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Buttertoast Teil 1 bis 4

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- Die schlimmste Unfähigkeit ist die Zahlungsunfähigkeit. -
Curt Goetz (1888 - 1960), deutscher Bühnenschriftsteller, Schauspieler und Regisseur
 
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Kapitel I – Ein Unfall mit Folgen   

Alexei Buchert wachte noch vor dem Klingeln des Weckers auf. Er musste sich nicht erst umschauen oder in den Raum hineinhorchen, um herauszufinden, was ihn auch an diesem Morgen noch vor der eingestellten Uhrzeit aus dem Schlaf gerissen hatte. Er wusste es genau. Es war nicht etwa das helle Sonnenlicht gewesen, das ungehindert durch seine nur halb heruntergelassene Jalousie auf sein Gesicht schien und seine sanft gebräunte Haut leicht kribbeln ließ.
Auch nicht das laute Bellen des Nachbarhundes, das wild und aggressiv durch die Straßen schallte und das er erst jetzt so richtig wahrnahm.
Nicht das Klappern der Fensterläden am Haus gegenüber oder das Hupzeichen des Busses an der Haltestelle.
Nein, es handelte sich um ein vollkommen anderes, nichtsdestotrotz nervtötendes Geräusch: Das Quietschen der Sprungfedern im Bett seines besten Freundes.
Alexei stöhnte enerviert, drehte sich schwungvoll auf die andere Seite und zog sich das Kissen über den Kopf. Er musste sich in einem Albtraum befinden, anders konnte er sich diesen Wahnsinn allmählich nicht mehr erklären – selbst zu seinen wildesten Pubertätszeiten war er nicht so auf Sex versessen gewesen wie Arian und Martha! Wie konnte man nur schon wieder miteinander schlafen, wenn man doch vor gerade mal zwei Stunden erst damit aufgehört hatte? In der kurzen Ruhepause zwischen ‚letzter Nacht` und ‚heute Morgen` hatten sie ja nicht mal Zeit für eine vernünftige Tiefschlafphase gehabt. Wie hielten die das nur durch? Seit letztem Donnerstag kamen sie kaum voneinander herunter, und wenn der Kalender nicht spann, hatten sie inzwischen wieder Montag. Waren Petting und Sex neuerdings dermaßen ruhig und entspannt, dass man sie den ganzen Tag praktizieren konnte oder die Beiden einfach nur so schlecht, dass sie regelmäßig üben mussten? Der junge Mann seufzte tief und rieb sich unter dem Kissen die Augen.
Wenn er genau darüber nachdachte, wollte er es eigentlich gar nicht wissen...
Tatsache war, dass er Dank dieser Liebesmonster wieder einmal kaum Schlaf bekommen hatte und müder war als je zuvor, und das inbrünstige Stöhnen, das jetzt auch noch durch die Wohnung drang und wohl Marthas Gunstbezeugung an Arians Künste sein sollte, hob seine eh schon nur mäßige Laune auch nicht gerade an.
- Tolle Art, den Tag zu beginnen... -
Mit einem Seufzen setzte er sich auf und streckte seine Glieder. Es half ja nichts – wenn er sich davon jetzt die Stimmung verderben ließ, würde er heute den ganzen Rest der Zeit schlecht drauf sein, und eigentlich wollte er das weder sich noch seiner Umgebung wirklich antun. Also schwang er kurzentschlossen die langen Beine aus dem Bett und zog zunächst die Jalousien hoch, um das Fester zu öffnen. Ein Schwall herrlich frischer Frühlingsluft durchströmte daraufhin sein Zimmer und ließ ihn einen tiefen Atemzug nehmen. Oh ja, so fühlte man sich gleich viel besser!
Mit einem Lächeln lehnte er sich auf seine Fensterbank und schaute hinaus auf die vielen kleinen Schrebergärten, die er von seinem Zimmer aus sehen konnte. Er wünschte, zu seiner Wohnung würde auch so ein kleines Stück Land gehören. Dann könnte er so einen wunderschönen Kirschbaum dort pflanzen wie den, der direkt unter seinem Fenster stand. Es war ein sehr altes, knorriges Gewächs mit reichlich Schieflage und mehreren Stützbalken, die den Baum halten mussten, weil er sonst umkippte, aber für Alexei war es ein Ort zum Träumen.
Die unzähligen kleinen, zartrosa Blüten wiegten sich leicht im lauen Morgenwind, und die kräftigen, grünen Blätter tanzten darauf wie Federn auf dem Wasser, auf und ab, frei und unbekümmert. Er wusste noch, wie er sich nach seinem Einzug hier immer vorgestellt hatte, einmal in den Ästen zu sitzen und zu lesen, ganz entspannt. Sicher ein tolles Gefühl. An dem dicken Stamm vorbei flogen die feinen Samenkörner der Pusteblumen durch die Luft an ihren winzigen, weißen Fallschirmen, segelten langsam zur Erde, um neuen, sonnengelben Löwenzahn sprießen zu lassen, der das Auge des Betrachters erfreuen sollte. Flieder in den verschiedensten Farben sandte seinen schweren Duft zu ihm herüber und hinterließ eine süße Trägheit in seinen Gliedern, die ihn sofort wieder schläfrig machte. Durch die halb geschlossenen Lider blinzelte er gen Himmel, der sattblau und nur durchzogen von einigen wenigen Wolkenfetzen einen heiteren, warmen Tag versprach.
Ein wirklich atemberaubender Morgen...
Er seufzte erneut und richtete sich auf. Einen letzten Blick zu den vielen blühenden Blumen, Büschen und Obstbäumen werfend, wandte er sich ab. Träumen konnte er ein anderes Mal, jetzt hieß es erst einmal, sich anzuziehen.
Nicht mehr ganz so mürrisch aber noch ziemlich erschöpft schleppte er sich aus seinem kleinen Zimmer in das ebenso winzige Bad und schloss die Tür hinter sich ab. Er vermutete, dass sein Spiegelbild genauso scheußlich aussah, wie er sich nach dem Aufwachen gefühlt hatte, daher vermied er es, näher hinzusehen. Er wusste ja sowieso, was er zu Gesicht bekommen würde: Einen schlanken jungen Mann von etwa 21 Jahren, braune Haare, braune Augen, Waschbrettbauch.
Er schmunzelte. Zumindest auf letzteren war er richtig stolz – kostete ihn ja auch jeden Morgen etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde für Sit-Ups, doch heute hatte er keine Lust. Ein bisschen Faulheit tat auch mal gut. Statt dessen widmete er sich der Morgentoilette. So unausgeschlafen wie heute war er schon länger nicht mehr gewesen, aber zumindest sein Humor schien noch nicht ganz flöten gegangen zu sein, denn er erwischte sich dabei, wie er sich die Zahnbürste im gleichen Rhythmus wie Marthas Lustschreie in den Mund schob, die inzwischen deutlich vernehmbar durch die Wohnung schallten. Er grinste schief und spülte sich eilig den Mund aus, dann wusch er sich mit kaltem Wasser das Gesicht, um wenigstens halbwegs wach zu werden.
Nützte eher wenig...
Während er in seiner ausgewaschenen Jeans in die Küche schlurfte, zog er sich sein weißes T-Shirt über und griff im Vorbeigehen nach der Zigarettenschachtel, die er am Abend zuvor praktischerweise auf dem Kühlschrank deponiert hatte. Nicht, dass das so von ihm geplant gewesen wäre, aber das kümmerte ihn im Moment reichlich wenig, Hauptsache, er hatte erst einmal etwas zu rauchen. Er steckte sich einen Glimmstängel an, setzte Kaffee auf und versuchte dabei so gut wie möglich Arians lüsternes Grunzen zu ignorieren, das man selbst hier noch eindeutig hören konnte – zwei Zimmer weiter. Missbilligend schüttelte Alexei den Kopf.
„Wie die Tiere...also wirklich!" Er griente. Irgendwie musste er im Zusammenhang mit Arian an einen brunftigen Elch denken. Er hob seine rechte Augenbraue. Fragte sich bloß, warum ein stolzer Elch mit einer verblödeten Ziege schlief...
Sofort bekam er ein schlechtes Gewissen. Martha und er hatten bekanntermaßen keinen sehr guten Stand, dennoch sollte er nicht immer so schlecht über sie denken. Sie konnte sicher auch ganz nett sein, wenn man sie richtig behandelte. Er schüttelte den Kopf. Leider hatte er keine Ahnung, was genau er unter ‚richtig` zu verstehen hatte. Nun, das würde sich bestimmt irgendwann noch ergeben. Sie wohnte ja gerade mal seit einem knappen Monat bei ihm und seinem Freund, man musste sich eben erst aneinander gewöhnen.
Einen großen Becher heißen Kaffees in der Hand, ging er die drei übrigen Stockwerke des Miethauses hinunter und holte die Zeitung aus dem Briefkasten. Sie war ein bisschen feucht, was ihn vermuten ließ, dass es über Nacht geregnet haben musste, jetzt allerdings war davon kaum noch etwas zu sehen. Wieder zurück in der Wohnung steckte er ein Stück Weißbrot in den Toaster und setzte sich an den Küchentisch, sah kurz auf, als Arian und Martha offensichtlich ihren Höhepunkt erreichten und schlug dann entspannt die Zeitung auf. Den Beiden war wirklich nicht mehr zu helfen...
Wie immer standen auf der Titelseite nichts als Terrormeldungen, ob es nun ein neuer Selbstmordanschlag auf Touristenattraktionen war, ein weiteres Busunglück einer Reisegruppe oder die Nachricht, dass die derzeitige Regierung noch immer im Land das Sagen hatte...
Alexei nahm den fertigen Toast vom Röster und holte Butter, Salami und Käse aus dem Kühlschrank, während er weiter die größten Artikel grob überflog. Er hatte gerade ein Messer aus der Besteckschublade genommen und wollte anfangen, sich sein Frühstück zu machen, als ihn ein schriller Aufschrei von der Küchentür her erschrocken zusammenfahren ließ. Verwirrt starrte er auf Martha, die – nur in ein winziges Handtuch gehüllt und völlig zerzaust – im Rahmen stand und ihn entgeistert angaffte. „Alexei!", rief sie erstaunt und zeigte mit dem Finger auf ihn, als wäre er das neueste Kinoplakat. „Was tust DU denn hier?" Dieser zog die Stirn kraus.
„Tut mir ja leid, wenn ich so unscheinbar bin", antwortete er trocken. „Aber auch, wenn du es noch nicht bemerkt hast: Ich WOHNE hier..." Martha holte scharf Luft und blähte beleidigt die Wangen auf.
„Das weiß ich selbst, du gehirnamputierter Idiot!", keifte sie. „Was ich meine ist, warum du noch immer hier herumhängst und nicht längst in der Uni bist?" Alexei strich sich nachlässig eine seiner braunen Haarsträhnen aus dem Gesicht und schaute sie verständnislos an.
„In der Uni? Meine Vorlesung beginnt doch erst um neun." Er sah hinauf zum Zifferblatt der alten Kuckucksuhr, die Arian und er bei ihrem Einzug vor einem knappen Jahr über dem Herd angebracht hatten. Es war gerade mal zehn vor acht.
„Und was glaubst du, wie spät wir es haben, Dummbeutel?", fragte Martha und konnte ihre Missbilligung für ihn kaum verbergen. „Es herrscht SOMMERzeit..." Alexeis Augen weiteten sich. Er spürte, wie ihm das Messer aus der Hand rutschte, aber seine Reflexe schienen noch zu schlafen. Mit einem Klirren ging das Metal zu Boden. Martha hatte Recht! Am Wochenende waren ja die Uhren umgestellt worden, von Winter- zurück auf Sommerzeit und damit eine Stunde vor. Also war es nicht zehn vor acht, sondern kurz vor neun!
„Oh, Scheiße!" Wie ein Turmspringer bei der Schraube wirbelte Alexei herum und rannte an der kreischenden Frau vorbei in sein Zimmer, die mit einem gezielten Griff gerade noch verhindern konnte, dass sich ihr Handtuch von ihren Brüsten verabschiedete. So schnell er konnte, schmiss er seine Studienunterlagen in seinen Rucksack, warf Block und Federmäppchen hinterher und hastete zurück in den Flur. Dabei fegte er fast Arian von den Füßen, der gerade schlaftrunken und mit noch ziemlich kleinen Augen zum Badezimmer getapst war und ihn jetzt verblüfft anstarrte.
„Nanu, Alexei? Müsstest du nicht längst in der Uni sein?" Dieser antwortete nicht, denn er hatte den Ärmel seiner Jacke im Mund, während er versuchte, sich möglichst beide Schuhe gleichzeitig anzuziehen, um Zeit zu sparen – was sich als nicht ganz einfach herausstellte. „Habe ich ihn auch schon gefragt", meldete sich Martha abermals zu Wort und gesellte sich – wieder fester in ihr Handtuch gehüllt – zu ihrem Freund. „Aber anstatt mir eine vernünftige Auskunft zu geben, ist er gleich frech geworden..." Alexei warf ihr ob des schnippischen Tonfalls einen wütenden Blick zu, doch das Mädchen ignorierte ihn.
„Ich verstehe sowieso nicht, wie du mit so einem... Lumpen zusammen wohnen kannst", moserte sie und strich sich betont langsam die langen Haare aus der Stirn. „Er nervt doch eh nur herum. Am besten wäre es, wenn du ihn raus-..." Arian unterbrach sie, indem er ihre Schulter tätschelte und hastig versuchte, eine versöhnliche Stimmung zu vermitteln.
„Na, na, na – du sollst dich doch nicht immer mit ihm streiten..." Martha grollte und verzog die Lippen zu einem Schmollmund.
„Wieso ich? ER fängt doch immer an!" Alexei verdrehte die Augen und eilte zurück in die Küche, als das Mädchen eine detaillierte Ausführung darüber begann, warum es besser wäre, wenn Arian und er getrennte Wege gingen. Wenn es einen Menschen auf der Welt gab, der ihn mehr nervte als Martha, dann war es Martha, wenn sie schmollte. Etwas dermaßen Kindisches hatte er wirklich selten erlebt...
Ihr Gemecker und Gezeter einfach übergehend, schmierte er sich schnell den kleinen Rest Butter aus der Glocke auf den Toast, steckte sich diesen zwischen die Zähne und wetzte – die Jacke in der Hand – wieder in sein Zimmer. Mit der noch halb geöffneten Tasche unter dem Arm stolperte er an Arian vorbei, den er noch kurz mit einem bedauernden Blick bedachte, weil er sich jetzt den ganzen Tag Marthas Schimpftiraden anhören durfte, und hastete die Treppen hinunter. Unten angekommen schaute er auf seine Armbanduhr und fluchte innerlich, denn es war inzwischen drei vor neun und zur Universität benötigte er mindestens zehn Minuten, auch wenn er noch so schnell rannte.
Den Anfang der Vorlesung würde er also auf jeden Fall verpassen.
- Verdammt! - fluchte er. - Gerade heute! Wir wollten doch den Stoff für die nächste Prüfung noch einmal wiederholen. Wenn ich den Schein für Telekommunikationstechnik wieder nicht bekomme, fliege ich noch aus dem Studium! -
Wäre Arian nicht noch halb nackt gewesen, hätte er diesen gefragt, ob er ihn mit seinem Wagen zur Universität hätte bringen können. Der blonde Mann fuhr zwar nur einen geradezu steinalten Polo, aber für ein paar kurze Strecken in der Woche reichte es.
Alexei seufzte wieder. Wie sehr vermisste er jetzt schon die Zeiten, in denen er und sein Kumpel zusammen schlafen gegangen und auch gemeinsam aufgestanden waren. Er hatte die Anwesenheit des schlanken Jungen mit den tiefblauen Augen stets genossen, auch wenn sie kaum Gemeinsamkeiten aufwiesen. Arian war ein sehr lebhafter Charakter, laut und ungestüm, eigentlich das genau Gegenteil zu ihm selbst. Er
war längst nicht so schüchtern wie Alexei, lebte einfach in den Tag hinein und wusste sein gutes Aussehen den Mädchen gegenüber zu seinem Vorteil zu nutzen. Auch Martha war seinem Charme schnell erlegen, und so sehr es Alexei auch zu schaffen machte, weil er das Mädchen nicht leiden konnte – hübsch war sie. Hüftlanges, rotblondes Haar, sehr feine, sinnliche Gesichtszüge, eine nahezu perfekte Figur. Er konnte schon verstehen, dass sie den Männern gefiel, zumindest vom Aussehen her. Aber ihr Charakter – oh Gott! Unbeherrscht, egoistisch, vorlaut. Nein, sie war definitiv nichts für ihn. Aber das zählte ja auch nicht. Hauptsache, sie machte Arian glücklich, und das schien sie zu tun, also sollte er sich wohl darüber freuen.
Er bog aus der Seitenstraße, in der er wohnte, in eine kleine Gasse ein, die er bei einem seiner Streifzüge durch die Gegend als Abkürzung für sich entdeckt hatte und bemühte sich, sein Tempo noch ein wenig zu steigern. Das Weißbrot in seinem Mund erschwerte ihm jedoch das Atmen, sodass er schon nach wenigen Metern Seitenstiche bekam.
- So ein Mist! -
Informatik zu studieren war wirklich kein leichtes Brot, aber Alexei hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, Programmentwickler zu werden und verflucht noch mal, er würde diese Sache jetzt auch durchziehen. Leider war das nicht so problemlos, wie er es sich am Anfang des Studiums erhofft hatte. Als sich seine Eltern in der Endphase ihrer Scheidung befunden hatten, waren Alexei die Dinge zuhause allmählich zuviel geworden und so hatte er irgendwann beschlossen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sozusagen als Eigenversorger.
Also war er jeden Morgen losgezogen, hatte nach langen ‚Ermittlung` einen Nachmittagsjob in einer Bücherei und eine Wochenendstelle in einer Bar ergattern können und war auf der Suche nach einer Wohnung mit seinem Sandkastenfreund Arian zusammengestoßen, der sich für die gleiche Wohnung wie er interessiert hatte. Statt jeder einzeln umzuziehen, waren sie nach einem erneuten Treffen zu der Einigung gekommen, sich gemeinsam eine Wohnung zu nehmen und dann kurzerhand in eine Mini-WG gezogen. Was auch wunderbar funktioniert hatte – bis Martha aufgetaucht war. Mit ihrer einnehmenden, herrischen Art zerstörte sie jede mal da gewesene Harmonie und so sehr ihn das auch nervte, es war fast schon bewundernswert, wie sie es immer wieder schaffte, alles so hinzudrehen, als wäre ER derjenige, der nur Zank und Streit verbreitete.
Es würde wirklich nicht leicht werden, Frieden mit ihr zu schließen.
- Egal, irgendwann werde ich es schon schaffen. -
Er überquerte mit wehenden Haaren den Bürgersteig der Jasperallee und rannte über den Asphalt. Wieder sah er auf die Uhr. Eine Minute vor Neun. Das würde er niemals schaffen. Gerade, als er auf Höhe der Straßenbahnschienen war, bog plötzlich aus einer anderen Gasse ein blauer Golf in die Allee ein. Alexei sah den Wagen aus den Augenwinkeln, die viel zu Hohe Geschwindigkeit, mit der dieser auf ihn zuraste. Er wollte noch stoppen und zurückspringen, doch es war schon zu spät. Das Quietschen der Reifen erfüllte seine Ohren, weil der Fahrer des Golfs heftig auf die Bremse trat, und dann ein dumpfer Knall, als sein Körper ungeschützt auf die dunkle Motorhaube prallte. Ein scharfer Schmerz durchzuckte seinen rechten Arm, dann spürte er, wie er von der Wucht des Aufschlags zur Seite geschleudert wurde.
Fast wie in Zeitlupe kippte er nach hinten.
Alexei erkannte über sich den Himmel, blassblau und von vielen, feinen Wolkenfetzen durchzogen, genau wie nach dem Aufstehen, einen Schwarm Vögel, der über ihn hinwegflog. Als er sich fast in der Wagerechten befand, erblickte er auch die Baumkronen der Seitengasse, durch die er gerade gehastet war. Wieder fühlte er einen starken Schmerz, diesmal im Hinterkopf, und auf einmal kam es ihm so vor, als würde irgendetwas in seinem Schädel explodieren.
Dann wurde es dunkel. Und still.

