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Der hat mir grade noch gefehlt

Original/ Reale Welt/ Weihnachten [NC-14] [abgeschlossen]

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Einteiler

Inhalt:
Valerius liebt seinen Beruf wirklich, aber seine Kunden kann sich der Postbote leider nicht aussuchen.
Doch auch der arrogante Silas van Veen, der Postbote Valerius auf seiner Briefzustellrunde jeden Tag aufs Neue ein Dorn im Auge ist, hat noch eine andere Seite.

 


 

Der hat mir grade noch gefehlt … zum Glück …

Draußen war ein wunderbar klarer Wintermorgen. Es hatte geschneit und durch die elektrischen Straßenlaternen glitzerte der frische Schnee, den die Stadtreinigung noch nicht beräumt hatte, wie ein kleines Wunderwerk an filigranen Kristallen – keine zwei gleichen, jedes individuell und auf seine Art einzigartig und doch dazu bestimmt, zu vergehen bei der geringsten Berührung. Er liebte den Winter, wenn es nur nicht so kalt wäre.

Valerius hatte gerade seinen 25. Geburtstag gefeiert. Seit über sieben Jahren arbeitete er nun schon als Postbote und liebte diesen Job von Herzen. Er wollte keinen anderen und konnte sich sein Leben gar nicht anders vorstellen. Hier war er immer an der frisch Luft, er kam unter Leute, seine Kunden mochten ihn … Na okay, geben wir der Wahrheit den Vorzug, alle bis auf einen neureichen Jung-Unternehmer. Aber von einem wie Silas van Veen ließ sich doch ein Valerius Herzog nicht die Butter vom Brot stehlen.

Er rieb noch einmal die Hände gegeneinander und hauchte hinein, dann zog er sich die Handschuhe über. Den Jackenkragen hochgeschlagen, den Schal festgebunden und dann konnte es losgehen. Weil sein Einzugsgebiet nicht so groß, dafür aber dicht besiedelt war, so zog er mit einem Handkarren los und nicht wie andere mit einem Fahrrad. Das tägliche Lauftraining sorgte dafür, dass Folterkammern wie diese wie Pilze aus dem Boden schießenden Fitness-Center für ihn unnötig waren. Schließlich war er jeden Tag fast 8 Stunden zu fuß unterwegs.

Zwar hatte man ihm schon angeboten den Paket-Service zu übernehmen, doch Valerius hatte abgelehnt. Er mochte es bei Wind und Wetter an der frischen Luft zu sein und seine Kunden würden ihn sicherlich auch vermissen, so wie er sie. Sie waren nicht verwandt und doch fühlte er sich mit einigen von ihnen verbunden. Er kannte ihr Leben, ihre Leiden. Er war Seelsorger und Dienstleister in einem. Aber das machte einen guten Postboten wohl aus.

Sein Atem kondensierte, als er sich in die Spur machte, um seine erste Runde zu absolvieren. Man wollte es nicht glauben, aber es gab wirklich Leute, die morgens um sechs schon wach waren und auf ihn warteten. Na ja, wenigstens sie warteten auf ihn, denn zuhause, da wartete keiner. Er hatte mit Beziehungen einfach kein Glück. Und da wurde es durch die Arbeitszeiten nicht gerade leichter. Sein anderes, etwas heikles Problem bestand darin, dass Frauen einfach nicht sein Jagdgebiet waren. Er mochte sie, er fand sie hübsch – aber sie machten ihn einfach nicht an. Er stand auf Männer und so oft er auch versucht hatte es zu verdrängen, der Körper holte sich schon das, von dem er glaubte, dass es ihm zustand. Und bei ihm war es eben das.

Valerius seufzte.

Nun war es schon drei Jahre her, dass er auf einer Party, mehr aus einem Jux heraus, festgestellt hatte, dass ihn ein Mann entschieden mehr anmache als eine Frau – aber so richtig begriffen hatte er es wohl noch nicht, sonst würde er nicht so verklemmt durchs Leben gehen.

