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Buttertoast Teil 9 bis 10

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- Taxi? Pizza? Ich versteh nur noch Leberwurst. -
Suika (auf den Versuch, ihr die Grundlagen unendlicher Zahlenfolgen zu erklären *grins*)

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Kapitel IX - Eiscreme und Buchstabensalat

Alexei legte den Kopf schief und zog seine dunklen Augenbrauen in Richtung Nasenrücken. Er pustete sich eine Strähne aus der Stirn, stützte den Kopf in seine linke Hand und lehnte sich auf die Armablage. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er angestrengt in die bunte Karte. Er biss sich auf die Unterlippe, kaute eine Weile geistesabwesend darauf herum - und gab es schließlich mit einem tiefen Seufzer auf.

Seit fünfzehn Minuten versuchte er sich nun schon für einen Eisbecher zu entscheiden, doch so sehr er sich auch bemühte, er schaffte es einfach nicht, eine klare Wahl zu treffen. Alle Abbildungen sahen so unglaublich lecker aus, und je weiter er blätterte, desto mehr Lust bekam er auf den nächsten Becher, den mit Schokolade, den mit Früchten, den mit den gerösteten, kleinen Kaffeebohnen oben drauf... 

Was sollte er nur bestellen? Den Ferrero-Becher mit den berühmten Rocherkugeln, Küsschen und anderen Schokoladenspezialitäten, der Sahne und der großen Waffel? Oder lieber den Tropical-Becher mit Melone, Ananas, Sternfrucht und Kiwi? Oder gar den Coppa Estate mit Orangen, Erdbeeren und karamellisiertem Zucker? 

Er wusste es nicht.

"Haaa..." Alex seufzte wieder und ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken. "Ich kann mich nicht entscheiden..."

David Kincaid grinste lässig. "Was du nicht sagst", meinte er und legte seine Karte beiseite. "Du blätterst ja auch erst eine Viertelstunde zwischen den Seiten hin und her und ziehst ein Gesicht dabei, als müsstest du deine eigene Todesstrafe wählen - wer käme da je auf die Idee, dass dir die Entscheidung vielleicht schwer fallen könnte?"

"Halt die Klappe, ja?", murrte Alexei und warf ihm einen missmutigen Blick zu. "Du hattest deinen Eisbecher ja schon nach einer halben Minute gewählt." 

Nathan Kincaid, der seinem Bruder gegenüber saß, lachte verhalten. "Stimmt", meinte er mit einem Zwinkern in Alex' Richtung. "Aber mach dir keine Sorgen deswegen: Das liegt nur daran, dass er hier immer denselben Becher isst und deshalb gar nicht lange überlegen braucht. Kein Grund zur Panik." David grummelte leise, erwiderte jedoch nichts. Die freundliche Stimmte der Bedienung schnitt ihm das Wort ab. "Und", fragte die junge Frau und zog einen kleinen Block aus der Tasche. "Haben die Herren sich bereits entschieden?"

"Ja", antwortete Nathan und lächelte freundlich. "Ich nehme dieses gelbe Dings mit dem braunen Bums oben drüber." Die Kellnerin starrte ihn verständnislos an. "Er meint einen Bananasplit", übersetzte Dave und zeigte in die Karte. "Ich nehme diesen hier." Die Frau notierte sich beides und wandte sich dann an Alexei. "Und Sie?"

"Öhm... tja... also..."

"Er nimmt den Tropical!", riefen beide Zwillinge wie aus einem Munde und lachten, als sowohl Alexei wie auch die Bedienung sie ob dessen überrascht anstarrten. Einen Moment herrschte verblüfftes Schweigen, auf Alex' Nicken hin notierte die Dame aber auch das und begab sich schließlich auf den Weg zur Theke, um die Bestellung in die Küche zu geben.

Die jungen Männer machten es sich auf ihren Sitzen bequem.

"Ah, ich war schon lange nicht mehr Eis essen", meinte Nathan und setzte einen nostalgischen Gesichtsausdruck auf. "Wie lange ist das her, geliebtes Bruderherz?" David lehnte sich gegen die Bank, auf der er Platz genommen hatte und verzog sein Gesicht. "Etwa eine Woche, würde ich sagen - als du mit Mum die neue Flurgarderobe abgeholt hast."

Nathan wurde ein wenig rot und rieb sich verlegen am Hinterkopf. "Oh, stimmt ja..."

Alexei musste grinsen. "Und mit so einem Gedächtnis gehst du studieren?", feixte er. "Na, du traust dich was." Nathan zuckte seine Schultern und trank einen Schluck von dem Eiscafé, den er bereits vorweg geordert hatte. "Wenn man weiß, wo man abschreiben muss, ist alles möglich." 

"Hört, hört!" Die beiden mussten wieder lachen. Dave hingegen verdrehte nur die Augen. Als ihre Eisbecher kamen, stellte Alexei mit einiger Verwunderung fest, dass der junge Mann mit Abstand den größten der drei bestellt hatte. "Wow", machte er und starrte auf die viele Creme. "Das willst du wirklich alles essen?"

"Jupp." Dave griff über den Tisch hinweg und angelte mit seinem Löffel nach einer Weintraube, die er Alex aus dem Becher klaute. "Fehlen nur noch ein paar Vitamine." 

"He!" Alexei umfasste seinen Eisbecher und schob ihn auf die andere Seite des Tisches. "Das sind meine Früchte, klar?" Er blinzelte, als Nathan die Gelegenheit nutzte, um ihm eine Ananasscheibe zu mopsen. "Okay, geht klar, aber ein paar Probierhäppchen für gute Freunde sind doch noch drin, oder?" Der Braunhaarige schüttelte langsam den Kopf. "Na, ihr seid mir vielleicht ein paar Früchtchen", murmelte er und steckte sich ein Stück Mango in den Mund. "Ihr habt mir nur diesen Eisbecher bestellt, weil ihr selbst Lust auf Obst hattet."

Die beiden Zwillinge machten eine unschuldige Miene. Dann mussten sie jedoch grinsen. Nathan war der Erste, der es zugab. "Wir sind überführt." David nickte zustimmend. "Dafür isst Alexei sein Eis auf unsere Kosten. Ausgleichende Gerechtigkeit." Mit diesen Worten machte er sich über die Riesenportion Schokosoße her, welche bereits am Rand über sein Glas zu laufen drohte.

Alexei seufzte zum wiederholten Male und lächelte schließlich. Den Kincaids konnte er sowieso nicht lange böse sein, also was sollte er sich aufregen? Und Dave hatte ja Recht: Er war heute wirklich eingeladen, und die ungleichen Brüder hatten ihm bereits eine Cola und ein Sandwich für den schnellen Hunger spendiert, sodass in seinem Magen sowieso nicht mehr besonders viel Platz war. Da durften sie sich ruhig an seinem Eisbecher bedienen.

"Was willst du heute Abend machen?", fragte Nathan in diesem Moment und Alexei blickte auf. Er runzelte die Stirn und dachte einen Moment lang nach. "Ich weiß nicht recht", gab er schließlich zurück. "Wir könnten in den Park gehen. Ich habe gehört, dass auf der Freibühne neuerdings öfter eine kleine Rockband spielt. Die soll sehr gut sein."
"Klingt doch toll", entgegnete Nathan und warf einen Blick zu seinem Bruder. "Wie steht's mit dir, Dave: Kommst du mit?"

Der verneinte. "Sorry, aber das geht nicht." Er steckte sich einen Löffel - voll beladen mit Haselnusseiscreme, Schokosplittern und Nussstückchen - in den Mund und machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ich muss mich vorbereiten. Nach all dem Reden habe ich diesen kleinen Quälgeist endlich dazu bekommen, sich mal die Tutorstunden durch den Kopf gehen zu lassen, doch wer weiß, wie lange das anhält. Ich arbeite besser ein bisschen Stoff für ihn auf, sonst bekomme ich wieder vom Professor einen auf den Deckel."

Alexei schaute ihn fast mitleidig an. "Du hast es echt nicht leicht mit dem Knaben." Er streckte sich gähnend und ließ seine Arme sinken. "Ich möchte nur mal wissen, warum er dich nicht leiden kann." David hob die Schultern, und der Braunhaarige wandte sich wieder seinem Eis zu. "Na ja, zu beneiden bist du um diese Aufgabe jedenfalls nicht." 

Nathan grinste belustigt. "Abwarten", meinte er und seine beiden Begleiter blickten ihn fragend an. "Was meinst du mit ‚abwarten'?", hakte Alex nach, als er bemerkte, dass Dave nicht näher forschen würde. "Nichts", war die prompte Antwort. "Ich musste nur an den Spruch denken: Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wurde."

"Soll das heißen, ich komme mit dem Bengel noch auf einen grünen Zweig?" Davids Tonfall ließ deutlich heraushören, dass er persönlich nicht daran glaubte. "Wer weiß?" Sein Bruder steckte dem etwas überraschten Alexei eine große Erdbeere in den Mund. "Du hast schon ganz andere Typen rumgekriegt, warum also nicht auch den kleinen Troublemaker? Und hübsch ist er allemal, das musst du schon zugeben..."

Alexei zuckte zusammen, als Davids Löffel mit einem lauten Klirren auf der Tischplatte landete. "Wie bitte?", rief er und sprang wütend von seinem Platz auf. "Du spinnst wohl?" Er zwang sich zur Beherrschung und setzte sich wieder hin. "Mach dir bloß keine falschen Hoffnungen", knurrte er. "Ich habe null Interesse an dem Zwerg." Nathan zupfte entspannt ein kleines Blättchen von Alex' Sternfrucht. "So?", machte er. "Warum denn nicht?"

"Warum?" Sein Bruder schnaubte abfällig. "Das kann ich dir sagen. Punkt 1: Der Junge ist blond." Er wedelte mit der Hand. "Nicht mein Typ. Punkt 2: Seine freche Art gefällt mir nicht - jedes Mal, wenn wir uns sehen, fangen wir an zu streiten. Punkt 3: Er macht mir ständig Vorwürfe, ohne dass ich weiß, worum es überhaupt gehen soll. Das nervt! Punkt 4: Dieser Typ steckt mir Nadeln in die Jacke! Nicht gerade eine gute Basis, um dicke Kumpels zu werden. Und last but not least: Er ist vor wenigen Wochen erst achtzehn geworden. Ich lasse mich doch nicht auf ein halbes Kind ein!" 

"Na, na..." Nathan winkte ab. "Nun übertreibst du aber..." Alexei sah verdattert von einem zum anderen. "Mann, du kannst dich ja richtig aufregen", staunte er und boxte seinen Sitznachbarn in die Seite, weil dieser sich bereits das Lachen verkneifen musste. "Vielleicht solltest du dich diesem Kim gegenüber auch mal so gehen lassen. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass es ihn ärgert, dich nicht aus der Ruhe bringen zu können."

"Oh, aber er bringt Dave doch aus der Ruhe", erwiderte Nathan und rieb sich seine Rippen. "Nur begreift er das scheinbar nicht." Er zuckte lässig die Achseln. "Er kennt David nicht gut genug, um zu wissen, wann er es geschafft hat. Bei mir hält mein Bruder sich nie so zurück. Ich bekomme immer gleich die volle Packung."

"Jeder, was er verdient hat", murmelte David leise und stand schließlich auf. "Na, whatever. Ich muss los." Er wuschelte Alexei einmal kräftig durch das dunkle Haar und steckte seinem Bruder einen Zehneuroschein zu. "Bezahl für mich mit, okay? Ich hab's ein bisschen eilig. Bis später, ihr Zwei - und viel Spaß im Park!" Dann schob er sich an der Kellnerin vorbei und schlüpfte durch die Eingangstür nach draußen.

Nathan warf ihm einen langen Blick hinterher. "Er ist artig", stellte er fest und Alex nickte langsam. "Ja, das ist er." 

Hörte er da Bedauern in seiner eigenen Stimme? 

- Schon möglich... -, dachte er. Alexei fand es wirklich ein bisschen schade, dass Dave sie so früh verlassen hatte. Es war das erste Mal, dass der junge Mann sich von ihm verabschiedete, ohne ihm sein seltsames Lächeln zuzuwerfen. Hatte er ihn mit seiner ‚Rückschrittsforderung' verletzt? Er hoffte, dass dies nicht der Fall war. Vielleicht hatte seine Idee doch nicht so viele positive Seiten, wie es ihm anfangs vorgekommen war. Doch jetzt blieb ihm keine Wahl mehr - er musste das durchziehen, wohin auch immer es ihn bringen würde.

Er blickte in Nathans freundliches Lächeln und fühlte ein leichtes Kribbeln im Bauch.

- Tja -, schoss es ihm durch den Kopf. - Wohin auch immer es mich bringen wird... -

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David stapfte im Licht der untergehenden Sonne durch die Straßen und wusste im Grunde gar nicht, in welche Richtung er überhaupt lief. Nicht, dass er Angst haben musste, sich hier zu verlaufen. Er achtete nur einfach nicht auf seinen Weg. Er ließ sich von der Masse treiben und folgte dem Strom an Menschen, die noch unterwegs waren, ging dorthin, wo alle hingingen, nur um irgendwann in eine Seitenstraße abzubiegen und sich in einer verlassenen Gasse mit Kopfsteinpflaster wieder zu finden, die er nie zuvor gesehen hatte. Er lehnte sich an eine efeuüberwucherte Hauswand und atmete seufzend aus.

Was war nur los mit ihm? Er verstand überhaupt nicht, weshalb er eben gegangen war. Sicher, er hatte nicht gelogen, als er sagte, sich noch auf die Tutorstunden vorbereiten zu müssen. Doch so eilig, dass er deshalb ihr Treffen platzen lassen musste, wäre es auch nicht gewesen. 

Er fuhr sich durch die Haare und steckte sich ein blaues Kaugummidragee in den Mund. Dann setzte er sich auf eine kleine Bank und dachte nach.

David hatte den Eindruck gehabt, Nathan einen Gefallen zu tun, wenn er das Café verließ. 

Sein Bruder wollte nicht, dass er ging. Das hatte Dave in seinen Augen gesehen, kurz bevor er vom Tisch aus zur Tür geschlendert war. Aber er hatte auch vorher die Zuneigung bemerkt, die aus Nathans Blick sprach, sobald selbiger auf Alexei ruhte, und obwohl er sich sonst nichts daraus machte, wollte er diesmal irgendwie Rücksicht auf ihn nehmen. Es war nicht so, dass er sich dazu verpflichtet fühlte. Er spürte vielmehr das simple ‚Bedürfnis', es zu tun.

Warum, wusste er auch nicht so genau.

David liebte Nathan. Und sein Bruder meinte es ernst mit Alexei. Die Zwillinge waren noch nie Rivalen bei einem Mann gewesen, dem einer von ihnen sein Herz geschenkt hatte, und diese neue Situation gestaltete sich für sie beide schwierig. In ihren bisherigen Beziehungen waren sie immer sehr offen und locker mit dem Partner des anderen umgegangen, manchmal sogar recht intim, aber diesmal gab es da irgendwie einen Unterschied. David war sich einfach noch nicht sicher, ob er Alex ‚mochte' oder schlichtweg Sex von ihm wollte. Dies zu entscheiden hatte er bisher immer aufgeschoben, und er verspürte auch jetzt keine große Lust, sich ernsthaft darüber Gedanken zu machen. Für Nathan allerdings war bereits alles klar, und David hatte plötzlich das Gefühl, sich diesmal zurückziehen zu müssen. Nicht, weil sein Bruder das erwartete, sondern weil es ihn später vielleicht glücklich machen würde.

Weil er Alexei dann für sich allein haben konnte, ohne ihn mit seinem Zwilling teilen zu müssen.

Dave seufzte leise und blickte hinab auf den kleinen Bach, der an dieser Stelle neben der Gasse entlang floss und eine Art natürliche Grenze zu den zahlreichen Gärten bildete, die auf der anderen Seite des Wasserlaufes lagen. 

Vielleicht sollte er sich schlichtweg jemand anderen suchen? Es gab eine ganze Menge hübscher Studenten an ihrer Uni, und die konnten ja nicht alle hetero sein. Einen Moment lang überlegte er, ob er es zur Abwechslung mal mit einer Frau probieren sollte, doch den Gedanken verwarf er sofort wieder. Nein, das war wirklich keine gute Idee. Mit dem weiblichen Geschlecht hatte er schon immer so seine Probleme gehabt, und - ganz davon abgesehen, dass er nicht wusste, worüber er mit ihnen reden sollte - machten Frauen ihn auch so furchtbar nervös.

Dave erhob sich und reckte seine langen Arme über dem Kopf in die Luft, streckte und dehnte sie. Anschließend versenkte er die Hände in den Hosentaschen und trottete gemächlich zurück in Richtung Innenstadt. Er würde einfach abwarten, wie sich die Sache zwischen seinem Bruder und Alexei weiter entwickelte, und später entscheiden, was genau er nun tun wollte. Das schien ihm derzeit die vernünftigste Lösung zu sein.

Er nieste kräftig. 

Er hoffte nur, dass er sich damit nicht selbst ins Knie schoss. Eins stand wenigstens fest: Bei einem Besuch im Eiscafé brauchte David zumindest keine Sorge haben, dass Alex wieder besoffen des Nachts nach Hause torkelte. Immerhin ein Umstand weniger, um den er sich Gedanken machen musste.

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Zwei Tage später.

Kim Degner stand vor dem Haus der Kincaids und wusste nicht so recht, was er mit sich anfangen sollte. Er war zu Fuß gekommen, weil die Familie seines erklärten Erzfeindes nicht weit von seiner eigenen entfernt wohnte, und im Grunde hätte er nur noch klingeln müssen. Doch aus irgendeinem Grund wollte sein Körper sich partout nicht durch das Gartentor bewegen, so sehr er ihn auch zu zwingen versuchte. Alles in ihm weigerte sich, diesen Gang nach Canossa anzutreten und sich damit David Kincaids Forderung zu beugen, endlich einmal bei den Tutorstunden aufzukreuzen.

Er fühlte sich einfach schlecht dabei. Basta.

