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Und da glaubt man, man kennt seine Freunde

Original/ Reale Welt [NC-14] [abgeschlossen]

[keine Warnungen]

Einteiler

Inhalt:
Ich glaube, der Titel sagt alles ... was man so herausfindet, wenn man aus Langweile in einem Chat vorbei schaut

Disclaimer:
Da diese Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht, die mir mein bester Freund von einem seiner Abende berichtet hat und diese Personen nun einmal existieren, gehören die Charaktere nur sich selbst.
Ich habe aber die Namen und Nationalitäten getauscht, wer es liest, wird sich denken können, warum ...
Mir gehört vielleicht die Datei hier, aber die Erinnerungen gehören meiner Zaubermaus... dem das hier gewidmet ist ... *anflausch*


 

Und da glaubt man, man kennt seine Freunde

Es war einer dieser Abende, wie ich schon Hunderte hinter mir hatte und wohl noch Hunderte vor mir. Seit zwei Jahren arbeitete ich nun hier als Poolwart und saß mal wieder im Hinterraum des Rechenzentrums der Uni, an der ich mich durch mein Studium hangelte. Ich ließ mir immer gern die Spätschicht geben, da hatte ich meistens meine Ruhe und konnte meine Aufgaben ungestört erledigen. Ich meine: ohne dass alle vier Minuten einer in der Tür stand und bemerkte, dass er das Gesuchte auf dem Server nicht fand, er mit einem Programm nicht klar kam oder etwas nicht funktionieren würde. Tja, wenn man keine Diskette in Laufwerk A steckt, kann man auf A auch nicht speichern. Es gab schon wirkliche Helden der Technik. Aber für solche Sorgenkinder war ich ja da.

Der zweite, nicht unwesendliche Grund dafür, dass ich die Spätschicht bevorzugte, war, dass zu dieser Zeit die meisten meiner Freunde schon zu Hause waren und im Chat rumhingen. Wo ich sie dann selbst von hier aus nerven konnte und es mich nicht einmal etwas kostete. Und sind wir doch mal ehrlich: Schreibt man nicht viel schneller etwas, was man am Telefon nie sagen würde, eine kleine Ferkelei, weil der Andere nicht sieht, dass man rot wird? Ich gebe zu, wenn man den richtigen Partner hat, macht schmutzig chatten richtig Spaß.

Aber es war nun einmal in erster Linie mein Job, mich um jeden zu kümmern, der ein Anliegen hatte und sämtliches Gerät in Schuss zu halten. Und deswegen saß ich heute hier im Hinterzimmer und probierte ein paar neue Updateversionen aus. Ehe ich mir die Mühe machen würde, alle PCs im Großraum damit zu bestücken, wollte ich sehen, ob sich der Aufwand lohnen würde. Schließlich hieße das wieder ein ganzes Wochenende Arbeit und das bei dem schönen Wetter. Der Frühling streckte die ersten Fühler aus und ließ mir das Herz übergehen. Ich wollte raus, unter Leute, mich austoben!

So richtig konzentrieren konnte ich mich heute auch nicht, wie auch, wenn meine Gedanken immer wieder abschweiften, zu Ramon.

Ramon, der einer meiner besten Freunde war, Ramon, der hetero war, Ramon, der ein Spanier war, dem die Familienehre über alles ging. Er war mir heute Mittag in der Mensa über den Weg gelaufen und seit dem bekam ich ihn mal wieder nicht aus dem Kopf. Wie so häufig, denn ob er es nun wahr haben wollte oder nicht, irgendwas lag zwischen uns in der Luft, ein Knistern, ein Flimmern, da und doch nicht greifbar. Ich konnte es nicht bestätigen – aber er konnte es auch nicht abstreiten.

Man sagt, eine Schlange erkenne die andere, vielleicht ist das der Grund, warum ich ihm so verfallen bin, weil ich tief in ihm zu sehen glaube, dass auch er nicht auf ein Geschlecht festgelegt ist, dass auch er glücklicher wäre auszuleben, was nach ein paar Gläsern Wein ab und an aus seinen dunklen Augen glitzert, er aber nicht zulässt.

Als könnten seine Augen wirklich seinen Schmerz verbergen, die Angst, etwas falsch zu machen, die Angst, verstoßen zu werden, der Norm nicht zu entsprechen, die Familie zu enttäuschen. Es tut so weh, sich das ansehen, daneben sitzen zu müssen, und doch nichts tun zu können.

