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Wie schläft der Fuchs?

Original/ Reale Welt [NC-14] [abgeschlossen]

[yune]

Einteiler

Inhalt:
Zwei Freunde - zwei Freundinnen - eine Provokation und ihre Folgen ...

Verschenkt:
Dieses Geschichtchen ist für meinen kleinen Drachen zum Geburtstag ... Häbbie Börsdee!!

 


 

 

Wie schläft der Fuchs?

„Ach komm schon, Thomas, du bist doch mein Freund.“ Jenny hängt an meinem Arm, als hätte sie vorher in Sekundenkleber gegriffen. Egal wie intensiv ich versuche, meinen Arm zu befreien, sie klebt an mir und sieht mich dann wieder mit diesem verbotenen Augenaufschlag an, dem ich nur sehr selten widerstehen kann.

Mein bester Freund Lars und seine Jana sitzen uns gegenüber. Doch ihm geht es leider auch nicht besser. Ist es die Genetik der Frau oder liegt es einfach nur in der Natur der Sache, dass eine Frau grundsätzlich eine Handtasche mit sich herum schleppt, in die ein Mann Klamotten für zwei Wochen Abenteuerurlaub bekommen würde, aber dann vor lauter wichtigen Dingen wie Eyeliner und Kajal keinen Platz mehr für einen kleinen Geldschein hat?

Wie jeden Freitag sitzen wir im Twighlight, einem Laden in der Altstadt und wollen die stressige Schulwoche ausklingen und das verlockende Wochenende einläuten lassen. Ich habe hart darum kämpfen müssen, damit Jenny mal nicht schmollt, wenn ich nicht allein mit ihr ausgehe, sondern endlich – nach verdammt langen Monaten – wieder mal was mit meinem besten Freund unternehmen will.

Tja, vielleicht sollte ich euch über Jenny ein bisschen was erzählen…

Sie ist egozentrisch, schnell beleidigt, aufdringlich und vor allem abgrundtief eifersüchtig, was sich daran zeigt, wie sie mir ständig hinterher telefoniert.

Letzten Freitag musste ich meiner Oma die Couch reparieren und kam mit vielleicht zwanzig Minuten Verspätung bei Jenny an. Als ich aus dem Wagen steigen wollte, stand sie schon in der Tür und brüllte mich an, wo ich herkäme und wie sie hieße, mit der ich sie betrügen würde, und auf dem Display meines Handys leuchteten 23 Anrufe in Abwesenheit.

Dies ist übrigens auch der Grund, warum ich mein Handy auf lautlos habe. Ich konnte das Klingeln irgendwann nicht mehr ertragen, egal was für tolle Melodien ich auch hoch geladen hatte. Nach spätestens zwei Tagen haben sie genervt.

Nun wird sich sicher der eine oder andere fragen: warum hat er so eine Pute am Bein, wenn sie ja eigentlich nur nervt? Das kann ich euch sagen – ich bin 18 Jahre, ich bin voller Hormone und eine, die besser im Bett ist als Jenny, habe ich noch nicht gefunden. Ich weiß, es ist oberflächlich – na und? Habe ich je behauptet, ich wäre ein anständiger Kerl?

Ein anständiger Kerl würde seiner Freundin, die an ihm hängt und bettelt, wohl noch einen Cocktail bezahlen – aber ich bin Schüler, ich erarbeite mir meine Kohle hart in einer Autowerkstatt, wo ich ein bisschen was lerne. Ich will nach dem Abi Maschinenbau studieren – Fahrzeugbau, um genau zu sein. Autos nicht nur fahren, sondern auch entwerfen.

Etwas sehnsüchtig wandert mein Blick zu Jörg, zwei Tisch weiter. Jörg geht in unsere Klasse, ein prima Kerl – und er hat keine Probleme mit seiner Freundin. Warum? Weil er keine hat, er hat einen Freund, einen, der sein Bier selber bezahlen kann, einen, der sich, wie Jörg auch, für Fußball interessiert. Einen, der nicht so viel redet – wenn ich recht drüber nachdenke, einen, der die perfekte Freundin wäre, wäre er nicht obenrum zu flach und untenrum zu gut bestückt.

Aber Jörg und Markus sind okay. Sie nehmen uns auch unsere blöden Witze nicht übel, weil sie wissen, wir meinen es nicht böse.

„Mensch, Thomas, hör auf, die Schwuchteln anzustarren und kauf mir lieber noch einen Swimmingpool. Oder liebst du mich nicht mehr?“ Ich kann es mir gerade noch verkneifen, die Augen zu verdrehen - wie kann man zwei so verschiedene Dinge in einen Topf werfen? Etwas haben zu wollen und wissen zu wollen, ob ich sie noch liebe? Ich habe Jenny noch nie geliebt, ich halte sie einfach aus, weil sie gut ist, na und?

Heißt das aber gleich, dass ich mich von ihr in den Ruin treiben lassen muss? Ich glaube nicht. Doch nun ist auch Lars, mein bester Freund, alarmiert und er grinst schon wieder so blöd. „Neidisch?“, will er allen ernstes von mir wissen, weil Jörg und Markus gerade keine Scham kennen und sich mitten im Twighlight ins Gesicht beißen.

„Idiot“, murmele ich nur und grinse ihn schief an, doch er macht weiter, aber nicht bei mir, sondern bei Jörg.

„Hey, Jörg“, ruft er zum Tisch hinüber und der große Fußballer sieht ihn langsam an. Betont aufreizend zieht er seine Zunge zwischen Markus’ Lippen wieder hervor und ich kann nicht vermeiden, dass mir dieser Anblick einen Schauer über den Rücken jagt. Sicher weil ich so was noch nie gesehen habe.

„Was denn, neidisch? Willst du auch?“, will Jörg mit angenehm tiefer Stimme wissen und lacht, weil Lars die Augen verdreht.

„Nee, ich nicht. Der da“, und deutet freilich auf mich.

Jörg winkt nur ab und ich schmolle. Nicht weil ich von Jörg geküsst werden wollte und verschmäht worden war, sondern aus Prinzip – mich hatte man nicht einfach abzulehnen! Als die Kellnerin vorbei kommt, bestelle ich für mich noch eine Cola und Jenny einen Cocktail, damit sie Ruhe gibt und endlich damit aufhört, mein Hemd zu zerreißen. Und je mehr sie trinkt, umso besser … na egal. Ihr wisst ja, was ich meine. Ich weiß, ich bin ein Arsch, aber das hatten wir schon …

„Hey, Jörg“, lenkt Lars das Interesse der beiden jungen Männer noch einmal auf sich und Markus hebt eine Braue. Er ist über die Störung augenscheinlich nicht gerade entzückt, was Lars aber nicht im Geringsten interessiert.

