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Nothing in common

Original/ Reale Welt/ Weihnachten [NC-14] [abgeschlossen]

[yune][lime]

Einteiler

Inhalt:
Jonas Jeremias van Kaldun Rothe ist der 16. Herzog auf Kaldun und seiner Familie verpflichtet. Nach einem Motorradunfall erholt er sich auf dem Familienlandsitz an der Nordsee. Er vermisst seinen Freund Jens, denn ihr letztes Treffen hatte nicht gerade angenehm geendet. Doch alles was er von ihm noch zu sehen bekommt, ist ein Abschiedsbrief …

Antwort auf die Liebesbrief-Challenge

 


 

Nothing in common – wir haben nichts gemeinsam …

„Jonas Jeremias! Wenn ich dich in der nächsten Stunde noch einmal von der Couch aufstehen sehe, dann brennt die Luft.“

Ich zucke zusammen, die Stimme meiner Mutter ist schneidend und duldet augenscheinlich keinen Widerstand, nicht mal Widerworte, so lasse ich mich wieder nach hinten sinken und ziehe mir mit dem nicht eingegipsten Arm wieder die Decke über den Körper. „Okay“, murmele ich noch, aber ich langweile mich zu Tode. Zwei Tage vor Weihnachten haben sie mich nach einem Motorradunfall wieder aus der Klinik entlassen und seit dem lässt mich meine Mutter nicht mehr aus dem Auge, egal ob ich 26 Jahre alt bin oder nicht. Sie tut im Augenblick so, als wäre ich sechs.

Eine Woche – eine geschlagene Woche – haben mich die Idioten da drinnen behalten und glaubten, das wäre zu meinem besten. Aber so ist das wohl mit adligen Privatpatienten. Schröpfen wo es nur geht. Na wie auch immer, solange es meine Eltern bezahlen, soll es mir gleich sein. Das einzige was mich störte, und wenn ich sage störte, dann meine ich das auch wirklich so: Jens, mein Freund, hat sich nicht einmal blicken lassen. Ob es ihm egal ist, was mit mir war? Okay, unser letztes Date endete nicht gerade wie im Bilderbuch, aber er muss doch wissen, dass ich nur überreagiert habe.

So liege ich wieder auf dem Kissen, auf der teuren Importcouch meiner Mutter in deren Landhaus an der Nordseeküste und starre durch das Panoramafenster hinaus. Weil mich meine Mutter selbst im Krankenhaus unter ständiger Kontrolle hatte, so bin ich noch nicht mal dazu gekommen, Jens anzurufen. Sie würde wohl in Ohnmacht fallen, wenn sie wüsste, dass er mehr als ein normaler Freund ist.

Ich bin der 16. Herzog von Kaldun, das höre ich fast täglich. So einer hat standesgemäß zu heiraten und nicht mit einem Kerl zu verkehren! Ich glaube, meine Mutter würde ausrasten, wenn sie wüsste, wo meine Präferenzen eigentlich liegen. Von meinem Herrn Vater mal ganz zu schweigen.

„Jonas, willst du noch Suppe?“

Wieder kommt sie durch die breite Flügeltür ins große Wohnzimmer und balanciert ein Tablett vor sich her. Eigentlich ist es immer Giselas Aufgabe, sich um mein leibliches Wohl zu kümmern. Seit ich aus dem Krankenhaus wieder da bin, macht das meine Mutter höchst selber.

Mein Herr Vater zieht es mal wieder vor, in irgendwelchen hochwichtigen Angelegenheiten auswärts zu gastieren. Aber als er erfuhr, dass ich entlassen wurde, wollte er die nächste Maschine nehmen. Dann habe ich hier zwei, die um mich herum schwirren wie die aufgescheuchten Hennen.

Die einzige normale ist Hilde, meine kleine Schwester. Eigentlich Hilde Liselotte. 24 Jahre, studierte Betriebswirtin und frech wie Dreck, aber sie hat immer zu mir gehalten, hat sogar für mich versucht Jens anzurufen, ohne zu wissen wer das eigentlich ist. Doch sie sagte mir, als sie mich dann am nächsten Tag wieder im Krankenhaus besucht hatte, dass die Nummern, die ich ihr aus dem Kopf gegeben hatte, nicht gestimmt haben mussten: unter beiden war kein Anschluss. Und zu allem übel hatte ich die Nummern nur auf meinem Privat-Handy und das hatte die Kollision mit der Landstraße leider nicht überstanden.

Ich hab also nicht mal Jens’ Nummer, ich muss warten, bis er sich meldet. Das ist eine bescheuerte Situation, sag ich euch. Verdammt, warum meldet er sich denn nicht!

„Jerry, warum sagst du denn nichts?“

Ich blicke von der brausenden See am Wintersanfang zurück zu meiner Mutter und lächle sie an. Sie kann ja nicht wissen, dass mir das Herz vor Sehnsucht vergeht.

„Hilde ist gerade gekommen, sie meinte, sie hätte was für dich.“

Ich stutze, Hilde hat was für mich? War sie ein Schatz und hat mir richtiges Essen gekauft? Einen Hamburger? Oder eine Pizza? Ein Döner würde es auch tun. Luxuspatient hin oder her, das Essen in einem Krankenhaus war immer gesund und das war selten schmackhaft.

Kaum dass meine Mutter das Tablett abgestellt hat und sich zu mir setzt, um mir durch die Haare zu streichen, da höre ich Hilde die weitläufige Treppe vom Foyer zum Wohnzimmer hinaufpoltern.

„Hey du tollpatschiges Tränentier, ich war in Hamburg und habe deinen Briefkasten mal leer gemacht.“ Sie wedelt mit einem Stapel Papier vor meiner Nase herum und meine Mutter macht den Hals neugierig lang.

„Was dagegen, wenn ich alleine lese?“, reiße ich meiner frech grinsenden Schwester das Bündel aus der Hand und so lassen mich beide wirklich alleine. Es hatte durchaus auch Vorteile krank zu sein, man bekommt was man will. Und da ich gerade Ruhe will, so schließen sich sogar die großen Flügel der Türen und ich habe endlich mal meine Ruhe. Ich sehe alles durch, – hauptsächlich Weihnachtspost – doch auf keinem der Briefe steht Jens’ Absender. Seufzend lasse ich alles sinken. Dieses Mal bin ich wohl wirklich zu weit gegangen.

Ein einzelner Brief, ohne Anschrift – ohne Absender, weckt mein Interesse. Den musste jemand persönlich eingeworfen haben. Meine Finger zittern, als ich ihn auffetze und die Schrift erkenne.

Jens!

Endlich!

Er hat mich doch noch nicht vergessen!

 

Hallo Jeremy,

nun habe ich zwei Stunden vor deiner Tür gesessen, nur um von deiner Nachbarin zu erfahren, dass du seit einer Woche nicht da bist. Ich hätte es wissen müssen, eigentlich ist es ja wie immer. Ich bin ja so ein Idiot zu glauben, du würdest, wie ich auch, unter unserem Streit leiden. Aber nein

 

Ungläubig lasse ich das Blatt sinken. Was sollte das denn jetzt? Leide ich nicht genug? Schließlich ist er an meinem aktuellen Zustand doch auch nicht gerade unschuldig! Er ist es doch, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht, der mir jegliche fremde Gedanken einfach unterbindet. Ich muss nur an Jens denken, da schlägt mein Herz wie wild und mein Mund wird trocken. Dass ich ihm so wehgetan habe, das kann ich auch heute noch nicht mit meinen Gefühlen vereinbaren. Es war nie meine Absicht gewesen. Warum versteht Jens das nicht?

Aufgeregt lese ich weiter und fürchte mich fast vor jedem weiteren Wort. Ich sollte nicht enttäuscht werden:

 

„Sicher läuft es wie jedes Mal, in den letzten 14 Wochen, seit wir uns kennen. Aber was du dir dieses Mal geleistet hast, Jonas Jeremias von Kaldun Rothe, das war eindeutig zu viel. Du schlägst mich, bezeichnest mich als schwules Schwein und lässt mich zur Krönung auch noch alleine dort hocken. Wenigstens die Rechnung hättest du begleichen können, aber nicht einmal das war ich dir wohl mehr wert.“

 

Ich muss hart schlucken. Das muss ich erst mal verdauen. Die Formulierung, die Jens gewählt hat, trifft zwar, was passiert war, aber sie tut trotzdem weh. Als würde alle Kraft aus mir schwinden, lasse ich den Brief sinken und muss wirklich mit mir kämpfen, dass mir nicht die Tränen laufen.

Männer weinen nicht, Junge. Da waren wieder die Worte meines Vaters.

Aber verdammt, mir ist nach heulen – laut und von Herzen. Ich hole mir den Abend zurück, als ich Jens das letzte Mal gesehen habe. Wir waren mal wieder im Maksim. Das erste Bier war noch nicht mal ganz leer, da wollte er auf die Toilette und ich wollte mit. Ich hatte ihm, wie an jedem anderen Abend auch, einfach nicht widerstehen können. Ich wollte nicht bis zuhause warten. Sonst achte ich zwar immer auf meine Tarnung und Diskretion in der Öffentlichkeit, aber da war mir alles egal. Ich bin Jens also nach und habe ihn geküsst, aber mit Hingabe.

Ich muss lächeln, als ich mich daran erinnere, wie überrascht er gewesen war. Doch was dann gefolgt war, war weniger schön gewesen. Die Tür ging auf und ein älterer Herr starrte uns an. Wie alles in mir ablief weiß ich bis heute nicht, aber ich trat Jens mein Knie in den Unterleib, dass er überrascht zusammen sank und beschimpfte ihn auf das Übelste, schwules Schwein, Drecksack … ich weiß gar nicht mehr, was ich ihm noch alles an den gesenkten Kopf geworfen habe.