Ich glaube nicht nur, ich weiß, dass er es tief in sich selbst zulassen könnte, von einem Mann geliebt zu werden und diese Liebe zu erwidern. Und gerade weil ich ihn so begehrte, schmerzte es mich, mit ansehen zu müssen, wie er an der Kette scheitert, die ihn an seine Familie bindet.

Unsere letzte durchquatschte Nacht fiel mir wieder ein, wie so oft schon. /Jedes Mal das Selbe, du kommst zu mir mit deinen Sorgen, weißt, dass ich dir zu hören werde, dir helfen möchte, nur warum, dass weißt du nicht.

Verdammt Ramon, du weißt doch, dass ich schwul bin, du weißt doch, dass du gut aussiehst. Setzt doch mal das Lösungswort ein./

Und wieder drehte ich mich im Kreis, wieder zogen meine Gedanken die immer gleichen Bahnen. Warum ich ihn nicht vergessen kann? Warum ich den dunkelhaarigen, braungebrannten Hetero nicht einfach vergessen kann?

Weil er mir einfach zu oft Fragen darüber stellt, wie es sei, schwul zu sein. Wie es sich anfühlen würde, ob es anders wäre, ob es schlimm oder verwerflich wäre. Und hey, wenn ich es nicht wusste, wer dann?

Aber was sollte ich ihm sagen? Es ist schwer, sich einzugestehen, dass man der vorgepressten Norm nicht entspricht – aber es ist doch ganz normal, sich zu verlieben, Gefühle zu geben und zu empfangen. Ist es da nicht egal, ob das Gegenüber nun auch einen Schwanz hat oder nicht?

So oft sind wir das durchgegangen, so oft hat er mir mit seinen Fragen Hoffnung gemacht, dass ich dachte, er würde es wagen, es versuchen, die Kette zerreißen, nur um im gleichen Moment miterleben zu müssen, wie er sich wieder verschloss, wie Ramon wieder der machohafte Spanier wurde, so, wie ihn alle kannten und der Ramon, den ich kannte, dagegen wieder für Tage verschwand.

Aber warum? Dieses Warum lässt mich nicht los, lässt mich hoffen, beten – wie auch jetzt wo ich mich eigentlich um die Technik kümmern sollte und schon wieder nur im Stuhl zurück gesunken war, um, den Kopf weit im Nacken, die Decke anzustarren, diesem Warum endlich einmal auf die Spur zu kommen. Warum stellte Ramon mir immer wieder die selben Fragen, um dann doch zerfressen von Selbstzweifel wieder in sich zu kehren und sich den Sorgen mit seiner aktuellen Freundin – Jana – zuzuwenden?

Es klopfte an der Tür zum Hinterzimmer, doch es war so leise, dass ich es nicht bemerkte, mich weiter meiner Endlosschleife aus Fragen widmete. Eigentlich weiß ich gar nicht, ob ich es verstehen möchte, ich weiß nur, dass ich es nicht kann.

Wie kann ein Mensch sich seiner Familie so unterordnen, dass er Tag und Nacht eine Maske trägt, sich selbst verleugnet? Ich verstehe wohl zu wenig von der Mentalität spanischer Männer, als dass ich mir...

„Christian, ich gehe. Jana wartet.“

Wie aus dem Nichts steht er hinter mir und hat mir die Hände auf die Schultern gelegt, wie eigentlich immer, wenn wir alleine sind. Er lehnte sich über meine Schulter und musterte mit einem Grinsen meinen Bildschirm, auf den ich wohl schon seit Minuten unbewusst starrte.

„Aha, hab ich dich – wieder schmutzig im Schwulenchat am rumferkeln“

Gott wie peinlich. Ramon hatte mich mal wieder beim schmutzig chatten erwischt. Sollte ich jetzt panisch das Fenster schließen und zeigen, dass es mir peinlich war, dabei erwischt zu werden? Nein! Warum!? Es war nicht peinlich schwul zu sein! Ich steh drauf, ich steh dazu, schicke Männer abzuschleppen.

Also ließ ich das Fenster offen und grinste über jeden weiteren Satz, der erschien. Und es war ja auch ein witziges Hobby. Man konnte sich damit so herrlich die Zeit vertreiben, auch wenn nie was Ernstes draus wurde, aber zu glauben, zu ahnen, es könnte sein – ein berauschendes Spiel.

