Du befindest Dich hier: Geschichten > Geschichten frei bis 16 > Fich > Das Schicksalsthunfischbaguette

Das Schicksalsthunfischbaguette

Original/ Reale Welt [PG] [abgeschlossen]

[sap]

Teile: 5

Inhalt:
Ein Yuppie-Designer findet sein Traummodell im Laden eines befreundeten Brautmodenladenbesitzers
Antwort zu Blubb´s "Brautmoden-Challenge"

Fortsetzung: "Das letzte Foto" [ab 18]

 


 

Das Schicksalsthunfischbaguette

- Teil 1 -

Lorenzo, seines Zeichens Designer und Schneider, saß am Schreibtisch seines Ateliers und gestikulierte hektisch zu seinem Sekretär, während er ein Telefonat mit Mailand führte. Wenn diese Show heute gut laufen würde, hatte er das Angebot, drei seiner Kreationen in Mailand über den Catwalk schreiten zu lassen. Und nichts auf der Welt konnte ihm das noch nehmen. Die Kritiker liebten seine Modelle, das konnte man überall lesen. Die Vorführung heute würde nur noch eine Kür sein.

Chris versuchte zu verstehen, was sein Boss meinte, als er immer wieder mit den Armen wedelte und auf seine Langzeitgeliebte zeigte, die in seiner neuesten Kreation vor dem Spiegel stand und sich wieder und wieder im Kreis drehte.

Der dunkelhaarige Sekretär zuckte die Schultern und versuchte Lorenzo deutlich zu machen, dass er ihn nicht verstand. So verdrehte der Modeschöpfer nur die blauen Augen und schüttelte das kurze blonde Haar - dem man sehr wohl ansah, dass dort die Chemie nachgeholfen hatte. Er säuselte auf Italienisch noch ein paar, vor Schmeicheleien triefende, Abschiedworte in den Hörer und legte, die Augen verdrehend, auf.

„Christién - du solltest Odette sagen, dass sie bitte das Kleid ausziehen soll, ehe sie isst.“ Lorenzo erhob sich und streckte den gekrümmten Rücken durch. Die letzten Wochen hatte er kaum geschlafen, Nächte wie Tage im Atelier verbracht, nur um für die Show heute Abend rechtzeitig fertig zu werden.

Das aufwendige Brautkleid war erst heute morgen fertig geworden, er hatte es zur Versöhnung seiner Freundin, weil er sie so lange schändlich vernachlässigt hatte, in ihren Maßen fertigen lassen, und Odette würde es auch heute Abend zur Vorführung tragen.

Die blonde Frau richtete sich ihre hüftlangen Locken und drehte sich schwungvoll zu Lorenzo um. „Lukas, es ist wunderschön. Darf ich es hinterher behalten?“

Blaue Augen blickten sie eiskalt an, denn wenn er eines nicht mochte dann ... „Nenn mich nie wieder Lukas, klar? Und nein, du kannst es nicht behalten. Sein Verkauf wird mir die nächste Kollektion mit finanzieren müssen.“

Schmollend wandte sich die schlanke Frau wieder um, griff nach dem Teller, der auf dem Tisch stand, und biss herzhaft in ein belegtes Brötchen.

„Odette verdammt, zieh das Kleid aus, ehe du etwas isst, wie oft noch?“

Christién machte auf dem Absatz kehrt. Was er jetzt nicht gebrauchen konnte, war ein cholerischer Anfall seines Arbeitgebers. Er hörte nur noch „Das ist Thunfisch - koste mal.“, als er die Tür hinter sich schloss und sich auf den Weg machte, die Vorbereitungen des Saales zu überwachen.

„Odette - es ist mir scheißegal, ob du Fisch, Kamel oder sonst was in dich hineinstopfst. Ich gebe nur zwei Dinge zu bedenken. Du musste heute Abend noch in das Kleid passen - und es sollte bis dahin möglichst ohne ....“

Das „Uups“ seiner Freundin ließ ihn aufhorchen und beten, dass nicht passiert war, was er befürchtete.

Der Wutausbruch, der darauf folgte, war auch zwei Stockwerke weiter unten noch zu hören, so dass Christién aufschreckte und eiligen Schrittes ins Atelier zurückrannte.

Er riss die Tür auf und erlebte Lorenzo, wie er ihn noch nie erlebt hatte: puterrot und mit Schaum in den Mundwinkeln. Und dann sah er auch schon die Bescherung: Der teure Taft und die Brokateinsätze waren mit Remouladensauce verschmiert, Odette stand an die Wand gedrängt mit verweinten Augen da und versuchte in das über sie herein brechende Gewitter eine Entschuldigung zu stottern, doch der blonde großgewachsene Mann ließ sie nicht zu Wort kommen. Chris hörte gerade ein „Verschwinde aus meinem Leben.“, und sah eine blonde Frau zu Boden gehen, als er leise die Tür schloss und abwarten wollte, bis das Gewitter sich verzogen hatte. Doch die Zeit wollte ihm Lorenzo nicht gewähren.

Der junge Designer atmete tief durch, als er ohne ein weiteres Wort auf Odette zeigte und meinte: „Die Show können wir vergessen - genau wie Mailand. Ohne den Erlös dieses Kleides kann ich die nächste Kollektion nicht vollständig finanzieren.“

Chris nickte und half Odette aus dem Kleid, die schweigend ihre eigenen Kleider anzog und lautlos, grußlos aus Lorenzos Leben verschwand.

Wenn das kein scheiß Tag war - Kleid hin - Show hin - Beziehung hin.

Er lächelte seinen Sekretär an, der ihm einen doppelten Tullamore Dew reichte.

„Du bist der Einzige, der mich hier wirklich kennt, hm?“

Chris kicherte leise, als er nickte und das Kleid aufsammelte. „Da ist wirklich nichts zu machen, schätze ich.“ Er legte es über den Stuhl und betrachtete den Fleck bei Tageslicht. „Ich kann Jan mal anrufen - aber der wird mir das gleiche sagen.“ Und noch ehe er den Satz beendet hatte, hatte er auch schon die Nummer seines Verlobten gewählt. „Schatz? Ich bin’s. Wir haben hier gerade die Welt untergehen lassen ... Odette hat das Brautkleid versaut. ... na ja, ich kann dir nicht genau sagen, was es ist, aber es schaut aus wie eine Mischung aus Remoulade, Ketchup und Mayo. ... Thunfischbaguette ... nee, keine Seide. Brokat. ... yupp, hab ich mir schon gedacht. ... kommst heute zur Show, ne? Denk dran, wir wollen hinterher noch essen gehen. Bye .... ja, ich dich auch.“

Chris legte auf und blickte Lorenzo an, der immer noch an seinem Glas nippte und in Gedanken schien.

Dann durchfuhr es den Sekretär wie ein Blitz. Er riss die grünen Augen auf. „Chef ich hab’s.“, platzte es plötzlich aus dem dunkelhaarigen jungen Mann heraus. Er warf sich die etwas zu langen Ponyfransen mit einer hektischen Kopfbewegung aus dem Sichtfeld, als er auf den Designer zusprang. „Lorenzo - die Kopie!“

Blaue Augen blickten ihn fragend an.

„Mensch, erinnere dich. Wir haben vor fünf Wochen bereits das gleiche gefertigt - es war zu weit und zu lang für Odette - ging nicht zu ändern. Weißt du noch?“

Der blonde Mann ihm gegenüber erhob sich vom Tisch und hatte bereits das Handy gegriffen. „Genau - ich habe es Félice überlassen, weil er sich in das Kleid verliebt hatte. Ob er es uns borgen würde, dann steht wenigstens die Show.“

Doch dann legte er das Telefon wieder beiseite. Am besten fuhr er gleich persönlich bei seiner Lieblingsschwuppe vorbei. Félice würde sich sicher freuen, wenn er Lorenzo mal wieder so richtig tuffig durchknuddeln konnte. Er grinste. „Okay. Chris sei ein Schatz und kümmere dich bitte weiter um die Vorbereitungen. Ich fahre in den Brautmodenladen. Ich bin übers Handy zu kriegen, wenn was wichtiges ist.“ Und schon war er aus der Tür und im Lift. Er rannte den Weg in die Tiefgarage, seine Schritte hallten schwer in der leeren Weite; er schwang sich übereilt in das rote Ferraricoupé und schlug den Weg in die Wiener Altstadt ein.

Es war gerade halb sechs. In zweieinhalb Stunden würde der Vorhang aufgehen, und alle Blicke würden sich auf seine Kreationen lenken. Er betete, dass Félice es ihm borgen würde, dass die Show bombastisch werden würde, dass er endlich den Durchbruch geschafft haben würde, dass er endlich seinem großen Idol aus seiner Zeit in Potsdam würde nacheifern können. Er hatte ihn nur einmal im „Leander“ gesehen und war seinem Charisma verfallen. Er trug nur noch seine Anzüge, nur noch sein Parfum, nur noch seinen Schmuck.

Lorenzo parkte in einer kleinen Seitengasse und beobachtete ein paar Schulmädchen, welche die Gasse hinab schlenderten und schnatterten, vor dem Laden von Félice stehen blieben und auf das prunkvolle und doch edel-schlichte Kleid zeigten, das im Schaufenster hing; an dem ein kleines „Leider nicht zu verkaufen“-Schild dezent darauf hinwies, dass dieses Einzelstück ein Sammler- und Liebhaberstück war. Das liebte er so an Wien - die winzigen Andeutungen, die auch eine Absage aus dem Mund eines Einheimischen wie eine kleine Liebeserklärung klingen ließen. Stundenlang saß er abends allein in einem Café, grübelte über Kreationen und lauschte einfach nur auf die Worte im Raum - weniger auf den Inhalt - mehr auf ihren Klang, mit dem selbst ein zotiger Witz salonfähig wurde, mit dem jedes Schandmaul noch ein bisschen Kultur bewies.

Die Ruhe und die Beschaulichkeit waren es gewesen, die ihn zum Umzug nach Wien veranlasst hatten - die Beschaulichkeit und das Stipendium der Designerschule.

Aber Beschaulichkeit hin oder her - jetzt hatte er ein anderes Problem. Der Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass der Laden in fünf Minuten würde schließen wollen. So ging er schnell durch die Tür und kicherte wieder über das tuffige Türglöckchen - sicher hätte er dem keine Beachtung geschenkt, wenn ihn nicht Chris einmal darauf aufmerksam gemacht hätte, was das für ein Glöckchen war - sprich: wie der Schlegel gestaltet war. Ja ja - der durfte sicher auch mal Félices Glöckchen zum Leuten bringen, dachte Lorenzo in sich hinein grinsend, als er sich hektisch im Laden umsah.

„Félice - Schatz?“ Doch die singende, immer gut gelaunte Stimme antwortete nicht.

Dafür antwortete eine sanfte, angenehme Stimme „Herr Kleiber ist außer Haus und wir schließen gleich.“

Lorenzo fuhr herum und staunte nicht schlecht. Seit wann bediente in Félices Laden so eine nette Dame? Lorenzo kam nicht umhin, sie zu mustern: kurze freche Haare und ein weiches Gesicht. Wunderschöne braune Augen und weiche, geradezu zum streicheln einladende Lippen. Sie war groß, aber bei weitem nicht größer als er, nicht sonderlich üppig bestückt, aber Beine hatte diese Frau - ein Traum. Für eine Frau wie sie war das Kleid damals entworfen worden - das wusste er jetzt. Nur eine Frau mit solchen Beinen konnte dieses Kleid tragen.

~~~

Manuel sortierte gerade im Hinterzimmer die Abrechnungen des heutigen Tages. Sein Chef - ein netter Herr mittleren Alters, mit kurzen schwarzen Haaren, natürlich wie es sich für einen Félice gehörte mit blonden Strähnchen, war bereits mit seiner neuesten Eroberung abgerauscht.

Der Job hier war das beste, was Manuel je passiert war. Auch wenn er erst seit einer Woche hier arbeitete, fühlte er sich schon richtig wohl. Endlich konnte er ausleben, was immer in ihm geschlummert hatte. Félice hatte ihn am ersten Tag ein Kleid anprobieren lassen, nur um zu sehen wie es getragen aussah. Und ihm war es auch aufgefallen, dass Manuel sich in Kleidern sicherer bewegte als in einer Jeans. Und Félice war es gewesen, der damit einverstanden war, wenn Manuel zu Emanuele wurde, wenn er in hohen Schuhen und kurzen Röcken die Kundschaft faszinierte.

Er war jetzt 25 Jahre und seit gut zwei Jahren wusste er, dass er als Mann nie die Bestätigung bekommen würde, die er als Frau einfuhr. Wenn er durch die Strassen ging und alle Blicke auf ihm ruhten, gab es Manuel Sicherheit, er fühlte sich gut, begehrt. Emanuele war es, die Manuel beschützen konnte.

Nur ließ er keinen an sich heran. Ein einziges Mal hatte Manuel sich als Emanuele in einen Mann verliebt, und noch nie in seinem Leben war er so verletzt, so gedemütigt und so beschimpft worden. Seit dem hatte er sich von der Welt zurückgezogen. Erst durch Félice war es ihm gelungen, wieder auf andere Menschen - vor allem auf andere Männer - zuzugehen, zu bemerken, dass die Welt nicht nur schwarz oder weiß war, dass nicht alles nur Mann oder Frau war. Der ältere Mann hatte ihn die letzten Abende zusammen mit seinem neuesten Liebchen mit in ein paar nette Lokale genommen, und Manuel hatte Freude daran gefunden, endlich wieder auszugehen.

Jetzt hörte er die Türglocke und blickte neugierig durch die Tür vom Hinterzimmer, wer um fünf Minuten vor Ladenschluss denn noch etwas auf dem Herzen hätte.

Sein Blick fiel auf einen Mann: groß - sicher fast einsfünfundneunzig - blonde kurze, aufgestubbelte Haare, blitzende eiskalte Augen und ein arrogantes Grinsen. Der trainierte Körper steckte in einem teuren Anzug. Die Sonnenbrille in der Frisur rundete das Bild eines Yuppies perfekt ab. Genau sein Typ! Er atmete noch einmal tief durch, als er auf den Mann zutrat und ihn vorsichtig auf sich aufmerksam machte.

~~~

Lorenzo riss sich von dem atemberaubenden Anblick los und ordnete die Gedanken, ehe er zu sprechen anfing. „Ich suche Félice - Herrn Kleiber - es ist wichtig, geht sozusagen um Leben und Tod.“ Die blauen Augen blitzten ein wenig schalkhaft, als die junge Dame leicht errötend gestand, dass der Eigentümer bereits gegangen sei. „Oh nein. Das ist mein Ende.“ Er zeigte auf das Schaufenster und meinte dann, er brauche unbedingt dieses Kleid.

„Tut mir leid mein Herr, das Kleid ist nicht zu verkaufen. Es ist eine Leihgabe eines befreundeten Designers.“

Lorenzo kicherte leise. Dieses Wesen war zauberhaft, verrucht im Blick und schüchtern zurückhaltend im Auftreten - was für eine interessante Kombination. „Es war keine Leihgabe sondern ein Geschenk - ich weiß es zufällig, weil ich es dem guten Félice überlassen habe.“ Er reichte der jungen Frau die Hand. „Lorenzo Relano - angenehm.“ Er sah das Entsetzen in dem weichen Gesicht und genoss jede einzelne Regung. Wie die Muskulatur unter der sicher samtweichen Haut arbeitete, wie ein leichtes trockenes Schlucken die Kehle bewegte.