Kim schüttelte resigniert den Kopf. Dass er sich albern verhielt, war ihm durchaus klar. Trotzdem kam es ihm schon wie eine Niederlage vor, überhaupt hier herumzulungern. Wie ein kleines Paket, das bei einem Versandunternehmen bestellt worden war und welches man nun hier abgestellt hatte, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Es war schlichtweg lächerlich, sich so zu zieren, anstatt endlich zur Haustür zu gehen.

Entschlossen schritt er durch das kleine Holztor und stapfte zielstrebig den Gartenweg hinunter. Hübsch sah es ja aus, das Heim der Kincaids. Ein altes Fachwerkhaus mit Kletterrosen neben dem Eingangsportal und dunklen Rahmen um die weißen Fenster. Etwas nostalgisch angehaucht. Ein bisschen wie aus dem 19. Jahrhundert, obwohl das Gebäude laut Gravur erst 1921 errichtet worden war. Den Krieg hatte es also überstanden. Glück für das Haus.

Kim schmunzelte über diesen Gedanken und stieg die Stufen zur Tür hinauf. Er blickte auf die Klingel und las sich den Namen durch, um nicht aus Versehen bei einer zweiten Familie zu klingeln, doch das Gebäude beherbergte offensichtlich nur David und seine Angehörigen. 

Kim ballte seine Fäuste. Er hatte sich vorgenommen, bei den Tutorstunden sein Bestes zu geben, denn wenn er schon etwas machte, dann wollte er sich auch anstrengen. Der junge Mann sollte nicht denken, er wäre dumm oder faul. Im Gegenteil: Er konnte sehr ehrgeizig sein, und das würde er diesem blöden Kerl auch zeigen! Er musste nur aufpassen, dass er sich wiederum auch nicht zu viel Mühe gab - sonst bildete David Kincaid sich noch ein, er würde sich ihm zuliebe so anstrengen, und das war bei Gott nicht der Fall!

Der Blondschopf wich erschrocken zurück, als in diesem Augenblick die Tür aufging. Verdattert starrte er einen Moment die Klinke an, dann blickte er in die grauen Iriden einer hoch gewachsenen Frau. 

Sie war dermaßen schön, dass es Kim für ein paar Sekunden die Sprache verschlug. Ihr langes Haar hatte die Farbe eines Obsidians, schwarz wie die Nacht, und glänzte seidig im Licht der späten Nachmittagssonne. Ihre Haut war blass und ein bisschen cremefarben, mit einem zarten Hauch von Rot auf den Wangen, und weiche Strähnen fielen ihr in die Stirn. Sie trug ein dunkelblaues Kleid mit leichtem Ausschnitt und einen schmalen Gürtel um die schlanke Taille, an ihrem Handgelenk erkannte er eine schlichte, silberne Uhr. Ihre vollen Lippen hatte sie zum Atmen ein wenig geöffnet, ihre Brust hob und senkte sich gleichmäßig. Überrascht schauten sie sich an.

Die Frau musterte ihn kurz und betrachtete seine noch immer geballten Fäuste, die vor Entschlossenheit zusammengepressten Lippen und seine leicht gerunzelte Stirn. Dann drehte sie sich plötzlich um und trat gleichzeitig einen Schritt zurück, um ihn in den Flur zu lassen.

"David!", rief sie und legte dabei die Hand an ihren Mund. "Ich glaube, da ist jemand an der Tür, der sich mit dir prügeln möchte."

Kim torkelte zur Seite. Sich prügeln?! Wie kam sie denn darauf?

"Was?", hörte er nun auch eine Stimme von oben, kurz gefolgt vom Auftreten ein paar kräftiger Beine, die ihren Besitzer die Treppe ins Erdgeschoss hinunter trugen. "Wer zum Teufel ist so bescheuert und kommt zu uns nach Hause, um sich 'ne Schlägerei mit mir zu liefern?" Der junge Mann stutzte, als er seinen neuen ‚Schützling' erkannte. Dann schlug er sich die flache Hand vor die Stirn.

"Aber Mum...", meinte er und warf der Frau einen genervten Blick zu. "Das ist der Student, von dem ich dir erzählt habe - der Junge, für den ich den Tutor machen soll." Er seufzte. "Kim ist doch kein Street Fighter. Sehen die Bücher unter seinem Arm etwa so aus, als wolle er mich damit niederstrecken?" Die Frau legte ihren Kopf schief. "Hmm", machte sie. "Aber er wirkte so entschlossen. Ich dachte wirklich, er wäre gekommen, um dir deine Lichter auszublasen."

Kim musste sich das Lachen verkneifen bei ihrem ernsten Tonfall, und David raufte sich die Haare. "Ja, ja, schon gut", murrte er. Ganz Unrecht hatte sie ja auch nicht - immerhin war es zumindest schon einmal zu dem Versuch gekommen, ihm einen Denkzettel zu verpassen, und er war sich nicht sicher, ob Kim die nächst beste Gelegenheit nicht dankend annehmen würde, diesen missglückten Anlauf noch einmal zu wiederholen. Er griff nach der Hand der Frau und schob sie in Richtung Wohnzimmer.

"Du hast immer noch Fieber", stellte er fest. "Du solltest dich besser ein wenig ausruhen. Ich mache dir einen Tee. Kim und ich gehen hoch in Dads Arbeitszimmer, okay? Dann hast du hier unten deine Ruhe." Seine Mutter lächelte warm. "Was immer du sagst, mein Schatz." Sie küsste ihn auf die Wange und verschwand hinter einer Tür. David und Kim bleiben allein im Flur zurück.

Dave schaute den Blonden warnend an. "Ein einziger Kommentar zu dem verdammten Knutscher eben und du wirst es bereuen..." Kim nickte langsam. Dennoch bemühte er sich nicht im Geringsten, sein breites Grinsen zu unterdrücken. Was für eine interessante neue Seite, die er da an dem Dunkelhaarigen entdeckt hatte. Bei seiner Mutter war er offenbar handzahm. Wie drollig!

David seufzte leise und fuhr sich durch das schwarze Haar. "Du musst gar nichts sagen", stöhnte er. "Ich kann deine Gedanken von deinem belustigten Gesichtsausdruck ablesen." Er sah ihm in die Augen. "Am besten, du gehst schon mal nach oben." Er deutete die Treppe hinauf und zeigte anschließend nach links. "Es ist das erste Zimmer gleich gegenüber. Meine Mutter ist krank. Ich muss mich zwischendurch mal um sie kümmern, okay?" Kim nickte wieder und schielte hinüber zu der Tür, hinter der die Frau verschwunden war. Er hörte leise Geräusche aus dem Raum, wie das Summen von Musik. Wahrscheinlich hatte sie sich zur Entspannung eine CD eingelegt. 

"Mein Bruder ist nicht da und mein Vater hat noch ein paar Wege zu erledigen. Er kommt erst spät zurück. Wenn du noch irgendetwas brauchst, kannst du dir Stifte und ähnliches von seinem Schreibtisch nehmen, ansonsten frag mich einfach." Mit diesen Worten drehte er sich um und bog in die Küche. 

Kim blickte ihm einen Moment lang nach. Erstaunlich: Es war nicht ganz so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hatte, aber jetzt war immerhin im Haus. Und er fühlte sich nicht mehr halb so angespannt wie vor dem Gartentor. Diese kleine Szene hatte ihn angenehm gelockert. Vielleicht war es ja doch gar nicht so schlimm, hin und wieder zu den Tutorstunden zu kommen? Im Moment fand er David Kincaid jedenfalls überraschend umgänglich. Er hatte sogar mehr als vier Sätze geredet. Wow... Kim verzog die Mundwinkel. In der Uni sprach er nie besonders viel. Schien mehr der ruhige Typ zu sein. Na ja, ihm war es im Grunde egal.

Er stieg die Stufen in den ersten Stock hinauf und ging quer über den Flur, um das Arbeitszimmer von Herrn Kincaid zu betreten. Alles wirkte sauber und aufgeräumt, und die Inneneinrichtung ließ dem Blondschopf sofort das Bild eines typischen Bürohengstes in den Kopf schießen. Sein eigener Vater machte hier keine Ausnahme, obwohl er zu häufig auf Geschäftsreise war, als dass man ihn ‚Büro'-Hengst nennen konnte. Trotzdem passten der große Lederstuhl, der neue Labtop und der ordentlich aufgeräumte Schreibtisch perfekt zu einem Angestellten.

Kim zog sich einen zweiten Stuhl heran und nahm darauf Platz. Er hörte, wie in der Küche das Teewasser pfiff und musste plötzlich an Davids besorgten Unterton denken, als er seine Mutter gebeten hatte, sich ein bisschen auszuruhen. Wenn es um seine eigene Familie ging, schien der junge Mann sehr fürsorglich zu sein. Ein Stich in der Brust jagte dem Blonden einen kurzen Schauer über den Rücken. Nur bei den Familien anderer kannte er solche Sorge scheinbar nicht...

Kim kniff die Augen zusammen und wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht herum, als könne er seine negativen Gedanken dadurch vertreiben. Er durfte sich nicht auf seine Abneigung konzentrieren, wenn er hier war, um zu lernen. Das würde ihn nur unnötig ablenken. Er hatte sich vorgenommen, so schnell wie möglich den versäumten Stoff nachzuholen, um David Kincaid wieder aus seiner Freizeit zu verbannen, und es war sicher nicht hilfreich, bei seinen Besuchen Überlegungen wie diese anzustellen.

Deshalb bemühte er sich, über etwas Anderes zu grübeln, solange er allein auf seinen Tutor warten musste. 

Davids Haare waren nass gewesen. Offenbar hatte er gerade erst geduscht. Bei genauerer Betrachtung schien er sehr nach seiner Mutter zu kommen. Dieselbe Haarfarbe, dieselben Augen - beide waren schlank. Kim fragte sich, wie wohl sein Vater aussehen mochte. Ob er auch so ein dunkler, südländischer Typ war? Er entdeckte ein Foto auf einem der Regale und nahm es in die Hand.

In dergleichen Sekunde klappte ihm die Kinnlade herunter.

Herr Kincaid sah aus wie ein Vollidiot! Das Bild zeigte ihn zusammen mit seiner Frau, dieser wunderschönen, wunderbar sanft lächelnden Person mit den blutroten Lippen und den zartrosa Wangen, und es stellte ihn dar als einen kleinen, ziemlich rundlichen Mann mit wenig Haaren auf dem Kopf, dafür vielen Locken auf der Brust und einer dicken, schwarzen Hornbrille, die so groß war, dass sie ihm fast von der Nase rutschte. Seine Haarfarbe war irgendetwas Undefinierbares zwischen rotbraun und straßenköterblond, und durch die Gläser wirkten seine Augen riesig. Kim vermutete, dass er weitsichtig war, falls man bei einer solchen Brille überhaupt noch vom Sehen sprechen konnte, und sein Kleidergeschmack erinnerte stark an den Stil der zwanziger Jahre. Extrem altmodisch.

Kim war regelrecht geschockt. Wie konnte ein solcher Mann nur einen so - zugegeben missratenen, aber nichtsdestotrotz - gut aussehenden Sohn zeugen? Seine Frau musste sich irgendwo befruchten lassen haben, denn egal, wie er es auch drehte und wendete, Kim konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass dies hier Davids Vater sein sollte. Allein die Idee schien schon absurd!

Das Foto rutschte ihm aus den Fingern, als er hinter sich die Tür klappen hörte. Hastig und verlegen hob er es auf, während David Kincaid den Raum betrat. Der sah ihn einen Moment lang fragend an. Dann grinste er unerwartet.

"Ah", machte er. "Hast du das Bild gesehen? Krass, oder?" Kim nickte sofort, schüttelte dann jedoch errötend den Kopf, da er nicht so unhöflich hatte sein wollen. Dave schmunzelte und nahm ihm die Fotographie aus der Hand. "Mein Bruder und ich kommen total nach meiner Mutter. Ich weiß, mein Vater sieht nicht gerade wie Adonis aus, aber er ist sehr liebevoll und er vergöttert seine Frau. Ich schätze, das hat ihr damals gefallen." Er stellte das Bild zurück an seinen Platz und bot Kim eine Tasse Tee an. "Möchtest du? Rhabarber-Vanille..."

Kim nickte wieder. "Danke. Es..." Er schluckte. "Es tut mir leid. Ich wollte nicht stöbern." Irgendwie schämte er sich.

David blickte auf. Er goss ihnen beiden etwas von dem heißen Getränk ein und stellte die kleine Kanne ab. "Schon gut. Mach dir keine Sorgen." Schließlich reichte er seinem Gegenüber eine Tasse. "Ich kann damit umgehen. Als Kind mussten wir uns oft Sprüche anhören, aber jetzt ist es okay." Er betrachtete das Foto und lächelte zu Kims Überraschung plötzlich traurig.

"Als ich in die Schule kam, gab es da ein Mädchen, das ich ziemlich gern hatte. Wir kannten uns schon aus dem Kindergarten und ich wollte sie gern beeindrucken. Deshalb nahm ich sie mit zu uns nach Hause. Sie liebte Blumen und ich dachte, ich könnte ihr mit dem Garten meiner Mutter eine Freude machen. Als es Abend wurde, kam mein Vater nach Hause und sie sah ihn von der Terrasse aus zur Tür gehen. Sie starrte ihn an, drehte sich zu mir um und sagte: ‚David, dein Papi ist ja ein Freak.' Das werde ich nie vergessen."

Kim sah ihn verblüfft an. Dave berührte das Foto sanft mit den Fingerspitzen, und etwas Bedauerndes lag in seiner Stimme, als er weiter sprach. "Ich wette, sie wusste nicht einmal, was das überhaupt hieß, doch in dem Augenblick habe ich mich fürchterlich für meinen Vater geschämt. Ich fühlte mich entehrt und war wütend und bin tagelang nicht zur Schule gegangen. Als meine Mutter nicht mehr weiter wusste, schickte sie ihren Mann zu mir nach oben."

Er legte eine kurze Pause ein und schwieg. Kim wollte auch den Rest der Geschichte hören, doch er traute sich nicht, den Anderen zu bedrängen. Die Erinnerung schien irgendwie... schmerzhaft zu sein. Es ließ ihn selbst einen Klos ihm Hals spüren.

"Ich kann mich noch genau daran erinnern", murmelte David schließlich. Sein Blick war nachdenklich. "Mein Vater setzte sich zu mir ans Bett und legte mir die Hand auf den Kopf. ‚Hey, Tiger, was ist los?', fragte er. ‚Fühlst du dich nicht wohl in deinem Pelz?' Und dann ist es einfach aus mir herausgeplatzt. Ich schrie ihn an, dass ich einen so hässlichen Vater nicht mehr wolle, dass sich alle über mich lustig machen würden und dass das allein seine Schuld wäre."

Er setzte sich auf den Stuhl und lächelte. Dann trank er einen großen Schluck von seinem Tee.

"Ja... und weiter?", fragte Kim, da Dave mit seiner Erzählung abgeschlossen zu haben schien. "Nun, was glaubst du wohl?", startete dieser die Gegenfrage und schaute ihn aufmerksam an.

"Na, er wird dich bestimmt übers Knie gelegt haben und dir ordentlich den Hintern versohlt."

"Falsch." David stellte seine Tasse ab. "Er hat sich entschuldigt."

Kim starrte ihn ungläubig an. "Er hat was?"

Der Dunkelhaarige nickte. "Ja, er hat mich in den Arm genommen und mir gesagt, wie sehr es ihm Leid täte, dass ich einen so scheußlichen Vater hätte. Er wüsste ja selbst, dass seine Frau und seine Kinder ein Geschenk Gottes wären und dass er nichts mit ihnen gemein hätte, aber er würde uns nun mal über alles lieben und er könne nichts daran ändern, selbst, wenn er es versuchen würde. Und am allerwenigsten wolle er uns verlieren - weshalb er meine Mutter damals auch um ihre Hand angehalten hat. Obwohl ihm klar war, dass er nie an sie heranreichen würde. Tja, und meine Mutter hat tatsächlich ja gesagt; zu einem kleinen Mann, der weder besonders hübsch noch ausnehmend intelligent war."

Dave lehnte sich nach hinten und streckte seine Beine. "Du kannst dir vorstellen, wie ich mich nach dieser Eröffnung gefühlt habe. Ich kam mir vor wie der letzte Idiot. Es war mir immer egal gewesen, wie mein Vater aussah. Ich liebte ihn. Und nur weil irgendeine kleine Ziege ihn für einen Freak hielt, begann ich, an diesem wunderbaren Menschen zu zweifeln. Noch heute könnte ich mich selbst dafür ohrfeigen." Er hob seine Schultern. "Na ja, das hat dann meine Mutter übernommen. Sie konnte unten in der Küche alles mit anhören und hat mir ordentlich einen verplättet - dafür, dass ich meinem Vater so wehgetan habe. Mann, das war das einzige Mal, dass ich schon während der Prügel das Gefühl hatte, es so richtig verdient zu haben."

Er griff in ein Regal und holte ein paar Bücher daraus hervor. "Aber egal, das ist schon ewig her. Also - womit willst du anfangen? Biologie? Oder chemische Prozesse?" Er stutze, als er Kims Blick bemerkte. "Huh? Was ist?"

Kim hockte neben ihm auf dem Stuhl und starrte ihn verwundert an. Er konnte es nicht fassen, aber er begann doch tatsächlich allmählich, David Kincaid nett zu finden! "Warum... hast du mir das erzählt?", fragte er leise und seine Stimme fühlte sich rau an.

Sein Tutor überlegte eine Weile. "Hm", machte er dann. "Ich schätze, weil ich das Gefühl hatte, dass du mich verstehen würdest."

Kim schluckte. Oh ja, das tat er. Er verstand ihn sogar sehr gut. Er selbst hatte eben noch gedacht, was für ein unattraktiver Mann Davids Vater war, und jetzt schämte er sich entsetzlich dafür. Wieso nur ließen sich Menschen so leicht dazu hinreißen, andere nach ihrem Aussehen zu beurteilen?

"Es tut mir leid", wiederholte er sich und starrte auf seine Knie. "Du hast genau gewusst, was ich beim Anblick dieses Fotos gedacht habe, oder?"

"Jupp." Dave beugte sich zu ihm vor. "Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass es dich so mitnehmen würde, diese kleine Geschichte zu hören. Ich wollte dich nicht traurig machen - nur mit jemandem darüber reden. Entschuldige, bitte."

