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Manchmal muss man sterben um zu leben

Original/ Reale Welt [NC-14] [abgeschlossen]

[yune]

Einteiler

Inhalt:
Warren bessert sein Konto mit einem Job als Haustiersitter auf. Als er ins Adlon gerufen wird, um auf einen sensiblen Wüstenkater zu achten, ahnt er noch nicht, dass dieser Abend sein Leben bis in die Grundmauern erschüttern wird …

Verschenkt:
Diese Geschichte ist für mein kleines Teufelchen, Gadre-el, viel Spaß damit ...

 


 

Manchmal muss man sterben, um zu leben …

Sicher fragen Sie sich, wie man nur solch eine widersinnige Behauptung aufstellen kann, und ich muss Ihnen sagen, ich weiß es selbst nicht mehr genau. Ich weiß nur, dass es zutrifft, weil es genau der Weg war, den ich gegangen bin, um hier zu enden, wo ich bin – das erste Mal in meinem Leben glücklich und wissend, nicht allein zu sein.

Ich sitze auf dem Balkon meines Schlafgemaches, mein Geliebter schläft tief und fest, doch mich lässt der warme Wind, der aus der Wüste in diese grüne Oase weht, einfach nicht schlafen. Nur in ein dünnes Gewand aus blauer Seide gehüllt, sitze ich in dem Rattan-Möbel auf dem Balkon und blicke hinauf in den sternenklaren Himmel. Es ist der gleiche Himmel, den ich von Berlin aus gesehen habe. Und doch liegt ein ganzes Leben dazwischen.

Noch einmal sehe ich mich um. Der Wind spielt mit den fast schwerelosen Vorhängen an den bodenlangen Fenstern, die wie jede Nacht offen stehen, um die Räume zu kühlen. Ab und an geben sie mir den Blick auf das große Bett frei und ich lächele sanft. Dort liegt mein erhabener Wüstenkater, eine ganz besondere Rasse, der es geschafft hat, mein Herz in seinen Samtpfoten zu halten. Ich verstehe bis heute nicht, warum sich mein Kätzchen solch einen räudigen Straßenkater wie mich ausgesucht hat, aber er hat es getan und dafür liebe ich ihn nur noch mehr.

Mein Kopf sinkt nach hinten über, als ich die Augen schließe und die Erinnerungen zulasse, die mich hierher gebracht haben …

Es ist drei Monate her …

drei ereignisreiche, mein Leben umwälzende Monate …

_.o0o._

Das Sommer-Semester wandte sich langsam seinem Ende zu. Ich hatte mir schon als ich klein war in den Kopf gesetzt, einmal ein Ingenieur zu werden. Ich wollte Brücken bauen und hohe Häuser, so hoch, dass man das Ende nicht sah. Aber als Waisenkind war es nicht gerade leicht, den Schritt ins Leben zu finden.

Vielleicht war es Glück, vielleicht aber auch ein ganz klein wenig mein Ehrgeiz, der mich nicht, wie viele meiner Freunde, schon nach der Mittelschule auf die schiefe Bahn rutschen ließ, sondern mit eisernem Willen meinem Ziel folgen. Ich wusste, ich würde mir ein Studium nie allein finanzieren können und ich hatte niemanden, der es für mich tat. So war meine einzige Hoffnung, Jahrgangsbester zu werden und ein Stipendium zu ergattern.

Und dann war es wirklich so weit gewesen – zusammen mit meinem Abitur-Zeugnis wurde mir auch das lang ersehnte Stipendium zuerkannt und ich konnte ein Bau-Ingenieur werden, wie ich es schon immer wollte.

Nebenher arbeitete ich als Haustiersitter. Eine Unart, die wohl über den großen Teich zu uns herüber geschwappt war, denn immer mehr Leute zählten sich nun gern zu den Neureichen, die mit ihrem ganzen Geld vor lauter Borniertheit gar nicht wussten, was sie machen sollten.

Auf die Idee, es Waisenhäusern zu spenden, kam freilich niemand von ihnen, nein, damit konnte man ja nicht glänzen, nicht angeben. Aber mir sollte es recht sein, denn während ich auf die Haustiere dieser Leute aufpasste, hatte ich viel Zeit zum Lernen und Ausarbeiten meiner Studien. Es sprang genug Geld dabei heraus, so konnte ich mir, zusammen mit dem Stipendium, ein kleines Zimmer leisten und relativ gut leben. Große Sprünge waren nicht drin, aber immerhin war ich täglich satt und zufrieden, mehr als manch anderer, den ich kannte.

Es war ein Freitag, ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, als ich wieder einen Arbeitsauftrag im Briefkasten fand. Es war das 'Adlon' – das nobelste Hotel in Berlin. Ich starrte noch einmal auf die Adresse, doch es blieb dabei: Pariser Platz.

Das musste ich erst mal verdauen.

Also griff ich mir den Zettel und die übliche Werbung, die regelmäßig in meinem Postkasten rumlungerte und wohl einfach nicht begreifen wollte, dass ich nicht genug Geld hatte, um ihr zu erliegen. Mein kleines Ein-Zimmer-Apartment lag gleich unter dem Dach eines sanierten Altbaus. Eigentlich hätte ich mir die Miete hier nicht leisten können, aber weil es mir nichts ausmachte, ab und an den Rasen von Unrat zu befreien, den Passanten gern fallen ließen und die Fenster im Treppenhaus zu putzen, war es für den Vermieter kein Thema, mir die Miete um einen Hunderter zu erlassen.

Glück muss der Mensch eben ab und an mal haben.

Aber das war es nicht, was ich erzählen wollte, sondern wie ich vom verregneten Berlin in die Wüste Saudi Arabiens kam und es mir nicht eine Sekunde einfällt, wieder zurück zu gehen.

Ich hatte also meine Wohnungstür hinter mir ins Schloss geschoben. Die Werbung landete gleich im Papierbeutel, der in meiner kleinen Küche in der Ecke stand. Mit meinem Auftrag ging ich weiter und las ihn genauer.

Pariser Platz – Zimmer 812. Wie ich dem kurzen Auftragsschreiben entnehmen konnte, handelte es sich wohl um ein besonders edles Stück, ein Prinz der Wüste. Sicher war es eine Katze … ja, dann las ich es auch. Ein weißer Kater, der besonderer Pflege bedurfte. Na ja, Katzen waren meine Spezialstrecke, ich konnte ganz gut mit den verwöhnten Stubentigern. Ich hatte da so meine kleinen Tricks, sie im Zaum zu halten.

„Saladin“, murmelte ich den Namen des Tieres und nickte. Na, das würde schon werden. „Um Rückruf wird gebeten!“, las ich das, was noch rot auf den Auftrag geschrieben worden war. Es war definitiv nicht die Handschrift meiner Agentur und definitiv auch nicht deren Nummer. Dann war es wohl der Auftraggeber persönlich, der mit mir noch einmal in Kontakt treten wollte.

Sicher sollte ich mir noch anhören, was Saladin mochte und was nicht, was ich tun und was lieber lassen sollte. Ich seufzte. Es war ab und an schon Vernarrtheit, was manche Halter in ihren Tieren sahen. Sie schliefen in einem eigenen Bett! Manchmal sogar in einer eigenen Suite! Sie fraßen Dinge, die hatte ich noch nicht einmal gehört! Was diese Biester zu Fressen bekamen, konnte ich nicht mal bezahlen!

Aber ich war ungerecht, schließlich hatte ich es doch dieser Borniertheit erst zu verdanken, diesen wirklich einfachen Job bekommen zu haben, der es mir auch noch ermöglichte, während des Geldverdienens zu lernen! Ich konnte mich wirklich nicht beklagen. Also griff ich mir mein Handy – ja, ohne moderne Technik ging ja heute gar nichts mehr – und wählte schnell die angegebene Nummer.

Aufgeregt ließ ich es klingeln … einmal … zweimal … hoffentlich war das nicht nur ein blöder Scherz. Wer brauchte in einem Hotel voller Angestellter und Spitzenkräfte denn einen lumpigen Haustiersitter wie mich?

„Salem“, hörte ich eine dunkle, tiefe Stimme. Ich konnte gar nicht verhindern, dass es mir kalt den Rücken hinab lief und vor allem auch wieder hinauf, gegen den Strich und mir stellte sich das Nackenhaar auf.

„Ähm … guten Tag. Ich hatte Ihre Nummer im Briefkasten, ich soll …“, fing ich an und merkte, wie ich stotterte. Es war nicht meine Art, ich war nicht schüchtern oder so was, aber diese Stimme und vor allem der Platz, mit dem ich telefonierte, ließen mir doch eine gewisse Respekthaltung angedeihen.

„Herr Schneider, ich freue mich, dass Sie den Auftrag wohl annehmen wollen. Ich muss Ihnen das Passwort geben, mit dem Sie am Empfang den Schlüssel für Saladins Suite ausgehändigt bekommen“, erklärte mir der Fremde und ich merkte, wie ich die Augen verdrehte. Doch wieder so ein Biest, das eine eigene Suite hatte. Eine eigene Suite im 'Adlon' – nur für eine Katze? Entschuldigung, einen Kater! Egal wie teuer und edel er war, für mich war es doch immer etwas übertrieben.

„Herr Schneider, sind Sie noch dran?“, hörte ich den Fremden und ich nickte, bis ich merkte, er konnte mich ja gar nicht sehen.

„Ja, ja, ich bin noch dran, ich suche nur schnell etwas zu schreiben“, redete ich mich raus und suchte wirklich. Aber weit musste ich nicht gehen, denn ich fand fast immer irgendwo einen Stift und ein Stück Papier.

„Muss ich etwas Besonderes beachten? Hat er ein Lieblingsspielzeug, oder gibt es Dinge, die er gern mag? Ich hatte mal einen Hund, der stand tierisch drauf, wenn ich ihn an den Ohren gezogen habe. Ein echt lustiger Typ“, erzählte ich noch und lauschte angespannt auf meinem Auftraggeber.

„Nun, wenn Sie mich schon so direkt fragen. Ich würde Sie einfach bitten, alles zu tun, was er möchte. Saladin ist sensibel, er ist auch sehr starrsinnig, das werden Sie noch merken, aber ein edler und mir persönlich sehr wichtiger Kater. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, er mag es, zwischen den Beinen gekrault zu werden.“

Ich schluckte – Moment mal.

Zwischen den Beinen?

Meinte mein Auftraggeber … Ich sollte … ach quatsch, eine Katze hatte doch vier Beine, sicher meinte er die Vorderbeine, so was kannte ich ja schon. „Okay, dann weiß ich bescheid. Wie ist das mit dem Futter?“, wollte ich wissen, doch der Fremde verneinte.

„Er wird schon gegessen haben, wenn Sie erscheinen. Nur kann ich heute Nacht nicht allein auf ihn aufpassen, ich muss in die Botschaft meines Landes, um ein paar Dinge für meinen Vater, Scheich Abdul, zu klären.“

Da merkte ich, wie ich erstarrte.

Ein Scheich – ein richtiger Scheich.

Und der wollte, dass ich auf seinen Kater aufpasste? Ich wusste zwar immer noch nicht, wie ich zu dieser Ehre kam, aber ich nahm mir vor, dieses Mal alles besonders richtig zu machen. „Ja, dann weiß ich bescheid. Hätten Sie dann noch das Codewort für den Portier?“ Ich konnte es nicht verhindern, dass meine Stimme ehrfurchtsvoll klang und ich mich dafür schon etwas hasste. Ich war niemand, der vor Titeln und großen Namen erstarrte. Aber dass ausgerechnet ein Scheich meine Dienste in Anspruch nehmen wollte?

„Rachid“, hörte ich es und der Fremde buchstabierte es mir, bedankte sich und legte auf. Da stand ich nun mit meinem Zettel, meinem Codewort und der Aussicht, den Kater eines Scheichs zwischen den edlen Beinen zu kraulen. Was für ein Tag.

Zwar wollte ich noch essen und duschen, aber zu ersterem kam ich dann doch nicht mehr, ich war viel zu nervös, ich bekam gar nichts runter. Also duschte ich nur, zog mir was Ordentliches an und war dann schon auf dem Weg zur Bahn. Immer wieder murmelte ich die Parole vor mir her, immer wieder überprüfte ich den Auftrag meiner Agentur, ob ich ihn auch ja in der Tasche hatte. Die Arbeitszeiten standen drauf und so hieß es für mich, eine Nacht im 'Adlon' - denn ich sollte von acht bis acht auf den feinen Kater aufpassen. Sicher war der Herr Scheich zu einem Ball in der Botschaft. Aber was ging es mich an? Ich bekam zwölf volle Stunden bezahlt, ich konnte mich wirklich nicht beschweren.

Schon als ich auf das Haus am Pariser Platz zuging, guckten mich die Portiers ziemlich seltsam an, doch sie sagten nichts. Es war nicht ihre Aufgabe, zu entscheiden, wer dieses Haus betreten durfte und wer nicht. Schließlich war es auch Besuchern offen, die sich in der Halle gern einmal umsahen.

Höflich wünschte der junge Mann in seiner roten Uniform mir einen guten Abend und öffnete mir die Tür. Vor Schreck wusste ich erst einmal gar nicht, was ich sagen sollte, so murmelte ich nur ein Danke und ging weiter. Die Pracht in der Halle erschlug mich fast, und so war es gar nicht so leicht, gleich den Empfang zu finden. Ich war zum Glück etwas zu früh dran, ich musste also nicht hetzen.

„Guten Tag“, wünschte ich und blickte mich immer wieder verstohlen um, doch die nette Dame hinter dem Tresen lächelte mich nur an und wollte wissen, wie sie mir helfen könne. Also erklärte ich mein Anliegen, nannte Zimmernummer und die Parole und war mir noch immer nicht sicher, ob mich da vielleicht nicht doch nur jemand verarschte und ich gleich vom Wachpersonal wegen Anmaßung vor die Tür gesetzt wurde.

Man konnte sich vielleicht meine Überraschung vorstellen, als sich dieser Traum als wahr erwies und sie mir einen Schlüssel reichte. Ich muss ihn ziemlich ungläubig angesehen haben, denn sie lächelte und meinte, das wäre schon in Ordnung. Scheich Rachid hätte ihr bescheid gegeben und es hätte alles seine Richtigkeit.

