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Und ... gut reingerutscht?

Original/ Reale Welt [NC-14] [abgeschlossen]

[yune]

Einteiler

Inhalt:
Craig ist Pfleger in der Charité und heimlich mit dem Popstar Youssou liiert. Aber wie stark ist eine Liebe, die zwischen Berlin und München pendelt?
Und was will einem das Schicksal sagen wenn der Wagen kaputt geht ...

Verschenkt:
Diese Geschichte ist für meine kleine Zillah zum Geburtstag ... Alles Gute !!

 


 

Na … gut rein gerutscht?!

„Machen sie doch keine Scherze“, fuhr Craig den Mechaniker entsetzt an, der ihm via Telfon allen Ernstes gerade einreden wollte, dass bei seinem geliebten Honda nicht mehr viel zu retten war. Zwar war ihm selbst bei dem Auffahrunfall heute Morgen nicht viel passiert, aber dafür war das Fahrgestell seines Prelude total verzogen und eine Reparatur in Anbetracht des Alters des Wagens wohl teurer als ein neuer Gebrauchter.

„Okay, dann weiß ich bescheid.“ Craig murmelte nur leise und ziemlich deprimiert, in seinem Kopf fing alles an sich zu drehen – seine Planung für Silvester war auf jeden Fall völlig hinüber.

„Ja, wenn sie das machen würden? Ich komm morgen noch mal lang, wegen dem Verschrotten. Kann er so lange bei … ja? Das ist nett, danke Herr Ganter.“ Craig legte auf und das kleine Handy verschwand wieder in seiner Tasche.

Na wenn das kein herrlicher Jahresausklang war?

Eigentlich hatte er zu seinem Freund nach München fahren wollen. Das war von Berlin aus auch nicht gerade der nächste Weg, aber für Youssou war er bereit, fast alles zu tun. Erst vor einem Monat hatten sie sich wieder versöhnt, weil sein Freund ihn geradezu angefleht hatte.

Youssou war fremdgegangen, angeblich weil Craig ihn so lange alleine gelassen hatte. Doch sie wussten wohl beide, dass es nicht nur daran gelegen hatte, sondern der Wurm entschieden tiefer saß.

Ein ‚Bühnenkind’ wie Youssou brauchte seine Show.

Keine Frage, er hatte eine wunderbare Stimme und sah verdammt gut aus. Sein exotischer Touch dank seiner jamaikanischen Mutter kam ihm da sicher auch zu Gute. Youssou konnte sich verdammt sexy zum Rhythmus bewegen, er wusste seine Hüften zu schwingen, dass einem ganz heiß werden konnten. Aber er brauchte Bewunderung und das Rampenlicht wie das täglich Brot.

„Und jetzt?“ Craig ließ sich im Schwesternzimmer im dritten Stock des neuen Bettenhauses der Charité auf einen Stuhl fallen. Es war keine offizielle Pause, deswegen war es leer. Nur die Kaffeemaschine röchelte leise in der Ecke. Er wollte zu Youssou, er wollte nicht alleine in Berlin sitzen und feiern, während sich sein Freund sicher wieder auf einem der großen Events vergnügte. Und Craig wusste wohl zu genau, was es bedeutete, wenn Youssou sich vergnügte. Nicht umsonst hatten sie wegen seiner Untreue öfter Streit und Youssou gerade seine letzte Chance, die er besser nicht mehr verspielte.

Ob Craig also nach München wollte, nur um Youssou zu sehen oder um ihn besser unter Kontrolle zu haben, wusste er selbst nicht genau. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wären sie wohl schon lange kein Paar mehr. Denn hauptsächlich war er nur damit beschäftigt, sich Gedanken zu machen, ob Youssou treu war oder ob er mal wieder fremdging. Zwar hatte er Craig vor einem Monat versprochen, damit sei es endgültig vorbei, nur Craig würde in seinem Leben noch zählen, aber Künstler waren wohl wie die Presse, drehten sich nach dem Wind und nahmen mit, was sie kriegen konnten.

„Komm wieder runter, Craig, er ist flatterhaft, aber er ist doch kein Arschloch“, erinnerte er sich daran, dass er gerade von seinem Freund dachte und nicht von einem x-beliebigen Dahergelaufenen! Er sollte vielleicht etwas mehr Vertrauen in ihn haben?

„Ja, wenn er mir Anlass dazu gibt, ihm zu vertrauen, bestimmt.“ Klasse, er hatte es mal wieder geschafft, sich selber so richtig schön in Zweifel zu bringen. Youssou brauchte nicht einmal etwas zu tun oder anzudeuten oder zu verheimlichen. Craig gelang es ganz allein, von einer auf die andere Minute, in die schönste Eifersuchtsfalle zu tapsen. Es war ja nicht so, dass er Youssou nicht liebte, sonst würde er sich das wohl nicht antun. Denn die schönen Zeiten überwiegten.

Vielleicht sollte er sich doch lieber mal einen Kopf darüber machen, wie er nun nach München zu Youssou kam. Es waren nur noch zwei Tage bis Silvester und er hatte nicht das Geld, sich gerade mal eben aus der hohlen Hand ein Auto zu kaufen. Zwar hatte Youssou ihm schon vor Monaten angeboten, ihm einen Wagen zu schenken, aber Craig hatte abgelehnt. Er war zu stolz, als dass er sich kaufen lassen würde. Er wollte unabhängig sein und keine Schuldgefühle haben müssen, sollte er sich doch eines Tages von Youssou trennen. Stolz und Freiheit gingen ihm über alles. Aber auch Treue – eigentlich.

Leise seufzend erhob sich Craig und streckte den Rücken durch. Sein Job als Pfleger schlauchte, aber er liebte ihn. Sein Bereich war die Innere und seine Patienten mochten ihn, vielleicht, weil er so schön zuhören konnte und selbst im dicksten Stress nicht die Nerven verlor.

Vielleicht, weil er hier und da auch mal einen kleinen Gang für seine Patienten erledigte oder etwas herum telefonierte, um einiges in Erfahrung zu bringen, oder einfach nur, weil er Craig war – Craig mit den schwarzen kurzen Strubbelhaaren und den babyblauen Augen, den mindestens die Hälfte gern als Schwiegersohn gesehen hätte, die andere Hälfte als Ehemann oder Schwager. Aber keiner von ihnen ahnte auch nur, dass dies nicht wirklich in Betracht kam. Craig war schwul, er war nicht wie die Meisten, die er kannte, bisexuell. Er hatte sich auf ein Geschlecht festgelegt und gut.

Na ja, es war ja nicht so, dass er Frauen nicht mochte, er kam gut mit ihnen aus, ging öfter mal mit Freunden weg. Nur im Bett konnte er damit einfach nichts anfangen – an einigen Stellen zu viel, an anderen zu wenig. Nein, ganz entschieden nicht sein Ding.

Schnell war eine Tasse voll Kaffee gegossen. Kathrin hatte ihn gekocht, so dickflüssig wie er aus der Kanne floss. Also musste mit Milch aufgefüllt werden und mit Zucker entgiftet, denn sonst lief er wieder durch die Flure wie das kleine Trommelhäschen aus der Duracell-Werbung und fand keine Ruhe. So hatte er nämlich seinen ersten Tag hier in der Charité verbracht, als er noch nicht wusste, was es hieß: Kathrin kocht Kaffee.

Heute kannte er Kathrin und ihren Kaffee. Aber er mochte sie trotzdem. Craig grinste. Eigentlich mochte er jeden hier im Haus. Zumindest die, mit denen er arbeitete. Sie waren ein eingespieltes Team, jeder konnte sich auf jeden verlassen und jeder sprang ein, wenn Not am Mann war. Keine Frage.

Ein Blick auf die Uhr zeigte Craig, dass er noch fünf Minuten hatte, dann war seine Pause zu Ende. Er hatte die Frühstückspause durchgemacht, weil die Arbeit einfach keinen Aufschub duldete. Er konnte die Medikamente nicht unbeobachtet stehen lassen. Zu schnell war ein Fehler passiert, der – wenn es ganz schlimm kam – Menschenleben kosten konnte. Nein, lieber verlor er eine Pause als einen Patienten. Aber die Pause kostete er aus, denn er war niedergeschlagen. Silvester allein war nicht das, was Craig geplant und worauf er sich gefreut hatte. Allein. Hier. Ach verdammt …

„Na ja. Kann ich jetzt auch nichts machen. Auf geht’s.“ Hastig war die Mischung aus Kaffeesirup, extrem fettarmer Milch und Süßstoff runter gewürgt und Craig schüttelte sich. Er verbannte die Gedanken an Youssou, seinen verpatzten Münchentrip und Silvester weit nach hinten und schaltete um auf Arbeit. Auch eine Sache, die er hier gelernt hatte: einmal mit den Gedanken wo anders und ein Fehler war schnell passiert. Er hatte einen Job gelernt, der Menschenleben retten sollte, so konnte er es sich nicht leisten, abwesend zu sein. Nicht einmal mental, gerade nicht mental. Für Grübeleien waren die Pausen da, dazwischen hatte er sich zu einhundert Prozent auf seine Patienten zu konzentrieren.

Und so war sein Honda Prelude vergessen, als er seine Tasse in das Spülbecken stellte und das Zimmer wieder verließ.



***



Überstunden waren in Craigs Job keine Seltenheit. Aber weil er sie abbummeln konnte und so hier und da noch einen extra Tag Urlaub zusammen bekam, störte sich Craig nicht wirklich daran und zuhause war ja sowieso keiner, der auf ihn wartete.

Zwar hatte er heute noch zum Schwimmen fahren wollen, aber dank des Crashs heute Morgen und der Tatsache, dass er keine Lust hatte, mit dem Bus quer durch die Stadt zu fahren, nur um im Neuköllner Stadtbad ein paar Runden zu drehen, weil er die alte Architektur so mochte und es selten so voll war wie die großen Bäder, strich er dieses Unterfangen aus seiner allabendlichen Planung.

Lieber mit einem Stück Mussaka vom Griechen um die Ecke vor die Glotze hauen und sich endlich mal „The Day After Tomorrow“ reinziehen – ja, nach Eis und Schnee war ihm heute, und zwar richtig. Der reale Winter war für seinen Geschmack wirklich zu lau. Wie sollte man denn bei zweistelligen Temperaturwerten im Plusbereich in richtiges Winterfeeling kommen? Aber wirklich!

„Na, endlich Feierabend?“ Tina, die gerade zur Spätschicht kam, knuffte Craig in die Seite und der grinste nur schief.

„Ja, endlich. Ich glaube, nach 15 Stunden bin ich sowieso zu nichts mehr fähig“, erklärte er und hatte schon die Türklinke der Umkleideräume in der Hand.

„Sag mal, wie geht’s dir eigentlich? Hab gehört, du hattest einen Unfall?!“

Doch Craig wimmelte nur ab. „So schlimm war’s nicht, mir ist nichts passiert. Doktor Kleinschmidt hat mich gleich durchgecheckt. Aber mein Honda hat’s erlebt. Ich muss ihn begraben lassen.“ Zwar grinste Craig, aber zum Lachen war ihm nicht wirklich. Er musste jetzt zur S-Bahn laufen, um nach Hause zu kommen. Und das, wo es da draußen wie aus Kannen schütterte. Vielleicht doch kein Film, sondern lieber eine warme Wanne und ein gutes Buch?

„Ist ja scheiße, und jetzt?“ Tina hatte sich ganz umgewandt und sah Craig mitfühlend an. Doch der schüttelte nur den Kopf. „Na ja, muss eben irgendwann ein neuer her. Im Moment allerdings nicht, das sagt zumindest mein Konto. Aber jetzt muss ich los, sonst ist die Bahn weg. Mach’s gut, bis morgen.“

Lachend verschwand Tina im Schwesternzimmern, während Craig sich beeilte, aus seiner Uniform zu steigen und in seine zivilen Klamotten zu schlüpfen. Seine enge Jeans saß entschieden besser, als die labbrige weiße Stoffhose und er fühlte sich damit um einiges wohler.

Zwar zog ihn nichts wirklich nach da draußen, vor die Tür, in den sintflutartigen Regen, aber wenn er nach hause wollte, und das wollte er unbestritten, dann musste er wohl in den sauren Apfel beißen.

Doch als er seinen Spind zu warf und sich den langen Flur zum Ausgang entlang schleppte, spürte er, dass der Akku langsam alle war. Das Duracell-Häschen brauchte neue Batterien und Craig atmete tief durch. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass er heute doch nicht zum Schwimmen kam, sondern einfach nur noch nach hause fuhr.

„Tschüss, bis morgen“, rief er noch ins Schwesternzimmer und verschwand im Aufzug. Fast wäre er aus Gewohnheit bis in die Tiefgarage gefahren, doch dann fiel ihm leider wieder ein, dass sein Hörbi da nicht stand, sondern in der Werkstadt von Herrn Ganter und so stieg er schweren Herzens im Erdgeschoss aus dem Fahrstuhl.

Kaum dass sich die Türen des Ausgangs öffneten und Craig hindurch getreten war, peitschte ihm auch schon der Regen ins Gesicht, dass er erschrocken für einen Moment die Augen schloss. Den Jackenkragen hochgeschlagen und die Umhängetasche zurecht gerückt, senkte Craig den Kopf und kämpfte sich bis zur S-Bahn-Station durch.

Doch bei solch einem Wetter konnte der kürzeste Weg unendlich lang sein und Craig war mehr als froh, als er endlich in der Unterführung war. Zwar zog es hier, weil der Wind durch jeden Gang fegte, aber es war relativ trocken und so konnte er es wagen, die verkniffenen Augen wieder ganz zu öffnen.

