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Tanz am Abgrund

Original/ Reale Welt/ Weihnachten [PG] [abgeschlossen]

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Einteiler

Inhalt:
Feuerwehrmann Jörg schiebt an Heilig Abend Dienst und wird zu einem Einsatz gerufen, von dem es hieß: Person droht zu springen …

 


 

Tanz am Abgrund

„Jörg, danke noch mal, dass du für mich die Nachtschicht übernimmst.“

„Kein Problem, Gustav, ich mach’s gern.“ Jörg winkte ab, schüttelte sich ein paar der roten Strähnen aus den Augen und schob seine schwarzen Stiefel in seinen Spind. Auch – oder gerade weil – heute Weihnachten war, hatte es ihn einfach nicht in seiner Wohnung gehalten. Seit einem halben Jahr lag sie so still und leer. Sechs lange Monate war es nun schon her, dass Aaron gegangen war, ihn verlassen und mit einem anderen davongegangen war. Sechs lange Monate ohne Nachricht, ohne ein Wort. Er wusste ja nicht mal, wo der Zwanzigjährige jetzt wohnte und ob es ihm gut ging.

Nichts.

Überhaupt nichts.

Er war aus Jörgs Leben von einen auf den anderen Tag verschwunden und der Feuerwehrmann hatte heute noch daran zu knabbern. Drei Jahre waren sie unzertrennlich gewesen, drei wundervolle Jahre. Und zwei Wochen vor Jörgs 26. Geburtstag war Aaron einfach gegangen.

„Mach’s gut, Gustav und grüß den Kurzen“, lachte Jörg seinem Kollegen noch zu, als der seine Jacke überwarf und sich für heute verabschiedete. Auf ihn wartete seine Familie, bei ihm lohnte es sich, wenn er Weihnachten zu hause war, nicht wie bei Jörg, wo eine leere Wohnung alles war, was wartete.

Zeit heilte ja bekanntlich alle Wunden, leider hatte nie jemand gesagt wie viel Zeit. Angeblich bräuchte man die hälfte der Zeit, die die Beziehung gedauert hatte, um über den Schmerz hinweg zu kommen. Das konnten ja noch 12 trostlose Monate werden. Jörg seufzte. Sein Blick fiel auf Lothar und Sven, zwei der jüngeren Kollegen, die auch über die Feiertage den Dienst der Familienväter übernommen hatten. So lief das eben in einem guten Team. Schließlich sagte keiner Nein, wenn Jörg mal auf eine Behörde musste und deswegen früher weg, oder als Sven Gerichtstermine hatte, wo er zwar nicht anwesend sein musste, aber da es um das Sorgerecht für seine uneheliche Tochter ging, dann doch gern dabei war. Eine Hand wusch eben die andere.

„Noch n Kaffee, Jörg?“, wollte Sven wissen und winkte mit einer Tasse. Jörg nickte. Ja, ein Kaffee und ein bisschen Tratsch mit den Jungs, das konnte ablenken. Heilig Abend hatten sie – der Natur der Sache geschuldet – mehr Einsätze als sonst, und so würde es sicher nicht lange dauern, bis der nächste Notruf einging. Meistens waren es Wohnungsbrände, bei denen der Baum in Flammen aufging oder der Kranz. Die Leute waren aber auch unvorsichtig. Man lernte doch schon von klein auf, brennende Kerzen nie unbeaufsichtigt zu lassen! Aber na ja, manche wurden eben nur aus Schaden klug.

„Und? Auch Dienst um nicht alleine zu sein?“, wollte Lothar wissen und schenkte sich auch eine Tasse ein, setzte sich zu Jörg und Sven an den kleinen Tisch im Pausenraum und beide anderen nickten. „Lisa feiert mit ihrer Mutter und deren neuen Stecher“, murmelte Sven und Jörg seufzte nur.

„Immer noch Aaron?“

„Ja.“ Jörg nickte.