„Und? Schläfst du heute Nacht wieder wie ein Fuchs?“, will er wissen und lacht. Jörg lacht mit. „Na was glaubst du denn?“

Ich seufze nur lautlos, während Jana ihren Freund anguckt, so als müsse er ihre Gedanken lesen können und die unausgesprochene Frage beantworten. Doch er tut es nicht, sondern amüsiert sich nur.

„Lars, sag schon – wie schläft der Fuchs?“, wollte sie wissen und nun fängt auch noch Jenny an. Wenn sie etwas gefunden hat und Aufmerksamkeit erregen kann, dann ist sie immer dabei. „Ja, sag, wie schläft er?“

„Na mit dem Schwanz zwischen den Beinen“, lacht Lars und guckt dann auch noch mich an. Was sollte das denn?

„Na, Füchschen?“, lacht er und Jörg lacht wieder mit. Ich finde das wirklich nicht komisch. Nur weil ich Fuchs heiße und kurze rote Haare habe, heißt das ja noch lange nicht, dass ich … „Nur meinen eigenen, damit das klar ist“, knurre ich und greife mir noch vom Tablett der Kellnerin meine Cola, während nun Jana und Jenny den ganzen Abend nichts besseres zu tun haben, als zu erklären, sie würden schlafen wie die Füchse. Warum tendieren Frauen dazu, einen Witz so lange zu malträtieren, bis er nicht mehr lustig ist? Und warum stört mich das plötzlich? Na ja, es störte mich schon immer, aber heute geht es mir besonders auf die Nerven.

Jörg hat es wirklich gut. Markus ist so pflegeleicht! Und wie’s aussieht, kann er auch richtig gut küssen. „Hey, Füchschen?“ Lars grinst mich an – ich starre zurück. „Willst du auch? Oder warum guckst du Jörg und Markus so intensiv zu?“

Mann, weiß der Kerl nicht, wann es besser ist, seine Klappe zu halten? Konnte er diese Witze nicht reißen, wenn Jana und Jenny gerade mal wieder kichernd auf dem Klo verschwunden sind?

So wird meine übereifersüchtige Freundin nämlich plötzlich hellhörig. „Was? 'N Kerl küssen? Thomas doch nicht. Das traut der sich nie!“ Sie grinst mich an und wie in letzter Zeit häufiger, kitzelt sie wieder meinen Trotz heraus.

Kennt ihr das?

Wenn dann das fünfjährige Kleinkind in euch durchkommt, es die Arme vor der Brust verschenkt und egal, was die Mutter sagt, das Gegenteil macht? Diese Boah-Jetzt-Erst-Recht-Einstellung? Genau die kommt bei mir mal wieder durch und ich gucke Jenny etwas herausfordernd an.

„Wie kommst du darauf, dass ich mich das nicht traue?“, frage ich sie und Jenny macht große Augen, grinst dann aber.

„Weil du nur mich liebst und keine und keinen anderen küssen wirst. Du bist nicht so wie die da.“

Halt mal – die da?

„Die da – sind zufällig gute Freunde von mir. Überleg dir also, was du sagst“, habe ich geantwortet, noch ehe ich nachdenken und Schadensbegrenzung betreiben kann.

„Ach so, die Schwuchteln sind wichtiger als ich?“

Ja prima, Jenny, ist das eigentlich dein ganzes Repertoire an Fragen?

Kaufst du mir dies? Kaufst du mir das? Ist XY wichtiger als ich?

Innerliche Resignation lässt mich den Kopf schütteln, doch nun fängt auch noch Jana an. „Lass mal, Jenny, Lars traut sich auch nicht, 'n Kerl zu küssen. Da ist Thomas nicht der einzige.“ Egal ob es ihre Absicht war, mich zu provozieren oder nicht, ich habe die Nase gestrichen voll, erhebe mich und noch ehe Lars begreift, habe ich ihm schon meine Zunge in den Mund geschoben.

Ich rechne damit, dass er, wie in einem dieser blöden Trickfilme, mit den Armen rudert und auf mich einschlägt, aber Lars ist eben Lars – er schiebt mir seine Zunge in den Hals, dass ich erschrocken aufkeuche und … na ja, wie soll ich das erklären? Aber in diesem Augenblick ist es um mich geschehen.

Nicht weil Lars nach Zigaretten und Bier schmeckt, sondern weil … ach ich weiß auch nicht, aber dieser Kuss ist besser als alles andere, was ich bis jetzt erlebt hatte. Ist euch das auch schon mal passiert, dass ihr mit offenen Augen Sterne seht? Nein, nicht wenn man sich den Schädel nach einem heftigen Suff im Sturz an der Wand anschlägt, sondern einfach so – hunderte von bunten Lichtpunkten, die überall tanzen.

Jörg und Markus gucken nicht schlecht, ein paar tuscheln, ein paar lachen, ein paar klatschen Beifall. Doch noch ehe ich mich versehe, ist Lars weg und sagt ziemlich laut: „Und, Mädels? Zufrieden mit der Show – noch mehr Wünsche?“ Doch unsere Mädels sind wohl mehr als bedient. Jana starrt uns mit offenem Mund an, Jenny sieht aus wie ein Fisch auf dem Trocknen.

Sicher will sie was sagen, aber es kommt nichts über ihre Lippen. Ich fühle mich … na ja, ich hätte mich zufrieden fühlen sollen, weil meine Freundin endlich mal die Klappe hält. Aber ich fühle mich nicht zufrieden – wie auch! Verdammt, da kenne ich Lars nun seit ich 6 bin und habe von seinen verborgenen Talenten nichts bemerkt. Ich darf mir von meiner Zerrissenheit nichts anmerken lassen und so grinse ich nur und sage: „Ich geh mal ne Stange Wasser in die Ecke stellen, wehe, einer säuft meine Cola.“

Doch dann stürze ich auch schon los. Endlich, als ich dem Tisch den Rücken zugekehrt habe, kann ich es wagen und über meine Lippen lecken. Lars könnte sich mal wieder rasieren. Meine Lippe ist etwas wund und mein Speichel darauf brennt. Doch davon lasse ich mich nicht stören – ganz bestimmt nicht.

Kaum ist die Klotür hinter mir zu, lehne ich an der Wand. Ich kann nicht beschreiben, wie ich mich fühle, ich will es auch gar nicht! Es hat mir nicht gefallen – es hat mich nur überrascht, mehr nicht! Zumindest lege ich das für mich fest.

Lars macht mich nicht an – definitiv nicht. Ich habe ihn schon so oft nackt gesehen – beim Sport, als Kind, wenn er bei mir gepennt hat, auch später noch. Weder sein trainierter Bauch, noch die kräftigen Arme machen mich an, weder die kleine Narbe auf dem Hintern, die er hat, seit wir mal beim Spielen durch Weidezaun gekrochen waren, noch die Tätowierung auf der Leiste … Na ja, dafür dass mich mein Freund nicht interessiert, kenn ich mich auf seinem Körper aber verdammt gut aus. Und das macht mich unsicher. Ziemlich sogar.