Kim schaute verblüfft zu ihm auf. Hatte er da eben eine Entschuldigung aus David Kincaids Mund gehört? Das wäre ja mal etwas völlig Neues! "Hast du noch niemandem sonst davon erzählt?", fragte er ungläubig. Dave schüttelte den Kopf. "Nein, eigentlich nicht." Er kratzte sich am Kinn. "Wenn ich so darüber nachdenke, weiß glaube ich nicht einmal mein Bruder von der Sache - und dem erzähle ich sonst alles."

Irgendetwas in seinem Unterton ließ dem Blonden plötzlich das Blut in den Kopf schießen. Ob er ihm auch erzählt hatte, dass er ihn auf seine Weise gut aussehend fand? Das war zumindest das, was er in der Universität zu ihm gesagt hatte. 

Als er das erste Mal irgendwie sympathisch zu ihm gewesen war...

Kim zuckte zusammen, als ein kalter Wassertropfen auf seine Stirn fiel. Er hob den Blick und starrte direkt in Daves klare, graue Augen, und er stieß ein erschrockenes Keuchen aus, da er nicht damit gerechnet hatte, nur wenige Zentimeter vom Gesicht des Anderen entfernt zu sein.

"Du denkst etwas Schmutziges", stellte dieser trocken fest und schnippte mit den Fingern gegen Kims Stirn. "Das steht dir ins Gesicht geschrieben." Er richtete sich auf. "Du bist wirklich ein kleiner Troublemaker."

"Was?" Kims Röte vertiefte sich noch vor Wut. "Erstens bin ich nicht klein!", rief er. "Und zweitens geht es dich gar nichts an, was ich denke! Ich bin nicht so pervers wie du - wenn ich rot werde, hat das andere Gründe!" David grinste lässig und nickte langsam. "Aye", antwortete er. "Das sehe ich. Du hast dich wie immer über mich geärgert." Er klappte die Seiten des Buches auseinander. "Gut, dann können wir ja anfangen. Hast du deine Unterlagen dabei?"

Kim nickte verstört und reichte David die Notizen. Der nahm sie entgegen und prüfte die hastigen Aufzeichnungen. "Nicht schlecht", meinte er. "Du schreibst sorgfältig alles mit, was in der Prüfung gefragt werden könnte. Das ist eine gute Basis. Ich denke, wir werden nicht lange brauchen, um dir den Stoff des letzten Semesters beizubringen."

Kim klimperte mit den Wimpern. Sein Zorn war plötzlich wie verraucht. Was hatte dieser Typ nur an sich, dass er es immer wieder schaffte, ihn so aus dem Konzept zu bringen? David hatte ihn nur gereizt, damit er sich entspannte. Offenbar sah er ihn lieber wütend als traurig, doch warum? Weshalb sollte er etwas darauf geben, wenn ihn doch sonst kaum etwas kümmerte? 

Kim konnte machen, was er wollte: Je länger er sich mit dem jungen Mann beschäftigte, desto weniger verstand er ihn. Und auf einmal begann diese Tatsache, ihm etwas auszumachen.

~~o0@0o~~

- brötchen: Musst du eigentlich auf jede Frage mit einer Gegenfrage antworten?
Lavande: Tue ich das? -

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Kapitel X - Two weeks full of you

Montag, 1. Woche

Nach dem auf die Tutorstunde folgenden Wochenende war zwischen Kim und David wieder alles wie gehabt: Der Blondschopf versuchte, seinen ‚Erzfeind' durch irgendwelchen Unfug zu reizen, und dieser wiederum reizte Kim damit, dass er ihn schlichtweg ignorierte. Was auch immer der Junge anstellte, es schien nie genug zu sein, um den Studenten aus der Haut fahren zu lassen. Zwar bekam er mal einen missbilligenden Blick oder ein leicht genervtes Schulterzucken. Aber zu einem echten Wutausbruch reichte es leider nicht.

Verärgert über diese Tatsache stapfte Kim in der Mittagspause über die Rasenflächen des Universitätsgeländes. Es musste doch einen Weg geben, wie er David Kincaid die Laune verderben konnte? Selbst ein Eisklotz schmolz unter ständiger Hitzebestrahlung, also brauchte es auch bei dem jungen Studenten wahrscheinlich nur den richtigen Auslöser. 

Doch wie sollte er den finden? Er hatte keine Ahnung.

Kim seufzte resigniert. Vermutlich war er einfach nicht richtig bei der Sache. Seit sein Tutor ihm diese kleine Geschichte von sich und seinem Vater erzählt hatte, war das Bedürfnis, ihm eins auszuwischen, zwar nicht gänzlich verschwunden, aber doch merklich geringer geworden. Obwohl die Story Kim nicht unbedingt zu Tränen gerührt hatte, war sie immerhin Anstoß genug gewesen, noch einmal über sein Bild von David nachzudenken, und das passte ihm nicht. Er fing an, positive Seiten an dem Typen zu sehen, und einen Moment lang war er ihm sogar sympathisch gewesen - das durfte sich auf keinen Fall noch einmal wiederholen!

Er hob seine Hand über die Augen und blickte hinauf in den strahlendblauen Himmel. Keine einzige Wolke war zu sehen. Nur ein warmer Wind strich über seine leicht gebräunte Haut. Der Sommer hatte Einzug gehalten, und die Luft flirrte über den Dächern der Stadt. Die Temperaturen ließen inzwischen kaum noch etwas Anderes als T-Shirts oder Tops zu, und obwohl Kim nur ein kurzärmliges Hemd trug, welches er zudem bis zu den Schlüsselbeinknochen aufgeknöpft hatte, war ihm fürchterlich heiß. 

Durst brannte in seiner Kehle, und seine Hose schien ihm heute unangenehm eng an den Beinen zu kleben. Da die Universität auch Sportkurse anbot, hatte man irgendwo auf dem Gelände ein Becken mit mehreren Wasserhähnen errichtet, wo die Trainierenden sich erfrischen konnten. Kim wusste nur nicht genau, an welcher Stelle. Er blickte sich suchend um und entschied sich schließlich dazu, es einfach mal auf gut Glück in der Nähe des D-Traktes zu versuchen, da sich dort zumindest einige Gerätehallen befanden.

Sein Magen knurrte, als er losging, doch er verspürte keine große Lust, etwas zu essen. Für feste Nahrung war es viel zu warm. Eine ganze Weile lang lief er ziellos um die ausgedehnten Komplexe herum. Schlussendlich fand er die Wasserhähne zwischen den Gebäuden E und B, die relativ nahe beieinander gebaut worden waren. Während er sich über das steinerne Becken beugte, verfluchte er sich selbst für seine mangelnde Fitness. Er fühlte sich, als hätte er soeben einen halben Marathon zurückgelegt, dabei war er lediglich über den Hof gestapft. Grässlich, in was für einer armseligen Verfassung er sich befand. Er musste dringend mal was für seine Ausdauer tun!

Kim drehte den Hahn auf und ließ das kalte, klare Wasser in seine Mundhöhle laufen. Beinahe schon gierig und mit großen Schlucken trank er fast anderthalb Minuten in einem Zug durch. Dann richtete er sich auf und genoss das Gefühl, wie die kühle Flüssigkeit sich ihren Weg seinen Hals hinunter bis zum Magen suchte. Sofort spürte er die Erfrischung. 

"Ah, das tat gut."

Sein Körper begann sich zu erholen. Ein weiteres Mal beugte er sich über das Becken und warf sich ein paar Schank von dem kalten Wasser ins Gesicht. Dabei hatte er allerdings nicht bedacht, dass noch jemand neben ihm stehen könnte, und als er das erschrockene "Woah!" hörte, war es bereits zu spät.

"Oops, tut mir Leid!" Kim hob den Kopf und blinzelte gegen die Sonnenstrahlen, doch aufgrund des Lichtes und der Wassertropfen in seinen Augen konnte er kaum etwas erkennen. Er sah nur einen großen, dunklen Schatten. "Hab ich dich erwischt? Sorry, war keine Absicht. Au!" Im nächsten Moment wurde er an seinem eigenen Ohr nach unten gezogen.

"So, und du meinst, das reicht, ja?" Die vertraute Stimme jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Er schielte nach oben.

"David!" 

Der junge Mann blickte ärgerlich auf ihn herab. Zu Kims Schrecken musste dieser feststellen, dass das Shirt des Anderen total durchnässt war. Wasser tropfe aus einigen seiner Haarsträhnen, der Rest lief ihm in kleinen Rinnsalen über das Gesicht. Eine feine, glänzende Spur zierte seinen Hals... 

Dave schnaubte verächtlich. "Wenn das verfluchte Wasser schon über dich hinweg fliegt, weil du so klein bist, dann stell dich vorher auf einen Hocker oder so was! Guck dir das an!" Er deutete auf seine Sachen. "Dank dir sehe ich jetzt aus wie eine Fledermaus nach dem Monsunregen!" 

"Ey!" Kim löste sein Ohr aus Davids Hand und funkelte ihn zornig an. "Ich hab doch gesagt, dass es mir Leid tut! Und ich bin nicht klein, verdammt!" 
"Dafür aber ‚verdammt' ungeschickt", kam die prompte Erwiderung, und Kim hätte schon wieder schreien mögen vor Wut. "Hallo?" Er wedelte mit der Hand vor Daves Nase herum. "Du erkennst wohl eine Entschuldigung nicht, wenn du sie hörst?"

David hob die Schultern. "Ein ‚Oops, sorry' gilt bei mir eben nicht als vernünftige Entschuldigung." Er grinste unterdrückt und lehnte sich gegen das Erfrischungsbecken. Sein eigener Ärger schien bereits wieder verflogen zu sein, und er beobachtete mit wachsendem Amüsement, wie das kühle Nass aus Kims Gesicht allmählich dessen Hemd durchzuweichen begann. Der Blondschopf knurrte leise. Er hatte Mühe, seine Beherrschung aufrecht zu erhalten.

"Fein", meinte er schließlich schlicht. "Wenn wir das jetzt geklärt haben, kannst du ja wieder gehen."

Sein Gegenüber nickte langsam. "Aye, das könnte ich tun", murmelte er und rieb sich dabei gedankenverloren das Kinn. "Nur ‚könnte'?", hakte Kim misstrauisch nach. "Was lässt dich denn noch zögern? Wartest du auf eine Verbeugung von mir?" Dave lachte kaum hörbar. "Das wäre doch mal was Anderes", scherzte er und schüttelte dann den Kopf. "Aber: Nein, das war es eigentlich nicht, was ich wollte. Ich hatte überlegt, ob ich dir etwas sagen soll."

Kim straffte seine Schultern. Bekam er jetzt eine Standpauke für all die Streiche, die er dem jungen Mann gespielt hatte? Er würde sich nicht davor drücken. Wenn David eine Rechtfertigung verlangte, bekam er vielleicht endlich eine gute Gelegenheit, diesem Typen die ganze Geschichte mit seinem Bruder um die Ohren zu knallen. Geschehe ihm ganz recht!

"N-na los", forderte er deshalb und stockte dabei gegen seinen Willen. "Wenn du was zu sagen hast, dann raus damit!"

David machte eine ernste Miene und richtete sich wieder auf. Kim atmete hörbar ein, als er einen Schritt nach vorne trat und genau vor ihm zum Stehen kam. Der Blonde musste seinen Kopf heben, um ihn überhaupt noch richtig ansehen zu können, und er schluckte hart, als seine Augen den klaren, undeutbaren Blick seines Gegenübers trafen. 

"Hey..." David hob die Hand und berührte sanft damit eine Wange des Blonden. Ihre Gesichter waren sich so nahe, dass Kim seinen warmen Atem auf der Haut spüren konnte. "W-was?"

Die Stimme des Dunkelhaarigen wirkte rauchig und tief. "Du hättest kein weißes Hemd anziehen sollen..."

Kim blinzelte verwirrt. "Huh?" Er zuckte erschrocken zusammen, als Dave gegen seinen Oberkörper schnippte. 

"Man kann deine Brustwarzen sehen."

Mit diesen Worten drehte er sich um und schlenderte davon. Kim sah ihm fassungslos und mit hochrotem Kopf hinterher. "Du... du..." Wütend trat er gegen das Wasserbecken. "Das hat wehgetan, du Arsch!!" Er verschränkte seine Arme vor der Brust und amtete keuchend ein. Sein Gesicht glühte wie eine ganze Heizkesselfabrik. Er hatte sich bis auf die Knochen blamiert!

Sein Körper fing an zu zittern. "Du blödes Ekelpaket!", schrie er quer über das Universitätsgelände. "Ich HASSE dich!!" Dann machte er auf dem Absatz kehrt und rannte in Richtung Parkplatz. Den ersten Tag dieser Woche konnte er gefühlsmäßig abhaken. 

Niederlage Nummer Eins - in einer Woche voller Demütigungen.

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Mittwoch, 1. Woche

Kim trottete im Schneckentempo den Gang zur Mensa hinunter und starrte dabei zahllose Löcher in die Luft. Eine Gruppe von Mädchen kicherte verhalten, während er langsam an ihnen vorüberging, und schließlich liefen sie lachend davon, doch der Blondschopf beachtete sie gar nicht, denn er war mit seinen Gedanken im Augenblick völlig woanders.

Auch heute noch hatte Kim das Gefühl, jeder könne praktisch alles von ihm sehen, und das, obwohl er sich extra ein marinefarbenes Polohemd und sogar eine lange Hose übergeworfen hatte. Er schwitzte wie ein Tier, doch er traute sich nicht, sich umzuziehen. Irgendwie schienen ihn einfach alle Studenten hier anzustarren, und diese Vorstellung behagte ihm ganz und gar nicht. Es half ihm auch nicht gerade dabei, über seine noch immer anhaltende Scham hinwegzukommen, sich zu Beginn der Woche vor diesem Mistkerl derart lächerlich gemacht zu haben. Eher im Gegenteil: Allmählich kam er sich vor wie der letzte Trottel.

Kim seufzte tief und blieb schließlich stehen. Warum nur war immer er derjenige, der zum Schluss so ausflippte, und nicht David Kincaid? Er kannte die Antwort, doch er gab nur ungern zu, dass der Mann sich schlichtweg besser unter Kontrolle hatte als er selbst. 

Kim war mit einem hitzigen Temperament gesegnet worden - jeder, der länger mit ihm zu tun hatte, wusste das. Auch seinem Erzfeind war diese Tatsache sicher nicht verborgen geblieben. Und inzwischen machte er sich einen Spaß daraus, Kim ins eigene Messer laufen zu lassen. Wieso auch nicht? Unter den herrschenden Umständen war es nur allzu leicht, das zu tun. Warum bloß konnte er sich nicht mal zügeln? Er war
wirklich ein Dummkopf.

Kim ballte seine Fäuste, als er den Grund für sein Delirium im nächsten Moment aus der Mensa kommen und geradewegs zu den Getränkeautomaten schlendern sah. Schon beim Anblick der sehnigen Hände, welche geschickt ein paar kleine Münzen aus der Geldbörse holten, kochte in ihm die Wut hoch. Was fiel diesem Typen eigentlich ein, ihm mit seinen Fingerkuppen gegen die Brustwarzen zu schnippen?
Das war sexuelle Belästigung! 

Abschaum... Perverser! Sittenstrolch!

Dave steckte ein paar Centstücke in den Automatenschlitz und drückte eine Nummer. Das Gerät begann zu rütteln und zu summen, dann rumpelte es kräftig und warf eine große, weiße Getränkepackung aus. David hob sie auf und schob den dünnen Strohhalm durch die dafür vorgesehene Öffnung. Dann ließ er das Plastiktütchen in den Mülleimer fallen und machte sich auf den Weg zum nächsten Studienraum.

Kim zog seine hellen Brauen hoch. Er blickte kurz nach links und rechts, anschließend lief er einige Meter weit den Gang hinunter und nahm das schwarze Stück Leder in die Hand, welches vor ihm auf dem Boden lag. Er drehte es ein paar Mal auf die Seite und betrachtete es zögernd. 

"David!"

Der junge Mann blieb stehen, als er hinter sich eilige Schritte hörte. Er staunte nicht schlecht, niemand anderen als Kim Degner höchst persönlich auf sich zukommen zu sehen. 

"Was ist los?", fragte er. "Willst du mir für Montag eine runterhauen?"

Kim errötete leicht. "Erinnere mich bloß nicht daran, okay? Hier." Grummelnd drückte er ihm das Portemonnaie an die Rippen. "Das hast du verloren."

Dave schaute ihm verwundert ins Gesicht. Etwas irritiert sackte er von dem Blondschopf die schmale Geldbörse ein, welche zweifellos seine eigene war. Er legte seinen Kopf schief. "Danke", sagte er schlicht. "Aber warum gibst du mir die wieder?" 

"Spinnst du?", schnappte Kim und kreuzte seine Arme vor der Brust. "Es ist immerhin dein Eigentum. Meinst du vielleicht, ich wolle dich beklauen?" 
"Nein", antwortete Dave. "Aber du hättest sie mir auch erst in einer Woche bringen können - wenn ich den ganzen Ärger mit der Beantragung neuer Ausweise und Karten schon hinter mir gehabt hätte."

Kim zuckte zusammen. Sein ganzer Körper schien auf einmal zu versteinern. Verdammt, er hatte Recht! Wieso war er da nicht selbst drauf gekommen? Er hatte sich gerade die einmalige Gelegenheit durch die Lappen gehen lassen, David Kincaid richtig viel Ärger mit Banken und Behörden zu machen!

- Argh! - Er raufte sich die Haare. - Ich bin ein Idiot... -

David schüttelte missbilligend den Kopf. "Degnerlein, Degnerlein...", sagte er langsam und steckte sein Portemonnaie in die Tasche. "Du bist wirklich hirnlos." Kim platzte fast der Kragen. "Was heißt hier ‚hirnlos'?", zischte er. "Immerhin hab ich es diesmal gut mit dir gemeint und wollte dich keineswegs noch damit unterhalten!"