Das schwarze Haar klebte ihm am Kopf und hing in den Augen, die Rinnsale liefen über das ganze Gesicht und Craig war lange nicht mehr so schlecht gelaunt gewesen wie in diesem Augenblick. Er hatte heute Morgen mit keiner Silbe daran gedacht, dass er mitten im schönsten Weltuntergang zu fuß zur S-Bahn und mit der Bahn nach hause fahren musste, weil sein Auto hinüber war und daher hatte er nur eine Jeansjacke übergezogen.

Nun fror er wie ein ausgesetzter Hund und war nass wie eine ersäufte Katze. Dazu hatte er Hunger wie ein Bär und wenn nicht bald die Bahn kam und er ein bisschen in der Wärme antrocknen konnte, dann hatte er den Zoo bald durch und er war noch mieser gelaunt als gerade eben.

Ein Blick auf die Anzeigentafel auf dem Bahnsteig ließ Craig aufatmen und dann hörte er auch schon das Quietschen der eisernen Räder auf der Stahlstraße. Es kam Leben in die Masse, die bis eben noch regungslos und anonym auf dem Bahnsteig gestanden hatte.

Wie ein einziger lebender Organismus strebten sie den Türen entgegen, vermischte sich mit dem Organismus, der sich aus der Bahn schob und dann, irgendwann, betrat auch Craig den Waggon. Auf einen Sitzplatz brauchte man nicht zu hoffen und so blieb Craig gleich neben der Tür stehen und starrte hinaus in das Dunkel, kaum dass die Bahn wieder in den Tunnel tauchte, wie ein hungriger Wurm, der sich durch Erdreich fraß.

Alles was er sah war sein eigenes Gesicht und die derer, die um ihn herum standen. So entging ihm auch nicht, dass ein paar junge Mädchen ihn immer wieder anguckten und kicherten. Die Augen schließend grinste Craig vor sich hin. Auch wenn er mit Frauen nicht viel anfangen konnte, so fiel er ihnen doch auf. Aber die jungen Damen waren wohl wirklich nicht seine Altersklasse.

Trotz ihrer für das Wetter viel zu knappen Klamotten wirkten sie, als hätten sie noch keine zwanzig Sommer erlebt. Er selbst ging schon auf die dreißig zu. Na ja, war er mal großzügig zu sich selber. Er war sechsundzwanzig, er hatte noch ein paar Jahre bis zur magischen Grenze.

„Nächster Halt, Zoologischer Garten …“, verkündete die unsichtbare Stimme aus dem Lautsprecher etwas blechern und Craig blickte auf. Jetzt musste er also wieder raus in die Nässe – umsteigen, aber dann war es zum Glück ja nicht mehr weit.

Kaum dass die Bahn hielt, schob er sich mit einer Schar anderer denen entgegen, die den Waggon gern betreten wollte, pulsierte mit dem Pulk bis an die Erdoberfläche und zog sich wieder den Jackenkragen in den Nacken.

Und so was durfte sich Winter nennen?

Wo waren denn der Schnee und die Kälte?

Ihm war es lieber, es waren zehn Grad unter Null und es war trocken als dieses Wetter, das geradezu dafür prädestiniert war, Grippewellen vor sich her zu treiben.

So beeilte sich Craig aus dem Regen heraus zu kommen und atmete tief durch, als er endlich sein Haus erreicht hatte. Dachgeschoss, sanierter Altbau. Preislich akzeptabel und vor allem war die Wohnung genau das, was Craig wollte. Hohe Decken für ein Hochbett und zwei große Zimmer, um sich richtig auszutoben. Das Bad war verhältnismäßig groß und modernisiert und die Küche stand diesem in nichts nach.

Schnell waren die alten Holzstufen im Treppenhaus erklommen. Die Bastteppiche mit denen sie bespannt waren dämpften ein wenig die Schritte.

„Geschafft“, entfuhr es Craig, als er den Schlüssel aus der nassen Hosentasche fischte und endlich die Tür öffnete. Schnell war die Tasche beiseite geworfen und die Jacke an dem Haken im Flur verstaut.

Aus der eklig nassen, am Leib klebenden Hose zu kommen war da schon entschieden schwieriger und nebenbei, als er auf einem Bein hüpfte und am Hosenbein zerrte, entdeckte er den blinkenden Anrufbeantworter. So hüpfte er etwas umständlich quer durch sein Wohn-/Ess-/Arbeitszimmer und konnte gerade noch auf den Knopf drücken, ehe er das Gleichgewicht verlor und in den Korbsessel sank, der neben der Kommode stand, weil Craig gern lange telefonierte und es dabei bequem haben wollte.

>Sie haben vier neue Nachrichten - Nachricht eins:

Süßer, bist du noch nicht da? Youssou hier – ich wollte nur fragen, wann du kommst

… klick …

Nachricht zwei:

Craig, ich bin’s noch mal. An dein Handy geht immer noch keiner ran. Ruf mich bitte zurück

… klick …

Nachricht drei:

Youssou noch mal, ich mach mir langsam Sorgen. Meld dich bitte. Dieter hat uns zu seiner Party …<

Mehr musste Craig gar nicht hören. Es gab Worte, die ließen ihm den Kamm schwellen. ‚Dieter’ war eines davon. Dieter war der Typ, mit dem Youssou ihn zweimal betrogen hatte und versprochen, es würde nie wieder passieren und nun wollte sein Freund doch tatsächlich auf eine Party von diesem Kerl? Das war ja wohl einer der schlechtesten Scherze, den er seit Monaten gehört hatte! Sah Youssou noch ganz klar?

Ohne lange darüber nachzudenken wählte Craig die Nummer seines Freundes und kaum dass der sich gemeldet hatte, knurrte er auch schon ein „ich bin’s“ in den Hörer.

>Craig, ich hab mir schon Sorgen um dich gemacht. Hattest du länger Dienst? Hast du deinen Anrufbeantworter abgehört…<

Craig stutzte, wenn er es nicht besser wüsste, würde er wirklich sagen, Youssou freute sich, ihn zu hören. Selten war sein Freund am Telefon so aufgekratzt. Doch Craig kannte ihn schon viel zu gut.

„Ja, ich habe mir das Band angehört und siehe da: du willst Silvester zu Dieter. Mach das mal, ich komme sowieso nicht“, erklärte er trocken, denn er war wirklich wütend. Dieter. Dieses dämliche München, wo Youssou wohnte, hatte hunderte netter junger Männer zu bieten. Nein, es musste wieder Dieter sein.

>Was soll das denn jetzt, war doch nur eine Vorschlag, wir können auch wo anders hingehen. Du fehlst mir Craig, das kannst du nicht machen.< Doch Craig atmete nur tief durch. Es war nicht seine Art wütend zu telefonieren. Normalerweise sammelte er sich erst und klärte die Dinge dann. Aber Dieter ließ bei ihm alle Rollläden runter gehen – da war nicht mehr viel mit Logik.

„Das hat nur am Rande was mit Dieter zu tun.“ Okay, das war gelogen, aber nicht ganz. „Ich hatte einen Unfall, mein Wagen ist Schrott, ich kann also nicht kommen.“

Kurz herrschte Stille am anderen Ende, dann schien Youssou zu begreifen. >Ist dir was passiert, geht’s dir gut, kannst du deswegen nicht kommen?<

„Nee, nee.“ Craig verdrehte die Augen und schob das letzte Stück Hosenstoff von seinen Beinen, saß nun nur noch in Shorts und Socken auf dem Sessel und fing gerade an zu frieren. „Mir geht es gut, aber da ich nun kein Auto habe, kann ich auch nicht kommen“, erklärte er seinem Freund etwas angenervt.

Vor ein paar Minuten war er nur wütend darüber gewesen, aber mittlerweile kochte Craig schon. Dieter – immer wieder Dieter! Das war doch echt zum Kotzen. Dieser Wanderpokal von einem Groupie, in dem eigentlich schon fast jeder seinen Schwanz mal stecken hatte, und ausgerechnet so eine aufgetakelte Blondschwuchtel machte sich an seinen Freund ran.

Es war nicht Craigs Art, von femininen Männern als Schwuchteln zu denken oder gar zu sprechen. Er hasste es, wenn jemand so oberflächlich war. Aber Dieter war in jeder Hinsicht gänzlich indiskutabel. Aufgetakelte Blondschwuchtel!

Wäre ja nicht so schlimm, wäre Youssou für diese sich anbiedernden, devoten, blond gefärbten, geschminkten Kerle nicht so empfänglich! Sie waren so ganz anders als Craig selber – warum er und Youssou sich damals gefunden hatten, wusste Craig auch nicht. Sie hatten sich gesehen und es hatte gefunkt. Einfach so.

Abermals stieg Wut in ihm hoch, je stärker er sich wieder daran erinnerte. Youssous Ausrutscher mit genau diesem Dieter war einfach noch viel zu frisch. Heiß kochte die Wut durch Craigs Adern, je intensiver er sich diesen blond gefärbten Typen wieder vor Augen führte. Mit seinen dick mit schwarzem Kajal umrandeten Augen. Der Bastard konnte so unschuldig tun, aber dabei hatte er es faustdick hinter den Ohren. Und Youssou war so blind, dass er nicht mal merkte, dass Dieter ihn nur ausnutzte, um selber in der Szene fuß zu fassen. Naiver Trottel.

>Craig<, brüllte es ihm plötzlich ins Ohr dass, er sich erschrak und nach hinten sank.

„Was denn, brüll nicht so.“

>Dann antworte mir gefälligst. Ich hab gefragt, ob du nicht den Zug oder das Flugzeug nehmen kannst.<

Weil Craig noch immer fröstelte, legte er das Telefon einfach beiseite, ohne Youssou zu antworten und suchte sich seine Hausklamotten. Er wusste genau, wie Youssou darauf reagierte, aber das hatte der Jamaikaner sich verdient.

Eine Jogginghose und einen Pullover, damit er erst mal wieder auf Betriebstemperatur kam. Außerdem musste er seine Wut abbauen.

Wie naiv war Youssou denn manchmal? Glaubte er wirklich, Dieter lud ihn ein, ohne Hintergedanken? Der Kerl war berechnend wie ein Buchhalter und Youssou merkte das nicht mal, der Trottel!

In seinen von seinem Hass auf Dieter beherrschten Gedanken lief Craig quer durch seine geräumige Wohnung und schaltete nebenbei den Herd an, um ihn vorzuheizen. Denn Wut ließ seinen Hunger noch anwachsen und hungrig und durchgefroren wie er war, war Craig fast ungenießbar. Kurz griff er sich das Telefon, „Nein, habe kein Geld“ und ging weiter. Aus seinem Gefrierschrank suchte er eine Pizza, nahm dann doch lieber noch eine und pellte sie aus der Folie.

Als er das Telefon wieder am Ohr hatte tobte Youssou bereits. Um das zu hören hätte Craig das Telefon nicht mal aufheben müssen. „Komm wieder runter, Yous. Feier du mit Dieter, der alten Schlampe. Ich bleibe hier und schiebe Dienst und kann mir dann bald einen neuen Wagen leisten. Denn … nein Yous, ich nehme kein Geld von dir. Auch nicht für ein Ticket – ach komm, was soll das denn jetzt?“

>Dein Stolz in allen Ehren, Craig, aber jetzt wirst du albern. Ich habe mich auf dich gefreut und ich habe mehr Kohle als ich ausgeben kann. Lass mich dir das Ticket bezahlen, damit ich dich hier bei mir haben kann.<

Doch Craig schnaubte nur. „Ich nehme von dir kein Geld, Yous, wie oft noch?“

>Und da sehen wir uns lieber gar nicht? Dann scheine ich dir ja nicht wirklich wichtig zu sein, oder?< Die Stimme seines Freundes klang lauernd, das war Craig nicht entgangen, doch wer ihn auf die Party des größten Rivalen schleppen wollte, der sollte nicht nach bedeuten fragen.

Vielleicht sollte sich Youssou erst mal an die eigene Nase fassen und sie wieder etwas nach unten ziehen, arroganter Kerl. Aber Craig schwieg. Den Hörer in der Hand saß er auf seinem Sessel und starrte auf das Parkett zu seinen Füßen. Seine Augen fuhren die Maserungen nach als hinge sein Leben davon ab, als würde er aufhören zu existieren, wenn er den Faden verlor.

>Craig, verdammt, sag was.<

Was sollte er schon sagen? Er hatte das Geld nicht und von seinem Freund wollte er es nicht annehmen – Schluss, aus, Ende!

>Ich komme nach Berlin, wenn du nichts sagst.<

Craig lachte nur heiser, es war kein herzliches Lachen. „Du hast einen Gig Silvestermittag, schon vergessen?“ Youssou war immer gleich so impulsiv, er war nicht in der Lage etwas vorher zu durchdenken. Ab und an konnte das wirklich anregend sein, aber oft war es nur störend, weil Craig für zwei denken musste.

>Mir egal, ich will das du bei mir bist.<

„Ja genau, Yous, du willst immer nur – du, du, du. DU willst, dass ich da bin und DU willst zu Dieter, obwohl du weißt, dass mich dieser Wanderpokal einfach nur ankotzt. Geh auf diese bescheuerte Party und mach was du willst, ich komme nicht – Ende der Durchsage.“

Und dann legte Craig einfach auf. Er hatte sich in Rage geredet und ehe er etwas sagte, was er später bereute, sagte er lieber vorerst gar nichts mehr.

Er hasste es, sich zu streiten. Er hasste es wirklich! Aber in der letzten Zeit endete fast jedes Gespräch in einem Streit – meist über Kleinigkeiten, die Youssou erwartete, die Craig früher hingenommen hatte und heute nicht mehr wollte. Youssou plante und Craig machte, doch darauf hatte er keine Lust mehr.

Es war ja nicht so, dass er Youssou nicht liebte, der Sänger bedeutete ihm sehr viel, sonst würde er wohl kaum seine paar Kröten mit teuren Telefonaten vertun. Aber ab und an musste der Kerl seine Grenzen gezeigt bekommen.