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„Alles nur halb so wild." Der Stationsarzt klappte den Untersuchungsbericht zu und blickte noch einmal auf seinen neuen Patienten, der jetzt ruhig schlafend vor ihm auf dem Krankenbett lag.
„Die Betäubung wird noch eine Weile andauern, obwohl er sie eigentlich gar nicht gebraucht hätte. Die Hand ist zum Glück nur stark verstaucht und die aufgerissene Haut heilt mit der Zeit von selbst. Der Blutverlust war erfreulicherweise längst nicht so hoch, wie es zunächst den Anschein hatte." Er wandte sich der Krankenschwester zu und drückte ihr die Papiere in die Hand.
„Bitte veranlassen Sie, dass Herr Buchert auf eines der Zimmer verlegt wird. Wir behalten ihn heute noch zur Beobachtung hier." Die Schwester nickte, dann fuhr sie den Patienten aus dem Raum.
Dr. Mehnert drehte sich um und betrachtete erneut den jungen Mann, der den Verletzten vor einer halben Stunde ins Krankenhaus gebracht hatte. Es war ein etwa 1,90 m großer, schlanker Sportler in kurzer Trainingshose, einem leichten Pullover und Turnschuhen. Obwohl die Kleidung nicht eng anlag, ließ sie deutlich die gut ausgeprägte Muskulatur darunter erkennen, und auch die Körperhaltung drückte eine nicht zu unterschätzende Stärke aus. Vom Alter her schätzte er den Schwarzhaarigen irgendwo zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Jahren ein, also in etwa gleich mit diesem Alexei und nur wenig jünger als er selbst. Seine Gesichtszüge waren ebenmäßig und gut geschnitten, mit einem etwas unnachgiebigen Zug um die vollen Lippen. Er stand am Fenster, hatte die Arme verschränkt und schaute ausdruckslos in den Morgen, die stahlgrauen Augen starr ins Nichts gerichtet.
„Und Sie wissen wirklich nicht, wer der Fahrer des Wagens war, der den Jungen erwischt hat?", fragte der Arzt und riss den Mann so aus seinen Gedanken. „Nein, das habe ich der Schwester ja bereits gesagt." Der Fremde strich sich mit einer beiläufigen Handbewegung eine Falte aus dem Pulli und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Fensterrahmen. „Ich fand ihn nahe der Straßenbahnschienen, als ich auf meiner täglichen Joggingtour war." Dr. Mehnert nickte langsam.
„In Ordnung, dann wäre das erst mal alles für heute. Bitte hinterlassen Sie Ihren Namen und Ihre Adresse für das Protokoll an der Information, bevor Sie gehen." Der junge Mann durchquerte das Zimmer und öffnete die Tür.
„Oh, und noch etwas..." Der Blick seiner schimmernden Iriden heftete sich fragend auf die grünen Augen des Mediziners.
„Er würde sich bestimmt freuen, wenn sein ‚Retter` ihn besuchen würde. Er hat nämlich keine Verwandten in der Nähe und auch keine Freundin, soweit wir das feststellen konnten..." Der Junge schaute ihn kurz an, dann warf er die Tür hinter sich ins Schloss. Dr. Mehnert seufzte tief. Was für ein merkwürdiger Typ...

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Alexei dämmerte vor sich hin. Seit Stunden kämpfte er schon mit seiner Müdigkeit, und jedes Mal musste er eine neue Niederlage einstecken, die ihn zurück in die Welt zwischen schlafen und wachen schickte. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren, wusste nur noch, dass sehr viel Zeit vergangen sein musste, denn auch, wenn er seine Augen einmal für einen kurzen Moment öffnete, sah er nur dämmriges Licht um sich herum, wie von der späten Nachmittagssonne.
Wärme hüllte ihn ein und sein Körper lag auf einem weichen Untergrund, was ihn vermuten ließ, dass man ihn in ein Krankenhaus gebracht hatte, obwohl er das mit Sicherheit natürlich nicht sagen konnte. Eigentlich interessierte es ihn auch gar nicht. Im Gegenteil hatte eine erschreckende Gleichgültigkeit von ihm Besitz ergriffen, die ihn völlig unbefangen mit den verschiedensten Gedanken spielen ließ – ob er überhaupt irgendwann wieder ‚richtig` aufwachen würde oder ob er gar in einem dieser merkwürdigen Wachkoma lag, von denen man so vieles in den Gesundheitszeitschriften las, gleich darauf hielt er das alles für Quatsch. Im einen Moment fühlte er sich erfrischt, glasklar und mit messerscharfem Verstand, einen Augenblick später war sein Geist dermaßen vernebelt, dass er nicht mal mehr wusste, was überhaupt mit ihm geschehen war und wer ihn hierher hergebracht hatte – wo auch immer ‚hier` war. Das Betäubungsmittel ließ ihn schließlich erneut einschlummern, als er diesmal von seinem Nickerchen aufwachte, fühlte er sich jedoch wach. Er öffnete die Lider einen Spalt breit und war erstaunt, einen hellgelben, spärlich mit Buchenholzmöbeln eingerichteten Raum zu erblicken. Im ersten Moment erkannte er nur einen Wandschrank, eine kleine Ablage und ein zweites Bett, das – direkt unter einem großen Fenster – neben seinem stand. Einige Bilder hingen an der Wand, Stillleben mit Äpfeln und Blumen darauf. Er schüttelte den Kopf, um ein bisschen klarer sehen zu können. Ohne Zweifel: Er musste sich im städtischen Krankenhaus befinden. Das Fußende seiner Liegstatt hatte sogar ein Schildchen – ‚Zimmer 312, Bett A: Alexei Buchner`. Er schmunzelte. Wie steril. Erinnerte ihn ans Leichenschauhaus. Nur dass das Schild noch am Bett hing und nicht an seinem großen Zeh... Plötzlich bemerkte er ein schweres Gewicht auf seinem linken Bein. Verwirrt stemmte er sich hoch und holte überrascht Luft, als er auf der Decke einen verwuschelten, schwarzen Haarschopf erkannte und einen offenbar dazugehörenden, muskulösen Oberkörper, der über seinen Schenkeln lag. Irritiert setzte er sich weiter auf und beugte sich zögernd vor.
Da lag ein junger Mann auf seinem Bett!
Noch dazu einer, den er überhaupt nicht kannte. Seine kurzen, dunklen Strähnen bedeckten in etwa Alexeis Knie, sein Kopf ruhte in der angewinkelten Armbeuge. Er trug einen Trainingsanzug und wirkte vollkommen entspannt.
Alexei kratzte sich am Kopf. Er überlegte kurz, ob er den aus Arztkrimis geradezu berühmten Knopf am Nachttisch drücken sollte, um eine Schwester herbeizuklingeln, entschied sich aber dagegen. Das konnte er später auch noch machen. Erst mal wollte er sich diesen fremden Typen genauer ansehen. Man hatte schließlich Interesse daran, den Täter genau beschreiben zu können, wenn man überfallen wurde und dann gerade noch so mit dem Leben davongekommen war. Machte es den Beamten leichter, den Schurken zu erwischen, falls er ihnen entkommen konnte.
........Gott, er schaute wirklich zu viel Fernsehen!
Alexei rutschte vorsichtig ein Stück auf der Matratze nach hinten, um besseren Halt zu haben und betrachtete dann das Gesicht des Fremden.
Ein recht attraktiver Mann, wie er zugeben musste: Gerade Nase, scharf geschwungene Augenbrauen, sonnengebräunte Haut. Eigentlich der Aufreißertyp, mit einem ungewöhnlich abweisenden Zug um die Mundwinkel, der ihn aber irgendwie besonders charismatisch wirken ließ. Die Augen des Schwarzhaarigen waren geschlossen, und der Junge erwischte sich dabei, wie er darüber nachdachte, welche Farbe sie wohl haben mochten. Bedächtig rieb der Braunhaarige sich das Kinn.
- Er schläft anscheinend... und was soll ich jetzt machen? -
Verunsichert kaute er auf seiner Unterlippe herum. Er wusste noch, dass er auf dem Weg zur Uni gewesen war und ihn dann wohl ein Auto erwischt hatte. Was danach passiert war, entzog sich jedoch vollständig seiner Erinnerung. Wer zum Teufel war der Kerl? Ein Passant? Oder gar der Fahrer des Wagens?
Gerade, als Alexei sich entschied, lieber doch eine Schwester zu rufen, bewegte sich der Schwarzhaarige. Er murrte leise und drehte sein Gesicht auf die andere Seite, dann hob er leicht den Kopf. Alexei atmete erschrocken ein und ließ sich hastig nach hinten fallen. Er hatte keine Ahnung warum, aber aus irgendeinem Grund erschien es ihm sinnvoller, sich schlafend zu stellen, also presste er seine Augenlider fest zusammen und blieb ganz ruhig liegen.
Er hörte, wie der Andere sich erneut bewegte. Der Geräuschkulisse nach zu urteilen streckte er sich wohl. Er gähnte einmal herzhaft und richtete sich dann auf. Einen Moment lang herrschte Stille, dann hörte er ein leises ‚Oh`... „So spät schon?" Alexei erschauerte. Der Fremde hatte eine angenehm dunkle, fast schon sinnliche Stimme. Überraschend spürte er die erhitzte Hand des Anderen auf seiner Wange, die sanft seine zarte Haut streichelte.
„Tut mir leid", vernahm er es leise. „Doch ich kann nicht mehr länger bleiben..." Er hielt die Luft an, als der Schwarzhaarige sich über ihn beugte, er dessen Atem an seinem Hals fühlte.
„Aber ich komme wieder, wenn du morgen noch immer alleine bist. Versprochen..." Ganz leicht nur, fast wie ein Windhauch, spürte Alexei plötzlich die Lippen des Unbekannten auf seinen. Er wagte es nicht, nach Luft zu schnappen, dennoch war er ehrlich erschrocken darüber. Sie waren warm und weich und lösten neben dem ungläubigen Erstaunen, von einem Mann geküsst zu werden, ein irritierend wohliges Gefühl in ihm aus, das er noch niemals zuvor gespürt hatte. Der fremde Mund lag sanft und fast schon behutsam auf seinem, schien diesen eher leicht zu streifen als wirklich zu liebkosen, obwohl der Schwarzhaarige seine Lippen an Alexeis bewegte. Er umfing den Mund des Verletzten noch ein weiteres mal, dann löste er sich von ihm und schlich leise aus dem Zimmer.
Alexei öffnete die Augen und starrte perplex an die Decke. Wie in Trance hob er seine rechte Hand und tastete vorsichtig über seine Unterlippe. Den dicken Verband an seinen Fingern bemerkte er nicht einmal. Er konnte einfach nicht glauben, was eben geschehen war, nur in Gedanken fortwährend den gleichen Satz wiederholen:
- Er hat mich wirklich geküsst... - 
 

