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A late Goodbye Teil 1 bis 2

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Für alle, die manchmal den Mut verlieren

- Lieber eine Kerze anzünden, als über die Finsternis zu klagen. -
Aus China

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Kapitel I - Der Spaßvogel
 
Unablässig und hart prasselten Hagel und Regen auf Akios fast unbekleideten Körper. Zu Tausenden schienen Tropfen und Körner von ihm und allen Dingen um ihn herum abzuprallen - den Zweigen, den Blättern, den Steinen, sogar von der Erde selbst - und zusammen verursachten sie ein Nerven zerfetzendes, dröhnendes Getöse, welches wie das Donnern eines Gewitters in seinem Kopf widerhallte. Jeden einzelnen der kleinen, groben Eisklumpen spürte er wie einen Nadelstich in seinem Rücken, und seine Haut begann darunter zu prickeln, sodass sie sich schon bald unnatürlich wund anfühlte und trotz der Kälte heiß über seinen Muskeln brannte. Seine Haare waren von dem vielen Wasser ganz schwer und klebten in seinem Gesicht, das noch immer mit einem Rest verkrusteten Blutes verklebt war, ebenso wie sein linker Arm. Die aufgesprungene Lippe schmerzte ihn.

Er wusste nicht, wie lange er schon so auf dem Bauch in der Kälte lag, das Gesicht im Matsch, die Knie tief in den aufgeweichten Boden gegraben. Er wusste nur, dass er auch unter aller Aufbietung seiner Kraft absolut nicht mehr weiter konnte. Über die hohe Mauer, die ihm sein Vorankommen vor kurzem versperrt hatte, war er gerade noch hinüber gelangt, aber jetzt hatte ihn die Kondition endgültig verlassen. Jedes Glied tat ihm weh von dem Stunden währenden Lauf, seine Finger waren taub und sein linkes Auge durch einen Astschlag völlig zu geschwollen. Schon mehrmals hatte er sich vor Anstrengung übergeben. Nein, es war ihm schlichtweg unmöglich, sich noch einmal hoch zu stemmen.

Wütend schlug Akio die Fäuste in den Dreck. Was war er nur für ein Idiot? Wieso hatte er nicht über seinen Schatten springen und rechtzeitig jemanden um Hilfe bitten können? War er schon dermaßen misstrauisch gegen alle Welt geworden, dass er nicht mal das mehr zustande brachte? Egal ob aus Angst oder aus Stolz, so dumm hätte er nicht reagieren dürfen. Sein Vater hörte ihm eh nie zu. Akios Zornesausbruch ob der Mitteilung, er werde an eine Schule ins Ausland abgeschoben, war also völlig umsonst gewesen. Genauso wie seine Argumente, warum er in dem von ihm so geliebten Japan bleiben wollte und die Schläge, die er dafür kassiert hatte; im Grunde die ganze Situation, in der er sich jetzt befand. Es stimmte, dass sein Name ihn schon sein Leben lang verfolgte, aber es konnte ihn doch auch nicht jeder kennen! Bestimmt hätte er Menschen gefunden, die ihn nicht gleich davongejagt hätten, wenn er einfach...

Er schluckte.

Ja, wenn er nur ein bisschen offener gewesen wäre.

Akio dachte an sein bisheriges Leben, und das so vertraute Gefühl bitterer Hilflosigkeit machte sich in ihm breit. Er war kein Typ, der so leicht aufgab, aber in der letzten Zeit hatten sich die negativen Ereignisse einfach dermaßen gehäuft, dass er es nicht mehr ertragen konnte - es gar nicht wollte! Akio hatte es schlichtweg satt, immer das Ventil für die Aggressionen anderer zu sein, und er würde sich nicht länger als solches benutzen lassen.

Die vielen Stunden, die er umgeben von Menschen und doch ganz allein in der Schule verbracht hatte, weil sie ihn von allen Aktivitäten ausschlossen! Die feindseligen Mienen seiner Klassenkameraden und die subtilen Sticheleien der Lehrer, die auch nicht besser waren als das ganze andere Pack! Und zu guter Letzt der Druck, trotz alledem höchste Leistungen erbringen zu müssen und diese ständigen Schlägereien... Niemand war bereit, ihn einfach für das zu akzeptieren, was er selber war. Egal, wie sehr Akio das auch enttäuschte: Für all diese Menschen zählte nur, was der Clan, dem er nun mal von Geburt an zugehörte, ihnen von ihm vermittelte.

Dass er später ein Verbrecher werden würde.

Oder anders: Dass er sicher längst einer war.

Akio schluchzte. Im Grunde machte es keinen Unterschied, ob er existierte oder nicht, jedenfalls nicht für die Anderen. Er hatte keine Freunde, kein richtiges Zuhause - nur eine Familie, die ihn jetzt, da er älter wurde, zu fürchten begann und eine Verlobte, die ihn schon von Kindesbeinen an immer für ein Monster gehalten hatte. Nur seines Namens wegen!

Es kam ihm fast schon grotesk vor. Sein Vater verprügelte ihn, aber dass Akio ihn mit wachsendem Alter immer leichter ,absetzen' konnte,
davor hatte er Angst. Seine Verlobte schimpfte ihn ein ,herzloses Ungeheuer', aber wenn sie einmal Hilfe brauchte, kam sie als erstes
zu ihm gerannt. Gott, war er wirklich so leicht auszunutzen? Wie beschämend.

Akio hatte auf einmal das Gefühl, dass es ein Geschenk sein musste, zumindest hier draußen sterben zu dürfen, unter freiem Himmel, als freier Mensch und wirklich... allein. Dass ihn keine brutalen Totschläger zurück nach Hause schleppten und er sich bewusstlos prügeln lassen musste, sondern schlicht hier liegen blieb und darauf wartete, dass es endlich vorbei war. Dass er aufhören konnte zu existieren...

Doch Akio hörte nicht auf.

Wie aus weiter Ferne vernahm der Junge, dass sich ihm Schritte näherten. Zunächst war er nicht ganz sicher, ob es nicht doch nur der Regen auf dem Laub oder der Wind in den Tannenzweigen gewesen sein konnte, doch dann war deutlich das gleichmäßige Quatschen menschlichen Schuhwerks im Morast zu vernehmen, und eine neue Welle der Angst packte ihn. Waren sie ihm etwa doch gefolgt, hatten ihn sogar hier gefunden, obwohl er so weit gelaufen war? Selbst Chojiro, der Leibwächter seines Vaters, hätte ihn an diesem Ort nicht ausgemacht. Das kleine Wäldchen war ihm selbst ganz unbekannt gewesen, hatte er es doch auf keiner Karte bisher gesehen, aber davon unabhängig würde der Clan ihn zuerst in eher finsteren Ecken suchen - weil er zu viel von sich auf Akio schloss.

Aber wer kam dann bei diesem Wetter hierher?

Akio hob den Blick seines gesunden Auges ein Stück und starrte auf ein Paar großer, dreckigbrauner Turnschuhe, die direkt vor ihm angehalten hatten und nun bis zu den Schnürsenkeln im Matsch steckten. Sicher waren sie früher einmal weiß gewesen, doch reger Gebrauch und nicht zuletzt das Wetter mussten die Farbe im Laufe der Zeit verändert haben. Er schaute etwas höher und damit an einer dunkelblauen Jeans hinauf, die passgenau an kräftigen Oberschenkeln saß und eine schmale Hüfte betonte. Danach ging es weiter zu einem schwarzen Gürtel und einem olivgrünen, klitschnassen T-Shirt, das eng an der Haut seines Besitzers klebte. Aus einem markanten Gesicht blickten zwei ruhige, graugrüne Augen in sein blaues, und darüber entdeckte er nasses, dunkelbraunes Haar. Der fremde Junge musterte ihn eine ganze Weile lang, dann ging er vor ihm in die Hocke und legte ihm eine Jeansjacke um die Schultern, die Akio vorher gar nicht bemerkt hatte.

"Willst du hier liegen bleiben oder soll ich dich mitnehmen?", war das einzige, was der Unbekannte zu ihm sagte, und zu seiner Überraschung antwortete er: "Mitnehmen..."

 
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Als Akio viele Stunden später seine Augen - beide Augen - wieder öffnete, lag er auf einem schlichten, nach Pfirsichblüten duftenden Futon [1]. Der weiche, in zarten Pastellfarben gehaltene Überwurf spendete eine wohlige Wärme, und für einen Moment genoss er das Gefühl, bevor er sich verwundert fragte, wo man ihn hingebracht hatte. Er konnte sich an kaum etwas erinnern, nur an breite Schultern und zwei kräftige Arme, den heißen Atem eines Anderen auf seiner Wange. Mehr wusste er nicht. Nach kurzem Zögern setzte er sich deshalb vorsichtig auf und ließ seinen Blick langsam durch die ihm unbekannte, nach dem Horror der letzten Tage verwirrend friedlich scheinende Umgebung schweifen.

Er ruhte in einem nur spärlich eingerichteten Raum. Traditionelle Papierwände umgaben die empfindlichen Tatami [2], die am Boden ausgelegt worden waren, und durch die geöffneten Amado [3] fiel warmes Sonnenlicht in den Raum. Die Tatsache, dass die Holzschiebetüren noch immer eingehängt waren, verriet Akio, dass der Regen erst vor kurzer Zeit nachgelassen haben konnte, denn sonst hätte man sie sicher längst wieder in den dafür vorgesehenen Kästen verstaut. Ein angenehm milder, nach nassen Gräsern riechender Luftzug fuhr von draußen durch sein Haar und blähte die leichte Yukata [4], die er trug, auch wenn er sich nicht zu erklären vermochte, wie das Kleidungsstück an seinen Körper gelangt war. Ihm gegenüber hatte man in einer Ecke auf einem kleinen Holztischchen unter einem kunstvollen Sumi-e [5] ein Ikebanagesteck [6] hergerichtet, das zusammen mit der Tuschemalerei einen auffälligen, grünblauen Kontrast zu den hellgelben Wänden bildete - eher ungewöhnlich für ein japanisches Haus. Er wandte den Kopf zur Seite und sah hinaus in den Garten. Ein schmaler, mit Natursteinen ausgelegter Weg führte zwischen hohen Ginkobäumen, Bambus und Trauerweiden hinüber zu einem kleinen Teich, der von einer weinroten Brücke überspannt wurde. Leises Quaken drang von dort zu ihm herüber, und das Geräusch von Windspielen begleitete es.

Ob das alles ein Traum war?

Er schälte sich aus seiner Schlafstatt und richtete sich vollständig auf. Nein - das konnte nicht nur bloße Einbildung sein. Jedenfalls wäre dies dann sein erster Traum, in dem statt dem Knallen von Kanonen der Geruch von frisch gekochtem Reis und heißer Misosuppe mit Muscheln darin vorkam.

Ein leises Seufzen hinter ihm machte Akio bewusst, dass er sich gar nicht allein in dem Zimmer befand. Etwas nervös drehte er sich um. An der Wand in seinem Rücken lehnte der fremde Junge, der ihn an dem Abend im Regen aufgelesen hatte, und schlief tief und fest. Akio erkannte ihn sofort wieder, weil ihm seine kastanienbraunen Haare und die markanten Gesichtszüge in Erinnerung geblieben waren. Er hatte sich umgezogen und trug jetzt die dunkle Uniform einer tôkyôter Eliteschule, die Akio gut bekannt war. Er hatte selbst einmal dort hingehen wollen, seine Eltern waren jedoch dagegen gewesen. Einen Grund hatten sie ihm nie genannt.