Hey! Ich bin auch nur ein Mann, ich wollte auch meinen Spaß. Und wenn am anderen Ende der Leitung einer saß, der auch gern schmutzige Phantasien in seine Tastatur tippte... warum nicht. Aber dass Ramon, der, mit dem ich diese Phantasien gern mal würde ausleben dürfen, mich dabei erwischt hatte? Hm ...

„Kevin26“, las er den Nik meines Gegenübers und lachte rau, dass es mir durch und durch ging. Denn er lehnte immer noch auf meiner Schulter, sein Brustkorb bebend an meinem Rücken, sein Mund zu dicht neben meinem Ohr, sein Atem heiß in meiner Halsbeuge. „...ist das jetzt sein Alter oder seine Länge?“, wollte er lachend wissen, als er sich wieder von mir löste.

„Ramon, du bist ein Depp, mach dass du unter die Dusche kommst und auch die nicht sichtbaren Stellen waschen, ja?“

Sein kehliges Lachen jagt mir eine Gänsehaut über die Arme, den Rücken, im Nacken stellten sich die Härchen auf. Verdammt, ein Hetero! Ich dachte, dass passiert nur diesen überromantischen Schwuppen, die glauben mit ein bisschen Rosa kann man die Welt umkehren. Ich stehe doch mit beiden Beinen fest im Leben! Warum mir? Warum passierte so was mir?

„So ich bin weg, vergiss nicht, Emanzo rauszuwerfen, wenn du gehst. Nicht dass du ihn hier einschließt.“

Emanzo – das klassische Gegenbild zu Ramon, sie glichen sich wie ein sprichwörtliches Ei dem anderen, warum auch nicht, sie waren Zwillinge.

Ich hörte die Schritte auf dem abgewetzten Flur leiser werden und wie sie Ramon immer weiter von mir entfernten. Aber eigentlich war ich ja nicht zum Träumen hier, sondern zum Arbeiten und wenn ich das heute nicht gebacken bekam, würde ich wohl Sonntag hier hocken und die Rechner testen müssen. So machte ich mich seufzend an die Arbeit und rollte mit meinem Bürostuhl quer durch das Hinterzimmer, wo ich zu so später Stunde sowieso allein war und somit alle Rechner in Beschlag hatte. Einer lud mir Hörspiele aus dem Netz, zwei waren gerade dabei, von mir neu konfiguriert zu werden und auf einem lief immer noch besagter Chat.

Eigentlich mehr lustlos antwortete ich auf die kleinen, eigentlich recht schüchternen Herausforderungen des Anderen und war eher gelangweilt denn interessiert. Als mir mein unbekanntes Gegenüber allerdings eingestand, dass er hier im schwulen Chat eigentlich nicht so viel verloren hätte, weil er heterosexuell wäre – oder sich das zumindest einbildete – wurde ich hellhörig, ignorierte meine Arbeit völlig, stellte mir mental schon für Sonntag Morgen zeitig den Wecker und widmete mich "Kevin26" nun ganz.

Meine Fragen folgten nun nicht mehr sporadisch und ins Blaue sondern detaillierter, neugieriger, mit offenem Interesse gespickt. Und so wurde auch er mutiger, berichtete von seiner Freundin, dass es aus wäre, ihm aber was anderes – unbeschreibliches – fehlen würde, dass er es gern mal mit einem Mann versuchen wolle, dass Küssen aber flach fallen würde, weil ihn die Vorstellungen, einen fremden Kerl die Zunge in den Hals zu schieben, anekeln würde.

Ja, das war eine Eigenart von Heteros, die ich auch von Freunden schon mitbekommen hatte. Blasen – kein Problem, einen Mann zu nehmen – kein Problem, sich nehmen zu lassen – auch kein Problem. Aber wenn’s ans Küssen ging, waren sie stur wie die Esel. Mein Freund Rick wusste ein Lied davon zu singen. Seit über einem Jahr hatte er einen verheirateten Hetero an der Hand, verdammt guten Sex – aber küssen? Nichts zu machen!

Was ging in denen vor? War Sex das animalische im Menschen, was Natürliches, genetisch bestimmt und musste mit so vielen wir nur möglich ausgelebt werden und andererseits Küssen etwas Romantisches, was man mit dem teilen wollte, den man liebte, wo man sich geborgen fühlte? Das konnte es nicht sein, denn dass Thorsten Rick nicht lieben würde, kann man nicht sagen. Also? Was war es, dass ...