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- Bei manchen Büchern sind die Anmerkungen und Erklärungen, die irgendein Leser an den Rand gekritzelt hat, interessanter als der Text selbst. -
Jorge Ruiz de Santayana y Borrás (1862-1952), spanisch-amerikanischer Philosoph und Schriftsteller
 
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Kapitel II – Irrungen, Wirrungen

„Und denk bitte daran, auch die Hintertür abzuschließen, wenn du gehst, mein Junge." Alexei nahm von Frau Liebmann den Schlüsselbund für die Bücherei entgegen und nickte lächelnd, während er seinen Unirucksack neben einem Stuhl abstellte.
„Keine Sorge, Frau Liebmann. Ich werde darauf achten, dass Ihrer Büchersammlung auch bestimmt nichts passiert." Er zwinkerte ihr zu, was die etwas rundliche Dame zu einem erheiterten Lachen veranlasste, dann schüttelte sie den Kopf.
„Ich hoffe, dass du heute keinen Stress bekommst", meinte sie und tätschelte seine Hand. „Aber Freitags ist ja normalerweise nicht sehr viel Betrieb." „Ich schaffe das schon, machen Sie sich keine Sorgen um mich." Er hob sein inzwischen nur noch mit einem Stützverband umwickeltes Handgelenk und grinste aufmunternd. „Die paar Bücher zu verstauen schaffe ich auch mit einer Hand, dann kann ich diese hier schonen." „Das ist gut, Junge", antwortete sie. „Dann mache ich mich nun auf den Weg. Bis heute Abend, Alexei." Sie steckte noch einige Unterlagen für den Buchhalter ein und verließ schließlich mit ihrer Tasche in der Hand den Raum. Alexei blieb am Empfangstresen der Bibliothek stehen und schaute ihr noch eine Weile nach.
Er konnte einfach nicht anders, als diese Frau zu mögen. Sie war die Inhaberin der Bücherei, in der er von Mittwoch bis Freitag jeweils am Nachmittag arbeitete und eine sehr freundliche und überaus höfliche alte Dame. Ursprünglich hatte das Gebäude mitsamt Inhalt ihrem Sohn gehört, doch als dieser frau- und kinderlos verstorben war, hatte sie sich trotz ihres kranken Herzens dazu entschieden, seinen Bücherverleih im Angedenken an ihn weiterzuführen. Und auch, wenn wegen der besseren Auswahl in der großen Stadtbücherei nicht mehr so viele Leute herkamen wie früher, machte ihr die Arbeit offenbar immer noch großen Spaß.
- Kein Wunder -, dachte Alexei. - Wenn man ganz allein lebt, braucht man eben Beschäftigung, denn ihr Mann ist ja auch schon länger tot... -
Außerdem passte sie irgendwie hierher. Sie hatte ein sehr liebevolles Wesen und war nicht so leicht hinters Licht zu führen, wie es auf den ersten Blick vielleicht den Anschein hatte. Obwohl sie schon über siebzig war... Wirklich eine sehr interessante und gebildete Frau.
Er grinste breit und wandte sich dann ab.
- Leider schon ein bisschen zu alt für mich... -
Alexei schnappte sich den kleinen Stapel der am Vortag zurückgegebenen Lektüre und ging die wenigen Treppenstufen zu den Leseecken und Bücherregalen hinunter. Tief atmete er den Geruch von altem Papier und Eichenholz ein. Er wusste nicht warum, aber in Bibliotheken hatte er sich schon immer wohlgefühlt, und diese hatte es ihm ganz besonders angetan. Sie war auf dem Dach eines vierstöckigen Kaufhauses errichtet worden, vom Trubel der hektisch durch die Gänge hetzenden Menschen war hier oben allerdings nichts zu spüren. Große Fensterfronten ließen ausreichend Licht in die wenigen Räume fallen, sodass man an den Tischen und Stehpulten gut lesen konnte; dennoch gab es auch überall schummrige Ecken, in denen man es sich auf einem der Sessel oder Sofas ungestört bequem machen konnte, denn die dicken Eichenregale warfen lange, dunkle Schatten auf Teppich und Wände. Das mochte er sogar besonders –sich gegen Feierabend, wenn kaum noch mit Besuchern zu rechnen war, mit einem Kakao oder Tee in so einer Sitzecke gemütlich hinlümmeln und im Licht der Lampenständer ein gutes Buch lesen. Einfach herrlich! Fehlte eigentlich nur noch ein romantisches Kaminfeuer, aber so etwas in einer Bücherei zu entfachen, war dann wohl doch keine ganz so gute Idee. Wenn man im hinteren Teil des Buchverleihs – also bei den Liebes- und Abenteuerromanen – aus einem der Fenster blickte, hatte man eine wunderschöne Aussicht auf den Stadtpark und damit zur Zeit auf ein Meer von Blumen und blühenden Ziergewächsen. Als er im Herbst angefangen hatte, für Frau Liebmann zu arbeiten, war der Anblick schon bezaubernd gewesen: Nussbäume, Holundersträucher und goldgelbe Farben wohin man sah, aber jetzt, mit all den schillernden Blau-, Rot-, Grün- und Gelbtönen, wirkte das Bild nahezu umwerfend. Manchmal fragte er sich, ob es Absicht war, das gerade die eher verträumten Bücher hier standen, denn wenn man auf die andere Seite des Raumes ging, fand man nur neuzeitliche Lektüre – Technik, Politik, Ingenieurwesen – mit Blick auf die von Glas- und Metallbauten geprägte Innenstadt. Er schmunzelte. Schade, dass man bei den wenigen Science Fiction - Romanen nicht ein kleines Teleskop aufstellen konnte, um die Sterne zu beobachten. Würde bestimmt Spaß machen, vor allem im Winter, wo es auch während der Öffnungszeit der Bibliothek schon dunkel wurde. Leider standen die paar Bücher, die Frau Liebmann zu diesem Thema besaß, eh nur in einem winzigen Regal ganz hinten in einer verstaubten Ecke, von da aus hätte man den Himmel also sowieso nicht betrachten können – ganz davon abgesehen, dass für so etwas auch kein Geld übrig war. Aber der Gedanke hatte schon was. Mit einem Seufzen machte er sich daran, die Bücher wieder in die dafür vorgesehenen Lücken einzusortieren. Jetzt war nicht die Zeit zum Träumen, sondern zum Arbeiten. Immerhin bekam er 15 Euro die Stunde, und dafür, dass er fast ausschließlich am Tresen sitzen und Lesekarten ausfüllen musste, war das eine super Bezahlung. Die meisten Kunden nahmen die Romane und Nachschlagewerke mit zu sich nach Hause, um sie dort zu lesen, und die wenigen Leute, die hier blieben, weil sie ein bisschen die beruhigende Atmosphäre der Bibliothek genießen wollten, waren auch genau das: ruhig. Er hatte also eine Menge Zeit, sich nebenbei auf anstehende Prüfungen vorzubereiten, und das gefiel ihm an diesem Nebenjob sehr. Er war wirklich ein Glückskind, dass ihn sein Weg auf der Suche nach Arbeit gerade zu Frau Liebmann geführt hatte. Auch, wenn sie manchmal ein bisschen zerstreut war...
Nachdem er mit dem Einordnen der Lektüre fertig war, ging er zurück zur Eingangstür und drehte das Blechschild daran von ‚geschlossen` auf ‚offen`. Dann setzte er sich an den Tisch hinter dem Tresen, packte seine Unterlagen aus und begann, ein bisschen für seinen nächsten Schein zu lernen. Technische Informatik stand auf dem Plan, und obwohl er sich recht fit in dem Thema fühlte, wollte er doch lieber nichts riskieren. Das Studium selbst zu finanzieren war teuer genug, wenn er es aber versiebte, würde er sich erst recht über das verlorene Geld ärgern. Er zog eine Flasche Mineralwasser aus dem Rucksack und legte einen Schokoriegel als Nervennahrung daneben, anschließend wandte er sich wieder seinen Notizen zu.
- Also: Auf geht's! -
 