„Sie - Sie sind der Schöpfer dieses Meisterwerkes?“

Lorenzo spürte, wie seine Hand ergriffen und leicht, vorsichtig tastend geschüttelt wurde.

„Emanuele.“, stellte sich sein Gegenüber vor und fragte leise, warum das Kleid denn gebraucht würde. Lorenzo berichtete eilig vom Missgeschick seiner -jetzt- Ex-Freundin und betonte das Wort immer wieder, und dass die Flecken nicht zu entfernen wären. Die sanften Lippen bestätigten, dass man Brokat nicht einfach so reinigen könne, dass das den Stoff schädigen und vor allem zerstören würde.

„Tja, nur fehlt mir nicht nur ein Kleid, sondern auch ein Modell. Sie haben nicht zufällig Lust, dies zu übernehmen?“

Lorenzo lächelte die schüchterne Emanuele an, um ihr etwas die Angst zu nehmen.

„Wie meinen Sie das?“, wollte die auch gleich wissen, während sie zum Schaufenster ging und damit begann, das Kleid vom Ständer zu lösen. Lorenzo bewunderte die Geschwindigkeit, mit der Nadeln herausgezogen wurden, an ein Nadelkissen um Emanueles Handgelenk gesammelt wurden, das an ihr wirkte wie ein Diamantarmband. Ob es wohl etwas gab, das dieser Frau nicht stand? Lorenzo schüttelte ob dieser Gedanken den Kopf und erinnerte sich, dass er ja noch ein anderes Problem hatte. „Also - ich meine, würden sie das Kleid heute Abend für mich tragen? Eine Frau wie sie tanzte durch meinen Geist, als ich es schuf. Und heute weiß ich, dass diese Frau wirklich existiert.“ Er verlor sich in den dunklen Augen, als Emanuele sich schüchtern umwandte.

„Ich habe so etwas noch nie gemacht.“

„Und ich glaube, genau deswegen sind sie die Richtige dafür - unverdorben und anmutig. Die perfekte Frau in einem perfekten Kleid für einen perfekten Abend.“ Er genoss die Röte in dem femininen Gesicht und bemerkte erst jetzt, dass die junge Frau kaum geschminkt war und trotzdem makellos wirkte. /Oh, oh - ich glaube, ich habe mich gerade verliebt./, stellte Lorenzo mit einem Kopfschütteln fest.

„Weiß Herr Kleiber, dass Sie das Kleid holen?“

Lorenzo schlug sich gegen die Stirn. Sicher würde Félice in Tränenbächen ausbrechen und sich frustriert Pistazieneis einverleiben, wenn das Kleid weg wäre und er wüsste nicht, wohin. So griff er schnell nach dem Handy und wählte die Nummer, die in seinem Kopf gespeichert war wie keine zweite, so oft wie der gute Félice sich schon für ihn geopfert hatte, ihm seine Beziehungen gekittet hatte, ihm vor dem Absturz bewahrt hatte.

„Hey Süßer ....“

Das Quietschen und Lachen am anderen Ende kannte er genauso gut wie die Fältchen, die sich jetzt um die Augen legen würden, während er lächelte, während er seinen Lukl - und Félice war der einzige Mensch, der Lukas Lorenz noch bei seinem bürgerlichen Namen nennen durfte - überschwänglich begrüßte und versuchte, auch ihn in die Sauna zu lotsen. Doch Lorenzo wiegelte ab und entgegnete lachend, dass er immer noch nicht schwul war und erklärte schnell, dass ein Missgeschick passiert war, er sich das Kleid und die Verkäuferin ausborgen würde und beides in fünf Stunden wieder brav in den Laden bringen würde.

Und entgegen seiner üblichen Angewohnheit, jedes Telefonat in die Länge zu ziehen und über alles und jeden den neuesten Tratsch auszubreiten, würgte Félice das Gespräch fast ab und der Grund stöhnte leise im Hintergrund.

/Ja das ist Félice - nur er telefoniert während des Sex./

„Ich wäre dann soweit.“, flüsterte die rothaarige Frau, als sie mit einem großen Karton, den Lorenzo ihr natürlich gleich abnahm, aus dem Hinterzimmer trat. Sie hängte sich den kleinen Rucksack um und schloss den Laden ab. Das Gitter wurde heruntergelassen und als sie sich bückte, um das Schloss zu sichern, konnte es Lorenzo nicht lassen zu bewundern, wie sich der Stoff des Rockes um den perfekt geformten Hintern spannte.

Dann setzte sie sich neben den blonden Mann in den spritzigen Sportwagen und rauschte durch die sich senkende Nacht.


- Teil 2 -

„So Emanuele, da wären wir.“

Lorenzo hatte seinen Wagen wieder auf dem Privatparkplatz gestellt und hielt seinem neuen Modell nun die Tür auf.

„Sie lassen den Wagen hier einfach so offen stehen?“ Emanuele schaute sich unsicher um, doch der blonde, große Mann lächelte nur, als er das Kleid aus dem Wagen nahm und die unschlüssige Rothaarige Richtung Lift dirigierte.

„Den klaut schon keiner, keine Sorge.“ Er zwinkerte ihr zu und spürte das Flattern in seinem Magen, als sie seinen Blick erwiderte und errötete. /So unschuldig./

Schnell hatte sie der Lift in den achten Stock befördert, als Chris auch schon auf sie zugestürmt kam. „Lorenzo – Odette ist am Boden zerstört. Rede mit ihr.“ Doch der Designer wiegelte nur ab und grinste. „Lass mal gut sein, Chris, das kläre ich morgen. Heute zählt nur die Show – ihr habt geschuftet wie die Irren, das lasse ich weder mir, noch euch von ihrem hysterischen Geheule kaputt machen.“ Erst jetzt fiel Lorenzo auf, dass neben ihm immer noch der Rotschopf stand und etwas verloren wirkte. „Das ist übrigens Emanuele – sie wird das Kleid heute Abend tragen.“

Chris nickte, verstand die Sinneswandlung in seinem Boss aber gar nicht. Zum einen hatte er extra für Odette das Kleid fertigen lassen, zum anderen wollte er nun nicht einmal mehr mit ihr reden und eine andere – zugegebenermaßen verdammt attraktive – Frau sollte an ihrer Stelle über den Laufsteg wandeln.

„Kümmere dich bitte um sie.“, hörte er Lorenzo noch sagen, dann beugte sich der blonde Schopf mit den gegelten verstrubbelten Strähnen zu Emanuele und flüsterte: „Bei ihm bist du in guten Händen.“

Er spürte die Blicke in seinem Rücken, aber Lorenzo musste jetzt auf Abstand gehen, diese Frau – wow – irgendetwas hatte sie an sich, das ihm die Luft raubte, das ihm die Hitze in jede Nervenzelle sandte. Die Nähe eben hatte es auch nicht einfacher gemacht.

Ob sie einmal mit ihm ausgehen würde?

~~~

„Na dann.“ Der Dunkelhaarige lächelte Manuel, der sich in seiner Haut plötzlich gar nicht mehr wohl fühlte, aufmunternd an. Warum hatte er das getan? Warum hatte er zugesagt, auf einer Modenschau zu laufen? Nur weil der, der ihn gefragt hatte, so hinreißend blaue Augen hatte, weil er so bezaubernde Grübchen bekam, wenn er lächelte, weil er so beschützend groß war, weil er so betörend roch?

Sich gerade selbst zum Teufel jagend, weil er wohl jetzt auffliegen und im hohen Bogen rausfliegen würde, folgte er dem Sekretär, der sich als Christién vorgestellt hatte, und nun immer noch auf den Rotschopf einredete. Doch Manuel hörte ihm nicht zu. Er versuchte einfach nur, wie er es immer tat, den Schein zu wahren. Er versuchte sich den Weg zu merken; wenn es hart auf hart kommen würde, musste er laufen können. Über seine Grübeleien und Fluchtpläne hatte er übersehen, dass der Sekretär in einem Raum verschwunden war.

„Emanuele?“

Er blickte sich um und sah, wie der braune Schopf aus einer Tür lugte und warme grüne Augen ihn anlächelten. „Hier entlang.“

„Entschuldigung – ich was so unaufmerksam.“, versuchte Manuel sich zu entschuldigen.

Doch der Andere winkte nur ab. „Hier verläuft sich jeder das erste Mal. Ich hoffe nur, dass Lorenzo irgendwann mal vorhat, die Örtlichkeiten zu wechseln.“

Manuel war schon wieder in seine Gedanken vertieft, welcher der hier Anwesenden ihn entlarven würde – die waren alle vom Fach. Die Stylistin, die Kosmetikerin, der Dresser. Seufzend betrat er den Raum und schluckte, als alle Blicke auf ihm ruhten. Ein anerkennender Pfiff hinter ihm ließ ihn herumfahren. Da stand ein Mann mit einer ausgefallenen Brille – überdimensionaler Rahmen in Pink, mit ausladenden Flügeln an den Seiten. Er hatte die Arme in die Hüften gestemmt und musterte ihn von unten bis oben. Dies gab auch Manuel die Zeit, sich den drolligen Kauz genauer zu betrachten. Manuel war schon nicht groß für einen Mann – einsfünfundsiebzig – aber der da schien noch etwas kleiner zu sein als er. Dafür war der Anzug ein Hingucker. Er glitzerte und flimmerte und eines war sicher: Solche Klamotten kannte er nur aus Félices privater Sammlung für den CSD!

„Schätzchen, wenn ich nicht schwul wäre, ich würd’ dich vernaschen.“ Er imitierte das Knurren eines Tigers und klang doch eher wie ein alter Motor, als er sich auch schon verschluckte und zu lachen begann.

„Carlo – das ist Emanuele. Lorenzo will, dass sie das Brautkleid trägt.“

Carlo blinzelte, schob die Brille in die schwarzen blondgesträhnten Haare, die sicher gefärbt waren, um das aufkommende Grau zu überspielen, und kam auf Manuel zu, eine Hand immer noch in der Seite, die andere angewinkelt, unablässig wackelte der Zeigefinger hin und her.

„Und Miss Leck-mir-die-Schuhe?“ Seine dunklen Augen funkelten den Sekretär an, und langsam fühlte sich Manuel wohl, das war fast wie bei Félice, wenn einer seiner Freunde vorbeischaute und auf ein Schwätzchen blieb. Er lächelte sanft, als er von Chris mit einem Blick gestreift wurde und er ihn sagen hörte: „Tratsch vor den Gästen – Carlo, ich bin entsetzt.“ Dann lachte er und dirigierte Manuel dichter an den Goldfisch mit Brille heran. Nun konnte Manuel erkennen, dass der Mann wohl entschieden älter war, als er wirkte, die Fältchen in den Augenwinkeln wurden überschminkt, aber das geschulte Auge erkannte sie doch.

„Also das ist Carlo – er kümmert sich um das Gesamtbild – er dirigiert Petra ...“, der Braunhaarige zeigte auf die Frau zwischen den Kämmen und Bürsten, „... Bea ...“, seine Hand wies auf die große Blonde zwischen den ganzen Schminktöpfen, „ ... und Kevin.“, ein junger Mann Ende zwanzig, der ihm aufmunternd zulächelte. „Diese drei gehorchen nur seinem Wort.“ Chris lächelte Manuel an, der verstehend nickte. „Wenn du etwas brauchst, etwas suchst, dir etwas nicht gefällt – Carlo sagen und der macht schon.“

„Ja ja“ Der Goldfisch huschte auf den Rotschopf zu und umrundete die zierliche Gestalt noch einmal wie ein aufgeschrecktes Huhn. „Nicht verzagen – Carlo fragen, pflege ich immer zu sagen.“ Er wedelte mit den Händen in der Luft. „Husch, husch Mädel – die Zeit rennt und wird nicht langsamer.“

Wie jedes Mal erntete er nur ein Kichern seiner Angestellten.

„So – Emanuele, richtig?“

Manuel nickte.

„Dann wollen mir mal.“ Ein Zeigefinger stupste immer wieder gegen Carlos rotgeschminkte Lippen. „Chris, du vergessliche Schwuppe.“, trällerte er in den Gang. „Wo ist das Kleid?“

Der Braunhaarige, der gerade im Gehen war, steckte noch einmal den Kopf durch die Tür. „Setz die Brille auf Spatz, der Karton liegt zu deinen Füßen.“

„Ah – ich sehe, ich sehe. Sehr schön.“ Er machte eine wedelnde Handbewegung. „Kannst jetzt deinen süßen Hintern hier rausschwingen und Lorenzo sagen, dass wir das schon hinkriegen.“ Dann wandte er sich wieder zu der schüchternen Gestalt um. „Als erstes gehst du dort hinter den Vorhang, legst deine Kleider ab und ziehst das Kleid hier an. Kevin wird es zurechtzupfen.“

Manuel wollte schon den Karton greifen und gehen, als ihm etwas einfiel. „Ich hab große Füße – welche Schuhe soll ich dazu tragen?“

Carlo musterte die endlos langen Beine, die auch Kevin immer wieder mit den Augen hinauf und hinab glitt. Er bewunderte die feingearbeiteten schlichten Pumps und bemerkte mit einem Kichern, dass sie ihm ja etwas zu schlicht wären. „Zieh mal einen aus – welche Größe hast du?“

Manuel tat wie geheißen, stellte sich auf einen seiner 12cm Absätze und schlüpfte aus dem anderen Schuh. „Zweiundvierzig.“

Carlo strahlte. „Oh dann ist das ja gar kein Problem – ich auch.“ Und schon hatte er Manuel an der Hand gegriffen und schleifte den verdutzten Rotschopf, der nun mit einem Schuh und einem baren Fuß durch den Flur humpelte, quietschend hinter sich her. Vor einer weiteren Tür blieben sie stehen. „Such dir was Weißes aus.“, trällerte Carlo, als er auf ein Regal voller Schuhe wies. „Alles meine.“, verkündete er stolz. Manuel musste lachen – ja, der Kerl war echt wie Félice und das war sicher auch der Grund, warum er sich bei Carlo so wohl fühlte. Schnell hatte man sich für weiße, schlanke Hackenschuhe entschieden und wanderte nun zurück.

Da kam Kevin schon hinter dem Vorhang hervor. „Unterwäsche und Strümpfe habe ich dir hingelegt.“

Nickend verschwand Manuel hinter dem Vorhang.

/Wenn ich Glück habe, merkt es doch keiner./ Schnell war er in Wäsche, Strümpfe und Kleid gesprungen, richtete gerade das zum Glück sehr hoch geschnittene Dekolleté, als eine leise Stimme fragte, ob er mit den Schnüren helfen sollte.

Manuel bejahte, und so zog Kevin den Vorhang bei Seite und bewunderte den Rücken, der noch blank vor ihm lag. Selbst der Verschluss des BHs konnte den Anblick nicht trüben. „Eigentlich fast zu schade, um es in Taft zu packen.“, seufzte er, als er begann, die Schnüre der Coursage festzuziehen.

Manuel hatte anfangs Probleme, Luft zu bekommen, aber er trug so etwas nicht zum ersten Mal, und so hatte er schon seine kleinen Tricks, wie man auch im engsten Mieder noch Luft bekam.

„So fertig, Prinzessin.“

„Ach Mädchen, komm schon raus, wir wollen dich bewundern.“ Carlo konnte es gar nicht mehr auf seinem Sitz halten, viel zu neugierig war er. Und so wanderte er durch den Raum und ... „Holla.“

Manuel trat aus der Kabine und lächelte schüchtern. Er hatte die weißen Handschuhe über die Arme gestülpt, seine blasse Haut verschmolz mit der weißen Spitze. Seine schlanken Finger gruben sich nervös in den kurzen Vorderrock. Das Kleid war so gearbeitet, dass es vorn kurz wie ein Minirock war, dann an den Seiten länger und breiter ausgestellt wurde und in den Seiten in einen Rokokoschnitt überging. Hinten lag es gerade auf dem Boden auf. Er hatte wirklich die perfekte Größe, um dieses Kleid zu tragen.

Die langen schlanken, aber muskulösen Beine steckten in weißen Netzstrümpfen, die durch schlichte Bänder an den Oberschenkeln gehalten wurden, gerade so weit oben, dass die Bänder vom Rock verdeckt wurden. Die weißen hochhackigen Sandaletten mit den schmalen Riemchen rundeten das Bild ab.

„Perfekt.“ Carlo klatschte in die Hände und kam mit kleinen Tippelschritten auf Manuel zu, zupfte hier, raffte dort. „Perfekt.“ Er wandte sich zu seinen Mitarbeitern um. „Na, ist das ein Anblick?“

„Odette hat in ihrem Maßkleid nicht halb so gut ausgesehen.“

„Wow.“, kam es nun anerkennend von der Tür, als Lorenzo in den Raum trat. „Genau so sollte das Kleid einmal getragen werden.“, flüsterte er, als sein Blick über die Beine glitt, die Taille streifte, den Hals entlang kroch und auf den schattierten Wangen liegen blieb.

„Danke – aber ich trage es ja nur. Das Lob gebührt dem Schöpfer.“

„Der nur die Hälfte wert ist ohne so eine Schönheit.“ Carlo brach den Zauber des Moments und huschte mit den Händen wedelnd um Manuel herum.

„Ich würde sie nur abpudern, jede weitere Farbe in diesem Gesicht wäre Frevel.“ Bea stand zwischen ihren Puderdosen und nickte nachdrücklich, auch Petra und Lorenzo stimmten zu.

„Ach – ein Gesicht braucht Farbe.“ Carlo war von der Idee, nicht zu schminken, nicht wirklich begeistert. Aber auch Lorenzo beharrte darauf, dass die Natürlichkeit in Emanueles Gesicht erhalten bleiben sollte.

„Ich musste sie nicht mal einnähen, weil alles wie maßgenommen passt.“ Kevin setzte sich in einen Sessel, der in einer Ecke stand, und beobachtete den Rotschopf, der sicheren Fußes auf den extrem hohen Schuhen zu Petra wanderte, die bereits Kamm und Spray in die Hand genommen hatte.

„Wenn ich da an Odette zurückdenke. Ach ja Chef – wo ist die Holde?“ Kevin blinzelte Lorenzo an, der noch immer im Anblick der Frau in Weiß gefangen zu sein schien.

Der schüttelte den Kopf und sammelte sich. „Ich hab sie rausgefeuert.“

Carlo quietschte entsetzt auf. „Spätzchen – du hast sie rausgefeuert? Was heißt das?“ Nervös tippelte er auf den blonden jungen Mann zu.

„Sie hat das Kleid versaut, ich musste die Kopie von Félice holen und habe gleich seine Verkäuferin ausgeborgt – ich fand, sie und das Kleid harmonieren einfach. Oder nicht?“ Er lächelte Carlo aufmunternd zu, der zu hyperventilieren schien. „Ganz ruhig, sie wird dich nie wieder mit ihren Eskapaden nerven.“ Und langsam fiel auch bei Carlo der Euro – wenn auch nur centweise. „Du hast dich getrennt? Oh Schätzchen, wie furchtbar.“

„Ach quatsch – es war schon lange fällig.“ Sein Blick wanderte wieder zu Emanuele, die ihn im Spiegel zu beobachten schien. Denn als er ihrem Spiegelbild in die Augen blickte, schattierten sich die hohen Wangen wieder. /Gott ist die süß./ „Ich muss noch was erledigen.“ Und dann war er verschwunden.

Und Carlo wanderte langsam und nachdenklich auf den Rotschopf zu. „Kann es sein, dass du der Grund bist, warum es ihn nicht kümmert, dass Odette weg ist?“ Er zwinkerte Emanuele über den Rand der riesigen Brille zu und kicherte, als diese noch mehr Farbe bekam.

„Nein, ich soll nur das Kleid tragen.“, versuchte Manuel abzuwiegeln.

„Ach papperlapapp.“ Carlo wedelte wieder mit den Fingern in der Luft, jetzt war er in seinem Element: Anderer Leute Beziehungen – oder auch Nicht-Beziehungen! „Es hat ihn nicht ein einziges Mal interessiert, wie wir Odette zurecht gemacht haben für eine Vorführung, für dich bemüht er sich hierher.“, gab er zu bedenken und zwinkerte seinem Gegenüber frech zu. „Des weiteren habt ihr euch angestarrt.“ Er lachte und warf sich theatralisch in eine Divapose, als Manuel ausatmete und sich verschluckte. „Erwischt meine Liebe, erwischt.“ Mit einem knubbeligen Finger, an dem ein goldener Ring mit violettem Stein funkelte, stupste er auf die rotumränderte Nase. „Aber lass dir eines gesagt sein, er ist schwierig und launisch. Viel Glück. So Petra – mach unsere Schönheit noch schöner, ja?“