Ein leises "pling" holte meine Gedanken weg zu meinem "Kevin26", der mir langsam immer sympathischer wurde, den ich gern mal treffen wollte, auch wenn sein Satz, er wolle ja eigentlich nur mal wieder abspritzen, mich schon wieder etwas abturnte.

Irgendetwas in mir sagte mir: der hat nicht den Mut dazu!, und so forderte ich eine Antwort, als ich fragte: Und? willst du’s mal austesten, ob es längerfristig was für dich ist, einem Mann zu haben?

Es dauerte eine Weile bis er Andere sich etwas zu antworten traute. Diese Zeit nutzte ich, um damit zu beginnen die erbeuteten Hörspiele wegzubrennen, damit ich heute Abend im Bett etwas hatte, das mich von Ramon würde ablenken können.

Ich hatte da ja schon einiges versucht, wirklich geholfen hat allerdings nichts. Also wollte ich es jetzt mal mit etwas probieren, dass meine Aufmerksamkeit forderte, dem ich Wort für Wort folgen musste. Nicht wie ein Lied, dessen Sinn ich noch nicht mal begriff, weil so geistreiche texte die "schalalalala" nicht wirklich zu Denkleistungen anspornten, das ich konsumieren und dabei wegträumen konnte, um morgens aufzuwachen, leicht erregt und unbefriedigt. Nein, auf die Dauer war das nicht das, was ich mir wünschte.

>wie siehst du eigentlich aus<, wollte "Kevin26" wissen, als ich wieder zum Chatrechner rüber rollte und die erste CD in meine Tasche packte.

Ich beschrieb mich kurz: ca. einssiebzig, braune, sehr kurze Haare, blaue Augen, ich nenne mich gern dünn und ich bin wohl der einzige Mensch auf der Welt, der in einen Laden geht und fragt: haben sie Hosen, die dicker machen? Das erzählte ich "Kevin26" freilich nicht, war doch unwichtig. Er wusste nun, auf was er sich einlassen würde und ich war mir sicher, er würde kalte Füße bekommen, er würde sagen, >ähm – lass gut sein.< Aber er tat etwas, was mich verwirrte, er wollte Fotos tauschen. Tja, warum nicht, mal sehen, was mich so erwarten würde. War ja immer ganz witzig, die Sammlung zu vervollständigen.

Wie tauschten unsere eMail-Adressen und ich lachte: lustmolch@irgendwas.de. Was auch sonst?

Da ich kein Bild zur Hand hatte und gerade dabei war, ein Urlaubsfoto von der Wand vor mir zu rupfen und auf dem Scanner zu legen, bemerkte ich die bereits eingegangene Nachricht von ihm mit einem Anhang erst später.

Kennt ihr das auch, wenn langsame Rechner Bilder aufbauen und man von Streifen zu Streifen nervöser wird? Etwas aufgekratzt, wie immer, wenn ich wen neues, interessantes kennen lernte und zum ersten mal einen Blick auf ihn würde werfen können, formatierte ich gerade mein eigenes Bild um, dass es weniger Speicher bräuchte und schneller... als ich stockte. Das Bild war geladen und ich blickte in Ramons Gesicht, nicht ganz. Die Augen waren dunkler!

Emanzo!

Ich hatte hier seit zwei Stunden mit Emanzo – Ramons Zwillingsbruder – einer meiner besten Freunde – schmutzig gechattet? Ich konnte es nicht fassen, nicht verarbeiten. Was sollte ich tun? Mein Foto schicken, es auflösen und dem jungen Mann damit den Schock seines Lebens verpassen, dass er erwischt wurde und seine Neigung nun wohl nie wieder würde ausleben können, ohne die Angst erwischt zu werden? Nein, das konnte ich nicht riskieren, zu sehr hatte ich bei Ramon gesehen, wie sehr das einen Mann – vor allem einen Heterosexuellen – belasten kann.

So griff ich wahllos ein Bild aus meinem Ordner, in dem ich Bilder von netten Chatern oder näheren Bekanntschaften speicherte und verschickte es an einem schon ängstlich nachfragenden "Kevin26", wo ich jetzt wusste, dass die 26 das Alter war und nicht wie von Ramon vermutet für die Bestückung stand. Denn wenn Emanzo wie Ramon gebaut war, wusste ich bereits, wie er sich dort unten anfassen würde. Ja, ich gebe es zu – ich hatte meinen Spanier schon mal ein bisschen im Bett. Aber das war eine andere Geschichte, die ich jetzt aus meinen Hirn verbannte. Vielleicht erzähle ich sie ein anderes Mal.

