen Golf ziemlich teuer aussehen.

"Warum muss ich zu diesem Spießer?" ertönt plötzlich Rickis Stimme und reißt die junge Frau aus ihren Gedanken. Diese sieht ihn verständnislos an und stöhnt innerlich laut auf. Warum in Gottes Namen bleibt ihr dieses Gespräch nicht erspart? Schließlich hat sie in ihrer alten Mietswohnung schon stundenlang mit dem Jungen über dieses Thema diskutiert.

"Zum einen ist dieser Spießer dein Vater und zum anderen habe ich keine Zeit mich um dich zu kümmern. Ich habe selbst viel zu tun und ich bin mir sicher, dass du hier einen guten Umgang haben wirst." entgegnet sie daraufhin, wobei sich der Gesichtsausdruck des Schwarzhaarigen verdunkelt.

Wütend kaut er auf seiner Unterlippe herum, lässt mit einem Krachen den Gurt in die Halterung zurückschnellen und steigt aus dem Wagen aus. Die Tür fällt laut hinter ihm zu und er funkelt die braunhaarige Frau säuerlich an.

"Zum einen habe ich keinen Vater und zum anderen brauche ich kein Kindermädchen. Mum war auch nicht oft zu Hause und ich habe es trotzdem überlebt. Zumal geht es mir total gegen den Strich, dass ich jetzt vier Autostunden von meinen Freunden entfernt bin und nun in diesem Kaffdorf leben muss. Was denkst du dir dabei Meli?" fährt er sie aufgebracht an und haut mit seiner Faust auf das Dach des Autos.

"Mein Auto hat schon genug Dellen, da brauchst du nicht noch mehr reinzumachen. Und ob es dir passt oder nicht, aber dieser Mann ist nun einmal dein Vater und was deine sogenannten Freunde angeht, so sind diese durchgeknallten Freaks wirklich kein Verlust." meint sie leicht erbost und verschränkt die Arme vor der Brust.

*~*~*~*~*

Missmutig betrachtet er die blondgelockte Frau, welche ihn und Melanie fröhlich dreinblickend durch das riesige Haus in Richtung Küche lotst. Sie trägt eine weiße Stoffhose und eine hellblaue Bluse, wodurch sie äußerlich wie eine von den Waschmittelwerbefrauen wirkt. In der Küche angekommen holt sie gleich 3 Gläser aus einem Schrank und eine große Kanne mit Eiskaffee, welchen sie dann auf den Tisch stellt. Melanie setzt sich dankend und schenkt sich sogleich etwas von der kühlen Flüssigkeit ein.

Ricki verdreht gequält die Augen und sieht sich schon einmal nach einer Möglichkeit um wie er diesem Desaster entfliehen kann. >Vielleicht sollte ich es mal riskieren und aus dem oberen Stockwerk springen. Wenn ich dabei soviel Glück habe und auf der Terrasse aufschlage, würde ich meinem Leiden wenigstens ein Ende setzen.< Ja, der Freitod war doch wirklich eine schöne Sache
 
"Möchtest du nichts trinken?" fragt die blonde Frau und sieht ihn mit großen, grünen Augen an. Oh wie er das liebte. Diese Person soll bloß nicht so tun, als wenn sie ihn gerne hier hat. Er braucht keine Ersatzmutter, ebenso wenig einen Vater. Immerhin hat er sein ganzes Leben auch ohne einen männlichen Erziehungspart auf die Reihe gekriegt.

Innerlich laut fluchend verschränkt er die Arme und schüttelt nur abwehrend den Kopf. Melanie wirft ihm einen ernsten Blick zu, bevor sie sich wieder ihrem Eiskaffee zuwendet. Bis jetzt läuft es doch schon recht gut. Keine Todesfälle und keine Morddrohungen die durch ihren Schützling hervorgerufen wurden. Soweit so gut.

"Ich muss mich wirklich entschuldigen, aber Frederic hat noch geschäftlich zu tun. Aber ich bin sicher, dass er heute Abend früh zu Hause sein wird." Meint die blonde Frau, welche sich kurz darauf als Katja Sieberd vorstellt.

"Ich bin mir sicher, dass wir beide uns schon vertragen werden, meinst du nicht?" fragt sie Ricki, welcher beim quietschenden, schrillen Geräusch ihrer Stimme leichte Zuckungen im Trommelfell bekommt.

Wirklich klasse. Was besseres hätte ihm wirklich nicht passieren können. Sein Erzeuger, der sich damals aus dem Staub gemacht hat ist nicht da, stattdessen darf er sich nun mit einem überfreundlichen, blondgelockten Barbiehausfrauenverschnitt herumplagen. Was kommt als nächstes?

"Tut mir wirklich leid, aber der Junge ist ein wenig schwierig... von seiner Sturheit mal ganz abgesehen." Wirft Melanie nun ein, welche die feindlichen Blicke, welche der schwarzhaarige Junge um sich schmeißt sofort gedeutet hat.

"Verständlich. Schließlich war es ja für uns alle... eine ziemliche Überraschung, nicht wahr?" meint Katja dann und nippt an ihrem Eiskaffee.

Überraschung, ja klar doch. Innerlich laut aufstöhnend fummelt Ricki an seinen Lederbändern herum und sucht weitere Möglichkeiten, wie er sich selbst aus diesem Perfekte-Familienleben-Mist herausziehen kann.

>Shit. Warum ich? Was habe ich denn verbrochen, dass man mich DIESEN Leuten vorsetzt?< murrend zieht er die Bänder fester um sein Handgelenk, bis sich leicht rötliche Striemen auf diesen bilden. Schmerz... ein winziges Gefühl, welches ihm in diesem ganzen Klischee noch den leichten Hauch von Leben vermittelt.

"Nun ich muss auch wieder los. Ich habe noch einiges zu Hause zu erledigen. Ich werde mich in den nächsten Tagen telefonisch melden, wenn das in Ordnung geht." Meint die braunhaarige Frau, stellt ihr leeres Glas beiseite und erhebt sich.

"Selbstverständlich. Und ich bin sicher, dass er sich hier gut einleben wird. Es sind ja ohnehin Sommerferien und Alexander freut sich bestimmt auch über Gesellschaft." Meint die blonde Landplage und erhebt sich ebenfalls.

In Gedanken geht Ricki nochmals die Namen durch. >Frederic heißt mein Vater... aber wer zum Teufel ist Alexander?< die Erleuchtung trifft ihn wie ein Eimer kaltes Wasser, welches man ihm über den Kopf schüttet. Dieses schrille Frauenabbild hat ihm doch nicht eben tatsächlich eröffnet, dass er einen Halbbruder hat?!

>Holy shit. Das kann doch wohl nicht wahr sein.< stöhnend schlägt er seinen Kopf auf die Tischplatte und hört im Hintergrund noch Melanies lautes Organ, welche ihm schöne Ferien wünscht.

Oh ja. Schöne Ferien. Na besten dank auch. Da setzt dieses Weib ihn am Arsch der Welt ab, in einem winzigen Nest voller Familien-Soap-Fanatiker in dem es wahrscheinlich noch nicht einmal eine Busverbindung zur Zivilisation gibt. Kurz, in der Hölle kann es nicht schlimmer sein.

Wieder hört er das laute Klackern der weißen Pumps seiner neuen 'Ersatzmutter' und er weiß jetzt schon, dass ihn dieses Geräusch noch den letzten Nerv rauben wird. Missmutig erhebt er sich von seinem Stuhl und kramt in seinem Rucksack nach seinem Discman. Diese gelockte Vogelscheuche alias Katja soll sich bloß nicht einbilden, dass er sich mit ihr unterhält. Das einzige was die im Kopf hat ist wahrscheinlich nur die Frage, was sie als nächstes tun kann, um ihn noch weiter an den Rand der Verzweiflung zu treiben.

Man muss sich in diesem Haus nur einmal umsehen. Schrecklich. Wie aus einer dieser Friede-Freude-Euerkuchen-TV-Soaps, wo sich alle freudig strahlend in den Armen liegen und Lobeshymnen auf das Leben trällern.

"So... wie wäre es, wenn ich dir jetzt dein neues Zimmer zeige, hm?" sie lächelt ihn süßlich an und klimpert mit ihren falschen Wimpern, was den schwarzhaarigen Zottelkopf nahe an den nächsten Brechreiz heranbringt.

>Kotzen ohne Alk. Das hat doch was.< denkt er ironisch und sieht die blonde Frau abwertend an. Schulternzuckend zieht er sich seine Zigarettenschachtel aus der Hosentasche und schnipst sich eine Kippe heraus.

"Im Haus wird nicht geraucht. Das ist eine sehr wichtige Regel. Ich will nicht, dass sich der Nikotingeruch in den Möbeln einnistet." Meint sie bestimmend und trippelt quer durch die Küche, in welcher eine Übergangstür zur Terrasse eingebaut ist. Mit Schwung reißt sie diese auf und ein Schwall Hitze schlägt ihr entgegen.

Ricki starrt sie verständnislos an und setzt diese Frau gleich einige Nummern auf seiner Abschussliste nach oben. Das wird wirklich immer besser. Soll er etwa mitten in der Nacht, wenn die Sucht ihn plagt eine halbe Weltreise machen, bis er endlich draußen ist? Nee, aber so nicht. Die wird sich noch umgucken. Immerhin wäre sie nicht die erste Person die er dazu gebracht hat ihn zu hassen. Ein gleichgültiges Grinsen umspielt seinen Mund und er lässt die Zigarette wieder verschwinden.