Bis auf ihn selber und den Typen, mit dem er damals abgezogen war, wusste es auch keiner. Zum Glück. Das Getratsche wollte sich Valerius nicht mal vorstellen müssen!

Straße für Straße ging er durch, verteilte die Briefe, verteilte ein paar Wurfsendungen. Er hatte seinen Wagen schon einmal aufgefüllt und seine Strickjacke, die er immer unter der Winteruniform trug, hatte er auch schon ausgezogen. Denn wenn die Sonne sich erst einmal über die Dächer der Stadt gewagt hatte, dann wurde es doch noch warm. Etwas zu warm für diese Jahreszeit, aber Valerius wollte sich nicht beschweren. Immer noch besser als Regen oder Graupel, das war Wetter, das ihm seinen Job doch sichtlich erschwerte.

„Post von den Kindern, Frau Singer“, begrüßte er die alte Dame, die wie jeden Morgen aus ihren Küchenfenster blickte und ihm zuwinkte. Und wie jeden Morgen, so reichte er ihr auch heute die Post gleich durchs Fenster. Sie freute sich wirklich und das dankbare Lächeln, was auf den vom Alter gezeichneten Zügen lag, war mehr als Dank genug. Da wusste er wieder, warum er diesen Job gelernt hatte und warum er ihn so liebte.

Valerius griff das letzte Mal in seine Tasche, nur noch ein Stapel – meist Maxi-Briefe – zusammengehalten mit einem Gummiband. Die waren alle für ein und denselben Adressaten. Und jedes Mal – aber wirklich jedes Mal - stand dieser Kunde auf seiner Liste. Es hatte noch keinen Tag gegeben, an dem er nicht dort hin gemusst hatte.

Winkelstraße 1-4: Silas van Veen – Software-Entwicklung.

Und er konnte darauf warten, dass Silas van Veen persönlich sich um die Abwicklung der Post kümmern würde. Dieser arrogante, neureiche Schnösel mit den schwarzen Stoppelhaaren und dieser bescheuerten verspiegelten Sonnenbrille. Ein Kerl, dem man ansah, dass er schon von klein auf Zucker in den Arsch geblasen bekommen hatte. So ein Arschloch!

Valerius blieb plötzlich stehen und atmete tief durch. Das war gar nicht gut, dass er sich so aufregte, gar nicht gut. Er war ein Dienstleister, er brachte Dienst an den Kunden und von einem Dienstleister erwartete man ein freundliches zuvorkommendes Auftreten. Hinterher konnte er sich immer noch auf die Hand beißen oder dem Kerl die Pest an den Hals wünschen. Aber Kerle wie dieser van Veen einer war, warteten doch nur darauf, einem armen Postboten in die Parade zu fahren und ihnen vor den Koffer zu scheißen. Machtgeil und geldgierig, er hatte schon zu viele von diesen Typen gekannt.

Eines musste er Silas van Veen allerdings zähneknirschend zugestehen: dieser Mann sah gut aus, wirklich gut! Und wenn Valerius Herzog einem Mann zugestand, dass er gut aussah, dann konnte man davon ausgehen, dass er perfekt war.

Nicht zu groß – nicht zu klein. Nicht zu dick – nicht zu dünn. Nicht zu braun – nicht zu blass. Alles in allem einfach perfekt. Und doch war Silas van Veen kein schnödes Mittelmaß.

Egal was er trug, ob Anzug oder Jeans, perfekt.

Nur diese Paarung aus Arroganz und Selbstüberschätzung war zum Abgewöhnen. Ein Großkotz sondergleichen, der Valerius nicht über den Weg traute und in seiner Firma jeden von Valerius’ Schritten überwachte. Wenn man diesen abartigen Schnösel wenden lassen würde, käme sicher ein Quasimodo mit einem wunderschönen Charakter heraus. Jetzt konnte sich Valerius ein Grinsen doch nicht verkneifen.