Dave schnaubte verächtlich. "Siehst du mich vielleicht lachen?" Er verschränkte seine Arme hinter dem Nacken. "Du tust mir eher Leid, weil du mit der rosa Masse in deinem Schädel offenbar nichts anzufangen weißt." Er warf ihm einen abschätzenden Seitenblick zu. "Dir ist aufgefallen, dass ich meine Geldbörse verloren habe und dann bist du sofort hinter mir her gerannt, um sie mir zurückzugeben, nicht wahr? Wie ein Hund." 

Der Blonde nickte widerwillig. Er konnte nur noch schwer den Impuls unterdrücken, sein Gegenüber auf der Stelle zu erwürgen. Da verhielt er sich ein Mal nett bei ihm und musste gleich derart dafür bluten - das würde er sich merken!

David zuckte leicht die Achseln. "Aber egal, immerhin hast du mir ja wirklich einen Gefallen getan." Er seufzte leise und reichte Kim die Hand. Sein Lächeln dabei war ehrlich. "Also ich danke dir, dass du mir das Portemonnaie gleich wiedergebracht hast. Da ist nämlich auch das Geld von einer Bekannten drin, die mir gestern etwas geliehen hat. Es wäre ziemlich peinlich gewesen, wenn ich es ihr nachher nicht hätte zurückzahlen können. Mit anderen Worten: Du rettest meinen Tag." 

Da Kim ihn nur aus großen Augen anstarrte, klopfte er dem verwirrten Jungen einfach auf die Schulter. Scheinbar hatte er ihm abermals den Wind aus den Segeln genommen. Er wusste nicht, warum, doch das fing irgendwie an, ihm Spaß zu bereiten.

Plötzlich runzelte er seine Stirn. "Sag mal... Machst du einen biologischen Selbstversuch oder willst du jemandem beweisen, dass man sich nicht alleine grillen kann - auch dann nicht, wenn man an einem brütend heißen Tag wie diesem so dunkle Kleidung trägt wie du?"

Kim erstarrte. "Wa...? Das ist alles deine Schuld!", rief er und spürte, wie er wieder rot wurde vor Verlegenheit. "Hättest du mich neulich nicht so blamiert, müsste ich mich heute nicht derart einwickeln!"

"Ich dich blamiert?", antwortete David ungerührt. "Das hast du schon ganz gut selbst hinbekommen. Ich wollte dich lediglich darauf hinweisen, dass man deine Brustwarzen durch den Stoff sehen konnte und dir die Blöße damit sogar ersparen. Aber du musst ja gleich wie ein dressiertes Zirkusäffchen auf und ab springen und durch die ganze Stadt brüllen: ‚Du ekliger Kerl, ich hasse dich!'" Er stemmte einen Arm in seine Hüfte. "Als hätte ich dich gerade abblitzen lassen."

Kim biss sich auf die Unterlippe. Er wusste, dass er sowieso nicht treffen würde. Dennoch hätte er in diesem Moment am liebsten ausgeholt und seinem Gegenüber doch eine verpasst. Er knirschte mit den Zähnen. "Ich sagte ‚Du blödes Ekelpaket' und nicht ‚Du ekliger Kerl'." Dave hob teilnahmslos die Schultern. "Whatever", meinte er und trank einen Schluck von seiner Milch. "Jedenfalls war das für mich genauso peinlich wie für dich."

- Das wage ich zu bezweifeln - dachte Kim, behielt diese Überlegung allerdings wohlweißlich für sich. Er seufzte entnervt. "Also schön, belassen wir es bei einem ‚Quitt'. Ich habe wirklich keine Lust, mich schon wieder in aller Öffentlichkeit mit dir zu streiten."

Dave war einverstanden. "Von mir aus", gab er zurück. "Aber warte mal kurz." Er kramte in seiner Tasche herum und förderte schließlich ein paar beige Sachen zutage. "Hier." Er warf sie Kim über den Kopf. "Irgendjemand hat mir Sportklamotten für das Judo nachher eingepackt, doch ich trage eh immer meinen Trainingsanzug. Schäl dich aus diesen dunklen Sonnenmagneten raus - bevor du auf dem Uniparkplatz Feuer fängst."

Kim raffte Shirt und Hose von seinem Körper und betrachte verdutzt die fremden Sachen. "Ja... aber ich..." David legte ihm den Finger auf die Lippen. "Ein ‚Nein' wird nicht akzeptiert, klar?" Als Kim zögernd nickte, schien er zufrieden zu sein. "Ach so, und noch etwas..." Er grub seine Hand in Kims Hemd und zog diesen damit leicht zu sich heran.
"Das ist mein absolutes Lieblingsshirt - wenn du es kaputt machst, strangulier ich dich mit seinen Überresten." Dann setzte er ihn wieder ab. "Nichts für ungut." Zum Schluss nahm er seine Tasche und ließ Kim allein im Gang zurück.

Der blickte ihm ziemlich verstört hinterher. Was bedeutete das nun wieder? Hatte David ihm gerade geholfen? Seine Worte waren eindeutig eine Drohung gewesen, die Geste allerdings freundlich. Sollte Kim nun die ausgesprochene Warnung ernst nehmen und das Zeug am besten gar nicht erst anziehen, um keinen Mordfall zu riskieren - oder durfte er es als ‚Zeichen guten Willens' nehmen, dass David ihn aus der Klemme holte? Er war sich nicht ganz sicher.

Was lief überhaupt neuerdings zwischen ihnen ab?

Dieser verdammte Kincaid hatte schon wieder etwas Nettes getan! Obwohl - war es wirklich nett, anderen Leuten seinen Willen aufzuzwingen und sie dann auch noch zu bedrohen? Trotzdem: Er hatte Kim vermutlich seine Sachen gegeben, weil diesem deutlich anzusehen gewesen sein musste, dass ihm fürchterlich heiß war in den dunklen Klamotten, die er trug. Hatte Dave das Shirt und die Hose tatsächlich nicht selbst eingepackt? Oder war das nur eine Ausrede gewesen, um sie beide nicht zu sehr in Verlegenheit zu bringen?

Kim wusste es nicht.

In diesem Augenblick war ihm das überraschender Weise aber auch völlig egal. Was zählte, war, dass er sich nun endlich aus seiner vollkommen unangemessenen Kleidung pellen konnte, und der Gedanke hatte etwas durchaus Positives. Also stiefelte er mitsamt seiner neuen Garderobe in einen der Bautrakte und zog sich dort in einer ruhigen Ecke um.

Davids Sachen waren ihm ein bisschen groß. Aber man hatte sie aus leichtem Baumwollstoff gewebt und gerade erst gewaschen, denn sie rochen äußerst angenehm. Das Gefühl des luftigen, hellen Stoffs auf seiner Haut war weitaus schöner als die dicke Kleidung, die er vorher getragen hatte, und er musste zugeben, dass er Kincaid dafür dankbar war. Er schämte sich auch nicht mehr vor den anderen Studenten. Im Gegenteil: Plötzlich fühlte er sich wieder wohl.

Er sah an sich herab.

"Sein Lieblingsshirt..."

Kim musste an das Lächeln denken, als der junge Mann sich für die Rückgabe des Portemonnaies bedankt hatte. Vielleicht waren seine harten Worte von zuvor gar nicht so böse gemeint gewesen? David gab sich immer ein bisschen abweisend. Wer ahnte schon, was hinter diesem unbeteiligten Gesicht wirklich vor sich ging? Aber immerhin hatte der Dunkelhaarige heute zwei Pluspunkte bei Kim ergattern können, die dieser - trotz seiner weiterhin bestehenden Rachepläne - nicht einfach unter den Tisch fallen lassen würde. Das nahm er sich fest vor.

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Donnerstag, 1. Woche

- Ich bringe ihn um! - 

Das war Kims erster Gedanke an diesem Donnerstagmorgen, nachdem das Mädchen vor ihm diese absolut bescheuerte und völlig widersinnige Frage an ihn gerichtet hatte. Noch immer starrte er vollkommen fassungslos in das schüchterne, etwas rundliche Gesicht, auf ihre braunen Locken und das gelbe Sommerkleid. Hatte er sich verhört? War das etwa ihr Ernst?

"Wir... uns nahe stehen?", wiederholte er ungläubig und wäre beinahe zusammengebrochen, während die Studentin langsam nickte. Wenn es das war, was dieser Widerling über sich und ihn verbreiten ließ, dann würde er ihn eigenhändig am nächsten Baum aufknüpfen!

"Ja", antwortete sie. "Das ist zumindest das, was man mir gesagt hat."

Kim taumelte zur Seite. Er verspürte irgendwie das dringende Bedürfnis, sich auf der Stelle hinzusetzen. "Ich glaub das einfach nicht!" Er stöhnte unterdrückt und fuhr sich durch die blonde Mähne. "Wer hat dir denn den Quatsch erzählt?"

Das Mädchen blickte auf. "Dann stimmt es also nicht?"

"Nein, um Gottes Willen! Ich kann den Typen nicht mal ausstehen!"

Die junge Frau wirkte enttäuscht. "Oh", machte sie und senkte ihren Blick. "Verstehe..."

Kim rieb sich nachdenklich am Hinterkopf. "Wie kommst du überhaupt darauf?" 
"Ach!" Sie wedelte abwertend mit der Hand. "Eine Freundin von mir hat das so erzählt. Sie sagte, ihr wärt neulich zusammen an den Wasserbecken gesehen worden, und gestern hättest du sein Shirt angehabt - da dachte sie wohl, ihr wärt so was wie Kumpels."

"Sein Shirt?", fragte Kim überrascht. "Hat sie das echt erkannt?"

"Na klar!" Die Studentin legte ihren Finger an die Stirn. "Ich meine, an mir wärst du auch mal kurz damit vorbei gerannt. Dieses T-Shirt trägt er wirklich häufig, deshalb haben es viele Leute schon an ihm gesehen. Er muss es ziemlich gern haben." Sie errötete leicht. "Na ja, und dich dann eben auch, dachten wir..."

"Mich?!" Hier jagte ein Schock den nächsten! "Nie im Leben!"

"Ja, aber..." Das Mädchen pustete sich aufgeregt eine ihrer Strähnen aus der Stirn. "Wir haben halt geglaubt, dass er es nur einem guten Freund geben würde und so kam dieses dumme Missverständnis auf. Ich hatte wirklich keine komischen Absichten. Kannst du mir nicht trotzdem einen Gefallen tun?"

Kim ahnte, dass er sich besser gar nicht erst danach erkundigt hätte, trotzdem hörte er sich selbst nachhaken: "Was denn für einen Gefallen?" Sie holte ein großes, in farbiges Geschenkpapier eingewickeltes Paket aus ihrer Tasche und drückte es dem verblüfften Jungen in die Hand. "Das ist für den Geburtstag nächste Woche." Ihre Wangen färbten sich erneut in einem zarten Rot. "Würdest du ihm das bitte von mir geben?"

"Was??"

"Es ist ein Brief mit darin eingepackt, du musst also gar nichts näher erklären", beschwichtigte sie ihn. "Das Papier habe ich selbst gestaltet und ich hoffe, dass ich das richtige Präsent auswählen konnte. Bitte!" Sie sah ihn eindringlich an. "Ich selbst traue mich einfach nicht."

Kim senkte die Augen und starrte sekundenlang auf das erstklassig verpackte Geschenk. Das teure Papier war mit weißen Lilien bemalt worden, das gesamte Paket hatte sie mit einem schimmernden, blauen Band umwickelt. Eine kleine ‚Happy Birthday'-Karte baumelte an einem Silberfaden von der Oberseite herab, und unter der Hülle entdeckte er die Umrisse des besagten Briefumschlages. Er schluckte leicht.

"Geburtstag...?"

Die junge Frau nickte. "Ja, am 15. - ich bin schon so aufgeregt. Bestimmt gibt es eine große Party." Sie umarmte ihn kurz und schnappte sich ihre sieben Sachen. "Danke, dass du das für mich erledigen willst. Ist wirklich nett von dir." Sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu. "Ich werde dich bei meinen Freundinnen weiterempfehlen. Bis später!" Winkend verschwand sie in die Universität.

Kim blinzelte ihr verdattert nach. Danke? Weiterempfehlen? Aber er hatte doch noch gar nicht zugesagt!

"Bah, Weiber...", murmelte er und betrachtete erneut das aufwendige Geschenk. Was sollte er denn jetzt mit diesem dämlichen Ding anstellen? Ihm blieb wohl keine große Wahl, als es tatsächlich bei David Kincaid abzuliefern. Seine Miene verfinsterte sich. Ausgerechnet! Wenn es wenigstens jemand anderes gewesen wäre. Doch sobald es um diesen Typen ging, verließ ihn offenbar sein Glück.

In den beiden Freistunden während der fünften und sechsten Stunde wanderte Kim die Unigänge entlang und überlegte, wie er am besten das Paket abgab, ohne zu viel Aufsehen dabei zu erregen. Das Geschenk war ziemlich groß. Es reichte fast von seiner Bauchdecke bis zum Brustkorb, und er trug es mit wachsendem Unbehagen vor sich her, da einige der anderen Studenten ihm bereits äußerst seltsame Blicke zuwarfen. Das verflixte Blumenmuster ließ sie offenbar auf falsche Gedanken kommen, und der Blondschopf fluchte innerlich, warum er sich bloß zu diesem Schwachsinn hatte breitschlagen lassen.

Zu allem Überfluss konnte er David Kincaid nicht finden, und nach 20 Minuten vergeblicher Suche war er drauf und dran, das blöde Päckchen in irgendeiner Tonne zu versenken und dem Kerl einen Zettel auf den Tisch zu kleben, dass er es ja später selbst dort abholen könne. 

Mit einem resignierten Seufzer ließ sich Kim auf eine Bank sinken. "Mann, das nervt", grollte er. Wie sollte er so jemals dieses olle Teil loswerden? Der Mann konnte praktisch überall sein. Vielleicht war er mit ein paar Freunden etwas essen gefahren und hielt sich gerade gar nicht in der Uni auf? Dann rannte Kim hier ganz umsonst wie ein Wilder durch die Gegend. 

Plötzlich hatte der Junge eine Idee. 

Kim erhob sich wieder und lief durch die Hallen hinüber zum C-Gebäude, wo sich die Laboratorien und Kühlräume befanden. Dort bog er in das Treppenhaus ab und stieg die unzähligen Stufen hinauf, welche seines Wissens vom fünften Stock aus auf das Dach führten. Von dort oben hätte er nicht nur einen guten Ausblick auf das gesamte Universitätsgelände, er konnte auch gleich prüfen, ob Davids Motorrad noch auf dem Parkplatz stand. Denn wenn dies nicht der Fall war, brauchte er sich gar nicht länger abzuhetzen.

Er hatte Glück: Die Tür war nicht verschlossen, und er gelangte ohne Probleme nach draußen. Vorsichtig, damit ihn vom Hof aus niemand sah, pirschte er sich ans Geländer heran und spähte nach unten. Die Grünflächen waren annähernd leer. Nicht sehr viele Studenten kamen um diese Zeit in den Genuss von Freistunden, und die wenigen aus seinem eigenen Kurs schienen das Gelände größtenteils verlassen zu haben. Er wandte den Kopf und schaute hinüber zu den Stellplätzen für die Kraftfahrräder. Daves Maschine war noch da. Wenn er sich ebenfalls vom Acker gemacht hatte, war er auf alle Fälle zu Fuß gegangen.

"Hey, Postbote!", hörte er da plötzlich eine Stimme hinter sich und zuckte erschrocken zusammen. "Falls du jemanden suchst, solltest du's mal in der Mensa probieren. Da gibt es heute Käsefritten zum Menü. Die Schlange an der Ausgabe reicht schon bis auf den Flur, und wir haben noch nicht einmal Mittagspause..."

Kim drehte sich um und starrte ungläubig in Daves ausdrucksloses Gesicht. "Was tust du denn hier oben?", fragte er und trottete zu ihm hinüber. Der junge Mann hatte sich etwas abseits der Tür an die Wand gelehnt und war so Kims Blicken entgangen, als dieser das Dach betreten hatte. Jetzt hob er kurz die Schultern und richtete sich wieder auf. 

"Na, was wohl?", gab er schlicht zurück. "Ich genieße die Ruhe." Er verzog seine Mundwinkel. "Obwohl das offensichtlich selbst an diesem Ort nicht geht."

Kim schob seine Augenbrauen zusammen. "Oh, sorry", machte er mit einer übertrieben entschuldigenden Geste. "Tut mir echt Leid, wenn ich deine Einsamkeit gestört hab." David sah ihn an. Dann zuckte er wieder mit den Achseln. "Ist schon gut."

- Ist schon gut?! - Der Blonde traute seinen Ohren nicht. Verärgert ballte er die Fäuste. Hatte dieser Idiot eben nicht mitbekommen, dass sein Satz nur ironisch gemeint gewesen war oder besaß er tatsächlich die Dreistigkeit, ihm trotzdem so ‚großzügig zu vergeben'? Was für ein arroganter Mistkerl!

"Mann-oh-Mann, dieses Ding schleppst du schon den ganzen Morgen mit dir herum." Dave zeigte auf das Päckchen in Kims Händen. "Durch das aufwendige Blumenmuster hat es einen zarten, femininen Touch. Aber seltsamerweise passt das total gut zu dir, findest du nicht?"

"Was?" Kim funkelte ihn wütend an. "Mach dich bloß nicht schon wieder lustig über mich!"

"Tue ich nicht." David strich sich eine seiner dunklen Strähnen aus der Stirn. "By the way: Meinst du nicht auch, dass du damit vielleicht ein bisschen komisch aussiehst? Irgendwie so... weibisch."

"Das weiß ich selbst!", rief Kim. Er hasste es, dass der Andere ihn ständig in Verlegenheit brachte. Dennoch konnte er nichts dagegen tun, als sich seine Wangen in tiefes Rot zu färben begannen. "Na ja, egal."
Sein Gegenüber vergrub die Hände in den Hosentaschen. "Gibt es jemand älteren hier, dem du es schenken willst? 'Nem Mädchen aus dem nächsten Semester? Ich könnte es für dich abliefern. Immerhin bist du noch neu."

Der Blondschopf blinzelte leicht. "Wie? Äh, nein", antwortete er schließlich. Er runzelte die Stirn. "Warum plötzlich so hilfsbereit?" David grinste unterdrückt. "Hast du's noch nicht gehört? Ich bin ein netter Kerl." 