Kaum dass sich Craig erhoben hatte, klingelte das Telefon und weil er noch nicht deaktiviert war, sprang sofort der Anrufbeantworter an. „Tach auch – ihr hab den Anschluss von Craig Kochler gewählt. Leider habe ich gerade was Besseres vor als zu telefonieren, aber ihr wisst ja wie das funktioniert.“

Kaum dass das Signal ertönte fing Youssou auch schon an zu toben.

>Was fällt dir ein, einfach aufzulegen! Craig, geh ans Telefon, ich bin noch nicht fertig mit dir.<

Aber der grinste nur schief und amüsierte sich darüber, wie berechenbar sein Freund doch war. Lieber sah er sich jetzt im Internet nach billigen Flügen um, vielleicht war ja noch was zu machen! Und wenn das nicht ging, vielleicht doch die Bahn. Musste er eben die nächsten Wochen etwas kürzer treten. Er hatte ja einen Dispo auf seinem Konto.

Er ließ Youssou sich auskotzen und toben. Der regte sich schon wieder ab. In einer Stunde war sowieso alles verflogen. Youssou war so unbeständig wie das Wetter in diesen Tagen. Wenn er seinem Ärger Luft gemacht hatte, konnte man auch wieder normal mit ihm reden. Eines musste man den Jamaikaner ja lassen, er wurde nie beleidigend. Er tobte und wütete, fluchte wie ein Droschkenkutscher, aber er wurde nie persönlich. Es war einfach sein heißblütiges Temperament und Craig musste zugeben, dass er es liebte.

„Kühl dich ab, Süßer. Wir sehen uns ja übermorgen“, murmelte Craig und schob die Pizzen in den vorgeheizten Ofen, ehe er seinen PC startete. Leider hatte er nur einen analogen Anschluss und so zog er das Kabel des Telefons heraus, damit die Leitung für das Internet frei wurde. Denn Youssou klang nicht grade so, als wollte er recht bald zum Ende kommen.

Craig machte es sich am Schreitisch gemütlich. Der Fernseher berieselte ihn sinnleer und als zehn Minuten später die Pizzen fertig waren, hatte er bereits herausgefunden, dass ein Flug von Berlin nach München ihn in den Ruin stürzen würde und ein Bahnticket nicht wirklich preiswerter war. Es war deprimierend. Er liebte seinen Job wirklich, aber reich konnte man damit nicht werden. Wirklich nicht.

Langsam sank Craig auf dem Stuhl zusammen und sah sein Silvester mit Youssou gerade endgültig im Rauch aufgehen. Nicht nur sein Silvester, denn wenn sein Freund diesem Wanderpokal noch einmal erlag, war für ihn unwiderruflich Schicht im Schacht, so sehr er Yous liebte, Craigs Stolz ließ sich auch nicht alles bieten.

Es stand also mehr auf dem Spiel als nur eine bescheuerte Fete und seine Finanzen sollten nun dafür sorgen, dass er in ein paar Tagen wieder Single war? Dass es eigentlich sinnlos war etwas zu retten, was nicht gerettet werden wollte, weil Youssou sich und seinen Trieb nicht unter Kontrolle hatte, spielte für Craig keine Rolle – nicht ein Sekunde dachte er daran, dass es verschwendetes Geld wäre, sich die Treue seines Geliebten zu kaufen.

„Scheiße“, fluchte er leise, den Kopf im Nacken und kaute lustlos an seiner Pizza Magharita. Sein Kopf rutschte auf die Seite und er summte eine Melodie im Fernsehen mit, die zwar nervig war, aber so was von einprägsam, dass er zum Schluss nur noch murmelte: „drei, zwei eins … meins!“ und sein Kopf schlagartig hoch ruckte.

Schnell war der Teller beiseite geschoben und die Finger sauber geleckt. Der Rest landete an der Hose und Sekundenbruchteile später huschten seine Finger über die Tastatur … und wirklich, die Billigflieger inserierten Last-Minute-Flüge in online-Auktionshäusern! Schnell hatte er gefunden was er suchte und gab sein Gebot ein. Noch war er Meistbietender und nun ging das große Warten los. Nervenaufreibend!

Immer wieder tigerte Craig durch die Wohnung, rief seine Mails ab, um zu sehen, ob er überboten wurde und korrigierte sein Gebot noch einmal. Dann verschwand er in der Küche, denn die Anspannung fraß ihn schier auf. Immer wieder erwischte sich Craig dabei, wie er zum PC gehen wollte, etwas checken. Doch er hatte eingegeben, was er zu investieren bereit wäre und egal ob er überboten worden war oder nicht, mehr konnte er nicht locker machen.

Beim besten Willen!

Wieder führte ihn sein Weg in die Küche, noch eine Stunde und sieben Minuten bis zum Auktionsende. Craig merkte, dass er vor Anspannung zitterte. Wann war er denn das letzte Mal so aufgeregt gewesen? Verdammt, er führte sich ja auf wie eine Jungfrau vor der Hochzeitsnacht! Aber er hatte Youssou schon vier Wochen nicht gesehen und genau so lang keinen Sex gehabt.

Seine Finger suchten immer wieder Beschäftigung und so griff Craig sein Handy und schrieb Youssou ein paar liebe Worte, verriet aber nichts von seinem Plan. Er wollte ihn überraschen, dafür dass er ihn eben so aus der Leitung gekickt hatte.

~Sorry für eben, war nicht bös gemeint, musste online – ich liebe dich, Craig~ Dann legte er das kleine Gerät wieder weg und fing abermals an durch den Raum zu laufen. Das war doch nicht normal, er musste sich irgendwie ablenken.

Er könnte aufräumen … nein, keine Lust! Das dauerte länger als eine Stunde … ein Puzzlespiel anfangen? Oh nein, schlechte Idee. Puzzles waren noch nie sein Ding gewesen, Craig war nicht gerade der geduldigste Mensch. Als Kind hatte er die Teile mit Schere und Kleber passend gemacht, auch wenn die Bilder hinterher mehr abstrakten Kunstwerken glichen als dem Motiv auf der Schachtel. Das Prinzip ‚Puzzlespiel’ hatte er wohl noch nicht verinnerlicht.

Okay, also auch kein Puzzle.

Wenn er noch lange so hin und her lief, hatte er bald tiefe Spuren in seinem Parkett, doch kaum dass er saß, fiel sein Blick wieder auf den PC und Craig schüttelte den Kopf. Selbst dass seine Pizzen kalt wurden, störte ihn kaum. Er war so angespannt, dass er den Hunger schier vergaß und zusammenzuckte, als sein Handy piepste.

~Schon okay. Liebe dich auch – muss los, proben. Yous~ Craig nickte nur und atmete tief durch. Youssou hatte sich wieder gefangen, sonst hätte er nicht geantwortet. Er konnte stur sein wie ein kleines Kind, aber wie gesagt: beständig wie das Wetter – wechselhaft.

Als Craig das nächste Mal auf die Uhr sah, waren gerade mal vierzehn Minuten vergangen und ihm war es wie eine Ewigkeit vorgekommen. Und das sollte er noch eine dreiviertel Stunde durchstehen? Nie im Leben! Er war ja jetzt schon versucht die Uhr von der Wand zu nehmen und zu schütteln. Doch dann ließ er es doch bleiben. Das war lächerlich.

„Komm schon, du kannst nichts mehr ändern. Iss was, sonst kommst du wieder nicht dazu“, ermahnte er sich selber. Und da er selbst der einzige war, auf den er eigentlich immer hörte, tat er sich auch den Gefallen. Bewaffnet mit Teller und Fernbedienung kroch er also auf die Couch und suchte etwas Spannendes – doch das Vorabendprogramm war damit nicht gerade reichlich beseelt.

So blieb er an einer unspannenden Dokumentation über die Verwendung von Kautschuk in der Kosmetik hängen und schob Stück für Stück seine Pizzen in sich hinein. Doch nach der ersten musste er kapitulieren. Die Augen waren mal wieder größer gewesen als der Magen. Gab’s den Rest eben morgen zum Frühstück, da kannte er ja gar nichts.

Sich zu seiner vollen Länge von fast eins neunzig ausstreckend machte sich Craig auf der Couch lang, legte sich aber so, dass er weder PC noch Uhr im Auge haben konnte, ohne sich den Hals zu verrenken. Als er schlussendlich Nachrichten als auch Wetterbericht überstanden hatte, sagte ihm die innere Uhr, dass nun alle Würfel gefallen sein mussten und sich nun nichts mehr ändern würde. Selten hatten seine Finger so gezittert, als er sein Postfach öffnete – so wie jetzt.

Und wirklich!

Keine Mail deren Titel „überboten“ lautete – nur eine mit „Auktionsende“!

„Ya-hooo!“ Craig sprang auf und musste sich selber erst mal Luft machen. Berlin - München hin und zurück für 80 Euro? Was wollte er mehr! Selbst der Sprit für Hörbi hätte ihn mehr gekostet! Er war total aufgeregt, als er die Mail anfing zu lesen. Zwar ging der Flug übermorgen erst am späten Nachmittag, aber das war auch nicht das Problem. So konnte er noch etwas ausschlafen und in Ruhe packen. Morgen hatte er noch Dienst und würde sicher zu nichts kommen.

„Wow“, murmelte Craig und grinste nur vor sich hin, konnte es kaum glauben. Er hatte wirklich einen Billigflug bekommen, obwohl die Flüge auf den Webseiten der Anbieter alle schon restlos ausgebucht waren. Ab und an musste eben auch er mal Glück haben!

Es juckte Craig in den Fingern Yous anzurufen und ihm zu sagen, dass er doch kam. Aber er wollte seinen Süßen noch etwas zappeln lassen. Er würde seinem temperamentvollen Wuschelkopf schon noch ein wenig die Krallen stutzen.

Schnell war eine Mail an den Verkäufer verfasst. Sobald der antwortete und Craig sicher war, dass dieses Angebot glaubwürdig war, wollte er das Geld überweisen, vielleicht konnte er ja auch persönlich vorbei gehen, das wäre ihm noch lieber.

Aber nun verzog er sich erst mal mit einem Glas Wein und den restlichen Pizzaecken in der Badewanne, denn der Appetit war wieder da.

Das hatte er sich wirklich verdient.



***



Der nächste Tag hielt nur Höhen und Tiefen für Craig bereit. Zwar musste er erst um zehn zum Dienst, das hieß aber nicht, dass er ausschlafen konnte. Er wollte vorher noch in die Werkstatt, sich seinen Hörbi ansehen und entscheiden, was passieren sollte. Also war er kurz nach acht bereits unterwegs quer durch die Stadt und malte sich im Geiste schon aus, was das Verschrotten kosten würde.

Dreimal umsteigen und einen Fußmarsch von zehn Minuten später stand Craig wieder vor seinem schwarzen Honda Prelude und atmete tief durch. Neben ihm stand der Mechaniker und fing an ihm zu erklären, was alles zu machen wäre und was es kosten würde. Auch Craig sah ein, dass es keinen Sinn machte.

„Kann ich ihn hier lassen und sie kümmern sich um den Rest und schicken mir die Rechnung?“ Man sah Craig an, dass es ihm in der Seele wehtat. Hörbi war sein erstes Auto gewesen und nur weil sich so eine dumme Kuh morgens im Auto schminken musste und ihm an einer roten Ampel mit Schwung hinten rein gerauscht war, musste sein Hörbi nun das Zeitliche segnen.

„Ich mach ihnen einen Vorschlag, Herr Kochler. Ich habe ein paar Kunden, die immer mal Ersatzteile suchen. Verschrotten würde sie ja was kosten, verkaufen sie uns den Wagen zum Ausschlachten. Dreihundert wäre uns das schon noch wert.“

Craig wusste nicht so recht. Sein Hörbi in Einzelteilen über ganz Berlin verteilt? Aber wohl immer noch besser als in der Schrottpresse, und ein bisschen Kohle gab es auch noch. „Okay“, willigte er schließlich ein und ging mit Jan, dem Mechaniker, um den Verkauf zu besiegeln. Dabei wurde ihm gleich noch das Protokoll für die Versicherung geben und ihm die Schuld am Unfall genommen, zumindest aus Sicht des Gutachters. Nun konnte er nur noch warten.

Man war übereingekommen, alles was in dem verkauften Wagen noch Craig gehörte, in einer Kiste zu verwahren und ihm vorbei zu bringen, wenn die Feiertage vorbei waren. Über diesen Service konnte man sich wirklich nicht beschweren.

Nun war der junge Mann mit dreihundert Euro mehr in der Tasche wieder auf dem Weg zur Arbeit. Heute kannte er den Weg schon und es regnete auch nicht. Nicht dass dies seine Laune wirklich hob, aber der Gedanke daran, dass er morgen Abend bei Youssou war und zwar billiger als gedacht, ließ Craig wieder lächeln.

„Na, so gut gelaunt?“ Herr Bimmel, der Pförtner, lächelte Craig entgegen und der nickte nur. „Japp“, machte er und war schon im Aufzug verschwunden. Im Schwesternzimmer wartete frisch gebrühter Kaffee, richtiger Kaffee, dass man noch den Grund der Tasse sehen konnte und nicht Kathrins berühmt berüchtigte Teersuppe und langsam konnte Craig diesem Tag durchaus noch etwas Positives abgewinnen.

Er hatte heute kurzen Dienst auf dem Plan, weil er gestern so lange hier gewesen war und so wollte Craig gleich danach sein Ticket holen und es bezahlen. Da kamen ihm die dreihundert Euro zusätzlich ganz recht. Sonst hätte er sein Konto bemühen müssen, auf dem es auch nicht gerade rosig aussah.

„Und, was gibt’s neues?“ Bea reichte ihm seine Tasse und Craig ließ sich noch für ein paar Minuten fallen.