Langsam setzte er sich wieder in Bewegung und schon ein paar Schritte später stand er vor der Glasfassade eines neu gebauten Bürokomplexes. Die meisten Büros waren noch leer, aber die zweite Etage, da wo das Licht brannte, das war Valerius’ persönliche Hölle. Er knurrte nur, als er den Blick wieder senkte, denn oben hinter dem Fenster, das zum Zimmer des Geschäftsführers gehörte, hatte ihm schon wieder einer gewunken.

Ihm blieb aber auch gar nichts erspart. Hatte dieser Arsch nichts zu tun, dass er es sich leisten konnte, stundenlang auf einen wehrlosen Postboten zu warten und ihn wieder zu terrorisieren?

Klar, wenn man Geld verdiente, indem man andere für sich arbeiten ließ, da konnte sich Valerius sehr gut vorstellen, dass man genug Zeit für so was hatte. Musste der Kerl nicht irgendwo zum Brunch? Oder eine seiner „Süßen“ besuchen, wie er immer betonte?

„Guten Morgen, Herr Herzog“, begrüßte ihn der Pförtner des Bürogebäudes und hielt ihm mit einem Lächeln die Tür auf, damit der Postwagen nicht vor der Tür stehen bleiben musste, während Valerius das Ende seiner Runde erledigte.

„Herr Sigmaring. Wieder gesund? Sie sehen schon viel besser aus als letzte Woche“, begrüßte er den älteren Herrn mit einem Lächeln und wie immer wartete schon der Fahrstuhl auf ihn, den Herr Sigmaring für ihn rief, sobald er ihn sah. So machte das Arbeiten doch Spaß, wäre da nur nicht der Höllenfürst persönlich, der hinter Valerius auftauchen wird, sobald er die zweite Etage erreicht hatte. Es war furchtbar, wenn man vorher schon genau wusste was passieren würde, man es nicht vermeiden konnte und wie die Ratte in die Speckfalle lief.

Nichtsdestotrotz – er liebte seinen Job!

Also stellte er den Wagen ab und ging mit seinem Bündel unter dem Arm zum Fahrstuhl. „Auf geht’s“, animierte er sich selber und dann glitten die Türen zu – Sekunden später wieder auf und oben war er. Dieser Fahrstuhl war ein Wunderwerk der Technik, man merkte gar nicht, wenn er sich bewegte.

Und wie erwartet empfing ihn Silas van Veen persönlich, mal wieder in einem maßgeschneiderten Anzug, der wirklich gut saß und die Sonnenbrille in den schwarzen Haaren. Was hatte Valerius auch erwartet?

„Guten Morgen“, grüßte er, wie er es gelernt hatte, mit einem antrainierten Lächeln, das er wohl sogar bringen konnte, wenn ihm gerade eine Walze über den Fuß fuhr. Und so sehr war der Vergleich ja auch nicht aus der Luft geholt. Silas van Veen kam den Ganzen schon recht nah. Nein, er war nicht dick oder schwer, aber der Schmerz, den er verursachte, war fast derselbe.

„Guten Morgen, Herr Herzog, es ist mir wie jeden Morgen eine Freude, sie zu sehen“, erklärte Silas, als er neben dem Postboten zum Sekretariat ging. „Katja, hast du die Post fertig? Der liebe Postbote ist da.“

Ein Kichern ging durch den Raum und Valerius hatte gar keine andere Chance, als sich wirklich verarscht zu fühlen. Machte sich hier eigentlich jeder über ihn lustig? So wie sie dastanden und Kaffeetassen in der Hand hatten, hätte er ihnen gern eine mitten ins Gesicht geschlagen. Aber er war ein Postbote, er wusste sich zu benehmen – und er selbst war ja wirklich hart ihm nehmen.

„Kommst du, Silas? Eigentlich hatten wir um zehn ein Meeting, was wir extra für den Postboten verschoben haben. Mach hin, Sören muss noch nach Mailand fliegen, vorher sollten wir die Dinge geklärt haben“, rief eine junge Frau und Silas nickte nur genervt.