~~~

Manuel fühlte das Lampenfieber, als er nur noch ein Modell vor sich hatte. Noch fünf Minuten und er würde über den Laufsteg schreiten müssen. Und er betete, dass er sich nicht blamieren, dass ihn keiner erkennen, keiner enttarnen würde. Er spürte die Blicke Lorenzos, der unweit neben einer Säule lehnte und ihm zulächelte, auf sich. In seinem weißen Anzug sah er noch besser aus als in Anthrazit. Der blonde Designer wirkte in der weiten Halle so verloren und einsam, das Lächeln so jungenhaft. /Wie seine Lippen wohl schmecken?/ Manuel riss die Augen auf. /Lass die Pfoten von einem Hetero. Du tust ihm – dem Freund deines Chefs – einen Gefallen und nicht mehr./

Manuel wandte den Blick ab und atmete noch einmal tief durch. Er hörte die Stimme des Sprechers, der nun mit Freude den Höhepunkt der Vorführung ankündigte – den Bräutigam und seine Braut.

Manuel spürte, wie seine Hand gegriffen und der Vorhang wieder zur Seite gezogen wurde. Durch die Spotlights konnte er selbst kaum etwas sehen, so klammerte er sich ängstlich an die Hand in seiner, groß, fest, sicherheitsversprechend – wie etwas, nach dem er sich schon lange gesehnt hatte.

„Keine Angst, sie werden dich lieben.“, hörte er Lorenzos leise Stimme und stockte.

ER ging neben ihm als sein Bräutigam?

ER hielt hier gerade seine Hand?

ER versprach ihm diese Sicherheit?

Alles begann sich zu drehen, als er mechanisch einen Fuß vor den anderen setzte und mit gekonnten Schritten üben das Parkett schwebte, er hörte das Tuscheln, das Murmeln, die anerkennenden Rufe und spürte die Blitzlichter, die ihn umgaben wie ein Sternenregen.

Am Ende des Steges blieben sie stehen, Lorenzo drehte seine Braut gekonnt in seinen Armen und wanderte dann mit ihr zurück. Er verbeugte sich und bedankte sich beim Publikum, doch ließ er die behandschuhte Hand in der seinen nicht los – nicht, dass Emanuele einfach so verschwinden konnte.

Manuel war gar nicht wohl. Die Luft wurde eng, alles drehte sich und mit einem leisen Fiepen sank er zusammen. Lorenzo fing die zusammensinkende Gestalt geistesgegenwärtig auf und hob sie auf die Arme, als er sich von seinem Publikum verabschiedete. Professionell übernahm Chris die Führung des Abends und erklärte, dass Lorenzo sich erst einmal um das Modell kümmern müsse.

~~~

„Was machst du nur für Sachen?“

Als Manuel die Augen aufschlug, kniete Lorenzo, immer noch im weißen Anzug, neben ihm, das Mieder war gelockert und Manuel erschrak. Hatte der Andere etwas gemerkt? Würde er ihn jetzt ...

„Mädchen, sag doch, wenn das Kleid zu eng ist.“

Erleichtert atmete Manuel durch, er war also noch nicht enttarnt. Sein Blick wanderte durch den Raum, das wohl ein Arbeitszimmer zu sein schien. Der Couch, auf der er lag, gegenüber stand ein großer moderner Schreibtisch – Glasplatte und Edelstahl. In den deckenhohen Regalen wurden Ordner gestapelt, an den Wänden hingen Skizzen und Entwürfe. Die Wände waren mit champagnerfarbenen Stoffen bespannt – passend zu den schweren bodenlangen Vorhängen. Als Manuel den Kopf noch weiter umwandte, blickte er in Lorenzos besorgtes Gesicht. Schnell antwortete er: „Nein, ist schon okay, mir war bloß alles etwas viel. Geht schon wieder.“ Langsam setzte er sich auf, noch immer drehte sich alles.

„Ich muss langsam echt nach Hause, ich sollte vorher noch in den Laden, das Kleid aufhängen.“ Manuel erhob sich und versuchte, nicht Lorenzos strahlende Augen zu bewundern. Schüttelnd versuchte er den Kopf freizugekommen. „Ich würde mich gern umziehen gehen, aber ich weiß nicht mehr, wo das Zimmer ist.“, gestand er und wurde wieder rot. Langsam wurde es aber auch zu peinlich. Warum errötete er nur so leicht, wenn dieser Mann seine Blicke streifte, wenn er ihn leicht berührte? Er musste jetzt viel Abstand zwischen sich und diesen Kerl bringen! Und da half es gar nicht, dass der andere ihn aus dem Raum geleitete, ihn am Arm führte und Manuels Herz hämmern hören musste. Sein Herzschlag war bereits in ein Stakkato übergegangen, er konnte sich nicht mehr konzentrieren.

Schnell huschte der Rotschopf durch die Tür, als er die Gardarobe erkannte. „Ich zieh mich schnell um, können sie den Karton suchen?“ Und schon war er hinter dem Vorhang. Manuel lehnte mit dem Rücken an der Wand und atmete tief durch. /Ich muss ihn aus meinem Kopf kriegen – das geht so nicht. Manuel – er ist Hetero!/

„Emanuele – ich fahre dich natürlich noch in den Laden. Ist das okay?“ Dann kicherte Lorenzo etwas unsicher. „Auch wenn ich nicht weiß, warum das Kleid heute noch dort aufgehängt werden muss.“

Manuel hingegen hatte sich bereits wieder in seine eigenen Kleider geschwungen und zog gerade die Bluse zurecht. „Das Schaufenster sieht leer aus. Und wenn ich es erst mache, wenn ich zur nächsten Schicht komme, steht den ganzen Sonntag die leere Puppe im Fenster und die Passanten wären sicher enttäuscht, das schöne Stück nicht mehr zu sehen ...“

Lorenzo schluckte. Daran hätte er nicht gedacht, wie das leere Fenster auf Passanten wirken würde. Man spürte, dass die junge Frau ihren Job liebte /Und mein Kleid/. Kein Wunder, dass Félice sich für sie als Angestellte entschieden hatte, jung – hübsch – und mit dem Herzen dabei. /Ob sie in ihrem Herzen noch ein Plätzchen für mich hat?/

Doch da stand der Rotschopf schon vor ihm und legte das Kleid liebevoll in die Schachtel zurück. „Wir können.“, hauchte Manuel leise und griff sich seinen Rucksack.

„Okay.“

~~~

Langsam lenkte Lorenzo den Wagen in die enge Gasse. Noch immer versuchte er, eine unverfängliche Situation zu schaffen, in der er sie fragen konnte, ob sie sich nicht noch einmal sehen könnten. „Ist Félice morgen da?“

Er schaltete den Motor ab und blickte erstaunt zu Emanuele, die kichernd neben ihm saß.

„Herr Relano – morgen ist Sonntag.“

„Oh.“ Er fühlte sich ertappt und wuschelte sich einmal mit der Hand durch die Haare. „Fast vergessen.“, räumte er halblaut ein. „Soll ich dir noch mit dem Kleid helfen?“

„Nein danke, es ist lieb, dass sie mich gefahren haben. Mehr kann ich ihnen wirklich nicht zumuten.“ Manuel schwang die Beine aus dem Wagen, Lorenzo tat es ihm gleich, griff hinter sich und reichte dem Rotschopf den Karton.

„Nun gut, ich hoffe, wir begegnen uns wieder, Emanuele.“ Lorenzo griff sich schnell eine Hand seines verdutzten Gegenübers und hauchte einen Kuss darauf. Dann sprang er übereilt in seinen Wagen, würgte den Motor ab, eh er endlich starten und überhastet davonbrausen konnte.

/Er hat mich geküsst./ Manuel besah sich sein Hand, ihm war es, als durchzöge ein Kribbeln seinen Körper, zog sich von den Zehen über den Bauch ins Genick und stellte die kurzen Nackenhaare auf.

/Und er ist Hetero./ Doch auch dieser Gedanke bremste das Kribbeln nicht – im Gegenteil, es machte den Kuss noch aufregender, auch wenn es nur seine Hand gewesen war, die die weichen Lippen hatte spüren dürfen.

Mit geschickten Handgriffen machte Manuel sich daran, das Kleid auf der Puppe in Form zu bringen, er wollte nach Hause und von Lorenzo träumen, sich wieder einmal in Luftschlösser flüchten, die früher oder später doch bersten, nur um ihn dann vor den Trümmern seiner nicht gelebten Träume zusammensinken zu lassen.


- Teil 3 -

Manuel lag lange wach. Ihm gingen die blauen kalten und doch so jungenhaft blickenden Augen nicht aus den Kopf. Er wollte sich nicht verlieben – schon gar nicht in einen Hetero. Aber was nutzten die ganzen guten Vorsätze, wenn dann ohne Vorwarnung so ein Bild von Mann in das eigene Leben platzte und alles einnahm, für andere Gedanken, die sein Herz vor Schmerzen hätten bewahren können, keinen Platz mehr ließ?

Wie hatte das nur passieren können?

Wie?

Manuel wälzte sich auf die andere Seite. Ein Blick auf die Uhr machte es auch nicht leichter, Schlaf zu finden – sie zeigte mittlerweile halb sieben, und die Sonne lugte bereits in das Fenster, wünschte einen guten Morgen und streichelte über das weiche Gesicht.

/Manuel – was soll ein Kerl wie er mit einer verkappten Transe?/

Und dieser Gedanke machte es auch nicht einfacher. Natürlich hätte er Lorenzos Angebot, sich noch einmal zu sehen, bejaht, ihn eingeladen auf einen Kaffee – doch immer schwang die Angst mit, dass er auffliegen würde, dass er wieder wie damals geschlagen und beschimpft werden würde. Nein, nie wieder wollte er diese Erfahrung machen – nie wieder! Und wenn das hieß, dass er sein Leben allein fristen musste, gut! Aber nie wieder so leiden!