„Hab Hörbi eben zum Schrottpreis verkaufen müssen, hab gestern aber Billigfliegertickets nach München und zurück erstanden und nun kann ich doch runter fahren.“ Der Kaffee tat gut, Kaffee tat immer gut, auch wenn er selber ja eigentlich wusste, wie Koffein wirkte.

„Also steht deinem Konzert mit Youssou nichts im Wege? Du Glücklicher. Ich find den ja auch so geil. Ich steh auf Schokoladenmänner!“ Bea lachte und Craig seufzte innerlich. Wenn die Blonde wüsste, dass Youssou mit Frauen nicht viel am Hut hatte und Craig nicht zu dem Konzert fuhr, sondern zu Youssou nach hause… Aber das waren Informationen, mit denen er nicht hausieren ging.

Er mochte seine Kolleginnen wirklich, aber wie sie darauf reagierten, zu wissen, dass er schwul war und dann gegen sämtliche Vorurteile dieser Welt anzukämpfen, darauf hatte Craig keine gesteigerte Lust. So behielt er so einiges eben einfach für sich. Das machte die wenigsten Probleme. Es war eben leichter zu erklären, dass man nach München auf ein Konzert fuhr als zu seinem Geliebten.

Okay, es gab somit nicht gerade viele, die sich mit ihm freuten, keinen der wirklich verstand, was dieses ersteigerte Ticket bedeutet und wie einsam er an manchem Abend war, wenn er allein hier in Berlin hockte und Youssou auf Tour war. Aber er musste sich auch keine ekligen Schwulenwitze anhören oder sinnlose Spitzen.

Es hatte eben alles seine Vor- und Nachteile und man konnte nicht alles haben im Leben.

„Los Mädels, an die Arbeit, die Bettpfannen warten.“

Phillip, Arztanwärter im Praxissemester, steckte den Kopf zur Tür herein und grinste frech, als er die Schwestern aufscheuchte wie Hühner von der Stange. Doch als sie merkten, dass es nur der Azubi war, blieben sie aus Protest lachend sitzen und Phil zog mit gesenktem Kopf wieder ab. Lachend sprang Craig auf und folgte dem jungen Mediziner. Er mochte ihn, nicht so wie er Youssou mochte, aber er war ihm sympathisch, ab und an traf man sich in der Stadt und hier und da hielt man auch mal eins Schwätzchen – aber mehr auch nicht.

„Warte, Phil, ich komm mit ins Labor. Ich muss ein paar Befunde holen.“ Und schon war auch Craig aus dem Zimmer.



So vergingen die Stunden heute eigentlich wie im Fluge. Er sprang zwischen den Stationen hin und her, räumte hier, übermittelte dort. Immer auf Achse und so war er fast etwas überrascht, als sein Feierabend lockte. Wie schnell doch acht Stunden vergehen konnten – und gestern Abend diese eine einzige Stunde des Wartens war gekrochen, als gelte es einen Schneckenrekord zu unterbieten. Schon seltsam, wie trügerisch das Empfinden sein konnte. Aber darüber konnte er sich immer noch Gedanken machen, wenn er seine Tickets in der Tasche hatte.

„Los, husch, sonst hol ich mir dein Flugticket und fahre zu Youssous Konzert“, lachte Bea, als sie in die Umkleide kam, um etwas aus ihrem Spind zu holen. Craig lachte nur, wiegelte ab, weil das gar nicht in die Tüte käme und dann war er auch schon wieder allein. Hastig stopfte er seine Uniform mit in die Tasche, die konnte mal wieder in die Wäsche und dann war er den Flur entlang und den Aufzug runter – wie jeden Tag davor und jeden Tag danach.

Es war kurz nach sechs, als Craig die Straße entlang lief, um wieder mal in der U-Bahn-Katakombe zu verschwinden und mit einer pulsierenden Masse den Weg durch die unterirdischen Adern der Stadt anzutreten. Er hatte sich schon oft gefragt, wie es oben aussehen würde, würde diese Masse sich auch noch auf den oberen Straßen bewegen, auf den Gehsteigen und den Radwegen. Das wäre wohl der totale Verkehrskollaps!

Na ja, ihm sollte es egal sein. Er wollte seine Tickets und wieder nach hause, packen und morgen Mittag gemütlich los! Mehr nicht, das konnte doch nicht zu viel verlangt sein.

Eines war Craig klar, als er wieder aus der Bahn stieg: ein Auto musste her, so schnell wie möglich. Er war ja wirklich nicht prüde, aber ein paar Zeitgenossen nutzten wohl die Enge in diesen überfüllten Waggons gerne mal aus, um hier und da ein bisschen zu tatschen und die kleine Göre, die ihm doch tatsächlich bei einem ruckartigen Bremsmanöver an einer nicht weiter zu spezifizierenden Stelle an der Hose gepackt hatte und die kleinen Finger richtig böse zugekniffen hatten, hatte auch nur der Tobsucht seitens Craig entgehen können, weil die Kleine so unschuldige große Kulleraugen machen konnte.

Craig war wirklich fast versucht zu sagen, heimwärts würde gelaufen – aber drei Stunden zu Fuß musste man sich nicht wirklich antun! Nicht, wenn man die nächsten Tage fit sein musste, weil man seinen Freund besuchte, den man seit über einem Monat nicht gesehen hatte!

So ignorierte Craig alles um sich herum, strich sich ein paar der schwarzen Strähnen aus den hellen Augen und schlug seinen Weg ein. Die Treppe hoch und dann stand er auf einer Kreuzung. Nur gut, dass Straßen immer beschriftet wurden, sonst wäre er wohl gänzlich erschossen.

Berlin war entschieden zu groß, um es wirklich in- und auswendig zu kennen. Noch einmal verglich er den Namen auf dem Schild mit dem auf seinem Zettel – ja, kein Zweifel, hier war er richtig und noch mal zehn Minuten später stand er vor einem Schreibtisch mit einer netten jungen Dame dahinter und erklärte ihr sein Anliegen, legte den Ausdruck vom Auktionsende vor und nahm Platz, als man es ihm anbot.

„Wunderbar, Herr Kochler, dann beglückwünsche ich sie zu ihrem ersteigerten Flug. Die Bedingungen, die gelten, haben sie gelesen? Dann können wir das Finanzielle gleich hier klären.“ Die junge Frau schenkte ihm ein gewinnendes Lächeln und Craig erwiderte es. „Ja, ich fliege morgen 17:35 ab Tegel und am 03.01. um 19:12 ab München.“

„Ja, ganz genau. Die Steuern sich schon mit im Preis und dann bräuchte ich nur die Summe von ihnen und dann kann ich ihnen ihr Ticket auch schon aushändigen. Es ist auf ihren Namen umgebucht worden.“ Craig hörte einfach zu, was er noch alles erklärt bekam, doch seine Augen lagen nur auf den Tickets, seine Eintrittskarten ins Glück. Der Weg zu Youssou war wieder in greifbare Nähe gerückt.

Sein Schatz würde Augen machen, wenn er plötzlich vor der Tür stand!

Craig grinste, als er sich das vorstellte und musste mal wieder feststellen, dass er viel zu schnell vergab. Gestern noch war er wütend gewesen, weil Youssou von diesem Wanderpokal Dieter immer noch nicht abgelassen hatte und er selbst diesem Idioten morgen Abend wohl mal wieder über den Weg laufen musste, was sich auf einer Party in Dieters Bude sicher nicht vermeiden ließ.

Und heute war es Craig, als wäre nichts passiert, der Name Dieter nie gefallen und er freute sich nur darauf, Youssou zu sehen. Schon seltsam, aber wirklich.

Schnell war das Finanzielle geklärt und Craig machte sich auf den Weg nach hause. Allerdings nicht, ohne sich unterwegs noch etwas zu futtern zu leisten. Groß einkaufen und kochen wollte er nicht mehr. Er war die nächsten Tage nicht da, und es wäre sicher schade darum, wenn die Lebensmittel schlecht wurden. Nein, das musste nicht sein. So deckte er sich mit einer leckeren Portion Bratnudeln bei Ming Lee ein und musste immer wieder auf die Innentasche seines Mantels greifen um sich zu versichern, dass er wirklich zwei Tickets hatte, die ihn für wenig Geld nach München brachten. Es war der Hammer – der Wahnsinn, mal so viel Glück zu haben!

Viel passierte dann allerdings nicht mehr, als Craig endlich daheim war. Er suchte sich die Sachen raus, die er mitnehmen wollte und warf das eine oder andere noch in die Waschmaschine. Zwei seiner Lieblingshüftenhosen, die wirklich ziemlich tief saßen, wanderten ebenso auf den Stapel mit den einzupackenden Kleidern wie ein paar wirklich enge bauchfreie Shirts.

Für den Fall, dass es kühler wurde, hatte er noch einen dünnen, bodenlangen Mantel aus gestrickter Baumwolle unter seinen Ledermantel und natürlich durften auch seine Plateau-Schuhe nicht fehlen. Er liebte diese Teile. Zwar waren sie schon ein paar Jahre alt, aber sie hatten ihn auch fast ein Vermögen gekostet.

Schwarzes Leder, bis zum Knöchel, zehn Zentimeter Sohle und an jeder nur erdenklichen Stelle Riemen und Schnallen und Stahlbeschläge. Besser er packte sie nicht in die Tasche, sondern zog sie an. Es war einfacher, die Schuhe beim Check auszuziehen und durch den Metalldetektor zu gehen, als seine Reisetasche öffnen zu lassen. Er flog ja nicht das erste Mal.

So, die Klamotten für den Flug standen auch schon fest. Zu den Schuhen gesellte sich eine silbern glänzende Hüfthose, die so tief saß, dass er vielleicht besser noch mal eine kleine Rasur vornahm. Dazu ein dunkelblaues Hemd aus schwerer Seide, nur zur Hälfte geknöpft.

Darüber der schwarze Ledermantel. Er wusste, wie verrückt Youssou nach diesem Outfit war, sonst hätte sich der Pfleger die teuren Fummel gar nicht geleistet. Craig grinste, als er sich die Klamotten zurecht legte. Nebenbei aß er seine Nudeln und den Rest des Abends brachte er eigentlich nur noch im Bad und auf der Couch zu, wo er schlussendlich auch einschlief und erst gegen Mitternacht ins Bett wechselte.

***



Wirklich viel oder tief geschlafen hatte Craig nicht. Er war viel zu aufgeregt. Vielleicht war es lächerlich, dass er in seinem Alter noch Dingen entgegen fieberte wie ein kleines Kind, aber Craig konnte gar nichts dagegen tun. Vielleicht war er noch nicht abgeklärt genug, aber es kam eben nicht alle Tage vor, dass er Youssou wieder sah.

Nun konnte er schon mal so richtig ausschlafen, wenn er wollte sogar bis Mittag, und war schon um acht Uhr morgens so wach, dass er aufstehen musste, weil er hibbelig wurde.

Was sollte er mit all den Stunden noch anfangen?

Die Klamotten waren gepackt, er selber hergerichtet und stand kurz nach eins gestriegelt und gebügelt auf dem Flur und trat mit den schweren Schuhen Rillen in das Parkett. Es gab keiner Gläser und Teller mehr, die noch gespült werden mussten. Die Blumen waren auch schon ertränkt und wieder trocken gelegt. Selbst das Fernsehprogramm war wie immer – einfach zum weglaufen.

Schlussendlich versicherte er sich, dass die Fenster alle zu waren, der Ofen aus, alles abgesteckt, was nicht unbedingt Strom fressen musste und dann verließ er einfach die Wohnung.

Zwar gab es mit dem X9 einen direkten Weg vom Bahnhof Zoo nach Flughafen Tegel, aber auch der direkteste Bus kam nicht durch, wenn der Berufsverkehr die Straßen verstopfte. Besser er war zu früh da als zu spät. Denn Flugzeuge hatten, wie Züge auch, dem Auto gegenüber einen Nachteil: sie interessierten sich nicht dafür, warum man zu spät war – wenn sie weg waren, waren sie weg und man guckte mit seinem Ticket ins Leere.

Das sollte ihm auf keinen Fall passieren. Nicht, wenn er so viele Nerven dafür gelassen hatte. Mit seiner roten Sporttasche machte sich Craig also erst mal auf zum Automaten, zog sich einen Fahrschein und grinste immer wieder, weil er mit Blicken geradezu bombardiert wurde.

Klar, er war ja schon fast eins neunzig. Mit den Schuhen maß er knapp zwei Meter. Dazu der Mantel. Er fiel schon auf. Aber er fiel gern auf. Er mochte es, wenn Leute ihn bewundernd ansahen. Und wenn es nette junge Männer waren noch viel mehr. Aber meistens waren es Mädels, die ihm hinterher sahen, die kicherten und verstohlen Blicke warfen. Doch im Augenblick hatte Craig dafür keine Zeit. Er war damit beschäftigt, einen freien Weg vom Wittenbergplatz nach Tegel zu bekommen.

„Nürnberger Straße … Nürnberger … Nürnb ... ah da“, murmelte er leise, als sein Finger über die Karte mit dem U-Bahn- und Busnetz huschte und schnell stand fest, dass die U2 da schon um einiges weiter helfen konnte. Eine Station bis zum Zoo und dort müsste schon der X9 auf ihn warten – zumindest gaukelte die Karte ihm diese Sicherheit vor, wer hätte gedacht, dass es so einfach war zum Flughafen zu kommen?

Und kaum dass er sich dessen bewusst war und seine Route fest stand, kam auch schon die Bahn. Also beschweren konnte man sich ja wirklich nicht, es ging wie das Brezel backen – wenn seine ganze Reise so reibungslos verlief, dann konnte sich Craig entspannt zurück lehnen und sich auf seinen Jahresausklang freuen.

Als er ein älteres Ehepaar mit Koffern erblickte, die auch noch lautstark erklären, dass sie ja von Tegel aus in die USA fliegen würden, um ihren Sohn zu besuchen – egal ob das jemand wissen wollte oder nicht – hängte sich Craig einfach dran. Die wirkten so souverän, die wussten sicher, wo es lang ging.