"Schön... Alexander! Hilfst du unserem neuen Familienmitglied beim Koffertragen?" ruft sie plötzlich aus und auch wenn er sich dafür spätestens nach diesem Gedanken die Zunge rausreißen wird, so muss er insgeheim zugeben, dass selbst diese Chartmusik nicht so trommelfellzerreißend ist wie die Stimme dieser Frau.

Auf der Treppe sind dumpfe Schritte zu vernehmen und wenig später betritt ein hellblonder Junge die Küche, welcher anscheinend im selben Alter ist wie Ricki. Dieser mustert den schwarzhaarigen missbilligend und wirft seiner Mutter einen klagenden Blick zu, welcher zu sagen scheint 'Sag-mir-dass-der-nicht-hier-bleibt'.

Ricki lässt sein blaues Augenpaar über den anderen Jungen wandern und schlägt sich gedanklich mit der Hand vor den Kopf. Blonde Haare wie seine Mutter nur ohne Locken welche mit Gel und Haarspray in Form gebracht sind, zudem leicht gebräunt und ziemlich groß, um genau zu sein einen halben Kopf größer als er selbst.

>Name: Alexander. - Lebensform: Fitnessstudiobesuchender Sunnyboy mit unnatürlich brauner Haut.< wenn man davon absieht, dass Ricki aussieht wie der Tod auf Latschen mit seiner kalkweißen Haut ist sein Gegenüber wirklich ziemlich braun. Wenn die beiden nebeneinander stehen würden, wäre das bestimmt ein ziemlich amüsantes Bild.

"Alexander das ist Ricki. Ricki das ist mein Sohn Alexander. Ihr werdet bestimmt gut zurechtkommen." In ihrer heilen Weltvorstellung entgeht der jungen Hausfrau allerdings, dass sich besagte Jungendliche gerade mit ihren Blicken gegenseitig erdolchen. Na dann frohes Familienleben.

 
Kapitel 2: Familie? Nein danke!
 
Grummelnd hievt der blonde Junge einen von Rickis Koffern die Treppe hoch. Allmählich fragt er sich, was dieser Freak da drin verstaut hat. >Wahrscheinlich hat der Typ seinen Grabstein mit eingepackt<, denkt Alexander murrend und fragt sich im nächsten Moment, ob die Treppe ihn ärgern will, da sie ihm plötzlich viel länger vorkommt als sonst. Nun ja, normalerweise schleppt er ja auch keine tonnenschweren Koffer hinauf.

Hinter sich hört er lautes Poltern und wenig später spürt er, wie ihm ein gewisser jemand brutal in den Hacken tritt. Mit funkelnden Augen dreht er sich um und verengt diese zu schmalen Schlitzen.

"Das hat weh getan!", ruft er aufgebracht aus und dreht dem schwarzhaarigen Etwas, auch bekannt als Ricki, in Gedanken den Hals um. Na, jetzt ist immerhin wenigstens eine Entschuldigung angebracht. Doch diese fällt anders aus, als er es sich erhofft hat.

"Dann würde ich mal nen Zahn zulegen. Selbst die Oma aus meinem alten Haus ist schneller die Treppen hochgekommen als du", gibt er patzig zurück und sieht mit Freuden, dass dem anderen Jungen vor Entrüstung regelrecht die Worte fehlen.

>Hat sich unser Baywatchheld so gedacht.< Sich gedanklich selbst auf die Schulter klopfend und mit einem selbstgefälligen Grinsen auf den Lippen lehnt sich Ricki gegen das Treppengeländer und wartet, dass sich ein gewisser jemand langsam mal weiterbewegt.

Alexander schnaubt wütend und poltert schnellen Schrittes die Treppe hoch. Das ist ja wohl die Höhe! Da erbarmt er sich und hilft diesem 'Etwas' sein Gepäck hoch zutragen, erleidet zudem noch körperliche Schäden und wird zum Dank auch noch angemacht. Ganz klasse. Was braucht der Mensch mehr?

Fluchend lässt er den Koffer vor einer weißen Holztür fallen und stemmt die Arme in die Hüften. Der schwarze Schrecken ist ebenfalls oben angekommen und muss zu seinem Leidwesen feststellen, dass sein Zimmer leider nicht über der Terrasse liegt. Soviel zu seinem Freitodplan... Aber da werden sich schon noch andere Möglichkeiten finden.

Alexanders grüne Augen wandern über Rickis schmächtige Gestalt, wobei er nicht verhindern kann, dass sich ein Bild in seinem Kopf bildet, welches den schwarzhaarigen Jungen auf einem Friedhof umgeben von Kerzen und Totenköpfen zeigt. Angeekelt schüttelt er den Kopf um diesen unangenehmen Anblick zu vertreiben.

Innerlich über seine Mutter fluchend, die ihm jetzt diesen Störenfried aufs Auge gedrückt hat, da sie ja sonst ihre Lieblingstalkshow verpasst, drückt Alexander die Klinke hinunter und kickt die Tür auf, welche sogleich hart gegen die Innenwand schlägt.

"So, das ist dein Zimmer. Kannst dankbar sein, Dad hat extra das Gästezimmer umgebaut", meint der blonde Junge gefrustet. Es ist wirklich deprimierend gewesen, wie sein Vater sich den Allerwertesten aufgerissen und zudem fast eine komplett neue Einrichtung gekauft hat, während er auf seinen abgenutzten Möbeln sitzen bleibt. Ja, die Welt ist schlecht.

Ricki wirft einen vorsichtigen Blick in den Raum und setzt vorsichtig einen Fuß hinein. Man könnte meinen, dass der Schwarzhaarige Angst habe, dass gleich noch ein blondgelocktes Wesen vor ihm auftaucht und ihm mit seiner schrillen Stimme das Trommelfell zum Platzen bringt.

Das was er aber stattdessen zu sehen bekommt, lässt ihm den Atem stocken. Orange?! Das ganze Zimmer ist in einem quietschenden orangefarbigen Ton tapeziert und wird zudem auch noch von einer gelben Borte mit Sonnenblumen drauf verziert. Innerlich die Zeigefinger zu einem Kreuz formend betritt Ricki das Zimmer und sieht sich mit einem 'weiche-böser-Dämon' Blick um.

Das war doch wohl ein schlechter Scherz! DAS können sie ihm nicht antun! Orange! Blau oder grün hätte er ja noch verkraftet, aber nicht DAS! Verstimmt verzieht er das Gesicht zu einer Fratze und sieht die Wände angeekelt an. Seinem Blick nach zu urteilen könnte man meinen, er befürchte, die Tapete springe ihn gleich an. Und diese klischeeartigen Sonnenblumen. Was hat er denn verbrochen, dass man ihm so eine Umgebung aufzwingt?

>So ein böser Mensch kann ich doch nicht gewesen sein...< Laut aufstöhnend befördert er seinen Koffer und seine Reisetasche mit einem kräftigen Tritt in die Mitte des Zimmers, wo sie hart an ein dunkelblaues Sofa anschlagen. Na, wenigstens hat dieses Einrichtungsstück keine Blumen oder sonstige Verzierungen.

"Irgendein Problem?", vernimmt er Alexanders Stimme, welcher leicht amüsiert am Türrahmen steht und ein gehässiges Grinsen auf den Lippen hat. Ricki zischt leise und lässt seinen Blick durch diese Katastrophe von Zimmer wandern. Ein Sofa mit dazugehörigem Sessel, ein circa 3 Meter langer Schrank mit Glasvitrinen und Beleuchtung, in dem auch noch ein Fernseher mit DVD-Player steht. Ein Computer steht direkt neben der...

>Balkontür!< Ein zufriedenes Lächeln schleicht sich auf Rickis Gesicht. Damit wäre zumindest das Problem bezüglich seiner nächtlichen Nikotinrituale geklärt. Ein dreifaches Hoch auf den Architekten!

"Hm... abgesehen davon, dass ich wahrscheinlich nen Krampf in den Augen kriege, wenn ich die Wände betrachte ist es akzeptabel", meint er gelassen und geht mit eiligen Schritten auf den Balkon zu. Mit einem kräftigen Ruck reißt er die Tür auf und zieht wenige Sekunden später seine Zigarettenschachtel hervor.

Alexander hebt irritiert eine Augenbraue und verdreht kurz darauf die Augen, als er den Glimmstängel in Rickis Mund erblickt. Na ganz toll. Und das, wo er doch immer Kopfschmerzen von dem Rauch kriegt.

"Is was?", fragt Ricki schnippisch und wirft seinem 'Bruder' einen säuerlichen Blick zu. Er ist jetzt in seinem Zimmer, die Koffer sind oben und der blonde Macker steht da und glotzt ihn an wie eine Ausgeburt der Hölle.

"Pff", ist das letzte, was er von Alexander vernimmt, bevor dieser gereizt die Tür hinter sich zuknallt. Kopfschüttelnd wendet sich der schwarzhaarige Junge wieder seiner Kippe zu, welche diesen angenehmen Tabakgeruch verbreitet. Sein Augenpaar gleitet über den Balkon und dass in einer Ecke ein Klappstuhl steht verschafft diesen Leuten gleich einen winzigen Pluspunkt.

