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Buttertoast Teil 5 bis 8

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- Seid fruchtbar und mehret euch. -
Die Bibel

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Kapitel V - Ein ,heißer' Arbeitstag
 

,Ich werde dich gern an dein Stöhnen erinnern, wenn wir uns das nächste Mal begegnen.' Dieser Satz hing wie ein Damoklesschwert über Alexei, als er wenige Tage nach seinem ,Zwischenfall' mit David Kincaid einige Bücher über Sexualkunde zurück in ihre Regale einsortierte. Wann immer er irgendwo nackte Haut sah, und sei es nur bei sich selbst im Spiegel, musste er seit dieser Nacht auf der Stelle an ein Paar warmer Lippen, weiches, schwarzes Haar und ebenso dunkle Lederkleidung denken, die sich eng an den Körper ihres Trägers schmiegte.

...wenn ihm das weiter so häufig das Blut in den Kopf trieb, würde er garantiert an einem Gehirnschlag sterben.

Es war einfach zum Verrückt werden! Er mochte gar nicht daran denken, bei welch peinlichen Gelegenheiten Dave seine Worte von damals wieder aufs Parkett werfen könnte, trotzdem bekam er sie auch einfach nicht aus seinem Kopf heraus. Bisher war er weder dem einen noch dem anderen Zwilling erneut begegnet, aber es konnte nur noch eine Frage der Zeit sein, denn zumindest für Nathan lief schon morgen die Rückgabefrist seiner aus der Bücherei ausgeliehenen Studienunterlagen ab.

Alex war noch immer fest entschlossen, dem jungen Mann von sich und seinem Bruder zu erzählen, aber wie er es anfangen sollte, wusste er beim besten Willen nicht. In seinen Gedanken hatte er so viele Szenarien durchgespielt und sich Sätze zurecht gelegt, dass er sie inzwischen alle Nase lang durcheinander brachte und nur noch Stuss dabei heraus kam.

Man mochte kaum glauben, dass ein Trottel wie er studieren gehen durfte. Er war wirklich ein hoffnungsloser Fall.

Alexei seufzte tief und begab sich zurück an sein Arbeitspult vorn im Eingangsbereich der Bücherei, wo er sich bis eben dadurch beschäftigt hatte, dass er mit Bleistift geschriebene Anmerkungen an den Seitenrändern diverser Bücher ausradierte. Er griff sich den zweiten, unvollendeten Stapel und nahm diese Tätigkeit wieder auf, während er weiter seinen Überlegungen nachhing.

Im Grunde hätte es ihm egal sein sollen, ob Nathan enttäuscht von ihm war oder nicht. Es stimmte ja tatsächlich, dass er ihm nie etwas versprochen hatte - schon gar keine Beziehung oder etwas Ähnliches. Dennoch fühlte er sich richtig schlecht, wenn er daran dachte, den jungen Mann vielleicht verletzt haben zu können. Es war eben doch so etwas wie eine natürliche Anziehungskraft zwischen ihnen gewesen, eine Art spürbare Sofort-Sympathie, und Alex hatte schlichtweg nicht vor, diese Tatsache zu ignorieren. Er mochte den Schwarzhaarigen, und deshalb musste er einfach mit ihm reden, ob es nun unangenehm werden würde, ihn Überwindung kostete oder sonst irgendwas! Leider machte es ihm der Vorsatz allein auch nicht unbedingt leichter...

Er hörte den Signalton des Fahrstuhls, der ihm zeigte, dass vermutlich gleich ein Kunde bei ihm vorbeischauen würde, und ließ seinen Radierer sinken. Mit dem Handrücken wischte er die schmuddeligen, kleinen Gummifitzel von seinem Pullover und stieg die wenigen Stufen zum Empfangstresen hinauf. Noch war niemand zu sehen, also setzte er sich hinter die Theke und goss sich rasch noch ein Glas Wasser ein. Die Luftfeuchtigkeit hatte in den letzten Stunden stark zugenommen, und er war ziemlich durstig. Sicher würde es später noch einen Schauer geben. Alexei verzog die Mundwinkel nach unten. Wahrscheinlich genau dann, wenn er Feierabend hatte. Sein ,Glück' mit so was war unbeschreiblich.

Er hatte gerade einen großen Schluck zu trinken genommen, als er draußen vor der Tür einen Schatten wahrnahm. Ein Mann stand im Flur und griff nach der Klinke, und mit einem leisen Quietschen drückte er sie nach unten. Im nächsten Moment prustete Alex die Flüssigkeit in hohem Bogen quer über seinen Schreibtisch.

Nein, das konnte doch nur ein Traum sein! Warum ausgerechnet dann, wenn er überhaupt nicht damit rechnete? Wieso hatte er so viel Pech?

Schlanke, muskulöse Statur, ein markant geschnittenes Gesicht, rabenschwarze Haare, silbergraue Augen: Kein Zweifel, es war unverkennbar einer der Kincaid-Brüder, der da auf ihn zustolziert kam. Alexei stellte vorsichtig sein Glas wieder ab und wischte sich über die Lippen. Nur welcher, dachte er fieberhaft und unterdrückte den Impuls, schreiend davon zu laufen - um welchen der beiden handelte es sich?!

"Hi!"

Der junge Mann warf einen Stapel Bücher auf den Tresen und blickte zu ihm herab. "Ich weiß, es ist noch ein bisschen Zeit. Aber die wollte ich schon mal zurückgeben."

Alex blinzelte leicht und starrte auf das Papier. Er schluckte leise, dann nahm er die Lektüre mit zitternden Fingern entgegen. Okay, so weit so gut. Dem ersten Anschein nach musste es sich um Dave handeln. Da der Andere bei der Begrüßung nicht ein einziges Mal die Miene verzogen hatte, ließ das eigentlich recht deutliche Schlüsse ziehen. Ein unterkühltes Auftreten war ja seiner Erfahrung nach typisch für den jungen Motorradfahrer, warum also zweifeln? Andererseits brachte sein Besucher ausschließlich Geschichtsbücher zurück, was im Grunde auf Nathan hindeutete. Hatte dieser die verstaubten Schinken jetzt seinem Zwilling zur Abgabe aufgedrückt oder stand er wirklich in Natura vor ihm?

Nervös sah der Braunhaarige auf. Sein Gegenüber lehnte an der breiten Holzplatte der Empfangstheke und schaute ihm ruhig in das Gesicht. Er schien keinerlei Absichten zu haben, Alexei über seine Identität aufzuklären, also versuchte dieser, sich irgendwie anders Gewissheit zu verschaffen. Er verengte seine Augen und konzentrierte sich ganz auf die Mimik des Jungen. Zuckte nicht sein rechter Mundwinkel in leichter Belustigung? Das würde sicher nur Nathan passieren. Wenn er versuchte, sich zu beherrschen, musste er sein offenes und lebenslustiges Wesen unterdrücken, und das fiel ihm bestimmt nicht leicht. David hatte da vermutlich keine Probleme. Alex erschauerte tief. Wenn der amüsiert war, dann mehr auf die sinnliche Art, in der er mit seinen ,Opfern' spielte - Opfern wie Alexei.

Der junge Mann lachte heiter und riss den Büchereiangestellten somit aus seinen Gedanken.

"Du gibst dir ja wirklich Mühe, Alexei, aber lass es lieber bleiben", riet er. "Dave und mich kann nicht mal unsere Mutter unterscheiden, wenn du dir nicht sicher bist, solltest du also einfach fragen."

Alex atmete auf und ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken. Es war tatsächlich Nathan. Was für ein Glück...

Er stutzte und schalt sich innerlich einen Narren. Was redete er sich ein? Das war überhaupt kein Glück! Eher das Gegenteil: Hier hatte Alexei die Chance, mit seinem neuen Freund über alles zu reden, und war absolut nicht darauf vorbereitet. Er wusste weder einen Anfang für seine ,Beichte', noch einen Schluss oder wenigstens den Mittelteil.

Was sollte er denn jetzt sagen?

"Hey!" Nathan beugte sich zu ihm herunter. "Ihr habt nicht zufällig auch ein paar Werke über die Gesamtheit der Randgruppen während des Naziregimes?", fragte er. "In den Büchern, die ich schon durchgearbeitet habe, finden sich immer nur Querverweise oder Nebenbemerkungen. Von den Juden habe ich ja inzwischen nun wirklich genug gelesen. Ich bräuchte mal ein bisschen ,Abwechslung'..." Alexei zog eine Braue hoch. "Abwechslung?" Sein Gegenüber nickte. "Ja - zum Beispiel Homosexualität." Der Braunhaarige verschluckte sich heftig und kämpfte mit einem Hustenanfall. Dann klemmte er sich die Bücher unter den Arm und stand mit hochrotem Kopf wieder auf.

"Nein, tut mir leid", gab er zurück und wandte sich zum Gehen. "Ich fürchte so gut sortiert sind wir nicht..."

Er ließ den verwirrten Nathan allein an der Theke zurück und stapfte stattdessen zu den Regalen für deutsche Geschichte. Wenn er nur nicht immer so leicht durch den Anderen aus der Fassung zu bringen gewesen wäre, dann hätte das gerade der ideale Aufhänger sein können. Er machte sich an die Sortierung und pustete sich dabei eine seiner weichen Haarsträhnen aus der Stirn. Jetzt allerdings musste er sich etwas anderes überlegen, wie er das Thema in diese von ihm gewünschte Richtung bringen sollte. Es war echt zum Heulen mit ihm...

Nathan indessen schien sich von der Abfuhr nicht weiter stören zu lassen. Entspannt schmökerte er in einem zeitgenössischen Roman über Wirtschaftskrisen und innerpolitische Machtspiele im Ausland. Es wunderte Alex, dass er sich für so etwas interessierte. Er hatte mehr den Eindruck gewonnen, Nathan beteilige sich überwiegend an dem Geschehen in seiner direkten Umgebung statt an dem, was es so an Konflikten in Südafrika oder Indien zu erkunden gab. In Wirklichkeit war das aber wohl nicht der Fall. Er legte die Lektüre sogar beiseite, um sie sich später mit nach Hause zu nehmen.

"Was ist los?", wollte er wissen, als er Alexeis leicht erstaunten Blick auf sich spürte. "Wurde das Buch schon jemand anderem versprochen?" Alex schüttelte den Kopf. "Nein", antwortete er und lächelte freundlich. "Du kannst es dir ausleihen." Er stellte den letzten Wälzer über diverse Zeitangaben beiseite und drehte sich zu ihm um. "Möchtest du vielleicht einen Tee?"

Nathan nickte. "Ja, sehr gern."

Alexei bot dem jungen Mann einen Platz an einem der Tische an und begab sich dann in die kleine Einbauküche für die Angestellten der Bücherei. Er füllte den Wasserkocher auf und stellte ihn ein, während er schon mal sorgfältig alle Teesorten durchging, die er noch vorrätig hatte und versuchte, sich für eine zu entscheiden. Er konnte sowohl zwischen süßen wie auch eher herben Geschmacksrichtungen wählen, und er war sich nicht ganz schlüssig, welche seinem Gast nun besser gefallen würde. Schließlich füllte er das runde Teesieb mit einer Trockenmischung aus Erdbeere und Zitronengras. Dieses fruchtige Aroma fand er selbst sowohl entspannend wie auch erfrischend, und er konnte sich gut vorstellen, dass Nathan ein solches Getränk bei der schwülen Luft heute äußerst recht sein würde.

Er füllte etwas Zucker in den dafür vorgesehenen Tiegel und stellte ihn zusammen mit zwei Tassen auf ein großes Tablett. Wenn er sich recht erinnerte, musste in irgendeinem der Schränke noch eine Packung Butterkekse sein. Er beugte sich herunter, um das nachzuprüfen. Dabei rempelte er mit der Kehrseite unerwartet gegen etwas Warmes, Unnachgiebiges. Erschrocken richtete er sich auf und wollte sich umdrehen, doch Nathan hinderte ihn daran. Er schlang von hinten seine Arme um Alex' Körper und drückte ihn leicht mit der Hüfte gegen die Arbeitsplatte.

"Na, sieh einer an", raunte er an Alexeis Ohr und jagte diesem einen heißen Schauer über den Rücken. "War das nur ein Versehen oder wolltest du mich einladen?" Er berührte mit den Lippen den Hals des Jungen und ließ ihn so leicht erzittern. "N-Nathan", stammelte der Braunhaarige und hielt sich mit den Händen an einer der Schubladen fest. "Tut mir leid, dass ich dich angestoßen habe..."

Der Andere lachte leise und küsste ihn sanft auf die Wange. "Oh, mir tut es nicht sonderlich leid", gestand er ohne Umschweife und umfasste Alex' Kinn. Er drehte dessen Kopf zu sich herum und betrachtete schmunzelnd das bereits gerötete Gesicht. "Im Gegenteil - es hat mir sogar sehr gut gefallen..." Dann beugte er sich herab und legte sanft seinen Mund auf Alexeis.

Dessen Augen weiteten sich in ungläubigem Erstaunen. Er hätte damit rechnen müssen, dass Nathan ihn küssen würde, dennoch war er ziemlich überrascht. Er gab ein unterdrücktes Keuchen von sich und wollte protestieren, aber er kam gar nicht dazu. Nathans Lippen schienen seine regelrecht zu versiegeln, und ihr Gefühl brannte sich so tief in Alex' Gedächtnis, dass er es niemals wieder vergessen würde. Der Schwarzhaarige klemmte ihn noch immer zwischen sich und den Küchenmöbeln ein, sodass er absolut keine Chance hatte, ihm irgendwie zu entkommen, aber schon nach wenigen sinnlichen Augenblicken wollte er das auch gar nicht mehr. Nathans Kuss war voller Begehren und viel zu sehnsüchtig, um gänzlich unerfüllt zu bleiben.

Alexei seufzte leise und ließ sich zaghaft gegen den Rücken seines Freundes sinken, gestattete diesem, mit der Zunge seine Unterlippe zu erkunden. Er erschauerte ahnungsvoll, während Nathan ausgiebig das weiche Fleisch kostete, es zart zu sich heran sog und schließlich daran zu knabbern begann. Er öffnete seinen Mund und hieß die feuchte Wärme darin willkommen, die Nathans Ausdehnung seiner Erkundungstour mit sich brachte. Genau wie bei David konnte er dem Zungenspiel des jungen Mannes einfach nicht widerstehen.

David...

Alex erinnerte sich an seinen Vorsatz und löste widerwillig die Lippen von denen des Schwarzhaarigen. "Nathan", keuchte er und versuchte, dessen Mund zu ignorieren, der sich spielerisch um sein Ohrläppchen schloss. "Nathan, warte bitte! Ich muss dir etwas sagen..." Er schnappte nach Luft, als sich die Hände des Anderen neugierig unter seinen Pullover schoben und seine Fingerkuppen die nackte Haut darunter berührten. "Nathan!"

"Nicht jetzt..." Alexei erschauerte tief. Nathans Stimme war kaum mehr als ein Hauch. "Erzähl es mir später, okay?"

Der Junge stöhnte leise. Nathans Hände machten sich auf seinem Körper selbstständig. Sie fuhren über seine Rippen, die Brust und wieder hinab zur Bauchdecke, ganz langsam und geradezu genüsslich. Mit einem Zeigefinger umkreiste der Schwarzhaarige fast gemächlich Alex' Bauchnabel, die Glieder seiner anderen Hand zeichneten heiße Spuren auf die seidige Haut, ließen den Atem des Kleineren ungewollt schneller gehen. Er schob seine Hände den schmalen Rücken hinauf und erfreute sich daran, dass der Braunhaarige diesen unbewusst für ihn durchbog, und noch ehe Alexei wusste, wie ihm überhaupt geschah, lagen Nathans Finger auch schon wieder auf seiner Brust, streichelten und neckten sie. Er wand sich unter den kreisenden Daumen, die aufreizend seinen Vorhof liebkosten, und er warf überrascht den Kopf in den Nacken, als zwei freche Fingerkuppen ihn auf jeder Seite keck in die Brustwarzen zwickten.

"Nathan..." Er keuchte wieder und klammerte sich an die Schrankwand. "Nicht... was tust du denn da?" Nathan lachte leise und knöpfte in aller Seelenruhe Alex' Jeanshose auf. "Wonach fühlt es sich an?" Er ließ die Gliedmaßen seiner Rechten in Alexeis Unterwäsche verschwinden und entlockte diesem so ein ungläubiges Aufstöhnen. "Ich hole meinen Bruder ein. Und ich lasse nicht zu, dass du mich irgendwie davon abhältst."

Alex zitterte vor Lust und versuchte dennoch, sich dem Schwarzhaarigen zu entwinden. "Du weißt davon?", fragte er und keuchte erneut, als Nathans Hand ihn zu reiben begann. Wenn das so weiter ging, verlor er schneller die Beherrschung, als ihm lieb sein konnte. "Selbstverständlich", war die amüsierte Antwort. "Dave und ich schlafen sogar im selben Bett. Wir sind Zwillinge - unter uns hat es noch nie ,kleine Geheimnisse' gegeben." Nathan grinste breit und zupfte an den weichen Schamlöckchen. "Versprich mir nur, dass du dir das nicht von jedem gefallen lässt."

Alexei errötete abermals und senkte beschämt den Blick. "Du bist bestimmt sauer auf mich", vermutete er. "Aber es war keine böse Absicht. Ich weiß auch nicht, was auf einmal in mich gefahren ist. Jedenfalls lagen wir in Nullkommanichts auf dem Bett und alles ging drunter und drüber..."

Zu seiner Überraschung schüttelte Nathan nur weiter lächelnd den Kopf. "Warum sollte ich böse sein?", erkundigte er sich und schlang erneut seine Arme um ihn. "David hat Recht - ich habe ein Auge auf dich geworfen, aber dass dem so ist heißt noch lange nicht, dass es dir genauso gehen muss." Er küsste ihn sanft und streichelte durch sein Haar. "Alexei - ich will nicht leugnen, dass du mir gut gefällst. Ich mag deine naive Art, dich auf Zärtlichkeiten einzulassen. Sie ist so herrlich unkompliziert. Ob dich nun ein Mann berührt oder eine Frau, das scheint für dich keinen Unterschied zu machen, solange es dich nicht abstößt."
 
Alex schluckte leicht und starrte auf seine Hände. War das so? Er hatte noch nie darüber nachgedacht. Doch Nathan sprach bereits weiter. "Wenn du wirklich nicht willst, dass ich dir irgendwelche Avancen mache oder dich intim berühre, dann sag es mir jetzt und ich schwöre, dich nie wieder anzufassen. Verlang nur bitte nicht, dass es mir leicht von der Leber weg gehen muss, denn dich aufzugeben, darauf habe ich gar keine Lust."

Alexei blinzelte verwirrt und schmunzelte dann. Aufrichtig war Nathan ja, das musste man ihm lassen. Aber wie stand es um ihn selbst? Wollte er mehr, als nur berührt und geküsst zu werden? Konnte er in diesem Mann vielleicht mehr sehen als ,nur' einen Freund, einen Partner etwa?

War es ihm möglich, sich in Nathan... zu verlieben?

Ein umständliches Räuspern hinter ihnen ließ beide zusammenzucken.

"Ich weiß, das ist jetzt schrecklich unromantisch", erklang eine wohlbekannte Stimme. "Aber trotzdem müsste ich da mal ganz kurz vorbei."

Alex fuhr herum und wich hastig ein Stück zur Seite. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er den unerwarteten Störenfried an, der ohne jede Vorwarnung mitten in ihr kleines Stelldichein geplatzt war. Ihm klappte fast die Kinnlade herunter: Da stand doch tatsächlich David Kincaid im Türrahmen, über der einen Schulter lässig seine Sporttasche, auf der anderen eine schwarze Lederjacke hängen, und blickte sie ausdruckslos an. Als die zwei jungen Männer Platz vor der Spüle machten, zwängte er sich einfach zwischen ihnen hindurch, schraubte eine kleine Trinkflasche auf und füllte sie mit Wasser. Ganz entspannt, so als wäre nichts gewesen. "Danke, zu freundlich." Er lächelte spöttisch, als er Alexeis geöffnete Hose sah.

"Manche Leute bekommen wohl nie genug..."

Alex glühte regelrecht vor Scham und schloss hastig seine Jeans. "Wa-wa-wa-was machst du hier überhaupt?", rief er aufgebracht und wedelte mit den Armen. So eine megapeinliche Situation!

"Wa-wa-wa?", äffte Dave ihn nach und grinste belustigt. "Komische Art, einen Kunden zu begrüßen. Ich habe eines von Nathans Büchern mitgebracht." Er holte es aus seiner Tasche und warf es seinem Bruder auf den Küchentisch. "Hier - hast du vorhin zuhause liegen gelassen." Nathan betrachtete es stirnrunzelnd und kratzte sich leicht am Kopf. "Tatsache", meinte er schließlich. "Na das ist ja vielleicht 'n Ding."

Alexei konnte es nicht fassen. Wie die beiden sich hier aufführten, das war vielleicht ein Ding! Gerade eben noch hatte er mächtig mit einem der beiden herumgefummelt und wäre dabei fast seine männliche Unschuld losgeworden, und jetzt sah es so aus, dass weder der ,Übeltäter' noch sein Zwilling sich irgendwie daran zu stören schienen. Fast schon, als wäre es normal, dass der eine den Anderen zwischendurch mal unterbrach, um ein paar persönliche Angelegenheiten zu klären. Hatten denn hier alle den Verstand verloren?