Das war einer der Punkte, warum er sich hier in der Wache 5 der städtischen Berufsfeuerwehr so wohl fühlte: jeder wusste, dass er schwul war und keiner, aber wirklich kein einziger, störte sich daran. Er wurde nicht gemieden, nicht verspottet. Er wurde sogar getröstet als Aaron weg war. Die Feuerhörnchen, wie sie sich gern selber nannten, waren wohl das tollste Team, das er sich nur vorstellen konnte. So machte wenigstens die Arbeit Spaß, wenn es das Leben schon nicht tat.

Sicher, andere Mütter hatten auch schöne Söhne, aber keiner von ihnen war wie Aaron.

Doch er hatte nicht lange Zeit sich darüber noch Gedanken zu machen, denn die schrillende Sirene rief sie in die Garage zum Einsatz.

„Person droht zu springen!“, lautete die Information über den Einsatz und Jörg stöhnte. Das war der zweithäufigste Grund, warum sie in der dunklen Jahreszeit ausrücken mussten: Selbstmörder. Hinter jedem stand ein Schicksal, meistens eines, was man nicht einmal kannte. Doch wenn man es zu dicht an sich heran ließ, dann wurde man irgendwann seines Lebens nicht mehr froh. „Belaste dich nicht damit, sonst brauchste hinterher selber noch `n Therapeuten“, sagte Gustav immer und so versuchte Jörg es auch zu handhaben.

Hinter Sven rutschte er die Stange hinab bis in die Garage, sprang dort in die bereitstehenden Klamotten und knöpfte noch im Laufen die Jacke zu. Instinktiv lief er zum Leiterwagen und dann ging’s auch schon los – mit Blaulicht und Sirene quer durch die vom Blinken und Leuchten der Dekorationen erhellte Stadt.

„Wieder so ein verrückter. Dieses Mal auf dem Wachtürmchen an der Zitadellenaußenmauer“, erklärte Dieter, der Fahrer und Jörg atmete tief durch. Die Zitadelle war beliebt. Ihre Festungsmauern lagen hoch über der Stadt, darunter ein tiefer Abgrund und immer wieder kam es hier zu Zwischenfällen. Sonst kümmerte sich Klaus um so was. Er hatte eine Schulung im Umgang mit solch verzweifelten Leuten. Heute musste das wohl einer von ihnen machen.

„Männlich, deutsch, augenscheinlich angetrunken“, unterrichtete Dieter noch und schaltete das akustische Signal aus, der junge Mann musste sie ja nicht gleich hören. Bevor sie die Auffahrt zur Zitadelle hochfuhren, löschte Dieter auch das optische Signal und setzte seine Leute und die Ausrüstung ab. Später würde er mit dem Leiterwagen so manövrieren, dass die Leiter zum Turm rauf reichen konnte.

„Jan und sein Zug sind gleich da“, erklärte Dieter noch. Polizei hatte das Gebiet weiträumig gesperrt und ein paar Passanten, die wohl auf einem Verdauungsspaziergang waren, gingen langsam weiter. Schaulustige waren wirklich ein Volk, das Jörg hassen gelernt hatte. Nicht nur, dass sie katastrophengeil in der Gegend herum standen und Witze rissen, sie behinderten teilweise massiv die Einsätze. Er plädierte schon lange dafür, jeden Schaulustigen wegen unterlassener Hilfeleistung zu verklagen. Elende Gaffer.

Doch all diese Elenden waren vergessen, als ein Blick am rotbraunen Mauerwerk der Zitadellenmauer entlang glitt, von der er wusste, wie tief es dahinter abfiel. Sie war nicht umsonst ein Bollwerk der Verteidigung der Festung, die auf diesem Hügel thronte. Einen Sturz aus dieser Höhe überlebte keiner, denn die Mauer fiel nicht nur fast hundert Meter ab, sie war auch schräg. Man schlug unweigerlich auf dem Mauerwerk auf, ehe man die Bäume erreichte. Da wollte aber wirklich jemand sicher gehen.