"Pöh..." Kim setzte eine Grimasse auf. "Aber nur, wenn keiner hinguckt." Er drückte ihm das Paket in die Hand. "Hier. Irgendwie musst du es dir ja verdient haben. Ich weiß zwar nicht, warum ich das tue, aber nimm es und sei dankbar."

"Huh?" 

David Kincaid zog stockend seine Finger aus den Taschen. "Für... mich?" Verblüfft starrte er das Geschenk an. Kim tat es ihm gleich. Allerdings blickte er nicht auf das große Päckchen dabei, sondern in Daves total überraschtes Gesicht. Er hatte nicht erwartet, dass der junge Mann dermaßen erstaunt reagieren würde. Laut den anderen Studenten war er relativ beliebt. Er musste es doch gewohnt sein, an seinem Ehrentag Präsente zu bekommen? 

Trotzdem schaute er die Verpackung an, als käme sie von einem fremden Stern. Er sah so niedlich verwirrt aus, dass es Kim glatt die Sprach verschlug. Fast hatte er den Eindruck, als ob Dave nicht wusste, ob er seine Freude über dieses unerwartete Geschenk zeigen sollte oder nicht. Er hatte noch nie einen solchen Gesichtsausdruck an ihm wahrgenommen. So natürlich... kein Vergleich zu seiner sonstigen, unterkühlten Mimik.

"Umm..." Kim bemühte sich, seine Fassung wieder zu erlangen. "Beantworte das bald und sei freundlich, okay? Da ist noch ein Brief mit drin, unter dem Papier." David neigte seinen Kopf zur Seite. "Ein Brief? Wohl ein schüchterner Charakter, was?"

Kim kratzte sich am Ohr. "Frag mich nicht. Lies ihn einfach und du wirst es sehen. Ich bin nur..." 
"Schon klar", meinte Dave. "Ich soll also schlicht den Brief lesen und anschließend etwas Vernünftiges zurück schreiben. Richtig?" Der Blonde nickte. "G-ganz genau." Er fühlte sich auf einmal komisch. Irgendwie kam es ihm allmählich so vor, als wäre es sein Präsent, das David Kincaid da in Händen hielt, und nicht das einer älteren Studentin.

Er stutzte. Moment mal - sein Präsent?

"Oh! Nein, warte!" Er wedelte hastig mit den Armen. "D-das ist nicht von mir. Komm bloß nicht auf falsche Gedanken! Ich wurde lediglich darum gebeten, dir das hier für den Geburtstag nächste Woche zu geben. Irgendein brünettes Mädchen hat mich heute Morgen darauf angesprochen und es mir einfach so aufs Auge gedrückt, also..." Er brach beschämt ab. Wieso war er denn jetzt so nervös?

David rieb sich nachdenklich das Kinn. "Ach so", murmelte er. "Ich verstehe." Dann runzelte er seine Stirn. "Ein brünettes Mädchen?" Kim nickte. "Ja. Mit hellbraunen Augen und einem gelben Sommerkleid. Hey!" Er stolperte nach hinten, als Dave ihm das Paket wieder in die Arme warf. "Was soll denn das?"

"Tut mir Leid, aber das kann ich nicht annehmen."

Kim starrte ihn ungläubig an. "Wie bitte? Warum denn nicht?" Dave bedachte ihn mit einem missbilligenden Blick. "Weil man solche Dinge lieber selbst überbringen sollte als sie irgendeinem Boten aufzuzwingen." Kim stemmte empört eine Hand in die Hüfte. "Sie ist nun mal zu schüchtern dazu", rief er. "Begreifst du das nicht? Wieso kannst du es nicht einfach einstecken und dich damit zufrieden geben?"

"Nein." 

Kim lief rot an vor Wut ob dieser prompten Abfuhr. "Sie muss lernen, sich selbst zu überwinden, wenn sie das Herz eines Menschen für sich gewinnen will." David schüttelte den Kopf. "Eigentlich hatte ich gedacht, dass du bereits alt genug bist, um das ebenso zu sehen. Wer dem Anderen erst dann ‚Ich liebe dich' sagen kann, wenn er hundertprozentig sicher ist, dass dieser seine Gefühle auch erwidert, der denkt nicht zuerst an seinen Angebeteten, sondern vor allem an den eigenen Ruf." 

Er wandte sich zur Tür. "Daran, jemanden zu mögen, ist nichts blamabel", meinte er, und sein Unterton dabei war seltsam. "Man braucht sich also nicht deswegen zu genieren." Er schaute Kim mit ernstem Gesicht in die grünen Augen. "Es muss einem auch dann nicht peinlich sein, wenn dieser Jemand nicht genauso empfindet wie man selbst. Jeder Mensch, der von einem zweiten geliebt wird, darf - und sollte! - stolz darauf sein. Merk dir das." Anschließend drückte er die Klinke hinunter und verschwand in das dunkle Treppenhaus.

Der Blondschopf blieb wie immer allein zurück. Mit offenem Mund starrte er ihm hinterher. 

"Was... zum...?" Erneut ballte er die Fäuste. - Was zum Henker war denn das gerade, verdammt noch eins? -, dachte er und trat verärgert mit dem Fuß gegen das harte Sicherungsgeländer. Dieser arrogante Blödmann! Weigerte sich erst, das schöne Geschenk anzunehmen und hielt ihm dann auch noch eine Standpauke, wie man mit Empfindungen für andere Menschen umgehen sollte. Idiot!

Eine Weile lief Kim vor Aufregung auf dem ganzen Dach hin und her. Schließlich setzte er sich an den Platz, wo David Kincaid bis eben noch gestanden hatte, und blinzelte grummelnd in den Sommerhimmel. 

Toll. Jetzt hockte er hier wieder mit dem blöden Geschenk. Was sollte er denn jetzt nur damit machen? Er konnte dem Mädchen doch nicht sagen, dass ihr aufwendiges Paket so niederschmetternd abgelehnt worden war. Andererseits: Was blieb ihm schon für eine Wahl? Einfach wegwerfen durfte er es auch nicht. Das hätte er sowieso nicht über sich gebracht. So kaltherzig wie dieser Riesenaffe war er nämlich nicht!

Er seufzte tief und fuhr sich durch das weiche Haar. Aber angenehm würde das Ganze auch nicht gerade werden, darauf konnte er sich wohl verlassen...

Daves Worte schwirrten ihm noch einmal durch den Kopf, und Kim legte selbigen leicht schräg, um in Ruhe darüber nachzudenken. Eigentlich - so ungern er das auch gestand - hatte der Mann ja Recht. Eine Liebeserklärung war wirklich etwas sehr Persönliches, und sie kam am besten an, wenn man sie auch selber überbrachte. Trotzdem verstand er ziemlich gut, dass sich das bei diesem Typen niemand traute. David guckte immer so kalt, so abweisend und distanziert, und er ließ niemanden richtig an sich heran. Da war es doch kein Wunder, dass seine Verehrerinnen lieber Briefe schrieben, als sich die saftige Abfuhr gleich selbst zu holen. 

Schließlich hatten sie es hier nicht mit einem Haufen Masochistinnen zu tun.

Trotzdem: Kim musste ehrlich zugeben, dass er jetzt im Nachhinein von Daves Ansicht diesbezüglich überrascht war. Obwohl er seine Worte mal wieder in einen äußerst harschen Ton gekleidet hatte, ließ seine Meinung doch eine ganze Menge Einfühlungsvermögen erkennen. Eine Charaktereigenschaft, die er dem Dunkelhaarigen gar nicht zugetraut hätte. Seine Art, das Päckchen zurückzuweisen, deutete allerdings auf ein Herz hin, das man vermutlich mit jeder verschrumpelten Kartoffel verwechseln konnte - klein, schwarz und irgendwie runzlig.

Kim wurde aus diesem Typen nicht schlau, egal, wie viel Mühe er sich gab. Und gerade jetzt hatte er überhaupt keine Lust, sich um David Kincaid Gedanken zu machen. Er war wieder einmal gnadenlos abgeblitzt - was ihm nebenbei bemerkt allmählich gegen den Strich zu gehen begann - und zu allem Überfluss trug er noch immer das Geschenk unter dem Arm, welches er nun auch noch seiner Absenderin zurückbringen musste. Eine extrem unangenehme Situation. Man konnte nicht gerade von einer Glückswoche bei ihm sprechen. 

Dennoch stemmte Kim sich schließlich hoch und klopfte den blassen Staub von seiner Hose. Immerhin begann er langsam, ein wenig mehr von seinem Erzfeind kennen zu lernen. Das hatte doch irgendwie auch etwas Nützliches, nicht wahr? Obwohl... diesen verwirrt-angetanen Blick, welcher Davids erste Reaktion auf das Präsent gewesen war, hätte er aus irgendeinem Grund am liebsten wieder aus seinem Gedächtnis gestrichen. 

Doch das klappte nicht. Das Bild jenes Gesichtsausdruckes war bereits fest in seiner Erinnerung verankert.

~~o0@0o~~

Montag, 2. Woche

Kim hatte es geahnt. Es musste ja eine Katastrophe geben, wenn er einem hübschen Mädchen statt von Erfolg zu berichten nur das selbst gemachte Geschenk zurückreichen konnte, weil es von dem Mann ihrer Träume brutal abgelehnt worden war. Noch vor der Annahme verweigert. Für unwürdig befunden. Quasi verstoßen! Was für ein grausiges Gefühl. Welch niederschmetternde Erkenntnis, dem geliebten Menschen so wenig zu bedeuten. Er hatte richtig Mitleid mit der armen Frau - auch wenn ihm noch immer jeder Hinweis fehlte, wie die Studentin überhaupt hieß.

In dieser Situation konnte er nicht mehr tun, als auf ihre zitternden, an den Körper gepressten Hände zu starren und zu hoffen, dass sie sich nicht jeden Moment in Tränen auflöste, denn im Trösten war er ganz miserabel. Sie hatte regelrecht fassungslos gewirkt, als er ihr von seinem Treffen mit David Kincaid berichtet hatte. Fast schon geschockt. Nun waren ihre schmalen Schultern nach unten gesackt und ihr Blick gesenkt.

"Das... hat er also gesagt?", fragte die junge Frau. Ihre Stimme bebte. Kim nickte zögernd. "Ja", murmelte er. "Tut mir wirklich Leid..."

Er zuckte erschrocken zusammen, als sie urplötzlich in schallendes Gelächter ausbrach. Entsetzt beobachtete er, wie sie ihre dicken Locken über die Schulter warf, den Kopf in den Nacken legte und so laut los prustete, dass alle Leute in der näheren Umgebung sich prompt nach ihnen umdrehten. 

"Wa-was ist denn jetzt los?", stammelte er verdattert und wich einen Schritt zurück, so als wäre sie eine Verrückte. Zugeben: Sicher, dass dies nicht stimmte, konnte er kaum sein. Dafür kannte er das Mädchen zu wenig.

Sie schüttelte ihren Schopf und machte eine abwehrende Handbewegung. Offenbar befand sie sich nicht in der Lage, überhaupt mit ihm zu sprechen, so sehr musste sie lachen. Eine geraume Zeit lang vermochte sie gar nicht mehr damit aufzuhören. Dann beruhigte sie sich schließlich etwas und schien sich wieder halbwegs unter Kontrolle zu haben.

"Aahhh..." Sie keuchte unterdrückt und hielt sich ihren flachen Bauch. "Mir tut das ganze Zwerchfell weh." Die junge Frau richtete sich auf und schaute ihm ins Gesicht. "Das ist echt der Hammer", erklärte sie. "Einfach typisch Dave." Sie nahm ihm das schöne Päckchen aus der Hand und lächelte ein wenig belustigt. "Ich hatte mir schon gedacht, dass er es nicht annimmt, aber ich wollte mir keine Standpauke anhören müssen. Tut mir Leid, dass du das jetzt abbekommen hast. ‚Der eigene Ruf' - unglaublich..." 

Kim verstand noch immer nicht, was hier eigentlich vor sich ging. "Standpauke?", japste er. "Weswegen denn?" Sie schaute ihn an. "Na, für meine Feigheit, es Thomas nicht selbst zu geben." Jetzt hatte sie ihn endgültig verwirrt. "Thomas?", hakte er blauäugig nach. Wer war denn das nun wieder?

Das Mädchen hob vorbeugend ihre Linke und bedeutete ihm, sich neben sie auf eine Bank zu setzen. "Also jetzt mal von vorne", meinte sie. "Mein Name ist Silke. Ich bin aus demselben Jahrgang wie David und..." Sie errötete leicht. "Schon ewig in einen seiner besten Freunde verschossen." 

- Der Typ hat Freunde? - überlegte Kim zweifelnd, behielt seine Gedanken jedoch abermals für sich. "Thomas", mutmaßte er, und die Frau nickte zustimmend. "Ja, genau. Er ist ein unheimlich netter Kerl und wahnsinnig humorvoll. Ich mochte ihn schon von unserem ersten Treffen an, aber ich hatte nie das Gefühl, besonders interessant für ihn zu sein." Sie zuckte ein wenig gleichgültig mit den Schultern. "Eigentlich war ich bereits über ihn hinweg, aber da hat er mit seiner Freundin Schluss gemacht und ich sah eine neue Chance für mich gekommen."

Sie betrachtete das Präsent in ihrem Schoß. "Ich habe mir sehr viel Mühe hiermit gegeben und war zu aufgeregt, um es ihm mal eben in die Hand zu drücken. Wenn ich daran denke, dass er es vielleicht wie David einfach ablehnt, wird mir richtig schwindelig." Erneut schüttelte sie ihren Kopf. "Trotzdem hat Dave völlig Recht: Es - über dich! - ihm zu geben, damit er es wiederum an Thomas weiterreicht und ich nicht mit ansehen muss, ob er es gleich in die Tonne pfeffert oder sich darüber freut, ist wirklich nicht richtig. Eine Absage erhalte ich dann sowieso."

"Das glaube ich gar nicht mal", sagte Kim gedehnt und kratzte sich am Ohr. Nun war es an Silke, ihn erstaunt anzublicken. "Ach ja? Wieso nicht?", wollte sie wissen. Kim raufte sich entnervt die Haare. Das durfte doch alles nicht wahr sein!

"David kennt dich, oder?" 

"Ähm, ja..." 

"ARGH!"

Sie erschrak. "Was ist denn?"

Er drehte sich zu ihr um. "Ich dachte, Kincaid wäre derjenige mit der Party am 15. - deshalb hat es mich so auf die Palme gebracht, dass er das Paket nicht haben wollte. Aber das stimmt überhaupt nicht. Als ich ihm sagte, es sei für den Geburtstag nächste Woche, muss ihm bewusst geworden sein, dass es nur für seinen Freund bestimmt sein konnte." Allmählich wurde ihm alles klar. "Er hat nach dir gefragt", murmelte er, als er die Zusammenhänge mehr und mehr zu verstehen begann. "Ich sagte ihm, du wärest brünett und hättest ein gelbes Sommerkleid getragen. Da hat er mir das Päckchen sofort zurück in die Arme geworfen."

Sie schaute ihn verständnislos an. "Na und?", fragte sie. Dann jedoch ging ihr ein Licht auf. "Ah, jetzt kapiere ich!", rief sie. "Er ahnte wahrscheinlich, dass ich es gewesen bin, die dir das Paket gegeben hatte - Silke. Und er wusste auch, dass das Präsent an Thomas gehen sollte." Sie runzelte die Stirn. "Ja aber... warum wollte Dave dann...?" 

"Dass du Thomas dein Geschenk selber gibst?", beendete Kim den Satz. Er seufzte resigniert. "Vermutlich, weil der dich ebenfalls mag - und David das weiß." Er hob seine Schultern. "Vielleicht hat er sogar deshalb mit seiner bisherigen Freundin Schluss gemacht. Oh Mann..." Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. "Ich hab mich schon wieder wie der letzte Idiot benommen!"

"Hurra!" Silke fiel Kim um den Hals. Dieser verzog die Mundwinkel. "Nur nicht zu viel Mitgefühl...", spottete er. Sie schüttelte ihr langes Haar. "Das ist ja wunderbar! Ich muss sofort los und meiner besten Freundin davon erzählen." Sie schnappte sich ihre Tasche. "Danke", meinte sie und lächelte aufrichtig. "Du hast mir wirklich sehr geholfen. Wie heißt du überhaupt?"

"Kim", antwortete er einfach und stand schließlich auf. "Kim Degner." Sie nickte. "Ich werd's mir merken." Dann wandte sie sich ab und lief über den Rasen in Richtung Hauptgebäude.

~~o0@0o~~

Dienstag, 2. Woche

Am Nachmittag bummelte Kim durch die Universitätsflure und grübelte dabei über die Szene von besagtem Donnerstag. Dieses unerfreuliche Gespräch auf dem Dach des C-Gebäudes schwirrte ihm schon seit Stunden im Schädel herum. Eigentlich hätte er sich ein bisschen beeilen müssen, denn er sollte für die nächsten Unterrichtseinheiten schon mal das Studienmaterial aus der Hausbibliothek holen. Doch er ließ sich Zeit. 

Die letzten Tage gefielen ihm nicht. Ständig geriet er an David Kincaid, und immer begannen sie sich zu streiten. Diese Tatsache allein vermochte ihm noch keine schlechte Laune zu bereiten, doch was ihn wurmte war, dass diese kleinen Auseinandersetzungen meist auf Missverständnissen aufbauten - so welchen, wie er sie neulich mit dem Präsent erlebt hatte.

Es stimmte: Nie war davon die Rede gewesen, dass das Geschenk für David selbst bestimmt sein sollte. Trotzdem hatte Kim dies nun einmal angenommen, und unter diesem Gesichtspunkt fand er sein Verhalten vom Donnerstag durchaus gerechtfertigt. Die Reaktion des Dunkelhaarigen wäre so betrachtet eben ziemlich unfair und rücksichtslos gewesen, und keineswegs ein Zeichen großen Einfühlungsvermögens. 