Und endlich hatte das Sandmännchen Mitleid – er schlief ein.

~~~

„Hey Lorenzo – was machst du denn zum Sonntag hier?“ Chris fegte schon seit einer Stunde durch die Gänge und sortierte die Kleider wieder ein, gab Anweisungen, den Saal wieder herzurichten. Doch nun sah er seinen Boss, der auf dem Schreibtisch im lichtdurchfluteten Atelier saß und aus dem Fenster über die Altstadt blickte.

„Lo-ren-zo!“

Doch der blonde Mann reagierte nicht. So griff Christién beherzt zu und schüttelte den Anderen an einer Schulter.

Erschrocken fuhr der Designer herum und blickte in die grünen Augen, die ihn wissend angrinsten. „W-was ist los?“

„Sollte ich das nicht dich fragen? Was machst du hier?“

„Aus dem Fenster gucken.“, kam es knapp zurück.

„Ja klar – und macht sich aus dem achten Stock eines alten Theaters sicher viel besser als aus deinem Penthouse in der zweiunddreißigsten Etage des Hilton?“

„Hast mich erwischt.“ Lorenzo glitt von dem massiven Tisch und durchmaß das Zimmer mit Schritten.

„Ach, da fällt mir was ein.“ Chris kramte in einer Mappe, die er unter dem Arm trug und reichte Lorenzo ein paar Fotos. Der warf nur einen Blick darauf und starrte dann wieder auf den blauen Himmel, dachte darüber nach, jetzt zu gehen, sich in das kleine Straßencafé unweit der Donau zu setzen, wo er so gern über die Wasser blickte. Doch das Grinsen, das der sonst eher ernste Christién an den Tag legte, machte ihm klar, dass hier etwas am kochen war. Er folgte seinem Sekretär zum niedrigen Tisch, der zwischen der kleinen Sitzgruppe stand mit dem, für eine Übernachtung so denkbar ungeeigneten weil nackenschmerzenverursachenden, Sofa und den beiden Sesseln.

Er warf einen Blick auf die Bilder – schön, die Modelle von gestern. In ihren Kleidern und ihrem falschen professionellen Lächeln. Nichts neues.

„Fällt dir an den Bildern was auf?“, wollte Christién wissen, als er den Rest der Fotos hinter dem Rücken versteckte.

Lorenzo sah noch einmal hin, nichts, was er nicht schon hundertmal gesehen hatte. „Nein – sollte es?“

„Okay, dann weiter.“ Chris legte eine neue Reihe Fotos hin – die gleichen Modells – andere Kleider, das gleiche Lächeln. Wieder schüttelte Lorenzo nur den Kopf.

Als sein Sekretär die dritte Reihe Fotos legte, begann der junge Designer zu strahlen – Emanuele – eine ganze Serie nur mit ihren Bildern. „Wer hat die geschossen?“

„Unwichtig – wichtig ist die Wirkung. Die Anderen tragen ihre Kleider und legen sie wieder ab, schlüpfen in ein neues und tragen es wieder.“ Dann deutete sein Finger auf ein Foto, auf dem Emanuele allein zu sehen war – ohne ihren *Bräutigam*. „Aber sie lebt dieses Kleid – das schüchterne Lächeln einer Braut vor ihrem wichtigsten Schritt. Lorenzo – diese Frau ist ein Naturtalent. Ich will sie unter Vertrag, ehe sie sich ein Anderer holt. Nach dieser Show bin ich mir sicher, dass das passieren wird.“ Chris blickte erwartungsvoll auf und durfte mit einem Lächeln feststellen, dass Lorenzo gar nicht wirklich zugehört hatte; er saß mit einem fetten Grinsen bis zu den Ohren auf einem Sessel und strich mit den Fingern der rechten Hand über eine Portraitaufnahme seiner *Braut*. „Da hat´s wohl einen erwischt ...“

„Hä?“ Lorenzo blickte auf und war sichtlich geschockt, dass diese Entgleisung seines sonst so beherrschten Selbst seinem Sekretär nicht entgangen zu sein schien.

„Die Kleine hat es dir angetan – wie Carlo gestern schon vermutet hat.“

„Nur, dass sie von mir so gar nichts wissen zu wollen scheint. Ich bin voll abgeblitzt.“

„Und das lässt du einfach so auf dir sitzen?“ Chris grinste über das ganze Gesicht und die grünen Augen zwinkerten seinem Boss, den er mittlerweile auch als Freund bezeichnete, frech zu. „Der feminine Part in mir sagt: Zeig ihr, dass du nur sie willst.“

Lorenzo lachte hell auf. „Sag deinem femininen Part, dass ich mir das auch schon überlegt habe. Ich fahre Montag in das Geschäft und biete ihr einen Modellvertrag an.“

„Hey!“ Chris lachte. „Du hast mir ja trotz Löcher-in-Bilder-starren zugehört. Na ja – wenn es um sie geht ...“ Er lachte weiter vor sich hin, bis ihm etwas einfiel. „Was ist eigentlich mit Odette?“

Der blonde Mann zuckte die Schultern. „Was soll mit ihr sein – ich bin sie los und nicht traurig drüber.“

Und im nächsten Augenblick wurde die Tür aufgerissen.

„Was bildest du dir eigentlich ein.“, keifte eine hysterische Frauenstimme. „Verschwinde, Sekretär, ich habe mit Lorenzo zu reden.“ Odette kam wie eine Furie in das Atelier gerannt und hielt direkt auf den jungen Designer zu, der die Fotos raffte und Chris reichte, ehe er sich erhob und die Blondine anfunkelte.

„Erstens wollte ich dich hier nicht mehr sehen, genau wie der Rest der Crew – zweitens hast du weder meine Angestellten, noch meine Mitarbeiter und schon gar nicht meine Freunde aus dem Zimmer zu werfen ... halt den Mund, wenn ich rede .... drittens kann es dir so was von egal sein, was ich mir einbilde oder auch nicht und viertens meine Liebe, mäßige dich in deinem Ton, ehe du mit mir sprichst. Sonst bist du schneller hier draußen, als dir lieb ist. So, was wolltest du sagen?“

Odette schluckte, mit so einer Standpauke hatte sie nicht gerechnet. Erschöpft und verzweifelt, wie sie es schon immer beherrschte sich zu geben, sank sie auf einen Sessel und schlug die Hände vor das Gesicht. „Lorenzo – ich wollte doch nur ...“ Sie machte eine Pause und blickte auf. Doch der Designer stand bei seinem Sekretär und gab ihm Anweisung, die Bilder in seinem Arbeitszimmer auf den Tisch zu legen, er werde sie hinterher auswerten.

„Du hörst mir nicht einmal zu.“, beschwerte sich die blonde Frau auch gleich, als sie gewahr wurde, dass ihr Freund ihr keine Aufmerksamkeit schenkte.

„Odette, komm zur Sache, ich habe viel zu tun und viel vorzubereiten.“

„Wie zum Beispiel die kleine rote Tanzmaus, die mein Kleid getragen hat.“, bemerkte Odette giftig.

Langsam und überrascht wandte sich Lorenzo um, fasste sich aber schnell und fragte: „Tanzmaus in deinem Kleid?“ Er blickte Odette in die blauen Augen unter viel zu dünn gezupften Augenbrauen. „Falls du damit Emanuele meinst, die so freundlich war, sich zur Verfügung zu stellen, die Kopie zu tragen, weil DU das Original versaut hast, meine Liebe, dann liegst du wohl richtig.“ Lorenzo ließ das blasse Gesicht nicht aus den Augen. „Ich bin dieser jungen Dame sehr dankbar, dass sie ihren Abend geopfert hat, um zu retten, was du versaut hast. Ohne sie wäre alles verloren gewesen.“

„Und es lag freilich gar nicht daran, dass sie schön ist und du sie besteigen willst?“, In Odettes Stimme schwangen Zorn und Verzweiflung, auch wenn sie sehr versuchte, sich zu beherrschen.

Lorenzo schluckte, was bitte musste er sich denn hier bieten lassen?

„Hör mal gut zu Odette, nicht jeder ist nur spitz auf eine Orgasmus, es gibt Leute, die anderen noch aus Nächstenliebe helfen, so wie sie. Es war rein beruflich, auch wenn dich das absolut nichts angeht.“

„Gut, wenn du keine Neue hast ...“ Odette erhob sich und ging auf Lorenzo zu, der einen Schritt zurückwich. „... dann lass es uns noch einmal versuchen.“

Doch der schüttelte nur den Kopf. „Es ist besser so, glaube mir. Wir haben doch nie wirklich zusammengepasst.“

„Wie bitte?“, schrie die Blonde hysterisch. „Nicht zusammengepasst? Wir haben wunderbar harmoniert.“

„Haben wir das?“ Lorenzo wandte sich um. „So wie in unseren Geschmäckern, wenn ich Musicals sehen wollte und du mich auf Rockkonzerte geschleift hast, wenn ich einen sonnigen Tag im Park verbringen wollte und du mich in die Einkaufsmeilen gejagt hast, wenn ich abends in ein Straßencafé wollte und du mich in eine Disco gezerrt hast, wie im Bett, wenn ich streicheln wollte und du nur Befriedigung?“ Er machte eine Pause und blickte in die entsetzt aufgerissenen Augen. „Tja, ich bin vielleicht einer der wenigen Männer, aber ich liebe das Vorspiel, ich liebe es zu streicheln und gestreichelt zu werden, für mich ist Rammeln-wie-ein-Kaninchen-und-dann-halb-tot-ins-Laken-fallen eben nicht Sex, sondern billiger Geschlechtsverkehr, den ich mir auch selber machen kann.“

Mit weitgreifenden Schritten durchmaß Lorenzo wieder das Zimmer, musste Abstand zwischen sich und diese Frau bringen, von der er erst heute wirklich wusste, dass sie falsch war, nicht das, was er suchte, nicht das was er wollte. „Odette, sieh es ein – wir passen nicht zusammen.“

Er hörte sie leise schluchzen. „Warum – warum hast du nie ein Wort gesagt?“

„Weil du mir nie zugehört hast, du hörst dich gern selbst reden, nimmst andere nur am Rande wahr. Such dir einen, der deiner würdig ist, aber lass mich da raus.“

Sein Weg durch das weite helle Atelier führte ihn wieder zum Fenster, wo er verträumt auf die Altstadt blickte, wo irgendwo zwischen den kleinen geduckten Häuschen Félices Brautsalon lag, wo irgendwo dort Emanuele wohnen musste und er sich gerade fragte, ob er sie nur einmal – nur ein einziges Mal – würde küssen dürfen.

„Ich verstehe.“, hörte er Odette hinter sich und staunte über die Einsicht. „Dann geh ich wohl jetzt besser.“

„Ja das wäre besser.“, bestätigte auch Lorenzo, noch immer der Scheibe zugewandt.

„Wenn du mich mal anrufen willst ....“

„Ich glaube nicht Odette. Auf Wiedersehen.“ Er hörte die Tür sich öffnen, spürte den Windhauch, der vom Flur zu ihm wehte und den Lärm aus Stimmen und gerückten Stühlen zu ihm trug, der aus dem Saal nach oben drang, dann wurde die Tür wieder geschlossen, die Stimmen schwollen ab und Lorenzo war allein.

„Es ist besser so.“, versuchte er sich einzureden. „Und das ist sicher nur besser, weil ihr euch beide gequält habt, ohne es zu merken und nicht, weil du frei für Emanuele sein willst, Lügner.“ Lorenzo schlug verzweifelt mit der flachen Hand gegen die Scheibe. „Verdammt, sie war nur aushilfsweise hier und hat kein Interesse.“, redete er sich ein. „Und du willst ihr einen Vertrag anbieten.“, erinnerte er sich wieder.

Ob das so eine gute Idee war?

Aber es war ein Vorwand, sie noch einmal zu treffen.

/Ist es nicht traurig, dass ich einen Vorwand brauche, nur um einen guten Freund in seinem Laden zu besuchen, in dem zufällig die hübscheste Frau der Stadt arbeitet? Du bist heute echt erbärmlich, mein Guter./

Die Tür ging wieder auf, und Lorenzo vernahm die Stimme seines Sekretärs. „Mann, ist die abgerauscht. Was hast du gesagt?“

„Ich glaube, den größten Schock habe ich ihr verpasst, als ich ihr ins Gesicht sagte, dass der Sex scheiße war.“ Lorenzo drehte sich grinsend um.

„Lorenzo, fahr an die Donau. Pack dich in die Sonne. Hier können wir dich so nicht gebrauchen. Ich kümmere mich um die Flüge nach Mailand übermorgen, nimm die Fotos mit, denn das hast du ja sicher eh vor und krieg den Kopf frei.“

Lorenzo nickte. „Hast wohl recht. Ruf an, wenn was ist, das Handy ist eh immer an.“

„Kommst du Montag her oder fährst du gleich in den Laden?“

„Laden?“

„Lorenzo!“ Chris verdrehte die Augen. „Der Modellvertrag – schon vergessen?“

„Oh.“

„Ja, oh!“, lachte Chris. „Ich mach ihn fertig, maile dir alles rüber, druck ihn aus und nimm ihn mit – du bist ja völlig neben dem Gleis.“ Er klopfte dem Designer auf den Rücken und schob ihn sanft, aber bestimmt, aus der Tür. „Und jetzt verschwinde, eh dir noch was auf den Kopf fällt und du es noch nicht mal merkst.“

~~~

Wie hatte Lorenzo diesen Morgen gefürchtet und gleichzeitig ersehnt.

/Wenn ich schon vor Öffnung auftauche, könnte es so aussehen, als hätte ich gewartet – verdammt, ich habe ja auch gewartet./

Er saß im Wagen und blickte immer wieder auf die Armbanduhr. Er kannte Félice – er wusste ganz genau, dass der Gute nie vor acht aus dem Bett stieg, wenn es sich vermeiden ließ, und so war er nie vor halb zehn im Laden. Mittlerweile war es kurz nach halb zehn. Er drehte die nächste Runde um das Viertel und variierte die Route, damit ihn nicht doch noch einer für bescheuert halten würde, der ihn seit zwei Stunden durch die Gegend kurven sah.

Er hatte gestern Chris´ Rat befolgt und war an die Donau gefahren, hatte versucht den Kopf freizubekommen. Doch schlussendlich saß er zu Hause, bei einer Flasche bulgarischem Merlot und hatte nichts anderes getan, als das Portraitfoto von dem Rotschopf zu betrachten, jede Einzelheit in sich aufzusaugen. Das war doch schon nicht mehr normal – das war besessen!

Okay, noch mehr Sprit wollte er nicht verfahren. So parkte er wie am Samstag in der Seitengasse, würdigte das Kleid im Schaufenster keines Blickes und betrat den Laden.

Ein spitzer Schrei des Entzückens empfing ihn. „Lukl – mein Süßer. Was machst du denn hier?“

„Félice – Sorry, dass ich vorgestern so gestört habe.“ Er reichte dem kleineren Mann die Hand und wusste doch genau, dass der gute Félice sich damit nicht zufrieden gehen würde. Schnell und überschwänglich wurde der junge blonde Mann in eine herzliche Umarmung gezogen.

„Ach Lukl, dass du mal wieder vorbei kommst.“

Schmatzer links – Schmatzer rechts.

Lorenzo grinste. Keiner konnte sich mit fast fünfzig noch freuen wie ein kleines Kind – außer Félice.

„Und erzähl.“

Schlagartig wurde er losgelassen, als Félice wieder hinter die Kasse ging und ein Tütchen Schokoladenmandeln hervorzauberte, er wusste, dass sein Lukl dafür sterben würde. „Wie lief es gestern? Nein vorgestern. Ich Dummerchen.“ Er kicherte und wuschelte sich durch die schwarzen gesträhnten Haare.