„Ja doch Jane, wir sind ja gleich fertig.“

Valerius traute seinen Ohren nicht. WIR sind gleich fertig? Wir? Traute er ihm hier gar nichts zu? Oder hatte Valerius etwas verpasst? Nämlich die Szene im Film, als Silas van Veen auch ein Postbote geworden war und sie nun seinen Job gemeinsam erledigten – der Abgrund der Hölle, wenn man sich das mal vorstellte und Valerius spürte schon das Feuer auf seinem Nacken prasseln.

Feuer?

Er hielt inne darin, seine Briefe abzugeben und die neuen mitzunehmen, als er diese Hitze spürte. Was war das? Ein geschulter Blick zur Seite, ohne den Kopf zu drehen zeigte ihm, dass der Kerl doch allen Ernstes über seiner Schulter hing und ihm auf die Finger starrte! Das war mehr als demütigend! Aber wirklich!

Nicht nur, dass ihn hier jeder auslachte, nein, ihm wurde nicht mal zugetraut, dass er seine Briefe richtig sortierte! Vielleicht sollte er wirklich um eine andere Route bitten, wenn er die nächsten Jahre ohne nervlichen Schaden überstehen wollte.

„Sehr gut, Herr Herzog, ich hätte in meinem Zimmer auch noch …“

„Silas, verdammt – jetzt komm endlich und hör auf dem Postboten nachzu …“

„Gerrit, halt die Klappe ich komme ja schon.“ Knurrend verabschiedete sich Silas von seinem Postboten und wanderte in den Konferenzraum, aber nicht ohne Valerius noch einmal ein Herzensbrecherlächeln zuzuwerfen. Doch der Postbote schnaubte nur. Konnte ja gut sein, dass so was bei Silas van Veens Miezen zog! Aber doch nicht bei ihm! So ein eingebildeter Lackaffe, machte sich über ihn lustig! Hatten Juppys keine anderen Hobbys als ehrlich arbeitende Leute zu quälen?

Doch nun war sein Arbeitstag fast vorbei, er hatte seine Runde erledigt. Es kam einer Flucht gleich, als er mit einem netten „Auf Wiedersehen“ auf den Lippen und einem Stapel Post unter dem Arm wieder im Fahrstuhl verschwand, erst da konnte er wirklich durchatmen. Er hatte es mal wieder überstanden, nun konnte der Tag beginnen. „Tschüss bis morgen“, grüßte er den Portier als er ging und draußen vor der Tür atmete Valerius erst mal so richtig tief durch. Doch lange hielt seine Ruhe nicht an, denn sein Handy machte sich bemerkbar.

„Herzog … oh, heute? … ja klar, ich hatte heute nur eine Runde, in einer Stunde bin ich … ab um fünf, okay … und wo? … ja das kenn ich, alles klar. Bis dann.“

So, und schon hatte er einen Job für den Abend angenommen. Er hatte sich in einer Agentur vormerken lassen, die gerade in der Weihnachtszeit mal einen Weihnachtsmann brauchten oder sonst was. Dieses Mal sollte er zusammen mit einem Rentier, dass dort schon auf ihn warten würde, in einem Kinderheim für ein paar leuchtende Kinderaugen sorgen.

So was machte Valerius wirklich gern. Es gab nur weniges, was wirklich schöner war als glücklich leuchtende Kinderaugen und die kleinen Würmchen im Waisenhaus hatten ein bisschen Glück wirklich bitter nötig. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass er noch genügend Zeit haben würde, um für die Woche einzukaufen. So kurz vor den Feiertagen war das immer ein Risiko, das er nur zu gern so lange vor sich her schob, bis es nicht mehr ging. Wenn er über Weihnachten also nicht verhungern wollte oder bei seinen Eltern was borgen, dann sollt er das heute noch erledigen.



Gesagt – getan.