Das nächste, an was ich mich dann wieder bewusst erinnerte, war ein Reh, das von meinem Scheinwerfer geblendet wie paralysiert mitten auf der Straße stand. Meine Maschine brach aus, ich verlor den Halt und …

Nun kann ich ein Schluchzen doch nicht unterbinden und höre meine Mutter fragen, ob alles in Ordnung sei. „Ja Mom, geht schon.“ Hey, so dünn wie meine Stimme gerade klingt, das glaube ich mir doch noch nicht mal selber. Und so wie ich meine Mutter kenne … lieber packe ich die Post unter die Decke und keine Sekunde zu früh. Mit einer großen Tasse von meinem Lieblingstee kommt sie wieder zu mir. „Ich bin mit Hilde unten im Pool, wenn was ist, ruf unten an, ja Schatz?“

Ich gebe zu, unter anderen Umständen hätte es mich gewundert, warum sie mich plötzlich doch aus ihren Fittichen entlässt, aber nicht jetzt. Ich muss weiter lesen. Ich muss. Es ist wie ein Drang zur Selbstzerstörung, ich weiß, dass dieser Brief mir nicht gefallen wird, aber ich muss einfach wissen, was Jens mir noch alles zu sagen hat. Kaum dass die Tür zu ist, ziehe ich das Papier wieder zu mir. Es ist etwas zerknittert und ich glätte es so gut es geht.

 

„Mann, Jeremy. Du bist wirklich das allerletzte. Und dann verpisst du dich einfach spurlos. Dein Handy ist seit einer Woche aus, bei dir geht keiner ran.“

 

„Jens, verdammt! Ich hatte doch gar keine Chance dir was zu erklären, du Idiot! Du hast mich ja nicht mal im Krankenhaus besucht!“, knurre ich. Eigentlich ist mir nach schreien zu mute, doch ich habe keine Lust meine Mutter, die mich gerade aus ihrer Geisel entlassen hat, auf die Idee zu bringen, wieder stundenlang neben mir zu sitzen. Ich würde sterben, wenn ich den Brief in Händen hätte und nicht lesen könnte.

Als ich tief durchatme, springt wohl auch mein Gehirn wieder an und ich erkläre mir selbst, dass Jens sicher gar nicht gewusst hat, dass ich einen Unfall hatte. Woher auch?

Und deswegen vergebe ich ihm und lese weiter.

 

„Ist das nicht krank? DU schlägst MICH und ICH Idiot laufe dir trotzdem noch nach (Hab’s wohl immer noch nicht begriffen, dass man Heten nicht bekehren kann) weil ich so fair sein wollte, dir ins Gesicht zu sagen, dass wir uns nicht mehr sehen werden.“

 

„Nein, was schreibst du da!“ Nun werde ich doch lauter. Jens konnte so was doch nicht einfach sagen?! Er konnte doch nicht einfach ... er konnte nicht! Nun ist es vorbei, mein letztes bisschen Beherrschung geht mit meinen Tränen den Bach runter und ich suche unter meinem Kissen ein Taschentuch, denn die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen und wollen keinen Sinn mehr ergeben. Jens behauptet, wir würden uns nicht mehr sehen! Das geht nicht – das geht einfach nicht. Dieser Mann ist mein Leben! Mein ein und alles! Ich hänge an ihm, dass es fast an Besessenheit grenzt!

Wieder bereue ich es zutiefst, dass ich mir seine Handynummer nie aufgeschrieben habe. Aus dem kaputten Handy bekomme ich nichts mehr an Informationen und gerade jetzt – in diesem Augenblick – habe ich den unbändigen Drang Jens anzurufen und anzubrüllen! Wie konnte der einfach so – nur wegen dieser einen Sache – sagen, wir würden uns nicht mehr sehen?! Das muss ein Scherz sein. Das kann nur ein Scherz sein! Voller Unglaube wandert mein Blick wieder auf das Papier.

 

„Erst da fiel mir eigentlich auf, wie wenig ich wirklich über dich weiß. Außer Name, Telefonnummern und Adresse weiß ich doch gar nichts über dich und dein Leben. Nicht wo deine Eltern wohnen, nicht wo du dich rumdrückst, nicht warum du dich an mich rangemacht hast. Rein gar nichts, Jeremy.

Traurig, nicht wahr?“

 

Traurig? Albern ist das! Total albern! Jens weiß so viel über mich! Doch jetzt wo ich versuche zu ergründen, was er alles weiß, da fällt mir bis auf das, was er aufgeschrieben hat, auch nichts ein. Aber so kann es doch gar nicht sein. Wir waren 14 Wochen zusammen – es waren die schönsten meines Lebens, auch wenn ich mich noch nie so oft versteckt habe und so oft gelogen. In mir drinnen war es ruhig und ausgeglichen und Jens ist der wundervollste Mensch, den ich kenne. Er ist es immer noch. Ich merke, wie mir die Tränen wieder in die Augen steigen und doch versuche ich weiter zu lesen …

 

„Aber wie auch immer, es kann nur noch besser werden. Ich verpisse mich aus deinem Leben, wie du dich aus meinem verpisst hast. Ohne dass wir uns noch einmal sehen. Keine Sorge, so verzweifelt, dass ich mich für dich egoistisches, verlogenes Arschloch“

 

Das sieht er in mir? Ein Arschloch? Ich dachte wir lieben uns?

Ich habe es immer für ein blödes Wortspiel gehalten, poetisch und nicht haltbar, doch jetzt weiß ich, wie sich ein Herz anfühlt, wenn es bricht. Ich spüre es tief drinnen in meiner Brust, wie jede einzelne Scherbe sich in mein Fleisch schneidet. Ich kann nicht anders und drücke den Brief fest gegen meine Brust, als könnte das den Schmerz aufhalten. Die Knie angezogen lasse ich den Kopf darauf sinken.

„Egoistisches, verlogenes Arschloch“, wiederhole ich immer wieder für mich, so als müsste ich es in meinem Kopf erst übersetzen, um den Sinn zu begreifen und so ist es auch. Was redet Jens da? Egoistisch? Warum? Hab ich denn wirklich nur an mich gedacht?

Schluchzend lege ich den Kopf wieder in den Nacken, diese verspannte Haltung mag mein geschundener Körper gar nicht. Ich muss mich hinlegen, denn der Kopf fängt an, sich zu drehen.

Zugegeben, verlogen muss ich mich selber nennen. Für meine Liebe habe ich meine Eltern belogen und für mein Ansehen habe ich meine Liebe verleugnet. Ich bin wohl wirklich ein Arschloch. Jens hat schon ganz Recht. Die Erkenntnis für mich schmerzt entschieden weniger, als die Tatsache, dass Jens es genauso sieht.

„Egoistisches verlogenes Arschloch.“

 

„umbringe, bin ich nicht. Ich mache nur was Anna mir geraten hat: ich lasse alles hinter mir und fange mit meinem großen Traum ganz neu an … ich hatte dir mal davon erzählt, aber wie ich dich kenne, weißt du sowieso nicht wovon ich rede. Wusstest du, dass ich außer einem Arsch und einem Schwanz noch andere Körperteile besitze?“

 

Autsch, das tut weh! Aber ich habe es wohl wirklich verdient. Während ich Jens’ Worte gelesen habe, habe ich mal überlegt, welchen Abend wir zusammen weg waren und hinterher keinen Sex hatten. Es gab keinen – warum auch? Ich bin verrückt nach diesem Mann! Ich will ihn bei mir haben – Tag und Nacht und dazwischen auch noch! Ist es denn da so schlimm, dass man den anderen spüren möchte? Jens, jetzt bist du wirklich nicht fair! Ich konnte dir noch nie widerstehen und das weißt du genau. Du hast dich auch nie dagegen gewehrt!

Noch einmal lese ich die letzten Zeilen und versuche seinen Worten entgegen zu wirken, indem ich mich daran erinnere, was Jens’ größter Traum gewesen war. Verdammt, mein Rotschopf kennt mich besser als ich mich selber, denn ich erinnere mich wirklich nicht. Die Kopfschmerzen sind, bei meinem Versuch zu retten was noch zu retten ist, auch nicht gerade hilfreich. Allerdings habe ich striktes Medikamentenverbot. Im Krankenhaus hatten sie mich so zugedröhnt, dass mein Körper erst mal etwas entgiften muss, wie mir der behandelnde Arzt mitteilte. Ja, so läuft das – man geht in ein Krankenhaus und hinterher gleich in den kalten Entzug.

Kalt.

Genau das trifft es ganz gut. Ich fühle mich kalt und so hilflos. Ich weiß nichts von Jens, ich weiß nicht, wo er ist, kann ihn nicht erreichen und komm hier auch nicht weg. Ich will ihm so viel sagen, ihn anbrüllen, ihn streicheln – alles auf einmal. So ziehe ich die Decke nur um mich dichter und rolle mich auf meinen Kissen zusammen. Den Gips lege ich so, dass der Arm ruhig liegt und lege den Brief darauf, damit ich alles lesen kann, was Jens mir zu sagen hat. Denn langsam habe ich das Gefühl, ich habe ihm nie wirklich zugehört.

 

„Anna hat wirklich Recht gehabt.“

 

Habe ich schon erwähnt, dass ich Anna Katrin Kramer nicht leiden kann? Diese Sozialpädagogik-Studentin, die glaubt, mit ihrem pseudo-intellektuellen Gelaber die Welt verbessern zu können? Ich habe nicht verstanden, warum ein intelligenter junger Mann wie Jens so was als seine beste Freundin bezeichnet – ich mag sie nicht, sie mag mich nicht. Die Fronten sind klar. Wohl mit einem Unterschied: ich habe nie auf Jens eingeredet, sie in die Wüste zu schicken, was ich von Miss Kramer leider nicht behaupten kann. Das Resultat dessen halte ich wohl in Händen und kann mich nur bei ihr bedanken.

Ich strecke eine Hand nach meinem Tee aus und befeuchte den Mund. Er wurde in den letzten Minuten immer trockner, so wie mein Atem in Aufregung immer schneller wurde.