Ich "nickte" anerkennend und meinte, dass er recht niedlich wäre. Und während ich ihm das Bild übermittelte, schlich ich über den Flur und lugte in den fast leeren Großraum. Und tatsächlich. In der hintersten Ecke, am einzigen Rechner, hinter den man nicht stehen und spannen konnte, weil der Platz zwischen Tisch und Wand so winzig war, dass gerade ein Stuhl dazwischen passte, saß er: Emanzo Malino, rot im Gesicht, biss er sich auf die Unterlippe.

/Na Kleiner, hab ich deinen Geschmack getroffen? Blond wie deine Freundin?/ Ich sah den Adamsapfel leicht zucken, das Bild schien da zu sein und Emanzos Gesicht erhellte sich. Er schien zufrieden. /Na ja, war Tarek wenigstens noch zu etwas nützlich./, erinnerte ich mich an den jungen Blonden, der einfach nur ein Reinfall gewesen war. Es hieß, blond ficke gut, aber ich hatte einfach nicht die Nerven gehabt, nach dem dummen Gebabbel das noch herauszufinden, hatte ihn damals einfach in einer Bar, in der wir gesessen und geredet hatten, sitzen lassen.

Er schien damit leben zu können, denn zwei Tage später im Chat schien er nicht mal sauer. Und ich musste meine teuflisch genial ausgebrütete Ausrede nicht mal anbringen.

Aber ein gutes hatte der Mann: So wie "Kevin" grinste, war ich mir mittlerweile ziemlich sicher, dass er also auch auf Männer stand, auch wenn er das vor Anderen nie und nimmer zugeben würde.

Ich befand, dass er nun genügend Zeit zum nachdenken gehabt hatte und da es nur noch zehn Minuten bis zum Schließen des Computerpools waren, wollte ich noch schnell nachhaken.

Er berichtete, dass ich gut aussehen würde, dass er es gern versuchen würde, ob wir und treffen wollten.

Immer noch überzeugt, dass der nicht kommt, sagte ich zu. Heute war Dienstag. Sonntag hätte er Zeit, meinte "kevin26", er wollte sich für Samstag einen alten Freund einladen und ein bisschen quatschen. Ich erinnerte mich nur am Rande, dass ich ja Sonntag wohl die Rechner würde checken müssen, die ich heute nicht bearbeitet hatte. Da ich mir aber sicher war, der kommt eh nicht, war es ja eigentlich schon egal.

So blieben wir bei Sonntag, gegen sechs im Leander. Wie vereinbarten, dass wir die Bilder vom Chat ausdrucken würden, dass man(n) sich auch nicht verfehlen konnte. Und er war von der Idee begeistert. Man sah, er war neu hier.

Und während wir uns überschwänglich verabschiedeten und ich mir immer noch sicher war: der kommt nicht!, räumte ich grinsend mein Zeug zusammen, fuhr die Rechner runter und stutzte, als ich mich beobachtet fühlte.

Als ich mich umwandte, stand Emanzo in der Tür, grinste und die dunklen Augen funkelten lustig. „Na los Chris, lass und abhauen.“ Er wedelte mit einer Diskette herum und es brauchte in mir nicht viel, mir vorzustellen, dass darauf wohl das Bild von Tarek war.

Er half mir, die Räume abzuschließen und so verließen wir das Gebäude und latschten quer über die Wiese in Richtung Wohnblock, wo mein Bettchen auf mich wartete, wo ich mir noch das erste Hörspiel antun wollte, um das alles hier aus dem Kopf zu bekommen. Ich kaute etwas auf meiner Zunge herum, um nicht laut loszulachen, als ich Emanzo fragte, was er denn so lange gemacht hätte im Pool, wo er doch normalerweise nur seine Post erledigte und dann wieder verschwand. War er eigentlich schon immer so niedlich gewesen, wenn er errötete?

Ich biss mir ordentlich auf die Zunge, machte mir und meinem Hirn klar, dass einer aus dieser Familie, in den ich unglücklich verliebt wäre, ja wohl eindeutig mehr als nur genug wäre und schien es zu akzeptieren.