Es war Akios erste Gelegenheit, den Anderen so richtig zu betrachten. Er legte den Kopf schief und musterte den Jungen mit einer Mischung aus Interesse und Misstrauen. Wie er so dalag und träumte sah er fast ein bisschen unwirklich aus, ganz entspannt und zufrieden. Ob er selbst wohl auch so völlig sorglos wirkte, wenn er sich ausruhte?

Kaum vorstellbar.

Er wandte hastig den Kopf herum, als jemand leise die Zimmertür öffnete. Ein junger Mann steckte seinen schwarzen Wuschelschopf in den Raum hinein und blickte sich suchend um. Akio schätzte ihn auf etwa 26 Jahre, und ihm fiel sofort die Ähnlichkeit auf, die dieser hier mit dem Jungen an der Wand hatte. Im Gegensatz zu seinem ,Retter' trug der Erwachsene jedoch keine Schulkleidung sondern einen ordentlichen Büroanzug, und er musste sich gerade erst die Krawatte gebunden haben, denn er nestelte noch immer an ihr herum.

"Oh, du bist ja wach", stellte er scheinbar etwas überrascht fest, als er Akio auf dem Futon knien sah. "Ohaiyô! [7]" Der Jüngere errötete leicht und verbeugte sich tief. "Ohaiyô gozaimasu...", erwiderte er schüchtern und wunderte sich im nächsten Moment über sich selbst. Normalerweise war Scheu nicht unbedingt seine Art...

Der Mann lächelte. "Hey!" Er pfiff leise durch die Vorderzähne nach dem Schlafenden. "Oi, otôto! [8]" Der Junge zuckte zusammen und richtete sich dann schwankend auf. Er wirkte völlig übermüdet. "Hm?", machte er nur und schaute verwirrt von einem zum anderen. "Deine Stunde fängt bald an, Genrou - soll ich dich mitnehmen oder willst du mit dem Mountainbike fahren? Dann bist du heute Nachmittag schneller zu Hause..." Der Angesprochene kratze sich gähnend am Kopf und schüttelte ihn schließlich. "Nein, ich komme gleich mit", erklärte er. Sein Blick wanderte zu Akio. "Geh schon mal vor, ja?" Der Mann hob die Schultern und zog sich auf den Hausflur zurück. "Beeil dich aber", mahnte er noch. "In vierzig Minuten habe ich meinen ersten Termin." Dann war er auch schon wieder verschwunden.

Akio schluckte. Er spürte die Augen des Anderen auf sich ruhen, doch er traute sich nur zögernd, seinen Blick zu erwidern. Er war ziemlich durcheinander. Weshalb hatte man ihn nicht einfach in einem Krankenhaus abgeliefert und sich selbst überlassen? Ihn überhaupt erst mitgenommen? Und was erwartete dieser Genrou jetzt von ihm? Immerhin ließ sich kaum leugnen, dass Akio in seiner Schuld stand. Aber würde er ihm deshalb auf eventuelle Fragen antworten müssen? Und was für Fragen würde man ihm stellen? Plötzlich war er furchtbar nervös.

"Hast du Hunger?" fragte Genrou und riss ihn damit völlig aus seinen düsteren Überlegungen.

Zu seiner eigenen Überraschung nickte Akio sofort. "Ja, ziemlich", gestand er und kam sich selbst sehr unhöflich vor, aber so war es nun mal.

"Gut, meine Mutter hat nämlich für dich gekocht."

Akio holte ein wenig überrascht Luft, als Genrou sich vorbeugte und
ihm die Haare aus dem Gesicht strich, um die Stirn an seine zu legen. Wieder konnte er den warmen Atem auf seiner Haut spüren, und die ungewohnte Nähe. So ein warmes, wohliges Gefühl.

Er blinzelte verwirrt. War er krank oder warum wich er nicht vor der Berührung zurück? Die Geste hätte ihn doch eigentlich abstoßen müssen? Er hasste es, von anderen berührt zu werden.

"Hm", machte der Junge nachdenklich. "Dein Fieber scheint jedenfalls weg zu sein. Dann kann ich ja wirklich wieder zur Schule gehen."

Akio schaute ihn fragend an. "Was meinst du damit?"

"Ach, gar nichts. Hauptsache, es geht dir besser."

Der Braunhaarige griff nach einer Schüssel mit Wasser, in der ein kleines Handtuch lag und stand schließlich auf. "Ich sage meiner Mutter Bescheid, dass du wieder bei Bewusstsein bist." Seine Miene in diesem Augenblick war für Akio schwer zu deuten. "Ich muss jetzt los", erklärte er. "Aber nach der Schule komme ich wieder, okay?" Dann durchquerte er auf Strümpfen den Raum und schloss leise die Tür hinter sich.

Akio sah ihm verwirrt hinterher. Diese Wasserschüssel - hatte Genrou ihn gepflegt? Wie lange hatte er geschlafen? Er stützte den Kopf in die Hände und versuchte, sich an die letzten Stunden zu erinnern, doch ohne Erfolg. Er würde wohl oder übel jemanden danach fragen müssen. Wenn er doch bloß wüsste, was noch alles mit ihm geschehen war...

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Die Gelegenheit zu einem Gespräch bot sich ihm, als Genrous Mutter das erwähnte Frühstück für ihn brachte. Sie war eine hübsche, hoch gewachsene Frau, mit langen, schwarzen Haaren und Augen von derselben Farbe, in denen sich ein leichtes, schelmisches Blitzen spiegelte. Sie wirkte zwar sehr schicklich mit ihrer hochgesteckten Frisur und dem zarten, orangegelben Seidenkimono, aber die zahlreichen Lachfältchen und ihr aufgeschlossenes Lächeln verrieten Akio, dass sie eine äußerst lebenslustige Person sein musste. Er schätzte ihr Alter auf etwa 45 Jahre, und diesmal verbeugte er sich gleich höflich, bevor er sich für all die Umstände bei ihr entschuldigte.

"Es tut mir wirklich leid, dass sie meinetwegen so viel Ärger haben, ähm..."

"Akutagawa", antwortete die Frau. "Unser Familienname lautet Akutagawa."

Akio nickte. "Akutagawa-san [9]. Ich weiß nicht einmal genau, was überhaupt passiert ist, aber ich verspreche, es irgendwie wieder gut zu machen, sobald ich die Möglichkeit dazu habe."

Frau Akutagawa lächelte sanft. "Mach dir keine Sorgen, Akio-kun [10]. Jetzt hat erst mal Vorrang, dass du genügend isst und wieder zu Kräften kommst."

"Sie kennen ja meinen Namen", staunte er und schob den Futon etwas beiseite, damit sie ihm den kleinen Holztisch hinstellen konnte, auf dem sie sein Essen gebracht hatte. "Ja", gab sie zurück. "Genrou hat ihn mir verraten. Er stand auf deinem Schülerausweis." Sie arrangierte die etwas durcheinander geratenen Schälchen neu und reichte ihm erst ein Shibori [11] und anschließend einen Satz Hashi [12], welche er mit einem dankbaren Nicken entgegen nahm. "Ach so", machte er und verkniff es sich hinzuzufügen, dass er schon Angst gehabt hatte, sie kenne seine Familie vielleicht aus der Zeitung oder dem Fernsehen.

"Deine Sachen konnten wir leider nicht mehr retten", sagte die Frau jetzt und musterte ihn mit einem seltsam durchdringenden Blick. "Ich habe sie für dich gewaschen und aufgehoben, aber anziehen wirst du sie wohl nicht mehr können. Du bist zwar kleiner als mein jüngster Sohn, aber zumindest unsere Gästeyukata passt dir ja ganz gut." Akio schaute an sich herunter und nickte langsam. "Ja, vielen Dank. Haben sie denn öfter Besuch?" Er sah ihr dabei zu, wie sie ihm behutsam grünen Tee, O-Cha genannt, in eine Porzellantasse goss. Das Getränk dampfte stark und roch herrlich erfrischend "Wir führen ein Ryokan [13]", erklärte Frau Akutagawa und zwinkerte ihm schelmisch zu. "Ich bekomme noch für drei Tage Miete von dir." Sie lachte amüsiert, als Akio daraufhin erblasste. "War doch nur Spaß", beruhigte sie ihn. "Du bist der Gast meines Sohnes und hier herzlich willkommen. Mach dir keine Sorgen. Und jetzt iss lieber, bevor es kalt wird. Ich hoffe, du magst traditionelle Küche."

Er nickte wieder und beobachtete, wie sie seinen Futon zum Auslüften nach draußen brachte. Ein Ryokan also. Und auch noch eines, in dem er willkommen war. Das hatte ja geradezu Seltenheitswert. Hier würde ihn zumindest so schnell niemand suchen kommen. Da er nun mal ohne Geld losgerannt war, hätte er sich ein Zimmer hier unter normalen Bedingungen schlichtweg nicht leisten können. Vorteilhaft. Aber dass sie gar keine Fragen stellte, warum er überhaupt hier war... Vielleicht wusste sie es längst? Drei Tage hatte sie gesagt, und so wie er die Situation einschätzte, musste er wohl mit Fieber gelegen haben. War ihm während seiner Krankheit irgendetwas über seine Person und den Clan heraus gerutscht?

Der herrliche Duft von frisch zubereitetem Essen lenkte ihn ab. Akutagawa-san hatte ihm zum Frühstück eine gekochte Muschel auf einer
schimmernden Schale serviert, einen kleinen, gebratenen Fisch und Häppchen von in Fett ausgebackenem Gemüse, daneben waren eingelegter Rettich und andere knackige Zutaten in einer Marinade aus würzigem Essig arrangiert. Auf einem länglichen Teller ruhte in einem Bett aus Gurkenscheiben ein winziges Spießchen mit kleinen Bissen gegrillten Hühnerfleisches, und daneben fand er - appetitlich auf einem weiteren Tellerchen platziert - zwei Scheiben eines aufgerollten Eierkuchens. Dazu gab es Miso-Shiru [14] mit einer Einlage aus Tôfu-Würfeln [15] und eine schmackhafte Fischwurst. Den Abschluss des Mahls bildete schließlich eine Schüssel mit einem rohen Ei und natürlich die Porzellanschale mit dampfendem Reis, über die großzügig dünne Nori-Streifen [16] gestreut worden waren. Mhm, lecker!

Sakio säuberte sich mit dem Shibori die Hände und brach anschließend die Hashi auseinander, bevor er sich hungrig über die zahlreichen kleinen Köstlichkeiten hermachte. Danach nutzte er die freie Zeit, um sich im Garten des Anwesens ein wenig umzusehen und nachzudenken. Er setzte sich auf die äußere Holzstufe und betrachtete die vielen Gewächse um sich herum, das Haus und den Himmel. Es gefiel ihm in dem Ryokan, alles war so ruhig und idyllisch. Von seinem Platz aus konnte er sehen, dass es direkt im Anschluss an das Hotel eine Art Badehaus gab, und er war sich sicher, dass es noch zum Besitz der Akutagawas gehören musste, da es einen direkten Zugang hatte. Er konnte sich nicht helfen, aber der Name erinnerte ihn immer an die gleich genannte Auszeichnung, die für besonders wertvolle Literatur vergeben wurde.

Irgendwann im Laufe des Vormittags musste er dann eingeschlafen sein, jedenfalls wachte Akio erst wieder auf, als es erneut Abend war und die Sonne bereits tief über dem Horizont stand. Jemand hatte ihn in sein Zimmer zurückgetragen und ihn in eine warme Decke gehüllt, und er konnte sich auch denken, wer.