 

Ein Kerl, der nicht dazu stehen kann, dass er sich durchaus auch gern mal von einem Typen bedienen lässt und der fürs Ego und sein Image dann doch immer wieder eine Frau mir vorzieht, weil ein Schwuler an seiner Seite ja nicht tragbar ist, von dem sollte man nicht zu viel erwarten. Du wusstest doch nur wo ich wohne, wenn du was zum Ficken brauchtest. Sonst war ich für dich ja nicht zu erreichen. Ins Kino gingst du lieber mit deiner Vorzeigeblondine, ins Kaffee lieber mit ein paar Kumpels – freilich alle hetero und die besten Aufreißer der Stadt, schon klar.“

 

Langsam lasse ich mich aus meiner seitlichen Haltung auf den Rücken sinken. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, was ich von diesen Worten halten soll. Ich bin oberflächlich, weil meine Freunde mit ihren Aufrissen angeben? Oder hat er immer noch nicht begriffen, dass es in unseren Kreisen eben einfach nicht schicklich ist, sich im gleichen Geschlechtsfeld umzusehen? Ich muss doch auch an die Familie denken! Ich kann doch nicht nur für mich alleine leben. Und außerdem wusste Jens das genau, als wir uns damals begegnet sind, er hat dem zugestimmt und jetzt macht er mir das zum Vorwurf? Da läuft aber was nicht richtig!

Ein seltsames Gefühl macht sich in mir breit. Die Enttäuschung schlägt um, ich spüre es genau. Wut fängt an, in mir zu wachsen. Wut darüber, dass ich hier liegen muss und Jens nicht alles ins Gesicht schleudern kann, was sich gerade in mir nach oben arbeitet.

Da hebt der Kerl seine Anna in den Himmel, was sie doch alles weiß und was sie doch alles sagt und im gleichen Atemzug, da zieht er Giuseppe und Thomas in den Dreck! Aber so nicht, Herr Berger! Ich atme tief durch und stoße die Luft schnell aus, dass ein pfeifender Laut entsteht und brauche wirklich ein paar Minuten, bis ich mich wieder gefasst habe. Ich meine, viel tiefer kann Jens ja nun eigentlich nicht mehr schlagen, es war doch fein säuberlich alles abgedeckt. Also fällt mir das Weiterlesen langsam nicht mehr so schwer.

 

„Oh Mann, Jeremy, nun sitze ich hier, gebe gleich den Schlüssel zu meiner Wohnung an den Vermieter ab (in vier Stunden geht mein Zug) und obwohl sie leer ist, erinnere ich mich noch an alles. Es gab wohl keine Ecke in dieser kleinen Dachwohnung, die wir nicht genutzt und gezeichnet haben. Wenn Wände reden würden, ich müsste sie abreißen lassen. Wenn mein Nachmieter wüsste …

Wie auch immer.“

 

„Wie auch immer!?“

Wie ein Springteufelchen aus seiner Kiste schnelle ich hoch und mein Arm protestiert gegen diese Behandlung. Ich muss die Zähne zusammen beißen. Ich glaube, ich sollte wirklich vorsichtiger sein, wenn ich nicht will, dass der Bruch schief wächst.

„Wie auch immer?“, wiederhole ich die Worte wie ein Mantra. „Du erzählst mir hier gerade ganz nebenbei, dass du deine Wohnung aufgeben hast.“ Ich kann es nicht glauben und starre auf das Papier. Aber da stand es eindeutig. Schlüssel abgeben – Nachmieter … ich kann’s nicht glauben. Da hatte der Kerl, den ich liebe, meinen Krankenhausaufenthalt genutzt, um seine Bude zu räumen. Und verdammt noch mal, wohin ging denn bitteschön sein Zug? Seine Eltern wohnten gleich um die Ecke, da lag nicht mal eine Station der Straßenbahn dazwischen. Wo fuhr also sein Zug hin?

Wie in Rage lese ich also auch den Rest noch … doch …

 

„Vielleicht war es gut, dass du heute nicht da warst, sonst hätten mich deine rehbraunen, unschuldigen Augen vielleicht wieder überredet, alles was ich in den letzten Wochen erreicht habe, hinzuwerfen, einzureißen und doch hier zu bleiben. Aber da du dich sowieso schon wieder irgendwo vergnügst, muss ich auch kein schlechtes Gewissen haben. Wo bist du dieses mal? Mit Simone auf Mallorca? Mit Isabelle auf Teneriffa? Ehrlich gesagt ist es mir auch egal, Jeremy. Fakt ist, du bist nicht da, du hast dich für das, was du getan hast, nicht entschuldigt und du hast mir einmal zu oft wehgetan. Warum ich dich eigentlich besuchen wollte, wirst du dich fragen … ganz einfach.

Tschüss wollte ich sagen …

Tschüss und ein schönes Leben noch, Jens

Wir hatten sowieso nichts gemeinsam – das wäre doch nie gut gegangen. Gegensätze ziehen sich an, ja … aber es ist nichts für die Ewigkeit. Wenn der Reiz raus ist, bleibt nichts.“

 

Nichts!

Ich drehe das Blatt herum. Doch die Rückseite ist leer. Auch wenn ich mich genau erinnere, dass der Umschlag sauber gewesen war, so ziehe ich ihn doch noch einmal zu mir und untersuche jeden einzelnen Zentimeter. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Jens war weg! Er war weg aus seiner Wohnung, das erklärte allerdings auch, warum Hilde niemanden unter den Telefonnummern erreicht hatte. Sollte Jens soweit gegangen sein und auch die Handynummer getauscht haben? Ich weiß, dass er mir mal ganz am Anfang sagte, dass er so was in betracht ziehen würde, wenn er von einem Menschen die Nase voll hätte … und diese Erkenntnis trifft mich wie ein Blitz, fährt durchs Hirn und durchs Herz bis in den Unterleib und die Zehen.

Er hat die Nase voll von mir. Er kotzt sich hier noch mal so richtig aus, ich bekomme keine Chance mich zu erklären und dann verpisst sich der Typ einfach und sagt mir nicht mal wohin?

„Oh nein, Jens Berger. Du machst es dir gerade zu leicht. Du weißt genau, dass ich nicht locker lasse, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle“, zische ich leise und schwinge die Füße aus dem Bett.

„Nichts für die Ewigkeit!“, knurre ich leise. Da warf der Kerl einfach meine Träume über den Haufen, trat meine Liebe mit Füßen? Okay, ich war handgreiflich geworden – aber ich hätte mich entschuldigt, wenn ich nur in irgendeiner Form die Möglichkeit gehabt hätte. Aber wenn keiner ans Telefon geht?! Ich bin doch nicht alleine daran schuld, verdammt noch mal.

„Nichts gemeinsam?“ Kann ja sein, dass wir wirklich nichts gemeinsam haben, außer das wir beide Kerle sind, aber ich will Jens nicht aufgeben! Ich habe durch ihn erst begriffen, wo ich hingehöre, nämlich an seine Seite. Ich hätte mich ändern können! Ganz bestimmt, aber er hat mir ja nicht mal die Chance gegeben!

Nein, das kann ich einfach nicht auf mir sitzen lassen. Ich brauche Klarheit und zwar jetzt. Er kann nicht einfach so für mich mit entscheiden, so geht das aber nicht.

Nun wo ich aufrecht sitze, kommen die Gedanken wieder klarer. Also wo sollte ich anfangen, wenn ich Jens finden wollte? Ich greife mir den zerfetzten Umschlag und einen Stift. Meine andere Post interessiert mich nicht die Bohne. Sollte sie vergammeln, ich habe andere Sorgen.

Ich schreibe auf: Telefon – Adresse und streiche es gleich wieder durch. Denn das muss ich gar nicht erst versuchen. Wo konnte ich es noch probieren?

Eltern – Freunde – Ausbildungsstelle

Freunde streiche ich gleich wieder durch. Wenn eines Sache klar ist, dann, dass ich von Sozialpädagogik-Studentin Anna Katrin Kramer ganz bestimmt nicht erfahren würde, wo Jens ist. Es würde dieser Schrulle doch ein Vergnügen sein, mich betteln zu sehen. Und verdammt, ich würde sogar betteln, wenn sie es mir verraten würde. Aber ich kenne Anna zu gut.

Bleiben also noch Jens’ Eltern und der Betrieb, wo er vor zwei Wochen seine Ausbildung als Werbekaufmann abgeschlossen hatte. Vielleicht wissen die ja, wohin es ihn verschlagen hat. So lehne ich mich wieder hinten über und lasse meinen schmerzenden Kopf sich anstrengen. Es kann doch so schwer nicht sein, sich an Dinge zu erinnern, die mir mein Freund gesagt hat. Ich weiß genau, wo er seine Ausbildung gemacht hat, ich weiß es. Und jetzt wo ich es brauche, da fällt es mir natürlich wieder nicht ein. Aber lieber zermartere ich mir jetzt das Hirn, als dass ich beschämt bei seinen Eltern anrufe. Die wissen sicher auch bescheid.

„Mil … Mal … Mam … Mim … Miminger!“, platzt es plötzlich aus mir heraus und ich spüre wie mein Herz einen kleinen Freudenhüpfer macht. Von wegen, ich würde Jens nicht zuhören! Ich wusste wieder wo er seine Ausbildung gemacht hat.

Miminger Art.

Genau, so hieß das Büro. Miminger Art in der Jahnstraße. Ich bin stolz auf mich selber, lasse es aber, mir auf die Schulter zu klopfen. Die eine würde es mir übel nehmen, wenn ich sie bewege, die andere würde es mir übel nehmen, wenn ich mit dem Gips auf sie einschlage.