„Is' mit anstehen? Oder warum hängst du an der Wand?“ Markus kommt zur Tür rein und guckt mich etwas fragend an.

„Nee, nee, ist frei. Geh ruhig“, murmele ich und richte mich wieder auf. Ist ja nicht zum Aushalten, wie ich mich gerade von so einem Blödsinn aus der Bahn werfen lasse. Doch Markus geht nicht, er stellt sich im Gegenteil noch vor mich hin und grinst. „Er ist gut, oder?“

Natürlich tue ich so, als hätte ich nichts begriffen und mache nur ein ziemlich intelligentes „Hä?“. Doch Markus lässt sich nicht beirren. „Ich hab deinen Blick gesehen. Lars scheint ziemlich gut zu sein und das erschreckt dich.“

Warum stochert der jetzt noch in der Wunde rum? Und vor allem: warum hat der Typ auch noch Recht? Waren schwule Männer wirklich anders? Waren sie aufmerksamer? Interessierter? Oder sahen sie Männer einfach nur mit anderen Augen als wir Heteros? Und wie sah ich Männer? Wah!

„Ach lass mich doch in Ruhe“, knurre ich Markus noch an und reiße wütend die Tür auf. Er ruft mir noch was nach, von wegen schwimmen und anderes Ufer, doch ich höre ihm demonstrativ nicht mehr zu. Ich bin wütend über mich selbst, wütend, dass ich auf diesen Mist eingegangen bin und nun damit anfange, meinen Freund – meinen besten Freund Lars – mit anderen Augen zu sehen.

Ich hasse Weiber! … Uups? Nein, nein, nicht so wie ihr jetzt vielleicht denkt, nein, nein, ganz bestimmt nicht. Ich hasse sie, weil sie immer provozieren müssen, weil sie nervig sind und lästern, weil sie alles haben wollen und es für selbstverständlich erachten, und ich hasse sie, weil sie mich so doof angrinsen, als ich wieder zum Tisch komme.

„Ging aber schnell mit Markus.“

Ja, danke, Lars, mach nur so weiter, du bist auf dem besten Weg, dass ich dir den Hals umdrehe!, denke ich noch so bei mir, grinse aber. „Klar, im Stehen geht’s am schnellsten.“

Ich sehe Jörg genau an, wie er sich seinen Kommentar verkneift und ich bin ihm dankbar dafür, ich balbiere mich ja gerade selbst über den Löffel, da muss mir keiner mehr helfen, das kann ich augenscheinlich selbst am allerbesten.

Irgendwie habe ich wohl die Stelle des Filmes verpasst, an der mir dieser Tag entglitten war. Irgendwie.

Wir bleiben noch zwei Stunden, aber sie sind mehr eine Qual als alles andere. Früher hatte es mir nichts ausgemacht, Lars anzusehen, einfach nur mal so, weil er mein bester Freund ist. Und jetzt? Jetzt führe ich mich auf wie ein Geisteskranker, der jedes Mal abrupt den Kopf herum reißt, sobald auch nur jemand merkt, dass ich Lars ansehe. Mir ist vorher nie auf gefallen, wie oft ich ihn ansehe an einem Abend!

Aber kurz vor Mitternacht brechen wir unser Sit In dann doch ab und machen uns – jeder samt Freundin in seinem Auto – auf den Weg nach Hause. Die Verabschiedung ist eine Qual. Ihn einfach nur zu greifen und zu umarmen wie sonst, ihm auf die Schulter zu schlagen und einen blöden Spruch abzulassen, ist einfach nicht drinnen. Ich gebe ihm also die Hand, erkläre, ich würde ihn anrufen und bin dann schon im Wagen verschwunden. So bemerke ich gar nicht, wie verwirrt er mir nachsieht, auch nicht, dass Markus sich flüsternd noch an Lars wendet. Ich will nur noch weg – weg von hier, weg von Lars, um wieder mal geradeaus denken zu können.

Die folgende Nacht allerdings ist nicht gerade berauschend. An Jennys Küssen habe ich immer was auszusetzen und der Sex ist auch nicht gerade nach meinem Geschmack. Sie fasst mich viel zu sanft an!

Ich sehne mich in diesem Augenblick irgendwie danach, fester angefasst zu werden. Hände, die kräftig über meine Haut streichen, dieses sanfte Streicheln macht mich nur wahnsinnig, und das nicht gerade im positiven Sinne. Natürlich macht mir Jenny noch mitten in der Nacht eine Szene, ob ich sie nicht mehr lieben würde – und ich habe so was von keine Lust auf diese Diskussion, wirklich nicht.

Ich will nur noch schlafen und diesen bekloppten Tag einfach nur vergessen. Aber Jenny lässt das nicht zu, sie läuft in meinem Zimmer auf und ab, will immer wieder wissen, wer die Schlampe wäre, mit der ich sie betrügen würde, ich müsste gar nichts sagen, sie würde das schon raus bekommen. Ich bin es so leid – die ewige Eifersucht, weil sie mir nicht vertraut. Dabei ist sie mir viel zu unwichtig, als dass ich sie heimlich betrügen würde. Wenn ich was Besseres fände, wäre sie weg und gut.

„Leg dich hin und penn oder geh rüber ins Gästezimmer und tobe da, aber lass mich schlafen.“ Also mache ich das Licht aus, verbrenne mir beim Birnelockerschrauben fast die Finger, doch Jenny bemerkt es zum Glück nicht und so bleibt das Zimmer zumindest dunkel, wenn auch nicht ruhig. Sie zetert, was ich für ein Glück hätte, sie zu haben und dann kommt wieder ihr Lieblingsthema – sie bringe sich um, wenn ich sie verlassen würde.

Aber das Thema war schon zu oft gekommen, als dass es mich noch erschüttern konnte. Ich weiß aus leidlicher Erfahrung, Leute, die das wirklich vorhatten, reden nicht darüber – eines Tages waren sie tot und gut. Bei meiner Tante war das nicht anders gewesen. Keiner hatte was geahnt, dann war sie tot. Schlaftabletten.

Doch ich kenne Jenny gut genug, um zu sagen, dass sie den letzten Schritt nicht geht, und es ärgert mich. Nein, versteht mich nicht falsch! Ich bin wohl schon etwas müde … es ärgert mich nicht, dass sie sich nicht endlich umbringt, sondern dass sie so ein ernstes Thema missbraucht, um anderen Schuldgefühle einzureden und sie zu erpressen.

Ich mag solche Wesenszüge nicht – wie so vieles, was ich an Jenny nicht mag. Langsam wird es zu viel und ich bin mir nicht mehr sicher, ob guter Sex alleine das noch aufwiegen kann. Vor allem nach dieser Nacht. Doch ehe ich diesen Gedanken zu ende gebracht habe, bin ich eingeschlafen und höre ihr nicht mehr zu.