Auf der anderen Seite aber hatte Dave vermutlich geglaubt, dass Kim von Thomas wusste, und dementsprechend sauer darauf reagiert, als Vermittler zwischen ihm und Silke eingeplant worden zu sein. Noch dazu mit Kims Bemerkung, er solle sich ‚dankbar' dafür zeigen. Aufgrund dieser Umstände mussten seine Worte wie Hohn geklungen haben, und es tat dem Blondschopf ein bisschen Leid, dass er das gesagt hatte. Aber nun war es auch nicht mehr zu ändern, und er würde sich nicht dafür entschuldigen.

Trotzdem: Kim bekam allmählich Zweifel, ob ihre ganze bisherige Beziehung zueinander nicht ebenfalls nur auf einem riesengroßen Missverständnis beruhte. Es war nicht das erste Mal, dass ihm Davids scheinbare Unwissenheit bezüglich seines Bruders durch den Kopf ging, und genau wie schon zuvor fragte er sich, ob der Mann ihm wirklich etwas vorspielte - oder tatsächlich keine Ahnung hatte. Was er bisher von ihm wusste, reichte schlichtweg noch nicht aus, um sich ein klares Bild davon zu machen, wie es in David Kincaid de facto nun aussah.

War er so ein Mistkerl, wie Kim es gern glauben wollte? Oder musste er seinen ganzen, über Monate aufgebauten Hass auf ihn herunterschlucken und noch einmal ganz neu an die Sache herangehen? Diese Möglichkeit beunruhigte ihn.

Er schob den Gedanken vorerst beiseite und betrat die Bibliothek. Ein leicht muffiger, abgestandener Geruch schlug ihm entgegen, und seine Augen brauchten ein paar Sekunden, um sich an das vorherrschende Halbdunkel des Raumes zu gewöhnen. Er kramte nach der Bücherliste in seiner Hosentasche und machte sich auf die Suche. Die Gänge waren eng, und im hereinfallenden Sonnenlicht konnte Kim überall den Staub erkennen, den er mit seinen Schuhen hoch wirbelte. Schon für das erste Buch brauchte er fünf Minuten, um es überhaupt zu finden. Er blickte an dem hohen Regal hinauf und verzog seine Mundwinkel. 

- Na toll: Gut versteckt und selbstverständlich in der obersten Reihe untergebracht... - 

Er hob die Hand und versuchte, den dicken Einband zu erreichen. Da er nicht heran kam, stützte er sich auf einem der unteren Bretter ab und stemmte sich daran nach oben, doch auch das brachte ihn nicht signifikant weiter. Mit aller Macht streckte er seinen Arm, so weit, dass er meinte, sich gleich die Schulter auszukugeln: Vergeblich.

Kim sackte zu Boden und atmete schwer. 

"Verflucht noch mal!" Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. - Ich kann es nicht erreichen. -

So langsam kochte die Wut in ihm hoch. "Shit! Warum passiert das immer mir?" Er schaute sich zwischen den Fluren um. "Und wo ist überhaupt Nadine?! Immerhin sollte sie mir beim Tragen helfen!" Sein Blick fiel wieder auf die endlose Liste in seiner Rechten. "All diese Bücher... wie soll ich die allein zurück zum Kurs bekommen? Auch noch die schweren, gebundenen Ausgaben..." Sein Mut sank. Und die Trittleiter war nirgends zu sehen.

Er seufzte tief. - Oh Mann, das ist einfach großartig! - 

Na schön, beschloss er, dann musste er sich eben anders helfen. Kim erhob sich wieder und klemmte sich das Papierstück zwischen die Lippen. Anschließend setzte er den linken Fuß auf eines der Regalbretter und griff mit seiner Hand nach einer Schiene etwa 40 Zentimeter über ihm. Als er sich gewiss war, dass er sie fest gepackt hatte, zog er die andere Hand nach und reckte sich in die Höhe, um weiter hinauf zu klettern.

"Welches willst du?"

Kim zuckte erschrocken zusammen. Er hatte nicht damit gerechnet, so plötzlich eine Stimme zu hören, und für den Bruchteil einer Sekunde brachte sie ihn aus dem Konzept. Er rutschte mit den Fingerkuppen vom Regalboden ab, verharrte einen Wimpernschlag lang in der Luft und kippte dann entsetzt keuchend nach hinten. Im nächsten Moment landete er mit einem lauten ‚Ploff' auf etwas Warmen, Weichem.

"Ouch!" David Kincaid schob seinen Arm beiseite und rieb sich die Rippen. "Was treibst du denn da, du Idiot?"

Kim rutschte hastig von seiner Hüfte herunter und starrte ihn entgeistert an. Er war direkt auf seinen Erzfeind gestürzt - das hatte ihm gerade noch gefehlt! Noch immer spürte er dessen harte Bauchmuskeln unter seinem Körper. "D-dasselbe könnte ich dich fragen", stammelte er und rappelte sich auf die Beine. Er war total rot im Gesicht. Wie peinlich!

Dave erhob sich grummelnd und strich sein zerknittertes T-Shirt glatt. "Ich beobachte die erste Regalbesteigung der Welt", spottete er und stemmte eine Hand in die Hüfte. "Was hast du dir nur dabei gedacht? Fast wäre die Uni durch dich mit einer Schlagzeile in die Zeitung gekommen: ‚Student bricht sich auf Bücherberg den Hals.'" Kim ballte seine Finger zur Faust. "Danke, dass du mir geholfen hast", murrte er widerwillig und senkte den Blick. David verschränkte seine Arme vor der Brust. "Gern geschehen."

Er richtete seine Augen auf die Bücherreihen. "Also - welches darf es sein?"

"Huh?" Kim sah ihn verständnislos an. "Die Nachschlagewerke", erklärte Dave. "Du wolltest eines davon haben, oder? Sag mir den Titel und ich hole es für dich."

Kim schluckte kurz und drehte sich dann um, etwas beschämt seine Notizen dabei aufhebend. "Das geht dich gar nichts an... aua!" Er fuhr erneut zusammen, als der Dunkelhaarige ihm eine Kopfnuss gab. "Du solltest doch jetzt kapiert haben, dass es mit deiner Größe nichts wird", meinte der junge Mann leicht genervt. "Und die Trittleiter ist kaputt." Er nahm Kim den gefalteten Zettel aus der Hand. "Das ist besser als Klettern, oder? Also sag einfach ‚Danke' und halt deinen Schnabel, zum Kuckuck."

Er ging nacheinander die Beschreibungen durch und zog die entsprechenden Bücher dazu aus dem Regal. Sofern Kim eine Hand frei hatte, reichte er sie ihm direkt, ansonsten legte er sie an die Seite, damit der Blonde sie in Ruhe stapeln konnte. Missbilligend reckte er sich nach dem nächsten Titel. "Herrgott noch mal: Du bist wirklich stur."

Kim sah etwas zögernd zu ihm auf. "Umm... kann ich dich mal etwas fragen?" David wandte den Kopf und schaute ihn an. "Warum bist du heute so nett zu mir?"

Der Dunkelhaarige blinzelte leicht. Er ließ seinen Arm sinken. "Na ja", gab er zurück. "Die sind für den Unterricht heute Nachmittag, oder? Es würde sicher Ärger geben, wenn du sie nicht rechtzeitig zu Stundenbeginn mitbringst." Kim nickte stockend. "Ja schon, aber..."

"Ich hatte keine Wahl." Dave hielt ihm das letzte Buch hin. "Ich entdecke einen Gartenzwerg, der Probleme dabei hat, die Nachschlagewerke zu erreichen. Wie es aussieht, ist er ganz allein in der Bibliothek und die Trittleiter hat man gestern erst zur Reparatur gegeben." Er lehnte sich an das Regal zu seiner Rechten. "Natürlich musste ich helfen. Was für eine bescheuerte Frage."

"Ja, aber", begann Kim erneut und nahm ihm den dicken Lesestoff aus den Fingern. "Du hättest mich doch auch einfach ignorieren können?" David blickte ihn erstaunt an. Dann schnaubte er verächtlich. "Hey", machte er. "Nur weil du mich für einen Widerling hältst, muss ich mich noch lange nicht wie einer verhalten." Er wandte sein Gesicht ab. "Außerdem würde der ganze Kurs darunter leiden, wenn das Referenzmaterial nicht da ist."

Kim nickte wieder. Verwundert starrte er auf sein bisheriges Hassobjekt Nummer Eins. Diese Mimik... David fühlte sich offensichtlich ziemlich unwohl in seiner Haut. Kam ihm das nur so vor, oder machte es dem Anderen etwas aus, dass er ohne es zu wollen nett zu ihm sein musste? Er war immer so furchtbar ernst, was solche Dinge betraf. Vielleicht irrte Kim sich ja, doch in diesem Moment hatte er das Gefühl, dass eher Dave derjenige von ihnen beiden war, der den eigentlichen Dickschädel besaß.

Egal, was der Grund für Kims Misere hätte sein können - wäre David wirklich ein Ekel gewesen, hätte er ihn schlichtweg nicht beachtet und wäre einfach wieder gegangen. Doch er hatte ihm geholfen, sogar gleich zwei Mal hintereinander. Und nun wusste er allem Anschein nach nicht richtig damit umzugehen.

Kim war sprachlos.

Jetzt, wo er so darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass er dieses Mienenspiel schon einmal an seinem Gegenüber beobachtet hatte. Und zwar, als er zu ihm gekommen war, um ihm das Geschenk von Silke zu geben. Genau wie in diesem Augenblick hatten sich Davids wahre Gefühle auf seinem Gesicht gezeigt - und er schien Probleme damit zu haben, dass er sie nicht länger vor Kim verbergen konnte; dass er nicht mehr der undurchschaubare, abweisende Typ war, den man sonst als David Kincaid kannte.

Er fragte sich, was diese Reaktion wohl auslösen mochte. 

Sein Herzschlag setzte einen Wimpernschlag lang aus. War... er der Grund?

- Nein, das kann unmöglich sein. - 

Verstohlen musterte er den jungen Mann von der Seite. Andererseits... wieso nicht? Diese Überlegung hatte etwas gar nicht mal so Abwegiges. Wahrscheinlich lag er vollkommen falsch, wahrscheinlich verrannte er sich gerade in eine total bescheuerte Idee, aber... Vielleicht hatte David diese Gefühle gezeigt, weil er glaubte, das Geschenk wäre von Kim gewesen? Wenn das stimmte, verachtete er ihn vermutlich nicht halbso sehr, wie der Blonde bisher immer angenommen hatte. War seine ganze abweisende Haltung am Ende nur Farce?

Selbst wenn Kim das nur zu gerne gewusst hätte: Sein Gegenüber würde ihm kaum eine zufrieden stellende Antwort darauf geben.

"Soll ich dir beim Tragen helfen?"

Kim klimperte mit den Augenlidern. "Wie bitte?" David deutete durch eine Kopfbewegung auf den Bücherstapel. "Das sind ziemlich viele. Ich glaube kaum, dass du die alleine schleppen kannst. Wenn du willst, nehme ich dir ein paar ab."

"Huh? Im Ernst?"

Der Dunkelhaarige grinste spöttisch. "Klar", antwortete er ironisch. "Wenn du dich vor mir verbeugst und mich lieb darum bittest." Er schnappte sich den Großteil der Lektüre und ging damit in Richtung Ausgang. "Na los, die Stunde fängt gleich an." Kim hob die restlichen Nachschlagewerke auf und folgte ihm langsam. Er fragte sich, was David Kincaid von ihm denken mochte. Dann schüttelte er seinen blonden Schopf. 

Im Endeffekt machte das überhaupt keinen Unterschied.

~~o0@0o~~

Freitag, 2. Woche

Kim hockte auf einer Bank am Rand des Spielplatzes und beobachtete gelangweilt seinen kleinen Bruder dabei, wie dieser laut in die Hände klatschend durch den Sandkasten peste. Er jagte eine grüne Heuschrecke oder etwas Ähnliches, und das arme Insekt tat Kim allmählich richtig Leid, auch wenn er wusste, dass Florian ihm kein einziges Härchen krümmen würde. Doch das Ziel eines Vierjährigen zu sein, der zuhause einfach nichts mehr mit sich anfangen konnte und deshalb Verwandten und kleinen Krabbeltieren auf den Nerv fallen musste, war sicher nicht erstrebenswert.

Kim seufzte leise und lehnte sich an die hölzernen Latten in seinem Rücken. Was für ein ausgesprochen uninteressanter Tag. Die Sonne stand bereits tief am Himmel und würde schon bald hinter der Silhouette der Stadt verschwinden, und da es bereits nach 19:00 Uhr war, konnte er wohl kaum noch damit rechnen, dass irgendetwas Aufregendes passierte. Er wusste gar nicht, wieso, aber die letzten drei Tage hatte er als furchtbar öde im Gedächtnis.

Ob es daran lag, dass David Kincaid nicht in die Universität gekommen war? Am liebsten hätte er das ausgeschlossen, aber es ließ sich nun mal nicht bestreiten, dass ihm der Unterricht einfach mehr Spaß machte, wenn er nebenbei jemanden zum Ärgern hatte. Offenbar war er bereits zu sehr daran gewöhnt - was ihn nicht davon abhalten würde, es weiterhin zu tun.

Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte abwesend in den rot gefärbten Sommerhimmel. Wer hätte gedacht, dass er seinen Erzrivalen jemals ernsthaft vermissen würde? Das Leben an der Uni war schlichtweg farblos ohne ihn. Außerdem hatte Kim festgestellt, dass es ihm irgendwie fehlte, seinen jungen Tutor weiter zu studieren. Mit der Zeit war allem Anschein nach eine gewisse Art von Grundinteresse für David in ihm aufgekeimt, und auch wenn ihm das nicht unbedingt gefiel, musste er sich dem wohl oder übel fügen. 

Er fand es seltsamerweise äußerst interessant, die vielen verschiedenen Seiten dieses Mannes zu ergründen, von dem er eigentlich angenommen hatte, dass er nur eine einzige, durchweg schlechte besaß. Dass dem nicht so war, hatte er inzwischen als gegeben hingenommen, aber schlauer war er dadurch auch nicht aus ihm geworden. Es gab noch so viele Ungereimtheiten, so viele Zweifel und Fragen, und Kim brannte regelrecht darauf, sie für sich zu klären. 

Warum, war ihm allerdings ein Rätsel.

Vielleicht, weil er sich nicht wie Stefan bereitwillig dem blinden Hass hingeben konnte, ohne dabei nach links und rechts zu sehen? Wann immer der Ältere so wie in den letzten Tagen ganz besonders nachdenklich und zurückgezogen wirkte, hatte er irgendetwas Dummes vor. Kim hoffte nur, dass er sich nicht selbst in Schwierigkeiten brachte.

"Kimmie..." Sein kleiner Bruder krabbelte nörgelnd zu ihm auf die Parkbank. "Ich hab Durst." Der Blondschopf fuhr ihm durch das weiche Haar. "Okay, Florian", sagte er. "Ich hol uns was zu trinken. Aber du musst schön hier auf mich warten, okay?" Der Junge nickte artig, und Kim erhob sich rasch. Er wusste, dass es in der Nähe einen Kiosk gab. Wenn er Glück hatte, war dieser sogar noch geöffnet. Er beschloss, es schnell mal zu versuchen.

Kim bog gerade zu dem Zeitpunkt in die entsprechende Straße ein, an dem David Kincaid den kleinen Spielplatz betrat. Eigentlich war das gar nicht seine Route. Er hatte Medikamente aus der Apotheke geholt und wollte die Parkanlage nur als Abkürzung benutzen, um schneller wieder zuhause zu sein. Wirklich weit kam er jedoch nicht. Er nahm überrascht seinen linken Kopfhörer aus dem Ohr, als sich eine kleine, gnubbelige Kinderhand in sein rechtes Hosenbein grub und es unbarmherzig festhielt.

"Was zum...?"

Er sah an sich herab und entdeckte einen kleinen Knirps von vielleicht drei/vier Jahren, mit heller Wuschelmähne und azurblauen Augen, der neugierig zu ihm herauf starrte. Beim Anblick seiner halb verrutschten Hosenträger, seiner schmutzigen Knie und des mit Erdbeereis beklecksten T-Shirts musste David schmunzeln, obwohl er eigentlich nicht besonders auf Kids stand.

"Was hast du in der Tüte?", fragte der Junge und reckte sich, um möglicherweise einen Blick auf den Inhalt zu erhaschen. "Tabletten", antwortete Dave und ging in die Knie, damit der Kleine seine Neugier befriedigen konnte. "Wow", machte dieser ehrfürchtig. "So viele Drops." Er schaute David bittend an. "Kann ich auch einen haben?" Der Mann steckte die Plastikverpackung hastig in seine Tasche. "Nein, um Gottes Willen!" Seine neue Bekanntschaft ließ die Schultern hängen, und er raufte sich entnervt die Haare. "Das sind keine Drops! Glaub mir, Kleiner, die Medikamente da drin würden dir garantiert nicht schmecken. Sie sind grauenvoll, ehrlich. Ich spreche aus eigener Erfahrung."

"Grauenvoll", wiederholte der Junge langsam und neigte dabei das Gesicht zur Seite. "Tolles Wort!"

David runzelte die Stirn. "Was machst du überhaupt hier ganz allein auf dem Spielplatz? Noch dazu um diese Uhrzeit." Der Blondschopf schüttelte den Kopf. "Ich bin nicht allein." Dave schaute sich suchend um. "Aber ich sehe deine Mutter nirgends", murmelte er und rieb sich zweifelnd das Kinn. "Die ist auch nicht da", erklärte der Kleine und zeigte den langen Sandweg hinunter. "Mein Bruder holt etwas zu trinken für mich. Ich soll brav sein und solange auf ihn warten." Er zupfte an Davids Jeans. "Spielst du mit mir?"

Dave verdrehte die Augen. Er hatte befürchtet, dass diese Frage kommen würde, wenn er sich nicht schleunigst aus dem Staub machte. Er schob dem Knirps die Träger seiner Latzhose zurück über die Arme und schnippte mit den Fingerspitzen gegen seine Stirn. "Hör mal, Kurzer - ich hab's ein bisschen eilig. Dein Bruder ist doch sicher gleich wieder zurück. Kannst du nicht währenddessen irgendwas im Sandkasten bauen?"