„Okay, Miminger Art – Miminger Art“ murmele ich immer vor mir her, während ich mich ganz langsam erhebe und versuche nicht umzufallen, weil mein Kreislauf darauf gar nicht eingestellt ist. Wenn meine Mutter kommt und mich so sieht, sie flippt aus. Ganz langsam, damit mir auch ja nichts passiert, hangle ich zum Sekretär meiner Mutter, der neben dem großen eingefassten Kamin steht und suche das Telefonbuch, greife das Telefon und bin ehrlich gesagt froh, als ich wieder sitze. Ein Blick auf die Wanduhr zeigt mir, dass ich an einem Mittwoch durchaus davon ausgehen kann, dass um viertel nach zwei noch jemand im Büro anzutreffen ist. Meine Finger zittern wie Espenlaub, als ich die Seiten aufschlage und zu suchen anfange. Erst in der falschen Stadt, dann in der richtigen – da!

Ich habe sie gefunden und muss nochmals tief durchatmen, um mich etwas zusammeln. Was will ich sagen? Guten Tag, ich bin Jonas Kaldun, ich suche Jens Berger? Zumindest enthält es alle Informationen, die für mein Gegenüber wichtig waren. Nach drei, vier Mal lesen kann ich die Nummer auswendig und tippe sie dann ein. Die Anspannung in mir wächst geradezu ins Unermessliche. Wen mein Arzt wüsste, wie ich mich gerade entgegen seiner Verordnungen aufrege, er würde mich sofort wieder einweisen und unter Drogen setzen.

„Miminger Art and Product Design. Binder, was kann ich für sie tun?”, höre ich es am anderen Ende und merke erst, dass ich den Atem angehalten haben muss, als ich kaum noch Luft bekomme.

„Ah ja.“

Klasse, Jeremy, was für eine Aussage!

„Guten Tag, mein Name ist Jonas Kladun und ich bin auf der Suche nach Jens Berger. Können sie mir da weiter helfen?“ Nun habe ich doch diesen komischen Spruch gebracht und möchte mir innerlich vor den Kopf schlagen. Doch die nette Dame am anderen Ende wird etwas unruhiger.

Ich denke mir schon meinen Teil und als sie mir höflich aber bestimmt erklärt, dass Herr Berger darum gebeten hätte, Herrn Kaldun keine Auskünfte zu erteilen, sie einen guten Tag wünscht und auflegt, da weiß ich, dass ich Jens wohl mehr verletzt habe, als ich mir vor Augen führen kann. Er hat ausdrücklich seinen alten Arbeitgeber gebeten, mir – Herrn Kaldun – keine Auskünfte zu erteilen.

Das war ein Schlag in den Magen, als ich das Telefon sinken lasse und leise noch ein „Ja danke“ murmele. Jens will nicht, dass ich ihn finde!

Das darf doch alles nicht mehr wahr sein. Wie stellt mein Feuerkopf sich das vor? Wirft mir hier ein paar Brocken ihn, die mir hart zugesetzt haben und lässt mir nicht den Hauch einer Chance, dass ich mich wehren kann, dass ich auch von mir werfen kann, was mich bedrückt. Denn es ist wirklich alles andere als einfach, immer den Spagat zwischen Familie und Liebe zu packen. Verdammt, ich war überfordert. Jens war … nein verdammt Jens ist mein erster Freund! Ich musste eine Menge lernen und hatte eigentlich doch gar nicht die Zeit.

Über meine Grübeleien streiche ich Ausbildungsstelle von meiner Liste und starre nun auf das Wort, das mit Bauchschmerzen bereitet, mehr noch als die Tatsache, dass Jens weg ist.

Aber es hilft ja alles nichts. Wenn ich meinen Freund finden will, um wenigstens noch einmal mit ihm zu reden, dann muss ich jetzt diesen Weg gehen und seine Eltern um die neue Anschrift bitten. Vielleicht kann ich ihnen ja erklären, was passiert ist und wie es in mir aussieht.

„Der erste Eindruck ist der bleibende, Junge“, intoniere ich die Stimme meines Vaters und bin schon wieder total demotiviert. Die Motivation sinkt noch ein ganzes Stück tiefer, als ich sehe, wie viele Bergers es in Hamburg gibt.

Und wieder einmal stelle ich fest: es wäre schön, wenn ich mehr über Jens wüsste. Zum Beispiel die Straße, in der seine Eltern wohnen.

Etwas resigniert stelle ich fest, dass ich zwei Optionen haben. Entweder rufe ich alle Bergers an und versuche einen Jens zu sprechen, in der stillen Hoffnung, dass es nur einen Jens Berger gab. Oder ich nehme den Stadtplan, checke die Straßen und streiche was nicht in Frage kommt. Da meine Couch aber für den großen Stadtplan entschieden zu klein ist, obwohl sie schon keine Standardmaße hat, beiße ich in den sauren Apfel und fange an, mich von oben durch die Liste zu telefonieren. Zweimal nimmt keiner ab, dreimal höre ich dass es keinen Jens bei ihnen gebe und dann höre ich den Satz, den ich heute schon einmal um die Ohren geschleudert bekommen habe.

Tja, jetzt weiß ich wo seine Eltern wohnen – und ich weiß, dass sie nicht mit mir reden wollen und dass ich keinen Schritt weiter bin als vor ein paar Minuten.

All die Wut und die Enttäuschung und der Unglaube in mir schlagen langsam in Resignation um. Jens hat so perfekt hinter sich aufgeräumt, mit so viel Nachsicht und Akribität, dass ich langsam spüre, wie sehr er mich hassen muss und wie endgültig es ihm wohl ist. Aber davon lasse ich mich nicht aufhalten, während ich auch Familie von meiner Liste streiche.

Mein nächster Gedanke ist die Post, Jens musste Nachsendeaufträge hinterlassen haben. Aber das Wort Postgeheimnis sagt selbst mir was. Aus denen würde ich nichts rausbekommen. So schreibe ich es gar nicht erst auf meine Liste. Ich hätte es jetzt sowieso durchgestrichen. Alles was mir bleibt ist mich wieder unter meine Decke zu verkriechen. Mein Kopf weigert sich einfach noch mehr Möglichkeiten auszuspucken, an welchen Orten ich meinen Freund noch suchen sollte.

Was weiß ich bis jetzt?

Jens ist umgezogen – raus aus der Stadt, dort hin fahren Züge – seine Eltern reden nicht mit mir, seine Freunde nicht, sein Chef nicht. War sein Chef noch sein Chef? Ich weiß dass Herr Miminger Jens gern übernommen hätte, er machte mehr als gute Arbeit. Aber ich kann mich beim besten Willen nicht dran erinnern, ob Jens mal erwähnt hat, ob er nicht wo anders einen Job gefunden hat.

Verdammt noch mal! Warum weiß ich nur so wenig über den wichtigsten Menschen in meinem Leben? Dann kann er mir doch gar nicht so wichtig sein, wenn ich so wenig weiß. Und diese Erkenntnis zieht mich noch tiefer.

Und als hätten diese mentalen Tiefschläge nicht gereicht, da steht plötzlich, als hätte sich der Boden aufgetan, mein Vater vor der Couch. „Wie geht es dir, Jonas Jeremias?“ Ja, er hat die Angewohnheit mich bei meinem vollen Namen zu nennen. Ein Wunder, dass er mir nicht auch noch meine beiden Nachnamen auftischt. Doch ich lächle ihn nur an.

„Danke, Papa, Mutti hat sich gut gesorgt. Mir geht’s gut.“

Doch er sieht mich an, kommt etwas näher an mein Gesicht. „Du bist blass, Jonas Jeremias.“

Ja, so was soll vorkommen, wenn man gerade aus dem Krankenhaus kommt nach einem Verkehrsunfall. Doch ich verkneife mir meinen Sarkasmus. „Komm schnell wieder auf die Beine, Jonas Jeremias. Du stehst kurz vor deiner Prüfung zum Volljuristen und du sollst in meine Kanzlei einsteigen.“

Ja, das höre ich auch nicht zum ersten Mal – na ja, heute schon. In sieben Monaten habe ich mein zweites Staatsexamen und er geht mir heute schon auf die Nerven! Genau genommen schon seit einem Jahr. Dabei habe ich gerade wirklich andere Sorgen. Ich muss Jens finden und mit ihm reden!

„Ja ja“, murmele ich nur. Hat er denn gerade keine anderen Sorgen? „Hilde und Mama sind im Pool, falls du sie suchst.“ Aber die Tür straft mich Lügen, als auch Mutter und Hilde plötzlich zum Krankenbesuch antraben und die Familie nun vollzählig ist. Ich hätte mir schöneres vorstellen können, denn mein Kopf dreht sich wie ein Kreisel und ich kann keinen einzigen Gedanken fassen.

Jens ist fort, will mich nicht mehr sehen, er hasst mich sicher, so wie er die Spuren verwischt hat. Und meine Familie hat sechs wache Augen auf mich gerichtet und lässt mich nicht in meiner Verzweiflung baden, dass ich aus ihr empor steigen kann, wie Phönix aus der Asche.

Aber nichts da – Hilde und Mutter diskutieren gerade, ob nun Hühnersuppe besser wäre, oder ein kräftiger Eintopf. Nichts könnte mir im Augenblick gleichgültiger sein. So drehe ich mich nur zur Seite.

Geht alle weg!, denke ich mir immer wieder, aber sie kennen kein Erbarmen. Hilde quetscht sich zu mir auf die Couch und Mom und Dad stehen nun da und gucken auf mich hinab. Ich weiß, dass ich ihnen noch eine Antwort schuldig bin, denn sie wissen noch immer nicht, warum ich mit 150 Sachen – das hatte der Tacho gezeigt, als die Maschine an den Baum knallte und ich zum Glück auf dem Feld austrudelte – über die Landstraße gezischt bin. Bis jetzt habe ich immer abgelenkt. Aber da meine teure Kawasaki, mein Geburtstagsgeschenk zum 25., jetzt leider nur noch Schrottwert hat, wird mein Vater da auch nicht locker lassen.