Ein hellblauer Punkt zwischen den Zinnnen des kleinen Wachturmes lockte all seine Aufmerksamkeit, während er seine Ausrüstung anlegte. Wie ein Stich mitten in den Magen fühlte es sich an, als über dem blauen Anorak kurze blau gefärbte Strubbelhaare auftauchten. Jörg war wie versteinert. Er bekam keinen Fuß vor den anderen. „Aaron“, flüsterte er ungläubig. Das durfte nicht wahr sein! Das konnte nicht wahr sein.

„Scheiße, das ist Aaron!“, rief Jörg lauter und Sven wandte sich um.

„DER Aaron?“, wollte er sich vergewissern, doch da war Jörg schon losgelaufen. Entgegen aller Regeln, die man über den Umgang mit Selbstmördern gelernt hatte. Scheiß auf „Ruhe bewahren“ und „Ruhe vermitteln“. Wie sollte er so was, wenn er selber kein bisschen ruhig war?

Jörgs Kopf drehte sich und er hörte hinter sich seine Kameraden rufen. Doch Jörg lief. Sein Herz schlug wie wild, hunderte Gedanken bestürmten ihn. Die schwere Ausrüstung behinderte Jörg und ein paar Polizisten sahen ihn fragend an, weil er einfach loslief, ohne sich Informationen von ihnen zu holen. Doch die brauchte Jörg nicht. Alles was zählte war, dass Aaron bereit war seinem Leben ein Ende zu setzen.

„Verdammte Scheiße.“

Zum Glück näherte er sich von einer Seite dem Turm, den Aaron nicht einsehen konnte. Die Tür stand offen und Jörg fluchte immer noch. Sorge, Wut und Angst hatten ihn gänzlich in ihrem eisigen Griff. Sein Herz raste wie verrückt und Unglaube machte sich breit. Verdrängung.

Doch dann, als er schon auf den Stufen war, als wäre ein Schalter gefallen, erinnerte er sich an den ersten Grundsatz: sichere dich selbst ab. Und das tat er auch. Zwar war er die Hälfte der Stufen schon hoch, doch dann suchte er sich etwas, woran er seine Sicherungsleine befestigen konnte. Es musste stabil genug sein ihn und Aaron zu halten, sollte es wirklich soweit kommen.

„Aaron verdammt, ich hab gesagt, wenn was ist, ich bin für dich da. Idiot“, knurrte er leise und band das Seil an einem nachträglich eingebauten Geländer fest, das sollte halten. Erst dann ging er weiter und spürte bewusst den kühlen Wind, der vom Dach des Turmes hinab wehte.

„Aaron, mach keinen Mist“, murmelte er immer wieder und trat endlich wieder ins Freie. Es waren nur dreißig Stufen, aber sie kamen Jörg vor, als wäre er eine Ewigkeit gelaufen. Und tatsächlich. Diese Rückenansicht kannte Jörg nur zu gut. Er musste sich selbst beruhigen und Ruhe bewahren. Vielleicht färbte seine Ruhe auf Aaron ab. Er musste mehrmals durchatmen, ehe er den Namen über die Lippen brachte.

Hastig sah sich der Andere um und die Augen wurden ungläubig groß. „Jörg?“ Selbst die Stimme war voller Unglauben. Doch dann fasste sich der Blauhaarige wieder und wandte sich erneut seinem Ziel zu. Eine leere Flasche Wein lag bereits neben Aaron, eine andere hielt er in der Hand. Das war nicht gut. Aaron trank selten bis niemals. Irgendwas stimmte hier ganz und gar nicht.