"Hey Alex, kannst du mir sagen, wo ich einen Löffel finde?" David kramte eine gelbe Pulverdose hervor und öffnete geschickt ihren Plastikdeckel. "Ich bräuchte mal was zum Umrühren."

Der Junge seufzte tief und beschloss, es genau wie die anderen beiden einfach hinzunehmen, dass die ganze Schose hier eben absolut peinlich war. Warum auch großes Aufhebens darum machen, wenn der Rest der Beteiligten es lieber ignorieren wollte? Er griff in eine der Schulbladen und reichte ihm das Besteck. "Hier, bitte sehr...."

"Danke."

Er zog eine Augenbraue hoch und schaute mit vor Ekel verzogener Mine zu, wie David sich irgendeine Art Getränk anmischte. Das Zeug sah mit seiner bräunlich dunklen Färbung nicht nur abstoßend aus, es stank auch gar fürchterlich.

"Was zur Hölle ist das?"

Nathan ließ sich auf den einzigen Stuhl in der Küche sinken und pustete sich eine der dunklen Haarsträhnen aus der Stirn. "Eiweißpampe", sagte er schlicht und warf seinem Zwilling einen mitleidigen Blick zu. "Die muss er schon seit seiner Kindheit nehmen. Er hat eine seltene Stoffwechselkrankheit, weißt du? Übelste Mangelerscheinungen."

Dave warf ihm einen wütenden Blick zu. "Nathan!"

"Eine Stoffwechselkrankheit?" Alex lehnte sich auf die Arbeitsplatte und schaute ihm besorgt ins Gesicht. "Was stimmt denn nicht mit dir?"

Der junge Mann atmete leise aus und schloss dann das Behältnis wieder. "Mein Körper kann die Nährstoffe aus den Lebensmitteln, die ich esse, nicht richtig verwerten", erklärte er widerwillig. "Er spaltet sie zu langsam auf und scheidet sie wieder aus, bevor er den vollen Nutzen daraus gezogen hat. Deshalb muss ich Vitamine und Mineralstoffe und das ganze Zeug durch Tabletten und spezielle Getränke hinzuführen. Kapiert?"

Er steckte den Löffel in seinen Becher und rührte kurz darin herum. Dann kippte er die Brühe in einem einzigen Zug hinunter.

"Wenn er das nicht macht, leidet er unter Kopfschmerzen und Blutarmut, muss sich übergeben und ist ständig schlecht drauf", führte sein Bruder Alex' Aufklärung zu Ende. "Sein Gehirn bekommt nicht genug Kohlehydrate und holt sie sich aus den Muskeln. Diese haben aber kaum welche gespeichert und zerstören sich dadurch selbst." Er grinste leicht. "Kaum zu glauben, wenn man ihn sich anguckt, stimmt's?"

Alexei nickte stumm. Er hätte wirklich nicht gedacht, dass David mit solch einer Krankheit zu kämpfen hatte. Der junge Mann machte einen vitalen und gesunden Eindruck, schien voller Energie, wenn er auch meist ziemlich unterkühlt aufzutreten pflegte. Dass er sich überwiegend von diesen garstig riechenden Brechmitteln ernähren musste, war eine Ungerechtigkeit der Natur. Was für ein starker Wille, Durchhaltevermögen und Ausdauer steckten in einem Menschen, der trotz dieser Umstände so viel aus sich machen konnte?

"Gehst du wieder zum Judo?", fragte Nathan und riss den Braunhaarigen aus seinen Gedanken. David hielt seine Sporttasche hoch. "Dazu habe ich die mitgebracht." Sein Bruder runzelte zum zweiten Mal seine Stirn. "Aber eure Umkleiden sind doch geschlossen, oder? Bauen sie nicht gerade die Duschen ein?" Dave spülte seine Flasche aus und steckte sie mit der Dose zurück in einen kleinen Beutel. "Ich wollte fragen, ob ich mich hier umziehen kann. Hab's daheim nicht mehr geschafft, und unsere Mutter hat wegen des Buches gedrängelt."

Die beiden Männer richteten ihre Augen auf Alexei. Dieser blinzelte etwas perplex. "Moment mal - du willst dich hier in der Bücherei in deinen Judodress schmeißen?" David nickte kurz. "Ist doch kein Problem, oder? Übrigens wird euer Wasser wieder kalt."

"Hey!" Alex hielt seine Hände fest und hinderte ihn so daran, sich das Shirt über den Kopf zu ziehen. "Warte damit gefälligst, bis die Öffnungszeiten vorbei sind", schimpfte er. "Hier laufen auch Frauen und Kinder herum. Sollen die gleich einen Schock bekommen?" Dave sah zu seinem Bruder und zuckte die Schultern. "Ich sehe genauso aus wie er", verteidigte er sich. "Und wenn ihr euch hier gegenseitig die Klamotten vom Leib zerren dürft, kann ich das auch. Außerdem fängt mein Training nicht erst um sechs, sondern in zwanzig Minuten an. Ich habe also keine Zeit, das so lange hinauszuzögern."

Alexei raufte sich die Haare und schob ihn schließlich vor sich her aus der Küche. "Na schön", lenkte er ein. "Aber wir gehen in den Aufenthaltsraum für die Angestellten. Nathan?" Der junge Mann hob den Kopf. "Pass bitte so lange auf die Kasse auf, ja? Sie steht vorn hinter dem Tresen."

"Geht klar!"

Alex griff sich Davids Sporttasche und brachte sie zusammen mit ihrem Besitzer in das geräumige Hinterzimmer, das Frau Liebmann immer mal als eine Art Café hatte einrichten lassen wollen, wozu ihr im Moment jedoch das Geld fehlte. Er stellte das Gepäckstück auf eine der Bänke und setzte sich daneben.

"Und jetzt?" Dave grinste amüsiert. "Du willst mir doch nicht wirklich beim Umziehen zugucken, oder? Ist das ein Hobby von dir, was mir bisher noch nicht bekannt war?"

Der Braunhaarige spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. "Quatsch", wehrte er ab. "Natürlich nicht! Aber die Tür lässt sich nur mit einem Schlüssel öffnen. Wenn ich rausgehe, bist du hier eingesperrt."

"Oh", machte David und irgendetwas an seinem Unterton jagte Alex eine Gänsehaut über den Rücken. "Und das wollen wir selbstverständlich vermeiden, nicht wahr?" Er schwang seine Beine über die Bank und beugte sich soweit zu seinem Gegenüber herab, dass dieser fast seinen Atem auf der Haut spüren konnte.

"D-das war so mein Gedanke gewesen", stammelte Alexei und wich ein Stück zurück. Himmel, er hatte doch gerade erst den einen überstanden. Machte der andere Zwilling jetzt etwa auch Anstalten, im Halbdunkel der Bücherei über ihn herzufallen? Doch David nickte nur zustimmend und fing dann an, seine Sachen abzulegen. "Ja, so etwas hatte ich erwartet." Er öffnete den Gürtel seiner Hose und warf ihn auf einen kleinen Holztisch. Bei der Bewegung rutschte seine Jeans soweit herab, dass sie gerade noch von seinen Hüftknochen an ihrem Platz gehalten wurde, und Alex erwischte sich schon wieder dabei, wie er fasziniert auf das Sixpack an Muskeln starrte, das Daves flachen Bauch verzierte. Es war wirklich kaum vorstellbar, dass der Schwarzhaarige Probleme mit seinem Körper hatte. Er wirkte so hart und durchtrainiert, dass man es erst aus seinem eigenen Mund gehört haben musste, bevor man es so richtig glauben konnte.

Ein bisschen machte ihn der Gedanke traurig. David ging nicht damit hausieren. Hätte er nicht zufällig einen seiner Drinks vor dem Sport einnehmen müssen, wäre Alexei nie auf die Idee gekommen, er könnte irgendwie krank sein. Es schien ihm wirklich ziemlich typisch für den jungen Mann, dass dieser seine Last ganz allein tragen wollte. Dave war wohl einfach der geborene Einzelkämpfer.

"Was ist?"

Alex blickte auf und in Davids fragendes Gesicht. Dessen Züge verhärteten sich, als er den Ausdruck in Augen des Braunhaarigen bemerkte.

"Guck mich nicht so an", knurrte er und wandte sich ab. "Ich brauche dein Mitleid nicht."

Doch Alexei konnte nicht anders. Wie sollte er ihn sonst anschauen? Er zuckte zusammen, als der junge Mann ihn packte und kräftig schüttelte. "Ich sagte, du sollst nicht so gucken!" Er funkelte ihn an und drückte ihn auf die Bank. "Wenn ich eines nicht will, ist es genau dieses Bild in deinen Augen - das Bild eines kranken Mannes!"

Alexei schluckte hart vor Schreck, doch David sprach bereits weiter. "Ich bin kein Invalider! Es geht mir gut! Alles was ich tun muss, ist dieses breiige Zeug zu trinken, verstehst du? Oder sehe ich vielleicht aus wie jemand, der sich den ganzen Tag mit einem schweren Leiden herumquält?" Er betrachtete einen Moment lang Alex' Gesicht und beugte sich dann ein wenig zu ihm herab. "Ich habe schon Menschen gesehen, die auch blind und einarmig noch lachen konnten. Also tu nicht so, als würde ich mitten in einem tiefen Drama stecken."

Der Braunhaarige wollte sich aufrichten, doch Dave ließ das nicht zu. Er hielt ihn weiterhin fest.

"Aber es ist doch trotzdem eine Last für dich, oder?", verteidigte Alexei seine Gefühle und kam sich wie ein totaler Volltrottel vor. Wenn David sein Mitleid nicht brauchte, wie er sagte, warum empfand er dann trotzdem welches für ihn? Es mochte ja sein, dass Spritzen, Pillen und Drinks keine so große Belastung für den jungen Mann darstellten, wie er selbst sich das dachte. Trotzdem fand er das alles sehr schade für ihn, ob es Dave nun passte oder nicht!

Der Schwarzhaarige lachte leise. "Es ist lästig, aber keine Last, Alexei", antwortete er. "Das ist eines dieser Dinge, die ich nie an dir verstehen werde." Er schaute ihm nachdenklich in die Augen. "Du weißt so wenig von mir und machst dennoch so viel Aufriss um diese Sache. Als hätte ich nur noch ein paar Wochen zu leben. Dabei bin ich so gesund und fit wie schon lange nicht mehr und muss mir ständig anhören, ich solle es nicht übertreiben. Das ist wirklich nichts Großartiges, glaub es mir ruhig."

Plötzlich musste er schmunzeln. "Hmm, was man von dieser Situation hier nicht gerade behaupten kann." Er besah sich Alexeis ziemlich wehrlose Lage und grinste breit. "Ich wäre ja ein absoluter Idiot, wenn ich so eine Chance nicht nutzen würde. Findest du nicht auch?"

Alex riss die Augen auf und starrte ihn ungläubig an. Meinte Dave das ernst?

"I-ich weiß nicht", stammelte er und lief erneut knallrot an. "Man soll ja nichts überstürzen, heißt es immer..."

David brach in schallendes Gelächter aus und schüttelte seinen Kopf. "Oh nein", machte er und griff nach Alexeis Händen. "So leicht kommst du mir nicht davon, mein Bücherwürmchen. Inzwischen ist es wieder an mir, etwas aufzuholen und ich lasse mich nicht so einfach abservieren."

Alex öffnete den Mund, um noch etwas dazu zu sagen, doch er bekam keine rechte Gelegenheit mehr. Dave fasste seine Handgelenke eiserner und bog die schlanken Arme über Alexeis Körper nach oben, wo er sie in einer fast beiläufigen Bewegung und mit nur einer Hand auf die Holzbank drückte. Es fiel ihm dermaßen leicht, den Anderen festzuhalten, dass es diesen richtig erschreckte. Was für eine ungeheure Kraft der junge Mann besaß, wenn er nur einen Zweck sah, sie einzusetzen! Wollte Alex sich jetzt wehren, würde er ernsthafte Schwierigkeiten bekommen. David schien um einiges stärker zu sein als er.

"Dave", keuchte er und starrte ihn noch immer an. "Was soll das? Lass mich los!"

"Dich loslassen?" Der Schwarzhaarige streifte mit den Lippen den Ansatz von Alexeis Schlüsselbein und schob mit der nun freien Hand dessen Pullover bis über den schmalen Rippenbogen. "Wo ich dich doch gerade erst erwischt habe", raunte er und hauchte dabei seinen heißen Atem auf Alex' Haut. "Das wäre wirklich nicht besonders fair." Er fuhr mit der Hand über den Bauch des Braunhaarigen und zeichnete mit seinen Fingerkuppen langsam feine Linien darauf.

Alexei erschauerte wohlig. "Es ist auch nicht fair, dass ihr die ganze Zeit mit mir herumspielt", beschwerte er sich eher halbherzig und spürte ein leichtes Zittern durch seinen Körper laufen. Diese Kerle machten ihn noch völlig verrückt, von all den Gefühlen, die Dave in ihm auslöste, ganz zu schweigen! Warum erregte er ihn so?

David hielt unterdessen inne und schaute ihn fragend an. "Wie kommst du denn auf den Gedanken, wir könnten mit dir spielen?", erkundigte er sich verblüfft und richtete sich etwas auf. "Wir meinen es beide ernst - verdammt ernst sogar, wenn auch auf eine etwas unterschiedliche Weise."

"Eine unterschiedliche Weise?" Alexei verstand nicht ganz, was der junge Mann damit meinte. Dave beugte sich abermals über seinen Körper und berührte mit seinen Lippen zart den Hals des Jungen. "Nathan will dich als Partner für seine Zukunft, Alexei", flüsterte er und beobachtete amüsiert, wie der Braunhaarige unter ihm hilflos seine Augen schloss beim Klang der sinnlich-lasziven Stimme. "Er möchte dich für sich gewinnen, auch wenn ihr euch noch nicht lange kennt. Mein Bruder ist so ein Typ - er will mehr von dir wissen, Zeit mit dir verbringen. Einfach erreichen, dass du bereit bist, dich auf ihn einzulassen." Er lächelte belustigt. "Ich schätze, so was nennt man wohl Liebe auf den ersten Blick. Ganz schön ungewöhnlich für ihn." David küsste die Stelle hinter Alexeis Ohrläppchen und sprach dann weiter. "Aber täusch dich nicht: Er will auch deinen Körper. Und hierin gleichen wir uns." Alex atmete tief ein und schluckte hörbar.

"Du... du willst...?" Er kam nicht mehr dazu, die Frage bis zu ihrem Ende auszusprechen. Mit einem Stöhnen bog er seinen Rücken durch, als Davids Finger sich frech in seine inzwischen halbgeöffnete Jeans schoben.

"Ganz genau", hauchte der Schwarzhaarige. "Dich besitzen..."

Alexei keuchte unterdrückt und ließ seinen Kopf nach hinten fallen, während der Andere ihn zu liebkosen begann. David vergeudete keine Chancen damit, ihn über irgendetwas nachgrübeln zu lassen. Viel mehr nutzte er Alex' anfängliche Überrumpelung dazu, jeglichen Gedanken an Gegenwehr mit seinen Händen aus dessen Bewusstsein zu verbannen. Er war so geschickt dabei, dass Alexei schon nach wenigen Sekunden kaum noch wusste, wie er sich jemals gegen diesen Mann hatte wehren wollen können.

Daves Fingerkuppen glitten aufreizend langsam über seine intimsten Bereiche, und wo immer sie ihn berührten, schienen sie eine Spur flüssigen Feuers zu hinterlassen, welche sich tief in Alex' Inneres brannte. Seine warme Haut rieb sich an der des Anderen, und je spielerischer David Kincaids Bewegungen wurden, desto unwiderstehlicher wirkten sie auf Alexei. Daves Fähigkeit, in allen Fasern und Muskeln, in jeder einzelnen Zelle des Braunhaarigen das Verlangen zu schüren, stand der seines Zwillingsbruders in keiner Weise nach. Im Gegenteil musste Alex sich mit jedem Augenblick, der verging, mehr und mehr zwingen, den Liebkosungen des jungen Mannes nicht nachzugeben, sich nicht gänzlich bei ihm fallen zu lassen.

Er stöhnte erregt, als er Daves Lippen auf sich spürte, wie sie seine Bauchdecke herabwanderten und sich immer näher an seine Lenden heran schoben, er schon den heißen Atem auf der empfindlichen Haut spüren konnte, nur damit sie kurz davor doch noch umkehrten, um sanft die einzelnen Rippen zu necken. Die leidenschaftlichen Küsse, die er zwischendurch von dem Größeren erhielt, die fordernde Zunge an seiner und das genießerische Keuchen des Schwarzhaarigen taten ihr Übriges. Es machte ihn halb wahnsinnig vor Lust, aber die feuchte Wärme, die sich mit Davids Mundhöhle um ihn schloss, war noch viel erregender und aufreibender als alle anderen Berührungen zuvor.

Alexei hatte sich noch nie auf diese Weise verwöhnen lassen. Es war ein völlig neues Gefühl für ihn, geschmeidige Lippen auf seinem Schaft zu spüren, eine geschickte Zunge, die es sich nicht nehmen ließ, die empfindliche Spitze zu liebkosen. Er hatte keinerlei Zweifel mehr daran, dass der etwas kleinere der beiden Brüder seine Worte von ihrem letzten Treffen äußerst ernst meinte. Er hatte definitiv ein Interesse an einer körperlichen Beziehung zu Alexei, und wenn er nicht bald aufhörte, das so eindrucksvoll unter Beweis zu stellen, konnte der Junge für nichts mehr garantieren.

"Dave", keuchte er und klammerte sich an die Bank unter seinem Rücken, bevor er abermals stöhnte. "Gott, hör auf... ich habe eine miserable Selbstbeherrschung..."

Doch David lachte nur leise. Er löste sich kurz von ihm und sah ihm tief in die braunen Augen. "Wenn du glaubst, dass ich jetzt aufhöre, bist du naiver, als ich dachte", meinte er und schmunzelte leicht. Er streckte seine Hand aus und fuhr sanft durch das dunkle Haar des Anderen. "Hab keine Angst, Alexei. Solange es beiden gefällt, ist nichts Verwerfliches dabei. Egal, ob dich eine Frau so befriedigt oder ein Mann - die Hauptsache bleibt immer noch, dass du es genießt."

Alex fühlte, wie sich die Röte in seinem Gesicht noch vertiefte.

David konnte so überraschend zärtlich und einfühlsam sein, dass es ihn fast schon verwirrte. Nach Außen hin mochte er sich kühl und unnahbar geben, aber er hatte dasselbe warme Wesen wie sein Bruder, das ließ sich wirklich nicht leugnen.

Es war eine Erkenntnis, die Alexei schon das letzte Mal hätte haben sollen, doch heute - wo er ganz Herr seiner Sinne war - drang diese Tatsache einfach viel bewusster zu ihm vor als an jenem Abend in seinem Zimmer. Dave war jemand, den man leicht lieben konnte.

Wenn er ihn nur nicht immer so überrumpeln würde...

Alexei nahm all seinen Mut zusammen und hob zum ersten Mal seit der ,Attacke' des Schwarzhaarigen den Blick, um ihn offen anzuschauen. "David", erwiderte er leise, aber ehrlich. "Ich habe keine Angst vor dir. Im Gegenteil. Ich fühle mich sogar sehr zu dir hingezogen." Er atmete kurz durch. "Aber zu Nathan eben auch", gestand er. "Und ich möchte keinem von euch beiden mit meiner Unentschlossenheit weh tun..." Er senkte die Stimme zu einem tonlosen Flüstern. "Gebt es besser auf. Ihr seid einfach zu forsch für mich." Er wandte sich von ihm ab. "So schnell kann ich mich nicht entscheiden..."

David löste seine Hände von Alexeis und schaute ihn lange schweigend an. Irgendwann stand er auf und ging ein paar Schritte durch den Raum, doch zwischendurch blieb er immer wieder stehen, um den Anderen nachdenklich zu betrachten. Da dieser sich nur stumm auf die Seite gerollt hatte und sich seitdem nicht rührte, setzte er sich schließlich wieder neben ihn auf die schmale Bank. Er richtete den Blick aus einem der Fenster heraus in den Himmel und begann dann in einem - für Alexei sehr ungewohnten - ernsten Tonfall zu ihm zu sprechen.

"Unterschätze nie die Hartnäckigkeit eines Mannes, der es auf irgendetwas Bestimmtes abgesehen hat, Alexei", sagte er schlicht. "Das ist alles, was ich dir hierzu raten möchte." Der Junge hob seinen Kopf und schaute ihn verständnislos an. "Was meinst du damit?"

Dave drehte sich zu ihm um und sah ihm erneut in die Augen. "Ganz einfach", erklärte er. "Du fühlst dich zu uns beiden hingezogen. Genauso ergeht es meinem Bruder und mir auch mit dir. Wir haben uns gesehen und die gegenseitige Anziehungskraft erkannt - dass wir einfach nichts dagegen tun können, den jeweils Anderen zu begehren, ihn aufregend zu finden. Das ist nicht schlimm. So geht es vielen Menschen auf der Welt. Jeden Tag, mit genauso vielen anderen Menschen, die auch aus heiterem Himmel davon getroffen werden. So entstehen Beziehungen, aus diesem Grund werden Kinder geboren." Er grinste schief. "Du darfst nur nicht glauben, dass sich so eine Blitzverbindung auch ohne weiteres wieder lösen lässt."