"Das ist langweilig", murrte der Junge und rieb sich schmollend am Kopf. "Außerdem bin ich nicht kurz. Und auch nicht klein und nicht süß und schon gar kein niedlicher Hosenmatz." David hob beschwichtigend die Hände. "Okay, okay, ist ja schon gut." Er zog eine Grimmasse. Was war denn das für einer? Irgendwie erinnerte er ihn an jemand anderen blonden, den er kannte - obwohl der definitiv ‚klein' war. Klein genug jedenfalls, um erst eine halbe Bergtour unternehmen zu müssen, bevor er ein Buch aus dem obersten Regal der Bibliothek nehmen konnte.

Er seufzte tief. "Also schön", lenkte er ein. "Was willst du spielen?" Er glaubte einfach nicht, dass er das tatsächlich machen wollte. Wenn Nathan ihn so entdeckte, konnte er sich für den Rest seines Lebens anhören, dass er sich von einem Vierjährigen hatte breit labern lassen. Mann, er hasste Kids!

"Doktor", krähte der Junge sofort und Dave verschluckte sich an seinem Kaugummi. Er hustete unterdrückt und musste sich selbst gegen den Brustkorb klopfen, bevor er wieder zum Atmen in der Lage war. "Kommt nicht in Frage", keuchte er. "Dafür bist du definitiv noch viel zu jung!" Der Kleine blickte ihn verständnislos an. "Na, dann spiel du doch den Doktor", schlug er vor und konnte gar nicht begreifen, dass David sich so heftig dagegen wehrte. "Meinst du, ich habe Lust auf einen Flirt mit der Sittenpolizei?", knurrte er. "Nein, nein, nein - ich nehme dich auf meine Schultern, okay? Das muss aber auch reichen."

"Au ja!" Der Dreikäsehoch strecke ihm ungeduldig die Arme entgegen und juchzte vergnügt, als David ihn über seinen Kopf hinweg hob. Von dort oben konnte er den ganzen Spielplatz überblicken. "So, und nun ist gut."

Der Junge grub seine Finger in Daves schwarzes Haar und zappelte begeistert mit den Füßen. "Höher", rief er. "Ich will noch höher!" David seufzte gequält. "Oh nein, bitte sag es nicht..." "Ich will Flugzeug spielen!" Der junge Mann stöhnte unterdrückt. "Ich hatte es geahnt."

~~o0@0o~~

Als Kim vom Kiosk zurückkam, war das erste, was ihm auffiel, vergnügtes Kinderlachen, welches vom Spielplatz zu ihm herüberschallte. Er kannte die dazugehörige Stimme, und während er näher kam, vermochte er seinen Bruder auch immer besser zu sehen. Doch er konnte nicht glauben, wer da noch in seinem Blickfeld auftauchte, in eine dunkle Jeans und ein lässiges Sweatshirt gekleidet und mit neuen, weißen Turnschuhen an den Füßen: David Kincaid. Und er spielte mit Florian Flugzeug! Vor Fassungslosigkeit fiel ihm glatt eine der Getränketüten runter. Mit einem lauten ‚Plotsch' traf sie den Boden und vergoss auf der Stelle ihren Inhalt über den Sand, seines Zeichens bis vor kurzem fruchtfleischloser Orangensaft.

Seine beiden Gegenüber hielten in ihrem Treiben inne und blickten zu ihm herüber. "Das ist jetzt aber deine Tüte", erklärte Florian und streckte die Hand nach der zweiten Packung aus. "Ich will lieber die da." David grinste unterdrückt und setzte den Kleinen vorsichtig ab. Der lief sofort zu seinem Bruder und schnappte ihm den Tetrapack weg, um sich eilig mit seiner Beute davon zu machen. Kim schaute ihm etwas verdattert hinterher.

Dave hob unterdessen den Walkman auf, welchen er vor dem Toben mit dem Knirps auf die Parkbank gelegt hatte, und wandte sich zum Gehen. Kim hielt ihn reflexartig am Arm fest. "Äh, warte noch", bat er und senkte ein wenig verlegen die Augen. Der Sweatstoff fühlte sich weich an, die Muskeln darunter waren allerdings hart. Trainierte der junge Mann so häufig für sein Judo? Gar nicht mal so ein unangenehmes Gefühl...

"Umm..." Kim errötete leicht. "Danke, dass du mit meinem Bruder gespielt hast, solange ich nicht bei ihm war", murmelte er. David schenkte dem Vierjährigen einen kurzen Seitenblick. Gierig leerte dieser seine Getränketüte. Er zuckte die Schultern. "Kein Problem." Schweigend betrachtete er des Blonden Hand. Noch immer hatte der Jüngere die Finger in sein Shirt vergraben. 

Dave runzelte die Stirn. "Stimmt irgendwas nicht?", fragte er. Der Student sah ein wenig verwirrt zu ihm hoch. "Nein, alles okay. Warum? - Oh!" Er zog hastig seinen Arm zurück, als er bemerkte, was Davids Aufmerksamkeit erregt hatte. "Tut mir leid."

Sein Gesprächspartner stemmte die linke Faust in seine Hüfte. "Du musst dich nicht entschuldigen." Er legte seinen Kopf schief. "Was, ist es dir unangenehm, dass ich mit deinem Bruder gespielt hab? Ich wusste nicht, dass er zu dir gehört." Kim schüttelte heftig seinen hellen Schopf. "Nein, nein, das ist es nicht", beteuerte er. "Ich war nur so... überrascht." Er rieb sich verlegen den Nacken. Wenn er dem Anderen jetzt sagte, dass er das schlichtweg nicht von ihm erwartet hätte, würde er dadurch nur wieder einen Streit vom Zaun brechen. Aus
irgendeinem Grunde wollte er das heute nicht. David hatte ihn schon einmal gewarnt, dass er ihn nicht immer wie ein Ekel hinstellen sollte. Doch was konnte Kim schon dagegen machen? Es hatte sich einfach so eingeprägt, selbst wenn er inzwischen zuzugeben bereit war, dass es nicht unbedingt der Wahrheit entsprach.

Verziehen hatte er ihm deshalb allerdings noch lange nicht.

Er räusperte sich umständlich. "Was tust du überhaupt hier?"

Der Dunkelhaarige lehnte sich mit der Hüfte gegen die schmale Bank und verschränkte seine Arme vor der Brust. "Eigentlich war ich gerade auf dem Weg nach Hause", erklärte er. "Aber dann hat mich die kleine Nervkröte da erwischt." Er kratzte sich am Ohr. "Er wollte wissen, was ich in der Tüte habe und hat mich dann gefragt, ob ich mit ihm Spielen könne." Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Kehle. "Wollte überhaupt nicht mehr locker lassen. Ist er immer so aufdringlich?"

Kim verkniff sich das Lachen und nickte zustimmend. "Ja, er weiß genau, was er will. Und er duldet keine Kompromisse." Etwas zögernd setzte er sich neben David auf die Bank. "Ich glaube, er mag dich."

Dave schaute ihn wortlos von der Seite an. Schließlich wandte er den Blick nach vorn. "Wenigstens einer von euch beiden."

Kim starrte schweigend auf seine Schuhe. Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Offenbar war er nicht der Einzige, der sich über den jungen Mann Gedanken machte. Auch David schien von Zeit zu Zeit über ihn nachzugrübeln, und das irritierte Kim. Überlegte er vielleicht, warum der Blonde so wütend seinetwegen war? Es interessierte ihn also doch...

"Wieso bist du die letzten Tage nicht in die Uni gekommen?", wollte Kim wissen und brach so die erdrückende Stille zwischen ihnen. Diese kühle Ruhe, welche der Andere in solchen Situationen auszustrahlen pflegte, war ihm unangenehm. "Ich habe mich bei meiner Mutter angesteckt und musste das Bett hüten." Dave verstaute seinen Walkman in der Bauchtasche seines Sweatshirts und legte sich die Ohrstöpsel locker um den Hals. "Wie immer hat es mich natürlich härter erwischt als sie." Er verzog seine Mundwinkel. "Während meine Eltern schon wieder am Rumschmusen waren, hatte ich so um die 40 Grad Fieber. Du kannst dir vorstellen, dass ich damit keinen Bock aufs Studium verspürte."

Er dehnte gähnend seine Armmuskulatur. "Na ja", machte er. "Aber die Tutorstunde morgen wird trotzdem nicht ausfallen. Also keine falschen Hoffnungen, klar?" Kim nickte langsam. Zu seinem eigenen Erstaunen hatte er noch gar nicht daran gedacht, am nächsten Tag seine persönliche ‚Nachhilfe' nicht aufzusuchen. Obwohl es im Grunde nahe lag, dass David krank war, wenn er im Unterricht fehlte. Seltsam. Kim hätte an diesem Samstag mit Sicherheit trotzdem bei den Kincaids vor der Tür gestanden. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen.

Er rieb sich etwas befremdet das Kinn. 

"Sag mal", bemerkte Dave in diesem Moment. "Wo ist eigentlich dein Bruder abgeblieben?" Kim schaute überrascht zu ihm herüber. Er ließ seinen Blick über die Fläche des Spielplatzes schweifen, konnte den blonden Jungen jedoch nirgendwo entdecken.

Hastig sprang er auf die Füße. "Shit!" 

Er lief zum Sandkasten hinüber und suchte mit den Augen alle Geräte um sich ab: Rutsche, Kletterseil, das Hängegerüst - nichts. "Florian?", rief er und wartete kurz auf eine Antwort. "Wo bist du?" Er atmete erleichtert auf, als er von irgendwoher ein zaghaftes "Hier!" vernahm. Jetzt musste er nur noch rausbekommen, wo genau ‚hier' war.

David deutete einen der Bäume hinauf. "Ich glaube, ich habe ihn gefunden."

Der Student rannte zu ihm und spähte an dem dicken Stamm nach oben. Ihm blieb fast das Herz stehen. "Florian!" Er raufte sich entsetzt die Haare. "Um Gottes Willen, wie kommst du denn da rauf?" 
"Na durch Klettern", gab der Kleine nicht ohne ein wenig Stolz zurück, auch wenn ihm anzusehen war, dass er sich auf seinem Platz mitten in der Baumkrone ziemlich unwohl fühlte. Er hatte die schmalen Hände um ein paar Zweige geschlungen und traute sich nicht mehr herunter. Es grenzte fast schon an ein Wunder, wie weit er an den Stöcken entlang gekraxelt war. Ängstlich starrte er nun zu den Älteren hinab.

"Warte, ich steige zu dir hoch", meinte Kim, doch Dave ließ das nicht zu. Er drückte ihm seine Sachen in die Hand und griff nach dem ersten Ast. "Hey!" Kim stolperte nach hinten. "Was soll das?"

"Du bleibst hier." David blickte über seine Schulter zu ihm zurück. "Ich habe ein schlechtes Augenmaß", gestand er. "Wenn der Junge fällt, kann ich ihn womöglich nicht auffangen. Deshalb ist es besser, wenn du hier unten die Stellung hältst und ich zu ihm nach oben klettere." Der Blondschopf packte ihn am Bein. "Ja, aber..." Wieder ging sein Blick in das Blätterdach hinauf. "Der Baum ist viel zu schmal für dich! Du bist größer und schwerer als ich - das werden die Zweige nicht durchhalten!" 

"Tja", erwiderte Dave und grinste freudlos. "Das sehen wir, sobald ich es ausprobiert habe."

Er schüttelte die Hand des Anderen ab und begann mit seinem Aufstieg. Kim konnte gar nicht hingucken. Er hörte schon die Sirenen des Krankenwagens, der die Beiden am Ende abtransportieren würde. Was für eine grauenhafte Wendung! Die Langeweile vor ein paar Minuten war ihm irgendwie lieber gewesen.

David zog sich an den robusteren Zweigen herauf und drückte sich dabei so nah wie möglich an den Stamm. Er spürte genau, dass das Astwerk ihn nicht lange tragen würde, doch darauf konnte er keine Rücksicht nehmen. Er musste sich beeilen. Auch wenn der Junge im Moment ganz ruhig saß: Das ganze Ausmaß der Gefahr schien er keineswegs erkannt zu haben. Er fühlte Angst, weil es ihn dermaßen weit nach oben verschlagen hatte, soviel war klar. Aber ahnte er auch, dass er sich alles brechen konnte, wenn er von seinem momentanen Platz aus in die Tiefe stürzte? Wohl kaum.

Als David noch etwa anderthalb Meter von ihm entfernt war, hockte er sich an die Rinde. "Florian", sagte er und schaute den Kleinen eindringlich dabei an. "Du musst ein Stück zu mir herunter kommen. Wenn ich noch höher klettere, bricht der verdammte Ast und dann sitzt du wieder ganz alleine da." Der Blondschopf starrte an ihm vorbei zu seinem Bruder und schüttelte heftig den Kopf. "Nein, ich trau mich nicht."

Dave streckte ihm die Hand entgegen. "Ich helfe dir. Es geht ganz leicht." Er legte seinen freien Arm um den Stamm. Das Holz knarrte unter seinen Füßen. "Kim", rief er und folgte dem Blick des Kurzen nach unten. "Hau ab da! Wenn er jetzt fällt, erwische ich ihn besser als du." Sein Mitstudent wich widerwillig ein paar Schritte zur Seite. "Lässt du ihn abschmieren, Kincaid, dann erwürge ich dich! Judo hin oder her!"

"Ja, ja..." David murrte leise. Dass sich der Bengel immer gleich dazu genötigt sah, ihm etwas anzudrohen. Das nervte! Er konzentrierte sich wieder auf den anderen Blonden und winkte ihn zu sich heran. "Na los, komm schon! In die andere Richtung hast du es doch auch geschafft." Florian leckte sich über die Lippen und nickte kaum merklich. Er rutschte mit seinem kleinen Po wie Dave an den Baum heran und reckte ihm seine Füße entgegen, damit der junge Mann sie fassen konnte. 

Ein dumpfes Knacken erfüllte die Luft. David atmete ein. "Noch ein bisschen", kommandierte er und lehnte sich weiter vor, um dem Kind ein wenig mehr behilflich zu sein. Schließlich erwischte er das rechte Bein des Vierjährigen und zog ihn zu sich herunter und in seine Arme. "Puh, geschafft!"

Im selben Moment brach der Ast. 

Kim schlug sich die Hände vor die Augen, weil er es einfach nicht mit ansehen konnte, wie die Beiden durch das Zweigwerk krachten. Begleitet vom Geräusch brechender Stöcke und splitternden Holzes rauschten sie in die Büsche. Ein dumpfer Aufprall ertönte, gefolgt vom Kreischen hochgescheuchter Vögel, dann wurde alles wieder still. Von überall regneten abgerissene Blätter und Knospen auf sie herab. 

David richtete sich stöhnend auf. Erstaunt stellte er fest, dass der Junge gar nicht weinte. Er machte nur einen etwas verblüfften Eindruck, da er offensichtlich nicht mit einem Absturz gerechnet hatte. Verdattert hockte er auf Davids Schoß und stierte ihn aus großen Augen an. Alles in allem schien er aber in guter Verfassung zu sein. Kim riss ihm seinen Bruder aus dem Arm.

"Du dämlicher Hornochse!", schrie er. "Bist du völlig bescheuert? Ihr hättet beide draufgehen können!" Besorgt tastete er Florians Körper ab. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht, als er plötzlich etwas Warmes, Klebriges an seiner Hand spürte. Er zog die Finger zurück und starrte auf das Blut daran. "Oh, mein Gott", murmelte er leise. "Nein, bitte nicht..."

Er war wie gelähmt. Seine ganze Handfläche wurde bedeckt von roter, zäher Flüssigkeit. Ein großer, dunkler Fleck prangte auf Florians T-Shirt, und der Kleine wirkte ganz blass im Gesicht. Drohte er etwa bereits, das Bewusstsein zu verlieren? So etwas Schreckliches wie damals mit Stefan wollte er nicht noch einmal erleben!

"...im... Kim!" Er schreckte zusammen, als er Davids sehnige Finger spürte, die sich sanft über seine Wangen legten. "Sieh mich an!" Er hob den Blick und starrte in die silbrig grauen Augen. "Es ist mein Blut. Deinem Bruder ist nichts passiert." Die Worte brauchten eine Weile, bevor sie Kims Gehirn erreichten. "Es... ist dein...?", fragte er stockend, und Dave nickte leicht. "Ja, du musst keine Angst haben. Florian hat gar nichts abbekommen." Er fuhr dem Blonden sacht durch das weiche Haar. "Nur keine Panik, okay? Es ist alles in Ordnung."

Kim blinzelte mit den Augenlidern. Er musterte sein Gegenüber verwirrt und erkannte, dass es wirklich Davids Blut war, welches an seinen Händen klebte. Der junge Mann musste sich beim Sturz einen Teil des Unterarms aufgerissen haben, doch die Verletzung mutete im ersten Moment schlimmer an, als sie eigentlich war. Sie blutete nur recht stark. Dave löste die Hände von Kims Gesicht und trennte den rechten Ärmel aus seinem Shirt. "Verdammte Medikamente", fluchte er. "Diese Blutverdünner sind noch mal mein Tod." 

Er grollte leise, und das Geräusch brachte Kim irgendwie zurück in die Realität. Er starrte David ungläubig an. "Du... du hast dich für meinen Bruder verletzt...", flüsterte er. Die Fassungslosigkeit stand ihm auf die Züge geschrieben.

Der Dunkelhaarige warf ihm einen viel sagenden Blick zu. "Ach, tatsächlich?", meinte er spöttisch. "Danke für den Hinweis." Er bemühte sich, mit seiner freien Hand den Arm abzubinden. Der Schnitt brauchte wohl kaum genäht zu werden, doch er hatte keine Wundauflagen oder Verbandmull dabei. Besser, er ging noch mal zurück zur Apotheke. Er stutzte, während Kim ihm das Stück Stoff aus den Fingern nahm. 

"Gib her, ich mach das für dich." 

Noch ehe er widersprechen konnte, begann der Jüngere bereits mit seiner Arbeit. Florian kletterte auf Daves Oberschenkel. "Tut es doll weh?", fragte er und schmiegte seinen Kopf an Davids Brust. Der runzelte etwas irritiert seine Stirn. "Nein", antwortete er. "An dieser Stelle ist man relativ schmerzunempfindlich. Au!" Er zuckte zusammen, als Kim mit einem Ruck die provisorische Bandage festzurrte. "Dort oben allerdings nicht..."