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Die ersten Stunden krochen langsam wie eine Schnecke dahin. Erwartungsgemäß kamen nur sehr wenige Besucher, und die meisten von Ihnen kannte Alexei schon von früheren Tagen. Er blickte kurz auf, wenn sie die Bücherei betraten, trug die Romane, die sie ausleihen wollten, in ihre Karteikarten ein und machte sich dann gleich wieder daran, für den Informatikschein zu lernen.
Je länger er das tat, desto mehr ließ seine Motivation nach, also stand er zwischendurch immer mal wieder auf und ging ein paar Runden durch die Regalreihen, räumte herausgekramte Bücher zurück und stellte verschobene Stühle wieder an ihren üblichen Platz.
Er hatte noch etwa eine Stunde zu arbeiten und war gerade in einem der Nebenräume, um sich einen Tee aufzusetzen, als er von der Eingangstür her Geräusche vernahm. Irritiert, so spät noch Kunden begrüßen zu dürfen – immerhin war es schon kurz nach sechs –, zog er den Stecker des Wasserkochers wieder aus der Dose und begab sich zurück in den Empfangsbereich. Niemand war dort.
Alexei runzelte die Stirn. Hatte er sich verhört?
Er zuckte die Schultern. Musste wohl so gewesen sein...
Er wollte sich wieder umdrehen und zurück in die Küche gehen, als von einem der Bücherregale her ein leises Schaben an sein Ohr drang. Überrascht blickte er in die entsprechende Richtung. Außer ihm war doch gar keiner mehr hier? Oder hatte sich etwa jemand hereingeschlichen, als er kurz fort gewesen war?
Vorsichtig, um so wenig Laute wie möglich zu machen, näherte er sich der Regalreihe und drückte sich mit dem Rücken dagegen. Er zählte kurz bis fünf und spähte zögernd um die Ecke.
Im selben Moment klappte ihm die sprichwörtliche Kinnlade herunter.
Da war ER! Der Junge aus dem Krankenhaus mit den schwarzen Haaren! Alexei konnte es gar nicht glauben. Er stand vor den Studienbüchern in der Fachrichtung Biologie und blätterte entspannt in einer der neuesten Auflagen eines Buches über Genforschung.
Alexei blinzelte.
- Was zum Kuckuck macht der denn hier? -
Er musste unwillkürlich wieder daran denken, was der Fremde auf dem Krankenbett mit ihm gemacht hatte und wurde prompt rot, ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als der Mann aufsah und ihn fragend anblickte.
„Oh", machte er und ließ seine Lektüre sinken. „Es ist ja doch jemand hier. Ich hatte schon befürchtet, außerhalb der Öffnungszeiten gekommen zu sein..." Alexei schüttelte den Kopf. Also wenn der Typ erstaunt war, ihn hier wieder zu treffen, merkte man das auf jeden Fall nicht. Er schaute ihn an wie einen völlig Unbekannten...
„Ich war da hinten um mir einen Tee zu kochen." Der Schwarzhaarige folgte Alexeis ausgestrecktem Arm mit den Augen, grauen Augen, wie der Junge feststellte, dann schaute er ihn wieder an.
„Tut mir leid, wenn ich störe." Alexei ließ die Hand sinken und hob die Schultern.
„Du störst nicht." Der Fremde nickte, dann wandte er sich wieder seinem Buch zu. Alexei stand neben ihm und starrte ihn ungläubig an. Wie konnte dieser Kerl es wagen, einfach so zu tun, als wäre zwischen ihnen überhaupt nichts gewesen? Es war geradezu unverschämt, wie ruhig er nach und nach die einzelnen Seiten durchging und ihn dabei vollkommen ignorierte, nicht eines einzigen weiteren Blickes würdigte!
- Der knutscht wohl jeden Typen einfach ab, so normal, wie das für ihn zu sein scheint! -
Mit einem wütenden Schnauben drehte er sich um. Sollte dieser Blödmann doch machen, was er wollte!
Verärgert und schmollend stapfte er zurück in die Küche und setzte ein zweites Mal Teewasser auf. Was dachte er überhaupt noch über diesen Idioten nach? Wahrscheinlich hatte er ihn längst vergessen. Sein Versprechen war ja auch nur gewesen, sich erneut um ihn zu kümmern, wenn er am darauffolgenden Tag noch alleine war – was auch immer er damit gemeint hatte. Alexei war aber von Arian und Martha abgeholt worden, und trotzdem das Mädchen die ganze Zeit nur herumgenörgelt hatte, dass er ihnen ständig Stress machen würde, hatte er sich richtig gefreut, die Beiden zu sehen. Allerdings hatte sich das in den drei darauffolgenden Tagen wieder geändert. Diese Frau konnte einem das Leben wirklich zur Hölle machen mit ihren Launen!
Geistesabwesend legte er den Kopf schief. Obwohl er fast ein bisschen Angst davor gehabt hatte, der Fremde könnte zurückkommen und wieder irgendwelchen Unfug mit ihm anstellen, musste er zugeben, dass er auch ein wenig enttäuscht gewesen war, dass der Schwarzhaarige sich bis zu seiner Entlassung am Nachmittag nicht noch einmal hatte blicken lassen. Er war einfach neugierig geworden. Hatte wirklich dieser Typ ihn ins Krankenhaus gebracht? Und warum war er bei ihm geblieben?
- Er kannte mich doch gar nicht... oder doch? -
Er goss das Teewasser in die Kanne und stellte erst jetzt fest, dass er automatisch für zwei Leute gekochte hatte. Seufzend hängte er den Beutel hinein. Eben war er noch stinksauer auf diesen Kerl und im nächsten Moment machte er ihm Tee. Ihm war wirklich nicht mehr zu helfen...
Mit dem beladenen Tablett in der Hand kehrte er zurück in den großen Hauptraum der Bibliothek. Zu seiner Verwunderung hielt sich der Andere nicht mehr im „Natur und Wissenschaft"-Abschnitt auf, sondern saß jetzt mit einem Buch über den Zweiten Weltkrieg am Tisch neben der Theke und studierte konzentriert eine der langen Textpassagen. Als Alexei sich ihm näherte, zuckte er leicht zusammen und sah dann erschrocken auf. Alexei schmunzelte.
„Überrascht?" Der Fremde nickte, dann fiel sein Blick auf die verbundene Hand.
- Aha, er hat es also doch nicht ganz verdrängt. -
Alexei stellte das Tablett ab.
„Keine Sorge", meinte er. „Ist nur verstaucht." Er wollte ihm noch sagen, dass er dem Jungen dankbar war, von ihm ins Krankenhaus gebracht worden zu sein, doch dann wurde ihm klar, dass er ja eigentlich gar nicht wissen konnte, wer ihm geholfen hatte. Er war zwar wach gewesen und sich der Antwort auf diese Frage durchaus bewusst, aber er hatte ja so getan, als würde er schlafen... Kein Wunder also, dass der Andere ihn nicht auf besagten „Zwischenfall" ansprach – er musste ja davon ausgehen, dass Alexei sein Tun gar nicht mitbekommen hatte. Nun, dann würde er sich eben anders erkenntlich zeigen!
„Möchtest du einen Tee?" Der Fremde nickte lächelnd.
„Ja, danke. Das ist sehr nett." Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und beobachtete interessiert, wie Alexei sich zu ihm herunterbeugte und ihm vorsichtig das heiße Getränk eingoss. Überhaupt wirkte er jetzt längst nicht mehr so abweisend wie zuvor, sondern verfolgte im Gegenteil jede Bewegung des Braunhaarigen mit besonderer Aufmerksamkeit. Alexei machte das ganz nervös, und beinahe hätte er zuviel Tee in die eh schon übervolle Tasse gefüllt, doch er merkte es noch rechtzeitig und setzte die Kanne hastig wieder ab. Der Fremde schmunzelte belustigt und wandte er sich wieder seinem Buch zu.
„Du solltest vorsichtig sein", meinte er lächelnd. „Nicht dass du dir die andere Hand verbrühst und dann keine mehr richtig benutzen kannst." Er warf ihm einen undeutbaren Blick zu, dann studierte er wieder seinen Text.
Alexei glühte wie ein heißes Ofenrohr. Der Schwarzhaarige hatte plötzlich wieder diesen sinnlichen Unterton in der Stimme, und auch wenn er nicht wusste warum, das beschleunigte seinen Herzschlag ungemein. Verwirrt und rot wie eine Tomate wankte er zurück zum Tresen.
- Gott -, dachte er. - Ich muss mich setzen. Mann hin oder her, wenn er so spricht, bekommt man glatt weiche Knie... -
Er nahm sich selbst eine Tasse Tee und versuchte, sich wieder auf seine Notizen zu konzentrieren.
Er scheiterte kläglich.
Nach fünf Minuten intensiven Anstarrens schob er schließlich wütend das Übungsblatt von sich und raufte sich entnervt die Haare. Am liebsten hätte er laut geschrieen: ‚Aaaah, was soll dieses hin und her? Kannst du dich mal entscheiden zwischen anlächeln und ignorieren?` Doch er schwieg. Statt dessen ließ er sich auf seinem Platz zurücksinken und seufzte tief. Ein Glück, dass er bald gehen konnte. Dieser Typ machte ihn noch ganz wahnsinnig, dabei interessierte er sich doch überhaupt nicht für ihn!
Verstohlen warf er dem Fremden einen Blick zu – und schaute direkt in dessen stahlgraue Augen. Überrascht schnappte er nach Luft. Der Andere hatte sein Buch beiseite gelegt und lehnte mit einem Arm lässig auf der Tischkante. Er stützte sein Kinn in seine freie Hand und beobachtete ihn offenbar schon eine ganze Weile, denn er grinste breit und zwinkerte ihm verschwörerisch zu. Alexei blinzelte irritiert, dann drehte er sich erschrocken um. Fast gleichzeitig schoss ihm das Blut in den Kopf.
- Waaah, wie peinlich! - Er wäre am liebsten gestorben vor Scham. - Und dann grinst er auch noch so bescheuert! Wer weiß, was der gedacht hat! -
Alexei stand auf und lief eilig in Richtung Bedienstetentoilette. Er brauchte jetzt unbedingt einen Schank kaltes Wasser, sonst drehte er noch völlig durch. Als er zurückkam, fühlte er sich gleich viel besser. Das kühle Nass hatte ihm etwas von der Röte im Gesicht genommen und ihn außerdem erfrischt.
- So, das hat geholfen. Jetzt bringst du mich nicht mehr aus dem Konzept, du... -
Er blieb stehen und starrte verwirrt geradeaus. Der Platz, an dem der Junge bis eben noch gesessen hatte, war jetzt leer. Dafür stand dieser nun – wieder mit dem Biobuch in der Hand – vor einem der Wissenschaftsregale und suchte mit den Augen die Titel der Chemiebücher ab. Alexei knurrte und stapfte wieder in die Teeküche. Wenn dieser Typ sich nicht bald mal entschied, was genau er sich nun ausleihen wollte – deutsche Geschichte oder Formelwälzer – suchte ER ihm was aus, und das hätte dann weder mit dem Einen noch mit dem Anderen etwas zu tun, darauf konnte er sich verlassen! Eher würde er ihm ein Buch aus dem Bereich Sozialkunde geben. Oder Verhaltensforschung! - So ein Blödmann! -
„Kann ich dich mal was fragen?" „Uwah!" Alexei fing reflexartig die Zuckerdose auf, die er vor lauter Schreck weggeworfen hatte und fuhr mit klopfendem Herzen herum. Der Fremde lehnte jetzt im Türrahmen und schaute ihn amüsiert an, sagte sonst aber nichts. „K-klar... f-frag ruhig...", stotterte Alexei und versuchte, sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Gott, wenn das so weiter ging, war er reif für die Klapsmühle! „Habt ihr auch Bücher über die Nachkriegszeit? Ich muss für meinen Arbeitsauftrag nämlich einen Zusammenschnitt über die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges für die Zivilbevölkerung schreiben, da könnte ich so etwas gut gebrauchen." Alexei starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren.
„Nach...kriegs...zeit?" Er ließ den Gegenstand sinken und unterdrückte nur mühsam den Impuls, auf der Stelle einen Mord zu begehen. Allmählich nervte der Typ! Alexei gewann so langsam den Eindruck, dass es ihm Spaß machte, ihn zu verwirren.
„Aber natürlich haben wir die", grummelte er. „Und der Kunde ist ja immer König, nicht wahr?" Der Schwarzhaarige zog die Stirn kraus.
„Wie bitte?" „Ach, vergiss es einfach!" Alexei stellte den Behälter mit den Zuckerstückchen wieder an seinen Platz und stapfte mit geballten Fäusten zu dem entsprechenden Regal. Ruckartig zog er den gewünschten Band zwischen den übrigen Büchern heraus, versetzte dem Eichenholz in einem unbeobachteten Moment einen kräftigen Tritt und begab sich dann zur Theke. Es ärgerte ihn, dass er so leicht zu irritieren war. Der Fremde folgte ihm artig, breit grinsend, doch Alexei ignorierte das.
„Karte?", fragte er und fand sich sogar selbst widerwärtig unfreundlich. Der Schwarzhaarige ließ sich jedoch nicht beirren. „Ich bin Neukunde", gab er zurück und lächelte. Alexei nickte. Das hatte er sich schon gedacht. Die benahmen sich immer so komisch...
„Name und Adresse?" „Nathan Kincaid, Buschmannsberg 15." Alexei notierte es, dann sah er wieder auf.
„Und wie lange sollen die Bücher ausgeliehen werden?" Der Fremde überlegte einen Moment.
„Hm, ich denke, eine Woche sollte in etwa genügen." Auch das wurde notiert, ein Datumsstempel auf die Innenseite der Karte gedrückt und diese Nathan ausgehändigt.
„Bitte nicht verlieren und bei Rückgabe der Bücher wieder mitbringen, in Ordnung?" Nathan grinste wieder, was Alexei fast auf die Palme brachte, weil er den Eindruck hatte, dass der Andere genau wusste, wie sehr er ihn verwirrt hatte. Dann drehte der Dunkelhaarige sich um.
„Ich bin fertig, Dave!", rief er in den Raum. „Wir können jetzt zu deinem Basketballspiel gehen, wenn du willst." Alexei horchte auf. ‚Dave`? Hatte dieser Nathan einen Freund mitgebracht, der ihm vorher nicht aufgefallen war? „Okay, ich komme schon!" Er hörte, wie ein paar Bücher zurückgestellt wurden und anschließend Schritte. Im nächsten Moment musste Alexei sich am Tisch festhalten, um nicht seitwärts vom Stuhl zu kippen.
Da kam doch tatsächlich noch ein Nathan die Treppenstufen hinauf! Die gleichen schwarzen Haare, die gleichen grauen Augen und den selben, markanten Gesichtsausdruck. Sogar die Kleidung stimmte überein, nur in der Größe unterschieden sie sich ein kleines bisschen, denn der erste Nathan – der noch immer bei ihm am Tresen stand – war ein wenig größer als der andere, Dave. Das konnte doch einfach nicht wahr sein?!
„Z-Zwillinge?" Nathan griente breit und packte seine Bücher in eine weiße Stofftasche.
„Überrascht?" Alexei nickte geistesabwesend. Das konnte man wohl sagen!
„Hier..." Sein Gegenüber legte einen Historienroman auf die Theke.
„Das sollte ich noch zurückgeben. Von meiner Mutter. Ich hoffe, es ist in Ordnung so." Der andere Nathan, pardon, „Dave" öffnete die Tür und trat dadurch nach draußen in den Treppenbereich. „Hör auf, den Kleinen zu nerven und komm endlich", forderte er ungeduldig. „Wenn ich jetzt den Anfang verpasse, ist das allein deine Schuld." Nathan nickte, dann wandte er sich noch einmal an Alexei.
„Die Karte steckt hinten drin. Ich nehme sie mit, wenn ich meine beiden Bücher wieder zurückbringe." Er warf ihm einen letzten Blick zu, dann folgte er seinem Bruder zu den Fahrstühlen. Alexei blickte ihnen verwirrt nach. Deshalb also hatte er ihn einerseits eiskalt ignoriert und andererseits amüsiert beobachtet. Es war nicht EIN Nathan Kincaid, der da die Bücherei aufgesucht hatte, sondern zwei. Das erklärte natürlich einiges. Fragte sich nur, welcher von beiden jetzt der gewesen war, der ihn von der Straße ins Krankenhaus gebracht hatte. Der mit den Chemiebüchern, der dann schlichtweg so getan haben musste, als würde er ihn nicht kennen, oder der mit der Deutschaufgabe, der ja offensichtlich auch an seiner Verletzung interessiert gewesen war?
Er nahm das Buch vom Tresen und schaute auf den Titel: „Zwei ungleiche Brüder". Wäre Alexei eine Animefigur gewesen, wäre ihm jetzt sicher ein Schweißtropfen über die Stirn geronnen. - Das passt ja wie die Faust aufs Auge... -
Plötzlich stutzte er. Zwischen den Seiten lugte ein kleiner, gelber Zettel hervor, leicht zerknittert. Vorsichtig zog Alexei ihn heraus und war überrascht, eine kurze Nachricht und eine Telefonnummer darauf vorzufinden.
‚Wenn du mal wieder alleine bist, ruf mich doch an` und dann eine Zahlenreihe. Der Junge sah auf und zur Tür, doch das Geschwisterpaar war bereits verschwunden. Er betrachtete den Zettel und wollte ihn schon in den Mülleimer schmeißen, doch dann zögerte er.
Statt sich gleich zu entscheiden, räumte er zunächst das Geschirr weg und brachte dann den Inhalt der Bücherregale wieder in die richtige Reihenfolge, bevor er die Karteikarten wegschloss und das Licht löschte.
Als er die Bibliothek heute verließ, hatte er zwei Dinge in der Jackentasche: Das knittrige Papier seines Schokoriegels und einen gelben Zettel...

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- Nichts ist zweideutiger als ein Blick. -
Simone Lucie Bertrand de Beauvoir (1908-1986), französische Schriftstellerin und Theoretikerin der neuen Frauenbewegung

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Kapitel III - Ein Treffen für Zwei

"Kincaid, hallo?"