*~*~*~*~*

"Alex, nun beruhig dich doch erst einmal", ertönt die besorgte Stimme von Katja, welche damit anscheinend versucht, ihren aufgebrachten Sohn zu beruhigen. Eigentlich hat sie sich das einfacher vorgestellt. Immerhin hat sie ihren Sohnemann vor gut 3 Wochen darauf vorbereitet. Nun gut, dass dieser Ricki ein solches Original ist, konnte sie ja nicht wissen, aber trotz allem gehört er mit zur Familie.

"Mum! Hast du dir diesen Freak mal angesehen? Da muss man nachts ja Schiss haben, dass der Kerl mit einem schwarzen Mantel ins Zimmer geflattert kommt und dir in den Hals beißt! Und nenn mich nicht Alex", ruft der blonde Junge aufgebracht und tritt in seiner Wut mit voller Kraft gegen die Wohnzimmertür, woraufhin er sich einen mahnenden Blick seiner Mutter einfängt.

"Lass deinen Frust nicht am Haus aus. Und ich bin sicher, dass er sich nur ein wenig... eigenartig benimmt, weil er diese ganze Situation noch nicht so wirklich verarbeitet hat. Immerhin hat er seine Mutter verloren", versucht sie es nun auf die Mitleidstour, welche aber dieses Mal nicht bei ihrem Nachwuchs anschlägt.

Dieser runzelt nur murrend die Stirn und lässt sich auf einen der Sessel plumpsen. Ganz klasse. Was kann denn bitteschön er dafür, dass die Mutter von diesem Kerl das Zeitliche gesegnet hat? Nichts! Und wer muss nun kürzer treten? Er!

"Hör mal. An unserer Schule laufen auch ein paar von dieser Sorte rum. Die dröhnen sich den Schädel zu, gehen abends auf den Friedhof und halten dort Rituale ab! Wer weiß, was das für einer ist", fügt er mit beißendem Spott hinzu und verschränkt die Arme vor der Brust. Sollte seine Mutter ruhig weiter denken, dass jeder Mensch im Grunde gut ist, er weiß es schließlich besser.

"Wahrscheinlich ist der Kerl auf Drogen... ritzt sich oder sonst was. So ne Typen gehören echt in die Geschlossene!", ruft er wütend aus und schlägt mit seiner Faust auf die Sessellehne. Dass seine Mutter ihn daraufhin entsetzt anstarrt interessiert ihn in diesem Falle herzlich wenig.

Und überhaupt, was soll denn das alles? Da taucht von heute auf morgen so ein Grufti in seinem Haus auf und drängt sich in seine Familie mit hinein. Er wollte zwar immer Geschwister haben, aber doch nicht sowas!
 
"Versuch doch bitte ein wenig Verständnis für ihn aufzubringen", versucht es Katja nochmals und sieht ihren Sohn daraufhin bekümmert an. Dieser schluckt hart und wendet seinen Blick ab. Wie er es doch hasste, wenn sie ihn mit diesem Glanz in den Augen ansieht. Schrecklich.

"Ja, wie wäre es mit etwas Verständnis?", vernimmt er plötzlich eine ihm sehr unwohl bekannte Stimme. Gleichzeitig drehen sich Alexander und seine Mutter um und blicken in das grinsende Gesicht von Ricki, welcher mit seiner Zigarette im Mundwinkel an der Wohnzimmertür steht.

Das laute Geschrei war schließlich bis in die obere Etage zu hören und neugierig wie Gott ihn schuf musste er natürlich gleich nachsehen was der Grund für das Gezeter war. Umso mehr freut es ihn, dass er der Grund für die Auseinandersetzung gewesen ist.

"Ricki...", beginnt Katja, verstummt aber als sie die Kippe in seinem Mund erblickt. Sie faltet ihre Hände auf dem Schoß und seufzt leise auf. Anscheinend hat sie sich vorhin nicht klar genug ausgedrückt.

"Ich möchte nicht, dass im Haus geraucht wird", ermahnt sie ihn in einem freundlichen Ton, woraufhin Ricki sie regelrecht mit seinen Blicken massakriert. Sein dunkelblaues Augenpaar verharrt einige Sekunden auf der jungen Frau, bevor er gleichgültig mit den Schultern zuckt und die Zigarette aus dem Mund nimmt.

"Pardon", meint er in einem übertrieben entschuldigenden Ton und schmeißt den Glimmstängel auf den Parkettboden, wo er ihn schließlich austritt. Mit weit aufgerissenen Augen starrt Katja auf Rickis Fuß.

"Wir rücksichtslos von mir", fügt Ricki ironisch hinzu, macht kehrt und begibt sich wieder zurück in seine Räume. Der Kettengürtel, der um seine Hüfte geschlungen ist, klappert laut, als er die Stufen hinaufläuft und wenig später die Tür geräuschvoll hinter sich ins Schloss schmeißt.

"Ich will, dass der hier verschwindet", meint Alexander schließlich, in einem extrem beunruhigend ernsten Ton. Er will diesen Kerl nicht hier haben. So, wie er die Lage einschätzt wird dieser Ricki noch ziemlich viele Probleme machen. Stöhnend fährt er sich durch die Haare und steht von dem dunkelbraunen Sessel auf.

"Ich bin bei Mark", sagt er beiläufig und verlässt das Wohnzimmer. Er muss auf der Stelle hier raus. Noch ein paar Minuten länger mit diesem Irren in seiner Nähe und er wird freiwillig das Land verlassen.

"Du könntest Ricki doch mitnehmen... ihm die Umgebung zeigen. Und es tut ihm bestimmt gut, wenn er ein paar Leute kennen lernt", ruft Katja ihm nach, woraufhin Alexander wie zur Salzsäule erstarrt stehen bleibt.

Er soll was tun?! Diesen Psychopathen mitnehmen? Mit zu seinem Freundeskreis? Aber nur über seine Leiche. Schließlich hat er einen guten Ruf zu verlieren. Wie würde es denn aussehen, wenn er mit Graf Dracula persönlich bei seinen Leuten auftauchen würde.

Auf die Bitte seiner Mutter nicht reagierend schlüpft er in seine Turnschuhe, schnappt sich seinen Hausschlüssel und knallt die Tür hinter sich zu. Auch wenn er sich dafür später eine Predigt anhören darf, aber soweit wird er sich nicht erniedrigen.

*~*~*~*~*

Ricki beobachtet den blonden Jungen, wie er mit seinem Bike vom Grundstück fährt und hinter der nächsten Biegung verschwindet. Zufrieden mit sich und der Welt lässt er sich auf den Klappstuhl sinken und zieht mit seinen Lippen eine weitere Kippe aus der Schachtel.

Seine Selbstmordpläne hat er vorerst in der hintersten Schublade seines Gedächtnisses verstaut. Immerhin hat er noch eine wichtige Mission vor sich. Sein Vater hat seine Mutter verlassen, sozusagen ihr Leben kaputt gemacht. Es war seine Schuld, dass seine Mutter ständig mit neuen Männern nach Hause gekommen ist.

Sein Vater hat sein Leben kaputt gemacht und nun will er sich natürlich nicht den Spaß nehmen lassen, seins zu zerstören. Einen Anfang hat er bereits gemacht. Es ist nur ein Frage der Zeit, bis sie die Geduld verlieren.

>Ich brauche keinen Vater.. keine Ersatzmutter... und vor allen Dingen keinen Bruder.< Genüsslich pustet er den Rauch in die stickige Luft und schwingt seine Beine über das Geländer des Balkons.

Er weiß Mittel und Wege, sich unbeliebt zu machen. Er weiß wie man Menschen einschätzen muss... ihre Schwäche herausfinden kann um sie so fertig zu machen. Die Freunde seiner Mutter hat er schließlich auch immer erfolgreich vergraulen können.

Ein kurzer Blick auf seiner Armbanduhr verrät ihm, dass es bereits halb 4 ist. In wenigen Stunden dürfte dann wohl sein Erzeuger die Szene betreten. Na, der wird sich wundern. Ein breites Grinsen ziert Rickis Gesicht, als er die Zigarette über das Geländer des Balkons schmeißt und mit eiligen Schritten zu seinem Koffer geht.

Sein Vater wird den Schock seines Lebens bekommen, wenn er ihn in seinen 'Ausgehklamotten' zu sehen bekommt. Nach einigem Hin- und Herwühlen und nach dem Öffnen der anderen Koffer hält er schließlich gesuchte Objekte in den Händen.

Oh ja, damit würde er garantiert einen schlechten Eindruck bei seinem Vater hinterlassen. Ein leises Lachen geht von ihm aus, als er den langen Lederrock vor sich in die Höhe hält, welcher an den Seiten mit silbernen Ringen zusammengehalten wird.

Vermutlich wird sein Vater genau so drauf reagieren wie die Freunde seiner Mutter. Erst wird ihm die Kinnlade herunter fallen, dann wird er ihn mit weit aufgerissenen Augen betrachten und ihm am Ende einen abwertenden Blick zuwerfen. Provokation ist alles. Und das im höchst möglichen Ausmaß.