Könnt ihr euch meine Überraschung vorstellen, als ich wach werde und neben mir, anstatt Jenny, nur ein Zettel liegt? Von den 37 Anrufen in Abwesenheit und den 42 SMS einmal abgesehen.

„DU bist ein Arsch, ich will dich nicht mehr sehen. Ich mach Schluss. J.“, lese ich noch im Halbschlaf und schließe die Augen wieder. Ich weiß noch nicht, ob ich froh oder wütend sein soll, und so beschließe ich, noch etwas darüber zu schlafen.

Aber mein Herr Vater hat da wohl andere Pläne, denn er steht plötzlich im Zimmer und begehrt doch allen ernstes zu wissen, warum Jenny mitten in der Nacht gegangen sei. Woher soll ich das denn wissen? Sie hat mir schließlich nicht bescheid gesagt.

Ich sollte dazu sagen: Jenny hat es verstanden, sich bei meinen Eltern einzuschleimen – sie ist Papas Liebling und hat in ihm auch immer einen Fürsprecher.

„Nicht jetzt!“, knurre ich nur, aber davon lässt sich mein Vater schon lange nicht mehr beeindrucken.

„Mein Gott, Junge. Da hast du so ein tolles Mädel und lässt sie einfach gehen. Zieh dich an und fahr ihr nach!“ Meinen Kommentar, wenn er so scharf drauf sei, sie wieder in der Familie zu haben, solle er ihr doch nachfahren und sie adoptieren, verkneife ich mir wohl wissend. Ich jedenfalls will mal ein paar Tage ohne sie einfach genießen.

Nicht die Verpflichtung, pünktlich bei ihr zu sein, den Abend mit ihr allein vor dem Fernseher verbringen zu müssen. Glaubt mir, „Fluch der Karibik“ ist ein toller Film, aber nach dem siebzehnten Mal hing er auch mir zum Hals raus!

Raus gehen, ein paar Freunde treffen – vielleicht Lars. Ich spüre, wie mich bei dem Gedenken ein heißer Schauer überkommt und mir langsam über das Rückgrat kratzt. Es ist unangenehm und so winde ich mich etwas auf meinem Laken, um es zu vertreiben.

„Tommy – Telefon“, brüllt dann auch noch meine Mutter von unten die Treppe hoch und ich stöhne. Es war okay, als sie mein Handy terrorisierte, aber das jetzt geht zu weit. „Sag ihr, ich will nicht reden“, brülle ich zurück und mein Vater holt schon Luft, um was zu sagen, da erklärt mir meine Mutter, es wäre Lars und drückt mir den Höher des schnurlosen Telefons in die Hand.

Im ersten Augenblick bin ich verwirrt und aufgeregt, rufe ein „Ja, gleich“ in die Muschel und warte dann, bis sich meine Eltern wieder verzogen haben. „Wir reden noch über Jenny“, erklärt mein Vater, während meine Mutter die Augen verdreht und ihn raus schiebt.

„Was 'n?“, will ich von Lars wissen, als ich alleine bin, und komme nicht umhin zu glauben, dass auch er noch nackt im Bett liegt. Doch schon seine ersten Worte strafen meine Gedanken lügen.

>Sag mal, TomCat, was soll das denn? Mach mit Jenny, was du willst, aber dass die nachts um drei vor unserer Tür steht, besser gesagt vor meiner, finde ich nicht witzig. Seitdem heult sie Jana die Ohren voll, und ich muss immer wieder herhalten, was Männer doch für Schweine sind. Was hast du mit ihr gemacht?<, redet Lars auf mich ein. Eindeutig, so schnell wie er redet, ist er schon ein paar Stunden wach und Kaffee hat er auch schon mehr getrunken als ihm gut tut. Lars verträgt Kaffee nicht, bekommt Magenschmerzen davon, aber er trinkt ihn, wenn er wach bleiben muss.

„Sorry“, murmele ich nur in den Hörer und kugle mich wieder in meiner Decke zusammen. Warum ich das Verlangen habe, ihn jetzt bei mir zu haben, weiß ich nicht und will es auch nicht ergründen.

>Sorry? Das ist alles? Die ist außer sich.< Lars klingt nicht mehr vorwurfsvoll, mehr besorgt. Er weiß selber, wie mir Jenny gern mal zusetzt, wie sie tobt wie eine Furie und sich dann bei den anderen als das Opfer hinstellt. Lars hat es oft genug erlebt. >Was ist passiert?<

Ja, was ist passiert? Wenn ich das wüsste, mein Lieber, dann wäre mir auch wohler. Doch ich schweige noch einen Augenblick.

>TomCat, mach den Mund auf!<

„Ich weiß es doch auch nicht. Sie ging mir nur auf die Nerven, ich fand die Nummer heute Nacht nicht so prickelnd und als sie wieder mal anfing mir vorzuwerfen, ich hätte eine andere und sie würde sich umbringen wollen, da bin ich wohl eingepennt. Mann, es war ja auch schon drei durch.“ Es klingt, als würde ich mich rechtfertigen – wofür? Ich habe doch nichts weiter getan, außer festzustellen, dass es nicht so berauschend gewesen ist. Meine Güte, jeder hat eben mal 'n schlechten Tag, darf ich nicht wie jeder sein?

>Du hast ihr echt gesagt, der Sex war scheiße?<, lacht Lars und ich knurre leise. Warum lacht der Idiot jetzt? >Du bist ja heftig, TomCat, aber wirklich!<

„Na, so unsensibel hab ich es nicht ausgedrückt. Ist ja auch egal – jedenfalls liegt mir jetzt schon mein Alter in den Ohren, ich solle sie zurückholen. Ich bin doch nicht lebensmüde. Ich will ein paar Tage für mich und dann …“

>So lange, bis du Druck hast und sie wieder ran darf, oder was?< Lars lacht immer noch. Ich hätte ihn würgen können, aber ich war wohl viel zu sauer, als dass ich meine Gedanken sortiert bekomme, noch ehe ich sprach:

„Wenn du willst, kannst du gern ihren Platz einnehmen“, höre ich mich noch sagen und Lars hört auf zu lachen, doch dann prustet er von neuem los.

>Thomas Fuchs, findest du das witzig? Ist dir mein atemberaubender Kuss zu Kopf gestiegen?< Dann lacht Lars wieder und es … tut weh. Ich kann es nicht erklären, aber mir zieht sich der Magen zusammen. Klar, meine Frage ist bescheuert gewesen – aber denkt Lars denn gar nicht an so was? Klar denkt er nicht – hab ich bis vor ein paar Stunden doch auch nicht! Warum also mache ich jetzt einen auf Mimose?

„Arschloch“, knurre ich nur und Lars fängt wieder mit seinem Spielchen an.

>Ach TomTom, komm schon, Süßer. Ich liebe doch nur dich, das weißt du.<

„Riesenarschloch“, murmele ich und krabbele ganz unter meine Decke zurück. Warum scheint mir diese blöde Sonne auch direkt in die noch müden Augen? Das tut doch weh! Kann man diesen lästigen Stern nicht wegen Belästigung und Körperverletzung verklagen?