Genrou Akutagawa hockte genau wie er zuvor auf der schmalen Holzumrandung des Gebäudes und las gedankenverloren in einem Buch. Er schien nicht wirklich bei der Sache zu sein, da er immer wieder schweigend zu den rotgoldenen Wolkenfetzen hinaufstarrte, doch Akio musste zugeben, dass er in dem warmen, spätsommerlichen Licht wenn auch nicht konzentriert so doch zumindest äußerst attraktiv wirkte. Sein halblanges Haar schimmerte in der gleichen Farbe, die auch der Himmel angenommen hatte, und bewegte sich leicht im Wind, umspielte seine breiten Schultern. Er trug noch immer die dunkelblaue Schuluniform, hatte die Jacke aber nicht zugeknöpft und auch das Hemd bis zur Brust hinab offen gelassen. Ein Bein war lässig über das andere geschlagen, sein Rücken lehnte an einem der massiven Stützbalken. Für einen Schüler sah er schon recht erwachsen aus mit den eher kantigen Gesichtszügen und dem ernsten, ruhigen Blick, für Akio machte ihn das aber irgendwie gerade erst interessant. Die Schule, die er besuchte, lag ganz in der Nähe seiner eigenen, dennoch hatte er den Braunhaarigen noch nie zuvor gesehen. Nicht mal auf den Sportfesten, bei denen die einzelnen Klassen der verschiedenen Schulen auch schon mal gegeneinander antraten. Vielleicht konnte er solchen Wettbewerben nichts abgewinnen?

Auch wenn Akio keinen direkten Grund zu der Annahme hatte, so überkam ihn doch plötzlich das Gefühl, als wäre Genrou auf irgendeine Art sehr, sehr einsam. Der Ausdruck in seinen Augen war zwar klar und fest, doch wenn er sich so unbeobachtet fühlte, lag etwas Fernes,
Sehnsüchtiges darin, das Akio nicht so recht beschreiben konnte. Er wusste nicht, warum er das tat, aber er hatte auf einmal das Bedürfnis, seine Arme um Genrous Schultern zu legen, und noch bevor er es richtig realisierte, gab er ihm nach. Der Junge schien etwas überrascht zu sein und versteifte sich leicht, doch er stieß ihn nicht von sich. Er legte nur seine Hand auf Akios schmalen Unterarm und drehte halb den Kopf zu ihm herum. "Du bist ja wach", stellte er fest und erinnerte den Schwarzhaarigen dabei an die Begegnung mit seinem Bruder. "Warum hast du nicht schon früher etwas gesagt?"

"Weil ich es nicht wollte", antwortete Akio wahrheitsgemäß und legte seine Wange an Genrous Haarschopf. Irgendwie gefiel ihm das. Im nächsten Moment lief er dunkelrot an. Was zum Teufel tat er hier eigentlich?

Der Andere schmunzelte leicht. "Aha", machte er und packte sein Buch beiseite. "Na ja, du musst ja auch nicht unbedingt reden." Er löste Akios Arme von sich und schlüpfte aus seinen Schuhen. "Komm, ich nehme dich mit ins Bad. Du brauchst dringend etwas Entspannung und mir wird es auch nicht schaden."

Doch Akio reagierte gar nicht. Ungläubig starrte auf Genrous leeren Platz. Er hatte einen Mann umarmt! Nein, viel schlimmer: Er hatte mit einem Mann geschmust! Wie musste das auf den Anderen gewirkt haben?

Und jetzt sollte er auch noch mit ihm baden gehen? Das war doch nicht Genrous Ernst. Gut, sie waren beide Kerle, und in Japan war das gemeinsame Baden mit Gleichgeschlechtlichen Gang und Gebe, aber er bezweifelte, dass er in seiner derzeitigen Verfassung zu einem heißen Bad wirklich allein in der Lage war - noch dazu mit einem Fremden, dem er nicht trauen konnte. Ein kalter Schauer jagte seinen Rücken hinab. Oder der am Ende sogar eher ihm nicht trauen konnte. Wer wusste schon, was Akio als nächstes für wildes Zeug anstellen würde? Kuscheln mit einem Mann... Er war vollkommen verwirrt.

Akio schämte sich sowieso schon für all die Umstände, die er machte, aber wie er sein merkwürdiges Verhalten entschuldigen sollte, wusste er selbst nicht genau. So etwas Verrücktes, einem völlig Unbekannten eine derart intime Geste zu schenken.

"Warum hast du mich überhaupt mitgenommen?", fragte er jetzt, während Genrou mit einigen raschen Handgriffen seine große Decke zusammenlegte und sie sicher in einem Wandschrank verstaute. "Weil du es so gewollt hast", lautete die knappe Antwort, und Akio war ziemlich überrascht davon. Jemanden zu sich nach Hause bringen, ihn hegen und pflegen ohne nach den Hintergründen zu fragen und nichts dafür zu verlangen, nur weil diese Person ,es so gewollt hatte'? Was war denn das für eine komische Einstellung?

"Aber du musst dir doch einen Vorteil davon versprochen haben", erwiderte er deshalb und streifte sich die weichen Baumwollsocken über, die der Andere ihm reichte. "Vielleicht", meinte Genrou, und irgendetwas an seinem Blick ließ das Herz des Schwarzhaarigen unerwartet schneller schlagen. Nervös und errötend wandte er sich ab. Er wollte lieber gar nicht darüber nachdenken, was der Ausdruck in Genrous Augen ihm hatte sagen wollen. Stattdessen rutschte er vorsichtig über die Tatami in Richtung Flur und stemmte sich schließlich mühsam nahe der Tür nach oben.

Genrou half ihm, indem er die Arme unter seinen eigenen hindurch schob und ihn behutsam auf die Beine stellte. Dann öffnete er ihm die Tür und brachte ihn hinaus auf den Flur. Er wollte schon voraus gehen, um die nächste Tür zur Seite zu schieben, doch Akio hielt ihn zurück. "Genrou-kun", sagte er leise und wusste nicht so recht, wie er fortfahren sollte. "Ich wollte nur... was ich meine ist..." Er schluckte schwer. "Danke..."

Genrou zog amüsiert die Mundwinkel nach oben und winkte schließlich ab. "Schon gut. Du scheinst eine Menge Schwierigkeiten zu haben, aber mach dir keine Sorgen. Hier bei uns bist du erstmal sicher. Mein Vater war mal Kampfsportler, also daijo-bu [17], okay?" Er klopfte Akio auf die Schulter, dass dieser fast zusammenbrach und führte ihn dann in das Freiluftbad. "So lange du noch krank bist, können wir dich eh nicht einfach wegschicken. Meine Mutter würde vor schlechtem Gewissen glatt sterben und zu einem Geist werden. Und das Geklimper der Windspiele reicht mir nachts schon vollkommen aus, da muss ich nicht auch noch eine heulende Trauerweide dazu bekommen [18]..."

Akio grinste leicht und setzte sich müde auf eine der Holzbänke. Der Weg war anstrengend gewesen, aber irgendwie fühlte er sich nach dem Gespräch mit Genrou so richtig gut. Er konnte sich gar nicht entsinnen, wann er das letzte Mal mit jemandem zusammen ein Bad genommen hatte, und nun freute er sich innerlich darauf. Zu seinem Verdruss bekam er allerdings nicht mal den Gürtel seiner Yukata vernünftig auf.

Er schnappte heftig nach Atem, als er plötzlich Genrous nackten Körper an seinem Rücken spürte, und wie der Andere auf Hüfthöhe um ihn herum griff. "Soll ich dir helfen?", fragte er und Akio fühlte den warmen Luftzug an seinem Ohr. "D-danke", stotterte er abwehrend. "Aber es geht schon." Doch Genrou hörte gar nicht auf ihn. Er löste sanft aber bestimmt Akios Hände von dem blauen Seidenband und öffnete geschickt den zweifachen Knoten, den er zuvor selbst gebunden hatte. Der Stoff raschelte leise, dann glitt er seicht auseinander und ließ sich ohne Schwierigkeiten von dem Größeren über Akios schmale Schultern streifen.

Schon als er ihn das erste Mal entkleidet und gewaschen hatte, waren Genrou die vielen Narben auf der weißen Haut des Jungen aufgefallen, doch er wollte seinen neuen Bekannten nicht in Verlegenheit bringen, indem er einfach danach fragte. Dabei gab es so vieles, was er wissen wollte - warum der Andere im Regen gelegen hatte, wer ihm die Verletzungen zufügte, woher er kam und was ihm solche Angst machte, dass er im Fieberwahn schrie und um sich schlug, doch er hielt sich zurück und schwieg stattdessen. Bevor er ihn mit seinen Worten überfallen konnte, musste er erst einmal das Vertrauen des Jüngeren gewinnen. Laut Schulausweis zählte dieser 16 Jahre, also zwei weniger als er, und hieß mit vollem Namen Akio Furusawa. Er kannte diesen Namen nur allzu gut, doch noch wollte er das nicht preisgeben.

Er brauchte mehr Zeit...

Genrou legte die Yukata zusammen und drückte Akio auf einen kleinen Holzschemel, der nahe dem Wasserhahn stand. Der Junge war verwirrt und beschämt zugleich und er empfand es aufgrund der ungewohnten Situation als ein wenig unangenehm, wie Genrou nun begann, ihn mit klarem, kühlem Wasser zu übergießen. Dennoch ließ er es sich schweigend gefallen. Als der Andere sich aber die Seife nahm und diese auf Akios Brust verteilte, hielt der erschrocken Genrous Hände fest. "Was machst du denn da?", fragte er und kam sich wie der letzte Idiot vor. "Ich kann mich selber waschen..." Der Braunhaarige blieb völlig ungerührt. "Ich weiß", gab er zurück. "Aber es ist leichter für dich, wenn ich es tue." Er fühlte den schnellen Herzschlag des Anderen und schmunzelte leicht. Im Scherz senkte er seine Stimme zu einem leisen Raunen herab. "Oder mache ich dich so nervös?"

Er hatte die Worte ganz bewusst lasziv in Akios Ohr gehaucht, doch er war überrascht, wie heftig dessen Reaktion darauf ausfiel. Der Junge holte erneut tief Luft, und sein Puls hämmerte plötzlich so schnell in seinen Adern, dass man es nicht nur spüren, sondern fast schon hören konnte. Was immer er glaubte, das Genrou jetzt mit ihm anstellen konnte, es machte ihn entweder tierisch scharf oder halb wahnsinnig vor Angst.

Genrou konnte nicht anders, er musste einfach lachen. "Himmel, wenn die Weiber genauso abgehen würden wie du, dann wäre ich der Star des ganzen Viertels - oder der Schrecken." Akio schüttelte seine Hände ab und verzog ärgerlich die Mundwinkel nach unten. "Mach dich nicht über mich lustig! So hat eben noch nie jemand mit mir geredet." Sein Gesprächspartner schmunzelte wieder. "Wirklich? Dann hast du eine Menge versäumt. Ich persönlich mag es gern, wenn jemand so mit mir spricht." Er grinste breit und drückte Akio die Seife in die Hand. "Hier, Loverboy, wenn es dir peinlich ist, wasch dich selbst zu Ende. Ich lege uns schon mal ein paar Handtücher hin." Damit wandte er sich ab und fing an, in einem der Schränke zu kramen. Akio bedachte ihn mit einem zornigen Funkeln. Wie hatte er diesen Blödmann auch nur eine Sekunde für nett halten können? Er veralberte ihn nur, und zu allem Überfluss machte es ihm auch noch sichtlichen Spaß.

- So ein Idiot! -

Trotzdem fand er immer noch, dass der Braunhaarige wirklich gut aussah. Dass er keinen Sport trieb, konnte ihm niemand erzählen, denn dafür war er zu trainiert. Akio tippte auf irgendetwas in Richtung Fußball, sicher war er sich aber nicht. Das Spiel der zahlreichen Muskeln auf Genrous Körper war jedenfalls sehr beeindruckend, und wäre er nicht immer noch sauer gewesen, er hätte glatt das Abseifen darüber vergessen können.