Sie wünschte mir noch viel Spaß und deutete auf einen Fahrstuhl. Über und über mit Samt bespannt. Eine Seite war komplett verspiegelt und ein Liftboy kümmerte sich wohl darum, dass die Gäste dort ankamen, wo sie hin wollten. Also stieg ich ein, zeigte ihm, wo ich hin wollte und er nickte nur.

Es war immer eine dumme Angewohnheit von mir, mich an Fahrstuhlwände zu lümmeln. Doch dieses Mal verkniff ich es mir. Es sah viel zu edel aus und ich war ehrfürchtig berührt. Ich grinste mich nur im Spiegel an, richtete mir noch mal die struppigen, blau gefärbten Haare und nickte mir zu.

Mal wieder stellte ich fest, dass ich Durchschnitt war.

Durchschnittlich groß, durchschnittlich schlank, durchschnittliches Gesicht. Blaue Augen, gepiercte Ohren, kleine Nase, schmaler Mund - alles dort, wo es hin gehörte, aber nichts Besonderes. Dazu eine Jeans und ein Hemd, darüber ein Jackett. Ich wollte mich den örtlichen Gegebenheiten anpassen, aber es war wohl gänzlich daneben gegangen. Ich verkehrte eben nicht so oft in diesen Kreisen.

„Wir sind da, mein Herr“, hörte ich den Jungen sagen und die Türen öffneten sich fast lautlos. Also stieg ich dankend aus, ließ mir die Richtung sagen und los ging’s – mit nervös schlagendem Herzen.

Der weiche Teppich des Flurs schluckte meine Schritte. Die schlichten, aber edel dekorierten Wände rechts und links ließen mich immer kleiner werden. Welch ein Prunk – das konnte ich mir nie leisten, egal wie viel ich arbeiten würde. Und in solch einem Nobelschuppen, da ließ einer extra für seinen Kater ein Zimmer mieten? Das war doch der Hammer – der absolute Hammer.

Aber ich versuchte mich wieder zu beruhigen, denn was brachte es schon, wenn ich mit taumelndem Kopf in dem Zimmer stand und dann das Tier falsch behandelte. Nein, nein, ich wollte meinen Job richtig gut machen, man wusste ja nie, ob sich der Herr des Tieres sich nicht doch noch einmal an mich erinnerte und mich weiter empfahl?!

Immer wieder wanderte mein Kopf nach rechts und links und dann stockte ich – ich stand vor der Suite, die ich gesucht hatte: 812. Hier wohnte also Luxus-Kater Saladin. Der Schlüssel in meiner Hand klapperte leise, als ich noch mit mir haderte, doch das leise unaufdringliche Bing des Fahrstuhles, der wohl neue Gäste auf diesen Flur brachte, ließ mich meine Entscheidung schneller treffen, denn ich wollte ja nicht negativ auffallen oder gar Aufsehen erregen.

So schob ich entschlossen, ohne mich umzusehen, den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür, den Blick reflexartig gleich nach unten gerichtet, um zu verhindern, dass mir der Kater ausbüchste. Doch ich konnte unbesorgt die Tür weiter öffnen. Saladin stand nicht an der Tür und bettelte, wie ich es schon oft erlebt hatte. Er war wohl wirklich ein gut erzogenes Tier.

Schnell schloss ich die Tür hinter mir, um nicht doch noch eine böse Überraschung zu erleben und legte erst einmal den Schlüssel auf den kleinen Tisch neben der Tür, streifte die Schuhe ab und sah mich um.

Es war nicht der Prunk, der mich umhaute, denn die Suite war klassisch schön eingerichtet, weniger konnte eben doch ab und an mehr sein. Die Weite der Räume war es, die mich faszinierte. Vom Korridor, der so groß war wie mein ganzes Zimmer, führte eine große flügellose Tür direkt in den Wohnraum. Ein riesiger Raum, effektiv eingerichtet.

Was mir auffiel, war der angenehm süßliche Geruch und die Kerzen, die den Raum erhellten. Mein erster Gedanke war Leichtsinn, absoluter Leichtsinn. Brennende Kerzen mit einem Tier allein in einem Zimmer konnten doch nur zu einer Katastrophe führen. Oder war Saladin so ein guter Kater, der wusste, dass er diesen Dingen nicht zu nahe zu kommen hatte? Aber Katzen waren doch von Natur aus neugierig, jede Katze, die ich bis heute kennen gelernt hatte, war neugierig gewesen. Man sagte ja auch nicht umsonst, dass die Neugier der Katze Tod wäre.

„Saladin“, rief ich in den Raum hinein und sah mich kurz um. Große palmengleiche Grünpflanzen lockerten den Raum auf, so war es mir fast unmöglich, seine Weite ganz zu erblicken. „Hey Saladin, wo steckst du denn?“ Ich wunderte mich nicht darüber, den Kater nicht gleich zu finden. In diesem riesengroßen Raum hatte er sicherlich mehr als eine Möglichkeit, sich zu verstecken.

Der weiche Teppich unter meinen Füßen war angenehm und so fühlte ich noch etwas mit den Zehen dem handgewebten Teppich nach, strich ein wenig darüber, rief dabei aber ich immer wieder nach meinem Klienten. Doch wer sich nicht blicken ließ, war der Kater. Langsam bekam ich dann doch etwas Sorge, mir war auch schon, als ob ich etwas Verbranntes riechen konnte.

Nicht dass sich das edle Tier weh getan hatte? Doch dann war ich mir sicher, es war nur Autosuggestion, weil ich mich sorgte. Aber ich rief immer weiter nach dem Kater, wollte in den anschließenden Räumen wie Bad und der kleinen Küche, die ich von hier aus sehen konnte, einmal nachsehen, doch als ich um einen der Kübel mit den Grünpflanzen herum trat, stockte mir der Atem.

Einen Kater hatte ich nicht gefunden – aber einen gefesselten, nackten jungen Mann, der seitlich auf dem breiten Bett lag und mich anblickte. Ich wusste vor Schreck gar nicht, was ich tun oder sagen sollte. Er sah mich mit offenen Augen an, der Knebel in seinem Mund bewegte sich nicht. Also schien er auch nichts sagen zu wollen oder um Hilfe zu schreien.

Er lag auf dem Bett, an Beinen und Hände gefesselt und sah mich an, wie ich ihn ansah. Es war mir fast peinlich, meinen Blick über ihn streifen zu lassen wie über ein Kunstwerk, aber so war es. Die makellos weiße Haut schimmerte im Schein der Kerze bronzen. Das weiße Haar flackerte und wirkte wie Fackeln, die das ebenmäßige jugendliche Gesicht umloderten.

„Scheiße“, konnte ich gerade noch hervor bringen, dann endlich stürzte ich los, um dem Jungen zu helfen. Vergessen war der Kater und die Kerzen, das kleine Biest würde sich schon melden, wenn er geruhte, sich seinem Pet-Sitter mal vorzustellen. Wichtiger war es, den jungen Mann aus seiner misslichen Lage zu befreien.

„Wer hat dir denn das angetan?“, rief ich leise aus und setzte mich neben ihm auf das Bett, um den Knebel aus seinem Mund zu ziehen. Ich wunderte mich noch, weil er so locker saß und es ein leichtes gewesen wäre, ihn mit der Zunge einfach von sich zu stoßen, doch da erhob sich der junge Mann schon und saß plötzlich neben mir, ein atemberaubendes Lächeln auf seinen immer noch schönen Zügen.

Würde mir sein nackter Körper nicht das Gegenteil erzählen, ich wäre versucht gewesen zu glauben, er wäre eine Frau – so zart und sanft. Ich wusste selber nicht, wie ich bei einem gefesselten Kerl von sanft reden oder denken konnte, aber er machte nicht den Eindruck, als würde er viel wert darauf legen, von mir gerettet und in Sicherheit gebracht zu werden.

Also saß ich wie paralysiert da und starrte in das feminine Gesicht, die großen fast golden im Kerzenschein glänzenden Augen, die mich anlächelten. Ich begriff selber nicht so richtig, was eigentlich los war oder was ich glauben soll. Alles was ich wollte, war einen Kater … na eben! Ich hatte Saladin ganz vergessen!

„Saladin!“, rief ich also wieder, um mich abzulenken und wollte aufspringen. Da schlang der junge Mann die gefesselten Handgelenke um meinen Hals und zwang meinen Blick in seinen. Ich hatte keinen Schimmer, warum es passierte, aber mein Herz raste wie verrückt. Es schlug mir bis zum Hals, es hämmerte in meinen Ohren und mein Körper fing an zu zittern, dabei musste ich vor diesem schmalen Kerl doch nun wirklich keine Angst haben!

„Miau“, machte der Fremde und seine Stimme verfehlte ihre Wirkung auf mich nicht. Sie war tief und rauchig, aber auch weich wie schwerer Samt und legte sich über mich. Ich war wie fixiert, so als würde der schwere Samt mich hindern, mich zu bewegen und nur langsam fiel bei mir der Groschen – „Saladin?“, fragte ich noch einmal und meine Stimme war fast tonlos. Das gleiche Spiel wie eben folgte.

Ein „Miau“, das mir durch und durch ging und mich daran hinderte, mich zu erheben. Der Fremde nutzte wohl meine Perplexheit aus, denn er kroch langsam auf meinen Schoß und stieß mich auf das Bett. Ich wehrte mich nicht, nicht wissend, warum eigentlich.

Ich war verarscht worden!

Es gab keinen Kater, auf den ich Acht geben sollte! Sicher wurde ich nicht mal dafür bezahlt, dass ich hier meine Zeit vertrödelte, die mir für meine nächste Prüfung sicherlich fehlte. Ich hätte wütend sein sollen, aufspringen und gehen – mal davon abgesehen, dass ich mit einem nackten Mann auf meinem Schoß noch nie viel anfangen konnte.

Aber ich sprang nicht auf, ich blieb paralysiert liegen und starrte weiter in die funkelnden Augen, die das Kerzenlicht einfingen und mir geradezu entgegen loderten. Ich hatte irgendwie das Gefühl, als würde mehr in ihnen lodern als nur der Schein der Kerze.

„Ich bin Saladin“, erklärte mir der Fremde und ich starrte ihn an, als wäre ich verwundert drüber, dass er sprechen könne. Doch es waren für lange Zeit die einzigen Worte, die er an mich richtete. Denn langsam legten sich seine schmalen weichen Lippen auf meine Stirn, brannten einen Weg meine Wange hinab. Er konnte sie sicher spüren, die verbrannte Haut, die er hinterließ.

Warum wehrte ich mich nicht? Warum schubste ich diesen offensichtlich Irren nicht einfach von mir und verschwand, damit ich noch ein bisschen lernen konnte? Warum schloss ich die Augen und ließ es zu, als sich seine Lippen auf meine legten?

Das war doch krank! Ich stand nicht auf Männer, ich konnte mit ihnen nichts anfangen! Sie waren vulgär, sie waren ungehobelt, groß und klobig … doch ich musste meine Aufzählungen stoppen, denn nichts davon traf auf diesen Fremden zu, Saladin, wie er sich vorgestellt hatte.

Wer auch immer dieser Rachid gewesen war, der mich hier her bestellt hatte, er musste mit diesem Kerl unter einer Decke stecken. Ich wunderte mich schon gar nicht mehr darüber, als ich nicht, wie erwartet, wütend war, sondern mich nur fragte, warum er diesen jungen Mann Wüstenkater nannte, warum er mich zu ihm gelassen und ihn mir so ausgeliefert hatte. Sie mussten auf mich gewartet haben – aus welchem Grund auch immer. Nur auf mich. Die Vorstellung, das muss ich zugeben, machte mich schon etwas konfus. Die ganze Show, nur um mich hierher zu bekommen? Aber warum?

Auch wenn sich meine Lippen bewegten, kein Wort kam über sie, denn Saladin trank jedes einzelne davon. Sein Mund liebkoste mich immer weiter, seine Lippen streichelten mich, umgarnten mich. Ich kam mir vor wie in einem falschen Film.

Warum?

Weil meine Haut anfing zu prickeln. Es machte mich fast verrückt. Ich spürte, wie ich nervös wurde und nicht wollte, dass Saladin damit aufhörte, mich zu küssen. Auch nicht, als seine Lippen forscher wurden und sich seine Zunge zwischen meine Lippen drängte. Ich hätte mich wehren können, ihn von mir stoßen, doch alles, was ich tat, war meine Lippen weiter zu öffnen. Ich wollte ihn spüren – ich wusste nicht warum, aber ich wollte ihn spüren.

Noch immer hatte ich den süßlichen Geruch in der Nase, der mich kitzelte, seit ich die Tür der Suite hinter mir geschlossen hatte, orientalisch angehaucht war er schwer und doch nicht aufdringlich. Nur gerade so schwer, dass er mich zusammen mit der feinen tiefen Stimme des jungen Mannes immer wieder auf dem Bett hielt.

Meine Augen waren geschlossen. Wollte ich mich selbst belügen? Ich lag hier allen ernstes auf dem Bett und ließ mich von einem Kerl küssen. Das alleine wäre schon ein Grund, mich einmal gründlich durchchecken zu lassen, doch mehr noch – es gefiel mir. Es trieb mir Schauer über meinen ganzen Körper, die ich leider, so gern ich es wollte, nicht darauf schieben konnte, dass ich mich ekelte.

Saladin verstand sein Handwerk und ich knurrte ungehalten, als er es wagte, sich von meinen Lippen zu lösen und sich tiefer hinab auf meinen Hals zu küssen. Wie konnte er es wagen, sich mir zu entziehen? Doch ich öffnete die Augen nicht, ich ließ mich einfach weiter tragen auf dieser Wolke aus Zimt und Sandelholz, von diesen weichen Lippen und den geschickten Fingern in meinen Haaren, die noch immer hinter meinem Nacken verknotet waren.