Nur hatte Valerius nicht damit gerechnet, dass noch Abermillionen anderer Menschen in dieser Stadt vielleicht unter Umständen die gleiche Idee haben könnten wie er selber auch. Denn er war zu spät dran, es war schon sieben Minuten nach fünf und die Bahn hatte zu allem Übel auch noch Verspätung.

Kaum dass der S-Bahn-Zug gehalten hatte, sprang er auch schon aus der Tür, die Treppen hoch und mit weitgreifenden Schritten lief er die zwei Querstraßen entlang, bis er am Waisenhaus angekommen war, wo schon ein paar Kinder hinter den Scheiben auf die Straße blickten als würden sie etwas suchen.

Schnell verschwand er in einer dunklen Ecke, zog sich das Kostüm über, den Bart noch im gehen gerichtet und schon stand er mit einem „ho ho ho“ plötzlich auf dem Flur, dass die Kleinen zu quietschen anfingen und ihn umrundeten. Neben ihm stand ein Rentier in einem wirklich süßen Kostüm. Weiches braunes Fell, ein großer Plüschtierkopf mit einem kleinen Geweih, dazu noch ein weicher Puschel und es wackelte immer mit dem Kopf.

Nun konnte die Show also beginnen.

Die Kinder umringten sie immer wieder und sangen Lieder, mal sang das Rentier mit, und es hatte wirklich eine angenehme weiche Stimme, ein tiefer sauberer Bass. Es lachte, wenn die Kinder es am Puschel zogen und Valerius musste zugeben, dass dieses Rentier ein wirklich netter Zeitgenosse war. Ob er ihn von seiner Agentur aus schon kannte?

Und die Kinder liebten ihr Rentier.

Es wurde geknuddelt, gestreichelt, mal ging es sogar auf die Knie und ließ die Kinder auf seinem Rücken reiten. Valerius staunte, wie viel Geduld dieses Rentier hatte. Immer wieder holte es mal ein Geschenk aus dem Sack, wie Valerius auch, der mit den Kindern weiter sang, sie auf das Rentier setzte oder sie hochhob und sie fliegen ließ. Die drei Stunden hier mit den Kindern vorgingen wirklich wie im Fluge.

Irgendwann verschwanden die Kleinen glücklich mit ihren Geschenken in ihren Zimmern und spielten. Erst jetzt bemerkte Valerius, wie ihn diese Stunden geschafft hatten. So lange die Kinder hier gewesen waren und Trubel geherrscht hatte, so lange war ihm das noch nicht aufgefallen. Aber nun wo die Ruhe einkehrte und man sich sacken lassen konnte … das Rentier lag noch auf dem Boden und blickte zu ihm hoch.

„Na komm schon, Blitz? Oder heißt du Donner? Oder doch Rudolph?“, lachte Valerius und reichte seinem Mitstreiter die Hand, zog ihn zu sich hoch und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

„Cool wie du so mit den Kindern umgehen kannst. Die lieben dich.“ Valerius nahm Bart und Mütze ab und trank einen Tee, während er von dem Rentier, etwas dumpf, da es den Plüschkopf noch immer trug, erfuhr, dass er hier groß geworden wäre und Schwester Amalie wie seine Mutter wäre. Seit er ausgezogen war, kam er jeden Monat mindestens einmal hier her zu seinen Süßen.

Valerius war wirklich begeistert von diesem Mann im Kostüm. Dass man nicht vergaß wo seine Wurzeln lagen? Wer konnte so was denn heute noch von sich behaupten? Wer gab schon gern zu, dass seine Eltern einen nicht haben wollten? Und doch ist ein anständiger Kerl aus dem kleinen Waisenjungen geworden.

Sie kamen ins Gespräch, redeten über dies und das, den Job und warum sie das hier taten und nach einer Weile wurde es Valerius zu dumm. „Sag mal, ist dir unter dem Fell nicht heiß?“ Denn er musste immer mehrmals nachfragen, weil er durch den Plüsch vieles nicht auf Anhieb verstand.