„Geh weg, Jörg. Du bist Weißgott der Letzte, den ich jetzt sehen will.“

Na wie Jörg das interessierte. „Nein, Aaron, ich werde nicht weggehen. Ich werde auch nicht näher kommen, wenn du das nicht…“

„Ja ich will das nicht, lasst mich alle in Ruhe. Ich bin alt genug, über mein Ende selber zu bestimmen.“ Aarons Stimme lallte wirklich schon. Jörg lief es kalt den Rücken hinab. Was wenn der junge Mann einfach so den Halt verlor? Ohne dass er es wollte? Nun, wenn er es nicht wollte, würde er nicht da sitzen!, erinnerte Jörg sich selber und fing leise an zureden. „Weißt du eigentlich, wie ich mich gefühlt habe, Aaron? Als ich deine Jacke und deine Haare erkannte? Was ist denn nur passiert?“

Doch Aaron antwortete nicht, er blickte nur über die Lichter der Stadt. „Ist doch egal, Jörg, geh einfach.“

„Nein, Aaron, ich gehe nicht eher, bis ich weiß, was hier los ist.“ Großer Fehler, ganz großer Fehler! Man drängte einen Selbstmörder doch nicht noch in die Ecke! Doch Jörg konnte und wollte darauf jetzt keine Rücksicht nehmen.

Aaron!

Sein Aaron, wollte sich umbringen. Da konnte er doch nicht einfach so … „Hau ab, Jörg, auf deine Schadenfreude kann ich verzichten.“ Aaron rutschte langsam weiter nach vorn und Jörg schluckte hart.

„Warte, Aaron! Warte!“, rief er und kam einen Schritt näher, obwohl er es versprochen hatte.

„Keinen Schritt, Jörg, ich springe. Das ist mein Ernst. Mich will hier sowieso keiner mehr haben.“ Ein Schluchzer verschluckte die letzten Worte fast und Jörg erstarrte.

„Aaron, dass ist so ein Schwachsinn. Ich hab dich schon oft Mist reden hören, aber das ist Obermist, echt.“

„Dann sag mir doch, warum Leon zu seiner Frau zurückgegangen ist und mich einfach so rausgeschmissen hat? Wenn ich ja angeblich solchen Mist rede, komm schon, schlauer Jörg, sag’s mir!“, ätzte Aaron und Jörg atmete auf. Aaron war in Angriffslaune, das hieß, er hatte sich eigentlich noch gar nicht wirklich abgeschrieben. Er hatte also fifty-fifty gute Chance ihn hier heil wegzubekommen.

„Du hast es wirklich nicht begriffen, Aaron, kann das sein?“, wollte er wissen und setzte sich auf eine der Bänke, die hier oben zum Verweilen lockten, wenn das Wetter es zuließ. Der Sternenhimmel war hier besonders schön zu sehen, weit ab von den Lichtern der Stadt. Doch heute hatte Jörg kein Auge dafür, denn Aaron wackelte schon wieder so komisch. Die Beine baumelten im Freien und seine Arme lagen auf den Zinnen, zwischen denen er saß.

„Hau einfach ab, Jörg, ich sag’s nicht noch mal. Lasst mich in Ruhe.“ Aaron schrie und man spürte die Verzweiflung regelrecht. Wie sie die Luft erfüllte, wie die Stimme zitterte. Wie verzweifelt musste man sein, wenn man sich so aus dem Leben schleichen wollte?

Doch Jörg ging es nicht anders. „Weißt du, was du gerade von mir verlangst, Aaron? Ich soll den Mann, den ich noch immer über alles liebe, in den Tod springen lassen, für einen Arsch, der es gar nicht wert ist.“ Jörg flüsterte nur, als er den Reißverschluss seiner Jacke etwas öffnete. Doch dann stahl sich ein sanftes Lächeln auf seine Züge, als er sah, wie Aaron sich ungläubig umwandte.