Auf die Idee, die Fesseln zu lösen, kam ich gar nicht, warum auch? Es war gut so, genau so wie es gerade war. Nur am Rande erlaubte es mir mein Geist, festzustellen, was für eine geschickte Zunge Saladin eigentlich hatte, denn ihm gelang es, ohne seine Hände zu benutzen, die Knöpfe von meinem Hemd zu öffnen und ich stöhnte zufrieden auf, als ich die feuchten heißen Lippen wieder auf meiner Haut spüren konnte. Sie nippten sacht über meine Haut, ein wenig zu sacht und durch die Zartheit der Berührungen vergaß ich immer mehr, dass Saladin wirklich keine Frau war.

Ich übergab mich seinen Händen – voll und ganz. So was hatte ich zuvor noch nie erlebt, ein Paar einzelner fremder Lippen, die mich so in einen Rausch brachten, dass ich nichts um mich herum noch wirklich wahrnahm. Es interessierte mich nicht, als der junge Mann sich auf mich setzte, es interessierte mich noch weniger, als er mir die Hose öffnete, warum auch? Es war befreiend, als sich mein Geschlecht endlich nicht mehr der Enge des Stoffes beugen muss, sondern sich erheben konnte, um sich dankend zu verneigen.

Irgendwann verschwanden die sanften Hände aus meinem Nacken und die Schwere von meinem Schoß. Was war passiert? Ich lag gänzlich allein! Wie konnte Saladin mir das nur antun? Wie?

Meine Haut brannte, meine Lunge vibrierte, ich konnte kaum noch klar denken, nur weil er mich berührt hatte. Und jetzt ließ er mich hier liegen? Ich wusste selbst nicht mehr, was ich tat, als ich mich aufrichtete und den zierlichen Körper griff, der zu meinen Füßen saß und sich noch immer nicht wirklich wehren konnte. Gierig wanderte mein Blick über Saladins Körper, es störte mich von Sekunde zu Sekunde weniger, dass es ein Mann war, solange er mir nur die Befriedigung verschaffte, die ich brauchte.

Wie ein Tier stürzte ich mich auf ihn, griff ihn und warf den gefesselten jungen Mann auf das Bett. Erst als ich ihm folgte und mich willig und harsch an ihm rieb, dabei den festen Knoten der Fessel an meinem Bauch spürte, schien ich langsam wieder zu mir zu kommen – ich sah Saladin das erste Mal wieder bewusst an und sah die schreckgeweiteten Augen. Was hatte ich getan? Was war ich nur bereit gewesen zu tun?

Also eines war klar, mit mir stimmte definitiv was nicht. Ob ich übermüdet war oder einfach sexuell so frustriert, dass ich selbst einen Kerl angehen würde, nur um wieder mal Sex zu haben, wollte ich gar nicht wissen. Ich begriff nur zu schnell, dass ich hier weg musste.

Scheiß auf die Kohle, das hier wuchs mir über den Kopf!

„Sorry“, würgte ich gerade noch so über die Lippen und erhob mich, stolperte durch das Zimmer und hörte nur von Ferne Saladins Stimme, die mich anflehte zu bleiben. Schwerer Samt, der sich auf mich legte, doch ich konnte ihn abschütteln und hinter mir lassen. Es war Reflex, mir die Schuhe und den Schlüssel zu greifen und dann die Tür hinter mir ins Schloss zu ziehen.

Weg!

Ganz weit weg!

So schnell wie nur möglich.

Die Augen geschlossen und mit wild schlagendem Herzen lehnte ich an der Wand im Flur des Hotels und rutschte ganz langsam in mich zusammen. Was hatte ich nur getan? Verdammt noch mal, war ich denn noch zu retten?

Nicht nur, dass da ein gefesselter Typ in der Gegend herum lag, nein! Ich hatte es auch noch so weit kommen lassen, über ihn herzufallen – das war doch krank! Ich konnte es nicht anders sagen. Um nicht noch mehr aufzufallen, erhob ich mich hastig und kleidete mich fertig an. Die Hose geschlossen und die Schuhe wieder an den richtigen Füßen, machte ich mich auf zum Fahrstuhl, entschied mich der Blicke wegen dann aber doch lieber für die Treppe. Ich wollte jetzt einfach nichts und niemanden sehen – gar keinen! Es reichte schon, dass mir Saladins Gesicht immer wieder vor Augen tanzte, dazu der feine Geruch nach Zimt und Sandelholz, der mich trunken gemacht hatte.

Ich war schon fast zur Tür raus, als ich den Schlüssel in meiner Hand bemerkte, eilte zurück und legte ihn ohne ein Wort zu sagen auf den Tisch. Zwar hörte ich, dass ich noch etwas gefragt wurde, doch ich lief los, erst langsam, dann immer schneller und kaum war ich aus der Tür des Hotels getreten, fing ich an zu rennen, als ginge es um mein Leben – als wäre der Leibhaftige persönlich hinter mir her.

Es war mir egal, was die Passanten auf der Straße von mir dachten, all die Besucher, die sich das Brandenburger Tor bei Nacht betrachten wollten und die erleuchtete Kuppel des Reichstages. Es interessierte mich nicht! Ich war eben fast bereit gewesen, einen wildfremden, gefesselten Mann zu vergewaltigen! Das war doch nicht mehr normal – ICH war nicht mehr normal!

Ich hatte definitiv schon zu lange keine Freundin mehr gehabt, daran musste es liegen, ich konnte es nicht anders erklären. Allerdings verstand ich jetzt auch die Anspielung, Saladin würde es lieben, zwischen den Beinen gekrault zu werden.

Ein erneuter Stromstoß durchlief mich und ich beschleunigte meinen Schritt noch - ich lief und lief und lief, immer die Straße hinunter, ohne Ziel und ohne Rast. Ich lief einfach so, als wäre ich auf der Flucht vor einem Gegner, der mir immer näher kam, ohne dass ich ihn sehen konnte. Meine Beine trugen mich fast von allein.

Er liebt es, zwischen den Beinen gestreichelt zu werden!

Ich konnte es nicht verhindern, dass diese Worte mich umgaben wie ein Mantra, egal wie intensiv ich den Kopf schüttelte, ich konnte sie nicht los werden – dazu diese atemberaubenden Augen, das sanfte Lächeln, die heißen Lippen. Ich wurde noch wahnsinnig.

Immer schneller bewegten sich meine Füße, ich schaute nicht nach rechts, nicht nach links. Dass ich niemanden über den Haufen gerannt hatte in meiner wilden Hatz, war fast schon ein Wunder. Doch irgendwann ging ich schmerzlich zu Boden, als ich am Arm zurückgerissen wurde und ob des Schwungs den Halt verlor.

Ich sah, wie der Mann, der mich festhielt etwas sagte, doch ich hörte ihn nicht. Ich verstand kein Wort, starrte nur verwirrt auf die rote Ampel und den Bus, der den Fußgängerüberweg streifte und rappelte mich wieder auf, um weiter zu laufen.

Ich lief und lief und lief … bis meine Lungen versagten und mir schwarz vor Augen wurde. Als ich wieder zu mir kam, saß ich auf der Treppe zu einer U-Bahn-Station und eine Frau mittleren Alters kniete besorgt vor mir. „Geht’s wieder?“, fragte sie mich und ich nickte nur wie betäubt. Ich wollte gar nicht wissen, was passiert war, sondern erhob mich nur dankend.

Noch etwas wackelig stakste ich wieder zur Oberfläche hinauf und kämpfte mit meinem Gleichgewichtssinn. Ich fühlte mich so dreckig, so anders. Ich hatte das Gefühl, als würden mich alle anstarren, tuscheln, mit Fingern auf mich zeigen. So zog ich die Kapuze über meinen Kopf und wollte sie aussperren, doch sie ließen es nicht zu. In meinem Kopf tuschelten sie und redeten, zeigten weiter mit den Fingern auf mich … ich musste hier raus!

Kaum an der Oberfläche, orientierte ich mich wieder und lief los, immer die Straße geradeaus, immer weiter. So lange ich lief, konnten sie mich nicht sehen, nicht über mich lachen, nicht auf mich zeigen.

Als ich das nächste Mal zu mir kam, war es kurz vor Mitternacht und ich lief noch immer völlig verschwitzt durch die Straßen. Mehr als einmal hatte ich versucht, den Bus nach Hause zu nehmen, doch schon an der nächsten Station musste ich wieder raus, ich hielt es nicht aus – ich musste laufen, weglaufen, mich bewegen.

Verdammt, was war nur passiert?

Meine Muskeln zitterten, mein Herz raste wie verrückt und doch hatte ich das Gefühl, mich noch immer nicht genug bewegt zu haben. Dazu machte sich ein unangenehmes Kribbeln auf der Haut breit und ein Ziehen im Unterleib, das mich daran erinnerte, etwas nicht zu ende gebracht zu haben.

Ich war frustriert und allein, als ich irgendwann doch vor meinen Haus stand und langsam die steilen Stiegen hinauf lief. Ich war total fertig, meine Knie zitterten, und doch fühlte ich noch immer die Energie in mir lodern, die mich weiter getrieben hätte, hätte mein Hirn nicht irgendwann mal die Notbremse gezogen und gesagt jetzt ist gut, denn morgen war Uni und ich musste zum ersten Block. Bauchmechanik war nicht so leicht, wie man sich das vorstellen wollte, ich konnte es mir also nicht leisten, die Übungseinheit zu verpassen.

Ich duschte nur und war schon eingeschlafen, kaum dass ich ins Bett gefallen war, doch der Schlaf war nicht erholsam, denn auch in meinen Träumen lief ich und lief, aber ich rannte nicht weg, sondern einem weißen Wüstenkater mit feurigen Augen hinterher, der mich mit verführerisch sanfter Stimme rief.

Ich lief und lief, doch ich konnte ihn einfach nicht einholen. Warum folgte ich ihm eigentlich? Er war nackt – so verlockend nackt und als ich am Morgen zu mir kam, gab ich es auf, mich darüber zu wundern, warum ich von einem nackten Kerl träumte und dann auch noch eine prächtige Morgenerektion in meiner Hose fand. Nein, ich versuchte nicht mehr, dahinter zu steigen, alles was ich wollte, war es vergessen – den Tag heute damit beginnen, dass ich mir vornahm, Saladin und dieses Zimmer zu vergessen.

Die Dusche war schnell erledigt, genauso wie das Frühstück. Den Toast hatte ich mir geschmiert und wollte ihn auf dem Weg zur Uni essen. Also machte ich mich mit meinem Rucksack auf den Weg zur S1, die mich nach Potsdam bringen sollte.

Es war noch nicht wirklich hell und kaum saß ich in der Bahn, drifteten meine Augen wieder zu. Ich konnte nicht verhindern, dass Saladin mich anlächelte, seine Lippen sich meinen näherten und er immer wieder meinen Namen wisperte. Woher er plötzlich wusste, wie ich hieß, fragte ich mich nicht, ich gab mich seinen wissenden Lippen und seiner geschickten Zunge hin und hatte mich zum Glück noch so weit unter Kontrolle, nicht laut zu seufzen, als er mich wieder entließ.

Was war nur mit mir los?

Das war doch wie verhext. Saladin hier – Saladin da – überall nur dieser Kerl, der mich verarscht und um meinen Schlaf gebracht hatte. Ich hätte ihn hassen oder zumindest ein bisschen würgen sollen, aber doch nicht küssen!

Wie auch immer, mit einem Pulk von anderen Studenten und Arbeitswilligen quälte ich mich also in die Straßenbahn und fuhr in Richtung der Fakultät, nur um mit Entsetzen festzustellen, keiner hatte es für nötig gehalten, gestern bekannt zu geben, dass der Dozent erkrankt war und so schnell keine Vertretung gefunden wurde, was summa summarum bedeutete: der erste Block, zu dem ich mich extra aus dem Bett gequält hatte, fiel aus und ich hatte nun fast zwei Stunden Zeit, die ich sinnlos vertun konnte.

Prima – wirklich prima!

Zusammen mit mir standen noch ein paar andere vor der Tür und fluchten, beschlossen dann aber zum Bahnhof zurück zu fahren und sich beim Fastfood die Zeit um die Ohren zu schlagen. Ich selber hatte weder das Geld noch die Lust. So ließ ich mich einfach in einen der wenigen Sessel fallen, die auf den Fluren standen und stellte mir den Wecker am Handy, nur für den Fall, der mangelnde Schlaf übermannte mich und holte sich, was ihm zustand.

Ich musste tatsächlich eingeschlafen sein, denn wieder hörte ich Saladins Stimme, wie sie mich ganz leise rief, sanft und so zögerlich. Gar nicht wie sonst. „Saladin“, murmelte ich leise zurück und riss erschrocken die Augen auf, als ein leise, „Ja, ich bin hier“, ganz dicht an meinem Ohr gewispert wurde. Ich spürte die Vibration durch meinen ganzen Körper rauschen wie eine Flutwelle und wäre fast mit meinem Sessel umgefallen.

Hellbraune Augen blickten mich fragend an und ich musste schlucken, als ich dem jungen Mann gegenüber saß. Er beugte sich zu mir hinab und lächelte zögerlich, doch alles, was ich sagen konnte, war: „Was willst du Arsch denn hier?“ Ich konnte in Zeitlupe mitverfolgen, wie Saladin die Gesichtszüge entgleisten und er sich von mir abwendete.

„Ich studiere hier – ich bin Austauschstudent“, erklärte er mir kein bisschen mehr sanft und liebevoll, sondern kühl und abweisend. Ich wusste zwar nicht, was ich angestellt hatte, aber eigentlich war es ja auch an mir, wütend zu sein und nicht an ihm. Er hatte mich doch verarscht und mich angemacht. Was sollte der Mist eigentlich?

„Und da quatschst du mich an? Nach der Show gestern? Hast du gar kein Schamgefühl?“, zischte ich und wollte mich erheben, doch ich konnte es nicht. Was sagte ich denn da? Warum war ich denn so ruppig zu ihm? Seit ein paar Stunden erkannte ich mich selbst nicht wieder – ich tat so viele Dinge, von denen ich früher sicher gewesen war, sie nicht zu tun … niemals. Es war auch nicht meine Art, jemanden so abzufertigen.