Am Pförtnerhäuschen trennten sich unsere Wege, da er in die Stadt rein musste und somit zum Bahnhof. Emanzo wohnte nicht mehr im Wohnheim. „Na dann, schlaf gut.“, brabbelte ich wie immer grinsend. Während er vor der Tür stehen blieb. „Sag mal Chris, was machst du Samstag? Nicht Lust, vorbeizukommen?“

/Klar, Kevin. Ich komme gern. Und ich kann mir auch gar nicht vorstellen, was du mich da fragen möchtest./ Ich konnte das blöde Grinsen einfach nicht unterbinden und nickte nur. „Klar, ich freu mich, zum Kaffee?“



Tja, die folgenden Tage war ich dank meines zweiten Nebenjobs an einem Lehrstuhl so eingespannt, dass ich außer zum Essen, Duschen und Schlafen mein Zimmer nicht betrat und das Büro kaum verließ. Ich machte drei fette Kreuze, als ich Freitag Abend halb tot und ungeduscht in mein Bett fiel und auch noch einschlief, was mir selten passierte, da ich es immer genoss, vor dem Schlafen – wenn am so richtig schön kaputt ist – noch zu duschen.

Na wie auch immer, ich schlief bis Mittag. Das hatte ich mir ja wohl auch verdient, nach der Woche! Ich brauchte gut eine Stunde, dann war ich ausgehfein. Warum ich mir besonders viel Mühe gab, warum ich mir die Haare mit Gel aufstrubbelte, warum ich drei verschiedene Outfits ausprobierte, nur um bei einem guten Freund zum Kaffee anzutreten, wusste ich selber nicht, aber ich wusste, dass ich noch hungrig war. Also hockte ich mich vor den Kühlschrank, suchte. Vielleicht hätte ich die Woche einkaufen gehen sollen? Lustlos blieb ich an kaltem Brokkoliauflauf von gestern hängen, stellte aber fest, dass der noch einmal aufgewärmt wirklich lecker sein konnte.

Satt machte ich mich auf Richtung Bahnhof. `Zum Kaffee´ hieß bei uns immer so gegen drei, also setzte ich mich in die nächste Bahn, die Richtung Potsdam fuhr und grübelte ein bisschen.

Kennt ihr das auch? Man möchte nichts erwarten, sich nichts ausmalen und gerade dann bildet sich das Hirn ein, hundertvierundzwanzig mögliche Ausgänge für einen Abend präsentieren zu müssen. Eine beängstigender als die andere.

In genau so einer Situation fand ich mich wieder. Immerhin wollte ich morgen Kevin treffen, Kevin der beim Sex gern der Aktive sein wollte, nicht küssen wollte und eigentlich einer meiner besten Freunde war, der mich gerade zu Kaffee zu sich lud. Das war doch alles wie aus einem alten, albernen Film! Ich musste einfach kichern. Ging nicht anders. Wenn man sich das mal so richtig überlegte: wir setzten beide eine Menge aufs Spiel und ich wohl mehr als er.

Ich erinnerte mich an das Foto, das ich ausgedruckt hatte, während ich unter der Dusche hin und her gehopst war, um dem kalten Wasser zu entgehen. Aber irgendwie muss man ja wach werden. Ich beschloss, es Emanzo zu geben, es aufzuklären, sollte er ehrlich zu mir sein und ich beschloss ebenfalls, das Spiel wie er zu Ende zu bringen, sollte er es nichts zu dem Thema sagen. Ich würde damit nicht anfangen. Wenn er reden wollte, okay – ich wäre da. Wenn er nicht den Mut hatte, ich konnte ihn ja schlecht dazu zwingen.

Es lag also eigentlich nur an Emanzo, wie das hier enden würde.

Als ich das Treppenhaus erklomm und vor der Tür im dritten Stock stehen blieb, roch es verräterisch angebrannt. Ich klingelte besorgt und Emanzo kam mir mit Ofenhandschuhen und einem tieftraurigen Gesicht entgegen, knuddelte mich zur Begrüßung und empfing mich mit den Worten „Ich wollte dir einen Kuchen backen – ging schief“

Er wollte was? Mir einen Kuchen backen? Wow. Wie kam ich denn zu der Ehre? Und vor allem, was machte Emanzo in der Küche, war das nicht Ankes ... na eben! Siedend heiß fiel es mir wieder ein, dass sie sich getrennt hatten.

Und noch ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, warum wieso weshalb und sowieso und überhaupt, hatte sich Emanzo schon die Haare gerichtet, die Handschuhe abgestreift und sich eine Jacke und Schuhe gegriffen, schob mich aus der Tür und legte fest, dass wir ins Café um die Ecke gehen würden.