>Liebling, jetzt schmoll doch nicht, soll ich zu dir kommen? Deine Mutter meint, du wärst noch im Bett.<

„Lars, du Obermegariesenarschloch, halt's Maul.“ Sonst hebt mich sein blödes Gelaber nicht an, heute regt es mich regelrecht auf – verdammt. Ich bin doch heute auch nicht anders als sonst! Okay, ich habe einen Kerl geküsst und es hat mir gefallen – es war besser als mit meiner Freundin – na und? Passierte so was nicht täglich überall auf der Welt?

Die verziehen sich auch nicht unter die Decke und schmollen. „Nein, die lassen Grit stehen und gehen mit Markus ins Bett“, murmele ich leise, als mir aufgeht, dass es Jörg ganz genau so gegangen war – ganz genau so! Ewiger Womenizer der Stadt, der konnte jede haben und hatte den Neid der Kerle seiner Liga auf sich vereint. Und dann? Eine Party, etwas viel Alkohol? Mit Markus im Bett gelandet und kleben geblieben – oder doch eher stecken?

Ich muss lachen und höre Lars, wie er mich fragt, wovon ich da eigentlich rede. >Was ist mit Grit und Markus im Bett?<

„Nichts“, murre ich nur und drehe mich wieder auf den Rücken. „Sag mir lieber, was ich mit Jenny machen soll.“

>Wenn’s nach mir geht, Herr Fuchs, würde ich sagen: hol die ab, ich will meine Ruhe!< Lars klingt ziemlich unausgeglichen und eigentlich tut er mir auch leid, weil er nun die nervende, drohende, von allen verfolgte Jenny am Hals hat.

„Ich hol sie, gib mir 30 Minuten.“ Dann lege ich auf, ohne abzuwarten, was Lars noch zu sagen hat. Zwar stinkt es mir, meinem Vater mal wieder Recht zu geben und genau das zu machen, was er verlangt hat, aber Lars ist genervt und ich bin dran schuld, da muss ich jetzt durch.

Also springe ich unter die Dusche, ziehe mich an und bin nach 10 Minuten im Auto und auf dem Weg von dem kleinen Dorf, in dem wir leben, in die Stadt. Zwar frage ich mich, wie Jenny den Weg ohne Auto geschafft hat und wie gefährlich das gewesen war, doch dann will ich wieder wütend sein. Schließlich terrorisiert dieses Miststück gerade meine Freunde, die gar nichts dafür konnten, dass sie so durchgeknallt ist. Als Kind zu heiß gebadet, sagt Lars immer.

Na ja, Jana ist nicht viel besser, aber dann doch nicht so aufdringlich wie Jenny. Wenigstens kommt sie nicht zu mir, wenn Krach mit Lars war – so ziemlich einmal die Woche.

Pünktlich parke ich meinen Golf neben Lars’ Volvo, den ihm sein Vater überlassen hat und flitze die Treppen hoch. Noch ehe ich klingle, wird die Tür aufgerissen und ich rechne mit einer Salve von Jenny – doch Lars grinst mich nur an. „Jenny wollte raus, sie musste an die Luft. Ich kam irgendwie nicht dazu, ihr zu sagen, dass du gleich vorbei kommst.“ Dazu macht er ein unschuldiges Gesicht. Wenn er gewollt hätte, hätte er ihr das sicher noch sagen können.

„Danke, Alter“, grinse ich nur und betrete etwas erleichterter die Wohnung, gehe gleich durch bis in die Küche und zur Kaffeemaschine.

„Nimm dir Brötchen, sind ganz frisch. Sicher hast du noch nichts im Magen. Dann frisst dir die Teersuppe, die Jana kocht, Löcher in die Magenschleimhaut – ein Hoch auf die Gastritis!“

Na, bei Essen lasse ich mich doch nicht zweimal bitten, greife mir ein Brötchen, dazu die Marmelade und verziehe mich auf die Eckbank in der Küche. Ich bekomme meinen Kaffee, Lars kocht sich einen Tee und setzt sich dann zu mir, während ich kaue, um mich abzulenken und keinen Blödsinn zu machen.

Ich fühle mich unbehaglich, weil ich immer wieder zwar nach Lars schiele, aber nicht wage, ihn anzusehen. Meinem besten Freund scheint das nicht zu entgehen. „Markus hat mich gestern noch angequatscht“, eröffnet er mir plötzlich. Ich bemerke den Themenwechsel, aber ich kann ihm nicht gleich folgen.

„Hm?“, mache ich deshalb, einen Löffel voll Marmelade im Mund, und blicke Lars nun doch an.

„Markus. Er hat mich gestern noch mal zur Seite genommen und gemeint, … na ja, dass wir uns geküsst haben … dass du …“

„Ach komm, der sieht mehr als dran ist“, schieße ich gleich zurück, ohne ihn ausreden zu lassen. Ich will das Thema nicht! Ich will es nicht hören und noch weniger will ich, dass Lars darüber anfängt nachzudenken. Es reicht wirklich, dass einer solchen Mist denkt wie ich. Doch unter Lars’ sezierendem Blick werde ich nervös und rutsche etwas ab, er bemerkt es und sieht mich noch eindringlicher an. Ich habe das Gefühl, nackt vor ihm zu sitzen, bis gestern hätte mir das noch nichts ausgemacht.

„Sicher?“, will Lars wissen und ich nicke. „Klar, sicher. Oder willst du, dass ich heiß auf dich bin und Jenny für dich verlasse?“

Als Lars nur ein leises, kein bisschen komisches „Ja“ von sich gibt, lasse ich den Löffel fallen. Ich kann nichts dafür. Meine Kräfte versagen einfach und das Stück Metall ist zu schwer. Scheppernd landet es auf dem Tisch, klappert gegen die Tasse und ich starre Lars fassungslos an.

„Was denn? Wenn ich sonst so was sage, da lachst du und sagst, 'ich liebe dich auch, lass uns heiraten'. TomCat, deine Reaktion gefällt mir nicht“, erklärt er gelassen und ich merke gerade, wie ich Lars auf den Leim gegangen bin. Er hat mich nur verarscht, mich getestet! Wütend landet auch das Brötchen auf dem Tisch und ich stehe auf.

„Arschloch, aber echt. Sag Jenny, sie soll heim kommen, ich warte auf sie.“ Leider dauert es etwas, sich aus der Sitzecke zu fädeln und so erwartet mich am Ende der Bank schon Lars, der hier absoluten Heimvorteil hat und alle Tricks kennt.

„Rennst du weg?“, will er wissen und sein Kopf nickt so seltsam. Er hebt leicht das Kinn, eine Eigenart, die aus ihm heraus bricht, wenn er Streit sucht.