"Welcome to my sick sad Reality", summt er leise vor sich hin und verlässt mit Klamotten beladen das Zimmer. Wonach er jetzt Ausschau halten muss ist das Badezimmer. Schließlich will er ja noch ein wenig Make Up auftragen. Sein Vater soll schließlich (k)einen Herzinfarkt kriegen, wenn er seinen Unfall von Sohn zu Gesicht bekommt.

 
Kapitel 3: Alles eine Frage der Ansicht
 
Summend steht Ricki vor dem riesigen Badezimmerspiegel und zieht sich vorsichtig den Lidstrich nach. Seine eh schon blasse Haut ist nun mit weißem Puder abgedeckt, wodurch er wie eine wandelnde Wasserleiche aussieht. Unterstrichen wird das Ganze von schwarzer Wimpertusche und schwarzer Schminke, welche er großzügig um die Augenpartien verteilt hat. Seine Lippen sind ebenfalls weiß, zumindest bis jetzt, da er nun mit einem schwarzen Lippenstift etwas 'Farbe' auf seinen schmalen Mund bringt.

Ein breites Grinsen ziert sein Gesicht, als er sein Spiegelbild betrachtet. Der schwarze Rock steht ihm einfach zu gut. Durch seine 10-Meter-Absatzstiefel wirkt er gleich viel größer, aber auch sehr viel dünner. Ein Hauch von Nichts verbirgt seinen Oberköper.

Meli würde ihn wahrscheinlich fragen, ob er vor habe Angeln zu gehen, denn das schwarze Netztop zeigt mehr als es verbirgt. Zufrieden dreinblickend dreht er sich noch einmal vor dem Spiegel hin und her und zupft noch einige Haarsträhnen gerade. Sein silberner Ring, welchen er sich vor knapp 2 Jahren durch die linke Brustwarze hat stechen lassen, blitzt verräterisch unter dem dünnen Stofffetzen hervor.

Selbst wenn sein Vater dadurch keinen Herzinfarkt bekommen sollte... seine schrille Ersatzmutter, auch bekannt als Katja wird auf jeden Fall nach seinem Anblick eine Therapie brauchen. So wie er diese Person einschätzt, betrachtet sie sich und ihre gesamte Umgebung durch eine rosarote Brille.

Eine tiefe Stimme reißt ihn plötzlich aus seinen Gedanken und er wirft einen irritierten Blick auf die Standuhr. Es ist bereits 17.15 Uhr und im unteren Bereich des Hauses sind Stimmen zu vernehmen.

Ricki atmet einmal tief durch und drückt leise die Türklinke hinunter. Eine tiefe Männerstimme beschwert sich gerade über diese drückende Hitze, und so wie es sich anhört, scheint diese Stimme seinem Vater zu gehören.

Ein leicht mulmiges Gefühl breitet sich in seiner Magengegend aus. Seine Beine fühlen sich plötzlich so schwer an und sein Puls hämmert in schnellem Takt gegen seinen Brustkorb. Anscheinend ist es doch nicht so einfach, wie er sich das vorgestellt hatte.

Er wird gleich den Menschen sehen, der ihn und seine Mutter damals im Stich gelassen hat. Er wird das Gesicht des Menschen sehen, von welchem er, wie seine Mutter immer sagte, einige Gesichtszüge geerbt hat.

Ein kalter Schauer läuft ihm über den Rücken als er sich vorstellt, wie es ist, von nun an in den Spiegel zu blicken und in das Gesicht des Menschen zu sehen, welchen man mehr als alles andere auf der Welt hasst.

>Ganz ruhig, Ricki. Lass dich bloß nicht verunsichern.< In Gedanken geht der schwarzhaarige Junge nochmals seinen Plan durch. Unter sich hört er wieder Katjas ohrenbetäubendes Gekreische und nervtötendes Geplapper.

Innerlich laut aufstöhnend umklammert Ricki mit einer Hand das Treppengeländer und macht sich für seinen Auftritt bereit. Leises Gemurmel dringt an sein Ohr und wenig später vernimmt er wieder dieses ätzende Geklapper der Pumps.

Eines weiß er jetzt schon. Wenn diese Person sich nicht bald ein paar leise Fußwärmer zulegt, dann wird in diesem Hause bald etwas sehr, sehr Unschönes passieren. Warum ihm ausgerechnet jetzt die damalige Bücherverbrennung in den Sinn kommt, kann er sich selbst nicht erklären...

Aber der Gedanke, diese blondgelockte Vogelscheuche mitsamt ihrer Klackerschuhe auf einen Haufen zu schmeißen und anzuzünden, erscheint ihm von Sekunde zu Sekunde verlockender. >Memo an mich. Einleiten der Hexenverbrennung.<

Inzwischen ist es unten still geworden. Behutsam setzt Ricki einen Fuß auf die Treppe, als er wieder die Stimme der jungen Frau hört. "Ricki... würdest du bitte herunter kommen?", ruft sie leicht nervös nach oben.

Lautes Poltern ist auf der Treppe zu vernehmen, als Ricki seinen zentnerschweren Schuh auf der obersten Stuf absetzt. Nun gut, vielleicht hat er doch etwas zu dick aufgetragen, aber der Zweck heiligt ja angeblich die Mittel.

Er schließt noch mal für einen kurzen Moment die Augen und holt einmal tief Luft. Langsam bildet sich ein gleichgültiger Ausdruck auf seinem Gesicht und als er die Augen wieder öffnet, blicken diese trüb und emotionslos auf die Stufen nieder.

Dieser Mensch dort unten soll sich bloß nicht einbilden, dass er freudenstrahlend die Treppe herunter gelaufen kommt, ihm lachend um den Hals fällt und sich nen Keks freut, weil er endlich seinen Vater zu Gesicht bekommt.

Nein, für ihn ist dieser Mann dort unten nur sein Erzeuger. Sein biologischer Vater, aber mehr auch nicht. Mit schnellen Schritten trampelt er die Treppe hinunter und springt über die letzten beiden Stufen hinweg. Mit einem lauten Knall landet er auf den weißen Fliesen und das entsetzte Keuchen, welches von Katja ausgeht ist regelrecht Balsam für seine Seele.

Die Silberketten um seiner Hüfte klappern leise, als er sich desinteressiert gegen das Treppengeländer lehnt und seinem Gegenüber in die Augen blickt. Für einige Sekunden setzt sein Herzschlag aus, als er in das freundlich lächelnde Gesicht des schwarzhaarigen Mannes blickt.

Er hat ja mit allem gerechnet, mit Beschimpfungen, Ekel in seinen Augen, Schock oder sogar ignoriert zu werden. Aber dass dieser Mann ihn tatsächlich anlächelt, als wäre er der nette Junge von Nebenan, bringt sein komplettes Konzept aus dem Gleichgewicht.

Irgend etwas stinkt hier gewaltig und es ist garantiert nicht dieses aufdringliche Parfüm von Miss. 'Ich-bin-ja-so-blond-und-naiv'. Irritiert betrachtet Ricki diesen fremden Menschen und leichte Panik spiegelt sich in seinen Augen wieder.

"Nun, ich kann mir vorstellen, dass du nicht sehr erfreut darüber bist, mich zu sehen und ich bezweifle auch, dass du großen Wert darauf legst dich mit mir zu unterhalten aber eines kann ich dir versichern. Ich freue mich wirklich, dass du hier bist", meint sein Gegenüber plötzlich und rückt seine Brille zurecht.

Ricki hebt skeptisch eine Augenbraue und lacht in Gedanken laut auf. Na, das kann ja was werden. Wo ist er denn da rangeraten? Der Alte tickt doch nicht mehr normal. Natürlich ist er nicht scharf darauf gewesen, ihn zu sehen und ja, er will sich auch nicht mit diesem Menschen unterhalten, aber wenn dieser Kerl allen ernstes annimmt, dass Ricki ihm dieses Geschwafel von wegen ich freue mich dich hier zuhaben abkauft, dann hat er sich aber gewaltig geschnitten.

Ein verächtliches Schnauben geht von dem Jugendlichen aus und er wendet frustriert seinen Blick ab. Das war nun ganz und gar nicht das, womit er gerechnet hat. Nun muss er sich anscheinend doch etwas anderes einfallen lassen.

Katja räuspert sich leise und trippelt zögernd in Richtung Küche. "Ich mache uns was zu trinken", meint sie gespielt fröhlich und verschwindet um die nächsten Ecke. Gott dankend, dass er dieses nervende Etwas von ihm fernhält, verschränkt Ricki die Arme vor der Brust und wippt sacht von einem Fuß auf den anderen.

"Vielleicht sollten wir erst einmal ins Wohnzimmer gehen. Ich habe einige Fragen an dich", fährt der schwarzhaarige Mann gelassen fort und macht sich mit einem abartig freundlichen Gesichtsausdruck auf in Richtung Wohnzimmer.

Verdattert starrt Ricki seinem Vater nach. Hat er ne Mittelohentzündung? War Katjas Gekreische doch zu viel für sein Trommelfell, oder hat dieser Kerl da gerade gesagt, dass er ihn einiges fragen möchte, quasi mit ihm ein Gespräch anfangen will?!

>Sind denn in diesem Schuppen alle bekloppt?!< Stöhnend trottet Ricki hinter seinem älteren Ebenbild her und schlurft absichtlich laut mit den Schuhen auf dem Boden. Dass zudem auch noch schwarze Striemen auf den weißen Fliesen zurückbleiben, da seine Schuhsohlen so dunkel sind steigert seine Laune gleich um einige Level.