Mit einem Knall warf Alexei den Hörer auf die Gabel. Langsam ließ er sich gegen die Scheibe der Telefonzellentür sinken und starrte mit klopfendem Herzen den gelben Zettel zwischen seinen Fingern an.
"Es ist wirklich Nathans Nummer...", murmelte er und ließ die Hand sinken.
Der Junge schloss die Augen und lehnte seinen Kopf gegen das kalte Glas.
- Er hat sein Angebot also ernst gemeint... -
Alexei war ehrlich verblüfft darüber. Zuerst hatte er geglaubt, der Schwarzhaarige wolle ihn nur auf den Arm nehmen, hätte einfach irgendwelche Zahlen aufgeschrieben, um ihn zu veräppeln. Deshalb war er zur Telefonzelle gegangen, statt von Zuhause aus anzurufen, damit nicht jeder Hirni, bei dem er vielleicht landete, seine Nummer zurückverfolgen und ihn nerven konnte. Aber wie es schien, hatte Nathan keineswegs vorgehabt, sich einen Spaß mit ihm zu erlauben. Im Gegenteil - wenn er sich nicht irrte, war er eben sogar persönlich am Telefon gewesen, wobei Alex zugeben musste, dass es natürlich auch Dave gewesen sein könnte, denn die Beiden klangen doch erstaunlich ähnlich.
- Na ja, zumindest soweit ich das bisher beurteilen kann... -
Alexei seufzte und ließ sich das Ganze noch einmal durch den Kopf gehen. Er hatte die richtige Nummer und den richtigen Typen. Also hieß das auch, dass Nathan ihn wirklich wiedersehen wollte und nicht nur damit gescherzt hatte, oder? Er betrachtete die Nachricht auf dem Zettel. Aber warum gerade, wenn er allein war?
Alexeis Knie begannen leicht zu zittern. Ob er ihn küssen wollte, so wie im Krankenhaus? Er schluckte schwer. Oder war das im Krankenhaus gar nicht Nathan gewesen?
Er schüttelte heftig den Kopf. Nein, es konnte sich nur um Nathan gehandelt haben, denn sein Bruder war auf die Verletzung ja gar nicht angesprungen. Genau, so musste es sein.
.....Oder hatte Dave etwa nur so getan, als würde er ihn nicht kennen?
"Aaaaaargh!" 
Alexei raufte sich wild die braunen Haare und trat kräftig gegen eines der Telefonbücher, das sich daraufhin mit einem lauten "RATSCH" von diversen seiner Seiten verabschieden musste.
"Die machen mich noch ganz wahnsinnig!"
Er griff in seine Jackentasche, holte die bereits angebrochene Zigarettenschachtel daraus hervor, die er sich am Morgen gekauft hatte, zündete sich einen Glimmstängel an und atmete tief den aufkommenden Rauch ein. Fast gleichzeitig verzog er die Mundwinkel. Er paffte schon zu lange, um sich noch genau daran zu erinnern, warum er damit angefangen hatte, doch wegen des Tabakgeschmackes auf der Zunge konnte es nicht gewesen sein - er hatte zwar etwas Würziges, doch der Nachgeschmack war wirklich ekelhaft. Trotzdem: Der milchige Dunst beruhigte seine Nerven. Auch wenn seine Mutter ihn sicher längst umgebracht hätte, könnte sie ihn so sehen. Sie verabscheute Raucher als Belastung für die Krankenkassen und Schandfleck der modernen Gesellschaft, fand sie rücksichtslos, störend und zudem auch noch altmodisch - weshalb auch immer.
Ihm persönlich war das egal. Nach einer Zigarette fühlte er sich jedenfalls gleich viel besser.
Er blickte durch die Tür nach draußen und beobachtete die vorbeifahrenden Autos. Es war bereits früher Abend, gegen halb sechs schätzte er. Seine Montagsvorlesung war heute früh vorbei gewesen und so hatte er alle Arbeiten, die noch angefallen waren - Einkaufen, Wohnung sauber machen, einige Wege zur Stadtverwaltung - erledigen können, bevor Martha und Arian sich überhaupt wieder daheim hatten blicken lassen. Die Beiden waren die ganze Woche über mit einigen Arbeitskollegen für eine Fortbildung angemeldet, und kaum, dass sie zur Tür hereingeschneit waren, hatten sie sich auch schon wieder verabschiedet: Party bei ein paar Freunden. 
Er verdrehte die Augen. Die hatten wirklich zuviel Zeit...
Alexei wünschte, er könnte zwischendurch auch mal zu einer Feier gehen, aber meist war er zu sehr in sein Studium vertieft.
- Na ja, was soll's... -
Jetzt jedenfalls musste er dringend eine Entscheidung fällen. Sollte er sich mit Nathan treffen oder nicht? Er ließ den jungen Mann nun schon seit vier Tagen auf eine Antwort warten. Ewig würde das Angebot auch nicht stehen, und wenn er ehrlich zu sich war, musste er schon zugeben, dass es ihm trotz seiner Unsicherheit, was Nathan betraf, recht verlockend vorkam, diese flüchtige Bekanntschaft in eine feste Freundschaft zu wandeln - auch wenn er nicht ganz wusste, warum das so war. 
Und zumindest im Moment konnte er es sich erlauben, den Prüfungsstress mal beiseite zu schieben und ein paar neue Kontakte zu knüpfen, denn er war gut auf den kommenden Stoff vorbereitet und der nächste Schein ließ noch ein bisschen auf sich warten.
- Wieso also nicht? -
Alexei griff nach dem Hörer und tippte erneut die Zahlen auf dem gelben Zettel ein. Es klingelte ein paar Mal am anderen Ende der Leitung, dann wurde abgenommen.

"Kincaid?"
Alex schluckte. Die Stimme war ihm bekannt, aber um welchen der Zwillinge handelte es sich?
"Ähm... hallo...", murmelte er zögernd. Er wusste gar nicht so genau, was er sagen sollte.
"Hallo", kam es knapp zurück.
"Nathan?"
Eine kurze Pause entstand, dann klang es so, als ob der Hörer des Anderen neben das Telefon gelegt wurde.
"Nathan!", hörte er seinen Gesprächspartner rufen. "Da ist jemand für dich am Telefon."
"Wer denn?", klang es dumpf zurück.
"Hat keinen Namen gesagt, aber ich glaube, es ist der Typ aus der Bücherei..."
Alexei hob erstaunt die Augenbrauen. Dass offenbar Dave am Apparat war, hatte er inzwischen ja nun auch schon mitbekommen, aber er war ehrlich überrascht, dass der junge Mann ihn prompt erkannt hatte. Bis eben war er noch der Meinung gewesen, sofort wieder aus dessen Gedächtnis gestrichen worden zu sein, nachdem die Zwillinge die Bibliothek verlassen hatten. Scheinbar war das ein Irrtum gewesen...
Eine Art Schaben drang durch den Lautsprecher, wohl vom Aufheben des Hörers, dann vernahm er Nathans Stimme.
"Hallo?"
"Oh, hi...", antwortete er unsicher. "Ich, ähm, wollte nur wissen, ob dein Angebot von neulich noch steht... das von dem Zettel meine ich, aus dem Buch..."
Er wusste nicht warum, aber auf einmal musste er sich festhalten, damit seine Knie nicht nachgaben. Er war ganz aufgeregt.
Nathan schien einen Moment zu überlegen, doch dann begriff er.
"Ob wir uns treffen wollen? - Klar steht das noch. Wann hast du Zeit? Ich hol dich ab."
Alexei blinzelte. So schnell auf einmal? Jetzt fühlte er sich doch irgendwie ein bisschen überrumpelt.
"Zeit? Tja, also, ich weiß nicht..." Er blickte die Straße hinunter in der Hoffnung, an einem der wenigen Geschäfte eine Uhr zu finden, konnte jedoch keine ausmachen. Vielleicht hätte er doch weiter in die Innenstadt gehen sollen und nicht nur zur Telefonzelle um die Ecke...
"So um sieben?", fragte er deshalb ‚blind` und hoffte, sich damit nicht all zu weit vergriffen zu haben."Hmm..." Nathan kramte mit irgendetwas herum. "Ja, okay, das sollte ich schaffen."
Alexei nickte.
"Und wo?", fragte er.
"Am besten treffen wir uns bei der Bücherei, in der du arbeitest, da können wir uns nicht verfehlen. Ist dir das recht?"
"Ja, ich werde da sein. Also bis später!"
"Gut, bis dann!"
KLICK! Alexei hängte langsam den Hörer auf die Gabel und trat einen Schritt zurück. Also wenn man eines von Nathan nicht behaupten konnte, dann, dass er lange fackelte. Diese Verabredung war ja wirklich vollkommen unkompliziert zustande gekommen.
Er schüttelte den Kopf. Und er hatte sich fast in die Hosen gemacht vor Nervosität, weil er natürlich gleich an sonst was gedacht hatte. Als wenn ihm der Schwarzhaarige gleich irgendwelche unmoralischen Angebote machen würde!
Dabei wollte Nathan einfach nur ein Treffen mit ihm, eine neue Freundschaft schließen. Kein Grund, gleich verrückt zu spielen...
- Versauter Idiot! Wenn du so weiter machst, läufst du bald vor deinem eigenen Spiegelbild davon - es könnte dich ja küssen wollen... -
Er verließ die Telefonzelle und schnippte mit der Rechten den Rest seiner Zigarette auf den Bürgersteig. Immerhin: Wenn Nathan mehr von ihm wollte - was natürlich der totale Schwachsinn war! - wäre zumindest Arian sicher stolz auf ihn: So schnell hatte er noch nie ein Date bekommen. Nur die Tatsache, dass er sich mit einem Mann traf, würde seinen Freund vermutlich ‚ein wenig` aus der Bahn werfen.Alexei atmete tief durch und machte sich auf den Heimweg. Egal, er hatte jetzt andere Sorgen. Dass er dringend etwas an seinem Aussehen tun musste zum Beispiel. Ja, ja, die liebe Eitelkeit.
Dabei war es vermutlich eh egal, was er anzog. Es handelte sich immerhin nur um ein erstes ‚Beschnuppern', nichts Besonderes, wofür er sich hätte herausputzen müssen, so war es ja nicht. Er wollte sich auch nicht fein machen, um Nathan zu gefallen, nein, nein, diesen Eindruck sollte der Schwarzhaarige gar nicht erst bekommen. Alexei beabsichtigte schließlich nicht, dass er etwas falsch verstand, ganz im Gegenteil. Keine komischen Hoffnungen machen!- Ich werde einfach einen Schlabberpulli anziehen, meine Freizeitschuhe und eine ausgewaschene Jeans - überlegte er. - Ja, das sollte nicht zu auffällig wirken. -
Er nickte, wie um sich selbst zu bestätigen, und beschleunigte seine Schritte etwas.
- Genau, das werde ich machen. Ich bin nicht aufgeregt, ich bin kein Spießer, ich bin einfach ganz normal und locker. -
Er runzelte die Stirn und bremste sein Tempo wieder.
"Und ich bin NICHT in Eile, klar?", mahnte er seine eigenen Füße und schüttelte den Kopf. Was für ein Mist! Jetzt war er schon wieder nervös. Wenn er so weiter machte, landete er doch noch in dem Haus mit den schönen weichen Räumen...
- Absolut albern! -
Plötzlich lächelte Alexei. Gott, er war schon ewig nicht mehr mit irgendjemandem unterwegs gewesen. So langsam wurde er richtig hibbelig.
- Oh je - dachte er. - Na, wenn das heute nicht noch ein Desaster gibt.... -