„Ich wollte mich nur entschuldigen, mehr nicht“, erklärte Saladin, immer noch unterkühlt. Seine Stimme hatte nicht mehr diesen warmen schweren Klang, der mich trunken machte, sondern schnitt mir regelrecht ins Fleisch. Erst jetzt fiel mir sein arabischer Akzent auf und ich musste feststellen, im Kontrast dazu sah er kein bisschen arabisch aus.

Er war blass wie ein Geist und die Haare waren schlohweiß. Er trug weder ein weißes Gewand wie man sich Araber eben vorstellte, noch diese Kopfbedeckung, die eigentlich typisch sein sollte. Nein, er trug eine enge, blaue Jeans, darüber einen langen Mantel, offen und darunter ein ebenfalls enges schwarzes Ripp-Shirt. Ich konnte nicht sagen, dass es ihm nicht stand.

„Was sollte die Show gestern?“, wollte ich wissen und versuchte, den Schneid aus meiner Stimme zu nehmen, denn ich wollte nicht, dass Saladin ging. Natürlich wollte ich das nur nicht, weil er mir noch einiges zu erklären hatte und nicht weil ich mich noch etwas an dem weichen Gesicht satt sehen wollte – so lautete zumindest die offizielle Erklärung meines Gehirns fürs Protokoll, auch wenn wir beide wussten, dass es anders war.

Ich konnte meinen Blick nicht von ihm nehmen, strich sein Profil in jeder Einzelheit nach. Als wolle er mir dabei noch etwas helfen, strich sich Saladin eine Strähne zurück hinter das Ohr, entblößte so auf der Wange eine kleine Tätowierung und einen goldenen Ohrring.

„Was?“, fragte er mich doch allen ernstes und ich spürte, wie ich tief durchatmete, um nicht gleich hochzugehen. Ich wusste, wenn ich aufstand, überragte ich Saladin um mindestens einen Kopf.

„Mach mich nicht kirre, Kerl. Du bestellt mich in dein Apartment im 'Adlon', liegst da nackt, fängst an, an mir rum zu machen und hast wirklich allen ernstes noch den Nerv, mich zu fragen, was?“ Es fiel mir schwer, die Stimme ruhig und leise zu halten, um nicht das Interesse anderer Studenten auf uns zu lenken. „Komm schon, Saladin, oder wie immer du heißt …“

„Ich heiße Saladin“, unterbrach er mich rüde und funkelte mich an. „Ich habe es nicht nötig, mich hinter einem falschen Namen zu verstecken.“

„Und was sollte der Mist dann?“, wollte ich wissen, weil er mir eigentlich nicht den Eindruck eines Geistesgestörten machte. Wie kam Saladin auf eine solch bescheuerte Idee?

„Ich wollte dich besitzen – ist das so schwer zu verstehen?“

Ruhe – absolute Stille, denn ich konnte nichts sagen, weil mir gerade die Kinnlade runtergefallen war. Wie bitte? Er wollte mich … er … mich … „Halt mal, das heißt, du kennst mich?“ Die Erkenntnis kam langsam, aber unaufhaltsam. „Woher?“

„Ignorant“, knurrte Saladin nur und guckte mich wütend an. „Kennst du die Leute, die in der Vorlesung hinter dir sitzen, hm?“ Seine Augen funkelten wild und angriffslustig, und ich kam nicht umhin, festzustellen, dass sie auch ohne den Schimmer der Kerzen ihre Wirkung auf mich nicht verfehlten. Wie paralysiert starrte ich ihn an und er schien sich dabei nicht wirklich wohl zu fühlen.

„Hä“, machte ich nur ziemlich intelligent und Saladins Augen verengten sich. Langsam sickerten seine Worte auch dorthin, wo sie bearbeitet werden konnten, und ich guckte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Du … studierst?“ Keine wirkliche schlaue Antwort und Saladins Gesicht zeigte es mir.

„Sicher studiere ich. Oder glaubst du, ich putze hier?“

„Nein, wer im 'Adlon' wohnen kann, der putzt bestimmt nicht hier“, konterte ich, noch ehe ich darüber nachgedacht hatte, und er grinste nur schief.

„Ich wohne nicht im 'Adlon', ich wohne draußen in Dahlem bei einem Freund meines Vaters zur Untermiete. Mein Bruder Rachid wohnt zurzeit im Hotel, weil er geschäftlich in Deutschland ist.“

Saladin fing an zu erzählen und ich verfing mich wieder in seiner Stimme, wie in einem klebrigen Netz. Sie war nicht mehr unterkühlt und schneidend, sondern wieder so weich und warm wie am Anfang.

„Und was sollte der Mist gestern?“, wollte ich wissen und ruckelte mich etwas in meinem Sessel zurecht. Ich fühlte mich unbehaglich, das konnte ich nicht leugnen. Saladin zuckte nur die Schultern. „Wie ich schon sagte, ich wollte dich besitzen. Ich wollte, dass du endlich mal bemerkst, wer ich bin, ehe ich zurück muss und außerdem …“

Doch Saladin kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden, auch wenn ich ihm ansehen konnte, dass es wichtig war – wichtig für uns beide. Iris, eine unserer Kommilitonen, kam auf mich zugesprungen und hatte zwei Becher Kaffee in der Hand.

Zu Iris sollte ich vielleicht etwas sagen – ich mochte sie, sie mochte mich. Ich hätte sie gern als Freundin, aber sie scheute sich noch davor, ja zu sagen. Wir verbrachten viel Zeit zusammen, wenn es mir möglich war, und heute war es das erste Mal, dass ich den Gedanken hatte, sie hätte noch eine Minute warten sollen. Denn ohne ein weiteres Wort wandte sich Saladin um und ging an ihr vorbei aus dem Gebäude auf den Hof. Ich verlor ihn aus den Augen, weil die Scheiben spiegelten.

„Was hast du denn mit dem Typen zu schaffen?“, wollte Iris ziemlich abfällig wissen. Sie machte keinen Hehl daraus, dass ihr der Fremde suspekt war. Doch ich hörte ihr kaum zu, ich war immer noch mit den Gedanken bei Saladin, bei dem, was er gesagt hatte und dem, was er noch sagen wollte.

Ich wollte, dass du endlich mal bemerkst, wer ich bin, ehe ich zurück muss und außerdem …

Und außerdem?

Und außerdem was?

Ich wollte es wissen.

„Ach, nur so“, wehrte ich Iris ab und grinste schief. „Wir waren beide heute Morgen zu früh da und haben ein bisschen gequatscht. So la la halt.“ Ich mochte Iris ganz gern, aber deswegen musste ich ihr ja noch lange nicht erzählen, was uns wirklich verband und wie aufgelöst und verwirrt ich gestern Abend gewesen war.

Noch viel weniger konnte ich ihr sagen, dass ich mit einem Kerl auf dem Bett gelegen hatte und es geil fand und … wie bitte? Hatte ich wirklich gerade zugegeben, dass ich es geil fand, was Saladin da mit mir gemacht hatte? Das durfte doch alles nicht wahr sein!

„Und weil du nur ein bisschen mit dem la la gelabert hast, da wirst du gleich weiß wie eine Wand?“ Iris stand neben mir und nippte an ihrem Kaffee, während ich versuchte, auf schnellstem Wege wieder normal zu werden und mir nichts anmerken zu lassen – gar nicht so leicht, wenn einen gerade eine solche Erkenntnis wie ein Hammerschlag getroffen hatte. „Halt dich bloß von dem fern. Am Ende isses noch 'n Terrorist und du kriegst einen Prozess wegen Beihilfe zu Terrorakten an den Hals schneller, als dir lieb ist.“

„Ach komm schon, Iris. Das ist doch Quatsch“, lachte ich und versuchte mich so gefasst wie nur möglich zu geben, doch leicht fiel es mir nicht. Aber den restlichen Freiblock verbrachte ich mit Iris, wir redeten über dies und das und jenes, aber ich erwischte mich immer wieder dabei, nicht bei der Sache zu sein, sondern mit den Gedanken bei Saladin. Ich machte einen langen Hals, wo er sein könnte, doch weder auf dem Flur noch auf dem Hof konnte ich ihn sehen.

Es wurde auch nicht besser, als in der nächsten Vorlesung der Platz hinter mir frei blieb. Sonst hatte ich nie darauf geachtet, doch jetzt, wo ich wusste, wer dort saß, fehlte mir etwas. Immer wieder wandte ich mich um, doch der Platz blieb leer. Auch auf keinem der anderen 149 Plätze saß Saladin. Er war nicht mehr da. Oder hatte er gelogen? Ging er gar nicht in meine Kurse und wollte mich wieder mal nur verarschen?

Und warum machte ich mir darüber eigentlich Gedanken? Sollte ich nicht froh sein, wenn der Typ so schnell aus meinem Leben verschwand, wie er gekommen war? Ich sollte aufatmen und mein Leben so weiter leben, als wäre dies gestern Abend nicht passiert, aber ich konnte nicht. Je mehr ich versuchte, mich auf das Geschehen an der Tafel zu konzentrieren, umso öfter trat Saladin wieder vor mein inneres Auge: die glühenden Augen, die schmalen Lippen, der schlanke Körper.

Ich kam auch nicht umhin, mir immer wieder sein erregtes Geschlecht vor Augen zu führen und mich – wenn auch unbewusst – darin zu sonnen, dass er nur wegen mir erregt war. Vielleicht war es nicht gerade ein Kompliment für mich, dass ein Kerl mich attraktiv fand, während mich die meisten Frauen abblitzen ließen. Aber mir verpasste der Gedanke an Saladin plötzlich eine Gänsehaut, die langsam über Arme und Schultern zum Nacken kroch und mich gefangen hielt.

Nach dem vierten Block war Saladin noch immer nicht aufgetaucht und ich gab es auf, auf ihn zu warten. Als ich vom Campus zur Straßenbahn ging, renkte ich mir fast den Hals aus und ging extra langsam, vielleicht traf ich ihn ja doch noch irgendwo?

Doch auch als ich in die Bahn stieg, hatte ich den zierlichen jungen Mann nicht mehr gesehen, nicht am Bahnhof und in der S-Bahn schon gar nicht. Als ich mit der Bahn durch Dahlem fuhr, erwischte ich mich sogar allen ernstes dabei, wie ich mir die Nase an der Scheibe platt drückte und heimlich darauf hoffte, ihn zu sehen – das war definitiv krank!

So zwang ich mich auf meinen Sitz zurück und sah bis zu meiner Station nicht mehr nach rechts und links. Langsam bekam ich nämlich Angst vor mir selber. Ich war von diesem Kerl ja regelrecht besessen. Hatte mich der Typ so aus der Fassung gebracht, oder woran lag es?

Auf meinem Weg in die Wohnung verbot ich mir jeglichen Gedanken, der in eine andere Richtung ging als Fassungslosigkeit. Mein Misserfolg bei Frauen lag schließlich nicht daran, dass ich mit ihnen nichts anfangen konnte, sondern eher daran, dass sie mit mir nichts anfangen konnten – ich war definitiv nicht schwul!

Egal wie geil ich die Aktion gestern Abend fand. Das wäre jedem anderen Mann genauso gegangen. Männer waren körperfixiert, man musste nur an die richtigen Stellen packen und … wah! Was dachte ich denn da? Es wurde wirklich Zeit, mal wieder auf die Piste zu gehen – aber echt. Warum hatte ich eigentlich Iris’ Einladung fürs Kino abgelehnt?

Als ich meinen Briefkasten leerte, spürte ich so etwas wie Enttäuschung, im ersten Augenblick wusste ich selbst nicht warum. Es war kein weiterer Auftrag im 'Adlon' dabei und genau das war es, was mich so enttäuschte, aber das wurde mir erst später wirklich bewusst. Ich machte mir nicht mehr die Mühe, es abzustreiten, es brachte ja sowieso nichts.

Saladin, der Wüstenkater, beherrschte meine Gedanken, egal wo ich ging und stand. Wie ein Tiger im Käfig lief ich immer wieder durch meine Wohnung. Ob ich mich in die Küche setzte, oder ob ich im Wohnzimmer Platz nahm, länger als eine Minute hielt ich es nirgends aus und schon stand ich wieder auf und lief weiter.

Meine Gedanken rotierten immer wieder um das gleiche Thema, und als ich nach fast drei Stunden Spuren in den Teppich gelaufen hatte, fasste ich einen Entschluss. Mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich mit zitternden Fingern den Auftrag von gestern vom Tisch griff und die Nummer darauf anstarrte.

Sollte ich?

Sollte ich diesen Rachid anrufen und fragen, wo ich Saladin finden konnte?

„Ah!“, knurrte ich und lief die nächste Runde durch mein Zimmer. Wenn das so weiter ging, war mein Teppich hin, so viel stand schon mal fest. Wieder griff ich den Zettel und las die Nummer – nach dem achten Mal konnte ich sie auswendig. Aber ich wusste einfach nicht, was ich sagen sollte. Hallo, ich bin’s noch mal – ich hab Ihren Bruder vors Schienbein gepisst, kann ich seine Nummer haben?

Sicher würde dieser Scheich wütend sein, weil ich Saladin so angeschrieen hatte. Nicht umsonst hatte er mir gesagt, Saladin wäre sensibel und bräuchte besondere Behandlung, anbrüllen gehörte da bestimmt nicht dazu!

Vielleicht würde Rachid auch gar nicht mit mir reden – aber mal angenommen er redete und ich erfuhr, wo ich den Wüstenkater finden konnte? Was dann? Was wollte ich eigentlich?

„Na, wenn ich das wüsste, wäre ich schon einen Schritt weiter“, maulte ich mich noch selber an und sank auf der Couch in mich zusammen. Dieser kleine Mistkerl raubte mir schon wieder den letzten Nerv und dabei war er noch nicht mal da. Wie sollte das denn erst werden, wenn ich ihm wieder gegenüber stand? Wenn ich es nicht besser wüsste, wäre ich fast versucht gewesen zu behaupten, er hätte mir den Kopf verdreht, doch ich weigerte mich, das zu akzeptieren.

Definitiv – ich ließ mir doch nicht von einem Kerl den Kopf verdrehen, egal wie schön er war.