„Jörg, was redest du da. Du willst mich doch nur hier runter locken, weil es dein Job ist. Da ist dir jedes Mittel recht!“

„Klar will ich dich da runter kriegen, du Depp.“ Den Vorwurf, dass es nur sein Job war, überging Jörg einfach. Im Augenblick war mit Aaron sowieso nicht logisch zu reden. „Es hat sich an dem, was ich dir bei unserer Trennung gesagt habe, nichts geändert. Egal wann – egal warum – wann immer du zu mir zurückkommen willst, komm. Ich werde nicht fragen warum, ich werde einfach nur da sein, weil ich dich ewig lieben werde, Aaron, daran hat sich nichts geändert.“

Man sah Aaron an, wie verwirrt er war. Um Jörg besser zu sehen, musste er sich zurecht rücken und war so gezwungen, wieder weiter aufs Turminnere zurück zu rutschen. Die Weinflasche ging klirrend zu Boden und Aaron zuckte zusammen. Doch er flüsterte nur Jörgs Namen.

„Ja, nun schau nicht so, Süßer. Hast du jemals in deinem Leben Grund gehabt, an meinen Worten zu zweifeln? Ich lüge dich nicht an, nur um meinen Job zu machen, Aaron, aber ich bin auch nur ein Mensch. Menschen sind egoistisch und ich will, dass du hier bleibst.“ Langsam entwickelte sich die Situation hier auf dem Dach, umweht vom kalten Winterwind, zu dem, was sie damals versäumt hatten – ein klärendes Gespräch. Hals über Kopf war Aaron damals gegangen, als Leon ihm das Blaue vom Himmel versprochen hatte, blind vor Liebe ohne den Blick zurück.

„Ich habe dich betrogen, Jörg, schon vergessen?“, klang es ungläubig aus Aarons Mund. „Betrogen und abserviert. Ich könnte so was niemals verzeihen. Wie kannst du das?“ Purer Unglaube sprach aus den blauen Augen. So lange sich Jörg erinnern konnte, so lange war Blau Aarons Farbe gewesen. Küche und Bad seiner Wohnung zeugten noch immer davon, auch die Bettwäsche in die er sich kuschelte.

Sein Blick lag weiter auf Aaron und er überlegte, ob er es wagen sollte und den Kleineren zu sich ziehen oder ob er wirklich darauf hoffen sollte, dass Aaron Vernunft annahm. Der Kleine konnte stur sein, das wusste Jörg genau. Aber er war kein Idiot!

„Das ist vergangen, Aaron. Jetzt ist jetzt und jetzt bin ich egoistisch. Jetzt will ich, dass du ja sagst, dass du mir noch eine Chance gibst und zu mir zurück kommst und dass du wieder lächelst. Komm schon, Süßer.“ Er streckte eine Hand nach Aaron aus und der blickte ihn fragend an.

„Jörg, du verzeihst viel zu schnell. Und das nachdem, was ich dir alles angetan habe. Ich hab dich nicht nur sitzen lassen, ich hab mich auch einfach nicht mehr gemeldet, ich habe keinen Gedanken an dich verschwendet oder daran, wie es dir geht und nun kommst du hier her und sagst: komm zurück zu mir.“ Es war ein Monolog, der so klang, als würde Aaron sich selbst dies alles vor Augen halten müssen, um es zu verstehen. „Ich sollte es sein, der um eine zweite Chance bittet, Jörg, nicht du.“

Jörg lachte leise und die Erleichterung war ihm anzumerken, denn Aaron hatte die Beine über das Mauerwerk zurückgezogen und saß ihm nun gegenüber.

„Das würde ein Sturschädel wie du nie tun, Aaron, das wissen wir beide. Lassen wir das Gestern Gestern sein, lassen wir diesen Arsch, der einen Mann wie dich nicht zu schätzen weiß auch wo er hingehört. Alles was für mich noch zählt ist, dass du zu mir zurück kommst, also bitte komm, Aaron, bitte.“ Wieder streckte Jörg die Hand aus. Seine Nervosität wuchs, so wie die Angst von ihm abgefallen war. Er hatte schon von Fällen gehört, wo der Selbstmörder bereit war hinab zu steigen und dann doch noch Anlauf nahm und sprang. So lange er nicht wusste, was dieser Leon sich alles geleistet hatte, war er sich über Aarons Reaktion nicht sicher.