David schmunzelte unterdrückt und legte seinem Gegenüber sacht die Hand auf das weiche Haar. "Alexei... es ehrt dich, dass du uns nicht verletzen willst. Aber wir sind keine Kinder mehr. Wir wissen beide, dass du dich nur für einen von uns entscheiden kannst." Er tippte ihm auf die Brust. "Zumindest mit deinem Herzen. Doch wir akzeptieren das auch. Keiner von uns will dich dazu zwingen, dich auf der Stelle zu entscheiden." Er zwinkerte ihm zu und lachte schallend, als er Alex' verdutzten Blick darauf bemerkte. "Wir wollen dich nur von unseren jeweiligen ,Qualitäten' überzeugen, und das kannst du uns doch nicht verbieten, oder?"

Alexei wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er war einfach baff.

Hatte er wirklich die ,freie Wahl'? Er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass das auch nur für einen der beiden akzeptabel war. Gingen sie so locker und fair damit um, dass jeder dem Anderen seine Chancen ließ? Bei all den Eifersuchtsdramen auf der Welt wäre das ja geradezu revolutionär.

"Meinst du das ernst?", fragte er deshalb ungläubig. "Aber was findet ihr so Besonderes an mir, dass ihr euch das über Wochen, vielleicht Monate antun wollt?"

David schüttelte noch immer lächelnd seinen Kopf und machte sich schließlich daran, endlich seinen Trainingsanzug überzuziehen. "Du siehst die Dinge immer viel zu negativ", gab er zurück. "Dass du nur einen lieben kannst, heißt doch nicht, dass du den Zweiten plötzlich nicht mehr anschaust, oder? Ich bin eh nicht so der Beziehungstyp. Mit Nathan wärst du viel besser dran als mit so einem kleinen Sexmonster wie mir." Er grinste breit, als er Alex' hochrote Wangen sah. "Nur, dass ich es weiter versuchen darf - das lasse ich mir nicht abjagen, kapiert?"

Er nahm dem glühenden Jungen den Schlüssel aus der Hand und öffnete amüsiert die Tür. Dann drehte er sich noch einmal zu ihm um. "Ich hole mir nichts mit Gewalt, Alexei, aber ich kann ziemlich ausdauernd sein", warnte er. "Vergiss das nicht." Anschließend klopfte er seinem Bruder auf die Schulter und ließ diesen mit Alexei allein in der Bücherei zurück. Der Braunhaarige starrte ihm ungläubig nach. 

Wenn das eben eine Art ,Kriegserklärung' an Nathan gewesen sein sollte, dann wohl die mit dem erotischsten Hintergrund, den die Menschheit je erlebt hatte. Alex zitterten regelrecht die Knie. Da standen ihm ein paar äußerst aufreibende Tage bevor, daran gab es keinen Zweifel.

Er setzte sich langsam auf und seufzte tief.

Wenn sie ihn nur nicht immer so überrumpeln würden...

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- Katrin: "Wie groß bist du?"
Benni: "Wo?" -

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Kapitel VI - Ein kleiner Test
 
Alexei stellte das letzte Buch aus seinem Stapel in eines der Regale zurück und wischte sich mit dem Handrücken erleichtert seufzend über die Stirn. Zu guter Letzt hatte er es doch noch geschafft. Er kletterte von der Leiter herunter und brachte selbige wieder in den Abstellraum. Was für ein Glück, dass er heute Abend nicht verabredet gewesen war und morgen auch keine Prüfungen schrieb, sonst wäre er wirklich in die Bredouille geraten.

Diese beiden Kincaids... Die raubten ihm noch den letzten Nerv!

Dank der zwei Brüder hatte Alexei glatt eine Überstunde schieben müssen, um all die von den Kunden zurückgebrachten Bücher vor Beginn der Öffnungszeiten morgen wieder einsortieren zu können, und er war froh, endlich fertig zu sein. Die einzelnen Ausgaben mochten nicht sehr schwer anmuten, aber sie ständig irgendwelche Sprossen oder Stufen rauf- und runter zu tragen, konnte ganz schön schlauchen.

...von seiner mangelnden Lust, bis kurz vor halb neun in der Bücherei herumzuhängen, einmal abgesehen.

Er ließ seine Hand sinken und blickte sich suchend nach Nathan um. Der junge Mann war noch bei ihm geblieben, um ihm mit der Arbeit zu helfen, und Alex musste zugeben, dass er ohne ihn sicher nicht halb so schnell vorangekommen wäre. Der Student war wirklich ein fleißiger Arbeiter.

Sein rechter Mundwinkel zuckte.

Andererseits hätte er ohne ihn auch gar nicht erst so lange hier bleiben müssen, und das machte sein - zugegeben nettes - Hilfsangebot irgendwie schon nicht mehr ganz so nett. Alexei vermutete eh, dass ihn mehr das schlechte Gewissen an diesem Ort hielt als irgendetwas sonst. Er seufzte tief und schüttelte den Kopf. Aber Nathan hatte wenigstens eins - ganz im Gegensatz zu seinem dreisten Bruder, der völlig ungeniert in ihr Stelldichein platzte und dann auch noch auf dieser Bank über ihn her...

Nein, befand er errötend, daran wollte er im Moment gar nicht denken. Es reichte ihm schon, dass er von der Szene zwischen sich und Nathan bereits als ,Stelldichein' sprach. Was war nur los mit ihm? Und warum wurmte es ihn innerlich, dass David sie gestört hatte?

Er verstand sich langsam selbst nicht mehr.

Dabei konnte er zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht sagen, wer der beiden ihn mehr verwirrte und faszinierte. Nathan mit seinem charmant-offenen Wesen, welches einen vom ersten Moment bezauberte und fast automatisch für ihn einnahm? Oder Dave mit dem genauen Gegenteil, dieser ruppig-lasziven Art, wie ein Pirat zu ,erobern', was ihm gefiel?

Alexei musste gestehen: Für ihn hatte irgendwie beides seinen Reiz. Und wenn er ehrlich war, schämte er sich dafür. Er wollte nicht mit den Zwillingen spielen. Weder als ihr alleiniges Gegenüber, noch indem er sie dazu brachte, sich gegenseitig auszubooten. Für solche Intrigen hatte er nichts übrig. Aber wie sollte er ihnen das klar machen? Nathan fand die Situation in Ordnung, und David ebenfalls. Sie waren sich einig, dass sie ja schon sehen würden, für wen er sich letztlich entschied, und damit hatte sich das Thema auch bereits. Doch ging das wirklich dermaßen einfach?

Wieso fühlte er sich so schlecht dabei?

Warum, fragte Alexei sich ärgerlich, zerbrach er sich überhaupt seinen Kopf über solche Dinge? Wenn die Zwei es so wollten, dann sollte er sich vielleicht wirklich zunächst auf beide einlassen, und sich dann für einen entscheiden. Ganz easy eben und ohne genauer darüber nachzudenken.

Er raufte sich verzweifelt die Haare.

"Aber das kann ich nicht, denn es ist irgendwie nicht richtig", jammerte er.

"Also ich denke schon, dass die Geschehnisse um Marie Antoinette in die ,Französische Geschichte' gehören", meinte Nathan ungerührt und ließ den Braunhaarigen entgeistert zusammenfahren. "Außerdem hast du das Buch eh längst dort einsortiert. Wieso also kannst du das nicht?"

Alexei spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. "A-ach Nathan", machte er stockend und winkte hastig ab.

Irgendwie fühlte er sich ertappt.

"D-das war nur so... dahergesagt", versicherte er. "Wirklich nichts Wichtiges!" Er drehte sich um und verbarg sein Gesicht am Regal. Diese lästige Angewohnheit, sich von irgendwoher an einen heran zu schleichen und dann wie aus dem Nichts plötzlich aufzutauchen, musste bei den Kincaids in der Familie liegen. Dieser Angehörige ihrer Sippe konnte es jedenfalls genauso gut wie sein missratener Zwillingsbruder, und Alexei wäre fast das Herz stehen geblieben, so sehr hatte er sich erschreckt.

Der Junge schnappte nach Luft, als er unerwartet Nathans warmen Atem an seinem Hals fühlte.

"Alexei..." Der zarte Windhauch jagte einen wohligen Schauer über dessen Rücken. "Bist du sicher, dass du mir nach der Szene in der Küche noch Mal den Rücken zukehren willst?" Der Größere schmunzelte, als sich die rote Färbung auf den Wangen des Braunhaarigen noch vertiefte. Die nächsten Worte raunte er deshalb sanft in sein rechtes Ohr. "Ich könnte es als erneute Einladung verstehen..."

Der Junge fuhr entgeistert herum. "I-ich habe niemanden überhaupt jemals eingeladen, solche merkwürdigen Dinge mit mir zu tun", verteidigte er sich, und kam sich auf einmal unheimlich lächerlich vor. Sein Gegenüber hob leicht die Augenbrauen. "Merkwürdige Dinge?", hakte er nach. "Wie darf ich denn das verstehen?" Er lehnte sich mit dem Ellenbogen ans Regal. "Du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass ,merkwürdig' das einzige Wort ist, was dir zu meinen Verführungskünsten einfällt?"

Alexei schluckte leicht. "Nun", begann er und holte erneut tief Atem, als Nathan sanft sein Kinn umfasste und es leicht nach oben bog, so dass er ihm direkt in die Augen sehen musste. "Sie sind auf alle Fälle... ungewöhnlich..."

Der Schwarzhaarige runzelte die Stirn. Er strich ihm sacht eine Strähne von der Wange und schaute ihm weiterhin aufmerksam ins Gesicht. "Und warum findest du es so ungewöhnlich, gestreichelt und geküsst zu werden?", fragte er. "Das ist doch ganz normal." Er wartete einen Moment, doch dann schien ihm die Antwort selbst klar zu werden. Er suchte die Bestätigung in Alexeis schüchternem Blick.

"Ah... weil ich ein Mann bin", murmelte er schließlich, und richtete sich auf. "Das ist es, nicht wahr?"

Alex schluckte erneut, blieb sonst jedoch ohne Reaktion.

Nathan schien verstimmt zu sein. Warum nur hatte er das gerade auch gesagt? Im Grunde wusste er gar nicht, warum er die Annäherungen des jungen Mannes ungewöhnlich fand. Bis zu diesem Moment hatte er noch geglaubt, dass es vielleicht einfach an seiner eigenen Unerfahrenheit lag, oder daran, dass sie sich noch gar nicht so lange kannten - und dennoch bereits Körperkontakt ,pflegten'. Aber dass der Andere ein Mann war, konnte selbstverständlich auch ein Grund sein.

...nur hatte er darüber niemals ernsthaft nachgedacht.

Er ließ seine Empfindungen der letzten Wochen noch einmal Revue passieren. Eigentlich hatte er ja schon darüber nachgegrübelt... so irgendwie jedenfalls. Er war zumindest verwundert gewesen, dass er sich all dies von einem Mann - nein, in Wirklichkeit ja sogar von zwei Männern - überhaupt gefallen ließ. Und dass es ihn weder abstieß noch in irgendeiner Weise Unbehagen in ihm auslöste.

Im Grunde hatte er es vom ersten Moment an genossen. Er mochte Nathans Küsse, seine sanften Berührungen, und die von David auch. Warum also war er eben überhaupt darauf gekommen, dem Schwarzhaarigen etwas von ,ungewöhnlichen Verführungskünsten' zu erzählen? So ,seltsam', wie sie ihn in dem Augenblick erschienen waren, fand er sie doch eigentlich gar nicht.

"Nathan", begann er scheu und suchte verzweifelt die richtigen Worte, während er in die ausdruckslosen Augen des Anderen schaute. "Es ist nicht so, wie es dir vielleicht gerade vorkommt..."

"Tatsächlich?", machte sein Gegenüber und stützte sich abermals auf das Bücherregal in Alex' Rücken. "Wie ist es denn dann?"

Der Junge biss sich auf die Unterlippe. Ja, wie war es dann? - Eine verdammt gute Frage.

"Weißt du", meinte Nathan und irgendetwas an seinem Tonfall versetzte dem Braunhaarigen einen Stich. "Ich habe dir vorhin noch gesagt, dass ich deine Art mag, dich auf Zärtlichkeiten einzulassen." Er blickte ihm wütend ins Gesicht. "Aber wenn du das nur tust, weil es sich gut anfühlt und dir trotzdem denkst, dass ich ein ekliger Kerl bin, dann solltest du es mir auch sagen. Denn dann weiß ich wenigstens, woran ich bin."

Alexei starrte ihn ungläubig an. Gott, er hatte ihn ja völlig falsch verstanden!

"Nein", rief er hastig. "So meinte ich das nicht! Ich finde es nicht eklig, dass du ein Kerl bist... aua!" Er verzog seine Mundwinkel, während Nathan seine Hände ergriff und sie mit der Rechten über seinem Kopf an das Holzgestell drückte.

"Schön", meinte der junge Mann und lächelte kühl. "Denn dann wirst du mit Sicherheit nichts dagegen haben, wenn ich mir gleich den Beweis dafür hole..."

Alexei schnappte nach Luft, als der Dunkelhaarige mit der freien Hand seinen Pullover nach oben schob und fast im selben Moment begann, ungeduldig seine Hose aufzuzerren. Offenbar beliebte der Andere gerade wirklich nicht zu scherzen.

Alex wusste, dass Nathan nur aus Zorn so reagierte, dennoch erschreckte es ihn. Der Mann glaubte, von dem Jüngeren benutzt worden zu sein, und dieser Gedanke hatte ihn verletzt. Alexei konnte das verstehen, doch es war nicht so, wie es sich wirklich zugetragen hatte. Wenn er ihn nur eine Sekunde erklären lassen würde!

"Nathan!" Der Braunhaarige keuchte unterdrückt, als selbiger seine Oberbekleidung nun vollends über seinen Kopf zog und hinab auf Alex' Arme streifte. Damit hatte er selbst wieder beide Hände frei, Alexei jedoch konnte sich überhaupt nicht mehr wehren, da seine Arme jetzt auf den schmalen Rücken gebunden waren. "Bitte... hör mir doch wenigstens einmal zu!"

"Im Augenblick möchte ich nur eines von dir hören", erwiderte Nathan und legte sacht die Lippen auf Alex' Hals. "Und das hat bestimmt nichts mit geregelter Konversation zu tun." Er nickte, als sein neuer Freund auf seine nächste Berührung hin leise aufstöhnte. "Mhm... so kommen wir der Sache schon näher..."

Alexei gab es auf. Offenbar hatte er zu diesem Zeitpunkt nicht die geringste Chance, dem Mann seine Empfindungen verständlich zu machen. Sein Körper zitterte, als der Dunkelhaarige die blaue Jeans über seine Beine streifte, doch zu seinem Erstaunen verspürte er überhaupt keine Angst. Er fand es einfach nur schade, dass er zu dumm gewesen war, Nathan diese vermeintliche Schmach zu ersparen. Zu dumm, ihn wissen zu lassen, wie er wirklich für ihn empfand. Dass er ihn mochte und ihm vertraute, und sich deshalb von ihm streicheln ließ. Und aus keinem anderen Grund.

Nathan zog ihm den Rest seiner Unterbekleidung aus und warf sie achtlos beiseite. Er schluckte, während sein Blick zum ersten Mal über Alexeis nackten Körper glitt, und auf einmal war er sich nicht mehr sicher, ob er das hier wirklich tun sollte. Er wollte ihn nicht vergewaltigen - Gott bewahre ihn davor, jemals zu solch einem Monster zu mutieren! Er wollte ihm lediglich eine kleine Lektion erteilen, dass ein Verhalten wie seines auch gehörig nach hinten losgehen konnte, auch wenn es ihn irritierte, nicht die kleinste Spur von Furcht in Alex' Augen zu erkennen.

Wenn der Junge sich vor ihm ekelte, wäre dies der passende Moment gewesen, sich zu fürchten, oder? Denn im Augenblick bemühte Nathan sich wirklich, nicht den Eindruck baldigen Aufhörens zu vermitteln.

Er schob den Gedanken beiseite und seine Hand unter Alexeis Rumpf. In einer einzigen, flüssigen Bewegung zog er sowohl den Braunhaarigen ein Stück unter seinen Körper wie er selbst sich über ihn beugte, um ihn besser erreichen zu können. Die weiche Haut zuckte leicht unter seinem ersten Kuss, doch nachdem Nathan begonnen hatte, jeden Millimeter von Alex' Hals mit den Lippen zu erforschen, hörte das Zittern schließlich auf. Stattdessen bog der Junge irgendwann seinen Kopf nach hinten, und ließ den Anderen schüchtern mehr von sich kosten, mehr von der seidigen Wärme spüren.

Alexei war selbst überrascht, dass er sich trotz der Situation ohne weiteres auf Nathan einlassen konnte. An Angst war bei den zärtlichen Berührungen des jungen Mannes sowieso nicht zu denken, und auch wenn er sich schämte, bis auf den Pullover, welcher seine Arme hielt, vollkommen unbekleidet zu sein, machte es ihm nicht so viel aus, solange er nur wusste, dass es Nathan war. Bei David hätte er sich ein bisschen ausgeliefert gefühlt, doch bei seinem Bruder war er sich relativ sicher, dass er aufhören würde, sollte er doch noch Furcht verspüren.

Er vertraute ihm, und er musste ihn wohl gewähren lassen, bis dieser Dickschädel das endlich kapiert hatte. Ein kleiner Schauer rann seinen Rücken hinab. Er hoffte nur, dass besagter Kerl nicht so lange für diese Einsicht brauchte, dass es ihn die eigene männliche Unschuld kostete...

Nathan selbst kämpfte unterdessen mit dem Verlangen, dem Braunhaarigen eine Lehre zu erteilen und ihn einfach in den Arm zu nehmen, weil er so hilflos ganz besonders niedlich wirkte. Das war normalerweise nicht unbedingt ein Wort, welches der Mann für seine Auserkorenen gebrauchte. Doch zu Alexei passte nun mal gerade kein anderes. Die geröteten Wangen, die geschlossenen Augen und der leicht geöffnete Mund, dazu die verstrubbelten Haare und die sacht gekrümmte Körperhaltung, weil er sich seiner eigenen Nacktheit schämte - es war bald zu viel, um es noch ertragen zu können.

Er beugte sich tiefer über sein ,Opfer' und fuhr mit der Zungenspitze sanft über dessen einen Vorhof, umspielte die harte Knospe in der Mitte. Die keuchenden Laute, die Alexei daraufhin von sich gab, machten es ihm auch nicht leichter, sich halbwegs zu beherrschen. Dachte er denn wirklich nicht an Gegenwehr?

Es brachte Nathan in angemessenes Entsetzen, entweder ein ganz ausgekochtes Schlitzohr vor sich zu haben, das selbst aus dieser Lage noch den eigenen Vorteil ziehen konnte, oder gerade einen sehr großen Fehler zu begehen.

Alexei bog den Rücken durch, während der Dunkelhaarige seine Brustwarzen weiter mit der Zunge neckte und er stöhnte leise, als er sie sacht in seine Mundhöhle sog. Die behutsam reibenden Zähne lösten Empfindungen in Alex aus, die er von dieser Stelle noch gar nicht kannte, und einem heißen Strom gleich flossen sie in seine Lendengegend, wo sie ihr Möglichstes zu seiner Erregung beitrugen. Er war so verwirrt und angetan, dass er schon bald nicht mehr wusste, auf welche Seite er seinen Kopf überhaupt noch werfen sollte, dermaßen hilflos fühlte er sich diesen Reizen gegenüber.

Nathans Hände glitten begierig über seinen entblößten Oberkörper und fuhren jede Kontur darauf nach - vom Brustbein über seine Rippen, und die zarte Kerbung seines Bauchnabels entlang, und Alexei spannte unbewusst die Muskeln an, nicht wissend, dass er dem Anderen so sein Wohlgefallen zeigte, ihm verriet, wie sehr er das genoss. Die warmen Fingerkuppen auf seiner Haut zu fühlen, ließ ihn ein seltsames Kribbeln in seinem Magen verspüren, und er presste hart die Lippen aufeinander, um nicht heiser aufzustöhnen, während sie sich weiter herab bewegten, ganz zielstrebig auf seinen Unterleib hinzu.

Den schlanken Händen folgte schließlich der Mund, und die feuchte Spur, welche er auf der satinartigen Haut hinterließ, schimmerte leicht im schwachen Licht der Lampen, die längst auf Nachtschaltung gegangen waren und dem Raum kaum noch Helligkeit spendeten. Nathan benetzte mit seiner Zunge Alexeis Lippen und betrachtete fasziniert den seidigen Glanz darauf. Dieser Junge war unglaublich. So unglaublich verführerisch, dass er einfach nicht von ihm ablassen konnte.