Ich will ihn nicht an lügen, aber die Wahrheit? Dass ich mit meinem Freund gestritten habe und dass ich ein Problem damit habe, dazu zu stehen, dass ich mindestens bisexuell bin, wenn nicht sogar schwul? Dann kann ich mich auch gleich aus dem Testament streichen. Das wäre nicht das schlimmste, Geld habe ich genug auf meinen Konten. Aber die Familie würde sich von mir abwenden, ich bringe Schande über sie und die Blutlinie!

So wie mein Cousin Alexander. Der lebt jetzt in Kopenhagen mit seinem Mann; seine Eltern haben Alex verstoßen. Ich bin mir eigentlich sicher, dass meine Eltern mich lieben, aber der Ruf und das Ansehen ist ihnen wichtig. Ich weiß nicht, ob es ihnen wichtiger ist als ihr Sohn, aber ich will es auch nicht ausprobieren.

„Morgen werden Gisela und ich den Weihnachtsbaum anputzen“, will meine Mutter ein ungezwungenes Gespräch anfangen. Doch es gelingt ihr nicht. Mein Vater blickt mich weiter erwartungsvoll an, Hilde macht sich immer breiter und ich selber habe weiß Gott andere Sorgen, als eine dämliche Tanne, die mit bunten Kugeln behängt werden soll.

„Ja, Josephine, mach das“, höre ich meinen Vater sagen. Ich sehe ihm an, dass ihm etwas auf den Nägeln brennt. Wir wissen beide, was es ist und deswegen drehe ich mich auch ganz galant um. Ich weiß immer noch nicht, was ich ihm sagen soll.

Aber ich sollte keine Zeit mehr bekommen darüber nachzudenken. „Nun, Jonas Jeremias. Du hast uns noch etwas zu erklären. Die Schonfrist ist vorbei.“

Ich atme tief durch und blicke mitleiderhaschend auf meine Mutter. Es wirkt, denn sie redet nun auf meinen Vater ein, dass er mich doch erst mal richtig zu mir kommen lassen soll und dass das immer noch später geklärt werden könne. Doch er gibt leider nicht nach, will wissen, was mich dazu gebracht hätte und ob er mir nicht immer gesagt hätte, ich solle vorsichtig fahren.

Ja ja!, denk ich noch so bei mir. Hast du gesagt. Und wie erkläre ich euch, dass ich mich mit meinem Geliebten gestritten habe und dass er jetzt spurlos verschwunden ist und dieser lumpige Brief alles ist, was mir von ihm geblieben ist?

Als meine Mutter die Augen aufreißt und mein Vater die Brauen senkt, da weiß ich, dass ich das nicht nur gedacht, sondern wohl auch vor mich hin gemurmelt habe. „Erkläre dich“, fordert mein Vater mit Strenge und ich kann nur noch hart schlucken. Wenn es jemals einen schwarzen Tag in meinem Leben gegeben hat, so wohl dieser hier.

Jens ist weg und jetzt, wo sowieso alles vorbei ist, da muss ich mich noch verquatschen. „Junge, rede. Was sollte das gerade? Geliebter?“ Das angewiderte Gesicht trifft mich aber seltsamerweise nicht so hart, wie ein paar von Jens’ Worten. Zur Not kann ich immer noch zu Alex nach Kopenhagen. Komisch, seine Adresse konnte ich mir merken, die von Jens’ Eltern nicht.

„Jonas Jeremias, ich warte.“ Nur mein Vater spricht. Meine Mutter blickt mich an, als versucht sie in mir zu lesen und Hilde rutscht etwas zur Seite. Ob es ist, weil sie sich schämt oder weil sie will, dass Vater mich besser sieht, weiß ich selber nicht. Aber ich fühle mich alleingelassen und das tut weh. Doch da muss ich jetzt durch.

Also setz ich mich auf, so gut es eben geht und blicke meinem Vater entgegen. „Ja, du hast richtig gehört. Ich war die letzten drei Monate mit einem Mann zusammen, einem verdammt tollen. Und wir haben Krach und ich bin losgefahren, um mir den Kopf frei zu fahren. Leider war ein Reh auf der Straße und das Ende vom Lied kennt ihr.“

Der Blick meines Vater spricht Bände: die teure Maschine wegen einem Homo zerfahren. „Ich komme für den Schaden an der Maschine auf.“ Plötzlich fühle ich mich mutig, vielleicht weil mein Vater noch nichts gesagt hat, und so nutze ich einfach mein Hoch und rede weiter. „Von Jens Berger wollte ich mich eigentlich nicht trennen. Aber weil ich mich nach unserem Streit nicht gemeldet habe, hat er die Konsequenzen gezogen. Er hat seine Wohnung aufgelöst und ist verschwunden. Und ich sitz hier und werde wahnsinnig, weil ich ihm noch so viel sagen …“

„Schweig, Jonas Jeremias!“ Oh, mein Vater kann auch laut werden und jedes Mal wenn er es tut, dann ist es besser man hält die Luft an. „Ich will von diesen Perversitäten nichts mehr hören. Bringst dich fast um wegen einer Schwuchtel. Gut dass der Kerl verschwunden ist, ich …“

Dad“, höre ich mich sagen. Das erste Mal, dass ich meinem schreienden Vater widerspreche – und das nach 26 Lebensjahren! Aber dieses Mal habe ich einen Grund! „Jens ist keine Schwuchtel, er ist ein netter Kerl und ich liebe ihn. Daran …“

„Junge, mach uns doch nicht unglücklich.“ Meine Mutter fängt nun auch noch an, auf mich einzureden und ich bin insgeheim Hilde dankbar, dass wenigstens sie sich da raus hält. „Denk doch auch mal an die Familie. Vielleicht war es Schicksal, dass er weg ist. Du solltest es vergessen und dich wieder deiner Familie und deinem Studium widmen. Du verbaust dir doch deine ganze Zukunft.“

Die Kopfschmerzen nehmen latent zu, je mehr ich mir diesen Schwachsinn anhören muss. Sie kennen Jens gar nicht und wollen mir einreden, er wäre nicht gut für mich. So schalte ich nur auf stur, lasse mich hintenüber fallen und bette den Arm demonstrativ auf meinem Bauch. Es ist unhöflich, aber ich würdige keinen von beiden einer Antwort, sie waren ja auch nicht gerade höflich. Mir vorschreiben zu wollen, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich hätte dieses Gespräch schon viel früher führen müssen – dann wäre Jens jetzt noch bei mir, weil ich mich nicht mehr verstecken müsste! Aber ich Feigling hab’s ja nicht gebacken bekommen. Und nun liege ich hier und sinniere darüber, was gewesen wäre wenn … wie pathetisch!

Plötzlich ereilt mich ein Geistesblitz – keine Ahnung woher er kommt. Er ist einfach da. Wie ein Stern in dunkler Nacht: „Klaus Krüger Grafic School in Berlin!“ Das war’s! Das war Jens’ großer Traum, dort angenommen zu werden. Er hatte sich dort beworben und bis heute weiß ich gar nicht, ob er angenommen wurde.

Ich bin also gar nicht so schlecht wie Jens dachte. Ich habe mich daran erinnert, wenn auch etwas spät. Ohne meinen Vater eines Blickes zu würdigen, erhebe ich mich wieder und ziehe das Telefonbuch zu mir, bis mir aufgeht, dass im Hamburger Telefonbuch nicht wirklich Berliner Telefonnummern zu finden sein dürften.

„Haben wir keins von Berlin?“, will ich ganz aufgeregt wissen. Ich habe endlich meine erste heiße Spur, die darf ich gar nicht erst abkühlen lassen. Mein Herz schlägt wie verrückt und selbst der hämmernde Schädel kann mich in meiner aufkeimenden Euphorie nicht bremsen.

Doch mein Vater nimmt mir einfach das Buch weg und mit Wucht geht es auf Mutterns gutem Perser zu Boden. „Jonas Jeremias. Ich erlaube nicht, dass du dieser Schwuchtel hinterher läufst. Du siehst doch, was es dir eingebracht hat.“ Zorn springt aus seinen Augen und er macht allein mit Worten klar, dass er keinen Widerspruch duldet. Aber ich bin 26 Jahre alt, ich sollte langsam selber wissen, was ich tue und was ich mir vorschreiben lasse.

„Nein Vater. Ich werde Jens suchen. Ich muss wenigstens noch einmal mit ihm …“

„Das wirst du lassen!“ Nun mischt sich auch noch meine Mutter ein. „Was sollen denn die Leute sagen, wenn das rauskommt?“

Genau auf diesen Kommentar habe ich gewartet und grinse sie an. Eigentlich ist mir gar nicht nach grinsen. Ich hätte nicht gedacht, dass auch meine Eltern so oberflächlich sind. „Ist das dein einziges Problem, Mom? Was die Leute denken? Das es mir dreckig geht, weil etwas ungeklärt ist was mir auf der Seele brennt, das interessiert hier keine Sau, kann das sein?“ Auch ich werde langsam laut und Hilde schleicht sich aus dem Zimmer. So ging es bei uns noch nie zu. Harmonie war das oberste Gebot.

„Mäßige deinen Ton, Jonas Jeremias! Bedenke deinen Stand.“ Man sieht meinem Vater an, wie schwer es ihm fällt, sich zu beherrschen. Eigentlich könnte ich ihn für so viel Selbstbeherrschung bewundern. Aber im Augenblick kotzt mich alles an – am meisten dass ich hier auf der Couch liege und nicht weg kann!

„Ich scheiß auf meinen Stand, ich will zu Jens.“ Mir ist selber durchaus bewusst, dass ich mich wie ein Kleinkind aufführe, aber ich bin so sauer, dass ich es kaum im Worte fassen kann. Die Leute! Der Stand! Der Scheiß war wichtig. Und der eigene Sohn? Okay, Cousin Alex war das beste Gegenbeispiel und ich schüttele nur noch resigniert den Kopf. Ich muss gesund werden, so schnell wie möglich.