Dann kann sich dieses Weib wenigstens mal nützlich machen und zeigen, dass sie auch noch für was anderes zu gebrauchen ist, außer blöde rumzusülzen und dämlich vor sich hinzulächeln.

Schweigend lässt er sich auf einem der Sessel nieder und kreuzt abwehrend die Arme vor der Brust. Eines steht jedenfalls fest: SAGEN wird ER diesem Kerl NICHTS! Sein Gegenüber macht es sich auf dem riesigen Sofa bequem und mustert seinen Sohn aufmerksam.
 
Wenn Ricki es nicht besser wüsste, dann würde er denken, dass er hier in einem Behandlungszimmer dieser Seelenklempner sitzt, die denken, dass sie alles über einen wissen, wenn sie ihn nur lange genug anstarren.

*~*~*~*~*

Genervt betrachtet er die bunten Kugeln, wie sie über den riesigen, grünen Tisch kullern und ab und zu in einem der Löcher verschwinden. Billard... ein Spiel welches ihn eigentlich immer gut von allem ablenken konnte. Nur heute nicht. Missmutig tritt er mit seinem Fuß gegen eines der Tischbeine und fängt sich daraufhin einen fragenden Blick von Mark ein, welcher bis eben noch grinsend an den Rand der Platte gelehnt stand.

Fluchend knallt Alexander seinen Queue auf die Platte und lässt sich verstimmt auf das schon recht lädierte Sofa fallen. Sein Kopf raucht regelecht vor Wut, da hilft auch das kühle Kellerzimmer von Mark nichts.

Sein bester Freund sieht ihn ein wenig stutzig an, bevor er schulternzuckend seinen Queue beiseite legt und es sich auf seinem Sitzsack bequem macht. Sein graues Augenpaar wandert über das maulende Etwas und in seinen Mundwinkeln zuckt es verräterisch.

"Also... was geht dir gegen den Strich?", fragt er gerade heraus und fängt sich einen wütenden Blick von Alexander ein, welcher nun murrend eines der Löcher im Bezug erweitert. Na ganz toll. Seit Wochen redet er von nichts anderem mehr und dieser gehirnamputierte Schwachkopf hat tatsächlich die Dreistigkeit ihn zu fragen was ihn nervt?

"Wenn du mal im Wörterbuch unter Arschloch nachschlägst, weiß du ja, was ich eben von dir denke", faucht der Blonde verärgert und angelt sich eine Dose Cola aus dem mit Eiswürfeln gefüllten Eimer. Mark lacht laut auf und schüttelt nur entschuldigend den Kopf.

"Ok. Ich werde es bei Gelegenheit mal nachschlagen... aber nun mal zu deinem verlorenen Brüderchen. Wie ist der denn so?", fragt der braunhaarige Junge interessiert, zuckt aber leicht zusammen, als er in das lodernde grüne Augenpaar von Alexander blickt. Oh ja, wenn Blicke töten könnten...

"Frag. Nicht", gibt er gepresst zurück und hat alle Mühe, seinen wachsenden Wutschrei zu unterdrücken. Er ist ja sonst nicht gerade einer von der Sorte, die einen Menschen sofort nach dem Äußeren abstempeln, aber bei diesem Objekt macht sogar er eine Ausnahme.

"Schön... beschreib ihn mal in drei Worten", meint Mark schließlich und rutscht ein wenig auf seinem Sitzsack hin und her. Dass sich der blonde Junge ständig jedes Wort einzeln aus der Nase lutschen lassen muss nervt allmählich.

"Schwarz! Gestört! Und einfach nur zum Abgewöhnen!", ruft Alexander wütend aus und schlägt mit seiner Faust auf die schon leicht verdreckte Sofalehne. Mark betrachtet sein Gegenüber amüsiert und grinst breit.

"Und dann hast du dieses Prachtexemplar nicht mitgebracht?", fragt er anschließend vorwurfsvoll, lässt sich langsam, aber übertrieben gespielt auf den Boden gleiten und sieht den Blonden mit großen Augen an.

Dieser muss trotz seiner äußerst bescheidenen Laune leicht grinsen und schüttelt wenig später nur verneinend den Kopf. So erniedrigen lassen muss er sich ja nicht. Eher würde er Sonntag nackig durch die Kirche laufen anstatt dieses Bruderexemplar seinen Freunden zu präsentieren.

"Wenn du willst, dass dir dieser Psychopath das Haus abfackelt, dann sag nächstes Mal bescheid. Kann ihn dann ja gerne mitbringen", gibt Alexander ironisch zurück und betrachtet das am Boden liegende Subjekt namens Mark, welcher sich anscheinend immer noch über irgendetwas prächtig zu amüsieren scheint.

"Naja, eigentlich passt es doch. Dein Vater hat dadurch doch eh gleich nen neuen Patienten gewonnen. Vielleicht kann er deinen Bruder ja auch umerziehen", meint Mark plötzlich und hat wenig später eines der Sofakissen im Gesicht.

"Man, du laberst echt nur Müll. Als wenn Dad nichts besseres zu tun hat als diesen Freak in Therapie zu nehmen." Stöhnend streicht sich der blonde Junge durch die Haare, wodurch ihm sogleich einige Strähnen ins Gesicht fallen. Und so was nennt sich nun Haarfestiger. Blödes Billigzeug.

"Also, du machst mich richtig neugierig. Kannst ihn ja am Freitag mit hierher bringen. Ich glaube, den wollen alle mal kennen lernen." Das neugierige Glitzern in Marks Augen und dessen dackelähnlicher Blick bringen Alexander nahezu um den Verstand. Nein, nicht nur das seine Mutter es immer wieder schafft ihn durch ihre Blicke weich zu kochen, nun fängt sein bester Freund auch schon damit an. Grausame Welt.

"Nützt wohl nichts, wenn ich ablehne", gibt Alexander seufzend zurück und leert seine Coladose in einem Zug. Das hat er jetzt gebraucht. Ein schöner Zuckerschock und die Welt sieht gleich viel besser aus.

"Eben. Zumal kannst du den ohnehin nicht lange versteckt halten. So groß ist unser Dorf auch wieder nicht", fügt Mark zufrieden hinzu. Na, das dürfte dann wohl eine sehr interessante Party werden.
 

Kapitel 4: Home sweet home?
 
Entsetzt betrachtet Ricki sein Gegenüber. Was bitte schön soll das heißen, dass dieser Mensch nicht gewusst hatte, dass er einen Sohn hat?! Leichte Übelkeit breitet sich in seinem Magen aus und er muss erst einmal tief Luft holen um diesen Schock zu verdauen. Seine Mutter soll ihn belogen haben? Das kann nicht sein.

Ruhig betrachtet der ältere Mann den Jungendlichen, dessen Mimik sich in wenigen Sekunden drastisch verändert hat. Wahrscheinlich war es doch nicht so klug gewesen, mit der Tür ins Haus zu fallen, aber schließlich ist er ja selbst davon ausgegangen, dass Susanne ihren Sohn bezüglich seines Vaters aufgeklärt hat.

"Lügner...", flüstert Ricki leise und ballt die Fäuste. Langsam beginnt der Zorn in ihm zu brodeln. Eine Welle aus Wut, Verzweiflung und Hass bricht über ihm zusammen und ertränkt ihn Stück für Stück.

"Ich weiß, dass es schwer ist zu verstehen... Aber ich versichere dir, hätte ich gewusst, dass ich einen Sohn habe, dann hätte ich mich um dich gekümmert. Ich ahnte doch nicht, dass-" Die letzten Worte gehen unter Rickis wütendem Aufschrei verloren. Wie besessen springt der schwarzhaarige Junge von dem Sessel auf, das Gesicht wutverzerrt und mit einem leichten wässrigen Glanz in den Augen.

"Hör auf so einen Scheiß zu labern! Du hast doch überhaupt keine Ahnung wie ich mich fühle!", schreit Ricki aufgebracht auf und stürmt aus dem Wohnzimmer. Das er dabei Katja mit ihrem Tablett über den Haufen rennt und diese verschreckt alles fallen lässt, nimmt er nur am Rande wahr. Lautes Poltern ist auf der Treppe zu hören und wenig später schlägt er die Tür laut hinter sich zu.

Verstört betrachtet die blonde Frau die Scherben zu ihren Füßen und die Spritzer Eiskaffe an der cremefarbenen Tapete. Seufzend streicht sie sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht und betritt schweigend das Wohnzimmer. Auf dem Sofa sitzt ihr Lebensgefährte und massiert sich die Schläfen.

"Er wusste es nicht", meint er ruhig und blickt seine Frau an, welche besorgt zu ihm hinüber geht und sich neben ihm auf dem Sofa niederlässt.

"Und nun?", fragt sie leise und sieht ihren Mann mit großen Augen an. Das soviel Krach und Unruhe im Haus herrscht, ist sie nicht gewöhnt. Normalerweise ist ihr Familienleben immer sehr ruhig und ausgeglichen gewesen, aber in den letzten Stunden...

"Er muss es erst einmal verarbeiten. In diesem Alter ist es besser, wenn man die jungen Leute zufrieden lässt. Wenn er reden will, dann wird er von selbst kommen", entgegnet er wissend und seufzt resigniert.