Er legte die Arme um Alexeis schlanke Beine und drückte sie sacht auseinander, was der Braunhaarige mit einem erschrockenen Keuchen quittierte. Er versuchte nicht, sie wieder zusammen zu drücken, doch man merkte deutlich, dass er sich für den Anblick schämte, den er Nathan so bot. Es war das erste Mal, dass dieser absolut alles von ihm sehen konnte, und es grenzte an Zauberei, dass er genügend Blut für beides besaß - seine deutliche Erregung und den hochroten Kopf.

Sein Atem ging stoßweise.

"Wäre es nicht langsam an der Zeit, mich aufzuhalten?", raunte Nathan leise und küsste sanft Alexeis rechtes Ohr. "Du bist noch immer wehrlos und ich weiß nicht, ob ich diesen Beinen widerstehen kann..." Er schmunzelte, als der Junge auf seine lasziven Worte hin nur noch röter wurde und erneut hilflos die Lider aufeinander presste. Er riss sie erstaunt wieder auf, als Nathans Finger sich um sein heißes Glied schlossen. "Andererseits... vielleicht willst du ja auch gar nicht, dass ich ihnen widerstehe..." Und mit diesen Worten begann er ihn zu streicheln.

Alexei warf den Kopf in den Nacken. Er stöhnte kehlig, während die Hand des Dunkelhaarigen langsame Auf- und Abwärtsbewegungen vollführte, und er wand sich unter den neugierigen Fingern, welche jede seiner Vorlieben zu kennen schienen, ihn geschickt rieben und neckten. Er hatte den beiden Kincaids eh schon wenig entgegen zu setzen, aber dass sie ihm solche Lust bereiten konnten, lag jenseits seines Verstandes.

Nathan flüsterte ihm zärtliche Worte ins Ohr und hörte nicht auf, ihn zu liebkosen, doch was sich in diesem Moment noch viel besser anfühlte als seine schmeichelnden Hände, waren die Nähe und die Wärme, welche vom Körper des Dunkelhaarigen ausgingen. Er hatte Alexei inzwischen in eine aufrechte Haltung gebracht und drückte ihn sanft gegen seinen Oberkörper, um ihn zu stützen und ihm beim Sitzen zu helfen, denn er selbst konnte sich ja nirgendwo festhalten. Und wie er ihn so im Arm hielt, Alex' Kopf behutsam an seine breite Schulter gelehnt, da konnte dieser nicht anders, als ihn schüchtern auf die Wange zu küssen.

Nathan schaute ihm überrascht in die Augen.

"Wofür war das denn?", fragte er verwirrt und hielt sich erstaunt die Stelle, auf die Alexei soeben seine Lippen gepresst hatte. Dieser blickte scheu zu Boden. "Weil... weil du so zärtlich bist", erwiderte er leise. "Obwohl du glaubst, dass ich dich benutzen wollte..."

Der Schwarzhaarige blickte ihn schweigend an. Dann legte er sanft den Mund auf Alexeis. ,Wolltest du mich wirklich benutzen?' - Es war eine Frage, die ihm auf der Seele brannte. Statt sie jedoch zu stellen, fing er abermals an, den Jungen zu streicheln.

Dieser keuchte erregt an seiner Brust. Er zog die Schultern hoch und versuchte, den erfahrenen Händen nicht auf der Stelle nachzugeben. Lange würde er es nicht mehr durchhalten, so viel stand fest. Dazu war er heute ein Mal zu oft erregt und dann sich selbst überlassen worden.

Er holte erschrocken Luft, als er auf einmal Nathans schlanken Finger fühlte, der sich sacht in seinen Körper schob. "Nathan!", keuchte er und grub errötend die linke Hand in dessen Oberbekleidung. Mit der anderen hielt er sich an dem breiten Rücken des Mannes fest. "Nicht..." Er stöhnte unterdrückt. "Das ist noch zu früh..." Sein Kopf fiel abermals nach hinten in den Nacken. "Bitte, ich kann das noch nicht... ich... nhn..."

Er stieß einen kleinen Seufzer aus, als der Schwarzhaarige einen Moment lang inne hielt.

Alexei war frei! Gott allein wusste, wie, aber er hatte es tatsächlich geschafft, seine Hände aus dem Stoff des Pullovers zu lösen. Doch anstatt seinen ,Peiniger' von sich wegzudrücken oder ihm ordentlich eine zu verpassen, schlang er bei der ersten Gelegenheit die Arme um seinen Hals und klammerte sich an ihm fest.

Nathan konnte es gar nicht fassen.

"Alexei..." Der Junge öffnete die Augen, als er seinen Namen von Nathans Lippen hörte. Noch immer hatte er diesen leicht glasigen Blick drauf. "Warum... umarmst du mich?"

Alexei errötete tief und versuchte, wieder halbwegs zu Atem zu kommen, bevor er ihm antwortete. "Weil ich das schon die ganze Zeit tun wollte", gestand er schließlich schüchtern und fixierte beschämt Nathans Hände. "Aber vorher konnte ich es nicht, also mache ich es jetzt... verstehst du?"

Der etwas Größere der beiden Zwillinge schüttelte ungläubig den Kopf. Dann zog er den Braunhaarigen sanft in seine Arme.

"Zum Teufel, noch mal", murmelte er leise. "Da will ich dir eins auswischen, weil ich befürchte, du könntest mich benutzt haben und jetzt drohe ich dir nur noch mehr zu verfallen, weil du so unglaublich hinreißend bist." Er strich dem verwirrten Jungen zärtlich über das weiche Haar. "Woher nimmst du nur dieses Vertrauen in jemanden, der dir die Klamotten vom Leib reißt und einfach tut und lässt, was ihm gerade in den Sinn kommt?"

Alex zögerte kurz und schloss dann langsam seine Augen, während er die Wange in Nathans Halsbeuge schmiegte. "Das war nicht schwer", murmelte er leise. "Wenn man diesem Menschen schon vorher vertraut... und sich deshalb von ihm streicheln und küssen lässt - und nicht, weil man ihn ausnutzen möchte."

Nathan küsste den Anderen sanft auf die Stirn. "Das hätte ich auch ein wenig früher begreifen können, hm? Ohne dir eine Lektion erteilen zu wollen." Alex schob schmollend die Unterlippe vor. "Ich habe es dir ja gesagt, aber du wolltest einfach nicht zuhören." Der junge Mann nickte seufzend und rieb sich verlegen am Hinterkopf. "Es ist nur, weil ich dich ein bisschen testen wollte, weißt du? Bitte sei nicht sauer... ich bin wirklich ein Idiot..."

"Das sollte ein Test sein?", fragte Alexei und seine nächsten Worte gingen in einem Gewühl aus Stoff unter, als Nathan ihm den Pullover wieder anzog. "Aber du hast am Anfang so wütend ausgesehen, dass ich dachte, du würdest ernst machen...?"

Nathan schmunzelte belustigt. Er half Alexei dabei, seine Hände durch die völlig verknoteten Ärmel zu schieben. "Na ja, das ist der Sinn einer Lektion, oder? Wenn du nicht den Eindruck bekommst, es wäre mein Ernst, wie soll ich dir dann eine Lehre erteilen?" Auf das zögernde Nicken des Jungen hin, vertiefte sich sein Schmunzeln noch. Dieses Argument schien ihm einzuleuchten. "Aber...", fuhr er fort und seine Stimme bekam wieder diesen sinnlichen Unterton, der Alexei so weiche Knie machte. "Wenn du nicht willst, dass ich trotzdem über dich herfalle, dann mach das nicht noch mal, verstanden?"

Der Braunhaarige starrte ihn verständnislos an. "Was soll ich nicht noch mal machen?"

Nathan beugte sich vor und berührte abermals mit den Lippen eines seiner Ohren. "Mich so weit kommen lassen und mir dann auch noch stöhnend die Arme um den Hals legen, anstatt mich endlich wegzustoßen", antwortete er. "Das hat mich nämlich fast den letzten Funken Beherrschung gekostet..."

Alexei errötete heftig und wandte sich ab. Gott, wie peinlich! Er hatte doch nichts dafür gekonnt! Das war einfach ein Reflex gewesen, als er so plötzlich Nathans Finger dort gespürt hatte, wo er sich seit seinem achten oder neunten Lebensjahr nicht mal mehr von seiner Mutter anfassen ließ. Auch nicht fürs Zäpfchen!

Er schluckte leise. Seine Hand hatte Nathan inzwischen ja wieder zurückgezogen. Aber halbnackt war Alex trotzdem noch. Der Dunkelhaarige schien seinen Blick aus den Augenwinkeln aufgefangen zu haben, denn er reichte ihm wortlos seine Hose. Er lächelte verlegen, als der Junge ihn fragend anschaute. "Ich nehme an, die möchtest du lieber allein anziehen, oder?"

Alex überlegte kurz. Dann schüttelte er den Kopf.

"Nein?", keuchte Nathan verdattert und schaute ihn fassungslos an. "Aber was willst du denn dann?"

Auf Alexeis heftiges Erröten hin hob er zweifelnd seine Augenbrauen. Konnte das wahr sein? "Willst du...", begann er vorsichtig und berührte den Anderen sacht an der Wange. "Dass ich es... für dich zu Ende bringe?" Er fiel fast aus allen Wolken, als der Junge schüchtern nickte.

Dann platzte es plötzlich aus Alexei heraus.

"Es ist einfach nicht fair", rief er. "Mich drei Mal tierisch heiß zu machen und dann immer wieder aufzuhören, weder von dir noch von deinem Bruder. Ich bin ein simpel gestrickter, normal sterblicher Mann, und ich halte es nicht aus, wenn man so mit mir umspringt! Jedem Mädchen wäre das auf der Stelle klar gewesen - nur ihr rafft es irgendwie nicht!" Er hielt sich erschrocken den Mund zu, als ihm klar wurde, was er da gerade von sich gab. Doch Nathan war viel zu entgeistert, um näher darauf einzugehen. "Tierisch heiß?", hakte er stattdessen nach und musste unerwartet lachen. "Na, wenn wir so eine Wirkung auf dich haben, wird es mir eine Ehre sein, dir endlich die Erlösung zu bringen, haha!"

Alexei boxte ihm errötend in die Seite. "Hör auf damit", bat er und grub erneut die Hände in Nathans Kleidung. "Es ist mir schon peinlich genug." Er holte leise Atem, als der junge Mann ihn auf diese Worte hin zärtlich küsste. "Ich werde mich nicht mehr über dich lustig machen", versprach Nathan. "Und dich auch nie wieder testen. Ich schwöre es. Trotzdem meinte ich das eben ernst. Es ist tatsächlich eine Ehre für mich."

Alex stöhnte kehlig auf, als seine Hände ihn wieder zu streicheln begannen. "Dann red nicht so viel, sondern beweis es mir", bat er scheu. Nathan nickte zustimmend. Oh, es würde ihm die größte Freude bereiten, es seinem neuen Freund von ihm aus die ganze Nacht lang zu beweisen...

~~o0@0o~~

David Kincaid nieste schallend. Er rieb sich die Nase und blickte nach oben in den dunklen Nachthimmel. Das war jetzt schon das dritte Mal in den letzten fünf Minuten! Wenn das nicht bedeutete, dass sein Bruder sich gerade einen neuen Vorsprung erarbeitete, dann fraß er einen Besen. Etwas missmutig verzog er seine Mundwinkel. Dieser Glückspilz - wo er selbst nicht mehr die Zeit besessen hatte, sich Alexei richtig zu Gemüte zu führen.

Er grinste lässig und schwang die langen Beine über sein Motorrad.
Nun, es kamen andere Tage...

David streckte sich und zog schließlich seinen schwarzen Helm über, bevor er routinemäßig das verdunkelte Visier herunter klappte. Er setzte seine Turnschuhe auf die Maschine und knöpfte seine Jacke zu. Wenn er zum Training fuhr, konnte er leider nicht in seinem bevorzugten Motorradanzug aufkreuzen. Keine Ahnung, warum, aber der Trainer hatte es ihm verboten. Zu viel schwarzes Leder angeblich. Vielleicht, weil die Mädchen aus der Nachbargruppe dadurch immer so unaufmerksam wurden?

Er zuckte die Schultern und klemmte die große Tasche hinter sich fest. Im Grunde war es ihm egal. Zwar empfand er es auf gewisse Weise als eine lästige Einschränkung, doch er konnte damit leben, solange man ihm nicht das Fahren an sich verbot. Der junge Mann hätte sowieso eher mit dem Judo als mit seinen Rennen aufgehört, aber das brauchte er wohl niemandem erst noch zu erzählen. Jeder, der ihn halbwegs kannte, wusste, dass ihm Motocross und ähnliche Dinge über alles gingen, und seine Maschine nur deshalb nicht in seinem Schlafzimmer stand, weil dieses zur Hälfte seinem Bruder gehörte.

...was sich eventuell bald ändern würde, falls selbiger mit Alexei zusammen zog. Dave hatte es irgendwie im Gefühl, dass der Junge mit der überaus amüsanten Art, sich jedes Mal so herrlich von ihnen verwirren zu lassen, sich am Ende doch für Nathan entscheiden würde. Zumindest, was die Liebe betraf. Doch das störte ihn eigentlich nicht im Geringsten.

David hielt nichts von festen Beziehungen. Sie waren ihm zu kompliziert und hatten überdies den unangenehmen Nebeneffekt, dass man sehr verletzlich durch sie wurde. Außerdem war er nicht gut im Umgang mit anderen Menschen, und er wollte niemandem wehtun. Für ihn war von Anfang an klar gewesen, dass er ein rein körperliches Interesse an dem Jungen hegte, und er würde dem Glück seines Bruders nicht im Weg stehen, wenn er sich den Kleinen ab und zu mal ausleihen durfte.

Mit einem erneuten Grinsen startete er sein Motorrad. Nun, vielleicht ließ sich in dieser Hinsicht ja sogar etwas drehen. Jetzt hieß es jedenfalls erstmal abwarten, was sein Zwilling ihm nach seiner Heimkehr so berichtete. Er musste zugeben, dass er darauf schon gespannt war.

David warf einen Blick über seine Schulter und fuhr dann von dem großen Parkplatz vor der Turnhalle auf die alte Schulgasse, bevor er scharf rechts in die Hauptstraße bog. Noch immer in seinen Gedanken verloren, brauste er durch die Nacht.

Es war purer Zufall gewesen, dass sie Alexei in der Bücherei getroffen hatten. Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war und seine Freunde ihn mit nach Hause genommen hatten, war David sich nicht sicher gewesen, ob er den Jungen jemals wieder sehen würde. Es wäre auch kein Beinbruch für ihn gewesen, wenn nicht. Er hatte kaum Zeit mit ihm verbracht, und es war ja nur ein eher kurzer Moment gewesen, in dem der - zu diesem Zeitpunkt noch - Fremde sich in seiner Obhut befand.

Er hatte nur damals so unheimlich einsam und verlassen ausgesehen, wie er so ganz allein und ohne seine Familie auf dem Zimmer lag und noch dazu verletzt war. Ohne, dass sich jemand um ihn kümmerte. Nur aus diesem und keinem anderen Grund war Dave deshalb bei ihm geblieben. Und warum er ihn geküsst hatte, war ihm sowieso ein Rätsel. Zugeben: David hatte nicht gerade die größten Hemmungen, sich um etwas zu bemühen, sofern er es denn haben wollte. Doch bei Alexei war es fast schon ein Reflex gewesen. Vielleicht so eine Art Beschützerinstinkt. Er wusste es nicht genau, und er hatte auch keine Lust, sich jetzt im Nachhinein seinen Kopf darüber zu zerbrechen.
Er guckte kurz nach links in den Außenspiegel, als er hinter sich rasch eine andere Maschine näher kommen sah. Dann richtete er seinen Blick wieder auf die Fahrbahn.

Aber dass Nathan ihm prompt ihre Telefonnummer gegeben hatte, war damals wirklich eine Überraschung für Dave gewesen. Er konnte sich noch gut an den Moment erinnern, in dem sie die Bücherei verlassen hatten und Nathan leise lachen musste, weil er sich nicht einmal sicher war, ob der Junge seine Nachricht überhaupt bemerken würde. Als Alexei dann wenig später auch noch tatsächlich an der Strippe hing, war er völlig aus dem Häuschen gewesen.

,Hast du das schon mal erlebt?', hatte er entgeistert gefragt. ,Ein Junge, der sich völlig vorbehaltlos auf einen Fremden einlässt, nur weil dieser ihm seine Telefonnummer gegeben hat. Den Kleinen muss ich näher kennen lernen!'

Tja... und jetzt kannten sie sich vermutlich schon besser, als es bei Dave der Fall war, und das obwohl Alexei eher schüchtern anmutete und Nathan sich normalerweise gerne Zeit ließ mit seinen Eroberungen. Ts, diese beiden Spinner...

David sah den Lichtblitz aus den Augenwinkeln und riss seine Maschine herum. Er konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen, bevor der fremde Motorradfahrer mit achtzig Sachen seine Front in Davids Seite bohren konnte. Dessen Fahrzeug heulte auf, er stemmte einen Fuß in den Boden, um nicht vollends das Gleichgewicht zu verlieren, und mit einem erneuten Ruck brachte er das Gefährt wieder in Position. Jeden seiner weniger erfahrenen Freunde hätte dieses Manöver sofort vom Motorrad geworfen, und auch der andere Fahrer schien reichlich überrascht, den jungen Mann nicht im Dreck, sondern noch immer auf seiner Sitzfläche vorzufinden. Er wendete hastig die Maschine und raste, so schnell es selbige erlaubte, davon.

Dave würgte wütend seinen Motor ab. Er riss sich den Helm vom Kopf und donnerte ihn auf die Straße. "Du willst mich wohl umbringen, du beschissenes Arschloch!", schrie er und trat mit dem Fuß einen der Begrenzungspfähle um, die man hier auf den freien Stecken zwischen den einzelnen Stadtteilen sehr häufig fand. "Wenn ich dich in die Finger kriege, reiße ich dir die Gedärme raus!"

Dann bückte er sich und hob noch immer zornig seine nun leicht lädierte Kopfbedeckung auf. Was für ein Freak! Wieso griff dieser Typ ihn plötzlich an, obwohl er nicht einmal wusste, wem diese verdammte Maschine überhaupt gehörte? Das sollte wohl ein schlechter Witz sein, solch eine gefährliche Finesse bei diesem Tempo auszuprobieren. Es war ja durchaus üblich, einen anderen Fahrer umzustoßen, indem man ihn seitlich rammte. Aber nicht mit achtzig Klamotten und auch nicht, wenn der Andere danach nicht in einem Reifenstapel oder einem Strohballen landete, sondern Kopfüber gegen die nächste Hauswand prallte!

"Na warte, Freundchen", murmelte er und lenkte sein Motorrad zurück auf die Straße. "Wir sprechen uns noch..." Er fuhr wieder an und musste auf einmal lächeln. Nun, ein Gutes hatte die Sache eben ja gehabt: David würde jedenfalls nicht mit 120 km/h von dem fest installierten Radargerät geblitzt werden, welches nur ein paar hundert Meter weiter als Mülltonne getarnt an der Straße stand. Der Andere allerdings schon, und wenn er daran dachte, dass sie sich rein verkehrsregeltechnisch noch immer in der Stadt befanden, dann kannte er jetzt schon jemanden, der in der nächsten Zeit zu Fuß zur Arbeit und zurück laufen durfte.

Was für ein Jammer...

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- Abwechslung ist des Lebens Reiz. Was freilich jede glückliche Ehe zu widerlegen scheint... -
Theodor Fontane (1819-1898), deutscher Journalist, Erzähler und Theaterkritiker

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Kapitel VII - Zorn verjährt nicht
 
"Neeeeeiiiiin!"

Kim Degner ließ seine Studienunterlagen auf den Tisch fallen und raufte sich verzweifelt die Haare. "Das darf doch alles nicht wahr sein!", jammerte er und ignorierte dabei den schiefen Seitenblick seiner Schwester, die ihm routinemäßig das Acht-Minuten-Ei und einen noch warmen Buttertoast vor die Nase stellte. Seine Stirn prallte auf die Tischplatte. "Ich glaube, ich springe aus dem nächsten Fenster..."

Die Frau stemmte einen Arm in ihre Seite. "Wenn dir Ei und Toast nicht mehr passen", erwiderte sie spitz. "Dann kannst du dir dein Essen in Zukunft ja wieder selber machen. Aber du brauchst es nicht dermaßen deutlich zu sagen, okay?"

Der junge Mann schaute sie nicht einmal an. "Ich rede doch nicht von dem bescheuerten Frühstück, Nicole!" Er hob den Kopf und deutete mit dem Finger auf den durcheinander geratenen Papierstapel. "Ich spreche von diesem Haufen an Hiobsbotschaften, den mir die Universität per Post geschickt hat. Wie soll ich das nur ertragen?"

Nicole hob spöttisch eine Augenbraue. "Was - kannst du etwa doch nichts ins zweite Semester einsteigen und musst bei Null anfangen, wie alle anderen auch?"

"Quatsch!" Ihr Bruder machte eine ärgerliche Handbewegung. "Sei nicht albern. Es war fest mit unseren Eltern ausgemacht, dass der Professor mich ins nächste Semester übernimmt. Darum geht es doch auch gar nicht." Er wühlte sich durch die Unterlagen und reichte ihr schließlich eine lange Liste. "Hier - sieh dir das an. Das sind alle Leute, die sich ebenfalls für die Studiengänge in Chemie und Biologie eingeschrieben haben. Und rate mal, wer ganz oben auf dem verdammten Ding steht!"