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Etwa anderthalb Stunden später stand Alexei frisch geduscht und in seinen besten Klamotten - einer gut gepflegten, dunkelblauen Jeans und einem weißen Markenhemd - vor dem großen Einkaufskomplex, in dem sich die Bücherei befand. Er hatte eine Hand in die Hosentasche gesteckt und versuchte mit der anderen, ein weißes Minzkaugummi in seine Mundhöhle zu bugsieren - das fünfte, seit er vor etwa zehn Minuten am vereinbarten Treffpunkt angekommen war.
Er wusste, er hätte zwischendurch die anderen ausspucken sollen, doch er traute sich nicht, aus Angst, die beruhigende Wirkung des gleichmäßigen Kauens könnte in irgendeiner Weise nachlassen, wenn sich weniger von der zähen Gummimasse in seinem Mund befand. Als er die Bücherei erreicht hatte, war ihm als erstes das Rauchen eingefallen, um seine abermals aufkommende Unruhe niederzukämpfen, doch nachdem ihm vom heftigen Quarzen regelrecht schwarz vor Augen und mehr als übel geworden war, hatte er sich dazu entschieden, doch lieber auf die guten alten Kiefertrainer umzusteigen. Er brauchte einfach eine Beschäftigung, solange er auf Nathan wartete, sonst war er ein geistiges Wrack, bevor er auch nur ein einziges Wort mit ihm gewechselt hatte.
"Hallo!"
Alexei schnappte erschrocken nach Luft und verschluckte dabei beinahe den großen Gummiklumpen in seinem Mund, als ihn plötzlich jemand von hinten an der Schulter berührte. Er hustete heftig und kippte beinahe um, als ihm besagter Jemand jetzt auch kräftig auf den Rücken klopfte, um ihm bei der Bekämpfung seines aufkommenden Würgeanfalls behilflich zu sein.
"Meine Güte, du musst ja nicht gleich einen Freudensprung machen, wenn ich komme...", spottete Nathan. "Aber dich selbst zu ersticken, halte ich auch für etwas übertrieben, oder bin ich so grässlich?"
Alexei schüttelte seinen hochroten Kopf, dann kam er allmählich wieder zu Atem.
"Nein", jappste er. "So war es wirklich nicht gemeint..."
Nathan ging um ihn herum und grinste.
"Weiß ich doch." Er betrachtete sein Gegenüber prüfend und nickte dann beeindruckt. "Mann, du siehst toll aus."
Alexei spürte, wie das Blut, das gerade dabei gewesen war, aus seinem Kopf zurück in seinen Körper zu fließen, erneut in sein Gesicht schoss.
"D-danke..."
Verlegen blickte er zur Seite. Er hatte noch nie ein Kompliment von einem Mann bekommen und irgendwie war es ihm peinlich. Obwohl er das eigentlich nur hätte zurückgeben können. Nathan sah wirklich unglaublich gut aus: Er trug wie Alexei eine dunkelblaue Jeans und ein helles Hemd, hatte darüber aber einen marinefarbenen Pullunder gezogen und auch nicht wie der Braunhaarige Turnschuhe an sondern schwarze Halbschuhe. Die Ärmel waren lässig bis zum Ellenbogen hochgekrempelt, entblößten so die bereits gut gebräunte Haut, und an seinem schlanken Handgelenk entdeckte Alexei eine schlichte, silberne Uhr. Seine grauen Augen funkelten schelmisch im Licht der Schaufenster, welches zudem unzählige, blauschwarze Reflexe auf sein kurzes Haar warf, der ganzen Erscheinung einen leicht südländischen, geheimnisvollen Touch verlieh.
Bei dem Anblick blieb Alexei glatt der Mund offen stehen.
Nathan lachte schallend und klopfte ihm abermals auf den Rücken.
"Danke für das Kompliment, mein Freund! Auch wenn es ohne Worte war, ein schöneres hättest du mir damit eh nicht machen können."
Alexei errötete erneut und schob den jungen Mann ein Stück von sich.
"Was möchtest du jetzt machen?", fragte er und versuchte, den angenehm maskulinen Duft zu ignorieren, der den Schwarzhaarigen umgab. 
"Billard? Kino? Oder gehst du lieber in die Disko?"
Nathan schüttelte den Kopf.
"Nicht ‚was möchte ich machen` sondern: Was möchtest du essen?"Alexei sah ihn verständnislos an.
"Essen?"
Der Andere nickte. 
"Ja, such dir was aus - ich lade dich ein."
Ein Lächeln umspielte seine Lippen, doch Alexei konnte ihn nur anstarren, als wollte er ihn auf den Arm nehmen. Ein Abendessen?
"Das ist doch viel zu teuer!", protestierte er, doch Nathan zuckte nur die Schultern.
"Lass das mal meine Sorge sein - wie heißt du überhaupt?"
Alexei schaute ihn lange an.
"Alexei Buchner", antwortete er schließlich, kam sich aber ein bisschen albern dabei vor. Er begriff nicht ganz, was dieses Spielchen sollte. Wieso fragte Nathan ihn nach seinem Namen, wenn er auf dem Zettel bereits angedeutet hatte, dass es ein ‚Wiedersehen` sein würde? Wollte er vertuschen, dass er bei ihm im Krankenhaus gewesen war? Oder hatte er den Namen einfach nur vergessen?"Alexei?" Der Schwarzhaarige klang überrascht. "Ein etwas ungewöhnlicher Name für einen Deutschen, oder?"
Alex zuckte die Schultern.
"Meine Mutter hatte schon immer ein großes Russlandfaible - außerdem ist Nathan auch nicht gerade der deutsche Standardname, oder?"
Nathan griente und machte eine wegwerfende Handbewegung.
"Na ja, jedenfalls nicht, wenn man ihn englisch ausspricht", meinte er. "Aber egal, mir gefällt er so."
Alexei unterdrückte mit Mühe das Bedürfnis, zustimmend zu nicken. Ihm gefiel der Name auch...
Er runzelte die Stirn.
"Und was ist mit ‚Dave`?""Du meinst meinen Bruder?" Nathan zog sich rückwärts auf einen Mauervorsprung und nahm darauf Platz. "Dave ist nur sein Spitzname. Eigentlich heißt er David, aber keiner nennt ihn so. Passt auch irgendwie nicht zu ihm, finde ich." Er schien einen Moment nachzudenken, dann grinste er wieder. "Obwohl er bei einem Kampf ‚David gegen Goliath` sicher auch gewinnen würde."Als Alexei ihn fragend anblickte, zwinkerte er ihm verschwörerisch zu.
"Na ist doch ganz klar: Erst friert er ihn mit seiner Geheimwaffe - seinem eiskalten DubistmirsowasvonegalBlick - ein und dann ignoriert er ihn so lange, bis der arme Kerl sich zu Tode gelangweilt hat. Bumm - weg vom Fenster."
Alexei blinzelte verwirrt, dann musste er lachen. Irgendwie konnte er sich das richtig gut vorstellen. Seine Anspannung war er jetzt jedenfalls los. Dieser Typ hatte eine totale Meise, aber er war wirklich nett.
"Also - was willst du nun essen? Griechisch? Oder vielleicht lieber jugoslawisch?"
Alexei überlegte kurz.
"Ähm... wie wär's mit `nem Stück Pizza?", fragte er zögernd und fühlte, wie er auf Nathans missbilligenden Blick hin erneut rot wurde.
"Pizza?" Der Schwarzhaarige schwang sich von der Mauer herunter und schüttelte den Kopf. "Mann, solchen Fraß kannst du essen, wenn bei dir Zuhause der Kühlschrank leer ist, aber doch nicht, wenn dich jemand ausführt."
Er griff nach Alexeis Hand und schleifte den überraschten Jungen einfach mit sich.
"Sei nicht so bescheiden, du wirst mich schon nicht arm mampfen, wenn wir uns was ‚Richtiges` gönnen." Nathan lächelte und bog mit ihm in eine kleine Seitengasse ein. "Ich kenne einen tollen Chinesen hier in der Nähe", erklärte er. "Die haben super Hühnchengerichte - das Chop Suey MUSST du probieren. Du isst nie wieder etwas anderes, versprochen!"Er setzte zu weiteren Ausführungen über diverse Suppen, Feuertopfgerichte und Nachspeisen an, doch Alexei hörte ihm schon gar nicht mehr zu. Mit glühenden Wangen betrachtete er die gebräunte, sehnige Hand des Anderen, die seine eigene hielt, als wären sie schon seit Jahren enge Freunde und täten den ganzen Tag eigentlich nichts anderes. Nathans Haut war angenehm warm, seine Finger schlank und kräftig. Er hatte Alexeis Hand mit einer Selbstverständlichkeit ergriffen, die den Braunhaarigen genauso sehr überraschte, wie die Art, in der Nathan mit ihm redete. Er plauderte einfach drauf los, lächelte immer wieder, vollführte mit dem freien Arm erklärende Gesten in der Luft und ließ sich so gar nicht davon beeindrucken, dass die wenigen Leute, die ihnen entgegen kamen, die Beiden erstaunt oder fragend anblickten, wie sie so händchenhaltend durch die Gegend liefen. Im Gegenteil schien er es regelrecht zu genießen, dass Alexei trotz dieser teilweise offenkundigen Ablehnung gar nicht daran zu denken schien, ihn loszulassen, obwohl Nathan seine Hand nicht so fest umklammert hielt, dass er dazu keine Chance gehabt hätte.
Und zu seiner eigenen Verblüffung dachte der Junge wirklich nicht daran. Auch wenn es ihn irritierte, er fand es angenehm, so neben dem Größeren herzulaufen und ihm zuzuhören, seine Gesichtszüge zu betrachten, wenn er mit Begeisterung von irgendwelchen Honigbananen erzählte, die man in dem Restaurant essen konnte oder über die Schildkröte, die sie dort wohl in einem kleinen Innenraumteich hielten. Trotzdem er ihn eigentlich erst wenige Tage kannte, hatte er plötzlich selbst das Gefühl, dass es schon viel länger sein musste, so unbefangen und natürlich, wie sie miteinander umgingen.
- Richtig angenehm... -
"Hey!", hörte er es plötzlich. "Träumst du, oder was?"
Alexei sah verwirrt auf und schaute direkt in ein Paar fragender, stahlgrauer Augen. Nathan war offenbar stehen geblieben, Alexei aber weitergegangen, sodass sie jetzt gut anderthalb Meter auseinander standen, die Hände noch immer ineinander verschlungen. Der Braunhaarige runzelte die Stirn und hob den Kopf. Über ihnen hing ein großes Schild mit der Aufschrift des Restaurants, also waren sie wohl am Ziel.
"Oh", machte er verlegen. "Tut mir leid, ich war in Gedanken..."
Nathan nickte langsam.
"Das habe ich gemerkt", antwortete er und deutete die Straße hinunter. "Willst du lieber woanders hingehen?"
Alexei verneinte.
"Ich habe nur nicht aufgepasst. Entschuldige bitte..."
Nathan betrachtete ihn einen Moment lang, dann überbrückte er den Abstand zwischen ihnen, indem er einfach einen großen Schritt nach vorne machte. Alexei wollte reflexartig ein Stück zurücktreten, doch Nathan ergriff jetzt auch seine andere Hand und hielt ihn fest. Er holte hörbar Luft und blickte zögernd zu dem Schwarzhaarigen auf. Dass Nathan größer war als er, hatte er sich schon bei ihrer Begegnung in der Bücherei gedacht, aber es war doch eine ganze Ecke mehr, als er zunächst erwartet hatte. Er konnte gerade mal auf die Lippen des Anderen blicken, die zum Atmen halb geöffnet waren und ihm erneut die Erinnerung an ein gewisses Krankenbett ins Gedächtnis riefen.
Er schluckte schwer.
"Ich... was...?"
Nathans Zeigefinger über seinem Mund ließ ihn verstummen. Der Schwarzhaarige lächelte warm.
"Keine Panik", meinte er beruhigend und seine Stimme hatte wieder diesen seltsam sinnlichen Unterton. "Ich wollte mir dein Gesicht nur einmal aus der Nähe ansehen." Er beugte sich zu ihm herab und streifte mit der Stirn leicht die des Kleineren. "Es sieht so verführerisch aus, wenn du verlegen bist..."
Alexei errötete tief und wandte den Kopf ab.
"Nicht... lass das bitte..."
Nathan musterte ihn einen Moment lang und ließ dann seine Rechte los, um sanft über seine Wange zu streicheln.
"Warum?", fragte er leise. "Darf ich dich nicht ansehen?"
"D-doch", stotterte Alexei. "Aber ich...also ich meine... das Restaurant..."
Beschämt brach er ab. Himmel, er machte sich gerade zum größten Trottel der Stadt, aber er wusste auf einmal partout nicht mehr, was er sagen sollte. Nathans Nähe versetzte ihn in eine Nervosität, die selbst mit der in der Telefonzelle kaum noch zu vergleichen war, und sein Herz klopfte so wild, dass er glaubte, auch die Leute am anderen Ende des Viertels müssten es hören können.
Nathan warf der Gaststätte einen Blick zu, dann grinste er schelmisch. Völlig abrupt zog er Alexei zur Seite und damit in eine der kleinen Nebengassen, die hier zahlreich den Block durchkreuzten, was der Braunhaarige mit einem überraschten Laut quittierte. Verwirrt schaute er ihn an, aber Nathan griente nur weiter.
"Dich stören doch die Blicke der Leute im Restaurant, wenn wir uns küssen, oder?", fragte er frech und zwinkerte ihm abermals zu. "Also habe ich uns schnell außer Sichtweite gebracht."
Alex starrte ihn an.
"Küssen?"
Doch er kam nicht mehr dazu, näher nachzuhaken, denn Nathan drückte ihn plötzlich gegen die Mauer in seinem Rücken und presste unvermittelt seine Lippen auf Alexeis. Dessen Augen weiteten sich in ungläubigem Erstaunen. Er war so überrascht, dass er noch gar nicht an Gegenwehr gedacht hatte, bevor der Schwarzhaarige auch schon seine Hände ergriff und sie neben seinem Körper an die kalten Steine drückte, so für jeden Widerstand ‚gebrauchsunfähig` machte.Er gab ein protestierendes Geräusch von sich, doch Nathan ignorierte das. Sein Mund ruhte sanft und nur sehr zart auf Alexeis, streifte diesen eher, als dass er ihn in Besitz nahm, dennoch lag etwas sinnliches, aufreizendes in seinem Kuss, das dem Studenten glatt den Atem raubte. Er spürte die Nähe des Anderen, die harten Muskeln seines Oberkörpers, die seinen eigenen zwischen sich und der Mauer gefangen hielten und konnte trotz alledem nichts tun, sich nicht dagegen verteidigen - sein Körper blieb einfach reglos.
Da Alexei keine Anstalten machte, sich zu rühren, löste Nathan seine Finger aus denen des Kleineren und schlang sie stattdessen in sein mandelfarbenes Haar, zog den Jungen enger an sich. Der war noch immer völlig überrumpelt und musste sich an seinem Gegenüber festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, klammerte sich an die breiten Schultern. Er spürte Nathans Zunge über seine Unterlippe gleiten, fühlte die feuchte Wärme und erschauerte ungewollt, öffnete leicht den Mund, nur um erschrocken Luft zu holen, als die Spitze des Anderen vorwitzig in seine Mundhöhle drang. Der Schwarzhaarige erkundete ihn, fuhr dabei mit dem Daumen über seine Wange, streichelte seine Schläfen. Als seine Zunge die von Alexei berührte, zuckte dieser kurz zusammen und stemmte sich erschrocken gegen ihn, doch Nathan hatte damit gerechnet und hielt ihn fest, ließ sich Zeit. 
Er zog sich etwas zurück, umspielte Alexeis Zungenspitze behutsam mit seiner und neckte sie nur leicht, bis der Junge langsam anfing, sich zu entspannen, seine Gegenwehr schließlich aufgab. Ganz sanft begann er nun, die fremden Lippen zu liebkosen, um den Braunhaarigen nicht wieder zu verschrecken, beherrschte sich mühsam. Als Alexei sich zaghaft gegen ihn sinken ließ, löste er sich jedoch von ihm.
Alex' Puls raste, sein Atem ging stoßweise, das Blut rauschte in seinen Ohren. Noch immer musste er sich an Nathan festhalten, um nicht umzufallen, und je länger er das tat, desto mehr bekam er das 
Gefühl, keine gute Idee umzusetzen, wenn er den jungen Mann jetzt losließ. Seine Knie waren butterweich...
"Entschuldige..."
Nathan räusperte sich umständlich und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
"Ich wollte dich nicht so plump überfallen... tut mir echt leid..."
Alexei hingegen konnte nichts tun, außer ihn anzustarren. Er war noch immer völlig perplex.
- Das war aber eben kein Vergleich zu dem Kuss im Krankenhaus gewesen... -, dachte er und versuchte, ruhiger Luft zu holen. - Eher im Gegenteil! Die hatten ungefähr so viel miteinander gemeinsam wie Martha und ich. -
Er löste sich vorsichtig von Nathan, dem die ganze Situation sichtlich unangenehm war, und musste irgendwie lächeln. War ja fast schon niedlich, wie peinlich es seinem Verführer plötzlich zu sein schien, dass er eben noch ganz anders mit ihm umgegangen war. Wirklich amüsant.
Alexei lief rot an. Gott, jetzt hatte Nathan ihn schon wieder geküsst! Und auch noch gegen seinen Willen. Er runzelte die Stirn. Und zum zweiten Mal hatte er sich nicht dagegen gewehrt...
Der Junge erbleichte.
Himmel, er war doch nicht etwa schwul, oder? Seine Eltern würden ihn umbringen!
Alexei taumelte leicht zur Seite, als Nathan ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter gab.
"Hey", machte er. "Träumst du schon wieder?"
Alex schüttelte den Kopf.
"Nein, nein, schon gut." Er schnappte sich Nathans Arm und zog den Überraschten zurück zum Eingang des Restaurants. "Kein Grund zur Sorge. Lass uns was Essen gehen, okay?"
Er musste dringend nachdenken!
Nathan nickte verwirrt.
"Öh, klar... kein Problem..."
Er öffnete Alexei die Tür und ließ ihm den Vortritt. So etwas hatte er ja schon lange nicht mehr erlebt - auf alles war er gefasst gewesen, vom Wutanfall bis zur Flucht, aber ein einfaches ‚Okay, lass uns was Essen gehen` hatte er nicht auf seiner Liste gehabt. - Geradezu erstaunlich... -
Jetzt war es an Nathan, zu lächeln.
Dieser Junge versprach ja noch sehr interessant zu werden...


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- Trümmer über Trümmer, Niederlage auf Niederlage, und die Wirrnis wird immer wirrer. -
John Milton (1608-1674), engl. Diplomat, politischer Schriftsteller und Epiker

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Kapitel IV - Verwirrung bei Nacht 
 
Alexei trottete langsam und schwankend nach Hause. Er hatte sich erst vor kurzem von Nathan verabschiedet und dessen Angebot ausgeschlagen, ihn nach Hause zu bringen. Jetzt bereute er das. Es war während des Essens längst dunkel geworden, und er hatte keine Ahnung wie spät es sein mochte. Ihm war noch immer schlecht von all dem Pflaumenwein, den er in dem chinesischen Restaurant getrunken hatte und er befürchtete allmählich, jeden Moment in die Knie zu brechen. Seine Beine wackelten gefährlich unter seinem Oberkörper, obwohl er sich im Kopf geradezu erstaunlich klar fühlte. Dennoch musste er wohl einsehen, dass man seinen Zustand nur gerade so noch als ,angetrunken' einstufen konnte. Hatte er sich wirklich voll laufen lassen? Wie blamabel...