Na ja, ganz so reibungslos lief es dann doch nicht. Ein Bus war gänzlich ausgefallen, weil er mit Getriebeschaden auf der Strecke geblieben war. Aber Craigs Zeitfenster war groß genug, dass er auf den Nächsten warten konnte.

Nun, wie auch immer. Sein Bus kam und nun konnte nicht mehr viel schief gehen. Und so gelang es dem jungen Krankenpfleger irgendwie, nicht nur Tegel zu erreichen, sondern auch sein Gate. Wie erwartet war er ohne Schuhe durch die Sicherheitsschleuse gegangen und nun saß er auf einem der Sessel und wartete darauf, dass in einer Stunde sein Flug aufgerufen wurde.

Mit einem Kaffee in der einen, einem belegten Brötchen in der anderen Hand starrte Craig aus den überdimensionalen Fenstern des Terminals hinaus auf die Rollbahnen und seine Anspannung wuchs immer weiter. Er war so aufgeregt wie noch nie. Dabei besuchte er Youssou doch nicht zum ersten Mal!

War schon seltsam, wie das Leben so spielte.

Auf einem Flughafen hatte vor achtzehn Monaten alles angefangen – Frankfurt, Rhein-Main-Flughafen. Craig war der Reißverschluss seiner Tasche geplatzt und Youssou, damals gerade auf dem Weg zu einem Casting, war erst drüber gestolpert und hatte dem netten jungen Mann dann geholfen, seine Unterwäsche wieder in der Tasche zu verstauen. Seine Augen hatten Craig deutlich gezeigt, dass ihm diese Stücke wohl ganz gut gefallen hatten.

Sie hatten noch einen Kaffee getrunken, Telefonnummern getauscht und als Youssou für die zweite Casting-Runde nach Berlin geladen wurde, hatte es endgültig gefunkt. Und nun war Youssou bekannt wie ein bunter Hund, füllte die Seiten von Kleine-Mädchen-Zeitschriften und musste seinen Freund verleugnen. Aber Craig kam damit klar, es war okay für ihn.

Nur wie lange noch?

Nicht dass man ihn falsch verstand: Youssou war ihm wichtig, er liebte ihn – aber irgendwann wollte sich Craig für ein Leben im Licht entscheiden, er wollte, wie andere Paare auch, beim Italiener essen gehen und die Hand seines Partner streicheln dürfen.

Er wollte Eis essen gehen und seinem Schatz Sahne ins Gesicht schmieren und zwar all das, ohne dass die Presse hinter seinem Geliebten her war und ihm damit die Karriere versaute. Es reichte, dass er schief angesehen wurde, weil er all dies nicht mit einer Frau tat, er wollte nicht noch in der Presse auftauchen und ausgewertet oder kommentiert werden.

Seufzend sank Craig in seinem Sessel nach hinten und zuckte kurz zusammen, als eine dünne Stimme fragte, ob noch frei wäre. Lächelnd nahm Craig seinen Mantel vom Sitz neben sich und die ältere Dame bedankte sich.

Seinen Becher leerend versank er wieder in Grübeleien, die ihm gar nicht gefielen. Klar, Youssou war ihm wichtig, so wichtig, dass er Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um ihn zu sehen. Aber wie lange noch konnte er das durchhalten? Allein zu sein, wenn man traurig war, warten zu müssen, bis man sich mal sah?

Eine Fernbeziehung sorgte zwar dafür, dass es immer wieder kribbelte, wenn man sich mal sah. Aber wenn man sich so selten sah, fehlte irgendwas. Und Craig wusste was ihm fehlte. Das zweite Gedeck am Frühstückstisch, das zweite Bettzeug in dem viel zu großen Bett. All das, was eine Beziehung ausmachte. All das fehlte ihm. Er hatte es satt alleine zu sein.

Oft sahen sie sich nicht, weil Youssou Proben hatte, weil er zu diversen Shows geladen wurde, Meeting hier, Auftritt da. Es war ja nicht so, dass Craig seinem Schatz den Erfolg nicht gönnte. Aber es gab Tage, da war er eifersüchtig auf das Publikum, vor dem Youssou sang. Sie waren ihm näher als er, sahen ihn öfter, während Craig allein zuhause saß und nach dem Dienst einfach nur mit jemandem reden wollte.

„Flug 231 der deutschen Lufthansa nach München…“

Craigs Kopf schnellte hoch und er richtete sich auf. Nun ging es also los. Wie die anderen wartenden Passagiere auch, hielt er seine Unterlagen bereit und kaum eine Viertelstunde später saß er auf seinem Platz am Fenster und atmete tief durch.

Genug der Grübeleien – wenn er Youssou nicht so lieben würde, wäre nicht jedes Mal aufs neue das Bauchkribbeln da, wäre er nicht bereit, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um ihn zu sehen und vor allem würde er sich dann schon längst in Berlin jemanden gesucht haben. Und daran dachte Craig ja nicht mal, geschweige denn, dass er suchte. Also!



Die Stunde Flug verging eigentlich rasend schnell. Craig hatte die ganze Zeit aus dem Fenster gestarrt, auch wenn es dunkel war und man nichts sah. Doch ab und an sah man Lichtpunkte. Eine zeitlang hatte er auch die Augen geschlossen und als das Signal zum Anschnallen ertönte, war München unter ihm schon hell erleuchtet.

Und eines dieser kleinen Lichter würde Youssou sein.



***



Kaum dass er das Flughafengelände verlassen hatte, stand Craig mal wieder vor dem leidlichen Problem – wie komme ich da hin, wo er ich gern hin möchte, wenn ich doch gar kein Auto habe. Youssou wollte er nicht anrufen. Sicher hätte ihn sein Freund abgeholt, gar keine Frage, aber Craig wollte ihn nun einmal überraschen und so musste er sich mal wieder durch ein schier endloses Wirrwarr an Strichen und punktierten Strichen in hundertundeins Farben wühlen und feststellen, dass er keine Ahnung hatte, welche Haltestelle eigentlich in der Nähe von Youssous Wohnung lag.

Das war doch wirklich zum Kotzen – aber wirklich! Er wusste, dass es irgendwo in Schwabing war, doch Schwabing war groß und Schwabing hatte sicher auch mehr als nur eine Haltestelle! Zumindest war das anzunehmen.

„Verdammte Sch-“

„Junger Mann, man flucht doch nicht.“

Überrascht sah sich Craig um und erkannte die ältere Dame wieder, die neben ihm auf den Abflug gewartet hatte und mit einer Hand sich verlegen im Nacken kratzend grinste er sie schief an. „Tut mir leid, aber ich fahre nicht so oft mit den Öffentlichen und nun weiß ich nicht, wo ich hin muss“, gestand er und erklärte, wo er hin wollte.

Die Schultern zuckend landete seine Tasche auf dem Boden und er blickte auf die Frau hinab, die fast zwei Köpfe kleiner war als er selbst.

„Na sagen sie das doch gleich, da wohnt meine Tochter.“ Und schon fing sie an zu erklären und zu zeigen und hakte immer wieder nach, ob Craig noch mit käme. Schlussendlich wusste er, wie er zu Youssou kam und bedankte sich brav, wie sich das gehörte.

Mit einem Lächeln und einem Winken sprang er in die ankommende Bahn und folgte einfach den Anweisungen … und wirklich stand er gut eine Stunde später vor Youssous Haus. Als er allerdings mit seinem sehnsuchtsvollen Blick die Fensterfront absuchte, war Craig enttäuscht. Alles war dunkel und ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass Youssou wohl wirklich schon auf dieser bescheuerten Party von diesem noch bescheuerteren Dieter war. Na ja, da musste er wohl in den sauren Apfel beißen.

Zwar klingelte er noch mal vorsorglich, weil man ja nie wusste, vielleicht hatte sein Schatz auch einfach nur verschlafen. Aber als sich auch nach dem dritten Mal nichts tat, seufzte Craig und sank auf der Treppe zur Haustür zusammen. Den Kragen hochschlagend, weil München – im Gegensatz zu Berlin – eine handbreit verschneit war und Craig damit nicht gerechnet hatte, hockte er nun auf den kalten Stufen und dachte nach. Er hatte doch mal gehört, wo dieser Dieter wohnen würde. Irgendwo außerhalb! Aber wo? Oder war es in der Südstadt? Denk nach!, spornte er sich selber an.

„Leopoldstraße“, durchfuhr es Craig plötzlich wie ein Blitz und er schoss hoch, stand in der Tür und versuchte erst mal zu ergründen, woher dieser Gedanke gekommen war und warum er sich plötzlich daran erinnerte. Aber er kam einfach nicht drauf. Na ja, ehrlich gesagt war es ihm auch ziemlich egal.

Wenn er sich hier nichts wegholen wollte, musste er sich wieder auf die Socken machen und die Bude von dem Wanderpokal finden! „Leopoldstraße“, murmelte er immer wieder vor sich her auf dem Weg zur Station. Zwar warf Craig immer wieder noch mal einen Blick zurück, ob sich nicht doch die Tür oder ein Fenster öffnete, ob nicht irgendwo Licht anging, doch die Wohnung im zweiten Stock lag leer. Hatte er wirklich erwartet, sein Freund wäre am letzten Tag des Jahres um neun noch zu hause? Wie gut kannte er Youssou denn?

Ziemlich gefrustet stieg Craig die Treppen hinab. Der Mantel wehte hinter ihm her und auch hier sammelte er die Blicke derer, die unterwegs waren. Doch es interessierte Craig dieses Mal nicht die Bohne, er musste seinen Freund ausfindig machen – und zwar noch vor Mitternacht. Eine angenehme Erfindung waren Stadtpläne auf denen alle Straßennamen verzeichnet waren und wenn sie auch noch mit einem U-Bahn-Netz überlagert wurden, dann war das doch perfekt! Glück musste der Mensch eben haben.

Craigs Finger waren kalt und sie über das kalte Glas gleiten zu lassen, weil er suchte und studierte, war auch nicht gerade förderlich. Er fror langsam erbärmlich und seine Laune sank. Nur der Gedanke an Youssous begeistertes Gesicht gab ihm den Auftrieb, sich weiter durchzuschlagen.

Wieder hockte er in einem Waggon, wieder gafften ihn alle an und wieder stand er auf einem zugigen Bahnsteig, weil er auf den Anschluss wartete. Alles nichts Neues mehr. Die Tasche war mittlerweile wirklich schwer, die Finger zu Eis gefroren und seine Laune? Vergraben unter Frust und der Frage, welche Hausnummer er denn bitte nun eigentlich aufsuchen sollte.

Er kannte ja nicht mal Dieters Nachnamen! Hatten solche Leute überhaupt einen Nachnamen?

Craig stieg in die nächste Bahn und knurrte. Nichts gegen eine Schnitzeljagd, aber langsam stank es ihm gewaltig, Youssou hinterher zu laufen und seine Idee, seinen Freund unbedingt überraschen zu wollen, wandelte sich in Anbetracht seiner klammkalten Finger zu einer riesengroßen Schnapsidee. Er hätte sich von Youssou holen lassen sollen und gut. Aber nein, er musste ja stolz sein. Nur wärmte Stolz leider nicht – Youssous Mercedes hingegen schon.

Alles was Craig jetzt noch wollte, war ein Glühwein, um die Finger aufzuwärmen, um selbst wieder in Schwung zu kommen und einen intensiven Kuss von seinem Freund, sonst hatte der Tag nicht mehr wirklich was zu bieten!

Doch kaum dass er in der Leopoldstraße stand, hörte er Krach, wie er ihn lange nicht erlebt hatte und auf einem der Balkons scharten sich die Leute, dass man Angst haben musste, das Bauwerk trug sie nicht mehr lange. Das konnte nur Dieters Fete sein. Keine Weiber zu erkennen – zumindest nicht von da, wo Craig stand und so ging er einfach mal schnurstracks drauf zu, die Treppen hoch und klingelte. Bekanntlich kostete fragen ja nichts.

Jemand öffnete, scherte sich nicht weiter wer kam und so trat Craig in einen völlig überbevölkerten Flur, in dem eine Bar aufgebaut war und sich jeder bedienten konnte, so wie es schien. Immer noch mies gestimmt trat Craig also ein und schloss die Tür, ehe er sich umsah und ein paar der Gesichter wieder erkannte.

Gleich bekam er einen Becher mit etwas Grünem in die Hand gedrückt, einer ging ihm an den Arsch, einer drückte ihm einen Kuss auf die Wange und als er mal dezent fragte, ob er hier richtig wäre – auf Dieters Fete – bejahte das jeder.

Okay, jetzt musste er nur noch Youssou finden! Aber wie? Es war zwar unfair, es auch nur zu denken, aber Craig war sich fast sicher, wenn er Dieter fand, fand er auch Youssou. Denn die überschminkte Tucke würde seine Chance nutzen und Youssou wieder angraben bis zum bitteren Ende.

„Wo ist Dieter?“, wollte er deswegen ohne Umschweife von einem der Gäste wissen, doch der grinste nur und beulte mit seiner Zunge die Innenwandung seiner Wange aus – alles klar, Dieter hatte schon wieder einen drinnen stecken.

„Und wo?“ Der Fremde deute nur in Richtung einer Tür und war dann schon wieder verschwunden. Sollte Craig nachsehen gehen und riskieren, sich zu blamieren oder sich weiter nach Youssou durchschlagen?

Als er allerdings schon die Türklinke unter seiner Hand spürte, wurde Craig erst bewusst, dass er es nicht einmal in Erwägung gezogen hatte, Youssou unter denn anderen Gästen zu suchen, sondern da, wo Dieter war. War das nicht schäbig? Vertraute er seinem Schatz so wenig?