„Lass mal Valerius, ist schon okay so“, wiegelte das Rentier nur ab und Valerius verdrehte die Augen.

„Stell dich nicht so an, wir sind doch unter uns.“

Das Rentier nuschelte was in sich hinein, drehte aber den Kopf weg. Augenscheinlich wollte es nicht enttarnt werden. Valerius lachte und kam auf das Rentier zu. „Komm schon, ich verdreh dir jetzt den Kopf und dann mach ich dich einen kürzer“, lachte er und griff sich die plüschigen Ohren, zog und hörte noch die Worte „Du hast mir schon lange den Kopf verdreht, kleiner Postbote“. Doch Valerius macht sich darüber nicht wirklich Gedanken, sondern suchte einen Fleck wo der große Kopf nicht störte. Als er sich wieder umwandte blickte er allerdings mit schreckgeweiteten Augen auf ein ihm nur allzu bekanntes Gesicht.

„Silas van Veen. Wie weit gehen sie eigentlich noch, um mich zu demütigen?“ Die gute Laune war verflogen und Valerius war dabei seine Sachen zu nehmen und gehen. Doch Silas hielt ihn auf.

„Valerius, ich bitte dich. Gib mir doch endlich mal die Chance dir einiges zu erklären!“

Doch Valerius hatte darauf keine gesteigerte Lust. Er war wütend, und zwar auf alles und jeden – vor allem auf diesen Typen da, der so scheinheilig tun konnte. „Macht es ihnen Spaß?“, zischte Valerius und riss sich los.

„Wir waren eben noch beim Du.“ Silas ließ nicht locker. Er musste das jetzt für sich entscheiden. Das war die einzige Chance, die er jemals bekommen würde und so schob er Valerius wieder auf seinen Stuhl zurück. „Hör mir einfach zu, okay? Denn ich habe eine Menge Arbeit investiert, um heraus zu bekommen, wer du bist. Die haben es bei euch echt mit dem Datenschutz. Drei Tage habe ich gebraucht bis ich wusste wer du bist. Ich hatte dich gesucht und …“

„Ach! Gesucht hat er mich, wie niedlich! Soll ich jetzt in Ehrfurcht vergehen oder wie?“ Man merkte Valerius an, wie wütend er war, denn das Rentier war ihm wirklich sympathisch gewesen. Vielleicht war er auch gerade deswegen so wütend.

„Was soll der Mist, habe ich meine Arbeit nicht richtig gemacht? Wollten sie sich beschweren?“ Valerius war wirklich sauer. So kurz vor dem Fest und dann noch so ein Tiefschlag.

„Valerius, wie wäre es, wenn du mal deinen Sarkasmus etwas runter schraubst und zuhörst? Glaubst du, ich verschiebe einfach so Meetings nach hinten nur weil da ein x-beliebiger Postbote kommt, mit dem ich nicht zufrieden bin?“ Verzweiflung machte sich breit. Valerius schien gar nicht begreifen zu wollen. Er weigerte sich einfach, aus welchem Grund auch immer.

„Okay, du willst es ja nicht anders“, knurrte Silas nur noch. Er wusste sich wirklich nicht mehr anders zu helfen als den überraschten Valerius einfach zu küssen. Und überrascht war als Beschreibung für den Postboten wirklich noch gelinde ausgedrückt! Erst als eine Zunge über seine verkrampften Lippen strich, kam es Valerius in den Sinn was hier gerade passierte und er gab Silas solch einen Schubs, dass der hintenüber kippte und nun auf dem Boden saß, die Plüschhufe zwischen den leicht gespreizten Beinen und er blickte traurig zu ihm auf.

„Bin ich so ein Scheusal?“, wollte Silas wissen und Valerius wusste erst gar nicht was er sagen sollte.

„Hey, jeden Tag wird gelacht wenn ich zu euch komme, du verschiebst Meetings, nur um meine Arbeit zu beaufsichtigen. Du traust mir keinen Meter, du …“

„Halt – halt!“ Silas wedelte mit den Hufen, irgendwie sah es niedlich aus, musste Valerius zugeben. Es hatte was von einer Trickfilmfigur!