Erneut spürte er das Blut in seinen Kopf schießen. Vor allem aber konnte er schon wieder den Fakt ,Mann' vergessen, während er Genrou ansah, und das irritierte ihn doch zutiefst. Dieser Junge hatte eine äußerst seltsame Wirkung auf ihn, und Akio beunruhigte das.

Deshalb zog er es vor, seine Reinigung schnell zu vollenden, statt genauer über diese Tatsache nachzudenken, und stieg vorsichtig in das heiße, klare Wasser. Er ließ sich gegen den Naturstein in seinem Rücken sinken und wandte sich erneut dem Eingangsbereich des Bades zu. Genrou hatte offenbar ziemlich lange gebraucht, die passenden Handtücher herauszusuchen, denn er begann erst jetzt, sich selbst zu waschen. Er setzte sich auf einen der Schemel und verteilte in ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen die Seife auf seinem Körper, und obwohl Akio ihm gar nicht dabei zusehen wollte, konnte er einfach nicht den Blick von ihm abwenden. Es war das erste Mal, dass er jemandem begegnete, der ihn sofort derart unweigerlich in seinen Bann zog. Normalerweise interessierte sich Akio nicht sonderlich für andere Menschen, doch Genrou erschien ihm irgendwie vertraut, so als würde er ihn schon viel länger kennen als nur die paar Stunden, die seit ihrem letzten Treffen vergangen waren. 

Obwohl er ihn nicht besonders gut leiden konnte, wie er trotzig beschloss.

Genrou schmunzelte über seinen Gesichtsausdruck und spülte sich gründlich mit kaltem Wasser ab. Dann stieg auch er in das Becken und
machte es sich Akio gegenüber bequem. Er musterte ihn die ganze Zeit schweigend, und Akio hätte ihn am liebsten angeschrieen, dass er gar
nicht erst versuchen sollte, sich über ihn lustig zu machen oder er würde ihn auf der Stelle erwürgen. Doch der Junge dachte scheinbar
nicht im Traum daran, auch nur eine spöttische Bemerkung fallen zu lassen, sondern genoss es stattdessen viel lieber, ihn schlicht durch
seine Anwesenheit nervös zu machen. Was ihm auch ganz vortrefflich gelang.

Irgendwann reichte es Akio.

"Warum glotzt du denn die ganze Zeit so blöd?", schrie er wütend. "Wenn du was zu sagen hast, dann sag es verdammt, aber hör auf, mich mit deinen Augen zu durchbohren!"

"Gefallen dir meine Augen nicht?", erkundigte Genrou sich völlig ungerührt und schlug entspannt seine Beine übereinander. "Meine Mutter findet sie sehr hübsch..."

"Ich pfeife darauf, ob sie hübsch sind! Es stimmt zwar, dass ich dir dankbar für die Hilfe bin und sicher auch etwas schuldig, aber ich lasse mich nicht von dir verarschen!" Der Braunhaarige löste sich aus seiner lockeren Haltung und lehnte sich ein wenig vor, um Akio überraschend ernst ins Gesicht zu sehen. "Gut, Loverboy, dann sag mir halt, was du stattdessen mit dir machen lassen willst."

Akio blinzelte leicht verdutzt. "Wie bitte?", fragte er verwirrt, doch da hatte Genrou den Abstand zwischen ihnen beiden schon überbrückt und Akios schmale Handgelenke umfasst. "Ich möchte wissen, was ich sonst mit dir tun soll", wiederholte er an Akios Ohr und jagte diesem damit einen leichten Schauer über den Rücken. Er hatte den Jungen inzwischen sacht aber bestimmt in seine Arme gezogen und drückte ihn leicht an seine warme Brust, sodass Akio ohne Probleme Genrous Herzschlag fühlen konnte. Das gleichmäßige Atmen des Größeren ließ sein eigenes aus der Bahn geraten, und er fühlte sich irgendwie schrecklich überrumpelt. "Ich... ich weiß nicht, was du meinst", stotterte er.

"Ich glaube dir kein Wort", widersprach Genrou, aber statt ihn weiter so durchdringend anzusehen, hatte sich jetzt schon wieder der Schalk in seine Augen geschlichen. "Wirklich, Akio - es ist einfach unglaublich, wie ungeheuer versaut du bist. Was du bloß immer gleich denkst?" Er ließ ihn los und sich erneut zurück auf seinen Platz sinken. "Du hast echt nur Schweinkram im Kopf. Als wenn ich dich gleich flachgelegt hätte..."

Er grinste erneut, und Akio sackte mit einem Seufzen in sich zusammen. Dieser Kerl hatte sich doch tatsächlich schon wieder über ihn lustig gemacht...

"Na schön, Mr. Unwiderstehlich, aber das nächste Mal reiße ich dir ein paar Teile ab!"

Genrou grinste. "Wenn du nicht viel lieber einige andere Sachen damit anstellst", witzelte er, und Akio konnte sich nicht des Gedankens erwehren, dass die Karten seines Gegenübers in diesem Spiel aus irgendeinem Grund besser lagen als seine eigenen...

 


1 Futon - Das japanische Bettzeug. Dabei handelt es sich um gefüllte, steppdeckenartige Unter- und Oberdecken, die als Schlafgelegenheit meist auf den Tatami-Böden ausgerollt werden. Tagsüber verstaut man sie in einem Wandschrank.

2 Tatami - sind Reisstrohmatten, die mit Binsengeflecht bezogen werden, wobei man die langen Ränder mit Seidenpaspalierung absteppt. Ihr Format ist genormt (etwa 180 x 90 cm) und man verwendet die T. auch heute noch, um die Grundfläche von Räumen zu gliedern (meist 4 ½ bis 6 Matten). In größeren Zimmern werden die T. so gelegt, dass ein Spiralmuster dabei entsteht.

3 Amado - Japanische Regentüren, die normalerweise in einem Kasten außerhalb des Hauses aufbewahrt werden. Sie bestehen aus stabilem Holz und lassen sich wie Schiebetüren vor die dünnen Papierwände hängen, wenn Schnee, Regen oder starker Wind aufzukommen droht. Da sie das Papier schützen sollen, haben sie keine Fenster, und bei eingehängten A. kann es in einem traditionellen japanischen Haus so finster sein wie in tiefster Nacht.

4 Yukata - Ein leichter Baumwollkimono, den man mit einer einfachen Schärpe bzw. einem Band zusammenhält. Er wird meist im Sommer oder nach dem heißen Bad (o-furo) getragen und findet heute überwiegend zu Hause Verwendung, wo man ihn einfach als bequemes Kleidungsstück nutzt.

5 Sumi-e - Anderer Begriff für ,suiboku-ga', also die schwarze Tuschmalerei. Dabei zeichnet man mit einem Pinsel auf stark saugendem Papier oder Seide, und je nach Verdünnung der Tusche reicht die Pinselführung von kräftigen, tiefschwarzen Linien bis hin zu wässrig grauen Dunstflächen.

6 Ikebana - Die Kunst des Blumensteckens. Dabei werden nicht zur Blüten, sondern auch Zweige und Halme nach ästhetischen und philosophischen Regeln kombiniert. Früher ausschließlich ,Männersache', wird es heute vorwiegend von Frauen durchgeführt und gilt genau wie das Erlernen der Teezeremonie als besonders ,fein'. Mädchen, die das I. beherrschen, haben bei Heiratsvermittlungen einen besseren Stand.

7 Ohaiyô - Etwas Umgangssprachliche Form des höflicheren "Ohaiyô gozaimasu", was nichts anderes als "Guten Morgen" bedeutet.

8 Otôto - ist die japanische Anrede für den kleineren Bruder. Ebenso wie die Jüngeren in der Familie die großen Geschwister "o-niisan" (großer Bruder) oder "o-neesan" (ältere Schwester) nennen, werden sie von diesen mit otôto (junger Bruder) oder imôto (kleine Schwester) angeredet. Das ,o', welches dem niisan oder neesan vorangestellt wird, zeigt gleichzeitig den Respekt für die Älteren, da es als überaus höflich gilt.

9 San - ist die japanische Anrede und bedeutet sowohl Herr und Frau als auch Fräulein. Im Gegensatz zum Deutschen Äquivalent wird das ,san' hinten an den Namen angehängt (Akutagawa-san statt Frau Akutagawa).

10 Kun - Eine informelle Form des ,Herr'. Wird häufig von Erwachsenen bei der Anrede jüngerer (Jugendlicher oder Kinder) benutzt, die ,junge Generation' spricht sich aber auch gegenseitig damit an. Mädchen werden dagegen häufig ,chan' gerufen. (Yumi-chan)

11 Shibori - Ein normalerweise heißes, im Sommer aber auch kalt gereichtes Frotteetuch in einem Körbchen, welches vor dem Essen zur Reinigung von Gesicht und Händen genutzt wird.
12 Hashi - Die japanischen Essstäbchen.

13 Ryokan - Ein traditionelles, japanisches Gasthaus. Obwohl die Preise meist astronomisch sind, bevorzugen viele Japaner (die es sich leisten können) diese Art der Unterkunft vor der Übernachtung in einem westlichen Hotel. Hier herrscht noch ,alter' japanischer Flair, und der Service ist häufig exquisit, Abendessen und Frühstück im Preis mit inbegriffen (natürlich gibt es auch hier wie überall Ausnahmen).

14 Miso-Shiru - Eine Suppe, die mit (meist roter oder weißer) Miso-Paste hergestellt wird. Miso gewinnt man aus gesalzenen, fermentierten Sojabohnen, Reis, Weizen oder anderem Getreide. Es hat einen sehr würzigen Geschmack und wird für zahlreiche Gerichte verwendet.

15 Tôfu - Fermentierte Bohnenpaste, so eine Art Quark aus Sojabohnen. T. hat kaum Eigengeschmack und lässt sich daher wunderbar als Ein- oder Beilage verwenden, und es gibt ihn sowohl roh als auch gekocht bis hin zu frittiert in allen möglichen Variationen. Besonders beliebt geworden ist er als Zutat von nabemono, Gerichten, die in einer irdenen Schüssel mit Deckel gekocht und serviert werden (oft mit verschiedenen Nudelsorten).

16 Nori - Eine Seetangart, die getrocknet und zu dünnen, dunkelgrünen Blättern gepresst wird, bevor man sie verbrauchsfertig verkauft. Man verwendet ihn besonders gern für Sushi-Häppchen und zur Garnierung von Speisen.

17 Daijo-bu - Das japanische "Don't worry!" oder seltener auch: "Es wird alles wieder gut."

18 Trauerweiden - Sind nach altem japanischen Glauben besonders gern genutzte ,Wohnstätten' der Yurei, einer Art von Gespenstern. Meist handelt es sich um Graunerregende Widergänger, Erscheinungen ermordeter Ehefrauen oder Rachegeister, die untreue Liebhaber hetzen. Obwohl das natürlich alles nur Aberglaube ist, werden Plätze mit Trauerweiden von vielen Japanern nach Möglichkeit gemieden.