Doch im nächsten Augenblick war auch das letzte bisschen Vertrauen in seinen Grundmauern erschüttert, als er eine ihm leider zu bekannte Stimme immer wieder „ja ... oh ja …“ stöhnen hörte. Ohne wirklich zu begreifen was er tat, riss Craig die Tür auf und stand in einem Schlafzimmer – Bordell hätte es vielleicht besser getroffen. Das Licht war grellrot und er kurz die Augen schließen. Hinterher fragte er sich, warum er sie überhaupt wieder geöffnet hatte.

Auf dem Bett wälzen sich zwei Leiber, hatten sich nicht mal die Mühe gemacht, sich die Klamotten auszuziehen und die braune Haut und die schwarzen Strubbelhaare kannte er leider viel zu gut. Craig war wie paralysiert, als er Dieter, der auf dem Rücken lag und die langen schlanken Beine um Youssous Rücken geschlungen hatte, in das gerötete Gesicht starrte. Die Lippen zwischen den Zähnen, wimmerte der immer wieder entzückt auf, Schweiß stand ihm auf der Stirn und seine lackierten Nägel gruben sich in Youssous Schultern.

Irgendwo lag eine angefangene Packung Kondome, auch die offene Tube auf dem Boden sprach für sich und Craig musste sich am Türrahmen festhalten, um nicht vor Unglauben hinten über zu kippen. Na, sein Schatz ließ ja wirklich nichts anbrennen. Immer wieder vergrub er sich tief in seinem Gespielen, drängte sich besitzergreifend in ihn und das Stöhnen wurde immer ungehaltener. Als wollte er Craig verhöhnen.

Verdammt, er hatte auch Erfolg, der Mistkerl!

Craig wusste, dass Youssou nicht mehr lange durchhalten würde. Seltsam, dass ihm ausgerechnet dieser Gedanke jetzt in den Kopf kam, doch er spülte alles andere in ihm weg. Alle Kraft schwand aus Craig und seine Tasche ging mit einem dumpfen Aufschlag zu Boden, genauso wie der Becher. Das süße Gesöff verteilte sich auf Dieters Teppichboden.

Es war seltsam. Die laute Musik, die durch die offne Tür das Zimmer flutete, hatte die beiden nicht gestört, doch dieses Geräusch, ein simpler dumpfer, von hämmernden Bässen überlagerter Aufschlag, ließ sie erschrocken aufblicken.

Dieter schaltete sofort und ein zufriedenes Grinsen lag auf seinem Gesicht, als er sich über die Lippen leckte und sich dichter an Youssou drängte, ihn umklammerte, um dem vorzubeugen, was folgen sollte. Aber das war kaum nötig. Youssou war in seiner Lust gefangen, sein Becken zuckte immer wieder – er schaltete viel zu spät. Und der Schweiß auf seiner Oberlippe war Craig viel zu vertraut und doch auch befremdlich. Der gehörte – verdammt noch mal – nicht in dieses Bild!

„Craig“, entkam es dem Jamaikaner und die dunklen Augen wurden immer größer. Die vollen Lippen waren in Erregung geöffnet, glänzten feucht wie frisches Gloss und es war klar, dass er Dieter nicht nur gefickt, sondern auch geküsst hatte.

„Craig“, so als müsste Youssou es wirklich erst durch seine eigenen Worte begreifen. Man sah, wie der Körper sich plötzlich verspannte und aufspringen wollte, doch Dieter dachte gar nicht daran, seine Trophäe wieder zu verlieren. Seine Arme schlangen sich um Youssous Nacken und zogen ihn zu einem weiteren Kuss.

Eklig, wie seine Zunge über Youssous Wange glitt und im Licht der roten Nachttischlampen feucht glänzte. Widerlich!

Doch dann ging ein Ruck durch Youssou, so als wäre er erwacht. Er entzog sich mit Gewalt seinem Gespielen und starrte weiter Craig an, als würde er immer noch glauben, einen Geist zu sehen.

Aber Craig hatte genug gesehen. Sein ganzer Körper war taub vor Schmerz. Sein Herz verkrampfte sich und sein Magen lag in seinem Unterleib wie ein Klumpen Eis. Die Kälte zog sich von seiner Mitte durch jede Ader, bis in den kleinsten Zweig seiner Venen und ließ ihn gefrieren, tötete jedes auch noch so kleine Empfinden radikal ab.

Diese Kälte machte Craig gänzlich taub. Er ließ sich nicht dazu herab, noch etwas zu sagen, jedes Wort war verschwendet. Es war ein Reflex, dass er seine Tasche griff und auf dem Absatz kehrt machte. Hier wollte er keine Sekunde länger mehr bleiben, sonst würde er wohl etwas tun und es hinterher nicht mal bereuen. Aber Dieter war es nicht wert, sich die Hände schmutzig zu machen – und Youssou war grade sowieso absolut indiskutabel.

Weg hier – bloß weg! Craig taumelte leicht. Es schnürte ihm langsam die Luft ab – er musste raus!

„Craig, verdammt, warte! Das ist nicht so, wie du denkst.“ Youssou versuchte abermals vergeblich sich zu lösen, doch Dieter hielt ihn fest an sich gepresst. Bis es dem Sänger reichte und er Dieter mit so viel Wucht von sich stieß, dass der gar nicht wusste wie ihm geschah. Als Youssou endlich das Schlafzimmer verlassen hatte, war die Wohnungstür schon lange hinter seinem Freund zugefallen.



Craig lief und lief, die Tasche über die Schulter, der Mantel offen. Doch er spürte die schneidende Kälte nicht. Sein ganzer Körper war taub. Er spürte gar nichts.

Immer drei Stufen auf einmal nehmend rannte er durch das Treppenhaus und kaum dass er unten aus der Tür getreten war, hörte er Youssous Stimme hinter sich hallen. Oh nein, diesen Bastard wollte er nun wirklich nicht sehen. Dieses miese, verlogene Stück Dreck sollte sich weiter mit dieser aufgetakelten Tucke herumschlagen – bei Craig aber war endlich der Groschen gefallen – wenn auch nur centweise.

Schwer hallten die Schritte seiner Schuhe auf den geräumten Gehwegen und je dichter ihm die Stimme Youssous kam, umso schneller lief Craig. Er wusste, er würde Youssou schlagen, so lange, bis er zur Besinnung kam. Das war nicht gut. Er wollte sich an diesem verlogenen Arsch nicht noch die Finger dreckig machen! So was trieb der Wichser also, wenn Craig nicht in der Nähe war? Na das warf doch auf die letzten anderthalb Jahre ein gänzlich anderes Licht!

So viel Wut stieg in Craig auf, dass er sie gar nicht in Worte fassen konnte, sie schossen nur als Gedankenblitze durch seinen Kopf, rissen blutende, schmerzende Wunden und ließen aus seiner Enttäuschung und seiner eigenen Naivität Zorn und Hass wachsen, wie er sie noch nie empfunden hatte. Am liebsten wäre er stehen geblieben und hätte sich dieser miesen Ratte von einem Sänger gestellt. Doch im nächsten Augenblick war es ihm der Kerl auch wiederum gar nicht wert.

Craig hörte Schritte hinter sich - Youssous Schritte. Unverkennbar. Er kam näher! Das durfte nicht sein. Panisch sah Craig sich um, er wollte Youssou nicht mehr sehen! Nie wieder – nicht jetzt und nicht später – einfach nie wieder. Rechts und links ragten Altbauten nach oben, ohne Vorgärten, ohne die Chance sich in einem Aufgang zu verstecken.

Doch dann bot sich eine Hofeinfahrt.

Jetzt oder nie – aus dem Lichtkegel der Straßenlaterne tauchte Craig in den Schatten und drängte sich dann ganz dicht an die Wand. Er hielt die Luft an, damit sein hektischer Atem ihn nicht verraten konnte und kaum eine Minute später rannte Youssou immer noch schreiend an ihm vorbei.

„Craig, verdammt! Bleib stehen, lass uns reden!“ Man hörte seine Schritte, als Youssou vorbei kam. Dann wurden sie immer leiser.

Erst als der Sänger aus dem übernächsten Lichtkreis verschwunden war, wagte Craig wieder zu atmen. Schmerzlich schoss die Luft in seine ausgemergelten Lungen und er sank zusammen. Erst jetzt spürte er, wie feucht sein Gesicht war. Tränen, überall nur Tränen. Sein Gesicht war gänzlich nass und es kamen immer neue. Der kalte Wind ließ sie förmlich auf seinen Wangen gefrieren, denn sie fühlten sich an wie sein übriger Körper – gänzlich taub.

„Ich glaub das nicht“, flüsterte er fast tonlos und zog den Mantel um sich dichter. „Ich glaub dass nicht, so ein verlogenes Stück Scheiße!“ Da setzte Craig Himmel und Hölle in Bewegung und wofür? Um zu sehen, wie sein angeblicher Geliebter mit einer Wanderhure fickte und auch noch sichtlich seinen Spaß hatte!

„Youssou, du bist echt das Letzte.“ Craigs Stimme zischte. Er war so geladen. Die Wut und der Zorn verliehen ihm ungeahnte Energie, dass sein Körper fast zu schmerzen anfing. Ein seltsames Gefühl zwischen der langsam abflauenden Taubheit in seinem Inneren. Hitze überflutete ihn – Hitze und Wut. Allmählich bereute Craig es, nicht stehen geblieben zu sein und dem Mistkerl all seine Wut einzuprügeln.

Unbewusst formten sich Craigs Hände zu Fäusten. Schlagartig sauste eine davon gegen den Putz in seinem Rücken und er richtete sich auf. Noch immer fuhren seine Gedanken Achterbahn und er wusste nicht so richtig, was er machen sollte. Einerseits war er versucht zurückzugehen und aus Dieter Kleinholz zu machen, doch dann erklärte ihm die andere, die logische und wohl schon seit längerem entliebte, Seite seines Hirns, dass zu so was immer zwei notwendig waren und er sich nicht vorstellen konnte, dass Dieter Youssou mit vorgehaltener Waffe dazu genötigt hätte.

„Ach Yous, du bist ein dreckiger Bastard, mehr nicht.“ Noch immer saß der Schock tief. Er hatte dieses Bild regelrecht vor sich, es hatte sich in seinem Hirn eingebrannt. Wie sich Youssous Hintern immer wieder bewegte, sich rhythmisch zwischen die offenen Beine drängte und Dieters feistes Grinsen, als wollte er sagen: na, gefällt's dir?

Nur kurz trat Craig aus dem Schatten zurück auf die Straße, doch sie lag leer. So griff er sich seine Tasche und ging langsam weiter. Die nächste Abzweigung, die er finden konnte, nahm er auch und schlug eine gänzlich andere Richtung ein. Nicht dass er seinem Ex … wie das klang, sein Ex … vor nicht mal einer Stunde hatte er sich auf Youssou gefreut, wie ein kleines Kind auf ein Geschenk, und jetzt wollte er diesen Bastard nie wieder sehen … sein Ex!

Was auch immer Youssou war, Craig wollte ihm nicht noch einmal über den Weg laufen und so nutzte er die Chance, als er eine U-Bahn-Station fand. Ein letztes Mal blieb er stehen, so als hoffte er darauf, dass Youssou doch noch zu ihm kommen würde. Doch dann wandte er sich wütend ab. War das immer noch nicht heilsam genug gewesen? Was brauchte er denn noch, verdammt, bis er begriff? Er war doch sonst nicht so naiv.

Nur am Rande nahm Craig noch wahr, dass es wohl wieder begonnen hatte zu schneien. Aber was machte es, ob sein Gesicht feucht vom Schnee oder feucht von Tränen war? An der beißenden Kälte in ihm änderte das nicht wirklich was. Schlagartig fühlte sich Craig einfach nur leer und verbraucht, alles tat ihm weh und die Energie, die ihn Minuten zuvor noch durchflutet und ihn gepuscht hatte, war nicht mehr da. Nicht einmal mehr ein kleiner Rest. Als hätte jemand einen Stöpsel gezogen und alles floss unaufhaltsam.

„Youssou, warum hast du das getan, du Idiot?“, flüsterte er nur und senkte den Kopf. Wieder traten ihm Tränen in die Augenwinkel, gegen die er sich nicht wehren konnte und eine Hand wischte sie fahrig weg. Erbärmlich, wirklich erbärmlich! Warum hatte er nicht hinnehmen können, dass sein Auto kaputt war, es als Zeichen sehen, nicht hier her zu kommen und ihm wäre diese Schmach erspart geblieben?

Warum musste er unbedingt hier her fahren wollen? Er war ja so ein naives Schaf! Da war es doch nur recht und billig, dass er so auf die Fresse geflogen war. Das war doch wirklich nur gerecht.

Wie dumm musste man denn sein zu glauben, wer zweimal mit dem Gleichen fremdging, ließ sich das einfach so untersagen. Zumal derjenige, der dies verlangte, locker siebenhundert Kilometer weit weg wohnte und nichts nachprüfen konnte. Youssou schien keine Veranlassung für glaubwürdige Treue zu haben. Für ihn war es wohl okay, sich was fürs Bett zu suchen, wenn sein Geliebter gerade nicht greifbar war. Es war offensichtlich ein leichtes für ihn, Craig zu ersetzen.

Je mehr Craig sich dies bewusst machte, umso mehr schwoll seine Wut. Da konnte er auch nichts dran machen. Was war denn das für eine Beziehung, wenn man sich nur mit Überwachung der Schein-Treue seines Geliebten versichern konnte?!

Es war leicht zu sagen: ich bin dir treu.

Und es war noch viel leichter es zu glauben und sich selbst zu belügen.

Aber nun war Schluss!

Endgültig.

Keine Betteleien mehr, keine Gnade, keine Einsicht. Er hatte für seinen Geschmack heute genug Einsicht gehabt, er musste das nicht mehr haben. Wirklich nicht.