Er lehnte sich an den Rücken einer alten Parkbank und legte dort eine kleine Pause ein. Im Grunde war es Nathans Schuld, dass er nicht auf seinen Alkoholkonsum geachtet hatte! Wie kam der Kerl nur dazu, ihn mitten auf der Straße zu küssen? Zog ihn einfach beiseite und drückte ihm seine Lippen auf. Ohne ihn vorher zu fragen, versteht sich. Wenn man es genauer betrachtete, war das eine ziemliche Dreistigkeit.

Alexei hob seine Hand und berührte mit den Fingerkuppen zaghaft seinen leicht geöffneten Mund. Noch immer spürte er Nathans Wärme darauf, die feuchte Zunge an seiner. Die Erinnerung jagte wohlige Schauer durch seinen Körper. Er hatte versucht, das Gefühl zu verdrängen, aber es wollte einfach nicht von ihm weichen. Wie hatte der Schwarzhaarige seine Aktion genannt - einen plumpen Überfall? Alex musste zugeben, dass er persönlich den Kuss als alles andere als plump empfunden hatte. Eher sinnlich und... leidenschaftlich. Mit
einem gehörigen Appetit auf mehr. Als hätte Nathan sich sogar zurückhalten müssen, nicht gleich noch einige andere Dinge mit seinen Lippen anzustellen.

Was machte ihn nur so reizvoll für den jungen Mann?

Alexei konnte sich ums Verrecken nicht erklären, was solch ein gut aussehender, intelligenter Typ mit einem Durchschnittsknaben wie ihm wollte. Er fand sich selbst weder besonders hübsch, noch konnte er mit sprühendem Witz, männlichem Charme oder ähnlichen Qualitäten aufwarten, die Nathan schon in Fleisch und Blut übergegangen zu sein schienen. Er kannte sich nicht in der Politik aus, wurde rot, wenn man ihm Komplimente machte, und sprachlos, wenn man ihm höflich die Tür aufhielt. Das war doch peinlich? Alles, wovon er zu berichten hatte, war sein Studium und das leidige Geldproblem, und das konnte seinen eher entspannt mit Finanzen umgehenden, neuen Freund doch nicht wirklich interessieren?

Nur was wollte er dann von ihm? Seinen Körper? Alex verkniff sich ein lautes Lachen. Gott, er trieb nicht mal regelmäßig Sport! Er war so was von untrainiert, dass er kaum die Treppen zur Bücherei hoch schaffte, weshalb er immer den Fahrstuhl nahm. Sicher, einen flachen Bauch hatte er trotzdem. Aber das verdankte er einzig und allein seiner Mutter, die ihm ihre Gene für einen schlechten Futterverwerter vererbt hatte. Er persönlich war daran gänzlich unbeteiligt.

Er schüttelte den Kopf und schob seine Überlegungen beiseite. Im Grunde konnte es ihm völlig egal sein, warum Nathan ihn geküsst und sich sogar wieder mit ihm verabredet hatte. Sie waren Freunde, hatten beide etwas Ablenkung. Und das war doch nett.

Sehr nett sogar...

Alexei wurde rot und räusperte sich umständlich. Wie auch immer.
Jetzt musste er erstmal mit heilen Knochen nach Hause kommen.

Das Geräusch eines dröhnenden Motors lenkte seine Aufmerksamkeit ab. Alex schaute die Straße hinunter und erkannte verschwommen einen Motorradfahrer, der sich auf seiner Maschine mit ziemlicher Geschwindigkeit der kleinen Parkbank näherte, an der der Junge immer noch lehnte. Der Unbekannte drosselte sein Tempo und brachte das Gefährt schließlich neben Alexei zum Stehen, und dieser riss überrascht die Augen auf, als niemand anderes als ein schwarzhaariger, attraktiver junger Mann unter dem dunklen Helm auftauchte, und ihn aus seinen silbergrauen Augen durchdringend anblickte.

"Was machst du denn hier?", fragte Alex verblüfft und musterte seinen neuen Freund staunend von Kopf bis Fuß. Lag das am Alkohol oder sah er in dieser Lederkluft wirklich so verdammt sexy aus?

"Dasselbe wollte ich dich gerade fragen", kam es ungerührt zurück. "Ich dachte, du wärst schon längst zu Hause."

Alexei löste sich widerwillig von dem Anblick und lachte kurz. "Soll das ein Witz sein? Bin doch gerade erst losgegangen. Was glaubst du wohl, wie schnell einen die Füße tragen, wenn selbst die unteren Körperregionen betrunken sind? Also sehr weit kommt man damit nicht, glaub es mir ruhig."

Nathan runzelte die Stirn und rutschte dann ein Stück auf seinem Motorrad nach vorne.

"Soll ich dich mitnehmen? Ich weiß allerdings nicht, wo du wohnst..."

Alex winkte ab und setzte sich hinter ihn auf die Maschine. "Das ist egal", antwortete er. "An den Heimweg kann ich mich gerade noch erinnern." Er legte seine Arme um Nathans Hüfte und fühlte deutlich dessen wohlproportionierten Körper unter dem Leder. "Teufel", machte er leise. "Wie hast du dich so schnell in diesen engen Anzug gezwängt?"

Der junge Mann errötete leicht. "Er ist nicht eng. Er sitzt nur sehr gut."

Dann reichte er Alexei seinen Helm und warf erneut den Motor an. Alex streifte sich den Kopfschutz über und presste dann seine Brust an Nathans Rücken, um bei dessen Tempo nicht gleich vom Gefährt zu fallen. Anschließend erklärte er ihm die Adresse und sie fuhren wieder los.

Alex musste zugeben, dass es ihm gefiel, so mit seinem Kumpel durch die Nacht zu brausen. Die Haltung, die sie beide eingenommen hatten, empfand er als ziemlich angenehm. Durch Nathans Körperwärme war das Leder erhitzt, und jedes Mal, wenn sein Freund die Arme bewegte, konnte Alexei dessen kräftige Schulterblätter spüren, wie sie sich innen gegen den Anzug pressten. Überhaupt betonte der schwarze Dress auf geradezu verbotene Weise den gesamten Körper seines Trägers, und Alex schoss heftig das Blut in den Kopf, als er sich fragte, ob Nathan eigentlich irgendetwas darunter trug. Er konnte weder die Konturen eines Shirts noch einer zweiten Hose ausmachen, höchstens vielleicht der Unterwäsche.

Er mahnte sich innerlich selbst hastig zur Vernunft. Das waren Bikersachen, keine Krokohandtaschen! Natürlich sah man unter dem harten Leder kaum Konturen.

- Jetzt reiß dich gefälligst zusammen! -

In der Kurve, die sie nun fuhren, rutschte seine Hand leicht nach oben und damit auf Nathans Bauchdecke. Alex schluckte. Also irgendetwas lief gerade gewaltig schief mit ihm. Er verweilte einen Moment mit seinen Fingerkuppen über den flachen, harten Muskeln, dann schob er sie noch ein Stück höher und legte seine Hand direkt über Nathans Brust. Er schloss seine Augen und konzentrierte sich ganz auf den gleichmäßigen Herzschlag darin. Irrte er sich, oder wurde dieser tatsächlich schneller? Konnte er das irgendwie nachprüfen?

Das Leder knarzte, als er ein Stück weit den Reißverschluss herunterzog und seine Hand direkt auf die warme Haut presste. Wie erstaunlich gering doch die eigene Hemmschwelle wurde, wenn man ordentlich gebechert hatte...

Nathan bremste sein Gefährt und stieß einen Laut irgendwo zwischen angetanem Keuchen und abgenervtem Stöhnen aus. Er drehte sich um und zog fluchend Alex' Finger aus seinem Anzug. "Du machst es einem nicht gerade leicht, sich auf die verdammte Straße zu konzentrieren, weißt du das?", beschwerte er sich und funkelte ihn an. Alexei jedoch hörte ihm gar nicht zu. Er legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. "Du hast ja wirklich nichts darunter an...", murmelte er. "Abgefahren..."

Nathan schoss das Blut in den Kopf. "Was hat denn das damit zu tun?", rief er aufgebracht und stieg von seiner Maschine. "Du raubst mir noch den letzten Nerv!" Dann hob er Alex ebenfalls vom Sitz und trug ihn hinüber zu einer großen Haustür. "Wo ist dein Schlüssel?", wollte er wissen. "Ich hoffe, du hast ihn nicht verloren, sonst kannst du heute auf dem Bürgersteig schlafen." "Ich könnte doch auch bei dir schlafen?", schlug Alex leicht lallend vor, doch Nathan schnaubte nur. "Schließ endlich auf, Mann!"

Alexei bequemte sich mühsam auf seine Beine und wühlte in seinen Hosentaschen. Er förderte einige Schlüssel zu Tage und betrachtete sie lange und abschätzend. "Tja", machte er schließlich. "Die sehen alle gut aus - was meinst du?" Sein Begleiter verdrehte die Augen und riss ihm ungeduldig die zahlreichen Ausfertigungen weg. Er stellte sich vor die Tür und probierte sie so lange durch, bis er den passenden Schlüssel gefunden hatte. Danach hob er den Braunhaarigen wieder hoch und trug ihn bis in das Stockwerk seiner Wohnung hinauf. "So, das wird dann ja wohl die letzte Hürde sein", grummelte er und öffnete Alexei auch diese Tür. Dann nahm er seine Hand und zog ihn nach drinnen.

Hier war alles still. Arian und Martha schienen nicht daheim zu sein. Alex versuchte sich zu erinnern, wohin sie gegangen sein könnten, doch es fiel ihm nicht ein. Der Sauerstoff in der frischen Nachtluft konnte seinem Alkoholpegel nicht gut getan haben. Inzwischen fühlte er sich tatsächlich ein bisschen duselig. Nathan blickte sich um und verschränkte seine Arme vor der Brust. "Brauchst du noch Hilfe? Oder kann ich jetzt gehen?" Alexei schmunzelte leicht und schüttelte dann den Kopf. Er musste seinem Freund gehörig auf den Wecker fallen, aber
im Moment war ihm das ziemlich egal. Er griff nach Nathans Fingern und zerrte ihn hinter sich her in sein Zimmer. "Erst musst du dir noch ansehen wo ich lebe", erklärte er. "Ich will das bei euch nämlich auch mal checken, und da musst du hier natürlich zuerst gucken." Nathan stolperte verwirrt hinter ihm her. "Wie bitte?" Aber Alexei schob ihn schon mitten in den kleinen Raum hinein. "Tadaa!" Er stellte sich vor das Bett. "Das gehört alles mir."

Nathan ließ seine Augen kurz über das Chaos schweifen und sah dann wieder zu seinem Schützling. "Kann ich jetzt gehen?", fragte er. Alex seufzte. "Ja, jetzt kannst du endlich gehen." Er streckte seine Hand aus, um sie dem Schwarzhaarigen hinzuhalten. Unerwartet verspürte er jedoch ein heftiges Schwindelgefühl. Er verlor sein Gleichgewicht und kippte hinten über. Nathan versuchte noch, ihn zu packen und festzuhalten, doch stattdessen stürzten sie beide über das Bettgestell. Mit einem überraschten Keuchen landeten sie auf der Matratze.

Nathan fluchte ausgiebig und rappelte sich hoch. "Zur Hölle noch mal! Eines schwöre ich dir", meinte er und stützte sich mit den Ellenbogen neben Alex' Kopf ab. "Wenn mein Bruder dich noch mal so betrunken macht, schlage ich ihm den Schädel ein." Der Braunhaarige fuhr sich mit den Händen durch die wilde Mähne und schaute ihn verständnislos an. "Dein Bruder?", nuschelte er und gab sich alle Mühe, die Unordnung in seinem Gehirn ein bisschen auf Vordermann zu bringen. "Ja, mein Bruder - du weißt schon, der Typ mit dem du heute Abend ausgegangen bist."

Alexei stöhnte unterdrückt und schloss seine Lider. David! Natürlich, jetzt wurde ihm alles klar. Er sah sich nicht Nathan gegenüber, sondern dessen Zwillingsbruder David! ,Dave', wie sein Freund ihn nannte. Warum war er da bloß nicht früher drauf gekommen? Ihrer beider Verhalten glich sich nun wirklich nicht sonderlich. Konnte man so wenig denken, wenn man seine Mengen an Pflaumenwein getrunken hatte?

"Mhm, Dave", murmelte er und rieb sich die Stirn. "Entschuldige... ich fühle mich gerade wie der letzte Idiot." David nickte ernst. "Das kann ich mir lebhaft vorstellen", meinte er kühl. "Du benimmst dich schließlich auch wie einer." Dann grinste er leicht und schüttelte den Kopf. "Du hättest nicht so viel trinken sollen."

Alexei verzog freudlos die Mundwinkel. "Ja, ich weiß. Aber jetzt ist es wohl zu spät."

Er öffnete die Augen und schaute in Daves schmunzelndes Gesicht. Es war das erste Mal, dass er den jungen Mann mit einer freundlichen Miene erlebte. Nathans Zwilling war zweifelsohne mehr der ruhige, gleichgültige Typ, ganz im Gegensatz zu seinem aufgeschlossenen Bruder. Dennoch hatte er ein warmes Lächeln.

Alex erinnerte sich noch gut an ihre erste Begegnung in der Bibliothek, wo Dave ihn eiskalt ignoriert hatte, doch jetzt sah er trotz seiner harten Worte fast etwas bekümmert aus. Ein leichter Schleier lag über seinen wunderschönen Iriden, die die gleiche Farbe hatten wie ein Silberpokal, und in seinen Mundwinkeln zeigte sich Sorge.

Alexei senkte den Blick und damit direkt auf Daves entblößte Brust. Sein Gegenüber hatte noch keine Zeit gehabt, den Reißverschluss seines Anzuges wieder zuzuziehen. Bei ihrem unfreiwilligen Fall musste er sich weiter geöffnet haben, sodass man Davids Körper nun fast bis zum Bauchnabel bewundern konnte. Der Schwarzhaarige folgte der Linie von Alex' Augen und lachte dann leise.

"Was, bist du noch immer geschockt, dass ich nur das Leder trage?" Er nahm Alexeis Hand und legte sie wieder über sein Herz. "Es ist angenehmer so. Man kann den Fahrtwind viel besser spüren als durch die Kleidung hindurch. Das musst du doch vorhin gemerkt haben, als du deine Finger hier hingeschoben hast, oder?"