Oh oh – langsam sollte ich wirklich aufpassen, was ich dachte. Erst fand ich es geil, von einem Kerl geküsst zu werden, und dann war der Kerl auch noch schön? Hatte ich Samenstau, war ich notgeil oder wo genau lag mein Problem, dass ich anfing, einem Kerl hinterher zu geifern und zu fiebern? Vielleicht konnten ja eine kalte Dusche und ein paar geschickte Handgriffe mein Problem lösen? Langsam wurde ich nämlich verrückt und machte mir selber Angst.

Um eine Entscheidung zu treffen, griff ich mir den Zettel erneut, noch ehe ich nachdenken konnte, und hatte die Nummer im 'Adlon' gewählt. Ich wollte schon wieder auflegen, als mir bewusst wurde, was ich getan hatte, doch da nahm schon jemand ab und die gleiche Stimme wie gestern Abend wünschte „Salem“.

„G-Guten Abend“, stotterte ich in den Hörer und fing schon wieder an, wirsch durch mein zugestelltes Zimmer zu laufen. „Hier ist Schneider, der … also … ich …“

„Oh, Herr Schneider.“ Die Stimme am anderen Ende klang nicht wütend oder zornig, was mich schon etwas stutzen ließ. Eher hätte ich sie überrascht und erfreut eingestuft, was mich noch mehr aus der Fassung brachte. „Ich freue mich wirklich, noch einmal von Ihnen zu hören, so habe ich Gelegenheit, mich bei Ihnen für den Scherz zu entschuldigen …“

„Nein, nein, Sie müssen nicht … ich müsste … aber ich … Saladin, er hat … und dann habe ich … weil ich ja …“

„Bitte, Herr Schneider, Stopp. Ich verstehe kein Wort.“

Hörte ich Rachid lachen?

Warum lachte dieser Kerl denn jetzt? Was mir passiert war, war doch nun wirklich alles andere als lustig gewesen, zumindest für mich. Für einen Außenstehenden wie ihn vielleicht nicht, aber für mich. Ich knurrte leise, weil ich mich unbehaglich fühlte.

„Alles was ich wollte, war wissen, wo ich Saladin finden kann. Ich bin ihm wohl heute etwas zu nahe getreten und wollte mich gern entschuldigen.“ Ich konnte mir gerade noch auf die Zunge beißen, als ich hinzufügen wollte, dass ich ihn gern wieder sehen würde, weil ich mich an seinem Gesicht nicht satt sehen konnte und mich seine glühenden Augen geradezu verhext hatten. Anders konnte ich mir den Drang nach dem jungen Mann nämlich auch nicht erklären.

„Tut mir leid, Herr Schneider …“

„Warren, nennen Sie mich Warren. Herr Schneider klingt immer so förmlich und ich habe immer das Gefühl, ich habe was angestellt.“ Ich war doch schon nervös genug.

„Okay, Warren – aber ich kann Ihnen nur sagen, dass ich im Augenblick nicht weiß, wo Saladin ist. Bei seinem Vermieter hat er sich den ganzen Tag nicht blicken lassen – aber ich sehe ihn in zwei Stunden zum Abendessen, soll ich ihm etwas ausrichten?“

Eine Sekunde herrschte totale Ruhe. Ihm etwas ausrichten? Nun war ich an dem Punkt, an dem ich vorhin schon nicht weiter gewusst hatte. Was wollte ich Saladin sagen, wenn ich ihn sah? Wenn ich ihm gegenüber stand und er mich fragend anblickte, mit diesen glühenden Augen?

„Ähm ...“, entkam es mir ziemlich unintelligent, doch was Besseres fiel mir auf die Schnelle leider nicht ein. „Ich weiß nicht, ich wollte ja … na ja, es tut mir eben leid, ihn heute so angeschnauzt zu haben und … na ja …“ Und dass ich ihn gern wieder gesehen hätte, weil er mich wahnsinnig macht. Aber das verkniff ich mir dann doch.

Auch Rachid am anderen Ende schwieg. Doch dann lachte er kurz auf. „Was halten Sie davon, Warren, wenn ich Sie als Entschädigung für diesen Abend, der Ihre kostbare Zeit gestohlen hat, zum Abendessen einlade? Hier im 'Adlon', ich lasse einen Tisch reservieren? Es wäre mir eine große Ehre, wirklich.“

Mein Hirn war das erste, das mir erklärte, dass ich Saladin vielleicht auch sehen würde, denn er wollte sich ja mit seinem Bruder zum Abendessen treffen. Was hielt mich also noch davon ab, ja zu sagen? Ich konnte spüren, wie mein Herz zu rasen anfing, ich musste mir nur vor Augen führen, Saladin zu sehen und ich flippte völlig aus. Also langsam wurde es wirklich Zeit, dass ich mal wieder zu mir kam, dieses Fan-Girl-Verhalten war doch nun wirklich nicht mehr normal.

Um meine überschwängliche Freude darüber, Saladin zu sehen, nicht allzu sehr zur Schau zu stellen, murmelte ich, dass ich ja nicht viel Zeit hätte – warf aber hinterher, mich gern frei zu machen. Zum Glück war ich der einzige, der diese dämliche Zweideutigkeit wirklich bemerkt hatte, zumindest mein Hirn grinste vor sich hin und machte sich einen Spaß daraus, mir dies auch noch zu präsentieren, abgerundet mit ein paar Bildern von Saladin, wie er nackt und gefesselt auf dem Bett lag.

„Ich würde mich wirklich freuen, Warren“, erklärte Rachid und so sagte ich zu – um acht am Empfang vom 'Adlon'. Ich verabschiedete mich hastig und legte auf. In was war ich da nur wieder reingeschliddert? Den Blick stur geradeaus gerichtet, steckte ich das Telefon wieder in die Hosentasche. Ich musste nicht weiter herum raten, um zu wissen, dass meine Libido gerade Rumba tanzte und meine Jeans ausbeulte.

Was sollte denn der Mist? Ich verstand mich langsam selber nicht mehr – wirklich nicht. Seit Jahr und Tag hatte ich mit Kerlen zu tun, sie waren meine Freunde, ich sah sie nackt in der Dusche, oder halb nackt im Sommer. Wir hatten schon Betten und Schlafsäcke geteilt und ich war mir sicher gewesen, keiner von DENEN zu sein und jetzt?

Da kam so ein kleiner nackter Kerl, mehr Frau als Mann, und meine Welt stand Kopf! Abfällig blickte ich nun doch auf meinen aufmüpfigen Schoß und versuchte zu verstehen, warum er sich nach einem Kerl verzehrte. Warum passierte mir so was nicht bei Iris? Vielleicht, weil sie noch nie nackt und gefesselt auf einem Bett im teuersten Hotel der Stadt gelegen hatte?, erklärte mir mein Hirn etwas schnippisch – nun war es wieder so weit, ich stritt mich mit mir selber. Das konnte dauern. Besser ich ging währenddessen unter die Dusche und richtete mich her. Ich wollte mich von meiner besten Seite zeigen.

Aber wem? Rachid sicherlich nicht.

Wie ich es schlussendlich geschafft hatte, mich zu duschen und anzuziehen, ohne fast wahnsinnig vor Aufregung zu werden, weiß ich auch nicht mehr. Aber als ich wieder bewusst meine Umwelt wahrnahm, stand ich in der S-Bahn und fuhr zum Pariser Platz.

Ein Blick an mir hinab zeigte eine ordentliche schwarze Stoffhose, dazu ein weißes Hemd und eine Strickjacke. Nicht gerade Luxus, aber das Beste, was ich im Augenblick aufzubringen vermochte. Ich war nicht der Typ Mensch, der Unsummen für Klamotten ausgab, schlicht und ergreifend, weil ich diese Unsummen gar nicht hatte. Aber ich legte keinen Wert auf Marken, ich kaufte, was mir gefiel und was gut an mir aussah, egal wie billig es war und wo ich es kaufte.

Erschrocken erwischte ich mich doch allen ernstes dabei, mich zu fragen, was Saladin wohl von mir hielt, wenn er wusste, was für eine arme Kirchenmaus ich war. Er selbst musste ja jede Menge Kohle haben oder zumindest seine Familie, wenn er in Dahlem draußen wohnen konnte, wenn er im 'Adlon' Zimmer buchen konnte, wie er gerade lustig war.

Warum wollte er dann jemanden wie mich besitzen?

War das nur ein Spiel?

Machte er sich einen Jux daraus, sich Typen kommen zu lassen und sie zu verarschen? Zwar weigerte ich mich vehement zu glauben, dass Saladin solch einen Charakter haben sollte, doch ganz konnte ich es nicht von der Hand weisen – heute war er wieder im Hotel? Auf wen wartete er heute?

Warum nur tat dieser Gedanke so weh?

Warum wollte ich, dass er auf keinen anderen außer auf mich wartete?

Kopfschüttelnd saß ich auf meiner Bank in der S-Bahn und versuchte mich selbst wieder zu erkennen. Ich hatte mich verändert, oder? Zumindest meine Gedankengänge hatten sich definitiv geändert, da konnte ich doch gar nichts anderes mehr behaupten – ich dachte plötzlich über Kerle nach. Okay, geben wir der Wahrheit den Vorzug: nicht über Kerle, über einen bestimmten und fand ihn schön.

Schön.

So was sagte man über Frauen, nicht über Männer. Warum war mir Saladin noch nie vorher aufgefallen? Ich schien ihm wiederum sehr wohl aufgefallen zu sein.

Wieder drehten sich meine Gedanken im Kreis.

„Nächste Haltestelle: Unter den Linden. Ausstieg …“ Ich blickte auf und stellte fest, es war an der Zeit auszusteigen. Die letzten Meter konnte ich auch noch laufen. Ich lag gut in der Zeit und außerdem brauchte ich noch etwas Bewegung. Ich spürte nämlich die unangenehme Nervosität von gestern Abend, die mich durch ganz Berlin getrieben hatte. Ich musste mich beruhigen.

Langsam schlenderte ich also die Straße unter den Linden entlang und stand ein paar Minuten später wieder vor dem Eingang mit dem netten Portier, der mich zu erkennen schien und mir zunickte. Ich grüßte höflich zurück und schritt durch die Tür. Am Empfang sollte ich auf Rachid warten. Also stellte ich mich unauffällig dort hin und versuchte zu vermeiden, von den Angestellten wieder erkannt zu werden. Mein Abgang gestern war nicht gerade filmreif und diesem Hause würdig gewesen. Ich wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken. Wenn ich ehrlich zu mir selber war, wäre ich wohl nie wieder hierher gekommen, hätte ich nicht gewusst, dass Saladin auch noch her kommen wollte, um mit seinem Bruder zu essen.

„Guten Abend“, grüßte die Frau an der Rezeption freundlich und lächelte mich an. „Herr Modasayas ist schon auf dem Weg nach unten.“ Ich musste sie ziemlich verstört angesehen haben, doch dann fiel auch bei mir etwas verspätet der Groschen. Diese Reihung von Buchstaben war wohl Rachids Nachname und somit sicher auch Saladins.

Ich versuchte noch einmal im Kopf den Namen zusammen zu bekommen, doch ich scheiterte und nickte ihr nur dankend zu. Nervös sah ich mich immer wieder um, wenn ein Mann die Treppe hinab kam oder der Fahrstuhl sich öffnete. Dann plötzlich hatte ich ihn entdeckt, zumindest meinte ich dies, denn der Mann, der die Treppe herab schritt wie ein wahrer König, trug die Kleider, die ich an einem Araber vermutet hatte, das weiße Gewand und den Kopfschmuck. Er kam zielstrebig auf mich zu und nickte mir freundlich entgegen. „Her Schneider, nehme ich an? Ich bin Rachid Modasayas.“ In europäischer Manier hielt er mir die Hand entgegen und ich nickte nur, erwiderte den Gruß.

Er forderte mich auf, ihm zu folgen und bald waren wir im Speisesaal des Hotels, der diese Bezeichnung aber wirklich verdient hatte. Ich wusste gar nicht, wo ich laufen sollte, überall lagen edle Teppiche und die Tische waren nur mit dem feinsten Geschirr eingedeckt.

Trotzdem wirkte es nicht aufdringlich oder protzig. Um mich etwas abzulenken sah ich mir den Mann etwas genauer an, der vor mir lief, rief mir kurz sein braungebranntes Gesicht mit den harten männlichen Zügen wieder in Erinnerung. Ich war mit meinen einsdreiundneunzig schon groß, aber Rachid überragte mich noch – er war das ganze Gegenteil von Saladin und ich fing an, daran zu zweifeln, ob diese beiden Männer wirklich Brüder waren.

„Nehmen Sie Platz, Warren.“

Ich lächelte, weil er sich noch an meinen Namen erinnerte und setzte mich in einen der großen Sessel, während auch Rachid Platz nahm. Es wurde Tee gebracht und ich saß eine Weile etwas sinnlos herum, sah mich nur verstohlen um, weil ich diesen Raum wohl so schnell nicht wieder sehen würde und blieb dann an meinem amüsierten Gastgeber hängen.

„Sie müssen sich keine Sorgen mehr machen, Warren. Saladin ist oben. Er badet und zieht sich um. Doch er weiß nicht, dass Sie hier sein werden“, eröffnete Rachid gleich mit dem Thema, das mir unter den Nägeln brannte und gab meiner unausgelasteten Fantasie frisches Futter, die sich gerade ausmalte, wie Saladin badete. Ich gab mir schon gar keine Mühe mehr, mich selbst dafür zu richten, wozu auch? Es brachte doch nichts, der Kerl hatte mich gänzlich verhext, er beherrschte meine Gedanken – vor allem die zwischenmenschlichen.