 

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- Bei einem großen Stromausfall in Canada hatten wir ein völlig neues Erlebnis:
Sogar das ,Licht am Ende des Tunnels' war ausgegangen. -
Willy Meurer (*1934), deutsch-kanadischer Kaufmann, Aphoristiker und Publizist

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Kapitel II - Stromausfall

Es dauerte noch fast zwei Wochen, ehe Akio sich vollständig von seiner Krankheit erholt hatte und wieder ohne Schwindel- oder Müdigkeitsanfälle laufen und arbeiten konnte. Doch schon vor dem Ende dieser Zeit fing er an, sich im Ryokan der Akutagawas durch kleine Handreichungen für die Familie nützlich zu machen. Inzwischen hatte er sowohl den Hausherrn, Hideo Akutagawa, als auch Genrous Geschwister Kyosuke und Yumi kennen gelernt, und er mochte sie sehr. Kyosuke war ihm ja praktisch gleich über dem Weg gelaufen, nachdem er sich von seiner langen Bewusstlosigkeit erholt hatte, Yumi hingegen, die gerade mal drei Monate älter war als er selbst, lebte in einem Vorort bei ihrer schwer kranken Großmutter und kam nur am Wochenende in ihr richtiges Zuhause. Akio war verblüfft gewesen, dass ein so junges Mädchen die Aufgabe einer Altenpflege übernahm und ihre Eltern die Dame nicht einfach zu sich ins Haus holten, doch das hatte diese wohl abgelehnt und stattdessen Yumi ,angefordert', die dem Ruf gern gefolgt war. Sie hatte ein aufgeschlossenes, lebenslustiges Wesen und war immer gut gelaunt, was manchmal selbst Akio zum Lachen brachte, da sie stets einen frechen Spruch für ihn parat hielt.

Frech war auch das Wort, dass ihm zu Genrou als erstes einfiel, obwohl es zusehends von ,dreist' abgelöst wurde. Seit ihrem Bad in dem Wasserbecken gab es keinen Tag, an dem er nicht von dem jungen Mann damit aufgezogen wurde, und seine anfängliche, peinliche Berührtheit hatte sich irgendwann in schlichte Wut gewandelt. Inzwischen war er schon so weit, dass er ihn mit dem Besen durch das Haus jagte, sobald er die Gelegenheit dazu hatte, doch Genrou machte sich nur seinen Spaß daraus und verblüffte ihn immer wieder mit plötzlicher Freundlichkeit, sodass Akio nie wusste, ob der Braunhaarige ihn nun ärgerte, weil er ihn nicht leiden konnte - wie er zuerst geglaubt hatte - oder ob es einfach seine Art war, ihm ein gewisses Interesse zu zeigen.

Doch ganz egal, was es war, es hatte Genrou auf alle Fälle dazu veranlasst, bei seinem Vater ein gutes Wort für Akio einzulegen, und so war diesem eines Abends von den Akutagawas tatsächlich das Angebot gemacht worden, auf unbestimmte Zeit in dem Ryokan bleiben zu dürfen - nämlich so lange, bis er sich dazu entschied, wieder nach Hause zu gehen. Es hatte ihn total überrascht.

Akio war ehrlich gewesen und hatte den beiden Erwachsenen mitgeteilt, dass er nicht plante, so bald zu seinem alten Leben zurückzukehren, doch sie hatten nur gelächelt und ihm versichert, er sei willkommen, egal wie viele Tage oder Wochen. Daraufhin hatte er gebeten, sich zumindest durch Arbeit im Gasthof erkenntlich zeigen zu können, und dieser Vorschlag war dankbar angenommen worden. Auch wenn es in Japan durchaus nichts Abwegiges hatte, Leute praktisch ,vom Fleck weg' zu engagieren, einen völlig Fremden so hilfsbereit aufzunehmen, zeugte von großer Freundlichkeit.

Und nun stand er hier - mit dem Küchenmesser in der Hand und der Schürze um den Oberkörper, und half wie jeden Tag bei den Vorbereitungen für das Essen der Gäste.

Er konnte es noch immer kaum glauben.

Es mochte Akio noch so wenig passen, aber er war Genrou wohl schon zum zweiten Mal einen Dank schuldig.

...was für ein Mist!

Im Moment jedoch hatte er zum Glück andere Sorgen als die ihm bevorstehende ,Demütigung', vor Genrou das Haupt senken zu müssen. Als besondere Leckerei sollte es heute nämlich Tempura-Ebi [1] und mit süßer Shôyu [2] glacierten, gegrillten Aal auf Reis zum Abendessen geben. Frau Akutagawa hatte dazu extra den Tsukiji, Japans größten Fischmarkt in Tôkyô besucht und fangfrischen Unagi gekauft, doch Akio hatte keine Ahnung, was man mit einem solchen ,Ding' alles anstellen musste, damit es mal ein schmackhaftes Gericht wurde. Seine Lehrmeisterin in Sachen Küchenarbeit konnte er auch nicht fragen, da sie gerade damit beschäftigt war, aus einem Fass im Lagerraum ihre Tsukemono, verschiedene, eingelegte Gemüse, zu holen. Er war also was das anging ziemlich orientierungslos.

Und natürlich musste zu allem Überfluss just in diesem Augenblick auch noch sein Lieblingsfamilienmitglied Nummer eins den Raum betreten. Akio rüstete sich innerlich schon für einen Sturm aus Spötteleien, doch wie es schien war Genrou nicht in der Stimmung für seine Witzchen, denn er setzte sich einfach nur auf einen Stuhl und blickte ihn schweigend an.

"Was ist los?", fragte er nach einer ganzen Weile und lehnte sich auf seinen Arm. "Probleme mit dem Aal?"

Akio biss sich auf die Unterlippe und versuchte, ihn zu ignorieren. "Das geht dich überhaupt nichts an."

Genrou lachte leise. "Also wenn du uns und unseren Gästen die letzte Mahlzeit heute versaust, dann geht mich das schon irgendwie etwas an, oder?", meinte er belustigt und kam kurzerhand zu ihm herüber. Er stellte sich hinter ihn und nahm Akios Hand mit dem Messer in seine, bevor er mit der zweiten den Fisch festhielt. "Hier, so musst du es anfangen."

Er zeigte ihm, wie man den Aal aufschnitt und anschließend speisefertig machte. Danach lächelte er aufmunternd und gab ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter. "Alles nur eine Frage der Übung", erklärte er. "Wenn du Unterstützung brauchst, kann dir das jeder von uns zeigen."

Noch immer sah er Akio freundlich an, und der senkte nun beschämt seinen Blick. Es war nett von Genrou gewesen, ihm zu helfen und ihm damit die Peinlichkeit zu ersparen, vor Akutagawa-san seine Unfähigkeit in Sachen Unagi-Zubereitung eingestehen zu müssen, trotzdem brachte er es nicht über sich, ihm ,mal eben' dafür zu danken. Nicht direkt jedenfalls. Er angelte eine große Umeboshi [3] aus ihrem Steingutschälchen und stecke sie ihm in den Mund. "Gib bloß nicht so an" murmelte er, dann drehte er sich um und konzentrierte sich mit hochroten Wangen auf das Tempura.

Genrou ließ sich zurück auf seine Sitzgelegenheit sinken. Akio wusste genau, dass er die sauren Pflaumenhäppchen liebte, und Genrou wusste, dass Akio es wusste. Er hatte durchaus verstanden, wie diese Geste gemeint gewesen war, und irgendwie machte ihn das überaus zufrieden. Er hatte schon die ganze Zeit über - eigentlich seitdem der Junge hier war - immer wieder festgestellt, welch außergewöhnliche
Charakterzüge dieser zum Teil besaß, und er konnte sich nicht helfen, er fand ihn einfach interessant; auch, wenn er das auf eine für Akio manchmal recht unerquickliche Weise zeigte.

Genrou fragte sich inzwischen, ob er sich nicht geirrt hatte, und Akio doch kein Angehöriger der Yakuza-Bande [4] war, die hier vor Jahren mal die Restaurants und Imbissbuden terrorisiert hatte. Vom Namen her passte es, doch er war einfach viel zu anständig für einen Verbrecher, obwohl seit neuestem Gerüchte umgingen, dass ein Yakuza-Sprössling von seinem Clan vermisst wurde. Egal, wie sehr Genrou versuchte, den Schwarzhaarigen zu provozieren, er benutzte nie etwas in seiner Nähe als Waffe und war auch nicht auffällig gewaltbereit, wenn sie sich mal kabbelten. Nicht, dass das irgendetwas aussagte, aber es gab einem doch wenigstens zu denken.

Im Gegenteil fiel es Genrou sogar leicht, nahezu jeden Kampf für sich zu entscheiden, denn anders als Akio kannte er eine Menge Tricks und Kniffe, die ihm das Gewinnen ganz wesentlich erleichterten. Trotzdem - der Rest entsprach nun mal den ihm bekannten Fakten, und noch hielt Genrou an seiner Vermutung fest.

Deshalb stand er irgendwann auf und ließ den Jungen in der Küche allein. Er wollte vor dem Essen noch ein Telefonat erledigen, und dabei konnte er seine Gesellschaft nicht gebrauchen.

Akio sah ihm eine ganze Weile lang nach. Schlussendlich musste er sich aber - ohne in seinen stillen Überlegungen zu einem Ergebnis gekommen zu sein - wieder seinen zahlreichen Garnelen widmen. Wie man Tempura-Ebi machte wusste er, und wenn er zumindest ein Gericht von alleine zubereiten konnte, dann wollte er es wenigstens auch rechtzeitig zum Abendbrot fertig haben...

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Ein paar Tage später schloss Akio gerade den Hinterausgang ab, als unerwartet Frau Akutagawa an ihn herantrat. "Ach, Akio-kun", seufzte sie und machte ein leicht gequältes Gesicht. "Könntest du mir für morgen früh bitte ein Ô-Bento [5] zurecht machen? Ich muss für Genrou noch ein paar Sachen waschen und habe einfach nicht mehr die Zeit dazu. Es wäre mir eine so große Hilfe." Der Junge nickte langsam und schaute sie gleichzeitig fragend an. "Was ist denn mit ihrem Sohn?", hakte er wie beiläufig nach, dennoch hatte er das Gefühl, seine Neugierde nicht ganz vor seinem Gegenüber verbergen zu können. "Oh, nichts Besonderes", wehrte die Frau ab und schob ein paar der Gästesandalen mit dem Fuß beiseite. "Er macht mit seiner Schule einen Klassenausflug und braucht etwas zu essen für die Zugfahrt. Er sagte mir zwar, dass er sich auch auf dem Weg noch etwas kaufen könnte, aber ich möchte nicht, dass er sich wieder mit diesen grässlichen Ô-Nigiri [6] aus dem Supermarkt voll stopft. Ein paar handgemachte sind besser für ihn. Wenn er sich selber welche holt, nimmt er nur wieder die mit diesen furchtbaren Umeboshi drin. Dieses grässlich saure Zeug! Was er nur daran findet? Irgendwann bekommt er noch mal Magengeschwüre davon!"

Akio grinste breit. Genrous Vorliebe für diese Speise war wirklich bezeichnend - und überall bekannt.

Er ließ die Schürze, die er nach dem Zuschließen hatte abnehmen wollen, wo sie war und ging an Frau Akutagawa vorbei zurück in Richtung Küche. "Keine Sorge", beruhigte er sie. "Ich werde ihm etwas mitgeben, das vollkommen gesund ist und ihm sicher nicht schaden wird." Die hübsche Frau lächelte warm. "Ja, ich weiß." Dann drehte sie sich um und verschwand hinter der nächsten Tür. Akio blickte ihr verdutzt nach. Was hatte sie denn damit jetzt gemeint? War etwa irgendein verräterischer Ausdruck auf seinem Gesicht gewesen?

Er fluchte leise und verzog sich in seine Kochecke. So viel also zum Thema ,Ihr Sohn ist mir egal'...