Der Braunhaarige errötete leicht und schüttelte langsam den Kopf. Wenn er der Wahrheit die Ehre erweisen wollte, musste er zugeben, dass er in seinen Gedanken mit ganz anderen Sachen beschäftigt war als dem Fahrtwind auf Davids Haut. Obwohl er sich jetzt sehr wohl vorstellen konnte, was für ein wunderbares Gefühl es sein musste, Geschwindigkeit und Wetter auch auf diese Art zu erleben. Die hoch gelobte Freiheit, von der Motorradfahrer wie Dave häufig sprachen, war sicher schön.

Plötzlich schluckte er hart. "Spürst du den Wind... überall?", fragte er und genoss heimlich die wohlige Wärme an seinen Fingern. David zog eine Augenbraue hoch. Schließlich verneinte er. "Nicht überall. Es kommt auch darauf an, wie ich sitze." Er holte leise Luft, als Alex seine Hand bis zu seinem Rippenbogen schob. "Wie ist es hier?" Der junge Mann nickte und erschauerte leicht. "Ja, manchmal fühle ich ihn dort." Alexei ließ seine Fingerkuppen bis zu seiner Bauchdecke gleiten und sah ihn wieder an. "Hier auch?"

Dave nahm seine Hand in die eigene und schaute ihm eindringlich in die Augen. "Ich warne dich", raunte er und Alexeis Herz schlug unerwartet schneller. "Du bist betrunken und weißt nicht, was du tust. Ich bin nicht so zurückhaltend wie mein Bruder." Er beugte sich zu ihm herab und berührte mit der Stirn die des Braunhaarigen. "Wenn ich etwas will, dann nehme ich es mir im Allgemeinen auch und du bist gefährlich nah dran, meine Grenze zu überschreiten. Nur, damit dir das klar ist..."

Alex schnappte nach Atem und starrte ihn überrascht an. Er hatte nicht damit gerechnet, eine solche Wirkung auf Dave zu haben. Es stimmte, dass er nicht ganz Herr seiner eigenen Taten war, er konnte aber auch nicht leugnen, dass sich der Körper des Anderen wahnsinnig gut anfühlte. Genauso hart und unnachgiebig wie die Glieder seines Bruders. Es verwirrte Alexei.

Zogen ihn denn beide zu sich hin?

Die Antwort lautete wohl ja. Denn ebenso, wie er sich bei Nathan nicht gewehrt hatte, machte er auch jetzt keine Anstalten, David von sich wegzustoßen, als dieser die Lippen zu einem langen Kuss auf seine legte. Die Berührung erinnerte ihn an einen zarten Windhauch, und damit an seinen ersten Kuss im Krankenhaus. Damals hatte der Mund des bis dahin unbekannten ebenso leicht auf seinem geruht, und sich nur ganz sanft an seinen Lippen bewegt, ein irritierend behagliches Gefühl in Alexei damit ausgelöst. Und genau dieses spürte er auch jetzt.

Hieß das, dass David derjenige gewesen war, der ihn von der Straße geholt und auf die Station gebracht hatte?

Er konnte es nicht genau sagen, denn der junge Mann vertiefte die Zärtlichkeit überraschend. Er hatte eine aufregend verlangende, Besitz ergreifende Art, in der er seinen Mund mit Alexeis verschmolz, dennoch schien er von ebensolcher Leidenschaft erfüllt wie sein Bruder. Alex stöhnte unterdrückt und grub die Finger in das harte Leder an seiner Hand. Es war fast ein bisschen beängstigend, wie wenig er den beiden Männern entgegen zu setzen hatte. In ihren Händen war er einfach Wachs, dabei hatte er noch nicht einmal darüber nachdenken können, ob er dieses ,Getatsche' unter Kerlen nun erregend oder abstoßend fand.

Im Moment tendierte er jedenfalls allem Anschein nach zu erregend, wenn er auch nicht ganz sicher war, ob das an ihm oder dem Alkohol lag.

David ließ seine Zunge über Alexeis Unterlippe gleiten und verleitete diesen so dazu, ein wenig seinen Mund für ihn zu öffnen. Statt jedoch, wie Nathan es zuvor getan hatte, nun die fremde Mundhöhle zu erkunden, neckte er ihn lieber spielerisch, biss ihn leicht ins Kinn und brachte den Jungen schließlich dazu, Dave von sich aus nach unten zu ziehen, um endlich ein Treffen ihrer Zungen herbeizuführen. Als sie sich berührten, durchzuckte es Alexei wie ein Blitz, und er gab einen Laut des Gefallens von sich, während David ihn nun doch ausgiebig zu erforschen begann. Seine Zunge fuhr die des Braunhaarigen entlang, lockte und narrte sie, indem er immer wieder unerwartet der Erwiderung des leichten Druckes auswich, und Alex hatte bald das Gefühl, jeden Moment den Verstand zu verlieren. Er hob eine Hand an Daves Haar, ließ seine Finger zaghaft hindurch gleiten, und ihm blieb fast die Luft weg, als sein Gegenüber unterdrückt aufstöhnte und jetzt unerwartet feurig die Lippen auf seine presste.

David griff nach oben und löste geschickt die Knöpfe an Alexeis Hemd, bevor er es ungeduldig von dessen Schultern zerrte. Der Junge keuchte leise, während der Stoff über seine Arme geschoben und dann einfach achtlos zu Boden geworfen wurde, und klammerte sich ein wenig hilflos an Daves breiten Rücken. Er wusste nicht ganz, was er tun sollte,
konnte er doch kaum einen einzigen, klaren Gedanken fassen, doch den Anderen schien das nicht zu stören. Seine Lippen suchten ihren Weg über Alex' Hals und schlossen sich um eine von dessen empfindlichen Brustwarzen, fingen fast genießerisch an, diese zu liebkosen, während er mit den Händen neugierig über den schmalen Körper unter sich fuhr. Alexei schien es, als ließe David nicht einen einzigen Millimeter seiner Haut unberührt, so intensiv spürte er die schlanken Fingerkuppen überall, und so angenehm war die heiße Spur, die sie auf ihn zeichneten. Daves Zunge umspielte das nachgiebige Fleisch des warmen, zarten Vorhofes auf seiner Brust, und Alex stöhnte laut, als der junge Mann sich nun zärtlich knabbernd der harten Knospe in dessen Mitte widmete.

Er senkte seinen Mund auf die entblößten Schultern des Braunhaarigen und bedeckte sie mit unzähligen, kleinen Zärtlichkeiten. Danach wanderte er über die Linie des schmalen Brustbeines zur Halsbeuge zurück und erforschte dort neue, unbekannte Regionen, bevor er sich abermals über Alexei beugte, um ihn innig zu küssen. Er schlang seine Finger in die weiche Mähne und liebkoste sanft den Nacken des Jungen.

"Ich sollte das nicht tun", murmelte er und genoss dennoch das Gefühl der seidigen Haut unter seinen Lippen. "Mein Bruder hat längst ein Auge auf dich geworfen. Es ist irgendwie nicht fair..."

"Längst... ein Auge...?", fragte Alexei schwach und biss sich auf die Unterlippe, als er Davids Hände seine Hüfte streicheln spürte. Was ließ er hier nur mit sich machen?

"Sag bloß, das ist dir noch nicht aufgefallen?", rief Dave erstaunt und blickte ihn ungläubig an. "Warum denkst du wohl, hat er dir in der Bücherei seine Nummer gegeben und sich so bald mit dir verabredet? Bestimmt nicht nur, um mal wieder fein essen zu gehen." Er setzte sich auf. "Ist denn gar nichts zwischen euch gelaufen?"

Alex schüttelte zunächst den Kopf, besann sich aber eines Besseren. Er nickte langsam. "Doch", gestand er mit leichtem Zögern. "Nathan hat mich geküsst." Dessen Bruder schaute prüfend auf ihn herab. "Und", meinte er irgendwann. "Hat es dir gefallen?"

Alexei überlegte einen Augenblick und nickte dann wieder. "Ja, es war ziemlich gut..."

"Warum lässt dich dann von mir so willenlos überfallen?"

Der Junge raufte sich stöhnend die Haare. "Weil du auch gut bist. Und weil ich zu viel getrunken habe", fügte er schließlich hinzu. David schmunzelte leicht, dann stand er plötzlich auf. Er zog den Reißverschluss seiner Lederkleidung hoch und wandte sich zur Tür.

"Damit wir uns richtig verstehen: Ich gehe jetzt nur, weil du unter Alkoholeinfluss stehst und ich nicht sicher sein kann, ob du mich oder Nathan willst. Für Sex scheinst du mir eh noch nicht betrunken genug, denk aber nicht, dass ich das hier einfach vergessen werde." Auf Alexeis verdatterten Gesichtsausdruck hin grinste er breit. "Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis und ich werde dich gern an dein Stöhnen erinnern, wenn wir uns das nächste Mal begegnen. Trotzdem solltest du dir Gedanken darüber machen, ob dir die Freundschaft zu meinem Bruder nicht wichtiger sein könnte als ich."

Er warf ihm einen nur schwer deutbaren Blick zu. "Mir macht es nichts aus, eine Beziehung auf rein körperlicher Basis zu haben."

Dann drehte er sich um und verließ die Wohnung. Der Braunhaarige starrte ihm perplex hinterher. Er hörte den Motor des schweren Fahrzeuges unten vor der Tür, und dann, wie sich das Geräusch rasch entfernte. Wenig später war es wieder still.

Alex sank zurück in die Kissen und schaute abwesend an seine Zimmerdecke.

Was eben mit ihm passiert war, entzog sich beim besten Willen seinem Verständnis. Dass er zuviel Pflaumenwein intus hatte, mochte einiges erklären, es war aber keine Generalabsolution für alles, was er tat oder mit sich tun ließ. Nathans Kuss hatte ihn überrumpelt, Davids Verführungskünsten war er nicht gewachsen gewesen. Im Grunde hatte er völlig die Kontrolle über die Dinge verloren, die sich zwischen ihm und den Zwillingen abspielten, und je bewusster ihm das wurde, desto mehr erschreckte es ihn. Mit einer Geschwindigkeit, die ihn sehr beunruhigte, bahnte sich da etwas an, das er weder lenken noch abbremsen konnte, und es machte ihn halb wahnsinnig, dass er nicht darauf zu reagieren wusste. Schlimmer noch, er war sich nicht einmal sicher, ob das überhaupt in seinem Interesse lag. Ob er dem Ganzen überhaupt entgegenwirken wollte...

Was war nur los mit ihm?

Alexei hatte sich nie etwas aus Jungs gemacht. Genau wie alle anderen in seinem Alter war er gern auf Partys gegangen, hatte dort mit Mädchen geflirtet und sich mit seinen Kumpels auch schon mal den ein oder anderen Porno zu Gemüte geführt. Er war chaotisch gewesen, hatte gelacht, getrunken, geraucht, es wieder gelassen und sich einfach nur normal verhalten.

Aber eine Beziehung mit einem Mann? Nein, gleich mit zwei Männern! Das war nicht nur ,irgendwie besorgniserregend', es schien ihm auch so überhaupt nicht seine Art zu sein.

Alex setzte sich auf und warf einen Blick auf das weiße Hemd, das noch immer wie ein stummer Zeuge der letzten Minuten am Boden lag. Genau genommen sah es so aus wie alle anderen Klamotten auch, die eben achtlos auf die Erde geworfen worden waren, aber für Alexei hatte es eine gewisse Ausstrahlung. Er konnte regelrecht spüren, wie es durch Davids Hände über seine Schultern und seine Arme glitt, wie dessen Lippen seiner Spur folgten. Sowohl Nathans als auch Daves Küsse und Berührungen hatten ihm gefallen. Das zu leugnen wäre nur eine Lüge vor sich selbst gewesen. Doch gerade deshalb kam er sich auf einmal unheimlich schäbig vor.

Erstens erschien es ihm abnormal, sich vom eigenen Geschlecht so angezogen zu fühlen - auch, wenn sich das lediglich auf die Zwillinge beschränkte. Dann verstand er nicht, wieso es so leicht war, ihm körperlich näher zu kommen. Er hatte sich nie für ein ,leichtes Mädchen' gehalten, sondern sich sogar eher beherrscht, wenn es um Dinge wie Petting oder Sex ging, denn ein solcher Kontakt war für ihn einfach etwas sehr Persönliches. Wenn das immer noch stimmte, musste es aber heißen, dass die beiden Brüder ihm längst etwas bedeuteten, denn sonst hätte er sich nicht so entspannt auf sie eingelassen. Egal, wie er es drehte und wendete, er wurde nur immer verwirrter und vor allem beschämter.

Alexei hatte das Gefühl, Nathan betrogen zu haben. Sie waren zusammen essen gegangen, hatten sich amüsiert und einen wunderschönen Abend verbracht. Ihre Unterhaltung war locker und offen gewesen, sie hatten viel gescherzt, gelacht und sich prima miteinander verstanden. Obwohl Nathan klar gewesen sein musste, dass Alex nach einem Dutzend Gläsern Pflaumenwein nur noch als ,leichtes Spiel' für ihn bezeichnet werden konnte, hatte er lediglich gelächelt, ihm freundlich die Hand gegeben und ihm einen sicheren Heimweg gewünscht. Ohne ihn auf den Kuss davor noch einmal anzusprechen, und vor allem ohne irgendetwas zu versuchen. Einfach anständig und vernünftig.

Und Alexei? Ließ sich von seinem Bruder nach Hause kutschieren und halbnackt ausziehen, sich küssen und streicheln und verschwendete nicht einen Gedanken mehr an das angenehme Kribbeln im Bauch, das er in Nathans Nähe gespürt hatte.

Was war er doch für eine bodenlose Enttäuschung...

Leise Stimmen flüsterten in seinem Kopf, dass er dem Schwarzhaarigen ja nie etwas versprochen hatte, und in ihm eh nur einen Freund sehen wollte, aber Alex schob sie beiseite. Niemand brauchte einen Freund, der sich wie ein Wurm in den Apfel zurückzog, sobald man ihm Komplimente machte und andererseits mit dem eigenen Bruder herumfummelte.

Er seufzte leise und schüttelte seinen Kopf. Ihm blieb keine andere Wahl: Er musste mit Nathan darüber reden, auch wenn ihm das sehr, sehr schwer fallen würde. Dem jungen Mann zu erklären, was er alles mit sich hatte machen lassen, kostete sicher einige Überwindung. Alexei war eben im Grunde seines Herzens doch eher schüchtern. Aber er wollte auch nicht einfach mit einem plumpen Lachen darüber hinweggehen und riskieren, Nathan wirklich noch zu verletzen. Dafür hatte er ihn tatsächlich schon zu gern.

Er würde Dave eine Grenze setzen und sich dann ganz auf seinen Bruder konzentrieren. Genau das war sein Plan.

Eine heftige Röte überzog seine Wangen, während er schwankend ins Bad taperte. Gott, er fing doch tatsächlich schon wieder an, sich komische Gedanken über die beiden zu machen. Er musste endlich damit aufhören!