"Hm? Zeig mal her..." Es entstand eine kurze Pause, während sie las. "David Kincaid!", rief sie erstaunt und schien ihm jetzt endlich ihre gesamte Aufmerksamkeit zu schenken. Sie starrte das Blatt an und rieb sich nachdenklich am Kinn. "Das ist ja interessant..."

"Interessant?" Kim fiel fast vom Stuhl. "Eine Katastrophe! Ich hasse den Kerl! Alles in mir weigert sich, mit dem etwas lernen zu gehen!"

Seine Schwester reichte ihm das Papier zurück. "Tja", machte sie ungerührt. "Dann wirst du wohl eine andere Fachrichtung studieren müssen. Immerhin ist er jetzt schon ein halbes Jahr dabei und wird kaum für jemanden aufhören, an den er sich vermutlich nicht einmal mehr erinnern kann."

"Er muss sich einfach erinnern", widersprach der 18jährige und pustete sich eine seiner blonden Haarsträhnen aus der Stirn. Sie waren von einem leichten Rot-Ton durchzogen und pieksten ihn ständig in die grünen Augen. "So etwas dürfte nicht mal ein Ekel wie der vergessen. Dieser Mistkerl... Irgendwann erwische ich ihn und dann zahle ich es ihm heim!"

"Reg dich ab."

Die beiden sahen auf, als Stefan Degner in die Küche trat. Für seine einundzwanzig Jahre hatte er eine markant tiefe Stimme, die ihn überall sofort auffallen ließ. Er wirkte müde und außerdem verschwitzt. Scheinbar waren die letzten Stunden etwas anstrengend für ihn gewesen. "Das zwischen David und mir ist meine eigene Angelegenheit und hat mit dir überhaupt nichts zu tun", erklärte er und setzte sich an den Tisch. "Du solltest dich da raushalten."

Kim blickte ihn missmutig an. "Mhm... Ich will mich aber nicht heraushalten", murmelte er. "Ich möchte, dass er es wieder gut macht." Dann stutzte er plötzlich. "Nanu... warst du unterwegs? Du trägst ja noch deine Motorradkleidung."

Stefan nickte abwesend. "Ja, ich bin ein bisschen draußen rum gefahren."

"Die ganze Nacht lang?", schnappte seine Schwester, doch die zwei Männer beachteten sie gar nicht. "Und", hakte der Jüngere nach. "Ist irgendwas Aufregendes passiert?"

Sein Bruder legte den Kopf schief. "Aufregend...?", fragte er langsam und kratzte sich am Ohr. "Ja, könnte man so sagen." Er lächelte seltsam, dann winkte er lässig ab. "Aber das ist jetzt nicht so wichtig. Deine Maschine habe ich schon rausgestellt. Du solltest dich ein bisschen beeilen, sonst kommst du gleich am ersten Tag zu spät."

Kim zeigte auf seinen Teller. "Ich esse nur noch mein Frühstück." Er runzelte die Stirn, als in diesem Moment die Tür aufging und auch das bislang letzte Mitglied ihrer Familie in den Raum getapert kam. Ihre Eltern hielten sich noch in Florida auf. Rein geschäftlich, verstand sich. Deshalb lebten er und seine Geschwister im Moment allein. Vermutlich war Kim einer der wenigen Menschen auf der Welt, die ihre Erzeuger zwar kannten, aber trotzdem kaum wussten, wie sie aussahen.

"Florian!" Die Stimme seiner Schwester riss ihn aus seinen Gedanken. "Sollst du mit deinen vier Jahren denn so früh schon auf den Beinen sein?" Der blonde Lockenkopf ließ sich von ihr auf Kims Schoß setzen und drückte seinen großen Teddy an die schmale Brust. Es war sein erklärter Lieblingsplatz, und er wurde sehr schnell knörig, sobald man ihn irgendwo anders hinverfrachtete.

"Wenn ihr alle so laut seid", murrte der Kleine und angelte geschickt nach dem Toastbrot seines Bruders. "Dann kann ich nicht mehr schlafen." Kim nahm ihm die Scheibe aus der Hand und schmierte ihm etwas Marmelade oben drauf. Vorsichtig gab er sie dem strahlenden Jungen zurück. "Na gut", meinte Kim nahm sich einen Apfel. "Dann hat sich das mit meinem Frühstücksei vorerst erledigt."

Nicole seufzte und stellte es zurück auf die Küchenablage. "Ich hatte es befürchtet. Aber iss es wenigstens zum Abendbrot, in Ordnung?"

"Geht klar." Er setzte seinen Bruder vorsichtig ab und gab ihm einen Kuss auf die Wange. "Bis später, Flori! Und sei schön lieb im Kindergarten, ja?" Der Kleine nickte artig. "Bin doch immer lieb!"

Stefan reichte ihm den Wust an Unterlagen und gab ihm seinen Rucksack in die Hand. "Fahr vorsichtig, ja? Es hat geregnet letzte Nacht."

"Ja, ja." Er winkte allen noch einmal zu. "Bis heute Nachmittag!" Anschließend verschwand er in Richtung Wohnungstür.

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Kim lief durch das Treppenhaus auf den Hinterhof und warf seine Tasche und die Jacke über den Sitz seines Motorrads. Er schaute sich noch einmal die Unterlagen an und blätterte ausdruckslos in seiner blauen Studienmappe.

David Kincaid... es hatte ihm wirklich gerade noch gefehlt, dass er auch noch die gleichen Fächer belegt hatte wie sein selbst erklärter Lieblingsfeind. Das war sozusagen der grausige Abschluss einer Reihe von genauso grausigen Zufällen, die alle im Zusammenhang mit dem Mann standen, den er so auf den Tod nicht ausstehen konnte.

Dabei hatte das alles schon vor so langer Zeit begonnen...

Erst planten Kims Eltern einen Hauskauf in der Stadt, in die der Junge nach den ganzen Geschehnissen damals umgezogen war. Anschließend suchten sie sich ausgerechnet eines aus, was praktisch in direkter Nachbarschaft zu den Kincaids lag, oder zumindest nur wenige Straßen von ihnen entfernt. Dann meldeten sie ihren Sohn auf derselben Universität an und jetzt musste er auch noch feststellen, dass sie dieselben Interessen besaßen, und zwar genau dieselben, denn er und David studieren absolut die gleiche Fachrichtung - nämlich all das, was man brauchte, um später als Biochemiker in die Forschung zu gehen.

Er fuhr sich seufzend durch die Haare. Das machte ihn noch ganz krank!

Aber das schlimmste war, dass der Professor, mit dem seine Eltern alles abgesprochen hatten und welcher seit Jahren ein freundschaftliches Verhältnis zur Familie pflegte, eine sehr hohe Meinung von dem jungen Mann zu haben schien und ihn für Kim als Tutor eingetragen hatte, damit er den Stoff aus dem ersten Semester schneller nachholen konnte.

Dieser stopfte den Papierkram in den Rucksack und schnallte sich selbigen ärgerlich auf seinen Rücken. Niemals, das schwor er bei allem, was ihm heilig war, würde er diese Entscheidung akzeptieren. Und wenn er sich den kompletten Lehrplan ganz allein reinprügeln musste. Das war immer noch besser, als bei David Kincaid in der Kreide zu stehen. Für Kim hatte es einfach etwas Surreales, ausgerechnet bei dem Kerl Nachhilfeunterricht zu nehmen, der seinem Bruder die gesamte Zukunft versaut hatte!

Er stütze sich auf die Maschine und hielt sich keuchend die Hand vor den Mund. Ihm wurde noch immer schlecht, wenn er an den Unfall vor anderthalb Jahren dachte. Die aus dem Körper ragenden Knochen, das dunkle Fleisch und all das Blut. Eine grässliche Erinnerung...

Seitdem David Kincaid Stefan mit seinem Motorrad in die Seite geknallt war und ihm dabei das rechte Bein mehrfach gebrochen und zersplittert hatte, war der junge Mann einfach nicht mehr derselbe. Er hatte seine große Leidenschaft, den Motocrosssport, aufgeben müssen, und war ab diesem Zeitpunkt kein einziges, noch so kleines Rennen mehr gefahren. Zwar durfte er inzwischen wieder aufs Motorrad. Aber nur bei geregeltem Tempo und wenn er sich nicht zu scharf in die Kurven legte. Sein Kniegelenk war zur Hälfte steif, und er hatte starke Probleme, die Maschine unter Kontrolle zu halten. Es war einfach zu gefährlich für ihn. Von seinem damaligen Können hatte er kaum etwas zurückbehalten. Manchmal wirkte er so abwesend und verbittert, dass es Kim richtig Angst machte.

Um ehrlich zu sein: Es hätte den Jungen nicht gewundert, wenn sein Bruder mit einer Brechstange oder ähnlichem auf David losgegangen wäre und versucht hätte, ihm auch irgendwas zu brechen. Seine Rachsucht fraß ihn noch einmal auf, und deshalb wollte Kim es am liebsten selbst in die Hand nehmen, es diesem Typen heimzuzahlen. Damit sein Bruder endlich Frieden hatte, und sich hinterher nicht mit Gewissensbissen quälen musste. Doch noch war Stefan erstaunlich ruhig mit der Situation umgegangen, so nah an seinem alten Peiniger zu wohnen, und scheinbar hegte er auch keine gewalttätigen Gedanken in der Richtung.

Es war fast schon erstaunlich, und ein bisschen wunderte es Kim. Trotzdem... so weh ihm der Gedanke tat, Stefan war irgendwie nicht mehr ganz zurechnungsfähig, und deshalb musste er noch besser auf ihn Acht geben. Dieser kalte Blick, den er ab und zu drauf hatte, und dieses merkwürdige Lächeln...

Kim schüttelte sich. Die waren wirklich unheimlich. Er seufzte erneut und fuhr sich durch das weizenblonde Haar. Wenn der Schwarzhaarige sich wenigstens nach dem Unfall noch mal bei ihnen gemeldet hätte. Wenn nur eine einzige Nachfrage gekommen wäre, wie es Stefan ging und ob er etwas tun könne, um ihm über die schwierige Zeit hinweg zu helfen. Doch David hatte sich nicht im Krankenhaus blicken lassen, nicht ein einziges Mal, und das konnte Kim ihm nicht verzeihen.

Sobald er ihn sah, würde er ihm gehörig seine Meinung sagen, ob das seinem Bruder nun passte oder nicht. Anderthalb Jahre Wut forderten allmählich ihr Recht, und er war nicht der Typ dafür, solche Gefühle noch länger in sich einzusperren.

Er zog sich seinen Helm über und startete das Motorrad.

Auf diesen Tag hatte er achtzehn Monate lang gewartet. Er würde ihn nicht ungenutzt vorüberziehen lassen, das versprach er sich in diesem Augenblick selbst. Dann lenkte er die Maschine herum und fuhr vom Hof, seine Unterlagen und die Liste sicher in seinem Rucksack verstaut. Er würde sie brauchen, wenn er den Mann noch vor Beginn der Vorlesung abpassen wollte. Und genau das hatte er vor...

~~o0@0o~~

Alexei Buchner trottete den Verbindungsgang zwischen dem B- und C-Gebäude des weitläufigen Universitätsgeländes entlang und hing seinen Gedanken nach. Wie jeden Dienstag hatte er schon früh morgens eine Vorlesung zum Thema Lineare Algebra, doch er bezweifelte, dass er sich heute ausreichend auf mathematische Formeln würde konzentrieren können, denn ihm geisterte noch immer dieser ,spezielle' Abend mit Nathan durch den Kopf.

Zwar war das bereits einige Tage her und er hätte längst darüber hinweg sein sollen. Aber es erschien ihm immer noch wie die Erinnerung eines Fremden - wie eine Szene, die gar nicht zu ihm selbst gehörte, denn er konnte sich absolut nicht erklären, was ihn damals geritten hatte, sich von dem dunkelhaarigen Mann mitten in der Bücherei befriedigen zu lassen.

Er verzog seine Mundwinkel und fuhr sich leise stöhnend mit der Hand über das Gesicht.

Es stimmte natürlich: Er konnte nicht leugnen, dass er mehr als ,heiß' darauf gewesen war. Dafür hatten die beiden Brüder nur allzu gute Vorarbeit geleistet. Und er wollte auch nicht abstreiten, dass es ihm - gelinde gesagt - gefallen hatte, denn er selbst war es ja gewesen, der Nathan um die Beendigung des Ganzen gebeten hatte. Doch gerade das war ja der springende Punkt! Diese Schmach, dass er es praktisch nicht mehr hatte aushalten können, und dass er ohne die streichelnden Hände noch verrückt geworden wäre - es erschien ihm fast zu viel, um Nathan jemals wieder in die Augen blicken zu können.

Was wohl David dazu sagen würde? Nein, er wollte es eigentlich gar nicht wissen. Sicher hatte sein Zwilling ihm haarklein und detailgenau alles erzählt, was es von dem Vorfall zu berichten gab, denn wie waren Nathans Worte zu diesem Punkt noch mal gewesen? Sie schliefen sogar im selben Bett - da gab es keine kleinen Geheimnisse.

Nun, von ihm aus konnten sie sich ,kleine Geheimnisse' anvertrauen so viel sie wollten. Ein lupenreiner Handjob zwischen Büchern und alten Groschenmagazinen zählte für Alexei nicht mehr zum Adjektiv ,klein', es war sogar im Gegenteil eine Sache, die er am liebsten vor Scham vergessen hätte.

... obwohl das so nicht ganz stimmte. Die Gefühle, die der junge Mann in ihm ausgelöst hatte, waren wunderschön gewesen, und er konnte sich nicht daran erinnern, es jemals so genossen zu haben, wenn ein anderer Mensch ihn streichelte.

Er seufzte tief und schüttelte den Kopf.

Na ja, jetzt war es eh zu spät für Reue, und im Grunde wollte er es auch gar nicht rückgängig machen, denn er hatte es mehr als genossen. Außerdem unterstrich es seine Überlegung, dass er sich erstaunlich stark zu dem Dunkelhaarigen hingezogen fühlte, dass er ihn mochte und ihm vertraute. Also Schluss mit diesem babyhaften Verhalten - schließlich war er ein erwachsener Mann!

Alexeis Vorsatz, nicht den gesamten Tag über mit einem Kopf herumzurennen, der mehr einer reifen Tomate denn dem eines Menschen glich, begann zu wanken, als er unerwartet David Kincaid in der Eingangshalle des C-Gebäudes entdeckte. Er stand vor einem Automaten neben dem schwarzen Brett und überlegte offensichtlich, was für ein Getränk er sich daraus ziehen sollte, doch er schien sich nicht so recht entscheiden zu können.

Alex runzelte die Stirn.

"David", sprach er ihn an und der Mann blickte auf. "Guten Morgen. Hast du auch eine Vorlesung hier drüben?"

Dave hob die Hand zum Gruß und lehnte sich mit der anderen an die summende Maschine. "Logo, wo denn sonst?", entgegnete er. "Schon vergessen: Ich studiere immer noch Bio und Chemie." Alexei nickte langsam. Klar, was für eine bescheuerte Frage! Im C-Gebäude befanden sich die Laboratorien und Kühlräume. Der junge Mann hatte vollkommen Recht: Wo sonst hätte er sich bei den Fachrichtungen aufhalten sollen?

"Aber du bist doch normalerweise nicht in diesem Trakt, oder?", hakte David in dem Moment nach und riss ihn so aus seinen Gedanken. Alex schüttelte den Kopf. "Nein, eigentlich studiere ich in E und H. Die Räume werden gerade umgebaut, deshalb hat man uns verlegt."

"Ah, verstehe." Der Dunkelhaarige wandte sich erneut dem Automaten zu. "Tja, ich glaube, ich nehme die 16." Er steckte ein paar Cent-Stücke in den Schlitz und drückte auf die entsprechende Nummer. Ein leiser Piepton erklang, dann wurde das Getränk aus dem Fach geschoben und fiel nach unten in die Entnahmeluke. David griff hinein und holte die weiße Packung heraus.

"Du trinkst Milch?", fragte Alexei ungläubig und beobachte den Anderen dabei, wie er seelenruhig den Strohhalm aus dem Plastiktütchen löste.

"Wieso nicht?" Er warf die leere Hülle in den Mülleimer und durchstach mit dem Halm die dünne Folie auf der Packung. "Die ist gesund, enthält viel Calcium und Eiweiß und außerdem schmeckt sie lecker." Alexei musste sich ein Lachen verkneifen. "Ja", erwiderte er. "Trotzdem könnte ich mir jemanden wie dich besser mit einer Bierdose in der Hand vorstellen als mit einem Trinkpäckchen von ,Happy Muh-Kuh Kindermilch'."

David grinste breit. "Tatsächlich? Also mich macht Milch eigentlich immer happy." Dann zog er sein Portemonnaie aus der Tasche und kramte ein paar Münzen hervor. "Na los, ich gebe dir einen aus." Alex drückte auf die Taste für einen kalten Cappuccino und nahm sein Getränk mit einem Lächeln entgegen. "Danke, das ist nett von dir, Dave." Er blickte sich verstohlen um.

"Nathan ist nicht hier", erklärte der etwas kleinere der beiden Zwillinge zielsicher und maß sein Gegenüber mit einem abschätzenden Blick. Wieder grinste er. "Wenn du es gar nicht mehr aushältst, kann ich mich aber auch anbieten..."

Alexei schnappte nach Luft und verschluckte sich fast an seinem Kaffee. Er spürte, wie er rot wurde. "Das ist nicht witzig!", zischte er und wandte sich verlegen ab. Diese Kincaids! Warum mussten die sich immer alles erzählen? "Ich hoffe, er hat ein paar Details ausgelassen bei seiner Schilderung."

"Nicht ein einziges", gab David gnadenlos zurück und prustete los, als dem Braunhaarigen nun erstrecht das Blut in den Kopf schoss. "Aber ich will mal nicht so sein und werde dich erst später ins Archiv schleifen. Da gibt es nämlich auch jede Menge Bücher und alte Schriftstücke. Wird dir sicher gefallen." Er schmunzelte zufrieden, und Alexei wünschte sich, er könne auf der Stelle im Boden versinken. Statt das Thema noch weiter breitzutreten, widmete er seine Aufmerksamkeit hastig dem schwarzen Brett.

"Oh, sieh mal", sagte er und zeigte auf einen Aushang der letzten Woche. "Der Fremdsprachenkurs unternimmt schon wieder eine Studienreise nach Amerika. Mann, haben die es gut. Ich möchte auch mal in die Staaten fliegen..."

"So?", machte David und verzog die Mundwinkel, während er sich lässig den dünnen Strohhalm zwischen die sinnlich geschwungenen Lippen schob. "Ich wüsste nicht, was so toll daran sein soll, in ein Land zu reisen, in dem Ketchup noch als Gemüse durchgeht und sich jeder Fünfzehnjährige 'ne Knarre kaufen kann."

Alexei musste lachen. "So eine Einstellung ist wirklich typisch Dave", meinte er und trank den Rest seines Cappuccinos. "Du bist ein richtiger, alter Muffel." Der Andere hob die Schultern und nickte langsam. Dann lenkte er seinen Blick aus dem Fenster.

Alexei schaute ihn aufmerksam an. Es war das erste Mal, dass er die Gelegenheit bekam, einmal näher Davids Profil zu betrachten, und er wollte sie gerne nutzen.

Der Junge hatte ein hübsches Gesicht. Markante, männliche Züge, eine gerade Nase und ein nicht zu kräftiges, stolzes Kinn. Sein ganzes Antlitz strahlte einen leichten Hauch von Arroganz aus, doch Alexei störte sich nicht daran, denn gerade das fand er an dem Mann so interessant. Die weichen, schwarzen Haare umrahmten wild sein Gesicht und fielen bis in den schlanken Nacken hinein, der bei Dave in einen recht breiten, muskulösen Rücken überging. Sein Körper wirkte durchtrainiert und athletisch, und Alex hätte leicht neidisch werden können, während sein Blick über Arme und Brustkorb des Anderen wanderte, über den flachen Bauch und die schmale Hüfte.

Was ihm aber schon zum zweiten Mal hauptsächlich auffiel, waren diese außergewöhnlichen Augen, die so viel hinter ihrer scheinbaren Gleichgültigkeit zu verstecken schienen. Alexei konnte nicht umhin, als sie ganz besonders beeindruckend zu finden. Was für ein Mensch das wohl war, der aus dermaßen klaren Iriden in die Welt blickte, und sie mit dieser inneren Ruhe und diesem Anflug von Teilnahmslosigkeit betrachtete?

...zweifellos niemand, in dessen Kern man eine verborgene Zärtlichkeit vermuten würde, die selbst Alexei immer wieder überraschte, und deren Wärme ihn trotz des manchmal eher abweisenden Verhaltens des jungen Mannes sehr stark für ihn einnahm.