„Er weiß nicht, dass ich auch da bin? Wird er Ihnen nicht böse sein? Ich meine“, fing ich an, etwas herum zu drucksen. Hatte Saladin seinem Bruder schon erzählt, was ich ihm an den Kopf geworfen hatte? „Ich war nicht gerade nett und freundlich heute Morgen, als er plötzlich vor mir stand und dann hat auch noch jemand unser Gespräch unterbrochen und dann war er gar nicht …“

„Ganz ruhig, Warren.“ Rachid lachte wieder. Ein tiefes, warmes Lachen, das mir durch und durch ging und mir Schauer über den Rücken trieb. Verwirrt guckte ich ihn an. „Er wird nicht böse sein. Er hat mir zwar erzählt, dass seine Aktion ein Reinfall gewesen war, aber das hat er sich selbst zuzuschreiben. Es war seine Idee, Ihre Dienste als Haustiersitter in Anspruch zu nehmen. Ich habe ihn nur unterstützt. Sie müssen verstehen, er ist mein kleiner Bruder, auch wenn er nur mein Halbbruder ist, ich liebe ihn und trage ihn auf Händen. Viel Zeit habe ich dazu nicht mehr.“

Bei den letzten Worten spürte ich, wie mein Herz stockte. Viel Zeit hatte er nicht mehr mit seinem kleinen Bruder? Was bedeutete das? War Saladin krank? War er deswegen so blass? Rachid musste mir meine Frage angesehen haben, denn er lachte wieder und schenkte mir von dem Tee ein. Geschickt schwang er die Kanne und traf, trotz der Distanz zwischen Kanne und dem kleinen Glas, zielgenau.

„Nein, nein, Warren. Nicht, was Sie denken. Noch regiert mein Vater, Scheich Abdul. Nächstes Jahr werde ich dieses Amt übernehmen müssen und kaum noch dazu kommen, meinem Bruder nachzureisen oder ihn daheim zu sehen. Eigentlich sollte er schon lange nach Hause kommen, doch er weigerte sich, er wollte in Berlin bleiben – jetzt weiß ich auch warum.“

Am liebsten wäre ich im Boden verschwunden – wo waren die viel zitierten schwarzen Löcher, wenn man dringend mal eines brauchte? Saladin entstammte also einer Regentenfamilie? Damit nicht genug, war er der Sohn des Regenten, als würde das nicht reichen, machte er seiner Familie Kummer, weil er wegen mir in Berlin bleiben wollte und nicht zurück in die Wüste? Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. „Wegen mir?“, fragte ich ziemlich dämlich und senkte den Kopf. „Das tut mir leid, ich hatte keinen Schimmer davon.“

„Vater hat ihm befohlen, binnen einer Woche nach Hause zu kommen, sonst wird er aus der Familie ausgeschlossen. Saladin hat wohl seine Felle bei dir fort schwimmen sehen und alles auf eine Karte gesetzt. Ich habe ihm gesagt, es würde nicht gut gehen – doch er wollte es so.“ Rachids Gesichtsausdruck wurde fragend, ich musste ihn anstarren wie ein Irrer.

Aber ich war voller Unglauben – Saladin sollte zurück? Noch diese Woche? Er sollte Berlin verlassen und in die Wüste gehen? Nie wieder kommen? Mich hier alleine lassen? Was dachte sich der Kerl? Erst mein Leben auf den Kopf stellen und dann verschwinden? Der war wohl nicht mehr ganz richtig!? Meine Zähne knirschten, so fest rieben meine Kiefer aufeinander, eine Angewohnheit, die mich daran hinderte, laut zu explodieren.

Und weil ich so in meinen Gedanken verloren war, bemerkte ich erst gar nicht, wie langsam noch jemand an den Tisch trat, sondern blickte nur auf, als sich in meinem Sichtfeld etwas bewegte, und erblickte Saladin, der mit roten Schatten auf den Wangen neben seinem Bruder Platz nahm. Wie es die Höflichkeit forderte, hätte ich mich erheben und ihn begrüßen sollen, aber mein Ausbruch konnte sicher nicht als Begrüßung gewertet werden.

„Was denkst du dir eigentlich, du Egoist? In mein Leben stolpern, mich verwirren. Dafür sorgen, dass ich an nichts anderes mehr denken kann als an dich und sich dann verpissen – in die Wüste auf nimmer Widersehen? Geht’s dir eigentlich noch ganz gut, denkst du auch mal nach?“ Ich spürte die Wut in mir aufsteigen, sie tropfte mir aus den Augen … ich konnte nicht verhindern, dass mir, bei dem Gedanken, Saladin nie wieder zu sehen, die Tränen liefen.

Ich konnte nicht. Männer heulen nicht, das weiß ich selber, verdammt. Aber was sollte ich denn machen? Da hockte dieser schöne Mann mir gegenüber, ich spürte, wie ich mich innerlich danach sehnte, dass er mich noch einmal so berührte wie gestern, noch intensiver, noch tiefer, und der hatte nichts Besseres zu tun, als zurück in seine Wüste zu gehen? War das denn fair, verdammt noch mal?

Saladin war sichtlich schockiert und Rachid auch. Nicht über meinen Ausbruch. Die Kellner waren dezent und beachteten ihn gar nicht und andere Gäste hatten sich noch nicht in den Räumlichkeiten eingefunden. Es waren wohl mehr meine Worte, die die beiden ungleichen Brüder dazu brachten, mich anzustarren, als hätte ich grüne Schuppen und Antennen auf dem Kopf.

„Vielleicht geht ihr hinauf auf Saladins Zimmer und klärt das dort in Ruhe.“ Rachid deutete mit einer Hand zur Tür und ich begriff langsam, wie ungebührlich ich mich aufgeführt hatte. Den Kopf gesenkt nahm ich also wieder Platz und starrte auf den Tisch vor mir, auf mein Glas mit Pfefferminztee und meine Finger begannen sich nervös gegeneinander zu reiben.

„Entschuldigung, ich habe dich nicht so anfahren wollen. Aber jedes Mal, wenn ich dich sehe, da setzt es plötzlich bei mir aus, ich weiß doch auch nicht warum.“ Selbst in meinen Ohren klang diese Entschuldigung mehr als unglaubwürdig, aber Saladin grinste mich nur an.

„Schon okay, brüll mich lieber an, als dass du mich weiter gar nicht bemerkst“, murmelte er und wirkte plötzlich eben so nervös wie ich.

Strafend blickte er auf seinen Bruder und begann in einer fremden Sprache, die für mich einfach keinen Sinn machte, auf ihn einzureden. Lachend hob Rachid abwehrend die Hände, antwortete seinem kleinen Bruder, und der lief noch mehr rot an. Die roten Schatten auf den blassen Wangen … gern hätte ich meine Fingerspitzen darüber gleiten lassen, um die Hitze zu spüren. Ich wusste zwar nicht, warum ich das wollte, aber die Vorstellung gefiel mir.

„Komm mit“, murmelte Saladin plötzlich und griff meine Hand, die auf dem Tisch lag und überlegte, ob sie das Glas Tee greifen sollte oder nicht. Saladin nahm ihr die Entscheidung ab, als er sie in seine legte. Kurz zuckte ich zurück. Die fremde Wärme, die mich flutete, war mir gänzlich unbekannt, ganz anders, als würde Iris meine Hand greifen – so wie sie es ja jeden Tag tat.

Ich konnte vor lauter Schreck gar nichts sagen, mich nur erheben und mich quer durch den Raum ziehen lassen. Hatte ich den Brüdern jetzt das Essen verdorben? Konnte ich denn gar nichts richtig machen? Entschuldigend blickte ich noch einmal zu Rachid zurück, der genießend das Glas Tee an seine Lippen setzte und mich anlächelte. Winkte der mir etwas? Was sollte das denn?

„Achter Stock“, riss mich Saladins Stimme aus meinen Gedanken. Er hatte dem Liftboy wohl erklärt, wohin es gehen sollte, der nur grinsend auf unsere immer noch verbundenen Hände blickte. Aber diskret, versteht sich. Ich wagte nicht, Saladin anzusehen, denn ich weigerte mich, seine Hand loszulassen, sondern umklammerte sie fester. Ich wollte sein abwehrendes Gesicht dazu gar nicht sehen. So blickte ich an die Decke des kleinen Raumes und stellte fest, dass selbst die Deckentäfelung im Fahrstuhl perfekt verarbeitet war – wirklich nur vom Feinsten.

Mir war es, als würde diese Fahrt niemals enden – wie hoch konnten denn acht Stockwerke sein? Ich konnte kaum noch amten, als das erlösende Bing endlich unsere Ankunft anzeigte und Saladin mich unter dem neugierigen, wenn auch dezenten Blick des Liftboys quer über den Flur zerrte. Ich war aufgeregt und nervös, ich wusste doch selber nicht, was der kleine Wüstenkater jetzt von mir wollte, war er böse auf mich, weil ich ihn so angefahren hatte? Oder was war los?

Saladin schien auch nicht auf der Höhe zu sein, denn er musste ganz schön fummeln, ehe er den Schlüssel im Schloss hatte und er mich durch die Tür zerrte, sie hinter uns zu warf und sich dann schwer atmend dagegen lehnte. Erst jetzt ließ er, mit roten Schatten auf den Wangen, meine Hand los und blickte von unten durch eine seiner weißen Strähnen zu mir auf. Mir verschlug es fast die Sprache, ich konnte nur schwer schlucken und einen Schritt zurückgehen, um dieses Bild auf mich wirken zu lassen.

Da standen wir nun – er starrte mich an, ich starrte ihn an, keiner sagte auch nur ein Wort. Die Stille war greifbar und langsam wurde sie mir unangenehm. Erwartete Saladin etwas von mir? Was sollte ich tun?

„Hast du das eben ernst gemeint?“, wollte er plötzlich von mir wissen, die Wangen färbten sich wieder rot und ich musste schlucken. Nein, Saladin war nicht nur schön, er war auch richtig niedlich. Ich wusste nicht, woher gerade der weibische Drang kam, ihn zu greifen und zu knuddeln, als wäre er ein Stofftier. „Was habe ich denn gesagt?“, murmelte ich noch etwas unwirsch. Ich hatte viel geredet, das wusste ich – alles nicht gerade nette Dinge.

„Na ja“, begann er und lehnte noch immer an der Tür. Der Raum war so groß und wir lehnten dicht gedrängt an der Tür, schon seltsam. „Dass ich dir nicht mehr aus dem Kopf gehe und solche Sachen.“

Jetzt war es an mir, Schamesröte auf meinen Wangen ausbreiten zu lassen, und ich sah zu Boden. „Ja, ich weiß nicht, was mit mir los ist. Ich weiß nicht, was du mit mir gemacht hast, aber jeder Gedanke endet irgendwann bei dir. Egal ob ich daheim bin oder in der Uni oder in der Straßenbahn, ich muss immer wieder an dich denken.“ Übrigens, schöner Teppich, der hier rum liegt, denn ich starrte ihn unentwegt an, bis sich warme Hände auf meine glühenden Wangen legten und ich so gezwungen war, Saladin in die leuchtenden Augen zu sehen.

„Wirklich?“, fragte er leise und grinste.

„Ja, wirklich.“ Meine Antwort war etwas ruppig, weil ich mich gerade vorgeführt fühlte. „Gib's zu, das war Absicht.“

Der Wüstekater grinste noch immer und strich über meine Wange. „Ja, ich gebe es zu – es war mein Ziel.“ Saladin nahm meine Hand und führte mich durch das Zimmer. Heute brannten keine Kerzen, sondern elektrisches Licht verbreitete seine weniger romantische Atmosphäre, doch daran störte ich mich nicht. Das erste Mal nahm ich mir die Zeit, Saladin anzusehen und stellte fest, dass er verdammt gut aussah in seiner bestickten Hose und der kurzen Jacke, wie man sie aus alten Märchenfilmen kannte. Ob er zu Hause nur so was zu tragen hatte? Rachid kleidete sich schließlich ja auch traditionell. Die schmalen Hüften, die langen Beine, umspielt von diesem teuren Stoff.

„Warum, Saladin? Warum jetzt, wo du gehst?“, wollte ich wissen und griff seine Hand, damit er mich ansah. Wieder lächelte er, doch es sah schmerzlich aus, nicht ernst gemeint.

„Ich habe mich ein Jahr lang nicht getraut, jetzt hatte ich nicht mehr viel zu verlieren. Wäre es schief gegangen, wäre ich nicht so verletzt gewesen und abgereist ohne…“

„Und was, wenn es nicht schief gegangen wäre?“, wollte ich von ihm wissen, ohne vorher über meine Worte nachzudenken. „Was, wenn es gut gegangen wäre … gestern?“

„Wäre es gut gegangen?“

Ich muss ihm gestehen, dass ich es nicht wusste und nicht mit Bestimmtheit sagen konnte. Ich wusste, dass ich den Kuss mochte, dass ich seine Berührungen genossen hatte. Mehr konnte ich ihm auch nicht sagen. In die Stille, die sich auf meine Worte hin ausbreitete, fragte er mich plötzlich: „Willst du es noch einmal – so wie gestern?“ Und wieder dachte ich nicht nach und antwortete: „Nein.“

Ich konnte sehen, wie die glühenden Augen trüb wurden, wie der Blick Saladins sich senkte.

Doch ich hob sein Gesicht wieder etwas an. „Lass die Fesseln weg, sie stören mich.“ Ich lächelte ihn an, als er mich mit weit aufgerissenen Augen ansah. Mein Herz fing an wie wild zu schlagen. Es raste, trieb mein Blut durch meinen Körper, durch die Reibung wurde es immer heißer. Es kochte, es brodelte und es fiel mir schwer, Saladin, der neben mir auf dem Bett saß, nicht einfach nach hinten zu schieben und mich, wie gestern, auf ihn zu werfen.

Langsam beugte er sich zu mir und unser erster Kuss war noch schüchtern, voller Fragen. Doch schon der nächste barg das Feuer, das uns trieb, das Feuer der Wüste. Ich stand ich Flammen und konnte doch nicht genug davon bekommen. Mein Körper verlangte nur noch nach Saladin, seinen Händen, seinen Lippen, und als ich das erste Mal wieder die Augen öffnete, hatte sich mein Wüstenkater seiner Kleider entledigt.

„So wie gestern – nur ohne Fesseln“, lächelte er und beugte sich wieder zu mir hinab. Zögerlich strichen meine Hände über seine bloßen Seiten, spürten der Hitze der Haut nach.

Für diese Nacht begab ich mich in seine Hände und wusste, dass ich gut aufgehoben war.

***

Doch ich ging, als mein Wüstenkater eingeschlafen war, ich wusste selbst nicht warum. Ich gab mir Mühe, keinen Krach zu machen oder Saladin zu wecken, als ich meine Klamotten wieder überzog. Es fiel mir seltsam schwer zu gehen, auch wenn ich wusste, dass es besser war.