„Félice, du wirst deinem Bruder immer ähnlicher, Carlo hat jetzt die gleiche Frisur – schwarz mit blonden Strähnen.“

„Ach, Carlo, der alte Schwerenöter.“ Félice wedelte mit einer Hand und zog den Seidenschal wieder fest. „Na komm, ich will alles wissen – jede Blamage.“ Die dunklen Augen blitzten erwartungsvoll.

„Hey, hör mir bloß auf – Odette hätte fast alles ruiniert. Nur deine bezaubernde Verkäuferin konnte uns noch retten. Schau.“ Lorenzo kramte in der Innentasche nach einem Foto, dass er seinem Freund mitgebracht hatte – eine Aufnahme von Emanuele und ihm auf dem Laufsteg. Der ältere Mann quietschte vor Freude. „Nein, dass mein Schatz so gut aussieht.“

„Tja, wegen ihr bin ich auch hier, ich möchte ihr einen Modellvertrag anbieten.“

Félice schürzte die Lippen, wie er es immer tat, wenn er angestrengt nachdachte. „Ich schau mal eben, wo sie ist.“ Und verschwand im Hinterzimmer.

~~~

Manuel hatte gerade mit dem Rad ein paar Besorgungen gemacht, das ging in Jeans, Shirt und Turnschuhen eben besser als in Minirock und hochhackigen Schuhen. Er war gerade dabei, sich umzuziehen, als er Stimmen hörte – und eine davon kannte er erst kurz.

Lorenzo!

Was wollte er hier?

Langsam schlich er sich weiter an die Tür des Hinterzimmers und hörte so jedes Wort. Er erschrak, als sein Chef plötzlich vor ihm stand und flüsterte, er möge sich umziehen. Doch da war Manuel schon durch die Tür.

„Tja, wir hatten ja schon mal das Vergnügen, Herr Relano, nicht wahr? Sind Sie nun enttäuscht?“ Er ging mit zitternden Knien auf den Anderen zu, wusste selbst nicht, warum er das hier tat.

„Mein Name ist nicht Emanuele sondern Manuel – ja richtig erkannt: Eine kleine verkappte Transe. Ach, bemühen sie sich nicht, Herr Relano, ich werde gern aussprechen, was sie gerade denken – ist für mich ja nichts neues.“ Er holte Luft und ging um den entsetzten Mann und die Kasse herum. „Abartig – pervers – widerlich. Nichts halbes und nichts ganzes. Das war es doch, was Sie eben dachten, nicht wahr? Nicht Manns genug, sich dem Leben als Kerl zu stellen, nicht weiblich genug, um in allen Lebenslagen auch als Frau durchzugehen. Ich kenne die Sprüche, habe sie schon oft genug gehört und verflucht. Es gibt nichts neues, was Sie mir noch an den Kopf werfen könnten, sparen sie sich also die Puste.“ Die braunen Augen funkelten in entsetztes Blau.

„Und ehe sie sich jetzt noch eine nette Entschuldigung ausdenken – lassen Sie es, Herr Relano. Wie Sie sehen, habe ich keine Brüste sondern einen Schwanz, bin für das Tragen ihrer Kleidern auf ihren Shows also denkbar ungeeignet, schieben Sie sich ihren Vertrag sonst wo hin und lassen Sie mich einfach in Zukunft in Ruhe, dann sind wir beide recht gut bedient.“

Manuel atmete noch einmal tief durch und ging, ohne einen weiteren Blick auf Lorenzo, der sich gegen den Kassentisch gelehnt hatte und mit offenem Mund dem Ausbruch – denn anders konnte man diesen Monolog in dieser Lautstärke nicht beschreiben – gefolgt war, mit gesenktem Blick aus dem Verkaufsraum an Félice vorbei in das Hinterzimmer zurück, griff sich seinen langen Mantel und war schon fast durch die Tür, als er Félice zurief, dass er die Überstunden von Dienstag und Mittwoch wegbummeln würde.

~~~

Lorenzo schluckte – Emanuele in Jeans und Shirt. Emanuele ein Mann. Emanuele – nein, verdammt – Manuel! Er konnte noch immer nicht das Chaos in seinem Kopf ordnen, diese Beine, dieses Lächeln, diese weichen Hände – ein Mann?

Eine Hand auf seiner Schulter half ihm aus dem Chaos in seinem Kopf und er fuhr herum, doch es war nicht Emanuele, die zurückkam und sagte, das alles nur ein Scherz gewesen sei, sondern Félice, der mit einem Blick voller Verzweiflung versuchte, irgendeine Reaktion von seinem Freund zu bekommen.

„Hast du das gewusst?“, brachte Lorenzo schließlich heraus.

Sein Gegenüber nickte. „Ich wusste ja nicht, wie das mal enden wird, als du dir Kleid und Verkäuferin ausgeliehen hast.“

Lorenzo atmete tief durch und versuchte das Trümmerfeld seiner Gefühle nicht nach außen dringen zu lassen. Und doch konnte er seinem Freund nichts vormachen.

„Falls es dich tröstet, Lukas – ich bin mir sicher, dieser Ausbruch galt nicht dir, sondern ihm selbst. Schocktherapie sozusagen.“

Mehr als einen verwirrten Blick erntete der Ladenbesitzer nicht.

„Nun ja, der Kleine hat eine Menge Scheiß erfahren müssen, ich weiß bei Weitem noch nicht alles, aber was ich weiß, reicht mir schon. Und jetzt war er vielleicht noch drauf und dran, den gleichen Fehler noch einmal zumachen, sich wieder von Emanuele beschützen zu lassen.“

„Wie beschützen?“

„Wenn er als Frau unterwegs ist, fühlt er sich sicher, wenn er Manuel ist, dann ist er anders. Nicht selbstbewusst, sondern verschreckt wie ein kleines Mäuschen. Ich bin mir sicher, er wollte nur einmal zeigen, dass Emanuele noch nicht über Manuel gesiegt hat, dass er sein Leben noch selbst in die Hand nehmen kann, es ihm gehört und nicht ihr. Nimm es dem Süßen nicht übel.“

Lorenzo blickte in die warmen dunklen Augen. „Ist schon okay, das Prob ist ja nur: Ich glaube, ich hatte mich ziemlich heftig verguckt.“

Félice grinste ein bisschen. „Und jetzt?“

„Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich in Mailand ohne Kleid und ohne Modell dastehe.“

„Das Kleid kannst du haben, Spatz – und das Modell schicke ich dir. Und wenn ich es selber tragen muss.“, kicherte der kleinere Mann.

Ein Telefonklingeln riss beide aus der Unterhaltung. „Relano? .... oh Chris, ..... ja klar, ich komme.“ Er steckte das Gerät wieder in die Tasche. „Ich muss weg Schatz, aber ich komme nach dem Mittag noch mal lang. Muss ja das Kleid noch holen.“

„Mach das Maus, mach das.“

Noch einmal ließ der große blonde Mann die Knuddelattacke über sich ergehen und lächelte. Ja, Félice war schon etwas ganz besonderes – wie Emanuele – Manuel.

~~~

„Na, wie lief´s, wird sie für uns arbeiten?“ Chris strahlte Lorenzo an, als er ins Büro trat. Doch die Miene seines Bosses gefiel ihm gar nicht. „Was ist passiert?“

Lorenzo sank auf seinen Drehstuhl und seufzte. „Aber halt die Klappe, muss ja erst mal keiner wissen.“

Chris nickte verstehend und kam näher.

„Sie ist ein Kerl – Manuel. Und ist dann nach dem Geständnis völlig aufgelöst abgezischt. Ich hatte keine Chance, ihn zu fragen, ob er es trotzdem macht.“

Chris riss die Augen auf. „Kann nicht sein, unser Schwuppendetektor Carlo hätte gemerkt, wenn unter dieser feschen Fassade ein Y-Chromosom gewunken hätte.“

„Er ist wirklich ein Kerl, Félice kennt ihn schließlich besser.“ Lorenzo schloss die Augen und sank in seinem Stuhl zurück, während Chris sich auf die dicke Glasplatte setzte.

„Gott, Lorenzo! Ich muss den noch mal treffen und sein Geheimnis erfahren, für solche Beine würde ich morden.“ Er kicherte und blickte Lorenzo aufmunternd an. „Wo ist das Prob, weil du dich in eine Frau mit Schwänzchen verguckt hast?“ Er stupste seinen Boss scherzhaft in die Wange.

Der schüttelte nur den Kopf. „Nein, das Prob ist, dass ich eben bemerken durfte, dass der Gute in Jeans und engem Shirt genau so gut ausschaut.“

„Ha!“ Chris hüpfte vom Tisch und zeigte mit beiden Zeigefingern auf seinen Freund.

„Wehe du sprichst aus, was du jetzt denkst Chrisi!“, warnte der Blonde und grinste. „Ich bin NICHT schwul.“, beharrte er.

„Nein, das wollte ich nicht sagen.“, beteuerte Chris mit einem Grinsen.

„Was denn dann?“, hakte nun Lorenzo nach und wusste doch eigentlich, dass er genau diese Frage wohl bereuen würde.

„Du bist bi und in einen süßen Kerl verknallt.“ Lachend huschte der Sekretär durch das Zimmer und versuchte, dem Radiergummi auszuweichen, der ihn dann gespielt niederstreckte.

„Chris, das ist nicht witzig. Er ist weg – einfach weg, hat nicht mal darauf gewartet, was ich sage.“

„Na, was hättest du denn gesagt?“, wollte der Dunkelhaarige, der sich nach dem Radiergummi bückte und ihn zum Tisch zurückwarf, nun wissen.

„Ich weiß es nicht, aber er war ja auch weg – als wolle er gar nicht wissen, was ich sage.“

„Falsch, Lorenzo. Er konnte sich bereits denken, dass du ihn abstoßend finden wirst. Das wollte er sich ersparen – nur logisch.“ Christién zuckte die Schultern und ging wieder auf Lorenzo zu, der den Kopf auf die Hände stützte.

„Logisch, aber unfair.“, kommentierte Lorenzo. „Ich fahre nachher noch mal hin, ich muss das klären.“

„Was denn?“ Die grünen Augen blitzten verschmitzt. „Dass du ihn haben willst – als Modell meine ich natürlich.“

„Natürlich meinst du das.“ Lorenzo hob eine Augenbraue und musterte seinen Freund.

„Oh da fällt mir ein: Wir müssen die Kollektion für Mailand zusammenstellen. Sie haben dir dank deiner Show fünf Entwürfe genehmigt, die du aussuchen wirst. Die Kriterien stehen auf dem Fax dort.“ Chris griff in die Ablage, in die er bereits das vor einer Stunde eingetroffene Schreiben verstaut hatte. „Einzige Bedingung – das Brautkleid ist dabei. Rückt Félice es noch mal raus?“

Lorenzo nickte. „Nur wer wird es tragen?“

Die Frage konnte keiner der beiden beantworten.


- Teil 4 -

Es ging bereits auf fünf Uhr zu, als Lorenzo endlich Zeit fand, noch einmal in den kleinen Laden in der Altstadt zu fahren – mit gemischten Gefühlen, wie er sich selbst eingestehen musste.

Ob Manuel wieder da war?

Ob er sich beruhigt hatte?

Auch wenn Lorenzo es nicht gern zugab, Chris hatte mit seiner beiläufigen Bemerkung vorhin wirklich Recht, er hatte sich in einen süßen Kerl verguckt – in einen Kerl, der zwar feminine Züge hatte, aber alles in allem doch ein Mann war. Nun gut.

Seufzend parkte Lorenzo den Sportwagen und blickte in das Schaufenster, in dem nun ein anderes Model hing – Seide mit aufwendigen Stickereien. /Der Gute hat das Kleid schon verpackt – ach Félice, was würde ich nur ohne dich machen?/

Der junge Mann betrat das Geschäft und ertappte sich dabei, wie er den Blick suchend nach einem roten Kurzhaarschnitt wandern ließ. Doch Manuel schien nicht da zu sein. /Schade./

Dafür war Félice gerade dabei, eine Kundin zu beraten, ihr von einer Hochzeit in Gelb abzuraten, weil diese Farbe ihrem Teint nicht schmeicheln würde. Kurz gestikulierte er Lorenzo, dass er das Kleid ruhig nehmen und verschwinden könne, wenn er keine Zeit hätte. Doch der blonde Mann schüttelte nur den Kopf und deutete an, dass er sich extra Zeit genommen habe. Er setzte sich in die Ledergarnitur vor dem Schaufenster und beobachtete Félice, wie er mit geschickten Griffen Kleider aus dem Regal zog, der Kundin hineinhalf, hier zog – dort raffte, ihr wieder heraushalf und in das nächste. /Da merkt man doch, dass die beiden Brüder sind./

Lorenzo grinste in sich hinein und schloss für einen Moment die Augen, nur um wieder in der Erinnerung an den Anblick zu versinken, den Manuel mit diesen waffenscheinpflichtigen Beinen in dem Brautkleid geboten hatte. /Immer noch anbetungswürdig – egal ob Mann oder Frau./, stellte Lorenzo für sich fest und bedauerte nun von Herzen, dass Manuel nicht im Laden war. Er hörte die Türglocke und öffnete die Augen, sah die zwei Damen mit einer großen Schachtel den Laden verlassen, die ihm zunickten und ihn anlächelten. Er grüßte zurück und erhob sich.

„Lukl, schön, dass du gewartet hast.“

Wieder kam die übliche Knuddelattake und Lorenzo kicherte, denn Félice reichte ihm nun einmal nur bis unter den Arm.

„Komm ins Hinterzimmer, ich mach schnell Cappuccino, Eric brachte vorhin ein paar Kekse vorbei – eigene Kreation – ach, der Gute ist eine Koryphäe in der Küche.“, schwärmte der kleinere Mann, während er seinen Lukas hinter sich her zog. „Bist doch aber nicht nur wegen dem Kleid hier, oder?“ Er zwinkerte dem leicht errötenden Lorenzo zu, als er ihn auf einen plüschigen Stuhl platzierte und zwei Tassen auf den Tisch stellte, während der Wasserkocher angesteckt wurde.

„Tja, dem Kleinen geht es gar nicht gut.“, begann Félice zu erzählen, „Eric, kennst ihn ja – der Besitzer vom `Blue velvet` – ach was rede ich Dummerchen, doch, genau der Besitzer – ach, ist ja auch egal.“ Félice suchte Löffel und räumte die Schokoladenkekse auf den Tisch. „Er meinte gegen Mittag am Telefon, dass der Kleine, mit dem ich gestern dort war, sich heute wohl zum ersten Mal in seinem Leben das kleine Schwuppenbirnchen zugezogen hatte und auf dem Tisch eingeschlafen sei.“ Mit einer wedelnden Handbewegung deutete er Kopfschmerzen an. „Eric, der Gute, hatte ihn hier her gebracht und ich habe ihn nach Hause gefahren. Arme Maus. Seinen Kopf möchte ich morgen nicht haben.“

In Lorenzos Kopf drehte sich alles – Manuel – nicht hier – betrunken zu Hause – betrunken wegen ihm.

„Aber Schatz“, Félice schien einen sechsten Sinn für solcher Art Gedanken zu haben, denn er lächelte den jungen Designer nur an. „Ist nicht deine Schuld.“

„Irgendwie ja schon – wäre ich nicht so vernarrt ihn Emanuele, hätte ich ihn mit dem Vertrag nicht so in die Enge getrieben, wäre er nicht zum Angriff übergegangen und jetzt noch nüchtern.“

Der Andere lachte ob dieser bestechenden Logik und die Fältchen um die Augen wurden tiefer. „Das kann man aber auch anders sehen. Vielleicht hat er ja nur genau das gebraucht, um endlich zu begreifen, dass Verstecken nichts bringt.“ Félice sammelte Teller aus dem Hängeschrank über der kleinen Spüle, „Aber hey, Temperament hat er, oder?“, und zwinkerte Lorenzo zu.

„Hm.“

Der Wasserkocher begann zu brodeln und übertönte das leise Seufzen. „Félice, weißt du, was richtig komisch ist?“ Lorenzo blickte auf und schaute in die dunklen Augen, die ihn neugierig musterten und gleichzeitig zu sagen schienen: Ich weiß, was jetzt kommt.

Er musste lachen, ja, Félice kannte ihn einfach schon zu gut.

„Ich weiß jetzt, dass er ein Mann ist, ein hübscher dazu, muss ich zugeben, und trotzdem träume ich immer noch von diesen Beinen, diesem Lächeln.“

„Ich habe nichts anderes von dir erwartet, Lukl.“ Félice war aufgestanden, um das Wasser in die vorbereiteten Tassen zu gießen. „Streusel oben drauf, hm?“

„Ja mach mal – je mehr Glückshormone ich heute kriege, um so besser.“

„Soll ich dir mal was sagen, ich bin stolz auf dich, kleiner Lukas.“ Das Grinsen in dem runden Gesicht wurde breiter. „Du hast dich in einen Menschen verliebt und nicht in ein Geschlecht.“

Lorenzo verdrehte die Augen. „Boah komm, das ist doch wie ein schlechter Film, was hier gerade abläuft.“ Er lachte, doch das verging ihm, als er sich am heißen Getränk die Zunge verbrannte und leise fluchte.

„Du magst Manuel, oder?“

„Ja klar und Chris will ihn immer noch unter Vertrag haben.“

„Aha – Chris will das.“

„Okay, erwischt“, gab Lorenzo klein bei. „Ich auch.“

„Tja – der Kleine wollte wohl Klarheit, ehe er sich endgültig bis über beide Ohren verliebt. Du bist nun mal genau sein Typ.“

Lorenzo hustete leise. „Und was genau ist sein Typ?“, erkundigte er sich, ehe er verlegen den Löffel ableckte.

„Groß – blond – Maßanzug – ein Yuppie eben.“

„Yuppie?“ Lorenzo musste lächeln. Er war also Manuels Typ. Gut zu wissen.

„Na, Kopf hoch, großer Künstler, nenn mir einen Modeschöpfer, der nicht früher oder später auf hübsche Jungs abfährt.“

Lorenzo grinste, ja klar – für Félice waren sowieso alle Heteros nur verkappte Schwule.

„Wir sind die kreativere Sorte Mann.“, erinnerte er weiter und Lorenzo musste jetzt wirklich laut lachen. „Kreativ?“

Gespielt beleidigt drehte sich Félice zur Seite. „Na ja, ich meine ja nicht wie-wird-meine-Glühbirne-heller-ohne-mehr-Strom-zu-fressen-kreativ sondern wo-passt-noch-ein-Rüschchen-dran-kreativ.“

Lorenzo schüttelte nur den Kopf. „Rüschchen, als ob ich Rüschchen irgendwo dran nähen würde.“ Dann wandte er seinen Blick wieder seinem Freund zu. „Na, wenn du das sagst. Ich muss dann mal, Spatz. Morgen Nachmittag geht mein Flug und ich brauche noch ein Modell. Ich hoffe, Cassy hat Zeit.“ Lorenzo erhob sich und ging in den Laden zurück. „Sag Manuel einen lieben Gruß, gute Besserung und richte ihm aus, dass ich ihn trotzdem gern mal wiedersehen würde – wegen mir auch in Jeans.“

„Mach ich, Kleiner, ich drück dir die Daumen. Auch wenn kein anderes Modell an deiner Seite so gut aussehen wird wie Manuel.“ Félice seufzte, als er den großen Mann noch einmal knuddeltechnisch bearbeitete und ihn dann aus dem Laden schob.