Im Gegensatz zu Nathans dunklen Augen wirkten Davids eine Nuance heller, und strahlten in einem kalten, winterlichen Grau. Seine Iris war auf beiden Seiten durchzogen von Spuren eines tieferen Farbtons, den Alexei nicht genau bestimmen konnte. Doch er erinnerte ihn irgendwie an die Kolorierung von Stahl, und verlieh ihnen eine ganz besonders faszinierende Ausstrahlung. Nathans Iriden wirkten wie im Kontrast dazu warm und silbern - ein Merkmal, an dem man die beiden Brüder unterscheiden konnte, wenn man explizit darauf achtete.

Er zuckte leicht zusammen, als er hinter sich plötzlich ein lautes ,Ploff' hörte. Dave drehte den Kopf herum und blickte an ihm vorbei. Er hatte noch immer den Strohhalm seiner Milchtüte im rechten Mundwinkel stecken, und hob etwas irritiert seine beiden Augenbrauen. Alexei wandte sich ebenfalls um.

Ein junger Mann stand vor ihnen - Alex war sich nicht sicher, ob es sich um einen Studenten oder Schüler handelte, denn er wirkte noch relativ jung - und starrte sie aus großen Pupillen an, während er jappend nach Atem rang. Neben ihm lag eine blaue Mappe auf dem Boden, in der Hand hielt er seinen Rucksack. Seine Haare waren blond, mit einem Hauch von Rot in den wild durcheinander gewirbelten Strähnen, und seine Kleidung zeugte von einem guten Modegeschmack, wenn sie auch bereits ein wenig abgewetzt wirkte. Er trug eine dunkelblaue Jeans mit leicht ausgestelltem Bein, außerdem einen weißen Rollkragenpullover unter der dunklen Jacke und modische Sneakers. Seine grünen Augen funkelten beeindruckend, und versprühten eine Mischung aus Unglauben und...

Alexei runzelte die Stirn. War das wirklich Verachtung, die er da in den hübschen Iriden las?

"Du...", keuchte er und schien es noch immer gar nicht fassen zu können. "Du bist David Kincaid?!"

Alex' Begleiter nickte langsam. Wie immer war kaum von seiner Miene abzulesen, was er in diesem Moment dachte. "Sieht ganz so aus", meinte er schlicht. Und fügte dann hinzu: "Was kann ich für dich tun, Kleiner?"

Der Junge fuhr auf. "Ich bin nicht dein Kleiner!", grollte er und machte eine unwirsche Handbewegung. "Kaum zu glauben, dass du hier so entspannt in der Morgensonne rum stehen kannst bei dem Gewissen, dass dich bei meinem Anblick plagen sollte!"

Davids Augenbrauen hoben sich ein Stückchen weiter. Ein paar Sekunden lang sah es so aus, als würde er in Gedanken seine verschmähen Liebhaber durchgehen, wie Alexei mit einem unterdrückten Grinsen feststellte, doch der Fremde schien nicht dabei zu sein. Es hätte den Braunhaarigen gar nicht gewundert, wenn Dave über den armen Kerl irgendwann mal in seiner Eroberungslaune hergefallen wäre und ihn damit so verärgert hätte. Er sah ziemlich gut aus.

"Sorry, aber ich hab überhaupt keinen Plan, wovon du gerade redest."

"Vielleicht klingelt es ja, wenn ich dir meinen Namen sage", knurrte der Blondschopf und taxierte ihn weiter mit seinem zornigen Blick. "Ich heiße Degner. Kim Degner - na, was fällt dir dazu ein?" Inzwischen stand ihr kleines Streitgespräch in der Aufmerksamkeit sämtlicher anwesenden Studenten.

"Kim?", fragte David und legte seinen Kopf schief. Der junge Mann nickte.

Dave zuckte teilnahmslos die Schultern. "Klingt für mich wie ein Mädchenname", meinte er trocken. Dann warf er seine leere Milchtüte in einen der Mülleimer, drehte sich um... und ging einfach weg.

Kim starrte ihm mit offenem Mund fassungslos hinterher.

"Was?", schrie er und wurde von einem weiteren Abiturienten zurückgehalten, als er vorsprang und nach David treten wollte. "Ist das alles, du Arschloch? Dreckskerl! Ich hasse dich!"

"Ja, ja..."

"Kincaid!" Alexei schnappte erschrocken nach Luft. Mit einem gewaltigen Kraftakt riss der Junge sich los und stürmte auf den Dunkelhaarigen zu. Er warf seine Tasche beiseite, krempelte sich den rechten Ärmel hoch und holte fast im selben Moment mit der der Faust zum Schlag aus.

David wandte gerade noch rechtzeitig den Kopf, um den Angriff kommen zu sehen. Mit einer Reflexgeschwindigkeit, die Alexei den Atem raubte, duckte er sich unter der Attacke hindurch und packte unsanft Kims Handgelenk. Er drehte seinen Körper herum, rollte den Jungen über seinen Rücken und warf ihn in einer einzigen, flüssigen Bewegung auf den Plattenboden.

Kim presste es glatt für einen Moment den Sauerstoff aus seinen Lungen, so heftig war der Aufprall, und ein paar Sekunden sah er nichts als Sterne. Viel schlimmer jedoch erschien ihm die Schmach, vor dem verhassten Erzfeind auf dem Rücken zu liegen. Wütend starrte er in die seltsam ruhig anmutenden, kaltgrauen Augen.

"Bist du jetzt fertig?", fragte Dave und ging neben ihm in die Knie. "Sorry, Kleiner, ich wollte dir nicht wehtun. Aber wenn du mich angreifst..."

Der Blondschopf riss sich von ihm los. "Als wenn du dir Gedanken darüber machen würdest, ob du irgendjemandem weh tust", entgegnete er bitter und rieb sich seine Hand. Sein Oberkörper schmerzte eigentlich viel mehr, doch das würde er dem Anderen mit Sicherheit nicht zeigen.

"Hör mal", versuchte David es im Guten. "Dein Name sagt mir wirklich nichts. Verrat mir doch einfach, warum du so sauer bist und dann können wir von mir aus drüber reden."

Er stutzte, als der Junge ruckartig den Kopf hob. Seine scheinbare Gefühlskälte und seine offensichtliche Teilnahmslosigkeit hatten Dave zugegebener Maßen schon so manch bösen Blick beschert, und er war sicher kein Typ, der mit jedem Menschen sofort gut klar kam. Aber dass ihn jemand mit solch einem Ausdruck in den Augen ansah - das hatte er bisher noch nie erlebt.

Es war nicht einmal richtiger Hass, der in den Iriden des Blonden stand. Viel mehr handelte es sich um eine Mischung aus Unverständnis, bitterer Enttäuschung und... echter Verletztheit. David konnte es nicht glauben, aber der Junge wirkte so tief getroffen, dass es ihm fast den Magen umdrehte.

Kim schubste ihn zur Seite, sprang auf seine Füße und schnappte sich seine Tasche, bevor er ohne nach links und rechts zu gucken den Gang hinunter rannte. Dave schaute ihm verdattert nach. Er war noch immer ganz durcheinander, und das kam bei Gott nicht häufig vor!

"Geez!", meinte er und fuhr sich durch die dunklen Haare. "Was sollte das denn? Erst geht er auf mich los und dann starrt er mich aus seinen grünen Big-Old-Puppy-Eyes an, als hätte ich ihm grad das Herz gebrochen..."

Alexei beugte sich mit besorgter Miene zu ihm vor. "Hat er dich irgendwie verletzt?" Er lächelte erleichtert, als der Andere den Kopf schüttelte. "Echt der Wahnsinn, dein Judowurf..."

Der Schwarzhaarige winkte ab. "Quatsch, das kann jeder Anfänger. Gehört zu den Basics." Alex zuckte die Schultern und richtete sich wieder auf, während auch David sich erhob. "Was für ein komischer Typ", murmelte der Jüngere. "Weshalb war er nur so zornig, dass du dich nicht an seinen Namen erinnern konntest?"

"Was weiß ich?" Dave klopfte sich entnervt den feinen Straßenstaub von seiner Hose.

"Aber dieser Blick...", murmelte Alexei und rieb sich nachdenklich das Kinn. "Der war richtig seltsam, oder?" Sein Begleiter antwortete nicht. Seltsam, ja, das fand auch. Seltsam... aber auch irgendwie aufwühlend.

Und das gefiel ihm ganz und gar nicht.

~~o0@0o~~

Kim rannte nach draußen auf den Mensahof und hielt erst wieder an, als das Stechen in seinen Lungen unerträglich zu werden drohte. Vollkommen außer Atem stoppte er neben einer schmuddeligen Sitzbank und ließ sich nach Luft ringend gegen den Stamm der alten Eiche dahinter sinken. Dass sich die knorrige Rinde hart in seinen Rücken bohrte, merkte er nicht einmal.

Verdammt! Das war das einzige Wort, was ihm immer wieder durch den Kopf ging. Lediglich ein paar einzelne Warum schoben sich hier und dort dazwischen, doch die fielen eigentlich kaum auf.

Wieso, fragte er sich, wieso zum Teufel lief das alles so falsch? Nichts, was er sich von diesem Tag erhofft hatte, war auch nur annähernd so gekommen wie geplant. Er hatte David Kincaid längst entdeckt gehabt, noch bevor er überhaupt wusste, wer der junge Mann war, der sofort seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Dieser gutaussehende Typ vor dem Getränkeautomaten, mit den breiten Schultern und diesem auffallend unbezähmbaren Zug um die Mundwinkel.

Gott, er konnte das alles gar nicht glauben!

Eigentlich war Kim ja nur diesem braunhaarigen Typen gefolgt, um ihn zu fragen, ob er seinen Erzfeind kannte und wo sich dieser aufhielt. Er hatte irgendwie das Gefühl gehabt, der Fremde könne ihm da weiterhelfen. Schon zu diesem Zeitpunkt war sein Blick auf den dunkelhaarigen Mann gefallen, welcher mit seiner tiefblauen Jeans und der schwarzen Lederjacke irgendwie aus dem Pulk der übrigen Studenten heraus zu stechen schien.
 
Vielleicht hatte es auch einfach nur daran gelegen, dass er als einziger durch die Fensterfront vom Sonnelicht beschienen worden war. Jedenfalls hätte Kim sich dafür treten mögen, dass ihm bei der Erinnerung an diesen Anblick glatt ein zweites Mal fast der Mund offen stehen blieb.

Diese lässige Haltung, und der kühle, ruhige Blick. Er musste zugeben, dass ihn das beeindruckt hatte - zumindest bevor einer der übrigen Abiturienten so nett gewesen war, ihn über die Identität des Mannes aufzuklären. Die hatte ihn dann natürlich total von den Socken gehauen!

Kim schüttelte den Kopf. Sogar sympathisch war er ihm erschienen, wie er mit dem Anderen so rumgeschäkert und ihm dann auch noch einen Kaffee ausgeben hatte, dabei wusste der Blondschopf nur zu gut, wie er wirklich war!

Oder besser gesagt: Er sollte es zumindest wissen.

Er ließ sich an der Rinde herabrutschen und stützte das Gesicht in seine Hände.

Jetzt fühlte er sich wie ein dreckiger Verräter. Sicher war das lediglich sein erster Eindruck von einem Fremden gewesen. Doch zu entdecken, dass es sich bei selbigem um David Kincaid handelte, brachte ihn fast zur Verzweiflung.

Warum sah dieser Kerl so gut aus? Er hatte ihn sich immer als hässlichen, buckligen Gartenzwerg mit krummer Nase vorgestellt, als fleischigen Klops ohne Charisma und mit lauter schiefen Zähnen in seinem Froschmaulähnlichen Mund. Natürlich wusste er auch vorher schon, dass dies vermutlich nicht den Tatsachen entsprach, aber es war seiner Imagination vom großen Ekel doch ziemlich gnädig entgegen gekommen.

Er kam hierher, in Erwartung eines Feiglings, für den es einen einzigen Schlag bedurfte, um ihn aus den Socken zu hauen, und was fand er? Einen Typen, wie man sie sonst nur in Modemagazinen bewundern durfte, der sich nicht nur ziemlich lässig gab und außerdem recht beliebt zu sein schien, so wie die anderen Studenten ihn gemustert hatten. Nein, er musste auch noch eine geballte Aura von Sexappeal ausstrahlen, während er so gedankenverloren an diesem verfluchten Strohhalm nuckelte!

"ARGH, das macht mich ganz wahnsinnig!"

Außerdem hatte er keine fünf Sekunden gebraucht, um Kim mit diesem verfluchten Schulterwurf auf die Bretter zu schicken, und das war ihm wirklich peinlich, denn normalerweise galt er nicht als lascher Kämpfer. Er seufzte tief und raufte sich die hellen Haare.

Wenn er doch einfach dabei geblieben wäre, ihn aus der Ferne zu verachten. Das hätte ihm einiges erspart. Besonders den Blick in diese stahlgrauen Augen. Denn auch wenn Kim sich in diesem Moment vornahm, dass er ihn auch anders klein kriegen würde, wenn schon nicht in einer direkten Auseinandersetzung: Er konnte sich - so seltsam ihm das auch vorkommen mochte - absolut nicht vorstellen, dass diese Augen tatsächlich einem solchen Widerling gehörten.

Mit einem tiefen Atemzug schloss Kim seine Lider.

Er wollte nicht so denken, doch er vermochte sich nicht so recht dagegen zu wehren. Diese funkelnden Iriden, aus denen einen dieser offene, ruhige Blick traf... Dahinter steckte kein Mensch, der einen anderen eiskalt sich selbst überließ.

"Warum", murmelte er leise und schüttelte den Kopf. Warum lief das alles so schief...?


~~o0@0o~~

- Ein Freund bleibt dein Freund, auch wenn er dir weh tut; 
ein Feind überfällt dich mit übertrieben vielen Küssen. -
Unbekannt

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Kapitel VIII - Troublemaker

David Kincaid zuckte nicht einmal mit den Mundwinkeln, als ihn das kleine Papierkügelchen am Hinterkopf traf. Er zupfte es nur aus seinem Haar heraus und legte es behutsam zu all den anderen Schnipseln, die er während dieses Unterrichtsblocks in der Universität bereits gesammelt hatte. Allmählich begann sich sein Tisch zu füllen. Wenn das so weiter ging, musste er in der nächsten Stunde einen Sitz nach rechts rutschen, damit er wieder Platz zum Schreiben hatte. Sein Block passte kaum noch auf die schmale Tischplatte. Er schob ihn mit dem Ellenbogen ein Stück zur Seite.

"Ich glaube wirklich langsam, dass der Neue dich nicht leiden kann", sagte sein Banknachbar in diesem Moment und stützte sich auf seinen Unterarm, während er amüsiert Davids Kugelsammlung betrachtete. "Montag versteckt er deine Tasche, gestern schnappt er dir das letzte Sandwich in der Mensa weg und heute beschmeißt er dich mit diesen Dingern da. Geht dir das gar nicht auf den Senkel?"

Dave schüttelte den Kopf und lehnte sich entspannt in seinem Sitz zurück. "Nein", antwortete er. "Irgendwie gewöhnt man sich dran. Die Stecknadeln im Jackenärmel letzte Woche waren fies. Die habe ich leider zu spät gesehen. Aber das hier..." Er machte eine wegwerfende Handbewegung. "Da er sie nicht ansabbert und mit einem Spuckrohr auf mich schießt, ist mir das eigentlich ziemlich egal. Genauso, ob er mich leiden kann oder nicht. Er benimmt sich eben kindisch. Was soll's?"

Der Andere kratzte sich am Kopf. "Deine Geduld möchte ich haben..." Er warf einen Blick über seine Schulter und schaute zu Kim Degner herüber. Der knüllte bereits den nächsten Fetzen aus seinem Block zusammen, um David damit zu bewerfen. "Mann, ich gäbe einiges darum, zu wissen, warum er so eine Abneigung gegen dich hat. Ich an deiner Stellte würde ihm sein Papierzeug während der Pause in den Rachen stopfen. Dann hat er was zu kauen." Er wandte sich wieder dem etwas kleineren der beiden Zwillinge zu und musste schließlich grinsen. "Und zu allem Überfluss bist du auch noch als sein Tutor eingetragen. Also ehrlich... Hast du ihm den Freund ausgespannt oder wolltest du nicht mit ihm schlafen? Du bist doch sonst nicht so."

Dave warf ihm einen belustigten Blick zu und packte seine Notizen in den Rucksack. Daniel Kiefer musste ihm wirklich nichts über ausgespannte Freunde und schnellen Sex erzählen. Der junge Mann sah ziemlich gut aus - blond, blaue Augen, hoch gewachsen, ein hübsches Gesicht - und er war bekannt dafür, dass er all diese Merkmale einzusetzen wusste, um ‚auf seine Kosten' zu kommen. Angeblich sollte er eine echte Bombe im Bett sein. Leider war er kreuz-hetero. David würde also nie erfahren, ob dieses Gerücht der Wahrheit entsprach oder nicht.

Aber in einem Punkt musste er dem jungen Mann wirklich zustimmen: Auch er hätte zu gern gewusst, woher diese Wut auf ihn kam. Als er Kim das erste Mal gesehen hatte, war dieser völlig durchgedreht - und das nur, weil Dave sich nicht seines Namens entsinnen konnte. Ständig redete er davon, dass er sich ob seines schlechten Gewissens an ihn erinnern müsse. Doch David hatte wirklich keine Ahnung, woher er den Studenten hätte kennen sollen - oder womit er ihn verärgert haben könnte.

Obwohl er sich zu seiner eigenen Überraschung ernsthaft damit auseinander gesetzt hatte.

...völlig bescheuert, wie er im Nachhinein fand. Im Grunde konnte es ihm Wurst sein. Aber egal, wie lange er trotzdem darüber nachdachte, ihm fiel einfach nicht ein, was zum Henker das Problem mit diesem Knaben war.

Judo kam nicht in Frage. Dann hätte er ihn nicht mit einem Anfängerwurf auf die Bretter schicken können. Und ein verlorenes Motorradrennen? Der Junge hatte ja gerade mal seinen Führerschein! Und dass Kim ein verschmähter Liebhaber von ihm sein sollte, war einfach lächerlich. David wäre niemals so verrückt gewesen, ein solches Zuckerstück von seiner Bettkante zu stoßen. Nein, das durfte er wohl auch ausschließen. Doch worum ging es dann? Er hatte keinen blassen Schimmer.

Er seufzte tief und fuhr sich durch das schwarze Haar.

"Hör bloß mit dieser Tutor-Sache auf", murmelte er und blinzelte, als das nächste Papierkügelchen haarscharf an seinem Ohr vorbeisauste, um direkt in seiner Sammlung zu landen.

Wie Praktisch. Allerdings war er jetzt beim Zählen durcheinander gekommen.

"Ich habe dem Professor gesagt, dass dieser Degner mich nicht leiden kann." Er räumte seine Schreibsachen ab und warf sie zu seinen Unterlagen. "Er kommt nie zu den Vorbereitungsstunden. Aber der Alte hat mir gar nicht zugehört. Wie es aussieht, bleibe ich auf diesem scheiß Job sitzen."

Daniel schaute ihn mitleidig an. "Und was willst du jetzt machen?", fragte er. "Wenn Kim den ersten Schein versaut, fällt das sicher auch auf dich zurück. Immerhin wurdest du ihm hier als ‚roter Teppich' ausgelegt."

David zuckte die Schultern. "Ich werde ihm wohl zeigen müssen, dass der Teppich Zähne hat", meinte er knapp und erhob sich lässig, als der Professor seine Stunde schloss. "Mach dir keine Sorgen. Ich komme schon mit ihm klar." Daniel zog eine Augenbraue hoch. "Na", gab er zweifelnd zurück. "Da bin ich aber mal gespannt." Dann folgte er den anderen in die Mensa.

~~o0@0o~~

Kim stapfte den Gang in Richtung Essensausgabe hinunter und ärgerte sich darüber, dass er David Kincaid nicht ärgern konnte. Obwohl er ihn mit sechs kompletten DIN A4-Bögen aus seinem Block beworfen hatte, war der Dunkelhaarige völlig ruhig geblieben und sogar so frech gewesen, ihm die Papierkugeln nach der Vorlesung zurückzugeben, damit Kim nicht noch mehr Blätter an ihn verschwenden musste.

Natürlich mit diesem widerlich überlegenen Zug um die Mundwinkel...

Er hätte schreien können vor Wut. Das machte ihn noch ganz krank!

Dieser Typ war einfach durch nichts aus der Fassung zu bringen! Dabei gab er sich wirklich alle Mühe, ihn zu provozieren. Doch statt sein erklärtes Hassobjekt zornig zu machen, wurde er nur selber sauer, weil mit jedem Tag, der verging, deutlicher zu werden schien, dass er David Kincaid völlig egal war. Wie eine Stubenfliege oder sonst irgendetwas Lästiges, das man entweder davon jagte oder schlichtweg ignorierte.

Oder tot schlug... noch besser!

Es regte ihn einfach auf! Nicht, dass Kim darauf Wert gelegt hätte, von ihm anerkannt oder gemocht zu werden. Gott bewahre! Aber der junge Mann nahm ihn nicht einmal ernst, und das war es, was Kims Blutdruck in ungeahnte Höhen schießen ließ.