„Ich bin in meinem Arbeitszimmer“, höre ich meinen Vater noch sagen, als er, wie Hilde schon vor ihm, einfach durch die Tür entschwindet. Für ihn ist das Thema vom Tisch. Er erwartet nun stillschweigend, dass ich mich ihm beuge, aber da kann er warten bis er schwarz wird. Dieses Mal nicht.

Was mich wundert ist, dass meine Mutter bleibt. Nach einer geschlagenen Viertelstunde fragt sie mich leise, ob ich glücklich mit Jens war und ich erkläre ihr, in der Hoffnung, dass sie mich verstehen könnte, dass ich nicht so am Boden wäre, wenn dieser Mann mir nicht so viel bedeuten würde. Ich sehe sie jedes Mal bei dem Wort Mann zusammenzucken, aber jedes Mal ein bisschen mehr.

Leise geht die Tür wieder auf und eine grinsende Hilde kommt wieder rein. Na die hat ja ein heiteres Gemüt. Meine Welt liegt in Trümmern und die grinst über das ganze Gesicht. „Da“, sagt sie nur und reicht mir einen Zettel.

 

Jens Berger

Matrikel-Nr. 04-03591

Suttner-Straße 237

Zimmer 210

Berlin

 

Mit großen Augen starre ich sie an und sie grinst immer noch. „Ich fahr dich morgen früh hin“, erklärt sie mir und meine Mutter bekommt kaum noch Worte.

„Hilde Liselotte! Was unterstützt du das auch noch?“, will sie wissen, doch Hilde erklärt ihr nur, dass sie mich verstehen kann. Meine Hilde eben. Doch ich lehne ab. Es ist meine Sache und ich muss da alleine durch. „Bring mich nur nach Hamburg und steck mich in den ICE nach Berlin. Ich will nicht, wie du siehst, wie Jens mich dir postwendend hinterher wirft.“

Mutter dreht fast durch, als wir sie gänzlich ignorieren und ich Hilde erzähle was passiert ist. Auf seltsame Weise wird auch meine Mutter etwas handzahmer und sagt nichts mehr. Sie hat wohl begriffen, dass ich diese Sache einfach aus der Welt schaffen muss! Dass ich mit dieser Schuld nicht leben will.

„Ich richte dein Bett und pack dir deine Reisetasche. Heiligabend bist du aber wieder zuhause, sonst komme ich dich holen!“, sagt sie emotionslos und steht wirklich auf, um das Zimmer zu verlassen.

Das ging mir alles etwas zu schnell und ich muss immer wieder auf den Zettel in meiner Hand starren und dann auf meine Schwester. „Warum“, frage ich sie nur und sie lacht.

„Weil du das erste Mal gegen Vater aufbegehrst, es muss dir also wirklich wichtig sein. Hol ihn dir zurück, Jerry.“

Und dann bin ich ganz alleine.

Alleine mit Jens’ Brief und alleine mit seiner neuen Adresse, von der er nie gewollt hat, das sich sie bekomme. War es richtig, ihm den letzten Willen, den er an mich hatte, nicht zu erfüllen und nur für mein eigenes Wohlgefühl dort aufzukreuzen? Er wollte sein altes Leben – zu dem ich leider zähle – hinter sich lassen. Was bilde ich mir ein, ihm das nicht zu gönnen?

Aber es stehen nun einmal noch Dinge im Raum, die ich so einfach nicht stehen lassen kann. Beim besten Willen nicht! Dafür hat Jens doch selber gesorgt.

Ein letztes Mal atme ich tief durch und sehe zu, dass ich, von meinem Vater ungesehen, in mein Zimmer komme. Ich weiß, was ich meiner Mutter für einen Ärger mache, wenn er morgen merkt, dass ich weg bin und sie es geduldet hat. Es würde noch ordentlich Ärger geben, wenn ich wieder da bin, aber darüber will ich mir jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Alles was ich will ist Jens gegenüber stehen und ihm alles sagen, mich entschuldigen und … ich will ihn einfach wieder im Arm halten. Da weiß ich jetzt.

Ich will, dass mein Herz vor Freude wieder schneller schlägt und mir das Blut in den Ohren rauscht. Es ist beflügelnd wie die Vorfreude meinen Körper puscht.

Aber alles was ich jetzt noch will ist ins Bett fallen und von Jens träumen und hoffen, dass er mir zuhören wird. Nein, diesen Gedanken verbanne ich. Er wird mir zuhören, ich musste ja auch seinen Brief lesen – das ist nur gerecht! Er muss mir einfach zuhören, es geht doch gar nicht anders, etwas anderes lasse ich einfach nicht zu! So einfach. Ich kann stur sein wenn es sein muss.

Leise kichernd komme ich irgendwann wirklich in meinem Zimmer an, wo meine Mutter allen ernstes über meiner Reisetasche hängt und das wichtigste für zwei Tage zusammenpackt. „Danke“, ich kann nicht anders und muss ihr einen Kuss auf die Wange drücken. „Du bist eben doch die Beste.“

„Aber sag’s dem Papa nicht. Er lässt euch sonst nicht weg.“ Sie drückt mich noch mal vorsichtig an sich und schiebt mich dann in Richtung meines großen Bettes. Schweigend, aber doch mit einem Lächeln auf den Lippen, wechselt sie mir die Pflaster auf den Nähten an der Schläfe und dann bin ich wirklich allein.

Warum ist mir vorher nie aufgefallen wie wichtig Jens für mich ist? Warum konnte ich das hier nicht früher für ihn ertragen? Ist es denn wirklich so? Weiß man wirklich erst was man hatte, wenn man es verloren hat?

Das ist ein scheiß Spiel, sag ich euch …

 

***

 

Ich habe Recht behalten. Die Nacht war grausam gewesen. All meine Gedanken hatten sich in meinem Träumen verwoben und zu sinnleeren Gespinsten zusammengetan, dass ich jetzt nicht mehr weiß was real ist und was fiktiv.

Real ist Hilde, die neben meinem Bett steht und mir den Finger auf den Mund legt. „Scht“, macht sie und ich weiß gar nicht was das soll. „Papa ist im Bad. Er will zum Angeln raus, sich beruhigen. Die Chance sollten wir nutzen, um ungesehen zu verschwinden.“

Ich nicke nur zum Zeichen, dass ich verstanden habe und erhebe mich langsam. Draußen ist es noch finster. Vorgestern war der kürzeste Tag des Jahres und es würde Monate dauern, bis es morgens um sechs wieder richtig hell war.

„Komm hoch, Jerry, ich helf dir beim Waschen.“ Doch ich wehre ab. Das letzte bisschen Würde und Stolz will ich gern noch behalten. Mit einem Grinsen lässt Hilde mich selber machen und trägt lieber schon mal die Tasche ins Auto unten in der Garage. Hilde hätte mich sicher auch zum ersten Zug gefahren – der geht um fünf Uhr ab Hamburg, aber was soll ich um sieben schon in Berlin? Jens ist unter Garantie in der Schule. Diese Schule war sein Traum, dort eine Ausbildung zu machen ist alles für ihn. Da kann ich davon ausgehen, dass er sicher nicht zu hause ist, wenn ich gegen acht oder neun dort auftauche. Außerdem will ich Jens nicht verärgern, alles was ich will ist mit ihm zu reden.

Es dauert mit einem Arm in Gips und Schlinge alles etwas länger als ich es gewohnt bin und ich merke schon wieder, wie ich ungeduldig werde. Doch schlussendlich habe ich was an, was man auch auf der Straße tragen kann, die Haare sind ordentlich gekämmt und ich blicke noch mal zurück auf mein Bett. Ich verspreche mir, es zu machen, wenn ich wieder da bin, auch wenn ich weiß, dass Gisela, der gute Hausgeist, es wohl schon erledigt haben wird, wenn ich morgen wieder hier bin und gehe langsam auf den Flur. Vom Badfester aus habe ich Vater wegfahren sehen und weiß, dass ich nun nicht mehr wirklich leise sein muss.

Etwas überrascht bin ich, als meine Mutter am Ende der Treppe steht und mit Hilde redet. Sie trägt noch den Morgenmantel, sicher ist sie gerade erst aus dem Bett gestiegen.

„Jeremias“, ruft sie mich und lächelt mir zu. Es geht mir durch und durch und es bestärkt mich in meinem Entschluss Jens zu suchen und noch einmal mit ihm zu reden. Ich weiß, dass ich zurückkommen kann und offene Arme finde, egal ob mit ihm oder ohne ihn.

„Guten morgen, Mama“, begrüße ich sie, küsse ihr noch mal auf die Wange, wie gestern Abend auch und will gehen. Doch sie greift mich noch einmal, drückt mich an sich und flüstert mir zu, dass ich immer ihr Sohn bleibe, egal wie ich mich entscheide und was dieser Tage heute bringen wird. Sie wünscht mir Glück und schiebt mich dann unvermittelt zu Hilde, die schon trampelt.

Keine drei Minuten später sitzen wir im Wagen und fahren aus der Tiefgarage, durch das Wohnviertel und auf die Landstraße.

„Hilde, warum hilfst du mir?“, stelle ich die Frage, die mich schon eine Weile beschäftigt. „Du weißt doch genau, dass der ganze Standesmist auf dich zurückfällt, wenn Jens mich wirklich wiederhaben will. Weil dann bleibe ich auch bei ihm, und wenn Vater sich auf den Kopf stellt und mich verstößt.“

„Hier verstößt dich niemand, du Trottel. Du stell erst mal dein Leben auf die Füße, damit du mal merkst, was sich gehört und was nicht. Tät mich wundern, wenn dein Jens so einen wie dich wiederhaben will.“ Sie lacht und ich verziehe das Gesicht. Ich sag’s ja – frech wie Dreck. Das ist meine Schwester.

Doch den Rest des Weges schweigen wir uns beide aus. Ich bin mit den Gedanken schon in Berlin und auf der Suche nach Jens. Ich male mir hundertundeine Möglichkeit aus, wie er reagieren würde. Wütend – ungläubig – gleichgültig – freudig … ich weiß es nicht, ich weiß nicht einmal, was mir das liebste wäre.