Wir würden uns morgen wieder sehen, bestimmt, und bis dahin brauchte ich noch ein paar Stunden, in denen ich über das Geschehene nachdenken konnte. Ich hatte mit Saladin geschlafen und ich hatte es mehr als genossen. Es war der Himmel und die Hölle gewesen und ich hatte kaum genug davon bekommen können.

Die Chemie stimmte ohne viele Worte. Ich wusste, wenn ich jetzt noch in seinen Armen einschlafen würde, wäre ich lichterloh für ihn entflammt. Ich war sowieso schon kurz davor, mich zu verlieben. Dass Saladin ein Kerl war, machte die Sache nicht leicht, dass er nächste Woche unwiederbringlich außer Landes war, machte sie noch weniger leicht. Da war ich bereit, einzugestehen, dass ich bisexuell war und dann verschwand der Grund dafür für immer im Wüstensand?

Ich seufzte lautlos und beugte mich noch einmal zu ihm hinab. Sanft streifte ich seine Lippen mit den meinen, schmeckte ihm noch einmal nach. „Mach’s gut, kleiner Wüstenkater, wir sehen uns morgen“, murmelte ich noch und dann schlich ich mich davon - wie ein Dieb bei dunkler Nacht.

Ich nahm die Treppe, um weniger Krach zu machen und musste grinsen, als mir wieder Rachids Worte in den Sinn kamen, dass sein edler Kater es mögen würde, zwischen den Beinen gestreichelt zu werden. Das konnte ich jetzt mit Fug und Recht bestätigen.

Ich grinste albern vor mich hin, pfiff und verstummte, als ich am Empfang vorbei ging, mich beim Nachtportier abmeldete, der mir aufschloss. Dann umwehte mich die kühle Nachtluft von Berlin. Straßenlärm, aber nur noch verhalten, und ein paar Nachtschwärmer bevölkerten noch einzeln die Straße.

Langsam ging ich zur S-Bahn, sie fuhr in der Nacht nicht so häufig, aber eigentlich war ich auch nicht müde. Ich sehnte mich nicht nach einem Bett, sondern überlegte allen ernstes fieberhaft, wie ich Saladin behalten konnte. War ich den größenwahnsinnig, den Regentensohn eines Wüstenvolkes an mich binden zu wollen? Aber er war doch so süß und so … rrr! Anders konnte ich ihn nicht beschreiben. Mein Rücken sprach Bände, überall dort, wo mein kleiner Wüstenkater seine Krallen durch meine Haut gezogen hatte. Noch immer war es mir, als könnte ich seine Hände auf meinem Rücken spüren, als würde er meine Seite wärmen und sein heißer Atem strich über meine Haut.

Ich drehte mich im Kreis, als ich mich, zum sicherlich hundertsten Mal an diesem Tag, dafür verfluchte, nie hinter mich gesehen zu haben. Was wäre gewesen, ich hätte Saladin schon viel früher kennen gelernt?

„Dann wäre der Abschied noch schmerzvoller, denn du hättest dich verliebt. Abgesehen von dem kleinen Makel, dass er keine Frau ist, ist er perfekt für dich“, murmelte ich vor mich hin, als ich einsam die Treppen zur S-Bahn runter ging und mich noch einmal nach dem Hotel umsah.

Irgendwo dort lag Saladin in seinem Bett und schon in ein paar Stunden würden wir uns wieder sehen.

Hätte ich gewusst, dass es nicht an dem sein würde, ich wäre nicht gegangen – ich weiß es, ich wäre nicht gegangen, sondern hätte jede noch bleibende Sekunde in seinen Armen verbracht.

Aber weil ich es nicht wusste, fuhr ich nach Hause, rollte mich in meinem Bett zusammen und träumte von meinem Kater.

***

Selten war ich morgens so schnell aus dem Bett wie heute und ich diskutierte auch nicht lange mit mir herum, sondern duschte, zog mich an, griff mir wahllos etwas aus dem Kühlschrank und hetzte zur Bahn. Ich war viel zu früh dran, sprang an jedem Bahnhof aus dem Wagon und stieg in den nächsten, nur um zu sehen, ob Saladin vielleicht auch in der Bahn saß, mit der ich fuhr. Doch ich fand ihn nicht.

So streifte ich allein bis zur Uni und setzte mich auf meinen angestammten Platz, wartete und starrte jeden an, der zur Tür rein kam. Eine halbe Stunde lang war ich der einzige, dann kamen langsam nach und nach die von den ersten Reihen, grüßten und richteten sich ein.

Iris kam fünf Minuten vor Seminar-Beginn und setzte sich zu mir, verwickelte mich in ein Gespräch und stellte bald fest, dass ich wohl ziemlich durch den Wind war. Ich konnte ihr beim besten Willen auf ihr Warum nicht ehrlich antworten. Ich konnte es nicht, also erfand ich schnell die Lüge von einem langen Job und wenig Schlaf.

Sie kaufte es mir ab. Pünktlich halb acht kam der Dozent und warf, noch mit der Begrüßung, die erste Übungsaufgabe an die Tafel, doch der Platz hinter mir blieb frei. Bei jeder noch so kleinen Bewegung im Raum huschte mein Kopf zur Tür.

War Saladin wütend? Ich war einfach gegangen, ohne ein Wort zu sagen. Vielleicht dachte er sogar, ich mochte ihn gar nicht? Vielleicht war er enttäuscht und schämte sich jetzt? Verdammt, warum war ich einfach so gegangen und hatte nichts gesagt? Ich Rindvieh – ich riesengroßes Rindvieh, ich!

Freilich war ich für den Rest des Tages nicht mehr zu gebrauchen. Iris schickte mich nach dem vierten Block heim, gab mir ihre Aufzeichnungen mit, wollte mich im letzten Block entschuldigen. So hastete ich völlig verirrt und zittrig zur Bahn und beschloss, gleich bis 'Unter den Linden' durchzufahren und zu Saladin zu gehen.

Alles ging mir nicht schnell genug, immer wieder guckte ich auf die Uhr, auch wenn ich genau wusste, wie lange die Fahrt dauerte. Es brachte nichts, dass ich immer wieder nachsah, davon fuhr der Zug nicht schneller, ich wurde nur noch nervöser, etwas, was ich gar nicht gebrauchen konnte. Verdammt, warum war ich gestern Nacht einfach gegangen? Nur weil ich mich nicht hatte verlieben wollen, aber verdammt, es war doch passiert!

Ich hatte mich verliebt, das musste ich einsehen, als ich den Schmerz spürte, der mich ob Saladins Abwesenheit durchflutete. Verdammt, ich war verliebt – sollte man da nicht glücklich sein? Die ganze Welt umarmen wollen? Alles was ich wollte, war die Welt treten, weil diese verfluchte Bahn an jeder Milchkanne anhielt und die Leute sich jede Menge Zeit ließen mit dem Aus- und Einsteigen. Wie sollte ich denn da pünktlich ankommen?

Nervös rückte ich auf meinem Sitz hin und her, starrte immer wieder wütend auf die, die aussteigen wollten, weil sie meine Fahrt nur sinnlos verzögerten. Aber keinen interessierte es.

>Nächste Haltestelle: Unter den Linden. Ausstieg …<

Na endlich!

Ich hörte gar nicht mehr weiter zu, sprang auf und riss fast noch der Frau, die mir gegenüber saß, die Tasche vom Schoß. Ich entschuldigte mich und konnte gerade noch rausspringen, ehe sich die Lawine von Menschen in die Bahn wälzte. Ich ließ alles hinter mir und rannte wie besessen, bis ich wieder bei dem netten Portier war, der mir freundlich die Tür öffnete. Ohne Umschweife hetzte ich zum Empfang, doch die Dame blickte mich nur irritiert an, so als hätte sie nicht mit mir gerechnet.

„Herr Schneider, richtig?“, fragte sie und ich nickte. „Die Herren Modasayas sind heute morgen abgereist“, erklärte sie mir und ich glaubte nicht, was ich hörte. „Bitte?“, fragte ich mit erstickter Stimme und schüttelte den Kopf.

„Sie haben um zehn Uhr ausgecheckt und ein Taxi zum Flughafen genommen. Die Maschine ging um halb zwei.“ Jedes einzelne Wort traf mich wie einen Peitschenhieb. Ausgecheckt. Taxi. Flughafen.

„Das ist nicht wahr, oder?“, hörte ich mich noch sagen, als ich zurück taumelte und langsam aus dem Hotel ging.

Ausgecheckt.

Abgereist.

Was sollte das denn?

Saladin war weg, ohne mir was zu sagen? Eine hämische Stimme erklärte mir zwar, dass wir ja nun quitt wären, weil ich gestern Abend nichts anderes getan hatte, aber ich hörte ihr gar nicht zu. Saladin war weg, ohne dass ich ihn noch einmal in den Arm nehmen konnte. Ohne dass ich ihn küssen und ihn noch einmal spüren konnte. Verdammt noch mal – das war nicht fair!

„Arschloch“, murmelte ich noch leise. Das hätte er mir wirklich gestern sagen können. Erst zerrte er mich ins Bett, verdrehte mir den Kopf, dass ich nicht mehr klar denken konnte und dann? Da machte er sich auf und davon – ohne ein Wort, ohne einen Gruß. Ging aus meinem Leben, ohne zu wissen, wie ich mich dabei fühlte.

„Verdammtes Arschloch.“ Ich kickte eine leere Zigarettenschachtel vor mir her und meine Hände ballten sich zu Fäusten. So ein verlogener Hund, verpisste sich einfach so aus meinem Leben! Einfach so …

„Du beschissener, kleiner Scheißkerl!“ Ich fluchte den ganzen Weg nach Hause, ließ all meine Wut und Trauer in fast lautlose Flüche münden, um den Schmerz zu überdecken. Und weh tat es wirklich. Die letzte Nacht noch vor Augen und wissend, dass es nie wieder so sein würde. Vielleicht wäre es sogar besser gewesen, er hätte mich einfach in Ruhe gelassen – aber seine Show, die letzten zwei Tage, das war einfach nicht fair.

Den Weg bis zu meiner Wohnung fluchte ich wieder lauter als in der Bahn, und hatte eigentlich keine gesteigerte Lust, in den Briefkasten zu gucken. Damit hatte doch der ganze Schlamassel erst angefangen! Doch dann öffnete ich ihn doch und fand ganz oben einen gefalteten Zettel. Nachlässig faltete ich ihn mit einer Hand auf, während die andere den Briefkasten leer räumte.

„Geliebter Warren,

wenn du diese Zeilen liest, kommst du sicher gerade aus der Uni und wirst dich fragen, wo ich bin. Ich hätte es dir gestern Abend sagen müssen, doch ich konnte nicht. Ich war glücklich, in deinen Armen zu liegen, von dir geliebt zu werden. Ich konnte dir einfach nicht sagen, dass es meine letzte Nacht in Deutschland war. Mein Flug ging heute 13:28 und ich musste meine Sachen noch zusammenpacken.

Wenn du magst, ruf mich doch mal an, meine Nummer hast du im Handy, ich habe sie eingespeichert, als du im Bad warst. Ich würde mich freuen, von dir zu lesen … oder zu hören ...

Ich liebe dich, Saladin …“



„Du Arschloch, du“, knurrte ich nur und knüllte das Papier zusammen. Hatte der Mistkerl doch wirklich den Schneid, sich zu verpissen, aber zu behaupten, er würde mich lieben. Drauf geschissen, aber wirklich. Wenn er mich geliebt hätte, würde er mich nicht leiden lassen wie einen Hund!

Im nächsten Augenblick durchzuckte ein Schmerz meinen Körper und ich registrierte erst jetzt, dass ich meine Faust vor mir in die Hauswand geschlagen hatte. Ein wenig des morschen Anstriches bröckelte zu Boden, doch daran konnte ich mich nun wirklich nicht stören – Saladin war weg! Dieser kleine, miese Drecksack hatte sich einfach aus dem Staub gemacht, mir den Kopf verdreht und das Herz geklaut und sich dann mit seinen Habseeligkeiten aus dem Staub gemacht. „Verlogene kleine Ratte!“

Ich hatte selber keinen Schimmer, wie lange ich noch fluchend im Hausflur stand, wie oft ich den Brief, den ich zerknüllt hatte, noch geglättet, gelesen und wieder zerknüllt hatte. Aber als ich das Flurlicht einschalten musste, um die Buchstaben zu erkennen, ging auch mir auf, dass ich die Zeit vielleicht besser vertun konnte, als hier zu stehen und die Wand zu drangsalieren.

Also lief ich die Stiegen nach oben, schloss meine Wohnung auf und ließ mich rücklings auf die Couch fallen, zuckte kurz hoch, weil ich mich wohl auf mein Telefon gesetzt hatte und ließ mich wieder fallen, als ich es rausgezogen hatte. In der Hand wiegend betrachte ich das Display und fing langsam an, im Adressbuch zu blättern.

… A … B … C … Unter M wie Modasayas fand ich ihn nicht, also blätterte ich weiter bis S – da stand er. Saladin. Eine seltsame Zahlenkombination, die mich keine Rückschlüsse darauf ziehen ließ, ob es nun ein Festnetzanschluss war oder Saladins Handy. Sicher hatte Saladin ein Handy, wenn so ein Straßenköter wie ich schon eines hat, musste Saladin doch mindestens auch eines haben.

Und warum machte ich mir darüber eigentlich noch Gedanken – er war weg! Und er kam nicht zurück, Rachid hatte es doch selber gesagt.

Mein ganzer Abend bestand eigentlich nur daraus, dass ich durch meine Wohnung lief, Rillen in den Teppich trat und immer wieder die Nummer wählte, aber auflegte, noch ehe zu ende gewählt worden war. Was sollte ich denn schon sagen? Anbrüllen wollte ich ihn eigentlich nicht, dazu mochte ich Saladin zu gern, und seine Stimme hören? Eigentlich auch nicht, weil ich wusste, wenn ich auflegte, war ich wieder allein.