Das ihr erstes Aufeinandertreffen nicht gerade reibungslos vonstatten geht, hat er schon von Anfang an gewusst. In diesem Falle ist es wirklich das Beste, den Jungen erst einmal alleine zu lassen bis er sich abreagiert hat.

*~*~*~*~*

Mit zitternden Fingern kramt er nach seinem Feuerzeug und zündet sich eine weitere Zigarette an. Sein Puls rast regelrecht und sein Herz hämmert in doppelter Geschwindigkeit gegen seinen Brustkorb. Schwer atmend pustet er den Rauch aus der Nase und lehnt sich gegen das Geländer des Balkons.

Das kann doch alles nicht wahr sein. Was hat er denn verbrochen, dass dieser Kerl sein gesamtes Bild seiner Mutter über den Haufen wirft? Er stellt sie regelrecht als Lügnerin hin, als eine eifersüchtige Frau, die es nicht verkraftet hat, dass sie nur ein Seitensprung gewesen ist und nun ihr eigenes Kind mit Lügen überhäuft hat, damit es seinen Vater hasst, der nicht einmal gewusst hat, dass er überhaupt Vater ist.

In seinem Kopf beginnt es sich langsam zu drehen und nach und nach bereut er es, dass er nicht doch etwas von Patricks Spezialgras mitgenommen hat. Die Gedanken an seinen ständig zugekifften Kumpel lassen ihn leicht schmunzeln. Patty hat sich bei Stress immer sosehr den Schädel zugedröhnt, dass er später nichts mehr um sich herum wahr genommen hat.

Er selbst hat das immer nur belächelt. Schließlich hat Ricki nie etwas von diesem Zeug geraucht, aber jetzt, genau in diesem Augenblick würde er sein letztes Hemd für einen Beutel dieses Gehirnvernebelers geben.

Allmählich beginnt sich sein Körper zu beruhigen. Anscheinend genügt ihm das gute, alte Nikotin doch noch. Langsam rutscht er am Geländer herunter und bleibt mit trüben Blick auf dem Betonboden sitzen. Stöhnend legt er den Kopf schief und betrachtet die ausgetretenen Zigarettenstummel auf dem Boden.

Und nun? Was soll er jetzt machen? Soll er diesem Mann dort unten tatsächlich glauben, dass seine Mutter ihn belogen, ihm den Hass nur eingeredet hat? Soll er jetzt einfach runter gehen und versuchen sich in dieser Familie einzuleben, sich quasi anzupassen?

>Man ist mir schlecht.< Kraftlos und sichtlich erschöpft, drückt Ricki seinen Glimmstängel auf dem Boden aus und richtet sich vorsichtig auf. Er klopft noch einmal seinen Rock sauber und geht in Richtung Tür. Was er jetzt braucht ist eine eiskalte Dusche, bevor sein Kopf unter dem Druck zerplatzt.

Langsam schließt er die Badezimmertür hinter sich und betrachtet die große Dusche, in welcher gut 3 Leute Platz hätten. Mit den Gedanken weit weg, streift er sich seine Klamotten ab und entfernt mit einem Wattebausch die schwarze Farbe von den Augen. Dass diese ihm beim Duschen noch in die Augen läuft muss er ja nicht auch noch herausfordern. Schließlich war dieser Tag schon beschissen genug, da kann er auf unnötiges Augenbrennen gut verzichten. Mit einem Ruck zieht er die durchsichtigen Duschtüren zu und dreht den Wasserhahn an.

*~*~*~*~*

Um kurz nach 6 hat sich Alexander von Mark verabschiedet und stellt nun sein Bike in der Garage ab. Ein kurzer Blick auf seine Uhr sagt ihm, dass es bereits nach halb sieben ist und seine Mutter ihm mal wieder einen Vortrag von wegen, um 6 Uhr gibt es Abendessen und da hat die Familie gefälligst vollzählig zu sein, hält.

Sich innerlich auf eine Predigt vorbereitend, steckt Alexander den Schlüssel ins Türschloss und drückt leise die Klinke hinunter. Irritiert bleibt er ihm Hausflur stehen und sieht sich um. Hat ihn tatsächlich niemand gehört, oder ist das nur die Ruhe vor dem Sturm.

Mit einem Kick verfrachtet er seine Turnschuhe auf eine der Schuhablagen und geht mit vorsichtigen Schritten in Richtung Küche. Verwundert muss er feststellen, dass kein Essen auf dem Tisch steht. Entweder haben sie ohne ihn angefangen und lassen ihn zu Strafe hungern oder aber seine Mutter wird ihren Pflichten tatsächlich untreu.

"Mum?", ruft er vorsichtig und kurz darauf wird die Übergangstür von der Küche zur Terrasse geöffnet und seine Mutter lächelt ihn entschuldigend an.

"Du bist schon zurück?", fragt sie gedanklich offensichtlich nicht ganz anwesend und mustert ihren Sprössling, welcher verdattert in der Küchentür steht und sich wirklich den in ihm aufkeimenden Spruch bezüglich des Abendessens verkneifen muss.

"Ja... ich bin dann... oben", meint er schließlich und wirft noch einen kurzen Blick auf seine Mutter, welche nur verständnisvoll nickt und die Tür hinter sich schließt. Perplex tapst er hinüber zur Treppe und schüttelt schließlich nur ungläubig den Kopf.

Dass er auf seine alten Tage noch einmal erlebt, wie seine Mutter das Abendessen vergisst, ist wirklich erstaunlich. Schwermütig schleppt er sich die Stufen hinauf und kaum fällt sein Blick auf die halb offene Tür seines neuen Halbbruders verdunkelt sich sein Blick. Wahrscheinlich hat dieser Irre seine Eltern irgendwo vergraben und das dort unten war nur ein Klon seiner Mutter.

Mit einem letzten missbilligenden Blick auf die Pforte zur Hölle dreht er sich auf dem Absatz um und marschiert in Richtung Badezimmer. Bei dieser Hitze in Rekordtempo einmal quer durchs Dorf zu radeln bringt einen doch mehr ins Schwitzen als gedacht.

Innerlich die Augen verdrehend, als er lautes Wasserrauschen vernimmt und die schwarzen Klamotten über der Ablage hängen sieht, schmeißt Alexander die Tür hinter sich zu und blickt gefrustet auf die besetzte Dusche. Na ganz klasse. Anscheinend muss er mit seinem kleinen Hausfreak mal einen Badezimmerbenutzungsplan aufstellen.

Murrend tritt er an eine der Duschtüren heran und klopft mit dem Zeigerfingerknochen dagegen. Wenige Sekunden später wird das Wasser im Innern abgedreht und ohne jegliche Vorwarnung reißt ein ziemlich nasser, und leicht zitternder Ricki die Kabinentür auf.
 
Der blonde Junge blickt ihn ein wenig bedröppelt an, als er die Gänsehaut auf dessen Armen erblickt. Ja wie doof kann denn ein Mensch sein, eiskalt zu duschen obwohl er bereits eine Gänsehaut hat? Die Arme vor der Brust verschränkend und einem türsteherähnlichen Blick der aussagt 'Ey-mach-das-du-da-raus-kommst' baut sich Alexander vor der halb offenen Dusche auf und versucht dabei nicht zu tief an diesem Zottelkopf hinabzublicken. Schließlich braucht er seine Augen noch ein paar Jahre länger.

"Besetzt", zischt Ricki und knallt die Tür wieder zu. Kurz darauf ist wieder Wasserrauschen zu vernehmen und Alexander steht vollkommen überrumpelt davor, mit einem Ausdruck als hätte man ihn gerade ohne Narkose kastriert.

Das kann doch wohl alles nicht wahr sein. Was bildet sich dieser Typ überhaupt ein, so mit ihm umzugehen? Schließlich ist er derjenige, der seit Jahren zu regelmäßigen Uhrzeiten die Dusche benutzt und nun markiert gerade ein anderer sein Revier. Aber so nicht!

Sichtlich angepisst reißt Alexander die Tür auf und holt schon Luft zum loszetern, als ihm Ricki, charmant wie er eben ist, eben mal den Duschkopf entgegen hält, welcher dem blonden Sunnyboy eine kalte Ladung Wasser zukommen lässt.

Mit einem spitzen Aufschrei macht Alexander einen Sprung rückwärts, stößt sich dabei auch noch schmerzlich den Ellbogen an einem Schrank und steht dann zitternd und klatschnass in der Mitte des Badezimmers.

"Gemüt wieder abgekühlt?", fragt Ricki und kann sich ein schelmisches Grinsen dabei nicht verkneifen. Da hat er doch tatsächlich eine Möglichkeit gefunden, wie er seinen Frust abreagieren kann. Wozu hat er denn jetzt schließlich einen Halbbruder, wenn er diesen nicht einmal ein bisschen schikanieren kann?

Der entsetzte Gesichtsausdruck des Opfers trägt dann den Rest dazu bei seine Laune wieder zu steigern. Wenig später bricht er in lautes Gelächter aus und lehnt sich amüsiert gegen die offene Tür der Dusche.

Alexanders linkes Auge zuckt leicht und er dreht sich schweigend um. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, greift er nach Rickis Klamotten, rafft diese zusammen und begibt sich in Richtung Tür.