„So Großer, von jetzt an liegt es an dir“, erklärt mir Hilde noch, als sie mich mit meiner Tasche und einem Ticket nach Berlin auf dem Bahnhof aussetzt und mir noch mal durch die Haare wuschelt, wie einem kleinen Hund, der brav vor einem Geschäft warten muss. Der Vergleich hinkt, ich bin nicht derjenige, der hier bliebt, ich war derjenige, der …

„Sehr geehrte Reisende an Gleis 8, es erhält einfahrt der ICE 1517 …“

Nun ist es also soweit. Ich atme noch mal tief durch und Hilde drückt mich. „Mach deine Sache gut und benimmt dich“, ermahnt sie mich, als wäre sie nicht meine kleine, sondern meine große Schwester.

Als der Zug einfährt, winkt sie mir noch mal zu, dann muss sie auch schon wieder los. Ihr Mercedes steht im Halteverbot! Es war einfach kein Parkplatz zu bekommen, nicht mal morgens um acht. Mit dem Strom der Leute, die zu dieser doch recht frühen Zeit reichlich auf dem Bahnsteig herumlungern, suche ich mir also meinen Platz und lasse mich fallen. Jetzt bleiben mir nicht mal drei Stunden bis Berlin und ich wusste noch immer nicht, wie ich anfangen sollte.

Soll ich Jens anschreien? Was er für ein Arsch ist sich einfach zu verpissen? Oder ihm in den Arm fallen? Wie würde er reagieren? Ich weiß so wenig über meinen Geliebten, dass es mir schwindlig wird. Allerdings könnte dies auch an der Heizung liegen und so erhebe ich mich noch mal, um die Jacke von mir zu werfen und etwas umständlich zu meiner Tasche im Gepäckstauraum zu packen. Nur den Brief, den habe ich bei mir, falte ihn wieder auf und lese ihn… wieder und wieder und wieder …

Ich weiß nicht warum ich es tue, ob ich verstehen will, wie Jens sich zu diesem Zeitpunkt gefühlt hat oder ob ich einfach nur in die richtige Stimmung kommen will um ihm auch ein paar Dinge an den Kopf zu werfen? Ich weiß es wirklich nicht. Alles was ich weiß ist, dass ich mich nie wieder mit Jens streiten will, ich will, dass er bei mir bleibt.

Jeder glaubt, mit Geld könnte man alle Wünsche erfüllen. Ich habe mehr als genug von diesem verfluchten Zeug, aber meine Wünsche sind unerreichbarer als alle anderen.

„Verdammt, Jens, du bist so ein unfaires Arschloch“, knurre ich leise. Nun bin ich es doch Leid die Zeilen zu lesen. Ich kann sie frei rezitieren und außerdem erreichen wir in ein paar Minuten Berlin Zoologischer Garten. Hilde meinte, ich solle dort aussteigen. Der wäre schön mittig und da könne ich mich ja dann nach der Suttnerstraße durchfragen. Na wenn das mal gut geht. Ich habe keine Ahnung wo ich hin muss, alles was ich weiß ist, dass ich entschlossen bin Jens zu finden. Egal wo er sich vor mit versteckt.

Also quäle ich mich mit der freundlichen Hilfe einer älteren Dame mit meinem Gips wieder in meine Winterjacke und bedanke mich und dann setzt auch schon das Bremsmanöver ein. Ich hatte bis jetzt nicht gemerkt wie aufgeregt ich bin. Mein Herz schlägt wie verrückt und meine Finger sind ganz klamm und kühl. Hoffentlich mach ich hier nicht gerade den größten Fehler meines Lebens!

Und nun stehe ich auf einem völlig überfüllen Bahnhof und versuche zu ergründen, wo ich hin muss. Aber noch ist es mir zu unübersichtlich und ich lasse die Karawane der Reisenden ziehen, bis auch die Rolltreppe etwas leerer ist und fahre dann hinab in die Halle. Massen von Menschen – nicht anders als in Hamburg. Aber wo soll ich jetzt hin? Es ist kurz vor elf und ich finde mich auf einem Bussteig wieder. Doch was nutzt mir das? Ich kenne nicht eine Straße von denen, die als Ziele ausgegeben werden.

Und als ich einen der Fahrer frage, da bekomme ich auch nur eine pampige Antwort. Ja, ich liebe es wirklich, wenn sich Dienstleister ihrer Aufgabe gänzlich bewusst sind. Es wäre das einfachste, mich in ein Taxi zu setzen, dem Fahrer meine goldene American Express unter die Nase zuhalten und mich fahren zu lassen. Aber mein Ego war gänzlich dagegen, ich wollte Jens finden!

ICH!

Nicht ein ortskundiger Taxifahrer.

So erinnere ich mich an den Info-Punkt im Bahnhof und wanderte zurück, wieder quer durch die Massen an Menschen. Ein gutes hat diese Tortur, meine Aufregung schwillt ab. Ich kann wieder klar denken und habe neben Jens noch ein paar andere Gedanken. So kann ich die Zeit vielleicht nutzen, mich etwas zu sammeln.

Am Infopoint, wie es neudeutsch ja heißt, angekommen, bringe ich mein Anliegen vor und die junge Dame guckt mich erst etwas skeptisch an, denn auch sie weiß nicht, was ich suche. Doch dann hat sie eine Idee, bittet mich an einen Terminal und wir suchen die Straße. Als ich allerdings die Liste von Bussen und Bahnen sehe, die ich nehmen muss und feststelle, dass ich so oft umsteigen muss, dass ich es mir gar nicht merken kann, da bedanke ich mich mit einem Lächeln und übergebe mein Glück doch in die Hände eines Taxifahrers.

„Kann ich bei ihnen mit Karte zahlen“, will ich vom ersten Taxi wissen und die Frau nickt. So setze ich mich neben sie, die Tasche landet auf dem Rücksitz und ich nenne mit wieder wild schlagendem Herzen mein Ziel. Da ich nun weiß, dass ich dort ankommen werde und dass ich dann Jens wieder sehen werde, kann ich gar nichts dagegen tun, dass ich nervös meine Finger knete und biege, dass man Angst haben konnte, sie brechen.

Als meine Chauffeurin merkt, dass ich nicht von hier komme, da fängt sie an, mir hier und da ein paar Sachen zu erklären und die Fahrt entwickelt sich zu einem angenehmen Gespräch. Und dann bremst sie plötzlich vor einem Glaspalast. Ich will schon meine Karte zücken, als sie mich am Arm hält. „Nein, nein“, sagt sie. Wir wären noch nicht da, dies wäre nur die Schule, die Internate wären noch zwei Querstraßen weiter.

Wow! Das war die Grafik Schule von der Jens immer geträumt hat? Jetzt kann ich es auch verstehen. Beindruckender Bau. Da drinnen, hinter einem der hunderten von Fenstern sitzt bestimmt mein Jens und lernt. Mir wird ganz warm im Bauch und mein Herz stolpert fast, so aufgeregt bin ich. Der Wagen setzt sich wieder in Bewegung und fünf Minuten später stehen wir vor einem modernisierten Hochhaus.

„Da wären wir.“

Ich bin sprachlos. Hier wohnt also Jens. Irgendwo da oben. Schnell ist das Geschäftliche erledigt und dann stehe ich allein auf der Straße und habe den Kopf immer noch im Nacken. Aber dann fasse ich mir doch mein Herz und zerre es aus der Hose wieder nach oben und gehe los. Aber nur bis in Foyer, denn ohne Schlüssel kam man nicht weit. Na prima!

So hab ich mir das gedacht, dass eine blöde Tür mein Unterfangen boykottiert! Fluchend suche ich die Klingelanlage. Aber ich kann mich nicht durchringen. Mir einredend, dass Jens sowieso in der Schule war, stehe ich unentschlossen davor. Schlussendlich drücke ich doch auf den Knopf mit der Nummer 210 und halte den Atem an. Als ich langsam keine Luft mehr bekomme, muss wohl auch ich einsehen, dass Jens nicht da ist. So blieb nur eines – warten …

Eine Bank im Foyer wurde mein Lager und die Zeit verging … erst schnell … dann immer langsamer … und irgendwann muss ich eingeschlafen sein.

Denn als ich zu mir komme, weil etwas an meiner Schulter rüttelt, schaue ich in das schönste paar grüner Augen, das ich kenne. Jens! Ich schlucke hart und trete mir heimlich mit einem Fuß auf den anderen. Ich träume nicht.

„Jens“, flüstere ich leise und sehe, dass hinter ihm noch andere den Flur betreten hatten und auf einen Fahrstuhl zu warten scheinen.

„Jens“, wiederhole ich mich, doch mein Rotschopf blickt mich emotionslos an. Er zischt mich leise an was ich will und erhebt sich wieder. Ich weiß nicht was ich davon halten soll und erkläre ihm ebenso leise, dass wir reden müssen. Jens schnaubt und es geht mir durch und durch. Er will mich wirklich nicht hier haben, das wird mir gerade schmerzlich bewusst. Doch ich bin so weit gereist, habe einen Streit mit meinen Eltern auf mich genommen, das konnte ja nun nicht umsonst gewesen sein.

Das leise „Komm mit“, lasse ich mir also nicht zweimal sagen und erhebe mich. Zusammen mit anderen besteigen wir einen Fahrstuhl und in der zweiten Etage wieder aus. Ein langer Flur öffnet sich vor uns und Jens geht ihn schweigend entlang. Ich dackle wie ein Haustier hinterher und werde langsam immer wütender. Er führt mich vor!

Kaum dass die Tür hinter uns zu ist und ich in seinem Zimmer stehe, will ich aufbrausen, doch er entschuldigt sich nur für das Kistenchaos. Er wohne erst seit drei Tagen hier und wäre noch nicht dazu gekommen auszupacken. Ob er weiß wie egal mir diese Kisten sind? Es kotzt mich regelrecht an, dass er mir nicht ins Gesicht sieht.