~~~

Nie wieder Alkohol!

Das war so ziemlich der erste klare Gedanke, den Manuel fassen konnte. Alles drehte sich und der Geschmack im Mund machte auch nicht grade Lust auf mehr. Ein Blick auf den Wecker zeigte ihm, dass es bereits neun Uhr war; in einer halben Stunde sollte er im Laden stehen – taufrisch und motiviert.

Nichts leichter als das.

/Manuel – Sarkasmus war noch nie deine Stärke!/

Langsam erinnerte er sich wieder, warum er sich so betrunken hatte. Träge sickerte wieder durch die Nebel, wie er Lorenzo vor den Kopf gestoßen, was er alles gesagt hatte, und dass er ohne eine Antwort abzuwarten einfach aus dem Laden gerauscht war. Von Félice mal ganz abgesehen. So eine Show hatte er sich noch nie geleistet, und ausgerechnet vor Lorenzo!

Fest davon überzeugt, dass er sich jetzt bei Félice seine Papiere nehmen und wieder heimgehen konnte, radelte Manuel missmutig und immer noch leicht schwindelig in den Brautmodenladen.

Er war elf Minuten zu spät. Und so war sein Chef bereits dabei, einem verliebt wirkenden Pärchen zu erklären, warum manche Leute in schwarz heiraten, dass das früher bei den alten Völkern durchaus Gang und Gebe gewesen sei und schwarz wohl immer noch als besonders schick galt, auch wenn er selbst dem ganzen nicht wirklich etwas abringen könne.

Mit einem Lächeln begrüßte er Manuel, der in einer silbernen Stoffhose und einem weißen Hemd den Raum betrat, nach einem leisen Gruß schweigend damit begann, die bereits nicht mehr benötigten Kleider in die Regale zu sortieren. Er wagte es nicht, Félice ins Gesicht zu sehen; er hatte sich die Show gestern geleistet, wenn er sie auch schon fünf Minuten später bereute und sich dafür verfluchte, dass er nicht lieber das Angebot von Lorenzo angenommen hatte, um wenigstens ab und an in seiner Nähe sein zu können.

Seufzend verschwand er wieder im Hinterzimmer und schluckte trocken, als die Kunden glücklich und beladen das Geschäft verließen, während sein Chef zu ihm ins Hinterzimmer kam.

„Na Maus, geht’s dir wieder besser?“

Manuel nickte nur vorsichtig und hob dann an, „Es tut mir leid wegen gestern, ich wollte Herrn Relano nicht so anfahren aber ... ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist ...“

„Komm Maus, ist gut. Er hat es verstanden und ist dir nicht böse.“

Manuel blickte skeptisch zu Félice auf, der in seinem champagnerfarbenen Anzug heute edel schlicht wirkte, anstatt überdreht. Selbst das obligatorische Seidentuch, das er in jeder nur erdenklichen Farbe zu besitzen schien, passte zum Anzug. Dann erinnerte sich Manuel wieder an die eben gefallenen Worte.

Lorenzo war nicht böse?

Nach so einem Ausbruch war er nicht böse?

„Ehrlich?“, flüsterte er deswegen etwas ungläubig.

„Ja, ehrlich, Maus. Er hat sich Sorgen gemacht und war deswegen gestern Nachmittag noch einmal hier. Aber du lagst ja bereits im Land der Tequila-Träume.“

„Ich war so ein Idiot, diesem Bild von Mann das nicht anders beizubringen. Und jetzt hat er sicher die Nase voll von mir.“ Manuel griff nach der Tasse mit Pfefferminztee, die Félice ihm reichte, und warf zwei Würfel Zucker hinterher. Verloren rührte er in der Tasse.

„Falls es dich interessiert, er hat die Nase noch nicht voll – im Gegenteil. Ist wohl immer noch recht angetan.“ Manuel vergaß zu pusten und riss die Augen auf. „Wie angetan?“

„Mausi – ich glaube, er mag dich!“

Ein Auge zugekniffen und eine Augenbraue hochgezogen musterte er seinen Chef, der erklärend fortfuhr: „So viel ich weiß, stand er nicht auf deine Brüste, sondern auf Lächeln und Beine – was du ja beides immer noch durchaus hast. Oder?“ Félice tanzte durch das Hinterzimmer und schmiedete bereits Pläne für ein Doppeldate, wenn Klein Lukas aus Mailand wieder da war. Doch dann hatte er eine entschieden bessere Idee.

„Mäuschen?“

Manuel blickte über den Rand seiner Tasse.

„Magst es wieder gut machen?“

Noch im Trinken nickte Manuel, setzte dann aber die Tasse ab, um zuzuhören, um zu erfahren, ob es denn noch eine Möglichkeit gab, sich bei Lorenzo, der ihn, wie er jetzt wusste, mochte, zu entschuldigen.

„Er fliegt in ein paar Stunden nach Mailand – er hat zwar das Kleid, aber noch kein Modell. Wenn ich dir das Ticket bezahle, wirst du es auf der Show tragen?“

Nur gut, dass der Junge die Tasse bereits auf den Tisch gestellt hatte, denn der Schock setzte sich in seinem Körper fest und ließ ihn zittern. „Ich? Laufen? In Mailand? Mit all den Profis?“

„Mausi, was willst du? Dein Einstand in diesem Business war doch perfekt – die Presse hat dich geliebt, die Fotographen haben sich um deine Bilder gerissen.“

Ein Blitzgedanke durchzuckte Félice und er ging schnell zur Kasse, wühlte ein bisschen und kam wieder. „Schau.“ Er reichte dem Rothaarigen das Bild, das Lorenzo gestern mitgebracht hatte. „Das hat er für dich dagelassen.“

Manuel griff nach dem Foto, und er spürte sein Herz rasen, sein Blick ruhte auf der Fotographie, auf Lorenzos entspanntem Gesicht, wie er liebvoll seiner Braut zulächelte. Einmal tief durchatmend blickte Manuel auf. „Ich würde schon, aber ich hab Angst, Félice.“

„Hm?“ Der Andere drehte sich um. „Warum?“

„Dass er mit mir nichts anfangen kann, weißt du was ich meine?“

„Ist er es nicht wert, das Risiko einzugehen?“ Der Dunkelhaarige zwinkerte ihm aufmunternd zu. „Na los – fahr Heim, färb die Haare noch mal Granat nach, die blonden Ansätze gucken schon durch. Schnapp dir dein Schminkköfferchen und ich suche mal, ob wir irgendwo noch was Last Minute kriegen. Komm dann erst mal wieder mit gepackten Taschen hier her.“

„Okay.“ Manuel nickte, wenn auch nicht wirklich davon überzeugt, dass das eine so gute Idee war. Aber was sollte es. Er war es den beiden schuldig, nachdem er gestern so gewütet hatte. Doch wohl war ihm nicht bei dem Gedanken, und er wusste nicht, was ihm mehr Sorge bereitete: Mit den Profis zu laufen und sich zu blamieren, oder Lorenzo wiederzusehen.

~~~

Es war kurz nach halb eins, als Manuel mit einer Tasche und frisch gefärbten Haaren im Laden stand.

„Maus, Karsten fährt dich zum Flughafen. Dein Ticket liegt dort für dich bereit. Ist bezahlt. Dein Flug geht um vierzehn Uhr sieben. Über München. Ach hier.“ Er reichte dem Jungen schnell einen Zettel mit den Flugdaten und der Hotelreservierung. „Und den hier.“ Ein weiterer Zettel wechselte den Besitzer. „Wirst du brauchen für die Show – Ort, Zeit, Probenraum und so weiter. Lorenzo hat keine Ahnung, dass du kommst. Als sorge dafür, dass er keinen Herzinfarkt bekommt, der wird noch gebraucht.“ Schnell drückte er den Jungen noch einmal an sich. „Mach mir keine Schande und ruf mal an.“

Und dann waren Manuel und Félices neueste Liebschaft aus dem Laden und um die Ecke.

~~~

„Chris, mir ist, als hätten wir was vergessen.“

Der Dunkelhaarige starrte aus dem Flugzeugfenster auf die Alpen und grinste in sich hinein, er hatte noch schnell ein Fax rausgeschickt, ehe sie zum Flughafen gefahren waren, um Félice die Daten für die Show durchzugeben. Und nun lehnte er sich zurück und meinte nur: „Och komm, alles da. Die Modelle, die Kleider, die Pässe.“

„Du hast wohl recht“, seufzte Lorenzo, als er sich auch etwas zu entspannen versuchte.

Cassy war eingesprungen, um das Brautkleid zu tragen, allerdings wollte sie einen Flug später nehmen.

Na hoffentlich ging das gut.

Sie durften sich keine Patzer erlauben!

Dies war ihre erste und einzige Chance, den Fuß in die Türen der großen Boutiquen zu bekommen, sich einen Namen im Ausland zu machen. Er war talentiert, er war erfolgreich, aber er war noch nicht da, wo er vorhatte mit dreißig einmal zu sein. Aber bis dahin waren es nur noch zwei Jahre.

„Weck mich bitte, wenn wir landen.“, nuschelte er seinem Sekretär zu, ehe er den Kopf auf die Seite rollen ließ und die Augen schloss. Er fand nicht wirklich Ruhe. Dieses plärrende Kind machte es auch nicht gerade einfacher, etwas abzuschalten. Aber irgendwann übermannte ihn doch der Schlaf, und er fühlte sich so gar nicht erholt, als ihn wenige Augenblicke später, wie es ihm schien, die Hand seines Sekretärs wachrüttelte.

Eine Viertelstunde später hatte die Maschine die entgültige Position im Terminal erreicht und die Fluggäste durften den Flieger verlassen. Während Lorenzo sich streckte, schweifte sein Blick über die Passagiere, die neben ihnen aus dem Flieger aus München stiegen.

Ein roter Schopf erregte seine Aufmerksamkeit, aber leider zu kurz, als dass er hätte sagen können, ob er ihn wirklich gesehen oder nur ersehnt hatte.

„Du wirst langsam echt trandösig, Lukas.“, wisperte er leise, doch Chris, der die Taschen geholt hatte und nun mit einem Kofferkuli voll Gepäck wieder neben ihm herging, hatte gute Ohren.