Und dort saßen wir dann auch, hatten uns einen kleinen Tisch unter einer alten Linde gesucht, die Schatten spendete und das grelle Licht einfing. Stunde um Stunde verging, ohne dass wir es bemerkten. Und ich spürte, dass Emanzo reden wollte, immer wieder sich auf ein bestimmtes Thema näherte, aber nicht zum Punkt kam, berichtete von Anke, wie es war, warum es nicht mehr ging und dass er sein Leben jetzt erst einmal genießen wollte, dass er momentan mal wieder so richtig juckig war und ob das am Frühling liegen könnte, dass er keine Kinder wollen würde. Eigentlich ein Nachmittag wie jeder, wenn wir allein zusammensaßen und redeten. Man konnte das mit ihm fast so gut wie mit seinem Bruder.

Es begann zu regnen und weil wir uns nicht mehr ins Lokal setzen wollten, flitzten wir zurück zu ihm, Emanzo suchte eine Flasche Wein, ich aus dem Schrank die Gläser und so hockten wir uns vor den Fernseher, stellten den Ton auf leise und redeten weiter, vergaßen über diesem, wenn man zwischen den Zeilen las, wirklich aufschlussreichen Gespräch die Zeit.

Der Flasche Wein hatte sich eine zweite hinzugesellt. Und da ich so viel vertrage wie er – nämlich nicht besonders viel, waren wie beide gut zu Fuß, plauderten mittlerweile extrem freizügig, als etwas in mir sagte: Chris, dein Nachtbus ist weg.

Als mich diese Erkenntnis durch die Nebelwand traf wie ein Blitz, stöhnte ich auf und Emanzo, der mittlerweile auf dem Teppich lag und zu mir hochblickte, weil ich mich auf der Couch ausgebreitet hatte, grinste.

„Mein Bus ich gerade weg“ Dann sank mein Kopf in das einzige Kissen auf er Couch.

„Und?“, wollte Emanzo wissen, als würde er auf schlimmeres warten. „Pennste eben hier“ Er schüttelte auffordernd den letzten Rest Wein in der grünen Flasche und grinste breiter, auch schon unkoordiniert. „Noch ein Absacker und dann los“

Ich nickte träge, hielt ihm mein Glas entgegen und er überraschte uns beide, dass der das Glas wirklich traf und nicht die neue Auslegware misshandelte. Nach dem Motto: Nase zuhalten und runter damit!, vernichteten wir den letzten Rest des Merlot und brachten noch die Gläser in die Küche, wo Emanzo noch ein bisschen herumpolterte, während ich schon ins Bad weiter wuselte.

Irgendwann trafen wir in Emanzos Zimmer wieder aufeinander, begutachteten beide sein Bett und dann sah ich im Augenwinkel Emanzo im Schrank wühlen, einen Schlafsack suchen, den er für sich auf dem Boden ausbreitete.

Und ich höre mich heute noch sagen „Emanzo, lass uns doch zusammen in dem Bett pennen“ und lauerte auf seinen Gesichtsdruck, der unbezahlbar war. Er räusperte sich und meinte nur etwas gedehnt „Ach neee ... was soll das denn werden?“ Tz, das klang ja fast, als wollte ich ihn verführen!

„Dann halt nicht“ Ich zuckte die Schultern und streifte die Klamotten von mir, warf sie auf einen kleinen undefinierten Haufen und hörte plötzlich leise „Na ja, eigentlich haste ja recht. Auf dem Boden gibt’s bloß wieder Rückenschmerzen.“

Es dauerte noch weitere fünf Minuten, bis wir uns sortiert, uns unter der Decke arrangiert hatten und nun dalagen und redeten. Eigentlich noch immer über alles und nichts, so auch über Haare und dass seine fester wären als deutsches Haar und natürlich musste ich das überprüfen, so eine These konnte ja schlecht unbewiesen im Raum stehen bleiben! Ich schob meine Hand in die schwarzen Fransen und zauste sie etwas, dass er schneller atmete.

„Das ist fast wie mit Anke“, nuschelte er vor sich hin. Ich behielt die Hand, wo sie war und wir redeten weiter, als er plötzlich, völlig aus dem Zusammenhang gerissen, fragte „Chris, wie ist das eigentlich, einen Mann zu küssen?“ Na der konnte Fragen stellen!

Wer erwartet, dass ich ihn jetzt geküsst hätte, dem muss ich sagen – ähä! Statt dessen ließ ich meine Zunge über sein Ohr wandern, spielte mit dem weichen Knorpeln und neckte ihn. Es dauerte nicht lange und er lag bebend neben mir, zitterte am ganze Leib.