In die erstbeste Bahn, die anhielt, stieg Craig einfach ein und ließ sich auf eine der Bänke fallen. Hauptsache weg. Hauptsache weit weg. Hauptsache schnell weg. Alles andere konnte er hinterher immer noch entscheiden. Zum Beispiel, wo er heute Nacht schlief oder wo er ein Ticket heimwärts her bekam, das nicht erst auf dem dritten Januar ausgestellt war? Gute Frage – nächste Frage.

Er kannte in dieser Stadt bis auf Youssou und diesen komischen Dieter niemanden. Und die beiden waren nur wirklich zwei der Leute, die er am wenigsten sehen wollte! Lieber schlief er im Park auf einer Bank, als einem der zwei auch nur noch auf zehn Meter zu nahe zu kommen. Da hatte er seinen Stolz, wenn er auch nicht viel besaß, aber den hatte Craig sich bewahrt! Zum Glück.

Seine Hand suchte blind in der Reisetasche, die neben ihm auf der Sitzbank stand, und fand irgendwo zwischen den Klamotten die Flasche Glenfiddich, die er Youssou schenken wollte. Der Arsch brauchte den guten Whisky ganz bestimmt nicht mehr und weil derteuer war, musste er ja nicht umkommen. Der erste Schluck war noch ziemlich eklig, Craig mochte keinen Schnaps. Aber hey – runter damit und gut. Er war doch kein Mädchen.

Nach dem dritten Schluck schien er klarer im Kopf zu werden – warum auch immer, denn er fasste den Entschluss, zum Bahnhof zu fahren, sich ein Wochenendticket zu kaufen und zu sehen, wie weit er damit in Richtung Berlin kam, ehe es ungültig wurde. Immer noch besser als zweihundert Euro für ein Ticket und Zeit hatte er ja genug.

Das nächste, an was sich Craig wieder erinnerte, war der geschlossene Schalter und eine Bank auf Bahnsteig sieben, auf der er sich mit seiner Tasche zusammen rollte und die Flasche bis auf den Grund leerte.

Life sucks – aber gewaltig.



***



Das nächste, an das sich Craig wieder bewusst erinnerte, war Wärme auf seinem Gesicht und das letzte bisschen Verstand in seinem Kopf machte ihm klar, dass dies in einer kühlen, verschneiten Dezembernacht auf einem zugigen Bahnsteig relativ selten war. Als er weiter in sich hinein spürte, musste Craig zugeben, dass ihm richtiggehend heiß war. Doch dies wurde von einem Kopfschmerz überlagert, der seines gleichen suchte.

Schlagartig hatte Craig das Bild eines überdimensionalen Schraubstockes im Kopf und dem entsprechend fühlte sich das auch an. Als würde sein Kopf immer weiter zusammengedrückt. Dann war der Druck weg und alles strömte plötzlich auseinander, so als würde sein Schädel immer größer. Es war kaum noch zum Aushalten. Alles pulsierte.

Als er dann auch noch seinen linken Arm nicht mehr spürte, war es gänzlich vorbei und mit einem heiseren Schmerzensschrei setzte Craig sich auf. Licht stach ihm in die empfindlichen Augen. Doch das war es nicht, was ihn verwirrte und ihn die schmerzenden Augen weit aufreißen ließ. Viel mehr war es die Tatsache, dass er nicht mehr auf dem Bahnhof war – zumindest sah das neben ihm nicht aus wie ein Regionalexpress-, und dass er ziemlich nackt war.

„Oh Scheiße“, murmelte er nur leise und ließ seinen Blick über den anderen schweifen. Er lag auf dem Bauch und durch Craigs hektische Aktion war die Decke weit nach unten gerutscht. Ein netter Hintern, der ihm da entgegen lächelte und ein bezaubernder Rücken, breite Schultern und halblange braune Haare. Das Gesicht war ihm nicht zugewendet.

„Scheiße, scheiße, scheiße!“ Langsam zog Craig die Knie an den Körper und sein Gesicht legte sich darauf. Was hatte er nur getan? Das letzte, an was er sich noch erinnerte, war das Quietschen eines einfahrenden ICE – und dann war es schwarz. Er wusste weder wo er hier war, noch wer dieser Typ war oder warum er hier war. Okay, die leeren Kondompackungen, die auf dem Teppich vor dem Bett lagen, erklärten wohl einiges, aber eben noch nicht alles.

„Guten Morgen“, hörte Craig es plötzlich hinter sich und eine Hand schob sich langsam auf seine Schulter. Erschrocken sah er sich um und schluckte. Er kannte das Gesicht, er wusste, dass er diesen Mann schon mal gesehen hatte und wenn er jetzt auch noch wüsste wo, wäre er vielleicht schon einen ganzen Schritt weiter.

„Morgen“, knurrte er und hielt sich den Kopf, denn die ganzen hektischen Bewegungen taten seinem dröhnenden Schädel gar nicht gut. Im Augenblick klemmte er wieder in einem Schraubstock und Craig wagte es nicht mehr, sich zu bewegen, nur um dem Ganzen ein wenig entgegen zu wirken.

„Gesundes neues Jahr“, flüsterte der Fremde und richtete sich ebenfalls auf, seine Lippen streichelten kurz und flüchtig über Craigs Schulter. Doch der zog sie nicht weg. Zum einen wohl weil jede Bewegung Schmerz bedeutete, zum anderen aber auch, weil der Typ nicht gerade hässlich war.

Na ja, es war eigentlich nicht Craigs Art, mit dem erst Besten ins Bett zu hüpfen, noch nicht mal, wenn er besoffen war. Aber nach diesem Abend? Langsam kamen die Bilder zurück – diese fremde Wohnung – Youssou, wie er keuchte und stöhnte – Dieter wie er ihn frech angrinste, so siegessicher, dass Craig ihm am liebsten mit einem stumpfen Messer dieses Grinsen aus der Visage geschnitten hätte.

„Arschloch!“

„Na so was hört man doch am nächsten Morgen immer wieder gern“, maulte der junge Mann, der es übrigens noch nicht mal für nötig befunden hatte, sich vorzustellen und sank wieder nach hinten.

„Dich mein ich nicht – ich meine meinen Ex.“

Dass der Fremde grinste und es fast zufrieden hätte wirken können, sah Craig nicht. Er versuchte nur, sich mit der Decke etwas mehr zu verhüllen, auch wenn das sicher keinen Sinn mehr hatte. Der Kerl musste ihn inn- und auswendig kennen. Aber er schämte sich dafür.

„Hey, Craig, wie wäre es mit einem Frühstück. Toast und Eier für mich, Aspirin, Thomapyrin und Aspro für dich, hm?“ Ein Finger wanderte Craigs Seite hinauf und strich über den Rücken, dass es ihm ganz anders wurde. Seine Nackenhaare stellten sich auf und durch seine Kopfschmerzen hindurch spürte Craig, dass es seltsam angenehm war.

Aber es hatte nicht angenehm zu sein. Er hatte den Mann, den er liebte, mit einem Anderen im Bett erwischt und für sich beschlossen, dass Schluss ist. Er sollte sich mies fühlen – okay, er fühlte sich mies! Aber nicht, weil er Youssou nicht bei sich hatte, sondern weil ihm der Schädel dröhnte.

„Wäre nicht übel, du stellst dich erst mal vor, ehe du mich mit Drogen zu pumpst“, knurrte Craig und wandte sich ganz langsam wieder um. Der Gastgeber lag mit dem Kissen im Rücken halb aufgerichtet am Kopfgitter des Bettes gelehnt und lächelte ihn an.

„Komisch, heute Nacht konntest du dir merken, dass du mich Robbie nennen kannst.“ Robbie streckte seine Hand dem verkaterten Craig entgegen und sagte: „Robert Starick, sehr angenehm“ und merkte wohl nicht mal, wie elend sich Craig deswegen fühlte. Er hatte sich also schon mal vorgestellt und Craig hatte nicht den Hauch eines Schimmers davon.

Also so besoffen war er ja wirklich noch nie gewesen! Und dann kam ihm dieser Typ auch noch so bekannt vor. Wenn er doch nur wüsste woher. Mit zu Schlitzen verengten Augen blickte Craig ihn an, doch die krampfhafte Haltung schmerzte ungemein und er ließ sich auf die Matratze zurück sinken. Nun war ja sowieso alles zu spät.

„Komm schon, Craig, ich mach dir eine Ladung Aspirin fertig. Das kann sich ja keiner mit angucken.“ Robbie machte Anstallten sich zu erheben, doch eine unkoordinierte Hand hielt ihn zurück.

„Ich hab dich schon mal gesehen – hilf mir auf die Sprünge“, murmelte er leise. Seine Stimme klang heiser. Als Robbie allerdings mit einem Grinsen seine Zunge über die Innenwandung seiner Wange wandern ließ, da wusste Craig plötzlich, woher er diesen Mann kannte! „Du warst gestern bei diesem Hilfsstricher auf der Fete.“ Es klang wie ein Vorwurf und so war es durchaus gemeint. Ließ ihn dieser Unglücksabend denn überhaupt nicht mehr los?

„Ja.“ Plötzlich klang Robbie gar nicht mehr selbstzufrieden und er grinste auch nicht mehr. Das machte Craig schon etwas stutzig und er wandte sich zu seinem Gastgeber um. Das Zimmer drehte sich vor seinen Augen. Auch Robbie verschwamm immer wieder und so schloss Craig lieber die Augen und stellte zum Bremsen ein Bein aus dem Bett. Meistens half das ja.

„Du hast mich in dieses scheiß Zimmer geschickt, wo ich meinen Lover mit der Stadthure Dieter hab rumficken sehen. Vielen dank auch, Robbie, du glaubst gar nicht, wie dankbar ich dir dafür bin.“

Eine Weile schwieg Robert, doch dann hob er an. „Komm schon, Craig, wie lange willst du dich denn noch betrügen? Wie lange willst du dir vorgaukeln, er wäre dir treu und kaum dass deine Autotür zu ist, da hat er den Nächsten im Bett! Wie lange denn noch! Ich konnte da nicht mehr zugucken und hey – Craig, sei ehrlich, du bist nicht gekommen und hast nach Youssou gesucht, wie es normal gewesen wäre. Du hast gleich nach Dieter gefragt und bist dort hin, weil du es wusstest. Komm schon, Craig, du wusstest, dass er dich betrügt, du wolltest es doch nur selber sehen und nun hast du es gesehen.“ Robert klang hektisch. Schmerzlich bog er seine Finger. Aufgeregt wäre vielleicht sogar das treffendere Wort gewesen und das ließ Craig neugierig werden.

„Halt“, stellte er klar und sah noch etwas verschwommen auf Robbie, „bitte sechs Aspirin in Wasser und fünf Minuten Ruhe zum wirken lassen. Ich glaube, das hier will ich jetzt genauer wissen.“ Craig spürte, dass hier etwas in Gange war, was er hinterfragen sollte und wenn er das tat, wollte er es auch begreifen. Nur so, wie sich sein Kopf gerade anfühlte, würde er nicht ein Wort verstehen, geschweige dessen verarbeiten.

„Warte hier.“ Schnell war Robbie aus dem Bett und Craig blieb alleine zurück. Noch immer zerschmetterte ihm der Schmerz fast die Schädeldecke, aber dass Robbie gerade gesagt hätte, Craig selbst hätte geahnt was läuft, das schmerzte. Hatte er sich selbst so viel vorgemacht?

War er so blind vor Liebe gewesen, dass er alle Anzeichen verdrängt hatte?

Okay, Dieter war ihm ein Dorn im Auge.

Okay, er glaubte Youssou nicht wirklich, dass nichts mehr lief und nun wusste er ja auch, dass sein ach so toller Freund ihn von vorn bis hinten belogen hatten. Wie lange lief das schon so? Von Anfang an?

„Scheiße, scheiße, scheiße.“ Seine Unterarme landeten vorsichtig auf seinen Augen und Craig knurrte nur. Es sollte schmerzen, es sollte sich leer anfühlen, doch alles was er spürte, von diesen rasenden Kopfschmerzen mal abgesehen, war Zufriedenheit. War das nicht der Hammer? Sein Freund ging fremd und Craig war zufrieden? Verdammt, warum war er denn zufrieden? Womit?

„Hier, dein Cocktail.“ Langsam schob Robert Craigs Arme vom Gesicht und grinste ihn verschüchtert an. Er sah plötzlich ganz anders aus, viel jünger und so unschuldig.

„Danke.“ Craig griff sich das Glas und stürzte es hinunter, ließ sich Wasser nachschenken, um den Geschmack wegzuspülen, dann blickte er Robert wieder an. Der saß auf der Bettkante neben ihm und wirkte etwas verlegen. Die Muskeln unter der Haut zuckten ab und an und zeigten die Anspannung. Was war denn los?

„Bist du mir sehr böse, dass ich dich in das Zimmer geschickt habe, Craig, aber ich hab das einfach nicht mehr ausgehalten. So ein Arschloch hat doch einen Typen wie dich gar nicht verdient. Aber immer wenn ich dich mal auf einer der After Show Partys gesehen habe, hattest du nur Augen für ihn.

Ein Bild von einem Mann, ein junger Gott auf Erden und hängst an diesem Wichser, wie ein Ertrinkender. Und jedes Mal wenn du nicht auf einer dieser Partys warst, hatte er einen anderen an der Flosse. Selten zweimal den gleichen – ich hätte kotzen können, Craig, du bist zu schade für ihn.“

Das war dann doch etwas zu viel für Craig und seinen Kater. „Stopp, warte, langsam, das geht mir zu schnell“, murmelte er leise und richtete sich auch auf. „Kann es sein, dass du mich … na ja, du weißt schon … ich meine, stehst du etwa auf mich?“ Das wäre ihm aber aufgefallen, wenn jemand wie Robert ihn im Auge gehabt hätte. Zumindest glaubte Craig das, auch wenn sein Katerchen gerade sein Denkvermögen ziemlich einschränkte.