Zugegeben: Kim verhielt sich wie ein kleines Kind. Wie ein Erstklässler, dem partout nichts Besseres einfiel als sich genau seinem Alter entsprechend zu benehmen: Nämlich voll daneben. Doch es entsprach nun mal leider den Tatsachen, dass ihm ja wirklich nichts Besseres einfiel, als Davids Sachen zu verstecken, wüste Beschimpfungen über ihn an die Tafel zu schmieren oder seine Jacke im Wischeimer der Putzfrau zu versenken.

Rein körperlich konnte er es eben nicht mit ihm aufnehmen. Das hatte er bereits am ersten Tag durch eine sehr schmerzhafte Begegnung mit dem Hallenfußboden feststellen müssen. David war vielleicht nicht auffallend kräftig, aber zu schnell und zu wendig für ihn. Das schied also schon mal aus. Und Rennen fuhr er angeblich nicht mehr... Auch, wenn Kim sich das nicht vorstellen konnte.

Er spielte ernsthaft mit dem Gedanken, ihn herauszufordern. Er war sich nur nicht sicher, ob er eine solche Auseinandersetzung gewinnen konnte. Es machte ihm normalerweise nichts aus, gegen jemand anderen zu verlieren. Bessere Fahrer gab es haufenweise, und er neigte nicht zur Missgunst. Aber er wollte diesem Kincaid einen Denkzettel verpassen, und das konnte er nicht, wenn er sich selbst durch eine Niederlage vor ihm bloß stellte.

Sicher: Er hätte noch die Möglichkeit gehabt, sein Motorrad zu beschädigen. Das würde wohl selbst Mr. Cool aus seiner ach so teilnahmslosen Haltung werfen. Doch eine Anzeige wollte er auch nicht am Hals haben. Außerdem fuhr der junge Mann eine wunderschöne Maschine, und es war ja nicht ihre Schuld, dass sie einem Ekel gehörte.

Immer langsamer werdend, blieb Kim schließlich stehen. Was konnte er bloß noch tun? Selbst das Kaugummi, dass er David vor Wut in die Haare geschmiert hatte, war diesem nicht zu viel gewesen. Im Gegenteil: Mit seiner neuen Frisur kam er besonders bei den Mädchen besser an als je zuvor. Es musste doch irgendetwas geben, das den Mann aus der Ruhe brachte? Wenigstens für einen kurzen Moment. Wenn schon ein mehrfach gebrochenes Bein nicht reichte!

Kim wusste genau, dass es seinem Bruder sowieso am liebsten gewesen wäre, wenn er sich einfach aus der Sache raus gehalten hätte. Er wollte diese Dinge irgendwann selbst mit Kincaid klären. Aber erstens wurde der Blondschopf das Gefühl nicht los, dass bei dieser Klärung Blut fließen würde und zweitens schaffte er es nicht, den unbeteiligten Dritten zu spielen, wenn dieser Mistkerl sich nicht einmal an sie erinnerte!

Er schien wirklich völlig ahnungslos - und das, obwohl Kim weit mehr als nur eine Andeutung hatte fallen lassen. Entweder war David sehr gut im Verdrängen... oder es gab irgendeinen anderen Grund für sein Verhalten, den Kim sich nicht zu erklären vermochte. Wie konnte man so kalt, so abgestumpft sein, dass man einen Fahrer verunfallte und dann so tat, als wäre nichts gewesen?

Tat er überhaupt so? Kim war sich gar nicht mal sicher darüber. Vielleicht war ihm das schlichtweg auch egal? Oder er scherte sich nicht um Dinge, die an verregneten Samstagnachmittagen passierten. Oder am dritten September. Am Tag des Baumes - oder weiß-der-Teufel-was!

Es nervte Kim, dass er ständig über den Dunkelhaarigen nachdachte. Noch immer schwirrte ihm dieser komische Blick im Hinterkopf, mit dem der Junge ihn angesehen hatte, und außerdem fiel es ihm schwer, jemanden zu hassen, den er schlichtweg nicht verstand. Als er Kincaid noch nicht gekannt hatte, war es ihm irgendwie leichter gefallen, eine Abneigung gegen ihn zu entwickeln. Doch wenn man sich fragte, warum sich ein Mensch auf eine bestimmte Weise verhielt, dann begann man, ihn zu ergründen, zu beobachten, und das bedeutete eben häufig auch, dass man selbst bei den vermeintlich größten Arschlöchern der Menschheitsgeschichte noch positive Seiten fand.

Es war einfach seltsam, wie der Mann sich benahm. Seit drei Wochen besuchten sie nun dieselben Kurse, und obwohl David auf den ersten Blick oberflächlich und abweisend wirkte, schien er relativ beliebt zu sein. Er musste noch einen Bruder haben, der nicht viel älter sein konnte als er selbst, und der zählte angeblich noch weit mehr Sympathisanten, wie ihm einer seiner Mitstudenten verraten hatte, weil er ein sehr aufgeschlossenes Wesen besaß. Doch Beliebtheit hin oder her, Kim war auch sonst nichts Besonderes aufgefallen, was ihn als einen Menschen mit schlechtem Charakter kennzeichnete.

Warum nur? Dabei war er sich so sicher gewesen, ihn schnell als ‚bösen Buben' abstempeln zu können.

Vielleicht hätte er doch einmal zu den Tutorstunden gehen sollen? Zu seiner Verwunderung war er von dem Dunkelhaarigen persönlich dazu eingeladen worden. Der Professor hatte ihn ja angehalten, Kim den Stoff des ersten Semesters beizubringen, und er war wohl durchaus auch bereit dazu. Aber Kim hatte abgelehnt.

Sehr deutlich, wenn man es vorsichtig ausdrückte. Die Vorstellung, mit David Kincaid bei Tee und Keksen alten Stoff zu pauken, war nicht nur absurd, sie drehte ihm außerdem den Magen um. Nie! Nie im Leben würde er diese Schwelle überqueren, so wahr er auf Gottes Erden wandelte. Basta.

Als Kim endlich die Mensa betrat, hatten die meisten Studenten schon zu essen begonnen. Alle Tische waren belegt, und ihm blieb wohl nichts anderes übrig, als sich entweder mit einem Snack zu begnügen, den er auch auf dem Hof essen konnte oder eben noch zu warten. Zum Glück war er eh nicht besonders hungrig. Es erstaunte ihn jedes Mal, was für ein reger Verkehr hier herrschte. Dabei erreichte die Qualität der Mahlzeiten gerade mal den Universitätsdurchschnitt. Wenn überhaupt.

Kurz die Schultern zuckend, griff Kim nach einem Tablett und schlenderte die Theke entlang. Es gab kaum etwas, das ihn wirklich reizte. Bis auf ein belegtes Thunfischsandwich sah alles verdächtig nach ‚schon mal gegessen' aus. Er blickte an der Vitrine hinauf, in der es lag und schluckte leicht. Ziemlich hoch oben. Er streckte seinen Arm aus und versuchte, danach zu greifen, doch er kam nicht heran. Fluchend reckte er sich weiter, aber es reichte nicht. Für wen zur Hölle waren diese Dinger eigentlich gebaut? Musste er sich erst auf eine Getränkekiste stellen, damit er hier etwas essen konnte?

Er stutzte, als plötzlich jemand über ihn hinweg langte und das Sandwich aus dem Regal angelte. Zuerst dachte er, dass er nun ob seiner Größe endgültig auf einen Snack verzichten musste, doch die Hand zog sich nicht zurück. Noch ehe Kim wusste, wie ihm überhaupt geschah, lag das Brot auf seinem Servierbrett. Überrascht drehte er sich um und blickte direkt in David Kincaids stahlgraue Augen. "Du?", schnappte er verdutzt und ließ beinahe seine Tasche fallen, als der Junge ihn wortlos umdrehte und vor sich her zur Kasse schob. Auf dem Weg stellte er ihm noch eine Packung Milch und einen Joghurt aufs Tablett. 

"Hey!" Kim wollte sich losreißen, doch Davids Griff war eisern. Verwirrt blinzelte er ihn an. Was sollte denn das auf einmal? "Was machst du da?", fragte er und schaute über seine Schulter zurück. Die anderen Studenten schienen nichts bemerkt zu haben. "Lass mich sofort los!"

"Klappe, ja?" David nahm sich einen Apfel und ebenfalls ein Päckchen Milch und holte sein Portemonnaie aus der Jacke. Dann wandte er sich der Kassiererin zu und deutete auf das Essen. "Alles zusammen." Die Frau nickte und tippte die Beträge ein. Kim war viel zu verdattert, um rechtzeitig zu widersprechen. Schon hatte Dave bezahlt und ihn mit sich zu zwei frei werdenden Plätzen geschleift.

"Was fällt dir ein?", zischte Kim und konnte sich gerade noch beherrschen, nicht auf der Stelle auszuholen. Obwohl er wusste, dass er sein Gegenüber vermutlich eh nicht treffen würde, bevor dieses ihn wieder durch die Luft warf, hatte er einige Mühe, sein hitziges Temperament im Zaum zu halten.

"Wonach sieht es aus?", antwortete Dave, während er den dünnen Strohhalm in seine Getränkepackung stach. "Ich lade dich zum Essen ein."

"Ich will mich aber nicht von dir einladen lassen! Was denkst du dir überhaupt?"

Der Mann schmunzelte unterdrückt und biss in seinen Apfel. "Ich denke, dass du es nicht leiden kannst, wenn ich dir etwas ausgebe. Und aus diesem Grunde tue ich es."

Kim schnappte nach Luft und war mit einem Satz auf seinen Füßen. "Das ist ja wohl der Gipfel der Frechheit!", rief er, doch bevor er sich weiter aufregen konnte, zog der Dunkelhaarige ihn zurück auf seinen Stuhl. "Jetzt halt mal die Luft an, okay?" David klang allmählich genervt. "Ich versuche lediglich, unseren schlechten Start wieder wettzumachen", erklärte er. "Also pluster dich nicht so auf." Er steckte Kim den Strohalm in die Milchtüte und reichte sie ihm herüber. "Hier, trink etwas. Das beruhigt die Nerven. Außerdem ist es gesund."

"Ich will nichts trinken", knurrte Kim. "Und ich will mich nicht beruhigen. Unser ‚schlechter Start', wie du es nennst, ist für mich weit mehr als nur ein Knutscher mit dem Hallenboden. Ich hasse dich! Hast du das immer noch nicht gemerkt?"

"Ja, ja." David winkte ab. "Ich hab's verstanden." Er sah dem Jungen ins Gesicht. "Hör mal: Es tut mir Leid, okay? Ich habe keine Ahnung, was ich dir getan haben soll, und ich werde mich nicht dafür entschuldigen, aber das in der Halle war wirklich nur ein Reflex. Ich mache den Kampfsport eben regelmäßig. Ich weiß, dass ich mir eine positive Einstellung bei dir nicht kaufen kann, aber ich wollte dich nicht vor den anderen blamieren. Also nimm es einfach an, in Ordnung?"

Kim antwortete nicht, deshalb sprach Dave erstmal weiter: "Was diese Tutorsache angeht: Das war bestimmt nicht meine Idee. Der Professor möchte, dass ich dir Nachhilfe gebe, und ich habe zugesagt, also sollten wir uns auch mal treffen. Ob du mich leiden kannst oder nicht, ist mir im Grunde egal. Ich habe durchaus begriffen, dass du mich nicht als Tutor haben willst. Aber was der Professor von mir denkt, ist mir nicht egal. Und im Moment glaubt er, dass ich mich vor meiner Aufgabe drücke, und das passt mir nicht."

Kim öffnete den Mund, um ihm zu sagen, dass ihn das nicht im Geringsten interessierte, doch irgendetwas in dem Blick seines Gegenübers ließ ihn stumm bleiben. Diesmal meinte der junge Mann es ernst, soviel stand fest. "Du kommst zur nächsten Vorbereitungsstunde", fuhr David fort. "Und das ist keine Bitte. Entweder das - oder ich besuche dich zu Hause. Für mich macht es keinen Unterschied."

Kim erbleichte vor Schreck und ließ nun doch seine Tasche fallen. "Nein!", rief er entgeistert und griff nervös nach seinen Sachen. "Auf keinen Fall zu mir!" Er riss sich zusammen und räusperte sich leicht. "Okay, ich bin zum nächsten Termin da. Aber glaub ja nicht, dass ich es dir leicht machen werde!" Er schnappte er sich sein Essen und wollte sich abwenden, blieb jedoch noch einen Moment lang stehen. "Die... die Entschuldigung", meinte er schließlich. "Ist angenommen." Er fasste sich wieder. "Aber nur heute!" Dann verließ er eilig und noch immer etwas blass die Mensa.

David seufzte entnervt.

"So eine anstrengende, kleine Landplage", murmelte er leise. Er lehnte sich auf seinen Arm und fuhr sich wieder durch die Haare. "...und guck mich nicht so an - ich habe mich wirklich bemüht, halbwegs freundlich zu bleiben."

Alexei, der die ganze Zeit neben ihnen gesessen hatte und der von Kim offenbar gar nicht bemerkt worden war, grinste belustigt. "Oh ja", gab er zurück. "Das habe ich gesehen. Er ist ja richtig auf dich abgefahren, bei all deiner Freundlichkeit. Hast du ihm grad gedroht? Oder war das schon Erpressung?"

"Vermutlich so eine Mischung aus beidem", meinte Dave und musste ebenfalls leicht grinsen. "Ich weiß nicht, was ich bei dem Typen falsch gemacht habe", ächzte er. "Aber es muss ein verdammter Mist gewesen sein, sonst wäre er wohl kaum so sauer auf mich." Alexei nickte langsam und warf einen Blick in Richtung Tür. Kim war nirgends mehr zu sehen, aber er hatte auch nicht damit gerechnet. So wütend, wie der Junge davon gestürmt war...

"Fällt dir denn wirklich nicht ein, wo du ihn schon mal gesehen haben könntest?", hakte er nach. "Warum fragst du nicht mal Nathan?"

David schüttelte den Kopf. "Nein, das ist nicht sein Problem. Er ist zwar mein Bruder, aber ich will nicht, dass er sich darüber das Hirn zermartert. Er muss noch eine Studienarbeit vorbereiten, und nächste Woche ist Abgabetermin. Der hat wirklich genug andere Dinge um die Ohren."

"Hm", machte Alex. "Wie du meinst." Dann lachte er leise. "Aber er ist ganz schön frech, oder?"

Dave nahm einen Schluck von seiner Milch. "Wer?", fragte er und holte einen Müsliriegel aus seinem Rucksack. "Nathan? Ja, das kann man wohl sagen. Ich wette, er hat dich längst schon wieder irgendwo ausgezogen und dir mit seinen Händen in der Hose..." Er stoppte abrupt, als Alexei ihm erschrocken den Mund zuhielt. "Nein, um Gottes Willen!" Der Braunhaarige spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. "Der Junge, zum Teufel! Der Junge!"

David zog Alexeis Hand von seinem Mund und grinste breit. "Ach so." Es amüsierte ihn immer wieder, wenn sein Freund sich so wand vor Verlegenheit. Eigentlich war es ja ein bisschen fies, ihn ständig so beschämt zu machen. Aber andererseits: Wenn er ihm so gute Vorlagen lieferte, warum sollte Dave sie dann nicht nutzen?

"Wie auch immer", meinte Alexei und räusperte sich leise, um seine Unsicherheit zu überspielen. "Erst meckert er jedenfalls herum, dass du ihn nicht einladen sollst und dann haut er mit dem bezahlten Essen ab. Das ist schon ziemlich dreist, oder?" Der junge Kincaid hob seine Schultern. "Wie gesagt", gab er ruhig zurück. "Ich hab das nur gemacht, um unseren schlechten Start auszubügeln." Er pausierte kurz. "Na gut, und um ihn zu ärgern."

"Was dir auch bestens gelungen ist." Alex schüttelte den Kopf. "Von wegen, du wolltest ‚freundlich' zu ihm sein. Mich trickst du auch immer so aus."

"Tatsächlich?" Dave schmunzelte belustigt. "Wenn es dir lieber ist, kann ich dich auch ganz offiziell um Erlaubnis bitten, wenn ich das nächste Mal deine nackte Haut streicheln will. Na, wie wär's?"

Alexei starrte ihn mit offenem Mund an. Dann wandte er sich errötend ab.

"Was du für Fragen stellst!", beschwerte er sich, war aber bemüht, seine Verlegenheit nicht offen zu zeigen. Das war sowieso etwas, worüber er dringend mit den Kincaids reden musste: Diese ständigen Anspielungen, die ihn immer aus dem Konzept brachten. Das war einfach nicht fair!

Dave gluckste unterdrückt und klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter. "Keine Panik, Alexei. In der Kantine bist du sicher." Er öffnete die Packung seines Körnerriegels und leerte seine Milch. "Aber auf dem Gang würde ich schon für nichts mehr garantieren", fügte er noch hinzu und verkniff sich gerade so das Grinsen, als Alexei wie vom Blitz getroffen aufsprang.

"I-ich muss los", stammelte er und schnappte sich seine Sachen. "Nathan wollte mir noch ein paar Kopien ziehen und ich hab versprochen, sie mir in der Mittagspause abzuholen. Wir sehen uns dann später." Er schob seinen Stuhl an den Tisch und drehte sich um.

"Du versuchst, einer kompromittierenden Situation durch mich zu entgehen, indem du zu meinem Bruder gehst?" David lachte leise. "Na, dann viel Glück." Alex' Wangen färbten sich noch ein bisschen röter. "Der geht wenigstens nicht immer gleich so ran wie du", murmelte er, und strafte sich im selben Moment Lügen, als er an die Szene in der Bücherei dachte. Was war er nur für Trottel? Er konnte Daves belustigtes Schmunzeln regelrecht fühlen, während er verlegen auf den Gang hinauslief.

Wieder ein Punkt für David Kincaid. Gegen diesen Kerl war er einfach chancenlos.

~~o0@0o~~

Kim rannte durch die verschiedenen Universitätsgebäude und fluchte so wild dabei, dass die Mädchen über ihn kicherten, wenn er an ihnen vorbeiraste. Er achtete überhaupt nicht darauf, wohin er sich bewegte, sondern nur auf seinen pochenden Herzschlag, den er nicht mehr unter Kontrolle zu bringen vermochte.

Dieses Ekelpaket! Dieser blöde Mistkerl! Wie konnte er es wagen, ihm Befehle zu erteilen? Ausgerechnet David Kincaid bildete sich ein, ihm irgendetwas vorschreiben zu dürfen! Hätte Kim nicht Angst haben müssen, dass dieser Hirni bei ihnen zu Hause auf seinen Bruder traf und Stefan bei dem Anblick endgültig ausflippen würde, er hätte sich seine Tutorstunden sonst wo hinschieben können! Dass er ihn zum Essen eingeladen hatte, um seinen Schulterwurf wieder gut zu machen, zählte für Kim nicht die Bohne.

Pfft, eher im Gegenteil!

‚Einladung' - das Wort passte sowieso nicht, wenn man bedachte, wie er ihn einfach überrumpelt und auf den Sitz gezogen hatte, ohne überhaupt danach zu fragen, ob und was er essen wollte. Es war ihm völlig egal gewesen, dass Kim seine Gesellschaft nicht schätzte. Und diesmal hatte er es sogar ausdrücklich gesagt!

Am meisten wurmte es Kim jedoch, dass David - auch wenn das nur Zufall gewesen sein konnte - zielsicher einen Kirschjoghurt und eine Vanillemilch aus dem Speiseangebot herausgefischt hatte. Also genau das, was Kim als Zwischenmahlzeit am liebsten aß.

Was sollte das? Hatte er sich über ihn erkundigt und ernsthaft versucht, sich mit ihm gut zu stellen oder besaß er einfach nur ein Gespür für die Vorlieben anderer? Sollte ihn das überhaupt interessieren? Mit diesem verfluchten Blödmann wollte er sowieso nichts zu tun haben!

Obwohl es ihm nicht passte, musste Kim an seinen ernsten Blick denken, als David sich bei ihm entschuldigt hatte. Das Friedensangebot in seinen Worten war aufrichtig gewesen, die Verwirrung über Kims Zorn auf ihn aber ebenfalls. Es schien tatsächlich so, als könne er sich nicht erklären, warum der Junge so wütend auf ihn war.

Aber das durfte doch nicht sein?

Kim verlangsamte seine Schritte etwas und bemühte sich, wieder zu Atem zu kommen. Er fragte sich langsam, wie er jemandem etwas heimzahlen sollte, wenn dieser Jemand sich gar keiner Schuld bewusst war. Es stimmte, dass David ihn schon ein-zwei Mal danach gefragt hatte, warum er sich so abweisend verhielt. Doch bisher war Kim der Auffassung gewesen, der junge Mann wolle ihn verspotten und täte nur so, als wüsste er von nichts. Scheinbar hatte er sich in dieser Annahme geirrt.

Eine schöne Bescherung! So würde er nie die Genugtuung einer Rache auskosten können. Wobei er sich langsam eh lächerlich dabei vorkam, den Engel der Vergeltung spielen zu wollen. Vielleicht sollte man einfach einmal mit dem Jungen reden, ihm die Situation erklären und seine Sicht der Dinge hören? Kim hatte zwar keine Lust, über Vorfälle mit ihm zu sprechen, die auch nach der langen Zeit, die inzwischen vergangen war, noch so weh taten, aber im Grunde verhielt er sich im Moment schlichtweg unfair. Er gab David keine Chance, sich zu rechtfertigen.