„Ich renn nicht weg, ich habe nur keinen Bock, mich von dir verarschen zu lassen“, knurre ich zurück und will Lars wegschieben – doch er ist leider nicht nur größer, sondern auch schwerer als ich und mit einem Schubs lande ich wieder auf der Bank. Ich kann nur fassungslos zu ihm hinauf blicken. „Was soll das, Lars?“

„Du glaubst wirklich, du kommst einfach so damit durch?“ Seine Augen verengen sich und ich weiß beim besten Willen nicht, was er meint. Er ist mir fremd, so wie er auf mich hinab blickt. Doch dann geht er zur Seite und lässt mich aufstehen.

Immer noch etwas irritiert tue ich das auch und gehe. Ohne einen Gruß – ich bin viel zu überrumpelt, als dass ich mich noch einmal umsehe. Lars macht auch keine Anstallten, mich aufzuhalten und so trampele ich die Treppe runter und hetze zu meinem Auto.

In dem Augenblick kommt zu allem Übel auch noch Jenny um die Ecke und steigt gleich mit ein. Ich habe also nicht mal die Chance, darüber nachzudenken, was passiert ist, ich kann nicht mal nach oben blicken und sehen, dass Lars auf dem Balkon steht und zu mir runter blickt.

Jenny fängt an zu reden, mich voll zu texten, wie sie sich fühlt. Komisch, mich fragt keiner, wie ich mich fühle – nämlich einsam und verarscht. Aber das interessiert ja keinen. Ich lasse sie reden und fahre sie nach Hause. Ich habe heute keine gesteigerte Lust, mich noch mit ihr abzugeben.

Schon gar nicht, nachdem sie mir ein paar dilettantische Schnitte auf ihren Armen zeigt. Es sind nur Kratzer, kein Schnitte - sie stammen von langen, künstlichen Fingernägeln, nicht von einer Klinge. Ich bin da leider langsam schon geschult.

Aber das alles interessiert mich nicht gerade – ich verbringe den Rest des Samstages rücklings auf meinem Bett, Kopfhörer auf den Ohren und das Handy ausgeschaltet.

Leckt doch die Welt am Arsch – ich komme auch ohne sie klar!



***



Ich kam nicht zum Mittag runter, nicht zum Abendessen. Als meine Mutter auf mich einredet, höre ich nicht zu, ich gebe es zu und gelobe Besserung, aber können mich nicht einfach mal alle in Ruhe lassen? Das kann doch so schwer nicht sein. Ich wage nicht mal, mein Handy wieder anzumachen. Ich weiß, ich muss wieder meine Mailbox löschen, weil Jenny sie voll gequatscht hat. Warum ich mir den Luxus noch leiste, obwohl es sowieso immer nur eine gibt, die drauflabert und dann das Band voll quatscht, weiß ich auch nicht.

Einen kleinen Kick bekomme ich, als Mom mit dem Telefon in mein Zimmer kommt und mir stumm gestikuliert, es wäre Lars und er klinge sauer. Ich flehe sie stumm an, mich nicht zu verraten und so erklärt sie nur, dass ich gerade duschen wäre, mir ging es nicht gut, ob sie was ausrichten soll.

Das tat sie auch – Fete bei Maik – morgen um sechs, ich solle das ja nicht vergessen! Ich gebe zu, ich hätte es wirklich fast vergessen – nur gut, dass Jana sich um ein Geschenk kümmern wollte, ich habe wirklich mit keiner Silbe mehr daran gedacht. Aber dann bin ich doch wütend, weil Lars glaubt, ich hätte es vergessen – dass ich es wirklich hatte, steht dabei nicht zur Debatte und auf einem anderen Blatt, hier geht es mal wieder ums Prinzip.

Wie auch immer.

Erst als es dunkel wird, und alles sich zum Schlafen rüstet, werde ich langsam wieder wach. Schließlich habe ich den ganzen Tag nur gepennt und gedöst, versucht, nicht an Lars zu denken und wie nah er mir gekommen war. Immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich mich intensiv an seine Fragen erinnerte – ob ich wegrennen würde, ob ich glaube, einfach so damit durchzukommen?

Was, verdammt noch mal, meint er damit?

Klar, es wäre der einfachste Weg, den Hörer zu greifen und mal anzufragen, was der Mist soll – doch mal ehrlich, sehe ich aus wie jemand, der den einfachsten Weg geht, wo es hundertundeins wunderbar verstrickte Wege gibt? Warum denn einfach, wenn’s auch kompliziert und nervenaufreibend geht? Meine masochistische Ader kann ich in diesem Punkt wohl nicht verleugnen - egal ob ich das will oder nicht.

Aber ehrlich, Leute, ich weiß nicht, was ich will. Auf der einen Seite, da brennen mir die Fragen Löcher in die Jacke, auf der anderen Seite will ich gar nicht dran denken. Alles in allem kann ich mich gerade selber nicht ausstehen. Und wenn ich schon scheiße drauf bin, dann kann ich mich eigentlich auch Jenny stellen. Sie hat die untrügliche Gabe, mir meine gute Laune zu versauen – da ich aber gerade keine habe, ist da nicht viel kaputt zu machen. So schalte ich das Handy an und muss gar nicht lange warten, bis ich sie wieder am Ohr habe.

So klingt der Abend aus.

Normal wäre es für mich gewesen, mich ins Auto zu setzen und zu ihr zu fahren, einen netten Versöhnungsfick und gut. Aber mir steht nicht der Sinn danach – ich glaub's ja selber nicht! Mir – Thomas Fuchs – steht nicht der Sinn nach Sex. Also entweder werde ich alt oder das Küssen von Männern schlägt auf die Potenz. Doch das muss ich verwerfen, denn wenn man Jörg Glauben schenkt, muss das wohl eher noch potenzsteigernd sein.



Wie auch immer – ich schlief die Nacht eher bescheiden, und als ich zum Frühstück die Treppe runter komme, verschlafen, zerknittert und ziemlich unzufrieden, da hockt Jenny schon zusammen mit meinem Vater am Tisch und redet, ich höre deutlich meinen Namen.

Die Vorstellung, auf der Treppe kehrt zu machen und wieder ungesehen zu verschwinden, ist zu verlockend – doch leider nicht machbar, weil meine Mutter mit einem „Guten Morgen, mein Schatz“, das ganze Haus – einschließlich Rudi, dem neusten Zugang in unserer Familie, ein junger, kleiner Kater – darauf aufmerksam macht, dass ich im Anflug bin und nicht schnell genug beidrehen kann. So grummele ich noch mal und komme dann mit einem aufgesetzten Lächeln in die Küche.

… und dann geht der Tanz wieder los … der mich fragen lässt, warum ich nicht wieder ins Bett gegangen bin und abgeschlossen habe. Ich höre, wie sie sich gesorgt habe und was los sei. Lars hätte auch nichts gesagt. Sie redet und redet. Ihre Stimme wird weinerlich und rührt meinen Vater so fast noch zu Tränen.