„Ja verdammt, was sollte ich denn machen – ich steh auf Hüftknochen und weißt du, wie schwer es ist, jemanden zu finden wie dich? Jemand, dessen Knochen so perfekt sind, der aber nicht dürr und mager ist und der gern sehr knappe Hüfthosen trägt, damit sie so richtig zur Geltung kommen?

Verdammt, Craig, ich bin dir verfallen, als ich dich das erste Mal gesehen habe, ich hab versucht raus zu finden, wer du bist und habe mir nur die Musik von diesem Spinner angetan, um dich zu treffen. Aber du hast mich ja nie für voll genommen. Und als ich ihn gestern mit Dieter hab rummachen sehen und du dann in diesem atemberaubenden Outfit vor mir standest, da wusste ich, dass ich meine Chance beim Schopfe packen musste.“

Craig starrte Robert nur fragend an. Es war doch faszinierend, was ein einzelner Mensch für Monologe führen konnte. Und die Stimme war so angenehm weich, da machte sogar das Zuhören Spaß, davon mal abgesehen, dass das, was Robert sagte, auch nicht gerade unangenehm war. Wer hörte denn nicht gern, dass es Menschen gab, die einen mochten – noch dazu, wenn sie aussahen wie dieser Mann? Aber Moment mal – da war doch noch was: „Wie komm ich eigentlich hier her, kannst du mir das mal verraten?“

Kurz blickte Robert auf und grinste schief. „Wie gesagt, das ging bei mir alles so schnell. Youssou verschwand mit Dieter, dann standest du kein zehn Minuten später plötzlich in der Tür und … na ja, dann ranntest du wütend los und ich überlegte, ob ich hinterher sollte. Aber dann war der Arsch hinter dir her und weil ich … ich weiß nicht, warum ich auch gefolgt bin. Aber war wohl Glück, dass ich dir so spät hinterher bin.

Du kamst aus einer Hofeinfahrt, als ich die Straße runter ging und da bin ich dir gefolgt, bis auf den Bahnhof … na ja, es war nicht leicht, dich nach einer Flasche Glenfiddich zu überzeugen, dass du mit zu mir sollst. Aber dann … na ja…“ Ein breites Grinsen streifte Roberts Züge und Craig war es, als würde sein Herz schneller schlagen. Was war das denn jetzt?

„In meinem Horoskop für gestern stand: ihr Schicksal führt ihnen das Glück vor die Nase, greifen sie zu. Was sollte ich da noch groß dagegen tun, Craig?“ Robert feigste frech und strich sich verlegen mit einer Hand über den Oberarm. Er fröstelte leicht und wusste nicht so richtig, wie es nun weiter gehen sollte. Denn Craig sagte kein Wort, er starrte ihn nur an und schwieg.

Doch dann hob er die große Decke des französischen Bettes. „Komm drunter, du wirst noch krank“, murmelte er. Sein Kater schien wieder zu schlafen und der Schraubstock war abmontiert. Zwar fühlte er sich immer noch wie in einem dichten Wattenebel, aber auch das würde wohl irgendwann noch nachlassen.

„Bitte?“ Robert glaubte sich verhört zu haben. Er schob sich eine Strähne hinter das Ohr und sah auf Craig, der langsam immer weiter rüber rutschte, als wollte er Platz machen. „Ich sagte, komm unter die Decke, sonst wirst du krank. Ist ja schließlich dein Bett.“ Craig wirkte etwas verlegen und blickte sich lieber in dem karg möblierten Zimmer um, als Robert in die Augen zu sehen. Sie machten ihn irgendwie nervös.

„Du bist echt unglaublich, Craig, weißt du das eigentlich?“ Vorsichtig zog Robbie die Beine an und ließ sich neben Craig auf die Matratze fallen, wurde dann aber doch etwas mutiger und drehte sich auf die Seite, so dass er seinem Gast ins Gesicht sehen konnte.

„Das sagt mir einer, der auf Hüftknochen steht, ich glaub's ja nicht.“ Schief grinsend landete Craigs Blick wieder auf Robert. Nun hatte er die Chance, die glatte Brust zu bewundern. Wirklich nicht zu verachten. Er mochte es nicht, wenn Männer behaart waren und dieser Typ war … perfekt. Erschreckend, wie er das von einem anderen außer Youssou denken konnte, doch es war gar nicht so schwer.

„Hey, ich war es nicht, dem es nach einer Flasche Whisky gelungen ist, sich die Klamotten vom Leib zu zerren ohne umzufallen. Nicht mal beim Hoseausziehen hast du dich setzen müssen. Mal davon abgesehen – ich habe noch keinen erlebt, der nach einem Liter Schnaps noch daran denkt Gummis zu benutzen, geschweige denn, überhaupt einen hochbekommt – drei mal. Craig du bist bemerkenswert.“ Sanft strichen Robbies Finger über Craigs Brust, dass der nur hinterher sehen konnte. Voller Unglauben. Was redete Robert denn da? Was sollte das. „Mach dich nicht noch lustig über mich, ich trinke selten, da schlägt's eben schnell an.“

„Ich würde mich nie lustig machen.“ Roberts Stimme war leise geworden und Craig horchte auf. Doch schon im nächsten Moment spürte er die weichen Lippen des anderen auf den seinen. Erst nur ungeschickt auf einem Mundwinkel, doch dann wurde Robbie immer mutiger und wagte mehr.

Immer intensiver wurde der Kuss und Craig wusste gar nicht wie ihm geschah. Doch er griff sich Robert und zog ihn auf sich. Dieser Kuss machte ihn schier wahnsinnig, was war das nur?

Die Kombination von Whisky und Tabletten?

Oder die Tatsache, dass dieser Mann verrückt nach ihm war? Dass Craig sich begehrt fühlte?

Oder lag es daran, dass der Kerl verdammt gut aussah, küssen konnte, dass so mancher Sänger noch ein bisschen von ihm lernen konnte und dermaßen gut in der Hand lag?

Oder war es alles zusammen?

Craig wusste es nicht, musste aber grinsen, als ihm die Luft ausging und Robbie ihn anguckte. „Darf ich dich behalten?“

Doch Craig zuckte nur die Schultern. „Weil ich besoffen noch einen hoch kriege oder was? Was weiß ich“, knurrte er leise. Stimmte ja auch. Er hatte sich eben von seinem Freund getrennt und der nächste wollte ihn haben? Das ging ihm etwas zu schnell. Andererseits fiel ihm ein Geschenk wie Robert auch nicht alle Tage vor die Füße.

„Ich weiß ja nicht so recht, wo ich bleiben soll.“ Kurz schilderte Craig, wie es mit seinem Ticket aussah und Robert rollte sich von ihm runter und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

„Ist doch egal. Ich habe noch frei bis übermorgen. Du bleibst bei mir, lernst mich besser kennen, ich werde mich nur von meiner besten Seite zeigen, so dass du dich einfach in mich verlieben musst und dann setz ich dich in deinen Flieger heim. Oder ich lass dich gar nicht mehr weg.“

„Du bist ein Spinner, Robert. Aber wirklich. Du bist so ganz anders als Yous.“

„Na das möchte ich aber auch hoffen.“ Robert klang schon etwas entrüstet und Craig musste lachen. „So schlimm ist er auch wieder nicht. Okay, du hast Recht. Ich wusste, dass er mich betrügt und habe es verdrängt. Vielleicht war es wirklich das Beste, dass es gelaufen ist wie es gelaufen ist.“

„Klar, für mich auf jeden Fall – das war wirklich ein verdammt guter und befriedigender Rutsch ins neue Jahr.“ Robert lachte, weil Craig leise knurrte und sich wegdrehte.

„Ich hätte nichts dagegen, wenn ich mich auch ein bisschen dran erinnern könnte“, maulte er leise und spürte, wie sich Hände auf seine Brust legten, seinen Bauch liebkosten und die Hüftknochen entlang strichen.

„Vorschlag zur Güte. Dein Gedächtnis auf die Sprünge bringen kann ich nicht, aber ich könnte dir ja zeigen, was wir so gemacht haben und wenn’s dir wieder einfällt, dann machst du einfach mit, hm?“, lachte Robert und strich sich wieder Haare hinter das Ohr, eine Geste, die Craig seltsamerweise ziemlich anregend fand. Ohne zu wissen warum, ließ er seine Hand der Fremden folgten und vergrub sie dann in Roberts Haar, zog ihn dichter zu sich.

„Okay, zeig mal. Mal sehen, ob ich mich nicht doch erinnern kann“, lachte Craig leise und war aufgeregt. Aber so richtig. Noch gestern wäre er nie im Leben auf solch eine verrückte Idee gekommen, aber jetzt war es okay. Es war okay, Robert wieder zu küssen, es war okay, ihn zu streicheln und sich ihm entgegen zu recken. Es war einfach okay.

Und so unglaublich erregend! Als würde sein Körper besser wissen als sein Kopf, was gut für ihn war. Zu lange hatte er gedarbt und gedürstet, hatte einem die Treue geschworen, der es nicht wert gewesen war. „Willst du wieder oben sein“, lachte Robbie und knurrte, als ein leiser Klingelton die sich langsam elektrisierende Stille störte.

„Is meins“, gestand Craig und wollte sich erheben. Doch Robbie war schneller, hatte die Hose gefunden, die ihm gestern den Kopf verdrehte hatte und holte das kleine nervende Ding aus der Tasche. Als er es Craig hinhielt, gab der ihm das Gerät zurück. „Geh bitte ran und frag wer dran ist.“

Robbie zuckte nur die Schultern und hob ab. „Bei Kochler“, meldete er sich brav und kurz herrschte Stille.

>Wer ist da?<

Robbie zuckte die Schultern. „Gleiche Frage zurück – hast du ne Ahnung, wie spät es ist?“ Er hatte die Stimme bereits erkannt und Craigs Gesicht zeigte deutlich, dass auch er sich denken konnte, wer da Sehnsucht nach ihm hatte. Doch ihn gelüstete es ganz gewiss nicht nach einem Plausch mit seinem Ex. Dafür musste sich Robbie anfahren lassen.

>Was machst du am Handy von meinem Verlobten?<

Kurz lachte Robert auf und blickte zu Craig hinab. Laut genug, damit auch Youssou jedes Wort hören konnte, fragte er: „Craig, du bist verlobt, das wusste ich gar nicht.“

„Ich auch nicht“, lachte der Berliner und griff sich dann doch noch das Handy, ehe Youssou Robert noch durch die Leitung zog.

„Hallo Youssou. Ob du gut rein gerutscht bist, muss ich ja nicht fragen, das habe ich gesehen, Yous. Falls es dich interessiert, ich auch – aber deswegen rufst du sicher nicht an.“

Was tat Craig denn da. Robert schluckte. Das war nicht gut, gar nicht gut. Der Jamaikaner dürfte wütend sein wie lange nicht. Deutlich sah er schon Schaum vor dem Mund des Sängers! Aber Craig schien mehr als zufrieden.

>Das war nicht so, wie du denkst, Craig. Ich wusste doch nicht, dass du kommst, du hast gesagt…< Youssou klang angespannt. Sicher hatte er kein Auge zugetan. Aber Craig verbot sich das Mitleid.

„Halt mal die Luft an.“ Nun setzte sich Craig auch auf und sein Gesicht verfinsterte sich. „Soll das heißen, hättest du gewusst, dass ich dich besuchen komme, hättest du ihn an einem anderen Tag gefickt oder was? Mir reicht's, Youssou! Mir steht es bis oben – erinnerst du dich an deinen Schwur? Ich mache Gebrauch davon, ich will dich nicht mehr sehen, Youssou!“

Craig sah nicht auf. Er konnte Robbie jetzt nicht in die Augen blicken und vor allem wollte er ihn auch nicht mit rein ziehen. Alles was er wollte war, das dieser verlogene Bastard ihn endlich in Ruhe ließ. War das denn zu viel verlangt? Wahrscheinlich ja.

>Sag mir wo du bist, ich hole dich ab und wir reden. Schick bloß diesen hohlen Typen in die Wüste, der mich eben zugetextet hat. Der …< Youssous Stimme überschlug sich fast, war schrill und hektisch.

Langsam war auch bei Craig das Limit ausgereizt. Was sich sein Ex hier erlaubte war grenzwertig, aber wirklich. So sank er einfach nach hinten und fing leise an zu stöhnen, dass Robert sich erschrocken umwandte.

„Hey, Jasper…“ Craig gab sich alle Mühe, erschrocken zu wirken – mehr noch, überrascht. Und Robert verstand nicht, warum Craig schon wieder seinen Namen vergessen hatte.

„Was … oh mein Gott … Jasper, wo …“ Seine Stimme klang kehlig, so wie sie eigentlich nur Youssou kennen sollte. Robert grinste nur und kuschelte sich an seine Seite, wisperte tonlos „Biest“ und lachte leise.

„Oh ja … Jas … oh … ah! Wo hast du das gelernt … ha!“ Dann war Youssou plötzlich weg und Craig grinste zufrieden und legte das Handy zur Seite, um sich von Robert einen kraftspendenden Kuss zu rauben.

„Sag mir, dass ich das Richtige tue, Robbie, sag’s mir“, flüsterte er und seine Hände wanderten wie im Fieber über Robbies Rücken. Doch der sagte es ihm nicht, er zeigte es ihm einfach und Craig war zufrieden – mit sich, mit der Situation.

„Du bist ja heftig“, wisperte Robert irgendwann heiser und Craig nickte nur.

„Was soll’s, hätte ich aufgelegt, hätte der Bastard erneut angerufen, da hab ich keinen Bock drauf, seine Lügen zu hören. Jetzt haben wir unsere Ruhe … komm her zu mir, ich will doch wissen, ob ich gut rein gerutscht bin.“

„Ich kann nicht klagen“, lachte Robert und ließ sich von Craig auf den Rücken drehen.