„Nein, Valerius. Das ist nicht wahr! Wenn ich dich kontrollieren wollte, würde ich dir Katja auf den Hals hetzen – meine Sekretärin ist streng und exakt. Warum die Leute bei mir lachen? Weil es mittlerweile kein Geheimnis mehr ist, dass ich dich … na ja, dass ich dich eben toll finde und dass ich dich gern ausführen würde und sie lachen eben, weil du mich immer wieder abblitzen lässt. Sie machen sich einen Spaß daraus, Meetings zu der Zeit anzusetzen, wenn sie wissen, dass du kommst und dann sich darüber zu amüsieren, wie ich mich aus der Situation wie heute wieder raus winde.

Keine Sorge, Valerius, das geht nicht gegen dich – das geht eher gegen mich und wenn sie so weiter machen, streich ich denen das Weihnachtsgeld“, murmelte Silas nur leise und blickte wieder zu Valerius auf. Der hockte auf seinem Stuhl – steif und starr und versuchte die gefallenen Worte zu sortieren und zu begreifen, was sie ihm eigentlich sagen sollten. Warum kribbelte sein Bauch so komisch, wenn er auf Silas hinab sah?

„Scherz, oder?“, brachte er über seine Lippen und kratzte sich hinter dem Ohr. Doch Silas schüttelte den Kopf.

„Und dass du mir heute morgen so auf die Pelle gerutscht bist …“, wollte Valerius leise wissen. Er spürte wie er anfing zu zittern. Was geschah hier gerade mit ihm? Nervosität stieg auf und er fühlte sich so unsicher.

„Du trägst BOSS, ich liebe diesen Duft, ich konnte nicht widerstehen“, gestand das Rentier und Valerius wurde rot. Seine Wangen glühten und die Fingerspitzen stippten aufgeregt gegeneinander. Was war nur los? Langsam wurde ihm heiß.

„Nicht dein Ernst, oder?“ Was redete denn Silas für Zeug? Doch der nickte nur und kam auf allen Vieren wieder zu ihm, wie ein Rentier eben.

„Es tut mir Leid, Valerius, wenn du dir bei uns immer so vorkommst, als würde dich keiner leiden können.“ Ein Plüschhuf landete auf Valerius’ Knie und langsam zog Silas sich höher. „Und ich kann auch verstehen, wenn du mich nicht mehr sehen willst. Ab morgen lass ich dich in Ruhe, aber ich musste dir das alles sagen, weil ich nicht mehr schlafen konnte.“ Immer näher kam er mit seinem Gesicht Valerius.

„Aber darf sich auch ein Rentier was wünschen, wenn eine Sternschnuppe fällt?“, wollte er leise gewispert wissen und Valerius konnte nur noch gänzlich fasziniert von diesen dunklen Augen nicken.

„Einen Kuss, mehr will ich nicht“, flüsterte Silas und kam immer dichter. Sein Herz schlug mindestens so laut wie das von Valerius. Das Blut rauschte durch seinen Kopf und machte ihn gänzlich schwerelos. Doch dann hielte er Silas auf, der ihn daraufhin traurig anblickte.

„Den bekommst du morgen, damit deine Angestellten aufhören über mein Lieblingsrentier zu lachen“, flüsterte er leise. Diesen Silas hier, der, der sich um die Waisenkinder kümmerte, der mit ihnen alberte, der seinen Gefühlen freien Lauf ließ, er gefiel ihm wirklich. Es war unbeschreiblich, so wie er gerade flirtete. So ganz anders als der Geschäftsführer von Veen Inc.

„Und das hier, das ist dein Lohn für heute.“

Valerius wusste nicht warum er seine Lippen auf Silas’ presste, aber das warme Flimmern in seinem Magen gab ihm Recht. Dieser Typ hatte ihm wirklich gerade noch gefehlt…