Freilich hat auch der dann nichts anderes zu tun, als auf mich einzureden. Nur Mama hilft ihrem Lieblingssohn, indem sich mal dezent darauf hinweist, ich wäre noch müde und was dagegen spräche, mich erst mal zu mir kommen zu lassen. Genau – so circa drei Wochen, das müsste für den Anfang reichen.

Wurde Jenny eigentlich gar nicht müde, zu vermuten, ich würde sie betrügen? Ich habe meine Mutter doch noch von der Treppe aus gehört, wie sie erklärte, ich wäre den ganzen Tag daheim gewesen – nur kurz bei Lars, wo ich sie ja getroffen hätte und dann daheim. Aber nein, Jenny muss wieder die alte Leier bringen, wird auch nicht müde, auffällig unauffällig ihre – angeblich – zerschnittenen Arme zu zeigen. Sie ist so erbärmlich, warum hat mich so was früher nie gestört?

Vielleicht weil ich früher – genau genommen vorgestern um diese Zeit – noch nicht wusste, was für ein verdammt guter Küsser mein bester Freund ist, wie es mich anmachte, als er mich dominierend auf die Eckbank geschubst hat und … Oh mein Gott! Was denke ich denn da? Also entweder drehe ich jetzt durch oder … ich drehe jetzt durch. Definitiv drehe ich jetzt durch!

„Hast du mir zugehört?“, will Jenny plötzlich mitten in diesem Chaos aus Gedanken völlig überflüssig wissen, und da meine Eltern beide am Tisch sitzen und mir immer predigten: Kind, du sollst nicht lügen!, so lüge ich auch nicht, sondern sage nur „Nein“. Oh, wie kann ich nur…

Na ja, den Rest des Frühstückes muss ich euch nicht wirklich erzählen. Es hieß: Jenny und Vater gegen Sohn, Mutter als Schiedsrichter, die die Siege nach Punkten verteilte.

Irgendwie überstehe ich auch die Zeit bis zum Mittag und dann verschwindet Jenny, um sich in meinem Bad auf die Party vorzubereiten. Warum brauchen Frauen vier Stunden, wofür ein Mann eine halbe braucht? Meistens sehen sie ja hinterher auch nicht viel anders aus als vorher, warum also vier Stunden?

Aber wegen mir können es auch acht sein.

Ich greife mir lieber meine Playstation und heize ein paar Runden im Benz über die Rennstrecken dieser Welt und mache mich dann irgendwann, als ich das vierte Mal tot bin und sieben Wagen zu Schrott gefahren habe, im Bad meiner Eltern ausgehfein.

Duschen, die kurzen, rot gefärbten Haare waschen, fönen, stylen, Parfum – dann Unterhose und meine Lieblingsjeans, die knapp unter der Hüfte sitzt und eine Menge zeigt. Darüber ein blaues Hemd, nur oben ein paar Knöpfe geschlossen, der Rest offen.

Keine Dreiviertelstunde später bin ich wieder in meinem Zimmer, wo Jenny noch in BH und String durch die Gegend läuft. Es kann sich also nur noch um Stunden handeln.

Was es dann auch wirklich tut – wir kommen erst um sieben bei Maik an. Meine Eltern wissen, dass ich mir die Kante geben werde und dort penne. Sie werden sich also keine Sorgen machen. Ob Jenny bleibt oder – mit wem auch immer – heimfährt, ist mir wie immer ziemlich egal. Eigentlich ist ja irgendwie Schluss zwischen uns, dachte ich zumindest.

Wie auch immer.

Als wir Maiks Bude entern, ist schon jede Menge Leben in den Räumen, doch instinktiv suche ich nach Lars und finde ihn dann auch. Mit Jana und ein paar Anderen steht er an der Theke, die Maik in seinem Wohnzimmer aufgebaut hat, und guckt mich undeutbar an.

Ich fühle mich furchtbar dabei und so wende ich mich ab und suche erst mal den Gastgeber. Die nächste halbe Stunde bringe ich mit Maik zu, den ich erst mal ausfrage, wie es so bei ihm läuft. Er ist beim Bund, hat sich verpflichtet für 12 Jahre, und weil ich am Überlegen bin, meinen Fahrzeugbau auch über die Bundeswehr zu studieren, haben wir gleich ein Thema.

Natürlich nervt Jenny immer wieder mal, weil sie gerade nicht der Mittelpunkt ist, fehlt nur noch, dass sie wieder droht, sich umzubringen. Oh Mann – wie mies bin ich denn? Der Gedanke ist nicht nett, das gebe ich zu, aber sie geht mir langsam ziemlich auf den Geist. Nicht nur, dass ich keinem Mädchen guten Tag sagen darf, ohne dass sie knurrt wie ein Hofhund, nun geht das auch bei Kerlen los, oder was?

Doch Maik hat nicht den ganzen Abend für mich Zeit und Jenny hat es auch vorgezogen, mit Jana um die Häuser zu ziehen, oder viel mehr um die Tische mit den Getränken, so kümmere ich mich um die Biervorräte und checke mal durch, ob vielleicht das eine oder andere am Grund der Flasche schlecht ist.

Dass ich sie dafür alle leeren muss, ist ein Opfer, was ich bereit bin zu bringen. Immer wieder wandert mein Kopf unbewusst so, dass ich Lars sehen kann. Er hat sich richtig chic gemacht: eine enge Hose aus glänzendem Stoff, die Beine weit auslaufend. Dazu ein enges Shirt. Ja, wer solche Bauchmuskeln hat, der kann sie auch zeigen – definitiv. Na, wie auch immer. Ich kümmere mich weiter um meine Biere und deren Kontrolle, bis mir plötzlich Lars das Letzte aus der Hand nimmt und doch wirklich festlegt, das würde reichen. Wir müssten reden.

Schön, dass ich da überhaupt nicht gefragt werde, schön, dass er das einfach mal so festlegt. Ja, okay, ich weiß, ich will ja irgendwie auch reden und das ein oder andere in Erfahrung bringen – aber wie immer geht’s hier mal ums Prinzip. „Lass mich“, nuschele ich schon etwas unkoordiniert. Nur gut, dass ich die Biere kontrolliert habe, eines davon war definitiv schlecht gewesen! Doch Lars tangiert das nicht mal an der Peripherie. Er greift mich im Genick wie ein Kaninchen, erklärt Maik, er solle Jana sagen, wir würden reden – es könnte länger dauern – und zerrt mich allen ernstes aus der Wohnung. Daran störe ich mich weniger, als an der Tatsache, dass ich mir morgen wieder Jennys Anfälle anhören kann, weil ich sie wieder allein gelassen habe, um sie mit einer anderen zu betrügen. Nicht schon wieder.

Ohne ein Wort zerrt mich Lars die Treppe runter und ich stolpere etwas unkoordiniert hinterher. Irgendwie bin ich heute auch nicht gerade der schnellste. Als ich wieder zu mir komme, hocke ich in Lars’ Volvo, weil es draußen nämlich regnet.