So ließ ich es irgendwann sein und kroch, unverrichteter Dinge wie duschen oder essen, einfach ins Bett. Ich klappte die Couch nicht aus, sondern rollte mich nur auf dem Zweisitzer zusammen. Langsam war mir alles egal – das erste Mal im Leben war ich so richtig verliebt, mit allem drum und dran und dann verließ er mich einfach? Ließ mich zurück, mit diesem widerwärtigen Ziehen in der Brust und dem Stechen im Bauch?

Warum denn?

***

Die nächsten Tage waren nicht wirklich besser, ich schleppte mich zwar noch zu den Vorlesungen, aber Iris ging ziemlich schnell auf, dass ich nicht mehr zu gebrauchen war. Ich baute fast täglich ab. Hätte mich nicht jemand zurückgerissen, wäre ich sogar vor eine Straßenbahn gelaufen. Wie gesagt, viel war mit mir nicht mehr los. Ich aß kaum noch, schlief sehr viel und nach drei Tagen hatte Iris die Nase mit mir voll und schleppte mich zum Arzt. Freilich schrieb der mich gleich für eine Woche krank, wegen Erschöpfungserscheinungen.

Iris reichte den Schein bei meinem Arbeitgeber ein und ich verzog mich in meine Wohnung. Ich wollte nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nur für mich alleine leiden.

Wie oft ich in dieser Zeit die Nummer von Saladins Anschluss gewählt und wieder aufgelegt hatte, wusste ich nicht, wohl zu oft. Mein Finger tat mir schon weh. Ich lag auf dem Bett, das Telefon neben mir und dieses Mal dämmerte ich wohl weg, anders konnte auch ich es mir nicht erklären, plötzlich Saladins Stimme zu hören, der besorgt nach mir rief.

Aber ich hielt es für einen Traum, antwortete ihm, erzählte ihm, wie sehr er mir fehlte, wie dreckig es mir ging und hörte ihn irgendwann weinen. Es war das erste Mal seit langem, dass ich von Saladin geträumt hatte, wie er ging. Wie er mich allein zurück ließ. Sonst waren meine Träume immer eine Zuflucht gewesen, ich fand mich in seinen Armen wieder, seine glühenden Augen blickten mich liebevoll an – doch dieses Mal ging er, ohne sich umzusehen.

Die nächste Erinnerung, die ich habe, war der Geruch von Äther und weichem Stoff auf Nase und Lippen. Sie brachten eine Leichtigkeit mit, die mich abheben ließ, mir Flügel verlieh und so presste ich mich tiefer … breitete die Flügel aus und ließ mich fallen, um mich aufsteigen zu lassen, so hoch, bis ich nichts anderes mehr spürte als die Hitze der Sonne, die meine Federn verbrennt.

Verbrenn mich, meine Wüstensonne, verbrenn mich!

***

Wie lange ich geschlafen hatte, wusste ich selbst nicht mehr, aber es musste länger gewesen sein als üblich. Als ich zu mir kam, hatte ich Probleme, mich zu orientieren, denn mein Schreibtisch war weg, mein kleines Zimmer war weg und als ich zum Fenster sah, war meine Aussicht, das dichte Grau des Berliner Himmels, auch weg.

Langsam setzte ich mich auf und fuhr mir verwirrt durch die Haare. Kurz nur schloss ich die Augen, dann öffnete ich sie wieder – doch das Bild vor meinen Augen blieb das gleiche. Ein Zimmer, so groß, dass man ein rauschendes Fest darin hätte feiern können, doch bis auf ein riesengroßes Bett mit einem Himmel aus blauer Seide, in dem ich saß, und einer Vielzahl bunter Kissen auf dem holzgetäfelten Boden, stand nichts darinnen.

Ein paar spanische Wände und ein paar Palmen. Das einzige, was mir fehlte, war eine Erklärung, wo ich war und warum ich war, wo ich war. Schlussendlich kam ich nicht umhin, mir selbst einzureden, ich wäre in einem Traum gefangen – mein Hirn hatte sich aus Saladins und Rachids Erzählungen einen Palast gebaut und in dem saß ich nun und wartete.

Mein Traum war sogar sehr großzügig zu mir, denn als ich mich nach einer sich öffnenden Tür umsah, trat Saladin ein. Er trug, wie bei unserem letzten Treffen, eine bestickte Stoffhose, die an den Fußgelenken gerafft war und dazu eine kurze, ebenfalls bestickte Jacke. Beides in einem blutigen Rot, das seine blasse Haut und seine hellen Haare noch mehr zu Geltung brachte. Ich starrte das Traumbild an und legte den Kopf schief, als er langsam näher kam.

„Du bist wach, wie schön“, murmelte das Traumbild und kam immer näher, beugte sich langsam zu mir und ich verlor keine Zeit. Meine Lippen griffen seine, meine Hände seine … und ehe sich der geträumte Saladin versah, lag er auch schon unter mir. Erst als ich die Hitze spüren konnte, die der fremde Körper ausströmte, als ich ihn riechen und schmecken konnte, wurde mir langsam klar, dass es kein Traum war – ich lag nicht mehr in meinem Bett. Wie auch immer, ich war bei Saladin!

„Katerchen“, murmelte ich leise und er lächelte mich sanft an, immer noch mit rot schattierten Wangen, weil er mit diesem Überfall wohl nicht gerechnet hatte. Ein Räuspern von der Tür her ließ mich auffahren und geschwind war Saladin wieder aus dem Bett, während ich die Decken um meinen nackten Körper fester zog. Rachid kam mit einem landesüblichen Gruß auf mich zu und reichte mir dann in europäischer Manier die Hand.

„Willkommen“, sagte er und ich verstand noch immer nicht. Er sah es mir wohl an, denn er nahm eines der Kissen und setzte sich vor das Bett. Selbst ich begriff, was für eine hohe Geste der Wertschätzung es war, wenn sich der Thronfolger zu meinen Füßen niederließ. Saladin setzte sich zu ihm, auch wenn es mir lieber gewesen wäre, er wäre zu mir gekommen und ich hätte mich an in schmiegen können.

Rachid erzählte von dem Telefonat vorgestern und wie aufgelöst sein Bruder gewesen wäre. Er hätte Tag und Nacht geweint und so hätte er eine Entscheidung gefasst, die über meinen Kopf hinweg passiert war. Er hatte mich entführen lassen. Kurz gab er mir die Zeit zu begreifen.

„Entführen?“, fragte ich etwas dümmlich nach, weil man so was ja eigentlich nur aus Filmen kannte. „So richtig? Ja, ich erinnere mich an den Geruch von Äther, kann das sein?“

Rachid nickte, lächelte, weil ich wohl nicht böse zu sein schien und erzählte weiter, wie ich ins Privatflugzeug seiner Hoheit gebracht worden war, wie man mich hier her geschafft hatte und wie Saladin nun alle zehn Minuten gucken gekommen war, wie es mir wohl ginge. Dabei wurde der kleine Wüstenkater so niedlich rot auf den Wangen, dass ich ihnen am liebsten die Hitze weggeküsst hätte, um meine eigene in sie zu pflanzen.

„Und nun bist du hier, gegen deinen Willen.“ Rachid sah mich ernst an, doch ich winkte nur ab. Im Augenblick war ich viel zu glücklich, wieder bei Saladin zu sein, als dass ich mir noch Gedanken darum machen konnte, ob ich hier sein wollte oder nicht. Alles was ich wollte war, dass Rachid sich verdrückte und ich mich mit Saladin etwas vergnügen konnte.

„Wir reden später“, erklärte er mit einem breiten Grinsen, als er sah, wie Saladin und ich immer wieder Blicke tauschten und ihm wohl gerade keiner, außer er selbst vielleicht, wirklich zuhörte. „Saladin, du weißt, wo du mich findest.“ Damit verschwand Rachid und ließ uns allein.

„Warren“, setzte mein Katerchen an und ich grinste. „Ach Mann, Saladin, hättest du mir gesagt, dass du weg musst, wäre ich nicht gegangen. Ich musste weg. Ich war drauf und dran mich zu verlieben und als ich zu Hause war, hab ich gemerkt, dass es zu spät war. Ich hatte mich schon verliebt und dann haust du einfach ab, ich hätte dich erwürgen können, weißt du das?“

„Ja“, murmelte er leise und setzte sich auf, krabbelte langsam auf das Bett zu und setzte sich auf die Kante. „Ja, ich weiß es. Ich habe dich am Telefon gehört, wie traurig du geklungen hast, wie verzweifelt. Es hat mir das Herz zerrissen und ich habe es bitterlich bereut, es getan zu haben“, gestand er mir leise und ich wusste nicht so richtig, ob ich nicht doch ein wenig beleidigt sein sollte. Er hatte es also bereut, sich mit mir eingelassen zu haben? Meine Blicke mussten wohl Bände gesprochen haben, denn er lächelte sanft. „Aber eigentlich bin ich froh, dass ich es gemacht habe und dass du jetzt hier bist.“

So verlegten wir sämtliche Diskussionen auf später und ich durfte Saladin endlich wieder spüren, küssen, in den Armen halten und feststellen, dass ich mit ihm erst vollständig war.

***

„Wie lange willst du bleiben?“, fragte Rachid, während er mir Tee einschenkte. Ich wurde frisch eingekleidet und trug nun das gleiche Gewand wie er auch, ein weißes, weites, bodenlanges Hemd und eine traditionelle Kopfbedeckung. Saladin saß neben mir und grinste immer wieder zu mir rüber.

„Hm“, machte ich auf seine Frage hin und war doch eigentlich entschlossen, ganz hier zu bleiben. Zuhause hielt mich nichts. Aber hier hatte ich nichts. So erklärte ich es auch Rachid und merkte, wie Saladin neben mir immer wieder murmelte, irgendwas auf Arabisch, was ich nicht verstand und Rachid nicken ließ.

„Katerchen, wie wäre es, wenn du schon redest, dass ich es auch verstehen kann?“ Denn langsam ging es mir schon etwas gegen den Strich, dass ich hier saß und nicht wusste, was um mich herum passierte.

„Nun“, klärte mich Rachid auf und nahm einen Schluck von seinem heißen süßen Tee. „Ihm wäre es am liebsten, du bleibst.“ Na ja, dafür hatte ich keine Übersetzung gebraucht, um das zu wissen. Mir ging es ja nicht anders. Aber mittellos, ohne meine Papiere in einem fremden Staat? Ich hatte keinen Abschluss, keinen Job. Was sollte ich denn machen?

„Wenn das deine einzigen Sorgen sind? Mit Geld ist alles machbar“, lachte Rachid. Na, der hatte ja gut reden. Sah ich so aus, als hätte ich Geld? Oder sah ich so aus, als würde ich mich aushalten lassen wollen?

„Nun, du solltest eines wissen. Kein Fremder hat diese Oase zu betreten. Sie ist das Herrschaftsgebiet meines Vaters, sie wird meines werden und ich werde seine Traditionen fortführen. Wenn du zurückgehst, kannst du nicht noch einmal hierher kommen. Er empfängt keine Gäste.“ Ich starrte Rachid ziemlich entgeistert an. Was sollte das denn?

„Und was bin ich gerade?“ Meine Verwirrung war augenscheinlich.

„Eine geraubte Braut im traditionellen Sinne.“ Rachid lachte und mir war alles andere als zum Lachen. Ich war bitteschön was? Eine Braut? Geraubt? Hallo?

„So rein theoretisch gesehen“, beschwichtigte mich Saladin, aber komischerweise beruhigte mich das kein bisschen. „Der Haken an der Sache ist eben nur, dass du mich auch heiraten müsstest, um bleiben zu dürfen. Allerdings …“

„Na, ich glaube, dieses Opfer könnte ich gerade noch bringen. Aber meine Wohnung, mein Studium ... ich habe einen Job, wo sie auf mich zählen. Mein Handyvertrag läuft. Da sind so viele Dinge“, fing ich an aufzuzählen und zog unbewusst Saladin auf meinen Schoß, der sich erst versteifte und sich dann doch zusammenrollte und sich von mir den Bauch streicheln ließ, wie ein großer zufriedener Kater.

„Ich bot dir eben schon einmal an: wir kümmern uns um alles. Wir werden dich sterben lassen, das macht die wenigsten Umstände. Neue Papiere sind kein Problem.“

„Bitte?“, brachte ich keuchend vor und Saladin kicherte leise.

„Wir bringen dich nicht um. Wir sorgen einfach in Deutschland dafür, dass alle glauben, du seiest umgekommen. Da lässt sich schon was drehen – allerdings nur, wenn du wirklich dein Leben hier fristen willst. Die arabischen Universitäten sind nicht gerade schlecht, sie unterrichten teils auch in Englisch, du würdest also auch was verstehen. Und dein Bräutigam wird dir dein Studium schon bezahlen, damit du dann ein guter Ingenieur bist und mit monumentalen Bauten viel Geld verdienen wirst.“ Saladin drehte sich auf den Rücken und sah mich an, so als hätte er gewusst, dass ich ihm widersprechen wollte, doch seine Augen ließen mich schweigen. Alle Proteste in mir verstummten und in einer Sekunde auf die andere warf ich mein altes Leben über Bord.

„Dann lasst mich sterben – lasst mich sterben, um zu leben.“

_.o0o._

Ich erinnere mich an diese Worte, als wäre es gestern gewesen, dass ich sie zu Rachid sprach, als ich beschloss, mein altes Leben hinter mir zu lassen und zusammen mit meinem Prinzen im warmen Sand der Wüste eine neue Heimat zu finden. Erstaunt war ich über Scheich Abdul, Saladins Vater. Ich hatte mit Widerstand gerechnet, aber wie Rachid auch, so tat er wohl alles, um seinen Jüngsten glücklich zu sehen. Er störte sich nicht daran, dass ich keine Frau war, aber er verordnete die Ehe, die Legitimation unserer Beziehung.

Getraut wurden wir gestern, aber nun entschuldigen Sie mich, mein Gemahl verlangt nach mir.

So erhebe ich mich und lasse die weichen Vorhänge zufallen, ehe ich mich in die weichen Pfoten meines Wüstenkaters begebe, jeder Zentimeter ein wahrer Prinz, ein edler Kater, meine einzige Liebe …