Akio schüttelte den Gedanken mit einem unwilligen Schnauben ab und konzentrierte sich stattdessen auf die Lunchbox. Dazu galt es zunächst einmal, aus einem der Wandschränke das passende Behältnis auszusuchen. Nach reichlicher Überprüfung aller ihm gegebenen Möglichkeiten wählte er aus den zahlreichen Keramik- und Holzgefäßen eine besonders schöne Box aus lackiertem Holz, die innen rot und außen schwarz gefärbt war. Man hatte sie mit einem filigranen Muster versehen, welches eine Rebe in Gold gefasster Weintrauben zeigte, und oben drauf von ein paar feinen Blättern geziert wurde. Er stellte das Gefäß auf den Tisch und machte sich dann daran, die entsprechenden Speisen zu bereiten.

Als erstes arrangierte er in einem der kleineren Fächer die restlichen Happen des noch vom Abendessen übrig gebliebenen Tonkatsu. Die schmalen Streifen frittierten Schweinefleisches passten gerade so hinein, und weil er nicht wollte, dass sie einfach nur ,gequetscht' aussahen, bestreute er sie außerdem mit dünnen Ringen einer gehackten Frühlingszwiebel. Danach füllte er ein Eckfach mit aufgeschnittener Lotoswurzel, selbst gepflückten Radieschen, ein paar Shiitake-Pilzen und zwei von den gelben Ginkonüssen. Da er keinen frischen Fisch verwenden mochte, wenn das Ô-Bento erst am nächsten Tag verzehrt wurde, fertigte er statt der Nigiri-Sushi [7], die er sicher sonst gemacht hätte, jeweils drei Chakin-Sushi, Inari-Sushi und einige Futo-Maki [8]. Das Ganze wurde durch Ebi no Somen, von Nudeln umschlossenen und in heißem Fett ausgebackenen Garnelen, sowie zwei kleineren Yakitori [9], einem dicken Omelette und ein paar handgeformten Ô-Nigiri abgerundet, die er trotz seines schlechten Gewissens mit reichlich Umeboshi füllte. Ein rundes Fach in der Mitte der Box war noch frei geblieben, und so legte er außerdem einen süßen Reiskuchen umgeben von glacierten Reiscrackern hinzu. Schlussendlich deckte er das Behältnis ab und wickelte es in dünnes, durchscheinendes Papier, bevor er das so entstandene Päckchen mit einem Band vollendete.

Nach dieser Arbeit war Akio reichlich erschöpft, aber auch ziemlich stolz auf seine kleine Komposition. Wäre es für sich selbst gewesen, er hätte niemals den großen Aufwand betrieben, all die Speisen frisch für das Ô-Bento zuzubereiten. Bei Genrou jedoch machte ihm das komischerweise überhaupt nichts aus. Ganz im Gegenteil - er war schon gespannt, ob ihm die Sachen schmecken würden, auch wenn der Junge ihm das vermutlich nicht mal im Traum verriete. Selbst wenn es so war. Akio hatte bisher kochen können, was immer er wollte, ein Lob von dieser Seite war noch nie zu ihm gedrungen...

Er zuckte die Schultern und legte endlich die dünne Schürze ab. Doch was kümmerte es ihn? Er gab sowieso nichts darauf.

Er stellte die gefüllte Lunchbox in den Kühlschrank und schlurfte müde über den Flur zu seinem Zimmer. Bevor er sich in seinen Futon einrollte, warf er noch seine Sachen in den kleinen Wäschekorb und löschte anschließend das grelle Licht. Dass er die ganze Zeit bei seinem Tun beobachtet worden war, hatte er nicht im Geringsten mitbekommen. Noch ehe er über den folgenden Tag nachgrübeln konnte, war er tief und fest eingeschlafen.

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Als Akio am nächsten Morgen erwachte, hatte Genrou das Haus bereits verlassen. Auch ohne einen Fuß vor die eigene Zimmertür gesetzt zu haben, erkannte Akio dies daran, dass er im Garten kein Wasser plätschern hörte. Der jüngste Spross des Ryokan stand für gewöhnlich ungefähr eine halbe Stunde früher auf als Akio, und das erste, was er tat, war jedes Mal hinaus zu gehen und den Garten zu wässern. Diese Pflicht nahm er damit seiner Mutter ab, und obwohl sie ihn nie darum bat, machte er es die ganze Woche über ohne Ausnahme. Sein leises Pfeifen war häufig das Geräusch, welches Akio aus dem Schlaf holte. Doch heute nicht.

Akio versuchte sich einzureden, dass er nicht wirklich enttäuscht darüber war, dennoch hätte er gern gewusst, ob Frau Akutagawa ihrem Sohn irgendetwas davon gesagt hatte, dass sein Esspaket von ihm kam. Immerhin hatte er sich eine Menge Mühe damit gegeben, und auch wenn er nicht direkt auf Anerkennung aus war, so wollte er doch ganz gern zur Abwechslung mal einen Dank von Genrou hören, und nicht umgekehrt immer ihm ,hinterher kriechen' müssen. Schließlich war die Aalgeschichte vom Vortag nicht das erste Mal gewesen, dass der Junge ihm zur Hand ging. Fast konnte man meinen, Akio zu helfen, um ihn anschließend damit aufzuziehen, bereitete Genrou die allergrößte Freude.

Akio seufzte tief und schälte sich aus seinem Futon, bevor er sich gähnend eine frische Yukata überzog. Egal, welchen Grund es dafür gab, er wünschte sich sehnlichst, dass dieser bald ein Ende fand. Er kratzte sich am Kopf und warf einen Blick auf seine Armbanduhr, die er am Vorabend neben seinen Futon gelegt hatte.

- Halb acht... ein bisschen früh, um mit der Hausarbeit zu beginnen. -

Er zuckte zusammen, als er unerwartet Frau Akutagawas Stimme vor seiner Zimmertür hörte.

"Akio-kun?" Sie klopfte leise an die Holzverkleidung. "Akio-kun, bist du schon wach?"

Akio blinzelte leicht, dann errötete er tief und versuchte hastig, seine Haare zu einer halbwegs annehmbaren Frisur zu richten, bevor er antwortete. "Ja, ich bin auf." Die Hausherrin schob die Shôji [10], die sie beide trennte, vorsichtig beiseite und stecke ein Stück weit ihren Kopf in den Raum. Sie wirkte ziemlich übermüdet.

"Ah, das ist schön", sagte sie, als sie ihn in der Yukata erblickte. "Würde es dir wohl etwas ausmachen, mir nach dem Frühstück schnell zu helfen? Es gab einen kleinen Zwischenfall mit Großmutter, und ich muss dringend das Haus verlassen."

Mit einem Satz war er auf den Beinen. "Was ist denn passiert?" Die Frau machte eine wegwerfende Handbewegung, doch man sah ihr die Besorgnis an. "Sie ist die hohe Stufe in ihrem Genkan hinuntergestürzt. Wir haben ihr schon so oft angeboten, den Eingangsbereich ein wenig niedriger anzulegen, aber sie möchte nicht, dass das Haus ihres Mannes noch nachträglich verändert wird. So was Stures! Yumi hat vorhin angerufen. Ô-bâsan [11] ist ihren Worten nach nicht sehr schwer verletzt, aber wohl reichlich aufgekratzt. Ich werde nicht umhin kommen, mit dem Zug zu ihr herüber zu fahren." Akio nickte zustimmend. Er war erleichtert, dass es sich um nichts Schlimmeres handelte. "Gut, ich werde mich nur schnell fertig machen und komme dann sofort zu ihnen, um bei der Arbeit zu helfen."

Die Frau lächelte dankbar. "Das ist sehr nett von dir."

Gegen Mittag hatten sie alle täglichen Aufgaben soweit bewältigt, dass Frau Akutagawa sich auf den Weg machen konnte. Zu ihrem Glück waren im Moment nur zwei ständige Gäste im Haus, und die fuhren über das Wochenende stets heim zu ihren Familien. Für etwaige andere Kunden musste das Ryokan heute eben geschlossen bleiben.

Die Frau drehte sich an der Tür noch mal zu ihm um und schaute ihn besorgt an. "Ist es auch wirklich in Ordnung für dich, ganz allein den Gasthof zu hüten? Wenn es Schwierigkeiten gibt, kannst du jeder Zeit bei mir anrufen. Was für ein dummer Zufall, dass mein Mann noch kurzfristig auf Geschäftsreise musste und Kyosuke bei der Hochzeit eines Freundes ist. Nie hat man jemanden da, wenn man dringend einen braucht." Akio schmunzelte leicht und drückte ihre Hand. "Keine Sorge, Akutagawa-san. Ich fühle mich geehrt, dass sie einem Fremden wie mir so vertrauensvoll ihren Besitz überlassen. Ich werde mich schon zurecht finden." Frau Akutagawa blickte ihm in die Augen und legte ihm sanft die schmalen Finger auf die Wange. "Du dummer Junge", sagte sie freundlich. "Für uns bist du längst kein Fremder mehr." Dann lief sie auf ihren Geta [12] zum Tor und winkte ihm noch einmal zu. "Denk daran - wenn du Hilfe benötigst, liegt die Telefonnummer gleich neben dem Apparat!" Und schon war sie zwischen den Häusern verschwunden.

Akio seufzte leise und ging wieder hinein. Wie hatte er nur leben können, bevor er in das Haus dieser Menschen gekommen war? Sein altes Dasein mit all dem Trübsinn und der Einsamkeit kam ihm jetzt nur noch wie der böse Traum eines verängstigten Kindes vor. Und doch hatte es existiert. Es war alles real gewesen, obwohl ihm das nicht gefiel.

Er schüttelte den Gedanken ab und machte sich emsig daran, auch all das zu erledigen, was die Woche über im Ryokan an Arbeit liegen geblieben war. Unter anderem gab es eine Menge Wäsche zu waschen, als erstes jedoch schlenderte er nach draußen in den Garten und wässerte die Bäume. Er konnte gut verstehen, dass Genrou diese Tätigkeit gern übernahm, denn der feine Sprühnebel fühlte sich nicht nur herrlich frisch auf der Haut an, es gab einem zudem ein gutes Gefühl, den Stauden und Büschen auf diese Weise für die wundervolle Blütenpracht zu danken.

Obwohl es ziemlich anstrengend war. Die Akutagawas besaßen ein großes Grundstück, was auch etwas außerhalb des Kerngebietes von Tôkyô sündhaft teuer gewesen sein musste. Natürlich hatte Hideo Akutagawa es in langer Tradition von seinem Vater vererbt bekommen, aber auch früher schon war dem Erstbesitzer dieses Fleckchen Erde mit Sicherheit eine schöne Stange Geld für den Erwerb abgeknöpft worden. Am meisten gefiel es wohl Genrou, dass sie nicht sehr zentral wohnten, wenngleich das jeden Morgen eine elend lange Fahrt zur Schule für ihn bedeutete. Sofern er nicht mit seinem Mountainbike zum Bahnhof radelte, ließ er sich meist von seinem Bruder im Auto mitnehmen, und für ihn schien das Leben so in Ordnung zu sein. Ein bisschen beneidete Akio ihn darum.

Genrou war manchmal so herrlich simpel gestrickt...