Ricki, nun endlich fertig mit Lachen, sieht seinen Lieblingsklamotten starr hinterher, bevor Leben in seinen Körper kommt und er, nackt wie Gott ihn schuf, aus der Dusche springt und hinter seinem 'Bruder' herhetzt, welcher bereits die Treppe hinunter läuft.

"Ich warne dich! Ein Loch in meinem Rock und ich sarg dich ein!", schreit Ricki säuerlich und hinterlässt bei seiner Verfolgungsjagd im ganzen Haus nasse Spuren, welche später bestimmt schöne Wasserflecken abgeben werden, oder dazu führen, dass ein unschuldiges Wesen darauf ausrutscht und sich das Genick bricht.

Nach einer kurzen Hetzjagd im Wohnzimmer läuft Alexander grinsend auf die Küche zu, reißt gewaltsam die Übergangstür auf und begibt sich auf die Terrasse. Dort sitzen seine Mutter, sein Vater und ein älteres Ehepaar aus der Nachbarschaft und spielen Karten.

Neugierig blicken die Vier auf und Alexander versteckt sich hinter dem Stuhl seines Vaters, als auch schon Ricki, immer noch im Adamskostüm, auf die Terrasse jumpt und sich verstimmt umblickt.

Die Augen der vier Erwachsenen werden groß und Katja steht bereits kurz vor einem Ohnmachtsanfall, als Alexander grinsend mit dem Rock wedelt und sich über die Gratis-Peep-Show seines Bruders ziemlich gut amüsiert. Damit wären sie wohl fürs erste quitt.

Fluchend hält Ricki eine Hand vor seine Blößen und tapst mit hochrotem Kopf auf die blonde Nervensäge zu, welche ihn dreckig angrinst.

"Kleinkind", bringt Ricki gepresst hervor, woraufhin Alexander nur höhnisch eine Augenbraue hebt.

"Exhibitionist", entgegnet dieser daraufhin und schmeißt dem schwarzhaarigen Jungen den Rock zu. Dieser wickelt ihn sich verärgert und beschämt um die Hüften und geht leise schimpfend zurück ins Haus. Das er dabei sandige Fußtapsen auf den Fliesen hinterlässt stört ihn nicht im geringsten.

Kaum ist der schwarzhaarige Tropf außer Sichtweite, wendet sich Alexanders Vater zu seinem Sprössling um. Ein leichtes Schmunzeln umspielt seine Lippen und er schüttelt nur lächelnd den Kopf.

"Und ich dachte, du wirst langsam erwachsen Alex", meint er gespielt enttäuscht und streicht sich über den Bart. Der blonde Junge zuckt nur mit den Schultern und verschränkt die Arme hinter dem Rücken.

"Alles muss ich mir von dem ja nicht gefallen lassen." Mit diesen Worten begibt er sich wieder in die Küche und überhört absichtlich die besorgte Stimme seine Mutter, dass er doch nicht mit nassen Klamotten herumlaufen soll.

*~*~*~*~*

Beschämt schließt Ricki seine Zimmertür hinter sich und starrt mit geröteten Wangen auf seine Kleider. Na ganz toll. Das er sich so blamieren kann, hat er ja nicht gedacht. So peinlich wie diese Aktion war ihm bis jetzt noch nichts.

Und dieser blonde Bastard lacht auch noch darüber. Eigentlich wollte ja er derjenige welche sein, der diesen Schönling terrorisiert, und nun? Jetzt lässt er sich selbst ins Boxhorn jagen. Besser kann es wirklich nicht mehr werden.

In Gedanken vor sich hinfluchend, legt er seine Sachen ordentlich zusammen und schlüpft in eine dunkelblaue Shorts. Dieser Tag war wirklich ein regelrechter Tiefpunkt in seinem Leben. Aber wie sagt Patrick immer: Schlimmer geht's immer.

Anscheinend behält sein Freund damit sogar recht, denn wenige Sekunden später wird seine Tür geöffnet und ein bestimmendes "Ich nehm dich Freitag mit zu einer Party. Meine Freunde wollen dich mal sehen" dringt an sein Ohr, bevor die Tür wieder ins Schloss fällt.

Augenzuckend sitzt Ricki auf seinem Sofa und starrt angewidert auf die Stelle, an welcher gerade noch ein blonder Haarschopf zu sehen war. Noch mehr von dieser Sorte? Das wird er garantiert nicht ohne geistige Schäden überleben. >Wann fährt der nächste Bus zur Klinik?<

 
Kapitel 5: Sommer, Sonne, Mücken & mehr
 
Grummelnd liegt er auf seinem Bett, die Decke bis ans andere Ende des Zimmers gekickt, weil dieses flauschig, weiche Fusselding ihn wahrscheinlich in der Nacht den letzten Atem nehmen wird und er nicht scharf darauf ist an einem überdimensionalen, sonnenblumengelben Riesenfussel zu krepieren.

Stöhnend schiebt Ricki sein eh schon kurzes Shirt noch weiter hoch und wälzt sich unruhig auf der Matratze hin und her. In seinen Ohren stecken immer noch die Enden seiner Kopfhörer, welche in ziemlich lauten Tönen ein Lied von Rammstein wiedergeben. Bei dem Titel des Liedes, welches übrigens 'Mutter' heißt, schleicht sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht und er summt leise vor sich hin.

Warum ihm ausgerechnet jetzt die blonde Schreckensfrau mit Namen Katja ins Gedächtnis kommt, kann er sich selbst nicht erklären, aber die Textzeile von eben sollte er sich wirklich merken. Wer weiß, vielleicht schafft er es ja auch diese nervige Ersatzmutter in einem Fluss zu versenken... aber wo kriegt er in diesem Kaffdorf mal auf die Schnelle einen Fluss her? Wenn man(n) schon einmal eine größere Wasseransammlung benötigt ist keine da. Na ganz toll.

Frustriert schaltet er seinen Discman aus, rollt die langen Kabel der Kopfhörer zusammen und verfrachtet alles auf seinen Nachttisch. Ein kurzer Blick auf seine Funkuhr, welche ein blaues Licht in die Dunkelheit des Raumes wirft, sagt ihm, dass es bereits halb 1 durch ist und er immer noch nicht schlafen kann.

Hat er schon einmal erwähnt, dass er den Sommer nicht ausstehen kann? Diese unerträgliche Hitze die einen unmenschlich schwitzen lässt, dazu noch diese stickige Luft die einem das Atmen schwer macht und die ganzen Spinner, die denken, dass sie, nur weil Sommer ist mit quietschpink- oder orangefarbigen Klamotten durch die Gegend latschen müssen um seine Augen noch mehr zu strapazieren. Hinzu kommt noch, dass er nach seinem äußerst freizügigen Auftritt ein extremes Trauma erlitten hat, da er vom Balkon aus, einen zu guten Blick auf die Nachbarn werfen konnte, und sich nun ein Bild von einem Frührentner mit einer viel zu kurzen und vor allem engen Badehose, mit einem Wasserschlauch in der Hand der leichte Tropfen auf seinen Bierbauch hinterließ und die lange Brustbehaarung, welche er schon gut zu kleinen Zöpfen hätte flechten können, in sein Gedächtnis eingebrannt hat.

>Igitt.< Ricki schüttelt sich leicht, als sich dieser Anblick zu lebhaft vor seinem 'Inneren Auge' ausbreitet. Na wäääh. Sowas sollte echt verboten werden. Also um es kurz zu fassen, kann er den Sommer aus folgenden Gründen nicht ausstehen: 1. Es ist zu warm, 2. Es gibt zu viele halbnackte, schon kurz vor dem Verwesen stehenden Rentner und 3....

Bssssssss

"Mücken!" wie von der Tarantel gestochen springt Ricki aus seinem Bett und knipst die Nachttischlampe an. Das hat ihm gerade noch gefehlt, dass einer dieser Schmarotzer ihm das letzte bisschen Lebenssaft auslutschen will. Nee, aber nicht mit ihm.

Leises Gesummel ist zu vernehmen und wenn er es nicht besser wüsste, dann würde er sagen, dass dieses Geräusch gefährlich nahe an seinem Ohr gewesen ist. Reflexartig schlägt er nach hinten aus, und haut sich dabei böse die Fingerknochen an der Zimmerwand.

Fluchend reibt er sich das geschändete Körperteil und spitzt die Ohren. Stille... eine äußerst beängstigende Stille. Er kann nur hoffen, dass diese Missgeburt irgendwann mal an einem Menschen rumsaugt, welcher eine ansteckende Blutkrankheit hat. Mal sehen, ob sie dann immer noch so frech summend durch sein Zimmer fliegen würde um ihn in seine weiche Aprikosenhaut zu stechen um dort eine nervenzerstörende, juckende Beule zu hinterlassen.

"Wo steckst du, du kleines Arschloch?" flötet Ricki süßlich und beugt sich hinunter zu einem seiner schwarzen Turnschuhe. Kampflos wird er dem Feind sein heiliges Blut nicht überlassen.

Da! Wieder dieses Psychogesumme. Leichter Schweiß bildet sich auf seiner Stirn und plötzlich tanzt ein kleiner Schatten vor der Nachttischlampe herum, welcher sogleich hinüber zur Wand fliegt. Mit einer schnellen Handbewegung holt der schwarzhaarige Junge aus und knallt mit voller Wucht seinen Turnschuh gegen die Wand.