Eine seine Ex-Freundinnen war mein beste Freundin gewesen. Und von ihr wusste ich, wie leicht sexuell erregbar Emanzo war, dass er schon leichte Berührungen als ganz irre aufregend empfände und somit immer gleich zu zittern begann. „Ist dir kalt, Emanzo?“, fragte ich mit einem besorgten Unterton und dem Wissen im Hinterkopf, dass es unter Garantie nicht an dem war, so wie sein Ohr unter meiner Zunge glühte. Doch er antwortete mir nicht, lag nur zitternd und starr neben mir und ich ließ mich nicht beirren, ließ meine Zunge weiter spielen, am Ohrläppchen, am Kinn, den Hals hinunter.

Das musste wohl gereicht haben, denn er sprang auf und saß im Bett, schälte sich aus der Decke und blickte mich etwas verschleiert an. „Ich geh jetzt rüber in mein Bett – das wird mir hier zu heikel.“ Er krabbelte von der Matratze und blickte mich noch einmal an. „Chris, wir sind doch Freunde!“

Na was sollte das denn? Reichte ihm das schon, um eine Freundschaft für aufs Spiel gesetzt zu empfinden? „War doch cooler Spaß,“ entgegnete ich betont gelassen, als wäre es das normalste der Welt, einen seiner besten Freunde, den man so genau kannte, soweit zu erregen, dass der mit ausgebeulter Hose und hängenden Ohren in Richtung seines Schlafsackes verschwand.

Seufzend löschte ich das Licht neben dem Bett und überlegte, ob ich nicht doch zu weit gegangen wäre. /Meine Güte, ein bisschen am Ohr gekitzelt./ Nein, ich entschied für mich, ich bin nicht zu weit gegangen, Emanzo konnte sich nur nicht eingestehen, dass es ihn anmachte, von einem Mann angefasst zu werden, der im Gegensatz zu einer Frau die richtigen Stellen zum streicheln nicht erst lange suchen musste, sondern auf Anhieb fand, dass er vielleicht gar mehr wollen könnte. Von einem Freund! Da war wohl das eigentliche Problem an der Sache.

Ich drehte mich in Richtung Wand, als ein Rascheln mich weckte, und das Dellen der Matratze hinter mir. Ohne ein Wort wandte ich mich um, blickte Emanzo nicht an. Ich begann ihn einfach zu streicheln. Schließlich mochte er nicht ohne Grund zu mir gekommen sein. Erst nur mit einem Finger über die nackte Brust. Dann zwei, noch immer strichen nur die Kuppen über die weiche Haut, warm und sonnenverwöhnt. Die kleinen Brustwarzen, die wohl bereits auf Zuwendung warten, ließen auch mich nicht kalt. Ich neckte sie, kratzte, streichelte und nahm das Zittern und leise Keuchen als meinen Lohn, fragte mich bereits, wie weit er mich gehen lassen würde, wie weit ich kommen würde bis er... ich war gerade dabei, die Beule in seiner Schlafhose etwas genauer zu betrachten und ihn auf die Schulter zu küssen, als er zischend die Luft einzog und die Decke von sich warf, abermals aus meinem, eigentlich ja seinem, Bett flüchtete und entgültig und bis zu den Haarspitzen in seinem Schlafsack verschwand, Gesicht zur Wand.

/Feigling/

Dank des Weins hab ich diese Nacht recht gut geschlafen. Und als ich am nächsten Morgen zeitig los musste, weil eine Menge Arbeit auf mich wartete, erklärte mir Emanzo zu meinem Erstaunen, dass es ein total cooler Abend gewesen wäre. Was genau er damit meinte, wusste wohl nur er. Und ich brachte es nicht übers Herz, ihn nachher zu etwas zu bestellen, wozu er eindeutig noch nicht bereit war.

Ich griff in die Tasche und reichte ihm sein Bild. „Kevin, denk drüber nach, du willst es – aber du bist vom Kopf her noch nicht so weit.“ Er blickte mich fassungslos an, als ich die Tür hinter mir schloss.

Als ich aus der Haustür trat, stand er auf dem Balkon und winkte mir hinterer, ich zwinkerte ihn zu. „Sei vorsichtig Kleiner, ist nicht jeder ein guter Freund.“ Und dann machte ich, dass ich losflitzte, bog doch hinter mir bereits mein Bus um die Ecke, der mich ins Wohnheim zurückbringen sollte.