Und das passte ihm seltsamerweise - wenn er so in Ruhe darüber nachdachte - ganz genauso wenig.

Weil er plötzlich niesen musste, blieb Kim schließlich stehen. Verwirrt sah er sich um und entdeckte, dass er bis zum H-Gebäude gelaufen sein musste, denn eine große Wolke von Baustaub hing in der Luft. Dieser Trakt wurde gerade umgestaltet, und obwohl er nicht gesperrt war, hatte man die Studenten dazu aufgefordert, nur wenn nötig in diesen Bereich zu gehen - zum Beispiel, um ein paar Druckschriften zu kopieren. In diesem Haus befanden sich nämlich auch die Büros der Sekretärinnen und der Uni-Leitung, und es gab ein paar Geräte, an denen man per Münzeinwurf seine Unterlagen duplizieren konnte. Es erstaunte Kim, dass er so weit gerannt war, und ein bisschen ärgerte es ihn auch, da er jetzt den ganzen Weg bis zum C-Gebäude wieder zurücklatschen musste.

Statt sich jedoch sofort auf den Weg zu machen, lehnte er sich zunächst an eine der Wände, um sich etwas auszuruhen. Es war bereits Mitte Mai. Für diese Jahreszeit hatten sie schon ziemlich heiße Tage, und kaum einer der Studenten lief noch ohne T-Shirt draußen herum. Nicht einmal für die sonst eher kühle Morgenluft benötigte man mehr eine Jacke, und jetzt um die Mittagszeit machten sich die hohen Temperaturen erst richtig bemerkbar.

Die kühlen Steine im Rücken zu spüren war angenehm, und Kim schloss für einen Moment seine Augen. Es roch nach Sand und Zement. Er öffnete seine Lider. Vermutlich war es besser, sich nicht gerade in dieser Staubwolke zu erholen.

Er stieß sich von der Wand ab und wollte sich dem Gang zuwenden, doch plötzlich wurde ihm schwindelig. Wahrscheinlich hatte er es wirklich etwas übertrieben, und ehe er sich versah, taumelte er benommen zur Seite. Bevor er jedoch stürzen konnte, griff unerwartet jemand nach seiner Taille, und nur einen Wimpernschlag später fand er sich wohl behalten in zwei kräftigen Armen wieder. Verwirrt hielt er sich an ihnen fest.

"Oi, das ist ja gerade noch mal gut gegangen", hörte er eine sympathische Stimme sagen und spürte, wie der Unbekannte mit ihm in die Knie ging. "Leg dich besser ein paar Minuten hin, sonst verlierst du hier noch das Bewusstsein. Du bist ja weißer als ein Schlossgespenst."

Kim blinzelte leicht und blickte verdattert auf. Es verschlug ihm glatt die Sprache, als er bereits zum zweiten Mal an diesem Tag in ein Paar leuchtend grauer Augen schaute. Sein Mund klappte auf, doch kein Ton kam über seine Lippen. Hatte er Halluzinationen? Wie war dieser Kerl so schnell hinter ihm hergekommen?

Nathan Kincaid suchte unterdessen in seiner Tasche nach etwas, was er dem Jungen unter den Kopf legen konnte. Dass er wie so oft mit seinem Bruder verwechselt wurde, bemerkte er gar nicht. Da er nichts fand, was sich als Stütze für seinen überraschenden Schützling geeignet hätte, beschloss er, ihn einfach auf seinem Schoß zu behalten. Das mochte ein wenig ungewöhnlich sein, aber es war immer noch besser, als ihn auf den dreckigen Fußboden zu legen. Die Lider des Jüngeren flatterten leicht, und er starrte ihn aus so großen Augen an, dass Nathan sich fragte, ob irgendetwas mit seinem Gesicht nicht stimmte. Doch er schob es darauf, dass der Blonde einfach noch benommen war.

"Hier." Nathan kramte eine verschlossene Trinkflasche hervor und hielt sie dem fremden Studenten vor die Nase. "Die habe ich gerade erst gekauft. Kühles Wasser wird dir jetzt gut tun." Doch Kim schüttelte den Kopf. "Nein danke, von dir will ich nichts..." Vor seinen Pupillen drehte sich alles. Was hatte er nur für ein Pech, dass er sich jetzt auch noch von David Kincaid helfen lassen musste? Wenn ihm nur nicht so duselig gewesen wäre!

"Was soll denn das heißen ‚von mir willst du nichts'?" Nathan zog einen Schmollmund. "Tut mir ja leid, dass ich nicht Miss Germany bin, aber so abweisend musst du auch nicht sein." Er schraubte seine Flasche auf und setzte sie Kim an die Lippen. "Na los - du tust dir nur selbst einen Gefallen, wenn du schnell wieder auf die Beine kommst." Er zwinkerte ihm verschwörerisch zu. "Schließlich willst du doch von mir weg, oder?"

Kim schaute ihn verdutzt an. Sein Zorn war auf einmal wie weggeblasen. Der junge Mann verhielt sich plötzlich ganz anders als in der Mensa. Lag das daran, dass sie jetzt alleine waren? Aber weshalb sollte er sich um ihn kümmern? Ausgerechnet um Kim, der ihn immer zu provozieren versuchte und mit dem er gerade erst aneinander geraten war. Das machte überhaupt keinen Sinn.

Kim wollte nicht in der Schuld des Anderen stehen, aber der schien auch überhaupt keine Gegenleistung zu erwarten. Er lächelte nur weiter freundlich und half ihm jetzt sogar dabei, sich ein wenig aufzurichten, damit er leichter etwas trinken konnte. Und er hatte sogar Recht: Das kalte Wasser tat ihm wirklich ziemlich gut. Er fühlte sich gleich viel besser.

"Warum machst du das?", fragte er, nachdem ‚David' die Flasche wieder zugedreht und sie bei Kim in die Tasche gesteckt hatte. "Du müsstest doch unheimlich wütend auf mich sein."

"Wütend?", kam es zurück. "Nein, wieso? Diese Frage ist ein Witz, oder?" Nathan strich sich die kurzen Haare zurück und schmunzelte amüsiert. "Ich mache das, weil du Hilfe brauchst. Weshalb denn sonst?" Er stellte den Jungen vorsichtig auf die Füße und klopfte ihnen beiden den Staub von der Hose. "Na ja, mein Bruder hätte dir wahrscheinlich das Portemonnaie aus der Tasche gezogen und so getan, als wolle er damit abhauen. So als ‚Anzahlung', um dich zu erschrecken." Bei dem Gedanken musste er grinsen. "Naaa..." Er winkte lässig ab. "Ist schon okay. Wer so gut aussieht wie du, sollte nicht ohnmächtig in irgendwelchem Bauschutt liegen."

"Gut aussieht?" Kim spürte, wie er rot wurde. Was sollte das nun wieder? Allmählich blickte er überhaupt nicht mehr durch. Hatte sein Feind gerade etwas Nettes zu ihm gesagt? Doch Nathan sprach bereits weiter.

"Na klar!" Er hängte sich seine Tasche über die Schulter und musterte den Anderen. "Schau dich doch an: Du bist schlank, hast eine schmale Hüfte, eine schöne Taille - und du siehst ziemlich sportlich aus. Das Grün deiner Augen ist der Wahnsinn, wenn sich die Sonne so darin spiegelt. Aber am besten gefallen mir deine Haare. Die roten Reflexe auf dem Blond sehen richtig toll aus. Passen prima zu deinem hübschen Gesicht."

Er stutzte, als er Kims glühende Wangen bemerkte. Hatte er den Jungen etwa verlegen gemacht?

"Jetzt hör aber auf, ja?" Kim grub seine Finger in sein Shirt und starrte mit hochrotem Kopf zu Boden. "Was soll der Unsinn? Willst du dich über mich lustig machen?"

Nathan wurde ernst. "Nein", antwortete er. "Das wollte ich nicht." Er fuhr sich etwas ratlos mit der Hand über den Nacken. "Tut mir leid, wenn das falsch bei dir ankam. Aber ich meine das nicht nur im Spaß - du siehst wirklich ziemlich gut aus. Aber wenn du das nicht hören möchtest..." Er hob seine Schultern. "Ich wollte dir ja nur ein Kompliment machen - nicht dich küssen oder so was..."

Jetzt platzte Kim endgültig der Kragen. "DAS HÄTTE MIR AUCH GERADE NOCH GEFEHLT, DU EKELPAKET!", schrie er, machte auf dem Absatz kehrt und rannte zornig den Gang hinunter. Diesmal in die andere Richtung. Nathan schaute ihm verdutzt hinterher. Er konnte sich nicht helfen, aber er hatte irgendwie das Gefühl, gerade ganz großen Mist gebaut zu haben.

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Alexei ließ beinahe seine Sachen fallen, als Kim Degner wie der geölte Blitz an ihm vorbeischoss und ihn dabei beinahe über den Haufen rannte. Dass er den älteren Studenten in seinem Lauf mit der Schulter anstieß und ihn dadurch fast umwarf, schien der Blondschopf gar nicht zu bemerken. Ohne aus der Bahn zu geraten und mit einem äußerst wütenden Gesichtsausdruck, fegte er durch die Halle. Noch ehe Alexei so recht wusste, wie ihm geschah, war er auch schon wieder in den nächsten Flur verschwunden.

Verdattert blieb der Braunhaarige stehen. Er schüttelte seinen Kopf und sah dem Anderen einen Moment lang nach. Es war schon erstaunlich, dass sie sich so oft begegneten, ohne je so richtig miteinander sprechen zu können. Wann immer er den Jungen traf, war dieser gerade dabei, in einem Affentempo irgendwo hinzurennen. Oder zumindest kurz davor.

Wirklich seltsam, wie eilig er es dauernd zu haben schien...

"Muss eine Menge Energie besitzen, der Kleine", hörte er in diesem Augenblick eine wohlbekannte Stimme hinter sich. Er drehte sich um und schaute erfreut in Nathans inzwischen so vertraut gewordenes Gesicht. "Ja, das scheint mir auch so", antwortete er und musste grinsen, als er die staubige Kleidung des Anderen bemerkte. "Aber da ist er wohl nicht der Einzige. Wo hast du dich rumgetrieben? Bist du in die Baugrube gefallen?"

Nathan lachte schallend und wedelte abwertend mit der Hand. "Als wenn es in Trakt H schon Gruben gäbe, in die man hineinfallen könnte!" Er schüttelte den Kopf. "Nein, ich habe mich einfach im Gang ein bisschen eingesaut. Da hängt überall Baustaub in der Luft, und es ist furchtbar dreckig. Dabei haben sie bisher fast gar nichts verändert." Er machte eine ausladende Handbewegung. "Tut mir Leid für dich, aber ihr werdet wohl noch eine Weile bei uns in den vorderen Häusern studieren müssen." Alexei hob seine Schultern. "Das ist schon okay. Hast du an meine Kopien gedacht?"

Nathan nickte langsam. "Ja, hab ich. Allerdings sind sie nicht besonders gut geworden. Ich schätze mal, der Toner ist allmählich alle. Ich wollte dem Hausmeister Bescheid sagen, doch er war nicht da." "Ach", machte Alex und nahm den Stapel Zettel entgegen, den sein Gegenüber ihm hinhielt. "Das ist nicht so schlimm. Hauptsache, ich kann es lesen." Er steckte das Papier sorgfältig in seine Tasche. "Diese Unterlagen sind eigentlich nur für mich, um Notizen darauf zu machen und mir bestimmte Textstellen anstreichen zu können. Nichts, was ich für ein Labor (1) bräuchte, oder so." Dann stutzte er plötzlich. "Sag mal: Was ist denn mit deinen Haaren passiert?"

Nathan warf einen Blick nach oben und lächelte leicht verlegen. "Oh, das meinst du." Er zwirbelte eine der kurzen Strähnen zwischen seinen Fingern. "David musste sich die Haare schneiden, weil ihm jemand einen Kaugummi reingeklebt hat. Und da es mir irgendwie unfair erschien, wenn er allein Federn lassen muss, bin ich einfach mitgegangen zum Friseur." Er fuhr sich durch die dunkle Mähne und sah Alexei fragend an. "Gefällt es dir nicht?"

"Doch, es steht dir." Der Braunhaarige begutachtete ihn ausgiebig. "Um ehrlich zu sein: Ich finde dich so noch anziehender als vorher." Nathan ließ seine Hand sinken und lächelte wieder. "Du findest mich anziehend?", wollte er wissen und lehnte sich mit der Schulter gegen das große Fenster zu seiner Rechten. "Das hast du mir noch nie gesagt."

Alexei errötete leicht. "Natürlich finde ich dich anziehend!", verteidigte er sich. "Meinst du vielleicht, ich würde mich von dir berühren und in solch intime Situationen bringen lassen, wenn ich dich nicht leiden könnte?" Unerwartet fiel ihm sein letzter Vorsatz wieder ein. "Das ist sowieso eine Sache, über die ich mit dir sprechen möchte."

"Mit mir sprechen?" Nathans Augenbrauen wanderten nach oben. "Über intime Situationen?" Alex nickte. "So in etwa." Er stellte sich neben seinem Freund an das Fenster und sortierte seine Gedanken. Er wollte um jeden Preis verhindern, dass der Dunkelhaarige seine nächsten Worte falsch verstand, aber er musste endlich mit den Kincaids reden, sonst lief ihm das Ganze irgendwann noch aus dem Ruder. Und er wollte nicht riskieren, dass vielleicht etwas zu Bruch ging, was man ganz leicht mit Worten hätte retten können.

"Weißt du", begann er vorsichtig und bemühte sich, nicht gleich wieder verlegen zu werden. "Bevor ich euch beide kennen gelernt habe, war ich irgendwie anders als jetzt. Selbstsicherer und nicht so leicht aus der Fassung zu bringen." Er warf Nathan einen Blick zu, doch dieser bedeutete ihm, fortzufahren. "Ich war ein ganz normaler Typ, stolz auf meine paar Bauchmuskeln, locker und so. Bei meinen übrigen Freunden hat sich das auch nicht verändert. Aber bei euch ist das vollkommen anders. Auf einmal bin ich total schüchtern, werde ständig rot und stottere bescheuert vor mich hin. Selbst Mädchen konnten mich nie so nervös machen wie ihr, und das gibt mir doch ein wenig zu denken."

Er rieb sich zögernd den Nacken und neigte dann seinen Kopf zur Seite. "Ich weiß noch immer fast gar nichts von euch. Was ihr gerne esst, was ihr am liebsten macht oder wo ihr gerne hingeht. Wenn wir uns begegnen, endet das fast immer damit, dass ich mich in einer Lage wieder finde, die neu und verwirrend für mich ist. Angenehm zwar, das bestreite ich ja gar nicht, aber eben ungewohnt. Das alles geht mir irgendwie zu schnell." Er war sich nicht sicher, ob er wirklich das rüberbrachte, was er auszusagen versuchte. "Vermutlich fühle ich mich einfach unter Druck gesetzt."

Nathan nickte bedächtig. "Kurz gesagt, du möchtest es langsamer angehen lassen, weil du dich von uns überrumpelt fühlst?" Alexei blickte ihn an. "Ja, so ungefähr. Verstehst du: Es ist nicht so, dass mir eure Nähe nicht gefallen würde. Aber genau das ist es, woran ich mich erst gewöhnen muss. Auch wenn meine Hemmschwelle in diesem Punkt niedrig zu sein scheint: Es ist immer noch das erste Mal für mich, eine solche Bindung zu einem Mann aufzubauen, und ich weiß ehrlich gesagt oft nicht, was ich mit mir anfangen soll - wo ich meine Hände hintun könnte, was ich sagen soll oder wie viel ich fühlen darf. Im Grunde hängt es nur an mir selbst, das ist mir ja auch klar. Aber trotzdem... ich brauche einfach mehr Zeit, um damit fertig zu werden, dass ich... na ja, dass ich vielleicht..."

"Schwul bin?", beendete Nathan den Satz und strich ihm sanft über das braune Haar. "Du hast wirklich ein bisschen Angst davor, stimmt's?" Alexei wich seinem Blick aus. Ehrlich gesagt wusste er nicht, ob oder wovor er Angst hatte. Er spürte nur eine unglaubliche Sehnsucht danach, mehr über die beiden Brüder zu erfahren, und dazu benötigte er eben Zeit. Er wollte etwas mit ihnen unternehmen. Außerhalb eines Bettes! Eigentlich fürchtete er sich nicht davor, ein Tabu oder die Regeln ‚guter' Sitten zu brechen. Aber anders zu sein war manchmal schon etwas, das einem Furcht machte, und vielleicht lag Nathan ja richtig mit seiner Vermutung?

"Okay, Alexei", meinte der Andere in diesem Moment. "Wir werden uns das zu Herzen nehmen." Er legte seine Hände auf Alex' Schultern. "Du hast ja Recht: Wir sind wirklich von Anfang an ziemlich aufdringlich gewesen, und es war nicht fair von uns, dich damit so sehr aus dem Konzept zu bringen. Besonders die Sache in der Bibliothek neulich Abend muss ziemlich heftig für dich gewesen sein." Der Braunhaarige öffnete den Mund, und Nathan legte sacht einen Finger über die vollen, weichen Lippen. "Ich weiß, dass du es so nicht gemeint hast. Aber tatsächlich ist es nun mal so. Auf diese Art sollte es für dich nicht laufen. Punkt."

"Nathan", begann Alexei, doch der schüttelte sanft den Kopf. "Ich habe dich schon verstanden. Für uns ist so eine Situation fast normal. Wir sind beide Draufgänger, wenn auch von unterschiedlichem Charakter, und für uns ist es nicht ungewöhnlich, dass wir uns für Männer interessieren. Auch nicht für ein und denselben. David und ich sind häufiger Rivalen." Er richtete sich wieder auf. "Aber bei dir liegt die Sache nun mal anders. Nach wenigen Treffen von einem halbfremden Kerl gesagt zu bekommen, dass er ein Auge auf dich geworfen hat, muss dich ziemlich geschockt und verwirrt haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du ernsthaft damit gerechnet hast, und es setzt dich sicher noch immer unter Druck, am Ende vielleicht eine Entscheidung fällen zu müssen."

Alexei errötete leicht. Es stimmte, dass er damals sehr überrascht gewesen war, und auch, dass er nur ungern einen der beiden verletzten wollte. Aber dass Nathan echtes Interesse an ihm haben könnte, hatte er ja bereits durch Dave erfahren. Im Nachhinein wunderte es ihn, dass er im Grunde gar nicht wirklich geschockt reagiert hatte. Bisher war er ausschließlich hinter Mädchen her gewesen, und nun kam so was! Fast schon auffallend, wie ruhig er dabei blieb. Hätte das nicht ein Hint für ihn sein sollen?

"Ich mache dir einen Vorschlag", bot Nathan schließlich an. "Wir gehen noch mal zurück zu dem Punkt, an dem wir uns nur zum Essen verabredet hatten. Wir machen ein paar Ausflüge, unternehmen was zusammen - von mir aus auch zu dritt - und lernen uns langsam besser kennen. Dave und ich wissen ja auch noch nicht alles von dir. Und wenn einer von uns mehr wollen sollte oder die Versuchung einfach zu groß wird, dann stellst du entweder gleich ein Stoppschild auf oder sagst uns, wenn wir dir zu weit gehen. Was hältst du davon?"

Alexei überlegte einen Moment. Er ahnte jetzt schon, dass er das Schild sowieso nicht rechtzeitig hochbekommen würde, bevor etwas Anderes weiter unten hoch kam und sein Gehirn mal wieder lahm legte, doch er sah in Nathans Augen, dass dieser sein Angebot ernst meinte und sich wirklich zusammenreißen würde. Also stimmte er schließlich mit einem Kopfnicken zu. "Gut, in Ordnung."

"Wunderbar!" Nathan schnalzte mit der Zunge. "Dann sollten wir keine Zeit vergeuden und gleich damit anfangen." Er schmunzelte unterdrückt, als er Alex' verdutzten Blick sah. "Na, wie wär's: Hast du Lust, nach den Vorlesungen in der Stadt ein Eis essen zu gehen? David muss heute nicht zu seinen Tutorstunden und meine Mutter hat mir ihr Cabrio geliehen. Die Sonne ist herrlich, wenn man ohne Dach fährt, und in der Innenstadt kommt nicht so viel Wind auf."

Alexei hob die Schultern und lächelte. "Klar, warum nicht?" Er grinste frech. "Aber nur, wenn du mich einlädst. Ist schließlich ein Date, und du hast mich gefragt." Nathan lachte. "Okay, einen Eisbecher mehr kann ich mir gerade noch erlauben. Aber dass mir das nicht zur Gewohnheit wird." Alex schüttelte den Kopf. "Das nächste Mal lade ich dich ein." Dann stießen sie sich beide von der Fensterfront ab und schlenderten plaudernd zurück in Richtung Studiensaal.

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Zu 1 - Praktische Übungen während eines Informatikstudiums werden oft ‚Labor' genannt, auch wenn sie natürlich nichts mit Chemieunterricht zu tun haben. Alexei spricht hier von Studienarbeiten, für die man nicht direkt einen Schein ausgestellt bekommt, die aber ebenfalls benotet werden.