Der Junge grinste breit und hängte den Wasserschlauch zurück an die Hauswand nahe dem Badebereich. Erschöpft lehnte er sich an die Bambusumzäunung des Außenbeckens und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Seine Augen wanderten hinauf zum Himmel. Die Sonne hatte sich zwar hinter einigen Wolken versteckt, dennoch war die Luft fast widerwärtig warm und unerträglich schwül. Die hohe Feuchtigkeit machte im Sommer jedem zu schaffen, aber Akio konnte sich nicht daran erinnern, schon einmal solche Probleme damit gehabt zu haben. Ihm wurde regelrecht schwarz vor Augen. Um sich ein wenig abzukühlen, wankte er zurück ins Haus. Er nahm sich etwas zu trinken und ließ es in großen Schlucken seine Kehle hinunter laufen, aber irgendwie reichte ihm das nicht. Also schleppte er sich hinüber in das eher westlich gestaltete Badezimmer neben Kyosukes Wohnraum und stellte in der Dusche das kalte Wasser an. Akio wollte sich entkleiden und ein wenig abspülen, doch unerwartet taumelte er zur Seite. Ein Aufstöhnen entrang sich seiner Kehle und plötzlich brach er vor der Einsenkung für den Abfluss in die Knie. In seinem Kopf drehte sich alles, und ihm wurde fürchterlich übel. Er griff nach oben und versuchte noch den Duschhahn zu erreichen, aber er schaffte es nicht mehr. Er spürte einen scharfen Stich in seiner Stirngegend, dann kippte er bewusstlos vornüber. Dass das hart auf ihn niederprasselnde Wasser immer kälter wurde, spürte er gar nicht...

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Genrou bog in die Straße ein, auf der er wohnte und steckte sich mit vor Genuss halb geschlossenen Augen sein letztes, mit reichlich Umeboshi gefülltes Reisbällchen in den Mund. Er hatte zwar keine Ahnung, was auf einmal in seine Mutter gefahren war, dass sie ihm seine Bento-Box mit seinen absoluten Lieblingsgerichten füllte, aber es lag auch nicht in seiner Absicht, sich auf irgendeine Weise darüber zu beschweren. Im Gegenteil: Er hatte ihr extra ein kleines Präsent mitgebracht, um sich bei ihr für die Leckereien zu bedanken. Seine halbe Klasse war unheimlich neidisch auf ihn gewesen, als er am Bahnhof die zahlreichen Köstlichkeiten ausgepackt hatte, und fast wären sie zusammen über ihn hergefallen, so appetitlich wirkte alles.

Ein bisschen stolz machte ihn das schon. Die Frau führte eben nicht umsonst ein so beliebtes Ryokan.

Er wischte sich die Hände an einem feuchten Einmaltuch ab und steckte dieses in der Verpackungsfolie zurück in seine Hosentasche. Tja, wirklich schade, dass der Schulausflug dann doch noch flach gefallen war. Aus der Region, die sie eigentlich hatten besuchen wollen, war bereits am Morgen ein Erdbeben gemeldet worden, man hatte sich jedoch dazu entschieden, die genauen Auswirkungen des Naturereignisses abzuwarten, bevor man die Reise gänzlich abblies. Im Nachhinein betrachtet war das bloße Zeitverschwendung gewesen. Die Bahnstrecke hatte bei dem Unglück Schaden genommen, und die Aufräumarbeiten würden wohl das gesamte Wochenende über andauern, sodass diese Art des Reisens für sie nicht in Frage kam. Sicher hätte man eine andere Route fahren können, aber den gesamten Trip noch einmal umzubuchen und neu zu organisieren war schlichtweg den Aufwand nicht wert gewesen. Sie würden den Ausflug eben an zwei anderen Tagen nachholen.

Was für ihn hieß, dass er sein Wochenende entspannt und in Ruhe zu Hause genießen konnte, anstatt sich im Zweistundentakt in seiner Wanderkluft von einem Berg zum nächsten zu schleppen - im Grunde gar keine so üble Wendung.

Genrou kramte seinen Schlüssel aus dem Portemonnaie und öffnete die Haustür. Im Genkan streifte er seine Schuhe ab und stieg auf Socken die schmale Holzstufe hinauf. "O-kâsan?", rief er in die Stille und sah sich suchend nach seiner Mutter um. "Ich bin wieder zu Hause." Er warf seine Tasche in den Flur und steckte anschließend den Kopf in die Küche, doch die Frau war nicht dort. Normalerweise bereitete sie sich um diese Zeit für ihre Ruhepause eine Tasse Tee, deshalb wunderte er sich etwas, sie nicht finden zu können. Auch in ihrem Arbeitszimmer war keine Spur von ihr, ebenso wenig wie im Garten. Sie musste noch einmal weggegangen sein. Er kam am Telefon vorbei und fand eine Notiz mit der Rufnummer seiner Großmutter darauf. Ob sie wohl einen kurzfristigen Besuch machte?

- Sehr seltsam... -

Das Geräusch laufenden Wassers lenkte ihn von dem Zettel ab. Er legte ihn zurück an seinen Platz und schritt auf der Suche nach wenigstens einem Familienmitglied alle Räume mit einem entsprechenden Anschluss ab. Schließlich erreichte er Kyosukes Badezimmer. Es verwirrte ihn, dass der junge Mann zu Hause war. Hatte er nicht schon am letzten Tag das Ryokan verlassen, um zu der Hochzeit eines Freundes zu gehen? "Hey, O-niisan [13]!" Er klopfte mit der Faust an die dunkle Holztür. "Kyosuke! Verdammt, bist du taub? Kyosuke!" Als er keine Antwort erhielt, versuchte er es noch einmal. "Kyo-chan! Baka [14], warum sagst du denn nichts? Jetzt mach die blöde Tür auf oder ich laufe hier gleich Amok vor Sorge." Eher aus Routine drückte er die Klinke herunter, und weil er nicht damit gerechnet hatte, dass diese wirklich nachgeben würde, stürzte er fast im selben Moment mit einem Keuchen auf die Fliesen. Er schlug sich den Kopf am Waschbecken an und fluchte lautstark. "Aua! Das hast du jetzt davon!", beschwerte er sich - und schnappte im nächsten Moment scharf nach Luft. In dem Badezimmer gab es keinen großen Bruder. Nur einen etwas kleineren, halb bekleideten Akio, der bewusstlos in einer riesigen Pfütze mitten auf dem Boden lag. Noch immer wurde sein Körper mit wie es schien eiskaltem Wasser bestrahlt, denn seine Haut war aschfahl und seine Lippen schon ganz blau. Dafür glühten seine Wangen in einem leuchtenden Rot.

Genrou stolperte nach vorne und stellte hastig das Wasser ab. "Akio!" Er packte den schwarzhaarigen Jungen an den Schultern und zog ihn auf seinen Schoß. "Was zum Teufel ist denn nur passiert?" Akio reagierte nicht, und Genrou beschloss, ihn zunächst ein Mal aus den nassen Klamotten zu schälen. Bei der Berührung stellte er fest, wie unterkühlt der Körper des Anderen war und diese Tatsache erschreckte ihn. Wie lange mochte er hier schon gelegen haben? Und wo war seine Mutter?

"Verflucht, läuft denn heute alles schief?"

Er zog dem Jungen die Yukata von den Schultern und wickelte ihn in dicke Frotteetücher ein. Dann lud er ihn sich auf den Rücken und trug ihn hinüber in sein Zimmer. Der Futon war natürlich im Wandschrank verstaut, und Genrou musste seine kostbare Fracht erst für einen Moment auf dem Boden ablegen, bevor er ihn in die warmen Decken hüllen konnte. Doch auch das zeigte keine zufrieden stellende Wirkung, denn Akios Körper zitterte nun immer mehr. Hätte Genrou nicht rasch seine Hand von ihm zurück gezogen, sie wäre glatt von der Hitze seiner Stirn verbrannt worden, und der Braunhaarige musste zugeben, dass er nicht so recht wusste, was er verdammt noch mal mit ihm tun sollte. Er schlug Akios Beine in kalte Wickel ein und stapelte andererseits alle Decken über ihm, die er überhaupt im Hause finden konnte, nur war das leider nicht genug. Schließlich lief er zum Telefon und ergriff den Hörer.

Nichts. Nicht ein Laut drang an sein Ohr. Kein einziges, leises Tuten.

Genrou zog die Stirn kraus. Was sollte das nun wieder? Waren die Leitungen tot? Er versuchte, das Licht anzuschalten und stellte fest, dass sie auch keinen Strom mehr hatten.

"Na großartig..."

Er rutschte an der Wand in seinem Rücken nach unten und raufte sich verzweifelt die Haare. Was sollte er denn jetzt machen? Er war schlichtweg auf sich selbst gestellt. Kein Arzt, den er anrufen konnte, keine Elektrizität für die Heizdecke und auch keine Frau im Haus, die sich mit Krankenversorgung auskannte. Viel mehr konnte man mit einem Problem gar nicht allein gelassen werden!

Er schüttelte den Kopf und zwang sich selbst zur Ruhe. Die Nerven zu verlieren half keinem von ihnen weiter. Dann stand er auf und ging in die Küche, um den Medizinschrank durchzusehen. Er nahm sich eine Flasche Fiebersaft und betrat abermals Akios Zimmer. Der Junge wurde regelrecht geschüttelt von seinen Krämpfen, und Genrou musste schon sehr an sich halten, um nicht sofort den Mut zu verlieren. Wenn er das hier versaute, dann kostete es ein bisschen mehr als einfach nur eine Verabredung oder eine gute Note in der Schule - Akio würde vielleicht sein Leben verlieren.

Er ging neben ihm in die Knie und hielt seinen Kopf ein wenig hoch, um von dem breiten Messlöffel aus die Medizin in seinen Mund flößen zu können, doch Akio spuckte sie aus. Genrou gab ihm erneut etwas Saft, doch wieder würgte der Junge ihn hervor und ließ ihn auf sein Kissen laufen. Der Braunhaarige schüttelte ihn leicht. "Akio! Du musst das trinken. Die Medizin ist gut für dich!" Aber egal, was er auch anstellte, der Andere wollte sie einfach nicht schlucken. Er zitterte immer mehr.

Genrou betrachtete eine Weile lang schweigend Akios Gesicht. Er strich ihm zwei der nassen Haarsträhnen aus der Stirn und erhob sich schließlich. Mit einem leisen Rascheln ließ er Hemd und Pullunder seiner Schuluniform zu Boden gleiten, kurz gefolgt von den Strümpfen, seiner Hose und der Unterwäsche. Dann griff er wieder nach der Fiebersaftflasche und setzte sie an seine Lippen. Er nahm einen ordentlichen Schluck, behielt die Flüssigkeit jedoch im Mund und legte sich zu Akio unter die Decken. Mit einer Hand zog er die Frotteetücher von dem unterkühlten Körper und warf sie an die Seite, mit der anderen stellte er die Medizin wieder weg, bevor er sich behutsam auf dem Jüngeren nieder ließ. Er wickelte sie beide in das dicke Bettzeug ein und drückte danach mit den Fingerkuppen Akios Lippen auseinander, bevor er nach kurzem Zögern seine eigenen auf sie herab senkte. Der warme Saft rann über ihre beiden Münder und gelangte schließlich an Akios Kehle, doch diesmal konnte er sie nicht ausspucken. Genrou verhinderte es, indem er ihn weiter ,küsste', und so blieb dem Jungen keine andere Wahl, als die Flüssigkeit irgendwann hinunter zu schlucken. Der Braunhaarige wiederholte die Prozedur einige Male, und zum Schluss hörte Akio auf, sich dagegen zu wehren. Als Genrou der Meinung war, dass sein Schützling genug Medizin genommen hatte, konzentrierte er sich darauf, ihm Wärme zu geben. Er schlang seine Arme um die schmalen Schultern unter sich und drückte seine Brust an Akios. Dann senkte er den Kopf und schloss betend seine Augen, in der stillen Hoffnung, dass das, was er getan hatte, reichen würde, um dem Schwarzhaarigen zu helfen.

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Akio erwachte, weil ihn irgendetwas Weiches, Flauschiges an seinem Ohr kitzelte. Er rieb sich müde die schweren Augenlider und gähnte herzhaft, bevor er das lästige Ding ein Stück weit beiseite schob. Er wollte sich aufsetzen, um wenigstens halbwegs seine Orientierung wieder zu finden, doch irgendein Gewicht auf seiner Brust hinderte ihn daran. Er blickte an sich herab und schaute auf ein kräftiges Schulterblatt, den Ansatz eines Oberarmes und einen Teil einer muskulösen Rückenpartie. Verwirrt hob er seine Brauen.