Stille... befriedigende Stille. Schmunzelnd zieht er seinen Turnschuh an sich und grinst selbstzufrieden auf den Fleck Mückenbrei, der einsam und verlassen an seiner Sohle klebt. Na selbst schuld. Was ist dieses Insekt auch so lebensmüde und fliegt ohne vorher ne Besuchsankündigung einzureichen in sein Zimmer?

Gerade will er das Licht wieder ausknipsen, als er von nebenan lautes Gemurmel vernimmt, welches kurz darauf wieder verstummt. Hat er da etwa jemanden aufgeweckt? Nachdenklich legt Ricki die Stirn in Falten und je länger er darüber nachdenkt, umso verlockender erscheint ihm dieser Gedanke.

Hinterhältig vor sich hingrinsend krallt er sich seine Turnschuhe, schlüpft mit bloßen Füßen in das schwarze Leder und dreht sich in seinem Bett so herum, dass er mit den Füßen zur Wand zeigt.

Pfeifend tastet er nach seinem Discman, sucht ein schönes Lied und beginnt kurz darauf, im Gleichtakt mit der Melodie, gegen die Wand zu treten. Mal sehen wie lange es dauert, bis ein gewisser Halbbruder auftaucht und versucht ihn zu meucheln.

Immer kräftiger tritt Ricki gegen die Wände und nach und nach stellt er seinen Discman lauter, als schon die aufgebrachten Morddrohungen vom Nebenzimmer an sein Ohr dringen. Grinsend lehnt er seinen Kopf nach hinten, verschränkt die Arme dahinter und singt laut zur Musik von Subway to Sally mit.

"Wohin soll denn die Reise gehen? Ans nächste Riff! Ans nächste Riff! Ein Büschel-" soweit zu Rickis Ständchen, denn wenige Sekunden später wird seine Zimmertür aufgerissen und ein äußerst ungehaltener, da wieder wach gewordener, Blondschopf steht im Türrahmen, mit hochrotem Kopf und seinem Kopfkissen in der Hand.

Bevor Ricki überhaupt reagieren kann, hat er schon besagtes Stoffteil gegen den Schädel bekommen und wird somit fürs erste von dem flauschigen Riesenkissen begraben.

"Noch ein Ton und es knallt in der Kiste!" faucht Alexander ihn wutschnaubend an und stapft schlaftrunken auf das lachende Etwas, auch bekannt als Ricki zu und entreißt diesem sein Kissen.

Dieser lächelt anzüglich, richtet sich auf allen Vieren im Bett auf und klopft sich mit der rechten Hand auf den Hintern. "Na dann lass es knallen." Entgegnet der Schwarzhaarige und grinst zweideutig.

Alexander, rot wie die Fingernägel seiner Mutter, schlägt noch einmal mit dem Kissen auf den Mörder der Nachtruhe ein und verlässt dann schimpfend und murrend das Zimmer, die Tür dabei laut hinter sich zuschlagend.

Ricki sackt lachend in sich zusammen und notiert sich gedanklich einen weiteren Punkt für sich. Jetzt steht es also 2:1 für ihn. Genüsslich streckt er sich, umklammert sein eigenes Kissen und versucht wenigstens noch etwas Schlaf zu finden. Ja, er ist doch wirklich ein böser Junge...

Ein kurzer Blick auf die Wand und zum krönenden Abschluss hämmert er noch ein Dutzend Mal mit der geballten Faust dagegen. Wirklich... ein ganz böser Junge.

*~*~*~*~*

Es ist bereits halb 10, als Alexander sich endlich dazu durchringen konnte sein heiliges Bett zu verlassen und in die grausame Welt hinauszutreten, welche ihm gleich zu so früher Morgenstunde einen weiteren Tobsuchtsanfall beschert.

Da will man(n) nichts böses ahnend ins Badezimmer um seine morgendliche Katzenwäsche zu verrichten und was passiert? Man(n) läuft gegen eine geschlossene! Badezimmertür! Sich fluchend die leicht angeschlagene Stupsnase reibend und einen nicht jugendfreien Fluch von sich lassend, hämmert Alexander mit der Faust gegen die weiße Tür.

Ja tut denn das Not? Nein, ein einfaches, dennoch höfliches 'Öffne die Tür oder du bist Geschichte' hätte es auch getan. Aber so bleibt dem Morgenmuffel nichts anderes übrig als ungewaschen in die Küche zu tapsen und sich dort miesepetrig dreinblickend an den gedeckten Frühstückstisch zu setzten.

Sein Vater ist bereits bei einer Sitzung und wird wohl vor heute Abend nicht hier erscheinen. Schön, dann wird Alexander sich seine Proteste eben für später aufheben. Seine Mutter, welche zu seinem Erstaunen mal nicht im Wohnzimmer sitzt und sich 'Schöner Leben' in der Glotze reinzieht, sondern nur einen kurzen Zettel auf dem Tisch hinterlegt hat, mit dem Bescheid, dass sie mit einigen Freundinnen in der Stadt shoppen ist. Na klasse. Das heißt also, dass er die nächsten Stunden alleine mit dem Hauspsychopathen der Familie sein wird.
 
Äußerst schlecht gelaunt, da letzte Nacht auch um seine wohlverdiente Ruhe gebracht, kippt sich der Blondschopf schon recht lauwarme Milch über seine Flakes und löffelt lustlos drauf los.

Aber nein, nicht dass dieser Morgen schon beschissen genug begonnen hat, jetzt taucht auch noch die Wurzel allen Übels in der Küche auf, kratzt sich mal eben desinteressiert am Schritt und lässt sich kurz darauf auf einen der Stühle plumpsen.

Alexander funkelt Ricki mordlustig an, welcher unbekümmert nach der Pfanne mit kalten Rühreiern greift und diese vor sich platziert. Seine langen schwarzen Haare fallen ihm wüst ins Gesicht und hängen somit gefährlich nahe über der Pfanne mit Eiern, welche besagter Zottelkopf eben mit Maggi und Ketschup vergewaltigt, ordentlich durchpampt und schließlich in Rekordtempo herunterschluckt.

Alexander, nun endgültig satt erhebt sich vom Tisch und verlässt eilends die Küche. Duschen. Eine kalte Dusche und es stellt sich vielleicht alles als ein langer Alptraum heraus.

*~*~*~*~*

Ja, eine kalte Dusche am frühen Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. So dachte zumindest ein blonder 17-Jähriger, als er mit einer knielangen, hellblauen Jeanshose, nassen Haaren und einem dunkelblauen Hemd die Treppe hinuntertrampelt und somit beinahe, einen auf der untersten Stufe sitzenden Ricki über den Haufen gerannt hätte.

"Sag mal geht noch? Park deinen Arsch woanders." Fährt Alexander ihn mürrisch an und quetscht sich an seinem, ihn ignorierenden, Halbbruder vorbei und mustert diesen geringschätzig. Dieser trägt eine ausgefranste schwarze Hose, dazu wieder seine ausgelatschten Turnschuhe und ein mindestens 2 Nummern zu großes T-Shirt mit einer neongrünen Aufschrift 'There is no peace in heaven'.

Mit viel Schwung zieht sich der Schwarzhaarige am Treppengeländer hoch, schnürt seine Haare hinten mit einem dunkelbraunen Lederband zusammen und tritt vor die Haustür. Ein lauwarmer Wind weht ihm um die Nase und spielt mit einigen seiner Ponyfransen.

"Moment mal. Was soll das werden? Wo willst du hin?" fragt der Blonde misstrauisch und beäugt den augenrollenden Jungen, welcher sich ungeniert eine Zigarette aus der Hosentasche fummelt und diese entzündet.

"Ich bin gerade auf dem Weg zum Hundefriseur um mir dort die Haare einzufärben." Gibt dieser grinsend zurück und sieht mit Freuden, dass sich sein völlig verarscht vorkommender Bruder mal wieder über alle Maßen über seine patzigen Bemerkungen aufregt. Ob er versuchen sollte einen neuen Rekord im Bruderterrorisieren aufzustellen?

"Deine Witze kannste dir sonst wo hin schieben. Du gehst nicht durchs Dorf. Nicht auszudenken wenn dich jemand sieht." Meint Alexander verstimmt, schnappt sich seinen Hausschlüssel und zieht die Tür hinter sich zu.

Was sollen denn die Leute denken? Wenn dieser Typ sich so in der Öffentlichkeit sehen lässt, weiß er jetzt schon, wo sie ihn heute Abend abholen können. Nämlich direkt aus der Zelle für Schwerstfälle.

"Mann, mach dich bloß nicht nass Lexi." Stöhnt dieser resigniert auf und schlendert mit einem aufreizenden Hüftschwung in Richtung Ausfahrt. Alexander steht mit offenem Mund dar und spürt jetzt schon, wie das Blut in ihm zu kochen beginnt.

Lexi? Lexi! Ja sag mal verspürt dieser Freak zur Zeit den Drang erschlagen zu werden? Wütend läuft er hinter der schwarzen Gestalt her, welche gerade in Richtung Aldi marschiert, dem einzigen Lebensmittelladen im Dorf, was auch gleichzeitig bedeutet, das dort auch die meisten Menschen anzutreffen sind.