„Du willst reden, also rede“, höre ich ihn sagen und ein missbilligender Blick streift meine Tasche. So erkläre ich, dass er sich keine Sorgen machen muss, wäre nur für die Übernachtung im Hotel und dann beiße ich mir auf meine zynisch sarkastische Zunge. Nein, so hatte das nicht laufen sollen. Verdammt – bin ich aufgeregt.

„Setz dich“, sagt Jens ungerührt und deutet auf eine Couch. Ich kenne sie und sie weckt Erinnerungen. Jens sitzt lieber auf dem Schreibtisch und tut gänzlich unbeteiligt. Also lege ich meine Jacke ab und sehe, wie er in der Bewegung stoppt. Er hat etwa sagen wollen, doch nun starrt er mich nur an. „Was hat du gemacht“, will er wissen und ich freue mich, weil seine Stimme doch die kurze Sorge, die ihn überkommt, nicht verleugnen kann.

„Motorradunfall.“ Ich will es wirken lassen und Jens gleitet vom Tisch, um zu mir zu kommen. So erzähle ich ihm alles, was passiert ist, nachdem ich ihm das alle angetan hatte und er verzieht den Mund.

„Das erklärt, warum du nicht zuhause warst. Hast du meinen …“

Ich ziehe den Zettel hervor und er nickt. „Hast du also.“

Bilde ich mir das nur ein oder geht Jens plötzlich wieder sowohl stimmlich als auch körperlich auf Distanz? „Dann weißt du ja alles. Ich will dich nicht mehr sehen, Jeremy.“

„Du machst es dir etwas zu einfach, Jens“, begehre ich auf, doch mein Kreislauf schwankt und so sinke ich etwas in mich zusammen. Nichtsdestotrotz rede ich einfach weiter. Dass er nicht glauben solle, er könnte mich zur Schnecke machen und sich dann verpissen, ohne dass ich ihm antworte und ob er sich einbilde, das wäre fair gewesen.

„Jeremy, ich wollte gar nicht fair sein“, eröffnet mir mein – so wie es aussieht wirklich – Ex-Freund und wandert durch den Raum in eine angrenzende Küche. Ich höre wie er mit Wasser und einer Kanne hantiert und dabei weiterredet. Wie er es leid sei, wie ich mich immer verstecke, nur seinen Körper will und und und – lauter Zeug, was mich noch viel mehr auf die Palme bringt, weil es gar nicht wahr ist.

„Jens, jetzt ist aber mal gut, glaubst du, ich streite mich mit meinem Vater, der mich wohl gerade in diesem Augenblick aus seinem Testament streicht, weil ein schwuler Sohn nicht tragbar ist, nur weil ich was zum ficken brauche? Jens, denk doch mal nach! Ich liebe dich!“ Uups, ich habe es gesagt. Und Jens ist mindestens so überrascht wie ich auch. Zum ersten Mal sehe ich seine Augen so glitzern.

„Wie bitte?“

War ja klar, dass er es gleich noch mal hören will, ich hatte es ihm noch nie gesagt. Irgendwie war die Stimmung wohl nie danach gewesen.

„Du bist dir dessen schon bewusst, was du gerade gesagt hast, Jeremias?“, will er von mir wissen, als würde ich mir selber nicht zuhören. Erst will ich beleidigt sein, doch irgendwie kann ich seine Verblüffung ja schon verstehen.

„Ja, ich weiß, dass ich eben gesagt habe, dass ich dich liebe und ich meine das so. Meinem Vater passt es zwar gar nicht, aber ich bin alt genug.“

„Und dein Stand? Deine Familie?“

Ich sehe Jens skeptisch an. „Juckt mich nicht mehr, ich habe erst begriffen was wirklich wichtig ist, als ich deinen Brief in Händen hielt, als ich im Krankenhaus lag und auf dich gewartet habe“, muss ich zu meinem Leidwesen gestehen und Jens hat wieder diesen seltsamen Blick drauf.

„Wer?“, will er plötzlich völlig aus dem Zusammenhang gerissen wissen und weil ich ihn nicht gleich verstehe, schiebe ich nur ein sinnleeres Hä hinterher.

„Wer hat dir meine Adresse gegeben?“ Wieder dieser inquisitorische Blick, der mich einige Zentimeter schrumpfen lässt. Und so gestehe ich ohne Umschweife, dass es meine Schwester war und ernte einen wirklich fragenden Blick. Ehrlich gesagt gefällt mir dieser Blick sehr gut, er lässt mein Herz höher schlagen und es gibt mir einen kleinen Funken Hoffnung, als ich ihm erkläre, wie es dazu gekommen war. Ob ich sauer sein soll, dass Jens sichtlich verwirrt darüber ist, dass ich mich an seinen größten Traum erinnere? Doch ich entschließe mich dagegen und lächele ihn einfach schüchtern an. Ich bin so unsicher wie noch nie in meinem Leben.

Das Blubbern von Teewasser holt mich zurück und so kann ich nur Jens hinterher blicken und wieder seine wirklich leckere Kehrseite bewundern und mich selber dafür mahnen, dass ich aufhören sollte nur an so was zu denken. Denn genau diese Denkweise hatte mir das hier doch erst eingebracht.

„Sag mal, Jeremy. Erwartest du wirklich, dass du hier her kommst, dein Sprüchlein ablässt und ich dir verzeihe, was du mir angetan hast? Du hast mir wehgetan, nicht nur körperlich – vor allem seelisch. Du schlägst mich, lässt mich alleine da liegen und dann höre ich bis heute nichts mehr von dir. Okay, von deinem Unfall wusste ich letzte Woche noch nichts, aber trotzdem…“ Mit zwei Tassen kommt Jens wieder und reicht mir eine.

„Nein, Jens.“ Was denkt er nur von mir? Habe ich ihm so ein Bild von mir gezeichnet? Ich schäme mich wirklich! „Ich erwarte nicht, dass du mir verzeihst. Das kann ich nicht einmal mir selber. Da kann ich nicht Dinge von dir verlangen, die ich selber nicht zu leisten bereit bin. Ich hoffe nur, dass du mich ein bisschen verstehst.“

Meine unsichere Stimme stört mich, denn ich bin nicht unsicher mit meinen Worten. Ich meine jedes einzelne so wie ich es sage. Ich bin unsicher auf Jens’ Reaktion. Sie ist es, die meinen Atem stocken lässt, die meine Hände kalt werden lässt. Doch Jens schweigt. Er wärmt sich die Hände an seiner Tasse und blickt mich lange an. Es ist schwer seinem Blick stand zu halten, doch es gelingt mir.

„Was erwartest du von mir, Jeremy? Wir haben nichts gemeinsam – keine Interessen, keine Stände, keine Freunde – gar nichts. Wie soll ...“

„Jens, das juckt mich nicht! Egal ob wir oder ob wir nicht … ich liebe dich. Bedeute ich dir denn gar nichts mehr? Ja – es war das Letzte, wie ich mich verhalten habe und es tut mir unsagbar leid. Ich weiß selber, dass es unverzeihlich ist. Aber alles was ich möchte, ist eine kleine Chance, dir zu beweisen, dass ich nicht so ein Arsch bin, wie du glaubst, Jens.“ Ich spüre mein Herz im Hals, es schlägt mir unter der Zunge, sodass es schmerzt. Doch ich bewege mich keinen Zentimeter. Ich kann es gar nicht, bin wie eingefroren. Bitte bitte bitte!, höre ich mich selbst immer wieder denken. Bitte, gib mir nur diese eine Chance, Jens!

„Ich bin so ein Idiot“, höre ich Jens sagen. Er stellt seine Tasse ab und kommt auf mich zu. Ich werde immer unruhiger. Was passiert jetzt? Bekomme ich von ihm eine verpasst, dafür, dass ich ihn geschlagen habe? Ich mache mich auf alles gefasst, aber nicht auf ein Paar weiche Lippen das sich wirklich auf meine legt. „Ich hab mich wieder von dir breit quatschen lassen. Aber das ist wirklich das allerletzte Mal.“

Wieder nippt er an meinen Lippen und ich kann gar nicht in Worte fassen wie glücklich ich in diesem Augenblick bin. Meine ungegipste Hand wandert auf seine Wange. Ich muss dem Lächeln in diesem geliebten Gesicht einfach nachfühlen. Ich kann nicht anders – ich bin diesem Mann mit Leib und Seele verfallen, auch wenn die Erkenntnis wohl wirklich etwas spät kam.

„Musste es wirklich erst so weit kommen, dass ich dich diese Worte sagen höre, Jeremy?“, will er von mir wissen und streicht mit seinen Fingern hauchzart über die Pflaster auf meinem Gesicht. Sie waren ein geringer Preis dafür, dass ich Jens wieder in meine Arme schließen kann. Diese Wunden heilen. Mein Herz hätte größeren Schaden genommen, hätte er mich endgültig vor die Tür gesetzt.

Aber er hat mich nicht vor die Tür gesetzt! Jens sitzt auf meinem Schoß, küsst mich sanft und ich kann mein Glück immer noch nicht fassen. Die nächsten Stunden verbringen wir damit zu reden. Wie liegen auf der ausgeklappten Couch, weil Jens sein Bett noch nicht hier hatte, und reden – über alles. Über Familie, über Freunde, hauptsächlich aber über uns. Dass ich morgen wieder heim muss, dass er auch fahren will, um seine Eltern zu besuchen und dass wir uns in Hamburg treffen wollen, am zweiten Feiertag.

Hoffentlich hat sich meine Familie bis dahin wieder beruhigt.

Als wir endlich keinen Gesprächsstoff mehr haben, weil uns fast die Augen zufallen und unsere Hirne schon schlafen, da spüre ich, wie sich Jens plötzlich ganz dich an mich drängt und die Arme vorsichtig um mich schlingt.

„Fröhliche Weihnachten, Schatz.“

Ich kann nur nicken und ihn küssen, denn die Freudentränen ersticken meine Stimme.