Ihm war noch immer leicht schwindlig, und so brauchte es eine ganze Weile, bis die Tatsache ,nackt' so richtig zu seinem Gehirn vordrang. Als sie es jedoch tat, lief er auf der Stelle rot an. Er drehte den Kopf zur Seite und starrte in Genrous schlafendes Gesicht. Dessen Haare mussten es gewesen sein, die ihn soeben noch beim Ausruhen gestört hatten, und er schnappte heftig nach Atem.

"Was zum Geier soll das?", knurrte er wütend und bemühte sich, Genrou von ihm herunter zu bekommen, aber er war viel zu geschwächt dafür. Stattdessen entlockte er dem Anderen gerade mal ein unwilliges Murren. "Mann, Akio", maulte der Junge. "Hör auf, dich so viel zu bewegen - deine Schamhaare kitzeln am Bauch..."

B.O.N.K!!!

Mit einem Aufschrei kippte Genrou zur Seite. Akio setzte sich sofort auf und zog hastig eine der zahlreichen Decken über seinen Körper, Genrou hingegen hielt sich nur fluchend die Stirn. "Aua, bist du bescheuert?", rief er und rollte sich auf den Rücken, um ihn besser ansehen zu können. "Das hat verdammt noch mal weh getan!" Er riss Akio die volle Plastikflasche mit dem Mineralwasser aus der Hand und stellte sie außer Reichweite. "Wenn du mich noch mal damit schlägst, erwürge ich dich!" Doch Akio hörte ihn gar nicht. Seine Gedanken kreisten immer nur um die Tatsache, dass er ohne jegliche Kleidung mit Genrou im selben Futon geschlafen hatte, und es machte ihn halb wahnsinnig, dass er sich nicht an den Grund dafür erinnern konnte. Was war nur los mit ihm? Wenn er sich von diesem Kerl irgendwo hatte anfassen lassen, würde er auf der Stelle sterben vor Scham!

"Wie kann man bloß so prüde sein?", beschwerte der Braunhaarige sich in diesem Moment und brachte sich in eine sitzende Position. "Wir sind beide Männer und du tust so, als hätte ich dir gerade die Unschuld geraubt." Akio funkelte ihn zornig an. "Meine Unschuld hat bei dir überhaupt nichts verloren", erwiderte er und wurde noch ein wenig röter als zuvor. "Warum schläfst du bei mir im Bett? Los, verschwinde!" Genrou machte eine wegwerfende Handbewegung und hob seine Schultern. "Bitte, ganz wie Ihr wünscht, Prinzessin." Dann stand er auf und verließ mit einem ärgerlichen Schnauben den Raum.

Akio sah ihm nach. Dieser Idiot! Was bildete er sich ein, dass er jetzt sogar schon nachts zu ihm in die Schlafstatt kroch? So ein Perverser! Er zog seine Knie an und fuhr sich entnervt durch das Haar. Irgendwann verlor er noch mal gänzlich den Verstand wegen dieses Typen!

Er schaute sich um und stutze leicht. Wie sah es denn in seinem Zimmer aus? Überall Decken, Handtücher und Wasserflaschen. Eine zerknitterte Yukata lag auf dem Boden, daneben Genrous Schuluniform. Unter dem Beistelltisch fand er eine nahezu leere Flasche mit Fiebersaft, außerdem diverse zusammengelegte, kalte Umschläge und eine Notiz mit den Telefonnummern sämtlicher Ärzte im näheren Umkreis des Ryokan. Er runzelte die Stirn. Hatte er irgendetwas verpasst? Erst jetzt fiel ihm auf, dass er unter gut einem Dutzend dicker Überwürfe ,begraben' war, und für seinen Rücken hatte man offenbar ein Heizkissen ausgebreitet. Das Thermostat gab ein leises Piepen von sich, dann schaltete es den Aufwärmvorgang ab.

Akios Blick ging zur Tür. Was zur Hölle war hier passiert?

Er legte den Kopf schief und versuchte angestrengt, sich an die letzten Ereignisse zu erinnern. Er wusste noch, dass ihm schwindlig geworden war, und dass er irgendwann das Gefühl gehabt hatte, etwas schrecklich Bitteres im Hals zu spüren, aber viel mehr brachte er nicht zustande. Er konnte nicht einmal genau sagen, welcher Tag überhaupt war, dafür wunderte er sich jedoch, was Genrou in dem Gasthof machte. Eigentlich hätte er nicht vor Sonntagabend von seinem Ausflug mit der Schule zurück sein sollen, was entweder hieß, dass Akio zwei Tage verschlafen hatte oder aber Genrou gar nicht erst weggegangen war.

Eine merkwürdige Vorahnung beschlich ihn.

Akio stand auf und lief auf der Suche nach dem Jungen - angekleidet - durch die Hausflure. Er ging erst in die Küche und in sein Schlafzimmer und fand ihn schließlich im Gemeinschaftsbad. Genrou hatte den Kopf auf die Steine in seinem Nacken sinken lassen und seine Arme auf die Außenumrandung des Beckens gelegt. Er hob nicht den Blick, als Akio eintrat, und wenn er ihn bemerkt hatte, so ignorierte er ihn. Akio streifte mit roten Wangen seine Yukata ab und wusch sich eilig mit Seife, bevor er sich abspülte und zu ihm in das heiße Wasser stieg. Noch immer zeigte der Andere keine Reaktion. "Genrou..." Akio rückte zögernd ein wenig näher. "Genrou, welcher Tag ist heute?" Der Angesprochene pustete sich eine lange Haarsträhne aus der Stirn und ließ sich etwas tiefer ins Bad rutschen. "Samstag", antwortete er. "Warum bist du nicht in Utsunomiya?" "Weil der Ausflug verschoben werden musste." Akio nickte nachdenklich. Dann schob er sich wieder ein Stückchen näher an den Älteren heran. "Hey Genrou", fragte er leise und lehnte sich an die Mauer. "War ich sehr krank?" Genrou öffnete ein Auge und sah ihn kurz an. "Ja, das kann man so sagen." Dann drehte er das Gesicht zur Seite und murrte leise. "Und jetzt lass mich in Ruhe, ich bin hundemüde."

Er holte tief Luft, als Akio seine Hand nahm. "Hast du mich gepflegt? Die ganze Nacht über, meine ich..." Genrou knirschte mit den Zähnen und zwang sich, die schmalen Finger an seinen zu ignorieren. "Ja, habe ich. Ich hab dich aus der Dusche gezogen, dir die Medizin gegeben und dich mit meinen Körper gewärmt", erklärte er unwirsch. "Bist du jetzt zufrieden?" Er stieß einen unterdrückten Laut der Überraschung aus, als Akio sich unerwartet zaghaft gegen ihn sinken ließ. "Sehr zufrieden" bestätigte der Schwarzhaarige und lächelte still. "Und ich schmeiße dich auch nie wieder raus, ohne vorher nach deinen Gründen zu fragen, das verspreche ich dir." Er drückte die Hand des Anderen und schloss seine Augen. "Danke, Genrou..." Dieser blinzelte leicht. "Ist schon okay", murmelte er schließlich. Er schmunzelte und wuschelte dem Kleineren sacht durch das Haar. "Und klammer dich nicht so an mich - wenn uns jemand sieht, bekommst du nur wieder einen Anfall." Doch Akio störte sich nicht daran. Heute nicht. Heute war er einfach nur sehr zufrieden.

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1 Tempura-Ebi - Frittierte Garnelen.

2 Shôyu - Japanische Soya-Sauce. Sie wird hergestellt aus fermentierten Soyabohnen und Salz. Die wohl berühmteste Marke dürfte "Kikkoman" sein, die man auch hierzulande schon kaufen kann.

3 Umeboshi - Grüne, sauer eingelegte Pflaumen.

4 Yakuza - Sozusagen Japans traditionelle Gangsterorganisation. Über die Yakuza lassen sich ganze Bücher finden, deshalb möchte ich hier nicht näher auf die häufig als "japanische Mafia" bezeichnete Gruppe eingehen. Tatsache ist, dass sie sich vorwiegend mit Wirtschaftskriminalität, Geldwäsche und Prostitution befasst, außerdem mit Schutzgelderpressung und Drogenhandel. 1989 schätzte die Polizei ihre Einnahmen aus diesen ,Tätigkeitsfeldern' auf etwa 1,3019 Trillionen Yen.

5 Ô-Bento - Im Grunde nichts anderes als eine Lunchbox, meist gefüllt mit kaltem Reis, Fisch, Gemüse, ein wenig Fleisch und etwas Süßem. In Japan nimmt man sich für unterwegs nicht wie hier Sandwiches oder kleine Stullen mit, sonder eben ein Ô-Bento, das man in der Pause, der Bahn oder wo man sonst gerade Zeit hat, verzehrt.

6 Ô-Nigiri - Mit getrocknetem Nori umwickelte, gefüllte kalte Reisbällchen. Als ,Innenausstattung' kann man salzige Pflaumen (Umeboshi), Rettich (Takuan) oder ähnliches nehmen, das Gericht entspricht etwa unserem Butterbrot als kleine Mahlzeit.

7 Nigiri-Sushi - Handgeformte Sushi. Sie bestehen aus dünnen, rohen Fischscheiben, die um einen Kern aus Sushi-Reis gelegt werden.

8 Chakin-Sushi, Inari-Sushi, Futo-Maki - Chakin-Sushi ist einigen Deutschen vielleicht auch als "Seiden-Sushi" bekannt und wird mit Ingwer, Sushi-Reis, Gurke, Sesam, Shiitake-Pilzen, Garnelen, sowie dünnen Omelettes und grünen Erbsen gemacht. Inari-Sushi sind gekochte Tofutaschen, die man mit Sushi-Reis und Sesam füllt. Für Futo-Maki mischt man Sushi-Reis, Gurke und Ingwer und gibt diese Mischung über ein auf einem Noriblatt liegendes Omelett. Dann bestreicht man das Ganze mit Wasabi (scharfem, grünen Meerrettich), streut gerösteten Sesam und eingelegten Rettich darüber und rollt das ganze mit einer Bambusmatte zu einer Rolle, die man dann in kleine, mundgerechte Happen schneidet.

9 Yakitori - Kleine Spießchen, auf die (vorwiegend) gegrilltes Hähnchenfleisch mit Lauchzwiebeln gesteckt wird. Sie werden über Holzkohle zubereitet und immer wieder mit einer süßen Soya-Saucen-Mischung bestrichen. Ursprünglich wurden hauptsächlich Spatzen verwendet, heute findet man aber alle Fleischsorten und als besonderes Leckerli die Innereien. Y. werden meist als Snack serviert.

10 Shôji - Mit Reispapier bespannte Schiebetüren. Da sie durchscheinend sind, erhellt Außenlicht trotzdem noch die Zimmer, weshalb diese Türen oft zum Garten hinausgehen. Die Bespannung muss häufig erneuert werden, besonders wenn Kinder im Haus sind, da diese gerne Löcher hinein pieken.

11 Ô-bâsan - Die respektvolle Anrede für die eigene Großmutter.

12 Geta - Holzsandalen mit hohen Absätzen.

13 O-niisan - Die respektvolle Anrede für den älteren Bruder.

14 Baka - Japanisch für "Idiot"; eine etwas verschärfte Form des ebenso gebräuchlichen aho, was in etwa "Dummkopf" bedeutet.
 
Fortsetzung folgt