„TomCat, wir sollten reden.“

Ja, ich erinnere mich vage, dass Lars das heute schon mal erwähnt hat. „Mach doch“, murmele ich noch etwas gelallt und öffne das Fenster ein Stück, um frische Luft zu kriegen und wieder klar im Kopf zu werden.

„Ich glaube eher, dass du mir was zu sagen hast.“

Hä?

Ich?

Hab ich ihn durch die Gegend geschleift wie einen Sack Kartoffeln, oder was?

„Ich?“, frage ich deswegen ziemlich blöd nach und Lars knurrt. Ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, er ist ungeduldig. Was soll das denn schon wieder? „Ich will nicht reden“, lege ich mal fest und hoffe, dass er mich einfach gehen lässt, aber ich kenne Lars doch eigentlich viel zu gut.

„Du willst also nicht mal erklären, warum du mir aus dem Weg gehst, warum du mich nicht ansiehst, nicht mit mir redest? Was hab ich gemacht, verdammt?“ Lars sieht mich an und ich kann nur schlucken. Hatte er schon immer so weiche, braune Augen? Und warum fällt mir gerade nichts Besseres ein? Scheiß Alkohol – aber wirklich!

Mich am Kopf kratzend, weiß ich noch immer nicht, was ich sagen soll. Ein paar öhm’s und hm’s verlassen meine Lippen, mehr auch nicht.

„Ist es, weil ich dich geküsst habe, Thomas, ist es deswegen? Verdammt, du hast angefangen, ich habe nur mitgemacht – es war ein Spaß, mehr nicht.“ Seine Stimme klingt … ich kann es nicht einordnen, denke darüber nach und stocke. Sie klingt ängstlich, etwas, was ich bei Lars nicht kenne und deswegen wohl nicht für möglich gehalten habe. Lars hat vor irgendetwas Angst, und so denke ich gar nicht nach, als ich seine Worte wiederhole.

„Nur ein Spaß.“ Sie klingen schmerzlich, das bemerke ich erst, als ich sie selbst höre und Lars mich fragend anblickt. „Ach, vergiss es“, kann ich noch hinterher schieben, doch damit bekomme ich meine Worte auch nicht mehr aus seinem Kopf.

„Es klingt, als wäre es schade.“ Lars klingt heiser, irgendwie … aufgeregt? Moment mal – also entweder spielt mir hier gerade Lars einen Streich oder der Alkohol.

„Verarsch mich nicht“, knurre ich nur und will aussteigen, doch da schnappt die Zentralverriegelung zu. „Lars, lass den Mist, ich will raus!“

„Klar, abhauen wie heute morgen – mich küssen und dann einfach abhauen. So geht das aber nicht, TomCat. Du kannst nicht einfach einen Mann küssen und dann so tun, als wäre nichts passiert“, erklärt er mir und ich fühle mich mal wieder wie der Hauptdarsteller in einem richtig schrägen Tarantino-Streifen.

Kennt ihr 'From Dusk Till Down'?

Schräg, oder?

Dann wisst ihr auch, wie ich mich gerade fühle. Mein Blut pulsiert mir in den Ohren, in den Fingerspitzen – mir wird heiß, obwohl der Wind kalt durch das geöffnete Fenster bläst und kühler Regen meine Klamotten nässt. Ich stehe in Flammen.

„Ich finde das nicht witzig, Lars.“

Doch er findet es wohl auch nicht witzig und greift sich plötzlich mein Kinn. Ich muss ihn ansehen, weil er mehr Kraft hat, und dieses weiche Braun ist unbeschreiblich. „Wie oft habe ich dir gesagt, dass ich dich liebe, Thomas? Wie oft?“, fragt er leise und nippt über meine Lippen. Doch ich sitze da wie paralysiert. „Das waren Scherze, Lars, Scherze“, bringe ich nur noch heiser hervor. Meine Kehle ist wie zugeschnürt.

„Wer hat das gesagt?“, will er beiläufig wissen und streift meine Lippen wieder. Er macht mich fast wahnsinnig, das merke ich, als unbewusst meine Zunge hervorschnellt, um seine Lippen zu berühren. Er soll aufhören mit diesem Mist. Er verwirrt mich und das gefällt mir gar nicht. Aber ich kann nicht leugnen, mich lange nicht so gepuscht gefühlt zu haben wie gerade eben.

„Und Jana?“, werfe ich ein. Aber meine Zunge schnellt wieder hervor, um Lars’ Lippen zu streifen.

„Sie ahnt es schon eine Weile. Sie hat mich Freitag auch auf den Kuss angesprochen.“

„Jenny … sie bringt mich um …“

„Lass mich dich vor ihr beschützen, TomCat.“

Egal welchen Einwand ich bringe, er wischt ihn weg, als wäre er nicht da. Einfach so. Es ist verrückt, aber ich glaube ihm. Ich glaube ihm, dass dies hier kein Scherz ist. Klar wird es mir allerdings erst dann, als er seine Zunge aufreizend mit meiner spielen lässt, frech, verführend und er mich langsam in den sich absenkenden Liegesitz drückt. Wahnsinn!

Der Kuss vorgestern war keine Eintagsfliege gewesen – Lars hat wirklich was drauf. Immer wilder wird unser Spiel, doch als sich seine Hände unter mein Hemd schieben, dränge ich ihn ab. „Nicht, was wenn … uns jemand sieht?“

Etwas irritiert hebt Lars eine Braue. „Wie kannst du jetzt an so was denken, TomCat?“ Er sieht ziemlich zerknirscht aus und ich merke selber, dass ich auch lieber weiter machen würde.

„Na … etwas privater wäre mir lieber“, murmele ich leise und küsse ihn noch einmal. Er schmeckt nach Orangensaft, scheint, als hätte er noch nichts getrunken. „Wie wäre es bei … dir?“

Lars grinst und nickt … und mein Herz fängt an zu rasen.



Was dann passiert ist, muss ich euch nicht wirklich erklären oder? Aber ich gebe zu, es war eine gänzlich neue Erfahrung, herauszufinden, wozu Handcreme alles gut sein kann. Seine Vorräte an Gummis haben wir jedenfalls aufgebraucht und nun liege ich auf seinem Bauch und er streicht mir langsam durch die Haare.

„Und? Wie schläft mein Fuchs?“, grinst er mich an.

„Verdammt gut mit einem Schwanz zwischen den Beinen.“ Und das ist definitiv nicht gelogen – so gut wie heute habe ich mich lange nicht mehr gefühlt. Nicht mit Kerstin, nicht mit Jenny … Jenny. Das würde noch ein heißer Ritt werden, aber erst muss ich mit meinen Eltern reden, sonst schwärzt sie mich ja sofort an. Doch über all das kann ich mir morgen Gedanken machen – diese Nacht gehört Lars und mir, sie gehört uns.