„Was war?“

Lorenzo blickte auf. „Ach, nichts weiter, ich hab nur eben echt gedacht, Manuel hätte in der Maschine aus München gesessen.“

Chris kicherte leise. „Oh Mann Lorenzo, dich hat’s ja erwischt.“

Mehr als ein gebrummtes „Hm.“, bekam der Dunkelhaarige nicht als Antwort. Und so strebte er hinter Lorenzo den Südausgang an und orderte ein Taxi, während Lorenzo damit beschäftigt war, zu telefonieren.

~~~

Es war gar nicht so einfach, mit seinen mangelhaften Sprachkenntnissen dem Taxifahrer klarzumachen, dass Manuel zu seinem Hotel wollte und nichts weiter. Nur gut, dass er die Daten schwarz auf weiß hatte, so hatte er schließlich und endlich dem Mann hinter dem Steuer den Zettel gereicht und mit einem „Ah!“ setzte sich das Taxi in Bewegung. Eine gute halbe Stunde war er durch die Mailänder Innenstadt gefahren worden und Manuel hatte die Aussicht genossen; die Architektur war faszinierend und so viel farbenfroher als zu Hause. Und nun stand er auch vor der Adresse, die Félice ihm ausgedruckt hatte. Ein nettes kleines Hotel.

Das Zimmer war auf seinen Namen reserviert: Manuel Becker.

Zum Glück war die nette Dame am Empfang des Englischen mächtig, und so hatte er schnell seinen Schlüssel in der Hand gehabt und seine Tasche wurde hinaufgetragen.

Fünf Minuten später schlug Manuel die Tür hinter sich zu und ließ sich auf das Bett fallen. „Das ist doch der totale Wahnsinn, was ich hier mache. Für einen Hetero, der mich ein bisschen mag, fahre ich nach Mailand, um auf einer großen Show ein Kleid vorzuführen.“ Er schüttelte den Kopf. Nein, so eine verrückte Sache hatte er noch nie für einen Mann getan, wenn er es sich recht überlegte, hatte er so etwas noch nie für überhaupt jemanden getan.

Er stutzte, als das Telefon klingelte. Wer außer Félice wusste denn, dass er hier war? Und so nahm er ab und trällerte ein „Ah Félice, ich bin gerade angekommen.“ in den Hörer. Ein Kichern am anderen Ende machte ihm klar, dass das sicher nicht Félice war.

>Manuel?<

Der Rotschopf nickte, dann antwortete er „Mit wem habe ich das Vergnügen?“

>Christién Görlich. Der Sekretär von Lorenzo.<

Manuel schluckte. „Ähm .... und was ....“

>Ich wollte dich nur bitten, heute Nachmittag um achtzehn Uhr Ortszeit zur Probe zu kommen. Félice hat dir ja sicher die Adressen gegeben.<

„Ja gut, soll ich was mitbringen?“, erkundigte sich der junge Mann mit klopfendem Herzen. Wenn Chris wusste, dass er hier war, dann ....

„Nein, aber komm zuerst ins Zimmer 064, das ist mein Büro für die Tage. Ich will unbedingt Lorenzos dummes Gesicht sehen, wenn du da stehst. Okay.<

Manuel hörte das helle Lachen und versuchte, sich etwas zu beruhigen. „O-Okay, ich bin dann ... in einer Stunde bei ihnen. Auf Wiederhören.“

Schwer atmend hängte er auf, wartete nicht auf die Erwiderung seines Grußes. Langsam sank Manuel auf das Bett zurück. /In einer Stunde schon – so schnell hatte ich nicht damit gerechnet. Ich kann mich ja gar nicht vorbereiten!/ Und jetzt fing sein Puls wirklich an zu rasen, Panik stieg auf, er würde Lorenzo wiedersehen – zum ersten Mal nach seinem Ausbruch gestern im Laden.

Doch dann setzte er sich auf, er durfte nicht zu spät kommen. Manuel raffte seinen Rucksack und Geld, legte es auf das Bett und sprang schnell unter die Dusche, warf sich dann in etwas nettes – was bei Manuel bedeutete: schwarze enge Hüfthose, bauchfreies, weißes Shirt und Turnschuhe mit Plateausohle. Wenn Lorenzo eh wusste, dass er ein Mann war, warum sollte er sich dann verkleiden?

Aber dann wurde er unsicher; als Manuel in einem fremden Land auf die Straße?

Was, wenn ihn keiner mochte?

Aber noch einmal in dieser Maskerade vor Lorenzo auftauchen? Ihm die Frau mimen, während der Andere wusste, dass er ein Mann war?

Schlussendlich siegte Manuel, er wollte Lorenzo so entgegen treten, wie er war, was er war. Mit einer kleinen Wolke seines Lieblingsparfums um sich war es gleich nur noch halb so schwer, ohne Rock und Absatzschuhe auf die Straße zu treten. Aber wohl fühlte er sich nicht. Langsam begann er zu bereuen, dass er sich dazu durchgerungen hatte. Unsicher schlich er sich den Weg entlang, den er von der netten Dame an der Rezeption erfragt hatte.

Und gut vierzig Minuten später stand er vor einem großen Haus – ähnlich einem Theater; eine breite Treppe lud zum Betreten ein, Säulen lockerten die Fassade auf. /Jugendstil/, stellte er mit geschultem Auge fest und freute sich, dass aus den zwei Semestern Architekturstudium doch etwas hängen geblieben war.

Hier war es also.

Geschwind eilte er die Stufen hinauf und suchte im Parterre Christiéns Zimmer, klopfte und wartete auf eine Antwort. Dann trat der Rotschopf ein.

„Oh Manuel, komm rein.“

Der Rothaarige folgte und schloss die Tür wieder hinter sich.

„Och Junge, das möchte ich auch können – anziehen was ich will und immer gut aussehen. Wie machst du das nur?“ Chris reichte dem Anderen die Hand und lächelte ihm aufmunternd zu. „Danke, dass du gekommen bist. Ist ja nicht gerade in Wien um die Ecke.“

Manuel nahm Platz und bemerkte, dass er das sowohl Lorenzo als auch seinem Chef wohl schuldig war nach der Aktion.

„Hast unseren Guten ganz schön überfahren.“ Chris zwinkerte ihm zu, und Manuel fühlte sich elend.

Na prima, hatte sich der gute Herr Yuppie-Designer also bei seinem Sekretär ausgeheult und ihm berichtet, was Manuel doch für ein Arsch war.

„Er war etwas schockiert, dass du ihn nicht hast zu Wort kommen lassen. Das hat er ja gar nicht verstanden.“

Manuel riss sie Augen auf. „Wie – nicht verstanden?“

„Warum du erst solche Dinger gucken lässt und dann abrauscht ohne eine Reaktion abzuwarten.“

Seufzend sank Manuel in seinem Sessel zusammen, so hatte es ja kommen müssen, dass Lorenzo enttäuscht von ihm war, dass er Rede und Antwort stehen musste. Aber warum ausgerechnet dem Sekretär?

„Ich wollte es eben nicht von ihm hören.“, gestand er schließlich leise.

„Konnte ich mir denken, ich hab versucht, es ihm zu erklären.“

Den Kopf gesenkt schluchzte Manuel leise. Das zog ja größere Kreise als befürchtet! „Ich wollte doch nur ...“

„Nicht verletzt werden – ganz normal.“, beendete der Dunkelhaarige den Satz. Manuel hob den Kopf und blinzelte durch die Ponyfransen, „Hat er es verstanden?“

„Was, dass du diese verletzenden Worte aus deinem eigenen Mund noch akzeptieren kannst, sie aus seinem zu hören aber der Untergang für dich wäre? Ich glaube nicht.“

„Dacht ich mir.“, nuschelte Manuel, als die Tür aufgerissen wurde.

„Chris, was ist denn so wichtig, dass .... Manuel!“

Lorenzo stand in der Tür und starrte auf den rothaarigen jungen Mann, der sich überrascht zu ihm umgewandt hatte.

„Hi Lorenzo.“, flüsterte der, weil seine Stimme zu versagen drohte. „Ich hab da noch was gutzumachen, oder?“


- Teil 5 -

„Manuel ... was ... du.“

Lorenzo sank gegen den Türrahmen und versuchte zu verarbeiten, was seine Augen seinem Hirn zu vermitteln versuchten. Der Himmel hatte ihm ein Modell geschickt – der Himmel hatte ihm Manuel geschickt.

„Okay, ab in die Gardarobe. Alles andere muss warten.“

Chris umrundete seinen Schreibtisch und griff den verdutzten Rothaarigen, führte ihn an einem wenigstens ebenso verwirrten Designer vorbei auf den Flur. „Lorenzo, geh dich umziehen, ich bring Manuel in die Gardarobe. Wenn wir den Zeitplan für die Probe über den Haufen werfen, fliegen wir raus.“ Mit einer netten, aber eindeutigen Geste schob er Lorenzo in die andere Richtung, und verschwand dann mit Manuel an der Hand Richtung der Treppen.

Eilig schritten sie die flachen Stufen hinauf. Manuel versuchte sich, rein aus Gewohnheit, den Weg zu merken, aber nach der dritten Biegung in diesem Wirrwarr aus Gängen gab er auf.

„Okay, da wären wird. Mal sehen, was die Crew sagt, wenn sie dich heute wiedersieht.“

„Was?“ Der Rothaarige stutzte. Die gleichen Leute wie beim letzten Mal? Der Spott war ihm sicher, plötzlich war es noch weniger eine gute Idee, als Modell einzuspringen, als noch vor fünf Minuten. Er dachte an Lorenzo zurück, wie er mit weitaufgerissenen Augen und schattierten Wangen in der Tür gestanden und ihn regelrecht angestarrt hatte. Irgendwie sah er niedlich aus, wenn er so überfahren wurde. Ob er das öfter mal ...

„So ihr Kinder, gebt fein acht – Chris hat euch etwas mit gebracht. Herzlichen Glückwunsch – es ist ein Junge.“ Und schon wurde Manuel aus seinen Gedanken gerissen und durch die offene Tür geschoben.

Das Erste, was man vernahm, war Carlos panisches Quietschen.

„Nein.“

Er tippelte auf Manuel zu, der immer noch etwas verschüchtert neben der Tür stand und nun die Hände in die Wand hinter sich drückte.

„Hallo – da bin ich wieder.“, flüsterte er heiser und spürte die brennenden Blicke auf sich.

Mittlerweile hatte Carlo den verdutzten Jungen erreicht. „Nein – wie konnte das passieren?“, seufzte der leise, schob die Brille auf die Frisur und musterte Manuel eingehend. „Wie konnte mein Männerradar nur so versagen?“

Er umrundete Manuel, der von Chris weiter ins Zimmer gezogen wurde. Dann klatschte er in die Hände.

„So ein hübscher Kerl!“ Carlo griff sich einen von Manuels Armen und kuschelte sich an, als er fiepsend verkündete, was das doch für ein niedliches Kerlchen wäre und dass er ihn gern behalten würde.

Chris lachte nur. „Lass das mal lieber, der Süße ist bereits Privateigentum.“ Er zwinkerte Carlo wissend zu, und der sagte nichts mehr. Gespielt beleidigt den Kopf werfend ging er auf die Kleiderstange zu, die rechts neben der Tür stand. Auf der anderen Seite war die ganze Wand so mit Spiegeln behängt, dass sie eine große einheitliche Fläche bildeten. Die Hälfte war mit Schminktischen verstellt, die andere Hälfte reichte bis zum Boden und war wohl für das Zurechtrücken der Kleider und Anzüge gedacht.

„Von dir kann ich wohl noch was lernen, Kleiner.“

Kevin saß auf einem Tisch, der mitten im Raum stand und über und über mit Stoff belegt war. „Du bist als Frau überzeugender als manche mit zwei X-Chromosomen.“ Anerkennend reckte er beide Daumen nach oben und grinste. „Da überlasse ich dir das Anziehen wohl lieber selber, du kannst das besser als ich.“ Kevin zog beide Beine auf den Tisch, setzte sich in Schneiderpose und wies mit einer Hand Richtung Umkleide. „Husch, die Anderen müssen ja nicht merken, dass sie gegen so einen süßen Kerl abstinken, jede von denen wollte das Brautkleid tragen und neben Lorenzo über den Steg wandern. Wenn die merken dass ein Kerl ...“

Kevin fing an zu lachen und wandte sich zu Bea um. „Nicoles Gesicht würde ich ja zu gerne sehen, leider hat sie eine andere Gardarobe.“ Als würde er wirklich Mitgefühl empfinden, legte er einen Zeigefinger an die Lippen und senkte die Lider, dann ließ er sich in die Berge aus Stoff fallen und lachte laut los.

„Ignorier den Spinner.“

Bea trat auf Manuel zu, der immer noch verloren im Raum stand, dessen Kopf arbeitete, der versuchte zu verstehen, was hier gerade abging.

„Aber zieh dich langsam mal um, sonst wird die Zeit knapp.“

Manuel nickte und sah sich um. Auf dem Tisch, auf dem Kevin sich immer noch kugelte, stand eine kleine Kiste mit Handschuhen, Strümpfen, Slip und BH. Er schluckte; richtig – er war heute ohne diese Grundausstattung hier.

„Ähm.“ Er nahm die Spitzenwäsche in die Finger und deutete auf den BH. „Ich bräuchte was zum stopfen, sonst bin ich wohl etwas zu flach.“ Manuel versuchte zu grinsen, was leider etwas schief wurde, aber Carlo war schon mit einer Rolle Schminktücher da.

„Hier Kleiner und jetzt husch.“ Er ließ es sich nicht nehmen, auf den festen Po zu klatschen und frech zu kichern, wie ein Wirbelwind durch den Raum zu flitzen, während Manuel ihm nur verwirrt nachblickte.

„Hey Manuel, das wirst du jetzt noch eine Weile durchlaufen müssen, schließlich hast du sein Radar unterwandert.“ Chris war bereits an der Tür. „Ich schau mal nach unserem Bräutigam; nicht dass unsere Braut ohne Mann dasteht.“ Mit einem wissenden Grinsen, das leider keinem im Raum entgangen war, außer vielleicht Kevin, der immer noch darüber philosophierte, welches der zwei anderen Modells wohl mehr über diese Tatsache brüskiert wäre, dass Lorenzos Braut ein Mann sei, war er aus der Tür.

Carlo war stehengeblieben und sein Blick wanderte nun von Chris zu Manuel. „Erwischt, Kleiner – das meinte er also mit Privateigentum. Bist wegen unserem gestressten Boss hier, hm?“ Wie sein Bruder war er jetzt, als er begann, darüber nachzugrübeln, welche Anzeichen er an seinem Chef übersehen hatte, dass der süße Jungs mochte, in seinem Element.

Manuel schüttelte nur den Kopf und verschwand hinter dem Vorhang. Mit geübten Händen und routinierten Prozeduren stieg er in die Wäsche, in die Strümpfe, in das Kleid, stülpte die Handschuhe über.

„Kevin, hör auf zu grübeln und schnür mir mal das Kleid, bitte.“

Manuel hatte den Vorhang bei Seite geschoben, und Kevin tat wie geheißen. Mit geübten Griffen und jeder Menge Kraft schnürte er das Mieder und presste Manuel sanft, aber bestimmt in Form. Der keuchte leise, begann flach zu atmen und gewöhnte sich schnell an das Mieder.

„Selbst wenn man es weiß, fällt es nicht auf.“

Petra saß auf dem Tisch neben ihren Bürsten und Kämmen und staunte. Sie hatte doch gesehen, dass dieser Kerl keine Brust hatte, dass er ein Mann war. Und jetzt stand dort eine schüchterne, liebreizende Braut.

„Ich bin echt hin und weg von dir, Kleiner, schade dass Lorenzo schon ein Auge auf dich geworfen hat.“

Manuel errötete, wie schnell machte denn das hier die Runde? Scheiß Klischee von tratschenden Schwuppen!

Und wie auf Kommando stand besagter Bräutigam noch etwas zerrupft in der Tür.

„Ach Gott, wie siehst du denn aus.“ Und schon war Carlos bei ihm und zupfte den Anzug in Form, rückte die Krawatte und das Hemd. „Petra – schau dir die Haare an, ich kann so nicht arbeiten.“ Einen Migräneanfall perfekt imitierend sank Carlo in sich zusammen.

Währenddessen bekam Lorenzo nichts davon mit, dass sein Zeremonienmeister an ihm verzweifelte; er ließ sich von warmen braunen Augen gefangen nehmen, die über rotschattierten Wangen strahlten.

„Wow.“ Mehr brachte er nicht hervor.

„Lorenzo – setz dich mal da hin.“

Carlo hatte Mühe, den großen Mann auf den Stuhl zu setzen, damit Petra sich um die völlig aus der Form geratene Frisur kümmern konnte. Carlo setzte sich auf den Schminktisch und redete weiter auf ihn ein. „Was habe ich gesagt, Lorenzo? Hm?“ Gespielt brüskiert stützte sich eine Hand auf eine in metallic schimmernde Hüfte, die andere wedelte vor Lorenzos Gesicht herum. „Mach die Knöpfe am Hemd auf und zieh es NICHT – hörst du mich Lorenzo – NICHT über den Kopf, und was machst du?“ Sein Blick schweifte von seinem Boss zu Manuel, der immer noch in der Mitte des Raumes stand. „Aber ich verzeihe dir, für diesen Süßen hätte ich mich auch beeilt.“

Carlo lachte glockenhell auf, als sowohl Lorenzo als auch Manuel erst rot anliefen und dann synchron alles abstritten. Sie blickten einander an und grinsten dann. „Erwischt, würde ich sagen.“, gab irgendwann Lorenzo zu, während Manuel von Carlo in den Stuhl vor Beas Tisch geschoben wurde.

„Abpudern und die Haare richten. Ihr habt noch 20 Minuten.“, mahnte der kleine Mann mit der goßen Brille und setzte sich dann zu Kevin auf den Tisch, ließ die beiden Verdächtigen nicht aus den Augen, fing jeden schüchternen, und wenn noch so verirrten Blick auf, notierte ihn für sich und befand, dass die Kostüme für die beiden wohl mehr waren als nur Kleider für eine Modenschau. Er seufzte leise, als er sich gegen Kevin sinken ließ und leise fiepste: „Ach, muss Liebe schön sein.“ Er erntete damit eine ganze Menge: Gerötete Wangen in Manuels Spiegelbild, ein „Carlo, übertreib´s nicht!“ von Lorenzo, zwei Nicken der Stylistinnen und eine tröstende Hand auf seinem gesträhnten Kopf von Kevin.

„So, meine Süßen, hopp hopp. Sie warten nicht auf uns.“

Er scheuchte Braut und Bräutigam aus dem Zimmer auf die Treppe und grinste in sich hinein, als Lorenzo wie selbstverständlich die Hand des Rotschopfes griff, um ihm auf der Treppe in den hohen Schuhen Halt und Sicherheit zu bieten.

„Sehr schön.“, begrüßte sie der wie ein aufgescheuchtes Huhn herumflatternde Chris. „Pünktlich. Manuel, du hast einen guten Einfluss auf ihn.“

„Langsam wird es mir peinlich.“, flüsterte der Rotschopf Lorenzo zu, der nicht minder damit zu kämpfen hatte, die Fassung zu wahren.

„Frag mal wem noch. Aber die scheinen eben einen Blick dafür zu haben.“ Lächelnd strich er mit dem Daumen über Manuels Handrücken. „Wird schon.“, sprach er und war sich nicht wirklich sicher, ob er nur die Show oder auch sie beide meinte.