Der Student ging neben ihm in die Knie und hob seinen kleinen Bruder zu sich auf den Arm. Anschließend richtete er sich wieder auf. "Ich werde mit Florian zum Notarzt gehen - nur um sicher zu sein, dass ihm nichts passiert ist." David nickte zustimmend und erhob sich schwankend. Jeder Knochen tat ihm weh. Die blauen Flecke, die er sich heute geholt hatte, reichten wahrscheinlich für den Rest dieses gesamten, verfluchten Jahres aus!

"Mach das", sagte er. "Kann ja nicht schaden." Er erwiderte Kims ernsten Blick. "Was ist? Bist du noch sauer?" Der Blonde schüttelte den Kopf. Irrte er sich, oder hatte der kleine Streithahn rote Wangen? "Äh, nein. Bis morgen!" Kim drehte sich um und rannte den schmalen Sandweg hinunter. David schaute ihm etwas überrumpelt nach. "Ja... bis morgen..." Dann wandte er sich ab und stapfte in Richtung Innenstadt. Hoffentlich lief er keinem aus seiner Familie über den Weg. Die Standpauke, die er sich dann anhören durfte, würde sich auf alle Fälle
gewaschen haben. 

Er schüttelte den Kopf. Kim und seinetwegen rot werden - vor Wut, ja. Aber sicher aus keinem anderen Grund. Verrückt, dass ihm seine Sinne schon nach dem bisschen Blut so seltsame Streiche spielten. Die Entscheidung, abermals die Apotheke aufzusuchen, musste eine gute gewesen sein.

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Als Frau Kincaid am selben Abend gegen 22:00 Uhr zur Tür ging, weil es kurz zuvor dort Sturm geläutet hatte, rechnete sie nicht damit, den Schüler ihres Sohnes draußen anzutreffen. Dennoch war das erste, was sie nach dem Öffnen erblickte, ein Paar tiefgrüner Augen, welche sie aus einem etwas verschwitzten Gesicht inständig ansahen.

"Ich... ich weiß, es ist spät", keuchte Kim und stützte sich an der Tür ab, um nicht gänzlich aus dem Gleichgewicht zu geraten. "Aber ich muss unbedingt mit David reden. Bitte... kann ich reinkommen? Es duldet 
keinen Aufschub." 

Sie hob ihre Brauen und bat ihn hinein. "Na gut", erwiderte sie. "Dann werde ich mal schauen, ob ich ihn irgendwo finden kann." Sie verschwand im Innern des Hauses und ließ ihn eine Weile im Flur allein. Nach etwa fünf Minuten kehrte sie zurück und lächelte freundlich. "Sein Bruder sagt, er würde gerade duschen. Du kannst in seinem Zimmer auf ihn warten." Kim nickte dankbar. "Entschuldigen Sie die Störung."

Die Frau winkte schulterzuckend ab. "Das bin ich von meinen Kindern gewöhnt. Wer zwei Söhne hat, die leidenschaftlich gerne Motocross fahren, der kümmert sich nicht um nächtlichen Lärm." Sie zeigte ihm, wie er zu Davids Unterkunft kam und überließ ihn an der Tür sich selbst. "Nur nicht so schüchtern. Du kannst ruhig reingehen."

Kim nickte und betrat den Raum. Seine erste Reaktion war ein erstauntes Luftschnappen. Was für ein riesiges Zimmer! Wo andere Leute eine ganze Wohnstube drin einrichteten, schien David Kincaid seine Schlafstatt zu haben. Und weil er gerade dabei war: Wofür, zum Henker, brauchte der Kerl ein Doppelbett? Die Einrichtung haute Kim glatt vom Hocker. Ein großer, schwerer Arbeitstisch zierte die Wand gegenüber der Tür und fungierte so als eine Art Raumteiler inmitten zweier Kleiderschränke, welche man dort aufgebaut hatte. Über der weitläufigen Matratze hingen zwei sehr schöne Bilder von einem Mann und einer Frau, die - in Abendgarderobe - an einer Bar standen und sich offen zugewandt waren. 

Ein weicher Teppich umrahmte das Bettgestell und schmiegte sich an Kims Fußsohlen, von der Decke hingen mehrere, unterschiedlich eingefasste Leuchter herab. Ihr Licht war ein bisschen schummrig und verbreitete eine angenehm behagliche Atmosphäre im Raum, sodass man sich sofort wie Zuhause fühlte. 

Kim war schlichtweg verblüfft.

Er wusste vom Hörensagen, dass David einen recht guten Geschmack besitzen sollte, aber dies hier übertraf doch all seine Erwartungen. Im Gegensatz zu seinem eigenen wirkte dieses Zimmer wie der Wohnraum eines Erwachsenen, nicht wie der eines Draufgängers und Motorradfans.

Zögernd ließ er sich auf dem großen Lager nieder. Es war voll gestopft mit blauen Kissen und hatte eine unheimlich samtige Tagesdecke aufliegen. Richtig gemütlich.

Er zuckte leicht zusammen, als er hinter sich die Tür klappen hörte. Zögernd drehte er sich um und blickte in David Kincaids verwirrt dreinschauendes Gesicht. "Kim", sagte dieser und bemühte sich gar nicht, seine Überraschung zu verbergen. "Was machst du denn hier?" Er rieb sich mit seinem Handtuch die Haare trocken.

Kim starrte ihn nur sprachlos an. Es war das erste Mal, dass er einen anderen Mann außerhalb von Badeanstalt und Familie dermaßen leicht bekleidet sah, und er konnte nicht anders, als einen knallroten Kopf zu bekommen. David trug kaum mehr als das knappe Badetuch, welches er sich locker um die Hüfte geschlungen hatte. Es spannte über seinem Po und seinen Oberschenkeln, und Kim wagte gar nicht, genauer hinzuschauen aus Angst, er könne weitere Details erkennen.

Davids bereits gut gebräunte Haut glänzte im Licht der Halogenscheinwerfer, und von seinen Schultern perlte das Wasser ab. Die Muskeln seiner Oberarme waren lang und sehnig und traten bei jeder Handbewegung deutlich hervor, seine flache Bauchdecke hob und senkte sich etwas unregelmäßig. Die Feuchtigkeit im Duschraum musste ihm zu schaffen gemacht haben. Kims Blick fiel auf den frischen Verband an seiner Elle. Offenbar hatte er ihn gerade erst gewechselt.

Der junge Mann setzte sich zu ihm aufs Bett. "Also los, raus damit! Was kann ich für dich tun?"

"Umm..." Kim versuchte krampfhaft, seine Fassung wiederzuerlangen und richtete seine Augen zu diesem Zweck auf etwas Anderes als David Kincaid. "A-also Florian geht's gut." Dave ließ seine Hand sinken und lächelte leicht. "Das freut mich für euch. Ich hab dir doch gesagt, dass er völlig unverletzt geblieben ist." Kim nickte zögernd. Er wusste nicht so recht, wie er es anfangen sollte. Umständlich kramte er in seiner Tasche. 

"Hier", rief er und hielt David einen alten Zeitungsausschnitt unter die Nase. "Kommt dir das irgendwie bekannt vor?" Der Dunkelhaarige beugte sich ein Stück zu ihm herunter und betrachtete kurz den Artikel und das dazugehörige Foto. "Nicht nur irgendwie", gab er schließlich zurück und richtete sich wieder auf. "Das war ein Riesenspektakel damals."

Kim starrte ihn verblüfft an. "Du erinnerst dich an den Unfall?"

David faltete sein Haartrockentuch notdürftig zusammen und warf es über einen Stuhl. "Ja, das kann man wohl sagen. Einige unserer besten Fahrer lagen noch Wochen danach im Krankenhaus."

"Mein Bruder ebenfalls", erwiderte der Blonde und zeigte auf das Bild. "Hier, der dritte von links." Nachdem Dave kurz zustimmend den Kopf geneigt hatte, packte er den Zeitungsausschnitt auf die Tagesdecke. "Er kann nie wieder richtig Rennen fahren..." 

Zu seinem Erstaunen wirkte die Miene des Anderen ob dieser Äußerung betrübt. "Das muss sehr schlimm sein", murmelte David und schüttelte seinen nassen Schopf. "Ich hatte wirklich Glück, dass ich damals nicht mitfahren durfte. Vielleicht hätte es mich sonst auch erwischt - wer weiß?"

Kim blieb der Mund offen stehen. "Du... hast gar nicht teilgenommen?", keuchte er und musste sich am Bettpfosten festhalten, um nicht von der Matratze zu rutschen. Das konnte doch nur ein schlechter Scherz sein? "Nein, ich war verletzt." Sein Gegenüber verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und tippte schließlich auf das Foto. "Da - das bin ich. Siehst du den Gips an meiner rechten Hand? Ich hatte ihn so gut es ging unter dem Lederanzug versteckt." Der Blondschopf riss ihm das Zeitungspapier aus den Fingern und fixierte den kleinen Ausschnitt. Tatsächlich - da lugte eindeutig so etwas wie eine Binde unter seinem Ärmel hervor. 

David lehnte sich unterdessen lässig auf seinen unverletzten Arm.

"Zwei Monate lang habe ich für dieses beschissene Rennen trainiert", beschwerte er sich. "Und kurz, bevor es losgehen sollte, breche ich Trottel mir bei einem Routinecheck das Handgelenk." Er seufzte tief und zuckte seine Schultern. "Ich saß leider nur als Zuschauer bei unseren Teamkollegen, aber als der Crash passierte, sind wir natürlich alle sofort hingeeilt, um so gut es ging zu helfen." Er warf Kim einen kurzen Seitenblick zu. "Was hast du? Wieso guckst du so entsetzt?"

Doch Kim hörte überhaupt nicht zu. Zitternd ließ er den Ausdruck sinken. 

David war nicht mitgefahren! Diese Erkenntnis traf ihn wie ein Hammerschlag. Wer immer es gewesen sein mochte, der da unter seiner Nummer teilgenommen hatte, es handelte sich definitiv nicht um seinen Tutor! Er konnte es kaum fassen. Die ganze Zeit über hatten sie ihre Wut und ihren Hass auf den völlig falschen Menschen projiziert. Das durfte nicht stimmen - das konnte doch einfach nicht wahr sein!

"David!" Er packte den perplexen Mann bei den Händen. "Auf der Stelle: Schwörst du mir, dass du bei diesem Rennen nie gestartet bist?"

"Wie bitte?"

"Schwörst du es?"

Der Dunkelhaarige runzelte ein wenig ärgerlich die Stirn. "Ja, natürlich kann ich dir das schwören. Es entspricht ja den Tatsachen. Aber wozu, in drei Teufels Namen noch mal, soll das gut sein?" 

"Shit..." Kim ließ seine Schultern hängen. "Shit!" Er sackte regelrecht in sich zusammen. Sein ganzer Körper begann zu beben. "Was ist Shit?", fragte David ungeduldig und rüttelte ihn grob am Arm. "Was ist denn
los, verdammt?" Der Blondschopf hob den Kopf. "Ich hab dich völlig umsonst gehasst..." 

Dave zog verwirrt eine Augenbraue in die Höhe. "Umsonst gehasst? Wie meinst du das?"

"Kapierst du's denn nicht?", schrie Kim und sprang auf seine Füße. "Du bist gar nicht Schuld! Du bist nicht derjenige, der meinen Bruder verstümmelt hat! Du hast überhaupt nichts damit zu tun! Ich verabscheue einen Menschen, der absolut nichts dafür kann!" David gab ihm eine Ohrfeige. "Jetzt beruhige dich doch mal!" Aber Kim konnte nicht mehr aufhören. Tränen rannen über sein Gesicht, und er schluchzte so heftig, dass ihm das Atmen schwer fiel. Was war er nur für ein Idiot? Was für ein fürchterlicher, unverbesserlicher Idiot!

Warum hatte er all diese Dinge nicht viel früher überprüft? Sich eine Teilnehmerliste besorgt, die Fotos genauer angesehen oder sonst irgendwas gemacht? Wieso war er so dumm gewesen und hatte sich völlig darauf eingeschossen, dass es David Kincaid gewesen sein musste, der seinem Bruder all das angetan hatte, und niemand anderes? Es war wirklich unverzeihlich, wie inkorrekt und rückgratlos er sich in dieser Sache verhalten hatte!

David wurde es allmählich zu bunt. Er griff nach Kims Handgelenk und zog den verblüfften Studenten mit einem kurzen Ruck in seine Arme. Dort presste er ihn zunächst eine Weile lang einfach nur an sich, damit der Blondschopf sein durcheinander gewirbeltes Gemüt abkühlen konnte. 

"Hey", machte er schließlich und strich dem Jungen vorsichtig über den Rücken. Er hatte immer noch Mühe, ihn festzuhalten, so stark zitterte der Andere. "Nun hör schon auf zu weinen." Er schlang seine Glieder enger um Kims Brustkorb und legte dessen Kopf in seine Halsbeuge. "Ist alles nicht so schlimm..."

"Doch", schluchzte der Blonde. "Es ist schlimm!" Er grub seine Fingernägel in Davids feuchte Haut. Der junge Mann holte hörbar Luft, wehrte sich allerdings nicht. "Ich hab dir total Unrecht getan!" Dave setzte Kim auf seinen Schoß und nahm das verweinte Gesicht in seine Hände. Er wartete, bis der Blonde endlich den Blick hob und ihn zögerlich ansah.

"Kim", sagte er sanft und strich ihm abermals durch das kornfarbene Haar. Die biegsamen Strähnen schmiegen sich weich an seine Finger. "Es ist okay. Wirklich." Er wischte ihm ein paar Tränen von den Seiten und lächelte ermutigend. "Lass dich nicht so gehen. Du hast nicht den geringsten Grund dazu. Alles ist in bester Ordnung."

"Aber, ich..." David legte ihm die Hand über die Lippen. "Du hasst mich doch nicht, oder?" Der Junge starrte ihm verwirrt in die Augen. "Sonst würdest du auf die Erkenntnis, dass ich keiner von den Unglücksfahrern war, nicht dermaßen geschockt reagieren." Kim klimperte ein wenig irritiert mit den Lidern. Er hatte Recht - die Erschütterung war jedenfalls nicht gespielt. "Siehst du?", meinte Dave. "Es gibt also überhaupt kein Problem. Weder verabscheust du mich, noch ich dich. Damit wären wir schon fast auf einem grünen Zweig."

Kim schluckte hart. "Aber... die Uni", begann er. "Deine Tasche... und die Jacke... deine Haare..." David zuckte die Achseln. "Die wollte ich mir sowieso abschneiden lassen. Mach dir darum keine Sorgen." 

Der Blonde schniefte leise. 

"Warum bist du so nett zu mir?", fragte er und suchte in Davids Augen nach der Antwort. Der Dunkelhaarige wandte jedoch sein Antlitz von ihm ab. "Ich weiß es nicht", sagte er schließlich. Er schob den Zeige- und Mittelfinger unter Kims Kieferknochen und hob diesen sacht ein wenig an. "Vielleicht deshalb", raunte er, und im nächsten Moment verschlossen seine Lippen die des Blonden zu einem zarten Kuss.

Kim war dermaßen überrascht, dass er die ersten Sekunden nahezu regungslos verharrte. Vollkommen überrumpelt starrte er in Davids ebenmäßiges Gesicht, und seine Wangen brannten schon längst tiefrot, bevor er überhaupt begriff, was eigentlich geschah. David Kincaid küsste ihn! Allein das war schon absurd, doch noch viel schlimmer schien ihm, dass er das Gefühl auch noch genoss. Die Wärme seines Mundes, die kräftige Hand auf seiner Haut und die nassen Haare, die den Kleineren kaum merklich an der Stirn kitzelten, all das empfand er als durchaus angenehm. 

Erschrocken stieß er den erhitzten Leib von sich weg. Dave hielt ihn nicht auf, als er - sich entsetzt dabei über die Lippen fahrend - einige Schritte vor ihm zurückwich. 

"Was soll das?", schnappte er mit vor Scham glühendem Kopf. "Ist das so 'ne Art billige Rache an mir?" Noch immer spürte er Davids Mund auf seinem. Dieser machte eine ausladende Handbewegung. "Wenn du es so sehen willst", erwiderte er knapp. "Bitte." Er kippte mit einem Schmerzenslaut nach hinten, als ihn Kim Degners Faustschlag am linken Wangenknochen traf.

"Perverser!!"

Der Blonde stürmte zur Tür und riss sie wütend auf. Er fühlte sich wie der letzte Vollidiot. Von solch einem Ekel hatte er sich küssen lassen - er konnte es kaum glauben! Das würde ihm nicht noch einmal passieren! Schon gar nicht, wenn der Typ sich nur einen Spaß daraus machte. Hätte er ihn bloß nicht off guard erwischt!

"Du bist ein Mistkerl, David Kincaid", knurrte er und wischte sich ein zweites Mal über seine Lippen. Es ärgerte ihn, dass sich das Gefühl der Berührung nicht gänzlich darauf auslöschen ließ. "Einen fremden Kerl zu küssen! Einen Mann!" Sein Brustkorb bebte. "Du... du bist genauso ein Freak wie dein Vater!"

Die beiden Männer starrten sich einen Sekundenbruchteil erschrocken an. Dann taumelte der Blondschopf schwankend nach hinten. "Ich..." Er hielt sich am Türrahmen fest. "Oh, David, das... das wollte ich nicht." Fassungslos über sein eigenes Verhalten bedeckte er sein Gesicht mit der Hand. "Tut mir leid!" Anschließend drehte er sich um und rannte die lange Treppe nach unten.

David sah ihm schweigend hinterher. Er hörte, wie die Haustür krachend ins Schloss fiel, und den erstaunten Ausruf seiner Mutter. Doch er selbst blieb regungslos. Ein paar Minuten verstrichen, in denen er einfach nur dasaß und durch das Fenster hinaus in den klaren Nachthimmel blickte. Schlussendlich hob er die Hand an seine langsam schwellende Wange. 

"Ich ein... Freak?", murmelte er leise, und irgendetwas in seiner Brust krümmte sich bei der Erinnerung. Er lächelte schwach. Dann ließ er sich nach hinten fallen und schloss seine Augen.

"Das hat ein bisschen wehgetan, Kim Degner..."

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