„Aber ich kann das doch nie wieder gut machen“, murmelte Aaron leise und Jörg verdrehte nur die Augen. Typisch Aaron, alles auf Heller und Groschen genau aufwiegen und nur nichts schuldig bleiben.

„Doch.“ Jörg klang nicht nur entschlossen, er war es. Er erhob sich und kam einen Schritt weiter auf Aaron zu. Er glaubte zu wissen, dass er dieses Risiko eingehen konnte, weil es eigentlich keines war. „Du kommst jetzt mit mir mit, du wirfst dein Leben nicht sinnlos weg und dann zeigst du diesem dämlichen Arschloch mal, wo der Frosch die Locken hat, okay?“ Der kalte Wind strich Jörg unter die Uniform, doch er reagierte nicht darauf. Er war viel zu angespannt. Was würde Aaron dazu sagen? Der Kleinere hatte Leon geliebt, egal wie sehr er selbst diesen Leon gehasst hatte.

Es war noch immer Aarons Entscheidung, doch der saß nur da und umarmte sich selber. Den Blick gen Boden gewandt. „Willst du mich wirklich wieder haben? So kaputt wie ich bin?“, flüsterte er leise und blickte noch immer nicht auf.

„Du bist nicht kaputt, Süßer, du bist nur ein Volldepp, aber das ist nicht ganz dasselbe. Was rede ich denn hier die ganze Zeit? Also komm endlich her, damit ich dich wieder in den Arm nehmen kann.“ Alles was Jörg noch tun konnte, war warten. Und Sekunden konnten kriechen, wenn man vor Anspannung fast platzte und das Gegenüber einen so hinhielt. Denn Aaron bewegte sich gar nicht, weinte nur leise und sank in sich zusammen. So nutzte Jörg die Chance und ging die letzten drei Schritte, sank vor seinem Ex-Freund in die Knie und zog ihn schweigend in seine Arme. Es tat so gut, so verdammt gut, ihn wieder halten zu dürfen, ihn bei sich zu haben. So unbeschreiblich gut.

„Scht, Süßer. Das bekommen wir schon wieder hin“, flüsterte er leise und strich Aaron über den bebenden Rücken. „Komm, Süßer, du holst dir noch was weg“, murmelte er leise und zog Aaron mir sich hoch. Der versteckte nur sein Gesicht an Jörgs Uniform und schluchzte langsam immer lauter. Wahrscheinlich begriff er erst jetzt wirklich, was passiert war und was noch hätte passieren können. Aaron zitterte immer mehr.

„Jörg, gute Arbeit.“

In der Tür, die wieder vom Turm führte, stand Lothar und hielt ihm einen Daumen hoch. „Er soll sich vom Notarzt checken lassen und du bleibst bei ihm. Klaus weiß bescheid, er ist schon auf dem Weg und übernimmt deine Schicht.“

Jörg nickte nur dankend und zog Aaron dichter zu sich. Auf seine Leute konnte er sich eben wirklich verlassen.

„Alles wird gut, Aaron“, flüsterte er dem Kleineren zu und erst jetzt konnte auch Jörg wirklich durchatmen.

Er wollte nicht daran denken, was passiert wäre, hätte er keinen Dienst gehabt. Er wollte es einfach nicht. Er dankte Gott dafür, dass der Tag gelaufen war wie er gelaufen war und dass der Tanz am Abgrund gut ausgegangen war.

Weihnachten ist eben doch ein Tag der Wunder, wo jeder bekam, was er sich am meisten wünschte. Ein sanfter Kuss auf Aarons Haar und auch sie verließen langsam den Turm.

Zurück blieben ein paar Scherben von einer leeren Flasche und Worte, die schon viel früher hätten gesprochen werden sollen … und sonst herrschte Stille, als die ersten Flocken auf die einsame Bank fielen…