~~~

Eine Stunde später saß Manuel erschöpft im Stuhl in der Gardarobe, während ihn Bea abschminkte.

„Das ist ja anstrengender, als ich dachte. Kein Wunder, dass die Weiber alle so dürr sind, die da laufen.“

Manuel schüttelte den Kopf. Und das war nur die Probe gewesen. Morgen sollte es richtig losgehen. „Ob ich das noch mal durchstehe?“

„Ach Kleiner, du warst hinreißend, die Männerherzen liegen dir zu Füßen.“

„Ach hör doch auf, der Süße ist doch schon Privateigentum.“ Carlo kam gerade aus der zweiten Gardarobe, hängte die Modellkleider und den Hosenanzug wieder auf die Stangen und zog die Schutzhüllen darüber, als besagter Eigentümer in der Tür stand. Bea hüpfte vom Tisch und griff sich einen protestierenden, weil neugierigen, Carlo, ehe sie die Tür hinter ihnen beiden schloss.

„Hm, langsam werde ich das Gefühl nicht mehr los, die erwarten irgendwas von uns.“

Lorenzo zog sich die Krawatte auf und öffnete die oberen beiden Hemdknöpfe. „Ist verdammt eng.“, wollte er eigentlich nicht sagen, tat es aber doch, da die Stille im Raum ihn ängstigte.

„Ich zieh fix das Kleid aus, nicht, dass es noch Schaden nimmt.“ Manuel verschwand mit klopfendem Herzen und Schwindelgefühl hinter den schützenden Vorhang, als ihm einfiel, dass die Korsage erst aufgebunden werden musste. /Ich dreh durch, wenn er mir so nah ist./ Doch es half nichts.

„Ehm, Lorenzo?“

„Lukas.“

Manuel lugte verwirrt hinter dem Vorhang hervor.

„Nenn mich Lukas.“

Das Lächeln auf den weichen Lippen unter den blauen Augen drehte Manuels Magen noch etwas schneller.

„Lukas, machst du mir fix das Kleid auf? Ich komm sonst nicht raus.“

Der Andere nickte nur, tat schweigend wie geheißen und ging dann zurück zum Tisch, machte sich etwas Platz und setzte sich auf die Kante. „Manuel, wir sollten da noch etwas klären.“, begann er stockend, war sich nicht sicher, ob er überhaupt hören wollte, was der andere Mann ihm zu sagen hatte.

„Ich glaube auch, tut mir leid, dass ich so ...“ Manuel brach ab. Wie sollte er diesen Ausbruch erklären? Das war nicht zu entschuldigen, er hatte nicht nur wirklich widerliche Worte benutzt, er war auch einfach so davon ausgegangen, dass Lorenzo – Lukas – ihm so etwas an den Kopf werfen würde, er hatte dem Anderen nicht die Chance zu einer Erklärung gegeben.

Sein Puls raste, was sollte er tun? Am liebsten hätte er den blonden Mann jetzt und hier einfach nur an sich gerissen und nie wieder losgelassen, andererseits suchte er sich ein Mauseloch, in das er sich leise und ungesehen verkrümeln konnte, um Lorenzo nie wieder unter die Augen treten zu müssen. Mechanisch hängte er das Kleid auf den Bügel und streifte den BH ab.

„Hey, Manuel. Das ist okay – ist passiert, gut, es war eine Schocktherapie für mich.“

„Für mich auch, davon kannst du ausgehen.“, gestand Manuel, entschuldigte sich aber dann, Lorenzo ins Wort gefallen zu sein.

„Komm bitte raus zu mir, Manuel.“

Der Rotschopf schluckte, der Andere wusste doch genau, dass er noch nichts anhatte. „Ich muss mir erst was überziehen.“, versuchte er zu beschwichtigen.

„Nein, ich möchte dich so sehen.“

Manuel zitterte leicht, als er an sich hinab blickte. Weißer Slip, weiße Strümpfe, weiße Handschuhe auf viel zu blasser Haut. Na, wenn er Lukas jetzt nicht abschrecken würde, dann wäre ihre Beziehung wohl krisensicher.

Lorenzo erschauderte, als er das leise Schaben hörte, mit denen die Ringe des Vorhanges über die Laufstange glitten, er hielt den Atem an, als Manuel vor ihm stand.

„Wow.“

„Das sagt du ziemlich häufig, hm?“

Verlegen stand Manuel da und krallte sich mit der rechten Hand im Vorhang fest.

„Du machst mich eben sprachlos.“, bekannte der Blonde, immer noch auf dem Tisch sitzend und das sich ihm bietende Bild in sich aufnehmend. „So kann das also auch aussehen.“, flüsterte er leise und verloren mehr für sich als für Manuel, deswegen fragte der auch nach.

„Na, bei Félice hing mal ein Bild in der Küche – widerlich. Der Kerl hatte das selbe an wie du jetzt, allerdings Schnauzer, schwarzbehaarte Beine und einen Bierbauch. Mann, hab ich mich geschüttelt.“ Er lachte leise und genoss es, Manuels Lippen in einem Lächeln geschwungen zu sehen.

„Das ist eben das Klischee von Transvestiten – behaarte dicke Schnauzbartmänner in Strapsen.“ Manuel zuckte die Schultern und wusste selbst nicht, warum er das gesagt hatte, noch weniger, warum er weitersprach. „Dabei ist es meistens. Nur die Flucht vor etwas, vor sich, vor der Gesellschaft. Bei mir war es Emanuele, die mich beschützen konnte, die mir die Sicherheit geben konnte, die mir kein anderer geben könnte. Sie ist wie eine große Schwester für mich. Lukas, ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst.“

Langsam ging er auf Lorenzo zu, der die Arme nach ihm ausgestreckt hatte.

„Nein, wenn ich ehrlich bin, kann ich das nicht. Aber ich kann versuchen, dir die Sicherheit zu geben, die Manuel braucht.“ Die blauen Augen blickten unsicher.

„Ein guter Anfang, oder?“, lächelte Manuel, als er vor dem jungen Designer stehen blieb.

„Darf ...“ Lorenzo brach ab, kam sich albern vor. Doch dann setzte er erneut an. „Darf ich dich berühren?“

Manuel errötete, noch nie hatte einer danach gefragt, bisher hatte ihn sich jeder einfach nur genommen. Und so nickte er nur, der Kloß, der sich in seinem Hals bildete, schnürte ihm fast den Atem ab. Lorenzo war so fürsorglich, so lieb, so ... wow eben. Er musste kichern, als er merkte, dass es manchmal wirklich schwer war, Worte zu finden.

Hände zogen ihn in die Realität zurück, Hände, die seine griffen, die die weichen Handflächen streichelten, über die Handgelenke weiter nach oben wanderten, die Oberarme liebkosten, die bereits kühlen Schultern wärmten. Manuel hielt den Atem an; er wollte jede noch so feine Bewegung dieser Hände spüren, ihre Feinheit, die Wärme, die Sicherheit, die sie schon mit diesen sanften Berührungen versprachen. Sie glitten höher und streichelten den Hals, legten sich um die Kiefer, während die Daumen über mittlerweile glühenden Wangen strichen, als wollten sie die Hitze ableiten.

Lorenzo hatte die Augen geschlossen, als er Manuels Hände gegriffen hatte, er genoss die weiche Haut unter seiner, das Stakkato unter der hellen Haut, das er an den Gelenken spüren konnte, dass er am Hals noch deutlicher wahrnahm. Er öffnete die Augen, nur um sich in dem braunen schüchternen Blick zu verlieren.

„Ich werde dich beschützen Manuel, und dir die Zeit geben, die du brauchst, wenn du nur bei mir bleibst.“

Seine Finger streichelten das feine Lächeln. Dann zog er mit sanfter Gewalt den roten Schopf zu sich, küsste einen, dann den anderen Mundwinkel, verging in dem Prickeln, das die schüchternen Berührungen auslösten.

Die Tür ging auf und Chris platzte herein, das Handy wie ein schützendes Alibi vor sich haltend. „Uups, da störe ich wohl. Tut mir leid, bin gleich wieder weg.“

Manuel legte die Unterarme auf Lorenzos Schultern, als er sich zu Chris umwandte.

„Was ist denn passiert?“, wollte der Blonde etwas zerknirscht wissen.

„Du hattest für dich heute einen Tisch bei Giuliano reservieren lassen – er fragt, ob die Reservierung bleibt?“

Lorenzo drehte Manuels Kopf zu sich. „Lust auf Spanisch?“

Doch der verzog das Gesicht. „Ich hatte mich eigentlich auf was anderes gefreut.“

Lorenzo nickte, „Sag ab, Chris, und mach die Tür wieder zu – von außen.“, fügte er hinzu, als er den Schalk in den grünen Augen blitzen sah. Chris entschuldigte sich bei dem Mann am anderen Ende der Leitung und steckte dann das Telefon in die Tasche.

„Na, hatte Félice da ne Idee oder nicht?“ Verschmitzt schien der Dunkelhaarige auf eine Antwort zu warten.

„Warte mal, Herr Sekretär-der-seinem-Chef-alle-Anrufe-auszurichten-hat. Du wusstest das, deswegen ist Cassy nicht hier, ich kriege fast einen Herzkasper, weil ein Modell fehlt während mein Herr Sekretär die ruhige Kugel schiebt?“ Sein Blick wanderte zu Manuel zurück, er küsste ihn auf die Nase und grinste. „Die Überraschung ist gelungen. Aber wann hat denn Félice angerufen?“ Lorenzos Finger strichen über die Haut auf Manuels Rücken. „Du bist eiskalt, zieh dir fix was an.“ Er zog Manuels Kopf zu sich und flüsterte heiser, „Auch wenn’s schade ist.“

Dann ließ er Manuel los, der hinter dem Vorhang verschwand.

„Als du Odette abgewimmelt hast, die wird toben, hm? Nicht nur, dass du an ihrer statt einen süßen Kerl an der Hand hast.“ Chris grinste. „Mit den tollsten Beinen, die ich kenne und der mir sicher verraten wird, wie er die bekommen hat.“, sagte er extra lauter, dass auch Manuel das hören musste.

Der lachte nur und meinte, dass es zumindest einen Vorteil hatte, wenn man nur wenige Freunde hatte: Man hatte viel Zeit für sich selbst.

„Damit ist ja nun Essig, Kleiner. Lorenzo nimmt dich sicher in Beschlag, unterschreib mir vorher noch den Vertrag, in den ich reinschreiben werde, dass ich deinen Freund verklage, wenn er dir nicht die Zeit lässt, die du brauchst, um deine Haut so weich und makellos zu halten und die Beine so trainiert.“ Er zwinkerte Lorenzo zu, der gerade einen Damenstrumpf gefunden und nach Chris geworfen hatte. „Die Verträge mache immer noch ich, mein Lieber.“

„Okay, macht es euch noch nett. Morgen um halb elf – pünktlich.“ Chris ging wieder Richtung Tür. „Pünktlich, meine Herren – pünktlich. Alles andere wäre unprofessionell.“, trällerte er, ehe die Tür zuging.

„Bist du böse, weil ich Spanisch nicht mag?“ Unsicher verzog Manuel das Gesicht, der wieder in seine Hose und das Shirt geschlüpft war.

„Nö, aber ich will wissen, was du auserkoren hast.“ Lorenzo zog den jungen Mann wieder zu sich, legte das Kinn auf dessen Brust und blickte in die braunen Augen. Seine Finger gruben sich in die Gesäßtaschen der engen Satinhose.

„Unten in der Cafeteria hab ich total leckere Baguettes gesehen – mit Thunfisch, lecker. Ich sterbe für das Zeug.“, gestand er und verstand das Grinsen in Lorenzos Gesicht gar nicht. Was war denn an einem Baguette so witzig?

„Weißt du noch, warum ich das Kleid bei euch geholt habe – letzten Samstag?“

Manuel überlegte und war sich sicher, dass Lorenzo es ihm gesagt hatte, aber genau?

„Öhm – tut mir leid, vergessen.“ Immer noch grübelnd schob er seine Finger in das immer noch gegelte Haar.

Der Blonde lächelte sanft, zog Manuel noch fester gegen sich. „Odette hatte das Originalkleid mit einem Thunfischbaguette versaut – das war wohl irgendwie ein Schicksalsthunfischbaguette, hm? Denn dafür habe ich dich bekommen.“

Manuel grinste. „Schicksalsthunfischbaguette – so ein Blödsinn.“ Er stupste Lorenzo gegen die Stirn. Und doch musste er lächeln, als er in die verträumt wirkenden Augen blickte und sich langsam hinabbeugte, seine Lippen vorsichtig auf das andere Paar legte und die vorsichtig bettelnde Zunge in seinem Reich begrüßte. 



Unter dem Titel "Das letzte Foto" wird die geschichte von Lukas und Manuel weiter geführt werden, wegen ihrem Inhalt ist diese Geschichte aber erst ab 18 ....